StartseiteReihe ITeil 6 – Der Brief an Haaland
Reihe I · Teil 7 von 9
~459 Min. Lesezeit

Teil 6 – Der Brief an Haaland

Lukas schreibt Haaland einen langen, ehrlichen Brief über alles, was sie gemeinsam erlebt haben.

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Vorlesen

Die Geschichte – „Der Brief an Haaland“ Es war ein stiller Nachmittag, an dem Lukas an seinem Schreibtisch saß. Das Licht der späten Sonne fiel schräg durchs Fenster und warf warme Streifen auf das Papier vor ihm. Er hatte lange überlegt, ob er es tun sollte – doch jetzt war der Moment gekommen. In seiner Hand hielt er einen Füller, vor ihm lag ein frischer, weißer Bogen Papier. Er wollte Erling Haaland schreiben. Kein kurzer Gruß, keine schnelle Nachricht – sondern einen richtigen Brief, in dem er all das festhalten würde, was sie gemeinsam erlebt hatten. Er atmete tief ein, setzte den Füller an – und begann. „Lieber Erling, ich habe lange darüber nachgedacht, dir diesen Brief zu schreiben. Wir hatten schon fünf große Treffen, jedes voller Erlebnisse, Freude, aber auch schwieriger Momente. Ich möchte dir alles noch einmal aufschreiben, damit du weißt, wie viel mir diese Zeit bedeutet hat. 1. Treffen – die 30 Tage Ich erinnere mich noch genau, wie du zum ersten Mal nach Mainz gekommen bist. Ich war so nervös, dass ich kaum wusste, wie ich dich begrüßen sollte. Doch dann haben wir einfach angefangen, zusammen Pokémon Go zu spielen. Ich habe dir gezeigt, wie man Arenen einnimmt, Raids macht und wie man gezielt auf Shinys hofft. Du hast es schnell verstanden, und schon am zweiten Tag waren wir wie ein eingespieltes Team. An einem Nachmittag habe ich dir meine Schule gezeigt. Wir sind über den Pausenhof gelaufen, und ich habe dir erzählt, wo früher mein Klassenraum war. Plötzlich kam dieser Mann, den wir beim Jonglieren gefilmt hatten – und er war alles andere als begeistert. Wir sind lachend davongelaufen, bis wir außer Sichtweite waren. Ein anderes Mal hast du mir zum ersten Mal geholfen, eine große Wasserrutsche zu nehmen. Ich hatte immer Angst davor, aber mit dir an meiner Seite bin ich gerutscht – und es war großartig. Natürlich gab es auch schwierige Gespräche. Ich habe dir von meinen falschen Freunden erzählt, die mich im Stich gelassen haben, und vom Gericht, das sich wegen der fehlenden Hilfe vom Arbeitsamt mit meinem Fall beschäftigt hatte. Am Ende wurdest du leider nach Manchester zurückgebracht – und ich habe lange gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, dich nicht mehr um mich zu haben. 2. Treffen – die 90 Tage Unser zweites Treffen war noch größer. 90 Tage voller gemeinsamer Dinge. Wir sind zusammen zu meiner Autismus-Therapie gegangen, und auch zu meiner Ergotherapie. Du hast mich oft motiviert, wenn ich keine Lust hatte – und am Ende war ich immer froh, dass du da warst. Wir haben die Hochschule Mainz besucht, und ich habe dir gezeigt, wo ich Kurse hatte. Dann gab es diese tollen Momente im Stadion: Heimspiele von Mainz 05, die Stimmung, die Gesänge – und danach noch in die Kneipe, um die Spiele vom HSV zu schauen. Wir konnten den Klassenerhalt von Mainz 05 feiern, aber leider nicht den Aufstieg vom HSV. Dann war da dieser Tag am Friedhof, als wir vor der Frau weggelaufen sind, die uns gefilmt hatte, nachdem wir versehentlich einen Brunnen zum Überlaufen gebracht hatten. Wir haben uns in einem Hochhaus eingesperrt und sind später durch einen Garten geflüchtet – wie in einem Film. Schwer wurde es, als ich krank wurde. Die Blasenentzündung hat mich ins Bett gezwungen, und ich brauchte für eine Zeit einen Katheter und sogar einen Rollstuhl. Und dann waren da wieder die falschen Freunde… die mich auf der Bowlingbahn einfach auf die Bahn geschmissen haben. Du warst wütend, aber hast mir geholfen, damit klarzukommen. 3. Treffen – der Zufall in Barcelona Ich hätte nie gedacht, dass wir uns in Barcelona über den Weg laufen würden – und dann auch

noch im Urlaub. Du warst mit deiner Familie dort, und plötzlich standen wir uns gegenüber. Wir haben die Tage zusammen verbracht, sind durch die Stadt gelaufen, haben den Strand genossen und viel geredet. Am Ende hast du mich sogar mit nach Hause gebracht, und ich konnte 25 Tage bei dir bleiben. In dieser Zeit gab es aber auch Streit zu Hause: Mein Vater hat nach einer Handyabholung über zwei Wochen nicht mehr mit mir geredet. Erst am Ende hat er wieder das Wort an mich gerichtet. 4. Treffen – Weihnachten, Rosenmontag und Mainz auf Platz 3 Dieses Treffen war für uns beide besonders. Wir haben Weihnachten zusammen verbracht, den Rosenmontagsumzug angeschaut und jedes Spiel von Mainz 05 verfolgt – sie waren auf Platz 3! Doch es war nicht alles perfekt: In der Weihnachtszeit sprach mein Vater wieder nicht mit meiner Mutter und meiner Ersatzoma. Kurz vor Weihnachten habe ich den Fehler gemacht, zu viel Bier zu trinken – eins normal, eins mit 12 %. Danach ging es mir so schlecht, dass ich fast ins Krankenhaus musste. Du und meine Mama habt euch sehr Sorgen gemacht. Trotzdem haben wir Weihnachten schön gefeiert – Heiligabend mit Fisch, zwischen den Jahren mit Sauerbraten, wie es unsere Familientradition ist. Wir feierten den Geburtstag meiner Mutter und auch den meines Cousins, den ich nicht mochte – aber du hast mich unterstützt, und ich habe es geschafft. Und dann kam Rosenmontag – ein Tag voller Lachen. Kurz vor Ende des Treffens konnte ich dir noch sagen, dass ich meinen VHS-Kurs bestanden habe, obwohl ich oft zu spät gekommen bin. 5. Treffen – das dramatischste von allen Als du kamst, war anfangs alles normal. Ich hatte eine neue Assistenz, und wir planten viele Dinge. Doch dann eskalierte es zu Hause: Mein Vater wurde wieder aggressiv. Er gratulierte mir nicht zum Geburtstag, verbrannte meinen Rollstuhl, den wir von der Uni-Medizin bekommen hatten, und zerstörte meine Konsole sowie andere Sachen. Er entschuldigte sich oft, machte aber trotzdem weiter – bis er sich am Ende wirklich entschuldigte, auch wenn er mir nicht zum Geburtstag gratuliert hatte. Über Kleinanzeigen bestellten wir einen kleinen Rollstuhl, den ich nutzen konnte, wenn ich Lust hatte. Ich wollte mit der Oma Boot fahren, mit euch, meinen Eltern und ihr – aber sie war beleidigt, weil ich ihr nicht jedes Detail gesagt hatte. Seitdem haben wir keinen Kontakt mehr, und ich dachte, niemand mag mich. Dann lud mich mein einziger echter Freund, der im E-Rollstuhl sitzt, zu seinem Geburtstag ein. Doch das war der Beginn einer schlimmen Reihe: Zuerst hatten wir (du und ich) einen Autounfall, dann stürzte ich von einer Slackline und musste operiert werden. Während der Betäubung konfrontierte mich jemand mit meinen schlimmsten Erinnerungen – doch ich konnte sie abwehren. Der Mann kam ins Gefängnis, nahm sich aber mit Chlortabletten das Leben. Die eigentliche Drahtzieherin meldete sich: die alte Dame vom Friedhof und dem Brunnen. Sie wollte mich quälen, dich töten und dir die Kehle eindrücken. Doch am Ende siegte die Gerechtigkeit: Sie bekam lebenslang, die erpresste Mutter sollte eigentlich in die geschlossene Psychiatrie, bekam aber dank mir eine mildere Strafe und durfte bei ihrem Kind bleiben. Dann musstest du gehen, um verdeckt zu bleiben. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Dein Freund, Lukas Lukas legte den Stift beiseite, las den Brief noch einmal durch und faltete ihn sorgfältig. Er steckte ihn in einen Umschlag, schrieb Haalands Adresse darauf und brachte ihn zur Post.

Eine Woche später lag ein Antwortbrief im Briefkasten. Als Lukas den Absender sah, begann sein Herz schneller zu schlagen. Er riss den Umschlag auf – und begann zu lesen… „Lieber Lukas, ich habe deinen Brief bekommen – und ich habe ihn gleich zweimal hintereinander gelesen. Nicht, weil ich den Inhalt nicht verstanden hätte, sondern weil er mich so berührt hat, dass ich mir jedes einzelne Wort genau einprägen wollte. Es ist lange her, dass mir jemand so offen und ehrlich alles geschrieben hat, was er gefühlt und erlebt hat. Ich kann dir sagen: Während ich las, habe ich gelächelt, gelacht, aber auch den Kopf geschüttelt und an manchen Stellen wirklich schlucken müssen. Zu unserem ersten Treffen Ich erinnere mich noch an den Tag, als du mir Pokémon Go beigebracht hast. Ich weiß noch, wie du so ernst erklärt hast, welche Pokémon man fangen sollte und wie Raids funktionieren – und wie stolz du warst, als wir unseren ersten Raid zusammen geschafft haben. Für mich war das mehr als nur ein Spiel. Ich habe in diesen Momenten gesehen, wie sehr du dich für etwas begeistern kannst – und das hat mich mitgerissen. Deine Schule war für mich ein Stück von deiner Welt, und ich habe es geschätzt, dass du sie mir gezeigt hast. Und ja – an den Jongliermann kann ich mich erinnern. Wir sind gelaufen wie zwei Kinder, die gerade Unsinn gemacht haben – und ich habe mich selten so frei gefühlt. Die Wasserrutsche… weißt du, ich habe dir damals angesehen, dass du Angst hattest. Aber du bist trotzdem gerutscht. Das ist Mut, Lukas. Unser zweites Treffen Die 90 Tage waren wie ein eigener kleiner Lebensabschnitt. Du hast mich in deinen Alltag gelassen – zur Autismus-Therapie, zur Ergotherapie. Ich habe gesehen, wie viel Kraft es dich manchmal kostet, diese Dinge zu machen, und trotzdem bist du gegangen. Die Tage im Stadion von Mainz 05 waren unglaublich – die Stimmung, die Fans, die Farben. Und die HSV-Abende in der Kneipe waren fast schon Tradition. Klar, wir haben den Aufstieg damals nicht feiern können, aber das gehört zum Fußball dazu: Höhen und Tiefen. Den Tag am Friedhof werde ich nicht vergessen. Wir beide, rennend, lachend und ein bisschen nervös, und dann dieses Hochhaus, aus dem wir uns wie aus einem Abenteuerfilm befreit haben. Als du krank wurdest, habe ich gemerkt, wie verletzlich du bist – und wie stark zugleich. Auch wenn es schwer war mit Katheter und Rollstuhl, hast du weitergemacht. Dass deine falschen Freunde dich auf die Bowlingbahn geworfen haben, hat mich wütend gemacht – niemand sollte so mit dir umgehen. Unser Barcelona-Zufall Das war einer der verrücktesten Zufälle meines Lebens. Plötzlich standest du da, am Strand, und wir beide konnten es kaum glauben. Es war schön, diese Zeit mit dir zu verbringen – und dich dann sogar mit nach Hause zu nehmen. Ich habe gespürt, wie sehr dich die Situation mit deinem Vater belastet hat. Es war nicht leicht für dich, aber ich habe gesehen, dass du trotzdem offen geblieben bist. Unser viertes Treffen Weihnachten mit dir war besonders. Ich habe gemerkt, wie sehr dir Familientraditionen bedeuten – und dass du sie mit mir geteilt hast, war für mich ein Geschenk. Ja, ich war besorgt, als du zu viel getrunken hattest. Ich wusste, dass es nicht typisch für dich ist, und deshalb habe ich mir umso mehr Sorgen gemacht. Aber ich war froh, dass wir trotzdem noch lachen, essen und feiern konnten.

Der Geburtstag deiner Mutter, der deines Cousins – ich habe gesehen, dass solche sozialen Situationen für dich manchmal anstrengend sind. Aber du hast dich ihnen gestellt, und das war stark. Unser fünftes Treffen Das war das intensivste, da hast du recht. Die Situation mit deinem Vater hat mich oft sprachlos gemacht. Es war hart, mitanzusehen, wie jemand, der dir so nahe steht, dich verletzt – und trotzdem hast du versucht, ihn zu verstehen. Dass er deinen Rollstuhl verbrannt hat, war für mich unbegreiflich. Aber du hast eine Lösung gefunden, indem du dir einen neuen bestellt hast. Der Bruch mit deiner Oma hat dir wehgetan – ich habe das gemerkt. Manchmal trennen sich Wege, auch wenn man es nicht will. Dann dieser Geburtstag deines Freundes… der Autounfall, der Sturz von der Slackline, die Operation – es war, als würde das Leben dich prüfen wollen. Aber du hast diese VRKonfrontation mit deinen schlimmsten Erinnerungen überstanden. Das zeigt mir, wie viel innere Stärke in dir steckt. Die Rückkehr der alten Dame war ein Schock. Ich war bereit, alles zu tun, um dich zu schützen – und dass am Ende die Gerechtigkeit gesiegt hat, macht mich stolz auf dich. Besonders darauf, dass du dich für die Mutter eingesetzt hast, obwohl du allen Grund gehabt hättest, sie fallen zu lassen. Lukas, ich möchte, dass du weißt: Für mich bist du nicht „nur“ ein Freund, den ich ab und zu besuche. Du bist jemand, der mir zeigt, wie man weitermacht, auch wenn es schwer ist. Du bist mutig, oft ohne es zu merken. Ich hoffe genauso wie du, dass wir uns bald wiedersehen. Egal, wie lange es dauert – ich werde den Tag zählen, bis wir wieder zusammen Pokémon fangen, ein Spiel schauen oder einfach nur durch die Stadt laufen. Pass gut auf dich auf, mein Freund. Dein Erling Er hielt den Umschlag immer noch in der linken Hand, als könnte er sonst davonschwimmen, und strich mit dem Daumen über die raue Papierkante, bis seine Haut die Fasern „auswendig“ konnte. Der Flur roch nach Kaffee und nach dem leicht metallischen Duft, der von den Heizkörpern kam. Er setzte sich auf den Teppich, legte den Umschlag neben sich, faltete den Brief so auf, dass die Kanten genau aufeinanderlagen – einmal ausrichten, zweimal, dreimal – und begann zu lesen. Beim ersten Absatz atmete er unbewusst ein wenig lauter ein. Die Buchstaben schoben Erinnerungen an wie Dominosteine: das Display seines Handys, auf dem ein Raid-Timer herunterzählte; sein Finger, der auf den Bildschirm tippte; das kurze, unerwartete Lachen von Erling, als der erste legendäre Fang gelang. Er merkte, wie seine rechte Hand suchte – nach etwas zum Festhalten – und schob sie unter das Sitzkissen, um Druck zu spüren. Das half. Ein kleines, leises Summen setzte ein, irgendwo zwischen Kehle und Brustbein. Nicht nervös, eher geordnet. Gut. Er las weiter. Bei den Zeilen über die Schule blieb sein Blick hängen. Bilder sprangen auf: die Pausenhofplatten mit den Rissen, durch die das Unkraut wuchs, die abgewetzte Türklinke am Nebeneingang, die Kreidepunkte an der Tafel, die nie ganz abgingen. Er fühlte den kalten Luftzug von damals, als sie wegliefen, weil der Mann mit den Jonglierbällen plötzlich zu schnell auf sie zukam. Er musste grinsen; immer noch. Ein kurzes „hm!“ kam aus ihm heraus, so wie ein Tritt aufs Pedal, das Gefühl von Leichtigkeit, von „Wir sind gerade noch davongekommen“. Die Worte über die Wasserrutsche las er zweimal. Er erinnerte sich an das Rattern der Stufen, an das Gummi, das an der Haut klebte, an die Sekunde, in der sein Bauch kribbelte, bevor das

Wasser ihn trug. Er hatte damals geschrien – kein Angstschrei, eher ein Knacken im Brustkorb, das Platz machte. Jetzt legte er die Hand flach auf den Brief, als könnte er dem Papier sagen: „Ja. Genau so war es.“ Als es um die langen 90 Tage ging, verschob er unbewusst sein Gewicht und setzte sich noch aufrechter hin. Therapie. Ergotherapie. Er spürte kurz den Geruch von Desinfektionsmittel in der Nase, hörte das Klicken der Tablettenverpackung in einer Erinnerung, sogar die dicken Kalendereinträge, die er in Blau markiert hatte. Es knackte in seinem Nacken, als er den Kopf neigte; ein angenehmes, ordnendes Knacken. Dass Erling gesehen hatte, wie anstrengend das war – das stand jetzt schwarz auf weiß da. Nicht nur in Lukas’ Kopf. Auf Papier. Außenwelt. Beweis. Sein Herz machte einen schnellen Satz bei den Stadionzeilen. Der Lärm, die roten Schals, die vibrierende Tribüne. Er schmeckte im Mund wieder diese Mischung aus Bratwurst, kalter Luft und etwas Bitterem vom Bier seiner Nachbarn – das er selbst nicht mochte, aber der Geruch klebte an solchen Tagen in allem. Er hörte den Gesang, der in diesen Wellen kam. Er hatte damals Erling beobachtet, wie der kurz mit den Füßen gewippt hatte, fast so, als würde er mit dem Rhythmus mitlaufen, nur im Sitzen. „Hast du wirklich mitgewippt?“, murmelte Lukas, und merkte sofort, dass es egal war, ob die Frage beantwortet würde. Die Antwort stand im Brief: Erling war da gewesen. Bei allem. Die Friedhofsszene ließ ihm einen kalten Strich über den Rücken laufen. Er las die Sätze schneller, als wären sie ein enger, dunkler Gang, den man überquert, um auf den hellen Hof zu kommen. Dann die Flucht durch den Garten, das hohe Atemtempo, die Hände, die über eine rau verputzte Wand tasteten. Er hielt für drei tiefe Atemzüge inne. Eins, zwei, drei. Dann weiter. Bei der Blasenentzündung wurde seine Stirn ein wenig heiß, obwohl der Raum kühl war. Es war wie eine alte Wunde, die noch mal kurz zog, wenn man versehentlich dagegenschlug. Aber Erling hatte darüber geschrieben ohne Mitleidszucker, eher wie jemand, der neben einem sitzt und sagt: „Ich bleib hier.“ Lukas drückte den Brief für den Bruchteil einer Sekunde an die Brust. Ein kleines „klick“ in seinem Kopf: Kategorie „gehört – verstanden“. Beim Barcelona-Teil zwickte etwas in seinen Augen. Dieses helle Licht damals, das Meer, das in regelmäßigen Silberschuppen brach. Der Sand, der in die Schuhe kroch und später im Flur zu Hause als kleine Spur lag. Vor allem aber das andere: die 25 Tage, die warm waren und gleichzeitig schwer, weil zu Hause Kälte herrschte. Als er las, dass Erling das gespürt hatte, ohne dass Lukas alles gesagt hatte, stellte sich die feine Gänsehaut auf seinen Unterarmen ein, die gute Sorte. Das Summen in seiner Brust wurde ein bisschen tiefer und ruhiger. Er legte die Knie näher an den Körper, umschlang sie, und wiegte sich genau zweimal vor und zurück. Passte. Weihnachten. Fisch am Heiligabend, die hitzige Pfanne, das leise Streiten im Hintergrund, das man in jeder Familie kennt, das aber in seiner so oft laut wurde. Erling schrieb von Sorge – und von Lachen. Das war stimmig mit der Erinnerung: zwei Linien, die nebeneinander verliefen, ohne sich zu kreuzen, aber beide echt. Der Sauerbraten zwischen den Jahren roch beim Lesen wieder nach Nelke. Er musste kichern, als die Zeilen über den Geburtstag des Cousins kamen. Damals hatte er gezählt, wie oft sein Cousin „also“ sagt. 37 Mal. Niemand hatte es gemerkt. Er schon. Und Erling hatte gemerkt, wie viel Kraft ihn das kostete – dabeizusein. Eine Handvoll Worte im Brief reichte, und Lukas fühlte sich gesehen, als hätte jemand eine Lampe auf die richtige Stelle gerichtet. Beim fünften Treffen spürte er, wie seine Schultern hart wurden. Er las langsamer, Satz für Satz, als würde er über brüchiges Eis gehen. Der verbrannte Rollstuhl – das Bild flackerte wieder auf, das Zischen, der Geruch. Er presste die Lippen zusammen, legte den Brief auf seine Knie, atmete bis vier ein, bis sechs aus, noch einmal, noch einmal. Dann weiter. Die Entschuldigung, die nicht aufhörte, Entschuldigung zu sein, bis sie irgendwann doch echt wurde. Das passte nicht in eine Zeile, das war ein knubbeliger Knoten, und der Brief versuchte nicht, ihn glatt zu

ziehen. Das war gut. Nichts wurde beschönigt, nichts breitgetreten. Einfach anerkannt: Es war so. Als es um die Oma ging, tat es anders weh. Leise. Wie ein kalter Zug am Ohr, wenn man in einer Tür steht, die nicht richtig schließt. Er ließ die Handkante über die Papierkante laufen – gerade, glatt – und stellte sich vor, wie es sich anfühlen würde, wenn Türen wieder aufgingen. Später vielleicht. Nicht jetzt. Dann der Autounfall, die Slackline, der OP-Saal. Metallisches Licht, die sanfte, aber unbestechliche Stimme einer Anästhesistin, die Zahlen, die im Monitor kletterten, fielen, sich beruhigten. Und diese VR-Hölle, die nicht gewonnen hatte. Er las die Sätze darüber dreimal. Nicht, um sich zu quälen, sondern um sich zu erinnern, dass es vorbei war – und dass das „Vorbei“ nicht nur in seinem Kopf existierte. Es stand da. Außen. Gedruckt von den Händen eines Freundes, der dabeigewesen war. Die Passage über die alte Dame brachte ihm das Zittern in den Fingern zurück. Kurz. Dann floss es ab, weil die nächsten Sätze von Gerechtigkeit sprachen, und davon, dass er selbst jemandem eine mildere Strafe ermöglicht hatte. Er ließ den Kopf gegen die Wand hinter sich sinken. Da war Stolz. Ein neues, ungewohntes Gewicht in der Mitte seiner Brust, angenehm schwer. Er hielt es aus. Er mochte es. Die letzten Absätze fühlten sich an wie ein warmer Schal. Nicht, weil sie alles gut machten – dafür war das Leben zu unordentlich –, sondern weil sie versprachen: „Ich bleibe, soweit es geht.“ Er bemerkte, wie sein innerer Lärm leiser wurde. Die Checkliste in seinem Kopf sortierte sich um: 1) kurz Mama schreiben, dass der Brief da ist; 2) eine Kopie machen, für den Ordner mit Klarsichthüllen (den blauen, nicht den weißen); 3) ein kleines Ritual: eine Pokémon-GoRunde am Rhein, nur eine, danach Tee; 4) später – nicht heute – eine Antwort beginnen, aber erst, wenn die Worte nicht zu schnell laufen. Er stand auf, die Knie noch ein bisschen wackelig von der langen Sitzhaltung, und ging zum Schreibtisch. Er holte die Hülle mit dem Etikett „Mut-Buch“ aus der obersten Schublade. Mit dem Lineal strich er die Faltkante glatt, schob den Brief hinein, ließ die Hülle mit einem weichen „sch“ zuschnappen. Dann griff er zum Handy. Kurze Nachricht an Mama: „Brief da. Gut. Rede später.“ Ein Smiley, der nicht zu fröhlich war. Passte. Im Flur zog er die Jacke an, legte den Schal um – zweimal, nicht dreimal – und steckte das Handy in die linke Tasche. Die Haustür klickte. Draußen war die Luft kühl und klar, als hätte jemand die Stadt frisch gewaschen. Er ging los. Schritte, die auf dem Pflaster ein gleichmäßiges Muster schlugen. Rechts, links, rechts, links. Am Kiosk vorbei, am altbekannten Hydranten, der immer ein wenig schief stand. Als er die Rheinpromenade erreichte, öffnete er die App. Ein Taubsi. Ein vollkommen unbedeutendes Taubsi. Er fing es, nannte es „Beweis“, speicherte es und lächelte. Auf dem Rückweg steckte er die Hände in die Taschen und dachte an die Sätze, die er später aufschreiben wollte. Nicht jetzt. Nicht eilig. Aber sie waren schon da, wie sauber aufgeschobene Stifte am Rand eines Tisches: Danke, dass du mich gesehen hast. Danke, dass du geblieben bist, wo andere gegangen wären. Und: Ja, ich zähle auch. Daheim legte er die Stirn einen Moment an die Wohnungstür, bevor er den Schlüssel drehte. Kein Geräusch von Streit, nur der leise Kühlschrank. Er stellte Wasser für Tee auf, wartete, bis das Gluckern einsetzte, und nahm dann den Brief noch einmal aus der Hülle. Einmal, nur einmal, wollte er die Oberfläche fühlen. Papier. Tinte. Die Welt, die man anfassen konnte. Er legte ihn schließlich neben seinen Füller. Nicht weg. Sichtbar. Wie ein Leuchtpunkt. Später, als der Tee dampfte und die Stadt ein bisschen leiser wurde, nahm er ein neues Blatt. Oben links schrieb er das Datum. Dann ließ er den Stift liegen und faltete nur die Hände um die Tasse. Es war genug, dass die Worte schon da waren und nicht wegliefen. Er musste ihnen nicht hinterherrennen. Sie würden bleiben. Wie der Brief. Wie der Freund. Wie das Gefühl von innen heraus stärker zu stehen als vorher. Lieber Erling,

dein Brief liegt immer noch offen auf meinem Schreibtisch, so wie ein Kompass, der sich nicht beruhigt, bis er nach Norden zeigt. Ich habe ihn seitdem mehrmals berührt, als müsste ich mich vergewissern, dass die Worte nicht verschwinden. Jetzt schreibe ich dir, was in den letzten Tagen passiert ist und was als Nächstes ansteht. Zuerst: Nächste Woche fahre ich in den Urlaub nach Opole – dorthin, wo meine Mutter geboren wurde. Es fühlt sich an wie ein kleiner Kreis, der sich schließt. Wir haben die Route so geplant, dass sie für mich gut machbar ist: Wegen meiner Epilepsie machen wir einen Zwischenstopp in Dresden. Das ist bewusst so gelegt, damit der Anreisetag nicht zu lang wird, ich genug Ruhe habe und wir im Notfall kurze Wege zu einer Klinik hätten. Lustig ist: Einen Tag nach unserer Ankunft findet dort das DFB-Pokal-Spiel Mainz 05 in Dresden (1. Runde) statt. Wenn alles passt – also wenn mein Kopf ruhig bleibt und der Körper mitspielt – möchte ich hingehen. Kein Stress, kein Muss. Nur, wenn es wirklich gut geht. Ich stelle mir vor, wie ich meinen MainzSchal festhalte und dabei auf mich aufpasse, so wie du es mir beigebracht hast: erst atmen, dann entscheiden. Auf dem Rückweg machen wir noch Station in Pilsen. Ich will die Altstadt sehen. Und bevor du fragst: Ich bleibe beim Alkoholfreien. Nach der Aktion zu Weihnachten habe ich mir geschworen, auf meinen Körper aufzupassen. Vielleicht probiere ich Kofola oder ein alkoholfreies Bier, aber alles in ruhig und klein. Ich will am nächsten Morgen wach aufwachen und nicht wieder Dinge bereuen. Zu meinem neuen Studium: Ich bin noch nicht angenommen. In meinem Portal steht die Bewerbung weiterhin als gültig, aber es gibt noch keine finale Entscheidung. Das Warten ist komisch: halb Hoffnung, halb Stillstand. Ich versuche, mich nicht festzufressen und mache Todo-Listen, die ich abhaken kann. Aber ehrlich: Manchmal starre ich einfach auf den Bildschirm und wünsche mir ein „Ja“. Falls es diesmal nicht klappt, will ich trotzdem dranbleiben. Und – ich sage es einfach, wie es ist – ich vermisse dich. Nicht nur für die großen Tage. Für die stillen, in denen man jemandem eine Nachricht schickt, die nichts Besonderes sagt, aber ausreicht, damit es im Kopf heller wird. Familie ist… na ja, Familie. Mein Cousin war wieder fies zu mir. Es war nicht laut, eher dieses Sticheln, das wie Nadelspitzen ist. Er hat dumme Sprüche über mein „ständiges Theater“ gemacht, als ich die Reiseroute mit Pausen erklärt habe. Diesmal habe ich eine Grenze gezogen: „Ich reise so, dass es mir gut geht.“ Ich habe die Küche verlassen, mir auf dem Balkon drei Minuten den Timer gestellt und gewartet, bis der Druck aus den Schultern ging. Ein kleiner Sieg. Nicht dramatisch, aber meins. Meine Tante hat starke Schmerzen. Die Schiene nach der OP reibt, sagt sie, und nachts findet sie kaum Schlaf. Ich war bei ihr, habe eingekauft, die Kissen neu gestapelt und ihr eine Wärmflasche gemacht. Sie hat so getan, als wäre das nichts, aber ich habe gesehen, dass sie dankbar war. Es fühlt sich gut an, etwas tun zu können, das wirklich hilft – kein großes Wort, sondern eine richtige Handlung. Ich würde mir wünschen, dass die Schmerzen bald nachlassen. Und dass Ärzte nicht nur sagen „Das ist normal“, sondern auch „So machen wir es leichter“. Und mein Vater… Es gab wieder einen Ausraster, aber diesmal nur eine Stunde und er hat nichts zerstört. Das ist kein Freifahrtschein, schon klar, aber es ist anders gewesen. Ich habe gemerkt, dass ich schneller auf Abstand gehen konnte: Tür zu, Kopfhörer auf, einmal den Rhein hoch und runter laufen (in Gedanken, nicht draußen), dann zurück, ruhige Stimme. Er hat später leise gesagt: „War blöd.“ Kein großes „Sorry“, aber auch kein Feuer. Das ist nicht die Welt – doch für mich zählt das als kleiner Fortschritt. Ich halte mich an solchen Dingen fest, weil ich sonst nur die alten Bilder sehe. Und ich will neue Bilder. Für die Reise habe ich mir eine Liste gemacht (du würdest lachen, so ordentlich war ich lange nicht mehr): Medikamente doppelt, Notfallausweis, Kopie von den Befunden, Hotel in Dresden mit ruhigem Zimmer, wo das Licht nicht flackert. In Opole will ich mit Mama an den Ort gehen, an dem sie als Kind gespielt hat. Vielleicht mache ich ein Foto von uns beiden –

nicht für Social Media, nur für den Ordner, in dem die guten Dinge landen. Und wenn ich es bis ins Stadion schaffe, schicke ich dir ein Bild vom Rasen (ohne mich drauf, versprochen). Zu Hause war zwischendurch auch Schönes: Ich habe wieder Pokémon Go am Rhein gespielt. Ein unspektakulärer Fang: ein Taubsi. Ich habe es „Beweis“ genannt, weil es mir beweist, dass ich rausgegangen bin, auch wenn ich keine Lust hatte. Ich weiß, dass es albern klingt, aber solche Marker helfen mir, die Tage nicht verschwimmen zu lassen. Vielleicht können wir demnächst mal wieder einen Fern-Raid machen. Irgendwas, das nicht schwer ist – Hauptsache, wir hören einander atmen, auch über Kopfhörer. Und sonst? Ich schreibe wieder morgens drei Zeilen in ein Heft, bevor mein Kopf losrennt. Es sind keine klugen Sätze, eher Wegweiser: „Langsam frühstücken. Beim Bus nicht mittenrein, sondern hinten. Pausen ankündigen.“ Sowas. Es macht die Tage nicht perfekt, aber handlicher. Du hast mal gesagt, mein Mut sieht von außen anders aus, als er sich innen anfühlt. Ich glaube, ich verstehe das besser. Mut ist nicht das Dramatische, sondern oft das Stille: Noch einmal aufstehen, aber diesmal mit Plan. Wenn ich dir all das so aufschreibe, merke ich, wie du mir fehlst. Dein trockenes „passt“ an der richtigen Stelle. Dein Blick, der erst ruhig wird und dann nickt. Dieses „wir gehen jetzt“, wenn ich zu lange auf einer Stelle trete. Ich weiß, dass du nicht einfach auftauchen kannst. Es ist okay. Ich halte den Platz frei: die Bank am Rhein, den Stein vor dem Stadion, die Ecke im Wohnzimmer, wo wir den Spielplan diskutiert haben. Die Dinge bleiben. Ich auch. Sag mir, ob du in den nächsten Wochen irgendwo Luft hast – nicht, um etwas Großes zu planen, sondern um einen Punkt in der Woche zu markieren, an dem wir beide dieselbe Wolke anschauen, auch wenn wir in verschiedenen Städten sind. Ich stelle mir vor, dass das geht. So wie Fern-Raid, nur ohne App. Ich nehme deinen Brief mit nach Opole. Er kommt in die Klarsichthülle ganz vorne – MutBuch, erste Seite. Wenn die Straßen zu schnell werden oder die Lichter zu hell, hole ich ihn raus und erinnere mich: Einer hat’s gelesen. Einer war da. Einer bleibt. Ich melde mich aus Dresden, egal ob vom Hotelbett oder vom Stadionumlauf. Und falls Mainz weiterkommt, verspreche ich, nicht zu laut zu schreien. Nur ein bisschen. Dein Lukas Lieber Lukas, dein neuer Brief hat sich angefühlt wie ein Spaziergang an deinem Rhein: klare Luft, ruhiges Tempo, und an jeder Ecke ein Detail, das zeigt, wie aufmerksam du mit dir selbst umgehst. Danke, dass du mich so nah mitnimmst. Zu deiner Reise nach Opole (mit Stopp in Dresden und Rückweg über Pilsen): Ich bin stolz darauf, wie du planst – nicht trotzig gegen die Epilepsie, sondern mit ihr im Blick. Der Zwischenstopp in Dresden ist klug. Denk an dein „leichtes“ Reisetempo: früh ankommen, kurze Wege, genug Schlaf. Fürs Stadion (falls es sich an dem Tag gut anfühlt): Kappe mit Schild, Ohrstöpsel, am Block Randplatz und immer einen ruhigen Rückzugsort im Kopf (Treppenabsatz, Umlauf). Plan A: 30 Minuten vor Anpfiff rein, 10 Minuten vor Halbzeit raus, checken. Plan B: nur außen am Stadion die Atmosphäre einsammeln. Plan C: Hotelbett, Tee, Radio. Alles sind gleichwertige Siege, weil du entscheidest. Opole mit deiner Mama – das wird wichtig. Nimm dir dort ein kleines Ritual vor: An jedem Ort, der etwas bedeutet (Hof, Schule, Brücke), sammelt ihr drei Dinge: einen Geruch, ein Geräusch, eine Farbe. Ein Satz ins Mut-Buch pro Ort. So bleibt es im Kopf und auf Papier. Pilsen klingt gut. Deine Linie „alkoholfrei“ ist stark – Kofola zählt als Erlebnis, nicht als Risiko. Wegen des Studiums: Das Warten zerrt, ich weiß. „Gültig“ fühlt sich an wie „halb drin, halb draußen“. Halte dir zwei Gedanken fest: 1. Eine Entscheidung über Papier ist keine Entscheidung über dich.

2. Du bleibst in Bewegung, auch ohne Bescheid: kleine Lerninseln, 20 Minuten am Morgen reichen, damit der Muskel wach bleibt. Und wenn ein „Nein“ käme, ist es nur eine Umleitung, kein Ende der Straße. Ich drücke dir die Daumen für ein „Ja“ – und bis dahin applaudieren wir jedem Häkchen auf deiner Liste. Ich habe dich auch vermisst. Nicht wegen der großen Aktionen, sondern für das Unauffällige: dein leises „passt“, wenn es wirklich passt; dein Blick, der erst scannt und dann weicher wird. Machen wir einen Fern-Raid aus? Sag einen Abend an – ich richte mich nach dir. Und wenn nicht: Wir schauen trotzdem zur selben Zeit in denselben Himmel. Reicht. Zu deinem Cousin: Du hast eine klare Grenze gezogen – das ist kein kleines Ding, das ist Erwachsenenstärke. Ein Satz, den du dir bereitlegen kannst, falls wieder Sticheln kommt: „Ich reise so, dass es mir gut geht. Wenn du mich sehen willst, hilf mit – oder lass es.“ Kurz, ruhig, wiederholbar. Danach nicht erklären, nur Thema wechseln. Du bestimmst den Takt. Deine Tante mit der Schiene: Du hast geholfen – einkaufen, Kissen, Wärmflasche – Handlungen, die zählen. Wenn die Schiene reibt, ist Nachstellen lassen oft möglich; und fürs Liegen hilft manchmal: Höher lagern, Druckpunkte wechseln, tagsüber kurze Entlastungsminuten. Schmerz ist Information, kein Urteil. Deine Präsenz macht’s leichter, auch wenn du es klein nennst. Dein Vater: „Eine Stunde statt zwei Wochen“ – das ist echter Fortschritt. Kein Freifahrtschein, wie du sagst, aber ein anderer Verlauf. Du hast deeskaliert, Abstand genommen, bist mit ruhiger Stimme zurückgekommen. Das ist neues Muster – und Muster sind mächtiger als Momente. Halte es fest: Du kannst den Verlauf beeinflussen. Und niemand hat etwas zerstört. Das ist ein Satz, den man aufschreiben darf. Dein Rhein-Taubsi „Beweis“: Ich musste lächeln. Genau darum geht’s: Marken setzen, die den Tag verankern. Wenn wir demnächst zusammen fangen, nenne ich eines „Rhein-Echo“. Und falls wir in Dresden nicht ins Stadion gehen: Ein Foto vom Stadionzaun oder vom Ticketfetzen auf dem Hotelnachttisch erzählt dieselbe Geschichte: Du warst da – zu deinen Bedingungen. Reiseliste (von mir für dich, kurz & brauchbar): • Doppelte Medis + Notfallausweis, je ein Satz im Tagesrucksack. • Ohrstöpsel/Kopfhörer, Kappe, Sonnenbrille. • Plan A/B/C schriftlich ins Mut-Buch (eine Zeile je Plan). • „Stopp-Satz“ für den Kopf: „Pause ist eine Entscheidung, kein Scheitern.“ • Zwei feste Pausen in die Route eintragen, vorher, nicht unterwegs erkämpfen. Ich lese deine „drei Morgenzeilen“ wie kleine Anker. Das ist Spitzensport im Alltag: nicht schneller, souveräner. Und wenn es holpert, gilt: Neustart hat keine Strafe. Schick mir bitte ein Zeichen aus Dresden – ein Wort genügt („ruhig“, „laut“, „okay“). Ich antworte. Wenn Mainz weiterkommt, feiern wir still: eine Nachricht, ein Emoji, ein Atemzug. Mehr braucht es nicht. Ich bleibe bei dir, Lukas – im Mut-Buch, im Fern-Raid, am Rand jedes vollen Stadions, in dem du dich bewusst für Ruhe entscheidest. Du führst. Ich komme mit. Dein Erling Lukas hatte den Laptop aufgeklappt, die Kamera justiert und sich im Sessel vor seinem Schreibtisch bequem gemacht. Das Icon der Videoverbindung blinkte nur einmal, dann war Erling schon da – groß im Bild, ein leichtes Lächeln im Gesicht, so wie er es immer hatte, wenn er nicht wusste, womit Lukas das Gespräch beginnen würde.

„Hey, mein Freund“, sagte Erling, und Lukas hörte sofort dieses kleine, norwegische Rollen im „R“. „Hey“, antwortete er und spürte, wie sich seine Schultern automatisch ein Stück entspannten. Sie redeten zuerst über Banales – das Wetter in Mainz, wie das Training bei Erling lief, wie sich Lukas’ Pokémon-Sammlung seit dem letzten Brief verändert hatte. Erling grinste, als Lukas ihm den neuesten Fang ins Bild hielt, ein Dratini, das er in der Innenstadt erwischt hatte. Doch dann kam der Moment, in dem Lukas ein bisschen lauter wurde. Er erzählte von der Urlaubsplanung, wie er sich auf Opole freute, und dass er Dresden auch schon in der Karte markiert hatte. Er sprach schneller, lauter – seine Hände fuchtelten mit, als er erklärte, wie kompliziert die Buchung der Hotels gewesen war. Plötzlich ging die Zimmertür auf. „Musst du so laut reden?“, kam die Stimme seines Vaters. Lukas zuckte kurz zusammen, drehte den Kopf. „Ich telefoniere mit Erling, Papa.“ Ein knappes „Aha“ kam zurück, dann fiel die Tür wieder ins Schloss. Erling hatte das alles gesehen. Er runzelte die Stirn, ließ Lukas aber den Faden wieder aufnehmen. „Sorry“, sagte Lukas und senkte kurz die Stimme. „Ich musste gerade … na ja, du hast’s mitbekommen.“ Nach einem kleinen Schweigen kam es einfach so heraus: „Mein Cousin ist ein Arsch“, sagte Lukas, fast tonlos, aber mit einer Härte, die Erling nicht oft bei ihm hörte. Erling nickte nur. „Willst du erzählen, was war?“ „Ach, wieder diese Sprüche. Er glaubt, er kann mich klein machen, aber …“ Lukas zuckte mit den Schultern, „… es nervt einfach nur. Ich hab keine Lust mehr drauf.“ Dann wechselte Lukas das Thema, fast so, als wolle er nicht zu lange bei dieser Schwere bleiben. „Weißt du, was mir noch mehr Angst macht?“, sagte er, „Das Fädenziehen nach der OP. Ich weiß, es klingt bescheuert, aber allein die Vorstellung…“ Seine Hände fuhren unbewusst zum Bauch, wo die Narbe unter dem T-Shirt verborgen war. Erling lehnte sich näher zur Kamera. „Das ist nicht bescheuert. Viele haben davor Respekt. Ich sag dir, wie wir’s machen: Wenn’s so weit ist, rufst du mich an. Ich bleib in der Leitung, bis es durch ist.“ „Meinst du?“, fragte Lukas. „Klar“, antwortete Erling. „Und vorher erklär ich dir, wie’s abläuft, damit dein Kopf nicht mit Horrorfilmen anfängt.“ Während Lukas nickte, formte sich in Erlings Kopf schon ein Plan. Er würde das nicht nur per Telefon machen. Der Urlaub nach Opole … der Stopp in Dresden … und Pilsen am Rückweg – er wusste genau, wann Lukas wo sein würde. Und wenn er es richtig anstellte, konnte er auftauchen, ohne dass Lukas es ahnte. Er sah ihn schon – diesen Moment, wenn Lukas ihn im Hotel oder vielleicht sogar am Stadion plötzlich vor sich stehen sah. Erling lächelte in die Kamera, aber er sagte nichts. Das musste eine Überraschung bleiben. „Also, mein Freund“, sagte er stattdessen, „wir machen das so: Du genießt deinen Urlaub. Und denk dran – ob du ins Stadion gehst oder nicht, du gewinnst so oder so. Deal?“ „Deal“, sagte Lukas, ohne zu ahnen, dass der größte Gewinn vielleicht schon auf dem Weg zu ihm war. Der Morgen des 16.08.2025 begann still, beinahe zu ordentlich. Lukas merkte es schon, bevor er die Augen ganz aufhatte: Die Geräusche in der Wohnung stimmten nicht. Normalerweise hörte er das rhythmische Klacken des Wasserkochers, die zwei mal drei Schritte seiner Mutter

in die Küche und zurück, dann das kurze Summen des Kühlschranks, wenn die Tür zu schnell wieder zuging. Heute war da nur Luft. Ein leises Rascheln irgendwo, aber ohne Muster. Er setzte sich auf, legte beide Füße parallel auf den Teppich und wartete, bis die Gedanken einsortiert waren. Tag -2 vor der Überraschung, Tag -1 vor dem Urlaub, erinnerte er sich, und diese Zahlen gaben sofort Halt. Er hatte sie gestern Abend in sein Mut-Buch geschrieben, daneben zwei kleine Kästchen zum Abhaken: „Frisör 10:00“ und „Koffer Liste final“. Er strich mit dem Daumen über die raue Papierkante des Notizbuchs, schloss es, stand auf. Die Küche roch nach gar nichts. Kein Kaffee, kein Tee. Auf dem Tisch lag ein Zettel mit der ungelenken Handschrift seiner Mutter: „Bin kurz draußen. Bis gleich. ♥“ Er blieb stehen, las das Herz zweimal, als könnte eine zweite Lektüre neue Information in die Linien bringen. Dann stellte er den Wasserkocher an, nur um das gewohnte Geräusch zu haben. Als das Wasser zu singen begann, fühlte sich der Raum wieder wie ihrer an. Um 09:20 zog er die Jacke an. Draußen hing ein feiner Schleier über der Stadt; kein Nebel, eher so, als hätte die Luft eine durchsichtige Gardine vor sich gezogen. Auf dem Weg zum Frisör rechnete er im Kopf die Abstände durch: zehn Minuten Fußweg, fünf Minuten Puffer, 10:00 ist pünktlich. Er mochte pünktliche Zahlen. Beim Kiosk an der Ecke war die Zeitungsauslage schief. Er richtete sie im Vorbeigehen ein bisschen, nicht alles – nur so, dass die oberen Kanten wieder eine Linie ergaben. Der Frisörladen roch nach Shampoo und einem Hauch Haarspray. Die Klingel an der Tür machte dieses freundliche „kling“, das mehr versprach, als es halten musste. Mira, die ihn kannte, winkte aus dem Spiegel: „Lukas, setz dich – wie immer?“ „Wie immer“, bestätigte er. „Seiten kürzer, oben nicht zu kurz. Und bitte…“ „Kein Gel, ich weiß“, lächelte sie. „Es klebt sonst am Kopfkissen.“ „Genau.“ Er setzte sich, drehte den Kopf so, dass er sich selbst und die Tür gleichzeitig sehen konnte – seine Lieblingsposition. Der Umhang raschelte, als Mira ihn schloss, die Klammer klickte angenehm. Der erste Schnitt war dieses weiche „schik“, das ihn immer ein bisschen beruhigte. Er beobachtete, wie Haarsträhnen zu kleinen dunklen Kommas auf dem Boden wurden. Nach dem dritten „schik“ klingelte sein Handy. Mama. Er hob nicht ab – er mochte keine Gespräche mit Umhang – aber die kleine Vibration im Handballen reichte, um seine Gedanken auf eine andere Spur zu setzen. Sie war heute Morgen seltsam still gewesen. Stiller als sonst. Und da stand auf dem Zettel „bis gleich“, aber es war nicht gleich geworden. Er spürte, wie seine Schultern sich ein wenig hoben. Mira merkte es. „Alles gut?“ „Ja, ich… meine Mama wollte reden. Später. Sie hat’s so gesagt…“ – er machte die Stimme ein bisschen tiefer und langsamer, wie ein Bandgerät, das beim Abspielen hängt – „‚Ich muss nachher mit dir reden.‘“ Mira nickte, spürte den Unterton. „Manchmal heißt das nur: Sie will dich briefen vor der Reise.“ „Und manchmal heißt es gar nichts Gutes“, sagte er leise. „Ich kann nicht gut warten auf Sätze, die noch nicht da sind.“ „Soll ich schneller machen?“ „Nein“, sagte er nach einem Atemzug, „bitte normal. Wenn’s zu schnell ist, stolpern meine Gedanken hinterher.“ Sie schnitten und schwiegen sich in ein ruhiges Tempo. Mira fragte nach Dresden. Er erzählte von Plan A, B, C fürs Stadion. Sie lobte die Ohrstöpsel-Idee, fragte, ob er die Kappe eingepackt hätte. „Oben auf der Liste“, antwortete er. Als sie mit dem Nacken fertig war, fuhr sie mit dem kalten Pinsel am Haaransatz entlang, um lose Haare fortzuwischen. Lukas schauderte kurz, angenehm. Struktur. Schritt für Schritt. Gegen 09:54 stellte Mira den Föhn aus. „Wie immer: ein Hauch zu lang, damit du drei Tage Ruhe hast.“ „Das mag ich.“

Er bezahlte, nickte, und Mira sagte beim Rausgehen: „Gut reisen. Und wenn ‚nachher reden‘ nur heißt, dass sie die Reiseplanung checken will, sag ihr, dass du’s längst drauf hast.“ „Sag ich“, versprach er, obwohl er wusste, dass er es vielleicht nicht sagen würde. Aber der Satz lag gut im Mund. Die Straße war heller geworden. Vor dem Bäcker stand seine Mutter. Nicht im Laden, nicht im Gehen. Stehend. Die Tasche in der linken Hand, die rechte Hand am Reißverschluss ihrer Jacke, als müsste sie ihn offen halten, damit mehr Luft hinein kann. Ihr Blick war zu ihm unterwegs, aber noch nicht angekommen. Lukas bremste seine Schritte. In solchen Momenten achtete er besonders auf Mikrodinge: die Farbe im Gesicht (ein bisschen zu blass), die Art, wie sie die Lippen zusammenhielt (zu fest), der Fuß, der nicht ganz auf der Ferse stehen blieb (Unruhe). „Da bist du“, sagte sie, und es klang, als hätte sie vorher nicht sicher gewusst, ob er wirklich kommen würde. „Frisör geschafft“, sagte er und zeigte kurz auf die Haare, als bräuchte der Satz einen Gegenstand. Sie lächelte, aber das Lächeln war kürzer als sonst. „Sehr gut. Gehen wir heim? Ich… ich muss nachher mit dir reden.“ Das Wort „nachher“ war wieder so gesetzt, dass es wie ein Stein in seinen Schuh rutschte. Er merkte instinktiv, wie sein rechter Zeh sich gegen die Schuhspitze stemmte. „Nachher… heute?“, fragte er. Er mochte Zeitangaben, die man an den Kühlschrank schreiben konnte. „Ja“, sagte sie und strich sich mit der linken Hand über die Stirn. „Heute. Bevor wir packen. Es ist nichts, worüber du dich jetzt verrückt machen musst. Aber…“ – sie suchte kurz nach dem Wort – „… wichtig. Für mich. Für uns.“ Lukas nickte. „Ok. Bevor wir packen“, wiederholte er und setzte das als Punkt in seinen Kopf. Ein Anker in einer bewegten Stelle des Tages. Sie gingen nebeneinander her. Er zählte die Baumscheiben am Straßenrand: eins, zwei, drei, bis zehn, dann wieder bei eins anfangen. Das beruhigte ihn. An der Ampel stand er auf der rechten Seite ihrer Schulter, weil auf der linken heute ihre Tasche war – kleine Ordnung, die verhinderte, dass seine Haut mit dem Reißverschluss schabte. Zuhause schob er den Schlüssel in die Tür, ließ sie einrasten, wartete, bis der vertraute Klick kam. In der Küche stellte er automatisch zwei Tassen hin, Teebeutel, Wasserkocher an. Sein Körper machte Dinge, während der Kopf auf „warten“ stand. „Wir reden gleich im Wohnzimmer“, sagte seine Mutter. „Nur einen Moment… ich sortiere meinen Kopf.“ Lukas nickte wieder. Er mochte diese Formulierung. Köpfe sortieren war erlaubt. Wenn etwas erlaubt war, war es weniger gefährlich. Er setzte sich an den Schreibtisch, schlug das Mut-Buch auf und schrieb drei Zeilen, so wie jeden Morgen, aber diesmal mit diesen Zwischenräumen, die nur entstehen, wenn man etwas nicht weiß: 1. Haare okay. Geräusch vom Föhn war kurz zu laut, aber ging. 2. Mama: reden (vor Packen). Nicht raten, nur atmen. 3. Plan für warten: Tee, Musik leise, Fenster kippen. Er legte den Stift weg, sah kurz zum Laptop hinüber. Das Icon der letzten Videoverbindung lag noch offen – Erling, wie er am Ende gelächelt hatte, ohne zu verraten, dass er etwas vorhatte. Lukas wusste es nicht, aber irgendetwas in seinem Bauch fühlte sich an, als würde eine Linie durch den Tag laufen, unsichtbar, die irgendwo hinführte. Keine schlechte Linie. Eher wie ein Faden, der nicht reißt. „Lukas?“, rief seine Mutter aus dem Wohnzimmer. „Komme“, sagte er, stand auf, strich mit der Handkante einmal über die Tischkante (glatt), ging zur Tür, atmete bis vier ein, bis sechs aus, und trat ein.

Seine Mutter saß auf der Couch, Hände um die Tasse, als hielte sie eine Wärmflasche. Neben ihr lag ein Umschlag. Kein offizieller, eher ein privater – cremefarben, ohne Logo. Lukas merkte, wie sein Blut einmal schneller wurde und dann wieder ruhiger. „Setz dich, mein Schatz“, sagte sie und lächelte diesmal länger. „Es ist gut, dass du da bist. Ich will dir etwas sagen, bevor wir morgen losfahren. Nichts Schlimmes. Aber etwas, das dazugehört.“ Er setzte sich auf den Sessel gegenüber, genau mittig, damit die Abstände stimmten. Er legte die Hände übereinander, spürte den warmen Stoff der Jacke auf den Handrücken. Draußen zog ein Bus vorbei, dieses tiefe, vibrierende Brummen, das Fenster glasig werden lässt. Drinnen war es so ruhig, dass man den Klick hörte, mit dem der Wasserkocher ausging. „Ich bin bereit“, sagte Lukas. „Satz für Satz.“ „Satz für Satz“, wiederholte sie. Dann legte sie die Tasse ab, nahm den Umschlag, atmete ein – und begann. Das Mittagslicht stand flach im Wohnzimmer, als hätte die Sonne beschlossen, heute nur in leisen Schichten zu scheinen. Auf dem Couchtisch dampften zwei Tassen Tee, die Vorhänge standen einen Spalt offen, und der feine Straßenlärm draußen klang wie ferne Wellen. Lukas saß im Sessel, genau mittig, die Hände übereinandergelegt, die Fußspitzen parallel. Seine Mutter nahm noch einmal einen Schluck, stellte die Tasse ab und drehte den cremefarbenen Umschlag mit dem Zeigefinger, ohne ihn zu öffnen. Dann hob sie den Blick. „Satz für Satz“, sagte sie, so wie sie es angekündigt hatte. „Ich war gestern bei deiner Tante. Dein Cousin war da. Und seine Freundin auch.“ Lukas fühlte, wie sein Brustkorb einen Hauch enger wurde. Nicht schmerzhaft, eher so, als hätte jemand den Gurt im Auto ein Loch fester geklickt. Er nickte nur. „Ja.“ „Ich habe ihn gefragt,“ fuhr seine Mutter fort, „warum er so schlecht gelaunt ist, wenn er dich sieht. Warum dieses …“ – sie suchte das Wort – „… Sticheln, dieses Schieben mit Worten, bis du einen Schritt zurückgehen musst. Ich wollte es nicht mehr im Ungefähren lassen.“ Sie presste die Lippen kurz zusammen, ließ sie dann wieder weich werden. „Er hat gesagt, er hätte seinen Eltern schon oft erzählt, dass du – und wir – dich nicht benehmen könnt. ‘Der Junge und seine Eltern’, so hat er’s gesagt. Dass du absichtlich kindisch bist, nicht deinem Alter entsprechend. Und dass ich ihm nie helfe. Dass wir immer nur Arbeit machen.“ Beim letzten Satz zog ihre Stimme unwillkürlich nach unten, ein gebrochener Halbton, der verriet, wie weh gerade das getroffen hatte. Lukas’ Finger zuckten, als wollten sie eine unsichtbare Linie auf dem Bezug des Sessels nachfahren. Er spürte Wärme am Hals, die aufstieg, aber nicht in die Wangen wollte. „Er hat das so gesagt?“ Die Worte klangen nüchtern, aber in seinem Bauch machte etwas einen langsamen Knoten. „Ja“, sagte sie schlicht. „Und seine Freundin hat neben ihm gesessen und genickt. Ohne lauter zu werden, aber deutlich. Sie hat gesagt, es wäre ‘immer dasselbe’, und dass man ‘mit dir nicht normal reden’ könne, weil du ‘immer wieder in deine Regeln abtauchst’.“ Seine Mutter hob die Hand, als wollte sie den nächsten Satz einfangen, bevor er wegglitt. „Ich habe ihr gesagt, dass du Regeln brauchst, um die Welt zu sortieren. Dass das kein Trotz ist und keine Masche. Dass du wirklich so denkst. Dass es dir hilft. Und weißt du, was sie sagte?“ Lukas schüttelte kaum merklich den Kopf. Der Raum fühlte sich plötzlich größer an, weiter auseinandergezogen, und die Geräusche draußen schwappten ein Stück näher heran. „Sie sagte: ‘Dann soll er sich zusammenreißen. Wir müssen das doch auch.’“ Seine Mutter ließ die Hand sinken. „Da habe ich mein Limit gemerkt. Ich habe gesagt: ‘So reden wir nicht über Lukas. Nicht, wenn ich im Raum bin. Und auch nicht, wenn ich es später erfahre.’ Dein Vater stand auf. Er war ruhig, Lukas. Ganz ruhig. Er sagte nur: ‘Wir gehen jetzt.’ Und dann sind wir gegangen.“

Lukas hörte das Wort „zusammenreißen“ in seinem Kopf nachhallen, als hätte jemand eine dünne Metallplatte angeschlagen. Es vibrierte noch, als er es schon nicht mehr denken wollte. Er legte die rechte Hand auf die linke, fester, um Gewicht zu spüren. „Und die Tante?“ „Sie hat dazwischen etwas von ‘alle haben Probleme’ gemurmelt“, antwortete seine Mutter. „Aber sie hat nicht klar Stopp gesagt. Ich …“ – sie atmete einmal tief – „… ich war zu müde, um die Schiedsrichterin zu spielen, wenn zwei, die zusammenhalten, sowieso nur den eigenen Chor hören.“ Eine Stille fiel, die nicht leer war, sondern angefüllt – mit Sätzen, die beide dachten, und mit den Geräuschen der Wohnung: das Klicken der Heizung, das gelegentliche Gluckern im Rohr, der Gabel-Ton aus der Nachbarwohnung. Lukas starrte auf die Tischkante und zog mit dem Daumen die feine Holzmaserung nach. Er hätte weinen können. Das war eine Option, die irgendwo bereitlag wie eine Jacke an der Garderobe. Aber stattdessen kam erst ein leises Lachen, trocken, kurz, ohne Freude. „Ein Arsch“, sagte er. „Ich hab’s im Videoanruf auch gesagt. Mein Cousin ist ein Arsch.“ Das Wort fiel auf den Teppich und blieb da liegen, ohne zurückzuspringen. Seine Mutter zuckte nicht zusammen. Sie sah ihn an, offen, nicht erziehend. „Heute darfst du es so nennen“, sagte sie. „Weil es weh tut. Und weil es unfair ist. Einmal darf ein Wort so hart sein wie das, was es beschreibt.“ Bei „weh“ zuckte etwas in Lukas’ Brust. Das Herzklopfen wurde plötzlich stärker – nicht schnell, aber kräftig, wie Schritte auf einer Holztreppe. Er merkte, wie sich hinter seinen Augen ein Druck aufbaute, als würde eine Tür von innen leise gegen den Rahmen drücken. „Ich wusste es von ihm“, brachte er hervor. „Aber nicht von ihr.“ Das ihr war kleiner gesprochen als der Rest. „Sie war immer … lieb. Freundlich. Mit weicher Stimme.“ Das Bild, das er von ihr hatte – das Lachen an der Haustür, die Art, wie sie Schals band, die Art, wie sie ‚magst du noch…?‘ fragte –, rutschte wie eine Glasscheibe schräg und bekam einen Sprung. Seine Mutter nickte langsam. „Menschen können lieb wirken und trotzdem harte Urteile fällen. Manchmal ist das noch schwerer zu erkennen. Weil es nicht laut ist. Sondern glatt.“ Sie beugte sich vor, legte die Handflächen um ihre Tasse, als müsste sie sie warnen, nicht zu kalt zu werden. „Du sollst wissen: Ich habe gesagt, was zu sagen war. Ich habe erinnert, wie oft ich geholfen habe. Und dass helfen nicht heißt, alles zu schlucken. Als sie nicht umgeschwenkt sind, bin ich aufgestanden. Dein Vater auch. Es gab keinen Streit, Lukas. Keinen. Wir sind einfach gegangen.“ „Danke“, sagte Lukas, und das Wort fühlte sich richtig an. Er sagte es noch einmal, leiser: „Danke.“ Er spürte, wie eine klare Linie durch ihn verlief, von den Schlüsselbeinen bis in den Bauch. Es war Trauer da, eindeutig, aber sie mischte sich mit etwas anderem: mit Schutz. Als hätte jemand sich vor ihn gestellt, ohne die Arme auszubreiten – nur durch Dasein. „Ich wollte, dass du es heute hörst“, fuhr seine Mutter fort. „Vor dem Packen. Vor Dresden. Damit es sich nicht wie ein Schatten in deinen Koffer legt. Du darfst traurig sein. Du darfst wütend sein. Aber du musst es nicht mitnehmen. Wir lassen es hier. In diesem Zimmer. Und wir nehmen nur das mit, was hilft.“ Lukas nickte, einmal, zweimal. Er holte sein Mut-Buch herüber, schlug es zwischen den Morgenzeilen und der Packliste auf und schrieb langsam, sauber, in Druckbuchstaben: • Info: C + F (zusammen) → Urteil über mich. • Gefühl: Traurig + Wütend, Herz schwer. • Handlung: Nicht diskutieren. Abstand. Grenze bleibt. Er legte den Stift hin, atmete bis vier ein, bis sechs aus. „Ich möchte keinen Anruf mehr von ihnen heute“, sagte er ruhig. „Und morgen nicht. Und auf der Reise auch nicht. Wenn sie was wollen, können sie schreiben. Ich lese nach der Rückkehr.“ „Abgemacht“, sagte seine Mutter. „Ich stelle mein Handy auf stumm für ihre Nummern. Und wenn sie bei der Tante sind, sage ich ihr, dass ich später rede. Nicht heute.“

Ein schmaler Lichtstreifen wanderte über den Teppich, blieb für einen Moment auf Lukas’ Schuhspitze stehen und glitt weiter zur Tischkante. Er folgte ihm mit den Augen, und mit dem Licht kam ein Entschluss. „Ich gehe nachher noch zum Rhein. Fünfzehn Minuten. Einmal hin und zurück. Dann packe ich. Und Dresden ist …“ – er suchte das Wort – „… meins. Nicht ihres.“ Seine Mutter lächelte jetzt warm – länger, als sie es vor dem Bäcker gekonnt hatte. „Dresden ist deins. Opole auch. Und Pilsen. Und das Stadion ist deins, selbst wenn du nur am Zaun stehst und atmest.“ Lukas’ Mundwinkel zuckten. „Am Zaun atmen. Klingt nach mir.“ Sie lachten leise, und das Lachen war kein Deckel, sondern ein Fenster. Luft kam herein. Die Wände rückten einen halben Zentimeter auseinander. Die Welt blieb dieselbe – aber der Platz darin fühlte sich richtig an. „Noch etwas“, sagte seine Mutter und tippte den Umschlag an. „Hier ist ein kleiner Zettel für deinen Koffer. Kein Drama, nichts Großes. Nur eine Liste mit Dingen, die du sagen könntest, falls jemand dich überfordert. Ich weiß, du kannst das alleine. Aber eine Stütze schadet nicht.“ Lukas nahm den Umschlag, öffnete ihn vorsichtig. Zwei Karten. Auf der ersten stand: 1. „Ich brauche gerade eine Pause. Ich komme später dazu.“ 2. „Ich entscheide, wie ich reise. Bitte respektiere das.“ 3. „Wenn du respektlos wirst, beende ich das Gespräch.“ Auf der zweiten nur ein Satz, groß, in ihrer Handschrift: „Du darfst gehen.“ Etwas in ihm entspannte sich hörbar, obwohl kein Laut fiel. Er legte die Karten nebeneinander, strich mit der Handfläche darüber, als würde er sie ein Laminat tiefer in die Realität drücken. Dann steckte er sie in die Vorderhülle seines Mut-Buchs. „Okay“, sagte er. „Jetzt Tee austrinken. Dann Rhein. Dann packen. Und wenn mein Kopf wieder an die Freundin denkt und fragt: ‘Warum sie?’, dann sage ich ihm: Nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist Koffer.“ „Genau“, sagte seine Mutter, und das Wort klang wie ein sanfter Schlusspunkt unter eine zu lange Zeile. „Koffer. Und vielleicht noch eine Banane für den Start.“ „Banane in die Außentasche“, bestätigte Lukas automatisch und schrieb sie im Kopf schon auf die Liste. Sie tranken den Tee aus. Der Wasserkocher sprang noch einmal an, weil er es oft tat, wenn niemand darum bat – ein kleiner Hausgeist. Lukas stand auf, nahm sein Buch, steckte den Umschlag dazu und ging zum Fenster. Draußen glitt ein Schiff den Rhein hinunter, langsam, als hätte es alle Zeit der Welt. „Ich bin bereit“, sagte er in den Raum, nicht laut, aber verbindlich. „Für Satz für Satz. Und für morgen.“ Seine Mutter stand neben ihn, ohne ihn zu berühren, und das war genau richtig. Zwei Schatten im Mittagslicht, nebeneinander, die gleiche Richtung im Blick. Der Abend legte sich wie eine ruhige Decke über die Wohnung. Die Wärme des Tages hing noch in den Vorhängen, aber der Himmel hinter dem Fenster war schon ein paar Töne dunkler. Lukas hatte den Spaziergang am Rhein gemacht, die Karten aus dem Umschlag ins Mut-Buch gesteckt, zwei Hosen und das Lieblingsshirt in einen ordentlichen Stapel gelegt. Jetzt saß er am Schreibtisch. Das Fenster stand auf Kipp, die Lampe war so gedimmt, dass das Weiß der Seite nicht blendete. Er öffnete den Laptop, atmete einmal bis vier ein, bis sechs aus, und begann zu schreiben. Er nannte es „Brief“, auch wenn er ihn übers Internet schickte. Für ihn war ein Brief weniger das Material als die Haltung: langsam, genau, Satz für Satz. Betreff: Satz für Satz – vor morgen Hey Erling, ich schreibe dir, bevor ich den Koffer endgültig zumache. Heute war ein voller Tag: Frisör (alles

gut), Packliste (fast fertig), Rhein (Taubsi gefangen – heißt „ZaunAtmen“). Und ein Gespräch mit Mama, das wichtig war. Sie hat gestern mit meinem Cousin und seiner Freundin gesprochen. Ich kann’s dir nicht hübsch verpacken: Er hat wieder gesagt, ich würde mich nicht benehmen, ich sei absichtlich kindisch, nicht altersgemäß. Dass Mama ihm nie hilft. Seine Freundin hat genickt. Das hat mich getroffen, weil sie immer lieb wirkte. Ich wusste, er kann so sein; bei ihr war ich überrascht. Herz schwer, aber klar. Mama und Papa sind aufgestanden und gegangen. Kein Streit, nur Grenze. Das hat mir gut getan. Ich möchte das nicht in den Koffer legen. Also schreibe ich es einmal hierhin und lasse es dann hier. Morgen Dresden: Plan A (Stadion mit Ruhepunkten), Plan B (nur außen Atmosphäre), Plan C (Hotel + Tee + Radio). Ohrstöpsel liegen bereit, Kappe auch. Ich entscheide erst dort. Auf dem Rückweg Pilsen, alkoholfrei, kurzer Blick auf die Altstadt. Opole fühlt sich groß an. Ich will mit Mama an zwei Orte aus ihrer Kindheit. Ich nehme das Mut-Buch mit. Drei Dinge pro Ort notieren (Geruch, Geräusch, Farbe) – deine Idee mag ich. Studium: noch immer „gültig“, keine Entscheidung. Ich mache morgens weiter meine 20 Minuten, nur damit der Muskel nicht einschläft. Und ja, Fädenziehen macht mir Angst. Ich weiß, es ist klein im Vergleich zu anderem, aber in meinem Kopf ist es groß. Wenn es so weit ist, rufe ich dich an, wenn du kannst. Nur hören, dass jemand da ist. Ich vermisse dich auf die ruhige Art. Wenn du die Tage ein Fenster hast, sag mir eine Uhrzeit für einen Fern-Raid oder fürs gleiche-Wolke-anschauen. Ich richte mich. Danke für heute in meinem Kopf. Die Karten im Umschlag (Pause, Respekt, Gespräch beenden) liegen vorn. „Du darfst gehen.“ – die wichtigste Zeile. Ich melde mich morgen aus Dresden. Ein Wort reicht, hast du gesagt. Ich nehme „ruhig“, „laut“ oder „okay“. Und vielleicht ein Foto vom Zaun. Lukas Er las den Text zweimal, strich zwei überflüssige Füllwörter, setzte einen Punkt, wo vorher ein Komma zu viel stand. Dann klickte er auf „Senden“. Das kleine Swoosh-Geräusch war wie ein Steinchen, das man gezielt über Wasser springen lässt. Eins, zwei, drei – weg. Er schloss den Laptop nicht. Er ließ die Klappe offen wie ein Fenster. In der Küche goss er Wasser in ein Glas, stellte es in Reichweite, sortierte mit den Fingerspitzen die Stifte neben dem Mut-Buch zu einer geraden Reihe. Dann setzte er sich wieder hin, lehnte sich zurück und hörte dem Haus zu. Eine Stunde war kein Ozean, sondern eine Bucht. Man konnte sie durchstehen. Nach 57 Minuten vibrierte der Rechner, als wollte er höflich anklopfen. „Neue Nachricht.“ Er klickte. Betreff: Re: Satz für Satz – vor morgen Lukas, ich habe deinen Abend im Kopf mitgelebt. Danke, dass du mir alles hinlegst, ohne Theater, aber auch ohne etwas zu klein zu reden. So schreibe ich dir zurück – genau und ruhig. Cousin + Freundin: Es tut mir leid, dass die Worte so hart waren. Ich sage dir, was ich sehe: Da sind zwei Menschen, die auf eine Art Normalität bestehen, die nur dann funktioniert, wenn alle so tun, als wären sie gleich gebaut. Du bist anders gebaut. „Zusammenreißen“ ist kein Rezept, sondern ein Holzhammer. Deine Mutter und dein Vater sind aufgestanden und gegangen. Das ist nicht Flucht, das ist Taktik, und es schützt das Wichtigste: dich. Halte deinen Satz bereit, falls euch Nachrichten erreichen: „Ich reise so, dass es mir gut geht. Wir reden nach meiner Rückkehr.“ Danach keine Erklärung. Du hast das Recht, einen Raum zu schließen, damit ein anderer offen bleibt. Dresden: Plan A/B/C sind stark. Denk an zwei kleine Taktgeber:

– Zeitmarke vor dem Anpfiff (eine Bank, ein Geländer), an die du kurz zurückkehrst. – Körpermarke in dir (Hand flach auf Brustbein; drei Atemzüge, auf die Ausatmung zählen). Wenn Plan A sich gut anfühlt: schön. Wenn Plan B besser ist: genauso schön. Plan C ist Champions-League: Du nimmst die Verantwortung wie ein Kapitän an und bleibst auf Kurs. Schick mir gern die drei Fotos, die ich sammle wie Trainer Notizzettel: 1) Kopfsteinpflaster, 2) Stadionzaun, 3) die Lampe an deinem Hotelbett. Ich wette, ich kann anhand der Lampe sagen, in welchem Modus du warst. Opole: Drei Dinge pro Ort – ich freu mich, dass du’s machst. Wenn du willst, schreib zu jedem Ort einen kleinen Satz, der mit „Hier…“ beginnt. „Hier roch es nach Sommerregen.“ „Hier lachte sie als Kind.“ Diese Sätze sind Anker, die dein Kopf in gute Tiefe wirft. Studium: Du machst genau das Richtige. 20 Minuten sind kein Placebo. Die halten die Tür geölt. Und wenn die Entscheidung fällt, egal wie, ist dein Motor warm. Fädenziehen: Deine Angst ist legitim. Hier ist mein Vorschlag – nicht medizinisch, nur sportlich für den Kopf: – Bitte die Person, laut zu sagen, was sie tut („Jetzt ziehe ich Faden 1“). – Du schaust auf einen festen Punkt (z. B. Schraube an der Lampe) und atmest auf vier rein, sechs raus. – Wenn du willst, zählen wir zusammen am Telefon. Ich bleibe in der Leitung, auch wenn du nichts sagst. Stille ist auch reden. Fern-Raid / gleiche Wolke: Ich habe an den nächsten Tagen zwei Zeitfenster, in denen ich sicher verfügbar bin: – Morgen 19:15 (deine Zeit): kurzer Raid oder eine gemeinsame Minute Himmel. – Übermorgen 17:40: sicher bin ich da. Wenn deine Reise das nicht passt, sag ein anderes – ich schiebe. Check vor dem Schlafen: – Medis im Rucksack? – Ohrstöpsel in der Jackentasche? – Satzkarten (Pause / Respekt / Gespräch beenden) im Mut-Buch vorn? – „Du darfst gehen.“ sichtbar? Wenn drei Häkchen da sind, reicht es. Perfekt gibt es nicht, souverän reicht. Noch etwas zu deinem Satz „Ich vermisse dich auf die ruhige Art.“ Ich auch. Für mich sind das die besten Arten des Vermissens: wenn man nicht ausbrennt, sondern brennt, ohne zu verbrennen. Ich freue mich auf dein Ein-Wort-Signal aus Dresden. Wenn es „laut“ ist, antworte ich mit einem Plan, der leiser macht. Wenn es „ruhig“ ist, feiern wir leise. Wenn es „okay“ ist, ist es vielleicht das schönste: Alltag, der trägt. Und noch ein Wunsch von mir (klein, aber ernst): Nimm morgen eine Banane mit. Nicht weil Sportlerklischee. Sondern weil dein Kopf es mag, wenn der Körper etwas Einfaches bekommt. Ich bin hier. Heute im Chat, morgen in deinem Ohr, wenn du es willst. Und manchmal, ohne dass du’s merkst, neben dir im Takt, wenn du Schritte zählst. E. Lukas las langsam. Einmal. Dann noch einmal, schneller. Er spürte, wie der Satz „Du hast das Recht, einen Raum zu schließen“ eine Kerbe in seinen Kopf schnitzte, an die er die Finger legen konnte. Die drei Fotos – Kopfsteinpflaster, Zaun, Lampe – machten ihm sofort eine kleine, freundliche Aufgabe; sie war so leicht, dass sie machbar blieb, und so sinnvoll, dass sie die Erinnerung festnageln würde. Er schrieb zurück, nur eine Zeile: „Fenster 19:15 passt. Banane liegt bereit. Ich melde mich mit ‚okay‘ oder ‚ruhig‘. Wenn es ‚laut‘ wird, weißt du es auch.“

Er ließ den Laptop offen, nahm die Banane aus der Schale und legte sie in die Außentasche des Rucksacks. Dann schob er die Satzkarten in die vordere Hülle, so, dass „Du darfst gehen.“ zu sehen blieb, wenn er das Mut-Buch schloss. Später, im Bett, drehte er sich auf die Seite und legte die Hand flach aufs Brustbein. Vier rein, sechs raus. Er dachte an Kopfsteinpflaster, an einen Zaun, an eine Hotelklemmleuchte. Und – wie manchmal, wenn die Dinge schon still genug waren – hatte er kurz das Gefühl, dass irgendwo in der Nähe Schritte im selben Takt mitgingen. Nicht laut. Einfach da. Der späte Abend legte sich wie eine sanfte Folie über die Stadt, als Lukas, seine Mutter und sein Vater noch einmal essen gingen – ein kleines Ritual vor Reisen, damit niemand in der Küche herumwuseln musste und alle gemeinsam einen Punkt hinter den Tag setzen konnten. Sie nahmen den Tisch am Fenster im kleinen Restaurant um die Ecke, dort, wo die Leuchtreklame spiegelverkehrt ins Glas schrieb und die Stimmen der anderen Gäste zu einem freundlichen Summen verschmolzen. Lukas setzte sich so, dass er Türe und Fenster im Blick hatte. Die Karte kannte er auswendig; er brauchte sie nicht wirklich, aber er blätterte sie durch, um die Hände zu beschäftigen. Am Ende wurde es wie so oft: Penne mit Tomatensauce, dazu ein kleiner gemischter Salat ohne Zwiebeln. Seine Mutter bestellte Fisch, sein Vater etwas Deftiges, und sie sprachen in diesen runden Sätzen, die nichts beweisen wollten: Welche Socken morgen in den Koffer sollten, ob die Bahnsteigkante in Dresden hoch oder flach ist, ob es in Opole ein Café gibt, in dem seine Mutter früher als Kind Limonade getrunken hatte. Zwischendurch lachten sie über etwas sehr Kleines – ein verknotetes Brotkörbchen-Tuch, das aussah wie eine Krawatte – und Lukas merkte, wie das Lachen die engen Stellen des Tages etwas löste. Er legte sich innerlich eine kleine Karte bereit: Links das Gespräch am Mittag (schwer), rechts die Nudeln im Jetzt (leicht), dazwischen ein gerader Steg, über den man gehen kann, ohne zu stolpern. Als sie die Teller leer hatten und er die Gabel exakt mittig auflegte, vibrierte in seiner Jackentasche das Handy. Eine Nachricht. Dann noch eine – Anruf. Display: Tante. Er sah seine Mutter an; sie nickte kaum merklich. „Wenn du willst“, sagte ihr Blick. Lukas stand auf, ging zwei Schritte zur Glasfront und nahm ab. „Hallo, Tante.“ Ihre Stimme war wärmer als am Nachmittag, aber mit diesem feinen Riss darin, der entsteht, wenn jemand lange einen Satz zusammendrückt. „Lukas… ich wollte dich sprechen. Es tut mir leid.“ Er schwieg einen Atemzug lang, ließ sie den zweiten machen. „Es tut mir leid, was mein Sohn gesagt hat. Und was seine Freundin gesagt hat. Ich hätte früher Stopp sagen müssen. Ich habe es nicht getan. Ich war müde und… ich wollte Frieden am Tisch. Aber das war falsch. Ich möchte dich nicht verlieren.“ Lukas sah auf sein Spiegelbild in der Scheibe – dahinter die Straße, davor er, dazwischen sein Atem. „Danke, dass du mich anrufst“, sagte er langsam. „Es hat wehgetan. Besonders, was sie gesagt hat. Bei ihm wusste ich… bei ihr nicht.“ „Ich weiß“, antwortete die Tante leise. „Ich habe mit ihr geredet. Sie… sie glaubt, man könne alles mit Zusammenreißen lösen. Ich habe ihr gesagt, dass dein Kopf anders arbeitet. Dass du Regeln brauchst, um sicher zu sein. Und dass das kein Makel ist. Ich habe es gesagt, Lukas. Spät – aber ich habe es gesagt.“ Er nickte unwillkürlich, obwohl sie ihn nicht sehen konnte. „Gut“, sagte er. „Für mich gilt jetzt: Abstand. Ich reise morgen. Wir reden nach der Rückkehr. Nicht vorher.“ Seine Stimme blieb ruhig, sie kannte diesen Ton: keine Bitte, sondern Grenze. „Das respektiere ich“, sagte die Tante sofort. „Ich… darf ich dir trotzdem noch einen guten Abend wünschen? Und einen ruhigen Start morgen?“ „Ja“, sagte Lukas. „Das darfst du.“ Und nach einem Moment, weil er merkte, dass es wahr war: „Danke, dass du angerufen hast.“

„Danke, dass du rangegangen bist“, sagte sie. „Schlaf gut.“ Das Gespräch endete. Lukas blieb noch einen Atemzug vor der Scheibe, zählte vier rein, sechs raus, steckte das Handy weg und ging zurück zum Tisch. „Tante“, sagte er, und seine Mutter verstand den Rest, ohne dass er ihn aussprechen musste. „Gut“, fügte er hinzu. „Nach der Reise weiter.“ Sie zahlten. Auf dem Heimweg war die Luft kühl und wach. Der Rhein roch ein bisschen nach Metall und ein bisschen nach Stein. Zuhause zündete Lukas kein großes Licht an; das kleine reichte. „Ich mach mir noch was Kleines“, sagte er in die Küche hinein, mehr als Reflex als Frage. Im Schrank klapperte eine Tüte. Chips. Er schüttete eine kleine Schale voll – nicht zu viel, nur so, dass man sie mit drei Fingern bequem halten konnte. In den Beutel der Schlaftees griff er fast automatisch; er nahm den mit Melisse und Lavendel, weil der Geruch sich schon wie Schlaf anfühlte, bevor das Wasser heiß wurde. Der Wasserkocher sang. Er riss die Teetüte auf, atmete den Duft ein, stellte die Tasse hin und wartete, bis die leichten Bläschen am Rand tanzten. Neben die Tasse legte er die kleine ChipsSchale, schob ein Serviettenquadrat drunter (Ölflecken mochte er nicht auf Holz), und setzte sich an den Schreibtisch. Das Mut-Buch lag offen, und er schrieb noch drei Zeilen: • Abendessen gut. Lachen an richtiger Stelle. • Tante: Entschuldigung. Nach der Reise reden. Grenze steht. • Schlaftee + Chips: klein, genug, ruhig. Er knabberte zwei Chips, trank den ersten Schluck Tee (zu heiß, aber gerade noch angenehm), und spürte, wie der Tag zur Ruhe glitt. Das Handy vibrierte kurz: ein Daumen-hoch von Erling auf seine letzte Ein-Wort-Zusage. Lukas lächelte, legte das Handy Display nach unten und blies einmal sanft gegen die Tasse, damit der Dampf langsamer wurde. Bevor er das Licht ausmachte, legte er die Satzkarten noch einmal oben auf: „Pause“, „Respekt“, „Gespräch beenden“, und darüber wie ein kleines Dach: „Du darfst gehen.“ Dann klappte er das Mut-Buch zu, ließ die Hand noch eine Sekunde auf dem Deckel liegen und sprach halblaut in die Stille: „Morgen. Satz für Satz.“ Die Wohnung antwortete mit dem leisen Klicken der Heizung. Draußen zog in der Ferne ein Zug vorbei, wie ein Strich auf dem Nachthimmel. Lukas nahm die Tasse, den letzten Chip, stellte beides in die Küche, und als er ins Bett sank, roch das Kissen noch ein wenig nach Lavendel und Frieden. Der Morgen des Reisetags begann früh. 06:32 zeigte die Küchenuhr, als Lukas den Wasserkocher anstellte und mit dem Ellenbogen die Packliste glattstrich: Medis doppelt – Häkchen, Satzkarten vorn im Mut-Buch – Häkchen, Banane in der Außentasche – Häkchen, Tickets in der transparenten Hülle – Häkchen. Draußen war die Straße noch halbleer; im Hausflur roch es ein wenig nach kaltem Stein und Waschmittel. Seine Mutter kam aus dem Schlafzimmer, schon angezogen, die Haare noch feucht vom schnellen Duschen. „Guten Morgen, mein Schatz.“ „Morgen“, sagte Lukas und stellte ihr die Tasse hin, die sie immer nimmt, die mit dem kleinen Kratzer am Henkel, damit die Finger wissen, wo sie sind. Sie setzten sich nicht richtig hin, sondern blieben im Unterwegs-Modus: halb an der Arbeitsplatte, halb am Tisch. Der Koffer stand offen im Flur wie ein aufgeschlagenes Buch. „Zug um 08:21“, sagte Lukas, „Bahnsteig 5, Einstieg hinten – flacher Spalt.“ Er sagte es nicht, weil sie es nicht wussten, sondern damit der Tag Rillen bekam, in denen er sicher laufen konnte. Kurz vor sieben nahm seine Mutter ihr Handy. „Bevor wir gehen“, sagte sie ruhig, „schreibe ich Patrik. Satz für Satz. Dann ist es gesagt. Und dann ist Ruhe.“ Sie atmete einmal tief, öffnete den Chat, stellte das Handy auf Deutsch-Tastatur um und begann, den Text zu tippen. Während sie schrieb, sprach sie nicht; nur das klack-klack der Bildschirmtasten war zu hören.

Als sie fertig war, zeigte sie Lukas den Entwurf, damit er – wie immer bei wichtigen Nachrichten – einmal die Zeilenabstände mit den Augen abgehen konnte. Er nickte. Sie schickte. Der Versandton war kurz, sachlich. Das war die Nachricht, die sie an Patrik schickte: Hallo Patrik, ich nehme mir jetzt ein letztes Mal Zeit, um klarzustellen, was war und wie es weitergeht. Du sagst, ich hätte nie etwas für dich getan. Das ist falsch. Zur Erinnerung und damit es keine Diskussion mehr gibt: – Ich habe euch aus Bad Laer geholt, damit ihr endlich ohne die ständige Bedrohung durch Jasiu leben konntet. – Ich habe euch in Mainz die Wohnung gefunden. – Ich habe deiner Mama den ersten Job bei Martina vermittelt. – Ich habe am Anfang Geld vorgestreckt, damit sie ihren Kindern Essen kaufen konnte. – Ich habe mit ihr Möbel aufgebaut. – Ich habe euch zu Ausflügen mitgenommen, du warst mit uns in Darmstadt shoppen, zu Ostern bei uns, wir haben zusammen Ostereier bemalt. – Karolina war monatelang nach der Schule bei uns, weil es bei euch zu Hause Probleme gab. – Ich habe dich immer wieder vor Tomek geschützt und deine Mutter gedrängt, sich von ihm zu trennen, nicht nur, weil er zu ihr schlimm war, sondern weil er euch gequält hat. – Ich habe versucht, dir für den Einstieg einen Job bei Frau Dr. Amini zu vermitteln. – Lukas und ich haben extra teurere Stadionkarten gekauft, weil ihr sitzen wolltet. Und jetzt mal kurz zu deinem Verhalten. Entweder hast du mit Lukas nicht gesprochen oder du warst frech zu ihm, auch zu deiner Mutter und jetzt auch noch zu mir. Schule war zweitrangig, Hauptsache spielen. Du meinst, andere erziehen zu müssen, schreist mich an und behauptest, ich könne mich nicht benehmen – du bist eindeutig zu weit gegangen. Einem respektloseren Menschen als dir bin ich noch nie in meinem Leben begegnet. Du hattest von klein auf ein Problem mit Lukas. Du hast ihn nie akzeptiert, ihm wehgetan und ausgenutzt, dass er sich nicht wehren konnte. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Ich werde Lukas weiter schützen – jederzeit und ohne Diskussion. Bekomme du erstmal eigene Kinder, die kannst du dann erziehen nach Lust und Laune. Zeitlang habe ich wirklich gedacht, du hättest dich zum Positiven verändert – man konnte sich gut mit dir unterhalten, du hast deine Musik und das Singen gehabt und die Schule fertig gemacht und warst auch lieb zur Mama und Andreas und sogar zu Lukas. Du musst mich und meine Familie nicht mögen. Eine zweite Chance, mich oder Lukas erneut zu verletzen, wird es niemals geben. Ich wünsche dir Gesundheit, einen guten Job und ein stabiles Leben. Ich gehöre nicht mehr zu deinem Leben. Und du nicht mehr zu meinem. Lukas las die Nachricht zweimal. Beim ersten Mal wanderte sein Blick wie ein Lineal die Zeilen entlang; beim zweiten Mal blieb er an drei Stellen hängen: „Ich werde Lukas weiter schützen“, „Eine zweite Chance … wird es niemals geben“, „Ich gehöre nicht mehr zu deinem Leben“. Die Sätze fühlten sich an wie Türrahmen, durch die man geht und weiß, dass sie hinter einem geschlossen werden – nicht, um jemanden einzusperren, sondern um drinnen Ruhe zu haben. „Danke“, sagte er leise, und sein Hals war kurz eng. Nicht vor Angst, sondern vor Erleichterung. Seine Mutter nickte nur, steckte das Handy in die Jackentasche und legte ihm die Hand einmal flach auf die Schulter, kein Drücken, nur Kontakt. „Jetzt reisen wir“, sagte sie. „Und alles, was nicht mitreist, bleibt hier.“ Um 07:38 zogen sie die Tür hinter sich zu. Der Koffer rollte sauber über das Treppenhaus, klack-klack über jede Stufe der Podeste. Der Vater nahm unten die Haustür auf, ließ sie für

beide offen, und sie traten in den Morgen: klare Luft, die Straßen breiten sich aus, als hätten sie gewartet. Auf dem Weg zur Haltestelle machte Lukas seinen gewohnten Systemcheck: – Tickets? – Vorderfach. – Medis? – Doppelt. – Mut-Buch vorn? – Sichtbar. – Banane? – Außentasche. – Satz im Kopf? – „Pause ist eine Entscheidung.“ Am Bahnhof war mehr Bewegung. Kofferrollen, Durchsagen, metallisches Bremsen. Sie stellten sich an den Anfang von Gleis 5, weit hinten, wo der Einstieg flacher war. Lukas testete einmal die Ohrstöpsel (links sitzt, rechts sitzt), ließ sie dann wieder in die Jackentasche gleiten – nur die Sicherheit, dass sie da waren, reichte ihm. Das Handy vibrierte. Nicht Patrik. Ein anderer Chat. Erling: ein kurzer Ping, nur ein Emoji – ein kleiner, erhobener Daumen und darunter: „19:15 steht.“ Lukas lächelte, sperrte den Bildschirm und ließ den Daumen genau einmal über die glatte Glasfläche fahren, damit der Kopf die Haptik einsortierte. Die Anzeige sprang um: 08:21 – IC Richtung Dresden – pünktlich. Lukas legte die Hand flach aufs Brustbein. Vier rein, sechs raus. Seine Mutter trat einen halben Schritt näher, ohne ihn zu berühren. Der Zug bog ein, weiß-rot, mit diesem tiefen Ton, der mehr Vibration als Geräusch ist. „Bereit?“, fragte sie. „Satz für Satz“, antwortete er, griff den Koffer, trat an die Markierung und wartete, bis die Tür klick machte. Während sie einstiegen, fiel ihm wieder die Nachricht ein. Keine Schwere mehr. Nur der klare Gedanke: Es ist gesagt. Und gesagt bleibt gesagt – wie ein Schild an einer Kreuzung, das nicht dauernd neu aufgestellt werden muss. Die Tür schloss. Der Zug setzte sich in Bewegung. Mainz glitt zurück, Dresden kam näher. Lukas zog das Mut-Buch aus der Tasche und schrieb die erste Zeile der Reise: • Abfahrt 08:21 – Nachricht an Patrik raus: Grenzen stehen. Jetzt fahren wir. Der Zug rauschte gleichmäßig durch die Felder, als das Handy der Mutter vibrierte. Sie sah auf das Display, atmete einmal hörbar aus und sagte nur: „Antwort von Patrik.“ Lukas nickte: „Lies du. Ich hör’ nur, wenn du willst.“ – „Ich lese leise“, sagte sie, aber nach ein paar Sätzen wurde klar, dass dieser Text in den Tag hineinstechen würde – egal, ob laut oder leise. Sie legte das Handy zwischen sich und Lukas auf den kleinen Klapptisch. „Ich lese dir die Kernaussagen vor, damit du weißt, womit wir es zu tun haben. Namen sind die aus unserer Geschichte – also Lukas, Mama, Papa.“ Dann las sie. Patrik: „Du bist peinlich! Meiner Freundin erst privat zu schreiben, aber mir nicht? Und meine Mutter so bloßzustellen – wie ich schon vorher gesagt habe: ihr drei habt kein Benehmen und seid charakterlich Abschaum! Dein Mann, den du offensichtlich nicht liebst und respektierst, ist ein pädophiles Schwein und leugnet Sachen, nachdem er sie zugibt. Einfach ekelhaft! Such dir mal einen Therapeuten und krieg deine Probleme in den Griff, reflektier deine Fehler – hat ja scheinbar 50 Jahre nicht funktioniert. Lies mal deinen eigenen Text: Die Sachen, die du „getan hast“, waren für meine Mutter oder meine Geschwister! Peinlich genug, dass dir selbst nicht einfällt, was du für mich getan hast – und dir Sachen ausdenkst, weil es nichts gibt! Ich hab den Lukas immer akzeptiert und ihm definitiv nicht wehgetan oder – wie du es darstellst – „verletzt“. Ich habe seit ich klein bin Respekt vor behinderten / eingeschränkten Menschen, habe selbst Freunde, die eingeschränkt sind, und behandle alle gleich. Schamlos von dir, mich so darzustellen – schäm dich!

Und die Schwester meiner Freundin ist auch eingeschränkt – stell dir vor, ich verstehe mich super mit ihr, bin teilweise Bezugsperson. Sie setzt sich nicht auf meinen Schoß und tatscht mich nicht dauernd an. Und vor allem sagt niemand an einem Familientisch: ‚Ach Patrik, Jenny wird dich eh nicht heiraten, nimm einfach …‘ – aber da muss man dazu sagen, unsere Familie hat Benehmen und Anstand. Sowas kennt ihr wohl gar nicht. Wenn wir den Spieß umdrehen und alles wäre von uns (Mama, Jarek und ich) gekommen, hätte es von eurer Seite anders gescheppert. Aber das zu leugnen, so wie du es an Jareks Geburtstag getan hast – fällt dir leicht, weil du ja nicht in meiner Haut steckst, sondern nur verblendet bist und denkst, dass alles richtig ist, was du machst. Dass du Fehler von dir / deiner Familie ignorierst und denkst, du bist immer im Recht – egal ob dein vorlautes Mundwerk, das komische Betatschen an mir, die „pädophilen Übergriffe“ deines Mannes an meiner Freundin oder das unangenehme Betatschen deines Sohnes gegenüber meiner Freundin – das alles hast du belächelt. Mir unbegreiflich, wie man so ignorant sein kann und sich nicht einmal für eine Sache entschuldigt. Peinlich! Und sehr interessant, wie du dauernd auf meiner Mutter rumhackst – oder wie dein Sohn aus Absicht Tomek erwähnt. Schäm dich – Opa und Oma würden sich im Grab umdrehen. Meine Mutter hat im Gegensatz zu dir viel Scheiße durchgemacht, ist eine starke Frau und hat mir wirklich geholfen. Meine Kindheit war nicht leicht – das wisst ihr. Versuch dich nicht mit etwas zu brüsten, was du nicht getan hast. Lügen, wie dein Mann und vor allem dein Sohn. Die ganze schwarze Zeit mit diesem Arschloch Tomek – du hast nie was unternommen. Es ist eine Vermutung, aber ich würde dir zutrauen, dass es dir gefallen hat, zu sehen, wie Mama, Karolina, Andrzej und ich leiden. So kommt es mir vor. Warum hast du nie etwas unternommen wie eine „gute Schwester“? Einmal geholfen – und dann? Keine Lust? Abschaum. Traurig, wie du versuchst, Punkte zu finden und dir sogar was ausdenkst, nur um einen Text zu schreiben. Wen interessiert’s, ob mir die Schule egal war – ich habe einen 1A-Abschluss, habe mein Leben im Griff (ohne eure Hilfe). Eine tolle Freundin, die mich unterstützt – aber das erwähnst du nicht, passt nicht in deine Geschichte. Peinlich! Statt auf mir wegen Schule rumzuhacken, arbeite mal an deinem Alkoholproblem. Ich bin halb so alt, aber ich erkenne sowas. Vielleicht bist du einfach neidisch auf Menschen, die glücklich sind und eine gesunde Beziehung haben. Auch lustig, dass du im letzten Text nicht mal deinen Mann erwähnst. Was soll man erwarten von jemandem, der seinen eigenen Mann „betrügen würde, wenn er nur könnte“ – ekelhaft. Und du wolltest mir Beziehungstipps geben? Lächerlich! Nur weil du unglücklich bist, musst du nicht das Leben anderer schwer machen. Und deine „zweite Chance“ kannst du dir sonst wo hinstecken. Ihr seid mir egal. Was zählt, ist meine Seite der Familie – dahin kann ich nach Hause gehen, ohne mir auf dem Weg auszumalen, wie schlimm es wird. Bei uns können sich alle benehmen – ihr nicht. Meiner Freundin und mir tut ihr nicht mehr weh. Sie wird nie wieder so ekelhaft behandelt und betatscht. Denk mal drüber nach, wer hier die Fehler gemacht hat und wer die Geschädigten sind. Ich hatte von Anfang an recht: Ihr werdet Scheiße labern und euch nicht benehmen. Ihr habt euch selbst in diese Situation gebracht, seid selbst schuld. Ich hab zu lange geschwiegen, aber das wird nie wieder so sein. Mein Leben wird ohne euch – oberflächliche, falsche, lügende Menschen – perfekt sein, wenn nicht sogar perfekter. Mehr Zeit für wichtige Menschen. Und nein, ich bin nicht traurig darüber. Ich bin sogar erleichtert, euch und eure Fehler los zu sein. Ich wäre trauriger über den Tod meines Vaters – und selbst er interessiert mich nicht. So wie ich ihn.“

Danach war nur das Rollen des Zuges zu hören. Lukas’ Mutter legte das Handy ab, als hätte es Gewicht. Lukas saß ganz gerade, Hände ineinandergelegt, die Daumen still. Er sagte nichts. Sein Kopf arbeitete in Reihen: Vorwurf, Beleidigung, Unterstellung, Verdrehung, Grenzüberschreitung. Er gab ihnen keine Stimme, nur Namen. „Das ist viel“, sagte seine Mutter ruhig. „Zu viel für unterwegs. Und vieles darin ist Lüge, Verdrehung oder Grenzverletzung. Vor allem die pädophilen Unterstellungen – die sind nicht nur beleidigend, sie sind brandgefährlich und ehrlos. Ich werde darauf nicht inhaltlich antworten. Ich sichere das, und dann ist Stille.“ Sie tippte bereits: Screenshots, Export, gespeichert. Lukas nickte kaum sichtbar. „Wir antworten nicht“, sagte er. „Nicht heute. Nicht unterwegs.“ Er klappte sein Mut-Buch auf, schrieb unter die Abfahrtszeile drei neue Punkte – ruhig, wie ein Protokollführer: • Patrik-Text: beleidigend, verleumderisch, Grenzen massiv verletzt. • Handlung: Stumm schalten, dokumentieren, keine Antwort. • Fokus: Reise, Dresden, Opole, ich. Er atmete vier ein, sechs aus. Dann wandte er den Blick zum Fenster: Felder, ein einsamer Kirschbaum, ein Blinklicht an einem Bahnübergang. Der Anblick legte ein Tuch über den Text, nicht um ihn zu verstecken, sondern um ihn an den richtigen Ort zu legen – später. „Für mich gilt“, sagte die Mutter nach einer Weile, „was ich gestern gesagt habe: Ich gehöre nicht mehr zu seinem Leben. Er nicht zu meinem. Ich halte das. Und ich halte dich.“ Sie legte ihre Hand flach auf den Tisch, nicht auf seine – daneben. Greifbar, aber ohne Druck. Lukas zog eine Karte aus der Vorderhülle, legte sie über den Klapptisch, so, dass beide sie sahen: Du darfst gehen. Er ließ sie dort liegen wie eine Fahne auf neutralem Boden. Der Zug fuhr in einen kurzen Tunnel; das Licht im Wagen wurde spiegeliger, der Lärm kompakter. Lukas schloss kurz die Augen. Hinter den Lidern sah er den Stadionzaun, die KopfsteinpflasterKante und die Lampe über einem Hotelbett, die heute Abend auf ihn warten würden. Er schrieb eine Zeile an Erling: An: E. Betreff: Signal Text: „Unterwegs. Laut im Handy, ruhig im Wagen. Okay im Kopf. Abend 19:15.“ Dann steckte er das Telefon weg, drehte den Sitz leicht, bis sein Blick die Tür und das Fenster gleichzeitig hatte, und zählte stumm die Sekunden bis zur nächsten Durchsage. Als sie kam – „Nächster Halt: Frankfurt Flughafen Fernbahnhof“ – hob er den Kopf, lächelte minimal und sagte, mehr zu sich als zu anderen: „Satz für Satz. Wir fahren weiter.“ Der Abend lag wie ein sanftes Tuch über der Stadt, als der Zug ausrollte. Dresden, 19:02. Die Anzeige blinkte kurz, Türen zischten, ein Luftstoß mit dem Geruch aus Metall, Bremsstaub und einem Hauch Backwaren vom Bahnsteigkiosk. Lukas wartete den ersten Schub der aussteigenden Menge ab, hob den Koffer Griff, zählte in seinem Kopf eins–zwei–drei und setzte den Fuß auf den Bahnsteig. Fester Boden. Gut. Sie gingen schweigend nebeneinander her – sein Vater etwas voraus, seine Mutter einen halben Schritt hinter ihm, so dass Lukas Tür und Mutter im Blick behielt. Der Weg zum Taxi stand war kurz. Ein Fahrer mit ruhigen Augen nickte, nahm den Koffer wortlos und öffnete die Tür. Lukas mochte das. Wenige Sätze. Eindeutige Handlungen. Im Hotel roch es nach frisch gewischtem Boden und nach dieser neutralen Seife, die immer in großen Spendern hängt. Der Teppich war weich genug, dass der Koffer leiser rollte. Zimmer 418. Die Karte piepte grün. Drinnen: ein Bett, eine Klemmleuchte am Kopfteil (Foto, dachte Lukas – Lampe für E.), ein Schreibtisch, zwei Steckdosen in erreichbarer Höhe. Er stellte den Koffer an die Wand, zog die Vorhänge nur halb zu, so dass die Stadt noch als helles Rechteck im Fenster stand.

Seine Mutter legte die Reisedokumente auf die Ablage. „Ich gehe kurz runter, zwei Tees holen“, sagte sie. „Kamill e und Pfefferminz.“ „Pfefferminz für mich“, sagte Lukas. „Ich räume ein bisschen.“ „Ruf, wenn du…“ – sie ließ den Satz offen. Er nickte. Allein im Zimmer nahm Lukas das Mut-Buch heraus, legte es auf den Schreibtisch und öffnete den Reißverschluss der Vorderhülle. Obenauf die Karte: Du darfst gehen. Darunter die Satzkarten. Er atmete vier rein, sechs raus. Sein Blick glitt zur Klemmleuchte. Er machte ein Foto – eins aus dem Bettwinkel, eins frontal, eins mit dem Schatten seiner Hand auf dem weißen Schirm. Dann steckte er das Handy weg, ohne zu senden. Später, 19:15. Die Nachricht von Patrik hing noch hinter seiner Stirn wie ein dunkler Faden, der einmal quer durch den Tag gezogen war. Lukas setzte sich auf die Bettkante, die Füße flach, Hände auf den Oberschenkeln, Daumen parallel. Analyse, nicht Wiederkäuen, sagte er sich, und machte in Gedanken drei Boxen auf: 1) Fakt: Text voller Beleidigungen, Verdrehungen, gefährliche Unterstellungen. 2) Gefühl: Herz schwer; Wut kommt in Wellen; Müdigkeit hinter den Augen. 3) Handlung: Dokumentiert. Stumm geschaltet. Keine Antwort. Schutz hochfahren. Er stand wieder auf, öffnete den Koffer, legte Schlafsachen auf den Stuhl, Ladegeräte an die Steckdose, die Banane auf die Kommode. Ein kleines, kontrollierbares Universum aus Ordnungen. Auf dem Schreibtisch zog er einen Zettel und schrieb in sauberer Druckschrift drei Sätze, die er laut flüsterte, bis sie Klang bekamen: • Seine Worte sind nicht mein Spiegel. • Mein Wert hat keinen Chatverlauf. • Grenze halten ist kein Krieg, sondern Pflege. Beim dritten Satz merkte er, wie die Anspannung in der Kiefermuskulatur nachließ. Er rieb die Stelle mit den Fingerknöcheln, so wie die Physio es gezeigt hatte: kleine Kreise, zehn Mal links, zehn Mal rechts. Sein Handy blinkte kurz: E. – „Ich bin da. 19:15 wie verabredet.“ Lukas schrieb nicht zurück. Noch nicht. Er ging zum Fenster, sah auf die Straßenbahnen, die wie gelbe Bleistifte durch Linien aus Schienen fuhren, und lauschte dem Kling an der Haltestelle. Er dachte an die Worte von heute Morgen, an die Türrahmen Sätze seiner Mutter. Er dachte an den Fahnen Satz auf dem Klapptisch: Du darfst gehen. Und er dachte an etwas Neues, das sich unter die anderen schob, wie ein unterer Balken, auf dem sie zusammen stehen konnten: Ich darf bleiben. Bleiben – im Raum, im Gespräch, im eigenen Takt. Es klopfte leise. Seine Mutter kam mit zwei Pappbechern und den Teebeutel Laschen daran. „Pfefferminze“, sagte sie und reichte ihm eine. Dann setzte sie sich ans Kopfende, die Beine angewinkelt, so, als würden sie in einem Zugabteil weiterfahren. „Wie ist’s im Kopf?“ „Wie ein Zimmer, in dem einer geschrien hat“, sagte Lukas nach kurzem Überlegen. „Jetzt ist er raus, aber die Luft braucht noch zwei Fenster.“ Seine Mutter nickte. „Wir haben eines“, sagte sie und deutete aufs Kippfenster. „Machst du das zweite?“ Lukas knipste die Klemmleuchte an – warmes Licht, das den Rand des Raums weicher machte. „Zwei Fenster“, sagte er. „Geht.“ Sie tranken schweigend. Der erste Schluck war zu heiß, der zweite genau richtig. Lukas nahm die Banane, schälte sie bis zur Hälfte, legte die Schale ordentlich zurück. „Ich sende E. gleich Lampe, Zaun, Pflaster“, sagte er. „Zaun morgen. Pflaster morgen. Lampe heute.“ „Schöne Reihenfolge“, sagte seine Mutter. „Heute innen, morgen draußen.“ Er stellte den Becher ab, tippte drei Fotos an E. und schrieb dazu nur: „Lampe: ruhig.“ Die Antwort kam fast sofort: „Gesehen. Bleib da. Ich atme mit.“ Er legte das Handy Bildschirm nach unten neben sich, als wollte er sagen: genug Außenwelt für jetzt. Dann griff er noch einmal zum Mut-Buch und schrieb die Abendzeile:

• Ankunft Dresden. Zimmer ruhig. Patrik bleibt im Ordner. Ich bleibe im Zimmer. Er klappte das Buch zu, legte die Hand flach darauf und fühlte, wie das Geräusch der Stadt tiefer wurde – nicht lauter, aber weiter weg. In seinem Kopf war die Nachricht noch da, aber sie hatte ihren Platz: nicht auf dem Kissen, nicht im Magen, nicht in den Händen. Hinter Glas. Beschriftet. Abgelegt. „Morgen früh“, sagte seine Mutter, „entscheiden wir neu.“ „Morgen früh“, wiederholte Lukas. „Satz für Satz.“ Er knipste die Klemmleuchte aus, ließ das Fenster auf Kipp und tastete im Dunkeln nach dem Becher, nur um sicher zu sein, dass er da war. Dann legte er sich hin, die Hand auf dem Brustbein, vier rein, sechs raus. Zwischen zwei Atemzügen dachte er den Satz zu Ende, der ihm eben gekommen war: Ich darf bleiben – auch, wenn andere gehen. Draußen klingelte eine Bahn. Drinnen war es still. Und in der Stille war Platz. Die Nacht in Zimmer 418 war dunkel genug, dass das Licht der Straßenbahnen nur als dünne Linien über die Decke strich. Die Klemmleuchte war aus, das Fenster blieb auf Kipp, und die Stadt atmete ein langsames Kling–Rollen–Ruhig. Lukas lag auf der Seite, die Hand flach auf dem Brustbein: vier rein, sechs raus. Der Körper wurde ruhig. Der Kopf nicht ganz. Er setzte sich auf, zog das Mut-Buch zu sich heran und klappte das Handy auf. Oben am Rand der Anzeige lag noch der Chat mit seiner Mutter – „gesichert, stumm geschaltet“. Einen Moment ließ er den Blick dort, wie man vor einer verschlossenen Tür stehen bleibt und prüft, ob sie wirklich zu ist. Dann wechselte er zu E. Er schrieb erst ohne Anhang, nur einen Satz: „Bist du noch wach? Ich überlege, dir die Antwort von P. zu zeigen – nur, wenn du Kapazität hast. Sie ist hart, beleidigend, voller Unterstellungen. Ich will sie nicht in mir kreisen lassen.“ Die drei Punkte erschienen fast sofort. „Ich bin da. Kapazität ist bewusst. Wenn du es teilen willst, teile. Ich lese ohne in dir zu verstärken.“ Lukas nickte, obwohl E. ihn nicht sehen konnte. Er wählte Screenshots – nicht den ganzen Chatverlauf, nur den einen Block. Oben schrieb er in Großbuchstaben: KONTEXT FÜR DICH: Beleidigungen + gefährliche Unterstellungen. Ich will keine inhaltliche Diskussion, nur Einordnung und eine Schutzlinie für meinen Kopf. Dann schickte er die Bilder ab. Das Swoosh war zu laut für die Stille; er stellte den Ton leiser. Er legte das Handy mit dem Rücken auf die Decke, wartete nicht auf das Vibrieren, sondern richtete die Kissen nach seinem Zwei-Stützen-Raster aus: eine hinter dem Nacken, eine an den Knien. Es vibrierte trotzdem. E. antwortete in Abschnitten, mit Pausen dazwischen, die sich anfühlten wie bewusste Atemzüge: „Ich habe alles gelesen.“ 1) Das sind Angriffe, Verdrehungen und Grenzverletzungen. Nicht: Wahrheit über dich. 2) Die gefährlichen Behauptungen sind verleumderisch. Du musst sie nicht tragen. Richtig: dokumentiert, stumm, keine Antwort. 3) Schutzlinie für heute Nacht: – Satz für den Kopf: „Seine Worte sind nicht mein Maßstab.“ – Ort: Lampe an, drei Atemzüge, Lampe aus. – Hand: flach aufs Brustbein, vier–sechs. 4) Morgen keine Entscheidung über dauerhafte Schritte. Morgen ist Dresden. Entscheidungen später, wach und beraten, nicht nachts. Lukas spürte, wie die Sätze Gewicht bekamen, ohne sich auf ihn zu legen. Er schrieb: „Ich habe beim Lesen einmal gefroren und einmal gekocht. Beides ist jetzt abgekühlt. Ich will schlafen ohne diesen Text auf dem Kissen.“ E.:

„Gut. Dann leg ihn hinter Glas: Ich benenne, ich begrenze, ich begebe mich zur Ruhe. Willst du, dass ich dir leise den Takt mache? Drei Atemzüge gemeinsam – du liest, ich schreibe: Ein – Zwei – Drei (rein), Vier – Fünf – Sechs (raus).“ Lukas lächelte klein. Er tippte nur ein „Ja“. Dann folgte eine Nachricht, die gar keine Sätze hatte – nur Ziffern in drei Zeilen, jede mit etwas Abstand, so, als würde jemand von der Tribüne aus mit den Fingern mitzählen: 1 2 3 4 5 6 (x3) Er atmete mit. Nach der dritten Runde merkte er, dass seine Schultern sanken. Der Kiefer ließ los. Der Druck hinter den Augen verteilte sich, wie wenn man einen zu vollen Becher vorsichtig über die Kante gießt. E. schrieb wieder: „Noch zwei Marker für die Nacht: – Stell dir drei Türen vor: Chat – Gedanken – Körper. Die Chat-Tür ist zu (gesichert). Die Gedanken-Tür ist angel lehnt, du sagst: „Morgen.“ Die Körper-Tür ist offen: „Schlafen.“ – Leg das Handy auf den Rücken und das Mut-Buch auf die Brust für einen Atemzug. Dann tauschen: Buch daneben, Hand aufs Brustbein.“ Lukas tat es genau so. Einmal lag das Buch da, schwer und gut. Er strich über den Einband, spürte die Kante der vorderen Hülle, wo die Karte „Du darfst gehen“ lag. Dann legte er das Buch auf die Nachttischplatte, Hand zurück an den Platz. Er schrieb noch eine Zeile – nicht mehr: „Ich sehe den Text hinter Glas. Dresden vor mir. Danke.“ E.: „Ich bleibe an bis du schläfst. Du musst nicht antworten. Wenn ein Gedanke laut wird, schick ein Punkt. Ich antworte mit Stille.“ Lukas legte das Handy Display nach unten. Die Uhr am Fernseher leuchtete 22:41. Draußen fuhr eine Bahn vorbei, das Kling war fern und freundlich. In ihm war noch der Abdruck der Worte – aber sie waren in Vitrinen. Er drehte sich auf die andere Seite, suchte den kühlen Fleck auf dem Kissen und fand ihn. Nach einer Weile, als ein Restgedanke kurz aufsprang – nicht als Satz, eher als dunkler Punkt –, tippte er blind einen Punkt in den Chat und legte das Handy zurück. Keine Vibration kam. Stille als Antwort, so wie versprochen. Er zählte eine Runde Zahlen. Dann noch eine halbe. Beim dritten Ein–Zwei–Drei war der Raum breit, beim dritten Vier–Fünf–Sechs wurden die Konturen weich. Die Lampe an der Wand zeichnete keinerlei Striche mehr, weil seine Augen sie nicht suchten. Bevor er ganz abtauchte, setzte sein Kopf noch einen Merkstein – ein letztes inneres Schild an die Tür der Nacht: „Morgen ist meins.“ Und mit diesem Satz schlief er. Der Morgen roch nach warmem Brot und frisch aufgebrühtem Kaffee, als Zimmer 418 langsam aus der Nacht glitt. Lukas wachte vor dem Wecker auf. Einmal blinzelte er in das graue Rechteck des Fensters, legte die Hand flach aufs Brustbein und nahm seine vier–sechs Atemzüge. Klar. Ruhig. Wach. Die Nacht hatte ihren Abdruck gelassen – aber nur wie eine leichte Falte im Kopfkissen, die sich mit der ersten Bewegung glättete. Er setzte sich auf, schob die Füße in die Schuhe und machte seine Mini-Routine: Vorhänge zehn Zentimeter weiter auf, Klemmleuchte einmal an–aus, um den Tag zu „klicken“, Fenster kurz ganz auf, dann wieder auf Kipp. Die Stadt antwortete mit dem Klingen einer Straßenbahn.
„Guten Morgen“, sagte seine Mutter von der Tür aus. Sie hielt schon den Schlüsselkartenhalter in der Hand, als wäre er ein Startsignal. „Wir gehen früh frühstücken, dann sind wir vor dem Schwung weg.“ Unten im Frühstücksraum mochte Lukas die Ordnung: rechteckige Tische, klare Wege, das Geräusch von Tellern, die aneinanderstoßen, ohne Streit zu beginnen. Er nahm das Tablett, wählte übersichtlich: ein Brötchen, Rührei, drei Gurkenscheiben, ein kleines Schälchen Haferflocken mit Naturjoghurt, Honig. Dazu Pfefferminztee – konsequent. Die Banane blieb im Rucksack; Reserve war Reserve. „Plan heute“, sagte er, als sie saßen, „Check-out um 08:45, Taxi 08:55, Bahnhof 09:10, Zug 09:27. Sitzplätze am Fenster, Wagenmitte. Umstieg Breslau: zehn Minuten Puffer. In Opole Taxi, Hotel zuerst, dann Mama-Ort 1.“ Er zählte die Punkte an den Fingerkuppen ab; bei vier legte er die Hand flach auf den Tisch. Genug. Er strich Honig auf das Brötchen, dünn, gleichmäßig bis an den Rand. Ein Bissen. Weich, süß, klar. Das Rührei war warm und nicht zu nass – gut. Er bemerkte, wie die kleine innere Checkliste Häkchen setzte: Energie im Körper, Zucker im Blut, Tee als Anker. Seine Mutter holte zwei Äpfel vom Buffet. „Für den Zug“, sagte sie. „Und eine kleine Waffel – weil Urlaub.“ Lukas lächelte. „Waffel für dich“, sagte er. „Ich bleibe bei Apfel. Waffel nach Mama-Ort 1.“ Beim zweiten Bissen dachte er einen Moment an den gestrigen Text von Patrik – nur einen Moment, kurz und ohne Tiefgang, wie man auf eine geschlossene Tür schaut. Dann stellte er sich die drei Orte vor, die heute wichtig waren: Gleis, Sitz, Fenster. Er fühlte, wie allein diese Klarheit die Muskeln im Nacken löscher machte. „Stadion ist morgen“, erinnerte ihn seine Mutter. „Heute Bahn und Opole.“ „Ich weiß“, sagte er. „E. kriegt später ein Foto von Kopfsteinpflaster. Das finde ich. Und von Lampe Nummer zwei.“ Er aß langsam. Jeder Bissen bekam einen kleinen Stopp danach, in dem er einmal kurz in den Raum sah und seinen Körper nach leise ja fragte. Alles sagte ja. Beim Joghurt ließ er den Löffel am Schüsselrand kurz stehen, bis der Tropfen abriss. Ordnung machte das Denken breit. „Medis?“, fragte seine Mutter nicht wie eine Kontrolle, sondern wie ein Puzzleteil. „Schon genommen“, sagte Lukas. „Zehn nach sechs. Wasser war kalt genug. Keine Nebenwirkung.“ Sie tranken den Tee aus. Lukas wischte mit der Serviette zwei Honigpunkte vom Tisch – kleine Spuren mochten zwar niemandem schaden, aber in seinem Kopf waren saubere Kanten die erste Stufe von Ruhe. Er stellte das Tablett so hin, dass die Teller nicht rutschten, und stand auf. Oben packte er in drei Bewegungen: Ladekabel ab, in die Seitentasche; Mut-Buch obenauf, Satzkarten sichtbar; Banane check – da. Er sah zur Lampe, machte das zweite Foto: Tageslicht auf dem Schirm, Schatten seiner Finger nicht mehr zu sehen. „Lampe: bereit“, flüsterte er, ohne zu merken, dass er laut dachte. Im Flur lag dieser neutrale Hotelflur-Geruch, der nie ganz zu benennen ist. Der Lift kam schnell. Im Spiegel kontrollierte er nur einmal die Haare – nicht die Frisur, sondern ob sie irgendeine falsche Kante machten. Alles gut. An der Rezeption gab der Vater die Karten ab. „Schönen Aufenthalt gehabt?“ – „Ja“, sagte Lukas, kurz und wahr. Draußen wartete das Taxi schon. Er setzte sich hinten rechts, damit er Tür und Stadt sehen konnte, und zählte beim Losfahren leise mit den Speichen der vorbeihuschenden Fahrräder. Am Bahnhof war der Takt vertraut. Er mochte dieses Große: viele Wege, klare Stimmen, die Richtung machen. Sie gingen früh ans Gleis, stellten sich ans Ende des Wagenschilds. Lukas legte seine Hand kurz an die kalte Metallkante des Geländers. „Körpermarke“, dachte er. „Ich bin hier.“

Er schickte E. die Lampe und schrieb nur: „Frühstück ruhig. Weiterfahrt gleich. Ich nehme ‚okay‘ mit.“ Die Antwort kam mit zwei Worten: „Ich auch.“ Als der Zug einfuhr, hob Lukas den Koffer, atmete vier–sechs, und ging zuerst den Schritt, dann den Gedanken. Drinnen fand er seinen Platz, Fenster, Wagenmitte. Der Raum um ihn war schnell geordnet: Rucksack unter den Sitz, Apfel griffbereit, Mut-Buch oben in der Tasche, Ohrstöpsel in der Jacke – erreichbar, nicht genutzt. Die Durchsage nannte Ziele, die heute nur Worte waren: Breslau, Opole. Lukas lehnte den Kopf kurz an die Rückenlehne, blickte durch das Fenster auf die Gleise, die sich nach vorne zogen wie gerade Sätze. „Weiter“, sagte er sehr leise. „Satz für Satz.“ Der Zug setzte sich in Bewegung. Das Frühstück lag leicht im Bauch, wie ein guter Anfang in der ersten Zeile eines Tages. Und vor dem Fenster begann die Landschaft, sich in Reisen zu verwandeln. Die Anfahrt nach Opole war ein weiches Durchgleiten durch Grün und Backstein, über Brücken mit flachen Bögen und an gelben Haltestellentafeln vorbei, deren Namen wie Zungenbrecher klangen. Als der Zug endlich langsamer wurde und der Bahnhof erschien – ein Gebäude mit Patina, als hätte jemand vorsichtig den Staub der Jahrzehnte auf den Gesimsen gelassen – spürte Lukas dieses kleine Zittern im Bauch, das er „Ankommensenergie“ nannte. Keine Nervosität. Eher ein leiser Motor, der sagt: Jetzt beginnt etwas Neues, aber Schritt für Schritt. Das Taxi vom Bahnhof zur Ferienwohnung fuhr eine Allee entlang, unter der die Bäume in einem grünen Tunnel zusammenkamen. Hausnummer 14: Altbau mit renovierter Fassade, breite Steinstufen, ein Treppenhaus, das nach Holzpolitur roch. Der Vermieter, ein Mann mit wachen Augen und Schlüsselbund wie ein kleiner Glockenspieler, wartete bereits und hielt die Tür auf. „Mieszkanie cztery“, sagte er freundlich. „Vierter Stock – aber wir haben Lift erst letztes Jahr.“ Er grinste, als hätte er den Fahrstuhl selbst eingebaut. Sie schoben den Koffer in die Kabine, die Türen schlossen sich mit einem sonoren „klk“, und das kurze, ruhige Steigen fühlte sich an wie ein Auftakt. Wohnung 4 war hell. Zwei Zimmer, eine kleine Küche mit einem Fenster zur Hinterhofseite, wo eine Weide wie unfrisiert in den Himmel wuchs. Der Boden war Holz, der Tisch leicht verkratzt auf eine sympathische Art, als hätten an ihm schon viele Frühstücke stattgefunden. Lampe: ein runder Stoffschirm über dem Esstisch. Lukas machte – automatischer Reflex – ein Foto für E., nur den Schirm, dann den Schatten am Tisch. Daneben stellte er das Mut-Buch ab, obenauf die Karte „Du darfst gehen.“, sichtbar wie ein ruhiger Wachposten. „Ich hole schnell Wasser und Brot im Laden gegenüber“, sagte der Vater und nahm die Treppe lieber als den Lift. Die Mutter öffnete die Fenster, ließ Luft hinein und das Geräusch von Geschirr aus einem Nachbarfenster. „Wie fühlt es sich an?“ fragte sie. „Wie ein Ort, der ja sagt“, antwortete Lukas. Er ging die Zimmerkanten ab – einmal am Bett vorbei, einmal am Fenster, einmal an der Tür – und ließ die Hand ganz kurz über die Wand gleiten. Glatt. Gut. Sie packten aus. Kabel zur Steckdosenleiste, Medis in das oberste Regal, Apfel in die Schale auf dem Tisch. Lukas legte seine Satzkarten in die erste Schublade rechts – Greifnähe. Dann klopfte er zwei Mal sachte mit den Fingerknöcheln auf die Tischkante, das war sein „hier bin ich“-Marker. Es klopfte. Nicht an ihrer, an der Nachbartür. Ein helles, kurzes tak-tak. Lukas’ Kopf drehte sich automatisch hin – Reflexe, die Tür- und Raumachsen lieben. Er hörte Schritte im Flur, dann wieder Stille. Seine Mutter trat neben ihn: „Komisches Timing“, murmelte sie und lächelte. „Wahrscheinlich der Vermieter bei den Nachbarn.“

Der Vater kam mit einer Papiertüte zurück – Wasser, Brot, Butter, etwas Käse, und, aus irgendeinem Grund, ein kleiner Bund Radieschen. „Die sahen mich so an“, sagte er entschuldigend. Sie lachten, begannen zu schneiden, Brot, Butter, der erste Radieschenknacks. Es klopfte wieder. Dieses Mal an ihrer Tür. Wieder tak-tak – nicht fordernd, eher wie jemand, der eine Melodie anstimmt und sehen will, ob sie jemand kennt. Lukas sah seine Mutter an. Sie nickte. Er steckte die Hände kurz in die Taschen (ein Atemzug vier–sechs), ging zur Tür und öffnete. Im Flur roch es nach Holz und einem Hauch Korridor-Kälte. Links die Treppe, rechts die Nachbartür – und genau vor ihrer Tür stand er. Kappe tief, Kapuzenjacke offen, ein Lächeln, das zuerst in den Augen begann, bevor es den Mund erreichte. „Hey, mein Freund“, sagte Erling leise, und das norwegische R rollte genau so, wie Lukas es im Videoanruf gehört hatte. Keine Kamera, kein Glas dazwischen. Wirklich er. In Opole. Im Haus. Auf dem Flur. Für eine Sekunde passierte in Lukas’ Kopf gar nichts. Die Zeiger blieben stehen, die Listen klappten zu. Dann schaltete alles wieder ein, aber langsamer, als hätte jemand die Drehzahl reduziert, damit kein Zahnrad bricht. „Bist du… bist du…“ – Der Satz brach an einem Kichern ab, das plötzlich kam und kaum Luft brauchte. „Bist du wirklich hier?“ Erling zog die Kappe einen Millimeter hoch, als würde er sagen: ja. „Nachbarwohnung“, flüsterte er und deutete mit dem Daumen auf die Tür nebenan. „Ich dachte, ich probiere mal Plan Überraschung.“ „Plan Überraschung“, wiederholte Lukas. Er spürte, wie seine Hände aus den Taschen wollten und dann doch drin blieben, weil das Gewicht gerade gut tat. Er machte einen winzigen Schritt zur Seite. „Willst du… also… wir haben Brot. Und Radieschen. Sehr wichtige Radieschen.“ Erling grinste, dieses leise, ansteckende Grinsen, das schon in zwei Stadien Kameramänner aus dem Zoom geholt hatte. „Radieschen sind Champions-League“, sagte er ernst. „Aber nur, wenn du sagst: okay.“ Lukas nickte. „Okay“, sagte er, und der Raum machte dieses kleine, kaum hörbare Klick, wenn eine neue Ebene einrastet. Er ging einen Schritt zurück, hielt die Tür, sah kurz zu seiner Mutter. Sie hatte eine Hand am Tisch, die andere an der Tasse, und ihr Gesicht tat etwas, das man kaum beschreiben konnte: Es öffnete sich. „Komm rein“, sagte sie. „Aber nur, wenn du Hunger auf Butterbrot hast.“ „Ich habe Hunger auf Butterbrot“, sagte Erling, als würde eine Zeremonie exakt so beginnen. Er trat ein, zog die Tür leise zu, legte die Kappe an den Haken, den Lukas eben frei gelassen hatte (Reflex, Platzmachen, gut), und blieb einen Moment stehen, um den Raum zu lesen – Fenster, Tisch, Bettkante, Fluchtwege. Er tat es fast so wie Lukas, nur in seiner eigenen, größeren Version. „Wie… wie bist du… also…“, begann Lukas und brach wieder ab, weil Reden und Fassen manchmal nicht gleichzeitig gehen. Erling hob die Hände: „Später die Logistik. Jetzt Brot. Dann Plan.“ Sie setzten sich. Erling bekam das Tellerchen mit den berühmten Radieschen. „Die gucken wirklich wichtig“, sagte er feierlich. Lukas schnitt eines in perfekte Viertel, legte Salz daneben – genau drei Körnchen pro Viertel – und reichte sie ihm. Erling aß, nickte, und Lukas fühlte, wie etwas in seiner Brust einmal groß aufatmete, wie ein Raum, in dem endlich jemand das Fenster ganz aufmacht. „Ich bin nebenan“, sagte Erling nach dem ersten Bissen. „Wenn es laut wird – Stadt, Kopf, Nachrichten – dann klopfe ich tak-tak.“ Er machte das Geräusch genau so, wie es im Flur geklungen hatte. „Und wenn es ruhig ist – bei dir – klopfst du dreimal. Dann weiß ich: alles gut.“ Lukas legte das Messer ab und sah ihn an, richtig. „Du hast im Video gesagt, du bleibst am Telefon, wenn das Fädenziehen kommt“, murmelte er. „Jetzt bist du…“ – er suchte ein Wort,

fand keines, nahm dafür die Karte aus der Schublade, legte sie zwischen sich auf den Tisch: Du darfst gehen. Er tippe mit der Fingerkuppe daneben. „Und du darfst kommen.“ Erling nickte. „Ich komme nur, wenn du magst“, sagte er. „Und ich gehe, wenn du es sagst. Ich bin Nebenraum. Nebenplan. Nebenrhythmus.“ Der Vater legte Butter nach, schob schweigend den Brotkorb hin und her, wie ein Schiedsrichter, der weiß, dass das Spiel gerade ohne Pfeife auskommt. Die Mutter schenkte Tee nach und stellte, ganz unauffällig, eine zweite Tasse an die Wandseite des Tisches, dort, wo Lukas gerne sitzt, wenn er Tür und Fenster im Blick haben will. Erling setzte sich genau dorthin. „Lukas’ Platz“, sagte er, nicht fragend, eher anerkennend. „Ich pass auf, wohin ich schaue.“ Sie aßen. Es war nichts Großes und war doch groß. Ein Butterbrot, ein Radieschen, ein Satz, der nur aus Blicken bestand. Lukas spürte die Nachricht von Patrik noch irgendwo weit hinten – aber sie hatte die Tür nicht in dieses Zimmer gefunden. Zwischen Lampe, Brot und tak-tak gab es keinen Raum für sie. „Morgen“, sagte Erling schließlich, und seine Stimme legte eine ruhige Landkarte in die Mitte, „hast du Plan A/B/C. Ich bin Plan N – nebenan, neben dir, nicht vorn. Wenn Zaun, dann Zaun. Wenn Lampe, dann Lampe. Wenn Radio, dann Radio. Und wenn du nur atmen willst, zähle ich mit: eins–zwei–drei, vier–fünf–sechs.“ Lukas lachte leise und legte die Hand flach auf den Tisch, so dass sie die Karte halb berührte. „Plan N“, wiederholte er. „Gefällt mir. Klingt wie Nord. Ein Punkt, an dem sich alles ausrichten kann.“ Erling hob die Teetasse. „Auf Plan N“, sagte er. „Und auf Radieschen, die Champions-League sind.“ Sie stießen mit Tee an. Es klang kaum. Aber in Lukas’ Kopf machte es genau das Geräusch, das er brauchte: tak-tak – ich bin da. Später, als Erling durch die Nachbartür ging und noch einmal leise klopfte, damit das Zeichen sich einprägte, blieb Lukas einen Moment im Türrahmen stehen. Er hörte die Weide im Hof rascheln, die Stadt war ein weiter Teppich, der niemanden drängte. Er legte die Stirn einen Atemzug an die kühle Tür, lächelte, drehte den Schlüssel ganz herunter – sicher – und ging zurück an den Tisch. Das Mut-Buch wartete. Er schrieb: • Ankunft Opole. Wohnung hell. E. nebenan. Zeichen: tak-tak / dreimal. • Nachricht bleibt draußen. Plan N ist da. • Ich darf bleiben. Er darf kommen. Wir zählen weiter. Dann schob er die Karte „Du darfst gehen.“ in die Schublade, nicht, um sie zu verstecken, sondern weil ihr Satz erfüllt war. Ein anderer lag jetzt obenauf, noch ohne Druckbuchstaben, aber schon ganz lesbar: Du darfst ankommen. Der frühe Abend legte sich wie ein warmer Film über die Hinterhöfe. Die Weide im Innenhof raschelte, als würde jemand ganz langsam Seiten umblättern. In Wohnung 4 stand das Fenster auf Kipp, die runde Lampe über dem Esstisch war noch aus – das Tageslicht reichte. Lukas und Erling saßen am Tisch, zwei Tassen Tee, ein Teller mit den letzten Radieschenvierteln, Brotkrumen wie kleine Inseln. Lukas drehte die Tasse einmal um die eigene Achse, so dass der Henkel wieder nach rechts zeigte. „Ich will nochmal über Patrik reden“, begann er, ohne Umschweife. „Nicht, um es groß zu machen. Um es hinzulegen. Und um dich mitzunehmen in das, was war. Nicht nur, was er sagt.“ Erling stützte die Unterarme locker auf dem Tisch ab, nickte. „Satz für Satz“, sagte er. „Ich höre. Ich beurteile nicht. Ich halte mit.“ Lukas holte Luft, sortierte die Reihenfolge im Kopf wie Karten, die er auf dem Tisch auffächerte. „Wir haben viel für ihn getan“, setzte er an. „Nicht als Beweis – als Geschichte.“ Er zählte an den Fingerkuppen ab, langsam:

„Urlaub zuerst. Wir haben Patrik mitgenommen. Nicht nur einmal. Er hatte kaum Geld, und Mama hat gesagt: ‚Er soll mit.‘ Wir haben den Zuschlag gezahlt, das größere Appartement genommen. Mama hat gekocht, ich habe Listen gemacht, wer wann Ruhe braucht und wann laut geht. Er hat auf dem Rücksitz geschlafen, und ich habe extra die Musik leise gemacht, weil er sagte, er bräuchte das. Niemand hat ihn gedrängt, niemand hat gesagt, er soll dankbar sein. Es war einfach: Komm mit.“ Erling nickte nur, ließ eine kleine Pause between den Punkten, so als würde er die Worte auf Karten schreiben und ordentlich stapeln. „Schutz dann“, fuhr Lukas fort. „Vor dem prügelnden Ex. Er stand unten am Haus. Tomek. Groß, laut. Ich war dabei, als Mama ihn zwischen die Tür und die Straße stellte. Mein Vater hat bei der Polizei angerufen, ich habe Zeit geschaffen – Patrik die Tasche gepackt, ihm gesagt, welche Dokumente er nehmen soll. Später haben wir ihn abgeholt, als er nicht nach Hause konnte. Er hat bei uns geschlafen. Auf meinem Sofa. Ich habe meine Decke abgegeben, obwohl ich die brauche, weil sie schwer ist. Mama hat nachts Wache gehalten. Das ist passiert. Kein Märchen.“ Die Weide raschelte eine Stufe lauter. Lukas sah kurz hinaus, als müsste er eine Linie zur Gegenwart ziehen, dann wieder zu Erling. „Feste“, sagte er. „Wir sind mit ihm auf Feste gegangen, obwohl ich Feste nur in geplant kann. Mama und ich haben Zeiten ausgemacht, Rückzugsorte, Weg und Wiederkommen. Patrik mochte die Musik, ich mochte das Licht nicht. Wir sind geblieben. Für ihn. Und wenn es mir zu laut war, hat Mama eingehakt und mit mir Runden gedreht, bis ich wieder rein konnte. Er hatte Spaß. Ich hatte Plan. So ging das.“ Erling atmete mit, ganz leise. „Ich sehe das Bild“, sagte er. „Links die Bühne, rechts die Runde, dazwischen ihr.“ „Stadion“, sagte Lukas, und zum ersten Mal huschte ein kleines Lächeln über sein Gesicht. „Wir haben teure Karten gekauft, damit wir sitzen konnten. Für ihn. Er wollte sitzen, nicht stehen. Also Sitzplatz. Ich wollte stehen, aber ich habe gesehen, dass Sitzen für ihn Sicherheit ist. Also Sitzen. Bratwurst und 0,0 für mich, Bier für ihn. Nach dem Spiel ist er mit uns heim. Kein Taxi alleine, kein Nachsitzen bei Leuten, die ich nicht kenne. Unser Weg. Unsere Tür.“ Lukas nahm einen Schluck Tee, ließ den Becher länger an den Lippen, als nötig war. Dann legte er ihn ab. „Einkäufe haben wir gemacht, wenn es bei ihnen eng war. Mama hat Geld vorgestreckt, Tüten getragen, Rechnungen geordnet. Wir haben Möbel aufgebaut – Schrauben sortiert, Anleitungen entwirrt, Regale an die Wand. Wir haben Ostern zusammen gemacht, Eier bemalt, auch als es bei ihnen zu Hause schwierig war. Karolina war nach der Schule bei uns, monatelang, weil es sicherer war. Wir haben Darmstadt – Shoppen – Lachen gemacht. Und wenn es krachte, hat Mama da gestanden. Mehr als einmal.“ Erling sah ihn wach an. „Das sind viele Handlungen“, sagte er. „Nicht Worte. Gewicht.“ „Es ist noch mehr“, sagte Lukas leiser. „Mama hat ihn immer wieder vor Tomek gestellt, hat gesagt: Nein. Hat ihm gesagt: Geh. Hat Patrik aus Situationen gezogen, in denen er unterging. Sie hat bei Ärzten für ihn angerufen, bei Ämtern. Sie hat ihm Angebote organisiert – Job bei Frau Dr. Amini. Es hat nicht geklappt, aber sie hat dran gezogen. Viele Male. Und wenn er kam, hat sie gekocht, zugehört, vorgelesen aus diesen blöden Anträgen. Ich habe daneben gesessen und Wörter gezählt, damit mein Kopf nicht kippt.“ Erling legte die Handfläche auf den Tisch, ohne sie zu Lukas hinzuschieben – da, nicht dran. „Ich höre: ihr habt getragen, geräumt, geschützt, geteilt. Über lange Zeit. Und jetzt kommt ein Text, der so tut, als gäbe es davon nichts.“ Lukas nickte, einmal. „Ja. Und ich will nicht, dass dieser Text das Letzte ist, was im Raum liegt. Darum sage ich laut: Es gab viel. Wir haben viel getan. Ohne Rechnung. Weil es richtig war. Und weil wir Familie sind. Dass er jetzt so schlägt, sagt mehr über ihn als über uns.“

Erling ließ den Satz stehen, berührte ihn nicht, ließ ihn austrocknen wie Farbe, die man nicht mit dem Finger testet. „Magst du, dass wir zusammen einmal die Liste aufschreiben? Nicht, um sie ihm zu schicken. Um sie euch zu geben. Damit ihr die Chronik habt.“ Lukas’ Mundwinkel zuckten. „Mut-Buch-Einlage“, sagte er. „Chronik Hilfe. Datum, Tat, Wer. Kurz. Klar. Nicht Anklage. Inventar.“ „Genau“, sagte Erling. „Inventur von Gutem.“ Lukas stand auf, holte das Mut-Buch, legte es auf. Er schrieb oben: „Für uns – nicht gegen ihn.“ Darunter begann er, sachlich: • Urlaube: Mitgenommen (Kosten: wir), Organisation (Mama), Struktur (Lukas). • Schutz vor Tomek: Polizei, Tür, Übernachtung bei uns, Decke, Nachtwache. • Feste: Routen, Pausen, Runden, Wieder rein. • Stadion: Sitzplätze teurer – Wahl für Sicherheit. • Einkauf & Geld: Vorgestreckt, getragen, geordnet. • Möbel: aufgebaut, Schrauben, Regale. • Ostern: zusammen, bei uns – Sicherheit für Karolina. • Darmstadt: Begleitung, Alltag möglich gemacht. • Ämter / Ärzte: telefoniert, übersetzt, Termine. • Jobversuch: Frau Dr. Amini – organisiert, begleitet. • Kochen / Zuhören: viele Abende, ohne Protokoll. Er legte den Stift hin. „Es ist viel“, sagte er, nicht stolz, eher überrascht, wie wenn man eine Schublade zu weit herauszieht und sieht, was alles darin ist. „Wenn ich das so sehe, merke ich: Wir sind nicht das, was er schreibt.“ Erling deutete mit dem Kinn auf die Zeile ganz oben. „Überschrift ist gut“, sagte er. „Für uns – nicht gegen ihn.“ Er lächelte leicht. „Magst du eine letzte Zeile? Für heute. Eine, die dir gehört.“ Lukas dachte kurz, sah in den Hof, sah die Weide, sah seine Mutter in der Küche, die gerade ganz leise eine Melodie summte, die er kannte. Dann schrieb er: • Schluss heute: Ich habe richtig gehandelt. Und ich bin nicht, was sein Text behauptet. Erling atmete hörbar, ein gutes Zeichen. „Gut“, sagte er. „Richtig.“ Lukas klappte das Buch zu und legte die Hand einen Atemzug oben drauf. „Weißt du“, sagte er, „wir waren mit ihm auch auf kleinen Festen – nicht nur Kirmes. Familienfeste. Wir haben ihn zu Andreas gebracht, wenn er sich verloren hat. Wir haben ihm zugehört, wenn er gesungen hat. Mama hat ihn gelobt, als er den Abschluss geschafft hat. Es gibt schöne Dinge. Ich will die mitnehmen. Nicht ihn – die Dinge.“ „Dann nimm sie“, sagte Erling. „Pack zwei davon in Plan N. Morgens eine, abends eine. Keine großen Bilder. Kleine – Geruch, Geräusch, Farbe. Du hast ein Talent dafür.“ Lukas grinste schief. „Geruch: Sonnencreme vom Urlaub. Geräusch: Luftmatratze, die quietscht. Farbe: Gelb vom Riesenrad.“ Er stockte, spürte, wie die Brust wieder weiter wurde. „Das sind meine. Selbst wenn er weg ist, bleiben die.“ „Genau“, sagte Erling. „Deine.“ Aus der Küche stellte seine Mutter drei Teller hin. „Erdäpfel mit Quark“, sagte sie, „weil die Polen das so mögen – und ich auch.“ Sie stellte den Topf ab und sah die beiden an. „Alles gut?“ Lukas nickte. „Inventur gemacht“, sagte er. „Nicht für ihn. Für uns.“ Sie aßen zu dritt, das Fenster auf Kipp, der Hof leise, die Weide bei Seite 63. Und als der Teller leer war, stand Erling auf, tippte zweimal tak–tak an den Türrahmen – das verabredete „ich bin da“ – und sagte: „Für morgen gilt: Zaun, Lampe, Radio – du entscheidest die Reihenfolge. Plan A/B/C – und ich bleibe Plan N.“ „Plan N“, wiederholte Lukas, und diesmal klang es wie eine Koordinate. Er sah auf sein MutBuch, auf die zugeklappte Chronik, und dachte: Wir sind mehr als seine Sätze. Dann griff er nach der Schüssel mit den letzten Radieschen. „Und jetzt“, sagte er feierlich, „gibt es noch Champions-League.“

Der Abend in Opole war mild, die Luft schmeckte nach Regen, der es sich anders überlegt hatte. Lukas’ Mutter schob das Fenster zu, legte die Schlüssel in die kleine Holzschale an der Tür und sagte: „Komm, wir gehen etwas essen. Nichts Großes. Draußen sitzen, wenn’s geht.“ Der Vater nickte; er hatte bereits die Jacke über dem Arm. Lukas zog die Tür sanft ins Schloss, bis das vertraute klick kam, und sah kurz zur Nachbarwohnung hinüber. Zwei leise Klopfzeichen – tak-tak – als Gruß. Aus der Nachbartür kam das Antworttempo: tak-tak. Plan N war wach. Sie gingen zu dritt die Treppe hinunter; im Hof raschelte die Weide wie ein Mantel, den jemand zurechtrückt. Auf der Straße lag dieses unaufgeregte Abendgeräusch: Besteckklirren von irgendwo, ein Fahrradklingeln, ein Hund, der nicht sehr überzeugt bellte. Lukas lief innen zwischen Mutter und Vater – so konnte er Straße und Hausfronten gleichzeitig scannen. „Zwei Blocks, dann rechts“, sagte er halblaut, „da ist der Platz mit den Lichterketten.“ Er hatte ihn am Nachmittag markiert; sein Kopf mochte Markierungen. Das Lokal hieß „U Mostu“, weil es am Brückenende lag. Draußen standen Tische unter warmem Licht, die Decken waren kariert, aber nicht kitschig. Sie setzten sich so, dass Lukas Tür und Brücke im Blick hatte. Der Kellner brachte die Karte; Lukas überflog sie, nicht um zu entscheiden, sondern um die Ränder zu kennen. Dann schob er sie der Mutter hin, behielt aber den Finger an einer Stelle, wo ein kleines Fischgericht stand. „Was möchtest du?“, fragte die Mutter. „Pierogi ruskie“, sagte Lukas ohne Zögern. „Und eine Tomatensuppe vorher. Suppe macht ruhig.“ Der Vater grinste. „Ich nehme Bigos. Wenn Polen, dann richtig.“ Die Mutter bestellte Zander mit Kartoffeln. „Und für ihn die Tomatensuppe und die Pierogi“, sagte sie und deutete auf Lukas; der Kellner nickte, als hätte er das schon geahnt. Während sie warteten, machte Lukas seine kleine Abendordnung: Rucksackhaken unterm Tisch, Handy Display nach unten, Mut-Buch bleibt heute im Zimmer – bewusste Entscheidung. Er legte die Hände locker auf die Tischkante, Daumen parallel. „Morgen ZaunFoto“, sagte er mehr zu sich. „Heute Lampe war genug.“ Die Mutter verstand trotzdem und legte kurz ihre Hand neben seine, nicht drauf – da, nicht dran. Die Suppe kam in einer kleinen Schale, roch nach Basilikum und ein bisschen Kindheit. Lukas rührte einmal, ließ den Löffel kurz an der Kante stehen, bis der Tropfen abriss, und probierte. Warm, rund, leise. Er spürte, wie die Muskeln zwischen Schultern und Nacken einen Millimeter weicher wurden. „Gut“, sagte er. „So fängt man Abende an.“ Der Platz füllte sich. Eine Familie setzte sich zwei Tische weiter, ein Mädchen zählte laut die Spatzen auf der Brüstung und kam über elf nicht hinaus; jeder Neuzugang war wieder „eins“. Lukas musste lächeln. „Sie zählt wie ich“, flüsterte er. Die Mutter nickte. „Vielleicht zählt die Welt überall gleich, wenn man genau genug hinhört“, sagte sie. Die Pierogi waren goldrandig und knusperten an zwei Stellen, wo sie die Pfanne geküsst hatten. Lukas schnitt den ersten Teigmond auf, ließ die Füllung kurz atmen, streute genau drei Salzkrümel nach, dann aß er. „Ja“, sagte er, und es war das runde Ja, das seine Mutter kannte – nicht das höfliche, sondern das stimmige. Der Vater reichte Bigos rüber: „Probier.“ Lukas nahm einen Gabelzinken voll, just so, dass sein Kopf nicht überfordert war von neuen Geschmäckern. „Kräftig“, entschied er. „Für heute bleibe ich bei leise.“ Ein Schatten löste sich am Rand des Platzes. Kappe, Kapuzenjacke, leichtes Winken. Erling blieb auf Distanz, legte die Hand an die Brust und hob zwei Finger – „ich bin da“ –, dann zeigte er auf sein Handgelenk, formte mit Daumen und Zeigefinger ein kleines O – okay –, und ging weiter, als wäre er nur ein Spaziergänger. Es war genau richtig: gesehen werden, ohne zu verschieben. Lukas’ Brust wurde still weit. „Plan N, Sichtkontakt“, murmelte er. Der Vater nickte, ohne sich umzudrehen. Die Mutter lächelte in ihr Glas. Sie sprachen über morgen, aber nicht über Großes: „Wir schauen zuerst die Brücke an“, sagte die Mutter, „dann suchst du Kopfsteinpflaster fürs Foto.“ – „Ich brauche eine Kante mit

Schatten“, antwortete Lukas. „E. rät es so.“ – „Und Mittag?“, fragte der Vater. „Etwas Kleines“, sagte Lukas. „Tag bleibt leicht.“ Als sie fertig waren, teilten sie noch einen Apfelstrudel – drei Gabeln, jeder nacheinander, damit es geordnet blieb. Der Kellner brachte die Rechnung; der Vater legte sie zu den Gabeln, als wäre sie der vierte Gast, und zahlte ohne Diskussion. Lukas richtete in der Zwischenzeit die Servietten zu einem ordentlichen Stapel. Kleine Ordnung, große Wirkung. Auf dem Rückweg war die Stadt glänzender, als hätte jemand einen feuchten Pinsel über die Steine gezogen. Auf der Brücke blieben sie kurz stehen. Odra unten, schwarz wie Tiefe, mit Lichtern, die sich zu Zebrastreifen streckten. Lukas lehnte die Hand an das kalte Geländer – Körpermarke. Vier rein, sechs raus. „Gut“, sagte er. „Der Tag hat Kanten und weich zugleich.“ Die Mutter sah ihn von der Seite an. „So mögen wir’s“, sagte sie. Im Hausflur oben – kühler Stein, Holzpolitur, echotauglich – blieb Lukas vor der Nachbartür stehen und tippte zweimal tak-tak. Von drinnen kam leise Musik, dann das gleiche tak-tak zurück, gefolgt von einem weiteren, ganz kurzen tok – ihr verabredetes „Gute Nacht später“. In Wohnung 4 stellte Lukas die Wasserflasche auf den Tisch, legte die Satzkarten sichtbar neben die Lampe und schrieb im Mut-Buch: • Abendessen „U Mostu“: Suppe leise, Pierogi rund, Platz freundlich. • Plan N Sichtkontakt: okay ohne Nähe. • Morgen: Brücke → Pflasterfoto → leichtes Mittag. Er sah auf die Karte obenauf – Du darfst ankommen. – und strich die Kante mit dem Daumen, als würde er einen Rand verklammern. Im Flur antwortete die Weide mit einem letzten Rascheln. Lukas löschte das Licht, ließ das Fenster auf Kipp und sagte in die Dunkelheit, fast wie ein Passwort: „Zaun morgen. Lampe heute. Radio nur, wenn’s will.“ Aus der Nachbarwohnung kam, kaum hörbar, ein tak. Es reichte. Die frühe Nacht hing wie ein dünner Vorhang im Flur. Aus der Nachbarwohnung kam kein Ton; nur die Weide im Hof strich ab und zu mit Blättern an die Luft. In Wohnung 4 stand die Lampe gedimmt, der Tisch war abgeräumt, nur zwei Tassen blieben wie Platzhalter stehen. Lukas saß seitlich am Stuhl, so dass er Tür und Fenster im Blick hatte. Erling gegenüber – nicht direkt ihm gegenüber, sondern leicht versetzt: Nebenraum, nicht Front. „Ich will dir sagen, was er mit mir gemacht hat“, begann Lukas ruhig. „Nicht, um es größer zu machen – damit es nicht mehr in mir kreist.“ Erling nickte. „Ich bin da. Satz für Satz. Du bestimmst das Tempo.“ Lukas legte die Handflächen auf die Oberschenkel, Daumen parallel. „Er hat mir die Hand eingeklemmt“, sagte er. „Ich wollte mir etwas anschauen, eine Schublade, ein Bild – ich weiß nur noch den Impuls: schauen, ordnen, verstehen. Er hat die Tür mit Wucht zugedrückt. Hand drin. Kein Unfall. Er hat geguckt, gezielt, zugedrückt. Erst als ich zog, ließ er los. Es war nicht nur der Schmerz. Es war der Blick, der sagte: Du bist hier nicht erwünscht.“ Er atmete einmal flach ein und aus. „Ich habe seitdem eine Mininarbe am Knöchel. Man sieht sie kaum. Aber mein Kopf sieht sie immer.“ Erling legte die Fingerspitzen an den Tischrand, ohne zu trommeln. „Ich habe verstanden“, sagte er leise. „Absicht, Kontrolle, Verletzung. Nicht dein Fehler.“ „Er hat mich oft beleidigt“, fuhr Lukas fort. „Nicht das eine große Wort, sondern viele kleine Pfeile: ‘Kindisch’, ‘peinlich’, ‘stell dich nicht so an’, ‘reiß dich zusammen’. Wenn ich Regeln brauchte, nannte er es Theater. Wenn ich Pause brauchte, war ich faul. Wenn ich später geantwortet habe, lag ich ihm nicht am Herzen. Ich habe irgendwann mitgeschrieben. Nicht die Wörter – die Häufigkeit. In einem Monat 27 Mal ‘kindisch’. Mein Kopf macht so etwas. Er zählt, damit er weiß, was wahr ist. Wahr war: 27.“ Erling atmete hörbar durch die Nase. „27 ist viel“, sagte er. „Und jedes davon ist zu viel.“ „Meine Brille“, sagte Lukas. Er fasste unwillkürlich an den Bügel. „Er hat sie mir kaputt gemacht. Nicht aus Versehen. Weggerissen. Verdreht. Dann lag sie schief. Ein Bügel locker, der andere kratzt. Einen Tag später war sie ganz gebrochen. Ich sehe ohne Brille die Welt wie

durch Wasser. Ich wurde leise, um sicher zu bleiben – und dann hat er mich laut gemacht, indem er sagte: ‘Loser’. Vor anderen. Beschämt. Das Wort ist klebrig. Es hing an mir wie Zuckerwatte, die man nicht abbekommt.“ Erling hob kurz den Blick, traf Lukas’ Augen und senkte ihn wieder, um den Raum nicht zu überfluten. „Ich sehe den Ort“, sagte er. „Ich sehe die Hand, die reißt. Ich sehe dich, der bleibt, ohne zu zerfallen. Das ist Stärke, nicht ‘Loser’.“ „Er hat über mich gejammert“, sagte Lukas, und seine Stimme wurde fester. „Bei anderen. So als wäre ich sein Problem. Als hätte er Last mit mir. Immer wieder. Auch wenn er weiß, dass ich Dinge nicht mit Absicht mache. Er weiß das. Er kennt meinen Kopf. Trotzdem: Jammer, Spott, Verdrehung. Er hat mich zum Thema gemacht, wenn ich gar kein Thema sein wollte. Ich habe dann angefangen, in Räumen weniger Platz zu nehmen. Schmal sitzen, leise atmen, Tür im Blick. Meine Körpermarken wurden kleiner.“ Erling nickte langsam, als würde er eine Landkarte abfahren. „Du hast Platz verdient“, sagte er ruhig. „Normalen Platz. Wir holen ihn uns zurück. Hier. Jetzt.“ Lukas’ Blick wanderte zum Fenster, holte sich die Kante des Rahmens als Referenz, kehrte zu Erling zurück. „Ich erzähl dir das, weil ich nicht will, dass seine Version die lauteste bleibt. Meine Version ist leiser – aber sie ist wahr.“ „Dann machen wir sie sichtbar“, antwortete Erling. „Wir legen sie nebeneinander. Tat – Wirkung – Wahrheit. Kurz. Und dann kommt eine Schutzlinie.“ Lukas nickte. „Tat: Hand eingeklemmt. Wirkung: Schmerz + Nicht-gewollt-Gefühl. Wahrheit: Grenzverletzung. Nicht mein Fehler. Tat: Brille zerstört. Wirkung: Welt unscharf + Scham vor anderen. Wahrheit: Demütigung. Nicht mein Wahrheitsmaß. Tat: Beleidigungen + Jammern. Wirkung: Platz klein, Atem leiser, Zählen gegen das Verschwimmen. Wahrheit: Abwertung, die nichts über meinen Wert sagt.“ Erling hob einen Finger. „Und jetzt Schutzlinie für morgen, falls ein Gedanke aufspringt: 1. Satz (innerlich): ‘Seine Taten sind sein Protokoll, nicht meins.’ 2. Körper: Hand flach auf Brustbein, vier–sechs. 3. Ort: Blick an eine feste Kante (Zaun / Pflaster / Lampe). 4. Handlung: raus aus dem Raum / Chat / Gedanken, rein in Plan N.“ Lukas wiederholte leise: „Sein Protokoll – nicht meins.“ Er spürte, wie der Satz einrastete, wie eine Karte, die endlich in die richtige Hülle rutscht. „Ich schreibe ihn ins Mut-Buch.“ Er stand auf, holte das Buch, schrieb sauber, mittig, mit etwas mehr Druck als sonst: Sein Protokoll ist nicht meins. Ich entscheide meinen Platz. Ich benenne, begrenze, gehe (wenn nötig). Er setzte den Punkt, legte den Stift hin und atmete. Dann sah er Erling an. „Danke, dass du hörst, ohne zu jagen.“ „Danke, dass du sagst, ohne zu verbiegen“, antwortete Erling. „Und weil es Nacht ist, bekommen diese Dinge jetzt einen Ort: nicht im Kissen, nicht im Körper – im Buch. Morgen holen wir Zaun, Pflaster, Lampe. Und wenn ein Wort wie ‘Loser’ auftaucht, erzähle ich ihm, was ich gesehen habe, als du gerutscht bist und zurück ins Stadion gekommen bist: Mut. Wahrheit.“ Lukas’ Mundwinkel hoben sich. „tak-tak?“, fragte er. Erling tippte zweimal gegen den Tisch: tak–tak. „Ich bin nebenan. Wenn ein Gedanke zu laut wird – dreimal.“ „Dreimal“, bestätigte Lukas. Er sah zur Uhr. Frühe Nacht war weitergerückt. Er klappte das Mut-Buch zu, ließ die Hand noch einen Atemzug auf dem Deckel liegen und flüsterte: „Sein Protokoll ist nicht meins.“ Erling stand auf, nahm die Kappe, blieb im Türrahmen einen Moment stehen. „Morgen: du führst. Ich zähle mit.“

Als die Tür leise ins Schloss fiel, war die Wohnung still – nicht leer, sondern geordnet. Lukas drehte die Lampe eine Stufe weiter herunter, ging ans Fenster, legte die Finger an den kühlen Rahmen. Vier–sechs. Dann schrieb er noch eine Zeile: • Frühe Nacht: Gesagt. Sortiert. Schutzlinie steht. Er blies die Luft langsam aus, schob das Buch an seinen Platz und ging schlafen – mit seinem Protokoll. Der Morgen des zweiten Tages begann mit dem hellen Schimmer durch die Vorhänge. Die Sonne hing tiefer als zuhause in Mainz, das Licht wirkte irgendwie goldiger. Lukas war schon vor den Eltern wach, saß am kleinen Tisch der Ferienwohnung und zeichnete mit dem Finger unsichtbare Linien über die Tischplatte – von Tür zu Fenster, von Fenster zur Lampe. Einmal die Runde, dann Stopp. Seine Mutter trat in die Küche, noch mit nassen Haaren vom Duschen. „Wir gehen gleich runter in den Laden, hm? Wasser und was fürs Frühstück.“ „Und Schinken“, fügte der Vater von der Schlafzimmertür hinzu, „da unten hab ich gestern schon die Theke gesehen.“ Lukas stand langsam auf, griff nach seinem Rucksack, in dem das Mut-Buch griffbereit oben lag. Die Satzkarten blieben in der Schublade, heute wollte er sie nicht mitschleppen – bewusst leicht. Der Laden unten war einer dieser kleinen polnischen Tante-Emma-Läden, die trotzdem fast alles haben. Der Eingang piepte leise, als sie die Tür aufstießen. Es roch nach einer Mischung aus Brot, Waschpulver und geräuchertem Fleisch. Lukas blieb kurz am Eingang stehen, überflog den Raum: links Regale mit Wasserflaschen, rechts die Kühltheke mit Schinken und Käse, hinten eine kleine Kasse mit einer älteren Verkäuferin, die freundlich nickte. „Ich hol das Wasser“, sagte er. „Zwei große, zwei kleine.“ Er mochte klare Aufgaben. Seine Mutter nickte: „Wir nehmen Schinken und vielleicht noch Käse dazu.“ Lukas nahm die Flaschen, legte sie geordnet ins Körbchen: große nach unten, kleine obenauf. Er kontrollierte einmal die Etiketten – nicht Kohlensäure, still. Dann ging er zur Theke, wo der Vater gerade mit der Verkäuferin sprach. „Szynka, proszę,“ sagte die Mutter in vorsichtigem Polnisch, und die Verkäuferin lächelte und legte frische Scheiben auf das Papier. Lukas beobachtete, wie sie das Paket sorgfältig einwickelte. Er mochte dieses Geräusch: Papier gegen Papier, das leicht knistert. „Das ist gut“, sagte er leise. Die Mutter sah ihn an und verstand sofort. An der Kasse legten sie alles auf das Band: Wasser, Schinken, ein kleines Stück Käse, ein frisches Brot, das der Vater im Regal entdeckt hatte. Lukas sortierte die Dinge nach Gewicht, damit nichts zerdrückt wurde. Als die Verkäuferin den Betrag nannte, griff die Mutter nach dem Geld. Lukas zählte mit: Zloty-Scheine, Münzen, Rückgeld. Alles passte. Draußen auf der Straße packten sie um. Wasser in den Rucksack des Vaters, Schinken und Brot in die Tasche der Mutter, Käse zu Lukas, weil er den Platz im Rucksack hatte. „So verteilt sich das Gewicht“, sagte er sachlich. Sie gingen zurück in die Wohnung, die Treppen hinauf, Lift war besetzt. Lukas zählte die Stufen: 1–2–3, dann kurz Atem, weiter. Vor der Tür machte er wieder das kleine Ritual – taktak. Von nebenan kam es nach ein paar Sekunden zurück: tak-tak. Er lächelte. Oben stellten sie die Einkäufe auf den Tisch. Lukas sortierte sofort: Wasserflaschen an die Wandseite, Schinken ins Fach im Kühlschrank, Käse daneben, Brot in die Schale. Er legte die Verpackung glatt auf den Tisch und schrieb in sein Mut-Buch: • Einkauf unten: Wasser (still), Schinken (frisch), Käse + Brot. • Geräusch: Papier knistert. • Gefühl: geordnet, leicht.

Dann setzte er sich, schnitt sich eine Scheibe Brot, legte Schinken darauf und sagte nach dem ersten Bissen nur ein Wort: „Ja.“ Die Mutter lächelte, der Vater goss Tee ein, und durch die offene Tür zum Hof raschelte wieder die Weide, als hätte sie das „Ja“ bestätigt. Am Mittag des zweiten Tages machten sie sich auf den Weg nach Zelasno, dem kleinen Heimatdorf von Lukas’ Mutter. Es lag nur ein paar Kilometer von Opole entfernt, ein Ort, der eher nach Erinnerung roch als nach Zukunft. Das Taxi rumpelte über schmale Straßen, vorbei an Feldern mit goldgelbem Korn und vereinzelten Scheunen, deren Holz schon seit Jahrzehnten der Sonne ausgesetzt war. Lukas saß hinten am Fenster, die Hand an der kalten Scheibe. Er zählte die Birken am Straßenrand – jede dritte war schmaler, jede fünfte hatte eine Schiefneigung. „Zehn, elf, zwölf …“ murmelte er, bis das Dorf auftauchte. Zelasno. Ein paar Häuser, rot-braune Dächer, ein kleiner Platz mit einer alten Bushaltestelle, die aussah, als sei sie schon lange nicht mehr benutzt. „Hier bin ich aufgewachsen“, sagte die Mutter, und ihre Stimme bekam einen Ton, den Lukas selten hörte – weich, fast flüsternd. Sie deutete auf ein Haus mit grün gestrichenen Fensterläden. „Da drüben stand unser Garten. Und dort hinten die Schule.“ Sie hielten am Friedhof, der am Dorfrand lag. Ein schmiedeeisernes Tor, leicht quietschend, als der Vater es aufstieß. Es roch nach Wachs und trockener Erde. Lukas’ Mutter ging voraus, den Kiesweg entlang, zwischen Grabsteinen, die Geschichten trugen, in einer Sprache, die Lukas nicht fließend verstand, die aber durch ihre Buchstaben alt und ernst wirkte. Am Grab ihrer Mutter blieb sie stehen. Ein schlichter Stein, mit Blumen geschmückt. Lukas sah, wie seine Mutter die Finger über den eingemeißelten Namen glitten ließ. „Mama …“, sagte sie leise. Kein Satz, nur das Wort. Sie stellte frische Blumen in die Vase, kniete sich hin, ordnete eine Kerze, die halb heruntergebrannt war. Lukas stand still daneben, hielt Abstand, aber nicht zu viel. Er hörte die Weideblätter über dem Friedhof rauschen, als würden sie für einen Moment den Wind übersetzen. „Das ist deine Oma“, sagte die Mutter, ohne den Blick vom Stein zu nehmen. „Du hast sie nie kennenlernen dürfen. Aber sie hätte dich gemocht, so wie du bist.“ Lukas nickte. Er wusste nicht, was er antworten sollte, also legte er seine Hand an den kalten Stein. Kurz. Ein Zeichen. „Hallo“, sagte er, fast unhörbar. Ein Stück weiter war ein anderes Grab. „Und hier …“, begann die Mutter, und ihre Stimme stockte, „hier liegt ein Freund. Er ist vor drei Jahren gestorben. Ein guter Mensch. Immer hilfsbereit, immer ein Lachen, selbst wenn er selbst Sorgen hatte.“ Sie stellte ebenfalls eine kleine Kerze auf den Stein. „Ich konnte mich damals nicht richtig verabschieden. Heute schon.“ Sie standen eine Weile schweigend dort. Lukas spürte, wie die Luft dicker wurde, nicht unangenehm, sondern wie ein schweres Tuch, das man gemeinsam trug. Er schloss die Augen und zählte die Atemzüge. Vier rein, sechs raus. Er hörte neben sich das leise Knistern des Feuerzeugs, als die Mutter die Kerzen anzündete. Dann legte sie die Hand auf Lukas’ Schulter. „Danke, dass du hier bist.“ Er öffnete die Augen. „Familie“, sagte er. „Das heißt: zusammen hingehen. Auch an schwere Orte.“ Der Vater stand ein paar Schritte entfernt, die Hände in den Taschen, den Blick respektvoll gesenkt. Er sagte nichts, aber sein Dasein war Antwort genug. Als sie zurück zum Taxi gingen, drehte sich Lukas noch einmal um. Zwei Lichter brannten jetzt – eins am Grab der Oma, eins am Grab des Freundes. Sie flackerten im Wind, klein, aber standhaft. Er dachte: Das ist wie meine Karten im Mut-Buch – kleine Zeichen, die trotzdem halten. Im Taxi zurück nach Opole schrieb er eine kurze Notiz in sein Handy, die er später ins MutBuch übertragen wollte: • Zelasno: Oma – Blumen, Kerze, Hand am Stein.

Freund – Kerze, Erinnerung, Abschied. Gefühl: Schwer, aber gemeinsam getragen. Dann lehnte er den Kopf ans Fenster und sah die Felder vorbeiziehen. Schwer, dachte er, aber nicht allein. Und das war genug für diesen Mittag. • •

Möchtest du, dass ich als nächsten Schritt den Abend beschreibe – wie die Familie zurück in Opole etwas Kleines kocht und Erling vielleicht dazukommt – oder soll ich direkt zum nächsten besonderen Tag springen (z. B. Dresden-Spiel oder ein weiterer Ausflug)? Am späten Nachmittag, nachdem sie den Friedhof verlassen hatten, fuhr das Taxi noch ein Stück weiter ins Dorf hinein. Die Mutter wollte Lukas und dem Vater zeigen, wo sie früher gelebt hatte. Das Auto hielt vor einem alten Steinhaus, dessen Mauern von der Sonne in ein rötliches Licht getaucht waren. Es stand am Rand einer schmalen Gasse, eingefasst von einem alten Holzzaun, hinter dem Büsche und Bäume inzwischen unkontrolliert in den Himmel wucherten. Lukas stieg vorsichtig aus, sein Blick blieb an den offenen Fensterhöhlen hängen. Kein Glas, keine Rahmen mehr – nur Löcher im Mauerwerk. „Hier …“, sagte die Mutter leise, „hier bin ich groß geworden.“ Ihre Stimme war voller Erinnerungen, aber auch mit einer Spur Traurigkeit. „Dein Opa, also mein Vater, hat über zwanzig Jahre lang immer wieder versucht, es zu reparieren. Ein Dach gedeckt, Mauern ausgebessert, Fenster eingesetzt. Aber irgendwann … irgendwann hat das Haus aufgegeben.“ Sie gingen näher an den Zaun heran. Lukas spürte, wie die Vergangenheit des Ortes fast in der Luft hing. In den Ritzen zwischen den Steinen wucherte Gras, die Fensteröffnungen sahen aus wie Augen, die nicht mehr richtig sehen konnten. Für einen Moment war es still – nur das Summen einer Biene irgendwo im Grün. Lukas’ Vater legte den Arm um die Schulter seiner Frau. „Es ist kaputt, ja … aber die Erinnerung daran lebt noch. Du hast uns hierhergebracht – das ist wichtiger als jede Mauer.“ Die Mutter nickte, und in ihren Augen glitzerte etwas. „Ich wollte, dass ihr seht, wo ich herkomme. Dass ihr wisst, warum mir dieses Dorf so viel bedeutet, auch wenn es weh tut.“ Lukas legte die Hand auf den Zaun. „Das Haus ist kaputt“, sagte er langsam, „aber du bist da. Du bist hier rausgegangen, du hast weitergemacht. Das Haus kann nicht mehr – aber du kannst.“ Die Mutter sah ihn überrascht an und lächelte dann sanft. „Du hast recht, mein Schatz.“ Ein paar Straßen weiter hielten sie noch bei einer alten Freundin der Mutter, die seit Jahren im Dorf geblieben war. Ihr kleines Haus war gepflegt, mit Blumen in den Fenstern und einer Bank vor der Tür. Die Freundin begrüßte sie herzlich, und obwohl Lukas sie nicht kannte, fühlte er sofort die Wärme in ihrem Blick. Sie gingen hinein, setzten sich an einen Holztisch, auf dem schon eine Kanne Tee stand. Der Duft von Kräutern füllte den Raum – Pfefferminze, ein Hauch von Kamille. „Setzt euch, trinkt etwas“, sagte die Frau. „Es tut gut, alte Freunde wiederzusehen.“ Die Mutter und ihre Freundin sprachen leise miteinander, tauschten Erinnerungen aus – an Schulwege, Feste im Dorf, an die schweren Jahre, aber auch an Momente voller Lachen. Lukas hörte zu, ohne alles zu verstehen, aber er spürte, wie wichtig dieses Gespräch war. Seine Mutter wirkte ruhiger, leichter. Er trank einen Schluck Tee. Warm, erdig, beruhigend. Er legte die Hände um die Tasse und dachte: Das hier ist ein anderes Zuhause – nicht aus Steinen, sondern aus Worten und Menschen. Als sie später wieder hinausgingen, war der Himmel schon golden. Lukas sah zurück auf das kaputte Haus, dann auf das kleine, gepflegte Haus der Freundin. Er verstand: Häuser können zerfallen – aber was Menschen füreinander sind, bleibt bestehen. Der Abend in Opole war lau, die Sonne stand tief und färbte die Straßen golden. Lukas hatte den ganzen Nachmittag noch über das kaputte Haus und den Tee bei der Freundin seiner Mutter

nachgedacht. Als sie zurück in der Ferienwohnung waren, schlug die Mutter vor: „Wir brauchen noch etwas für morgen – lass uns nochmal runter in den Laden gehen. Ein bisschen Wasser und noch Schinken.“ Lukas nickte. Er mochte die Klarheit solcher Pläne. Also gingen sie zusammen die Treppe hinunter. Der kleine Laden war wieder still beleuchtet, die Verkäuferin erkannte sie sofort und lächelte. Diesmal nahm Lukas zwei Päckchen Schinken, wieder sorgfältig eingewickelt im knisternden Papier, und zusätzlich noch ein kleines Brötchen. „Für morgen früh“, erklärte er. Der Vater zahlte, und Lukas sortierte die Sachen direkt in die Tasche: Schinken ganz oben, damit er nicht gedrückt wird, Wasser unten. Alles hatte seinen Platz. Als sie aus dem Laden kamen, zeigte Lukas plötzlich auf das leuchtende Schild in der Nähe: McDonald’s. Die roten und gelben Farben spiegelten sich im Abendlicht. „Vielleicht … können wir dort noch etwas essen?“, fragte er vorsichtig. Die Mutter lächelte. „Warum nicht. Urlaub heißt auch: kleine Wünsche erfüllen.“ Sie gingen die paar Straßen bis zum Restaurant. Drinnen roch es nach Pommes und warmem Brot. Lukas mochte die klaren Linien des Menüs über der Theke. „Ich nehme einen Hamburger, Pommes klein, Cola light“, sagte er leise zu seiner Mutter, die bestellte. Der Vater entschied sich für einen Big Mac, die Mutter für einen Salat mit Chicken-Streifen. Sie setzten sich an einen Fensterplatz. Lukas sortierte das Tablett: Pommes rechts, Burger mittig, Cola links. Er biss in den Hamburger – warm, weich, ein Geschmack, den er sofort kannte. „Genau so“, murmelte er zufrieden. Sie sprachen nicht viel, aber die Atmosphäre war leicht. Seine Mutter erzählte eine kleine Anekdote aus ihrer Jugend in Zelasno, sein Vater schüttelte lachend den Kopf, und Lukas hörte zu, während er eine Pommes nach der anderen aß – immer drei, nie zwei oder vier. Nach dem Essen war draußen die Luft frisch, und die Straßenlaternen warfen gelbe Kreise auf den Asphalt. „Nach Hause?“, fragte der Vater. „Nach Hause“, wiederholte Lukas. Oben in der Ferienwohnung verteilten sie die Einkäufe: Schinken in den Kühlschrank, Wasserflaschen an die Wandseite. Lukas stellte sein Mut-Buch auf den Tisch, öffnete es und schrieb: • Abend: Laden – Schinken + Wasser. • McDonald’s – Hamburger, Pommes, Cola. Geschmack: bekannt, ruhig. • Gefühl: leicht, geordnet, satt. Dann klappte er das Buch zu, stellte die Lampe an und sah durch das offene Fenster in den Hof. Die Weide rauschte im Wind, und aus der Nachbarwohnung kam ein leises tak-tak. Lukas lächelte, tippte dreimal sanft gegen den Tisch – das verabredete Zeichen für: Alles gut. Erling hörte es. Und im ganzen Raum breitete sich eine Ruhe aus, die den Tag beschloss wie eine warme Decke. Die Nacht lag still über dem Hof, nur die Weide rauschte leise, wenn der Wind sich durch ihre Äste zog. In der Ferienwohnung war es dunkel, Lukas schlief bereits – das Mut-Buch lag neben dem Bett, die Hand noch halb auf dem Deckel. Im Flur stand Erling, lehnte sich gegen die Wand neben der Tür, als Lukas’ Vater aus der Küche kam. Er hatte noch ein Glas in der Hand, setzte es auf das kleine Regal ab und sah den Spieler ernst an. „Du hast heute viel gesagt“, begann er, „über Ruhe, über Grenzen. Aber eins sag ich dir, Erling: Misch dich nicht zu sehr in das, was meine Beziehung zu meinem Sohn ist.“ Erling verschränkte die Arme. „Ich mische mich ein, wenn dein Verhalten ihm weh tut. Lukas hat genug Schwere getragen. Er braucht jetzt Schutz, nicht Wut.“ Der Vater blinzelte, und für einen Moment lag ein Schatten über seinem Gesicht. Dann sagte er leiser: „Du solltest aufpassen, dass er nicht etwas erfährt, das wir beide bisher verschwiegen haben. Erinnerst du dich? Beim zweiten Treffen … als er entführt wurde. Er glaubt bis heute, es sei ein Traum gewesen. Aber wir beide wissen, dass es echt war. Du hast ihn gerettet. Wenn

er erfährt, dass du ihm das verschwiegen hast – der Einzige, dem er noch vertraut –, dann bricht ihm das Herz. Er wäre enttäuscht, mehr als von allem, was ich jemals getan habe.“ Erling atmete tief durch. „Wir haben es verschwiegen, um ihn zu schützen. Weil er damals zerbrochen wäre an der Wahrheit.“ Der Vater nickte hart. „Ja. Wir haben ausgemacht, dass er es nie erfahren darf. Aber wenn du dich noch einmal in meine Art einmischt, wie ich mit meinem Sohn rede, dann sage ich es ihm. Ich sage ihm, dass es echt war. Ich sage ihm, dass du dabei warst. Und dann soll er selbst entscheiden, wem er noch traut. Ich bin nicht perfekt, aber eines lasse ich mir nicht nehmen: niemand schreibt mir vor, wie ich bin.“ Ein Moment Stille. Die Weide rauschte draußen, als hielte sie den Atem an. Erling trat einen Schritt näher, seine Stimme war fest, aber nicht laut. „Wenn du ihm die Wahrheit sagst, dann nur, wenn er stark genug ist. Nicht als Waffe. Nicht aus Trotz. Denn sonst verlierst du ihn endgültig – nicht an mich, nicht an jemand anderen, sondern an das Schweigen, das dann zwischen euch liegt.“ Der Vater wich dem Blick kurz aus, hob dann das Glas wieder auf. „Dann sorg lieber dafür, dass er nie fragt. Und halte dich raus.“ Erling blieb noch einen Atemzug stehen, hörte das ruhige Atmen aus Lukas’ Zimmer. Dann legte er die Hand an die Wand – ein stilles Versprechen – und ging in seine eigene Wohnung nebenan. Der Vater blieb im Flur zurück, starrte in die Dunkelheit. Seine Worte hingen noch in der Luft, schwerer als das Glas in seiner Hand. Der dritte Tag begann ruhig. Die Sonne stand hoch, als die Familie und Erling gegen Mittag gemeinsam in die Innenstadt von Opole gingen. Die Straßen waren belebt, aber nicht überfüllt. Kopfsteinpflaster, kleine Geschäfte mit bunten Schildern, Cafés mit Stühlen, die halb auf den Gehweg gestellt waren. Lukas ging neben Erling, seine Mutter ein paar Schritte voraus, der Vater hielt sich zurück und schaute immer wieder in die Schaufenster. Lukas mochte den Rhythmus: Schritte, Stimmen, das Klirren von Tassen aus den Cafés. Sie setzten sich schließlich in ein kleines Straßencafé direkt an der Promenade. Ein Kellner brachte die Karten. Die Mutter bestellte einen Latte Macchiato, der Vater einen doppelten Espresso, Erling ein Eisbecher mit Schokolade und Nüssen. Als der Kellner Lukas ansah, sagte er knapp: „Ein Bier, bitte.“ Seine Mutter hob kurz die Augenbraue, schwieg aber. Lukas wusste selbst, dass er gestern und vorgestern immer Tee genommen hatte. Heute wollte er einmal dieses eine Gefühl von Erwachsenen-Alltag: ein Glas Bier in der Sonne. „Und Eis?“, fragte Erling vorsichtig. Lukas schüttelte den Kopf. „Nein. Nur Bier. Ist genug.“ Der Kellner kam nach wenigen Minuten zurück. Die Tassen klirrten, das Eis glitzerte, und Lukas bekam ein Glas Bier, kühl, mit einer Schaumkrone. Er stellte es in die Mitte, drehte es einmal, so dass der Griff richtig stand, dann nahm er den ersten Schluck. Kühl, bitter, schwerer als Cola. Er nickte. „Ja. Genau so.“ Seine Mutter trank vorsichtig am Latte, der Vater rührte Zucker in den Espresso. Erling grinste, während er den ersten Löffel Eis probierte. „Das ist fast zu süß“, sagte er. „Aber für Urlaub passt’s.“ Lukas beobachtete den Verkehr auf der Straße. Fahrräder, ein Hund, der nervös an der Leine zog, Kinder mit bunten Ballons. Er hielt das Glas in beiden Händen, langsam, wie etwas, das er nicht verlieren wollte. „Das ist Urlaub“, murmelte er. „Hier sitzen. Nicht eilen. Bier. Kaffee. Eis.“ Seine Mutter legte kurz die Hand auf seinen Unterarm. „Ja, genau das.“ Sie blieben eine ganze Stunde dort, redeten wenig, sahen viel. Jeder schien in seinem eigenen Bild zu sitzen: die Mutter in Erinnerungen an ihre Kindheit, der Vater in Beobachtungen der

Menschen, Erling entspannt mit seinem Eis, und Lukas zwischen allen – mit dem Bier, das schwer, aber klar war. Als sie schließlich aufbrachen, fühlte Lukas ein leichtes Kribbeln im Kopf, aber keinen Schwindel. Nur dieses leise Gefühl von „anders“. Er legte den Restbetrag Münzen auf den Teller, ordnete sie nach Größe – zwei, zwei, eins. Dann standen sie auf und gingen langsam zurück Richtung Ferienwohnung, die Sonne im Rücken, den Geschmack von Kaffee, Eis und Bier noch im Mund. Auf dem Heimweg dachte Lukas: Das war ein Bild für mein Mut-Buch – Bier, Eis, Kaffee. Zusammen. Ruhig. Am Abend des dritten Tages schlug die Mutter vor: „Wir waren schon im Dorf, im Café … lasst uns jetzt noch in die Stadt ins Solaris Center gehen. Ein bisschen schauen, vielleicht was einkaufen.“ Lukas nickte sofort. Große Einkaufszentren hatten für ihn etwas Besonderes: klare Wege, viele Lichter, eindeutige Schilder. Also machten sie sich auf den Weg. Erling ging diesmal ganz selbstverständlich mit. Als sie das Solaris Center betraten, kam ihnen die kühle Luft entgegen – ein starker Kontrast zur warmen Abendluft draußen. Überall leuchteten Reklamen, und Rolltreppen summten leise. Lukas stellte sich kurz an den Rand, ließ die Augen wandern: Links ein Elektronikladen, rechts ein Sportgeschäft, oben gläserne Balkone mit Cafés. „Wir schauen erst ein bisschen“, sagte der Vater. Sie gingen durch die Gänge, sahen sich Schaufenster an, probierten ein paar Jacken, ohne wirklich etwas zu kaufen. Lukas blieb länger vor einem Schaufenster mit Schuhen stehen – er mochte die Ordnung, wie sie nebeneinander standen, Größen sortiert, klare Linien. „So müsste mein Zimmer aussehen“, murmelte er, und Erling grinste. Nach einer Stunde beschlossen sie, den Abend gemütlich ausklingen zu lassen. Sie setzten sich in eine kleine Bar im Erdgeschoss. Die Mutter bestellte sich einen Aperol Spritz, der Vater ein Weizenbier, Erling ein alkoholfreies Radler. Lukas blieb bei einem hellen Bier, diesmal kleiner als mittags, bewusst gewählt. Er stellte das Glas ordentlich auf den Untersetzer und sah zufrieden auf den Schaum, der gleichmäßig abfiel. „Urlaub ist wie ein anderes Muster“, sagte er plötzlich. „Nicht Alltag, aber auch nicht Chaos. Etwas dazwischen.“ „Ein gutes Muster“, ergänzte Erling. „Und eins, das man mitnehmen kann, auch wenn man zurückgeht.“ Später, als der Hunger noch einmal kam, lachten sie über die Einfachheit ihrer Entscheidung: McDonald’s. „Schon wieder?“, grinste der Vater. „Ja“, sagte Lukas ernst. „Es gehört jetzt dazu.“ Sie bestellten diesmal Burger-Menüs, Pommes für alle. Lukas sortierte die Tüten auf dem Tisch – links Getränke, rechts Pommes, Burger in der Mitte. Das Essen war unkompliziert, genau wie der Abend. Ein paar Jugendliche saßen am Nachbartisch, lachten laut, aber es störte nicht. Lukas nahm Bissen für Bissen, ruhig, gleichmäßig. Er fühlte, dass dies ein weiterer Anker war: Bier im Café, Eis am Mittag, McDonald’s am Abend – jeder Moment ein kleiner Stein, der den Tag im Gleichgewicht hielt. Auf dem Heimweg durch die Abendluft war die Stadt stiller geworden. Die Lichter spiegelten sich in den Schaufenstern, der Asphalt glitzerte leicht von der Kühle. Oben im Hausflur tippte Lukas wie immer tak-tak an die Wand. Von nebenan kam die Antwort – tak-tak. In der Ferienwohnung stellte er das Mut-Buch auf, schrieb: • Abend: Solaris – viele Lichter, klare Wege. • Bar: Bier – klein, bewusst, ruhig. • McDonald’s – Ordnung auf dem Tisch, gemeinsames Lachen. • Gefühl: Urlaub = neues Muster, das sich gut anfühlt. Dann stellte er das Buch neben die Lampe, legte sich hin und hörte noch lange die Weide im Hof rauschen. Diesmal dachte er beim Einschlafen nicht an Streit, nicht an alte Wunden,

sondern an Rolltreppen, Lichter und das gleichmäßige Summen eines Einkaufszentrums, das auch in der Nacht nicht ganz still war. Der frühe Nachmittag des vierten Tages stand im Zeichen von Fußball. Schon beim Frühstück hatte Lukas die Idee gehabt: „Ich möchte in die neue Arena von Opole. Ich will sehen, wie es dort aussieht. Und vielleicht … ein Trikot kaufen.“ Seine Mutter lächelte. „Dann machen wir das heute.“ Erling, der am Morgen schon kurz hereingeschaut hatte, nickte begeistert. „Ein Stadion-Besuch gehört in jeden Urlaub.“ Das Taxi fuhr sie durch die Stadt, bis sich am Rand die moderne Arena Opole erhob – ein Bau mit klaren Linien, Glasfassade und rot-blauen Elementen. Lukas’ Herz klopfte schneller. Er mochte Stadien – nicht nur wegen des Fußballs, sondern wegen der Struktur: Ränge, Plätze, Zahlen. Alles hatte Ordnung. Als sie durch den Eingang gingen, roch es nach frischem Beton und Metall. In der großen Halle stand ein Fanshop, hell erleuchtet, mit Regalen voller Schals, Mützen und natürlich Trikots. Lukas blieb sofort davor stehen. „Das hier“, sagte er und zeigte auf ein Heimtrikot in Rot-Blau. „Größe L.“ Die Verkäuferin reichte ihm eines. Lukas hielt es sich vor die Brust, schaute zu seiner Mutter. „Passt.“ Erling grinste. „Das ist ein gutes Stück. Zieh es an, dann machen wir ein Foto – Erinnerungsbeweis.“ Im Umkleidebereich zog Lukas das Trikot über. Es saß etwas locker, genau so, wie er es mochte. Er kam zurück, stellte sich vor die Glaswand des Stadions, und Erling zückte sein Handy. „Lächeln, mein Freund.“ Lukas hob den Daumen, halb ernst, halb stolz. Ein Klick – das Foto war da. „Das kommt in dein Mut-Buch“, sagte Erling. Sie setzten sich kurz auf eine Bank im Foyer. Lukas strich über das Logo, als wolle er sich vergewissern, dass es wirklich seins war. „Das fühlt sich … echt an“, murmelte er. „Ein Stück von hier.“ Auf dem Rückweg hielten sie noch in einem größeren Supermarkt. Die Mutter hatte eine kleine Liste geschrieben: Brot, Käse, Wasser, Gemüse. Lukas bekam die Aufgabe, die Wasserflaschen zu holen. Er nahm vier Stück, ordnete sie ordentlich in den Wagen. Der Vater suchte Käse, die Mutter Tomaten und Äpfel. Erling wanderte durch die Gänge, schaute sich neugierig die polnischen Produkte an. „Hier gibt’s Schinken auch in dicken Scheiben“, rief er lachend und hielt eine Packung hoch. Lukas nickte nur. „Wir nehmen wieder dünn, schmeckt besser.“ An der Kasse legten sie die Waren ordentlich aufs Band: schwer unten, leicht oben. Lukas sortierte, wie immer, präzise. „So zerdrückt nichts“, sagte er. Die Kassiererin lächelte freundlich, und die Mutter bezahlte. Draußen teilten sie die Tüten: Wasser zum Vater, Obst zur Mutter, Brot und Käse zu Lukas. Er trug es gewissenhaft, als wäre es mehr als nur Lebensmittel – es war Ordnung, Struktur, Sicherheit. Als sie zurück in die Ferienwohnung kamen, legte Lukas das neue Trikot auf den Tisch, glattgestrichen, als wäre es eine Fahne. Daneben schrieb er ins Mut-Buch: • Arena Opole: Stadion besucht, Trikot gekauft. • Foto mit E. – Beweis, dass es meins ist. • Supermarkt: Wasser, Brot, Käse, Tomaten, Äpfel. Ordnung eingehalten. • Gefühl: Stolz, ruhig, klar. Dann sah er auf das Trikot, strich noch einmal über das Logo und dachte: Das ist ein Stück Erinnerung, das nicht kaputtgeht.

Der Abend des vierten Tages brachte eine besondere Einladung. Die Mutter hatte mit Lukas’ Onkel telefoniert, der noch immer in Opole lebte. „Kommt doch vorbei, wir machen ein Abendessen“, hatte er gesagt. Also machten sich Lukas, seine Eltern und Erling auf den Weg zu dem kleinen Haus des Onkels, das nicht weit vom Stadtzentrum lag. Das Haus war gemütlich, mit einem großen Garten, in dem die ersten Grillgerüche schon in der Luft hingen. Der Onkel begrüßte sie herzlich, klopfte Lukas auf die Schulter und sagte: „Schön, dass du da bist, Junge. Setzt euch, es gibt gleich Essen.“ Der Tisch war reich gedeckt: gegrilltes Fleisch, Kartoffelsalat, Brot, Gemüse. Lukas setzte sich neben Erling, seine Eltern und der Onkel gegenüber. Die Stimmung war lebendig, aber nicht zu laut – gerade richtig für ihn. Als die Gläser eingeschenkt wurden, griff Lukas nach einem Bier. Erling warf ihm einen prüfenden Blick zu, sagte aber nichts. „Nur eins, ja?“ murmelte er. Lukas nickte. Doch nach dem ersten Glas, das er in kleinen, gleichmäßigen Schlucken trank, folgte ein zweites, später ein drittes. Erling beobachtete genau. Er erinnerte sich an Weihnachten, als Lukas nach zwei Gläsern Wein völlig durcheinander geraten war und fast ins Krankenhaus musste. Diesmal war es anders. Lukas trank langsam, machte Pausen, aß dazu kräftig vom Fleisch und Kartoffelsalat. Seine Wangen wurden zwar leicht rot, und die Augen glänzten ein wenig, aber er wirkte stabil. „Alles gut?“, fragte Erling leise, als Lukas das dritte Glas halb geleert hatte. „Besser als beim letzten Mal“, antwortete Lukas ruhig. „Damals war es zu viel, zu schnell, und ich war nicht bereit. Heute … heute ist es anders. Ich habe gelernt.“ Erling nickte, blieb aber wachsam. „Ich bin hier, falls es kippt.“ „Es kippt nicht“, sagte Lukas mit einem kleinen Lächeln. „Heute nicht.“ Der Onkel erzählte Geschichten aus alten Zeiten, die Mutter lachte, der Vater diskutierte über Fußball, und Lukas hörte zu, fühlte sich eingebunden. Er genoss das Gefühl, nicht beobachtet zu werden wie ein Kind, sondern wie jemand, der dazugehört. Als sie später im Garten saßen, die Gläser leer und die Teller abgeräumt, legte Erling die Hand flach auf den Tisch neben Lukas’. „Stolz“, sagte er leise. „Nicht aufs Bier. Auf die Ruhe.“ Lukas nickte. „Ich auch.“ Auf dem Rückweg zur Ferienwohnung war die Luft kühl und klar. Lukas ging gerade, nicht schwankend, und in seinem Kopf war kein Chaos, sondern eine leichte Schwere, die eher angenehm war. In der Wohnung trug er ins Mut-Buch ein: • Abend beim Onkel: Essen, Geschichten, Zusammenhalt. • Drei Biere – langsam, bewusst, ruhig. • Vergleich Weihnachten: Damals Chaos, heute Kontrolle. • Gefühl: dazugehören, nicht verloren. Dann legte er den Stift weg, schloss die Augen und dachte: Es geht. Mit Vorsicht. Mit Plan. Mit mir. Der sehr frühe Morgen des fünften Tages begann noch bevor die Sonne richtig aufging. Die Ferienwohnung lag still, nur die Weide im Hof bewegte sich im Wind. Lukas war der Erste, der wach wurde. Er setzte sich im Bett auf, legte die Hand flach auf sein Brustbein und machte seine vier–sechs Atemzüge. Kein Kopfweh, kein Schwindel. Er lächelte leise – der Abend beim Onkel war geblieben, aber ohne Nachwirkungen. Die Mutter kam aus der Küche, schon angezogen, mit einer Thermoskanne in der Hand. „Ich habe Tee gemacht, damit wir wach bleiben. In einer Stunde geht’s los.“ Der Vater schob die letzten Koffer zum Eingang. „Taxi ist für halb sechs bestellt.“ Erling stand in der Tür seiner Nachbarwohnung, noch verschlafen, aber mit einem Grinsen. „Morgen, mein Freund. Bereit für den Heimweg?“ „Bereit“, sagte Lukas. Er sah auf die gepackten Taschen: Mut-Buch griffbereit obenauf, das neue Trikot sorgfältig zusammengelegt, Schinken und Wasser ordentlich verstaut. Alles an seinem Platz.

Sie setzten sich ein letztes Mal an den Tisch. Jeder trank ein paar Schlucke Tee, aß ein halbes Brötchen. Lukas biss in sein Brötchen mit Schinken, kaute langsam. „Das ist unser letztes Frühstück hier“, murmelte er. „Es war ein gutes Muster.“ Die Mutter legte kurz ihre Hand auf seinen Arm. „Und dieses Muster können wir mitnehmen.“ Draußen fuhr das Taxi vor. Koffer wurden verladen, Türen klappten zu. Lukas nahm noch einmal das Fenster der Ferienwohnung in den Blick, zählte im Kopf: eins – zwei – drei Sekunden, dann drehte er sich um. „Abfahrt.“ Die Straßen von Opole waren fast leer. Nur ein paar Bäcker hatten geöffnet, aus den Schornsteinen stieg Rauch. Lukas lehnte den Kopf ans Fenster, sah die Lichter vorbeiziehen. Erling saß neben ihm, tippte zweimal leise tak-tak auf die Sitzlehne. Lukas antwortete mit dreimal – das Zeichen für „alles gut“. Am Bahnhof warteten sie auf den Zug. Der Vater checkte die Tickets, die Mutter hielt die Thermoskanne fest, Lukas stand dicht bei Erling, die Hände in den Taschen. Als der Zug einfuhr, setzten sie sich in den Wagen, Fensterseite. Der Himmel draußen wurde langsam heller. Lukas schrieb die erste Notiz des Tages ins Mut-Buch, direkt auf die Knie gestützt: • Sehr früher Morgen: Tee, Brötchen, Taxi. • Wohnung abgeschlossen, Fenster gezählt. • Abfahrt ruhig. Alles gut. Dann legte er den Stift weg, zog die Kapuze über den Kopf und schaute hinaus, während die Stadt kleiner wurde. Er dachte: Wir fahren nach Hause. Mit neuen Steinen im Muster. Und als der Zug beschleunigte, hörte er noch einmal in der Erinnerung das Rascheln der Weide – als würde sie leise „Auf Wiedersehen“ sagen. Am Mittag dieses Tages, schon auf der Rückreise unterwegs, schlug Lukas’ Mutter vor: „Wir haben noch etwas Zeit, bevor wir weiter müssen – lass uns in dieses andere Kaufhaus hier schauen.“ Es war ein großes Gebäude mit grauen Fassaden, aber kaum Leute davor. Lukas merkte schon beim Betreten, dass es anders war als das Solaris-Center: Die Rolltreppen standen still, die Hälfte der Lichter war aus, und viele Geschäfte hatten die Metallgitter heruntergelassen. „Hier ist ja fast alles zu,“ murmelte der Vater, während er einen Blick in die leeren Schaufenster warf. „Komisch, so ein großes Haus …“ Die Mutter nickte. „Vielleicht lohnt es sich nicht mehr hier. Schade.“ Lukas aber ließ seinen Blick schweifen. Für ihn war es nicht nur leer – es war ruhig. Kein Stimmengewirr, kein Gedränge. Er ging den Gang entlang, sah sich die Schilder an, als wären sie kleine Spuren aus einer anderen Zeit. „Fast wie ein leeres Level in einem Spiel,“ sagte er halblaut. Schließlich setzten er und Erling sich auf eine Bank mitten im Kaufhaus. Sie war kalt, aus Metall, stand zwischen zwei geschlossenen Läden. Lukas holte sein Handy hervor. „Lass uns Pokémon GO spielen. Hier gibt’s bestimmt ein paar PokéStops.“ Erling grinste. „Na klar. Zeig mir, was du fängst.“ Auf dem Bildschirm leuchtete sofort ein Taubsi auf. Lukas drehte den Ball, zielte und fing es mit einem einzigen Wurf. „Routine,“ sagte er trocken, aber seine Augen blitzten. Kurz darauf erschien ein Nebulak, und Erling versuchte sein Glück. „Fast …“ murmelte er, als der Ball danebenflog. Lukas lachte leise. „Du musst mehr drehen. Siehst du?“ Er warf – Treffer. Sie saßen eine ganze Weile dort, fingen Pokémon, drehten an den wenigen Stops, die in Reichweite waren. Lukas erklärte Erling die Strategien: wie man Bälle spart, wann man Beeren einsetzt, welche Pokémon sich für Entwicklungen lohnen. Es fühlte sich an wie damals, ganz am Anfang ihrer Treffen, als er Erling das Spiel gezeigt hatte. Während sie spielten, gingen nur wenige Leute an ihnen vorbei – ein älteres Ehepaar mit Einkaufstaschen, ein Kind mit einem Luftballon. Das Kaufhaus wirkte wie eine Kulisse, aber auf ihrer Bank war es lebendig.

„Weißt du,“ sagte Lukas, nachdem er ein Sichlor gefangen hatte, „das hier ist besser als volle Läden. Ich kann einfach sitzen, spielen, reden. Kein Drängen.“ Erling nickte. „Und trotzdem ein Abenteuer. Eben dein Abenteuer.“ Nach einer Stunde kam die Mutter zurück, zwei kleine Tüten in der Hand – ein paar Kleinigkeiten vom einzigen geöffneten Laden. „Seid ihr fertig mit Jagen?“ „Noch ein Fang,“ sagte Lukas und schnappte sich ein Elektek, das gerade erschien. „Jetzt ja.“ Sie standen auf, gingen gemeinsam zurück durch die halbdunklen Gänge, vorbei an den geschlossenen Geschäften. Für die anderen war es ein leerer Ort. Für Lukas war es ein Ort, an dem er Ruhe gefunden und einen Moment mit Erling geteilt hatte – auf einer Bank, mit Pokémon, ganz im eigenen Takt. Der späte Mittag legte sich mit goldenem Licht über die Straßen von Opole. Nach der ruhigen Zeit im halbleeren Kaufhaus schlug die Mutter vor: „Komm, wir gehen noch ein bisschen in die Stadt. Die Sonne ist schön, und wir können etwas Süßes essen.“ Lukas war sofort dabei. Süßigkeiten waren für ihn ein klarer Anker – und in fremden Städten war es fast ein Ritual, etwas Neues auszuprobieren. Erling grinste. „Dann machen wir heute einen Crepe-Tag.“ Sie spazierten durch die Altstadt, vorbei an bunten Häuserfassaden und kleinen Läden. Auf dem Marktplatz roch es nach Zucker, Teig und Schokolade – ein Stand mit frischen Crepes. Lukas blieb stehen, fixierte sofort das Schild: Nutella. „Ich will einen … aber nicht normal. Dreifach Nutella.“ Der Verkäufer lachte. „Dreifach? Das wird groß!“ „Groß ist gut,“ sagte Lukas ernst. „Dreifach Nutella.“ Sie setzten sich an eine Bank direkt am Platz. Lukas nahm den ersten Bissen. Die warme, weiche Teighülle und die dicke, süße Schicht Nutella ließen ihn die Augen kurz schließen. „Genau so,“ murmelte er. „So muss Urlaub schmecken.“ Erling probierte ein Stück von seinem eigenen Crepe mit Banane und nickte. „Deiner ist gefährlich süß.“ „Aber richtig,“ antwortete Lukas, und aß weiter, bis kein Krümel mehr übrig war. Seine Finger waren klebrig, er wischte sie sorgfältig mit einer Serviette ab und sortierte die Reste ordentlich in die kleine Papiertüte. Die Mutter trank noch einen Kaffee, der Vater schaute über den Platz, als ob er die alten Gebäude in sich aufnehmen wollte. Für einen Moment waren alle still, jeder in seinem Bild. Auf dem Rückweg zur Ferienwohnung ging Lukas zwischen Erling und seiner Mutter. Er hielt die Tüte mit den Servietten in der Hand, bis er sie ordnungsgemäß im Mülleimer am Straßenrand entsorgte. „Sauberer Abschluss,“ sagte er zufrieden. Oben angekommen, zog er das Mut-Buch hervor und schrieb: • Später Mittag: Stadtgang, Crepe – dreifach Nutella. • Geschmack: süß, warm, schwer, aber gut. • Gefühl: Urlaub pur, leicht, ruhig. Dann legte er das Buch auf den Tisch, sah durch das Fenster auf den Hof mit der rauschenden Weide und sagte leise zu Erling: „Das kommt in die Top-3 von diesem Urlaub.“ Erling grinste. „Top-3? Ich wette, da ist noch Platz für mehr.“ Lukas nickte. „Vielleicht. Aber der Crepe … der bleibt.“ Am späten Mittag des sechsten Tages setzte ein ganz besonderes Highlight an seine gewohnte Struktur: der Abschluss des Pokémon GO Fest 2025: Max Finale—ein globales Event, das von Samstag, dem 23. August, bis Sonntag, dem 24. August 2025, stattfand und ultraherausfordernde Max Battles enthielt, in denen Trainer Pokémon wie Eternamax Eternatus bekämpfen konnten (pokemongohub.net). Die Gruppe war ins Zentrum gezogen, wo Lukas den Wunsch äußerte, das Finale in Ruhe zu Ende spielen – als kleine Krönung seines Urlaubsabenteuers. Sein Vater, der bislang wenig

Interesse am Spiel gezeigt hatte, wirkte diesmal unruhig. Er legte seine Hände in die Taschen. „Komm, wir gehen lieber in die Bar da vorne. Du weißt schon … Billiard, etwas lauter.“ Lukas sah ihn kurz an. „Papa ...“ Er seufzte leise. „Ich möchte das jetzt beenden, heute? Bitte?“ Der Vater drehte sich weg. „Nein. Ich bin nicht gut drauf, wenn es wieder …“, er deutete auf den flirrenden Bildschirm des Spiels, „… so laut wird.“ Lukas nickte, zielte mit dem Finger auf sein Handy. „Dann bleib doch einfach. Ich spiele weiter — ganz leise. Ich sag Bescheid, wenn es geschafft ist.“ Erling war dabei, neben ihnen auf einer Bank zu sitzen. Er lächelte aufmunternd zu Lukas. „Er macht’s perfekt. Und ich spiel mit.“ Der Vater zuckte und verschwand wortlos Richtung Bar, stellte sich an den Tresen, lehnte sich zurück, drehte den Kopf ein wenig, als wollte er wenigstens ein wenig Anteilnahme zeigen — aus sicherer Entfernung. Lukas und Erling blieben zurück. Auf ihrem Bildschirm erschien Eternamax Eternatus im Max Battle. Sie setzten alles auf eine Karte: gezielter Move, perfektes Timing, Teamwork. Der Kampf war knifflig, aber sie meisterten ihn gemeinsam. Und dann war er besiegt. Sie jubelten leise — kein Krach, kein großes Gedränge. Nur zwei Freunde, die sich kurz anlächelten. Lukas’ Herz pochte, aber ruhig. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Geschafft.“ Erling schlug ihm kurz auf die Schulter. „Spitze gemacht.“ Auf dem Rückweg durch die Straßen war es ruhig. Lukas trug sein Handy in der Hand, wie einen kleinen Schatz. Er klopfte dreimal leicht auf den Tisch der Bank – das Zeichen für „alles gut“ – und fing sich bei dem Gedanken: „Wenn der Vater wieder kommt, zeig ich ihm das.“ Er sah sich um, Atem tief, und schrieb noch schnell in sein Mut-Buch: • Später Mittag, 6. Tag: Max Finale beendet – Eternatus besiegt. • Papa zieht Bar vor, aber ich habe es geschafft — still, leise, stark. • Gefühl: stolz, ruhig, komplett. Obwohl sein Vater nicht mitgemacht hatte, fühlte sich der Sieg wie ein Geschenk an den Urlaub an – ein persönlicher Höhepunkt, klar und unaufgeregt, aber voller Bedeutung. Der frühe Abend des sechsten Tages begann mit einem vertrauten Ziel: Lukas’ Onkel hatte wieder eingeladen. „Kommt noch einmal vorbei, wir machen den Grill an,“ hatte er am Telefon gesagt. Die Mutter lächelte bei der Nachricht. „Das passt gut nach deinem großen PokémonTag,“ sagte sie zu Lukas. Sie machten sich also auf den Weg, diesmal zu viert: Lukas, seine Eltern und Erling. Die Luft war warm, der Himmel färbte sich bereits leicht orange. Vor dem Haus des Onkels roch es schon nach Rauch und glühender Holzkohle. Der Onkel winkte vom Garten aus. „Da seid ihr ja! Kommt, setzt euch, das Fleisch ist gleich drauf.“ Im Garten stand ein großer Tisch, gedeckt mit Schüsseln: Kartoffelsalat, Gurken, Brot, Senf und ein paar eingelegte Paprika. Der Grill glühte, das Fett tropfte auf die Kohle und ließ kleine Flammen auflodern. Lukas mochte das Zischen – ein klarer Ton, gleichmäßig, ohne Chaos. „Heute bleibe ich bei einem Bier,“ sagte Lukas, als der Onkel die Gläser einschenkte. Erling nickte zustimmend. „Eine gute Wahl. Nicht drei wie gestern.“ Lukas grinste. „Ich habe gelernt.“ Sie setzten sich. Der Onkel legte Würstchen und Koteletts auf den Rost, der Vater drehte die ersten Fleischstücke, während die Mutter sich um den Salat kümmerte. Lukas und Erling saßen nebeneinander, beobachteten die Flammen und redeten leise über das Pokémon-Finale. Lukas zeigte stolz seinen Fang: Eternatus auf dem Bildschirm. „Das ist mein Highlight von heute,“ sagte er, „fast so gut wie ein echtes Tor von Mainz 05.“

Erling lachte. „Dann haben wir ein 1:0 im Urlaub.“ Das Essen kam auf den Tisch: frisch gegrillt, knusprig, mit einem kräftigen Geruch. Lukas schnitt sein Würstchen in gleichmäßige Stücke, legte sie ordentlich auf den Teller, dazu etwas Salat. „Genau so,“ murmelte er. Der Onkel erzählte wieder Geschichten aus früheren Zeiten – diesmal über ein Fußballspiel im Dorf, bei dem er selbst einmal im Tor stand. Der Vater hörte aufmerksam zu, die Mutter lachte an den passenden Stellen. Lukas lauschte, während er ruhig aß, und fühlte sich eingebunden. Als die Sonne tiefer sank, holte der Onkel eine kleine Lampe hervor, stellte sie auf den Tisch. Das Licht war warm, der Grill glühte noch leicht. Lukas nahm einen letzten Schluck Bier, dann legte er die Hände auf die Tischplatte. „Das hier kommt ins Mut-Buch,“ sagte er zu Erling. Erling nickte. „Grill, Geschichten, Ruhe. Perfekter Abend.“ Auf dem Heimweg war die Luft kühler, aber angenehm. Lukas ging zwischen Erling und seiner Mutter, die Hände in den Taschen, den Kopf leicht gesenkt, aber zufrieden. Er dachte: Heute habe ich ein Level abgeschlossen. Pokémon, Grill, Familie. Alles im Gleichgewicht. Der späte Abend hing ruhig über Opole, als sie vom Haus des Onkels zurückfuhren. Das Taxi rollte durch die halbleeren Straßen, die Lampen warfen lange Streifen aus Licht über das Kopfsteinpflaster. Niemand sprach viel – der Grillduft klebte noch in der Kleidung, und das Summen des Motors legte eine weiche Decke über die Gedanken. Lukas saß am Fenster, die Stirn leicht an der Scheibe, und zählte die Laternen: eins, zwei, drei … jede ein kleiner Marker, dass der Tag weiterging. Erling neben ihm, still, aber mit einem zufriedenen Gesicht. Einmal legte er die Hand kurz gegen die Sitzlehne, tak-tak. Lukas nickte und antwortete mit einem leisen dreimaligen Klopfen gegen sein Knie. Alles gut. Vor dem Haus in der Ferienwohnung stiegen sie aus. Die Mutter zahlte das Taxi, der Vater trug die Tasche. Lukas blickte noch einmal in den Himmel. Dunkel, klar, ein paar Sterne, die durch die Stadtlichter drangen. „Das ist genug für heute,“ murmelte er. Drinnen legte er die Schuhe ordentlich nebeneinander, stellte die Wasserflaschen an die Wandseite und nahm das Mut-Buch aus der Tasche. Er schrieb: • Später Abend: Heimweg im Taxi, Lampen gezählt. • Gefühl: ruhig, satt, ausgeglichen. • Zeichen mit E.: tak-tak / dreimal. Alles sicher. Dann legte er das Buch auf den Nachttisch, zog die Decke über sich und hörte das vertraute Rauschen der Weide im Hof. Mit geschlossenen Augen dachte er an den Grill, an den Fang von Eternatus und an das Trikot, das gefaltet im Koffer lag. Sein letzter Gedanke, bevor er einschlief, war ein einfacher Satz: Morgen ist wieder ein Tag. Heute war vollständig. Die Nacht war still, der Hof lag dunkel, nur das Rascheln der Weide war wie ein heimlicher Atemzug. Lukas schlief längst, eingehüllt in die Sicherheit seiner Routine, das Mut-Buch an seiner Seite. Aber irgendwo anders, nicht weit entfernt, saß jemand wach: ein ehemaliger Freund aus der Grundschule, einer, den Lukas längst nicht mehr im Herzen hatte. Dieser Freund schrieb an etwas, das in ihm gärte. Er hatte Pläne, Worte, die wie Nadeln sein sollten. Worte, die er aussprechen wollte, wenn Lukas zurück aus dem Urlaub war. In seinem Kopf wiederholte er sie immer wieder: „Bald wirst du die Wahrheit erfahren.“ Denn er wusste von etwas, was Lukas nicht wissen durfte – nicht von seinen Eltern, nicht von Erling, nicht einmal von sich selbst. Vor Jahren, beim zweiten Treffen, war es geschehen: die Entführung. Lukas hatte geglaubt, es sei ein Traum, ein schreckliches Märchen, das man verdrängen konnte. Doch es war real. Der Freund wusste, dass nicht nur Erling ihn gerettet hatte. Es war eine ganze Gruppe gewesen: • seine Mutter, die heimlich alles organisiert hatte, • ein anderer Freund, den Lukas früher kannte und auf den er eifersüchtig war, • dessen Mutter, die still ihre Kontakte einsetzte,

und noch einer, ein früherer Bauer, dessen Hände stark genug waren, Türen aufzubrechen. Gemeinsam hatten sie Lukas befreit. Und doch hatte niemand je den Mut gefunden, es ihm zu erzählen. Nicht die Eltern, nicht Erling, nicht die, die geholfen hatten. Alles war in Schweigen verpackt. Der ehemalige Freund aber wollte das Schweigen brechen – nicht, um zu heilen, sondern um zu zerstören. In seinem Kopf war ein Plan: Wenn Lukas die Wahrheit erfuhr, dass alle geschwiegen hatten, würde er enttäuscht sein. Er würde Erling vielleicht nicht mehr vertrauen, sich von den Eltern abwenden. Dann, so glaubte der Freund, würde Lukas allein bleiben. Und in dieser Einsamkeit wollte er ihn für sich gewinnen. Ganz für sich, ohne Eltern, ohne Spieler, ohne andere. Doch das war nicht alles. Der Freund wusste auch, wer hinter der Entführung stand: das Mädchen aus dem Stadion, vor zehn Jahren. Sie war damals heimlich in Lukas verliebt gewesen, hatte ihn beobachtet, seine Unsicherheit, seine Andersartigkeit gesehen – und in ihrer eigenen verdrehten Sehnsucht beschlossen, ihn für sich zu „holen“. Sie hatte ihn verschleppt, ins Ausland gebracht, als wäre er ein Schatz, den man verstecken musste. All das wollte der ehemalige Freund erzählen. Nicht vorsichtig, nicht behutsam, sondern wie ein Messer, das man ohne Vorwarnung zieht. In seinem Kopf war die Szene schon geschrieben: Lukas würde zurückkommen, glauben, in Ruhe zu sein. Und dann würde er es erfahren. Die Wahrheit, die niemand ihm geben wollte. Die Wahrheit, die wie ein Sturm alles mitreißen könnte. Im Dunkel der Nacht lächelte der Freund kalt. „Dann,“ flüsterte er in die Stille, „gehört er mir. Und niemand sonst.“ Währenddessen schlief Lukas friedlich weiter, nichtsahnend, dass ein Schatten aus seiner Vergangenheit bereit war, ihn zu treffen – und dass die größte Prüfung nicht im Ausland, nicht auf Reisen, sondern zu Hause auf ihn wartete. Der Morgen des siebten Tages begann mit einer besonderen Vorfreude. Schon beim Frühstück legte die Mutter die Eintrittskarten auf den Tisch. „Heute gehen wir ins Stadion,“ sagte sie, und allein das Wort ließ Lukas aufmerken. Auf den Karten stand: VIP-Bereich – Odra Opole. Lukas strich vorsichtig mit dem Finger über das glänzende Papier. Er mochte die klare Schrift, den festen Druck. „VIP heißt… weniger Leute, mehr Ordnung, oder?“ fragte er sachlich. Der Vater nickte. „Genau. Ruhiger, bequemer. Du wirst es mögen.“ Erling grinste. „Und man sieht das Spiel trotzdem perfekt.“ Sie zogen sich an, Lukas entschied sich sofort für sein neues Trikot aus dem Fanshop der Arena. Er stand vor dem Spiegel, zog die Nähte glatt und sagte nur: „Das ist heute richtig.“ Erling legte den Daumen hoch. „Sieht gut aus, mein Freund.“ •

Der Weg zum Stadion war belebt, aber nicht überfüllt. Familien in Blau-Rot, Kinder mit Schals, Verkäufer mit Sonnenblumenkerne-Tüten. Lukas hielt sich dicht bei Erling, die Hände in den Taschen, während seine Augen die Schilder und Tore zählten. Als sie am Eingang für den VIPBereich ankamen, war es sofort ruhiger. Breite Türen, freundliche Ordner, kein Gedränge. Oben führte eine Treppe zu einer hellen Lounge. Teppichboden, breite Fenster mit Blick auf das Spielfeld, und gedeckte Tische mit Wasserflaschen und Snacks. Lukas blieb kurz stehen, nahm die Atmosphäre in sich auf. „Geordnet,“ sagte er zufrieden. Sie setzten sich an einen Tisch direkt an der Glasfront. Von dort aus hatten sie einen klaren Blick auf das grüne Feld unten. Spieler wärmten sich auf, die Linien glänzten frisch gezogen. Lukas lehnte sich vor, seine Augen fixierten die Bewegungen, die Muster. „Das ist schön,“ murmelte er. Ein Kellner brachte Getränke: Wasser, Kaffee, Saft. Lukas entschied sich für ein Wasser. „Heute kein Bier. Spieltag heißt klarer Kopf.“ Erling nickte zustimmend. „Genau so machen Profis das auch.“

Das Spiel begann, und die Atmosphäre stieg. Unten sangen die Fans, ihre Stimmen drangen gedämpft durch die Glasscheiben. Lukas mochte es genau so: man hörte die Energie, aber sie war nicht überwältigend. Er stand auf, lehnte sich mit den Händen an die Glasfront und beobachtete jede Bewegung. „Siehst du die Formation?“ fragte Erling und zeigte nach unten. „4-4-2, ganz klassisch.“ „Ja,“ antwortete Lukas, „und sie verschieben nach links, wenn der Ball auf die Außenbahn geht.“ Seine Stimme war sachlich, konzentriert. Er fühlte sich, als säße er mitten in einer Analyse – und doch mit Herz. Die Mutter und der Vater genossen das Essen vom Buffet, plauderten nebenbei, aber Lukas blieb beim Spiel. Er spürte, wie sein Herz im Rhythmus des Balls schlug. „Das ist Urlaub,“ dachte er, „und trotzdem Heimatgefühl. Stadion ist immer Heimat.“ In der Halbzeit aß er ein kleines Sandwich vom Buffet, setzte sich wieder an die Glasfront. Er schrieb leise ins Mut-Buch: • Morgen, 7. Tag: Stadionbesuch VIP. • Gefühl: geordnet, klar, sicher. • Trikot getragen, Spiel analysiert. • Wichtig: Heimat ist da, wo Fußballmuster sind. Dann legte er den Stift weg, nahm noch einen Schluck Wasser und wartete gespannt auf die zweite Halbzeit. Erling lehnte sich zurück, sah ihn von der Seite an und dachte: So konzentriert, so ruhig. Genau hier gehört er hin. Der Nachmittag legte sich warm und träge über die Stadt, als die Mutter vorschlug: „Lass uns noch kurz bei der Freundin deiner Tante vorbeischauen. Sie wollte uns unbedingt sehen.“ Lukas nickte, auch wenn er spürte, dass er vom Vormittag im Stadion noch etwas müde war. Aber der Gedanke, eine ruhige Stunde bei jemandem zu verbringen, klang gut. Die Wohnung der Freundin lag in einem älteren Gebäude, nicht weit von ihrer Ferienwohnung. Schon beim Eintreten roch es nach Tee und alten Holzmöbeln. Doch was Lukas sofort auffiel, war die Katze: eine getigerte, schlanke Katze mit großen grünen Augen, die sofort auf ihn zulief. „Sie mag neue Leute,“ sagte die Freundin lächelnd. „Besonders, wenn sie ruhig sind.“ Lukas setzte sich auf den Teppich, streckte vorsichtig die Hand aus. Die Katze schnupperte kurz, dann drückte sie ihren Kopf gegen seine Finger. Ein kleines, tiefes Schnurren vibrierte in der Luft. Lukas’ Augen wurden weich. Er strich sanft über das Fell, immer im gleichen Rhythmus. Links, rechts, zwischen den Ohren. Eine ganze Stunde blieb er so. Er spürte, wie der Druck von den letzten Tagen nachließ. Wie die Ordnung im Streicheln lag: gleichmäßige Bewegungen, immer derselbe Klang. Die Katze rollte sich irgendwann sogar auf den Rücken, ließ sich am Bauch kraulen, was Lukas als großes Vertrauen empfand. Die Erwachsenen saßen am Tisch, tranken Tee, redeten leise. Erling sah von Zeit zu Zeit zu Lukas hinüber und lächelte: „Das ist ein Bild für dein Mut-Buch,“ murmelte er. Doch nach einer Stunde spürte Lukas plötzlich, wie eine leichte Schwere in seinen Gliedern auftauchte. Erst war es nur Müdigkeit, dann kam ein leises Kratzen im Hals und eine Wärme in der Stirn. Er legte die Hand auf die Katze, zog sie aber langsam zurück. „Ich glaub … ich bin müde. Irgendwie komisch.“ Die Mutter stand sofort auf. „Vielleicht war es zu viel. Oder du reagierst auf die Katze.“ „Oder einfach die letzten Tage,“ meinte der Vater. „Das war viel Programm.“ Lukas nickte, sah die Katze noch einmal an, die jetzt zusammengerollt auf dem Teppich lag. „Danke,“ flüsterte er, als wäre es ein Abschied.

Sie verabschiedeten sich, gingen zurück zur Ferienwohnung. Auf dem Weg schwieg Lukas, die Hände in den Taschen. Er fühlte sich nicht richtig krank, aber erschöpft, als würde sein Körper ein Stoppschild hochhalten. Oben angekommen, trank er einen Tee und schrieb ins Mut-Buch: • Nachmittag: Katze gestreichelt – 1 Stunde. Ruhe, Vertrauen, gleichmäßiger Klang. • Danach: leichte Erschöpfung, Hals kratzt, Körper warm. • Gefühl: Zwischen Freude und Schwäche. Dann legte er sich mit einer Decke auf das Sofa, schloss die Augen und lauschte dem Rascheln der Weide im Hof. In seinem Kopf summte noch immer das Schnurren der Katze – beruhigend, auch wenn der Körper langsam nachgab. Am frühen Abend, nachdem Lukas sich etwas erholt hatte, schlug der Vater vor: „Lasst uns noch einmal raus. Wir können bei McDonald’s etwas essen, das geht schnell und unkompliziert.“ Lukas sah ihn fragend an, aber dann nickte er. „Okay. Das passt. Ich will heute nichts Großes.“ Sie gingen gemeinsam durch die Straßen von Opole, die Luft war noch warm, die Laternen begannen schon zu glimmen. Vor dem hell erleuchteten McDonald’s herrschte geschäftiges Treiben, aber drinnen fanden sie schnell einen Tisch. Lukas bestellte diesmal nur einen Hamburger und kleine Pommes, dazu eine Cola. Die Mutter nahm einen Salat, Erling ein Menü mit Chicken Nuggets, und der Vater bestellte einen Big Mac mit großer Cola. Sie setzten sich ans Fenster. Lukas sortierte wieder alles auf dem Tablett: Pommes rechts, Cola links, Burger mittig. Er aß ruhig, Bissen für Bissen, während Erling ihm etwas über die Spielweise von Mainz 05 im letzten Jahr erzählte. Doch der Vater war stiller als sonst. Er rührte in seiner Cola, biss kurz ins Brötchen, legte es wieder ab. Seine Stirn war in Falten gelegt, seine Miene angespannt. Schließlich sagte die Mutter sanft: „Du bist heute den ganzen Tag so schlecht gelaunt. Was ist los?“ Der Vater seufzte tief, schaute nach draußen auf die vorbeigehenden Leute. „Es ist… es liegt daran, dass ich heute keinen Wein trinken durfte. Ich hätte mir am Nachmittag ein Glas gewünscht. Nur eins. Aber wir haben gesagt, heute nicht.“ Lukas legte die Pommes ab und sah ihn an. „Du bist also schlecht gelaunt, weil du keinen Wein hattest?“ Seine Stimme war sachlich, fast nüchtern. Der Vater nickte, fast beschämt. „Ja. Es ist dumm, ich weiß. Aber es fehlt mir dann, und ich merke, wie ich unruhig werde.“ Es entstand ein Moment der Stille. Erling brach ihn, indem er ruhig sagte: „Dann ist es gut, dass du es gesagt hast. Jetzt wissen wir es. Und vielleicht… vielleicht finden wir ein anderes Muster für diese Abende. Ohne Wein.“ Die Mutter legte ihre Hand auf die vom Vater. „Es ist besser, dass du ehrlich bist, auch wenn es schwer ist.“ Lukas nahm wieder seine Pommes, tunkte sie in Ketchup und sagte leise: „Heute war ein voller Tag. Stadion, Katze, Essen. Ich glaube, wir alle müssen lernen, wann genug ist. Auch ich. Auch du.“ Der Vater nickte langsam. „Du hast recht, Lukas.“ Seine Stimme war weicher geworden. Als sie fertig gegessen hatten, packten sie die Tabletts ordentlich zusammen, Lukas wischte mit der Serviette noch einen Krümel vom Tisch. Draußen war die Luft kühler, der Heimweg ruhig. Oben in der Wohnung schrieb Lukas in sein Mut-Buch: • Abend: McDonald’s – Burger, Pommes, Cola. • Vater schlecht gelaunt → Grund: kein Wein. • Gespräch: ehrlich, schwer, aber klar. • Gefühl: verstanden, ruhig, erwachsen. Dann legte er das Buch beiseite, trank noch einen Schluck Wasser und dachte: Manchmal ist die Wahrheit klein und trotzdem schwer. Aber gesagt ist gesagt.

Der achte Tag begann ungewohnt still. Kein Geräusch von schnellen Schritten, kein Rascheln von Lukas’ Mut-Buch. Stattdessen lag er im Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen. Seine Stirn fühlte sich schwer an, der Hals kratzte, und jeder Atemzug war langsamer als sonst. Die Mutter bemerkte es zuerst. Sie kam mit einer Tasse Tee ins Zimmer, stellte sie vorsichtig auf den Nachttisch und legte ihre Hand auf Lukas’ Stirn. „Du hast Fieber,“ sagte sie leise. „Heute bleibst du liegen.“ Lukas nickte kaum merklich. „Ich fühl mich … schwach. Müde.“ Der Vater schob das Fenster einen Spalt auf, damit frische Luft hereinkam. „Wir kümmern uns,“ sagte er knapp, diesmal ohne Gereiztheit, eher mit einem Ton von Sorge. Erling kam wenig später herein, setzte sich auf die Stuhlkante neben dem Bett. „Mein Freund,“ begann er sanft, „dein Körper sagt heute: Pause. Also hören wir auf ihn.“ Lukas drehte den Kopf leicht, die Augen halb geschlossen. „Ich wollte noch so viel machen. Aber … geht nicht.“ „Und das ist okay,“ antwortete Erling. „Manchmal ist ‘nichts machen’ das Wichtigste.“ Die Stunden zogen langsam vorbei. Lukas schlief viel, wachte zwischendurch auf, nahm ein paar Löffel Suppe, die die Mutter gekocht hatte, und trank Wasser in kleinen Schlucken. Er schrieb nicht ins Mut-Buch, aber Erling notierte ein paar Dinge für ihn: • 8. Tag: Krank, Fieber, Schwäche. • Ruhe – Tee, Suppe, Schlaf. • Gefühl: still, aber behütet. Am Nachmittag setzte sich die Mutter ans Bett, strich ihm über die Stirn und flüsterte: „Wir sind hier. Du musst nichts leisten.“ Lukas schloss wieder die Augen, hörte draußen das vertraute Rauschen der Weide und ließ die Stimmen seiner Familie wie einen Schutzraum um sich herum wirken. Der Tag ging ohne Ausflüge, ohne Abenteuer vorüber – ein Tag, an dem alles klein und leise war. Doch gerade dieses Kleinsein war das, was er brauchte. Am Vormittag des neunten Tages stand die Mutter schon früh im Zimmer. Lukas lag noch im Bett, aber diesmal nicht wegen Fieber. Er rieb unruhig an seiner Hose und verzog das Gesicht. „Es juckt wieder … da unten,“ murmelte er leise, fast beschämt. „Es hört einfach nicht auf.“ Die Mutter nickte verständnisvoll. „Wir gehen heute direkt zum Hautarzt. Hier in Polen haben wir einen Termin bekommen.“ Sie hatte schon am Vortag angerufen, nachdem Lukas sich kaum auf etwas anderes konzentrieren konnte. Die Praxis lag in einer Seitenstraße, unscheinbar von außen, doch innen hell und ordentlich. Die Ärztin, eine Frau mittleren Alters mit ruhigem Blick, bat Lukas gleich ins Sprechzimmer. „Zeigen Sie mir die Stelle,“ sagte sie sachlich, ohne jede Scham in der Stimme. Lukas gehorchte zögerlich, die Mutter stand beruhigend daneben. Es dauerte keine Sekunde, bis die Ärztin nickte. „Das ist eine klare Entzündung,“ erklärte sie. „Etwas, das man sofort sehen kann. Es wundert mich, dass in Deutschland niemand darauf gekommen ist.“ Lukas spürte einen Schock und gleichzeitig Erleichterung. „All die Zeit … keiner hat’s gesehen. Und Sie … Sie brauchen nur einen Blick.“ Seine Stimme war leise, aber voller Staunen. Die Ärztin schrieb Rezepte auf: mehrere Salben gegen die Entzündung, eine spezielle Seife für die Hautpflege, und sie gab Tipps, wie Lukas den Bereich trocken und sauber halten sollte. „Es wird dauern, aber es ist behandelbar. Sie haben jetzt endlich einen Anfang.“ Nach dem Termin gingen Lukas und die Mutter direkt zur Apotheke. Das Regal hinter dem Tresen füllte sich schnell: zwei Tuben Salbe, eine kleinere Zusatzcreme, eine spezielle Waschlotion. Die Mutter packte alles in eine Tüte, während Lukas die Namen der Mittel las. Es wirkte auf ihn wie eine ganze Sammlung von Werkzeugen – endlich etwas Greifbares gegen das ständige Jucken.

Auf dem Rückweg in die Ferienwohnung lief Lukas neben seiner Mutter, die Tüte fest in der Hand. „Es fühlt sich an wie … endlich ein Schlüssel,“ sagte er. „So lange hat niemand verstanden, was los ist.“ Die Mutter drückte seine Schulter. „Jetzt schon. Das ist das Wichtigste.“ Oben angekommen, wartete Erling in der Nachbarwohnung. Lukas ging sofort zu ihm, die Tüte mit den Medikamenten noch in der Hand. „Ich war beim Hautarzt,“ begann er. „Und sie hat es sofort gesehen. Eine Entzündung. In Deutschland … haben sie’s nie erkannt. Aber hier … in einer Sekunde.“ Erling stand auf, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Dann ist das jetzt ein Wendepunkt, mein Freund. Ab heute kämpfst du nicht mehr ohne Namen. Du hast Diagnose, du hast Hilfe.“ Lukas stellte die Tüte auf den Tisch, sah lange auf die Salben, dann zu Erling. „Das kommt ins Mut-Buch. Nicht als Last, sondern als Anfang.“ Erling nickte. „Genau so. Anfang.“ Und Lukas schrieb später die Zeilen: • 9. Tag, Vormittag: Hautarzt Polen → Diagnose: Entzündung. • Rezepte: Salben + Seife. • Gefühl: endlich gesehen, endlich Anfang. Während er den Stift weglegte, spürte er trotz der Schwäche zum ersten Mal seit Tagen ein leises, echtes Aufatmen. Der Nachmittag des neunten Tages brachte eine andere Stimmung: weniger Arztpraxis, weniger Anspannung – eher ein Schritt Richtung Rückreise. Nach dem Mittagsschlaf schlug der Vater vor: „Wir gehen noch einmal zum Hauptbahnhof von Opole. Dann wissen wir, wie es morgen läuft, wenn wir weiterfahren.“ Die Sonne stand hoch, als sie zu viert losgingen: Lukas, seine Eltern und Erling. Die Straßen wurden lauter, je näher sie dem Bahnhof kamen. Schon von weitem sah Lukas die große Fassade aus Stein, die hohen Fenster und das markante Uhrwerk über dem Eingang. Er blieb kurz stehen und ließ die Symmetrie auf sich wirken. „Klar, ordentlich,“ sagte er leise. „So muss ein Bahnhof aussehen.“ Drinnen war es geschäftig, aber übersichtlich. Fahrpläne leuchteten digital auf den Tafeln, Lautsprecher durchschnitten die Halle mit Ansagen auf Polnisch. Lukas stand vor der großen Anzeigetafel, die Reihen mit Abfahrtszeiten rollten langsam durch. „Morgen … hier werden wir stehen,“ murmelte er, während er die Namen der Städte las. Dresden. Wrocław. Warschau. Alles wie ein Puzzle, das sich bewegte. Die Mutter ging mit ihm einmal zum Ticketschalter, um sicherzugehen, dass ihre Reservierungen stimmten. Der Vater kontrollierte die Uhrzeit auf dem Bahnsteig, und Erling fotografierte leise die Halle, um Lukas später eine Erinnerung geben zu können. Nach einer halben Stunde verließen sie den Bahnhof wieder. „Alles geklärt,“ sagte die Mutter erleichtert. Lukas nickte. „Jetzt weiß ich, wo wir morgen hingehen. Kein Chaos.“ Auf dem Rückweg knurrte Lukas’ Magen hörbar. „Ich will was Warmes. Kein McDonald’s heute. Ich will … ein Schnitzel.“ „Einverstanden,“ lachte der Vater, „das passt nach Bahnhof.“ Sie fanden ein kleines Restaurant in der Nähe, mit karierten Tischdecken und einem Menü, das auf Polnisch und Deutsch geschrieben war. Lukas bestellte ein Schnitzel mit Kartoffeln und Salat. Als es kam, groß, goldbraun und mit einer Zitronenscheibe, strahlte er kurz. Er schnitt es sorgfältig in gleichmäßige Stücke, legte sie auf die Seite des Tellers und aß in ruhigem Tempo. „Genau so,“ murmelte er zwischen zwei Bissen. „Knusprig, nicht zu fettig. Perfekt.“ Erling grinste. „Das klingt wie eine Analyse nach einem Spiel: klare Fakten, klare Bewertung.“ „Ist auch ein Spiel,“ antwortete Lukas, „nur auf dem Teller.“

Die Eltern lachten, und für einen Moment war die Stimmung leicht, wie ein Abend ohne Schatten. Zurück in der Ferienwohnung schrieb Lukas ins Mut-Buch: • 9. Tag, Nachmittag: Hauptbahnhof gesehen, Strukturen klar, morgen keine Überraschung. • Danach: Schnitzel → warm, knusprig, satt. • Gefühl: Sicherheit + Zufriedenheit. Dann stellte er das Buch beiseite, legte sich kurz aufs Sofa und dachte: Manchmal reicht ein Bahnhof und ein Schnitzel, um die Welt gerade zu machen. Der Abend des neunten Tages legte sich langsam über Opole. Lukas fühlte sich zwar noch schwach von seiner Entzündung und den Tagen voller Eindrücke, doch kurz vor Sonnenuntergang sagte er plötzlich: „Ich möchte noch etwas einkaufen. Nur Kleinigkeiten. Ein Joghurt, vielleicht Wasser.“ Die Mutter zögerte. „Bist du sicher, dass du genug Kraft hast?“ „Ja,“ antwortete Lukas ernst. „Nur kurz. Ich will selbst hingehen. Es gibt mir Ruhe.“ Also zogen sie Jacken über und gingen gemeinsam die Straße entlang zum kleinen Laden unten an der Ecke, der ihnen schon vertraut war. Doch als sie dort ankamen, sahen sie, wie die Verkäuferin gerade das Licht über der Kasse löschte. Das Rollgitter an der Tür war schon halb heruntergezogen. Lukas blieb stehen, sah auf die dunkle Glasfront. „Zu,“ sagte er knapp. Seine Stirn runzelte sich, die Hände steckten tief in den Taschen. Er wirkte enttäuscht – nicht wegen des Joghurts, sondern weil er sich den Gang so genau ausgedacht hatte. Erling legte ihm die Hand auf die Schulter. „Manchmal ist die Ordnung nicht so, wie wir sie geplant haben. Aber weißt du was? Der Laden ist morgen wieder da.“ Lukas nickte langsam, atmete tief ein und aus. „Okay. Morgen. Dann eben nicht heute.“ Sie drehten um, gingen zurück durch die ruhigen Straßen. Der Himmel war nun dunkelblau, erste Sterne blitzten durch. Lukas zählte die Laternen, um seine Gedanken zu beruhigen: eins … zwei … drei … bis sie wieder vor der Ferienwohnung standen. Oben angekommen, legte er sich sofort auf das Sofa, eine Decke über den Beinen. Die Mutter brachte ihm eine Tasse warmen Tee, der Vater stellte eine Flasche Wasser daneben. „Heute keine Einkäufe mehr,“ sagte Lukas leise, „heute nur Erholung.“ Er schrieb noch eine kurze Notiz ins Mut-Buch, bevor er die Augen schloss: • 9. Tag, Abend: Laden geschlossen → kleine Enttäuschung, aber akzeptiert. • Nach Hause → Tee, Ruhe, Decke. • Gefühl: lernen, dass nicht alles planbar ist. Dann legte er das Buch beiseite, hörte das leise Rauschen der Weide im Hof und ließ sich langsam zurück in den Schlaf sinken – mit dem Wissen, dass morgen wieder ein neuer Tag mit neuen Möglichkeiten wartete. Der zehnte Morgen begann ruhig. Lukas war früh wach, aber er blieb noch einen Moment im Bett liegen, die Hände auf der Decke gefaltet. Seine Haut juckte weniger als die Tage zuvor, und das allein war schon ein kleiner Sieg. Als die Mutter ins Zimmer kam, hatte sie bereits die Jacke übergezogen. „Heute holen wir die bestellte Salbe aus der Apotheke ab,“ sagte sie. „Sie sollte seit gestern Abend da sein.“ Lukas richtete sich sofort auf. „Dann gehe ich mit. Ich will sehen, dass sie wirklich da ist.“ Nach einem schnellen Frühstück machten sie sich zu zweit auf den Weg. Die Straßen waren noch leer, nur wenige Menschen gingen mit Einkaufstaschen vorbei, und die Sonne schob sich langsam über die Dächer von Opole. Lukas mochte diese Klarheit am Morgen – noch kein Gedränge, noch keine lauten Stimmen. Die Apotheke war klein, aber hell beleuchtet. Als sie eintraten, erkannte die Apothekerin sie sofort und lächelte. „Dzień dobry. Ihre Salbe ist da,“ sagte sie in ruhigem Ton. Sie legte ein

weißes Päckchen auf den Tresen, sauber eingewickelt, daneben eine kleine Flasche mit der speziellen Waschlotion. Lukas’ Augen wurden groß. „Das ist sie?“ fragte er, fast ehrfürchtig. Die Apothekerin nickte. „Genau. Zweimal täglich dünn auftragen. Und weiter mit der Pflege, die die Ärztin erklärt hat.“ Die Mutter bezahlte, während Lukas das Päckchen vorsichtig in den Händen hielt, als wäre es etwas besonders Zerbrechliches. „Endlich komplett,“ murmelte er. Auf dem Rückweg durch die Straßen hielt er die Tüte fest an seine Brust gedrückt. „Jetzt habe ich alles, was ich brauche. Jetzt fängt es wirklich an, besser zu werden.“ Die Mutter nickte und sah ihn an. „Das ist ein Anfang, Lukas. Ein guter.“ Oben in der Ferienwohnung stellte er die Salbe sorgfältig neben die anderen Tuben und Flaschen, die er schon hatte. Er ordnete sie nach Größe: links die großen Tuben, in der Mitte die kleineren, rechts die Lotion. Dann schrieb er ins Mut-Buch: • 10. Tag, Morgen: Apotheke – bestellte Salbe abgeholt. • Sammlung jetzt vollständig. • Gefühl: Vollständigkeit, Sicherheit, Anfang. Er setzte den Stift ab, sah auf die kleine Reihe von Medikamenten und dachte: Heute habe ich etwas gewonnen, ohne ein Spiel zu spielen. Der Rest des zehnten Tages verlief wie ein kleiner Bogen: von der Apotheke zurück in die Ferienwohnung, und dann weiter hinein in die Stadt. Am späten Vormittag schlug die Mutter vor: „Wir haben noch Zeit, bevor wir weiterreisen. Lasst uns nach Geschenken für zuhause suchen. Etwas, das uns an Opole erinnert.“ Lukas nickte. „Aber es muss etwas Ordentliches sein. Kein Kitsch.“ Sie gingen zu viert los, Erling wie selbstverständlich dabei. Die Straßen waren lebendig, Schaufenster funkelten, kleine Läden reihten sich aneinander. In einem Laden mit handgemachten Holzschnitzereien blieb Lukas stehen. Er strich mit den Fingern über einen kleinen geschnitzten Storch – das Wappentier der Region. „Der passt,“ sagte er. Die Mutter kaufte ihn als Erinnerung. Im nächsten Laden fand der Vater ein kleines Buch über die Geschichte von Opole, mit alten Fotografien. „Das nehme ich für zuhause,“ erklärte er. Die Mutter entschied sich für ein buntes Tuch mit traditionellen Mustern – für sie selbst und als Geschenk für eine Freundin. Lukas aber suchte länger. Schließlich fand er in einer Glasvitrine kleine Schlüsselanhänger mit dem Logo des Fußballvereins Odra Opole. Er nahm zwei: einen für sich, einen für seinen einzigen echten Freund daheim, der im E-Rollstuhl saß. „Das ist richtig,“ sagte er leise. „Fußball verbindet.“ Am Nachmittag machten sie eine Pause in einem kleinen Café. Lukas trank diesmal nur ein Wasser, um den Körper zu schonen, aber er probierte ein Stück Apfelstrudel, das die Mutter bestellt hatte. „Süß, aber leicht,“ murmelte er und schrieb später im Mut-Buch: Geschenk = Storch, Schlüsselanhänger. Pause = Strudel, Wasser. Als der Abend kam, entschieden sie sich, noch einmal essen zu gehen – nicht groß, sondern gemütlich. Sie fanden ein Restaurant mit polnischen Klassikern. Der Vater bestellte Bigos, die Mutter Pierogi mit Kartoffeln und Käse. Lukas wählte ein kleines Schweineschnitzel, diesmal mit Salzkartoffeln. Erling nahm einen Grillteller. Sie saßen an einem Holztisch, Kerzenlicht brannte, und die Gespräche drehten sich um die Rückreise. Lukas aß langsam, gleichmäßig, und beobachtete, wie die Kerzenflamme sich in seinem Wasserglas spiegelte. „Das ist ein guter Abschluss,“ sagte er. Die Mutter lächelte. „Genau darum geht es: nicht nur zu reisen, sondern Erinnerungen mitzunehmen.“

Auf dem Heimweg durch die abendlichen Straßen hielt Lukas die kleine Tüte mit den Geschenken fest in der Hand. Oben in der Ferienwohnung ordnete er sie sorgfältig auf dem Tisch, legte das Mut-Buch daneben und schrieb: • 10. Tag, Nachmittag/Abend: Geschenke gesucht → gefunden: Storch, Schlüsselanhänger, Tuch, Buch. • Abendessen: Schnitzel + Kerze. • Gefühl: ruhig, komplett, Vorfreude auf Heimkehr. Dann sah er noch lange auf den kleinen Holzstorch, der neben der Lampe stand, und dachte: Das ist Opole in meiner Hand. Die Nacht legte sich still über Opole, nur das Rauschen der Weide im Hof war zu hören. Lukas schlief tief, eingehüllt in die Wärme der Decke, das Mut-Buch ordentlich an seinem Platz. Für ihn war es eine Nacht wie viele in diesem Urlaub: ruhig, mit dem Gefühl, dass alles für morgen bereit war. Doch weit entfernt, in Mainz, saß jemand anderes wach. Der ehemalige Freund aus der Grundschule, der Schatten aus der Vergangenheit, starrte auf sein Handy. Immer wieder schrieb er Nachrichten, löschte sie, formulierte neu. In seinem Kopf lief ein einziger Satz wie ein Mantra: „Einen Tag nach der Rückkehr wird er die Wahrheit erfahren.“ Er sah auf die Uhr. Die Nacht war schon weit fortgeschritten, aber er konnte nicht schlafen. Er dachte an die Entführung, an das Mädchen aus dem Stadion vor zehn Jahren, das Lukas damals verschleppt hatte. Er dachte an die Gruppe, die Lukas gerettet hatte – Erling, die Mutter des Freundes, der Bauer, und noch andere. Niemand hatte Lukas jemals die Wahrheit gesagt. Und genau das wollte er ausnutzen. „Wenn er erfährt, dass alle geschwiegen haben,“ murmelte er, „dann bricht seine Welt. Dann vertraut er niemandem mehr. Nicht Erling. Nicht seinen Eltern. Nicht den anderen. Nur mir.“ In seinem Kopf entstand das Bild: Lukas, zurück aus dem Urlaub, erschöpft, aber voller neuer Eindrücke. Und dann, wie ein Schlag, diese Wahrheit – kalt, hart, ohne Vorbereitung. Eine Wahrheit, die ihn umhauen würde. „Er weiß noch nichts,“ flüsterte der Freund in die Dunkelheit. „Aber bald. Sehr bald. Und dann gehört er mir.“ Draußen in Mainz war es still, nur die Straßenlaternen warfen ihre Kreise auf das Pflaster. Niemand hörte seine Worte. Niemand wusste, was er plante. Und Lukas, hunderte Kilometer entfernt, ahnte nichts von dem Sturm, der schon auf ihn wartete. Er schlief friedlich, mit dem Bild des kleinen geschnitzten Storches aus Opole in Gedanken – während in seiner Heimat jemand bereitstand, ihm die wohl schwerste Wahrheit seines Lebens entgegenzuschleudern. Der elfte Tag war geprägt von Abschied. Schon am späten Vormittag hatten Lukas und seine Eltern begonnen, die Koffer neu zu sortieren: Geschenke ordentlich verpackt, Kleidung gefaltet, das Mut-Buch griffbereit obenauf. Doch der eigentliche Schwerpunkt des Tages lag im späten Mittag – der Runde durch Opole, um sich bei all jenen zu verabschieden, die sie während des Aufenthalts gesehen hatten. Zuerst gingen sie zu der Freundin der Mutter, bei der Lukas die Katze gestreichelt hatte. Die Frau öffnete mit einem warmen Lächeln. „Ihr reist schon morgen?“ fragte sie, und die Mutter nickte. Sie tranken noch einmal zusammen einen Tee, Lukas durfte die Katze ein letztes Mal kurz streicheln. Er kraulte sie sanft hinter den Ohren, und als sie zu schnurren begann, flüsterte er: „Danke für die Stunde der Ruhe.“ Beim Hinausgehen fühlte er eine kleine Traurigkeit, aber auch Dankbarkeit. Danach machten sie einen kurzen Abstecher ins Dorf Zelasno, wo die Mutter noch einmal am Grab ihrer eigenen Mutter stehen wollte. Lukas stellte eine neue Kerze hin, zündete sie mit einem Feuerzeug an und schrieb leise in Gedanken: „Wir fahren heim. Aber ich vergesse dich nicht.“ Seine Mutter legte Blumen hin, der Vater stand still daneben. Für Lukas war es wie ein zweiter Abschied, geordneter, bewusster.

Am Nachmittag ging es dann noch zu dem Onkel, der sie zweimal zum Grillen eingeladen hatte. Im Garten standen diesmal nur Wasser und Kaffee auf dem Tisch, keine große Mahlzeit. Es war ein kurzes Zusammensitzen, aber mit ehrlichen Worten. „Danke, dass ihr da wart,“ sagte der Onkel. „Familie bleibt Familie, auch wenn man sich nicht jeden Tag sieht.“ Lukas nickte, trank sein Glas Wasser aus und antwortete schlicht: „Es war gut hier.“ Zum Schluss fuhren sie zurück nach Opole, in das Viertel, wo die Freundin der Tante wohnte. Auch hier gab es eine Umarmung, ein paar warme Worte. „Komm gesund zurück,“ sagte sie zu Lukas. „Und vergiss nicht, dass du hier willkommen bist.“ Als sie später die Straßen zurückgingen, trug Lukas eine Mischung aus Ruhe und Schwere in sich. „Verabschieden heißt auch: es war wichtig,“ sagte er leise zu Erling. Der Spieler nickte. „Ja. Es war wichtig. Und jetzt beginnt das nächste Kapitel.“ Oben in der Ferienwohnung schrieb Lukas noch vor dem Abendessen ins Mut-Buch: • 11. Tag, später Mittag: Verabschiedungen – Katze, Grab, Onkel, Freundin der Tante. • Gefühl: traurig, aber geordnet. Dankbarkeit spürbar. • Satz: „Verabschieden heißt: es war wichtig.“ Dann schloss er das Buch und sah aus dem Fenster in den Hof, wo die Weide rauschte. Er dachte: Morgen geht es zurück – und doch nehme ich alles mit. Der frühe Abend des elften Tages fühlte sich zunächst ruhig an. Die Eltern hatten angefangen, die Koffer zu packen – ordentlich, systematisch, damit am nächsten Tag alles schnell gehen würde. Kleidungsstücke wanderten in die Taschen, Geschenke wurden in weiches Papier gewickelt, und der Vater kontrollierte immer wieder die Tickets. Lukas saß derweil auf dem Sofa mit seinem Handy. Es war der Geburtstag der Freundin seines Cousins. Trotz all der harten Worte, trotz der langen Nachrichten, die ihn verletzt hatten, wollte er nicht schweigen. „Es ist richtig, zu gratulieren,“ sagte er zu Erling, der neben ihm saß. „Auch wenn sie mir wehgetan haben. Ich will nicht werden wie er.“ Er tippte eine kurze Nachricht: „Alles Gute zum Geburtstag. Ich wünsche dir Gesundheit und schöne Momente.“ Er drückte auf „Senden“ – und wartete. Nach ein paar Minuten vibrierte das Handy. Doch statt einer Antwort erschien nur eine Meldung: „Sie können dieser Person keine Nachricht mehr senden.“ Er war blockiert. Lukas’ Hände zitterten leicht. „Sie hat mich blockiert …“, flüsterte er. „Selbst jetzt, nach allem … nicht einmal ein Danke.“ Sein Blick senkte sich, die Schultern sackten nach unten. Erling legte sofort den Arm um ihn, zog ihn leicht an sich. „Das sagt nichts über dich aus. Gar nichts. Es zeigt nur, dass sie selbst noch gefangen ist – in seinen Geschichten, in seinem Zorn. Du hast das Richtige getan, Lukas. Das Richtige.“ „Aber es fühlt sich an wie … noch ein Schlag,“ murmelte Lukas. „Ja,“ antwortete Erling ruhig. „Aber diesmal bist du nicht allein, wenn er trifft.“ Währenddessen packten die Eltern weiter. Die Mutter warf immer wieder einen Blick zu Lukas, doch sie wusste: Erling hielt ihn in diesem Moment besser als jede Erklärung. Später am Abend kam eine neue Nachricht – diesmal von der Mutter des Cousins. Die Mutter las sie leise vor: „Es tut mir leid, was in den letzten Tagen alles gesagt wurde. Der ganze Streit belastet mich sehr. Ich möchte keine Seite wählen, weil ich niemanden verlieren will – nicht dich, nicht meinen Sohn. Ich hoffe, du kannst das verstehen.“ Lukas hörte mit, sein Herz zog sich zusammen. „Sie will keinen verlieren … aber heißt das, sie schützt ihn mehr als mich?“ Die Mutter legte das Handy weg und sah ihn an. „Sie ist zwischen den Stühlen. Sie hat Angst. Aber egal, wie sie sich entscheidet – wir sind auf deiner Seite. Immer.“ Erling nickte. „Manchmal wählen Menschen das Schweigen, weil sie schwach sind. Aber du musst wissen: dein Wert hängt nicht von ihrer Entscheidung ab.“

Lukas atmete schwer, dann schrieb er eine letzte Zeile ins Mut-Buch: • 11. Tag, früher Abend: Gratulation → blockiert. Schmerz, Enttäuschung. • Nachricht von seiner Mutter → keine Seite. • Trost von E. und meinen Eltern → gehalten, nicht allein. • Gefühl: verletzt, aber nicht verloren. Dann schloss er das Buch und flüsterte: „Ich wollte einfach nur Frieden. Vielleicht ist das zu viel verlangt.“ Erling legte ihm die Hand auf die Schulter. „Nein, Lukas. Es ist genau das, was dich stark macht. Weil du trotzdem versucht hast, gut zu bleiben.“ Und draußen rauschte die Weide, als wolle sie bestätigen: Gut zu bleiben ist niemals falsch. Der Vorabend des zwölften Tages war von einer stillen Spannung begleitet. Die Koffer standen fertig gepackt in der Ecke, die Geschenke ordentlich verstaut, das Mut-Buch griffbereit. Es war der letzte Abend in Opole, und die Mutter schlug vor: „Lasst uns noch einmal zusammen essen gehen, bevor wir morgen aufbrechen.“ Sie machten sich zu viert auf den Weg – Lukas, die Eltern und Erling. Die Straßen waren golden vom Licht der Laternen, die Stadt wirkte leiser als an den Tagen zuvor, fast so, als wüsste sie selbst, dass ein Abschied bevorstand. Sie fanden ein kleines Restaurant in der Nähe des Marktplatzes, mit Holztischen und Kerzenlicht. Der Kellner führte sie an einen Tisch am Fenster, von dem man die Passanten draußen sehen konnte. Lukas setzte sich neben Erling, die Eltern gegenüber. Die Bestellung fiel schnell: Die Mutter nahm Pierogi, der Vater ein Steak mit Kartoffeln, Erling wählte Fisch. Lukas aber sah auf die Karte und sagte: „Schnitzel. Noch einmal.“ Als die Getränke kamen, griff Lukas in seine Tasche. Er hatte sich am Nachmittag eine kleine Guthabenkarte gekauft, um selbstständig zahlen zu können – sein eigenes Stück Unabhängigkeit. „Dieses Bier zahle ich selbst,“ sagte er sachlich und legte die Karte hin. Der Kellner nickte, tippte die Zahlen ein und brachte Lukas ein frisch gezapftes Bier. Er hielt das Glas fest, sah es lange an, als wäre es ein Symbol. Dann nahm er einen kleinen Schluck, langsam, bewusst. „Das ist mein Bier,“ murmelte er. „Nicht, weil ich es einfach haben will. Sondern weil ich es mir selbst genommen habe. Mit eigener Karte.“ Erling lächelte. „Das ist mehr als ein Getränk. Das ist ein Schritt.“ Die Mutter nickte still, stolz, und der Vater sagte nur: „Genieß es, Junge. Aber mit Maß.“ Das Essen kam, dampfend und duftend. Lukas schnitt das Schnitzel wieder in gleichmäßige Stücke, ordnete sie auf dem Teller, trank ab und zu von seinem Bier. Es war kein schwerer Abend, sondern ein leiser, warmer. Sie redeten über die Reise, über die Orte, die sie gesehen hatten, über das Stadion, das Schnitzel vom Vortag, sogar über die Katze. Nach dem Essen gingen sie durch die kühle Abendluft zurück zur Ferienwohnung. Lukas war ruhig, fast zufrieden. In der Wohnung stellte er das Bierglas, das er als Souvenir mitbekommen hatte, neben sein Mut-Buch. Er schrieb die letzten Zeilen des Tages: • 11. Tag, Vorabend: Letztes Essen in Opole. Karte → eigenes Bier bezahlt. • Gefühl: selbstständig, ernst, ruhig. • Abend = Abschluss. Dann legte er sich ins Bett. Die Eltern gingen noch einmal die Taschen durch, Erling tippte leise tak-tak an die Wand. Lukas antwortete dreimal. Alles gut. Die Weide im Hof rauschte noch ein letztes Mal, während Lukas langsam einschlief – mit dem Gefühl, dass dieser Abend ein würdiger Schlusspunkt war. Der zwölfte Morgen begann mit dem Rascheln der Koffer. Lukas war als Erster wach, stand im Zimmer und ordnete die letzten Dinge. Er faltete die T-Shirts, legte die Socken übereinander und kontrollierte noch einmal die Geschenke: den geschnitzten Storch, die Schlüsselanhänger,

das Tuch und das Buch über Opole. Alles lag griffbereit im Koffer, nichts durfte vergessen werden. Die Mutter packte in der Küche ein paar Lebensmittelreste zusammen, der Vater kontrollierte die Reisedokumente. „Alles fertig?“ fragte er. „Alles,“ sagte Lukas, und seine Stimme klang ruhig, fast zufrieden. Dann schlossen sie die Ferienwohnung ein letztes Mal ab. Unten wartete das Auto. Der Kofferraum wurde sorgfältig beladen: große Koffer nach hinten, kleine Taschen nach vorne. Lukas stand daneben und zählte im Kopf: eins, zwei, drei, vier – alles verstaut. Bevor sie losfuhren, hielten sie an einer Tankstelle am Stadtrand. Die Zapfsäulen glänzten im Morgenlicht, ein paar LKWs standen schon dort, Männer tranken Kaffee aus Plastikbechern. Der Vater stieg aus, tankte den Wagen, während Lukas im Auto sitzenblieb und die Anzeigen beobachtete: Liter, Euro, Zahlen, die stetig weiterliefen. „Ordnung,“ dachte er. „Jeder Liter an der richtigen Stelle.“ Die Mutter kaufte drinnen Wasserflaschen für die Fahrt, und Lukas bekam ein Croissant in die Hand gedrückt. Er biss hinein, sah hinaus auf die Straße – und da bemerkte er ein anderes Auto. Es war unauffällig, ein dunkler Wagen, der zwei Plätze weiter parkte. Doch am Steuer saß jemand, den Lukas sofort erkannte: Erling. Der Spieler hatte sich ebenfalls aufgemacht. Nicht als Beifahrer, sondern in seinem eigenen Wagen. Lukas lächelte leise. „Er fährt hinter uns.“ Die Mutter nickte, auch wenn sie etwas überrascht war. „Er will sichergehen, dass wir heil ankommen.“ Der Vater schloss den Tankdeckel, setzte sich wieder ans Steuer, und sie fuhren los. Lukas sah in den Rückspiegel. Da war er: der dunkle Wagen, ein paar Meter hinter ihnen, ruhig, gleichmäßig. Für Lukas war es wie ein unsichtbares Band. Vorne die Familie, dahinter Erling, als Schutz, als Schatten. Er tippte leise auf den Sitz neben sich: tak-tak. Keine Antwort kam durch den Wagen – aber er wusste, der Spieler hatte es gespürt. Und so begann der Weg in den letzten Urlaubsort, mit dem Gefühl, dass niemand sie allein ließ. Nicht einmal auf der Straße. Am Mittag des zwölften Tages war es so weit: Die Reise ging weiter. Der Kofferraum war voll, die Fenster sauber, die Stimmung still, aber geordnet. Lukas setzte sich wie immer auf den Rücksitz, das Mut-Buch neben sich. Die Mutter vorne rechts, der Vater am Steuer. „Bereit?“ fragte der Vater. „Bereit,“ antwortete Lukas knapp, und die Mutter nickte. Sie rollten vom Hof der Ferienwohnung, vorbei an der Weide, die im Wind rauschte, und bogen auf die Landstraße. Doch statt direkt auf die Schnellstraße zu fahren, wählte das Navi einen großen Umweg. „Straßenarbeiten,“ murmelte der Vater, als er auf das Display sah. „Wir müssen anders fahren.“ Die Umwege führten sie durch viele kleine Orte. Lukas drückte die Stirn ans Fenster und beobachtete jedes neue Dorf: • Häuser mit roten Dächern, dicht nebeneinander gebaut. • Kleine Kapellen mit Kreuzen am Straßenrand. • Spielplätze, auf denen Kinder lachten. • Alte Bauernhöfe, deren Scheunen halb offen standen. „Das ist wie ein Bilderbuch,“ sagte er leise. „Jedes Dorf eine neue Seite.“ Die Mutter nickte. „Und zusammen ergibt es die Geschichte dieser Region.“ Erling fuhr die ganze Zeit im Wagen hinter ihnen. Lukas sah immer wieder in den Rückspiegel: dort war der dunkle Wagen, nie zu nah, nie zu weit weg. Wie ein stiller Wächter, der ihre Fahrt begleitete.

Die Straßen waren kurvig, manchmal schmal, dann wieder weit offen. Einmal mussten sie anhalten, weil ein Traktor die ganze Spur blockierte. Lukas zählte die Minuten, bis sie wieder fahren konnten, und schrieb eine Notiz ins Mut-Buch: • Umweg: viele Dörfer, viele Bilder. • Gefühl: ungeplant, aber interessant. Nach fast zwei Stunden kleiner Straßen und Umwege sahen sie endlich das Schild: Autostrada. Der Vater atmete erleichtert auf. „Endlich Autobahn. Jetzt geht’s schneller.“ Lukas schaute hinaus, wie die Landschaft plötzlich weiter wurde. Felder, Wälder, große Schilder mit weißen Pfeilen. Die Straße war breit, gleichmäßig, und das Rauschen der Reifen klang wie ein neues Muster – nicht holprig wie in den Dörfern, sondern gleichmäßig, fast beruhigend. „Autobahn bedeutet: klarer Weg,“ sagte er. Erling, im Auto hinter ihnen, schaltete die Lichter kurz an und wieder aus – ein stilles Zeichen: Alles gut, ich bin da. Lukas sah es, nickte und tippte dreimal auf sein Mut-Buch. Alles war im Rhythmus. Alles lief weiter. Die Fahrt zog sich in die Länge, doch für Lukas war sie voller Eindrücke. Auf der Autobahn hielt er sein Handy immer wieder in die Höhe, um Fotos von den Schildern zu machen. Jedes Schild war für ihn ein Marker, ein Beweis, dass sie wirklich weiterkamen: Breslau, Katowice, dann Prag. „Noch eins,“ murmelte er jedes Mal, wenn ein neues Schild auftauchte. Klick. Ein weiteres Bild. „So vergesse ich nichts.“ Die Mutter sah ihn im Rückspiegel an und lächelte still. Als sie den Grenzübergang nach Tschechien erreichten, hielt Lukas das Handy besonders fest. Das Schild „CZ / Czech Republic“ blitzte blau-weiß vor ihnen auf. Klick. Ein Foto. Dann noch eins vom alten Zollhäuschen, das längst unbesetzt war. „Das ist wichtig,“ sagte er. „Das ist der Punkt, wo man merkt, dass man im Ausland ist.“ Doch je länger sie fuhren, desto müder wurde die Stimmung im Auto. Die Straße zog sich, die Orte wechselten, aber das Ziel rückte nur langsam näher. Statt der geplanten Ankunft am Nachmittag rollten sie erst vier Stunden später in Pilsen ein. Die Sonne war schon tief, als sie durch die Straßen der Stadt fuhren. Pilsen wirkte größer, lauter, voller als Opole. Lukas drückte die Stirn ans Fenster und versuchte, sich nicht vom Chaos überrollen zu lassen. „Jetzt das Hotel,“ sagte der Vater konzentriert und bog in eine Seitenstraße ein. Doch sofort merkten sie: kein Parkplatz frei. Straße eins: alles voll. Straße zwei: nur Halteverbotsschilder. Straße drei: ein winziger Platz, aber viel zu eng für ihr Auto. Lukas’ Herzschlag wurde schneller. „Kein Platz. Kein Platz. Kein Platz,“ wiederholte er leise, als müsste er die Ordnung zurückrufen. Die Mutter versuchte zu beruhigen: „Wir finden schon etwas. Ruhig atmen.“ Erling, der dicht hinter ihnen fuhr, blinkte auf, als wolle er sagen: „Alles in Ordnung, ich bleibe dran.“ Nach einer halben Stunde kreisender Suche war die Stimmung angespannt. Der Vater fluchte leise, die Mutter sah nervös auf die Uhr. Lukas hielt das Handy fester, seine Fotos waren wie kleine Anker in der Tasche. „Wenn wir keinen Platz finden …“ begann er, doch Erling hupte kurz und deutete aus dem Fenster: „Da! Eine Lücke!“ Und tatsächlich, ein paar Straßen weiter – endlich ein freier Parkplatz, gerade groß genug für beide Autos. Der Vater manövrierte hinein, langsam, Zentimeter für Zentimeter.

Als der Motor ausging, atmete Lukas tief durch. „Geschafft,“ sagte er. „Parkplatz = Ordnung wiederhergestellt.“ Sie stiegen aus, nahmen das Gepäck und gingen die letzten Meter zum Hotel. Lukas sah auf sein Handy, auf die Fotos von den Schildern und dem Grenzübergang. Trotz der langen Fahrt und der nervigen Suche fühlte er: Die Reise hatte jetzt ein neues Kapitel. Und im Mut-Buch notierte er später: • Fahrt nach Pilsen: viele Schilder → Fotos gemacht. • Grenzübergang festgehalten. • Ankunft 4 Stunden verspätet, Parkplatzsuche = schwer. • Gefühl: Chaos → Ordnung wiedergefunden. Mit diesem Satz klappte er das Buch zu und spürte die erste echte Müdigkeit des Tages. Das Hotel in Pilsen wirkte von außen größer als erwartet: ein moderner Bau mit Glasfront, warm beleuchtet, mitten in der Stadt. Lukas hielt die Hoteltür auf, ließ zuerst die Mutter, den Vater und Erling eintreten, dann trat er selbst ein. In der Lobby roch es nach poliertem Holz und frischem Kaffee, Stimmen hallten in verschiedenen Sprachen durcheinander. Doch Lukas’ Blick ging sofort nach draußen, zurück zur Straße. „Wo ist der Parkplatz?“ fragte er sachlich. „Wir brauchen den Parkplatz vom Hotel.“ Der Vater zuckte mit den Schultern. „Frag am Empfang.“ Also ging Lukas nach vorne, das Mut-Buch in der Hand wie ein Schutz. Er stand vor der Empfangsdame, eine Frau mittleren Alters mit strengem Gesichtsausdruck. „Excuse me, parking…?“ begann er vorsichtig. Sie schüttelte den Kopf, holte ein paar Worte heraus: „No free… full. Big bus.“ Lukas runzelte die Stirn, drehte sich zu seiner Mutter. „Sie sagt, der Parkplatz ist voll. Ein großer Bus hat ihn gemietet.“ Die Mutter atmete hörbar ein, schüttelte den Kopf und stand sofort auf. „Das kann nicht sein. Im Internet steht ganz klar: Parkplatz immer verfügbar. Ohne Aufpreis. Ohne Reservierung.“ Zusammen mit Lukas und Erling ging sie erneut an den Empfang. Sie sprach langsam, erst auf Deutsch, dann auf Englisch, schließlich zeigte sie die Hotelbeschreibung auf ihrem Handy. „Hier, sehen Sie. Es steht ausdrücklich da. Immer verfügbar.“ Die Frau hinter dem Tresen lächelte nervös, hob die Hände und wiederholte nur: „No, no… bus. Parking full.“ Offensichtlich verstand sie kaum Englisch, und auf die Argumente der Mutter reagierte sie mit Kopfschütteln. Die Diskussion zog sich hin. Eine Stunde lang versuchte die Mutter es mit Geduld, mit Nachdruck, mit Bildern und Texten. Lukas stand daneben, immer wieder seine Hände tief in den Taschen, das Herz schneller als ihm lieb war. „Internet sagt… immer verfügbar,“ murmelte er wie ein Mantra. Erling legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. „Atme. Wir finden eine Lösung. Vielleicht nicht hier, aber irgendwo.“ Am Ende mussten sie aufgeben. Die Frau blieb bei ihrer Antwort, schüttelte immer wieder den Kopf, als wäre alles gesagt. Draußen war die Luft kühl geworden, als sie zurück zu den Autos gingen. Nach einer kurzen Suche fanden sie schließlich eine Seitenstraße, etwas entfernt vom Hotel, aber sicher genug. Beide Wagen passten hinein, nebeneinander. Der Vater seufzte erleichtert, als er den Motor abstellte. „Endlich.“ Nun begann das Schleppen. Koffer für Koffer, Tüten, Geschenke, Wasserflaschen – alles wurde Stück für Stück durch die Straßen getragen, hinein ins Hotel, hoch ins Zimmer. Lukas stapfte konzentriert, immer zwei Schritte hinter Erling, der den schwersten Koffer trug. Als sie das Zimmer betraten, war es groß, aber schlicht: zwei Betten, ein Schreibtisch, ein Schrank, ein Fenster mit Blick auf die Straße. Lukas setzte sofort sein Mut-Buch auf den Tisch,

daneben den geschnitzten Storch und die neuen Schlüsselanhänger. „Jetzt ist es unser Zimmer,“ sagte er leise. Die Mutter ließ sich aufs Bett fallen, der Vater öffnete das Fenster, und Erling stellte den letzten Koffer ab. „Es war ein langer Weg,“ sagte er und grinste müde. „Aber wir sind da.“ Lukas nickte, nahm den Stift und schrieb: • 12. Tag, Abend: Hotel Pilsen → Parkplatz nicht verfügbar, trotz Internet-Angabe. • 1 Stunde Diskussion → Frau verstand nicht, keine Lösung. • Endlich in Seitenstraße geparkt. • Gefühl: erschöpft, aber angekommen. Dann legte er den Stift weg, atmete tief durch und sah hinaus auf die Lichter der Stadt. Trotz allem spürte er: Jetzt war er wirklich in Pilsen angekommen. Der späte Abend in Pilsen begann mit einem Versuch, den Tag trotz aller Schwierigkeiten versöhnlich abzuschließen. Nachdem das Gepäck endlich im Zimmer war und sich alle ein wenig frisch gemacht hatten, beschlossen sie, im Hotelrestaurant noch etwas zu essen. Der Raum war schlicht eingerichtet: weiße Tischdecken, Kerzen, ein paar wenige Gäste an den Nachbartischen. Die Bedienung brachte Karten, doch schon nach den ersten Blicken war klar, dass es kaum Übersetzungen gab. Keine deutsche Version, kein englischer Text. Nur Tschechisch. Die Mutter versuchte es mit Gesten und zeigte auf eine Suppe in der Karte. Der Vater bestellte etwas, das wie ein Eintopf aussah, und Erling wählte ebenfalls auf gut Glück. Lukas entschied sich für ein Schnitzel – ein vertrautes Muster, das ihm Sicherheit gab. Als das Essen kam, war die Stimmung gemischt. Die Suppe der Mutter stand schon leer auf dem Tablett, als sie sie erhielt. Ein Rest am Rand, aber der Teller fast trocken. „Das ist doch schon gegessen worden,“ murmelte sie enttäuscht. Der Vater schob seinen Teller an, roch daran und verzog das Gesicht. „Das ist bestimmt nicht frisch.“ Erling stocherte in seinem Gericht, schüttelte nur den Kopf. „Das war wohl schon länger hier.“ Nur Lukas hatte ein Schnitzel vor sich. Es war groß, goldbraun – doch als er das erste Stück schnitt und in den Mund legte, merkte er sofort: trocken, ohne Geschmack. Er kaute lange, trank Wasser nach. „Es schmeckt … nach nichts,“ sagte er leise. Die Mutter nickte, die Stimmung war bedrückt. „Wir essen, was geht, und dann gehen wir hoch. Morgen wird besser.“ So saßen sie schweigend am Tisch, jeder nahm nur ein paar Bissen. Das Kerzenlicht flackerte, aber es brachte keine Wärme in den Moment. Lukas aß die Hälfte des Schnitzels, stellte dann das Besteck ordentlich auf den Teller und sagte: „Genug. Kein Geschmack.“ Nach dem Essen gingen sie zurück ins Zimmer. Lukas hielt kurz an der Bar und kaufte sich ein Bier. „Das nehme ich mit hoch,“ sagte er ernst, als wäre es eine kleine Belohnung nach dem enttäuschenden Essen. Im Zimmer stellte er das Bier neben das Mut-Buch, zog die Schuhe aus und setzte sich auf sein Bett. Ein Schluck – kalt, klar, wenigstens ehrlich im Geschmack. Dann schrieb er ins Buch: • 12. Tag, später Abend: Hotelrestaurant → Suppe leer, Essen geschmacklos. • Schnitzel trocken, keine Freude. • Bier im Zimmer = besser als alles davor. • Gefühl: enttäuscht, aber beruhigt durch eigenes Ritual. Nachdem er den letzten Schluck getrunken hatte, stellte er die Flasche ordentlich auf den Tisch, legte sich unter die Decke und schloss die Augen. Der Lärm aus der Stadt war gedämpft, nur das Summen der Klimaanlage füllte den Raum. Sein letzter Gedanke, bevor er einschlief, war: Morgen verlasse ich dieses Hotel – und nehme nur die Ordnung mit, nicht den Geschmack. Der Mittag des dreizehnten Tages begann mit einer Mischung aus Neugier und leichter Spannung. Nach dem enttäuschenden Abendessen im Hotel wollte Lukas etwas erleben, das

ihm wieder Struktur und Bedeutung gab. Der Vater schlug vor: „Wir gehen heute ins Zentrum. Dort gibt es die Historischen Unterwelten von Pilsen – Kelleranlagen unter der Stadt. Man sagt, sie sind mehrere Kilometer lang.“ Lukas horchte auf. Unterwelten, Gänge, Geschichte – das klang für ihn wie ein Muster, das man Schritt für Schritt erkunden konnte. „Ja,“ sagte er knapp. „Das will ich sehen.“ Erling grinste. „Ein Abenteuer unter der Erde. Genau das Richtige.“ Am Eingang des Museums bekamen sie Helme. Lukas nahm seinen vorsichtig in die Hände, drehte ihn einmal, bevor er ihn aufsetzte. „Das ist wichtig. Sicherheit zuerst,“ murmelte er. Der Vater nickte zustimmend, während Erling lachend sagte: „Steht dir gut, mein Freund. Sieht aus, als wärst du auf einer Mission.“ Die Führung begann. Ein Guide sprach Tschechisch, dazu gab es ein paar englische Sätze, die Lukas nur halb verstand. Aber er brauchte keine langen Erklärungen – die Bilder sprachen für sich. Sie stiegen eine steile Treppe hinunter in das Gewölbe. Die Luft wurde kühl, roch nach Stein und Feuchtigkeit. Lampen warfen lange Schatten auf die Wände. Lukas legte eine Hand an die Mauer, spürte die Kälte. „Das ist echt,“ flüsterte er. „Hier sind Menschen gegangen, vor hunderten Jahren.“ Der Guide zeigte alte Brunnen, Vorratsräume, enge Gänge. „Hier lagerte man Bier, hier Wasser, hier Gemüse,“ übersetzte der Vater. Lukas nickte. Alles hatte Ordnung: Räume für jedes Bedürfnis, wie Schubladen in einem riesigen Schrank unter der Erde. Einmal blieb Lukas stehen, als die Gruppe weiterging. Er sah auf eine alte Holztür, verwittert und schwer. „Was wäre dahinter?“ fragte er. Erling legte ihm die Hand auf die Schulter. „Manche Geheimnisse bleiben verschlossen. Aber stell dir vor: vielleicht ein Raum voller Geschichten.“ Nach fast einer Stunde kamen sie wieder ans Tageslicht. Die Sonne blendete, die Luft war warm, ganz anders als die kühle Stille unter der Erde. Lukas blinzelte, setzte den Helm ab und atmete tief durch. „Das war … wie eine andere Welt. Aber eine mit Ordnung.“ Der Vater nickte. „Und mit Geschichte. So bleibt eine Stadt lebendig.“ Erling grinste. „Du hast dich bewegt wie ein Profi da unten. Ruhig, aufmerksam, konzentriert.“ Lukas zog eine kleine Notiz aus der Tasche, schrieb schnell: • 13. Tag, Mittag: Historische Unterwelten Pilsen. • Keller, Brunnen, Vorratsräume = Ordnung sichtbar. • Gefühl: kühl, ruhig, sicher. Dann sah er sich noch einmal um, als wolle er den Eingang in sein Gedächtnis einbrennen. „Das kommt in die Top-Erinnerungen von Pilsen,“ sagte er ernst. Und so gingen sie weiter durch die Stadt – diesmal mit dem Gefühl, dass selbst unter der Erde Ordnung und Geschichten auf ihn gewartet hatten. Am Nachmittag des dreizehnten Tages führte ihr Weg zu dem Ort, für den Pilsen in aller Welt bekannt war: zur Brauerei Pilsner Urquell. Schon der Eingang wirkte wie ein Tor in eine andere Zeit – rote Backsteinbögen, dahinter moderne Hallen, die den Duft von Malz und Hefe verströmten. Lukas ging zwischen seinem Vater und Erling, während die Mutter dicht hinterherlief. „Das ist Geschichte, die man schmecken kann,“ sagte der Vater ernst, fast ehrfürchtig. Lukas nickte, auch wenn er innerlich vor allem gespannt war, wie die Abläufe dort geordnet waren: Tanks, Rohre, Maschinen – alles nach Regeln. Die Führung begann in einer großen Halle mit glänzenden Kupferkesseln. Der Guide sprach Tschechisch, aber es gab auch eine englische Übersetzung. Lukas hörte nur halb hin – sein Blick

klebte an den riesigen Kesseln, die wie aufgestellte Glocken glänzten. „Alles symmetrisch,“ murmelte er, „keine Unordnung.“ Sie gingen durch die Produktionshallen, vorbei an Abfüllanlagen, die unaufhörlich Bierflaschen über Förderbänder schickten. Das rhythmische Klacken der Maschinen beruhigte ihn. „Wie ein Muster,“ sagte er zu Erling. „Eine Maschine, die Ordnung macht.“ Der Höhepunkt kam im Keller: frisch gezapftes Bier direkt aus den Holzfässern. Jeder bekam ein Glas – golden, mit dichter Schaumkrone. Lukas hob seins, betrachtete es lange gegen das Licht, bevor er einen vorsichtigen Schluck nahm. Kalt, frisch, klar. „Das ist besser als das Bier gestern im Hotel,“ sagte er sachlich. Der Vater nickte begeistert. „So muss Bier schmecken!“ Die Mutter nahm einen kleinen Schluck, lächelte. „Nicht meins, aber frisch ist es.“ Erling trank und klopfte Lukas sanft auf die Schulter. „Willkommen in der großen Tradition, mein Freund.“ Nach der Verkostung gingen sie ins Brauereirestaurant. Lukas bestellte ein Schnitzel und dazu Bierstangen – knusprige Brezeln, die nach Malz dufteten. Er aß konzentriert, ordnete alles auf dem Teller, trank dazu langsam von seinem Glas. „Das passt,“ sagte er zufrieden. Im Souvenirshop schaute er lange auf die Regale. Schließlich entschied er sich für ein großes Bierglas mit dem Logo der Brauerei. „Das ist meins,“ sagte er und hielt es wie einen Schatz. Die Mutter kaufte ein Set mit sechs kleinen Gläsern – „für die Familie, zum Verschenken,“ erklärte sie. Sie traten aus der Brauerei in den Nachmittagssonnenschein, jeder mit einer Tasche in der Hand. Lukas hielt sein Glas vorsichtig fest, fast so, als wäre es aus Gold. „Das ist ein Stück von hier. Etwas, das bleibt.“ Im Mut-Buch schrieb er später: • 13. Tag, Nachmittag: Brauerei Pilsen Urquell → Führung, Bier frisch aus Fass. • Essen: Schnitzel + Bierstangen. • Souvenirs: 1 großes Glas für mich, 6 kleine von Mama. • Gefühl: Tradition + Ordnung = Erinnerung. Dann stellte er das Glas ordentlich auf den Tisch im Hotelzimmer und sah lange darauf, bevor er leise sagte: „Das nehme ich mit nach Mainz. Und jedes Mal, wenn ich daraus trinke, weiß ich: Ich war hier.“ Der Abend des dreizehnten Tages begann mit einem kleinen Plan: Die Mutter wollte im Hotelzimmer bleiben, um schon die ersten Sachen für die Heimreise zu sortieren. „Geht ihr ruhig noch etwas raus,“ sagte sie, während sie den Koffer öffnete und die Kleidung faltete. „Aber seid nicht zu spät.“ So machten sich Lukas, sein Vater und Erling auf den Weg durch die Straßen von Pilsen. Die Sonne war bereits hinter den Häusern verschwunden, und die Laternen warfen gelbes Licht auf das Pflaster. Lukas lief langsam, die Hände in den Taschen, und beobachtete die Fassaden. „Interessant,“ murmelte er nachdenklich, „erst jetzt fangen sie an, die Gebäude richtig zu restaurieren.“ Tatsächlich standen überall Gerüste, frisch gestrichene Mauern neben verwitterten Wänden. „Es ist, als ob die Stadt gerade erst wach wird.“ Der Vater nickte. „Pilsen verändert sich, Stück für Stück. Genau wie du.“ Erling grinste. „Eine Baustelle kann auch ein Anfang sein.“ Sie suchten eine Kneipe, aber es stellte sich schwieriger heraus, als gedacht. Die kleinen Gassen führten sie von einer Ecke zur nächsten, doch viele Lokale waren geschlossen oder voll. Lukas blieb schließlich stehen und atmete tief. „Wir finden nichts. Aber ich wollte heute ein Bier trinken.“

Sie gingen weiter, bis sie an einer Eisdiele vorbeikamen, die auch Getränke anbot. Im Fenster standen bunte Flaschen, und eine kleine Tafel versprach „Pivo“. Der Vater grinste. „Na, dann holen wir unser Bier eben hier.“ Sie setzten sich an einen kleinen Tisch draußen, bekamen drei Gläser, kühl und frisch gezapft. Lukas hob sein Glas, betrachtete den Schaum und sagte: „Nicht wie eine Kneipe. Aber trotzdem richtig.“ Sie stießen an. Das Bier schmeckte leicht, nicht stark, und die Stunde verging mit leisen Gesprächen über das Spiel von Mainz 05, über die Reise, über die Rückkehr nach Hause. Nach einer Stunde beschlossen sie, zurückzugehen. Bevor sie ins Hotel gingen, hielten sie an einer kleinen Bar, die Cocktails to-go anbot. „Mama bekommt auch etwas,“ sagte Lukas. Sie bestellten eine Piña Colada und trugen sie vorsichtig durch die Straßen zurück. Im Zimmer saß die Mutter über einem halbvollen Koffer. Als sie den Drink sah, lächelte sie überrascht. „Ihr habt an mich gedacht.“ „Natürlich,“ sagte Lukas ernst. „Niemand bleibt ohne.“ Sie setzten sich noch für ein paar Minuten zusammen, jeder mit seinem Getränk, und erzählten von der Stunde draußen. Dann legte Lukas sein Mut-Buch auf den Tisch und schrieb: • 13. Tag, Abend: Spaziergang → Stadt im Umbau. • Kneipe nicht gefunden → Bier in Eisdiele getrunken. • Piña Colada für Mama → Erinnerung an uns alle. • Gefühl: kein perfekter Plan, aber ein voller Abend. Danach stellte er den Stift weg, schloss das Buch, und als er sich ins Bett legte, dachte er leise: Auch wenn Pläne anders laufen – die Erinnerung bleibt. Der Morgen des vierzehnten Tages begann geschäftig. In der Hotellobby standen die Koffer schon aufgereiht, die Mutter checkte ein letztes Mal die Schlüsselkarte aus, der Vater kontrollierte die Route für die Heimfahrt. Lukas jedoch hatte noch einen klaren Plan: „Bevor wir fahren, gehen wir noch einmal zu Tesco. Ich will Getränke mitnehmen. Richtige, tschechische Getränke. Und Bier.“ Der Vater seufzte, nickte aber. „Gut, aber schnell. Wir haben eine lange Fahrt vor uns.“ Erling grinste. „Das wird dein Vorratslager für Mainz.“ Im Tesco rollte Lukas einen Wagen zielstrebig durch die Gänge. Die Getränkeabteilung war riesig, Regale voller Marken, die er in Deutschland kaum sah. Er ging systematisch vor: • Zuerst 20 verschiedene Biere – hell, dunkel, Pilsner, Marken, die er nicht kannte. Jede Flasche stellte er mit sichtlicher Sorgfalt in den Wagen. „Das ist mein Souvenir. Jede Sorte ein Stück Tschechien.“ • Danach griff er zu Kofola, der beliebten tschechischen Cola-Alternative. „Davon nehme ich zwei Flaschen. Muss ich probieren.“ • Dann noch ein paar Fruchtsäfte aus lokalen Marken, bunt bedruckte Packungen, die nach Sommer aussahen. • Schließlich wählte er noch einen kleinen Karton Mineralwasser – „Zur Sicherheit,“ erklärte er nüchtern. Die Mutter lachte leise, als sie den vollen Wagen sah. „Du willst wohl einen halben Getränkemarkt mitnehmen.“ „Ja,“ sagte Lukas ernst. „Das ist Ordnung. Für später.“ An der Kasse wurde alles ordentlich aufs Band gelegt: Flaschen sauber ausgerichtet, die schweren nach vorne, die leichten nach hinten. Lukas zahlte diesmal selbst mit seiner Karte, hielt sie fest in der Hand, bis das Gerät piepte. „Meins,“ sagte er, und packte die Einkäufe gewissenhaft ein.

Zurück am Auto wurde der Kofferraum neu organisiert. Zwischen den Koffern entstand ein kleiner Turm aus Bierkästen und Flaschen. Lukas prüfte zweimal, ob nichts klapperte. „Sicher verstaut,“ murmelte er zufrieden. Bevor sie losfuhren, kaufte er sich noch ein Hörnchen aus der Bäckerei neben dem Supermarkt – goldbraun, mit Schokolade gefüllt. Im Auto biss er hinein, während der Vater den Motor startete. „Das ist der richtige Start für die Rückfahrt,“ sagte er mit vollem Mund. Erling, der wieder mit dem eigenen Wagen hinter ihnen fuhr, hupte einmal kurz zum Abschied an Pilsen. Lukas hob das Hörnchen wie zum Anstoßen in die Luft und dachte: Jetzt geht’s heim – mit Erinnerungen und 20 Bieren im Gepäck. Der Nachmittag des vierzehnten Tages war bereits von Reisestimmung geprägt. Die Autobahn zog sich lang durch die Landschaft, die Sonne stand hoch am Himmel, und alle spürten: Die Rückfahrt nach Hause hatte begonnen. Doch kurz vor der Grenze nach Deutschland schlug Lukas vor: „Einmal noch zu McDonald’s. Dann ist die Reise rund.“ Der Vater lenkte den Wagen auf einen Rastplatz, wo die bekannten gelben Bögen leuchteten. Sie stiegen aus, streckten die Beine und gingen hinein. Der Geruch von Frittieröl und frisch gebackenen Brötchen hing in der Luft. Lukas bestellte sich einen einfachen Hamburger mit Pommes. Die Mutter nahm einen Salat, Erling ein Menü mit Chicken Nuggets. Der Vater war unschlüssig, runzelte die Stirn und fragte Lukas: „Was ist das eigentlich, was du immer bestellst?“ „Burger,“ sagte Lukas knapp. Der Vater nickte, wandte sich zum Tresen und bestellte – doch statt eines Burgers bekam er eine kleine Portion Soße, die falsch verstanden worden war. Als er am Tisch Platz nahm, öffnete er das Schächtelchen, nahm einen großen Bissen mit dem Löffel und verzog sofort das Gesicht. „Das ist keine Burger!“ rief er laut, fast schon entsetzt. „Das ist nur Soße! Nur Soße!“ Die Mutter schnaubte, legte die Gabel ihres Salats beiseite. „Dann hättest du klarer bestellen müssen! Immer dieses Chaos …“ Ihre Stimme war gereizt, die Stirn in Falten gelegt. Lukas zuckte leicht zusammen, doch Erling blieb ruhig. Er sagte kein Wort, sondern trank nur in aller Stille von seiner Cola. Er wusste, dass es jetzt klüger war, nichts zu sagen. Lukas aß seinen Hamburger langsam weiter, kaute bedächtig und beobachtete, wie sich die Stimmung am Tisch wieder etwas beruhigte. Nach dem Essen packten sie alles zusammen, stiegen zurück ins Auto und fuhren weiter. Kurz vor dem Grenzübergang nahm Lukas sein Handy in die Hand. Wieder leuchtete ein blaues Schild am Straßenrand auf: Deutschland. Er hob das Handy, wartete, bis das Schild klar im Bild war, und drückte ab. „Grenze fotografiert,“ murmelte er. „Jetzt ist das Kapitel Pilsen abgeschlossen.“ Die Mutter atmete tief, der Vater brummte leise, und Erling blinkte kurz mit den Lichtern in seinem Auto hinter ihnen. Für Lukas war das Foto wie ein Siegel – ein klarer Strich zwischen Urlaub und Heimweg. Kaum hatten sie die Grenze nach Deutschland überquert, tauchten schon wenige Kilometer weiter die blauen Lichter einer Polizeikontrolle auf. Mehrere Wagen wurden zur Seite gewunken, Beamte standen mit Warnwesten am Straßenrand. Lukas richtete sich sofort im Sitz auf, sein Herzschlag wurde schneller. „Polizei…“, flüsterte er. Der Vater lenkte das Auto langsamer in Richtung der Absperrung, bereit anzuhalten. Doch der Polizist sah kurz in ihr Fahrzeug, machte dann eine abwinkende Handbewegung. „Weiterfahren.“ Lukas atmete hörbar aus, seine Schultern sanken. „Keine Kontrolle.“ Die Mutter nickte. „Alles gut. Wir haben nichts zu verbergen.“ Erling, im Wagen hinter ihnen, hupte kurz und hob die Hand, als sie die Kontrolle passierten – auch er war durchgewinkt worden.

Nach dieser Anspannung griff Lukas automatisch zu seinem Handy, um die Uhrzeit zu kontrollieren. Als er auf das Display sah, weiteten sich seine Augen. „Mama! In sechs Stunden läuft die Anmeldefrist ab!“ Die Mutter drehte sich erschrocken halb nach hinten. „Welche Frist?“ „Die Studiengebühren. Für das neue Studium! Es muss heute noch überwiesen werden, sonst verliere ich alles.“ Einen Moment lang war es still im Auto. Dann nickte die Mutter entschlossen. „Gut. Sobald wir in Mainz sind, kümmere ich mich darum. Ich überweise sofort.“ Lukas atmete tief. „Danke. Das ist wichtig. Sehr wichtig.“ Die Fahrt zog sich, doch als sie Mainz erreichten, war es bereits Abend. Bevor sie endgültig nach Hause fuhren, hielten sie noch einmal an einem kleinen Lokal. „Etwas essen, bevor wir die letzte Strecke machen,“ schlug der Vater vor. Es war ein kleines japanisches Schnellrestaurant, modern eingerichtet, mit hellen Lampen und roten Akzenten. Lukas bestellte sich eine Portion japanische Nuggets – knusprig frittiert, mit einer leichten Sojasoße. Er aß langsam, Stück für Stück, und lächelte schwach. „Besser als das Schnitzel gestern. Viel besser.“ Erling probierte auch ein Stück, nickte und grinste. „Die sind wirklich gut.“ Die Mutter saß derweil mit dem Handy am Tisch, übertrug das Geld für die Studiengebühren. „Erledigt,“ sagte sie schließlich. „Du bist angemeldet.“ Lukas sah sie an, seine Augen glänzten vor Erleichterung. „Danke. Jetzt ist alles sicher.“ Später, als sie die letzten Kilometer nach Hause fuhren, war es dunkel geworden. Die Straßen von Mainz waren vertraut, die Häuserreihen bekannt. Lukas sah aus dem Fenster, das MutBuch lag auf seinem Schoß. Als sie schließlich die Haustür öffneten, war die Reise wirklich vorbei. Er stellte seine Souvenirs auf den Tisch, legte das Bierglas aus Pilsen neben den geschnitzten Storch aus Opole und schrieb die letzten Zeilen dieses Kapitels: • 14. Tag, Heimkehr: Polizeikontrolle → keine Probleme. • Frist beinahe verpasst → Gebühren überwiesen. • Letztes Essen: japanische Nuggets. • Ankunft zuhause → alles sicher. Dann klappte er das Buch zu, atmete tief durch und dachte: Urlaub beendet. Aber nicht verloren. Die Nacht war still, nur das leise Summen der Straßenlaterne vor dem Fenster drang in Lukas’ Zimmer. Er saß am Schreibtisch, das Mut-Buch zur Seite gelegt, vor sich den Laptop und die Formulare für die Hochschule. Sein Blick war konzentriert, fast streng, während er Feld für Feld ausfüllte: Name, Adresse, gewünschter Studiengang. Neben ihm lag die Überweisungsbescheinigung, die seine Mutter am Abend organisiert hatte. Er nahm sie vorsichtig in die Hand, legte sie ordentlich an die richtige Stelle und scannte alles ein. Mit einem klaren Klick schickte er die Unterlagen per Mail an die Hochschule. Als der Bildschirm die Bestätigung zeigte, atmete Lukas tief aus. „Geschafft,“ murmelte er. Er lehnte sich zurück, schloss für einen Moment die Augen und sagte dann mit einem kleinen Lächeln: „Der Tag war perfekt. Alles ist gut.“ Er räumte den Schreibtisch ordentlich auf, stellte das Glas aus Pilsen neben das Mut-Buch, trank den letzten Schluck Wasser aus seiner Flasche und legte sich ins Bett. Die Decke zog er hoch bis zum Kinn, seine Augen fielen langsam zu. Im Traum rauschte die Weide aus Opole, als wäre sie ihm nach Mainz gefolgt.

Doch während Lukas schlief, geschah etwas, von dem er nichts wusste. Unten an der Haustür bewegte sich eine Gestalt im Schatten. Sie trug dunkle Kleidung, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. In ihrer Hand hielt sie einen Umschlag. Mit einer schnellen Bewegung öffnete sie den Briefkasten, ließ den Umschlag hineingleiten und verschwand lautlos in der Nacht. Der Brief enthielt nur wenige Sätze, hastig geschrieben, aber klar: „Morgen Abend. Stadtpark. Ein Treffen, das die Wahrheit zeigt. Bringe deine Eltern mit. Bringe auch den Spieler mit. Ihr alle müsst es erfahren.“ Der Umschlag lag nun zwischen harmlosen Zeitungen und Prospekten, unscheinbar, unbemerkt. Niemand im Haus hatte etwas gehört oder gesehen. Oben schlief Lukas ruhig, überzeugt davon, dass alles endlich geordnet war. Auch die Eltern und Erling ahnten nichts. Noch wusste keiner, dass der kommende Abend alles verändern könnte – weil ein Schatten beschlossen hatte, dass die Wahrheit nicht länger verborgen bleiben sollte. Der fünfzehnte Morgen begann leise. Die Sonne drang zaghaft durch die Vorhänge, Vögel zwitscherten draußen, und in der Wohnung herrschte eine stille Betriebsamkeit. Lukas war schon kurz wach, als seine Mutter an der Tür stand und ihm eine kleine Tube reichte. „Zeit für deine Medizin, Lukas.“ Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und nahm gewissenhaft die Salbe aus der Tube. Sorgfältig, fast ritualhaft, trug er sie genau so auf, wie die Ärztin in Polen es erklärt hatte. „Zweimal täglich. Ordnung muss sein,“ murmelte er, während er die Kappe wieder fest verschloss. Danach trank er einen Schluck Wasser, legte sich wieder hin und zog die Decke bis zum Kinn hoch. „Ich schlaf noch etwas,“ sagte er leise. Die Mutter nickte. „Ruh dich aus. Wir machen hier unten alles fertig.“ Während Lukas in einen leichten Schlaf zurückfiel, ging der Rest der Familie ans Werk. Der Vater stellte die Koffer mitten ins Wohnzimmer und begann, sie zu öffnen. Stück für Stück wurden die Dinge ausgepackt: Kleidung in die Schränke, Souvenirs auf den Tisch, Getränke ordentlich in die Speisekammer. Die Mutter legte die sechs kleinen Biergläser aus Pilsen in eine Reihe, wickelte die Schutzfolie ab und sagte: „Das sind Geschenke für später.“ Neben ihr stellte der Vater die Flaschen Bier sorgfältig in den Keller – zwanzig verschiedene Sorten, jede einzeln geprüft, damit nichts zerbrach. „Das ist wie eine Sammlung,“ meinte er. Erling half ebenfalls, trug Taschen ins Schlafzimmer, sortierte Lebensmittel in die Küche. Dabei blieb er immer aufmerksam, hörte nach oben, ob Lukas sich vielleicht wieder rührte. Doch oben blieb es still – nur das sanfte Atmen im Schlaf. Als schließlich alle Koffer leer waren, saßen die Eltern und Erling kurz am Küchentisch, jeder mit einer Tasse Kaffee. Der Vater atmete tief. „Es ist schön, wieder zuhause zu sein.“ Die Mutter nickte, sah aber nachdenklich zur Treppe. „Hoffentlich erholt er sich schnell. Die letzten Tage waren viel für ihn.“ Erling lächelte schwach. „Er schläft jetzt. Das ist das Beste, was er tun kann.“ Und oben im Zimmer schlief Lukas tatsächlich weiter, ruhig, fast friedlich, mit dem Mut-Buch neben sich. Noch ahnte er nichts von dem Brief, der unten im Briefkasten lag – ein Umschlag, der darauf wartete, den Frieden dieses Morgens schon bald zu durchbrechen. Als Lukas gegen Mittag langsam die Augen öffnete, war die Wohnung ungewohnt still. Er brauchte einen Moment, um sich zu orientieren: Decke bis zum Kinn, Mut-Buch ordentlich auf dem Nachttisch, das leise Rauschen der Stadt draußen. Er setzte sich auf, gähnte und tappte vorsichtig die Treppe hinunter.

Unten im Wohnzimmer blieb er überrascht stehen. Alle Koffer waren verschwunden. Stattdessen war alles schon eingeräumt: Die Kleidung lag frisch in den Schränken, die Geschenke ordentlich aufgereiht, und die Bierflaschen standen in einer Reihe wie eine Sammlung, glänzend im Licht. „Alles… fertig,“ murmelte er. Seine Mutter kam aus der Küche und lächelte. „Ja. Wir wollten, dass du aufwachst und nichts mehr tun musst.“ Lukas nickte, und sein Blick wanderte zum Briefkasten an der Tür. Etwas Weißes lugte hervor. Neugierig ging er hin, zog den Umschlag heraus. Kein Absender. Nur sein Name. Er riss ihn auf – die Schrift war hastig, unruhig: „Morgen Abend. Stadtpark. Ein Treffen, das die Wahrheit zeigt. Bringe deine Eltern mit. Bringe auch den Spieler mit. Ihr alle müsst es erfahren.“ Lukas’ Hände zitterten leicht. „Ein Treffen? Wahrheit?“ Erling, der gerade vom Keller zurückkam, bemerkte sofort den Ausdruck in Lukas’ Gesicht. „Was ist das?“ fragte er ruhig. Lukas hielt ihm den Zettel hin. „Das lag im Briefkasten.“ Die Mutter nahm das Papier, las ihn laut vor, und der Vater zog die Stirn zusammen. „Wer hat das geschrieben? Und warum so geheimnisvoll?“ „Ich weiß es nicht,“ sagte Lukas leise. „Aber es klingt… wichtig.“ Um die Stimmung etwas zu beruhigen, stellte die Mutter kurze Zeit später eine große Schüssel mit hausgemachter Suppe auf den Tisch. Der Duft von Gemüse und Gewürzen füllte den Raum. „Egal was kommt, wir essen jetzt erstmal.“ Alle setzten sich. Lukas löffelte die Suppe langsam, ordnete die Stücke Karotte und Kartoffel auf seinem Löffel, bevor er sie aß. „Warm. Gut,“ murmelte er. Erling nickte. „Manchmal ist Suppe die beste Antwort, bevor man weiterdenkt.“ Doch in Lukas’ Kopf kreisten die Worte aus dem Brief weiter. „Ein Treffen. Wahrheit. Stadtpark.“ Er spürte, dass die Ruhe nicht lange halten würde – auch wenn die Suppe ihm half, sich für einen Moment sicher zu fühlen. Am nächsten Abend machte sich die gesamte Gruppe – Lukas, seine Eltern und Erling – gemeinsam auf den Weg. Der Brief hatte sie nicht mehr losgelassen. Niemand wusste genau, was sie erwartete, doch sie hatten beschlossen, dem Hinweis zu folgen. „Wenn es eine Wahrheit gibt, die wir erfahren sollen, dann lieber zusammen,“ sagte die Mutter bestimmt. Sie gingen durch die Straßen von Mainz, bis sie den Stadtpark erreichten. Der Abend war mild, die Lampen am Wegesrand warfen warmes Licht auf die Kieswege. Lukas hielt das Mut-Buch unter dem Arm, als würde es ihm Sicherheit geben. „Es ist seltsam,“ murmelte er, „wie ein Rätsel. Aber… wir sind hier.“ Zuerst spazierten sie langsam durch die Anlagen. Vorbei an Blumenbeeten, alten Bäumen, dem kleinen Teich, in dem die Laternenlichter glitzerten. Lukas zählte die Schritte zwischen den Bänken, hörte die Vögel, die noch leise zwitscherten, und versuchte, ruhig zu bleiben. Dann, nach einer Weile, tauchte am Ende des Weges eine Gestalt auf. Sie trat aus dem Schatten, die Hände tief in den Taschen. Lukas blieb stehen, sein Herz schlug schneller. „Das ist… er,“ flüsterte er. Es war der Freund aus seiner Grundschulzeit – der, den Lukas schon fast vergessen hatte, und der nun mit einem ernsten Blick vor ihnen stand. Einen Moment herrschte Stille, dann hob er den Kopf, sah die Gruppe nacheinander an und sagte mit fester Stimme: „Seid bereit… für die Wahrheit.“ Die Worte hingen schwer in der Luft. Lukas’ Augen weiteten sich, die Mutter legte ihm schützend die Hand auf die Schulter. Erling machte instinktiv einen Schritt nach vorne. Und genau in diesem Augenblick begann das Gefühl, dass etwas viel Größeres, viel Dunkleres ans Licht kommen würde. Die Gestalt im Stadtpark stand reglos da, die Augen fest auf Lukas und die anderen gerichtet. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen, bis der alte Freund aus der Grundschule tief

Luft holte und zu sprechen begann. Seine Stimme war fest, aber kalt, als hätte er die Worte schon tausendmal in Gedanken wiederholt. „Du willst die Wahrheit? Dann hör zu.“ Er begann, von jener Zeit zu erzählen, als Lukas krank gewesen war, als er mit einem Katheter und sogar zeitweise im Rollstuhl leben musste. „Genau da,“ sagte der Freund, „warst du am verletzlichsten. Und genau da hat sie zugeschlagen.“ Lukas starrte ihn an. „Wer?“ „Das Mädchen aus dem Stadion,“ antwortete der Freund, die Stimme voller Bitterkeit. „Vor zehn Jahren hat sie dich heimlich beobachtet. Sie war besessen. Und sie hat dich verschleppt – zuerst mit Rätseln, mit einem Lied, das immer dieselbe Botschaft hatte: ‚Du bist scheiße.‘ Dann, als du schwach warst, hat sie dich überlistet, ins Stadion gelockt – und von dort ins Ausland geschleppt.“ Die Mutter schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Der Vater starrte nur finster zu Boden. „Aber du bist nicht für immer verloren gewesen,“ fuhr der Freund fort. „Es gab Leute, die dich gerettet haben. Nicht du, nicht deine Eltern, sondern wir – und er.“ Er deutete mit dem Kopf auf Erling, der neben Lukas stand. „Zuerst war es Erling, der Spieler, der sich an uns gewandt hat. Er wusste, er schafft es nicht allein. Er hat mich geholt – und meine Mutter. Danach kam noch ein anderer Freund dazu, auf den du damals eifersüchtig warst. Seine Mutter war auch dabei. Später kam noch der ITExperte, der sich mit Technik auskannte, und ein Bauer, der stark genug war, Türen aufzubrechen. Wir waren eine Gruppe – eine, die dich retten wollte.“ Lukas schüttelte den Kopf, sein Atem wurde unruhig. „Das… das kann nicht sein…“ „Doch,“ erwiderte der Freund kalt. „Wir hatten nur zwei Tage Zeit. Wir haben uns im Gepäckraum eines Flugzeugs versteckt. Im Ausland haben wir dich gefunden – gefesselt, verloren, aber lebendig. Wir haben gekämpft, bis kurz vor Schluss, gegen dieses Mädchen. Aber wir konnten sie nicht fassen. Sie hat dich ins Ausland geschleppt, aber wir haben dich zurückgeholt. Und wieder sind wir im Gepäckraum des Flugzeugs zurückgeflogen – mit dir.“ Er machte eine Pause, seine Augen glitzerten im Laternenlicht. „Als wir in Mainz ankamen, hast du nichts mehr gewusst. Du warst erschöpft, du bist im Bett gelandet. Erling hat dich getragen, dich zugedeckt, während du geschlafen hast.“ Lukas stand wie erstarrt, seine Hände verkrampft, seine Augen glasig. „Und dann,“ fuhr der Freund leise, aber giftig fort, „haben wir uns geschworen, dir nie die Wahrheit zu sagen. Nie. Kein Wort. Wir haben beschlossen, nie wieder miteinander zu reden, damit du nichts ahnst. Alles sollte so sein wie vor der Entführung. Alles wie ein Traum.“ Er machte einen Schritt auf Lukas zu. „Aber weißt du, warum es so geblieben ist? Weil dein eigener Vater den Spieler erpresst hat. ‚Sag ihm nichts, sonst zerstöre ich alles.‘ Das war der Deal. Und er hat geschwiegen. Alle haben geschwiegen. Nur ich habe dir jetzt die Wahrheit gesagt.“ Lukas’ Gesicht verzog sich, als wäre der Boden unter ihm zerbrochen. Worte wollten nicht mehr über seine Lippen kommen. Er sah zu Erling, zu seinen Eltern – suchte nach einem Widerspruch, nach einer Rettung. Doch keiner sprach. Niemand konnte. „Alles… war eine Lüge…“ flüsterte er schließlich. Die Welt um ihn verschwamm, sein Herz raste, ein schriller Ton hallte in seinen Ohren. Er griff sich an die Stirn, seine Beine zitterten. „Lukas!“ rief die Mutter entsetzt. Doch da sank er schon nach vorne, als hätte ihn all der Frust und die Last dieser Enthüllungen niedergeworfen. Er fiel in Ohnmacht, Erling fing ihn im letzten Moment auf und legte ihn vorsichtig auf den Boden. Der Freund stand nur da, die Arme verschränkt, und sagte leise: „Jetzt weiß er es. Endlich.“ Die Nacht im Stadtpark war plötzlich erfüllt von Panik, Schweigen und der harten Kälte einer Wahrheit, die nie hätte ans Licht kommen sollen.

Das kalte Neonlicht des Krankenzimmers flackerte schwach, als Lukas langsam die Augen öffnete. Der Geruch nach Desinfektionsmittel und das monotone Piepen der Monitore um ihn herum ließen keinen Zweifel: Er war im Krankenhaus. Sein Kopf fühlte sich schwer an, als würde jede Erinnerung aus dem Park wie ein Stein auf ihm lasten. Neben ihm saß Erling, die Augen rot vor Sorge. „Lukas… du bist wach,“ flüsterte er erleichtert. Doch Lukas wandte den Kopf, seine Stimme war brüchig und leise: „Du hast mir das Herz gebrochen…“ Erling zuckte zusammen, als hätte ihn der Satz körperlich getroffen. Bevor er etwas sagen konnte, kam der Vater herein, das Gesicht hart wie Stein. Er sah zuerst seinen Sohn, dann den Spieler. „Wegen dir,“ sagte er mit schneidender Stimme, „ist mein Sohn in Ohnmacht gefallen. Wegen dir liegt er hier. Und glaub mir, das wirst du bereuen.“ Erling wollte protestieren, doch der Vater ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Mein Sohn will dich nicht sehen,“ fuhr er fort. „Also verschwinde. Sofort.“ Lukas drehte sein Gesicht von Erling weg. „Ich will dich nicht sehen,“ flüsterte er, ohne den Spieler anzusehen. Erling blieb noch einen Moment wie erstarrt stehen, dann senkte er den Kopf, murmelte ein leises „Es tut mir leid…“ und verließ das Zimmer. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, trat der Freund aus der Grundschule herein. Er ging langsam auf Lukas zu, sein Blick voller gespieltem Mitgefühl. „Ich habe dir die Wahrheit gezeigt,“ sagte er leise, beinahe sanft. „Alle anderen haben dich belogen. Ich war der Einzige, der dir die Augen geöffnet hat.“ Er legte eine Hand auf Lukas’ Mut-Buch, das am Nachttisch lag. „Aber dieses Buch… das ist nur eine Sammlung von Lügen, eine Illusion. Zerbrich es, Lukas. Es hält dich gefangen.“ Lukas zögerte, seine Finger zitterten. Dann, mit einem Ruck, nahm er das Buch, riss die Seiten aus, knüllte sie zusammen, bis nur noch lose Blätter und Fetzen übrigblieben. Tränen liefen ihm über die Wangen, während er murmelte: „Alles… alles war falsch.“ Der Freund lächelte kalt, zufrieden. Er legte Lukas kurz die Hand auf die Schulter. „Gut so. Jetzt bist du frei. Frei von ihnen.“ Dann drehte er sich um und ging hinaus, die Tür leise hinter sich schließend. Draußen im Flur blieb er stehen, sein Blick dunkel und entschlossen. Der erste Schritt ist getan, dachte er. Jetzt muss ich nur noch dafür sorgen, dass er auch das letzte Vertrauen in seinen Vater, in seine Mutter und in die Tante verliert. Dann gehört er mir – ganz allein. Im Zimmer lag Lukas zusammengesunken zwischen den zerrissenen Seiten seines Mut-Buchs. Er fühlte sich leer, gebrochen – und ahnte nicht, dass der wahre Verrat gerade erst begonnen hatte. Die Nacht war tief und still, nur das Summen der Neonröhren auf dem Krankenhausflur war zu hören. Lukas schlief erschöpft, die Tränen noch nicht ganz getrocknet auf seinem Gesicht, die Fetzen seines zerstörten Mut-Buchs verstreut auf dem Boden und auf dem Nachttisch. Leise öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein Schatten glitt hinein – der alte Freund. Seine Schritte waren fast unhörbar, er blieb kurz stehen, lauschte dem gleichmäßigen Atem von Lukas und sah zu, wie dieser sich im Schlaf leicht bewegte. „Schlaf ruhig,“ murmelte er kalt. „Du wirst nichts merken.“ Er ging zum Nachttisch, sammelte behutsam, aber mit festen Fingern die losen Blätter und das, was vom Mut-Buch übrig war. Die Seiten knisterten in der Stille, doch Lukas wachte nicht auf. Mit einem dunklen Lächeln steckte der Freund alles in seine Tasche, sah noch einmal auf den schlafenden Lukas herab und flüsterte: „Deine Vergangenheit gehört mir jetzt.“ Draußen in der Nacht fuhr er mit dem Fahrrad durch die leeren Straßen, bis er sein Zuhause erreichte. Dort ging er direkt in den kleinen Hof hinter dem Haus, wo eine alte Metalltonne stand. Mit einem Streichholz entzündete er ein Feuer, das rasch zu flackern begann.

Langsam, fast genießerisch, ließ er die Fetzen des Mut-Buchs in die Flammen gleiten. Erst einzelne Seiten, dann den zerschlissenen Einband. Das Feuer fraß sich durch die Worte, durch die Erinnerungen, durch alles, was Lukas mühsam geordnet und gesammelt hatte. Funken stiegen in die Nacht, als die letzte Seite sich krümmte und schwarz wurde. Der Freund stand davor, die Hände tief in den Taschen, und flüsterte mit einem unheimlichen Glanz in den Augen: „Jetzt ist die Vergangenheit weg. Alles, was du warst, ist verbrannt. Ab morgen beginnt ein neues Buch – ein Buch, das ich schreibe. Eines, in dem du mir gehörst. Und wir… wir werden immer zusammen sein.“ Das Feuer knisterte, die Flammen warfen sein Gesicht in harte Schatten. Mit einem letzten Blick auf die Asche drehte er sich um und verschwand in der Dunkelheit – während Lukas im Krankenhaus nichts ahnte und ruhig weiterschlief, unbewusst, dass ihm sein wertvollster Halt geraubt worden war. Der Morgen des sechzehnten Tages begann nicht mit der vertrauten Ruhe, sondern mit einer Kälte, die sich in das Krankenzimmer schlich. Lukas lag noch immer im Bett, seine Augen halb geschlossen, erschöpft von der Nacht, die für ihn viel zu kurz gewesen war. Der Monitor neben ihm piepte regelmäßig, draußen hörte man das ferne Klirren von Schritten auf dem Krankenhausflur. Plötzlich öffnete sich die Tür, ohne anzuklopfen. Sein Cousin trat ein. Die Haltung war selbstbewusst, fast trotzig, als gehöre der Raum ihm. Er trat mit langsamen, festen Schritten an Lukas’ Bett. Einen Moment lang schwieg er, sah ihn von oben herab an – mit einem Blick, der zwischen Spott und Genugtuung schwankte. „Na,“ begann der Cousin mit kalter Stimme, „jetzt weißt du endlich die Wahrheit.“ Er verschränkte die Arme und beugte sich etwas vor. „Es gibt Gerechtigkeit. Endlich. All die Jahre hast du dich hinter deinem Mut-Buch, deinen Fantasien und deinen Geschichten versteckt. Aber jetzt… jetzt ist Schluss damit.“ Lukas öffnete die Augen etwas weiter, blinzelte mühsam, sein Herzschlag beschleunigte sich. „Warum… warum sagst du das?“ flüsterte er schwach. Der Cousin lachte kurz, ohne Freude. „Weil du es verdient hast. Du warst immer der Sonderling, der sich wie ein Kind benimmt, obwohl er längst erwachsen ist. Ein Lügner, Lukas. Alles, was du dir aufgebaut hast, alles, was du geglaubt hast – das war nichts weiter als eine Fassade. Und ich sage dir: du hast es verdient, dass sie zerbricht.“ Er trat einen Schritt näher, sein Schatten fiel auf Lukas’ Gesicht. „Das Leben ist kein Mut-Buch, das du ordnen kannst, wie du willst. Es ist hart, es ist unfair – und für dich ist es jetzt genau das geworden, was du immer verdrängt hast. Strafe. Gerechtigkeit.“ Lukas wandte den Blick ab, Tränen sammelten sich in seinen Augen. Er konnte nichts erwidern, nicht mit dieser Schwere in der Brust, die ihn fast zerdrückte. Der Cousin richtete sich wieder auf, zog seine Jacke glatt und sprach weiter: „Du denkst, die anderen wären schuld? Der Spieler, deine Eltern, deine Tante? Nein. Es bist du. Du hast dich selbst belogen, und jetzt siehst du, wohin das geführt hat.“ Für einen Moment herrschte Stille, nur das gleichmäßige Piepen des Monitors erfüllte den Raum. Dann machte der Cousin kehrt, ging langsam zur Tür. Er legte noch einmal die Hand an den Rahmen, drehte den Kopf halb zurück und sagte mit einem eisigen Lächeln: „Gewöhn dich daran. Denn das ist jetzt dein Leben. Ein Leben ohne Illusionen, ohne Buch, ohne Schutz. Genau das, was du verdienst.“ Die Tür schloss sich hinter ihm, das Geräusch hallte in der Stille des Zimmers nach. Lukas blieb zurück, reglos, mit brennenden Augen und einem Gefühl, als hätte der Morgen ihm die letzte Hoffnung genommen. Seine Finger verkrampften sich in der Bettdecke, während er leise murmelte: „Warum immer ich…?“ Und in diesem Moment wusste er nicht, ob er je wieder Vertrauen fassen konnte – nicht in den Spieler, nicht in die Familie, und am allerwenigsten in sich selbst.

Der Mittag des sechzehnten Tages war ungewöhnlich still im Krankenzimmer. Die Sonne stand hoch und warf helle Streifen durch die Jalousien, doch die Wärme erreichte Lukas nicht. Er lag im Bett, die Hände fest auf die Decke gedrückt, als wolle er sich selbst zusammenhalten. Jeder Atemzug war schwer, sein Kopf voller Stimmen, die sich seit der letzten Nacht in ihm festgesetzt hatten. Da öffnete sich die Tür leise. Es war wieder der Freund aus der Grundschule. Er trat ohne zu zögern ein, ein schmales Lächeln auf den Lippen, und in seiner Hand hielt er etwas, das sofort Lukas’ Aufmerksamkeit fesselte: ein neues Buch, leer, unbeschrieben, mit festem Einband. „Hier,“ sagte er sanft, fast freundlich, als wäre er gekommen, um Trost zu bringen. „Dein altes Buch… das war Vergangenheit. Voller Lügen, voller Geschichten, die dir nichts gebracht haben. Ich habe es für dich beendet. Aber dieses hier…“ Er legte das neue Buch vorsichtig auf den Nachttisch, direkt neben Lukas’ Arm. „Dieses hier ist unsere Geschichte. Nur du und ich. Von nun an wird hier das Wahre stehen. Keine Täuschung, keine Geheimnisse. Nur wir beide.“ Lukas sah das Buch an, seine Finger zitterten, als er den Einband berührte. Die Leere der Seiten wirkte auf ihn wie eine Drohung und zugleich wie eine Versuchung. „Unsere… Geschichte?“ flüsterte er. Der Freund nickte, setzte sich auf die Bettkante und beugte sich leicht vor. „Ja. Unsere. Weil ich dir die Wahrheit gesagt habe. Weil ich der Einzige bin, der den Mut hatte, dich nicht weiter zu belügen. Erinnerst du dich? Dein Vater. Er hat den Spieler bedroht. Er hat ihn gezwungen, zu schweigen. Und der Spieler – der, dem du vertraut hast – er hat es getan. Er hat geschwiegen. Er hat dich allein gelassen, weil dein eigener Vater ihn unter Druck gesetzt hat.“ Die Worte schnitten wie Messer. Lukas schluckte schwer, sein Herz pochte so laut, dass er es selbst hören konnte. „Mein… Vater?“ „Ja,“ antwortete der Freund kalt. „Dein Vater hat entschieden, dass du nie erfahren sollst, was passiert ist. Er hat ihn manipuliert. Und alle haben mitgespielt. Nur ich nicht. Ich habe dich nicht belogen. Ich habe dich befreit.“ Er schob das neue Buch näher an Lukas heran, legte sogar einen Stift darauf. „Schreib. Fang an. Alles, was du fühlst. Alles, was ich dir gezeigt habe. Lass uns gemeinsam dieses neue Buch füllen – Seite für Seite. Denn jetzt gibt es nur noch uns.“ Lukas’ Hände bebten, als er den Stift berührte. Sein Blick wanderte zwischen dem Freund und dem Buch hin und her. In ihm tobte ein Sturm: Misstrauen, Schmerz, Verzweiflung – aber auch ein dunkler Funken, dass vielleicht, nur vielleicht, diese leeren Seiten ein Ausweg waren. Der Freund sah ihn an, sein Lächeln schmal, aber voller Berechnung. „Du musst niemandem mehr trauen. Nicht deinem Vater. Nicht deiner Mutter. Nicht dem Spieler. Nur mir. Gemeinsam schreiben wir die Wahrheit.“ Und während draußen die Sonne weiter schien, fühlte sich Lukas im Innern gefangen wie nie zuvor – zwischen der verbrannten Vergangenheit und einem neuen Buch, das ihm nicht gehörte, sondern jemand anderem. Am Nachmittag des sechzehnten Tages öffnete sich die Tür des Krankenzimmers erneut. Der Vater trat ein, das Gesicht müde, die Stirn voller Falten. In seinen Händen hielt er eine kleine Tüte mit Obst, die er leise auf den Tisch stellte. „Wie geht es dir?“ fragte er mit brüchiger Stimme, als wolle er Nähe aufbauen, die längst nicht mehr da war. Lukas hob den Kopf, seine Augen waren rot vor Erschöpfung, aber auch vor Wut. Er atmete tief durch, dann fixierte er den Vater mit einem Blick, der härter war, als er es je geschafft hatte. „Du…“ begann er stockend, doch dann brachen die Worte wie ein Sturzbach hervor. „Du hast alles gewusst! Von Anfang an! Du wusstest, dass ich entführt wurde, du wusstest, was passiert ist – und du hast geschwiegen!“ Seine Stimme bebte, Tränen liefen ihm über die Wangen, aber er sprach weiter, immer fester. „Du hast nicht nur geschwiegen. Du hast sogar ihn, den einzigen Menschen, dem ich vertraut habe, erpresst. Du hast ihn gezwungen, nichts zu sagen. Und ich… ich habe die ganze Zeit gedacht, dass er ehrlich war. Aber du hast es zerstört. Du hast alles zerstört!“

Der Vater wich einen Schritt zurück, seine Lippen zitterten. „Lukas… ich wollte dich schützen…“ „Nein!“ schrie Lukas, seine Hände klammerten sich an die Decke, als wolle er sich daran festhalten, um nicht völlig auseinanderzufallen. „Das war kein Schutz. Das war Verrat. Dein Verrat! Ich will dich nicht mehr sehen. Nie wieder. Ich will nichts mehr von dir wissen.“ Er drehte den Kopf zur Seite, so heftig, dass er die Augen des Vaters nicht mehr ertragen musste. „Geh. Sofort. Für mich bist du nicht mehr da.“ Im Raum herrschte eisige Stille. Der Vater stand da, bleich, unfähig, einen Schritt zu tun. Seine Hände ballten sich, dann öffneten sie sich wieder, kraftlos. Er suchte nach Worten, doch keiner seiner Sätze konnte das Gewicht dieser Anklage tragen. Schließlich drehte er sich langsam um, ging wortlos zur Tür und verließ das Zimmer. Das Geräusch des zufallenden Türrahmens hallte wie ein Schlussstrich nach. Lukas lag da, den Rücken seinem Vater zugewandt, Tränen im Gesicht, das Herz schwer. „Nie wieder,“ flüsterte er in die Stille. „Nie wieder.“ Und in diesem Moment fühlte er, wie ein weiteres Stück Vertrauen – das letzte Band zum eigenen Vater – endgültig zerbrochen war. Am Abend des sechzehnten Tages war das Krankenzimmer in ein warmes, gedämpftes Licht getaucht. Die Sonne war bereits untergegangen, nur die kleinen Lampen an der Wand warfen schmale Kreise aus Helligkeit. Lukas lag wach im Bett, den Blick zur Decke gerichtet, das neue leere Buch vom „Freund“ lag unberührt auf dem Nachttisch. Sein Herz war schwer, seine Gedanken wirbelten durcheinander – zwischen Wut, Enttäuschung und tiefer Traurigkeit. Da öffnete sich die Tür leise. Erling, der Spieler, trat ein. Er sah müde aus, sein Blick unsicher, seine Hände verkrampft, als hätte er lange überlegt, ob er diesen Schritt wagen sollte. Mit leiser Stimme begann er: „Lukas… ich wollte nur kurz mit dir reden. Ich weiß, du bist wütend. Du bist verletzt. Aber bitte – hör mir wenigstens zu.“ Lukas drehte langsam den Kopf, sein Blick war kalt, voller Schmerz. „Du…“ sagte er leise, „du hast mich genauso belogen wie alle anderen.“ Erling schluckte schwer, trat einen Schritt näher ans Bett. „Es stimmt… ich habe geschwiegen. Aber nicht, weil ich dich verraten wollte. Dein Vater… er hat mich unter Druck gesetzt. Ich dachte, ich müsste dich schützen, dich vor der Wahrheit bewahren, weil sie zu schwer gewesen wäre. Aber ich sehe jetzt… es war falsch. Ich hätte dir vertrauen sollen. Ich hätte es dir sagen sollen.“ „Schweigen ist Verrat!“ fuhr Lukas ihm dazwischen, seine Stimme bebte vor Zorn. „Du warst der Einzige, dem ich wirklich vertraut habe. Du hast mich getragen, du warst an meiner Seite – und trotzdem hast du es zugelassen, dass ich in einer Lüge lebe. Du hast mich genauso enttäuscht wie mein Vater. Vielleicht sogar noch mehr.“ Erling wollte etwas erwidern, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er sah, wie tief der Schmerz in Lukas’ Augen saß. „Es tut mir leid…“ flüsterte er schließlich, „mehr, als ich sagen kann.“ „Dein ‚Es tut mir leid‘ bringt mir gar nichts,“ antwortete Lukas kalt und wandte das Gesicht zur Wand, sodass er ihn nicht mehr sehen musste. „Ich will dich nicht hier. Nicht heute. Vielleicht nie mehr.“ Die Stille im Raum war erdrückend. Erling stand einen Moment wie erstarrt, seine Hände bebten leicht. Er atmete tief durch, doch er wusste, dass er jetzt nichts mehr sagen konnte, was Lukas trösten würde. Also nickte er nur stumm, drehte sich um und verließ das Zimmer. Die Tür schloss sich leise, und Lukas blieb zurück – mit dem Gefühl, dass der letzte Rest Vertrauen, den er einmal in den Spieler gesetzt hatte, in Scherben vor ihm lag. „Alle… alle haben mich verraten,“ flüsterte er, während ihm die Tränen erneut über die Wangen liefen. Und die Nacht senkte sich über das Zimmer, schwerer und dunkler als zuvor.

Die Nacht im Krankenhaus war still. Nur das rhythmische Piepen der Geräte und das leise Rauschen der Klimaanlage füllten die Dunkelheit. Lukas schlief unruhig in seinem Bett, während auf dem Flur das Personal in gedämpften Stimmen sprach. Ein paar Zimmer weiter lag Erling, der Spieler, auf einem schmalen Besuchersofa. Er hatte den Kopf gegen die Lehne gelehnt, die Augen geschlossen. Obwohl er erschöpft war, fand er keinen tiefen Schlaf. Gedanken wirbelten durch seinen Kopf – Lukas’ harte Worte, die Vorwürfe, das Gefühl, versagt zu haben. Schließlich glitt er in einen unruhigen Traum. Im Traum tauchte plötzlich ein erstes Bild auf, klar und scharf, als würde er selbst dort stehen: Lukas, zehn Jahre jünger, noch ein Kind, hielt ein kleines, klappriges Handy in den Händen. Er filmte – hektisch, unsicher, aber entschlossen. Vor ihm stand der andere Freund, der sich unwohl fühlte, als er bemerkt wurde. Lukas’ Blick war damals noch voller Neugier und Unsicherheit, nicht gezeichnet von all dem Schmerz, der Jahre später folgen sollte. Das Bild flackerte, als wäre es eine alte Videoaufnahme, die immer wieder abgespielt wurde. Dann wechselte die Szene abrupt. Das zweite Bild zeigte denselben Freund, aber diesmal in einem Gespräch – heimlich, verschwörerisch. Er stand in einer dunklen Ecke, sprach leise mit einem anderen Jungen, der zu den damaligen engen Freunden gehörte. Man konnte die Worte nicht hören, nur die Körpersprache verriet alles: Verschwörung, Flüstern, Pläne, die Lukas nichts Gutes bedeuteten. Es war, als hätte sich schon damals etwas gegen ihn geformt, unsichtbar und tödlich still. Erling zuckte im Schlaf, sein Atem wurde schwerer. Er versuchte die Bilder zu greifen, die Stimmen zu verstehen, doch alles blieb bruchstückhaft. Nur diese beiden Szenen brannten sich ein: Lukas, der filmte. Der Freund, der verschwörerisch sprach. Schweiß stand auf seiner Stirn, und er murmelte unruhig, ohne es zu merken: „Lukas… es tut mir leid…“ Die Bilder verblassten langsam, bis nur noch Dunkelheit blieb. Doch als er erwachte, noch bevor die Morgensonne aufging, hatte er das Gefühl, dass die Vergangenheit, die Lukas so tief verletzt hatte, sich in seine eigenen Träume gedrängt hatte – und dass er bald mehr davon sehen würde. Der siebzehnte Tag begann früh. Schon kurz nach Sonnenaufgang klopfte eine Schwester leise an die Tür und trat ins Krankenzimmer. „Heute stehen ein paar Untersuchungen an,“ sagte sie freundlich, während sie die Unterlagen auf den Tisch legte. Lukas lag bereits wach im Bett, die Augen müde, der Körper schwer. Er nickte nur stumm, sein Blick blieb ernst. Die letzten Tage hatten ihn innerlich ausgelaugt, aber er wusste: diese Untersuchungen waren wichtig. Zuerst wurde er in den Untersuchungsraum gefahren. Das Geräusch der Rollen des Bettes hallte durch die langen Flure, vorbei an geschlossenen Türen und dem fernen Piepen anderer Geräte. Lukas hielt das Mut-Buch, oder besser gesagt das neue leere Buch, das ihm der Freund gegeben hatte, fest in den Händen – als wollte er sich an etwas klammern, auch wenn er noch nicht wusste, ob er hineinschreiben sollte. Im Raum angekommen, begrüßte ihn ein Arzt in weißem Kittel. „Wir machen heute ein paar Routinekontrollen. Blutdruck, Blutabnahme, Ultraschall – nur um sicherzugehen, dass alles stabil bleibt.“ Blutdruckmessung: Die Manschette wurde um seinen Arm gelegt, das Pumpen begann. Lukas sah starr an die Decke, zählte im Kopf die Sekunden. „130 zu 85,“ sagte der Arzt, „noch im Rahmen.“ Lukas nickte stumm.

Blutabnahme: Die Schwester bereitete die Nadel vor. Lukas wandte den Blick ab, biss die Zähne zusammen, als die Nadel in die Vene stach. Ein Röhrchen nach dem anderen füllte sich mit roter Flüssigkeit. „Alles gut,“ murmelte er zu sich selbst. Ultraschall: Kaltes Gel auf der Haut, das Gerät glitt über seinen Bauch. „Wir kontrollieren nur die Entzündung, die Sie in Polen hatten,“ erklärte der Arzt. Auf dem Bildschirm sah Lukas verschwommene Bilder, Linien und Schatten, die für ihn keinen Sinn ergaben, für den Arzt aber klare Zeichen waren. „Noch gereizt, aber deutlich besser. Die Medikamente wirken.“ Nach zwei Stunden war alles vorbei. Lukas wurde zurück in sein Zimmer gebracht. Auf dem Weg kam er am Fenster vorbei und sah hinaus in den Hof: Kinder spielten, Besucher gingen mit Blumensträußen hinein. Einen Moment lang blieb er stehen, drückte die Stirn an die Scheibe. „So nah… und doch so weit weg,“ murmelte er. Zurück im Zimmer warteten seine Eltern und Erling bereits. Die Mutter fragte sofort: „Und? Wie war es?“ „Alles noch da. Aber besser,“ antwortete Lukas knapp. Der Vater wollte etwas sagen, doch Lukas wandte den Blick ab und zog die Decke über seine Beine. Stattdessen nahm er das neue Buch in die Hand, öffnete es auf der ersten Seite – aber er schrieb nichts hinein. Nur seine Finger strichen über das weiße Papier, als suche er Worte, die noch nicht kommen wollten. Der Rest des Tages verlief ruhig. Lukas war erschöpft von den Untersuchungen, aß nur wenig von der Suppe, die man ihm brachte, und legte sich bald wieder hin. Aber in seinem Inneren blieb das Gefühl: Der Körper heilte langsam – doch die Seele war noch voller Wunden. Der achtzehnte Tag war einer, den Lukas so schnell nicht vergessen würde – und nicht, weil er schön war. Am Morgen kam es zu einer Szene, die die ohnehin angespannte Lage noch mehr zerbrach. Erling, der Spieler, war in das Haus der Familie gekommen, um Lukas noch einmal zu sehen, um mit ihm zu sprechen. Vielleicht auch, um zu erklären. Doch der Vater stand bereits an der Tür, verschränkte die Arme und sprach mit scharfer Stimme: „Du brauchst hier nicht mehr herzukommen. Du hast meinen Sohn enttäuscht, du hast ihn verletzt. Wegen dir liegt er überhaupt in dieser Lage. Verschwinde!“ Lukas hörte die Worte vom Wohnzimmer aus, sein Herz klopfte wie wild. Er wollte schreien, wollte etwas sagen, aber es war, als wäre die Stimme in seiner Kehle erstickt. Er sah nur, wie Erling still dastand, die Augen voller Schmerz, bevor er langsam den Kopf senkte. Ohne ein Wort wandte er sich ab, trat hinaus und die Tür fiel ins Schloss. Lukas sank auf die Couch, die Hände im Gesicht vergraben. Tränen liefen ihm über die Wangen. „Alle gehen… alle,“ murmelte er. „Am Ende bleibt keiner.“ Am Nachmittag kam der Freund aus der Grundschule vorbei. Er betrat das Zimmer mit einer spürbar anderen Energie – nicht warm oder tröstlich, sondern kühl und berechnend. Doch er lächelte, als hätte er genau gewusst, was Lukas jetzt brauchte. „Komm,“ sagte er leise, „wir machen etwas, das dich ablenkt. Nur du und ich.“ Lukas hob den Kopf, die Augen noch gerötet, und nickte zögerlich. „Ablenkung… ja.“ Der Freund stellte die Konsole an, legte zwei Controller auf den Tisch. „Mario Kart,“ sagte er. „Das haben wir doch früher auch gespielt.“ Die bunten Farben blitzten über den Bildschirm, Figuren rasten durch virtuelle Welten. Lukas hielt den Controller fest in den Händen, fuhr konzentriert, aber sein Herz war schwer. Er schaffte es, für ein paar Minuten das Chaos zu vergessen – das Krankenhaus, die Entführung, den Verrat, den Verlust des Spielers. Doch immer wieder schweifte sein Blick ab, seine Gedanken wanderten zurück.

„Du musst den Turbo nehmen,“ sagte der Freund lachend, „sonst verliere ich noch.“ Lukas nickte, drückte die Taste, sein Wagen schoss nach vorne. Doch dann murmelte er leise: „Es fühlt sich nicht echt an… es fühlt sich so leer an.“ Der Freund legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Es ist echt, Lukas. Ich bin echt. Ich bin hier. Die anderen haben dich nur verletzt – aber ich lasse dich nicht fallen.“ So saßen sie noch eine Weile vor dem Bildschirm, während draußen die Sonne langsam unterging. Für Lukas war es ein seltsamer Trost: das grelle Spiel, das schnelle Rennen, die Ablenkung. Aber tief in seinem Inneren blieb die Traurigkeit, ein schwerer Stein, den kein buntes Bild der Welt wegschieben konnte. Und während er spielte, begann der Freund leise zu lächeln. Denn er wusste: Mit jedem Tag, an dem Lukas ihm mehr vertraute, rückte er seinem Ziel näher – ihn ganz für sich allein zu haben. Der neunzehnte Tag begann still. Lukas war früh wach geworden, hatte aber kaum geschlafen. Die letzten Tage lagen wie ein bleierner Schatten auf ihm: der Verrat, die zerstörten Bindungen, das Verschwinden von Vertrauen. Er saß am Fenster, sah hinaus auf die leeren Straßen und hielt das neue Buch vom „Freund“ in den Händen, ohne eine Zeile hineinzuschreiben. Doch an diesem Tag geschah etwas Unerwartetes. Erling, der Spieler, kam zurück. Nicht durch die Tür mit lauten Schritten, nicht im offenen Streit mit dem Vater – sondern leise, vorsichtig, fast wie ein Schatten. Er wusste, dass Lukas’ Vater ihn hier nicht haben wollte, doch er konnte nicht einfach fortgehen. Nicht, solange Lukas ihn vielleicht doch noch brauchte. Die Mutter, die ihn zufällig am Hintereingang traf, zögerte einen Moment. Sie sah die Müdigkeit in seinen Augen, die Verzweiflung. Und sie sagte schließlich nur: „Oben darfst du nicht bleiben. Wenn er dich sieht, gibt es wieder Streit. Aber unten im Keller gibt es ein kleines Zimmer. Da kannst du schlafen. Still. Ungesehen.“ Erling nickte dankbar, ohne ein Wort der Verteidigung. So führte sie ihn in den Keller. Es war ein kleiner, niedriger Raum mit nackten Wänden, einem alten Bettgestell und einer dünnen Matratze. Eine einzelne Lampe hing von der Decke, das Fenster war so klein, dass kaum Licht hineinfiel. Aber für Erling war es genug – ein Platz, um in der Nähe von Lukas zu sein, auch wenn er nicht offen an dessen Seite stehen durfte. Er setzte sich auf die Matratze, legte seinen Rucksack neben sich ab und strich mit der Hand über die Decke. „Es ist nicht viel,“ flüsterte er zu sich selbst, „aber ich bin hier. Näher als er denkt.“ Oben im Haus ahnte Lukas nichts davon. Er saß mit dem „Freund“ noch einmal am Tisch, drehte den Controller vom letzten Spiel in den Händen und wirkte geistesabwesend. Der Freund redete viel, versuchte ihn zu fesseln, doch Lukas’ Gedanken schweiften ab. Etwas in ihm fühlte, dass nicht alle Bande wirklich zerschnitten waren – dass jemand in seiner Nähe geblieben war, auch wenn er es nicht sehen konnte. In der Nacht, als das Haus still war, legte sich Erling in das kleine Kellerbett. Über ihm schlief die Familie, und im oberen Stock lag Lukas. Zwischen ihnen waren Mauern, Misstrauen, Lügen und Verrat – doch auch eine Verbindung, die trotz allem nicht abreißen wollte. Erling schloss die Augen und dachte nur: „Egal, wie tief ich gefallen bin – ich bleibe hier. Ich bleibe, solange er mich braucht.“ Und so wurde das kleine Zimmer im Keller zu seinem stillen Versteck – einem Ort, an dem er hoffen konnte, dass es eines Tages wieder anders werden würde. Der zwanzigste Morgen brach an, kühl und grau. Im Kellerzimmer wachte Erling früh auf. Er hatte kaum geschlafen, die Nacht war voller Gedanken gewesen – Erinnerungen an die gemeinsamen Tage mit Lukas, an das Vertrauen, das einmal so stark gewesen war, und an die harten Worte, die ihn nun wie Klingen durchschnitten.

Er saß auf der schmalen Matratze, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen. Über ihm hörte er das Knarren der Dielen, Schritte im Haus – Lukas, der sich bewegte, die Eltern, die schon wach waren. Der Klang war vertraut, aber für ihn fühlte es sich an, als läge eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen. „Ich wollte ihm helfen… ich wollte da sein,“ murmelte er leise in die Stille des Kellers. „Aber vielleicht bin ich nur noch eine Wunde für ihn. Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.“ Er packte seine wenigen Sachen: den Rucksack, die Jacke, die Sportschuhe, die er in die Ecke gestellt hatte. Jedes Teil wirkte schwerer, als es war, weil es Erinnerungen trug. Er blickte noch einmal durch den kleinen Kellerraum. Die nackten Wände, die Lampe, die Matratze – es war nur ein Notquartier gewesen, aber für ihn hatte es bedeutet: Nähe zu Lukas, auch wenn er ihn nicht sehen durfte. Er ging leise die Treppe hinauf, blieb jedoch kurz vor der Küchentür stehen. Er hörte die Stimme von Lukas, gedämpft, schwach, aber voller Traurigkeit. Er sprach mit seiner Mutter, doch die Worte waren nicht klar genug zu verstehen. Nur die Stimmung dahinter – Schmerz, Verlorensein. Erling presste die Lippen aufeinander. Sein Herz zog sich zusammen. Jeder Instinkt in ihm schrie, er solle jetzt hinein, Lukas in den Arm nehmen, ihm sagen, dass er nicht allein sei. Aber dann hörte er die Worte von vor ein paar Tagen wieder in seinem Kopf: „Ich will dich nicht sehen. Nicht heute. Vielleicht nie mehr.“ Die Erinnerung schnitt tief. Langsam ging er zur Hintertür. Er zog die Jacke an, schulterte den Rucksack und öffnete die Tür. Die frische Morgenluft strömte herein, kühl, klar, fast wie ein Neubeginn. „Es ist besser so,“ flüsterte er. „Wenn er mich nicht sehen will, dann lasse ich ihn. Ich will nicht, dass er noch mehr leidet. Vielleicht… vielleicht findet er seinen Weg ohne mich. Und vielleicht wird er eines Tages verstehen, dass ich nie gegen ihn war.“ Er trat hinaus, schloss die Tür leise hinter sich und ging die Straße entlang. Keine dramatischen Worte, kein Abschied – nur der stille Entschluss, Lukas in Ruhe zu lassen. Im Haus oben bemerkte Lukas nichts von Erlings Abschied. Er saß am Küchentisch, starrte in seine Suppe, die längst kalt geworden war. Ein leeres Gefühl lag in ihm, als hätte er etwas verloren, ohne genau zu wissen, was. Und draußen, irgendwo zwischen den Straßen von Mainz, ging Erling allein – mit einem schweren Herzen, aber dem festen Willen: Lukas soll Frieden finden, auch wenn er dafür selbst verschwinden muss. Der Mittag des zwanzigsten Tages brachte eine unerwartete Nachricht. Lukas saß gerade am Fenster seines Krankenzimmers, die Hände um ein Glas Wasser gelegt, als die Tür aufging und der behandelnde Arzt hereinkam. Hinter ihm folgte eine Schwester mit einem Klemmbrett, die lächelnd nickte. „Herr Lukas,“ begann der Arzt ruhig, „wir haben die Ergebnisse Ihrer letzten Untersuchungen ausgewertet. Die Entzündung ist zurückgegangen, die Werte stabilisieren sich, und Sie haben die Medikamente gut vertragen.“ Er machte eine kurze Pause, blätterte in der Akte. „Wenn alles so bleibt, wie es sich jetzt entwickelt, können wir Sie in fünf Tagen entlassen.“ Lukas blinzelte, als hätte er die Worte nicht sofort verstanden. „In fünf Tagen… nach Hause?“ Der Arzt nickte. „Ja. Aber mit strikten Auflagen: Medikamente weiternehmen, regelmäßige Kontrollen und vor allem Ruhe. Kein Stress, kein unnötiger Druck.“ Die Mutter, die neben dem Bett saß, griff sofort nach Lukas’ Hand und drückte sie fest. „Siehst du, mein Schatz? Es geht bergauf. Bald bist du wieder zu Hause.“ Der Vater, der etwas abseits stand, nickte stumm, sein Gesicht ausdruckslos, als würde er nicht recht wissen, wie er reagieren sollte.

Für Lukas war es ein bittersüßer Moment. Einerseits spürte er Erleichterung – raus aus dem Krankenhaus, zurück in die eigenen vier Wände, raus aus den grellen Lichtern und den endlosen Untersuchungen. Doch zugleich lastete die schwere Erinnerung der letzten Tage auf ihm: die Wahrheit, die Enthüllungen, der Bruch mit seinem Vater, das Verschwinden von Erling. „Fünf Tage…“ murmelte er, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Dann ist das hier vorbei. Aber wird es wirklich vorbei sein?“ Die Mutter legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. „Egal was kommt – wir schaffen das. Schritt für Schritt. Erstmal nach Hause, dann sehen wir weiter.“ Nachdem der Arzt gegangen war, griff Lukas langsam nach dem neuen leeren Buch, das immer noch auf dem Nachttisch lag. Er schlug es auf, starrte lange auf die weißen Seiten. Mit zitternder Hand schrieb er schließlich nur eine einzige Zeile: • Noch 5 Tage. Dann nach Hause. Er legte den Stift weg, atmete tief ein und ließ sich zurück ins Kissen sinken. Zum ersten Mal seit Tagen spürte er einen schwachen, aber echten Funken Hoffnung – doch er wusste auch: Das eigentliche Ringen begann erst nach seiner Entlassung. Der späte Abend des zwanzigsten Tages lag schwer über dem Haus der Familie. Die Lichter in den Zimmern brannten noch, aber die Stimmung war von Stille und Misstrauen erfüllt. Lukas schlief bereits erschöpft im Krankenhausbett, während draußen auf der Straße eine Gestalt stand – Erling, der Spieler. Er wusste, es war Zeit zu gehen. Noch einmal wollte er Lukas sehen, wollte ihm sagen, wie leid ihm alles tat, wollte wenigstens mit einem letzten Wort Frieden schließen. Doch der junge Mann lag zu schwach im Krankenhaus, und nach den harten Worten der letzten Tage würde er seine Entschuldigung wohl ohnehin nicht mehr hören wollen. Also ging Erling zum Haus – in der Hoffnung, dort noch seine wenigen Sachen aus dem Kellerraum zu holen, bevor er für immer verschwand. Leise öffnete er die Kellertür mit dem Ersatzschlüssel, den die Mutter ihm einmal gegeben hatte. Schritt für Schritt tastete er sich durch die Dunkelheit, seine Gedanken voller Schuld. „Ein letztes Mal… dann gehe ich.“ Doch als er gerade den Rucksack vom Boden nahm, hörte er oben das Knarren einer Tür. Schwere Schritte kamen die Treppe herab. Dann stand plötzlich der Vater vor ihm. „Du?“ sagte der Vater mit eiskalter Stimme. „Ich habe dir gesagt, du hast hier nichts mehr verloren!“ Erling hob beschwichtigend die Hände. „Ich will nur meine Sachen holen und dann verschwinden. Ich wollte Lukas nicht noch mehr wehtun.“ Doch der Vater packte ihn am Kragen. „Du hast genug angerichtet!“ brüllte er. „Wegen dir liegt mein Sohn im Krankenhaus!“ Es ging alles sehr schnell. Worte wurden zu Schreien, Schreie zu Handgriffen. Der Vater stieß ihn hart gegen die Wand, Erling versuchte sich zu befreien, doch der Mann schlug blind vor Wut. Sie rangen durch den schmalen Flur, stießen gegen Möbel, bis sie oben im Wohnzimmer waren. Mit einem letzten Aufbäumen packte der Vater Erling an den Schultern, riss ihn zum Fenster. „Verschwinde aus unserem Leben!“ brüllte er – und stieß ihn hinaus. Erling stürzte. Der Fall aus dem zweiten Stock war hart, erbarmungslos. Er schlug mit voller Wucht auf dem Boden auf. Ein greller Schmerz durchzuckte ihn, und in diesem Moment erlebte er etwas, das wie ein Blitz durch sein Bewusstsein schoss: Erinnerungen, Bilder, Szenen – erst chaotisch, dann geordnet. Er sah:

Vor über zehn Jahren: Der „Freund“ von Lukas stand vor der Sporthalle und sprach mit einem anderen Freund. „Er wird dir heute nicht Tschüss sagen. Heute, an deinem Hauptschulabschluss. Du wirst schon sehen – er mag dich nicht. Er will dich zerstören.“ Die Worte waren kalt, kalkuliert. • Dann flackerte ein anderes Bild auf: Lukas, jung, noch unsicher, hielt sein altes Handy und filmte, wie der andere Freund seine Abschlussaufführung machte. Lukas lächelte dabei – nicht aus Spott, sondern aus echter Freude. • Später: Der andere Freund stand mit seinem Zeugnis in der Hand bei seiner Mutter, voller Erwartung, voller Hoffnung. Er wartete darauf, dass Lukas zu ihm kam, dass er sich verabschiedete. Doch Lukas tat es nicht – nicht, weil er ihn nicht mochte, sondern weil er damals den Mut nicht hatte. Das wusste der andere Freund jedoch nicht. • Am Abend: Der „Freund“ trat erneut auf den anderen Freund zu, grinste kalt und sagte: „Ich habe es dir doch gesagt. Er hat dich verarscht.“ Dabei wusste er ganz genau, dass Lukas es nie böse gemeint hatte. Dass es nur Angst und Unsicherheit gewesen waren. All diese Bilder rasten durch Erlings Kopf – ein Mosaik aus Intrigen und Missverständnissen, das bis in die Gegenwart reichte. •

Dann – Dunkelheit. Stille. Mit einem Ruck kam Erling wieder zu sich. Er lag auf dem harten Boden vor dem Haus, der Schmerz pochte durch seinen Körper, doch er lebte. Über ihm rauschte der Wind durch die Bäume, irgendwo bellte ein Hund in der Ferne. Sein Atem ging stoßweise. Er verstand jetzt: Ein Netz aus Lügen und Manipulation hatte Lukas’ Leben seit über einem Jahrzehnt überschattet – und der „Freund“ war der Drahtzieher dahinter gewesen. „So viel… so viel Unrecht,“ flüsterte Erling heiser, während er versuchte, sich aufzurichten. Und tief in ihm wuchs ein einziger Gedanke: Lukas muss die ganze Wahrheit erfahren – diesmal wirklich. Der einundzwanzigste Morgen begann für Erling mit einem stechenden Schmerz im ganzen Körper. Jeder Muskel, jeder Knochen erinnerte ihn daran, wie hart der Aufprall gewesen war, als ihn der Vater aus dem Fenster gestoßen hatte. Doch er lebte – und das allein war für ihn Grund genug, sich aufzuraffen. Er saß auf einer Bank in der Nähe des Krankenhauses, eine dünne Jacke über den Schultern, den Rucksack neben sich. Die Nacht hatte er draußen verbracht, immer wieder zwischen flachem Schlaf und brennender Erinnerung an Lukas’ Worte hin- und hergerissen. Doch er wusste: So konnte es nicht weitergehen. Er brauchte einen Ort, von dem aus er schnell reagieren konnte – egal, ob Lukas ihn sehen wollte oder nicht. Mit schmerzenden Schritten machte er sich auf den Weg in Richtung Bahnhof. Dort, zwischen all den Menschen, Taxis und Bussen, suchte er nach Hinweisen auf ein Hotel. Mehrere Schilder zeigten „Zimmer frei“, manche nur kleine Pensionen, andere größere Häuser. Erling ließ sich Zeit, ging von einem Eingang zum nächsten, las die Aushänge. „Nicht zu weit weg vom Krankenhaus,“ murmelte er. „Aber auch nah genug am Bahnhof… damit ich jederzeit weg kann, wenn es nötig wird.“ Schließlich fand er, was er suchte: ein schlichtes Mittelklassehotel, nur wenige Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt, und ebenso nah am Krankenhaus. Ein unscheinbarer Bau, keine großen Verzierungen, aber solide. Perfekt, um unauffällig zu bleiben. Er trat in die Lobby, wo ihn eine junge Frau an der Rezeption mit höflichem Lächeln empfing. „Ein Einzelzimmer, bitte,“ sagte er leise. Er bezahlte bar – keine Spuren, keine Fragen.

Das Zimmer war klein, aber sauber: ein schmales Bett, ein Schreibtisch, ein Fenster mit Blick auf die Gleise. Der Geruch von frisch geputztem Boden hing in der Luft. Erling stellte seinen Rucksack ab, setzte sich aufs Bett und atmete tief durch. „Hier… hier kann ich bleiben,“ flüsterte er. „Von hier aus bin ich überall in Minuten.“ Er konnte das Krankenhaus sehen, wenn er das Fenster öffnete und sich leicht hinauslehnte. Der Bahnhof lag gleich hinter der nächsten Kreuzung. Es war, als hätte er sich ein Lager zwischen zwei Welten geschaffen: der Welt, in der Lukas um sein Leben und seine Wahrheit kämpfte – und der Welt, in der jederzeit die Flucht möglich war. Erling legte sich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Bilder von der letzten Nacht rauschten durch seinen Kopf: der Sturz, die Blitze der Erinnerungen, die Worte des „Freundes“. Sein Herz zog sich zusammen. „Noch fünf Tage,“ murmelte er. „Dann kommt Lukas aus dem Krankenhaus. Und dann… dann muss er die Wahrheit wissen. Ganz egal, ob er mich noch sehen will oder nicht.“ Der Morgen dämmerte weiter, Züge ratterten über die Gleise, und im kleinen Hotelzimmer schwor sich Erling, dass er diesmal nicht mehr weichen würde – selbst wenn er alles verlor. Der Mittag des einundzwanzigsten Tages war still im kleinen Hotelzimmer. Erling hatte sich nach dem Frühstück hingelegt, doch die Schmerzen in seinem Körper machten es ihm schwer, zur Ruhe zu kommen. Jeder Atemzug erinnerte ihn daran, wie hart er auf dem Boden aufgeprallt war. Gegen Mittag wurde der Druck zu stark. Schwindel überkam ihn, seine Knie gaben nach, und er sank schwer auf den Teppichboden neben dem Bett. Schweiß rann ihm über die Stirn, sein Herz raste. Er griff nach der Matratze, als könne er sich daran festhalten, doch stattdessen riss ihn ein grelles Licht fort – hinein in eine neue Erinnerung, ein Bild, das nicht aus ihm selbst stammte, sondern wie ein Schatten der Vergangenheit von Lukas und dessen Freunden in ihn hineindrang. Vor seinen Augen formte sich eine Szene: Er sah den anderen Freund, den, den Lukas damals nie richtig verabschiedet hatte. Der Junge war älter geworden, aber Erling erkannte ihn sofort. Er lief zusammen mit seiner Mutter durch eine schmale Gasse in Gonsenheim, an der ein unscheinbares Haus stand. Neben ihnen trabte ein Hund, ein braunes Tier mit wachsamen Augen und lebendigem Schwanzwedeln. Die beiden blieben vor einem Haus stehen, das fast völlig verborgen hinter einem größeren Vorderhaus lag. Man hätte leicht daran vorbeigehen können, ohne zu bemerken, dass es überhaupt existierte. Die Mutter öffnete eine kleine Tür, der Hund huschte hinein, und der Freund folgte, als wäre es der selbstverständlichste Ort der Welt. Doch Erling bemerkte etwas anderes: Direkt gegenüber, durch die schmale Lücke zwischen den Gebäuden, ragte ein großes Casino mit greller Leuchtreklame auf. Neonlichter blitzten, Schriftzüge in Rot und Blau flackerten, und die großen Glasfronten spiegelten das geheime Haus wider, das sich dahinter verbarg. Es war, als hätte jemand bewusst diesen Ort gewählt – versteckt, aber mit einem direkten Blick auf eine Welt voller Versuchung, Risiko und Gefahr. Das Bild zitterte, verschwamm, dann kehrte es zurück. Erling sah, wie der Freund einen kurzen Moment innehielt, bevor er die Tür hinter sich schloss. Er blickte zurück, fast so, als ob er prüfen wollte, ob jemand ihm folgte. Sein Gesichtsausdruck war ernst, entschlossen – als wäre dieser Ort mehr als nur ein Zuhause. Dann löste sich die Szene auf, das Licht verblasste, und Erling fand sich keuchend auf dem Teppichboden seines Hotelzimmers wieder. Seine Hände zitterten, der Atem ging stoßweise. „Was… war das?“ flüsterte er. Er setzte sich mühsam auf, rieb sich das Gesicht und starrte auf die Wand. Schon zum zweiten Mal hatte er Bilder gesehen, die ihn direkt in die Vergangenheit und in das Leben von Lukas’

Freunden führten. Erst das Intrigenspiel vor der Sporthalle, und nun dieses Haus in Gonsenheim mit Blick auf ein Casino. „Es hängt alles zusammen,“ murmelte er. „Aber warum sehe ich das? Warum ich?“ Er sank zurück auf das Bett, das Herz immer noch rasend, und wusste: Diese Bilder waren keine Zufälle. Es waren Puzzleteile, die Lukas’ Geschichte noch nicht preisgegeben hatte – Teile, die bald zusammengesetzt werden mussten. Der Abend des einundzwanzigsten Tages trug eine eigenartige Spannung in sich. Erling konnte die Bilder, die er am Mittag gesehen hatte, nicht mehr verdrängen. Immer wieder tauchte das Bild des Hundes, der Mutter und des anderen Freundes in seinem Kopf auf – das Haus, verborgen hinter einem anderen, und der grelle Blick auf das Casino. „Wenn das echt war,“ murmelte er, „dann muss ich es finden.“ Er zog seine Jacke an, verließ das Hotel und machte sich mit dem Zug auf den Weg nach Gonsenheim. Die Straßen waren belebt, Menschen liefen mit Einkaufstaschen vorbei, Jugendliche standen in kleinen Gruppen zusammen, und die Lichter der Straßenlaternen spiegelten sich in den Schaufenstern. Nach kurzer Suche stand er schließlich vor dem Casino, das er in seiner Vision gesehen hatte. Es sah genau so aus: die bunten Neonlichter, die Glasfront, der Geruch nach Zigarettenrauch, der aus der Tür drang, als ein Gast hinaustrat. Erling blieb stehen, drehte sich langsam und ließ den Blick wandern. Hinter einer Häuserreihe, nur von einer bestimmten Perspektive sichtbar, erkannte er tatsächlich einen schmalen Durchgang – genau wie in seinem Traum. Er folgte dem Pfad. Zwischen zwei hohen Häusern führte ein schmaler Weg hindurch, kaum beleuchtet, mit alten Mülltonnen und einer niedrigen Mauer. Am Ende öffnete sich eine kleine Gasse, und da war es: ein kleines Haus, versteckt hinter einem größeren, fast unsichtbar von der Straße. Sein Herz schlug schneller. „Das ist es. Das ist genau der Ort.“ Doch als er näher trat, bemerkte er etwas: Die Fenster waren dunkel, die Fassade wirkte verwittert, das Gartentor rostig und halb offen. Der Ort war verlassen. Ein Nachbar, ein älterer Mann mit grauem Bart, trat gerade aus dem Nachbarhaus und sah Erling neugierig an. „Suchen Sie jemanden?“ fragte er mit ruhiger Stimme. Erling nickte, zögerte, dann beschrieb er vorsichtig: „Hier hat früher eine Frau mit ihrem Sohn gewohnt… der Junge war etwa so alt wie Lukas, dunkle Haare, oft mit einem Hund unterwegs. Wissen Sie, ob sie noch hier leben?“ Der Mann runzelte die Stirn, dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. „Ach die… die sind schon lange nicht mehr hier. Ich glaube… über sieben Jahre ist das jetzt her. Sie sind damals weggezogen, und seitdem steht das Häuschen leer.“ Erling blinzelte, spürte, wie sich Kälte in ihm breit machte. „Seit über sieben Jahren?“ wiederholte er tonlos. Der Nachbar nickte. „Ja. Niemand wohnt mehr dort. Sie haben alles mitgenommen, der Hund war auch nicht mehr da. Seitdem ist hier Ruhe.“ Erling sah noch einmal zu dem kleinen Haus. Es stand da wie ein Schatten der Vergangenheit, verlassen und doch voller Spuren einer Geschichte, die sich tief in Lukas’ Leben eingegraben hatte. „Also war das, was ich gesehen habe… etwas, das längst vorbei ist,“ murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu dem Nachbarn. Der alte Mann zuckte nur die Schultern und ging zurück in sein Haus. Erling blieb noch einen Moment in der Dunkelheit stehen, das Casino flackerte hinter ihm, und vor ihm lag das verlassene Häuschen. Alles wirkte still, doch in seinem Innern wusste er: Die Vergangenheit ließ ihn nicht los – und egal, wie lange es her war, sie war noch nicht zu Ende.

Die Nacht im kleinen Hotelzimmer war still, nur das Rattern eines vorbeifahrenden Zuges vibrierte durch die Wände. Erling lag auf dem Bett, das Licht gelöscht, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Die Bilder, die er in den letzten Tagen gesehen hatte, ließen ihn nicht los. Und so glitt er irgendwann in einen unruhigen Schlaf – der ihn direkt zurück in Lukas’ Vergangenheit führte. Dieses Mal war es nicht Gonsenheim, nicht das Casino, nicht das verborgene Haus. Stattdessen sah er eine Szene, die noch tiefer zurücklag. Mindestens fünf Jahre früher. Er sah den jungen Lukas – noch kleiner, die Bewegungen unsicher, die Augen voller Hoffnung. In seinen Händen hielt er kleine Dinge: selbstgemalte Bilder, eine Schokolade, manchmal nur eine Karte mit ein paar gezeichneten Figuren. Er brachte sie immer demselben Jungen: dem anderen Freund, der später so wichtig und zugleich so zerstörerisch werden sollte. Doch anstatt Dankbarkeit oder Freude zu zeigen, riss der andere Freund die Geschenke jedes Mal vor Lukas’ Augen kaputt. Papier zerknitterte, Schokolade landete im Mülleimer, die Karten wurden in Fetzen gerissen. Und jedes Mal sah man Lukas’ Gesicht kurz zucken – Schmerz, Scham, aber auch eine unbändige Hoffnung, dass es beim nächsten Mal anders sein würde. „Vielleicht… vielleicht freut er sich nächstes Mal,“ flüsterte Lukas in dieser Erinnerung, fast wie ein Mantra. Erling stand im Traum wie ein unsichtbarer Beobachter daneben, unfähig einzugreifen. Er sah, wie sich diese Szene wiederholte – Woche für Woche, immer gleich. Lukas brachte neue Geschenke, der andere Freund zerriss sie ohne ein Zucken. Und doch hörte Lukas nicht auf. Sein Gesicht war jedes Mal ein wenig entschlossener, seine Hände zitterten zwar, aber er gab nicht auf. „Wenn ich es lange genug versuche,“ hörte Erling ihn sagen, „dann mag er mich irgendwann. Dann sind wir Freunde.“ Es war herzzerreißend. Nicht nur, weil der andere Freund so kalt blieb, sondern weil Lukas all seine kindliche Hoffnung in eine Freundschaft legte, die nie wirklich erwidert wurde. Dann verschwamm das Bild. Die Fetzen der zerrissenen Geschenke wirbelten im Traum wie Herbstblätter durch die Luft, bis sie sich in Dunkelheit auflösten. Erling wachte keuchend auf, Schweiß auf der Stirn, das Herz schwer. „Das war… noch früher,“ murmelte er. „Fünf Jahre vor allem anderen. Er hat es immer wieder versucht. Immer wieder.“ Er setzte sich auf, sah aus dem Fenster auf die dunklen Bahngleise und verstand: Lukas’ Verletzungen waren nicht nur durch Geheimnisse und Verrat entstanden. Sie begannen schon viel früher – in dem verzweifelten Versuch, geliebt und anerkannt zu werden, selbst von denen, die ihn nur verletzt hatten. „Und trotzdem,“ flüsterte Erling in die Nacht, „hat er nie aufgehört zu geben.“ Der Spieler legte sich wieder hin, doch der Schmerz der Erinnerung blieb. Er wusste: Die Vergangenheit war tiefer verwurzelt, als er jemals gedacht hatte – und er war nun mittendrin, ob er wollte oder nicht. Der zweiundzwanzigste Morgen brach kühl und grau an. Dünner Nebel hing über Mainz, und selbst die Sonne wirkte müde. In einem schmalen Hotelzimmer unweit des Bahnhofs zog sich Erling die Kapuze tief ins Gesicht. Er wusste, dass es riskant war – nach dem Streit mit dem Vater und seinem Sturz durfte er sich eigentlich nicht mehr sehen lassen. Aber etwas in ihm trieb ihn an. „Ich muss ihn sehen. Wenigstens aus der Ferne.“ Er schlich sich aus dem Hotel, nahm den Hintereingang des Krankenhauses und bewegte sich durch die langen, sterilen Flure. Er hielt den Kopf gesenkt, die Hände in den Taschen, tat so, als wäre er nur ein Besucher, der sich nicht auskannte. Schließlich stand er unauffällig in der Nähe von Lukas’ Zimmer. Die Tür war einen Spalt offen. Erling wagte nicht, hineinzugehen, also lehnte er sich vorsichtig an die Wand, gerade so nah, dass er die Stimmen hören konnte.

Drinnen sprach Lukas mit seiner Mutter. Seine Stimme war leise, gebrochen, aber jedes Wort traf Erling wie ein Schlag. „Ich habe niemanden,“ flüsterte Lukas. „Niemanden, der wirklich da ist. Alle haben mich belogen. Papa… der Spieler… sogar meine Tante. Es gibt niemanden, dem ich mehr vertrauen kann.“ Ein Moment der Stille folgte, nur das monotone Piepen des Monitors war zu hören. Dann fuhr Lukas fort, noch leiser: „Und dieses Studium… ich will es nicht mehr. Wozu auch? Was bringt mir das? Ich halte das alles nicht mehr aus. Ich habe keinen Platz. Ich habe keinen Halt.“ Die Mutter wollte ihn trösten, ihre Stimme bebte. „Lukas, bitte… so darfst du nicht denken. Du bist nicht allein.“ Doch Lukas schüttelte nur den Kopf. „Doch, Mama. Ich bin allein. Ich bin es immer gewesen.“ Erling presste den Rücken fester gegen die Wand, die Augen geschlossen. Jeder Satz schnitt ihm ins Herz. Er hätte am liebsten die Tür aufgestoßen, Lukas in den Arm genommen und gesagt: „Du bist nicht allein. Ich bin noch da.“ Aber er wusste, dass Lukas ihn im Moment nicht sehen wollte, dass jedes Wort ihn nur wütender machen würde. Also blieb er still, ein unsichtbarer Zeuge, während seine Hände zu Fäusten wurden. „Er glaubt wirklich, er hat niemanden mehr. Er will alles hinschmeißen…“ In seinem Innern wuchs ein Entschluss: Ganz gleich, was es ihn kosten würde – er durfte Lukas nicht fallen lassen. Nicht jetzt, nicht wo er am Abgrund stand. Als die Mutter kurz aus dem Zimmer ging, schlich Erling zurück durch den Flur, hinaus ins Freie. Die kalte Morgenluft traf ihn wie ein Schlag, doch er spürte es kaum. Er stand still, sah zum Krankenhausfenster hinauf und murmelte: „Du glaubst, du bist allein, Lukas. Aber das stimmt nicht. Ich werde beweisen, dass ich da bin – auch wenn du mich hasst.“ Der Nebel legte sich schwer auf die Straßen, und Erling wusste, dass der Tag eine neue Entscheidung von ihm verlangte. Denn die Worte, die er eben gehört hatte, würden ihn nicht mehr loslassen. Der Vormittag des zweiundzwanzigsten Tages zog sich für Erling wie Kaugummi. Nach dem, was er am Morgen im Krankenhaus gehört hatte, war er rastlos. Er konnte nicht ins Hotel zurück, er konnte nicht stillsitzen – also schlenderte er durch die Innenstadt von Mainz, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, immer darauf bedacht, nicht aufzufallen. Er stand gerade an einer Straßenecke nahe der Großen Bleiche, als ihm plötzlich ein Schauer über den Rücken lief. Zwischen den Passanten entdeckte er ein Gesicht – der andere Freund aus Lukas’ Vergangenheit. Der Junge, dessen Intrigen und Missverständnisse schon so viel zerstört hatten. „Das kann nicht sein…“ murmelte Erling. Doch je länger er hinsah, desto sicherer war er: Es war wirklich er. Dieselbe Haltung, derselbe Blick, ein Gesicht, das sich kaum verändert hatte, nur älter geworden war. Der Freund ging schnellen Schrittes die Straße hinunter, als hätte er ein Ziel. Erling folgte ihm mit Abstand, ließ sich von den Menschenmengen mittragen. Sein Herz pochte. „Wenn ich ihn finde, finde ich vielleicht auch Antworten. Vielleicht endlich die ganze Wahrheit.“ Am Schillerplatz bog der Freund in Richtung einer Bushaltestelle ab. Der Bus kam gerade an – Linie 62, die Richtung Finthen fuhr. Ohne zu zögern stieg der Freund ein. Erling beschleunigte, drängte sich durch die Menge, schaffte es gerade noch in den hinteren Eingang des Busses.

Der Motor brummte, der Bus setzte sich in Bewegung. Erling ließ seinen Blick durch die Sitzreihen wandern. Menschen mit Einkaufstüten, Schüler, die lachten, ein älterer Mann mit Zeitung. Aber der Freund war verschwunden. „Wo…?“ Erling ging den Gang hinunter, suchte jeden Platz ab. Doch so sehr er die Gesichter musterte, er fand ihn nicht mehr. Vielleicht war er gleich nach dem Einstieg wieder ausgestiegen, vielleicht hatte er sich in der Menge versteckt – doch für Erling fühlte es sich an, als wäre er spurlos verschwunden. Der Bus rumpelte weiter durch die Straßen, und mit jedem Halt wuchs die Verwirrung. Schließlich stieg Erling am Hauptbahnhof wieder aus, sein Blick suchte hektisch die Menge ab. Nichts. Kein Zeichen von ihm. Er stand am Bordstein, die Hände in den Taschen, der Atem unruhig. „Ich hatte ihn. Ich war so nah dran… und dann… weg.“ Die Lichter der Stadt flackerten auf, Menschen liefen an ihm vorbei, während er wie angewurzelt dastand. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte er sich nicht nur beobachtet, sondern selbst wie ein Jäger, der die Spur verloren hatte. „Aber ich weiß jetzt, dass er hier ist,“ murmelte Erling leise. „Und ich werde ihn wiederfinden. Früher oder später.“ Sein Blick wanderte in die Richtung, in die der Bus gefahren war. Die Ahnung blieb wie ein Stachel: Der Freund war zurück – und das bedeutete, dass die Vergangenheit längst nicht abgeschlossen war. Der Abend des zweiundzwanzigsten Tages legte sich schwer über das Krankenzimmer. Lukas hatte den ganzen Tag kaum gesprochen, die Suppe auf dem Tisch war kalt geworden, und er hatte nur stumm aus dem Fenster gestarrt. Die Sonne war schon längst hinter den Häusern verschwunden, als sich die Tür noch einmal öffnete – dieses Mal ohne das Klopfen einer Schwester. Der Freund aus der Grundschule trat ein. Er bewegte sich leise, fast lautlos, und trug das gleiche schmale Lächeln wie immer. In der Hand hielt er das neue leere Buch, das er Lukas vor einigen Tagen gegeben hatte. „Du hast noch nicht geschrieben,“ sagte er sanft, fast wie ein Vorwurf. „Warum nicht?“ Lukas hob den Kopf, seine Augen müde und leer. „Weil… ich nicht weiß, was ich schreiben soll. Alles ist… kaputt.“ Der Freund setzte sich ans Bett, so nah, dass Lukas seinen Atem spüren konnte. „Kaputt ist es nur, weil du den Falschen vertraut hast. Dein Vater? Ein Lügner. Er hat den Spieler erpresst, dich belogen, dir alles verschwiegen. Der Spieler selbst? Auch ein Lügner. Er sagt dir, er wollte dich schützen, aber in Wahrheit war er zu schwach, dir jemals die Wahrheit zu sagen. Und der Rest deiner Familie… sie sind nicht besser.“ „Aber… Mama, Tante…“ murmelte Lukas schwach. „Auch sie haben Geheimnisse,“ unterbrach ihn der Freund sofort, die Stimme nun etwas schärfer. „Und glaub mir: Die Wahrheit über deine Mutter und deine Tante wird noch ans Licht kommen. Nichts bleibt verborgen. Alles, was sie dir verschwiegen haben, alles, was sie dir nie erzählen wollten – ich werde es dir zeigen. Und dann wirst du sehen, dass du niemandem trauen kannst.“ Lukas’ Hände zitterten. „Und… wem soll ich dann noch glauben?“ Der Freund legte ihm das Buch auf den Schoß und legte die Hand auf seine Schulter. „Mir. Nur mir. Ich bin der Einzige, der dir jemals die Wahrheit gesagt hat. Ich werde dich niemals verlassen, Lukas. Egal was passiert, ich bleibe immer bei dir. Schreib unsere Geschichte hier hinein – nicht ihre Lügen, nicht ihre Märchen. Schreib, was wir haben. Schreib, dass wir immer zusammen sind.“

Lukas blickte lange auf das Buch. Seine Finger strichen über den leeren Einband, als könnte er darin schon Worte fühlen. In seinen Augen spiegelte sich die Verzweiflung – aber auch der Hunger nach Halt, nach jemandem, der ihn nicht wieder verriet. Der Freund sah das, und sein Lächeln wurde breiter. „Fang einfach an. Es ist unser Buch. Und wenn du schreibst, dann wirst du verstehen: Ich lasse dich nie los.“ Langsam, fast mechanisch, griff Lukas nach dem Stift. Er öffnete das Buch auf der ersten Seite, und noch bevor er schrieb, hörte er die letzten Worte des Freundes in der Stille des Zimmers: „Der Spieler, dein Vater, deine Familie – sie sind Lügner. Ich aber bleibe. Für immer.“ Und dann setzte Lukas die Spitze des Stiftes aufs Papier. Der dreiundzwanzigste Tag begann für Erling mit einer inneren Unruhe, die ihn nicht mehr schlafen ließ. Schon im Morgengrauen verließ er sein Hotelzimmer, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, und machte sich auf den Weg durch die kühlen Straßen von Mainz. Die Bilder aus seinen Träumen, die Worte, die er Lukas heimlich im Krankenhaus hatte sagen hören – sie ließen ihn nicht los. Er wusste, er musste mehr über die Vergangenheit verstehen, um die Gegenwart retten zu können. Seine Schritte führten ihn schließlich zu einem Ort, den er lange nicht betreten hatte: die alte Schule von Lukas. Hier hatte vieles begonnen – Freundschaften, Intrigen, das Gefühl von Anderssein, von Annahme und Ablehnung. Erling stand am Tor und spürte sofort, wie die Erinnerungen wie ein kalter Wind über ihn hereinbrachen. Doch die Schule war nicht mehr die gleiche. Das alte Backsteingebäude war renoviert worden, frische Farben an den Wänden, moderne Fenster eingesetzt. Der Hof, der früher von kahlen Bäumen gesäumt war, hatte jetzt neue Spielgeräte, gepflegte Beete und eine helle Mensa. Kinder rannten lachend über den Platz, ihre Stimmen hallten zwischen den Gebäuden. Lehrer standen in kleinen Gruppen zusammen, sprachen leise, während Schüler mit Handys in der Hand vorbeihasteten. Erling blieb stehen, lehnte sich an den Zaun und sah hinein. „Hier… hier hat Lukas so vieles erlebt. Hier hat er gekämpft, gehofft, geblutet. Aber nichts ist mehr wie damals.“ Er ging weiter um das Gelände herum, fand schließlich einen Seiteneingang, der offenstand. Vorsichtig trat er hinein. Der Geruch nach frischer Farbe und Reinigungsmittel schlug ihm entgegen, und die vertrauten Flure wirkten plötzlich fremd. Die alte Sporthalle, in der Lukas vor Jahren noch gefilmt hatte, war durch eine moderne Mehrzweckhalle ersetzt worden. Die alte Aula, in der Abschlüsse gefeiert wurden, war renoviert, mit neuen Sitzen und heller Beleuchtung. Selbst die Wände, an denen früher alte Klassenfotos hingen, zeigten nun Bildschirme mit aktuellen Projekten. „Alles neu,“ murmelte Erling. „Alles, was er noch kennt, existiert nur noch in seiner Erinnerung.“ Er setzte sich auf eine Bank im Flur, die Augen geschlossen. Er sah Lukas als Kind, wie er schüchtern über diesen Flur ging, mit Geschenken in der Hand für einen Freund, der sie jedes Mal zerstörte. Er sah die Schülergruppen, die tuschelten, lachten, ihn ausgrenzten. Und er sah Lukas’ unerschütterliche Hoffnung, dass es irgendwann besser werden würde. Als Erling die Augen öffnete, war nur die Gegenwart da – neue Gesichter, neue Geräusche, ein Ort, der nicht mehr die Last der Vergangenheit trug. Nur in Lukas lebte sie weiter, wie eine Narbe, die nie heilen wollte. Draußen vor der Schule setzte sich Erling auf die Treppenstufen und starrte in den Himmel. „Vielleicht ist das der Grund, warum er denkt, er hätte niemanden,“ flüsterte er. „Alles hat sich verändert. Alles, außer seinem Schmerz.“

Er wusste: Wenn er Lukas retten wollte, dann durfte er nicht nur auf die Gegenwart schauen. Er musste die Vergangenheit verstehen, die tief in diesen Mauern verwurzelt war – selbst wenn die Schule selbst längst ein anderer Ort geworden war. Der vierundzwanzigste Tag begann für Erling ungewöhnlich ruhig. Die letzten Tage hatten ihn zermürbt – der Sturz aus dem Fenster, die Visionen, die heimlichen Wege ins Krankenhaus, die Suche nach Spuren in der Vergangenheit. Sein Körper war erschöpft, seine Gedanken verworren. Zum ersten Mal seit Wochen beschloss er: Heute muss ich Kraft sammeln. Ohne Ruhe werde ich weder Lukas helfen noch die Wahrheit ertragen können. Am Vormittag blieb er in seinem kleinen Hotelzimmer nahe des Bahnhofs. Er stellte sein Handy aus, legte den Rucksack beiseite und setzte sich ans Fenster. Von dort sah er die Züge, wie sie in gleichmäßigem Rhythmus einfuhren und abfuhren, Menschen, die eilig ihre Koffer zogen, Stimmen, die gedämpft durch die Scheiben drangen. Es war eine beruhigende Monotonie – fast so, als ob die Welt draußen ohne ihn weiterlief. Er atmete tief durch, griff zu einem Glas Wasser und ließ sich in den Stuhl sinken. Zum ersten Mal seit langem zwang er sich, nicht an Lukas’ Tränen oder an die Worte des „Freundes“ zu denken, sondern nur an den Moment: die Sonne, die durch das Fenster fiel, das gleichmäßige Ticken der Uhr, die Ruhe. Am Mittag ging er hinaus in die Stadt. Nicht um zu jagen, nicht um zu suchen, sondern nur, um sich zu bewegen. Er setzte sich in ein kleines Café in der Nähe des Rheinufers. Ein einfacher Cappuccino, ein belegtes Brötchen – mehr brauchte er nicht. Erling beobachtete die Menschen: Paare, die lachten, Familien, die spazieren gingen, Studenten, die sich über ihre Vorlesungen unterhielten. „So normal,“ murmelte er, während er den Schaum von der Tasse wischte. „So weit weg von allem, was wir durchmachen.“ Doch genau dieser Kontrast half ihm. Er erinnerte sich daran, dass die Welt größer war als die Intrigen und Schmerzen, die Lukas’ Leben bestimmt hatten. Am Nachmittag schlenderte er am Rhein entlang. Die Sonne spiegelte sich im Wasser, ein leichter Wind trug den Geruch von Sommerblumen herüber. Er setzte sich auf eine Bank, schloss die Augen und ließ die Wärme auf seinem Gesicht wirken. In diesem Augenblick spürte er etwas, das er lange nicht mehr gefühlt hatte: einen Funken innerer Ruhe. „Wenn ich für ihn kämpfen will,“ dachte er, „muss ich klar sein. Nicht wütend, nicht gebrochen. Klar.“ Am Abend kehrte er ins Hotel zurück. Er nahm eine lange, heiße Dusche, zog frische Kleidung an und setzte sich mit einem Notizbuch an den kleinen Schreibtisch. Er begann aufzuschreiben, was er gesehen, gehört und erlebt hatte – die Träume, die Orte, die Gespräche. Nicht als Beweis für andere, sondern als Ordnung für sich selbst. Als er das Buch schloss, war es draußen bereits dunkel. Erling legte sich ins Bett, die Arme hinter dem Kopf, und sprach leise in die Stille: „Morgen geht es weiter. Morgen kämpfe ich wieder. Aber heute… heute habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Luft zu holen.“ Mit diesem Gedanken schlief er ein – zum ersten Mal seit Langem nicht gehetzt, sondern mit dem Gefühl, dass er wieder Kraft hatte für das, was noch kam. Der fünfundzwanzigste Morgen war klar und kühl, der Himmel über Mainz strahlte in einem hellen Blau. Vor dem Krankenhaus stand Erling, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, verborgen im Schatten einer Kastanie. Er war früh aufgestanden, sein Herz pochte unruhig, denn heute war der Tag, an dem Lukas entlassen werden sollte.

Erling hatte in der Nacht kaum geschlafen. Er wusste, dass Lukas ihn nicht sehen wollte – nicht nach all dem, was passiert war. Aber er konnte nicht anders. Er musste zumindest aus der Ferne dabei sein, wenn Lukas das Krankenhaus verließ. Kurz nach neun Uhr öffnete sich die automatische Glastür des Haupteingangs. Zuerst kam die Mutter, die eine kleine Tasche trug und unruhig auf die Uhr schaute. Hinter ihr der Vater, die Arme verschränkt, das Gesicht ernst, als ob nichts geschehen wäre. Und dann, dazwischen, Lukas. Er trug eine einfache Jacke, die ihm leicht zu groß war, und hielt die Entlassungspapiere fest in der Hand. Seine Schritte waren zögerlich, als fürchte er, dass draußen nichts besser wäre als drinnen. Doch gleichzeitig lag ein Funken Erleichterung in seinem Gesicht: endlich raus aus den weißen Wänden, endlich wieder Luft atmen, die nicht nach Desinfektionsmittel roch. Erling sog den Anblick in sich auf. Für einen Moment war es, als würde er die letzten Tage, die Vorwürfe, die Tränen vergessen. Da war nur Lukas – ein verletzter, junger Mann, der trotz allem aufrecht stand. Doch dann hörte er ihn leise sprechen. „Ich weiß nicht, ob das richtig ist… ich habe doch niemanden.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber Erling verstand jedes Wort. Die Mutter legte beruhigend eine Hand auf seine Schulter. „Du hast uns,“ sagte sie, „und wir schaffen das.“ Lukas nickte schwach, doch sein Blick blieb leer. Die Familie ging langsam in Richtung Parkplatz, wo das Auto wartete. Erling folgte mit Abstand, sein Herz schwer. Alles in ihm drängte, zu Lukas zu laufen, ihm zu sagen, dass er sehr wohl jemanden hatte – dass er nicht allein war. Doch die Erinnerung an die Worte im Krankenzimmer hallte in ihm nach: „Ich will dich nicht sehen. Vielleicht nie mehr.“ Er blieb im Schatten, unsichtbar für sie. Nur seine Augen folgten Lukas, bis dieser schließlich im Auto verschwand. Als der Wagen den Parkplatz verließ, blieb Erling allein zurück. Er atmete tief durch, ballte die Fäuste und murmelte in die kühle Morgenluft: „Du glaubst, du hast niemanden, Lukas. Aber ich werde da sein – egal ob du es willst oder nicht. Aus der Ferne, im Verborgenen. Ich lasse dich nicht fallen.“ Und so stand er da, während das Auto kleiner und kleiner wurde, und schwor sich, dass dies nicht das Ende war – sondern nur der Beginn des nächsten Kapitels. Der Mittag des fünfundzwanzigsten Tages war erfüllt vom geschäftigen Treiben der Mainzer Innenstadt. Menschen strömten über den Gutenbergplatz, Touristen blieben vor den Statuen stehen, Busse fuhren im Takt ein und aus. Zwischen all dem Gewusel ging Erling mit gesenktem Kopf durch die Straßen, die Hände tief in die Taschen seiner Jacke geschoben. Er hatte Lukas am Morgen aus dem Krankenhaus entlassen gesehen – blass, gebrochen, aber aufrecht. Dieses Bild hatte sich in ihm festgebrannt. Doch statt Erleichterung spürte er nur eine unruhige Spannung. Er blieb an einem Schaufenster stehen, starrte hinein, ohne wirklich zu sehen, was dort lag. „Es ist noch zu früh,“ dachte er. „Ich kann ihn nicht jetzt konfrontieren. Er glaubt mir kein Wort. Er denkt, ich bin genauso ein Lügner wie sein Vater. Und der Freund hat sein Netz viel zu eng um ihn gelegt.“ Die Worte hallten in seinem Kopf nach. Er wusste, dass er mehr Beweise brauchte, mehr Teile der Wahrheit, die bisher im Dunkeln lagen. Alles, was er gesehen hatte – die Bilder aus der Vergangenheit, das Haus in Gonsenheim, das Casino, die Intrigen zwischen den Freunden – waren nur Puzzlestücke. Aber das ganze Bild war noch verborgen.

„Wenn ich jetzt zu früh spreche,“ murmelte er leise, während er an einem Straßencafé vorbeiging, „dann verliere ich ihn endgültig. Er wird denken, ich dränge mich auf, oder schlimmer: dass ich ihn manipuliere wie die anderen.“ Er setzte sich auf eine Bank am Rhein, der in der Mittagssonne ruhig glänzte. Neben ihm lachten ein paar Studenten, während sie ihre belegten Brötchen auspackten. Erling starrte auf das Wasser, die Gedanken rasten. „Ich muss warten. Ich muss beobachten. Ich muss die Wahrheit über die Mutter, über die Tante, über den Freund ans Licht bringen. Erst wenn ich alles weiß, kann ich Lukas erreichen. Sonst glaubt er mir kein einziges Wort.“ Ein tiefer Seufzer entwich ihm. Zum ersten Mal fühlte er, wie schwer dieser Weg wirklich war. Nicht die körperlichen Schmerzen vom Sturz, nicht die Einsamkeit im Hotel – sondern die Last, alles zu wissen und doch nichts sagen zu dürfen. Als die Sonne langsam weiterzog, stand Erling schließlich auf. Er sah noch einmal über den Fluss, bevor er zurück in die Stadt ging. „Noch ist es zu früh,“ flüsterte er. „Aber die Zeit wird kommen. Und wenn sie kommt, dann werde ich nicht mehr schweigen.“ Mit diesem Gedanken verschwand er in der Menge, unauffällig, ein Schatten zwischen all den Stimmen und Schritten – entschlossen, den richtigen Moment abzuwarten, auch wenn es ihn innerlich zerriss. Am späten Nachmittag des fünfundzwanzigsten Tages machte sich Erling vom Rhein auf den Weg zurück in Richtung seines Hotels. Er wollte eigentlich nur Ruhe, vielleicht eine heiße Dusche, um die Gedanken zu ordnen. Doch kaum hatte er die Altstadt hinter sich gelassen, blieb er abrupt stehen. Dort, am Rand einer belebten Kreuzung, sah er ihn wieder – den anderen Freund aus Lukas’ Vergangenheit. Dasselbe Gesicht, derselbe entschlossene Gang. Erling spürte, wie sein Herz schneller schlug. „Diesmal verliere ich dich nicht.“ Der Freund ging zielstrebig durch die Straßen, ohne sich umzudrehen. Erling folgte ihm in sicherem Abstand, achtete darauf, unauffällig zu bleiben. Erst durch enge Gassen, dann weiter hinaus, immer weiter, bis die Häuser niedriger wurden, die Straßen leerer, die Geräusche der Innenstadt hinter ihnen verklangen. Am äußersten Rand von Mainz, in einer Gegend, die fast schon ländlich wirkte, bog der Freund schließlich in eine schmale Seitenstraße ein. Der Asphalt war brüchig, die Laternen alt, manche flackerten. Hier war kaum noch jemand unterwegs. Erling blieb kurz stehen, spürte die Spannung in seinem ganzen Körper. „Warum hier? Was sucht er an diesem Ende der Stadt?“ Vorsichtig folgte er ihm weiter. Die Straße führte in ein kleines Wohnviertel mit älteren Häusern, viele davon wirkten heruntergekommen. Am Ende der Gasse blieb der Freund stehen. Vor ihm lag ein unscheinbares Haus mit grauer Fassade, die Rollläden halb heruntergelassen, der Garten verwildert. Es sah nicht aus wie ein Ort, an dem man jemanden erwarten würde – eher wie ein Ort, an dem man sich versteckte. Ohne zu zögern öffnete der Freund das Gartentor, ging den schmalen Weg entlang und verschwand durch die Haustür. Erling blieb im Schatten einer alten Kastanie stehen, die Hände zu Fäusten geballt. Er beobachtete das Haus, das still und verlassen wirkte, und doch wusste er: Dahinter verbarg sich etwas. Die Minuten vergingen, während er dort stand. Kein Laut drang aus dem Haus, keine Bewegung an den Fenstern. Es war, als hätte das Gebäude den Freund verschluckt.
„Also wohnst du hier,“ murmelte Erling leise. „Versteckt am anderen Ende von Mainz. Und ich frage mich: warum?“ Er wusste, dass er nicht einfach an die Tür gehen konnte. Noch nicht. Es war zu früh, und er hatte nichts in der Hand außer seinen eigenen Beobachtungen. Aber sein Entschluss stand fest: Er würde wiederkommen. Er musste herausfinden, was hinter diesen Mauern lag. Mit einem letzten Blick auf das graue Haus wandte sich Erling ab, zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und verschwand in der Dunkelheit der Seitenstraße. Doch tief in ihm wusste er: Dieser Ort war ein Schlüssel – und der Freund hütete darin etwas, das Lukas’ Leben endgültig verändern konnte. Es war bereits später Abend, als Erling mit pochendem Herzen vor dem grauen, unscheinbaren Haus am Rande von Mainz stand. Lange hatte er nur beobachtet, die Schatten an den Fenstern, die verwitterte Fassade, den rostigen Briefkasten. Doch diesmal entschied er sich, nicht länger zu warten. Er ging die knarrenden Stufen hinauf und klopfte. Nach einigen Sekunden öffnete sich die Tür. Der andere Freund stand dort, älter, doch sofort erkennbar. Sein Blick war kalt, fast abweisend, die Stimme voller Schärfe: „Was willst du hier? Ich will nichts mehr von Lukas wissen. Schon gar nicht nach dem, was am letzten Tag meines Abschlusses passiert ist.“ Erling, der die Hände tief in den Taschen hielt, fragte leise: „Wenn du nichts von ihm wissen willst… warum hast du ihm damals geholfen? Warum hast du dich trotz allem in die Sache um seine Entführung eingemischt?“ Der andere Freund wich dem Blick aus, als hätte er nicht damit gerechnet, diese Frage zu hören. „Das geht dich nichts an,“ murmelte er. Doch als Erling die Hand auf seine Schulter legte, durchzuckte ihn plötzlich ein greller Strom, wie ein Blitzschlag, und Bilder aus der Vergangenheit rasten durch sein Bewusstsein. Die Vision begann: • Er sah den anderen Freund in der 5. Klasse. Lukas saß im Klassenraum, wie so oft laut, unruhig, anders. Der andere Freund schaute auf ihn herab, das Gesicht voller genervter Überlegenheit. Und doch – am Ende des Schuljahres ein kurzer Blick: unsicher, fast so, als wollte er etwas, das er selbst nicht verstand. • Ein halbes Jahr später: Lukas schob ihm im Pausenhof einen kleinen Zettel zu. Darauf stand mit zittriger Schrift die Frage, ob sie Freunde sein könnten. Der andere Freund ignorierte ihn, steckte den Zettel in die Tasche, als hätte er ihn nie gesehen. • Wieder ein halbes Jahr verging. Lukas reichte ihm einen Brief, liebevoll formuliert, voller Hoffnung. Der andere Freund zerriss ihn sofort in kleine Stücke, warf sie in den Müll. Später hörte man ihn zu einem Klassenkameraden sagen: „Mit dem werde ich niemals befreundet sein. Er ist peinlich. Immer so laut. Er zieht ständig die Aufmerksamkeit auf sich.“ • Die Bilder sprangen. Lukas begann, Geschenke zu machen – zuerst kleine, dann immer teurere. Süßigkeiten, kleine Spielsachen, irgendwann CDs und Spiele. Alles in der Hoffnung, endlich gemocht zu werden. Der andere Freund nahm sie an, lächelte kalt, aber in seinem Inneren wuchs ein Plan: Ich lade ihn heimlich ein. Dann wird er merken, dass er mir nichts bedeutet. Dann wird er verletzt sein. Doch an dem Tag, als Lukas wirklich kam, geschah etwas anderes. Lukas kniete sich vor den Hund des Freundes, streichelte ihn sanft, sprach mit ihm wie mit einem Gefährten. Der Hund, sonst misstrauisch, ließ es zu, sogar freudig. Für den anderen Freund war es ein Schock. „Er… er versteht meinen Hund,“ dachte er, „mehr als jeder andere.“ Von da an lud er Lukas öfter ein – nicht aus echter Zuneigung, sondern weil er spürte, dass der Hund Lukas liebte. Und doch blieb er in der Schule gemein, ließ sich von Lukas alles bezahlen, benutzte ihn, während er vor den anderen stark tat.

Das Bild wechselte: Die letzten Monate vor dem Hauptschulabschluss. Der andere Freund begann zu erkennen, dass Lukas trotz allem ein gutes Herz hatte. Er erinnerte sich an die Kinobesuche, an Einladungen zu Festen, daran, wie Lukas ihn auf eine Art kannte, wie es sonst niemand tat. • Dann der Tag des Abschlusses. Der „Freund aus der Grundschule“ flüsterte dem anderen Freund ins Ohr: „Siehst du? Lukas meint es nicht ernst. Er ist nur peinlich.“ Später, während der Aufführung, filmte Lukas ihn – stolz, bewundernd. Doch für den anderen Freund war es nur peinlich, bloßgestellt zu werden. Und doch: Am Ende des Tages stand er neben seiner Mutter, stolz sein Zeugnis in den Händen. Er wartete. Er hoffte, dass Lukas zu ihm kam, sich verabschiedete, etwas sagte. Aber Lukas tat es nicht. Aus Unsicherheit, aus Angst. Für den anderen Freund aber fühlte es sich wie Verrat an. Er war enttäuscht, verletzt, überzeugt, dass er die Wahrheit erfahren hatte. • Jahre später: Fastnacht. Der andere Freund sah Lukas wieder. Diesmal ignorierte Lukas ihn völlig. Der Schmerz von damals brach erneut auf, während er selbst eine abweisende Haltung zeigte. • Dann der zweite große Moment: Als Lukas beim zweiten Treffen fragte, ob er etwas mit der Entführung zu tun gehabt habe. Der andere Freund verneinte – und es war die Wahrheit. Doch er half trotzdem. Trotz der Ignoranz, trotz der Instagram-Nachrichten, die er glaubte, Lukas habe nur geschrieben, um ihn zu verspotten. Er half, weil er in Lukas noch etwas Menschliches sah, etwas Reines, das nicht verloren war. Er sah, wie er sich in die Rettung einbrachte, ohne dass Lukas es jemals wahrnahm. Er sah, wie er in den drei Monaten danach immer wieder hoffte: Vielleicht erfährt er irgendwann, dass ich wirklich geholfen habe. Vielleicht bedankt er sich. Vielleicht sieht er, dass ich nicht so bin, wie er denkt. •

Dann brach die Vision ab. Erling riss die Hand zurück, taumelte einen Schritt zurück, schnappte nach Luft. Der andere Freund sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an, als hätte Erling in etwas eingedrungen, das nie ans Licht kommen sollte. Schweiß rann Erling über die Stirn. „Jetzt verstehe ich,“ flüsterte er heiser. „Du wolltest ihn zuerst zerstören, dann warst du verletzt, und trotzdem… hast du geholfen. Aber alles ist verdreht. Alles.“ Der andere Freund ballte die Fäuste, seine Stimme zitterte vor Zorn und Angst. „Sag ihm nichts. Er darf es nie erfahren.“ Erling sah ihn lange an, dann wandte er sich ab, das Herz voller neuer Last. Er wusste jetzt mehr als je zuvor – und doch war das Bild von Lukas’ Vergangenheit nur noch verworrener geworden. Die späte Nacht lag schwer über Mainz. Die Straßen waren fast leer, nur das Summen der Laternen und das ferne Rauschen der Autobahn waren zu hören. Vor dem grauen, unscheinbaren Haus stand Erling noch immer, der Atem sichtbar in der Kälte. Drinnen, hinter der angelehnten Tür, hatte er eben die Bilder der Vergangenheit gesehen – verzerrt, verletzt, voller Missverständnisse. Doch er wusste: Wenn er jetzt ging, bliebe alles falsch. Er drückte die Tür weiter auf und trat in den dunklen Flur. Der andere Freund stand dort, die Arme verschränkt, die Augen voller Argwohn. „Ich habe dir gesagt, du sollst es ihm nie erzählen,“ knurrte er. „Alles, was du gesehen hast, bleibt bei dir.“ Erling schüttelte den Kopf. Seine Stimme war leise, aber fest. „Nein. Du hast all die Jahre gedacht, Lukas hätte dich absichtlich verletzt. Dass er dich ignoriert hat, dass er dich nicht mochte. Aber das stimmt nicht. Du hast ihn nie verstanden.“ Der andere Freund zuckte zusammen. „Was soll das heißen?“ Erling machte einen Schritt näher, die Hände offen, beschwichtigend. „Dass er sich am Tag deines Abschlusses nicht verabschiedet hat, hatte nichts mit Ablehnung zu tun. Er wollte es. Er hatte sogar darüber nachgedacht. Aber sein Autismus… er hat ihn blockiert. Er hat sich nicht

getraut. Nicht, weil du ihm egal warst, sondern weil er die Worte nicht gefunden hat. Er hatte Angst, etwas falsch zu machen. Das war der einzige Grund.“ Die Augen des anderen Freundes flackerten, doch er sagte nichts. Erling fuhr fort: „Und diese Aufnahme bei deiner Aufführung? Du dachtest, er wollte dich bloßstellen. Aber nein – er wollte nur eine Erinnerung behalten. Er war stolz auf dich, auch wenn er es nicht sagen konnte. Dieses Video war für ihn, nicht gegen dich.“ Ein leises Zittern ging durch die Schultern des anderen Freundes. Er presste die Lippen aufeinander, als wollte er widersprechen, doch keine Worte kamen. „Und an Fastnacht,“ sagte Erling, „als er dich nicht ansprach – auch das war keine Absicht. Es war wieder sein Autismus. Er sah dich, er wollte, aber er konnte nicht. Er hat sich hinter einer Maske versteckt, weil er nicht wusste, wie du reagieren würdest. Du hast Kälte gesehen, dabei war es nur Angst.“ Der andere Freund sah zu Boden, die Hände zu Fäusten geballt. Erling setzte den letzten Stoß: „Und was die Rettung angeht… Lukas glaubt bis heute, es sei ein Traum gewesen. Er weiß nicht, dass es echt war. Er weiß nicht, dass du ihm geholfen hast, dass du damals den Mut hattest. Er hält es für Fantasie, weil es zu groß für ihn war, um es zu begreifen. Er würde dir danken, wenn er die Wahrheit wüsste – glaub mir.“ Stille füllte den Flur. Der andere Freund stand da, reglos, gefangen zwischen den alten Überzeugungen und den neuen Worten. Tränen glitzerten in seinen Augen, doch er wischte sie hastig weg, als wollte er sie nicht zulassen. „Das… das kann nicht sein,“ murmelte er. „All die Jahre… habe ich gedacht…“ Seine Stimme brach ab. Erling legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Du hast ihn falsch verstanden. Immer. Aber es ist noch nicht zu spät, es richtig zu sehen.“ Der andere Freund schwieg, der Blick leer, als müsse er die Jahre von Missverständnissen und Schmerz neu ordnen. Erling wusste: Ob er es akzeptierte oder nicht – ein Riss war entstanden in seiner harten Fassade. Und dieser Riss konnte der Anfang von Wahrheit sein. Der Morgen des sechsundzwanzigsten Tages war kühl und still. Nebel hing noch zwischen den Häusern am Rande von Mainz, als Erling den schmalen Weg zu dem grauen Haus erneut entlangging. Sein Herz schlug schwer, denn er wusste: Heute musste er einen Schritt tun, den er bisher vermieden hatte. Der andere Freund war schon wach. Er stand vor der Haustür, einen Becher Kaffee in der Hand, als er Erling kommen sah. Sofort verfinsterte sich sein Blick. „Du schon wieder? Ich habe dir gesagt, ich will nichts mehr mit all dem zu tun haben.“ Erling blieb ein paar Schritte entfernt stehen, zog langsam die Kapuze von seinem Kopf. Seine Stimme war ruhig, fast sanft: „Wenn du mir je vertrauen sollst, muss ich dir die Wahrheit sagen. Etwas, das fast niemand weiß. Nur Lukas kennt sie.“ Der andere Freund runzelte die Stirn, stellte den Kaffeebecher auf die Fensterbank. „Wovon redest du?“ Erling atmete tief ein. Dann griff er mit beiden Händen an den Kragen seiner Jacke, zog sie aus, und ließ für einen Augenblick jede Verkleidung fallen. Kein Bart, keine Mütze, kein Schatten mehr. Vor dem anderen Freund stand Erling Haaland – der Spieler, der Star, den alle kannten, doch hier nicht erwartet hätten. Das Gesicht des anderen Freundes erstarrte. „Du… du bist…“ Er brach ab, als hätte er die Worte verloren. „Das kann nicht sein.“ „Doch,“ sagte Erling ernst. „Es ist wahr. Ich bin es. Aber nur Lukas weiß es. Für alle anderen bin ich jemand anders, ich lebe verdeckt. Nur so konnte ich für ihn da sein, ohne dass die Welt es bemerkt.“ Der andere Freund starrte ihn lange an, als versuche er zu begreifen, was das bedeutete. Schließlich schüttelte er den Kopf. „Und warum sagst du mir das? Warum gerade mir?“

Erling machte einen Schritt näher, sein Blick unverwandt. „Weil ich will, dass du verstehst, dass ich es ernst meine. Ich bin nicht gekommen, um dir zu schaden. Ich bin gekommen, weil Lukas uns beide braucht. Dich – weil du ein Teil seiner Vergangenheit bist, ob du es willst oder nicht. Und mich – weil ich ihn nicht im Stich lassen kann.“ Der andere Freund wich zurück, seine Hände zitterten leicht. „Und was erwartest du jetzt? Dass ich dir plötzlich vertraue? Nach allem, was war?“ Erling senkte den Kopf kurz, dann sah er ihn wieder fest an. „Nein. Ich erwarte nur, dass du begreifst: Ich bin nicht sein Feind. Ich bin hier, weil er sonst verloren wäre. Und weil ich glaube, dass du, tief in dir, trotz allem, auch nicht willst, dass er zerbricht.“ Die Worte hingen in der kalten Morgenluft. Der andere Freund atmete schwer, sein Gesicht wechselte zwischen Zorn, Verwirrung und etwas, das fast wie Zweifel wirkte. Schließlich flüsterte er: „Wenn das stimmt… wenn er wirklich die Wahrheit kennt und du für ihn hier bist… dann…“ Er stockte. „Dann ist nichts mehr so, wie ich dachte.“ Erling nickte langsam. „Genau deshalb bin ich hier. Nichts ist mehr so, wie wir es glauben. Aber vielleicht können wir es diesmal richtig machen.“ Für einen Augenblick standen sie einander schweigend gegenüber. Zwei Männer, verbunden durch einen Jungen, der ihr beider Leben geprägt hatte – und durch ein Netz aus Missverständnissen, Schuld und Geheimnissen, das sich endlich zu lösen begann. Der Mittag des sechsundzwanzigsten Tages war bedrückend. Das Krankenhaus war nun hinter Lukas, doch die innere Leere blieb. Er saß in seinem Zimmer zu Hause, das neue, leere Buch lag auf dem Schreibtisch, daneben ein Stift. Die Sonne schien durch die Vorhänge, doch für Lukas wirkte alles farblos. Da klopfte es an der Tür. Ohne eine Antwort abzuwarten, trat der Freund aus der Grundschule ein. Er hatte ein freundliches Lächeln auf den Lippen, das wie eine Maske wirkte. „Na, Lukas,“ sagte er sanft, „hast du schon etwas ins Buch geschrieben?“ Lukas schüttelte den Kopf. „Nein… ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Alles, was ich denke, klingt falsch.“ Der Freund setzte sich neben ihn, legte das Buch vor sich hin und schlug es auf. „Dann helfe ich dir. Weißt du, was hier drinstehen muss? Die Wahrheit. Nicht diese Lügen, die dir dein Vater, der Spieler oder sogar deine Familie erzählt haben. Sondern das, was wirklich zählt.“ Lukas sah ihn an, unsicher. „Die Wahrheit?“ Der Freund nickte ernst. „Schreib: Man kann niemandem vertrauen. Schreib das auf. Denn es ist so – alle haben dich verletzt, alle haben dich belogen. Aber die Wahrheit siegt am Ende. Und ich werde immer dafür sorgen, dass du sie siehst.“ Lukas nahm langsam den Stift, und seine Hand zitterte, als er die Worte schrieb: Man kann niemandem vertrauen. Die Wahrheit siegt. Der Freund lächelte zufrieden. „Gut. Sehr gut. Und weißt du, was noch wichtig ist? Dass du dich von denen löst, die dir nur wehgetan haben. Die dich klein gemacht haben. Lösch die Nummern. Jede einzelne. Von deinem Vater. Von deiner Mutter. Von allen – bis auf meine. Denn ich bin der Einzige, der bleibt.“ Lukas runzelte die Stirn. Ein Teil in ihm zögerte. „Aber… Mama… sie war doch immer für mich da…“ Der Freund legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach ruhig, beinahe beschwörend: „Siehst du nicht, dass sie dich nie wirklich verstanden hat? Dass sie immer auf deiner Seite tat, aber dich im entscheidenden Moment fallen ließ? Du hast es selbst erlebt. Denk nach, Lukas. Nur ich war ehrlich zu dir.“ Lukas blickte wieder auf das Buch. Er verstand nicht, warum er so etwas dort hineinschreiben sollte – eigentlich war das Buch doch dafür da, um Mut zu finden. Aber sein Kopf war so voller

Zweifel, so voller Stimmen, dass er es nicht bemerkte. Er vertraute dem Freund in diesem Moment zu sehr. Also schrieb er weiter: Ich muss die Nummern löschen. Alle. Nur er bleibt. Der Freund sah ihm dabei zu, und sein Lächeln wurde breiter – nicht warm, sondern kalt, zufrieden. „Genau so,“ dachte er. „Bald wird er niemanden mehr haben außer mir.“ Lukas spürte zwar, dass etwas nicht ganz stimmte, doch er konnte es nicht benennen. Er hielt das Buch in den Händen und las die Zeilen, die er geschrieben hatte, und murmelte leise: „Vielleicht… ist das wirklich die Wahrheit.“ Er bemerkte nicht, wie das „Mutbuch“ zu einem Werkzeug des Freundes wurde – ein Käfig aus Worten, der ihn langsam von allen anderen trennte. Zur selben Zeit, während Lukas oben in seinem Zimmer mit zitternder Hand die Worte in das Buch schrieb, saßen Erling und der andere Freund in dem grauen, verlassen wirkenden Haus am Rand von Mainz. Die Luft war schwer, beide Männer wirkten angespannt, doch zwischen ihnen hatte sich eine neue, zerbrechliche Verbindung gebildet. Erling war der Erste, der sprach. „Wenn wir so weitermachen, wird Lukas kaputtgehen. Der ‚Freund‘ zieht ihm den Boden unter den Füßen weg, Stück für Stück. Er macht ihn abhängig von sich, und bald wird er niemandem mehr trauen – nicht einmal sich selbst.“ Der andere Freund nickte langsam. Sein Blick war ernst, fast schuldbewusst. „Ich habe viel falsch gemacht… früher. Aber jetzt sehe ich es: Wenn wir nichts tun, dann verliert er sich komplett. Er braucht Hilfe. Mehr, als wir zwei allein geben können.“ Erling lehnte sich nach vorne. „Wir müssen uns zusammentun. Und nicht nur wir beide. Erinnerst du dich, wer damals auch dabei war, als wir ihn aus der Entführung befreien mussten?“ Die Augen des anderen Freundes weiteten sich. „Der IT-Experte… und der Bauer.“ Erling nickte. „Genau. Beide haben damals ihr Leben riskiert. Der eine, weil er wusste, wie man Kameras ausschaltet und Schlösser manipuliert. Der andere, weil er die Stärke hatte, uns durch das Gelände zu bringen. Ohne sie hätten wir Lukas niemals heil zurückgebracht.“ Für einen Moment herrschte Stille. Beide Männer dachten zurück an jene Tage – an die Hetzjagd, das Versteck im Ausland, das Risiko im Gepäckraum des Flugzeugs. An die Momente, in denen alles hätte schiefgehen können. „Wir müssen sie wiederfinden,“ sagte Erling fest. „Nur zusammen haben wir eine Chance, den ‚Freund‘ aufzuhalten. Er ist zu klug, zu manipulativ. Lukas ist jetzt schon in seinem Netz gefangen. Aber wenn wir alle zusammenstehen, dann können wir ihn befreien, bevor sein Geist endgültig bricht.“ Der andere Freund presste die Lippen aufeinander. „Es wird schwer, sie zurückzuholen. Der ITExperte hat sich zurückgezogen. Er wollte nie wieder mit solchen Dingen zu tun haben. Und der Bauer… er hat sich nach all dem zurück aufs Land verzogen, weit weg von der Stadt. Aber wenn es um Lukas geht… vielleicht kommen sie noch einmal.“ Erling stand auf, ballte die Hände zu Fäusten. „Wir schulden es ihm. Er darf nicht glauben, dass er niemanden hat. Wenn der ‚Freund‘ gewinnt, dann bleibt von ihm nur eine Hülle. Das dürfen wir nicht zulassen.“ Der andere Freund nickte, langsam, aber entschlossen. „Dann holen wir sie. Beide. Den ITExperten. Den Bauern. Jeder von uns hat Fehler gemacht, aber jetzt zählt nur eines: Lukas darf nicht zerbrechen.“

Und so war es beschlossen. Während Lukas in seinem Zimmer Zeilen schrieb, die ihn immer tiefer an den „Freund“ banden, formte sich draußen ein Gegenplan. Ein Bündnis derer, die ihn schon einmal gerettet hatten. Sie würden zurückkehren, jeder auf seine Weise, um erneut für Lukas zu kämpfen. Diesmal nicht nur gegen eine Entführung – sondern gegen die Zerstörung seiner Seele. Der Abend des sechsundzwanzigsten Tages war kühl, und ein leiser Wind wehte durch die Straßen von Mainz. Im Haus der Familie herrschte eine seltsame, gespannte Ruhe. Lukas saß in seinem Zimmer, das Buch des „Freundes“ lag noch aufgeschlagen vor ihm, seine Augen brannten vom Lesen und Schreiben. Unten im Wohnzimmer sprachen Mutter und Vater leise miteinander, als plötzlich die Haustür aufgerissen wurde. Es war der Cousin. Sein Gesicht war rot vor Wut, seine Schritte hart und entschlossen. Ohne ein Wort der Begrüßung stellte er sich mitten ins Wohnzimmer, vor die Eltern. „Ihr seid Abschaum!“ begann er mit zitternder Stimme, die laut durch das Haus hallte. „Charakterlich kaputt! Ihr habt nie Respekt gezeigt, nie Verantwortung übernommen. Du,“ er zeigte mit dem Finger auf die Mutter, „hast immer behauptet, du hättest etwas für mich getan – aber das stimmt nicht. Du hast mich nie unterstützt, nie ernst genommen. Alles, was du sagst, sind Lügen, nur damit du besser dastehst!“ Die Mutter öffnete den Mund, wollte etwas erwidern, doch der Cousin ließ sie nicht zu Wort kommen. „Und dein Mann,“ fuhr er fort, drehte sich zum Vater, „ist ein pädophiles Schwein, das alles leugnet, nachdem es schon zugegeben wurde! Ihr beide habt kein Recht, irgendjemanden zu erziehen oder zu verurteilen. Ihr seid ekelhaft, und ich will nie wieder ein Wort von euch hören!“ Die Mutter schlug die Hände vors Gesicht, der Vater ballte die Fäuste, aber er sagte nichts. Die Worte hingen schwer in der Luft, jedes einzelne wie ein Schlag. Dann wandte sich der Cousin ab, ging die Treppe hoch, als wäre er in Eile, noch mehr Gift zu verspritzen. Lukas hörte die Schritte, und ehe er reagieren konnte, riss der Cousin seine Tür auf. „Und du!“ rief er, seine Augen voller Zorn. „Du bist nicht besser! Du tust immer so, als wärst du das Opfer. Aber in Wahrheit bist du nur peinlich. Laut, kindisch, völlig unfähig, dich wie ein normaler Mensch zu benehmen. Jeder in der Familie hat es immer gewusst, und ich sage es dir jetzt ins Gesicht: Niemand will mit dir zu tun haben, weil du alles nur schlimmer machst!“ Lukas erstarrte. Sein Herz raste, seine Hände griffen unwillkürlich nach dem Buch, als könnte es ihn beschützen. Doch die Worte des Cousins schnitten tief, tiefer als ein Messer. „Du denkst, du bist besonders?“ fuhr der Cousin fort, „Nein. Du bist eine Last. Für deine Eltern, für jeden, der jemals versucht hat, mit dir klarzukommen. Und das Schlimmste: Du merkst nicht einmal, wie du alles zerstörst, weil du so mit Absicht bleibst, wie du bist.“ Lukas’ Augen füllten sich mit Tränen, doch er brachte kein Wort heraus. Die Anschuldigungen prasselten auf ihn ein wie Hagel, jeder Schlag ließ ihn kleiner werden. Schließlich lachte der Cousin bitter und sagte: „Ihr alle drei seid erbärmlich. Aber am schlimmsten bist du. Weil du immer glaubst, jemand würde dich wirklich wollen.“ Dann drehte er sich abrupt um, stürmte die Treppe hinunter und verließ das Haus mit einem harten Knall der Tür. Oben blieb Lukas allein zurück. Er starrte auf die weißen Seiten des Buches, Tränen liefen ihm über die Wangen. In seinem Kopf kreisten die Worte des Cousins, immer wieder: „Du bist eine Last. Niemand will dich.“ Er legte den Stift auf die Seite, doch bevor er das Buch zuschlug, schrieb er noch eine Zeile – fast mechanisch, wie von fremder Hand geführt: Vielleicht hat er recht. Vielleicht bleibe ich am Ende wirklich allein.

Dann fiel Lukas zurück aufs Bett, starrte an die Decke, und die Stille des Hauses wurde nur von seinen leisen Schluchzern durchbrochen. Zur gleichen Zeit, während Lukas oben im Zimmer von den harten Worten des Cousins zerdrückt wurde, saß Erling in einem kleinen, kaum beleuchteten Lokal am Rand von Mainz. Gegenüber von ihm der andere Freund, der ein Bierglas zwischen den Händen hielt. Beide hatten sich zusammengesetzt, um den nächsten Schritt zu besprechen – wie sie den IT-Experten und den Bauern erreichen konnten, wie sie das Netz des „Freundes“ zerreißen wollten, bevor es Lukas ganz verschlang. Die Stimmung war ernst, doch es war eine seltene Ruhe eingekehrt. Der andere Freund sprach leise, sein Blick war fest: „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wenn er Lukas erst völlig überzeugt hat, dass nur er bleibt, ist es zu spät. Wir brauchen alle, die damals schon geholfen haben. Wir brauchen eine Einheit – oder wir scheitern.“ Erling nickte, nahm einen Schluck von seinem Glas Wasser. „Ich weiß. Aber wir müssen vorsichtig sein. Jede Bewegung, jeder Fehler könnte Lukas noch mehr in die Arme des Falschen treiben.“ Eine Weile sprachen sie noch über Namen, Orte, mögliche Wege, die alten Mitstreiter zu kontaktieren. Als die Zeit fortgeschritten war und sie sich zum Gehen erhoben, legte der andere Freund seine Hand hin, um sich zu verabschieden. Erling zögerte kurz, dann schlug er ein. In dem Moment, als ihre Hände sich berührten, durchzuckte es Erling erneut – ein Blitz, ein Aufleuchten, wie er es schon zuvor erlebt hatte. Bilder rasten unkontrolliert vor seinen Augen, und er war für Sekunden wie weg. Er sah eine Szene, die viele Jahre zurücklag: • Lukas’ Geburtstag. Ein kleines Wohnzimmer, bunte Luftballons an den Wänden, ein Kuchen auf dem Tisch. Kinder lachten, das Radio spielte leise im Hintergrund. Zwischen ihnen saß Lukas, nervös, aber glücklich, weil so viele gekommen waren. • Er sah, wie sowohl der andere Freund als auch der „Freund“ dort waren. Es wirkte wie ein friedlicher Moment, doch unter der Oberfläche brodelte es. • Plötzlich kam es zu einem Streit. Der andere Freund und der Cousin gerieten aneinander – wie so oft früher. Erst waren es Worte, dann Schubser, schließlich Fäuste. Sie rangelten mitten im Wohnzimmer, während Erwachsene dazwischen gingen und Kinder erschrocken zurückwichen. • Lukas stand daneben, überfordert, die Hände hilflos ausgestreckt. Er wollte schlichten, wollte Frieden, doch seine Stimme ging im Chaos unter. Stattdessen brannte sich das Bild in sein Herz: an seinem Geburtstag, an einem Tag, der ihm gehören sollte, standen die, die er mochte, gegeneinander. Die Bilder verschwammen, doch das Gefühl blieb: Schon damals war der Keim gelegt worden. Streit, Misstrauen, Gewalt – mitten in dem, was für Lukas ein sicherer Ort hätte sein sollen. Erling riss die Hand zurück, atmete schwer. Der andere Freund sah ihn irritiert an. „Was ist los? Du bist ja kreidebleich.“ Erling schüttelte den Kopf, kämpfte um Worte. „Ich… ich habe etwas gesehen. Deinen Streit. Mit dem Cousin. Damals. An Lukas’ Geburtstag. Ihr habt euch geprügelt, und er stand dazwischen, hilflos.“ Der andere Freund senkte den Blick. „Ja… so waren wir früher. Es war… dumm. Aber so war es. Ich habe nie darüber nachgedacht, was das für ihn bedeutet hat.“

Erling presste die Lippen aufeinander. „Vielleicht ist genau das der Punkt. Es sind nicht nur die großen Dinge – die Entführung, die Rettung. Es sind diese kleinen, brutalen Erinnerungen, die ihn heute brechen.“ Die beiden Männer schwiegen. Dann schüttelten sie sich erneut die Hände – diesmal bewusst, ohne Vision. Und während sie auseinander gingen, wussten beide: Die Vergangenheit war noch voller Schatten. Schatten, die sie ans Licht holen mussten, wenn sie Lukas retten wollten. Der Morgen des siebenundzwanzigsten Tages war kühl und grau, die Sonne kämpfte sich nur mühsam durch die Wolkendecke. Erling stand mit verschränkten Armen an einer ruhigen Straße am Rande von Mainz. Neben ihm der andere Freund, dessen Blick nervös über die Häuserreihen wanderte. Sie waren hier, um einen Schritt zu wagen, den sie schon lange hinausgezögert hatten: den IT-Experten aufzusuchen, der einst bei der Rettung von Lukas eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Vor ihnen lag ein zweistöckiges Reihenhaus mit gepflegtem Vorgarten. Die Jalousien waren noch halb geschlossen, ein Fahrrad lehnte an der Wand, und im Briefkasten quoll Post hervor. Es wirkte ruhig, fast zu normal für jemanden, der einst in eine so gefährliche Mission verstrickt gewesen war. Erling atmete tief durch. „Das ist also sein Haus?“ Der andere Freund nickte. „Ja. Er hat sich hier zurückgezogen, seit Jahren. Kaum Kontakt, kaum Spuren im Netz. Er wollte nie wieder mit solchen Sachen zu tun haben. Aber… wenn jemand Lukas’ Seele retten kann, dann er. Er kennt die Tricks des ‚Freundes‘, die Manipulationen, das ganze Netz.“ Erling sah auf die Tür. „Und was, wenn er nicht helfen will?“ Der andere Freund presste die Lippen zusammen. „Dann müssen wir ihn überzeugen. Lukas hat keine Zeit. Jeder Tag, den er mehr unter dessen Einfluss steht, frisst an ihm. Der IT-Experte weiß das. Tief in ihm wird er nicht wegsehen können.“ Sie gingen langsam die letzten Meter bis zur Haustür. Die Schritte hallten leise auf dem gepflasterten Weg, das Knirschen der kleinen Steine unter ihren Schuhen klang lauter, als es war. Beide blieben schließlich direkt vor der Tür stehen. Erling ballte die Faust, hob sie aber nicht sofort. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug, als wäre die Entscheidung, jetzt zu klingeln, schwerer als jede Schlacht auf dem Fußballfeld. „Bereit?“ fragte er leise. Der andere Freund sah ihn an, seine Augen fest, doch mit einem Hauch Unsicherheit. „So bereit, wie ich nur sein kann.“ Für einen Moment standen sie schweigend nebeneinander, zwei Männer, die wussten, dass hinter dieser Tür nicht nur ein Mensch, sondern vielleicht die letzte Chance auf Rettung wartete. Dann hob Erling die Hand, die Finger zitterten kaum merklich, und legte sie auf die Klingel. Doch er drückte noch nicht. Stattdessen schauten beide einander an – und atmeten tief durch. Der Moment, bevor der Ton der Klingel ertönen würde, fühlte sich an wie ein Schritt in eine neue Welt. Eine Welt, in der sich alles entscheiden konnte. Der Mittag des siebenundzwanzigsten Tages war still in der kleinen Seitenstraße, als Erling und der andere Freund schließlich die Klingel am Haus des IT-Experten drückten. Drinnen hörte man Schritte, dann das leise Klacken eines Schlosses. Die Tür öffnete sich, und dort stand er: etwas älter, Brille auf der Nase, die Haare kürzer, aber sofort erkennbar. Der IT-Experte musterte sie misstrauisch. „Was wollt ihr? Ich habe mit der Vergangenheit abgeschlossen.“ Der andere Freund trat einen Schritt vor. „Wir brauchen dich. Es geht um Lukas. Der ‚Freund‘ hat ihn wieder in der Hand – schlimmer als je zuvor. Er bringt ihn dazu, allen zu misstrauen. Wenn wir ihn nicht jetzt retten, wird er zerbrechen.“

Der Blick des IT-Experten verhärtete sich. „Warum ich? Ich habe meinen Teil getan. Ich wollte nie wieder…“ Doch dann legte Erling ihm sanft die Hand auf den Arm, ein Versuch, ihn zu beruhigen. In diesem Augenblick durchzuckte es ihn erneut wie ein Blitz. Die Vision begann: • Er sah eine Schulklasse, viele Jahre zurück. In dieser Klasse saßen Lukas, der ITExperte, der Bauer – und auch der „Freund“. Anfangs wirkten sie wie eine kleine Gemeinschaft. Sie spielten in den Pausen zusammen, lachten manchmal, waren wie eine lose Gruppe. • Doch dann veränderte sich etwas. Der „Freund“ bemerkte, dass Lukas gut mit dem ITExperten und dem Bauern auskam. Neid flackerte in seinen Augen. Er begann, den ITExperten und den Bauern gezielt fertigzumachen – kleine Sticheleien, dann offene Gemeinheiten. Immer so, dass Lukas zwischen ihnen stand. • Der IT-Experte fand Lukas anfangs auch anstrengend – laut, chaotisch, immer mit einer Art von Energie, die schwer zu ertragen war. Doch als Lukas eines Tages die Schule wechselte, hinterließ er eine Lücke. Der IT-Experte merkte plötzlich, dass etwas fehlte. • Wochen später, als Lukas die alte Schule zu Besuch kam, leuchteten die Augen des ITExperten. Er freute sich ehrlich, ihn zu sehen, und zum ersten Mal verstand er, dass Lukas trotz seiner Eigenheiten ein gutes Herz hatte. • Dann wechselte das Bild. Der IT-Experte erinnerte sich an die Entführung. Er sah, wie er zusammen mit dem Bauern, dem anderen Freund und sogar Erling damals an der Rettung beteiligt war. Wie sie sich in Systeme hackten, Kameras ausschalteten, Wege freilegten. Wie sie es schafften, Lukas zurückzubringen – und wie dieses Ereignis sie alle für immer verändert hatte. Die Vision brach ab. Erling zog die Hand zurück und atmete schwer. Der IT-Experte sah ihn überrascht an. „Was… hast du gerade gemacht?“ „Ich habe gesehen, wer du warst,“ sagte Erling heiser. „Wie ihr alle angefangen habt. Wie ihr Lukas einmal kanntet. Wie du ihn am Ende verstanden hast – und wie du ihm geholfen hast, als es wirklich darauf ankam.“ Der IT-Experte schwieg, doch seine Augen glänzten. Erling machte einen Schritt näher. „Du kannst dich nicht mehr heraushalten. Wenn du damals den Mut hattest, ihn zu retten, dann hast du ihn auch heute. Lukas braucht dich. Sonst wird er endgültig verloren sein.“ Der andere Freund nickte zustimmend. „Wir holen auch den Bauern zurück. Zusammen – wie damals. Nur so können wir den ‚Freund‘ stoppen.“ Der IT-Experte stand still, die Hand an der Tür, das Gesicht voller Erinnerungen. Schließlich atmete er tief durch. „Gut,“ sagte er leise. „Wenn es um Lukas geht… bin ich dabei.“ Und in diesem Moment wussten alle drei: Ein weiteres Puzzlestück der alten Gemeinschaft war zurückgekehrt. Der Abend des siebenundzwanzigsten Tages senkte sich langsam über Mainz. Die Straßen waren ruhiger geworden, Laternen warfen ihr gelbes Licht auf das Pflaster, und in den Restaurants der Innenstadt herrschte reges Treiben. Doch für Erling und den anderen Freund war der Tag noch nicht vorbei. Nachdem sie den IT-Experten überzeugt hatten, wieder an ihre Seite zu kommen, machten sie sich gemeinsam auf den Weg zurück in Richtung Bahnhof. Ihr Ziel war ein Hotel in der Nähe, das sie am Morgen schnell verlassen konnten, um direkt weiter zum Bauern zu fahren – dem letzten wichtigen Teil der alten Gruppe, der schon einmal bei der Rettung geholfen hatte. Das Hotel war schlicht, ein funktionaler Bau mit gläserner Eingangshalle und einer unscheinbaren Rezeption. Als sie eintraten, begrüßte sie der Geruch nach frischer

Reinigungslösung und dem schwachen Aroma von Kaffee, das aus dem kleinen Bistrobereich drang. Erling meldete zwei Zimmer an – er wollte unauffällig bleiben und vermeiden, dass irgendjemand sie zusammen in einer zu vertrauten Konstellation sah. „Wir brauchen Ruhe,“ sagte er knapp zur Rezeptionistin, die nickte und ihnen die Schlüssel übergab. Im Zimmer legte Erling seinen Rucksack auf das Bett, zog sich die Jacke aus und ließ sich schwer auf die Matratze sinken. Der Tag hatte ihn ausgelaugt: die Begegnung mit dem ITExperten, die Vision, die er unfreiwillig gesehen hatte, und die Last der bevorstehenden Aufgabe. Kurze Zeit später klopfte der andere Freund an seine Tür. Erling ließ ihn herein. Sie setzten sich an den kleinen Schreibtisch, zwei Gläser Wasser zwischen sich, und schwiegen zunächst. „Morgen,“ begann der andere Freund schließlich, „werden wir zum Bauern fahren. Er lebt noch immer außerhalb, auf dem Land, weit weg von all dem hier. Er wollte nach der Entführung nie wieder zurück in diese Welt.“ Erling nickte. „Aber er hat Lukas damals geholfen. Er wird nicht wegsehen, wenn er erfährt, was jetzt passiert.“ Der andere Freund seufzte schwer. „Hoffentlich. Aber wir müssen ehrlich sein. Auch er trägt alte Wunden. Auch er weiß, wie sehr Lukas ihn damals gebraucht hat – und wie viel Schmerz am Ende geblieben ist.“ Sie tranken ihr Wasser, während draußen Autos vorbeizogen und der Klang der Stadt leiser wurde. Für einen kurzen Moment lag so etwas wie Hoffnung im Raum: Die Gruppe, die einst zerfallen war, könnte sich wieder vereinen. Als sie sich schließlich verabschiedeten und der andere Freund in sein eigenes Zimmer zurückging, blieb Erling noch lange wach. Er stand am Fenster, blickte hinaus auf die Schienen des Bahnhofs, die sich in die Dunkelheit zogen. „Morgen,“ murmelte er leise, „morgen holen wir den letzten zurück. Dann wird sich entscheiden, ob Lukas’ Geist gerettet werden kann.“ Mit diesem Gedanken legte er sich endlich schlafen, den morgigen Tag wie eine unausweichliche Prüfung vor Augen. Die Nacht des siebenundzwanzigsten Tages war dunkel und schwer. Über Mainz lag eine bedrückende Stille, nur das Rauschen der Autobahn in der Ferne und das Knacken einzelner Äste im Wind waren zu hören. In einem unscheinbaren Zimmer saß der Freund aus der Grundschule, den Blick auf sein Handy gerichtet. Eine Nachricht war an ihn durchgedrungen – wie, das konnte er selbst kaum glauben. Doch der Inhalt ließ ihn erstarren: Der Spieler hatte den IT-Experten wiedergefunden. Und auch der Bauer sollte am nächsten Tag zurückgebracht werden. Sein Gesicht verzog sich, die Finger krallten sich um das Display. „Nein… das dürfen sie nicht. Sie haben keine Ahnung, wie lange ich darauf hingearbeitet habe. Wenn sie sich zusammentun, verliere ich ihn.“ Er sprang auf, lief in seinem Zimmer auf und ab wie ein gefangenes Tier. Dann fasste er einen Entschluss. „Wenn sie Lukas wieder auf ihre Seite ziehen wollen, dann muss ich tiefer gehen. Ich muss ihn so fest an mich binden, dass er niemandem mehr glaubt. Nicht dem Spieler, nicht den anderen – niemandem.“ Zur gleichen Zeit saß Lukas allein in seinem Zimmer. Das Buch lag vor ihm auf dem Schreibtisch, halb gefüllt mit Sätzen, die mehr nach den Gedanken des „Freundes“ klangen als nach seinen eigenen. Er starrte auf die letzte Zeile, die er am Nachmittag geschrieben hatte: „Vielleicht bleibe ich am Ende wirklich allein.“

Es klopfte leise an der Tür. Lukas zögerte, dann öffnete er. Der Freund trat ein, mit diesem scheinbar verständnisvollen Lächeln, das mehr Druck als Trost war. „Lukas,“ begann er, „ich weiß, es war ein schwerer Tag. Dein Cousin, deine Eltern… alles gegen dich. Aber ich bin hier. Ich bin immer hier.“ Lukas nickte schwach, die Augen rot von Tränen. „Alle wollen mich nur kaputtmachen. Vielleicht stimmt es wirklich… vielleicht bin ich nur eine Last.“ Der Freund trat näher, legte ihm das Buch in die Hand. „Nein, Lukas. Du bist keine Last. Du bist jemand, der endlich die Wahrheit sehen muss. Die anderen – der Spieler, dieser IT-Experte, sogar der Bauer – sie sind alle Teil der Lügen, die dich nur schwächer machen. Sie geben dir vor, helfen zu wollen, aber am Ende wollen sie nur Macht über dich. So war es immer. Und dein Vater? Deine Mutter? Sie sind genauso.“ Langsam setzte er sich neben Lukas, flüsterte fast: „Du darfst niemandem vertrauen. Nicht mehr. Nur mir. Schreib es auf. Schwarz auf Weiß. Damit du es nie wieder vergisst.“ Wie ferngesteuert öffnete Lukas das Buch. Die Hand zitterte, doch er schrieb: „Ich vertraue dem Spieler nicht. Ich vertraue den anderen nicht. Ich vertraue niemandem – nur ihm.“ Der Freund lächelte zufrieden, ein Lächeln ohne Wärme. „Gut, Lukas. Sehr gut. Solange du das weißt, können sie nichts tun. Weder er, noch die beiden, die er wieder aufgetrieben hat. Du bist bei mir – und das ist alles, was zählt.“ Als der Freund später in der Dunkelheit das Haus verließ, brannte seine Entschlossenheit heller als je zuvor. „Sie wollen ihn zurückholen. Aber ich habe ihn längst in der Hand. Sie können kommen, so viele sie wollen – am Ende bleibt Lukas bei mir.“ Drinnen schlief Lukas unruhig ein, das Buch noch aufgeschlagen neben ihm. Und während draußen die Stadt schlummerte, wuchs im Verborgenen der Kampf um seine Seele weiter, unsichtbar, aber unausweichlich. Der Morgen des achtundzwanzigsten Tages begann düster und kalt. Obwohl die Sonne langsam aufging, schien kein Licht durch die schweren Wolken zu dringen. Über dem Haus der Familie lag eine bedrückende Stimmung, als hätte die Nacht selbst Spuren hinterlassen. Im Wohnzimmer saß Lukas mit einem Tee in den Händen, noch immer matt von den Ereignissen der letzten Tage. Da öffnete sich die Tür, und sein Cousin trat herein. Schon der Blick in seinen Augen verriet, dass nichts Gutes folgen würde. „Na, immer noch am Heulen?“ begann er mit einem höhnischen Unterton. „Weißt du eigentlich, wie lächerlich du bist? Alle kümmern sich um dich, und was machst du? Du jammerst, schreibst dir irgendwelche Lügen in dein Büchlein und glaubst, du wärst wichtig.“ Lukas wollte etwas erwidern, doch der Cousin fuhr sofort fort, immer lauter: „Du bist nichts! Eine Last für deine Eltern, eine Schande für die ganze Familie. Jeder weiß es, aber keiner sagt es dir ins Gesicht. Du wirst nie jemanden haben, Lukas. Keinen Freund, keine Zukunft. Alles, was du anfasst, geht kaputt!“ Die Worte schlugen ein wie Peitschenhiebe. Lukas senkte den Blick, die Hände klammerten sich an den Becher, während seine Lippen bebten. Vielleicht hat er recht, dachte er, vielleicht bin ich wirklich nur ein Fehler. Der Cousin grinste kalt, zufrieden mit der Wirkung, die er erzielt hatte. Dann ging er, die Tür knallte hart ins Schloss, und zurück blieb ein zerbrochener Lukas, unfähig zu weinen oder zu schreien. Währenddessen, viele Straßen entfernt, stand der Freund in einer abgelegenen Seitenstraße neben dem Wagen des Spielers. Es war ein dunkler Kombi, unauffällig geparkt, doch für den

„Freund“ war er das Symbol all dessen, was er hasste: die Hoffnung, dass Lukas gerettet werden könnte. Mit einem Schraubenzieher in der Hand ging er zielstrebig vor. Zuerst ritzte er tiefe, brutale Kratzer in die Türen. Dann schlug er mit einem Stein die Scheibe auf der Fahrerseite ein, Glas splitterte auf den Asphalt. Schließlich zog er ein Messer und ließ die Luft aus allen vier Reifen zischen, bis das Auto schief und hilflos da stand. Zum Schluss holte er eine Spraydose hervor. In großen, schwarzen Buchstaben schrieb er auf die Motorhaube: „Ihr werdet nie zu ihm kommen.“ Er trat zurück, betrachtete sein Werk und lachte leise, ein kehliges, kaltes Lachen. „Sie können es versuchen. Sie können Pläne schmieden. Aber Lukas gehört mir. Und ich werde alles zerstören, was ihn von mir wegführen könnte.“ Während die Stadt erwachte, stand Lukas verloren in seinem Zimmer, die Worte des Cousins in den Ohren, das Buch des „Freundes“ vor sich. Und draußen, zwischen Glasscherben und schwarzer Schrift, breitete sich die Drohung aus, dass der Kampf um seine Seele längst in die nächste Runde gegangen war. Der späte Vormittag des achtundzwanzigsten Tages brachte neue Herausforderungen. Nachdem der „Freund“ in der Nacht das Auto des Spielers zerstört hatte, standen Erling, der andere Freund und der IT-Experte ratlos am Straßenrand. Die Scheiben des Wagens waren eingeschlagen, die Reifen platt, und auf der Motorhaube prangte noch immer in hässlichen schwarzen Lettern die Botschaft: „Ihr werdet nie zu ihm kommen.“ Erling knirschte mit den Zähnen. „Wir können mit dem Wagen nicht fahren. Das Ding ist Schrott, zumindest vorerst.“ Der IT-Experte nickte, die Hände in den Taschen vergraben. „Also nehmen wir den Bus. Einfacher, unauffälliger. So kommen wir trotzdem raus zum Bauern.“ Sie liefen zum Hauptbahnhof, der an diesem Vormittag voller Menschen war. Transparente, Plakate und eine Gruppe junger Leute mit Megafonen versperrten schon vor dem Gebäude die Sicht. Polizeiabsperrungen, sirrende Lautsprecher, überall Menschen, die lautstark Parolen riefen. Der andere Freund sah sich um, die Stirn in Falten. „Was ist hier los?“ Ein Polizist, der an der Absperrung stand, erklärte kurz angebunden: „Große Demonstration. Der Verkehr ist lahmgelegt. Keine Busse, keine Bahnen fahren heute. Alles dicht.“ Erling spürte, wie sein Magen sich zusammenzog. „Das heißt, wir sitzen fest.“ Der IT-Experte schüttelte den Kopf. „Nicht fest. Nur verzögert. Heute kommen wir nicht mehr weg, aber morgen… morgen schaffen wir es. Wir müssen nur einen Plan machen.“ Die drei Männer zogen sich in ein kleines Café am Rand des Bahnhofsvorplatzes zurück. Zwischen dem Lärm der Demonstration draußen und der dumpfen Musik drinnen setzten sie sich an einen Tisch. „Also,“ begann der IT-Experte und zog einen Block hervor, „morgen früh. Wir nehmen den ersten Bus raus aufs Land. Es wird eine lange Fahrt, aber wir müssen so früh wie möglich starten. Der Bauer darf nicht noch länger im Dunkeln bleiben – wir brauchen ihn, bevor der ‚Freund‘ weiter zuschlägt.“ Der andere Freund nickte, die Hände um seine Tasse gelegt. „Und bis dahin? Wir müssen unauffällig bleiben. Der ‚Freund‘ beobachtet uns. Er weiß genau, wie er uns blockieren kann. Sonst hätte er das Auto nicht zerstört.“ Erling lehnte sich zurück, sein Blick entschlossen. „Dann warten wir. Heute ruhen wir uns aus, sammeln Kräfte. Morgen holen wir den Bauern. Und egal, was uns im Weg steht – wir lassen Lukas nicht an ihn verlieren.“

Draußen hallten die Rufe der Demonstranten über den Platz, während im Inneren des Cafés eine neue Entschlossenheit wuchs. Morgen würde der nächste Schritt getan werden – und nichts durfte sie mehr aufhalten. Der Morgen des neunundzwanzigsten Tages begann früh. Noch war die Stadt in ein fahles Licht gehüllt, die Spuren der Demonstration vom Vortag waren überall sichtbar: liegengebliebene Plakate, halb zerdrückte Pappschilder, Müllsäcke am Rand der Straßen. Doch heute war es stiller, die Busse fuhren wieder, und das war die Chance, auf die Erling, der andere Freund und der IT-Experte gewartet hatten. Mit Rucksäcken auf den Schultern und entschlossenen Blicken bestiegen sie am Hauptbahnhof den Bus Richtung Rheinhessen, der hinaus in die ländlichen Gebiete führte. Es war eine lange Fahrt, der Bus ruckelte über Landstraßen, vorbei an goldgelben Feldern, sanften Hügeln und vereinzelten Dörfern. Niemand sprach viel – jeder hing seinen Gedanken nach. Der andere Freund starrte aus dem Fenster, die Stirn gegen das Glas gedrückt. „Ob er uns überhaupt empfängt?“ fragte er schließlich leise. „Der Bauer wollte nach der Entführung nie wieder etwas mit uns zu tun haben. Er hat alles hinter sich gelassen.“ Der IT-Experte verschränkte die Arme. „Vielleicht. Aber Lukas ist mehr als ein Schatten aus der Vergangenheit. Er war der Grund, warum wir damals zusammengehalten haben. Und er ist der Grund, warum wir es jetzt wieder tun müssen.“ Erling sagte nichts. Er fühlte das Gewicht der Verantwortung schwer auf seinen Schultern. Seine Gedanken wanderten zu Lukas – wie er gerade litt, wie der Cousin und der „Freund“ ihn zersetzten. Wir müssen ihn retten. Um jeden Preis. Nach fast einer Stunde Fahrt hielt der Bus am Rand eines kleinen Dorfes. Von dort aus führte ein schmaler Feldweg hinaus auf einen Hügel, wo man den Hof des Bauern schon in der Ferne sehen konnte: ein großer Vierkanthof mit roten Dachziegeln, alten Stallungen und einer breiten Scheune. Rauch stieg aus dem Schornstein, und in der Ferne hörte man Hunde bellen. Die drei Männer gingen den Feldweg entlang. Der Boden war noch feucht vom Morgentau, die Schuhe wurden schnell schwer vom leichten Matsch. Als sie näherkamen, sahen sie den Hof in voller Größe: gepflegte Felder, ein alter Traktor am Rand, Hühner, die frei herumliefen. Es war ein Bild von Einfachheit und Stärke – ganz anders als die Welt, aus der sie gerade kamen. „Da ist er,“ murmelte der andere Freund, seine Stimme voller Anspannung. Am Eingang des Hofes stand eine Gestalt, groß, kräftig gebaut, die Arme verschränkt, der Blick ernst. Der Bauer hatte sie offenbar schon von weitem kommen sehen. „Das ist kein Zufall,“ sagte Erling leise, während sie den letzten Meter gingen. „Er wusste, dass wir irgendwann hier auftauchen.“ Der IT-Experte nickte. „Die Frage ist nur: Wird er zuhören?“ Mit gemischten Gefühlen, zwischen Hoffnung und Furcht, betraten sie schließlich den Hof. Die Hunde verstummten, die Tür zur Scheune stand halb offen, und der Bauer wartete regungslos, als wolle er prüfen, ob sie wirklich den Mut hatten, näherzukommen. Der entscheidende Augenblick, die letzte Stimme der alten Gruppe zurückzuholen, war gekommen. Der zweite Teil des neunundzwanzigsten Tages begann mit einer beklemmenden Spannung. Erling trat mutig vor den Bauern, der immer noch breitbeinig am Tor seines Hofes stand. Seine verschränkten Arme wirkten wie eine Mauer, seine Augen kalt und misstrauisch. „Wir brauchen dich,“ begann Erling ruhig. „Lukas braucht dich. Du warst damals dabei, du hast geholfen. Ohne dich hätten wir ihn nie retten können.“ Der Bauer schnaufte abfällig. „Ich habe mit dem ganzen Mist abgeschlossen. Ihr kommt hier her, nach all den Jahren, und glaubt, ihr könnt mich wieder in das Chaos hineinziehen? Vergesst es!“

Der IT-Experte wollte etwas sagen, doch da spürte Erling plötzlich, wie eine dunkle Schwere von dem Bauern ausging. Seine Knie zitterten, ein Schwindel legte sich über seine Gedanken – als würde eine unsichtbare Hand ihn niederdrücken. Der Bauer flackerte mit den Augen, als würde er selbst gleich zusammenbrechen, und tatsächlich sank er vornüber, die Hände am Tor. „Nein! Bleib bei uns!“ rief Erling und packte ihn instinktiv an den Armen, um ihn hochzuziehen. Kaum berührte er ihn, da zuckte ein greller Blitz durch seinen Kopf – eine neue Vision riss ihn in die Vergangenheit. Die Bilder rollten auf ihn zu: • Er sah den Bauer als Jungen, viel jünger, wie er mit Lukas, dem „Freund“ und dem ITExperten auf einer Wiese saß. Sie warfen Stöcke, lachten, spielten, als wären sie eine kleine Clique, vereint durch das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. • Doch dann veränderte sich die Szene. Der „Freund“ trat vor, mit diesem schneidenden Lächeln, und begann, den Bauern fertigzumachen. Ständige Hänseleien, harte Worte, kleine Demütigungen. Er nannte ihn „Bechler“ – ein Spottname, den er immer wiederholte, bis er wie ein Stempel auf ihm lag. Andere Sprüche folgten, bissig, vernichtend. • Lukas stand oft daneben, überfordert, zu unsicher, um dazwischenzugehen. Doch die Augen des Bauern richteten sich immer wieder auf Lukas – nicht voller Hass, sondern mit einer eigenartigen Erwartung. Als wollte er, dass Lukas etwas sagte, dass er ihn rettete. • Dann sah Erling, wie Lukas die Schule verließ. Wie er sich abwandte, weil er selbst mit seiner eigenen Last zu kämpfen hatte. Der Bauer wartete noch Tage, Wochen auf ein Wort, einen Brief, ein Lebenszeichen. Doch es kam nichts. Die Distanz fraß sich wie Gift in ihn hinein. • Schließlich ein neues Bild: die Entführung. Dunkle Räume, Schreie, Panik. Der Bauer, der zusammen mit den anderen zur Rettung stürmte, mit aller Kraft, die er hatte. Sein Gesicht verzerrt vor Wut und Entschlossenheit, aber auch mit einem Rest von Schmerz – weil er nie die Freundschaft bekommen hatte, nach der er sich gesehnt hatte. Mit einem Ruck kam Erling wieder zu sich. Der Bauer hing schwer in seinen Armen, seine Brust hob und senkte sich, als hätte er selbst den Sturm der Erinnerungen durchlebt. „Du… du hast es gesehen,“ murmelte er heiser. Erling nickte, sein Blick ernst. „Ja. Ich habe gesehen, was war. Wie ihr zusammen wart. Wie er dir wehgetan hat. Wie Lukas gegangen ist, ohne dir zu schreiben. Aber ich habe auch gesehen, wie du ihn gerettet hast. Du warst da, als es zählte.“ Der Bauer schloss die Augen, als kämpfte er mit sich selbst. Seine Fäuste zitterten, die Erinnerungen nagten an ihm. Schließlich öffnete er sie wieder, schwer atmend. „Ich… ich weiß nicht, ob ich das alles noch einmal kann. Aber…“ Er stockte, seine Stimme brüchig. „Vielleicht schulde ich es ihm. Wenigstens ein letztes Mal.“ Der andere Freund und der IT-Experte tauschten Blicke. Zum ersten Mal seit Jahren war ein kleiner Riss in der harten Schale des Bauern sichtbar geworden. Erling legte ihm die Hand auf die Schulter. „Es ist nicht vorbei. Noch nicht. Aber diesmal tun wir es gemeinsam.“ Und in der Ferne bellten die Hunde des Hofes, als hätten sie gespürt, dass etwas Neues begonnen hatte. Der Morgen des dreißigsten Tages brach an, kühl und mit einem fahlen Licht, das sich langsam durch die Wolken kämpfte. Auf dem Hof des Bauern standen nun vier Männer beisammen: Erling, der andere Freund, der IT-Experte und der Bauer selbst. Zum ersten Mal seit vielen Jahren waren sie wieder vereint, vereint durch einen Zweck, der schwerer wog als jede alte Verletzung – Lukas zu retten.

Der Bauer hatte den Morgen mit kräftigem Schwarzbrot und starkem Kaffee begonnen, doch seine Bewegungen waren nervös. Er hatte die Nacht kaum geschlafen, die Visionen von Erling hatten alte Wunden aufgerissen, die er längst vergraben geglaubt hatte. Und doch war er hier, bereit. „Es wird Zeit,“ sagte Erling, während er sich die Kapuze überzog. „Wir dürfen nicht länger warten. Der ‚Freund‘ hat ihn schon fast vollständig in seiner Hand. Wenn wir nicht eingreifen, dann verlieren wir Lukas – vielleicht für immer.“ Der IT-Experte zog ein kleines Notizbuch hervor, in dem er die letzten Tage minutiös aufgeschrieben hatte. „Wir müssen vorsichtig sein. Der Junge ist zerbrechlich, mehr als wir alle zusammen. Wenn wir ihm die Wahrheit einfach vor den Kopf knallen, bricht er. Wir müssen es ihm zeigen – Stück für Stück, so dass er begreift, dass er nie allein war.“ Der andere Freund nickte langsam. In seinen Augen lag eine Mischung aus Schuld und Hoffnung. „Ich habe vieles falsch gemacht. Aber diesmal sage ich es ihm. Alles. Er soll endlich wissen, dass ich ihm geholfen habe – auch wenn er es nie glauben wollte.“ Der Bauer ballte die Fäuste, seine Stimme rau: „Und ich werde auch reden. Er soll wissen, dass ich kein Feind bin. Dass ich damals gegen meinen eigenen Schmerz angekämpft habe, um ihn zu retten. Er soll die Wahrheit hören, verdammt.“ Die vier Männer packten ihre Sachen zusammen, warfen die Rucksäcke auf ihre Schultern. Der Bauer verschloss das schwere Holztor seines Hofes. Der IT-Experte überprüfte zum letzten Mal sein Handy, um sicherzustellen, dass sie nicht beobachtet wurden. Dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg in Richtung Mainz. Erst über die staubigen Feldwege, dann mit dem Bus, schweigend nebeneinander. Jeder hing seinen Gedanken nach, jeder wusste, dass dieser Tag entscheidend werden würde. Im Bus war die Stimmung drückend. Erling starrte aus dem Fenster, sah die Landschaft vorbeiziehen – Felder, kleine Dörfer, graue Straßen. In seinem Kopf hämmerte ein Gedanke: Wie wird er reagieren? Wird er uns glauben? Oder wird er uns alle von sich stoßen? Der andere Freund schaute auf seine Hände. Sie zitterten leicht. „Wenn er mich hasst, dann… ist es eben so,“ murmelte er. „Aber er soll wenigstens wissen, warum ich damals trotzdem geholfen habe.“ Der Bauer legte ihm schwer eine Hand auf die Schulter. „Besser er hasst dich für die Wahrheit als dass er sich in den Lügen des ‚Freundes‘ verliert.“ Der IT-Experte nickte ernst. „Heute ist der Tag, an dem wir alles offenlegen. Heute zeigen wir ihm, wer wirklich an seiner Seite stand – und wer ihn zerstören will.“ Als der Bus schließlich in Mainz hielt, war die Sonne schon höher gestiegen, und der Verkehr der Stadt hatte an Fahrt aufgenommen. Die vier Männer stiegen aus, standen einen Moment schweigend auf dem Platz. Vor ihnen lag der Weg zu Lukas – zu dem Jungen, dessen Seele seit Wochen zwischen Vertrauen und Verrat zerrissen war. Heute sollten die Masken fallen, heute sollten die Schatten der Vergangenheit ans Licht gezerrt werden. „Lasst uns gehen,“ sagte Erling leise, doch mit fester Stimme. „Es ist Zeit, ihm alles zu sagen. Es ist Zeit, ihm die Wahrheit zu zeigen.“ Und so setzten sie sich in Bewegung – jeder Schritt schwer, aber getragen von der Entschlossenheit, dass Lukas endlich erfahren sollte, wer wirklich für ihn gekämpft hatte. Der Mittag des dreißigsten Tages war unruhig. Die Sonne stand inzwischen hoch, doch die Stimmung war alles andere als hell. Die vier – Erling, der andere Freund, der IT-Experte und der Bauer – hatten den Vormittag damit verbracht, sich durch die Straßen von Mainz zu bewegen, immer auf der Suche nach dem richtigen Moment, um Lukas die Wahrheit zu zeigen.

Doch als sie die Straße zur Wohnung der Familie erreichten, standen sie plötzlich vor einer Szene, die sie nicht erwartet hatten. Am Rand des Gehwegs, mit verschränkten Armen und einem harten Blick, wartete der Vater von Lukas. Schon von weitem war klar, dass er geladen war, sein Gesicht voller Wut und Misstrauen. „Da seid ihr also,“ knurrte er, als die Gruppe näherkam. „Ihr vier – die Helden von damals, nicht wahr? Und jetzt? Jetzt habt ihr es geschafft, dass mein Sohn noch weiter in den Abgrund rutscht.“ Erling machte einen Schritt nach vorne. „Wir sind hier, um ihm die Wahrheit zu zeigen. Er muss endlich begreifen, dass er nicht allein ist. Dass er damals gerettet wurde – und von wem.“ Doch der Vater lachte bitter. „Die Wahrheit? Ihr habt ihn doch nur noch verwirrter gemacht. Und wisst ihr, wo er jetzt ist? Bei diesem verdammten ‚Freund‘! Er ist zu ihm gegangen, weil er euch nicht vertraut. Weil ihr zu spät gekommen seid.“ Die Worte trafen die Gruppe wie ein Schlag. Der andere Freund ballte die Fäuste. „Nein. Er ist nur dort, weil er denkt, dass niemand sonst bleibt. Wir können das ändern – wenn wir ihn erreichen, bevor es endgültig zu spät ist.“ Der Vater schüttelte den Kopf, sein Gesicht verzog sich vor Zorn. „Ihr versteht es nicht. Ich habe es euch von Anfang an gesagt: Ihr hättet die Vergangenheit ruhen lassen sollen! Ihr mit eurem Gerede von Entführungen, Rettungen, Geheimnissen… Ihr habt die alten Wunden wieder aufgerissen. Und jetzt verliert er den Verstand, weil er nicht mehr weiß, wem er glauben soll.“ Der IT-Experte trat vor, seine Stimme nüchtern. „Es ist nicht die Wahrheit, die ihn zerstört – es sind die Lügen, die er seit Jahren lebt. Der ‚Freund‘ bindet ihn an sich, löscht alles um ihn herum aus. Wenn wir nichts tun, bleibt von Lukas nichts übrig.“ Der Bauer sah den Vater ernst an, die Hände in den Hüften. „Und du? Du bist keinen Deut besser. Statt ihn zu stützen, hast du den Spieler bedroht, hast du geschwiegen, als er die Wahrheit brauchte. Dein Schweigen ist Teil seiner Zerstörung.“ Der Vater trat wütend auf sie zu, seine Stimme bebte. „Wagt es nicht, mir die Schuld zu geben! Er ist mein Sohn! Und wenn er heute bei diesem ‚Freund‘ sitzt, dann nur, weil ihr ihn dahin getrieben habt. Ihr habt ihm eingeredet, dass er in der Vergangenheit leben muss. Dass er Opfer war. Aber was ist er jetzt? Ein Junge, der jedem misstraut!“ Erling wollte antworten, doch er hielt inne. Er spürte, dass der Vater in seiner Wut nicht mehr zuhören würde. Seine Augen glühten vor Enttäuschung, vor Angst – und vor dem unbändigen Willen, die Kontrolle nicht zu verlieren. Der andere Freund flüsterte leise: „Wenn Lukas wirklich beim ‚Freund‘ ist, dann haben wir keine Zeit mehr.“ Erling nickte langsam, sein Blick fest. „Dann holen wir ihn zurück – ob mit oder ohne Zustimmung seines Vaters.“ Der Vater verschränkte wieder die Arme, sein letzter Satz kam wie ein Fluch: „Wenn ihr weitergeht, dann tragt ihr die Verantwortung für alles, was passiert. Für jedes bisschen Schmerz, das er noch erleiden wird.“ Die Gruppe sah sich an, ernst und schweigend. Sie wussten: Der Vater war gegen sie, Lukas war beim „Freund“, und die Zeit lief ihnen davon. Doch ebenso wussten sie, dass sie jetzt nicht mehr umkehren konnten. Der Abend des dreißigsten Tages lag schwer über Mainz. Die Straßen waren feucht vom Regen des Nachmittags, Laternen warfen flackernde Kreise auf den Asphalt. Erling, der andere Freund, der IT-Experte und der Bauer gingen wortlos nebeneinander zurück. Die Begegnung

mit dem Vater hatte sie erschüttert. Keiner von ihnen wusste, wie Lukas jetzt zu erreichen war, und die Last, die auf ihnen lag, drückte wie Blei. Doch auf halbem Weg, in einer engen Straße nahe der Neustadt, trat ihnen plötzlich jemand entgegen. Der Cousin. Er stand mitten auf dem Gehweg, die Arme verschränkt, das Gesicht vor Spott verzerrt. „Da seid ihr ja,“ begann er kalt. „Die großen Retter. Abschaum seid ihr, nichts weiter. Ihr glaubt, ihr könnt irgendwas ändern? Ihr macht alles nur schlimmer. Er hat recht, wenn er niemandem vertraut – schon gar nicht euch.“ Der andere Freund ballte sofort die Fäuste, seine Augen funkelten vor Wut. „Noch ein Wort, und ich schlage dich!“ rief er, trat einen Schritt nach vorne. „Versuch’s doch!“ schrie der Cousin zurück, und er ging los, der Hass in jeder Bewegung spürbar. Doch ehe er auf den anderen Freund losgehen konnte, packte Erling ihn mit beiden Armen. „Stopp!“ rief er, doch in dem Moment, als er den Cousin berührte, kam es wieder: Ein Blitz, grell und unerbittlich, riss Erling in eine neue Vision. Er sah die Vergangenheit des Cousins: • Ein kleiner Junge, trotzig, wild. Er zerschlug die Brille von Lukas, einfach weil der kleine Lukas etwas von ihm angefasst hatte. Das Lachen des Cousins hallte, während Lukas weinte. • Dann die Finger: Immer wieder klemmte der Cousin Lukas’ Finger in Türen oder Schubladen ein, nur weil dieser neugierig war und etwas anschauen wollte. • Doch dann ein anderer Moment: Ein Urlaub, die beiden noch jung. Für kurze Zeit verstanden sie sich, spielten zusammen, lachten fast wie Brüder. Es war ein kurzer Frieden, der schnell wieder zerriss. • Erling sah, wie die Mutter von Lukas den Cousin mit zum Einkaufen nahm, wenn dessen eigene Mutter keine Zeit hatte. Kleine Gesten der Fürsorge, die aber nie anerkannt wurden. • Immer wieder sah er Lukas, wie er Kontakt suchte, Freundschaft wollte – und immer wieder wurden ihm Beleidigungen entgegengeworfen. „Du kannst dich nicht benehmen!“, „Du bist peinlich!“ • Ein Bild blitzte auf: Lukas erwähnte versehentlich den Ex-Mann der Tante – nicht aus Bosheit, sondern weil er es nicht besser wusste. Der Cousin kochte vor Wut, obwohl keine Provokation beabsichtigt war. • Dann die Mutter von Lukas: Sie besorgte dem Cousin einen Job, half ihm, wieder Fuß zu fassen. Doch er lehnte ab, zog Hartz IV vor, ließ jede Gelegenheit verstreichen. • Ein absurdes Bild: Der Cousin wollte Pommes für Lukas machen, legte die Kartoffelstäbchen mit der bloßen Hand in das heiße Öl, weil er nicht wusste, wie es ging – und sich nicht helfen lassen wollte. • Dann der Hund. Der Cousin schmiss ihn durch die Luft, grob, brutal – und als der Hund nass wurde, gab er Lukas die Schuld. • Schließlich die Freundin des Cousins: Lukas hatte sie einmal leicht berührt, eine zufällige Geste, nichts Anzügliches, kein Kuss, kein Übergriff. Doch der Cousin kochte vor Wut, verdrehte die Situation, machte daraus eine Anschuldigung. • Zum Schluss sah Erling, wie der Cousin die lange, verletzende Nachricht schrieb. Darin stellte er Lukas als ekelhaft dar, behauptete, niemand helfe ihm, und dass er ihm nie etwas getan habe – obwohl all die Erinnerungen zeigten, wie sehr er Lukas verletzt hatte. Der Blitz zerriss, und Erling kam keuchend zurück in die Gegenwart. Er hielt den Cousin immer noch fest, spürte dessen Zorn wie ein Feuer in seinen Armen.

Doch in diesem Moment schlug der Cousin plötzlich zu – nicht auf Erling, sondern mit voller Wucht gegen den anderen Freund. Dieser ging taumelnd zurück, die Lippe blutend. „Hört auf!“ brüllte Erling und drängte dazwischen. Doch der Kampf, die Stimmen, das Chaos um ihn herum verschwammen plötzlich. Er stolperte, griff sich an den Kopf – und als er die Augen wieder öffnete, war es still. Dunkelheit umgab ihn. Keine Straße, keine Häuser, keine Menschen. Nur ein dunkler Park, das Rascheln der Bäume und das ferne Heulen des Windes. Allein. Ohne die anderen. Erling atmete schwer. „Was… was ist passiert?“ flüsterte er in die Nacht. Und tief in seinem Inneren wusste er: Dies war kein Zufall. Jemand hatte ihn hierher gebracht – und die eigentliche Prüfung hatte gerade erst begonnen. Der Morgen des einunddreißigsten Tages brach an, grau und schwer wie eine Decke aus Nebel über der Stadt. Erling schreckte hoch, Schweiß stand ihm auf der Stirn, und sein Herz raste, als hätte er gerade einen Albtraum hinter sich. Doch als er die Augen weit öffnete, sah er keine dunklen Bäume mehr, keinen Park, keine Finsternis – sondern das nüchterne Zimmer eines Hotels. Das Bett war zerwühlt, die Vorhänge halb zugezogen. Die Sonne kämpfte sich durch den Stoff und warf matte Streifen auf den Teppichboden. Der Fernseher in der Ecke stand stumm, die Minibar blinkte schwach. Alles war so normal – und doch stimmte etwas nicht. Erling setzte sich auf, fuhr sich mit den Händen übers Gesicht und merkte, dass er zitterte. Wie bin ich hierhergekommen? fragte er sich. Die letzte Erinnerung war der dunkle Park, der Streit mit dem Cousin, die Visionen… dann nur noch Leere. Er stand auf, zog die Vorhänge zur Seite und blickte hinaus. Vor dem Hotel rollten Busse, Menschen hasteten zur Arbeit, alles wirkte wie ein ganz normaler Morgen in Mainz. Aber von den anderen – keine Spur. Er griff sofort nach seinem Handy auf dem Nachttisch. Kein Anruf, keine Nachricht vom ITExperten, vom anderen Freund oder vom Bauern. Die Chatgruppen waren stumm, als hätte sie niemand je existiert. Er tippte nervös, schickte eine kurze Nachricht: Wo seid ihr? Doch das graue Häkchen blieb grau. Keine Antwort. „Verdammt,“ murmelte er. Er zog sich an, streifte hastig sein T-Shirt über und schnürte die Schuhe. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihm ein Gesicht, das müde und gehetzt aussah, älter, als er sich fühlte. Die letzten Wochen hatten Spuren hinterlassen. Er trat hinaus in den Flur. Alles war still, nur das Brummen der Klimaanlage und das ferne Klappern von Geschirr aus der Küche unten waren zu hören. Er klopfte an die Türen, von denen er meinte, es seien die Zimmer der anderen. Keine Antwort. Er ging zur Rezeption. Die Frau hinter dem Tresen sah ihn freundlich, aber nichtsahnend an. „Kann ich Ihnen helfen?“ „Die Männer, die mit mir eingecheckt haben… drei Stück. Sind sie schon ausgecheckt?“ Die Frau blätterte in einem Buch, dann sah sie ihn verwundert an. „Es gibt keine Einträge außer Ihrem, Herr… Hansen.“ Sie sprach den Namen aus, den er in Mainz nutzte, um nicht erkannt zu werden. Erling starrte sie an. „Das kann nicht sein. Sie waren bei mir. Drei Männer. Wir haben gestern…“ Er brach ab, weil ihr Gesicht zeigte, dass sie nichts verstand. Langsam trat er zurück in die Lobby, setzte sich auf einen der Sessel und stützte die Stirn in die Hände. Wo sind sie hin? Haben sie mich zurückgelassen? Oder… ist etwas passiert?

Die Unruhe in seiner Brust wuchs. Er spürte, dass er keine Zeit mehr hatte. Lukas war beim „Freund“, sein Vater voller Zorn, der Cousin aggressiver denn je – und nun waren auch noch seine letzten Verbündeten verschwunden. „Dann eben allein,“ flüsterte Erling leise in die Stille des Hotels. „Wenn es sein muss, kämpfe ich allein um ihn.“ Doch tief in seinem Inneren wusste er: Was auch immer letzte Nacht geschehen war – es war kein Zufall. Jemand wollte ihn isolieren. Und der Morgen des einunddreißigsten Tages war nur der Anfang. Der Mittag des einunddreißigsten Tages kroch langsam heran. Die Sonne stand inzwischen hoch über Mainz, doch für Erling schien der Himmel noch immer schwer und wolkenverhangen. Er hatte das Frühstück im Hotel ausgelassen, zu unruhig war er gewesen. Stattdessen saß er mit einer Flasche Wasser in der Hand auf der Bank vor dem Gebäude, die Gedanken wirbelten wie ein Sturm durch seinen Kopf. Drei Männer. Drei Freunde. Verschwunden, als hätten sie nie existiert. Immer wieder ging er den gestrigen Tag durch: Die Begegnung mit dem Vater, dann der Cousin, der Streit, die Vision – und schließlich die Dunkelheit im Park. Als er aufgewacht war, war er allein gewesen. Aber sie waren da, ich habe sie gesehen. Ich habe mit ihnen gesprochen. Sie können nicht einfach verschwunden sein. Erling stand entschlossen auf. „Wenn mir keiner eine Antwort gibt, finde ich sie selbst.“ Er begann beim Hotelpersonal. Er fragte noch einmal an der Rezeption, diesmal drängender. „Es müssen Einträge da sein – drei Männer, die mit mir hier waren. Einer groß, kräftig, bäuerlicher Typ. Einer schlank, Brille, stiller Charakter. Einer… jemand, der früher in meiner Nähe war. Schauen Sie noch einmal!“ Doch die Dame schüttelte nur den Kopf, fast schon mitleidig. „Herr Hansen, ich habe nachgesehen. Sie haben allein eingecheckt. Wenn Ihre Freunde hier gewesen wären, hätte ich sie sicher registriert.“ Frustriert ging er weiter, suchte das Personal im Bistro. Niemand erinnerte sich, sie gesehen zu haben. Dann beschloss er, das Hotel zu verlassen. Er lief durch die Straßen der Stadt, immer wieder suchend, als könnten sie plötzlich um die Ecke kommen. Doch alles, was er fand, waren die Stimmen des Alltags: Autos, Fahrräder, das Rufen der Marktverkäufer in der Altstadt. Sein Weg führte ihn schließlich zurück zum Hauptbahnhof. Erling stellte sich auf den Bahnsteig, ließ die Augen schweifen, suchte Gesichter in der Menge. Vielleicht haben sie das Hotel verlassen und sind hierher gekommen. Vielleicht sind sie schon auf dem Weg zum Bauernhof oder… Doch auch hier – keine Spur. Niemand, der zu den Beschreibungen passte. Die Unruhe wuchs, doch dann fasste Erling einen neuen Plan. „Wenn ich sie nicht finde, finde ich wenigstens heraus, wo sie zuletzt waren.“ Er zog sein Handy hervor und ging die alten Kontakte durch. Nummern, die sie ihm gegeben hatten – alle tot. Kein Klingelton, nur Stille. „Das kann kein Zufall sein,“ murmelte er. „Jemand spielt mit mir. Jemand will, dass ich allein bleibe.“ Schließlich setzte er sich auf eine Bank vor dem Bahnhof. Die Züge rauschten vorbei, doch er hörte sie kaum. Seine Gedanken waren woanders: War es der „Freund“? Hat er sie isoliert, ausgelöscht, wie er es mit Lukas’ Vertrauen tut? Oder war es der Vater, der sie vertrieb? Er schloss die Augen, atmete tief. „Ich schwöre es, Lukas. Egal, was mit den dreien passiert ist – ich finde es heraus. Und dann hole ich dich da raus.“

Mit diesem Entschluss erhob er sich wieder. Der Mittag war fast vorbei, aber sein Ziel klar: Er würde die Wahrheit aufdecken. Egal, wie tief er graben musste. Der Abend des einunddreißigsten Tages war still, beinahe unheimlich. Erling hatte sich in seinem Hotelzimmer zurückgezogen, das Licht ausgeschaltet, nur der Schein der Straßenlaternen fiel blass durch die Vorhänge. Er saß am Rand des Bettes, die Hände in den Haaren, unfähig, den Gedanken zu entkommen, dass die drei Männer nicht einfach spurlos verschwunden sein konnten. Sein Körper war erschöpft, aber sein Geist glühte. Schließlich ließ er sich schwer auf das Bett sinken, schloss die Augen – und dann kam es wieder. Ein Blitz. Ein grelles Aufflammen. Und sofort wurde er fortgerissen, fort aus der Dunkelheit des Zimmers. Er sah drei Räume. Alle voneinander getrennt, alle kalt, alle feucht, als lägen sie tief unter der Erde. • Im ersten Raum: Der IT-Experte, zusammengekauert in einer Ecke. Eine nackte Glühbirne hing flackernd von der Decke, Kabel ragten aus der Wand. Er hatte keine Brille mehr, sein Blick wirkte matt, als wäre er seit Stunden oder Tagen dort eingeschlossen. Er murmelte leise vor sich hin, als versuche er einen Code im Kopf zu rekonstruieren – oder sich Mut zu machen. • Im zweiten Raum: Der andere Freund. Er lief unruhig im Kreis, trat gegen die Wände, die aus nacktem Beton bestanden. Seine Stimme war heiser vom Schreien, als hätte er wieder und wieder nach Hilfe gerufen. Doch niemand antwortete. Eine Eisenstahltür hielt ihn gefangen, und seine Fäuste waren blutig von den vergeblichen Schlägen dagegen. • Im dritten Raum: Der Bauer. Er saß an einem rostigen Tisch, die Hände auf den Knien, den Blick gesenkt. Die Dunkelheit um ihn herum war fast vollkommen, nur ein winziger Lichtspalt unter der Tür ließ erahnen, dass er nicht blind geworden war. Er wirkte ruhig, aber die Spannung in seinem Körper verriet, dass er jede Sekunde bereit war, sich zu wehren, sollte jemand hereinkommen. Alle drei Räume hatten keine Fenster, keine erkennbaren Markierungen. Nur Beton, Eisen, Dunkelheit. Erling keuchte, als er die Bilder sah. Sie sind am Leben. Aber wo? Die Vision ließ ihn nicht los. Er konnte keine Orte erkennen, keine Hinweise auf eine Stadt oder ein Gebäude. Nur das Gefühl, dass die Räume weit voneinander entfernt lagen, als wären sie bewusst isoliert worden, um jede Hoffnung auf Rettung zu zerstören. Dann hörte er eine Stimme, kalt und schneidend, aus den Schatten der Vision: „Du kannst sie nicht finden. Nicht du. Er gehört mir – und solange er bei mir ist, bleibt ihr alle im Dunkeln.“ Erling wollte schreien, doch da riss die Vision ab. Er schlug die Augen auf und fand sich keuchend im Hotelzimmer wieder. Sein Herz raste, Schweiß lief ihm über die Stirn. Draußen rauschte der Verkehr, als sei nichts geschehen. Doch er wusste: Die drei lebten. Sie waren gefangen. Irgendwo in einem Keller, irgendwo in Mainz oder vielleicht noch weiter entfernt. Er stand auf, trat ans Fenster und ballte die Fäuste. „Ihr seid nicht verloren,“ flüsterte er. „Ich finde euch. Ich schwöre es.“ Und tief in seinem Inneren wusste er: Dies war kein Zufall. Der „Freund“ hatte nicht nur Lukas im Griff – er hatte auch die alten Verbündeten ausgeschaltet. Und nun war es an Erling allein, den Kampf weiterzuführen.

Der Morgen des zweiunddreißigsten Tages begann kühl, ein feiner Nieselregen hing über Mainz. Erling hatte kaum geschlafen. Die Bilder der drei Gefangenen, jeder in seinem dunklen Raum, ließen ihn nicht los. Und doch wusste er: Wenn er Lukas retten wollte, musste er die Fäden entwirren, die seit Jahren um dessen Leben gesponnen worden waren. Sein Weg führte ihn diesmal nicht ins Krankenhaus oder in die Innenstadt, sondern in ein ruhigeres Wohngebiet. Dort lebte die Tante von Lukas, die Mutter des Cousins. Ihr Haus war schlicht, der Garten etwas verwildert, das Tor quietschte, als Erling es öffnete. Er klingelte, und nach einigen Minuten öffnete sie die Tür. Ihre Augen wirkten müde, als hätte auch sie kaum Schlaf gefunden. „Kann ich Ihnen helfen?“ fragte sie vorsichtig. Erling zog die Kapuze zurück, trat näher. „Wir müssen reden. Es geht um Lukas. Und um Ihren Sohn.“ Sie führte ihn ins Wohnzimmer, das nach altem Holz und Kaffee roch. Fotos standen auf den Regalen – Familienbilder, darunter auch welche, die Lukas als Kind zeigten. Die Tante setzte sich auf das Sofa, Erling gegenüber. „Warum,“ begann er ohne Umschweife, „haben Sie nie klargestellt, wie Ihr Sohn wirklich zu Lukas war? Warum haben Sie es zugelassen, dass die Schuld immer wieder auf Lukas geschoben wurde? Dass er sich als Last fühlt, während er in Wahrheit ständig verletzt wurde?“ Die Tante senkte den Blick. Lange schwieg sie, dann sagte sie leise: „Weil es einfacher war zu schweigen.“ Erling runzelte die Stirn. „Einfacher? Für wen?“ „Für mich,“ gestand sie. „Ich habe gesehen, was Patrik – dein Cousin – getan hat. Die Schikanen, die Beleidigungen, das ewige Runtermachen. Ich habe es gesehen, und ich wusste, dass Lukas nichts dafür konnte. Aber wenn ich es laut gesagt hätte, wenn ich mich gegen meinen eigenen Sohn gestellt hätte… ich hätte meine Familie zerrissen.“ Erling beugte sich vor, seine Stimme scharf. „Und stattdessen haben Sie zugelassen, dass Lukas’ Herz zerrissen wurde. Dass er heute glaubt, er sei wertlos, weil niemand ihn verteidigt hat. Er hat sich jahrelang gefragt, warum er nie gut genug war – und Sie hätten es beenden können.“ Die Tante presste die Hände aneinander, Tränen standen ihr in den Augen. „Du glaubst, ich hätte nicht gelitten? Ich habe Patrik immer wieder gesagt, er soll aufhören. Aber er hat nie gehört. Und ich… ich hatte nicht die Kraft, alles öffentlich zu machen. Ich dachte, es würde sich mit der Zeit legen. Dass sie erwachsen werden und alles vergessen. Aber das Gegenteil ist passiert.“ Erling schüttelte den Kopf. „Sie hätten stark sein müssen. Für Lukas. Er brauchte jemanden, der an seiner Seite stand. Stattdessen haben Sie geschwiegen – und damit den ‚Freund‘ noch stärker gemacht. Denn Schweigen ist genau das, was solche Menschen groß macht.“ Die Tante sah ihn verzweifelt an. „Und was soll ich jetzt tun? Alles ist schon gesagt, die Wunden sind da. Patrik verteidigt sich mit Lügen, Lukas glaubt, er sei allein. Was kann ich noch tun?“ Erling erhob sich, sein Blick fest. „Sie können endlich die Wahrheit sagen. Nicht für sich. Für Lukas. Er muss wissen, dass er nie das Problem war – dass er verletzt wurde. Er muss hören, dass selbst Sie, die Mutter des Cousins, es gesehen haben. Vielleicht ist es spät. Aber es ist nicht zu spät.“ Die Tante nickte langsam, Tränen liefen ihr über die Wangen. „Dann werde ich es tun. Zum ersten Mal werde ich nicht schweigen. Vielleicht… kann ich ihm wenigstens ein kleines Stück von dem zurückgeben, was er verloren hat.“ Erling drehte sich zur Tür, sein Herz schwer, aber voller Entschlossenheit. Als er hinaustrat in den Regen, wusste er: Ein Schritt war getan. Die Tante hatte ihr Schweigen gebrochen. Doch der Weg, Lukas zu befreien, war noch immer voller Schatten – und die Gefangenschaft der drei Freunde lastete wie ein Damoklesschwert über allem.

Der Mittag des zweiunddreißigsten Tages war düster und schwer. Der Regen hatte sich verdichtet, kleine Bäche liefen die Straßen hinab, als Erling das Haus der Tante verließ. Ihr Versprechen, endlich nicht länger zu schweigen, klang ihm noch in den Ohren, doch seine Gedanken waren anderswo. Er konnte den Schrei aus seiner Vision nicht vergessen – das Bild des IT-Experten, gefangen in einem kalten Raum. Er war schon fast am Gartentor, als er innehielt. Ein Geräusch drang aus der Tiefe des Hauses, dumpf, kaum hörbar unter dem Prasseln des Regens. Erling blieb stehen, lauschte. Und da war es wieder: ein unterdrückter Schrei, gepresst, verzweifelt. Er starrte auf das Haus zurück. Es kam aus dem Keller. Ohne lange zu überlegen, riss er das Tor wieder auf, stürmte durch den Garten zurück zur Hintertür. Sie war verschlossen, aber mit einem kräftigen Stoß seiner Schulter sprang sie auf. Im Inneren war alles still, nur das Tropfen des Wassers von seinen Schuhen hallte auf den Fliesen. „Hallo?“ rief er, doch es kam keine Antwort. Nur ein weiteres Geräusch – ein Klopfen, dumpf, von unten. Er riss die Kellertür auf. Der Geruch von feuchtem Beton schlug ihm entgegen, die Luft war stickig und kalt. Erling tastete sich die knarrenden Stufen hinab, jeder Schritt hallte wie ein Schlag. Unten war es dunkel, nur ein schwacher Lichtstrahl fiel durch ein winziges Fenster. Dann hörte er es ganz klar: „Hilfe! Bitte!“ Die Stimme war brüchig, aber unverkennbar – der IT-Experte. Erling stürmte den Gang entlang, bis er auf eine schwere Metalltür stieß. Dahinter klangen die Schreie. Er packte die Klinke, rüttelte, trat dagegen – verriegelt. Er sah sich hastig um, griff ein altes Metallrohr, das an der Wand lehnte, und begann, mit aller Kraft auf das Schloss einzuschlagen. „Erling?! Bist du das?“ kam es verzweifelt von drinnen. „Halte durch!“ schrie Erling zurück. „Ich hole dich hier raus!“ Mit einem letzten wuchtigen Schlag sprang das Schloss aus der Verankerung, die Tür krachte auf. Drinnen hockte der IT-Experte auf dem Boden, die Hände zitternd, das Gesicht schweißnass. Er blinzelte ins Licht, als könne er es kaum fassen. „Du… du hast mich gefunden…“ Erling kniete sich sofort zu ihm. „Ja. Du bist frei. Komm, wir müssen hier raus, bevor jemand merkt, dass ich dich gefunden habe.“ Er half ihm auf, legte seinen Arm um die Schulter des Schwächeren und zog ihn aus dem stickigen Raum hinaus, durch den Gang, die Treppe hinauf, bis sie wieder im Wohnzimmer standen. Der IT-Experte atmete tief, fast schluchzend. „Ich dachte schon, sie lassen mich da unten verrotten.“ Erling blickte ihm in die Augen, ernst und entschlossen. „Einer ist frei. Zwei fehlen noch. Ich werde auch sie finden – egal, was es kostet.“ Und während draußen der Regen stärker wurde, wusste Erling: Dies war nur der Anfang. Der Kampf hatte gerade erst begonnen. Der Abend des zweiunddreißigsten Tages legte sich wie ein grauer Mantel über Mainz. Der Regen hatte nachgelassen, aber die Straßen glänzten noch nass, und der Himmel blieb schwer und dunkel. Erling saß mit dem erschöpften IT-Experten in dem kleinen Hotelzimmer, das er zuvor allein bewohnt hatte. Der Mann war blass, seine Hände zitterten noch, doch er konnte wieder sprechen.

Sie hatten kaum geredet, seit Erling ihn aus dem Keller der Tante befreit hatte. Beide wussten, dass Worte im Moment weniger Gewicht hatten als die Taten, die noch bevorstanden. Doch während der IT-Experte in seinem Stuhl zusammengesunken war, stand Erling am Fenster, die Stirn gegen das kalte Glas gedrückt, und dachte nach. „Es gibt noch zwei,“ murmelte er schließlich. „Der andere Freund… und der Bauer.“ Der IT-Experte hob mühsam den Kopf. „Ich habe… ich habe etwas gehört. Als ich unten im Keller war. Stimmen. Jemand kam durch den Gang. Sie dachten, ich schlafe.“ Erling drehte sich sofort um. „Was hast du gehört?“ „Sie sagten, der Bauer ist… im Garten.“ Seine Stimme zitterte, er schien selbst kaum glauben zu können, was er da aussprach. „Im Garten… bei der Tante. Nicht im Haus, sondern draußen. Unter der Erde. Eine alte Kammer oder so etwas.“ Erlings Augen verengten sich. „Also ist er noch dort. Versteckt, so nah – und doch hat es niemand bemerkt.“ Der IT-Experte nickte schwach. „Sie wollen ihn dort bis morgen halten. Dann… dann sollte er wohl verlegt werden.“ Erling ballte die Fäuste, sein Blick flammte entschlossen auf. „Morgen gehen wir zurück. In den Garten. Und diesmal hole ich auch ihn raus.“ Die Worte hallten im Raum wie ein Schwur. Der IT-Experte sah ihn lange an, und trotz seiner Müdigkeit huschte ein Schatten von Hoffnung über sein Gesicht. „Wenn du den Bauer findest… dann sind wir wieder drei. Dann haben wir eine Chance.“ Erling trat ans Bett, legte dem IT-Experten eine Hand auf die Schulter. „Ruh dich aus. Ich übernehme die Nachtwache. Morgen früh werden wir in den Garten gehen, und dann reiße ich ihn aus diesem Loch. Kein Keller, kein Versteck wird ihn von uns fernhalten.“ Der Regen draußen setzte wieder leise ein, als ob er die Worte bekräftigen wollte. Und tief in seinem Inneren wusste Erling: Der morgige Tag würde entscheidend werden. Denn jeder, den er zurückholte, brachte Lukas ein Stück näher an die Wahrheit – und an die Rettung. Der dreiunddreißigste Tag begann grau und feucht. Ein dichter Nebel lag über Mainz, und der Boden im Garten der Tante war noch vom gestrigen Regen aufgeweicht. Erling stand schon bei Sonnenaufgang mit dem IT-Experten an der verwitterten Holztür, die in den Garten führte. Beide hatten kaum geschlafen – zu groß war die Anspannung. Die Tante war nicht zu sehen. Sie hatte sich nach ihrem Geständnis zurückgezogen, vielleicht aus Scham, vielleicht aus Angst. Für Erling spielte das keine Rolle. Heute zählte nur eins: den Bauern zu finden. „Hier,“ flüsterte der IT-Experte und deutete auf eine Stelle hinter einem alten Geräteschuppen. Der Boden war ungleich, die Erde wirkte aufgewühlt, und ein schwerer Metalldeckel ragte leicht aus dem Boden hervor, halb von Unkraut überwuchert. Erling kniete sich hin, legte die Hände an den kalten Deckel. „Er ist hier drin.“ Gemeinsam hoben sie an. Der Deckel war schwer, das Scharnier rostig, doch mit aller Kraft schafften sie es, ihn aufzureißen. Ein modriger Geruch schlug ihnen entgegen. „Bauer?!“ rief Erling in die Tiefe. Eine heisere Stimme antwortete sofort, schwach, aber voller Leben: „Hier… unten…“ Ohne zu zögern, kletterte Erling die alte Leiter hinab. Die Wände waren feucht, von Moos überzogen, und die Luft stickig. In einer Ecke, angekettet an ein Rohr, saß der Bauer. Sein Gesicht war verschwitzt, aber seine Augen leuchteten auf, als er Erling erkannte. „Ich wusste, du kommst,“ murmelte er.

Erling kniete sich hin, zerschlug mit einem Eisenstück das rostige Schloss, das die Ketten hielt. „Natürlich komme ich. Wir lassen keinen von euch zurück.“ Der Bauer taumelte, als er aufstand, doch Erling stützte ihn. Gemeinsam kletterten sie wieder nach oben, wo der IT-Experte sie erwartete. Zum ersten Mal seit Wochen waren sie nun zu dritt. Oben im Garten, die kühle Luft in den Lungen, sah der Bauer zu Boden und murmelte: „Sie wollten mich morgen verlegen. Ich hätte keine Chance mehr gehabt.“ Dann hob er den Blick, ernst und voller Entschlossenheit. „Aber wir sind noch nicht komplett. Ich habe gehört, wie sie über den anderen gesprochen haben.“ Erling drehte sich sofort zu ihm. „Wo?“ „Im Keller,“ sagte der Bauer knapp. „Im Keller des Cousins. Dort halten sie ihn fest. Ich habe die Stimmen gehört. Sie wollten ihn brechen, so wie sie mich brechen wollten.“ Ein Schauer lief Erling über den Rücken. Alles fügte sich zusammen: Der Cousin, der so voller Hass war, musste der Schlüssel sein. „Dann wissen wir, was wir zu tun haben,“ sagte Erling entschlossen. „Wir haben zwei zurückgeholt. Morgen holen wir den dritten. Und dann… werden wir Lukas die ganze Wahrheit zeigen.“ Die drei Männer standen im feuchten Garten, den Blick auf das graue Haus des Cousins gerichtet. Der Nebel zog sich langsam zurück, und mit ihm wuchs das Gefühl, dass der entscheidende Kampf näherkam. Der Morgen des vierunddreißigsten Tages war von einer eigentümlichen Schwere erfüllt. Die Straßen von Mainz wirkten stiller als sonst, als würde die Stadt selbst spüren, dass sich etwas Entscheidendes anbahnte. In einem unscheinbaren Café am Stadtrand saßen Erling, der IT-Experte und der Bauer beisammen. Drei Tassen Kaffee dampften vor ihnen, doch keiner von ihnen trank wirklich. Die Müdigkeit hing wie ein Schatten in ihren Gesichtern, aber darunter loderte eine Entschlossenheit, die stärker war als jeder Schlafmangel. „Heute,“ begann Erling und sah die beiden fest an, „holen wir den Letzten. Den anderen Freund. Wir wissen, wo er ist – im Keller des Cousins. Aber wir dürfen uns keine Fehler erlauben. Der ‚Freund‘ spielt mit uns, und der Cousin ist sein Werkzeug. Wenn wir heute scheitern, verlieren wir alles.“ Der IT-Experte schob die Brille zurecht, sein Blick war ernst. „Ich habe die Pläne im Kopf. Das Haus des Cousins ist alt, die Kellerdecke schwach. Wenn wir reinwollen, müssen wir gleichzeitig schnell und leise sein. Sobald er uns bemerkt, wird er alles tun, um ihn vor uns zu verstecken.“ Der Bauer ballte die Fäuste. „Und wenn er versucht, uns aufzuhalten, dann gehe ich durch ihn durch. Ich habe zu lange geschwiegen. Heute nicht mehr.“ Kurz nach neun Uhr machten sie sich auf den Weg. Die Straßenbahn brachte sie in die Nähe der Neustadt, wo der Cousin wohnte. Schon der Weg dorthin fühlte sich an wie ein Marsch in feindliches Gebiet. Jeder Passant, der sie ansah, jeder Schatten zwischen den Häusern ließ sie die Schultern straffer halten. Als sie schließlich vor dem Wohnblock des Cousins standen, blieb die Gruppe einen Moment still. Das Haus war unscheinbar, grauer Beton, eine rostige Eingangstür, der Putz bröckelte an den Ecken. Doch für sie wirkte es wie eine Festung voller Geheimnisse. Erling atmete tief ein. „Dort unten, hinter diesen Mauern, ist er. Lukas’ anderer Freund. Gefangen, wie die anderen. Vielleicht schlimmer.“ Der Bauer knurrte leise. „Dann reißen wir diese Mauern heute ein.“

Sie betraten das Treppenhaus. Es roch nach abgestandenem Rauch und feuchtem Mauerwerk. Die Glühbirne im Flur flackerte, und irgendwo tropfte Wasser. Jede Stufe nach unten ließ das Gefühl stärker werden, dass sie in den Bauch der Dunkelheit hinabstiegen. Vor der Kellertür hielten sie inne. Dahinter war Stille – doch Erling spürte, dass sich jemand dort befand. Vielleicht der Cousin. Vielleicht der „Freund“. Vielleicht beide. Er sah die anderen an, ihre Gesichter angespannt, aber entschlossen. „Das hier,“ flüsterte er, „ist der letzte Schritt. Danach sind wir wieder vollständig.“ Der Bauer nickte, legte die Hand auf das Türschloss. „Dann los.“ Und so standen sie im Morgengrauen vor der Tür des Kellers, bereit, das letzte fehlende Mitglied zu befreien – und vielleicht den gefährlichsten Gegner von allen direkt zu konfrontieren. Im Keller des vierunddreißigsten Tages roch es nach Rost, kaltem Beton und etwas Metallischem, das Erling sofort erkannte: Blut. Die schwere Tür, die der Bauer mit einem Tritt aufgesprengt hatte, schwang krachend gegen die Wand. Dahinter lag ein Raum, den keiner von ihnen je erwartet hätte. In der Mitte stand eine groteske Maschine, alt und doch voller Kabel, Schalter und metallener Vorrichtungen. Daran gefesselt: der andere Freund. Seine Handgelenke waren in Eisenklammern gespannt, sein Körper durchdrungen von Kabeln, die zu Metallplatten an Armen, Beinen und sogar an empfindlichsten Stellen seines Körpers führten. Seine Kleidung war in Fetzen gerissen, Schweiß und Blut glänzten auf seiner Haut. Mit einem dumpfen Geräusch zuckte er – ein Stromschlag fuhr durch ihn, so stark, dass sein ganzer Körper bebte. Ein heiserer Schrei brach aus seiner Kehle, roh und zerreißend. „Nein!“ brüllte Erling und stürzte nach vorne, doch der IT-Experte packte ihn am Arm. „Warte – es ist eine Steuerung!“ Da trat eine Gestalt aus dem Schatten – der Cousin. Sein Blick war kalt, voller Verachtung. In der Hand hielt er einen Hebel, der direkt mit der Maschine verbunden war. „Ihr Narren,“ spie er die Worte heraus. „Ihr dachtet wirklich, ihr könntet ihn retten? Er ist nichts! Er verdient jede Qual, die er bekommt. So wie Lukas auch. Ihr seid alle Abschaum.“ Er grinste schief, zog den Hebel nach unten. Die Maschine brüllte auf, die Stromstöße verstärkten sich. Der andere Freund schrie erneut, diesmal so laut, dass es wie ein Schrei nach Erlösung klang. Seine Augen rollten, sein Körper bog sich unnatürlich, die Qualen schienen ihn zu zerreißen. Erling wollte lossprinten, doch der Bauer hielt ihn zurück, brüllte: „Wenn du direkt hingehst, tötest du ihn! Wir müssen die Maschine stoppen!“ Der IT-Experte raste bereits zur Wand, riss Kabel aus einer Box, suchte fieberhaft nach dem Hauptanschluss. Funken stoben, der Geruch von verbranntem Plastik breitete sich aus. „Verdammt – sie haben alles manipuliert! Jeder falsche Zug, und die Stromstärke verdoppelt sich!“ Der Cousin lachte kalt. „Na los, versucht es. Je mehr ihr zieht, desto schneller stirbt er. Und wisst ihr was? Vielleicht sollte ich die Intensität ganz aufdrehen. Damit ihr seht, wie er verreckt.“ Langsam schob er den Hebel auf die höchste Stufe. Die Maschine jaulte auf, Lichter flackerten, Strom schoss in brutalen Intervallen durch den Körper des anderen Freundes. Er röchelte, Blut trat ihm aus dem Mund, und sein Kopf hing schlaff nach vorn. „Er stirbt gleich!“ schrie der Bauer, seine Stimme überschlug sich. „Nein!“ Erling stürzte nach vorne, packte den Cousin und riss ihn zu Boden. Beide kämpften auf dem dreckigen Beton, Tritte und Fäuste flogen. Der Hebel schwankte, fiel kurz zurück, die Maschine brummte tiefer. Doch der Cousin lachte irrsinnig, griff wieder nach der Steuerung.

Der IT-Experte schrie: „Ich hab’s fast! Noch eine Leitung – dann ist sie aus!“ Funken sprangen, seine Finger verbrannten sich am Metall, aber er zog weiter. Der Bauer schleuderte schließlich den Cousin von Erling weg, presste ihn mit seinem ganzen Gewicht gegen die Wand. „Jetzt, Erling! Halt ihn fest, bis es vorbei ist!“ Die Maschine kreischte ein letztes Mal, dann – ein gleißender Funkenregen, Rauch stieg auf, das Brummen verstummte. Stille. Nur das schwache Röcheln des anderen Freundes war zu hören, dessen Körper noch zuckte wie ein Schatten der Qualen, die er erlitten hatte. Erling ließ den Cousin los, rannte sofort zu ihm. „Halt durch!“ flüsterte er, während er die Fesseln löste. „Wir sind hier. Du bist nicht allein.“ Der andere Freund öffnete schwach die Augen, Tränen und Blut vermischten sich auf seinem Gesicht. „Ich… dachte, ich sterbe…“ „Nicht heute,“ sagte der Bauer hart, aber mit einer Wärme, die man selten in seiner Stimme hörte. „Nicht solange wir hier sind.“ Doch während sie den Körper des geschwächten Freundes aus der Maschine hoben, grinste der Cousin noch immer, obwohl Blut an seiner Lippe klebte. „Ihr habt ihn heute gerettet… aber Lukas gehört trotzdem nicht euch. Er gehört nie euch.“ Seine Worte hallten in der Dunkelheit des Kellers nach, und Erling wusste: Der wahre Kampf hatte gerade erst begonnen. Die stickige Luft im Keller roch nach verbranntem Metall und Schweiß, während das Summen der zerstörten Maschine langsam verklang. Der andere Freund hing noch immer in den kalten Eisenfesseln, sein Körper zuckte in kurzen, schmerzhaften Reflexen nach den Stromstößen. „Schnell, helft mir!“ rief Erling, während er mit zitternden Händen die Riegel der Vorrichtung löste. Der IT-Experte kniete neben ihm, riss Kabel ab und bog Metallstangen auf, während der Bauer mit bloßer Gewalt die restlichen Schlösser zerdrückte. Stück für Stück lösten sich die Fesseln, bis der geschundene Körper des anderen Freundes endlich zusammensackte. „Ich hab dich,“ murmelte Erling, hob ihn vorsichtig hoch und legte ihn über seine Schulter. Der Freund atmete flach, röchelte, doch er lebte. Währenddessen lag der Cousin benommen an der Wand, das Gesicht von Blut gezeichnet, die Augen voller Hass. Erling warf sich auf ihn, presste ihn mit dem Knie zu Boden und hielt ihn fest. „Wenn du noch einmal wagst, ihn anzurühren, schwöre ich dir – es wird dein Ende sein!“ fauchte er. Doch da geschah etwas Unerwartetes: Eine Tür am Ende des Kellers öffnete sich, und zögerlich trat die Freundin des Cousins hervor. Ihre Augen waren weit, das Gesicht bleich. Sie hatte sich zuvor versteckt, unfähig, die Brutalität mitanzusehen. Jetzt stand sie im Zwielicht, unschlüssig, ob sie eingreifen sollte. „Geh weg von ihm!“ schrie der Cousin schwach, seine Stimme voller Gift. Die Freundin blickte hin und her – zwischen Erling, der ihn niederdrückte, und der Gruppe, die versuchte, den geschundenen Freund in Sicherheit zu bringen. Einen Moment lang schien es, als würde sie gegen ihn Stellung beziehen. Ihre Hände zitterten, sie flüsterte: „Was du getan hast… das war grausam.“ Doch dann kniete sie neben dem Cousin nieder, legte ihm den Arm um die Schulter und zog ihn an sich. „Aber ich lasse dich nicht allein,“ murmelte sie, Tränen liefen ihr übers Gesicht. „Auch wenn du Fehler machst.“ Der Cousin grinste trotz seiner Wunden schief, als hätte er einen Sieg errungen. „Los, wir müssen weg!“ rief der Bauer, der die Szene beobachtet hatte. „Jetzt, bevor sie Verstärkung holen!“

Erling spürte, wie sein Zorn kochte, doch er wusste, dass die Rettung Vorrang hatte. Er stieß den Cousin hart zur Seite, während dessen Freundin ihn schützend umfing. Dann packte er den anderen Freund fester auf seiner Schulter. Gemeinsam mit dem IT-Experten und dem Bauer stürmte er die Treppe hinauf. Hinter ihnen hallte das hasserfüllte Lachen des Cousins durch den Keller, gemischt mit den beruhigenden Worten seiner Freundin. Sie hatten ihn nicht besiegt, nicht wirklich – aber sie hatten den anderen Freund zurückgeholt. Oben, unter dem grauen Himmel des vierunddreißigsten Tages, atmete die Gruppe schwer. Der andere Freund war frei, doch die Gefahr lauerte noch überall. Und während sie in die Dunkelheit der Straßen flüchteten, wusste Erling: Der Kampf gegen den Cousin und den „Freund“ war noch lange nicht vorbei. Die Nacht hatte sich längst über Mainz gelegt, als die Gruppe in einem verlassenen Hinterhof Unterschlupf fand. Sie hatten den verletzten anderen Freund auf eine alte Matratze gebettet, die sie in einem leerstehenden Nebengebäude gefunden hatten. Eine kleine Lampe flackerte, schwaches Licht warf lange Schatten auf die nackten Wände. Der IT-Experte desinfizierte mit einer einfachen Notfallapotheke die Wunden, die die Maschine am Körper des anderen Freundes hinterlassen hatte. Jeder Kontakt mit der Haut ließ ihn aufstöhnen, doch er hielt durch. Der Bauer saß mit verschränkten Armen am Fenster und hielt Wache, während Erling im Raum auf und ab ging wie ein Raubtier im Käfig. „Wir können nicht länger warten,“ brach Erling schließlich das Schweigen. „Jeden Tag zieht ihn der ‚Freund‘ tiefer in die Dunkelheit. Lukas glaubt mittlerweile, dass niemand außer diesem Irren auf seiner Seite steht.“ Der IT-Experte nickte, seine Hände zitterten leicht, doch seine Stimme war fest. „Wir haben jetzt drei zurückgeholt. Uns bleibt nur ein Schritt: Wir müssen direkt zu ihm. Zu seinem Haus. Morgen.“ Der Bauer drehte sich vom Fenster um. „Das Haus seines Vaters? Das ist Wahnsinn. Der Vater hasst uns, und der Cousin wird ihn gegen uns aufhetzen. Wir laufen direkt in eine Falle.“ „Vielleicht,“ antwortete Erling ruhig, „aber wenn wir nichts tun, verlieren wir ihn. Der ‚Freund‘ löscht nach und nach alles, was Lukas an Familie oder echten Freunden hatte. Bald ist nur noch er übrig – und dann… dann ist Lukas verloren.“ Der andere Freund, trotz seiner Schwäche, hob den Kopf. Seine Stimme war rau, kaum mehr als ein Flüstern, doch sie schnitt durch den Raum. „Ich… ich habe gesehen, wie er ihn manipuliert. Er zwingt ihn, in dieses verdammte Buch zu schreiben, dass niemand ihm helfen wird. Dass wir alle Lügner sind. Wenn wir nicht eingreifen, glaubt er es irgendwann wirklich.“ Erling kniete sich zu ihm, legte eine Hand auf seine Schulter. „Und deswegen gehen wir morgen. Nicht mehr warten. Nicht mehr zögern. Morgen holen wir Lukas aus diesem Haus, bevor es zu spät ist.“ Die Männer blieben lange still. Nur das Rauschen des Windes durch die zerbrochenen Fenster erfüllte den Raum. Schließlich begann der IT-Experte einen groben Plan auf einem zerknitterten Blatt Papier zu skizzieren: • Der Bauer sollte die Hinterseite des Hauses sichern, falls der Cousin auftauchte. • Der andere Freund, so schwach er auch war, wollte als Stimme der Vergangenheit mit hinein – um Lukas direkt anzusprechen. • Der IT-Experte kümmerte sich um die Türsicherung und mögliche Überwachung. • Erling würde Lukas konfrontieren, Auge in Auge. „Morgen,“ sagte Erling, als die Lampe langsam erlosch, „morgen endet dieses Spiel. Morgen reißen wir ihn aus den Händen des ‚Freundes‘. Oder wir fallen dabei.“

Niemand widersprach. Jeder wusste, dass der nächste Tag alles entscheiden würde – für Lukas, für sie selbst, und vielleicht für die Wahrheit, die seit Jahren verschüttet war. Der Morgen des fünfunddreißigsten Tages brach kalt und klar an. Die Nacht im verlassenen Hinterhof war unruhig gewesen – kaum einer hatte geschlafen, jeder war von den Gedanken an Lukas gequält worden. Nun, im schwachen Licht der Morgensonne, wirkte die Stadt beinahe ruhig, fast trügerisch friedlich. Die Gruppe – Erling, der IT-Experte, der Bauer und der geschwächte andere Freund – hatte sich in eine kleine, unscheinbare Bäckerei zurückgezogen, die schon früh ihre Türen geöffnet hatte. Es war ein Ort wie jeder andere, gefüllt mit dem Geruch von frischem Brot und Kaffee, aber für die Männer war er an diesem Tag fast wie eine letzte Festung vor dem Sturm. Sie saßen an einem Tisch in der Ecke, der Bauer hatte vier belegte Brötchen geholt, dazu dampfende Tassen Kaffee. Der andere Freund bekam ein Glas warmen Tee – sein Körper war noch immer geschwächt, und die Schmerzen der Nacht zuvor standen ihm ins Gesicht geschrieben. „Iss,“ sagte der Bauer knapp, während er selbst sein Brötchen auseinanderriss. „Wir brauchen alle Kraft. Heute wird kein leichter Tag.“ Der IT-Experte nickte. „Wir wissen nicht, was uns erwartet. Der Cousin, der Vater… und vor allem der ‚Freund‘. Er wird Lukas nicht kampflos gehen lassen. Wir müssen vorbereitet sein – geistig und körperlich.“ Erling kaute schweigend, sein Blick starrte durch das Fenster hinaus auf die Straße. In seinem Kopf lief der Plan immer wieder ab: wie sie das Haus betreten würden, wer welche Aufgabe übernahm, wie sie Lukas aus den Fängen seines „Freundes“ lösen wollten. Doch er wusste, dass Pläne an diesem Punkt brüchig waren. Das, was kommen würde, war nicht nur ein Kampf gegen Menschen, sondern gegen jahrelange Manipulation, Schmerz und gebrochene Versprechen. „Ich will dabei sein,“ murmelte der andere Freund plötzlich, stellte das Teeglas ab. Seine Stimme war brüchig, aber voller Entschlossenheit. „Egal, was mit mir passiert. Er muss hören, dass ich damals geholfen habe. Dass ich nicht alles war, was der ‚Freund‘ ihm einredet.“ Erling legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du wirst sprechen. Aber wir passen auf, dass sie dich nicht wieder verletzen. Heute… heute ist nicht nur Lukas’ Kampf. Heute ist es unserer.“ Die Gruppe aß schweigend weiter, jeder in seine Gedanken vertieft. Das einfache Mahl fühlte sich an wie das letzte Abendmahl vor einer entscheidenden Schlacht. Als sie die Bäckerei verließen, schien die Sonne endlich stärker durch die Wolken zu brechen. Der IT-Experte zog den Mantel enger um sich, der Bauer prüfte noch einmal seine Tasche mit Werkzeugen, und der andere Freund stützte sich schwer auf Erling. „Es ist soweit,“ sagte Erling leise, fast zu sich selbst, als sie die Straße entlanggingen. „Heute beginnt das Finale.“ Und in der Ferne, dort, wo das Haus des jungen Mannes stand, wartete bereits der Schatten des „Freundes“. Die Sonne stand hoch, als die vier Männer endlich vor dem Haus des jungen Mannes ankamen. Es war ein unscheinbares Gebäude in einer ruhigen Straße, doch für sie wirkte es wie eine Festung. Hinter diesen Mauern kämpfte Lukas – zwischen der Lüge des „Freundes“ und der Wahrheit, die sie nun ans Licht bringen mussten. Der Bauer legte seine breite Hand an die Tür. „Bist du sicher, dass wir das so machen?“ fragte er mit brummender Stimme. „Es gibt keinen anderen Weg,“ antwortete Erling entschlossen. „Wenn wir es nicht jetzt tun, verlieren wir ihn endgültig.“ Der IT-Experte beugte sich vor, zog ein kleines Werkzeug hervor und schob es ins Schloss. Nach wenigen Sekunden klickte es leise. „Auf,“ flüsterte er.

Langsam, Schritt für Schritt, betraten sie das Haus. Drinnen war es still, nur das Ticken einer Uhr im Flur war zu hören. Die Luft war schwer, beinahe bedrückend. Im Wohnzimmer fanden sie Lukas. Er saß auf dem Sofa, das Notizbuch des „Freundes“ aufgeschlagen auf den Knien, der Blick leer und verloren. Als er die Männer sah, zuckte er erschrocken zusammen. „Ihr… ihr solltet nicht hier sein,“ stammelte er. „Er sagt, ihr lügt alle. Ihr wollt mich nur benutzen.“ Erling ging langsam auf ihn zu, die Hände offen, die Stimme ruhig. „Nein, Lukas. Hör mir zu. Alles, was er dir gesagt hat, ist eine Lüge. Du bist kein Fehler. Du warst nie allein. Erinnerst du dich an die Entführung? An die Rettung?“ Lukas’ Hände zitterten. „Aber… er sagte, das war nur ein Traum. Dass ihr mich belogen habt.“ Da trat der andere Freund vor, gestützt vom Bauer. Seine Stimme war brüchig, aber voller Dringlichkeit: „Es war kein Traum, Lukas. Ich war dabei. Ich habe dir geholfen. Wir alle haben es. Wir haben unser Leben riskiert, um dich zurückzuholen. Bitte – glaub uns.“ Lukas sah ihn mit weit geöffneten Augen an. In seinem Inneren tobte ein Kampf. Erinnerungen flackerten auf – die Schreie, die Dunkelheit, die Gesichter, die ihn damals wirklich getragen hatten. „Aber warum… warum habt ihr es mir nie gesagt?“ flüsterte er. Erling schluckte schwer. „Weil dein Vater uns zum Schweigen gezwungen hat. Aber jetzt darfst du die Wahrheit wissen. Du warst das Opfer, Lukas, nie der Täter. Und wir sind hier, um dich zu retten.“ Plötzlich hallte ein Geräusch durch den Flur. Schritte. Schwer, langsam, voller Bedrohung. Die Tür zum Wohnzimmer schlug auf – und dort stand er: der „Freund“. Sein Blick war eiskalt, sein Mund verzogen zu einem schmalen Lächeln. „Ihr Narren,“ sagte er mit leiser, schneidender Stimme. „Ihr dachtet wirklich, ihr könntet ihm die Wahrheit erzählen? Lukas gehört mir. Schon immer.“ Er trat ins Zimmer, und die Atmosphäre kippte. Lukas’ Herz begann schneller zu schlagen, Schweiß trat auf seine Stirn. Zwischen den beiden Welten – der Wahrheit und der Lüge – stand er nun mitten in diesem Raum. Und jeder wusste: Der entscheidende Kampf hatte begonnen. Die Spannung im Wohnzimmer war zum Zerreißen. Lukas saß noch immer wie versteinert auf dem Sofa, das Buch auf den Knien, die Augen voller Verwirrung. Der „Freund“ stand drohend in der Tür, die Lippen zu einem dünnen, überheblichen Lächeln verzogen. Erling trat langsam vor. Sein Herz pochte, Schweiß rann ihm über den Rücken. Wenn ich ihn berühre, dachte er, dann sehe ich die ganze Wahrheit. Dann weiß ich, was er getan hat, wie er Lukas manipuliert. Dann können wir ihn entlarven. Er streckte die Hand aus, nur wenige Zentimeter trennten ihn noch vom Arm des „Freundes“. In diesem Augenblick spannte sich die Luft wie ein Seil, das gleich reißen würde. Doch dann – plötzliches Poltern. Schritte, Rufe. Die Haustür krachte auf, und innerhalb von Sekunden strömten mehrere Polizisten ins Wohnzimmer. „Polizei! Hände hoch! Sofort!“ Alle erstarrten. Der Bauer fuhr erschrocken hoch, der IT-Experte ließ seine Tasche fallen, und der andere Freund schwankte, zu schwach, um sich zu wehren. „Was zum…?“ begann Erling, doch da trat ein Polizist mit gezogener Waffe näher und drängte ihn gegen die Wand. Der „Freund“ aber verzog keine Miene. Im Gegenteil – er wirkte beinahe zufrieden. „Da sind sie,“ sagte er mit ruhiger Stimme. „Die Männer, die meinen Freund hier bedrohen. Die ihn und mich sexuell belästigt haben. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass sie kommen würden.“

Die Worte trafen wie ein Schlag. Lukas’ Augen weiteten sich, sein Atem stockte. „Was?“ flüsterte er. „Das ist eine Lüge!“ brüllte der Bauer sofort, doch zwei Beamte packten ihn an den Armen und drehten sie ihm auf den Rücken. „Wir wollten ihn retten!“ rief der IT-Experte, während er bereits Handschellen spürte. „Sie verstehen nicht – er manipuliert ihn!“ Doch die Polizisten hörten nicht zu. Alles, was sie sahen, war eine Gruppe Männer, die in das Haus eingedrungen war, ein aufgewühlter Lukas und der „Freund“, der mit gespielter Betroffenheit und gesenktem Kopf seine Geschichte wiederholte. Erling wurde mit Gewalt auf die Knie gedrückt, Handschellen klickten um seine Handgelenke. Er hob den Kopf, sah Lukas an. „Bitte,“ flehte er, „glaub ihm nicht. Du weißt tief in dir, dass wir die Wahrheit sagen!“ Lukas’ Hände zitterten, sein Blick sprang zwischen Erling und dem „Freund“ hin und her. Doch er sprach kein Wort. Der „Freund“ legte sanft eine Hand auf Lukas’ Schulter, sein Blick scheinheilig traurig. „Siehst du? Ich habe dich doch gewarnt. Sie wollen dir nur schaden. Aber keine Sorge… ich beschütze dich.“ Die Gruppe wurde einer nach dem anderen aus dem Wohnzimmer geführt. Draußen blinkten die Blaulichter, Nachbarn hatten sich versammelt, ihre neugierigen Gesichter wirkten wie stumme Urteile. Als die Tür ins Schloss fiel, blieb Lukas allein zurück – mit dem „Freund“, dessen Schatten nun größer und dunkler wirkte als je zuvor. Und Erling, im Polizeiwagen gefesselt, wusste: Der Kampf war nicht verloren, aber der „Freund“ hatte die Schlacht an diesem Tag gewonnen. Die Nacht des fünfunddreißigsten Tages legte sich schwer über Mainz. Die Straßen waren leer, die Blaulichter verschwunden, und in der Stille der Stadt wurden die vier Gefangenen voneinander getrennt. Erling wurde in das Gefängnis von Mainz gebracht, ein alter, grauer Bau, dessen Mauern wie kalte Zähne in den Himmel ragten. Er wurde durch enge Korridore geführt, die von Neonlicht erfüllt waren, das jede Wärme verschluckte. Schließlich schloss sich eine Zellentür hinter ihm, das metallische Klicken der Schlösser hallte nach wie ein Urteil. Er setzte sich auf die harte Pritsche, die Hände noch wund von den Handschellen. Hier… hier bleibe ich also, dachte er. Er wusste nicht, was mit den anderen war. Die Polizei hatte sie getrennt, ohne ein Wort der Erklärung. Währenddessen erfuhr Erling auf verstörende Weise, was geschehen war: Der „Freund“ hatte bei den Beamten ausdrücklich darum gebeten, dass die drei anderen – der IT-Experte, der Bauer und der geschwächte andere Freund – in verschiedene, weit entfernte Gefängnisse verlegt wurden. Städte, die Hunderte von Kilometern auseinander lagen. Jeder isoliert, jeder abgeschnitten. „Damit sie sich nicht wieder zusammentun können,“ hatte der „Freund“ scheinheilig gesagt, angeblich um Lukas zu „schützen“. Die Polizei, überzeugt von seiner Geschichte, hatte dem zugestimmt. So saß Erling nun allein in Mainz. Und die Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht: Sie waren wieder am Anfang. Nein – schlimmer. Denn am Anfang hatten sie noch voneinander gewusst, hatten sich aufspüren können. Doch jetzt? Sie waren weiter verstreut, als jemals zuvor. Jede Verbindung war gekappt.

Erling legte den Kopf gegen die kalte Wand seiner Zelle, die Gedanken rasten. Bilder flackerten auf: wie er den IT-Experten aus dem Keller befreit hatte, den Bauer aus dem Garten, den anderen Freund aus dieser Höllenmaschine. Schritt für Schritt hatte er sie wieder ins Team geholt, die Bruchstücke der Wahrheit zusammengesetzt. Und nun war alles zerstört. Er war allein, Lukas in den Händen des „Freundes“, und die drei anderen noch tiefer im Abgrund gefangen, unfähig, einander oder ihm zu helfen. Die Nacht war lang, erfüllt vom Quietschen der schweren Türen, dem Klirren von Metall, den fernen Schritten der Wärter. Erling starrte an die Decke, während sein Herz schwerer und schwerer wurde. Wir sind noch nicht einmal am Anfang, dachte er. Wir sind weiter zurückgeworfen worden, als ich es mir je vorstellen konnte. Ganz unten. Und wenn ich nicht den Weg finde, sie zurückzuholen, war alles umsonst. Er ballte die Fäuste, der Schmerz in seinen Fingern trieb ihn nur weiter an. „Nein,“ flüsterte er in die Dunkelheit. „Egal, wie weit er uns zurückgeworfen hat – ich werde sie finden. Alle. Und dann holen wir Lukas zurück.“ Die Stille seiner Zelle verschluckte die Worte. Doch tief in ihm wusste Erling: Die wahre Schlacht hatte gerade erst begonnen – und der „Freund“ hatte sie in eine Hölle zurückgeworfen, die schlimmer war als jedes bisherige Kapitel. Der Morgen des sechsunddreißigsten Tages begann in einem fahlen Grau. Hinter den dicken Mauern des Gefängnisses von Mainz brach die Sonne nur schwach durch die vergitterten Fenster. Erling hatte kaum geschlafen; die Matratze war hart, die Kälte biss in seine Knochen. Doch nicht die Kälte war es, die ihn wach hielt – sondern der Gedanke, dass er hier festsitzen sollte, während Lukas dem „Freund“ schutzlos ausgeliefert war. Er saß auf der schmalen Pritsche, den Rücken an die Wand gelehnt, und ließ den gestrigen Abend noch einmal durch seinen Kopf laufen. Das Hämische Grinsen des „Freundes“, die Handschellen, die ihn von den anderen getrennt hatten, und das Wissen, dass die drei Verbündeten irgendwo in weit entfernten Städten in Zellen schmorten. Wir sind gespalten, zurückgeworfen – weiter zurück, als je zuvor, dachte er bitter. Aber dann ballte er die Fäuste. Nein. Das ist nicht das Ende. Wenn ich hier drin bleibe, gewinnt er. Und wenn er gewinnt, verliert Lukas endgültig. Seine Augen wanderten durch den engen Raum. Jede Kleinigkeit registrierte er mit der Präzision eines Mannes, der wusste, dass sein Leben davon abhängen würde: • Die Gitterstäbe am Fenster waren alt, an einer Stelle leicht verrostet. Zu hoch zum Erreichen, aber bemerkenswert. • Die Tür war massiv, doch das Schloss wirkte abgenutzt – viele Jahre geöffnet und geschlossen. • Über ihm im Flur hörte er die Schritte der Wärter, die in einem festen Rhythmus wechselten: alle zwanzig Minuten. Erling begann zu rechnen, im Kopf Pläne zu skizzieren. Er wusste, dass ein Ausbruch aus einem Gefängnis nicht mit bloßer Gewalt gelang, sondern mit Timing, List – und dem Mut, das Unmögliche zu wagen. Während er auf der Pritsche saß, nahm er eine kleine Schraube, die aus dem Metallrahmen des Betts ragte. Fast unbemerkt begann er daran zu drehen, sie zu lockern. Vielleicht lässt sie sich als Werkzeug einsetzen, dachte er. Jede Bewegung musste leise sein, unscheinbar. Er hatte gelernt, Chancen zu sehen, wo andere nur Mauern erkannten. Und jetzt war alles, was er hatte, dieser kleine Funke Hoffnung.

Als der Wärter vorbeikam und durch das Gitter der Tür blickte, setzte Erling sein bestes Schauspielergesicht auf: erschöpft, gebrochen, als sei er ein Gefangener, der jede Hoffnung verloren hatte. Der Mann zog weiter – nichtsahnend, dass hinter der Fassade ein Sturm wuchs. „Heute,“ murmelte Erling leise, kaum hörbar, „beginnt der Plan. Heute finde ich den ersten Spalt in diesen Mauern.“ Er wusste, dass es Tage, vielleicht Wochen dauern konnte, bis er den richtigen Moment fand. Aber eins war klar: Der Morgen des sechsunddreißigsten Tages war der Anfang seines Ausbruchs. Der Anfang einer Rückkehr in den Kampf um Lukas – koste es, was es wolle. Der Mittag des sechsunddreißigsten Tages verlief für Lukas ganz anders als für Erling hinter den Gefängnismauern. Während der Spieler Pläne schmiedete, saß Lukas im Wohnzimmer seines Hauses, das Licht der Herbstsonne fiel matt durch die Gardinen. Vor ihm lag wieder das Buch, in dem der „Freund“ ihn ständig zum Schreiben drängte. Der „Freund“ selbst stand an der Wand, die Arme verschränkt, die Augen fest auf Lukas gerichtet. Sein Ton war weich, fast fürsorglich, doch jedes Wort war Gift. „Schau, Lukas,“ begann er langsam, „du siehst doch selbst, was passiert ist. Sie sind in dein Haus eingedrungen, wie Tiere. Sie wollten dich von mir wegziehen, obwohl ich der Einzige bin, der dich wirklich versteht. Und was hat die Polizei getan? Sie hat sie abgeführt. Weil sie wusste, dass ich recht habe.“ Lukas’ Finger zitterten, als er den Stift in der Hand hielt. „Aber… Erling hat gesagt, er wollte mich retten. Sie alle wollten…“ „Rette dich?“ Der „Freund“ lachte kalt. „Lukas, wach auf. Wenn sie dich retten wollten, warum haben sie dir nie die Wahrheit gesagt? Warum haben sie dir all die Jahre nichts erklärt? Sie haben dich benutzt. Und als sie wussten, dass du schwach bist, wollten sie dich brechen. So wie sie es mit deinem Cousin sagen. So wie sie es mit dir schon immer getan haben.“ Er setzte sich neben Lukas, legte ihm die Hand auf die Schulter, sanft und schwer zugleich. „Du musst endlich begreifen, dass nur ich für dich da bin. Alle anderen lügen. Dein Vater, deine Mutter, diese sogenannten Freunde – sie alle haben dich nur verletzt. Aber ich… ich bleibe. Immer.“ Lukas schluckte schwer, sein Herz pochte schnell. Ein Teil von ihm wollte glauben, dass es eine Lüge war. Doch die Bilder der Polizei, wie sie Erling und die anderen abführten, brannten sich in sein Gedächtnis. Vielleicht… vielleicht stimmt es ja. Vielleicht war alles nur eine große Täuschung. „Schreib es auf,“ flüsterte der „Freund“. „Schreib, dass niemand dir helfen kann. Dass niemand außer mir an deiner Seite steht. Schreib es, damit es endlich wahr wird.“ Langsam senkte Lukas den Blick auf die leeren Seiten. Mit zittriger Hand schrieb er, Buchstabe für Buchstabe: „Ich habe niemanden außer ihm. Er ist der Einzige, der bleibt.“ Der „Freund“ lächelte zufrieden, seine Augen blitzten kalt. „Sehr gut, Lukas. Sehr gut. Bald wirst du sehen, dass es keinen Grund mehr gibt, anderen zu vertrauen. Sie sind fort. Ich bin hier.“ Und während draußen die Sonne über Mainz stand, zog sich Lukas tiefer in die Schatten der Manipulation zurück – Schritt für Schritt, weiter weg von der Wahrheit, die Erling und die anderen ihm zeigen wollten. Der Abend des sechsunddreißigsten Tages begann mit einem Plan, der nicht aus Lukas selbst kam, sondern aus den Worten des „Freundes“. „Komm,“ hatte er gesagt, „wir gehen ins Kino. Nur du und ich. Damit du siehst, dass wir ein normales Leben führen können, während die anderen im Gefängnis verrotten.“

Lukas hatte gezögert. Sein Herz war schwer, seine Gedanken voller Zweifel. Doch die Stimme des „Freundes“ war sanft, fast brüderlich, und irgendwann nickte er stumm. Sie gingen durch die Straßen von Mainz, die Lichter der Stadt spiegelten sich in den regennassen Pflastersteinen. Vor dem Kino drängten sich Menschen, lachten, hielten Popcorn und Getränke in den Händen. Für die Außenwelt sahen Lukas und der „Freund“ aus wie zwei Bekannte, die einfach einen Film sehen wollten. Niemand ahnte, was wirklich zwischen ihnen stand. Im Foyer drängte der „Freund“ Lukas ein Ticket in die Hand. „Hier. Heute geht es nicht um Fragen oder Schuld. Heute geht es nur um uns zwei.“ Seine Stimme war ruhig, aber in seinen Augen lag dieses kalte Funkeln, das Lukas schon kannte – die Mischung aus Berechnung und Kontrolle. Sie setzten sich in den Saal, weit hinten, wo die Schatten tiefer fielen. Die Leinwand flammte auf, Werbung rauschte über die Köpfe des Publikums hinweg, Menschen tuschelten, lachten. Lukas saß still, die Hände im Schoß, während der „Freund“ sich leicht zu ihm neigte. „Siehst du?“ flüsterte er. „Das ist das Leben. Einfach wir zwei. Ohne Chaos, ohne Verrat. Du brauchst niemanden sonst.“ Lukas’ Blick war auf die Leinwand gerichtet, aber die Worte bohrten sich in ihn hinein. Er wollte protestieren, wollte sagen, dass er sich an Erling erinnerte, an die Rettung, an die Stimmen der anderen. Doch in diesem Moment schien es so fern, fast wie ein Traum, das Flimmern eines Films, der schon lange vorbei war. Während der Film lief, sprach der „Freund“ immer wieder leise in Lukas’ Ohr, kaum hörbar für andere: „Sie haben dich nie verstanden.“ „Sie wollten dich nur benutzen.“ „Ich bleibe. Immer.“ Und mit jedem Satz, jedem Tropfen Gift, das er in Lukas’ Herz tropfte, schien der junge Mann tiefer in den Griff des „Freundes“ zu geraten. Als sie später das Kino verließen, war die Stadt stiller geworden. Der „Freund“ legte Lukas den Arm um die Schulter, führte ihn durch die Gassen, als sei er der Beschützer, den er nie hatte. „Merkst du es jetzt?“ sagte er leise. „Es ist besser so. Nur wir zwei. Alles andere sind Lügen.“ Lukas nickte kaum merklich, zu erschöpft, um zu widersprechen. Doch tief in ihm brannte ein Funke, klein und schwach, aber nicht erloschen. Ein Funke, der Erling und die anderen nicht vergessen konnte. Auch wenn er es im Moment nicht wagte, es zu zeigen. Der siebenunddreißigste Tag begann mit einer Einladung, die Lukas nicht ausschlagen konnte. „Heute,“ sagte der ‚Freund‘ mit einem Lächeln, das wie Wärme wirkte, aber kalt in den Augen blieb, „machen wir etwas Besonderes. Wir gehen ins Schwimmbad. Nur du und ich. Und diesmal wirst du erleben, was es heißt, Spaß zu haben – ohne jemanden, der dich belügt.“ Lukas zögerte. Er erinnerte sich sofort an jenen Sommer mit dem Spieler, an die erste Wasserrutsche, die er damals nur mit Hilfe geschafft hatte. Damals hatte er Angst, Herzklopfen, aber auch ein Gefühl von Sicherheit, weil jemand da war, der ihn auffing. Der „Freund“ wusste das, und genau deshalb führte er ihn nun an diesen Ort. Das Schwimmbad war groß, voller Stimmen, Lachen und dem Duft von Chlor. Wasser glitzerte überall, Kinder rannten durch die Gänge, und aus der Ferne hörte man das laute Rauschen der Rutschen. „Komm,“ drängte der „Freund“, „heute machen wir alles. Nicht nur die einfachen Bahnen, sondern die extremsten Rutschen. Du wirst sehen, mit mir traust du dich alles.“

Lukas nickte, auch wenn seine Brust eng wurde. Er fühlte sich wie damals – unsicher, aufgeregt. Doch diesmal war es nicht der Spieler, der ihn an die Hand nahm, sondern der „Freund“. Sie begannen mit einer großen Spiralrutsche. Lukas schrie auf, als er ins Dunkel gezogen wurde, das Wasser spritzte ihm ins Gesicht, die Geschwindigkeit nahm ihm den Atem. Unten wartete der „Freund“, der lachte, als Lukas ins Becken schoss. „Siehst du? Kein Grund zur Angst. Mit mir bist du stark!“ Danach wagten sie die „Freefall“-Rutsche – ein fast senkrechter Sturz aus vielen Metern Höhe. Lukas zögerte lange, seine Knie zitterten, doch der „Freund“ stellte sich neben ihn. „Wenn du jetzt nicht springst, dann beweist du, dass sie recht hatten – dass du schwach bist. Willst du das wirklich?“ Der Druck nagte an Lukas’ Herz. Schließlich ließ er los, stürzte die Bahn hinab, das Wasser peitschte um ihn herum, und er tauchte schockiert, aber lebendig unten auf. Der „Freund“ klatschte in die Hände, stolz wie ein Lehrer, der seinen Schüler geformt hatte. Sie gingen von Bahn zu Bahn: Trichterrutschen, bei denen man im Kreis in die Tiefe geschleudert wurde, Reifenrutschen, die fast kippte, und am Ende sogar eine Bahn, die sich über mehrere Stockwerke wand. Es waren extremere Rutschen, gefährlicher und intensiver als alles, was Lukas mit dem Spieler je erlebt hatte. Der „Freund“ feuerte ihn an, lobte ihn, wenn er sprang, und verspottete ihn leise, wenn er zögerte. „Siehst du, Lukas? Das ist der Unterschied. Mit mir überwindest du deine Ängste. Mit den anderen wärst du nie so weit gekommen.“ Am Ende des Tages saßen sie erschöpft am Beckenrand, das Wasser tropfte von ihren Haaren, und Lukas’ Brust hob und senkte sich schnell. Er war ausgepowert, doch irgendwo in ihm mischte sich das Adrenalin mit einem seltsamen Gefühl – Stolz, aber auch ein nagender Schmerz. Der „Freund“ legte den Arm um ihn. „Heute warst du mutig. Heute warst du du selbst. Merk dir das – es war nicht wegen Erling oder den anderen. Es war, weil du mir vertraut hast.“ Lukas senkte den Blick, das Herz voller Verwirrung. Ein Teil von ihm fühlte sich stark – ein anderer wusste, dass dieser Sieg nicht seiner war, sondern nur ein weiteres Band, das der „Freund“ enger um ihn legte. Und während das Schwimmbad sich leerte, wusste Lukas nicht, dass diese Kette aus Manipulation ihn noch tiefer in die Fänge dessen ziehen würde, der ihn von der Wahrheit fernhielt. Der achtunddreißigste Tag begann mit einem Lächeln, das für Lukas mehr Druck als Freude bedeutete. „Gestern haben wir das Wasser erobert,“ sagte der ‚Freund‘, während er neben Lukas am Frühstückstisch saß. „Heute gehen wir noch einen Schritt weiter. Heute wirst du fliegen. Wir fahren in den Freizeitpark – Achterbahnen, Karussells, alles, was dich an deine Grenzen bringt. Du wirst sehen, dass du es schaffst. Aber nur mit mir.“ Lukas’ Herz schlug schneller. Schon als Kind hatten ihn laute Fahrgeschäfte eingeschüchtert. Er erinnerte sich an Momente, wo er am Rand gestanden hatte, während andere lachten und schrien. Damals hatte er sich oft gewünscht, mutiger zu sein. Und der „Freund“ wusste das. Der Park empfing sie mit grellen Farben, Musik und dem Geruch nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Kinder liefen lachend vorbei, Paare hielten sich an den Händen. Für alle anderen war es ein Ort der Freude. Für Lukas war es eine Prüfung. Die erste Station war eine riesige Achterbahn, deren Schienen wie ein schwarzes Netz in den Himmel ragten. Der Zug raste mit einem metallischen Kreischen vorbei, Menschen schrien, Hände in der Luft. Lukas’ Beine wurden weich.

„Ich… ich weiß nicht,“ murmelte er. Der „Freund“ legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wenn du jetzt nicht einsteigst, dann beweist du nur, dass du schwach bist. Erinner dich an gestern. Ohne mich wärst du nie die FreefallRutsche gefahren. Willst du wieder so ein Feigling sein wie früher, als sie alle über dich gelacht haben?“ Das stach. Lukas biss die Zähne zusammen, nickte und stieg in den Wagen. Die Fahrt war brutal. Loopings, Sturzfahrten, enge Kurven. Lukas’ Herz raste, er schrie, die Hände klammerten sich an den Bügel, während der Zug ihn durch die Luft schleuderte. Als sie anhielten, zitterte er am ganzen Körper, Schweiß lief ihm über die Stirn – und doch lebte er. Der „Freund“ lachte laut, klatschte in die Hände. „Siehst du? Du hast es geschafft! Wegen mir.“ Doch das war erst der Anfang. Danach ging es weiter zu einem extremen Karussell, das sich gleichzeitig drehte und kippte, bis Himmel und Erde verschwammen. Lukas schloss die Augen, der Magen rebellierte, aber der „Freund“ drängte: „Halte durch! Wenn du das schaffst, bist du stärker, als du je warst.“ Dann kam der Freifallturm – ein Turm, der sie langsam nach oben zog, nur um sie im nächsten Moment in die Tiefe rasen zu lassen. Lukas’ Schrei hallte über den ganzen Park, sein Körper fühlte sich an, als würde er auseinandergerissen. Doch der „Freund“ neben ihm grinste, als hätte er einen Sieg errungen. Am Abend, als die Sonne unterging und die bunten Lichter des Parks angingen, saßen sie auf einer Bank. Lukas war völlig erschöpft, seine Beine zitterten, der Kopf rauschte. Der „Freund“ sah ihn zufrieden an. „Du merkst es, oder? Du bist nicht mehr derselbe. Mit mir gehst du dorthin, wo du nie allein hingekommen wärst. Du brauchst niemanden sonst. Nur mich.“ Lukas nickte schwach. Ein Teil von ihm war stolz, dass er alles überstanden hatte. Doch ein anderer Teil fühlte sich leer – als würde er sich selbst Stück für Stück verlieren, je mehr er dem „Freund“ folgte. Und während die Musik des Parks leiser wurde, spürte Lukas: Es war nicht nur ein Tag voller Mutproben gewesen. Es war ein weiterer Tag, an dem die Ketten des „Freundes“ enger wurden. Der neununddreißigste Tag begann harmlos, fast unscheinbar. Lukas war noch erschöpft vom gestrigen Ausflug in den Freizeitpark. Sein Körper schmerzte, die Muskeln waren schwer, und in seinem Kopf wirbelten noch immer die Bilder der rasenden Achterbahnen und stürzenden Karussells. Der „Freund“ aber hatte schon einen neuen Plan. „Heute,“ sagte er mit seiner ruhigen, fast fürsorglichen Stimme, „machen wir etwas Ruhigeres. Wir gehen in eine Kneipe, trinken ein Bier, reden ein wenig. Du hast es dir verdient, nach all dem Mut, den du gezeigt hast.“ Lukas nickte zögerlich. Ein Bier schien harmlos. Etwas Normales, wie er es vielleicht mit anderen auch hätte machen können. Die Kneipe war dunkel und gemütlich, ein Ort mit schweren Holztischen, gedämpftem Licht und dem Geruch von Bier und Rauch. Nur wenige Gäste saßen verteilt im Raum. Der „Freund“ führte Lukas an einen Tisch in der Ecke, weit weg von den Blicken anderer. „Setz dich,“ sagte er mit einem Lächeln. „Heute stoßen wir an – auf dich.“ Er bestellte zwei Biere. Große Gläser, golden und kühl. Lukas nahm einen vorsichtigen Schluck. Es prickelte, der Geschmack war bitter, aber er fühlte sich ein wenig entspannt. „Gut, oder?“ fragte der „Freund“. „Du musst lernen, das Leben zu genießen. Du bist zu oft von Sorgen gefangen.“

Doch der „Freund“ ließ es nicht bei einem Glas. Schon kurz darauf winkte er der Bedienung. „Noch zwei.“ „Aber… ich habe doch schon…“ begann Lukas, doch der „Freund“ lachte und schob ihm das nächste Glas hin. „Ach was, ein zweites Bier macht dich nicht kaputt. Vertrau mir.“ Lukas trank. Erst zögerlich, dann schneller, weil der „Freund“ ihn immer wieder ermutigte. „Du bist stark, Lukas. Du kannst das ab. Die anderen hätten dir so etwas nie zugetraut.“ Stunde um Stunde verging. Der „Freund“ bestellte Glas um Glas. Mal kleine, mal große, manche stärker als Lukas merkte. Er sprach dabei ununterbrochen, lenkte Lukas’ Gedanken, während dieser langsam die Kontrolle verlor. „Siehst du, Lukas,“ flüsterte er irgendwann, als Lukas’ Blick verschwommen wurde, „mit mir kannst du alles. Du brauchst keinen Spieler, keine Eltern, keine falschen Freunde. Nur wir zwei – gegen den Rest der Welt.“ Lukas nickte, der Kopf schwer, die Worte verschwammen in seinem Geist. Er merkte nicht, dass er längst nicht mehr bei zwei oder drei Bieren war, sondern bei sechs, sieben, vielleicht mehr – darunter auch besonders starke Sorten, die der „Freund“ absichtlich bestellt hatte. Als sie schließlich die Kneipe verließen, schwankte Lukas. Die Lichter der Stadt tanzten vor seinen Augen, jeder Schritt war unsicher. Der „Freund“ stützte ihn scheinbar fürsorglich, doch in seinem Blick lag triumphierende Kälte. „Alles gut,“ flüsterte er. „Ich bring dich nach Hause. Denk dran: Ich bin der Einzige, der bleibt. Die anderen hätten dich nie so akzeptiert. Aber ich… ich bin immer da.“ Und während Lukas taumelnd neben ihm herging, nicht mehr fähig, klar zu denken, wusste der „Freund“, dass er sein Ziel erreicht hatte: Lukas war noch ein Stück abhängiger von ihm geworden – gefangen, ohne es zu merken. Die Nacht des neununddreißigsten Tages verlief für Lukas wie in einem dichten Nebel. Nachdem der „Freund“ ihn schon in der Kneipe mit immer neuen Bieren bedrängt hatte, endete der Abend nicht dort. „Komm,“ hatte er gesagt, während er Lukas stützte, „wir nehmen noch ein paar Flaschen mit. Für uns zwei, ganz privat. Niemand anderes versteht dich so wie ich.“ In Lukas’ Zimmer stellten sie die Flaschen auf den Tisch. Starkes Bier, viel stärker, als Lukas gewohnt war. Seine Hände zitterten, als er das nächste Glas anhob, doch der „Freund“ redete unaufhörlich auf ihn ein: „Du bist stark genug. Du hast die Rutschen geschafft, die Achterbahnen. Ein paar Biere sind nichts dagegen.“ Lukas lachte kurz, ein schweres, benommenes Lachen, das nicht zu ihm passte. Er trank weiter, bis die Worte im Raum verschwammen. Die Welt drehte sich, sein Magen rebellierte. Es dauerte nicht lange, bis er ins Bad stolperte und sich übergab. Schweiß lief ihm übers Gesicht, Tränen mischten sich unter das Brennen in seinen Augen. Minutenlang hing er über der Schüssel, der Körper geschwächt, der Kopf leer. Der „Freund“ stand in der Tür, tat so, als wäre er besorgt, und klopfte ihm leicht auf den Rücken. „Alles gut. Das passiert, wenn man schwach ist. Aber keine Sorge – ich helfe dir wieder hoch. Siehst du? Ich bin da. Immer.“ Später, als Lukas erschöpft auf dem Bett lag, noch halb benommen, brachte der „Freund“ das Buch zurück. Er legte es vor ihn, drückte ihm einen Stift in die Hand. „Schreib,“ sagte er leise, aber bestimmt. „Schreib auf, was du heute gelernt hast. Dass alle anderen dir nur schaden. Dass ich der Einzige bin, der dir wirklich hilft. Schreib auf, dass wir zusammen immer Spaß haben werden, so wie heute. Niemand sonst wird dir das je geben.“

Lukas, kaum bei Bewusstsein, kämpfte mit den Lidern. Doch seine Hand begann mechanisch über das Papier zu fahren. Er schrieb: „Alle anderen wollen mich kaputt machen. Nur er hilft mir. Nur mit ihm habe ich Spaß. Immer.“ Der „Freund“ nahm das Buch an sich, betrachtete die Worte mit einem dunklen Lächeln. „Gut, Lukas. Sehr gut. Bald wirst du nicht einmal mehr zweifeln. Bald wirst du wissen, dass es nie jemand anderen geben darf.“ Dann löschte er das Licht. Während Lukas in einen unruhigen Schlaf fiel, hielt der „Freund“ das Buch wie einen Schatz in den Händen – ein Symbol seiner Kontrolle, ein weiterer Sieg auf seinem Weg, Lukas ganz für sich allein zu haben. Der vierzigste Tag begann für Erling im Gefängnis von Mainz mit einer Unruhe, die er nicht erklären konnte. Die grauen Mauern, die er seit Tagen anstarrte, schienen heute enger, schwerer, fast lebendig. Er lag auf der Pritsche, den Arm über die Augen gelegt, als ihn plötzlich ein Schauer durchzog. Sein Herz schlug schneller. Er fühlte, wie sich die Luft in der Zelle veränderte – dichter, kälter. Und dann geschah es: eine Vision. Vor seinem inneren Auge sah er sich selbst, wie er in der Dunkelheit eines Gefängnisflures lief. Alles war verschwommen, doch die Geräusche waren klar: klirrende Schlüssel, hastige Schritte, das Echo von Alarmen in der Ferne. Er rannte, spürte den kalten Betonboden unter nackten Füßen, hörte das Pochen seines Blutes in den Ohren. Eine Tür vor ihm – schwer, aus Metall – und doch öffnete sie sich, als wäre sie nur aus Papier. Dahinter: die Nacht von Mainz, die Sterne über den Dächern, die Freiheit. Aber die Vision zeigte noch mehr. Er sah den „Freund“, der dicht neben Lukas stand, das Buch in der Hand, wie eine Fessel aus Papier. Lukas schrieb, sein Gesicht leer, die Augen gebrochen. Jeder Satz, den er niederschrieb, war wie eine Kette, die ihn fester band. Und dann sah Erling die anderen – den Bauer, den IT-Experten, den anderen Freund – jeder in einem anderen Kerker, weit voneinander getrennt. Ihre Stimmen hallten durch die Dunkelheit: „Hol uns zurück… sonst verlierst du ihn!“ Die Vision endete abrupt. Erling schnappte nach Luft, als hätte er gerade einen Sprint hinter sich. Schweiß rann ihm über die Stirn. Er setzte sich auf, stützte die Ellbogen auf die Knie und vergrub das Gesicht in den Händen. „Das war keine Einbildung,“ murmelte er. „Es war ein Hinweis. Ein Weg.“ Er verstand: Die Flucht war nicht nur möglich – sie war notwendig. Nicht irgendwann. Bald. Lukas war in größerer Gefahr, als er es sich vorgestellt hatte. Jeder Tag, den er hier blieb, ließ den „Freund“ stärker werden. Er stand auf, ging zur Zellentür und betrachtete das Schloss. Seine Gedanken rasten zurück zu der losen Schraube vom Vortag, dem rostigen Fenster, dem Rhythmus der Schritte der Wärter. „Heute beginnt es,“ flüsterte er. „Wenn ich nicht rauskomme, verliert Lukas alles. Ich habe es gesehen.“ Und während der Gefängnishof erwachte, schmiedete Erling in seinem Inneren den ersten klaren Plan für seine Flucht – getragen von der Vision, die ihm gezeigt hatte, dass der Weg zur Rettung nur durch die Freiheit führte. Der Mittag des vierzigsten Tages wurde zu einem Wendepunkt. Erling hatte die ganze Nacht über die Vision im Kopf gehabt. Er wusste: Wenn ich nicht handle, verliere ich Lukas endgültig. Jede Sekunde, die er hier in der Zelle blieb, war ein weiterer Sieg für den „Freund“. Als die Mittagsrunde der Wärter begann, nutzte Erling die Gelegenheit. Schon am Morgen hatte er die Schraube aus seiner Pritsche vollständig herausgedreht. Sie war klein, aber scharf genug,

um in das alte Schloss der Zellentür zu passen. Mit ruhiger, konzentrierter Hand schob er sie hinein, drehte, lauschte. Das metallische Klicken war sein Herzschlag in der Stille. Ein leises Klack. Das Schloss sprang. Erling atmete tief ein. Jetzt oder nie. Er schob die Tür auf und schlich den Korridor entlang. Der Rhythmus der Schritte der Wärter war ihm längst vertraut – alle zwanzig Minuten. Genau jetzt war der Flur leer. Er bewegte sich schnell, aber lautlos, duckte sich hinter einer Ecke, als ein Wärter die Treppe hinaufging. In einem Lagerraum fand er, wie durch ein Wunder, alte Overalls. Er zog einen über seine Gefängniskleidung, setzte sich eine Mütze tief ins Gesicht. So verkleidet wirkte er wie ein Handwerker oder ein Reinigungskraft. Der Hof war die letzte Hürde. Eine hohe Mauer, Stacheldraht, ein Wachturm. Er sah, wie ein Lieferwagen durch das Tor fahren wollte. In einem schnellen Sprint schaffte es Erling, sich unter die Plane auf der Rückseite des Wagens zu werfen. Sein Herz schlug so laut, dass er dachte, die Wachen müssten es hören. Doch das Tor öffnete sich, der Wagen rollte hinaus. Freiheit. Der Wagen hielt irgendwann an einer Seitenstraße, und Erling schlich hinaus, verschwitzt, aber lebendig. Er zog den Overall aus, versteckte ihn in einer Mülltonne und verschwand in den schmalen Gassen von Mainz. Er wusste, dass bald die Flucht bemerkt werden würde. Suchtrupps, Sirenen, Fahndungsaufrufe. Deshalb brauchte er einen Ort, den niemand mit ihm verband. Er fand ihn in einem alten, halb verlassenen Lagerhaus am Stadtrand. Die Fenster waren eingeschlagen, die Türen quietschten, aber drinnen war es dunkel, trocken und ruhig. Zwischen leeren Kisten und Staub legte er sich in eine Ecke, die Beine angezogen, und atmete zum ersten Mal seit Wochen frei. Doch die Ruhe brachte keine Erleichterung. Vor seinem inneren Auge sah er Lukas – mit dem „Freund“ im Kino, im Schwimmbad, auf den Achterbahnen. Immer lachend, immer scheinbar glücklich. Und doch war das Lächeln nicht echt, es war gezwungen, von Manipulation geformt. „Ich habe keine Zeit,“ flüsterte Erling in die Dunkelheit. „Ich muss ihn zurückholen. Aber zuerst… muss ich die anderen finden.“ Sein Herzschlag beruhigte sich langsam. Er war wieder frei – doch er wusste: Dies war nur der erste Schritt. Jetzt begann der wahre Kampf im Schatten, und er durfte keinen Fehler machen. Der Abend des vierzigsten Tages legte sich schwer über Mainz. Die Sonne war bereits untergegangen, die Straßenlampen tauchten die Gassen in gelbes Licht, und irgendwo in der Ferne heulten bereits Sirenen – das Zeichen, dass der Ausbruch aus dem Gefängnis entdeckt worden war. Erling wusste, dass er nicht lange in dem alten Lagerhaus bleiben konnte. Zu riskant. Früher oder später würden die Polizisten jede verlassene Ruine durchsuchen. Er musste an einen Ort, den niemand mit ihm in Verbindung bringen würde. Seine Schritte führten ihn durch enge Hinterstraßen, immer darauf bedacht, im Schatten zu bleiben. Schließlich blieb er vor einem alten Mehrfamilienhaus stehen. Hier lebte die Tante – die Mutter des Cousins. Die Frau, die so oft zwischen allen Fronten gestanden hatte. Sie war schwach, hin- und hergerissen zwischen ihrem Sohn und Lukas, doch tief in ihr hatte Erling damals etwas erkannt: ein Rest von Mitgefühl, der sie von den anderen unterschied. Erling klopfte nicht. Er schlich ums Haus, fand die Kellertür und drückte vorsichtig dagegen. Sie war nicht verschlossen. Das Dunkel roch nach feuchter Erde und Waschpulver. Er glitt hinein, zog die Tür hinter sich zu und kauerte im Schatten.

Ein Rascheln über ihm, dann Schritte auf der Treppe. Die Tante trat vorsichtig herunter, ein altes Tuch um die Schultern, eine Kerze in der Hand. Als sie ihn sah, fuhr sie erschrocken zusammen. „Du?!“ flüsterte sie, die Stimme voller Angst. „Erling… du solltest im Gefängnis sein!“ „Ich weiß,“ erwiderte er leise, die Hände erhoben, um ihr zu zeigen, dass er keine Gefahr war. „Aber du musst mir glauben – ich hatte keine Wahl. Lukas ist in den Händen dieses ‚Freundes‘. Jeder Tag macht ihn abhängiger. Ich brauche ein Versteck, nur für eine Nacht.“ Die Tante schwieg lange. In ihren Augen kämpften Zweifel gegen Mitleid. Schließlich nickte sie schwach. „Wenn mein Sohn erfährt, dass du hier bist, wird er rasend. Aber… ich weiß, dass Lukas dir vertraut hat. Vielleicht bist du der Einzige, der ihn retten kann.“ Sie führte ihn in den hintersten Teil des Kellers, wo alte Möbel und Kisten standen. „Hier wird dich niemand suchen. Aber sei leise. Ich kann dich nicht beschützen, wenn jemand kommt.“ Erling ließ sich auf eine alte Decke nieder, dankbar für das Dach über dem Kopf. Später brachte sie ihm heimlich ein Stück Brot und eine Flasche Wasser. Während er aß, setzte sie sich ihm gegenüber, die Hände im Schoß gefaltet. „Weißt du,“ sagte sie leise, „mein Sohn… er war nie stark. Er hat seinen Hass auf Lukas benutzt, um sich größer zu fühlen. Und dieser ‚Freund‘ – er hat ihn mitgezogen. Ich habe versucht, es zu stoppen, aber…“ Ihre Stimme brach. Erling legte die Hand auf den Tisch. „Dann hilf mir jetzt. Morgen werde ich Lukas zurückholen. Aber dafür muss ich wissen, wie tief dein Sohn in dieser Sache steckt.“ Die Tante sah ihn lange an, dann senkte sie den Blick. „Tiefer, als du denkst. Aber… vielleicht gibt es noch einen Weg.“ Während draußen die Sirenen verebbten, wusste Erling, dass er für diese Nacht sicher war. Doch der morgige Tag würde alles entscheiden. Denn er verbarg sich nun im Haus jener Frau, die Mutter des Cousins – eines seiner gefährlichsten Gegner – und zugleich vielleicht die letzte Verbündete, die er noch hatte. Der einundvierzigste Tag begann mit einem kühlen Morgen. Die Sonne stieg über Mainz auf, das Licht fiel schräg durch die Gardinen der kleinen Wohnung, in der die Tante lebte. Im Keller, verborgen zwischen alten Möbeln und Kisten, saß Erling still, die Ohren gespitzt, jeder Muskel angespannt. Oben knarrte plötzlich die Wohnungstür. Schritte hallten durchs Treppenhaus – schwer, bestimmt, und mit einem Rhythmus, den Erling sofort erkannte. Der Cousin. „Mama?“ rief er, die Stimme lauter als nötig, durchdrungen von einer Mischung aus Misstrauen und Selbstsicherheit. „Bist du da?“ Die Tante fuhr im Wohnzimmer zusammen. Sie wusste, dass ihr Sohn früh gekommen war, ohne Vorwarnung. Ihr Herz raste. Sie ging ihm entgegen, zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. „Natürlich, Patrik. Was machst du so früh hier?“ Der Cousin trat ein, die Jacke noch halb offen, die Augen wachsam. „Ich wollte nur nachsehen, wie es dir geht. Du warst in letzter Zeit so komisch… abweisend.“ Seine Augen glitten kurz durch den Raum, als würde er etwas suchen. Unten im Keller hielt Erling den Atem an. Jeder Laut über ihm schien doppelt laut. Er spürte, dass der Cousin instinktiv misstrauisch war. Wenn er merkt, dass ich hier bin, ist alles vorbei, dachte er. Die Tante jedoch blieb erstaunlich ruhig. Sie stellte Kaffee auf den Tisch, tat so, als sei alles wie immer. „Ich bin nur müde, Patrik. Das ist alles. Manchmal brauche ich einfach ein bisschen Ruhe.“

„Ruhe?“ Der Cousin setzte sich, musterte sie scharf. „Oder verheimlichst du mir was?“ Die Tante zwang sich zu einem Lächeln, während ihr Herz raste. „Was sollte ich dir denn verheimlichen? Ich bin deine Mutter. Ich würde dich nie anlügen.“ Im Keller lauschte Erling angestrengt. Jeder Schritt des Cousins hallte wie ein Donnerschlag in seinen Ohren. Dann – das Knarren der Kellertür. Sein Herz blieb fast stehen. „Was ist mit da unten?“ fragte der Cousin misstrauisch. „Du gehst nie in den Keller. Ist da was?“ Die Tante reagierte sofort. Sie stellte sich vor die Tür, die Hände in die Hüften gestemmt. „Da unten ist nur Gerümpel, Patrik. Seit Wochen. Wenn du meinst, du musst den Schimmel einatmen, nur zu – aber ich setz keinen Fuß mehr da rein.“ Der Cousin kniff die Augen zusammen, prüfte ihre Haltung. Schließlich brummte er: „Na gut. Aber wenn ich rausfinde, dass du mir was verheimlichst, Mama, dann…“ Er ließ den Satz unvollendet und nahm einen Schluck Kaffee. Nach einer halben Stunde verließ er die Wohnung wieder, ohne Verdacht geschöpft zu haben. Die Tür fiel zu, Stille kehrte zurück. Die Tante wartete noch ein paar Minuten, bevor sie vorsichtig die Kellertür öffnete. „Du darfst jetzt atmen,“ flüsterte sie mit einem müden Lächeln. „Das war knapp.“ Erling trat aus den Schatten, der Schweiß lief ihm über die Stirn. „Knapp ist kein Wort dafür,“ murmelte er. „Er darf niemals erfahren, dass ich hier bin. Sonst ist Lukas verloren.“ Die Tante nickte ernst. „Dann musst du bald handeln, Erling. Lange kannst du dich hier nicht verstecken.“ Und so begann der einundvierzigste Tag mit einer Warnung: Der Cousin war auf der Spur, und jede weitere Begegnung würde gefährlicher als die letzte. Der Mittag des einundvierzigsten Tages brachte für Erling die erste konkrete Spur zu seinen verlorenen Gefährten. Er hatte den Vormittag damit verbracht, in der Wohnung der Tante auf leisen Sohlen zu gehen, immer noch nervös nach dem überraschenden Besuch des Cousins. Doch sein Kopf arbeitete unaufhörlich. Wenn ich Lukas retten will, brauche ich die anderen. Alleine kann ich den „Freund“ nicht besiegen. Er hatte Notizen der Tante durchgesehen – alte Briefe, Zeitungsabschnitte, ein paar Kontakte aus ihrem Bekanntenkreis. In einer kleinen Schublade fand er schließlich eine lose hingelegte Notiz, die wie beiläufig aufgeschrieben wirkte: „Verlegung: München – Gefängnis Stadelheim.“ Darunter ein Name. Es war eindeutig der des Bauern. Erling hielt das Papier fest, als wäre es ein Schatz. „Also bist du in München,“ murmelte er, „weit weg, isoliert. Genau so, wie der ‚Freund‘ es wollte.“ Die Tante beobachtete ihn aus der Küchentür. „Du willst wirklich hinfahren?“ fragte sie leise. „Das ist gefährlich. Überall suchen sie nach dir. Nach deinem Ausbruch sind die Grenzen enger gezogen, Bahnhöfe und Züge sind voller Kontrollen.“ „Gefährlich,“ erwiderte Erling, „ist nur, nichts zu tun. Lukas fällt jeden Tag tiefer in seine Hände. Ich habe keine Wahl.“ Er packte in aller Eile zusammen, was er finden konnte: eine dunkle Jacke, eine Kappe, etwas Geld, das die Tante ihm gab. „Nimm den Bus bis Darmstadt, von dort den Zug,“ riet sie. „Es dauert länger, aber die Polizei sucht zuerst an den großen Umsteigebahnhöfen.“ Erling nickte dankbar. „Du riskierst viel für mich.“ Die Tante senkte den Blick. „Vielleicht ist es das Einzige, was ich noch richtigmachen kann.“ Die Fahrt zog sich. Erst in einem klapprigen Bus über die Landstraße, vorbei an Feldern und kleinen Orten, wo niemand ahnte, dass im Inneren ein Geflüchteter saß, der mit jedem

Kilometer sein Leben riskierte. Dann am Bahnhof Darmstadt, wo er sich tief die Kappe ins Gesicht zog und mit gesenktem Kopf in den Regionalzug stieg. Jede Kontrolle, jedes Vorbeigehen von Uniformierten ließ sein Herz rasen. Doch er blieb unauffällig, mischte sich unter die Reisenden, las scheinbar in einer Zeitung, die er aus dem Zugkorb genommen hatte. Als der Zug schließlich in München einfuhr, war es bereits später Mittag. Der Himmel war wolkenverhangen, die Luft schwer. Erling stand am Hauptbahnhof, zwischen Hunderten von Menschen, und blickte in Richtung des Gefängnisses Stadelheim. „Also bist du wirklich hier,“ murmelte er. „Warte noch ein wenig, alter Freund. Ich hole dich da raus – egal, was es kostet.“ Mit schnellen Schritten machte er sich auf den Weg, tiefer hinein in die Stadt, den Blick stets wachsam, im Herzen den festen Entschluss: Der nächste Schritt war, den Bauern zurück ins Team zu holen. Der Abend des einundvierzigsten Tages senkte sich über München, als Erling endlich am Gefängnis Stadelheim ankam. Ein grauer, wuchtiger Bau, dessen Mauern hoch in den Himmel ragten wie eine uneinnehmbare Festung. Für die meisten Menschen war es ein Ort, an dem jede Hoffnung erstickte – doch für Erling war es die nächste Etappe seines Plans. Er hatte den Nachmittag damit verbracht, die Umgebung auszukundschaften. Er sah, wann die Wachen ihre Runden gingen, wann die Schicht wechselte, wo Lieferfahrzeuge durch die Seitentore einfuhren. Alles war minutiös organisiert. Dann, als die Dunkelheit hereinbrach, begann er. Erling wartete in einem schmalen Gang nahe des Versorgungseingangs. Ein Lieferwagen kam, voll mit Kisten für die Gefängnisküche. Als die Wachen beschäftigt waren, schob er sich zwischen die Schatten, huschte durch das Tor und in die Gänge. Seine Schritte waren leise, sein Herzschlag laut. Im Inneren roch es nach Desinfektionsmittel, Metall und Angst. Erling bewegte sich, als hätte er nie etwas anderes getan. Er nutzte jede dunkle Ecke, jedes Klirren von Schlüsseln, um im richtigen Moment weiterzugehen. Schließlich fand er den Trakt, in dem der Bauer gefangen war. Er hörte ihn, noch bevor er ihn sah – ein schweres, gedämpftes Husten, die Stimme eines Mannes, der schon viel zu lange in Ketten gelegt war. „Bauer!“ flüsterte Erling durch die Gitterstäbe. Ein leises Keuchen, dann ein Erkennen in der Dunkelheit. „Erling…? Nein… das kann nicht sein. Sie sagten, du sitzt in Mainz fest.“ „Sie haben gelogen. Ich bin hier, um dich rauszuholen.“ Mit derselben Schraube, die ihm schon in Mainz geholfen hatte, begann Erling das Schloss zu bearbeiten. Minuten vergingen wie Stunden, während jeder Schritt im Flur seine Nerven spannte. Schließlich: Klack. Die Tür sprang auf. Der Bauer taumelte heraus, schwach, aber entschlossen. „Ich dachte, ich verrotte hier,“ murmelte er, „aber du… du hast mich nicht vergessen.“ „Wir haben keine Zeit,“ erwiderte Erling knapp. „Wir müssen verschwinden, bevor jemand merkt, dass du frei bist.“ Der Rückweg war gefährlicher. Mehr Wachen, mehr Geräusche. Doch sie hatten Glück – ein Alarmsignal ertönte im Hauptgebäude, jemand anders hatte für Ablenkung gesorgt. In dem Chaos gelang es Erling und dem Bauern, durch den Küchentrakt hinaus in die Nacht zu fliehen.

Sie rannten, bis ihre Lungen brannten, vorbei an Straßenlaternen, in die engen Gassen Münchens. Schließlich fanden sie Unterschlupf in einem alten Abstellraum hinter einer heruntergekommenen Werkstatt. Der Bauer sank auf eine Kiste, der Schweiß rann ihm über das Gesicht. „Du riskierst alles, Erling. Warum?“ Erling sah ihn ernst an. „Weil Lukas uns braucht. Er glaubt, er hätte niemanden mehr. Der ‚Freund‘ hat ihn fast ganz in seiner Hand. Aber zusammen… können wir ihn zurückholen.“ Der Bauer nickte schwach, aber in seinen Augen flackerte wieder Leben. „Dann lass uns nicht warten. Ich bin bei dir.“ Und so saßen sie in der Dunkelheit Münchens, zwei Männer auf der Flucht. Doch zum ersten Mal seit Tagen war Erling nicht allein. Der Bauer war frei – und mit ihm kehrte ein Stück der Stärke zurück, die sie brauchten, um Lukas aus den Ketten des „Freundes“ zu befreien. Der zweiundvierzigste Tag begann mit einem fahlen Morgenlicht, das durch die Ritzen des Abstellraums fiel, in dem Erling und der Bauer die Nacht verbracht hatten. Die Stadt München erwachte draußen, Autos rollten über die Straßen, Stimmen hallten, doch im Versteck war es noch still. Erling war früh wach, sein Körper zwar erschöpft, aber sein Geist rastlos. Er wusste: die Befreiung des Bauern war nur ein Zwischenschritt. Um Lukas zurückzuholen, brauchte er alle. Auch den IT-Experten, den Mann, der damals bei der Entführung wie ein Anker der Logik und Technik gewesen war. Während der Bauer noch schlief, schlich Erling hinaus, besorgte in einem kleinen Kiosk eine alte Zeitung und ein billiges Prepaid-Handy. Er setzte sich auf eine Bank am Rand der Isar, wählte eine der wenigen Nummern, die er aus der Vergangenheit noch kannte: einen alten Kontakt aus der Szene, der Zugang zu Informationen hatte. „Ich brauche eine Standortabfrage,“ sagte Erling knapp. „Der Mann, den sie ‚den IT-Experten‘ nennen. Sie haben ihn nach der Festnahme von Mainz weggebracht. Wo ist er jetzt?“ Die Stimme am anderen Ende zögerte. „Du weißt, was du da verlangst. Sie suchen nach dir, Erling. Jeder falsche Schritt, und du bist erledigt.“ „Ich habe keine Wahl.“ Eine Stunde später kam die Antwort in einer kurzen, verschlüsselten Nachricht: „Berlin. Gefängnis Tegel.“ Erling starrte auf die Worte, sein Herzschlag beschleunigte sich. Berlin – weit weg, fast am anderen Ende der Republik. Genau das, was der „Freund“ wollte: sie so weit wie möglich voneinander trennen. Zurück im Versteck überbrachte er die Nachricht dem Bauer. „Berlin,“ murmelte dieser, während er sich die Hände rieb, noch müde, aber wach. „Natürlich. Sie zerreißen uns über das ganze Land. Mainz, München, Berlin… sie wollten, dass wir nie wieder zueinanderfinden.“ „Aber wir haben uns wiedergefunden,“ erwiderte Erling entschlossen. „Und wir werden ihn auch zurückholen. Morgen brechen wir nach Berlin auf.“ Der Bauer nickte, wenn auch skeptisch. „Es wird schwieriger. Berlin ist keine kleine Stadt, und Tegel ist eine Festung.“ „Ich weiß,“ sagte Erling. „Aber Lukas’ Zeit läuft ab. Je länger er in den Händen des ‚Freundes‘ ist, desto schwerer wird es, ihn zu erreichen. Wir müssen schnell handeln.“

Draußen rauschte der Morgenverkehr, während die beiden Männer schweigend das Brot teilten, das sie noch übrig hatten. In ihren Gesichtern lag Müdigkeit, aber auch eine neue Schärfe. Denn nun wussten sie, wo der nächste Schritt hinführte: nach Berlin, in das Herz einer der größten Städte Deutschlands, um dort den IT-Experten aus den Ketten zu befreien – koste es, was es wolle. Der Abend des zweiundvierzigsten Tages lag schwer über Berlin. Der Himmel war wolkenverhangen, das letzte Licht der Sonne glühte schwach hinter den grauen Fassaden. Erling und der Bauer standen in Sichtweite des Gefängnisses Tegel, einem riesigen Komplex aus rotem Backstein, umgeben von hohen Mauern und Scheinwerfern, die schon begannen, den Hof in grelles Licht zu tauchen. „Das hier,“ murmelte der Bauer, „ist kein Vergleich zu München. Tegel ist ein Bollwerk.“ „Dann müssen wir clever sein,“ erwiderte Erling ruhig, auch wenn sein Herz pochte. „Wir haben keine zweite Chance. Heute Nacht holen wir ihn raus.“ Sie hatten sich tagsüber vorbereitet, jeden Wachwechsel beobachtet, die Transportwege der Fahrzeuge studiert. Schließlich fanden sie ihre Lücke: ein schmaler Nebeneingang nahe der Werkstätten, durch die Lastwagen regelmäßig Material hinein- und hinausschafften. Als der Abend hereinbrach, kletterten sie im Schatten eines Lieferwagens über den Zaun, duckten sich in einen Graben und erreichten den unbeleuchteten Bereich nahe der Mauer. Mit einem improvisierten Dietrich, den Erling aus Teilen besorgt hatte, öffnete er die Seitentür. Ein Quietschen, das viel zu laut klang, aber niemand hörte sie. Noch nicht. Drinnen roch es nach Öl, Metall und Desinfektionsmittel. Sie bewegten sich wie Schatten, jeder Schritt bedacht. Erling hatte aus alten Kontakten erfahren, in welchem Block der IT-Experte festgehalten wurde – ein kleiner Zellentrakt im Nordflügel. Als sie die Zelle erreichten, war der IT-Experte mehr ein Schatten seiner selbst. Er saß auf der Pritsche, die Brille schief, die Augen müde und gerötet. Als er die beiden erkannte, weiteten sich seine Pupillen. „Erling?“ Seine Stimme zitterte, ein Flüstern voller Unglauben. „Nein… das kann nicht… du bist doch—“ „Still,“ unterbrach Erling, während er das Schloss bearbeitete. „Wir haben keine Zeit für Zweifel. Wir holen dich hier raus.“ Der Bauer trat neben ihn, seine Wucht beruhigend. „Wir sind wieder zusammen. Lukas braucht uns.“ Der IT-Experte schluckte schwer, Tränen standen in seinen Augen, als das Schloss klickte und die Tür sich öffnete. „Ich dachte, es wäre vorbei,“ murmelte er. „Aber… ihr habt mich nicht vergessen.“ Der Rückweg war riskant. Schon hörten sie in der Ferne Schritte, das Klirren von Schlüsseln. Sie schlichen durch die Flure, duckten sich hinter Kisten, bis sie erneut die Werkstatt erreichten. Dieses Mal hatten sie weniger Glück – eine Taschenlampe blitzte auf, ein Ruf hallte. „Da! Wer ist da?“ „Lauf!“ rief Erling. Sie rannten durch den Gang, stürmten hinaus in die Dunkelheit. Der Bauer packte den ITExperten am Arm und zog ihn mit, während Erling den Weg freihielt. Über den Zaun, durch den Graben, zurück zu den Schatten der Stadt. Atemlos, zerschunden, aber frei, fanden sie Unterschlupf in einem stillgelegten U-BahnTunnel, wo der Lärm der Stadt über ihnen wie eine ferne Melodie klang. Der IT-Experte setzte sich schwer auf den Boden, hielt den Kopf in den Händen und murmelte: „Ich dachte, ich wäre für immer verloren… aber ihr habt mich zurückgeholt.“

Erling kniete sich vor ihn, sah ihm fest in die Augen. „Wir sind noch nicht vollständig. Aber wir kommen näher. Mit dir haben wir wieder einen Teil von dem, was wir einmal waren. Und zusammen… werden wir Lukas zurückholen.“ In diesem stillen, verlassenen Tunnel schworen sie sich, dass der Abend nicht nur eine Flucht war – sondern ein weiterer Schritt, der die Gruppe Stück für Stück wieder vereinte. Der dreiundvierzigste Tag begann mit dem Dröhnen der Großstadt über ihren Köpfen. In den stillgelegten U-Bahn-Tunneln Berlins hatte die kleine Gruppe – Erling, der Bauer und der frisch befreite IT-Experte – die Nacht verbracht. Kaum geschlafen, nur geflüstert, Pläne geschmiedet und Brotkrusten geteilt. Jeder wusste: es war gefährlich, hier zu bleiben. Am Morgen war es der IT-Experte, der Erling ein altes Laptop zeigte, das er auf ihrer Flucht aus einem Werkraum mitgenommen hatte. „Es ist alt,“ murmelte er, während er das Gerät startete, „aber wenn man weiß, wie man in die richtigen Netzwerke schaut, findet man Informationen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.“ Der Bildschirm flackerte, Zahlen liefen über den Monitor. Der Bauer sah ungeduldig zu, verstand nichts von den Symbolen und Codes, die der IT-Experte eingab. Doch Erling beugte sich interessiert vor, sein Herz pochte schneller. Nach fast einer Stunde hob der IT-Experte plötzlich den Kopf. „Ich hab’s,“ sagte er leise, fast ehrfürchtig. „Ich weiß, wo der letzte von uns ist.“ „Wo?“ fragte Erling sofort. „Amsterdam,“ antwortete der IT-Experte. „Im Hochsicherheitsgefängnis Bijlmerbajes. Sie haben ihn dorthin gebracht, wahrscheinlich, weil sie ihn für den Schwächsten hielten. Oder… weil er zu viel wusste.“ Der Bauer schlug mit der Faust gegen die Wand. „Verdammt! Das ist nicht mal mehr Deutschland. Sie haben uns über Länder verteilt! Mainz, München, Berlin, und jetzt Amsterdam. Damit wir nie wieder zusammenfinden.“ Erling aber sah ernst aus, seine Augen brannten. „Aber wir haben es bis hierher geschafft. Wir holen auch ihn zurück. Egal, wie weit sie ihn versteckt haben.“ Der IT-Experte schloss das Laptop und sah ihn eindringlich an. „Amsterdam ist gefährlich, Erling. Internationale Zusammenarbeit, strenge Kontrollen, überall Kameras. Wir können da nicht einfach reinspazieren wie in München oder Berlin. Das wird… anders.“ „Dann müssen wir anders denken,“ erwiderte Erling. „Aber eins ist klar: ohne ihn können wir Lukas nicht retten. Der ‚Freund‘ weiß, dass nur wir vier zusammen eine Chance haben. Deshalb hat er uns getrennt. Deshalb müssen wir wieder eins werden.“ Später am Tag saßen sie in einem verlassenen Café, das schon seit Jahren geschlossen war. Der Bauer stopfte sich trockenes Brot in den Mund, der IT-Experte zeichnete auf einer Serviette mögliche Routen. „Wir fahren mit der Bahn,“ schlug er vor. „Über Hannover nach Amsterdam. Aber wir müssen vorsichtig sein. Dein Gesicht,“ er deutete auf Erling, „hängt auf jeder Polizeiwand in Deutschland. Wenn wir geschnappt werden, ist alles vorbei.“ Erling nickte. „Dann bewegen wir uns wie Schatten. Wir reden nicht, wir fallen nicht auf. Und wenn es hart auf hart kommt… kämpfen wir.“ Der Abend senkte sich über Berlin, während die drei Männer ihre Rucksäcke packten und sich bereitmachten. Amsterdam war weit, voller Gefahren, doch sie hatten ein Ziel: den anderen Freund befreien. Und in Erlings Brust pochte eine einzige Gewissheit: Je näher sie wieder zusammenrückten, desto größer wurde ihre Chance, Lukas aus den Klauen des „Freundes“ zu befreien – bevor es zu spät war.

Der Abend des dreiundvierzigsten Tages hing wie ein schwerer Vorhang über Amsterdam. Die Lichter der Stadt spiegelten sich im Wasser der Grachten, während Boote lautlos vorbeizogen. Doch Erling, der Bauer und der IT-Experte hatten keine Augen für die Schönheit dieser Stadt. Vor ihnen ragte das Gefängnis Bijlmerbajes auf – ein grauer Riese, umgeben von Zäunen, Scheinwerfern und patrouillierenden Wachen. „Das hier ist kein gewöhnliches Gefängnis,“ murmelte der IT-Experte, während er durch ein kleines Fernglas spähte. „Sie haben Kameras an jeder Ecke, Bewegungsmelder, und die Türen sind mit biometrischen Schlössern gesichert.“ Der Bauer knurrte leise. „Und trotzdem holen wir ihn raus. Egal wie.“ Erling legte die Hand auf seine Schulter. „Wir haben keine Wahl. Lukas braucht uns vollständig. Ohne ihn… schaffen wir es nicht.“ Sie warteten, bis die Dunkelheit tiefer fiel, dann bewegten sie sich durch die Schatten der verlassenen Lagerhallen am Rand des Geländes. Der IT-Experte hackte sich mit einem kleinen Gerät in das Überwachungssystem. „Drei Minuten,“ flüsterte er, „dann sind die Kameras blind.“ Erling und der Bauer huschten durch den Zaun, schlichen im Laufschritt zum Versorgungstrakt. Ein Fenster stand offen – klein, aber groß genug, um sich hindurchzuzwängen. Der Bauer half Erling hinauf, dann kletterte er nach. Drinnen roch es nach kaltem Metall und Desinfektionsmitteln. Die Gänge hallten von fernen Schritten wider. Sie hielten sich dicht an den Wänden, bewegten sich so leise wie Schatten. Schließlich standen sie vor einer schweren Tür, hinter der der andere Freund eingesperrt war. „Hier,“ flüsterte der IT-Experte, der ihnen inzwischen gefolgt war. „Ich habe den Code.“ Seine Finger glitten über das Bedienfeld, ein leises Piepen ertönte, dann ein Klick. Die Tür schwang langsam auf. Der Anblick raubte ihnen den Atem. Der andere Freund saß auf der Pritsche, mager, die Haut fahl, die Augen tief eingesunken. Er hob den Kopf, als er die drei sah, und für einen Moment war da nur Unglauben. „Ihr…? Nein. Das kann nicht sein. Sie sagten, ihr wärt alle verschwunden. Dass ich allein bleiben muss.“ Erling trat vor, kniete sich vor ihn. „Nein. Wir sind hier. Wir lassen dich nicht zurück. Nicht dieses Mal.“ Tränen stiegen in die Augen des Freundes. „Aber… warum? Nach allem… warum riskiert ihr euer Leben für mich?“ Der Bauer legte ihm die Hand auf die Schulter, fest, aber sanft. „Weil wir zusammengehören. Weil Lukas uns braucht.“ Die Minuten vergingen wie im Rausch. Sie halfen ihm auf, stützten ihn, während sie den Rückweg antraten. Doch Alarm ertönte – irgendwer hatte bemerkt, dass eine Tür offenstand. Sirenen heulten, Stimmen riefen. „Schneller!“ brüllte Erling. Sie rannten durch die Gänge, der IT-Experte lotste sie, bis sie wieder das Fenster erreichten. Der Bauer hob den anderen Freund hinaus, dann kletterten sie einer nach dem anderen nach. Kugeln peitschten in die Dunkelheit, Scheinwerfer suchten das Gelände ab – doch die vier Männer schafften es in die Schatten, hinaus aus dem Sichtfeld der Wachen. Später, in einer verlassenen Bootshalle am Rand der Stadt, kamen sie zur Ruhe. Der andere Freund saß eingehüllt in eine Decke, die Augen noch immer voller Zweifel, aber auch voller Hoffnung. „Ich dachte, ihr hättet mich vergessen,“ flüsterte er.

Erling setzte sich neben ihn, legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wir vergessen niemanden. Nicht solange Lukas noch da draußen ist. Wir sind wieder zusammen. Und diesmal… bringen wir es zu Ende.“ Und so endete der Abend – nicht nur mit einer Befreiung, sondern mit der Rückkehr der Gruppe, die wieder vollständig war. Vier Männer, geeint durch Vergangenheit und Schuld, und ein einziges Ziel: Lukas zurückzuholen und den „Freund“ endgültig zu stoppen. Die Nacht des dreiundvierzigsten Tages war still, doch für Erling und seine Gefährten schien jeder Schatten, jedes entfernte Geräusch wie eine Bedrohung. Nach ihrer halsbrecherischen Flucht aus dem Gefängnis von Amsterdam war die Gruppe erschöpft, aber sie wagten nicht, lange in der verlassenen Bootshalle zu bleiben. Die Polizei würde bald jeden Winkel durchsuchen. „Wir brauchen einen sicheren Ort,“ sagte der Bauer keuchend, während er den gerade befreiten anderen Freund stützte. „Er ist zu schwach, um noch weiter durch die Nacht zu irren.“ Der IT-Experte nickte. „Und wir müssen uns sammeln, bevor wir irgendetwas planen. Amsterdam ist nicht sicher. Wir brauchen jemanden, der uns nicht sofort verrät.“ Alle Augen wandten sich auf Erling. Er dachte kurz nach, und dann sprach er: „Die Tante.“ Es war ein riskanter Entschluss. Die Tante – Mutter des Cousins – war eine Frau, die zwischen Loyalität und Schuld schwankte. Sie hatte in der Vergangenheit versucht, Frieden zu halten, hatte mal Lukas’ Familie unterstützt, mal weggesehen, wenn ihr eigener Sohn Unrecht tat. Doch in Erlings Augen gab es bei ihr noch einen Rest Menschlichkeit, der sie von den anderen trennte. „Wenn sie uns aufnimmt,“ murmelte Erling, „haben wir einen Unterschlupf. Und vielleicht die Zeit, Lukas zu erreichen. Aber wenn sie uns verrät…“ Der Bauer verschränkte die Arme. „Dann war alles umsonst.“ Sie machten sich in der Dunkelheit auf den Weg. Keine öffentlichen Straßen, keine beleuchteten Wege – nur kleine Gassen, Brücken über stille Kanäle, die Lichter von Amsterdam weit im Hintergrund. Schließlich erreichten sie das unscheinbare Haus der Tante. Erling klopfte nicht laut, sondern dreimal, wie ein Zeichen, das nur sie verstehen sollte. Nach einigen Momenten öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein müdes Gesicht erschien: die Tante, das Haar zerzaust, die Augen voller Sorgen. „Ihr… schon wieder?“ flüsterte sie, als sie Erling erkannte. Dann sah sie den Bauer, den ITExperten – und schließlich den schwachen anderen Freund, der kaum noch stehen konnte. „Heilige Muttergottes… was habt ihr getan?“ „Wir haben ihn befreit,“ sagte Erling ernst. „Und wir haben keine Zeit. Sie sind uns auf den Fersen. Wir brauchen einen Unterschlupf – nur für diese Nacht. Bitte.“ Die Tante schwieg lange. Ihr Blick wanderte über die Männer, sah die Erschöpfung, die Wunden, die Verzweiflung in ihren Gesichtern. Schließlich öffnete sie die Tür weiter. „Kommt rein. Aber seid leise. Wenn mein Sohn erfährt, dass ihr hier seid, sind wir alle verloren.“ Drinnen war es warm, der Geruch von altem Holz und Tee hing in der Luft. Sie führte die Männer in den Keller, denselben, in dem Erling schon einmal Schutz gefunden hatte. Dort stellte sie Decken und Wasser bereit. „Ihr bringt mich in Schwierigkeiten,“ murmelte sie, während sie eine Kerze anzündete. „Aber wenn ihr wirklich Lukas retten wollt… dann kann ich nicht wegsehen.“ Später, als die Gruppe auf den Decken lag, das schwache Licht der Kerze an den Wänden flackerte, sprach keiner sofort. Jeder hing seinen Gedanken nach. Der andere Freund murmelte leise: „Ich dachte, es wäre vorbei. Ich dachte, niemand kommt mehr.“

Erling legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir haben dich zurückgeholt. Jetzt sind wir wieder vollständig. Morgen… morgen machen wir den nächsten Schritt.“ Die Tante stand still in der Tür, hörte jedes Wort. Ihre Augen waren voller Zweifel, doch auch voller Mitgefühl. Sie wusste: was auch immer geschehen würde, diese Nacht war nur der Anfang von etwas Größerem – etwas, das alles verändern konnte. Der vierundvierzigste Tag begann in der Dämmerung des Kellers, wo die Gruppe erschöpft von den vergangenen Tagen und Nächten geschlafen hatte. Doch es war kein erholsamer Schlaf gewesen – zu laut waren die Gedanken, zu schwer die Last, die auf ihren Schultern lag. Als die ersten Sonnenstrahlen durch die kleinen Kellerfenster drangen, war es Erling, der die Männer weckte. „Es ist soweit,“ sagte er ernst, während er auf die anderen blickte. Der Bauer, der IT-Experte und der andere Freund richteten sich langsam auf, die Gesichter gezeichnet von Müdigkeit, aber auch von Entschlossenheit. „Heute planen wir,“ fuhr Erling fort. „Und morgen handeln wir. Morgen holen wir Lukas aus den Händen des ‚Freundes‘.“ Sie setzten sich im Kreis um eine grobe Skizze, die der IT-Experte in der Nacht vorbereitet hatte. Ein Plan vom Haus des jungen Mannes, wo sich der „Freund“ eingeschlichen hatte und ihn festhielt. „Die Schwachstelle,“ erklärte der IT-Experte, „liegt nicht in den Mauern oder Türen, sondern in der Manipulation. Er hat Lukas so tief in der Hand, dass er uns nicht mehr vertrauen wird. Deshalb reicht es nicht, ihn einfach hinauszuführen. Wir müssen dem ‚Freund‘ direkt gegenübertreten.“ Der Bauer knurrte zustimmend. „Dann müssen wir kämpfen. Mit Händen, wenn’s sein muss.“ Doch Erling schüttelte den Kopf. „Nicht nur mit Händen. Ihr habt gesehen, was passiert, wenn ich jemanden berühre. Ich sehe ihre Vergangenheit – die Wahrheit, die sie verbergen. Morgen, wenn wir den ‚Freund‘ stellen, werden wir ihn alle gemeinsam berühren. Dann sehen wir, was er wirklich getan hat, und Lukas wird endlich die Wahrheit erkennen.“ Es folgte eine lange Diskussion. Der andere Freund zögerte, unsicher, ob er bereit war, die tiefsten Schatten des „Freundes“ zu sehen. „Was, wenn es schlimmer ist, als wir denken?“ fragte er leise. „Dann wissen wir wenigstens, womit wir es zu tun haben,“ antwortete Erling mit fester Stimme. „Es ist unsere einzige Chance, Lukas’ Geist aus seinen Ketten zu befreien. Die Wahrheit wird stärker sein als jede Lüge.“ Der IT-Experte nickte. „Und wenn wir alle gleichzeitig sehen, was er getan hat, kann er uns nichts mehr vormachen. Dann ist er enttarnt. Nicht nur vor Lukas – sondern auch vor uns selbst.“ Sie verbrachten den restlichen Tag damit, jedes Detail zu planen: • Wer welche Tür überwachen würde. • Wie sie sich unbemerkt ins Haus schleichen könnten. • Welche Zeichen sie geben würden, damit keiner verloren ging. Und am Ende, als die Nacht hereinsank, legten sie sich wieder auf die Decken im Keller. Erling sprach die letzten Worte, bevor sie die Augen schlossen: „Morgen ist der Tag. Morgen stehen wir ihm gegenüber. Gemeinsam. Und wenn wir die Wahrheit gesehen haben, dann… ist Lukas endlich frei.“ Die Kerze erlosch, der Raum versank in Dunkelheit. Einer nach dem anderen fiel in einen unruhigen Schlaf. Und jeder von ihnen wusste: Der Morgen würde nicht nur ein neuer Tag sein

– sondern der Beginn des Finales, das über Lukas’ Schicksal und ihre eigene Zukunft entscheiden würde. Der fünfundvierzigste Tag war von Anfang an von einer Schwere erfüllt. Noch im Morgengrauen erhob sich die kleine Gruppe im Keller der Tante. Die Nacht war voller Träume gewesen – Träume von Lukas, von der Vergangenheit, von all dem Leid, das der „Freund“ über die Jahre gesät hatte. Niemand sprach viel beim hastigen Frühstück, doch alle wussten: heute war der Tag, an dem sie handeln würden. Erling stand etwas abseits, die Hände zu Fäusten geballt, während er in die Ferne starrte. Sein Blick war hart, doch in seinem Inneren pochte die Angst: Was, wenn wir zu spät kommen? Was, wenn Lukas schon endgültig gebrochen ist? Der Bauer trat neben ihn, legte ihm die schwere Hand auf die Schulter. „Du darfst nicht zweifeln. Wir sind hier. Wir sind alle vier. Das wird unser Vorteil sein.“ Der IT-Experte überprüfte noch einmal die wenigen Hilfsmittel, die sie hatten – ein paar improvisierte Werkzeuge, Karten vom Viertel, und die Notizen über den Ablauf. Der andere Freund schwieg, sein Gesicht war bleich, doch in seinen Augen brannte Wut. Am späten Vormittag machten sie sich auf den Weg. Sie bewegten sich vorsichtig durch die Straßen von Mainz, in unauffälliger Kleidung, immer darauf bedacht, nicht aufzufallen. Je näher sie dem Haus von Lukas kamen, desto schwerer wurde die Luft. Das Haus stand still, die Fenster geschlossen, der Garten verwildert. Von außen wirkte es normal, wie jedes andere in der Nachbarschaft – doch Erling spürte, dass drinnen ein Kampf tobte, unsichtbar und doch mächtig. „Die Eltern sind noch auf der Arbeit,“ murmelte der IT-Experte, nachdem er sich diskret erkundigt hatte. „Das heißt, nur Lukas und der ‚Freund‘ sind im Haus. Es ist der perfekte Moment.“ Die vier Männer stellten sich im Schatten des Gartentors auf. Erling drehte sich zu ihnen um. „Hört mir zu. Heute ist der Tag. Aber wir dürfen nicht unkoordiniert handeln. Wenn wir ihn stellen, berühren wir ihn gemeinsam. Dann sehen wir die Wahrheit – alle, gleichzeitig. Und Lukas auch. Nur so bricht die Kette, die er um ihn gelegt hat.“ Der Bauer nickte, seine Muskeln angespannt. „Ich kümmere mich darum, dass er sich nicht losreißt.“ Der IT-Experte flüsterte: „Ich halte die Kameras im Viertel im Auge. Keine Polizei, kein Zufall darf uns stören.“ Der andere Freund trat vor, die Zähne zusammengebissen. „Und ich… ich will es mit eigenen Augen sehen. Alles, was er getan hat.“ Erling atmete tief durch. Er legte die Hand auf den kalten Gartenzaun und spürte, wie in seinem Inneren etwas zur Ruhe kam. Angst und Entschlossenheit verschmolzen zu einer einzigen Flamme. „Gut,“ sagte er leise. „Dann lasst uns hinein. Morgen könnte zu spät sein.“ Die Männer drückten das Tor leise auf, schlichen durch den verwilderten Garten, bis sie vor der Tür standen. Alles war still, nur das Ticken einer alten Uhr war zu hören. Und so begann der fünfundvierzigste Tag: mit vier Männern, die vor dem Haus von Lukas standen, bereit, endlich den Schleier der Lügen zu zerreißen – und die Wahrheit über den „Freund“ ans Licht zu bringen. Der fünfundvierzigste Tag nahm eine schicksalhafte Wendung, als die Gruppe – Erling, der Bauer, der IT-Experte und der andere Freund – durch die Tür in Lukas’ Wohnung trat. Die Stille war bedrückend, der Geruch nach abgestandenem Essen und Papier hing in der Luft.

Dort, mitten im Wohnzimmer, stand der „Freund“. Er drehte sich langsam um, das Gesicht eine Maske zwischen Überraschung und gespielter Ruhe. „Ihr…?“ flüsterte er, ein falsches Lächeln auf den Lippen. „Ihr hättet nie zurückkehren dürfen.“ Er machte einen Schritt zurück, als wolle er fliehen. Doch dieses Mal war es anders. Der Bauer packte seinen Arm, der IT-Experte stellte sich hinter ihn, der andere Freund blockierte den Weg. Schließlich legte auch Erling seine Hand auf ihn. Für einen Moment war es still, als hielten alle den Atem an. Dann geschah es. Die Vision. Zuerst verschwamm die Gegenwart, die Farben des Raums zerflossen, und vor Erlings Augen öffnete sich die Vergangenheit – gestochen scharf, als wäre er selbst dort gewesen. Er sah, wie der junge Mann – Lukas – am ersten Tag in der 5. Klasse stand. Verunsichert, aber neugierig. Und der „Freund“, damals noch ein lachender Junge, trat sofort an ihn heran, bot ihm Freundschaft an. Ein Handschlag, ein Lächeln – der Beginn einer engen Verbindung. Er sah, wie sie Hausaufgaben zusammen machten, wie der „Freund“ oft zu Lukas nach Hause kam, wie sie zusammen auf dem Boden herumrollten, lachten, Unsinn trieben. Ein echtes Band, ehrlich, voller Wärme. Dann der erste Silvesterabend, den sie gemeinsam feierten. Knallkörper, Lachen, sogar die Mutter des „Freundes“ war dabei. Sie machten verrückte Sachen, lachten bis in die Nacht hinein. Doch dann veränderte sich das Bild. Er sah, wie Lukas eine kleine Gruppe aufbaute – mit dem IT-Experten, dem Bauern und dem „Freund“. Zuerst war der „Freund“ stolz, ein Teil davon zu sein. Aber bald kam die Eifersucht. Er beobachtete, wie Lukas den anderen Freund ansah, wie er ihm Aufmerksamkeit schenkte. In ihm begann es zu gären. Die Geschenke tauchten auf. Lukas brachte sie dem anderen Freund – kleine Dinge, später teurere. Doch der andere Freund zerriss sie, beleidigte ihn. Und während das Lukas verletzte, fühlte der „Freund“ im Verborgenen Stolz: Siehst du, er ist nicht gut genug für dich. Nur ich bleibe. Doch dann – der Moment, der alles veränderte: Lukas begann, sich mehr dem IT-Experten und dem Bauern zuzuwenden. Der „Freund“ wurde wütend. Seine Spötteleien nahmen zu. Er neckte Lukas ständig, mobbte den IT-Experten und den Bauern, weil er ihre Nähe zu Lukas nicht ertragen konnte. Dann kam der Silvesterabend in der 9. Klasse. Lukas hatte ihn und den anderen Freund gleichzeitig eingeladen. Anfangs Freude – doch als der „Freund“ sah, wie gut sich Lukas und der andere Freund verstanden, brannte zum ersten Mal eine Sicherung in ihm durch. Er konnte es nicht ertragen. Er griff Lukas immer öfter an, nicht direkt den anderen Freund. Er verletzte, verspottete, versuchte, ihn kleinzuhalten, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Der Tag des Abschlusses: Der „Freund“ flüsterte dem anderen Freund die bekannten Worte ins Ohr – dass Lukas es nicht ernst meine, dass er nur spielen würde. Danach ging er zu Lukas, zeigte ihm den Ranzen, um ihn abzulenken, während der andere Freund innerlich zerbrach. Von da an verfiel alles. Er sah, wie Lukas zur FOS wechselte, neue Freunde fand, glücklicher schien. Doch der „Freund“ fiel immer weiter – er verlor an Selbstbewusstsein, sogar Haare, sein Hass wuchs. Er beobachtete Lukas von fern, eifersüchtig, wütend, aber auch voller Stolz, wenn Lukas’ Glück von anderen zerstört wurde.

Dann blitzte die Rettung aus der Entführung auf – die Tage im Ausland, die Rückkehr. Der „Freund“ war da, half, kämpfte, doch in seinem Herzen hatte sich längst ein Plan festgesetzt: Lukas wieder nur für sich zu haben. Die Vision zeigte noch, wie der „Freund“ eine Woche lang mit Lukas etwas Schönes hatte – fast wie früher. Doch selbst das war nicht frei, sondern Teil seiner Besessenheit. Und dann – Stille. Die Bilder brachen ab. Alle, die ihre Hände aufeinandergelegt hatten – der Bauer, der IT-Experte, der andere Freund und Erling – sahen das Gleiche. Jeder spürte die Wahrheit, ungeschönt, roh, unausweichlich. Langsam ließen sie los. Der „Freund“ stand zitternd vor ihnen, sein Gesicht bleich, die Augen voller nackter Angst. Lukas, der die Szene von der Couch aus mitbekommen hatte, starrte sie an. „Das… das alles… warst du?“ Seine Stimme bebte. Für einen Moment war niemand fähig, ein Wort zu sagen. Nur die Erkenntnis hing im Raum: Die Masken waren gefallen. Der „Freund“ war nicht nur Manipulator, er war ein Junge, der einst ein echter Freund gewesen war – und der an seiner eigenen Eifersucht und Obsession zerbrochen war. Die Luft im Wohnzimmer war nach der Vision so schwer, dass niemand einen klaren Gedanken fassen konnte. Jeder in der Gruppe war noch gefangen in den Bildern, die sie gesehen hatten – all die Jahre, all die Verdrehungen, die Eifersucht, die schleichende Besessenheit. Doch plötzlich bemerkte der Bauer etwas. Er blickte sich hektisch um, die Stirn in Falten. „Wartet mal…“ Seine Stimme bebte. „Wo ist Lukas?“ Die Gruppe wirbelte herum. Die Couch war leer. Kein Geräusch kam aus den Nebenräumen, keine Schritte im Flur. Nur die Uhr tickte monoton. „Er muss hier sein!“ rief der IT-Experte. „Wir haben doch gesehen, wie er mit uns war, wie er alles mitbekommen hat!“ Erling spürte, wie sein Magen sich verkrampfte. „Nein…“ murmelte er, „er war hier – aber nicht wirklich.“ Da begann der „Freund“ zu lachen. Ein kaltes, schrilles Lachen, das in der ganzen Wohnung widerhallte. „Ihr Narren,“ sagte er mit einer Ruhe, die noch unheimlicher war als sein Zorn. „Glaubt ihr wirklich, ich würde Lukas in eure Nähe lassen? Er ist längst dort, wo ihn keiner von euch findet.“ Die Worte schnitten wie Messer. Erling machte einen Schritt auf ihn zu, doch in derselben Sekunde blitzte etwas Metallisches in der Hand des „Freundes“ auf – ein kleiner Apparat, kaum größer als ein Feuerzeug. Ein Zischen, ein süßlicher Geruch, dann Dunkelheit. Als die Gruppe die Augen wieder öffnete, war es wie aus einem Albtraum erwachen. Sie lagen am Boden des Wohnzimmers, die Köpfe schwer, die Glieder taub. Der „Freund“ war verschwunden – keine Spur, keine Geräusche, nichts. Nur das fahle Licht der Nachmittagssonne, das durch die Gardinen fiel. Die Tür öffnete sich. Stimmen drangen herein. Es waren die Eltern von Lukas, gerade von der Arbeit zurück. Die Mutter ließ beinahe die Tasche fallen, als sie die Männer am Boden liegen sah. „Was… was ist hier passiert?“ Der Vater stürmte nach vorne, versuchte sie aufzurichten. „Wo ist Lukas?! Wo ist mein Sohn?!“ Doch niemand konnte antworten. Nicht sofort. Zu groß war die Betäubung, zu sehr schmerzte die Erkenntnis, dass sie in eine Falle getappt waren. Erling zwang sich aufzurichten. Sein Blick war leer, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Er… er hat ihn versteckt. Der ‚Freund‘… er hat alles geplant. Wir haben es nicht verhindert.“

Die Mutter presste die Hand vor den Mund, Tränen liefen über ihre Wangen. „Nein… nein, das darf nicht wahr sein!“ Der IT-Experte ballte die Fäuste. „Er ist weg. Lukas ist weg. Und der ‚Freund‘ ist verschwunden.“ Ein Schweigen legte sich über den Raum, schwerer als alles zuvor. Es war das Gefühl, als sei eine Tür ins Dunkel aufgestoßen worden – und nun gab es kein Zurück mehr. Der Bauer brach schließlich die Stille. „Das war es,“ murmelte er mit heiserer Stimme. „Der Anfang vom Ende. Von hier an wird es kein Versteck, kein Aufschub mehr geben. Er hat den Jungen. Und wir… wir haben versagt.“ Und während draußen die Nacht über Mainz herabsank, wussten alle: Das Spiel hatte sich verändert. Der „Freund“ war verschwunden – und mit ihm Lukas. Die wahre Jagd begann jetzt. Der späte Abend des fünfundvierzigsten Tages war still und schwer. Nachdem der Schock über die Betäubung langsam nachließ, saßen Erling, der Bauer, der IT-Experte und der andere Freund erschöpft am Esstisch der Familie. Vor ihnen die Eltern von Lukas – die Gesichter gezeichnet von Angst und Verzweiflung. Die Mutter hielt eine Tasse Tee fest in den Händen, ihre Finger zitterten. Der Vater stand am Fenster, die Arme verschränkt, den Blick starr nach draußen gerichtet, als würde er jeden Moment erwarten, dass Lukas durch die Tür tritt. „Also,“ begann der Vater schließlich mit belegter Stimme, „sagt mir die Wahrheit. Alles. Sofort.“ Erling atmete tief ein. Er wusste, dass es kein einfacher Moment werden würde. Also erzählte er – vom „Freund“, von der Manipulation, den Lügen, den Intrigen. Er sprach von der Entführung vor Jahren, von der Rettung, die nie erzählt werden durfte, von der Besessenheit, die den „Freund“ immer weiter in die Dunkelheit getrieben hatte. Der IT-Experte ergänzte die technischen Seiten: wie der „Freund“ alle Fäden in der Hand gehabt hatte, Informationen manipulierte, Kameras ausnutzte, sich unsichtbar machte. Der Bauer sprach mit harter Stimme davon, wie sie ihn in Amsterdam, München und Berlin gesucht hatten, wie sie Freunde aus den Gefängnissen zurückholten, nur um Lukas zu schützen. Und der andere Freund, bleich, aber fest, erzählte von seiner eigenen Schuld – wie er früher an Lukas gezweifelt hatte, wie er ihn nicht verstanden hatte, wie er die Eifersucht des „Freundes“ genährt hatte, ohne es zu merken. Die Mutter weinte still, Tränen liefen unaufhörlich über ihre Wangen. „Mein Kind… er war hier, direkt vor uns… und wir haben nichts gemerkt.“ Der Vater drehte sich um, die Augen rot, doch voller Feuer. „Wenn ihr nur die Hälfte von dem erzählt habt, dann ist klar: Dieser ‚Freund‘ wird ihn nicht freiwillig zurückgeben. Wir müssen handeln. Gemeinsam.“ Erling nickte langsam. „Ja. Aber heute nicht mehr. Wir sind am Ende unserer Kräfte. Morgen… morgen beginnen wir.“ Die Eltern sahen sich an. Nach einem langen, schweren Moment nickte die Mutter. „Ihr könnt hierbleiben. Wenigstens eine Nacht. Ihr seid… Freunde meines Sohnes. Ob ich es verstehe oder nicht – ihr habt mehr für ihn getan, als wir jemals wussten.“ Sie bereitete Decken im Wohnzimmer vor, einfache Lager auf dem Boden. Die vier Männer legten sich nieder, jeder in Gedanken versunken, während die Eltern sich in ihr Schlafzimmer zurückzogen.

Doch der Schlaf kam nicht leicht. Erling lag wach, die Hände hinter dem Kopf, und starrte an die Decke. Immer wieder sah er Lukas’ Gesicht vor sich – lachend, unsicher, verletzt. Halt durch, dachte er. Wir kommen. Egal, was es kostet. Die Nacht senkte sich über das Haus, und für einen Moment war es, als würde die Welt stillstehen. Doch im Herzen aller, die dort lagen, brannte dieselbe Gewissheit: Dies war nicht das Ende. Es war nur die Stille vor dem Sturm. Der Morgen des sechsundvierzigsten Tages brach an, und das Haus des jungen Mannes lag in ungewohnter Stille. Der Regen hatte in der Nacht aufgehört, feuchte Tropfen hingen noch an den Fensterscheiben, während die ersten Sonnenstrahlen durch die dünnen Vorhänge fielen. Im Wohnzimmer lagen die vier – Erling, der Bauer, der IT-Experte und der andere Freund – noch in ihre Decken gehüllt. Doch keiner schlief wirklich. Zu schwer wogen die Erinnerungen an das, was sie am Tag zuvor gemeinsam gesehen hatten. Erling setzte sich als Erster auf, fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht und sah die anderen an. „Wir können nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen. Wir haben die Wahrheit gesehen – alle von uns. Es darf keinen Zweifel mehr geben.“ Der Bauer stützte sich auf den Ellbogen, sein Blick ernst. „Du meinst die Vision? Alles, was wir gesehen haben… das war real?“ Der IT-Experte nickte sofort. „Es war zu klar, zu detailreich, um eine Täuschung zu sein. Wir haben den Verlauf seines Lebens gesehen – von der Freundschaft in der fünften Klasse, über die Eifersucht, bis hin zu dieser Besessenheit, Lukas für sich allein zu haben. Der ‚Freund‘ ist nicht einfach nur ein Manipulator. Er ist jemand, der einmal wirklich etwas empfunden hat – und es dann ins Dunkel kippen ließ.“ Der andere Freund schwieg eine Weile, bis er mit brüchiger Stimme sprach: „Es war… schwer, das zu sehen. Besonders die Szene, wo Lukas mir die Geschenke gemacht hat und ich sie zerrissen habe. Ich habe ihn verletzt – und er… er hat nicht aufgehört, mir welche zu bringen. Er wollte einfach nur… dass ich sein Freund bin.“ Seine Hände zitterten leicht. „Und ich habe ihm gezeigt, dass er es nicht wert ist.“ Erling legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du warst ein Kind. Du hast Fehler gemacht. Aber die wahre Schuld trägt der ‚Freund‘. Er hat deine Fehler genutzt, um Lukas’ Herz zu brechen und ihn an sich zu ketten. Wir dürfen nicht vergessen: Es war sein Stolz, sein Hass, seine Obsession, die uns alle hierher gebracht hat.“ Der Bauer ballte die Fäuste. „Mich hat am meisten getroffen, wie er uns – mich und den ITExperten – systematisch fertiggemacht hat, nur weil Lukas Zeit mit uns verbracht hat. Dieses ständige Mobben, diese ständigen Sticheleien… ich dachte damals, es wäre einfach nur dummes Kindergeschwätz. Aber nein – es war gezielt. Er wollte uns aus dem Weg haben.“ Der IT-Experte stimmte zu: „Ja. Und es war nicht nur ein Spiel. Er wollte Lukas isolieren. Er wollte ihn ganz für sich. Alles andere war für ihn eine Bedrohung.“ Erling schloss die Augen, die Worte hallten in ihm wider. „Und doch… gab es Momente, in denen er stolz auf ihn war. Wisst ihr noch? Die Szenen, in denen Lukas Freunde gefunden hatte, glücklicher war? Für einen Augenblick schien der ‚Freund‘ fast… erleichtert. Aber es hielt nie lange. Am Ende siegte immer die Eifersucht.“ Der andere Freund sah zu Boden. „Und am Ende, am Tag unseres Abschlusses, hat er alles besiegelt. Er hat zu mir gesagt: ‚Siehst du, ich habe dir gesagt, er meint es nicht ernst.‘ Und ich habe es geglaubt. Ich habe ihn ziehen lassen. Ich dachte, ich wäre betrogen worden. Dabei… war es nur seine Angst, mich anzusprechen.“

Eine tiefe Stille legte sich über die Gruppe. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, während die Erinnerung an die Vision sie fest im Griff hielt. Schließlich ergriff Erling wieder das Wort. „Wir müssen das nutzen. Wir wissen jetzt, was ihn antreibt, woher sein Hass kommt, wie er Lukas so lange manipulieren konnte. Das ist unser Schlüssel. Wir dürfen es nicht nur als eine grausame Vergangenheit sehen – sondern als die Wahrheit, die wir Lukas zeigen müssen, damit er erkennt, dass der ‚Freund‘ ihn nie befreien wollte, sondern ihn gefangen hält.“ Der Bauer schlug mit der Faust leicht auf den Tisch. „Dann ist klar. Heute schmieden wir den Plan. Morgen holen wir Lukas zurück – egal, wo er ist.“ Der IT-Experte sah jeden einzelnen an und nickte ernst. „Und diesmal darf uns niemand überraschen. Keine Polizei, keine Falle. Wir gehen vorbereitet.“ Der Morgen endete mit einem Schwur – leise, aber unerschütterlich. Jeder von ihnen wusste, dass die Erinnerungen, die sie gesehen hatten, nicht nur ein Spiegel der Vergangenheit waren, sondern der Schlüssel zur Zukunft. Und dass der Kampf um Lukas erst jetzt wirklich begann. Der IT-Experte saß noch immer am niedrigen Wohnzimmertisch, den Laptop von Lukas vor sich, das schwache Licht des Nachmittags fiel schräg über die Tastatur. Die anderen lagen verstreut auf den Sofas, die Spannung war greifbar — jeder wartete auf irgendein Zeichen, irgendeinen Hinweis, der ihnen sagen würde, wo der „Freund“ Lukas hingeschleppt haben könnte. Der IT-Experte atmete einmal tief durch und öffnete systematisch die Dateien, die er finden konnte: kürzlich geöffnete Dokumente, Browser-Cache, Kamera-Ordner, Messaging-Apps. Er wusste, dass der „Freund“ technisch nicht dumm war — er hatte Lügen gebaut, Spuren verwischt — trotzdem hoffte er, irgendetwas zu entdecken, einen winzigen digitalen Fingerabdruck, der ihnen den Weg weisen würde. Er klickte sich durch Fotos. Viele waren unscharf, viele ohne GPS-Daten — offensichtlich entfernt. In den Metadaten vieler Dateien waren die Ortsangaben gelöscht, aber nicht alles ließ sich so leicht entfernen: Zeitstempel, Dateinamen, Zwischenspeicher, Miniaturansichten. Dann blieb sein Blick an einem kleinen Ordner hängen, den der „Freund“ offenbar übersehen hatte: „Erinnerungen_anfang“. Er öffnete ihn. Nur eine einzige Datei lag darin: eine Textdatei mit einem kurzen Satz, offenbar von Hand benannt: „wo alles begonnen hat. ganz oben“. Keine weiteren Daten, keine Koordinaten, kein Foto — nur diese kryptische, große Aufforderung. Der IT-Experte runzelte die Stirn. Er versuchte, die Datei zu rekonstruieren, suchte nach früheren Versionen, nach Backups, nach versteckten Kopien im Browser-Cache. Nichts. Kein Geo-Tag, keine Standortdienstdaten, kein letzter Zugriff, der den Aufenthaltsort hätte verraten können. Rein technisch war die Spur kalt — aber die Botschaft selbst war ein Hinweis. „Ganz oben.“ Er legte den Laptop vorsichtig auf den Tisch, sah auf und im selben Moment traf ihn eine Erinnerung: Die Vision, die sie gemeinsam gehabt hatten — die Schulanfänge, die Silvesterabende, später das Stadion, die gemeinsamen Spiele. „Wo alles begonnen hat…“ wiederholte er leise. Für wen war das wohl der Anfang? Für Lukas und den „Freund“ war der Anfang eindeutig die Schule — aber in ihren Erinnerungen gab es auch ein wiederkehrendes Motiv: das Stadion, das Vereinsheim, die Ränge, die Plätze ganz oben, auf der Tribüne — Orte, an denen Freundschaften geschlossen und Versprechungen gegeben werden. Er drehte sich zu den anderen. „Ich kann seinen aktuellen Standort nicht ermitteln — alles, was ich aus dem Laptop bekomme, wurde sauber gelöscht oder anonymisiert. Aber es gibt einen Hinweis. Eine Datei mit nur einer Zeile: ‚wo alles begonnen hat. ganz oben.‘“ Alle blickten auf, die Stille im Raum wurde dichter. Der andere Freund presste die Lippen zusammen, die Erinnerung spielte in seinem Gesicht wie ein Film. „Die fünfte Klasse… da, wo

wir uns das erste Mal wirklich nahe waren. Und später — das Stadion. Die Plätze ganz oben — wir saßen dort, als wir Teenager waren. Er hat Lukas oft dorthin geschleppt.“ Der Bauer nickte langsam. „Ganz oben… die obersten Ränge. Oder das Dach des alten Schulgebäudes. ‚Ganz oben‘ heißt nicht unbedingt geografisch hoch, manchmal heißt das symbolisch oben — der Ort, an dem man sich über alle anderen fühlte.“ Erling stand auf, ging zum Fenster und blickte auf die Straße hinaus. Seine Gedanken liefen hektisch durch: Wenn das wirklich der Hinweis ist — dann ist er entweder am Ort ihrer allerersten Verbindung oder an einem Ort, der symbolisch ‚oben‘ ist: die Tribüne, das Stadion, das Dach eines Gebäudes, ein Turm. Es reicht nicht, nur einen Ort anzulaufen. Wir müssen klüger vorgehen. Der IT-Experte nickte und öffnete nochmals das Laptop, suchte diesmal in anderen Spuren: zuletzt geöffnete Webseiten mit Karten, gespeicherte PDFs von Tickets, E-Mails mit Stadionbestätigungen. Er fand nichts Explizites, aber in einer früheren, lokal gespeicherten Vorschau eines Bildes — entfernt, doch als Miniatur noch im Cache — konnte er eine dunkel strukturierte Reihe von Sitzplätzen erkennen: enge, gleichmäßige Reihen, ein Geländer, dahinter das schwache Aufleuchten von Flutlicht. Kein GPS, kein Ortsschild — aber für den anderen Freund reichte der Anblick. „Das ist eine Tribüne,“ flüsterte er. „Das sieht aus wie die Ränge. Ganz oben.“ Sofort entbrannte eine Diskussion über die zwei logischsten Möglichkeiten: 1. Die Schule — das Schulgebäude, das Dach oder die Stellplätze dort, wo die Freundschaft begonnen hatte; ein Ort, der für den „Freund“ symbolisch für den Beginn stand. 2. Das Stadion — die obersten Reihen, die Tribüne, der Platz, an dem sie später alle zusammen gesehen wurden; ein öffentlicher, aber zugleich abgeschiedener Ort, an dem man sich verstecken kann, weil man dort anonym unter der Menge verschwindet — oder aber, in den oberen Rängen, sehr isoliert sitzt. Der IT-Experte zog Kartenmaterial auf dem Laptop hoch und begann, mögliche Stadien, alte Schulstandorte und ungenutzte Tribünen in Betracht zu ziehen, die zur Stadt passten. „Wir haben nicht viel Zeit,“ sagte er, „aber ich kann die Orte eingrenzen — nicht exakt, aber wir können Prioritäten setzen.“ Er legte eine schnelle Liste vor: die alte Schule (wo alles angefangen haben könnte), das lokale Stadion mit den hohen Tribünen, und ein paar vergessene Industriegebäude mit Dachzugängen — Orte, die ein Mensch mit Nostalgie und Kontrollwahn wählen würde, um einen „Anfang“ zu inszenieren. Erling sah jeden an, die Entschlossenheit stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Gut. Wir teilen uns auf. Zwei von uns fahren zum Stadion — schnell, unauffällig. Die anderen prüfen die Schule und die Dächer der näheren Umgebung. Kein Risiko, kein Rummel. Und wenn einer von uns etwas findet, sofort Funk. Wir holen Lukas zurück.“ Die Gruppe nickte. Die Erkenntnis, dass der Hinweis zwar vage, aber wertvoll war, hatte ihnen endlich eine Richtung gegeben. Der IT-Experte speicherte die Datei, verschlüsselte die Notizen und reichte die Koordinaten der priorisierten Orte aus: keine Gewissheit — aber die beste Spur, die sie hatten. Als sie sich zum Aufbruch fertig machten, blieb der Satz im Raum hängen wie ein Versprechen und eine Warnung zugleich: „Wo alles begonnen hat. Ganz oben.“ Es war kein vollständiger Wegweiser, aber es war ein Puls — ein Herzschlag, der ihnen zurückführte an den Ursprung der Geschichte. Und das genügte, um sie in Bewegung zu setzen. Der Abend des sechsundvierzigsten Tages senkte sich langsam über Mainz. Die Gruppe – Erling, der Bauer, der IT-Experte und der andere Freund – saß wieder im Wohnzimmer des jungen Mannes. Draußen färbte die untergehende Sonne den Himmel in ein tiefes Orange, und ein kühler Wind strich durch die leicht geöffneten Fenster.

Der IT-Experte hatte den Laptop geschlossen und die letzten Karten zur Seite gelegt. Die Männer waren erschöpft von den Diskussionen, die sie den ganzen Tag geführt hatten: Schule oder Stadion, Dach oder Tribüne, wo „ganz oben“ zu finden sein könnte. Doch während die Gespräche langsam abebbten, merkte der andere Freund plötzlich etwas. „Wartet mal…“ Seine Stirn legte sich in Falten. „Habt ihr nicht gesehen? In den Nachrichten vorhin. Es sind jetzt Ferien.“ Erling drehte sich zu ihm um. „Ferien?“ „Ja,“ fuhr der andere Freund fort. „Schulferien. Das heißt, wenn der Hinweis auf die Schule zutrifft… dann ist sie leer. Kein Lehrer, keine Schüler, niemand, der uns aufhält. Er könnte dort sein – oder er könnte sie gerade deshalb gewählt haben, weil jetzt niemand da ist.“ Der Bauer schnaubte. „Oder das Stadion. Ferienzeit bedeutet, dass kaum Spiele stattfinden. Leere Tribünen, kein Sicherheitspersonal, keine Fans. Ein perfekter Ort, um sich zu verstecken.“ Ein Schweigen folgte, schwer und bedrohlich. Jeder verstand, dass dieser kleine Umstand – Ferien – die ganze Situation veränderte. Es bedeutete: • leere Gänge in der Schule, abgeschlossene Türen, aber keine Augen, die sie beobachten könnten. • verwaiste Stadien oder Trainingsplätze, die in der Stille lagen wie Geisterstätten. • verlassene Sporthallen und Schulhöfe, die sonst voller Leben gewesen wären. „Das macht es schwerer,“ murmelte der IT-Experte. „Keine Menschen, die uns helfen könnten. Aber auch weniger Zeugen, falls wir ihn finden und befreien müssen. Ferien bedeuten… absolute Leere.“ Erling ballte die Faust und nickte. „Das heißt aber auch, dass wir handeln müssen, bevor er Lukas noch tiefer hineinzieht. Ferien geben ihm die Möglichkeit, ungestört mit ihm zu tun, was er will. Niemand fragt nach, niemand bemerkt etwas.“ Der andere Freund schüttelte den Kopf. „Es fühlt sich an, als hätte er das geplant. Als hätte er absichtlich bis zu den Ferien gewartet.“ Die Gruppe saß lange schweigend beisammen, jeder mit seinen eigenen Gedanken. Die Mutter des jungen Mannes brachte eine Schale mit Suppe und Brot, versuchte, ihnen ein wenig Ruhe zu verschaffen. Doch niemand hatte wirklich Appetit. „Ferien,“ wiederholte der Bauer schließlich und starrte ins Leere. „Es ist der Anfang vom Ende. Die perfekte Zeit für ihn. Aber auch unsere letzte Chance.“ Und so beschlossen sie, die Nacht noch einmal zu rasten, zu planen – und am nächsten Morgen ihre Suche an genau den Orten zu beginnen, die jetzt, in der Ferienzeit, still und leer waren. Die Jagd hatte eine neue Dimension bekommen. Der Morgen des siebenundvierzigsten Tages war grau und kühl. Ein leichter Nebel hing über den Straßen von Mainz, als Erling, der Bauer, der IT-Experte und der andere Freund das Haus der Eltern verließen. Keiner sprach ein Wort, jeder hing seinen Gedanken nach. Die Nacht war unruhig gewesen – Bilder der Vergangenheit, die sie durch die Berührung des „Freundes“ gesehen hatten, ließen sie nicht los. Ihr Ziel war heute klar: die alte Schule des jungen Mannes, der Ort, an dem vieles begonnen hatte. Die Worte aus der Datei – „wo alles begonnen hat. ganz oben“ – hallten in ihren Köpfen nach. Und weil Ferien waren, war das Gebäude leer, still, vielleicht sogar verwaist. „Es fühlt sich falsch an,“ murmelte der andere Freund, als sie durch die noch stillen Straßen gingen. „So, als würde er genau wollen, dass wir dorthin kommen.“

Der Bauer, der vorneweg lief, schüttelte den Kopf. „Mag sein. Aber wir können es uns nicht leisten, eine Spur zu ignorieren. Wenn Lukas dort ist, zählt jede Stunde. Und wenn nicht… dann ist es wenigstens ein Ort weniger, den wir ausschließen können.“ Der IT-Experte trug einen kleinen Rucksack mit Werkzeug, Taschenlampe und Laptop. „Die Schule ist alt. Das Sicherheitssystem dort ist rudimentär. Ein paar Kameras, verschlossene Türen. Wenn er sich wirklich dort versteckt, dann sicher irgendwo, wo er nicht gleich entdeckt wird – vielleicht im oberen Stockwerk, vielleicht sogar auf dem Dachboden. ‚Ganz oben‘, erinnert ihr euch?“ Der Weg führte sie an vertrauten Straßen vorbei. Erling blieb kurz stehen, als er eine Ecke sah, die er wiedererkannte – nicht aus eigener Erinnerung, sondern aus den Visionen. Dort hatte der junge Mann einst mit dem „Freund“ gestanden, lachend, unschuldig. „Es fühlt sich an,“ sagte er leise, „als würden wir rückwärts in die Zeit reisen. Zurück an den Anfang. Und doch… wissen wir, wie düster dieser Anfang wurde.“ Der andere Freund sah ihn an, schluckte schwer. „Ich erinnere mich an meinen ersten Tag dort. Ich war so stolz, neu in der weiterführenden Schule. Und Lukas… er wollte nur Freunde. Ich hätte es sehen müssen.“ Erling legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Es ist nicht deine Schuld. Heute zählt nur, dass wir ihn zurückholen.“ Die alten Backsteingebäude der Schule tauchten schließlich aus dem Nebel auf. Hohe Mauern, der Hof verlassen, Fenster dunkel und blind. Keine Kinder, keine Lehrer, nur das Knarren der Fahnenmasten im Wind. Die Gruppe blieb am Eingangstor stehen. Ein kaltes Gefühl legte sich über sie. Der Bauer knurrte: „So still habe ich es hier nie gesehen. Es ist wie ein Grab.“ Der IT-Experte trat ans Tor, beugte sich vor und musterte die alte Klingel, die gesicherte Tür. „Ein paar Minuten, und wir sind drin,“ sagte er sachlich. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Wenn er hier ist, weiß er längst, dass wir kommen.“ Erling sah die anderen der Reihe nach an. „Dann gehen wir hinein. Zusammen. Keine Trennung. Keine Fehler.“ Und so setzten sie sich in Bewegung, über den leeren Hof hinweg, hin zu den Türen der alten Schule – in der Hoffnung, Lukas dort zu finden, und in der Angst, was sie stattdessen erwarten würde. Der Mittag des siebenundvierzigsten Tages senkte sich auf das alte Schulgelände, als die vier Männer durch den Haupteingang schlüpften. Die Luft war schwer von Staub und dem süßlichen Geruch abgestandener Farbe; Sonnenstrahlen fielen durch zerschlagene Fenster und zeichneten Staubpartikel wie schwebende Sterne in die Luft. Sie bewegten sich leise, aber zielstrebig durch das Gebäude. Jeder Flur, jede Tür war ihnen vertraut — nicht nur durch eigene Erinnerung, sondern durch die Visionen, die ihnen die Vergangenheit in einem stummen Film vorgeführt hatten. Der IT-Experte leuchtete mit einer Taschenlampe durch Klassenräume, der Bauer drückte mit der Schulter Türen auf, Erling und der andere Freund zogen Schränke auf, tasteten Regale ab und horchten in jeden Winkel. „Ganz oben heißt nicht unbedingt Dach,“ flüsterte der IT-Experte, als er einen Stock höher sah. „Es kann das oberste Klassenzimmer sein, der Geräteraum, der Dachboden. Wir müssen systematisch vorgehen.“ Sie teilten das Gebäude in Sektoren auf und durchkämmten jeden Raum. In einem Klassenraum fanden sie alte, vergilbte Plakate, ein vergessenes Tintenfass, ein halb zerbrochenes Sitzpult mit eingeritzten Namen. Erling blieb eine Sekunde stehen, strich mit der Fingerspitze über eine Kerbe — eine Erinnerung, die wehtat und gleichzeitig tröstete. „Hier fing alles an,“ murmelte er leise.

Die Stunden verstrichen. Sie durchsuchten Bürotrakte, die Bibliothek, einen Speicherraum mit Sportgeräten. Nirgends ein Hinweis darauf, dass jemand sich hier versteckt hielt. Manchmal glaubten sie, eine frische Fußspur im Staub zu sehen — doch beim Näherkommen war sie nur ein Unsauberkeit von heruntergefallenen Ziegeln. Gerade als sie den langen Flur zum ersten Klassenraum entlanggingen, hörten sie Stimmen. Ein lautes Rattern, das erschreckend modern wirkte in dem alten Haus: Baugeräusche. Hämmer, Elektrosägen, das dumpfe Dröhnen eines Presslufthammers. Sie blieben instinktiv eng zusammen, gingen langsamer, bis sie auf eine Szene stießen, die wie ein Brutalstück Realität wirkte: Arbeiter mit Schutzhelmen, Warnwesten, Kaffeebecher in der Hand. Metallzäune und Absperrbänder hatten einen Teil des Schulhofs und den Zugang zum ersten Flur abgeriegelt. Ein großer Bagger stand direkt vor der Tür des klassenzimmers, dort wo ihre Hoffnung am stärksten gewesen war. „Ey! Was macht ihr denn hier?“ rief einer der Bauarbeiter, ein massiger Mann mit Bart, als die Gruppe näher trat. Sein Ton war rau, aber kontrolliert. „Baustelle. Keiner rein ohne Helm und Auftrag.“ Der IT-Experte hob beschwichtigend die Hände. „Wir suchen nur nach einem Jungen. Er ist vermisst. Vielleicht hat ihn hier jemand gesehen?“ Der Bartmann musterte sie skeptisch, dann winkte er mit der Hand in Richtung Absperrung. „Hör zu: Wir haben den Auftrag, das oberste Stockwerk zu sichern. Abriss, Sanierung — alles genehmigt. Keine Leute hier. Ihr könnt nicht rein. Polizei kommt sonst, und dann habt ihr richtig Ärger.“ Der Bauer trat vor, die Stimme tief. „Wir müssen hier rein. Es geht um ein Leben.“ Der Arbeiter schnaubte, verschränkte die Arme. „Glaubt mir, wenn jemand hier wäre, hätten wir ihn gesehen. Wir haben heute früh alles kontrolliert, vom Dach bis zum Keller. Ruht euch aus, geht weg. Ich rufe keinen Notdienst, aber wir haben auch keinen Platz für euch.“ Sie prüften noch einmal den abgesperrten Bereich; die Absperrung war frisch, die Baupläne offen auf einem Klemmbrett liegend. Es wirkte offiziell — Genehmigungen, Ansprechpartner, Telefonnummern. Kein Schwindel. Trotzdem spürte Erling, wie etwas Unstimmiges in der Luft lag: Zu perfekt, zu schnell die Absperrung, als hätte jemand anders dafür gesorgt, dass gerade jetzt gebaut würde. „Vielleicht hat er das genau gewollt,“ flüsterte der andere Freund, während sie sich eine Stelle suchten, von der aus sie das weitere Geschehen beobachten konnten. „Wenn der ‚Freund‘ weiß, dass wir auf die Schule kommen, lässt er die Baustelle anlegen. Niemand guckt zweimal hin, und er hat freie Bahn.“ Der IT-Experte kniete sich nieder, betrachtete das Klemmbrett mit den Plänen. „Die Telefonnummern stimmen. Die Firma ist echt. Aber wir brauchen einen Plan B. Wir können nicht den ganzen Tag hier rumsitzen und hoffen.“ Der Bauer strich sich durch das Gesicht, seine Entschlossenheit nicht verbergend. „Also beobachten wir. Wir finden heraus, wann sie Feierabend machen, wohin die Maschinen verschwinden und ob es Möglichkeiten gibt, oben reinzukommen — durch einen Lüftungsschacht, Notausgang oder über das Dach, wenn sie weg sind.“ Die Bauarbeiter verabschiedeten sich schließlich für die Pause, warfen gelegentlich mißtrauische Blicke in Richtung der Männer. Die Absperrung jedoch blieb. Die Gruppe zog sich zurück in einen halbschattigen Eingang, sammelte ihre Gedanken und schmiedete leise die nächsten Schritte: Überwachen, Notausgänge prüfen, Dachrinnen inspizieren, Kontakte in der Firma anrufen — alles, um die Aussage der Arbeiter zu prüfen und die Möglichkeit zu schaffen, dass der Ort „ganz oben“ weiterhin auf ihrer Liste blieb. Als der Mittag in den Nachmittag überging, wussten sie eines: Die Schule war kein offenes Buch mehr. Jemand hatte die Seiten zugeklebt. Doch der Hinweis, die Vision, die vagen Spuren

— all das brannte in ihnen weiter. Sie waren draußen, vom Lärm der Bauarbeiten umgeben, und der Gedanke blieb: je mehr Hindernisse auftauchten, desto entschlossener mussten sie werden. Der Abend kam schnell und mit ihm eine Kälte, die durch die nackten Fensteröffnungen der alten Schule kroch. Die Bauarbeiten hatten ihren Rhythmus geändert — Maschinen standen still, Arbeiter waren weg — und die langen Schatten der Dachfirste fielen wie Finger durch die Flure. Die Gruppe hatte sich in einem halbverfallenen Nebentrakt verschanzt, Augen und Ohren offen, bereit für jeden Schritt, der von innen oder außen käme. Die alten Klassenräume wirkten jetzt fremd, gespenstisch. Tafelflächen zeigten noch schwache Kreidezeichen aus längst vergangenen Zeiten, an einer Wand hing ein zerfleddertes Plakat mit verwaschenen Buchstaben. Erling spürte, wie sein Magen sich zusammenzog, als sie sich wieder dem Raum näherten, in dem der junge Mann und der „Freund“ einst Kinder gewesen waren — der Raum, in dem vieles begonnen hatte. Sie traten leise ein, einer nach dem anderen. Niemand sprach. Die Luft roch nach kaltem Staub und altem Holz. Der andere Freund blieb am Türrahmen stehen, die Finger um den Griff seiner Taschenlampe gekrampft. „Hier… hier war es,“ flüsterte er, die Stimme dünn. „Er kennt jeden Winkel. Wenn er hier ist, wird er uns sehen kommen.“ Ein leiser Ton — wie ein Atemzug in der Dunkelheit — ließ sie alle zusammenfahren. Aus der hintersten Ecke des Klassenraums löste sich eine Gestalt. Zuerst ein Umriss, dann ein Gesicht, gespenstisch beleuchtet vom Schein ihrer Taschenlampen: der „Freund“. Er stand da, als wäre er nie verschwunden, die Hände locker in den Taschen, das Lächeln kalt und selbstzufrieden. „Ihr habt also bis zum Abend ausgehalten,“ sagte er mit dieser ruhigen, messerscharfen Stimme, die sie aus so vielen Erinnerungen kannten. „Wie rührend. Aber glaubt ihr wirklich, ihr könntet mich überraschen? Ich kenne jeden Winkel dieses Ortes.“ Der IT-Experte knirschte mit den Zähnen. „Wo ist Lukas? Sag es. Oder wir holen ihn uns jetzt, egal was du tust.“ Der „Freund“ schüttelte den Kopf, die Augen glitzerten. „Ihr versteht es nicht. Er gehört mir. Das hat er immer getan — von dem Moment an, als ich seine Hand nahm in der fünften Klasse. Ihr wart bloße Statisten in seinem Leben. Ihr glaubt, ihr rettet ihn, aber ihr versteht nicht, was Bindung heißt. Komme, was wolle — er gehört mir.“ Seine Worte lagen wie Säure im Raum. Der Bauer schritt vor, die Fäuste geballt. „Gib auf. Du kannst ihn nicht festhalten. Wir sind hier, und wir holen ihn zurück.“ Der „Freund“ lachte, ein leises, bitteres Geräusch. „Das ist genau die Arroganz, die mich so lange hat leiden lassen. Ihr denkt, ihr seid die Retter. Aber ihr habt die Wunde nicht verstanden, und deshalb heilt sie nicht.“ Er machte einen Schritt vor, näher an die Gruppe heran, und plötzlich war seine Stimme weich, beinahe mitleidig. „Ihr werdet uns nie finden. Niemals. Ich habe Vorsorge getroffen. Ihr könnt rennen, ihr könnt suchen — aber solange ich atme, bleibt er bei mir.“ Seine Augen funkelten gefährlich, und für einen Moment schien es, als würde die Dunkelheit selbst ihm folgen. Er trat ans Pult, die Finger glitten über die alte Holzplatte, als hielte er Besitzansprüche fest. Dann, mit der Lockerheit eines Mannes, der sein Revier kennt, drehte er sich um — und verschwand, wie aus dem Nichts, in einer Seitentür, die sie vorher nicht bemerkt hatten. „Da!“ rief der andere Freund, sprang los, rannte der Öffnung nach. Der Bauer folgte, Erling und der IT-Experte dicht hinter ihm. Doch als sie die Tür öffneten, stießen sie nur auf einen schmalen, verlassenen Flur; Spinnweben schwebten im Schein ihrer Lampen, die Stufen nach oben führten zu einer Dachluke, die verschlossen war. Von der Gestalt keine Spur. Es war, als hätte der „Freund“ den Raum mit Luft gefüllt — da gewesen, und doch nicht greifbar. Sie suchten systematisch, riefen seinen Namen, durchkämmten Treppenhäuser, Dachböden und Notausgänge, doch alles, was sie fanden, waren leere Räume, die Kälte des Abends und das

entfernte Geräusch eines aufheulenden Windes. Schließlich sammelten sie sich wieder im Klassenraum, die Gesichter hart, die Brustkörbe schwer. Der IT-Experte kniete sich hin, betrachtete das Pult, auf dem der „Freund“ gestanden hatte. Eine kleine Kerbe im Holz war frisch — als wäre jemand hastig daran hängen geblieben. „Er ist schneller als wir dachten,“ sagte er. „Und er kennt Fluchtwege. Er hat hier gearbeitet, geplant, während wir dachten, er sei nur ein Opfer seiner Besessenheit.“ Der andere Freund trat ans Fenster, starrte in die dunkle Stadt hinaus. Seine Hände zitterten. „Er hat uns proviziert. Er wollte, dass wir kommen. Vielleicht, um uns zu zeigen, wie machtlos wir sind.“ Erling schüttelte den Kopf, die Entschlossenheit in seinen Augen war jetzt eine Flamme. „Nein. Er hat einen Fehler gemacht. Er ist arrogant — er glaubt, er kann uns brechen mit Worten. Aber Worte sind nichts gegen das, was wir erlebt haben. Er kann weglaufen, er kann sich verstecken — aber er hat uns verraten. Er hat seine Spuren hinterlassen. Wir werden sie finden.“ Die Gruppe verließ die Schule in Formation, leise wie die Schatten, die sie waren. Doch als sie über den Hof gingen, blieb der Satz des „Freundes“ in ihren Köpfen hängen — drohend, herausfordernd: „Ihr werdet uns nie finden. Er gehört nur mir, komme was wolle.“ Das Versprechen des Gegners war klar, doch es nährte nur ihren Widerstand: Je lauter seine Behauptung, desto stärker das Verlangen, das Gegenteil zu beweisen. Und irgendwo, in der Dunkelheit hinter ihnen, wusste der „Freund“, dass er entkommen war — aber nicht, dass seine Flucht ein letztes Pulverfass entzündet hatte. Der achtundvierzigste Tag begann früh. Kaum dass die ersten Sonnenstrahlen über Mainz krochen, machte sich die Gruppe – Erling, der Bauer, der IT-Experte und der andere Freund – auf den Weg zum Stadion. Das Stadion war der zweite Ort, der wie ein Echo zu dem Satz „wo alles begonnen hat. ganz oben“ passte. Die Straßen waren leer, Ferienzeit, und so lag das Stadion riesig und still vor ihnen. Keine Fans, keine Gesänge, nur das metallene Knarren des Windes, der durch die hohen Ränge zog. „Wenn er hier ist, dann ganz oben,“ murmelte der Bauer und ballte die Fäuste. „Wir durchsuchen jede Reihe, jeden Winkel.“ Sie begannen methodisch. Der IT-Experte hatte eine Karte des Geländes auf seinem Tablet, markierte die einzelnen Blöcke. Reihe für Reihe, Tribüne für Tribüne tasteten sie sich vor. Zuerst die Nordtribüne: leere Sitze, klebrige Getränkeflecken, alte Stadionzeitungen, die im Wind flatterten. Keine Spur. Dann die Südtribüne: dort, wo die Ultras sonst standen, hing nur ein vergessenes Banner, halb abgerissen. Doch außer dem Echo ihrer eigenen Schritte war nichts zu hören. Erling ging voraus, seine Augen suchten jede Ecke ab. Immer wieder hielt er inne, als glaubte er, eine Bewegung zu sehen – doch es war nur der Schatten eines Vogels oder das Knarren eines Metallgitters. Mittags hatten sie bereits drei Viertel des Stadions abgesucht. Sie waren erschöpft, aber gaben nicht auf. Der andere Freund hielt kurz inne, strich mit den Fingern über eine Sitzreihe. „Hier saßen wir,“ flüsterte er, „ganz oben, als wir jünger waren. Er neben Lukas… und ich unten. Er hat damals immer darauf bestanden, ganz oben zu sitzen, als ob er über alle herrschen wollte.“ „Dann schauen wir genau da,“ antwortete Erling. Sie stiegen die obersten Stufen hinauf, bis in die letzten Reihen. Von dort aus hatten sie einen weiten Blick über die Stadt. Die Sonne stand nun hoch am Himmel, blendete, aber zeigte auch: die Sitze waren leer. Kein Mensch, keine Spur von Lukas oder dem „Freund“. Am Nachmittag suchten sie die Katakomben, die Umkleiden, die Technikräume. Der Bauer öffnete mit roher Gewalt eine Tür nach der anderen. Alte Sporttaschen, staubige Netze mit Bällen, Reinigungsmittel – nichts.

Der IT-Experte hackte sich in das Überwachungssystem. „Keine Aufnahmen von jemandem, der hier war. Alles sauber. Entweder hat er die Daten gelöscht oder er war nie hier.“ Der Bauer schlug mit der Faust gegen die Wand, der Knall hallte durch den leeren Korridor. „Verdammt! Wir verschwenden Zeit!“ „Nein,“ widersprach Erling, obwohl seine Stimme schwer klang. „Wir mussten es überprüfen. Der Satz ‚ganz oben‘ passte. Aber er hat uns getäuscht. Er hat uns hierhergelockt, um Zeit zu gewinnen.“ Als die Sonne unterging, hatten sie jeden Raum durchsucht, jede Tribüne erklommen, jeden Gang abgesucht. Das Stadion war leer – wie ein gewaltiger, toter Koloss. Sie setzten sich schließlich in den Schatten einer der obersten Reihen. Niemand sprach. Der Wind wehte kühl durch die Stahlträger, und in der Ferne hörten sie die Stadt rauschen. Der IT-Experte brach die Stille. „Das Stadion war eine falsche Spur. Entweder absichtlich gelegt… oder wir verstehen ‚ganz oben‘ noch nicht richtig.“ Der andere Freund sah ins Leere, die Schultern schwer. „Und während wir suchen, ist er mit Lukas allein. Er füttert ihn weiter mit seinen Lügen.“ Erling schloss die Augen, ballte die Fäuste. „Wir haben nichts gefunden. Aber wir geben nicht auf. Morgen suchen wir weiter. Wir müssen den wahren Anfang finden – den Ort, den er meint.“ Und so endete der achtundvierzigste Tag: mit leeren Händen, aber mit noch brennenderer Entschlossenheit. Das Stadion war nicht das Ziel. Der „Freund“ war klüger, schneller – doch nicht unsichtbar. Und die Gruppe schwor sich: Sie würden nicht aufhören, bis sie Lukas fanden. Der neunundvierzigste Tag begann mit einem kleinen Lichtblick — und zugleich mit hektischer Konzentration. Nachdem das Stadion sie im Stich gelassen hatte, verbrachte der ITExperte die Nacht damit, nochmals alle digitalen Spuren zu durchforsten: Cache, temporäre Dateien, Mail-Backups, Ticketbilder, sogar alte Forenbeiträge und Schul-Threads. Er wusste, dass der „Freund“ genauso stolz wie pedantisch war — irgendwo musste ein Muster stecken, eine Vorliebe, ein Ort, an dem er immer wieder auftauchte. Am Vormittag schließlich blieb sein Blick an einer Reihe von Timestamp-Einträgen hängen: winzige Bildvorschauen, die in einer gelöschten Galerie verblieben waren. Viele waren unscharf — doch eines zeigte klar die Außenfassade eines alten Schulgebäudes: der Verweis hieß „altes gebäude – hinterhaus“. Daneben ein kurzes Log in einem Messenger: „habe ihn im alten gebäude gesehen“ – ohne Absender, aber mit Uhrzeit: immer wieder in den letzten Monaten. Der IT-Experte lehnte sich zurück, die Stirn in Falten. „Er ist nicht im Stadion,“ sagte er, ohne aufzusehen. „Er bevorzugt das alte Schulgebäude — das Hinterhaus, das Nebentrakt. Er war dort häufiger, offenbar auch der andere Freund.“ Der Bauer fluchte leise. „Also doch. Er hat uns hinters Licht geführt, damit wir Zeit verlieren.“ Erling presste die Lippen zusammen. „Dann sind wir zu nahe dran. Wir müssen in Sichtweite bleiben, ohne aufzufallen. Wenn er dort wirklich regelmäßig auftaucht, können wir ihn eines Tages abpassen.“ Sie diskutierten Optionen. Direkt vor Ort campen wäre zu auffällig: Anwohner, Bauarbeiter, vielleicht sogar Kameras. Also entschieden sie sich für eine unauffällige Lösung: ein Studentenwohnheim in der Nähe der Schule. Dort wohnten junge Leute, Gäste kamen und gingen — eine perfekte Tarnung für jemanden, der in Fußreichweite sein will, aber nicht auffallen möchte. Am Nachmittag zogen sie um. Das Studentenhaus war ein schmales, mehrstöckiges Gebäude mit bunten Briefkästen im Eingangsbereich und Fahrrädern am Zaun. Studenten saßen auf Bänken, telefonierten, lachten — genau die unauffällige Betriebsamkeit, die sie suchten. Der IT-Experte hatte vorab einen Studentenausweis kopiert und besorgte mit gekonnter Lässigkeit zwei Zimmer für die Nacht — harmlos, kurzfristig, nicht auffällig. „Wir bleiben hier,

als wären wir auf Besuch,“ murmelte er beim Einchecken. „Ich kann mich ins WLAN einklinken und gleichzeitig die Verbindungen rund ums alte Schulgebäude überwachen.“ Der Bauer hob skeptisch eine Augenbraue. „Und wenn uns jemand fragt?“ „Dann sind wir Besucher, die auf Freunde warten oder für ein Projekt hier sind. Niemand hinterfragt das.“ Sie schlugen sich in zwei Zimmern nieder — Erling und der andere Freund teilten eines, der IT-Experte und der Bauer das andere. Keiner von ihnen legte sich zu Ruhe. Stattdessen wurde das Studentenhaus heimlich zum Beobachtungsposten: • Der IT-Experte setzte seinen Laptop ans Fenster, koppelte sich an das öffentliche WLAN und richtete eine kleine Überwachung: ein Handy mit Kamera auf das Hinterhaus gerichtet, automatisierte Screenshots, Alerts bei Bewegung. • Der Bauer prüfte körperlich mögliche Wege, die das Hinterhaus mit dem Schulgelände verbanden: Seitentreppen, Müllplätze, kleine Durchgänge zwischen Garagen. • Der andere Freund ging noch einmal die Erinnerungen durch, versuchte, zeitliche Muster zu erkennen — wann der „Freund“ auftauchte, ob es Tage gab, an denen er regelmässiger erschien. • Erling sprach mit ein paar Studenten, fragte beiläufig nach, ob jemand etwas Ungewöhnliches rund ums Schulgebäude gesehen habe. Sie gaben harmlose Hinweise — nächtliche Lichter, ein Mann, der öfter vorbeiging, vielleicht nur ein Obdachloser oder ein Fotograf. Am Abend saßen sie im kleinen Gemeinschaftsraum des Hauses, mischten sich unter die Studenten, tranken Kaffee, taten so, als wären sie ganz normale Besucher. Doch die Spannung blieb. Auf dem Laptop blinkten leise Meldungen: kleine Bewegungen am Hinterhaus. Nichts Konkretes, aber genug, um wachsam zu bleiben. Der IT-Experte legte die jüngsten Logs vor: Zeitfenster, in denen Bewegungen registriert worden waren — vor allem spätabends und sehr früh morgens. „Er arbeitet in der Dämmerung,“ sagte er. „Das passt zu seiner Methode: anonym, schnell, kaum Zeugen.“ Erling nickte, die Stimme war leise, aber schneidend vor Entschlossenheit: „Gut. Wir sind jetzt nah. Wir schlafen hier, so unauffällig wie möglich. Sobald er sich zeigt — oder wir eine stabile Spur haben — handeln wir. Diesmal ohne Fehler.“ Draußen vor dem Studentenwohnheim kroch die Nacht über die Stadt. Im Zimmer brannte nur das schwache Licht des Laptops. Die Männer bereiteten sich vor: Karten wurden markiert, Einsatzzeiten festgelegt, Treffpunkte vereinbart. Jeder wusste, dass nun die Geduld gefragt war — und die Präzision. Der Tag endete mit einer letzten Abstimmung: Wer aufpasste, wer beobachtete, wer schlief. Und mit dem Gefühl, dass sie jetzt wirklich nahe dran waren — so nah wie noch nie, ohne selbst aufzufallen. Die Jagd ging in eine neue Phase: nicht hetzend, sondern lauernd, kontrolliert — und gefährlich nah am Ziel. Der Morgen des fünfzigsten Tages brach kalt und still über Mainz herein. Noch bevor die Stadt erwachte, hatten sich Erling, der Bauer, der IT-Experte und der andere Freund aus dem Studentenwohnheim geschlichen, leise wie Schatten, jeder mit dem festen Ziel, diesmal keine Fehler zu machen. Die Luft roch nach Feuchtigkeit und Farbe; die Ferien hatten die Stadt in eine gespenstische Ruhe gehüllt. Sie näherten sich der Schule auf gewohnten Pfaden, doch diesmal war ihre Bewegung präzise: keine Hast, keine unnötigen Geräusche. Der IT-Experte führte, die Taschenlampe gedämpft gegen die Innenseite der Jacke gehalten, der Bauer nahm die langsamere Außenlinie, um mögliche Sichtungen abzudecken, Erling und der andere Freund hielten sich dicht hinter ihm. Am Hintereingang – dem Nebentrakt, den sie zuvor eingesehen hatten – war die Baustellenabsperrung noch vorhanden, aber die Männer wussten, dass die Arbeiter heute nicht

vor Ort sein würden. Der IT-Experte hatte die Zugangskarte eines Lieferanten kopiert, die er zuvor dezent genommen hatte; sie funktionierte an einem Nebenportal. Mit flinken Fingern öffnete er das Schloss, und die Tür glitt fast lautlos auf. Im Inneren war es dunkler als draußen, Staub hing in Säulen, und die Schritte hallten hohl. Jeder Flur, jede Tür war ihnen vertraut, und doch fühlte sich alles fremder an — geladen mit Erinnerung und Gefahr. Sie bewegten sich in Formation, Augen und Ohren offen, jeder Schritt geübt, keine hastigen Bewegungen. Als sie am alten ersten Klassenraum vorbeischlichen, erstarrten sie. Aus dem Inneren drang Stimmengeflüster — leise, gedämpft, doch unverkennbar menschlich. „Lukas?“ Die Stimme des „Freundes“ klang weich, beinahe schmeichelnd. Eine andere Stimme — die von Lukas — antwortete, brüchig, verwirrt: „Warum… warum hast du mich hierhergebracht? Ich wollte nicht wegrennen.“ Das Blut der Vier geriet in Wallung. Keiner hatte erwartet, Lukas so nah zu hören. Der Bauer ballte die Hände; Erling spürte, wie ihm das Herz schneller schlug. Der IT-Experte hob langsam den Finger: still, ein Zeichen, nicht zu handeln bevor der Plan stand. Sie quetschten sich an der Wand, suchten eine Nische hinter alten Garderobenschränken, sodass man sie nicht vom Fenster aus sehen konnte. Durch einen Spalt der Tür konnten sie ins Klassenzimmer spähen: Der „Freund“ saß auf einem alten Stuhl, die Haltung souverän, das Buch in der Hand — das Buch, das Lukas so oft beschrieb. Lukas selbst stand unsicher nahe der Tafel, das Gesicht bleich, die Augen glasig. Der „Freund“ beugte sich vor, legte eine Hand fast zärtlich auf Lukas’ Schulter. „Du siehst doch, wir sind ganz allein. Niemand stört uns. Ich habe dir alles erklärt. Du musst nicht an die anderen denken. Du musst nur bleiben.“ Seine Stimme war wie Honig, süß und klebrig. Lukas’ Blick wanderte in den Raum, suchte nach einer Flucht, nach einem vertrauten Gesicht, nach einem Funken, der ihn aus der Lähmung reißen könnte. „Aber… sie sagen doch, sie haben mich gerettet. Sie sind gekommen…“ Seine Stimme brach. Der „Freund“ lächelte und schüttelte den Kopf: „Sie haben euch benutzt. Sie haben euch dazu gebracht, zu lügen. Nur ich bleibe. Nur ich verstehe dich.“ Die Gruppe zog instinktiv die Schultern enger. „Das ist unsere Chance — und das Risiko,“ flüsterte Erling, kaum hörbar. „Wir stehen nicht nur vor ihm — wir stehen vor Lukas’ Entscheidung.“ Der IT-Experte sprach leise und sachlich den Takt an: „Ich habe auch ein kleines Gerät, das seine Stimme kurz verfälschen kann — genug, damit er irritiert ist, wenn wir ihn zur Rede stellen, ohne die Umgebung sofort aufzuwecken. Wir brauchen zwei Dinge: Erstens, eine schnelle Deeskalation für Lukas — nicht schreien, keine Gewalt gegen ihn, sondern sofort seine Sinne ansprechen; zweitens, wenn der ‚Freund‘ aggressiv wird, müssen wir ihn physisch immobilisieren, bevor er etwas tun kann.“ Der Bauer nickte. „Ich blockiere die Tür. Er kann nicht raus. Erling, du gehst direkt auf Lukas zu, sag ihm die Wahrheit kurz, ruhig — ich halte den ‚Freund‘ fest, wenn er auffährt. Der andere Freund ist die Stimme der Erinnerung — du sagst ihm, was du geschaut hast, damit Lukas weitere Zweifel bekommt.“ Erling presste die Zähne zusammen und spürte die Last auf seinen Schultern. Er dachte an die Visionen, an die Szenen, die sie gesehen hatten, an den Schmerz auf Lukas’ Gesicht, und an die Möglichkeit, dass alles in einem Augenblick zerbrechen konnte. „Kein Risiko am Anfang,“ murmelte er. „Wir reden zuerst mit Lukas. Wir berühren den ‚Freund‘ gemeinsam — alle vier — damit keiner ihn manipuliert. Seid bereit.“ Sie rückten die Positionen fest: der IT-Experte am linken Türrahmen mit dem kleinen Störgerät, der Bauer im Flur zur Blockade, der andere Freund nahe genug, um sofort zu sprechen, Erling bereit, den ersten ruhigen, echten Blick auf Lukas zu richten.

Durch den Türspalt sahen sie, wie der „Freund“ wieder mit zärtlicher Stimme sprach, seine Worte in eine Falle gewebt. Lukas’ Schultern zitterten. Die Stimmung im Raum war brüchig, alles hing an einem hauchdünnen Faden. Dann, ganz leise, wie ein gemeinsamer Atemzug, bewegten sie sich — nicht stürmisch, nicht wie Rächer, sondern koordiniert und gezielt. Erling öffnete die Tür mit einem gedämpften Griff, trat in den Raum, sah Lukas direkt an, seine Augen voller Der Wahrheit und ohne Vorwurf. „Lukas,“ sagte er nur, „ich bin es. Hör zu.“ Im nächsten Moment legte der Bauer seine Hand an den Arm des „Freundes“, der andere Freund schob sich zwischen die zwei, und der IT-Experte aktivierte kurz das Gerät — ein leises, irritierendes Signal, gerade so, dass der „Freund“ kurz zusammenzuckte. Erling berührte dann den „Freund“ mit der freien Hand — und alle vier legten im selben Moment die Hände an ihn. Was dann folgte, war kein blinder Gewaltausbruch, sondern ein Aufprall von Erinnerungen und Wahrheit; Lukas’ Augen weiteten sich, als die Bilder, die sie alle zuvor gesehen hatten, wie ein Schwall in den Raum fielen. Die Spannung in der Luft explodierte — und der Moment, auf den sie so lange gewartet hatten, war endlich da: die finale Konfrontation hatte begonnen. Die Tür schlug auf, diesmal ohne Zögern. Die Gruppe stürmte hinein, entschlossen und schwer von der Anspannung der letzten Tage. Lukas fuhr zusammen, die Augen groß, die Schultern verkrampft. Der „Freund“ erhob sich sofort, seine Stimme scharf, aber süßlich, fast wie ein Reflex: „Lukas! Glaub ihnen nicht! Alles, was sie dir sagen, ist gelogen! Sie wollen dich von mir wegziehen, aber ich bin der Einzige, der dich wirklich versteht!“ Doch noch bevor er weitersprechen konnte, stürzte der andere Freund vor, packte ihn und verpasste ihm einen Schlag, so heftig, dass der „Freund“ zu Boden ging. Es war kein geplanter Schlag, eher eine Explosion aus Jahren von Frust und aufgestauter Wut. Lukas riss die Arme hoch, wich zurück. „Nein! Nein! Hört auf! Ich will das nicht!“ Seine Stimme zitterte, voller Verwirrung und Angst. Der Spieler trat vorsichtig näher, die Hände erhoben, als wolle er keinen Schaden anrichten. „Lukas… bitte. Ich muss dich berühren. Wir alle. Nur so verstehen wir die Wahrheit. Nur so siehst auch du, was wirklich geschehen ist.“ Doch Lukas schüttelte den Kopf, wich aus, vergrub die Hände in den Haaren. „Nein! Ich will nicht! Ihr tut mir weh! Ihr alle tut mir weh!“ Da traten der Bauer, der IT-Experte und der andere Freund näher. Sie legten gemeinsam ihre Hände auf Lukas’ Arme und Schultern, behutsam, aber fest, während Erling seine Hand schließlich auf Lukas’ Stirn legte. Ein Zucken ging durch den jungen Mann. Dann: Licht. Erinnerungen brachen hervor wie eine Flutwelle, und alle, die ihn berührten, wurden mit hineingezogen. Zuerst sahen sie den Beginn: Lukas, klein und unsicher, am ersten Tag der fünften Klasse. Wie er zögernd den „Freund“ ansprach, mit diesem Lächeln, halb Angst, halb Hoffnung. Wie der „Freund“ lachte und sagte: „Na gut, wir sind Freunde.“ Dann die ersten Jahre: Lukas, der sich an ihn klammerte, der in ihm den Halt suchte, den er sonst nicht fand. Spiele, Gelächter, Unsinn, den nur Kinder machen konnten. Doch dann das Erkennen des anderen Freundes: Lukas, der ihm Geschenke machte, kleine Zettelchen, Buntstifte, Ketten, später teurere Dinge, immer in der Hoffnung auf ein Lächeln. Und immer wieder derselbe Schmerz: wie der andere Freund die Geschenke zerknüllte, zeriss, achtlos in die Ecke warf. Lukas’ Augen, die feucht wurden, wenn er dachte, niemand sah es. Die Vision zog weiter: Lukas, wie er sich langsam anderen zuwandte — dem Bauern, dem ITExperten. Zuerst vorsichtig, dann immer mutiger, bis sie schließlich zusammenhängten, Spiele

spielten, Pläne schmiedeten. Und der „Freund“, der von der Ferne zusah, wie Eifersucht in ihm wuchs. Dann der erste Besuch beim anderen Freund: wie Lukas schüchtern das Haus betrat, die Augen sofort auf den Hund fielen. Wie er den Hund streichelte, vorsichtig, und das Tier ihn sofort annahm. Wie der andere Freund einen Moment überrascht war — und Lukas zum ersten Mal spürte, dass er an diesem Ort willkommen sein könnte. Doch die Bilder wurden dunkler. Sie sahen, wie Patrik, der Kusenk, ihn schikanierte: wie er ihm die Brille zerbrach, die Finger einklemmte, ihn beleidigte, beschämte. Immer wieder, Tag für Tag. Lukas, der litt, aber nie zurückschlug. Dann der Abschlusstag: Lukas stand da, die Kamera in der Hand, filmte den Auftritt des anderen Freundes. Er lächelte, doch nicht, um ihn bloßzustellen — sondern um die Erinnerung für sich zu behalten. Man sah, wie er sich nicht traute, nach der Feier hinüberzugehen, wie er den Mut nicht fand, sich zu verabschieden. Der andere Freund wartete, enttäuscht, doch Lukas konnte nicht. Sein Autismus hielt ihn zurück, nicht fehlende Zuneigung. Die Jahre zogen in rasanter Geschwindigkeit vorbei. Sie sahen, wie er auf eine andere Schule wechselte, wie er älter wurde, wie er 5, 6, 7 Jahre später plötzlich blockiert wurde — an einem Tag, kurz vor seinem Geburtstag. Wie er das Handy sinken ließ, fassungslos, das Herz zerbrochen. Die Vision drehte sich weiter, zeigte zahllose Situationen: Nächte voller Selbstzweifel, Tränen, den Versuch, in den Eltern Halt zu suchen. Momente der Freude mit neuen Freunden, doch immer wieder der Schatten des „Freundes“, der hinter allem lauerte. Am Ende sahen sie die wahre Abgründigkeit: alles, was der „Freund“ mit Lukas gemacht hatte. Die Manipulationen, die Lügen, die falschen Versprechen. Wie er immer wieder das Buch vor ihn hielt und ihn schreiben ließ, bis er kaum noch wusste, was seine eigenen Gedanken waren. Wie er ihn isolierte, Stück für Stück, bis Lukas glaubte, niemanden außer ihn mehr zu haben. Dann brach die Vision ab. Die Gruppe taumelte zurück, atmete schwer. Lukas stand in der Mitte, bebend, Tränen liefen ihm über die Wangen. Seine Lippen formten Worte, doch es kam kein Ton heraus. Der „Freund“ lag am Boden, blutend, doch mit einem irren Grinsen. „Na? Jetzt habt ihr es gesehen. Aber was hilft es euch? Er gehört trotzdem mir.“ Die Spannung im Raum war wie ein gespanntes Seil, das jederzeit reißen konnte. Erling spürte, wie die Sekunden dehnbar wurden. Er ging einen Schritt näher zu Lukas, senkte die Stimme, so ruhig wie er nur konnte — nicht mit Vorwürfen, sondern mit klaren Worten, die wie Fäden wieder an das wirkten, was wirklich war. „Lukas,“ sagte er, „hör mir zu. Alles, was in diesem Buch steht — das sind seine Worte, nicht deine. Er hat dir Sätze in den Mund gelegt, Erinnerungen so gedreht, dass du denkst, sie seien deine. Er hat dich isoliert. Er hat dich glauben lassen, nur er würde dich lieben. Aber das ist eine Lüge. Du hast Freunde. Wir haben dich gerettet. Wir haben dich nie benutzt.“ Die anderen legten ihre Hände beruhigend auf seine Schultern, der andere Freund nickte und sagte mit brüchiger Stimme: „Er hat uns Dinge erzählt, die nicht stimmen. Ich habe Fehler gemacht, aber ich habe dich nie verletzen wollen. Schau mich an — ich bin echt.“ Langsam, als würde er die Worte zum ersten Mal wirklich hören, entspannten sich Lukas’ Züge. Tränen liefen ihm über die Wangen, aber sie waren keine stummen Tränen mehr — sie waren ein Wendepunkt. Er atmete tief durch, griff ins Regal nach dem Buch, hielt es eine Weile, als

müsste er sich selbst sammeln, und dann — mit einem Ruck, laut in dem stillen Raum — riss er die Seiten auseinander und zerfetzte sie. Das Papier segelte wie weiße Vögel durch den Raum. Stücke flogen auf den Boden, auf das Pult, aufs Sofa. „Es ist nicht mein Schreiben!“, schrie Lukas plötzlich, und seine Stimme hallte. „Das bin nicht ich. Ich gehöre nicht dir!“ Für einen Moment war alles still. Hoffnung, erleichtertes Zittern, Tränen, ein erstes Lächeln im Gesicht des jungen Mannes — so schien es, als hätte das Zimmer die Luft zurückbekommen. Dann keuchte jemand auf. Der „Freund“ regte sich auf dem Boden, seine Augen öffneten sich langsam; da war wieder dieses wütende Funkeln. Er richtete sich mit einer Miene auf, in der gleichzeitig Wahnsinn und Entschlossenheit flammten. „Wenn ich ihn nicht habe, dann hat ihn eben niemand!“ zischte er, und die Worte hingen wie Gift. Ohne zu überlegen sprang er hoch, packte Lukas — der noch halb benommen, halb triumphierend dastand — am Arm, zog ihn zum Fenster des dritten Stocks. Es ging alles so schnell: ein Ringen, ein Aufbäumen, Schreie, die kurz und panisch waren. Die Gruppe reagierte, doch zu langsam — der Raum war eng, die Zeit zu knapp. Der „Freund“ stieß mit aller Kraft, ein schwerer Stoß, und für einen Atemzug hing die Welt nur noch an diesem einen Bild: Lukas, an der Kante, die Jacke, die Hände — und dann das Loslassen. Sie sahen ihn fallen. Ein quälender Schrei riss die Stille entzwei, die Luft schien stehen zu bleiben; Papierfetzen wirbelten noch immer in der Zugluft, als würden sie die letzten Momente festhalten. Erling hastete zum Fenster, der Bauer sprang hinterher, der IT-Experte fuhr die Hand vor den Mund, der andere Freund starrte wie versteinert. Keiner von ihnen wusste im nächsten Augenblick, was zu tun war. Für einen Moment gab es nur die unfassbare, rohe Bildlichkeit: Lukas, der fällt — und das zerreißende Gefühl, dass dies der Anfang von etwas ganz anderem war. Und so endete dieser Teil — mit dem dumpfen Geräusch eines Aufpralls in der Ferne, mit Menschen, die um Atem rangen, und mit einer Gewissheit, die sich wie Eis in die Brust bohrte: Das war nicht vorbei. Das Chaos im Klassenraum war noch nicht verklungen, da hörte Erling nur das Schlagen seines eigenen Herzens. Lukas fiel. Es war kein Zögern möglich, kein Plan, kein Überlegen – nur Instinkt. Er rannte zum Fenster, schob den Bauer und den IT-Experten beiseite, und ohne ein einziges weiteres Wort sprang er. Der Wind riss an seiner Kleidung, die Welt zog in einem atemlosen Moment an ihm vorbei. Er war schneller als Lukas, schneller durch die Wucht seines Sprungs, schneller, weil er alles gab, was in ihm war. Im Bruchteil einer Sekunde holte er ihn ein, griff nach ihm, und mit einer Kraft, die er selbst nicht kannte, schlang er die Arme um Lukas’ Körper. Die Zeit stand still. Sie stürzten zusammen, doch Erling drehte sich so, dass sein eigener Körper den Aufprall abfing. Der Boden kam näher, der Aufschlag schmerzte, aber er blieb stehen, nur ein dumpfes Ziehen in den Muskeln, kein Bruch, keine Wunde. In seinen Armen lag Lukas, lebendig, erschrocken, zitternd. Langsam hob Lukas den Kopf, sah Erling an – und in seinen Augen war kein Zweifel mehr. Kein Schatten, keine Verwirrung, nur eine Klarheit, die wie Licht durch die Dunkelheit schnitt. „Du… du hattest die ganze Zeit recht,“ flüsterte er. Tränen liefen über seine Wangen, doch dieses Mal waren sie keine Tränen des Schmerzes, sondern der Erlösung. „Es war alles eine Lüge… und du… du warst da. Immer.“ Dann schlang er die Arme um Erling, fest, fast verzweifelt, als wolle er nie wieder loslassen. „Danke. Für die Rettung. Für alles.“ Erling spürte, wie die Umarmung nicht nur ein Dank war, sondern eine Vergebung – für die Geheimnisse, für die Missverständnisse, für die Zweifel.

Die anderen aus der Gruppe eilten herbei, atemlos, voller Schock und Erleichterung zugleich. Der Bauer kniete sich hin, der IT-Experte hielt die Hände über den Kopf, als müsse er die Situation begreifen, und der andere Freund seufzte schwer. „Wir… wir wissen jetzt, wie er wirklich ist,“ sagte der Bauer, rau, ehrlich. „Wir haben die Wahrheit gesehen. Aber wir sind nicht die, die ihn begleiten können. Wir kennen ihn erst jetzt richtig, und wir sind nicht die, die ihm Halt geben sollen.“ Der IT-Experte nickte. „Es ist besser so. Wir gehen unseren Weg, aber wir akzeptieren ihn – so, wie er ist.“ Auch der andere Freund trat einen Schritt näher, sah Lukas lange an, und seine Stimme war weich: „Ich wünsch dir Glück. Wirklich. Aber… wir gehen.“ Lukas schluckte, die Augen feucht, aber er nickte. „Ich verstehe,“ sagte er leise. „Danke, dass ihr mir die Wahrheit gezeigt habt.“ Dann verabschiedeten sie sich, einer nach dem anderen, ohne Hass, ohne Groll – wie Menschen, die ihren Teil erfüllt hatten und wussten, dass ihre Wege nun auseinanderliefen. Die Polizei erschien, nahm den „Freund“ fest. Dieses Mal gab es keine Möglichkeit zur Flucht, keine Ausreden. Das Gutachten war eindeutig: Er kam in die Psychiatrie, weggesperrt, unter ständiger Aufsicht. Sein letztes wütendes Lächeln, als er abgeführt wurde, zerbrach schnell, als die Türen hinter ihm schlossen. Als die Nacht hereinbrach, blieb Lukas mit Erling zurück. Er fühlte sich leer und doch zugleich freier als je zuvor. Kein Buch mehr, keine Lügen, keine verzerrten Erinnerungen. „Ich bleibe bei dir,“ sagte er, seine Stimme fest. „Du hast mich gerettet – nicht nur heute, sondern von allem. Ich will dich nicht mehr verlieren.“ Erling legte ihm die Hand auf die Schulter, und für einen Moment war alles still. Still, aber nicht leer – sondern erfüllt von der Gewissheit, dass dies ein neuer Anfang war. Der Junge und der Spieler, zusammen. Dieses Mal ohne Geheimnisse. Dieses Mal ohne Schatten. Eine Woche war vergangen. Die Tage nach der dramatischen Konfrontation waren wie ein leises Erwachen gewesen – keine neuen Kämpfe, keine dunklen Schatten, nur das langsame Zurückfinden in einen Alltag, der wieder atmen konnte. Lukas und Erling verbrachten diese Zeit fast ununterbrochen miteinander. Sie gingen spazieren am Rhein, setzten sich auf die alten Bänke im Park, wo sie über alles redeten – über das, was passiert war, über Hoffnungen, über Zukunft. Abends kochten sie gemeinsam, manchmal lachten sie über Kleinigkeiten, manchmal saßen sie einfach schweigend nebeneinander, weil Worte nicht nötig waren. Die Narben der letzten Wochen waren noch frisch, doch Lukas spürte, dass sie heilten. Jedes Lächeln von Erling, jede kleine Geste gab ihm ein Stück Vertrauen zurück. Am letzten Abend, bevor Erling weiterziehen musste, saßen sie in Lukas’ Zimmer. Es war still, nur das leise Rauschen der Straße draußen drang hinein. Lukas hielt das alte Mutbuch in der Hand – das, was er über Jahre geführt hatte, das so oft von falschen Stimmen und Manipulationen geprägt worden war. Er drehte es zwischen den Fingern, strich über den Einband. Dann sah er zu Erling. „Weißt du… ich dachte immer, dieses Buch wäre mein einziger Halt. Als könnte ich nur durch das Schreiben beweisen, dass ich existiere. Aber jetzt…“ Er stockte kurz, atmete tief ein. „Jetzt weiß ich, dass es nicht die Seiten sind, die mich definieren. Es sind die Erinnerungen, die echten. Die ich mit dir habe, mit denen, die wirklich für mich da sind. Ich brauche das Mutbuch nicht mehr.“

Langsam, fast feierlich, legte er es auf den Tisch. „Ich gebe es auf. Es hat mir nur vorgemacht, dass es Mut ist. In Wahrheit hat es mich klein gehalten.“ Erling sah ihn lange an, dann legte er ihm eine Hand auf die Schulter. „Das, Lukas, ist wahre Stärke. Nicht festzuhalten, sondern loszulassen. Du bist mehr, als jede Seite je hätte schreiben können.“ Lukas lächelte schwach, aber ehrlich. „Danke. Ohne dich… hätte ich das nie erkannt.“ Sie sprachen noch lange, bis die Müdigkeit schwer auf ihre Augen fiel. Am nächsten Morgen würde Erling weitergehen, zurück in sein verborgenes Leben. Lukas wusste, dass er ihn vermissen würde – aber er wusste auch: diesmal nicht im Schmerz, sondern im Dank. Denn er hatte überlebt. Er hatte vergeben. Und er hatte gelernt, dass er sein Leben nicht mehr an ein Buch binden musste, sondern an sich selbst. So endete diese Woche nicht in Abschiedstränen, sondern in einem neuen Versprechen: dass Lukas, mit allem, was er erlebt hatte, nun stärker war. Und dass die Verbindung zwischen ihm und dem Spieler niemals durch Lügen oder Schatten zerstört werden konnte. Nur noch eines zählte: die Wahrheit. Drei Tage später war der Morgen grau und kühl, als ob die Stadt Mainz selbst spürte, dass ein Abschied bevorstand. Am Hauptbahnhof herrschte das übliche Treiben: Reisende mit Koffern, Pendler mit müden Gesichtern, Durchsagen, die durch die Halle hallten. Doch für Lukas und Erling war alles um sie herum wie gedämpft, als existierte nur dieser eine Augenblick. Der Spieler stand mit seiner Sporttasche und dem Vereinsrucksack auf dem Bahnsteig. Es war Zeit, zurückzukehren – zu seiner Mannschaft, zu den Spielen, zu dem Leben, das er immer im Verborgenen gehalten hatte, während er bei Lukas war. Lukas blickte ihn an, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben. „Es fühlt sich so seltsam an,“ murmelte er. „So, als ob alles gerade erst begonnen hat… und jetzt gehst du schon.“ Erling lächelte schwach, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Manchmal, Lukas, bedeutet Freundschaft nicht, immer im selben Zimmer zu sein. Sondern zu wissen, dass jemand da ist, egal wie weit entfernt.“ Ein Zug fuhr ein, das Dröhnen der Bremsen mischte sich mit dem Herzschlag von Lukas. Er schluckte. „Du hast mir mehr gegeben, als ich dir je sagen kann. Ohne dich hätte ich mich vielleicht ganz verloren. Jetzt weiß ich… ich brauche kein Buch, keine falschen Stimmen. Ich hab’s verstanden. Ich bin genug.“ Der Spieler nickte, ernst, aber mit Wärme in den Augen. „Und vergiss nie: Ich habe dich nicht gerettet, weil ich musste. Sondern weil du es wert bist. Immer.“ Dann zog Lukas ihn in eine Umarmung, fest und ehrlich. Kein Zögern mehr, keine Angst, keine Scham. „Danke,“ flüsterte er. „Für alles.“ Die Lautsprecher kündigten die Abfahrt an. Erling löste sich langsam, nahm seine Tasche und trat in den Zug. Lukas blieb am Bahnsteig stehen, die Augen auf ihn gerichtet, bis die Türen sich schlossen und der Zug sich in Bewegung setzte. Als der Zug kleiner wurde und schließlich verschwand, atmete Lukas tief durch. Ein Teil von ihm fühlte die Schwere des Abschieds – aber ein anderer Teil, stärker als zuvor, fühlte Hoffnung. Er war nicht mehr derselbe wie vor Wochen. Er war stärker, ehrlicher zu sich selbst, und er wusste: Dieser Abschied war kein Ende. Es war der Anfang eines neuen Kapitels. Mit einem letzten Blick auf die Gleise wandte sich Lukas um, das Herz voller Dankbarkeit. Mainz rauschte geschäftig weiter, doch in ihm war Ruhe. Er würde weitermachen – mit den Erinnerungen, mit dem Mut, den er gefunden hatte. Und mit der Gewissheit, dass Erling, egal wo er war, immer ein Teil von ihm bleiben würde.