Lukas saß am Schreibtisch in seinem Zimmer in Mainz. Draußen hing der Abend schwer über den Dächern, irgendwo fuhr eine Straßenbahn vorbei, das leise Quietschen mischte sich mit dem Summen seines PCs. Vor ihm lag ein leeres Blatt, daneben sein Lieblingsstift. Seine Hände zitterten leicht, nicht vor Angst, eher vor der Masse an Erinnerungen in seinem Kopf. „Wie soll ich das alles in einen Brief kriegen…?“ murmelte er. Er war Autist, und in seinem Kopf war nichts „einfach“. Alles war gleichzeitig da: Bilder von Wasserrutschen und Krankenhausfluren, laute Bowlingbahnen und stillen Friedhöfen, knallende Türen, brennende Rollstühle, Karnevalsmusik, das Brüllen von Fans, das Klicken von Pokébällen, und immer wieder: Haaland. Sein Freund. Sein Held. Und manchmal auch seine letzte Rettung. Lukas atmete tief ein, nahm den Stift in die Hand und schrieb: Der Brief von Lukas an Haaland „Lieber Erling,“ ich hoffe, dass dieser Brief dich erreicht und dass du ihn irgendwo in Ruhe lesen kannst. Vielleicht in Manchester, vielleicht in einem Hotel, vielleicht in einem Flugzeug. Wo auch immer du bist, ich will dir einfach Danke sagen – und dir erzählen, wie sich alles für mich angefühlt hat. Ich weiß, ich schreibe manchmal durcheinander, weil in meinem Kopf alles gleichzeitig läuft. Aber ich möchte unsere Treffen noch einmal aufschreiben, damit du weißt, wie wichtig sie für mich waren. Und vielleicht auch, damit du verstehst, warum ich dich so vermisse. 1. Unser erstes Treffen – 30 Tage, Pokébälle und Wasserrutsche Weißt du noch, ganz am Anfang? Das erste Treffen, diese 30 Tage, die sich für mich angefühlt haben wie ein eigenes kleines Leben. Ich war nervös, weil du „Erling Haaland“ warst – der Superstar, den man aus dem Fernsehen kennt. Aber du standest plötzlich einfach vor mir wie ein normaler Mensch. Und dann war dieser Moment: „Zeig mir mal dieses Pokémon Go, Lukas. Wie funktioniert das?“ Ich weiß, du hast das wahrscheinlich schon tausend Mal gehört, aber für mich war es riesig: Dass ich dir etwas beibringen durfte. Nicht andersrum. Ich zeigte dir, wie man Pokéstops dreht, wie man Arenen einnimmt und Raids macht. Wir sind zusammen durch die Straßen gelaufen, Handy in der Hand, und du hast dich wirklich interessiert. Du hast nicht so getan, als würde es dich interessieren – du warst wirklich dabei. Dann habe ich dir meine Schule gezeigt. Die Gänge, den Schulhof, die Ecken, an denen ich früher immer alleine gestanden habe. Es war seltsam und schön, denselben Ort mit jemandem zu sehen, der mich nicht auslacht, sondern zuhört. Und dann kam der Mann, den wir beim Jonglieren gefilmt haben. Am Anfang war es nur lustig. Wir dachten, es wäre okay, ihn kurz zu filmen. Aber dann wurde er wütend. Sehr wütend. Ich bekam Panik, mein Herz raste, meine Gedanken wurden laut, ich konnte nichts mehr sortieren. Aber du hast mich genommen und gesagt: „Lauf, Lukas. Ich bin hinter dir.“ Wir sind weggerannt, durch Straßen, um Ecken, bis wir außer Atem waren. Ich hab gezittert, aber du hast gelacht und gesagt, dass wir das nächste Mal einfach fragen würden. Und irgendwie hat dein Lachen die Angst kleiner gemacht. Das Größte aber war die Wasserrutsche. Du weißt, ich hatte Angst davor. Immer. Die Enge, das Wasser, die Geschwindigkeit. Ich habe mich nie getraut. Aber du bist neben mir gestanden und meintest: „Wir machen das zusammen. Und wenn du nicht willst, gehen wir wieder.“
Du bist vor mir gerutscht, hast unten gewartet, und ich hab mich tatsächlich überwunden. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich eine Wasserrutsche runter. Ich war halb panisch, halb stolz, aber als ich unten ankam und du mich abgeklatscht hast, hatte ich das Gefühl, ich hätte einen Poké-Legendary gefangen. In dieser Zeit habe ich dir auch von meinen falschen Freunden erzählt. Von denen, die nur da waren, wenn sie etwas brauchten. Von dem Gericht, von dem Stress, weil das Arbeitsamt mir nicht richtig geholfen hat. Von diesem Gefühl, dass alle sagen: „Ist doch nicht so schlimm“, aber keiner wirklich versteht, wie weh das tut. Am Ende musstest du zurück nach Manchester. Ich erinnere mich daran, wie ich dir zum Abschied nachgeschaut habe. Es tat weh – aber zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mir jemand zugehört und mich wirklich gesehen hat. 2. Unser zweites großes Treffen – 90 Tage, Therapien, Stadion und Flucht Dann kam unser zweites und bis dahin größtes Treffen: 90 Tage. Für andere sind das drei Monate. Für mich war es eine ganze Saison meines Lebens. Du bist mit mir zur Autismus-Therapie gegangen. Du hast einfach neben mir gesessen, während ich über meine Ängste gesprochen habe – über Geräusche, über Menschen, über Situationen, in denen ich mich verliere. Du hast nichts bewertet, nur zugehört und manchmal eine Frage gestellt. Allein, dass du da warst, hat mir geholfen, nicht aufzugeben. Du bist auch mit zur Ergotherapie gekommen. Die Übungen, die mir manchmal peinlich waren – Dinge greifen, Bewegungen üben, Sachen sortieren, die ich „eigentlich können müsste“. Aber du hast gesagt: „Das ist Training, Lukas. Wie Fußball. Jeder trainiert das, was er braucht.“ Wir sind zusammen zur Hochschule in Mainz gegangen. Ich hab dir gezeigt, wo ich eigentlich lernen wollte, wie ich zwischen den Räumen hin- und herschleiche und hoffe, nicht negativ aufzufallen. Es war schön, das mal jemandem zu zeigen, der nicht sagt: „Stell dich nicht so an.“ Und dann die Spiele. Heimspiele von Mainz 05 – Rot und Weiß und alles vibrierte. Wir standen im Stadion, haben geschrien, gesungen, geflucht. Am Ende haben wir den Klassenerhalt in der 1. Liga gefeiert. Ich war so stolz, dass „mein“ Verein drin geblieben ist. Du hast dich mit mir gefreut, auch wenn deine Karriere woanders läuft. In der Kneipe haben wir zusammen HSV-Spiele geschaut. Du weißt, wie sehr ich gehofft habe, dass sie endlich aufsteigen. Aber am Ende hat es nicht gereicht, wieder nicht. Ich war traurig, aber du meintest: „Manchmal ist ein weiterer Anlauf besser, als zu früh anzukommen.“ Das werde ich nie vergessen. Dann war da die Szene am Friedhof. Wir waren da, ein ruhiger Ort, eigentlich. Und dann war dieser Brunnen. Wir haben nur gespielt, bisschen Wasser, bisschen Spaß – und plötzlich war der Brunnen übergelaufen. Aus Versehen. Die Frau, die uns gefilmt hat, war wütend, so wütend. Ich hatte wieder diesen Film im Kopf: „Du bist schuld. Du bist immer der Fehler.“ Wir sind weggerannt, du vorneweg, ich hinterher, bis wir in einem Hochhaus gelandet sind. Eingesperrt, Türen zu, Treppenhaus still. Ich habe fast einen Meltdown bekommen, aber du hast durchs Fenster einen Garten entdeckt, einen Weg raus. Wir sind über diesen Garten geflüchtet – ich werde nie vergessen, wie komisch sich das angefühlt hat: Angst und gleichzeitig Abenteuer. Zwischendurch wurde ich krank. Blasenentzündung.
Katheter. Rollstuhl. Dinge, über die keiner gerne redet. Ich schon gar nicht. Es war peinlich, unangenehm, schmerzhaft. Aber du bist geblieben. Du hast den Rollstuhl geschoben, hast Witze gemacht, ohne mich lächerlich zu machen. Du hast den Katheter nicht „eklig“ genannt, sondern „dein extra Leben“, das dir hilft, bis alles wieder funktioniert. Das hat mir so viel bedeutet. Und dann die falschen Freunde. Die, die mich auf der Bowlingbahn einfach die Bahn runtergeschmissen haben – als wäre ich kein Mensch, sondern ein Objekt. Du hast mich danach aufgesammelt, im wahrsten Sinne. Und du warst wütender als ich. Das war einer der Momente, wo mir klar wurde: Du siehst mich wirklich als Freund. 3. Unser drittes Treffen – Barcelona und 25 Tage Zuhause Unser drittes Treffen war wie ein Zufall aus einem Film. Urlaub. Barcelona. Sonne, Meer, fremde Stadt. Ich war mit meiner Familie unterwegs und plötzlich warst du da. Einfach so. Wir haben Tage zusammen verbracht: in den Straßen, am Strand, zwischen Tapas, Stadtlärm und Touristen. Es war, als würde mein Leben plötzlich in Farbe leuchten, wo vorher alles eher grau war. Du hast meine Familie kennengelernt. Wir waren zusammen essen, spazieren, haben gelacht. Ich war nervös, weil mein Alltag und mein „Wunschleben“ plötzlich zusammengeprallt sind. Aber es ging gut. Dann hast du mich mit zu dir genommen – für 25 Tage. Das war verrückt. Ich, der autistische Junge aus Mainz, in deiner Welt. Wir hatten schöne Momente, aber auch schwere. Mein Vater hat nach der Handyabholung über zwei Wochen nicht mit mir geredet. Einfach so. Funkstille. Für mich war das wie ein Messer im Bauch. Du hast gesehen, wie mich das trifft. Später hat er wieder mit mir gesprochen, aber diese zwei Wochen waren lang. Sehr lang. Trotzdem war diese Zeit wichtig, weil ich gemerkt habe, dass ich auch außerhalb von Mainz existieren kann. Dass ich mehr bin als nur „der Problemfall“. 4. Unser viertes Treffen – Weihnachten, Platz 3 und zu viel Bier Dann kam unser viertes Treffen – bis dahin das größte für uns. Wir haben zusammen Weihnachten verbracht. Und Rosenmontag. Und wir haben jedes Spiel von Mainz 05 verfolgt. Sie standen sogar auf Platz 3 – ich war so stolz, als wäre ich selbst Trainer. Aber es war nicht alles perfekt. In der Weihnachtszeit hat mein Vater zuerst nicht mit meiner Mutter und der Ersatzoma geredet. Die Stimmung war angespannt, wie ein Gummiband kurz vorm Reißen. Kurz vor Weihnachten habe ich einen riesigen Fehler gemacht: Ich habe zu viel Bier getrunken. Erst ein normales, dann eins mit 12 Prozent. Ich war danach fast im Krankenhaus. Du und meine Mama habt euch total Sorgen gemacht. Ich habe deine Augen gesehen – nicht wütend, sondern enttäuscht und besorgt. Und ich habe mich geschämt. Trotzdem haben wir Weihnachten zusammen gefeiert. Fisch an Heiligabend – Familientradition. Sauerbraten zwischen den Jahren – auch Tradition. Wir haben den Geburtstag meiner Mutter gefeiert. Und den meines Cousins, den ich nicht mochte. Ich wollte gar nicht hin, aber du hast mich unterstützt. Am Ende habe ich es geschafft, hinzugehen und nicht einfach wegzulaufen. Dann Rosenmontag. Konfetti, Musik, Kostüme, Umzug. Wir standen zusammen da, du unauffällig verkleidet,
damit dich keiner erkennt. Es war einer der Tage, an denen ich mich fast „normal“ gefühlt habe. Ich wollte dir auch noch erzählen – und tu es jetzt im Brief – dass ich meinen VHS-Kurs geschafft habe. Rechnungswesen, Finanzbuchführung mit Datev. Obwohl ich bis kurz vor Schluss immer zu spät gekommen bin. Es war schwer, aber ich hab’s geschafft. Auch weil ich im Kopf manchmal deine Stimme gehört habe: „Gib nicht auf, Lukas.“ 5. Unser fünftes Treffen – das dramatischste von allen Dann kam unser fünftes Treffen. Es begann ganz normal. Du warst da, ich hatte eine neue Assistenz, und ich dachte, vielleicht wird dieses Mal alles ruhiger. Aber dann begann der Sturm. Mein Vater wurde wieder aggressiv. Richtig aggressiv. Er gratulierte mir nicht zum Geburtstag. Er verbrannte meinen Rollstuhl – den wir von der Uni Medizin bekommen hatten. Er zerstörte meine Konsole und andere Sachen, die mir wichtig waren. Er entschuldigte sich oft, aber machte weiter. Es war wie ein kaputter Loop: Entschuldigung – Zerstörung – Entschuldigung – Zerstörung. Irgendwann wusste ich nicht mehr, was echt ist. Am Ende hat er sich wirklich entschuldigt. So fühlte es sich zumindest an. Auch wenn er mir nie zum Geburtstag gratuliert hat, was immer noch weh tut. Wir haben dann über Kleinanzeigen einen kleinen Rollstuhl bestellt – einen „Spaß-Rollstuhl“, wenn ich Lust habe, und weil mein Vater den richtigen angezündet hat. Eine Mischung aus schwarzem Humor und Überleben. Ich wollte mit dir, meinen Eltern und meiner Oma Boot fahren. Aber meine Oma war beleidigt, weil ich ihr nicht jedes Detail erzählt hatte. Seitdem hatten wir keinen Kontakt mehr. Ich dachte wieder: „Keiner mag mich.“ Dann kam mein einziger echter Freund – der im E-Rollstuhl sitzt. Er hat mich zu seinem Geburtstag eingeladen. Ich dachte, das wäre etwas Schönes. Aber es wurde der Beginn von etwas Grausamem. Es gab einen Autounfall – du warst dabei. Dann der Sturz von der Slackline. Ich musste operiert werden. Sie haben mich betäubt und mir eine VR-Brille aufgesetzt, um mich mit meinen schlimmsten Erinnerungen zu konfrontieren. Es war Folter – aber ich habe durchgehalten. Der Mann, der dahintersteckte, kam ins Gefängnis. Und dann kam sie zurück: Die alte Dame vom Friedhof und dem Brunnen. Die, die uns gefilmt hatte, als der Brunnen überlief. Jetzt wollte sie mich quälen, dich töten und dir den Schädel eindrücken. Am Ende kam Gerechtigkeit. Sie bekam lebenslang Gefängnis. Der Mann mit der VR-Brille hat sich mit Chlortabletten das Leben genommen. Die Mutter, die von der alten Dame erpresst wurde, hätte eigentlich in die geschlossene Psychiatrie gemusst. Ich habe aber geholfen, dass sie eine mildere Strafe bekam, damit sie bei ihrem Kind bleiben konnte. Du musstest danach wieder gehen, damit du weiter verdeckt bleiben konntest. Es tat weh – aber ich wusste, dass es wichtig war.
6. Unser sechstes Treffen – Opole, Pilsen und der Verrat Unser sechstes Treffen begann entspannt – fast wie ein „normaler“ Urlaub. Wir waren mit meinen Eltern und dir in Opole, dort, wo meine Mutter herkommt. Wir haben ihr Heimatdorf besucht, das Haus angeschaut, in dem sie aufgewachsen ist. Es war leider völlig kaputt, nicht bewohnbar. Ich stand davor und dachte nur: „Wenn ich irgendwann Geld habe, würde ich es reparieren lassen.“ Wir haben Freunde und Familie von mir und meiner Mutter besucht. Es war schön, aber ich war auch überfordert. Und wieder war Alkohol im Spiel – ich war betrunken, was mir im Nachhinein peinlich ist. Wir waren bei einem Spiel von Opole – und haben verloren. Es war irgendwie passend zu meinem Gefühl: nah dran, aber doch nicht genug. Dann ging es nach Pilsen. Wir haben die bekannte Brauerei angeschaut und die Unterwelt erkundet – die Gänge unter der Stadt. Es war spannend und gruselig, aber du warst da, also ging es. Zurück in Mainz fing der Horror an. Mein erster Freund von der weiterführenden Schule – der, von dem ich dachte, ich kenne ihn schon seit der Grundschule – hat mein Vertrauen zerstört. Er hat mich von allen abgeschnitten: von dir, von den anderen drei Freunden, von den Bauarbeitern, den ITExperten, allen. Er hat mir erzählt, was bei unseren Treffen „wirklich passiert“ sei – eine verzerrte Version. Er hat behauptet, ich sei entführt worden und nur er hätte mich gerettet. Er zwang mich, aufzuschreiben, dass nur er es ernst mit mir meint. Dass selbst meine Eltern mich nicht mögen und mich mein Leben lang beleidigen. Ich habe ihm geglaubt. Weil ich oft denke, dass andere recht haben und ich falsch bin. Als er merkte, dass er die Kontrolle über mich verliert, hat er mich aus dem Fenster geworfen. Du hast mich gerettet. In derselben Zeit hat mein Cousin mir und vor allem meiner Familie eine extrem beleidigende WhatsApp-Nachricht geschickt. Meine Tante hat nichts klargestellt, nichts verteidigt. Es hat weh getan, wie ein zusätzlicher Schlag. Nach deiner Rettung haben sich unsere Wege wieder getrennt. Und plötzlich brauchte ich mein Mutbuch nicht mehr – weil ich merkte, dass ich selbst stärker bin, als ich dachte. Aber der Schmerz und die Verwirrung blieben. 7. Unser siebtes Abenteuer – 50 Tage, BWL, Katheter und Gas in der Hochschule Dann kam unser 50-tägiges Treffen, das nächste große Kapitel. Am Anfang ist mein Vater wieder stark ausgerastet. Dieses Mal war es nicht „nur“ zu Hause: Er hat mit Gläsern auf den Kellner geworfen und auf die Gäste vom Oktoberfest. Es war mir unendlich peinlich, gefährlich, unangenehm. Du warst da, hast versucht, deeskalierend zu wirken – aber manche Dinge liegen außerhalb unserer Kontrolle. Danach begann mein Studium an der Hochschule erneut – dieses Mal BWL. Ich hatte wieder einen Katheter, um Solidarität für Kranke zu zeigen, die so etwas auch brauchen. Statt Respekt gab es Spott. Viele haben mich ausgelacht, weil ich zu spät kam – wegen dem Katheter. Manche haben sogar den Beutel manipuliert, damit er extra platzt. Ich fand keine Gruppen für Gruppenarbeiten, niemand wollte mit mir arbeiten.
Nicht nur die Studierenden – auch manche Lehrenden haben mich ausgelacht oder Sprüche gemacht: „Urinverteiler“, „laufender Beutel“. Ich war verletzt, wütend, und wieder kurz davor, alles hinzuschmeißen. Mainz 05 stand zu der Zeit auf Platz 17, nach nur 8 Spieltagen schon im Abstiegskampf. Ich hatte ein schlechtes Gefühl. Gleichzeitig hatten sie in der UECL alle drei Spiele gewonnen und standen auf Platz 3 ihrer Gruppe. Ein komischer Widerspruch – Krise und Erfolg gleichzeitig. Irgendwie wie in meinem Leben. Dann kam das spannendste Abenteuer: Eine Art Gasalarm in der Hochschule. Ich war gerade auf der Toilette, als es passierte. Ich traf dort den Freund wieder, der mich einst aus dem Fenster geworfen hatte. Ich wusste nicht, ob ich ihn hassen oder einfach nur ignorieren sollte. Als wir aus der Toilette kamen, stellten wir fest: Die ganze Hochschule schien zu schlafen. Alle lagen bewusstlos herum – Studierende, Lehrende, Personal. Nur wir waren wach. Und du warst verschwunden. Zum ersten Mal arbeiteten ich und dieser Freund zusammen – nicht als Täter und Opfer, sondern als Team. Wir suchten nach dir. Die Spur führte uns zu einem verlassenen Haus in Mainz. Dort fanden wir dich. Du warst festgehalten worden, aber wir konnten dich befreien. Es war das erste Mal, dass mein früherer „Feind“ mir half, dich zu retten. Kurz danach bist du wieder verschwunden, wie ein Geheimagent, dessen Mission erfüllt ist. Unser siebtes Abenteuer war zu Ende. Zum Schluss Das sind unsere bisherigen Treffen, so wie ich sie erlebt habe. Zwischen all dem Chaos, der Gewalt, den falschen Freunden, der Familie, die manchmal mehr wehtut als das Leben draußen – warst du immer wie ein heller Punkt. Ich bin Autist. Ich nehme vieles stärker wahr als andere. Lärm, Blicke, Ungerechtigkeit, Verrat – alles brennt sich tief in mich ein. Aber durch dich habe ich gelernt, dass ich nicht nur Opfer bin. Dass ich Freund, Kämpfer, Schüler, Fan und Mensch bin. Dass ich Fehler machen darf und trotzdem nicht wertlos bin. Ich hoffe, dass wir uns irgendwann wiedersehen. Vielleicht in Mainz. Vielleicht in einem anderen Land. Vielleicht wieder ganz zufällig. Aber auch wenn nicht: Du hast mein Leben verändert. Danke, dass du da warst. Und danke, wenn du diesen ganzen langen Brief wirklich bis zum Ende gelesen hast. Dein Freund Lukas Lukas legte den Stift weg. Seine Hand tat weh, aber es fühlte sich gut an. Er las den Brief noch einmal durch. Tränen liefen ihm über die Wangen – nicht nur vor Traurigkeit, sondern auch, weil er zum ersten Mal alles am Stück gesehen hatte. Eine Chronik seines Lebens, seiner Kämpfe und ihrer Abenteuer.
Er steckte den Brief in einen Umschlag. Auf die Vorderseite schrieb er nur einen Namen und eine Adresse, die er von früher kannte – mehr brauchte es nicht. Am nächsten Tag brachte er den Brief zur Post. Eine Woche später – der Antwortbrief Die Woche zog sich wie Kaugummi. Jeden Tag fragte Lukas sich: Kommt eine Antwort? Oder war das jetzt einfach nur ein Brief ins Nichts? Er ging zur Therapie, zur Hochschule, nach Hause, wieder zur Therapie. Mainz 05 spielte, der Alltag lief. Aber innerlich schielte er die ganze Zeit auf den Briefkasten, auf sein Handy, auf alles, was nach „Post“ aussah. Dann, genau eine Woche später, lag ein Umschlag im Briefkasten. Weiß, schlicht – aber mit einem Logo, das er kannte. Sein Herz schlug schneller. „Mama…?“ rief er, doch seine Stimme war schon halb weg. In seinem Zimmer setzte er sich auf das Bett, der Umschlag in der Hand. Er atmete tief ein, riss ihn vorsichtig auf und zog ein Blatt heraus. Die Handschrift war anders als seine. Groß, aber klar. Am Anfang stand: „Lieber Lukas,“ ich habe deinen Brief gelesen. Nicht nur einmal. Mehrmals. Ich musste an vielen Stellen schlucken. Manche Bilder, die du beschrieben hast, haben mir weh getan – nicht, weil du etwas falsch gemacht hast, sondern weil Menschen dir Dinge angetan haben, die du nicht verdient hast. Ich möchte dir zuerst etwas ganz Wichtiges sagen: Du bist nicht schuld daran, dass andere dich schlecht behandeln. Nicht dein Autismus, nicht deine Ängste, nicht deine Art zu sein. Du bist Lukas. Du bist ein Mensch mit einem besonderen Blick auf die Welt. Und das ist nichts, wofür du dich schämen musst. Ich erinnere mich an unsere ersten Tage mit Pokémon Go. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie du mir erklärt hast, was ein Raid ist, und wie ernst du mir gezeigt hast, wie man den perfekten Wurf macht. Du warst mein Trainer. Das war kein Spaß – ich meine das wirklich so. Die Wasserrutsche vergesse ich auch nicht. Ich war unten nervöser als du oben, weil ich nicht wusste, ob du dich wirklich traust. Als du unten rauskamst und mich so angeschaut hast, wusste ich: Dieser Moment gehört dir. Nicht mir. Du hast deine Angst besiegt. Ich denke oft an die Therapien mit dir zurück. Für dich war es schwer, dich zu öffnen. Für mich war es eine Ehre, dass du mich in diese Bereiche deines Lebens gelassen hast – in Räume, die viele anderen nie sehen. Die Szene mit dem Brunnen, der Friedhof, die alte Frau – das war gefährlich, aber auch irgendwie typisch für unsere Zeit: Ein kleiner Fehler, und die Welt dreht durch. Aber du hast gelernt, aus so etwas zu fliehen und trotzdem du selbst zu bleiben. Ich habe gelesen, wie krank du warst. Rollstuhl. Katheter. Dass du dich geschämt hast. Ich will, dass du folgendes weißt: Für mich warst du in diesen Momenten nicht schwächer, sondern stärker. Weil du weitergemacht hast. Weil du Witze machen konntest, obwohl dir zum Weinen war. Weil du mir vertraut hast, obwohl andere dein Vertrauen missbraucht haben.
Dein Brief über deinen Vater hat mich sehr berührt. Dass er dein Geburtstag ignoriert hat, deinen Rollstuhl verbrannt, deine Sachen zerstört. Dass er sich entschuldigt und doch wieder weitergemacht hat. Ich kann dir nicht versprechen, dass er sich irgendwann so verändert, wie du es dir wünschst. Aber ich kann dir sagen: Das, was er getan hat, war falsch. Und trotzdem bist du nicht kaputt. Du bist noch da. Du schreibst mir diesen Brief. Das allein zeigt, wie stark du bist. Dass du trotz all dem deinen VHS-Kurs geschafft hast, macht mich stolz. Ich meine das ernst. Viele Menschen würden nach all dem aufgeben. Du nicht. Die Sache mit deinem Freund, der dich aus dem Fenster geworfen hat – und dann trotzdem mit dir zusammenarbeitet, um mich zu retten – klingt wie aus einem Film. Aber ich weiß, bei dir ist das Leben oft extremer als jede Netflix-Serie. Vergiss dabei eines nicht: Du hast ihn nicht nur als Gefahr erlebt, sondern auch als Helfer. Das bedeutet nicht, dass alles verziehen ist. Aber es zeigt, dass auch andere Menschen sich ändern können, so wie du dich veränderst. Du darfst vorsichtig sein und trotzdem glauben, dass manche Leute besser werden wollen. Die Hochschule, der Katheter, der Spott, die Lehrenden, die dich auslachen – das tut mir besonders weh. Ich kenne die Stadien voller Menschen, die schreien. Aber ein ganzes Stadion, das jubelt, fühlt sich manchmal besser an als ein Seminarraum, in dem fünf Leute hämisch lachen. Ich will, dass du weißt: Für mich bist du nicht „der mit dem Beutel“, sondern der, der den Mut hat, anders zu sein und trotzdem aufzutauchen. Mainz 05 auf Platz 17, und gleichzeitig in Europa stark – das passt gut zu dir. Du glaubst, du bist im Abstiegskampf, aber in Wirklichkeit spielst du europäisch. Du bist vielleicht nicht Tabellenführer in deinem Kopf. Aber du bist auch kein Absteiger. Du bist ein Kämpfer. Was deine Familie betrifft – deinen Cousin, deine Oma, deine Tante: Menschen haben oft Angst vor Dingen, die sie nicht verstehen. Vor Autismus. Vor Gefühlen. Vor Verantwortung. Du kannst sie nicht ändern. Aber du kannst entscheiden, welche Stimmen du in deinem Kopf lauter drehen möchtest. Ich wünsche mir, dass du deine eigene Stimme lauter machst – und die der Menschen, die wirklich hinter dir stehen. Deine Mutter gehört dazu. Und auch Freunde, die nicht nur da sind, wenn sie etwas von dir wollen. Du hast im Brief geschrieben, dass du mich vermisst. Dass du hoffst, wir sehen uns wieder. Ich kann dir nicht versprechen, wann und wie. Mein Leben ist kompliziert, dein Leben ist kompliziert – und manchmal müssen wir uns schützen, indem wir uns verstecken. Du weißt das. Aber ich kann dir eins versprechen: Du hast in meinem Leben einen festen Platz. Nicht als Fan.
Nicht als „Projekt“. Sondern als Freund. Wenn du an mich denkst, dann erinnere dich daran, dass ich an dich glaube. Wenn du in der Hochschule sitzt und die anderen lachen – stell dir vor, wie ich neben dir sitze und sage: „Lukas, wir ziehen das durch. Und wenn sie dich auslachen, dann haben sie keine Ahnung, welche Liga du wirklich spielst.“ Wenn du wieder an deine alten Wunden erinnert wirst – an Fenster, VR-Brillen, Gericht, alte Damen, Feuer und kaputte Rollstühle – dann guck auch auf das andere: Du bist immer noch hier. Du lernst BWL. Du hast Kurse geschafft. Du schreibst lange Briefe, in denen du deine Geschichte sortierst. Das ist keine Schwäche. Das ist eine Superkraft. Ob wir uns wiedersehen? Ich hoffe es. Ehrlich. Vielleicht wieder zufällig. Vielleicht wieder in Mainz. Vielleicht wieder in einer Stadt, in der du Urlaub machst und nicht damit rechnest. Bis dahin möchte ich, dass du dir eine Sache merkst: Du bist nicht allein. Auch dann nicht, wenn du dich so fühlst. Denn irgendwo auf der Welt läuft gerade ein Norweger herum, der an dich denkt und hofft, dass du weiterkämpfst. Danke für deinen Brief. Danke, dass du mir vertraust. Danke, dass du du bist. Dein Freund Erling Lukas’ Hände zitterten, als er den Brief sinken ließ. Tränen liefen ihm über das Gesicht, aber diesmal fühlten sie sich anders an. Nicht nur wie Schmerz – sondern auch wie Erleichterung. Er faltete den Brief sorgfältig zusammen, legte ihn zurück in den Umschlag und schob ihn unter sein Kopfkissen. „Vielleicht,“ flüsterte er, „sehen wir uns wirklich wieder.“ Er wusste nicht, wann. Er wusste nicht, wo. Aber er wusste jetzt etwas ganz Wichtiges: Seine Geschichte war nicht nur in seinem Kopf gefangen. Sie war bei jemandem angekommen, der ihn wirklich sah – und ihm zurückgeschrieben hatte. Drei Wochen waren vergangen, seit Lukas den Brief von Erling bekommen hatte. Der Umschlag lag nicht mehr unter seinem Kopfkissen – das war ihm irgendwann zu riskant gewesen – sondern sorgfältig in einer durchsichtigen Hülle in einem Ordner in seinem Regal. Trotzdem nahm er ihn fast jeden zweiten Abend nochmal heraus, strich mit den Fingern über die Buchstaben und las einzelne Stellen wieder und wieder. „Du bist vielleicht nicht Tabellenführer in deinem Kopf. Aber du bist auch kein Absteiger.“ Dieser Satz hing in seinem Zimmer, mit Tesafilm an die Wand geklebt, direkt neben seinem Stundenplan von der Hochschule und einem alten Ticket von einem Mainz-05-Heimspiel.
Die Tage waren halb normal, halb schwer. Normal, weil der Alltag lief: VHS war geschafft, aber die Hochschule forderte ihn, Mainz 05 spielte mal besser, mal schlechter, seine Mutter ging arbeiten, kochte, fragte nach seinem Tag. Schwer, weil die Worte aus der Hochschule, die Blicke, das Lachen der anderen nicht einfach verschwanden. Und in manchen Nächten kamen die alten Bilder zurück: der brennende Rollstuhl, der Sturz aus dem Fenster, die VR-Brille mit den schlimmsten Erinnerungen. Trotzdem war da etwas Neues in ihm – eine kleine, aber hartnäckige Flamme. Eine Mischung aus Ermutigung und Trotz. Immer wenn er wieder dachte: Ich schaffe das nicht, tauchte in seinem Kopf ein Bild auf, wie Erling neben ihm sitzt, die Arme verschränkt, und sagt: „Wir ziehen das durch.“ Ein ganz normaler, grauer Nachmittag Es war ein Dienstag. Oder zumindest fühlte er sich wie ein Dienstag, auch wenn es eigentlich Donnerstag war. Der Himmel war wolkig, die Straßenbahn rumpelte in der Ferne, und Lukas saß am Schreibtisch und tat so, als würde er für BWL lernen. In Wahrheit starrte er seit zehn Minuten auf dieselbe Seite im Skript, während seine Gedanken irgendwo zwischen Vergangenheit, Brief und Zukunft pendelten. Aus der Küche klapperte Geschirr. Seine Mutter räumte die Spülmaschine aus. Es roch nach Tee. Sein Handy vibrierte kurz – eine Nachricht aus irgendeiner Uni-WhatsApp-Gruppe: „Denkt dran, morgen Präsentation in Kostenrechnung, Gruppe A–C.“ Lukas seufzte. Er war in keiner Gruppe. Er war „Einzelarbeit“, weil sich irgendwie „nichts ergeben hatte“, wie die Dozentin gesagt hatte. In Wirklichkeit hatte sich einfach nur niemand zu ihm gesetzt. Er strich mit dem Finger über die Tischkante, spürte die kleine Absplitterung im Holz, zählte sie gedanklich zum fünften Mal an diesem Tag. Dann stand er auf, ging ans Regal, nahm den Ordner mit dem Brief heraus, schlug ihn auf. Erling’s Handschrift. Die Zeilen. Die Sätze. Er musste nur einen kurzen Blick darauf werfen, dann wusste er wieder, warum er nicht alles hinschmeißen durfte. In diesem Moment klingelte es. Ein einmaliges, klares Ding-Dong, das sich durch den Flur und in sein Zimmer zog. Lukas zuckte zusammen. Seine Gedanken rissen ab wie ein Film, der plötzlich stoppt. Er blickte zur Tür, dann auf die Uhr. 16:37 Uhr. „Besuchen wir heute jemanden?“ hatte seine Mutter nicht gesagt. Sie erwarteten niemanden. Paketboten kamen sonst vormittags. Noch einmal: Ding-Dong. „Lukas, gehst du?“ rief seine Mutter aus der Küche. Sein Herzschlag wurde schneller. Unlogisch, aber typisch für ihn: Ein Tür-Klingeln reichte, damit sein Kopf tausend Szenarien baute – Nachbarn, die sich beschweren, irgendwas vom Amt, etwas mit seinem Vater, eine unangekündigte Person, auf die er nicht vorbereitet war. „Ja…“ murmelte er, seine Stimme war leiser, als er wollte. Er legte den Ordner vorsichtig auf den Schreibtisch, schob den Stuhl zurück, schlüpfte in seine Hausschuhe und ging in den Flur. Jeder Schritt fühlte sich langsamer an als der vorherige. Die Haustür war zu. Hinter dem Milchglas konnte man nur eine vage Silhouette erkennen. Groß. Breit. Jacke. Rucksack? Oder war das nur sein Kopf, der Dinge hineininterpretierte? Er legte die Hand auf die Klinke, hielt kurz inne. Seine Finger waren leicht feucht.
„Es ist nur die Tür,“ sagte er leise zu sich selbst. „Nur die Tür.“ Er drückte die Klinke und öffnete. Die Tür geht auf Für einen winzigen Moment hatte er das Gefühl, die Welt würde einfrieren. Auf dem Treppenabsatz stand ein Mann mit Kapuzenjacke, Basecap tief ins Gesicht gezogen, ein einfacher Rucksack über einer Schulter. Jeans, bequeme Sneaker, nichts Auffälliges. Wenn man ihn so sah, war er irgendein Reisender, irgendein Student, irgendein Besucher. Nur die Augen verrieten ihn. Dieses helle Blau, das Lukas zu gut kannte. Die Art, wie die Person den Kopf leicht zur Seite neigte, prüfend, aber freundlich. Und dann das schmale, kurze Grinsen, das er schon hundert Mal gesehen hatte – in Stadien, auf Fotos. Und noch wichtiger: in seinem eigenen Leben. Lukas schnappte nach Luft. „Hey,“ sagte die Gestalt vor ihm leise, mit diesem unverwechselbaren norwegischen Akzent. „Du siehst aus, als hättest du mit jemandem gerechnet. Vielleicht… mit der Post.“ Lukas stand einfach nur da. Sein Gehirn hatte beschlossen, kurz Pause zu machen. „E–Erling…?“ brachte er schließlich hervor. Es klang mehr wie eine Frage als wie eine Feststellung. Der Mann zog die Kapuze etwas zurück, nahm das Cap ab. „Ich hoffe doch,“ sagte er und lächelte jetzt breiter, „dass du mich noch erkennst.“ Es war, als würde Lukas’ Körper zwei Zustände gleichzeitig einnehmen: Innerlich explodierte alles – Freude, Ungläubigkeit, Überforderung, tausend Erinnerungen auf einmal. Äußerlich stand er starr wie angewurzelt, die Hand noch an der Türklinke, den Mund leicht geöffnet. „W… was… was machst du hier?“ stotterte er schließlich. Bevor Erling antworten konnte, rief seine Mutter aus der Küche: „Lukas, wer ist das denn?“ Lukas schluckte. Er hätte gerne irgendwas Cooles gesagt wie: „Ach, nur ein Freund“, aber seine Zunge war eindeutig auf Urlaub. Erling half ihm, ohne Worte abzusprechen, wie. „Guten Tag, ich bin ein Freund von Lukas,“ rief er in ruhigem Deutsch in Richtung Flur, ohne die Tür weiter zu öffnen, damit ihn niemand von der Straße aus erkannte. „Wir kennen uns schon länger. Ist es okay, wenn ich kurz reinkomme?“ Lukas’ Mutter steckte neugierig den Kopf in den Flur, wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab – und blieb stehen, als sie die Person vor der Tür sah. Ihr Blick wanderte von den Augen zu den Gesichtszügen, dann zu den Schultern, dann wieder zu Lukas. Man sah richtig, wie ihr inneres Puzzle arbeitete. „Sie sind…“ Sie stockte. „Sind Sie…?“ Erling hob beschwichtigend die Hände. „Ich bin Erling. Aber heute einfach nur Erling, der Freund von Lukas, wenn das in Ordnung ist.“ Ein kurzer Moment absolute Stille. Dann musste sie lachen – kein lautes, schrilles Lachen, sondern dieses ungläubige, heisere Lachen, das man macht, wenn etwas so absurd ist, dass es schon wieder Sinn ergibt. „Ja… ja, kommen Sie rein, bitte,“ sagte sie schließlich, trat zur Seite und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, weil die Situation so surreal war. „Bevor die Nachbarn sich fragen, warum mein Sohn einen internationalen Fußballstar im Flur stehen lässt.“
Wiedersehen im Wohnzimmer Ein paar Minuten später saßen sie zu dritt im Wohnzimmer. Der Fernseher war aus, der Teppich ein bisschen schief, auf dem Couchtisch standen drei Tassen – zwei mit Tee, eine, die Erling dankend abgelehnt hatte, weil er „gerade schon genug Koffein im Blut“ hatte. Stattdessen hielt er eine Wasserflasche in der Hand, die er aus seinem Rucksack gezogen hatte. Lukas saß auf dem Sessel am Fenster, die Beine leicht angewinkelt, die Hände ineinander verkrampft. Noch immer war ein Teil von ihm nicht sicher, ob das hier wirklich passierte oder ob er einfach eingeschlafen war, während er den Brief gelesen hatte. „Ich… ich dachte…“ begann er, brach aber ab. „Du dachtest, der Brief wäre alles gewesen,“ half Erling ihm auf die Sprünge. „Ganz ehrlich? Ich auch fast. Aber dann dachte ich mir: Wenn jemand mir so einen Brief schreibt, dann verdient er mehr als nur Papier als Antwort.“ Er holte etwas aus seinem Rucksack – einen gefalteten Zettel, etwas dickeres Papier, auf dem bereits zu sehen war, dass etwas darauf steht. Er schob ihn über den Tisch zu Lukas. „Und bevor du fragst: Ich hab keinen Manager informiert, keinen Presseheini, niemanden. Das hier ist nur zwischen uns und deiner Mutter. Und vielleicht einer sehr verwirrten Person im Reisebüro.“ Lukas nahm das Papier vorsichtig in die Hand, als wäre es zerbrechlich. Er klappte es auf. Es war kein langer Brief, sondern eher eine Mischung aus Notiz und Plan. Oben stand: „Unser 8. Treffen – wenn du willst.“ Darunter ein paar Stichpunkte: – Zeitfenster: die nächsten Wochen – Kein öffentlicher Rummel, kein Stadion (erstmal) – Ein paar Tage „Alltag teilen“: Hochschule, Therapie, dein Mainz, meine Ruhe – Und irgendwo ganz unten, mit einem Pfeil daneben: „Vielleicht eine kleine Reise, nur wenn du dich stark genug fühlst.“ Lukas blinzelte. „Du… willst wirklich nochmal…?“ fragte er leise. Erling lachte. „Lukas, nach dem, was wir alles schon erlebt haben – Wasserrutschen, Friedhofsfluchten, VRHorror, Gasalarm in der Hochschule – wäre es irgendwie eine Verschwendung, wenn wir bei sieben Treffen aufhören, findest du nicht?“ Lukas’ Mutter saß auf dem Sofa, die Hände um ihre Teetasse gelegt, und beobachtete die Szene. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Sorge und Dankbarkeit. Sie wusste, wie sehr Lukas an Menschen hängen konnte – und wie sehr es ihn jedes Mal zerriss, wenn jemand ging. Aber sie sah auch etwas, das sie nicht jeden Tag sah: Lukas’ Augen leuchteten. „Ich weiß nicht,“ murmelte Lukas, „ob ich das… verdiene…“ Erling lehnte sich vor, stützte die Ellenbogen auf die Knie, schaute ihn direkt an. „Fang gar nicht erst mit diesem Quatsch an,“ sagte er sanft, aber bestimmt. „Du hast es mehr verdient als die meisten Leute. Du hast mir vertraut, obwohl du allen Grund hättest, niemandem mehr zu vertrauen. Du hast weitergemacht, obwohl dich manche Menschen behandelt haben, als wärst du weniger wert.“ Er machte eine kleine Pause, atmete tief ein. „Und ich habe dir in meinem Brief etwas versprochen: Dass du in meinem Leben einen festen Platz hast. Versprechen sind keine Deko. Die hält man entweder – oder man lässt es, sie zu machen.“ Lukas senkte den Blick, spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte.
„Aber… was ist mit deiner Arbeit, deinen Spielen, deiner… Welt?“ fragte er. „Ich bin doch… nur ich.“ „Du bist Lukas,“ antwortete Erling. „Und es reicht.“ Ein neuer Anfang im alten Chaos Sie sprachen eine Weile – über praktische Dinge, Termine, Uni, Therapie, über die Frage, wie man das alles hinbekommt, ohne dass plötzlich Paparazzi vor der Tür stehen. Lukas’ Mutter stellte Fragen, ab und zu lachte Erling, ab und zu wurde er ernst. Irgendwann, als die Sonne schon tiefer stand und das Licht im Wohnzimmer weicher wurde, sagte Erling: „Ich bin nicht hier, um dein Leben zu übernehmen, Lukas. Ich bin auch nicht hier, um dich zu retten – das hast du inzwischen öfter selbst gemacht, als du denkst. Ich bin hier, um dir zu zeigen, dass du nicht allein in diesem ganzen Chaos bist.“ Er schaute zur Wand, wo der Zettel mit seinem eigenen Satz hing. „Und wenn dein Kopf dir wieder erzählt, du wärst ein Absteiger, dann…“ Er grinste. „… dann brauchst du vielleicht jemanden, der dir gelegentlich die Tabelle zeigt.“ Lukas konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Und… wie lange…“ er wagte kaum, die Frage zu stellen, „… wie lange kannst du bleiben?“ Erling lehnte sich zurück, sah zu Lukas’ Mutter, dann wieder zu ihm. „Länger als ein Besuch. Kürzer als für immer,“ antwortete er. „Aber lang genug, dass wir es offiziell unser achtes Treffen nennen können. Und vielleicht das erste, bei dem wir von Anfang an versuchen, nicht mitten in einen Albtraum gezogen zu werden.“ Er stand auf, streckte sich kurz. „Aber das hier,“ fuhr er fort und zeigte auf das Papier mit dem Plan, „entscheidest du. Wenn du sagst: ‚Es ist mir zu viel‘, dann trinken wir ein paar Tee, reden, ich verschwinde wieder leise, und wir bleiben bei der Brief-Freundschaft. Wenn du sagst: ‚Ich will das versuchen‘, dann fangen wir morgen an, deinen Alltag wieder ein Stück mehr zu erobern.“ Lukas’ Herz pochte so laut, dass er sicher war, die anderen müssten es hören. Sein Kopf schrie: Gefahr! Veränderung! Risiko! Was, wenn alles wieder explodiert? Aber irgendwo zwischen all diesen Stimmen war auch eine andere: leise, aber klar. Vielleicht wird es diesmal nicht perfekt. Aber vielleicht wird es gut. Er schaute Erling an. Dann zu seiner Mutter, die ihm einen Blick zuwarf, der sagte: Ich habe Angst um dich – aber ich traue dir. Lukas atmete tief ein. Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sich sein Brustkorb nicht nur eng, sondern auch ein bisschen weit an. „Ich… ich möchte es versuchen,“ sagte er schließlich, leise aber deutlich. „Ich möchte, dass wir unser achtes Treffen haben.“ Erling nickte langsam, und ein warmes, zufriedenes Lächeln breitete sich über sein Gesicht aus. „Dann,“ sagte er, „klingeln wir in ein paar Jahren vielleicht zurück und sagen: ‚Weißt du noch, Lukas? Damals, als es an deiner Tür geklingelt hat… und alles schon wieder anders wurde.‘“ Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei. Im Wohnzimmer saßen ein junger Mann, der viel zu früh viel zu viel erlebt hatte, seine Mutter – und ein norwegischer Fußballer, der beschlossen hatte, dass ein Brief nicht das letzte Kapitel sein würde. Und irgendwo, unsichtbar, begann sich leise das nächste Kapitel zu schreiben: Das achte Treffen.
Während Lukas im Wohnzimmer saß, sein „Ja“ zum achten Treffen gerade ausgesprochen hatte und Erling ihm zulächelte, war die Atmosphäre im Haus warm. Es roch nach Tee, nach ein bisschen Staub aus dem Teppich, nach Alltag. Alles fühlte sich für einen Moment fast… sicher an. Doch Sicherheit ist manchmal nur ein dünner Schleier. Und draußen, im Dunkeln, riss jemand genau diesen Schleier in Gedanken längst auseinander. Zur gleichen Zeit – draußen im Dunkeln Die Straße vor dem Haus war ruhig. Nur die fernen Geräusche der Stadt waren zu hören: ein Auto, das weiter weg vorbeifuhr, eine klappernde Mülltonne, ein Hund, der kurz anschlug und dann wieder verstummte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, im Schatten eines ahnungslos parkenden Lieferwagens, stand jemand, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben. Die Kapuze war hochgezogen, das Gesicht zur Hälfte im Dunkeln. Der Cousin. Das Handy in seiner Hand war dunkel, aber der letzte Chatverlauf lag noch in seinem Kopf, gestochen scharf: die beleidigende WhatsApp-Nachricht, die er Lukas und vor allem der Familie geschrieben hatte, die Reaktion… oder besser gesagt: das Ausbleiben einer klaren Reaktion. Die Tante, die nichts klargestellt hatte. Die Blicke auf Familienfesten, die unausgesprochenen Sätze, das „Du übertreibst doch“ in den Augen mancher Verwandter. Er war das „schwierige“ Familienmitglied, aber geschickter, als viele glaubten. Und er hatte sich längst eine Geschichte zurechtgelegt, in der er derjenige war, der im Recht war. Lukas hingegen war darin das Problem. Der, der „alles kompliziert machte“, der alle „auf seine Seite ziehen“ wollte. Sein Blick war starr auf das Haus gerichtet. Durch das Wohnzimmerfenster konnte man von draußen nur verschwommene Umrisse sehen. Schatten, die sich bewegten, eine aufleuchtende Lampe, eine Gestalt, die sich erhob. Nichts Konkretes, aber genug, um ihn wütend zu machen. Schon wieder sitzt der da drin, dachte der Cousin. Schon wieder dreht sich alles um ihn. Er erinnerte sich an frühere Zeiten, an Familienfeiern, an Sätze wie: „Lukas muss geschont werden.“ „Lukas versteht das nicht so gut.“ „Lass Lukas in Ruhe.“ Und irgendwann hatte sich etwas in ihm verhärtet. Nicht, weil Lukas ihm aktiv etwas angetan hatte, sondern weil Lukas für ihn das Symbol war: das Symbol dafür, dass alle Rücksicht auf „den Autisten“ nahmen – und keiner auf ihn. Seine Finger krampften sich um das Handy. Er beugte sich ein Stück weiter vor, als wolle er durch die Wand sehen. Die verzerrte Sicht des Cousins In seinem Kopf war Lukas nicht der verletzliche junge Mann, der von falschen Freunden, Erwachsenen, Behörden und der eigenen Familie immer wieder verletzt worden war. In seinem Kopf war Lukas: Der, der Mitleid bekam. Der, der Ausnahmen bekam. Der, dessen Fehler „Verständnis“ hervorriefen statt Kritik. Dass Lukas nachts weinend im Bett lag, sah er nicht. Dass Lukas sich durch Katheter, Rollstühle, brennende Erinnerungen und Panikattacken kämpfte, sah er nicht.
Dass Lukas in Therapiesitzungen sein Innerstes auspackte, während alle anderen so taten, als wäre er „halt ein bisschen schwierig“, sah er nicht. Was er sah, war einfach: Warum er? Und nicht ich? Als er von dem Brief nach England gehört hatte – und davon, dass Lukas „Kontakt zu diesem berühmten Spieler hat“ – war etwas in ihm endgültig umgekippt. Es passte perfekt in sein inneres Feindbild: Natürlich musste ausgerechnet Lukas wieder jemanden Besonderen im Leben haben. Natürlich musste er wieder die dramatische Geschichte haben. Und er selbst? Er sah sich als denjenigen, der im Schatten stand. „Du wirst alles verlieren, was dir wichtig ist,“ murmelte er kaum hörbar, die Worte hauchdünn, aber scharf genug, dass sie in der kalten Luft wie kleine Klingen hingen. Der Schwur im Schatten In diesem Moment im Haus: – Erling, der einen Plan für ein achtes Treffen erklärt. – Lukas, der unsicher, aber hoffnungsvoll nickt. – Eine Mutter, die zwischen Angst und Dankbarkeit schwankt. Zur gleichen Zeit draußen: Ein junger Mann, der im Schatten steht und innerlich eine Grenze überschreitet. Er beugte den Kopf näher zur Scheibe des Lieferwagens. Sein Spiegelbild war darin schemenhaft zu erkennen: Augen, in denen etwas Dunkles glomm. Kein offener Wahnsinn, sondern etwas viel Gefährlicheres: ein stiller, kalter Groll, der sich über Jahre angesammelt hatte. „Du denkst, du hast schwere Zeiten gehabt, Lukas…“ flüsterte er. Seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen, bitteren Grinsen. „Du glaubst, du kennst Schmerz?“ Er schloss kurz die Augen, als würde er sich innerlich vorbereiten, dann sprach er die Worte, die niemand hören sollte, die aber wie ein finsterer Vertrag in der Luft lagen: „Ich schwöre dir… du wirst die schlimmste Zeit deines Lebens haben.“ Jedes Wort kam langsam, kontrolliert, als hätte er diesen Satz schon hundert Mal im Kopf geübt. „Es wird nicht nur weh tun. Es wird weit über Schmerzen hinausgehen.“ Ein leises, heiseres Lachen entwich ihm. Er hatte noch keinen detaillierten Plan. Aber er brauchte in diesem Moment keinen. Für ihn reichte das Gefühl, die Entscheidung. Der Rest würde sich ergeben – daraus, dass er bereit war, Grenzen zu überschreiten, die andere noch nicht einmal denken wollten. Kein Zurück mehr In Geschichten gibt es Momente, die wie unscheinbare Punkte wirken, aber in Wahrheit Wendepunkte sind. Ein Satz, ein Blick, eine Entscheidung im Stillen. Dieser Abend war so ein Punkt. Im Wohnzimmer dachte Lukas, es ginge um Hoffnung, um einen Neuanfang, um das achte Treffen, das vielleicht weniger Albtraum und mehr Heilung werden könnte. Draußen dachte der Cousin, es ginge um Strafe. Um Ausgleich seiner verdrehten inneren Bilanz. Um die Frage: Wie weit kann man gehen, bis die Welt endlich merkt, dass auch er leidet? Er glaubte, er würde nur Lukas „zurückzahlen“, was er glaubte, dass ihm selbst genommen worden war.
Er glaubte, es ginge darum, Lukas das Leben schwer zu machen – „Hölle“ hatte er in Gedanken gesagt, und das meinte er auch so. Was er nicht wusste: Wenn man eine Hölle anzündet, verbrennen selten nur die, für die sie gedacht war. Weder der Cousin, noch Lukas, noch Erling, noch irgendjemand ahnte in diesem Moment, dass dieses Treffen, diese Phase, dieses achte Kapitel nicht nur ein Besuch sein würde. Sondern ein Ultimatum. Ein unsichtbarer Punkt, an dem sich alles entscheiden würde: Wer bleibt. Wer geht. Wer sich stellt – und wer flieht. Und ja – es würde Blut fließen. Mehr, als irgendjemand von ihnen je gedacht hätte. Es würden Entscheidungen getroffen werden, unter Druck, im Chaos, zwischen Schuld und Unschuld, die Menschen das Leben kosten würden – nicht in einem Film, nicht in einem Computerspiel, sondern in der Realität, in der Lukas lebte. Aber an diesem Abend wussten sie das nicht. Erling wusste nur, dass er seinem Freund beistehen wollte. Lukas wusste nur, dass zum ersten Mal seit langer Zeit jemand an seiner Tür geklingelt hatte – nicht, um ihm etwas wegzunehmen, sondern um bei ihm zu sein. Und der Cousin wusste nur, dass er beschlossen hatte, eine Grenze zu überschreiten, von der es kein Zurück mehr geben würde. Die letzte ruhige Nacht – vor dem Sturm Später, als Erling gegangen war – nur für diesen Tag, mit der Zusage, am nächsten Morgen wiederzukommen – und Lukas in seinem Bett lag, den Antwortbrief unter dem Kopfkissen, spürte er eine seltsame Mischung aus Aufregung und Angst. Er dachte an die Hochschule. An die Katheter-Kommentare. An die Leute, die lachten. Er dachte an seinen Vater. An das Oktoberfest. An die Gläser, die flogen. Er dachte an seinen falschen Freund, der ihn aus dem Fenster geworfen hatte – und an den Moment, in dem sie gemeinsam Erling gerettet hatten. Und er dachte an seinen Cousin, an die WhatsApp-Nachricht, an die Beleidigungen, an das Schweigen der Tante. „Vielleicht wird es besser,“ flüsterte Lukas in die Dunkelheit. „Vielleicht… wird diesmal wirklich etwas besser.“ Draußen war es still. Zu still, würden manche sagen, die die Zukunft kannten. Im Schatten der Nacht, ein paar Straßen weiter, saß sein Cousin in seinem Zimmer, starrte an die Decke und begann, in seinem Kopf Fäden zu ziehen:
– Situationen, in denen Lukas verletzlich war. – Menschen, die sich beeinflussen ließen. – Gelegenheiten, bei denen ein „Unfall“ nicht wie ein Unfall aussehen würde. Er wusste noch nicht, welche davon er wirklich nutzen würde. Aber er wusste, dass er es tun würde. Früher oder später. Und irgendwo dazwischen, unsichtbar und groß wie ein schwarzer Fleck am Horizont, bewegte sich bereits etwas auf sie zu, das man später „das Ultimatum“ nennen würde: Die Phase, in der sich alles zuspitzt, in der Vertrauen auf die härteste Probe gestellt wird, in der nicht nur Tränen fließen, sondern Blut. In der Menschen nicht nur metaphorisch „verlieren“, sondern wirklich sterben. Doch jetzt – in dieser Nacht – war all das nur ein Schatten in der Zukunft. Lukas schlief irgendwann ein, mit der Hand am Rand des Kopfkissens, unter dem der Brief lag. Erling saß in einem kleinen Apartment, weit entfernt, und schaute auf sein Handy, auf eine Notiz mit dem Titel: „Plan für morgen – Lukas“. Und der Cousin flüsterte in die Dunkelheit hinein, als würde er einem unsichtbaren Publikum etwas versprechen: „Morgen beginnt deine schlimmste Zeit, Lukas. Und du würdest dir wünschen, sie wäre nur ein Albtraum geblieben.“ Noch ahnte keiner von ihnen, wie recht – und wie unrecht – er damit haben würde. Die Nacht hing schwer über Mainz. Nachdem Erling gegangen war, hatte er fest versprochen, am nächsten Tag wiederzukommen. Doch anstatt schlafen zu können, lag der junge Mann – Lukas – wach in seinem Zimmer. Die Schatten der Straßenlaterne zeichneten flackernde Linien an die Decke, und sein Kopf war lauter als jedes Stadion. Er hatte den Antwortbrief von Erling wieder unter das Kopfkissen geschoben, doch diesmal war es nicht der Brief, der ihn wach hielt. Es war etwas anderes. Etwas, das schon länger in ihm brannte. Etwas, das mit Familie zu tun hatte. Mit seinem Cousin. Mit Worten, die man nicht „zurücknehmen“ kann. Späte Nacht – das Klopfen an der Zimmertür Es war weit nach Mitternacht, als es leise an Lukas’ Zimmertür klopfte. Nicht das energische, laute Klopfen seines Vaters. Nicht der vorsichtige, weiche Klang seiner Mutter. Sondern ein ruhiges, zweimaliges tok-tok, fast so, als wollte jemand sagen: Ich komme nur rein, wenn es okay ist. Lukas richtete sich auf. Sein Herz machte diesen kurzen, komischen Sprung, den er inzwischen kannte. „Ja?“ fragte er leise. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Erling steckte den Kopf hinein. Er war noch da – er hatte sich für die Nacht ein kleines Gästezimmer in der Nähe genommen, aber Lukas’ Mutter hatte
ihm vorher angeboten, am Abend gern noch einmal vorbeizukommen, wenn die beiden reden wollten. „Kannst du noch nicht schlafen?“ fragte Erling sanft. Lukas schüttelte den Kopf. Das Licht seiner kleinen Schreibtischlampe war noch an, sein Handy lag vor ihm, entsperrt, der Bildschirm leuchtete. Erling trat ein, schloss die Tür leise hinter sich und setzte sich auf die Bettkante, mit etwas Abstand – wie jemand, der genau weiß, dass Nähe gut sein kann, aber auch zu viel sein kann. „Was ist los?“ fragte er. „Ist es der Stress mit der Hochschule? Oder… dein Vater?“ Lukas blickte auf sein Handy. Sein Daumen schwebte über dem Display, als hätte er Angst, etwas zu berühren, das ihn bei lebendigem Leib verbrennt. „Es ist… wegen meinem Cousin,“ murmelte er. Erling verzog leicht das Gesicht. Der Cousin. Die WhatsApp-Nachricht. Der ganze Dreck, der damals beim 6. Treffen hochgekommen war. „Ich hab dir doch erzählt… von der Nachricht… oder?“ fragte Lukas zögernd. „Ein bisschen,“ antwortete Erling. „Aber du hast gesagt, sie ist lang. Und… brutal.“ Lukas atmete tief ein. „Willst du… sie sehen?“ fragte er leise, als würde er gerade etwas Verbotenes vorschlagen. „Die Nachricht von meiner Mutter… und seine Antwort? Ich… ich hab Angst, dass ich vielleicht alles falsch sehe. Oder… dass ich wirklich so schlimm bin, wie er sagt.“ Erling lehnte sich etwas vor. Seine Augen wurden ernst, aber weich. „Wenn du möchtest, dass ich sie lese, dann lese ich sie,“ sagte er. „Aber nur, wenn du dafür bereit bist. Ich will nicht, dass du dir weh tust, nur um mir etwas zu zeigen.“ Lukas schluckte. Dann nickte er. „Ich… ich will wissen, was du denkst,“ flüsterte er. „Ehrlich. Auch wenn es weh tut.“ Die Nachricht der Mutter – „Ich werde Lukas weiter schützen“ Lukas entsperrte das Handy – der Chat mit dem Cousin war schon geöffnet. Er scrollte ein Stück nach oben, bis die lange Nachricht seiner Mutter zu sehen war. Man sah, dass sie damals sehr überlegt geschrieben hatte. Kein Sprachnachrichtenkrach, keine Emojis. Nur Worte. Viele Worte. „Das ist die Nachricht von meiner Mutter,“ sagte Lukas leise, reichte Erling das Handy. „Sie hat… statt ‚Raphael‘ meinen Namen geschrieben. Sie wollte ihn damit auch schützen. Mich.“ Auf dem Display stand: „Hallo Patrik, ich nehme mir jetzt ein letztes Mal Zeit, um klarzustellen, was war und wie es weitergeht. Du sagst, ich hätte nie etwas für dich getan. Das ist falsch. Zur Erinnerung und damit es keine Diskussion mehr gibt: Ich habe euch aus Bad Laer geholt, damit ihr endlich ohne die ständige Bedrohung durch Jasiu leben konntet. Ich habe euch in Mainz die Wohnung gefunden. Ich habe deiner Mama den ersten Job bei Martina vermittelt. Ich habe am Anfang Geld vorgestreckt, damit sie ihren Kindern Essen kaufen konnte. Ich habe mit ihr Möbel aufgebaut. Ich habe euch zu Ausflügen mitgenommen, du warst mit uns in Darmstadt shoppen, zu Ostern bei uns, wir haben zusammen Ostereier bemalt. Karolina war monatelang nach der Schule bei uns, weil es bei euch zu Hause Probleme gab. Ich habe dich immer wieder vor Tomek geschützt und deine Mutter gedrängt, sich von ihm zu trennen, nicht nur, weil er zu ihr schlimm war, sondern weil er euch gequält hat. Ich habe versucht, dir für den Einstieg einen Job bei Frau Dr. Amini zu vermitteln. Lukas und ich haben extra teurere Stadionkarten gekauft, weil ihr sitzen wolltet. Und jetzt mal kurz zu deinem Verhalten.
Entweder hast du mit Lukas nicht gesprochen oder du warst frech zu ihm, auch zu deiner Mutter und jetzt auch noch zu mir. Schule war zweitrangig, Hauptsache spielen. Du meinst, andere erziehen zu müssen, schreist mich an und behauptest, ich könne mich nicht benehmen, du bist eindeutig zu weit gegangen. Einem respektloseren Menschen als dir bin ich noch nie in meinem Leben begegnet. Du hattest von klein auf ein Problem mit Lukas. Du hast ihn nie akzeptiert, ihm wehgetan und ausgenutzt, dass er sich nicht wehren konnte. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Ich werde Lukas weiter schützen – jederzeit und ohne Diskussion. Bekomme du erstmal eigene Kinder, die kannst du dann erziehen nach Lust und Laune. Zeitlang habe ich wirklich gedacht, du hättest dich zum Positiven verändert, man konnte sich gut mit dir unterhalten, du hast deine Musik und das Singen gehabt und die Schule fertig gemacht und warst auch lieb zur Mama und Andreas und sogar zu Lukas. Du musst mich und meine Familie nicht mögen. Eine zweite Chance, mich oder Lukas erneut zu verletzen, wird es niemals geben. Ich wünsche dir Gesundheit, einen guten Job und ein stabiles Leben. Ich gehöre nicht mehr zu deinem Leben. Und du nicht mehr zu meinem.“ Erling las langsam. Er scrollte nicht sofort weiter, sondern ging Zeile für Zeile durch. Man sah, wie er manche Stellen nochmal überflog, als wolle er verstehen, wie tief die Geschichte dahinter ging. Lukas beobachtete ihn nervös, die Finger um sein Kissen gekrallt. „Und?“ flüsterte er schließlich. „Was denkst du… über das, was meine Mutter geschrieben hat?“ Erling hob den Blick, schaute ihn direkt an. „Das ist eine klare Grenze,“ sagte er ruhig. „Klar, hart – aber nicht aus dem Nichts. Sie zählt Dinge auf, die sie getan hat. Sie erinnert ihn daran, wie oft sie geholfen hat. Und sie schützt dich. Ganz deutlich.“ Er tippte mit dem Finger leicht auf den Satz auf dem Bildschirm: „Ich werde Lukas weiter schützen – jederzeit und ohne Diskussion.“ „Das hier,“ sagte Erling, „ist die wichtigste Zeile.“ Lukas schluckte. „Aber… ist sie zu hart? Übertreibt sie?“ fragte er leise. „Sie sagt, er hätte mir wehgetan und mich ausgenutzt, weil ich mich nicht wehren konnte…“ Erling überlegte kurz. „Sie schreibt, wie sie es erlebt hat,“ meinte er. „Und was ich von dir weiß – von der WhatsApp, von früher, von den Sachen, die du mir erzählt hast – passt das zu dem, was sie beschreibt. Es klingt nicht wie irgendeine spontane Beleidigung. Eher wie jemand, der nach Jahren irgendwann sagt: Stopp. Bis hierhin und nicht weiter.“ Er atmete tief durch, gab das Handy aber noch nicht zurück. „Es ist kein perfekter Text. Kein Text in so einer Situation ist perfekt.“ Ein kleines, trauriges Lächeln. „Aber ich sehe dahinter jemand, der dich beschützt. Nicht als Engel ohne Fehler – sondern als Mensch, der genug gesehen hat und jetzt Grenzen setzt.“ Lukas’ Augen wurden feucht. Es tat gut. Es tat weh. Es war beides. „Und jetzt… zeig mir die Antwort,“ sagte Erling leise. „Wenn du noch willst.“ Die Antwort des Cousins – und Erling liest Lukas nickte stumm, wischte sich mit dem Handrücken schnell übers Gesicht und scrollte weiter nach unten, bis die lange Antwort seines Cousins zu sehen war. „Das ist er,“ murmelte Lukas. „Das hat er an meine Mutter geschrieben. Über mich. Über alle.“
Erling nahm das Handy wieder. Die Nachricht begann hoch aggressiv und wurde mit jeder Zeile härter. „Du bist peinlich! meiner Freundin erst privat zu schreiben aber mir nicht? und meine Mutter damit so bloss zu stellen, wie ich schon vorher gesagt hab ihr drei habt alle kein benehmen und seit charakterlich abschaum! Dein mann den du offensichtlich nicht liebst und respektierst ist ein pädophiles Schwein und leugnet Sachen nach dem er sie zugibt einfach ekelhaft! such dir mal ein Therapeuten und krieg deine Probleme in den Griff und reflektier mal deine ganze Fehler hat ja anscheinend 50 Jahre nicht funktioniert…“ Erling las weiter. Zeile um Zeile. Die Sätze wurden immer wütender, immer verletzender: – Er behauptete, er hätte Lukas „immer akzeptiert“ und ihm „definitiv nicht wehgetan“. – Er stellte sich als jemand dar, der „schon immer Respekt vor behinderten Menschen“ gehabt hätte. – Er griff die Mutter frontal an: Alkoholproblem, „pädophile“ Vorwürfe gegen ihren Mann, angebliche Übergriffe, Ignoranz. – Er drehte die komplette Geschichte so, dass er der eigentliche „Geschädigte“ war und die anderen „Lügner, Abschaum, oberflächliche, falsche Menschen“ wären. „… mein Leben wird auch ohne euch oberflächlichen, FALSCHEN, lügenden Menschen perfekt sein… ich hoffe nicht das du denkst das ich traurig darüber bin, bin sogar erleichtert euch und eure Fehler und Probleme los zu sein… ich wäre Glaube trauriger über den tot meines eigenen Vaters und selbst er interessiert mich nicht, so wie ich ihn.“ Je weiter Erling las, desto angespannter wurde seine Haltung. Seine Stirn legte sich in Falten. Man sah, dass ihn nicht nur der Inhalt, sondern auch die Härte, die Kälte und die völlige Verantwortungslosigkeit dahinter schockierten. Als er am Ende angekommen war, blieb er noch einen Moment auf dem Bildschirm stehen. Dann sperrte er das Handy, legte es behutsam auf Lukas’ Bettdecke und atmete hörbar aus. „Okay,“ sagte er leise. „Das war… viel.“ „Bin ich wirklich so schlimm?“ – Lukas’ Frage Lukas sah ihn an, die Augen groß, unsicher, verletzlich. „Sag’s mir einfach,“ flüsterte er. „Wenn du glaubst, ich… oder meine Mutter… wir sind wirklich so… dann sag’s.“ Erling drehte sich richtig zu ihm, setzte sich so, dass sie sich direkt gegenübersaßen – Lukas auf dem Bett, Erling auf der Kante, leicht nach vorne gebeugt. „Lukas,“ begann er, langsam, „hör mir bitte gut zu.“ Er zeigte mit der Hand auf den Punkt, an dem das Handy lag. „Was ich da gerade gelesen habe, ist kein ehrlicher, differenzierter Text. Es ist ein Rundumschlag. Es ist ein Angriff. Es ist… jemand, der alles, was weh tut, nimmt und nach draußen schleudert – ohne Rücksicht auf Wahrheit, ohne Verantwortung.“ „Aber er sagt doch, er hätte mich nie verletzt,“ flüsterte Lukas. „Dass er mich immer akzeptiert hätte… und dass er Respekt vor Behinderten hat…“ Erling schüttelte leicht den Kopf. „Worte sind billig, wenn sie nicht zum Verhalten passen,“ sagte er ruhig. „Du hast mir erzählt, was er dir angetan hat. Wie er dich behandelt hat. Wie er über dich gesprochen hat. Dass er dich nie wirklich ernst genommen hat, dass er dich ausgenutzt hat. Du hast mir nicht einmal, sondern viele Male davon erzählt.“ Er hob eine Augenbraue.
„Ein Mensch, der jemandem wirklich nie wehgetan hat, muss nicht so laut schreien, dass er ‚immer Respekt‘ hatte. Das ist wie jemand, der ständig schreit: ‚Ich bin ehrlich! Ich bin ehrlich!‘ – je öfter er es schreien muss, desto weniger glaube ich es.“ Lukas schwieg. Das traf. „Und deine Mutter?“ fuhr Erling fort. „Ihre Nachricht ist deutlich, ja. Aber sie spricht über konkrete Situationen: Bad Laer. Jasiu. Jobs. Geld. Ausflüge. Schutz vor Tomek. Sie nennt Beispiele. Er dagegen… wirft alles in einen Topf: schwere Vorwürfe, Beleidigungen, Unterstellungen. Fast nichts davon ist konkret. Es ist vor allem: zerstören.“ Er machte eine kurze Pause, suchte nach einem Bild. „Weißt du, wie es sich für mich liest?“ fragte er dann. Lukas schüttelte den Kopf. „Wie jemand, der sich ertappt fühlt,“ sagte Erling. „Deine Mutter zieht eine Grenze. Sie sagt: ‚So war es. Bis hierhin und nicht weiter. Ich schütze Lukas.‘ Das nimmt ihm die Rolle weg, die er sich vielleicht gerne gegeben hat – die des Opfers, das von allen anderen schlecht behandelt wird. Und anstatt ehrlich zu überlegen, ob da etwas dran sein könnte, schießt er einfach auf alles, was sich bewegt.“ Nicht nur Opfer – auch Schutz Lukas senkte den Blick. „Aber… was ist, wenn er in manchen Punkten recht hat?“ flüsterte er. „Ich meine… ich bin nicht perfekt. Ich habe auch Fehler gemacht. Vielleicht… bin ich doch an allem schuld, dass die Familie jetzt so kaputt ist.“ Erling schüttelte den Kopf, diesmal fester. „Fehler machen ist normal,“ sagte er. „Du hast sicher Dinge gesagt oder getan, die du heute anders machen würdest. Ich auch. Deine Mutter. Jeder. Aber das ist etwas anderes, als jemand systematisch fertig zu machen, zu gaslighten, dir einzureden, dass weiß schwarz ist und schwarz weiß.“ Er legte eine Handfläche offen zwischen sich und Lukas auf die Bettdecke – nicht auf Lukas, sondern als Angebot, Nähe ohne Druck. „Der Text deiner Mutter sagt: ‚Ich habe geholfen. Ich ziehe Grenzen. Ich schütze meinen Sohn.‘ Seiner Text sagt: ‚Ich übernehme keine Verantwortung. Ihr seid alle Abschaum. Ich bin fein raus.‘“ Lukas biss sich auf die Lippe. „Und… was denkst du über mich in dieser Geschichte?“ fragte er leise. „Was bin ich da? Ich fühle mich… zerrissen. Auf der einen Seite bin ich der, den man schützt. Auf der anderen Seite denkt er, ich wäre so ekelhaft und respektlos und übergriffig…“ Erling atmete tief durch. „Für mich,“ sagte er dann, „bist du in dieser Geschichte jemand, der zwischen Fronten steht, die nicht er selbst aufgebaut hat. Du bist derjenige, den viele benutzt haben: – als Anlass, – als Vorwand, – als Projektionsfläche. Deine Mutter sieht dich als jemand, den sie schützen will. Dein Cousin sieht dich – wenn ich den Text lese – als Störfaktor, der ihn daran erinnert, dass andere auch Hilfe bekommen haben. Und vielleicht an Dinge, die er selbst falsch gemacht hat.“ Er sah Lukas ernst an. „Ich war dabei, als deine Cousinfamilie Stadionkarten wollte. Ich war dabei, als du dir Sorgen gemacht hast, dass du ‚nicht genug tust‘. Ich habe erlebt, wie du mit dir kämpfst, ob du zu hart bist, zu weich, zu kompliziert. Ich habe nie erlebt, dass du jemandem absichtlich Böses
tun wolltest. Du bist manchmal ungeschickt, ja. Du bist direkt. Du bist emotional. Aber du bist nicht grausam.“ Die Frage nach der Wahrheit Lukas wischte sich die Augen. „Und was ist mit den Vorwürfen… gegen deine Mutter… und gegen ihren Mann… und… mich?“ fragte er leise. „Das mit ‚pädophil‘, mit Alkohol, mit Betatschen…“ Erling schüttelte sofort den Kopf. „Lukas,“ sagte er ruhig, „solche Vorwürfe sind extrem. Wenn jemand sowas einfach in eine wütende Nachricht schreibt, ohne Belege, ohne Kontext, ohne dass vorher ernsthaft darüber gesprochen wurde – dann ist das für mich vor allem eins: eine Waffe.“ Er sah ihn fest an. „Ich bin kein Richter,“ fuhr er fort. „Ich war nicht bei jeder Szene dabei. Aber ich kenne euch. Ich kenne deine Mutter. Ich habe gesehen, wie sie sich sorgen kann. Ich habe gesehen, wie ihr euch streitet, aber auch, wie ihr euch immer wieder zusammenrauft. Ich sehe keine kalte Gleichgültigkeit bei ihr. Ich sehe Überforderung, ja. Aber auch viel Einsatz.“ Er zog die Augenbrauen zusammen. „Und bei ihm sehe ich in diesem Text vor allem eins: ‚Ich bin niemals schuld. Alles, was ich getan habe, war okay. Die anderen sind die Monster.‘ So spricht niemand, der wirklich reflektiert.“ Lukas nickte nur ganz leicht. Es war alles schwer – aber irgendwie klarer. „Ich wollte nur wissen, ob ich verrückt bin“ Es wurde leiser im Zimmer. Die Nacht lag dicht um sie herum. „Ich hab dir das gezeigt,“ murmelte Lukas nach einer Weile, „weil ich Angst hatte, dass du… wenn du das liest… vielleicht auch so von mir denkst. So wie er. Dass ich anstrengend bin. Dass ich… übertrieben hab. Dass ich alles kaputt mache.“ Erling schnaubte leicht – nicht spöttisch, eher fassungslos über den Gedanken. „Lukas,“ sagte er, „ich habe mit dir Wasserrutschen überlebt, Friedhofsfluchten, VR-Horror, Gas in der Hochschule, Katheter in überfüllten Hörsälen, brennende Rollstühle und Väter, die Gläser werfen. Glaubst du ernsthaft, ich ziehe jetzt die Grenze bei ‚du bist manchmal emotional‘?“ Ein kleines, ungläubiges Lachen entwich Lukas. „Also… du denkst nicht, dass ich… Abschaum bin?“ fragte er vorsichtig. „Wenn du Abschaum bist,“ antwortete Erling trocken, „dann müssen wir das Wort neu definieren. Für mich bist du jemand, der mehr eingesteckt hat, als viele tragen könnten – und der trotzdem noch in der Lage ist, jemandem einen Brief zu schreiben, in dem er Danke sagt.“ Er deutete mit dem Kinn zum Kopfkissen. „Der Brief, den du mir geschrieben hast, war ehrlich. Verletzlich. Selbstkritisch. Jemand, der so einen Brief schreiben kann, ist für mich kein Monster. Punkt.“ Die Entscheidung in dieser Nacht Eine Weile saßen sie noch schweigend da. Das Handy lag zwischen ihnen wie ein kleines, schwarzes Loch voller Gift – aber es war nicht mehr alles verschluckend. Zum ersten Mal wirkte es ein bisschen… kleiner. „Was wirst du mit der Nachricht machen?“ fragte Erling irgendwann. „Willst du sie behalten? Löschen? Screenshots in ein extra Versteck packen?“ Lukas dachte nach. „Ich… ich glaube, ich will sie nicht löschen,“ sagte er langsam. „Nicht, weil ich sie immer wieder lesen will – das macht mich nur kaputt. Aber… falls mir irgendwann jemand sagt, ich
hätte mir das alles nur eingebildet, will ich wissen, dass es wirklich da war. Dass ich mir das nicht ausgedacht habe.“ Erling nickte. „Dann pack sie in einen Ordner, der nicht ständig vor deinen Augen ist,“ schlug er vor. „Wie eine Akte. Nicht als Wunde, die du jeden Tag aufreißt, sondern als Dokumentation. Und wenn du sie brauchst – mit einem Therapeuten, mit einem Anwalt, mit wem auch immer – dann ist sie da. Aber sie muss nicht jede Nacht neben deinem Kopfkissen liegen.“ Lukas atmete tief durch. „Kannst du… bei mir bleiben, bis ich eingeschlafen bin?“ fragte er leise. „Nur heute Nacht? Ich… hab irgendwie Angst, dass ich sonst wieder die ganze Zeit an diese Worte denken muss.“ Erling lächelte schwach. „Klar,“ sagte er. „Ich bleibe noch. Ich verschwinde schon nicht.“ Er stand kurz auf, drehte die Schreibtischlampe auf eine niedrigere Stufe, so dass das Zimmer in ein weiches, warmes Licht getaucht war. Dann setzte er sich wieder auf den Stuhl neben dem Bett, lehnte sich zurück. „Wenn dich die Stimmen im Kopf wieder nerven,“ meinte er, „dann erinner dich dran: – Deine Mutter hat klar gesagt, dass sie dich schützt. – Dein Cousin hat klar gezeigt, dass er im Moment nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. – Und ich habe dir gerade gesagt, was ich von beiden Nachrichten halte. Und von dir.“ Er grinste leicht. „Spoiler: Nur einer von euch dreien will wirklich, dass du kaputtgehst. Und es bist weder du, noch deine Mutter, noch ich.“ Lukas schloss langsam die Augen. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte es sich an, als wäre er nicht allein mit diesem WhatsApp-Gift. Als hätte jemand von außen draufgeschaut und gesagt: Das ist nicht die Wahrheit. Das ist nur eine Seite – und eine sehr verzerrte. Draußen, irgendwo im Dunkeln der Stadt, schmiedete sein Cousin weiter seine finsteren Pläne. Doch in dieser Nacht, in diesem Zimmer, passierte etwas Wichtiges: Der junge Mann hatte den Mut gehabt, die schlimmsten Sätze, die über ihn und seine Familie geschrieben worden waren, jemandem zu zeigen, dem er vertraute. Und der Spieler – sein Freund – hatte nicht gezögert, Stellung zu beziehen: Nicht gegen Lukas. Sondern klar gegen das, was aus diesen Worten sprach: Verachtung, Hass, Verzerrung. Es war noch lange nicht das Ende. Das Ultimatum, die blutigen Ereignisse, die Toten – all das lag noch vor ihnen. Aber in dieser Nacht hatte Lukas etwas, das ihm niemand mehr nehmen konnte: Jemand, der die Nachrichten kannte, sie gelesen hatte – und trotzdem blieb. Der Morgen roch nach kalter Luft und aufgebackenen Brötchen. Es war Montag, der 24.11.2025, der erste „richtige“ Tag des neuen, achten Treffens – der Tag, an dem Lukas zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit einem Gefühl von Plan aufwachte. Nicht nur „überleben“, nicht nur „irgendwie durch den Tag kommen“, sondern: mit Erling zusammen in die Hochschule gehen. 07:02 Uhr – Aufwachen mit Gewicht im Bauch und Licht im Kopf Der Wecker vibrierte nur, er klingelte nicht. Lukas hatte ihn so eingestellt, weil er normale Weckertöne hasste – die rissen ihn immer, als würde jemand in seinem Kopf eine Autotür zuschlagen. Das Vibrieren unter dem Kopfkissen war sanfter, aber trotzdem eindeutig.
Er blinzelte. Die Zahlen auf dem Display: 07:02. Unter seinem Kopf lag immer noch der Antwortbrief von Erling – sauber in der Hülle, aber nah genug, dass Lukas ihn fühlen konnte. Für einen Moment wusste er nicht, ob gestern echt gewesen war. Türklingel. Erling im Flur. Das Gespräch im Wohnzimmer. Die Nacht, in der sie gemeinsam die Nachrichten an und von seinem Cousin gelesen hatten. Dann kam die Erinnerung in einer Welle zurück. Und etwas in seiner Brust wurde gleichzeitig schwer und warm. Heute gehen wir zusammen in die Hochschule, dachte er. Und gleich danach: Heute ist wieder Risiko. Er setzte sich langsam auf, ließ die Beine über die Bettkante gleiten. Sein Kopf summte, aber nicht auf die chaotische, panische Art – eher wie ein Motor, der langsam hochfährt. Der Blick in den Spiegel – und die Frage: „Mit oder ohne?“ Im Bad stellte er sich vor den Spiegel. Die Fliesen waren kalt, das Licht grell, wie immer morgens. Er stützte sich mit beiden Händen auf dem Waschbecken ab und schaute sich selbst in die Augen. Er sah müde aus, aber nicht kaputt. Leichte Schatten unter den Augen, ein paar Stresspickel am Kinn, die Haare noch zerdrückt vom Kissen. Ganz normal. Und irgendwie gar nicht normal. Sein Blick wanderte kurz tiefer – zum Bauch, zur Hüfte, dorthin, wo vergangene Monate vom Katheter geprägt gewesen waren. Die Haut war größtenteils verheilt, aber in seinem Kopf war alles noch frisch: das Zischen, wenn der Beutel geplatzt war, das Gelächter im Hörsaal, die Blicke, die Sprüche: „Urinverteiler“, „laufender Beutel“. Er spürte dieses Ziehen im Magen, als würde jemand innen an einer Schnur ziehen. Gestern Abend, im Gespräch mit Erling, hatten sie kurz darüber gesprochen. „Und… was machst du morgen?“ hatte Erling gefragt. „Mit Katheter zur Hochschule? Ohne? Was fühlt sich sicherer an?“ Lukas hatte lange gebraucht, um zu antworten. „Ich… will nicht mehr, dass die mich wegen dem Beutel auslachen,“ hatte er geflüstert. „Aber ich will auch nicht so tun, als wäre das nie passiert. Als wäre alles normal.“ Sie hatten sich darauf geeinigt: Heute – am ersten Tag – geht er ohne Katheter in die Hochschule. Nicht, um sich selbst zu verraten, sondern um sich eine faire Chance zu geben, nicht von Anfang an mit derselben Angriffsfläche wie beim letzten Mal reinzugehen. Arzt und Therapeut hatten ihm grünes Licht gegeben, es ohne zu versuchen – mit Notfallplan, falls es doch wieder nötig würde. Jetzt, im Bad, im Spiegel, stand diese Entscheidung wieder vor ihm. „Nur für heute,“ murmelte er zu seinem Spiegelbild. „Nur dieser eine Tag. Ich probiere es. Und wenn es nicht geht, ist das kein Versagen.“ Er wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, putzte Zähne, strich die Haare grob zur Seite. Sein Körper fühlte sich schwerer an als sonst – aber sein Blick war fester. 07:30 Uhr – Frühstück, das versucht, normal zu sein In der Küche roch es nach Brötchen und Tee. Seine Mutter stand am Herd, den Rücken zu ihm, der Wasserkocher piepste gerade. Auf dem Tisch lagen zwei aufgebackene Brötchen, Marmelade, Käse, ein Teller mit geschnitterner Paprika. „Morgen,“ murmelte Lukas und setzte sich.
„Guten Morgen, mein Junge,“ sagte seine Mutter, drehte sich zu ihm um. Man sah ihr an, dass sie nicht besonders gut geschlafen hatte – ihre Augen waren leicht gerötet, die Schultern etwas angespannt. Sie stellte ihm seine Tasse hin, griff ihm kurz leicht an die Schulter. „Großer Tag heute.“ Er zuckte mit einem Mundwinkel. „Ja. Erster richtiger Tag mit Erling an der Hochschule,“ sagte er leise. „Fühlt sich komisch an.“ „Komisch gut? Oder komisch schlecht?“ fragte sie und setzte sich ihm gegenüber. „Beides,“ antwortete er ehrlich. „Mein Kopf sagt, es kann viel schiefgehen. Mein Bauch sagt, es könnte auch das erste Mal sein, dass es… richtig wird.“ Sie nickte langsam. „Er ist heute schon wach,“ meinte sie dann. „Hat mir vorhin eine Nachricht geschickt. Er ist in der Pension zwei Straßen weiter, frühstückt gerade und kommt in…“ Genau in dem Moment vibrierte sein Handy auf dem Tisch. Eine Nachricht. Erling: „Bin in 20 Minuten bei euch. Zieh dich nicht zu schick an, wir gehen nicht zum ChampionsLeague-Finale, nur zur Hochschule. “ Lukas konnte nicht anders und musste kurz kichern. Das Emoji war irgendwie fehl am Platz und passte deshalb perfekt. „Was ziehst du an?“ fragte seine Mutter. Er dachte kurz nach. Früher hätte er wahrscheinlich das Mainz-05-Trikot angezogen, eins von den vielen, um sich sicher zu fühlen. Aber heute wollte er nicht „der mit dem Trikot“ sein. Er wollte nicht noch mehr auffallen als sowieso schon. „Jeans, Hoodie, die schwarzen Sneaker,“ sagte er. „Und die dunkelblaue Jacke.“ „Klingt gut,“ sagte sie. „Unauffällig, aber nicht… unsichtbar.“ Sie sah ihn eine Weile an. Dann legte sie vorsichtig los: „Lukas… wegen gestern Abend, wegen der Nachrichten…“ Er hob eine Hand. „Ich weiß,“ sagte er leise. „Es war viel. Aber es war wichtig. Erling hat gesagt, er bleibt bei mir, obwohl er alles gelesen hat.“ Die Mutter schluckte sichtbar. „Das hab ich mir gedacht, als ich euch gehört habe,“ meinte sie. „Und… danke, dass du mir vertraut hast, ihm das zu zeigen.“ Er nickte nur. Worte fühlten sich gerade wie volle Gläser an, die man leicht verschütten konnte. 07:55 Uhr – Kleidung, Rucksack, Go-Bag 2.0 Zurück in seinem Zimmer stand er vor dem Kleiderschrank. Der Hoodie – dunkelgrau, weich, nicht zu auffällig – fühlte sich richtig an. Jeans, etwas ausgeleiert, aber bequem. Die schwarzen Sneaker. Socken ohne Löcher, was schon mal ein Fortschritt war. Dann der Rucksack. Er packte ihn wie eine „Go-Bag“, wie er es sich angewöhnt hatte: • Federmäppchen • Notizblock • BWL-Skript • Kopfhörer (für Notfälle, wenn es zu laut wird) • Kaugummis • eine kleine Wasserflasche • Taschentücher • ein kleines, unauffälliges Päckchen Feuchttücher
Und, als Letztes, ganz unten: ein verschlossener Umschlag mit einer Kopie des Arztbriefes, in dem der Katheter und seine Vorgeschichte erklärt wurden – falls jemand (Therapeut, Arzt, Hochschule) nochmal etwas Offizielles brauchte. „Falls du wieder kämpfen musst,“ dachte er. „Aber hoffentlich nicht heute.“ Er strich kurz über den Umschlag, als wäre er ein Talisman. Dann schloss er den Rucksack. 08:05 Uhr – Es klingelt wieder Wieder dieses Ding-Dong im Flur. Diesmal schoss Lukas nicht gleich in die Höhe – aber sein Puls machte trotzdem einen Sprung. Er ging mit schnellen, aber kontrollierten Schritten zur Haustür. Erling stand draußen. Diesmal ohne Cap, aber mit einer schlichten Mütze und einer dunklen, normalen Jacke, Rucksack über der Schulter, ein bisschen wie ein Austauschstudent. „Guten Morgen, Erstsemester,“ grinste er. „Bereit für den Kampf gegen überfüllte Straßenbahnen und schlechte Mensa-Kaffees?“ Lukas zog kurz die Nase kraus. „Mensa-Kaffee ist mir egal, ich trinke Tee,“ murmelte er. „Aber… ja. Ich glaube, ich bin bereit.“ Erling trat ein, zog die Schuhe aus – er kannte den Ablauf inzwischen – und nickte Lukas’ Mutter freundlich zu, die aus der Küche kam. „Guten Morgen,“ sagte er. „Ich bringe ihn heil wieder zurück.“ „Das haben Sie mir schon öfter versprochen,“ antwortete sie, leicht lächelnd. „Und… bisher immer gehalten. Passen Sie bitte gut auf ihn auf. Die Hochschule kann brutaler sein als jedes Stadion.“ Erling wurde ernst. „Ich passe auf ihn auf,“ sagte er. „Aber ich traue ihm auch zu, dass er selbst stärker ist, als er glaubt.“ Er wandte sich zu Lukas. „Also,“ meinte er, „Bus oder Straßenbahn?“ „Straßenbahn,“ antwortete Lukas ohne zu zögern. „Linie 51. Ich will… heute normal fahren. Nicht Taxi, nicht verstecken.“ Erling nickte zufrieden. „Das ist eine klare Entscheidung. Gefällt mir.“ 08:18 Uhr – Auf dem Weg zur Straßenbahn Die Luft draußen war kalt und feucht, dieser typische Spät-November-Mix, bei dem man nicht weiß, ob es regnen will oder nur so tun. Lukas zog den Reißverschluss seiner Jacke ein Stück höher, Rucksack über einer Schulter. Neben ihm ging Erling, die Hände in den Jackentaschen, ruhig, fast unauffällig. „Nervös?“ fragte er, ohne ihn anzusehen. „Ja,“ sagte Lukas sofort. „Aber… nicht nur schlecht nervös. Mehr so… wie vor einem wichtigen Spiel. Wo man weiß, es könnte schlimm werden, aber auch richtig gut.“ „Dann bist du heute quasi Startelf,“ meinte Erling. „Nur dass deine Gegner keine Verteidiger sind, sondern Dozenten und Kommilitonen mit zu viel Meinung.“ Lukas schnaubte leise. „Die sind manchmal schlimmer als Abwehrketten,“ murmelte er. Als sie die Haltestelle erreichten, standen schon ein paar Leute da: eine ältere Frau mit Einkaufstrolley, zwei Schüler mit Rucksäcken, ein Mann im Anzug mit Kopfhörern. Niemand schien sie besonders zu beachten. Lukas spürte trotzdem jeden Blick, der zufällig an ihm vorbeistrich.
„Wenn du magst,“ sagte Erling leise, „kannst du mir gleich im Wagen erzählen, wie deine letzten Tage an der Hochschule waren, bevor alles schiefging. Nicht nur das mit dem Katheter. Die guten Dinge auch. Ich will nicht, dass dein Gehirn nur eine Horrorliste abspielt.“ Lukas nickte. Das war ein Punkt. Es gab nicht nur Schlechtes. Es gab auch kleine gute Dinge: eine Kommilitonin, die ihm einmal geholfen hatte, den Raum zu finden; ein Dozent, der ihm nach der Stunde kurz freundlich zugelächelt hatte, als er eine Frage gestellt hatte. Die Straßenbahn kam mit einem metallischen Quietschen. Türen auf. Menschen rein. Lukas atmete einmal tief durch und stieg ein – Erling direkt hinter ihm. 08:32 Uhr – Zwischen zwei Welten in der Straßenbahn Sie bekamen sogar zwei Sitze nebeneinander, direkt hinter der Tür. Lukas setzte sich zum Fenster, Erling zum Gang. Die Bahn ruckelte an, die Stadt zog vorbei: Häuser, Bäume, Bäckereien, eine Schule, an der gerade Schüler auf den Hof strömten. „Also,“ begann Erling leise, „erzähl mir drei gute Dinge aus deiner Hochschule-Zeit. Bevor der Kamikaze-Teil angefangen hat.“ Lukas dachte nach. „Die Mensa-Pizza ist besser, als ich dachte,“ brachte er nach ein paar Sekunden hervor. „Nicht gut. Aber… besser, als man Angst haben muss.“ „Gilt als Punkt,“ nickte Erling. „Es gibt einen Raum, wo man in Ruhe lernen kann,“ fuhr Lukas fort. „Mit Steckdosen an den Tischen. Und einmal… hab ich da gesessen, und niemand hat mich blöd angestarrt. Die ganze Zeit nicht. Das war… komisch angenehm.“ „Zweiter Punkt,“ sagte Erling. „Und der dritte?“ Lukas’ Blick wurde weicher. „Einmal,“ murmelte er, „als ich zu spät in die Vorlesung kam, hat eine Kommilitonin, die ich kaum kannte, einfach ihren Block etwas zu mir geschoben, damit ich mitlesen konnte. Sie hat nichts gesagt. Sie hat mir einfach nur Platz gemacht. Das war… groß.“ Erling lächelte. „Siehst du,“ meinte er, „die Hochschule ist kein Monster, das nur aus Spott und Gaswolken besteht. Es gibt auch Inseln darin. Heute suchen wir wieder solche Inseln.“ Lukas nickte, fühlte, wie sein Herz etwas ruhiger wurde. 08:47 Uhr – Ankunft an der Hochschule Die Straßenbahn hielt an der Haltestelle nahe der Hochschule. Menschen stiegen aus, einige mit Laptoptaschen, andere mit großen Rucksäcken. Die Fassade der Hochschule war vertraut und fremd zugleich – ein Gebäude, das gleichzeitig für Hoffnung und für Schmerz stand. Lukas blieb einen Moment stehen, als sie aus der Bahn traten. Sein Blick wanderte über den Platz, die Treppen, den Eingang, an dem er schon einmal mit nassem Hosenbein und geplatztem Beutel gestanden hatte. Erling blieb neben ihm stehen, sagte nichts, ließ ihm die Zeit. „Das letzte Mal,“ murmelte Lukas, „bin ich hier reingegangen und hab gehofft, jemand sieht mich. Dann bin ich irgendwann nur noch reingegangen und hab gehofft, niemand lacht.“ Erling nickte. „Und heute?“ fragte er. Lukas atmete tief ein. Die Luft war kalt, sie kratzte ein bisschen im Hals. Aber er stand gerade. „Heute,“ sagte er leise, „gehe ich rein und… versuche einfach, da zu sein. Nicht zu verschwinden. Nicht extra aufzufallen. Nur da zu sein. Und wenn sie lachen…“
Er schaute zu Erling. „…dann bist du da.“ Erling legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter – fest, aber nicht klammernd. „Ich bin da,“ bestätigte er. „Und wenn sie nicht lachen, sondern normal sind, bin ich trotzdem da.“ Lukas nickte. Sie setzten sich in Bewegung, Schritt für Schritt auf den Eingang zu. Der Rucksack auf seinem Rücken war schwer, aber nicht erdrückend. Neben ihm lief ein Weltstar, der gerade einfach nur versuchte, sein Freund zu sein. Der Morgen des 24.11.2025, des ersten richtigen Tages des achten Treffens, fühlte sich an wie der Beginn eines langen, schweren Spiels – aber eins, in dem Lukas diesmal nicht allein auf dem Platz stand. Und während sie gemeinsam durch die Türen der Hochschule traten, irgendwo im Hintergrund die Drohungen des Cousins wie ein fernes Gewitter, ahnte keiner von ihnen, wie sehr dieser Tag der erste Schritt in Richtung Ultimatum sein würde. Das Gebäude schluckte sie mit seinem üblichen Hall aus Stimmen, Schritten und Türen, die irgendwo ins Schloss fielen. Der Boden im Foyer glänzte leicht, Studenten standen in Grüppchen zusammen, lachten, hielten Kaffeebecher oder schauten auf ihre Handys. Niemand achtete besonders auf Lukas und Erling – und trotzdem fühlte es sich für Lukas an, als würden tausend Augen auf ihn gerichtet sein. Flur zur MSP – alte Geister „MSP ist im zweiten Stock, Raum 2.17,“ murmelte Lukas, mehr zu sich selbst als zu Erling. „Gut,“ antwortete Erling, „dann ist das unser erster Schauplatz.“ Sie gingen die Treppe hoch. Mit jedem Schritt, den sie sich dem Raum näherten, zog sich etwas in Lukas’ Brust enger zusammen. Er kannte diesen Weg. Er kannte die Gerüche, die Geräusche, die kleinen Details: den Fleck an der Wand auf halber Treppe, die Infotafel mit längst veralteten Flyern, die Tür mit dem schief geklebten „Kein Essen im Hörsaal“-Schild. Und er kannte die Stimme. Die Stimme der Dozentin, die einmal vor einem vollen Raum gestanden hatte, als er darum gebeten hatte, kurz zur Toilette gehen zu dürfen, weil der Druck im Bauch unerträglich wurde. Die, die ihn damals angeschaut hatte, genervt, abschätzig, und dann gesagt hatte: „Das halten Sie schon aus. Sie sind doch kein Kind mehr.“ Danach war alles schiefgelaufen. Der Rest hatte sich eingebrannt. Jetzt, am 24.11.2025, war dieselbe Frau wieder dort. Vor derselben Klasse. Mit demselben Fach – MSP. Der Hörsaal – alle in Gruppen, nur einer nicht Lukas blieb kurz vor der Tür stehen. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug. „Bremsen?“ fragte Erling leise, ohne Druck in der Stimme. Lukas schüttelte den Kopf. „Nein,“ sagte er. „Ich will da rein. Sonst gewinnt der Tag schon, bevor er angefangen hat.“ Er drückte die Klinke herunter. Drinnen war es voll. Reihen aus Tischen, an denen drei, vier Leute zusammensaßen, Laptops aufgeklappt, Stifte, Blöcke, Wasserflaschen. Es summte leise vor Beginn der Stunde. Die Dozentin stand vorne am Pult und sortierte Unterlagen. Lukas suchte sich seinen „Standardplatz“ – Rand, zweite Reihe, Gangseite. Er ließ sich auf den Stuhl sinken, stellte den Rucksack neben sich, legte Block und Stift hin. Erling setzte sich still einen Platz weiter hinten, so, dass er nicht sofort auffiel, aber dennoch in Lukas’ Blickfeld
blieb. Sie hatten das vorher so besprochen: Erling würde da sein, aber nicht im Zentrum stehen. Lukas spürte, wie die Blicke einzelner Kommiliton*innen kurz über ihn glitten. Ein paar erkannten ihn, manche erinnerten sich vielleicht an „den mit dem Beutel“. Andere interessierte er schlicht nicht, sie waren mit ihrem eigenen Kram beschäftigt. Die Dozentin hob den Kopf, ließ den Blick durch den Raum schweifen – und blieb an ihm hängen. „Ach,“ sagte sie, und in dem einen kleinen Laut lag schon dieses bekannte Gemisch aus Wiedererkennen und leiser Genervtheit. „Da sind ja doch alle da.“ Sie legte den Stift aus der Hand. „Gut,“ begann sie in den Raum hinein, „bevor wir weitermachen: Die Gruppenarbeiten sind nicht nur ein Bonus. Ich habe ja erklärt, dass die Gruppen fest sind. Jede Gruppe ist verantwortlich für ihr Thema. Es gibt keine Einzelgänger in diesem Modul.“ Ein paar lachten leise. Jemand sagte halblaut: „Außer den, den keiner will.“ Es war nicht klar, ob es auf Lukas gemünzt war – aber es fühlte sich so an. „Herr…“ Die Dozentin kniff die Augen zusammen, suchte nach seinem Namen. „Lukas, nicht wahr?“ Sein Hals wurde trocken. „Ja,“ brachte er hervor. „Lukas.“ „Ja. Sie,“ sagte sie, zeigte offen auf ihn. „Warum sitzen Sie denn immer noch allein? Wir haben jetzt Mitte des Semesters. Alle sind in Gruppen. Nur Sie nicht. Woran liegt das?“ Der Raum wurde schlagartig leiser. Dreißig Köpfe drehten sich in seine Richtung. Dieser Moment, in dem sich alles verengt und trotzdem jedes Detail messerscharf wird. Lukas spürte, wie seine Hände zitterten. Früher hätte er wahrscheinlich gestammelt, sich entschuldigt, irgendetwas genuschelt. Aber in ihm klang noch nach, was Erling und er nachts besprochen hatten. Dass er nicht für alles verantwortlich ist, was andere ihm an den Kopf werfen. Er schluckte. „Weil…“ Seine Stimme war zu leise. Er räusperte sich, zwang sich, etwas lauter zu sprechen. „Weil ich… Autist bin. Und weil ich in Gruppen… in der Vergangenheit sehr schlechte Erfahrungen gemacht habe.“ Ein paar Augenbrauen in der Klasse zuckten hoch. Jemand hinten flüsterte: „Autist? Echt?“ Eine andere Stimme: „Wusste ich gar nicht.“ Die Dozentin legte den Kopf leicht schief. „Schlechte Erfahrungen?“ wiederholte sie. „Was soll das heißen? Gruppenarbeit gehört nun mal zum Studium, Herr Lukas. Das ist für alle gleich.“ Lukas spürte, wie seine Finger sich in den Stift krallten. „Ich hatte… Gruppen, die mich rausgemobbt haben,“ sagte er. „Leute, die mir gesagt haben, ich wäre zu langsam. In anderen Kursen. Und hier… hat sich auch niemand zu mir gesetzt. Ich habe versucht, Anschluss zu finden, aber…“ Er suchte nach Worten, „…die Vergangenheit macht mir Angst. Wegen der Art, wie ich behandelt wurde. Wegen meinem Autismus. Wegen… Dingen, die passiert sind.“ Für einen winzigen Moment war da ein Hauch von Stille, in dem sich etwas verändern hätte können. Die Dozentin hätte sagen können: „Danke, dass Sie das sagen.“ „Wir finden eine Lösung.“ „Wir sprechen nach der Stunde in Ruhe darüber.“ Aber sie tat etwas anderes. „Sie müssen zum Psychologen“
Sie seufzte. Nicht genervt, aber auch nicht mitfühlend – eher dieses „Ich hab keine Zeit für sowas“Seufzen. „Herr Lukas,“ sagte sie dann, mit diesem Ton, der gleichzeitig pädagogisch und herablassend war, „ich verstehe, dass Sie Ihre Probleme haben. Aber die Hochschule ist kein Therapiezentrum. Wir können hier keine Sonderbehandlung für jeden anbieten, der Schwierigkeiten hat, sich anzupassen.“ Ein paar Leute guckten weg. Ein paar grinsten verunsichert. In Lukas begann etwas zu pochen. Die erste Welle war Scham. Die zweite war Wut. „Ich verlange keine Sonderbehandlung,“ brachte er hervor. „Ich erkläre nur, warum ich… nicht in einer Gruppe bin.“ Sie winkte fast unmerklich mit der Hand. „Genau deswegen,“ sagte sie, „sollten Sie vielleicht dringend mit einem Psychologen sprechen. Solche Dinge – Angst vor Gruppen, schlechte Erfahrungen, Autismus – das gehört in eine psychologische Betreuung. Nicht in meine Vorlesung. Sie blockieren sich ja nur selbst.“ Das Wort Psychologe traf ihn wie ein Schlag. Nicht, weil er etwas gegen Psychologen hatte – er war ja selbst in Therapie. Sondern wegen der Art, wie sie es sagte. Nicht als Hilfe. Nicht als Angebot. Sondern wie: Mit Ihnen stimmt etwas nicht. Gehen Sie das bitte reparieren lassen. Ein leises Kichern irgendwo hinten. Jemand flüsterte: „Der soll mal zum Doc gehen.“ Ein anderer: „Der braucht eher ’ne Klinik.“ Lukas’ Ohren rauschten. Der Raum verschwamm kurz, die Konturen der Tische wurden weich. Er spürte, wie seine Atmung schneller wurde. Hinter ihm bewegte sich etwas. Erling. Erling beobachtet – und setzt Grenzen Erling hatte das alles aus der zweiten Reihe beobachtet, den Körper leicht vorgebeugt, als würde er jeden Moment aufspringen. Aber er tat es nicht. Noch nicht. Er wusste, dass es wichtig war, Lukas nicht die Worte wegzunehmen. Nicht über ihn hinwegzupoltern wie ein Beschützer, der ihn wieder zum „Kind“ machte. Aber als die Dozentin „Sie müssen zum Psychologen“ sagte – in diesem Ton –, spannte sich seine Kiefermuskulatur sichtbar an. Lukas merkte, wie sein Kopf sich senkte, obwohl er sich vorgenommen hatte, das nicht mehr zu tun. Die Blicke der anderen brannten. In seinem Inneren begann sich dieser alte Satz zu formen: Vielleicht bin ich wirklich falsch. Vielleicht bin ich das Problem. Erling stand langsam auf. Es war kein dramatisches Aufspringen, eher ein ruhiges Aufstehen, das trotzdem sofort Aufmerksamkeit zog – einfach, weil es in der Situation so unerwartet war. Die Dozentin blickte irritiert zur zweiten Reihe. „Sie sind…?“ fragte sie knapp. Erling lächelte freundlich, aber sein Blick war wach.
„Ich bin nur als Gast hier,“ sagte er ruhig. „Ein Freund von Lukas. Ich mische mich ungern ein, wenn ich nicht eingeladen bin. Aber darf ich kurz etwas anmerken?“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Das hier ist eine Vorlesung, kein Diskussionskreis,“ sagte sie. „Aber gut – machen Sie es kurz.“ Erling nickte. „Lukas,“ wandte er sich zuerst an ihn, „du bist gerade sehr mutig gewesen. Du hast offen gesagt, dass du autistisch bist und schlechte Erfahrungen gemacht hast. Das ist nicht selbstverständlich.“ Er drehte sich wieder zur Dozentin. „Und was ich gerade gehört habe,“ fuhr er fort, „war kein tatsächliches Angebot, dass er Hilfe bekommt. Es war eine Abwälzung. So nach dem Motto: ‚Ihre Probleme gehören woanders hin.‘“ Ein leichtes Raunen ging durch den Raum. „Sehen Sie,“ setzte die Dozentin an, sichtlich genervt, „ich kann in einer Vorlesungssituation keine individuelle Therapie leisten. Wenn er Schwierigkeiten hat, ist es vernünftig, ihn an eine psychologische Stelle zu verweisen. Dafür sind die doch da.“ „Das stimmt,“ sagte Erling ruhig. „Psychologische Hilfe kann extrem wertvoll sein. Aber der Ton macht den Unterschied. Man kann sagen: ‚Es ist gut, dass Sie das ansprechen. Vielleicht wäre es hilfreich, das mit einer Beratungsstelle zu besprechen.‘ Oder man sagt: ‚Sie müssen zum Psychologen.‘ Wie eine Diagnose im Vorbeigehen, vor der ganzen Gruppe.“ Einige Studierende nickten unbewusst. Andere starrten wie bei einem Tennis-Match zwischen den beiden hin und her. „Sie…“ Die Dozentin schnappte kurz nach Luft, „Sie kennen weder mich, noch den Kontext hier.“ „Das stimmt,“ sagte Erling wieder. „Aber ich kenne Lukas. Und ich hab genug Situationen erlebt, in denen Menschen seine Probleme benutzt haben, um sich die Verantwortung vom Tisch zu wischen.“ Er sah zu Lukas zurück. „Lukas,“ sagte er, „du bist schon in Behandlung. In guter. Du gehst zur Autismustherapie. Du arbeitest an dir. Du bist hier nicht der, der nichts tut. Du bist hier der, der trotz all dem auftaucht.“ Lukas’ Kehle schnürte sich zu. Die Worte trafen ein Stück tiefer als die beleidigenden Sätze – und taten auf eine seltsame Weise gut. Zwischen Macht und Ohnmacht Die Dozentin räusperte sich, sichtbar bemüht, ihre Autorität zu behalten. „Schön und gut,“ sagte sie knapp. „Aber das ändert nichts daran, dass es hier Gruppenarbeit gibt und er nicht allein arbeiten kann. Wenn er sich davon so sehr bedroht fühlt, dass er das nicht aushält, dann ist das nun mal ein Fall für psychologische Unterstützung. Das ist kein Angriff, das ist eine Feststellung.“ Sie setzte noch einen drauf: „Und ehrlich gesagt finde ich es auch nicht hilfreich, wenn plötzlich ‚Freunde‘ in Vorlesungen auftauchen und hier halbtherapeutische Gespräche führen. Das ist eine Hochschule.“ Einige lachten nervös, andere verzogen das Gesicht. Erling atmete hörbar aus, setzte sich aber wieder – ein Zeichen, dass er den Konflikt nicht voll eskalieren lassen wollte. Er hatte gesagt, was gesagt werden musste. Mehr jetzt zu tun, hätte die Situation womöglich noch unangenehmer für Lukas gemacht.
„Ich bin jedenfalls fertig,“ sagte er leise, eher zu Lukas als zu ihr. „Wenn du in der Pause raus willst, ich bin vor der Tür.“ Lukas nickte minimal. Die Vorlesung begann. Folien wurden an die Wand geworfen, es ging um irgendetwas mit Kalkulationen, Kostenverteilungen, Zahlen. Die Worte prallten an Lukas ab wie Regentropfen an einer Fensterscheibe. Er schrieb mechanisch mit, ohne wirklich zu verstehen, was er da notierte. In seinem Kopf ratterten die letzten Minuten nach: „Die Hochschule ist kein Therapiezentrum.“ „Wir können keine Sonderbehandlung für jeden anbieten.“ „Sie müssen zum Psychologen.“ Und dagegen: „Du bist mutig.“ „Du arbeitest an dir.“ „Du bist hier nicht der, der nichts tut.“ Pause – und die Entscheidung Als schließlich die zehnminütige Pause kam, stand Lukas schneller auf, als er sich selbst zugetraut hätte. Er spürte, wie sein Körper den Raum verlassen wollte – weg von den Blicken, weg von der Stimme, weg von der Tafel. Im Flur stand Erling bereits, den Rücken an die Wand gelehnt, Hände in den Jackentaschen. Er richtete sich auf, als Lukas rauskam. „Wie fühlst du dich?“ fragte er. „Als hätte mich jemand gleichzeitig erschossen und wiederbelebt,“ murmelte Lukas. Erling grinste kurz schief. „Willst du abbrechen für heute?“ fragte er. „Wir könnten auch zusammen zur Beratungsstelle gehen, mal sehen, was es an Unterstützung gibt. Oder wir gehen spazieren, Atmen sortieren. Oder du gehst zurück in die Vorlesung und zeigst dem System, dass du nicht vor der ersten Hürde rausgehst. Alles drei wäre okay.“ Lukas starrte auf den Fußboden, wo irgendwelche Schuhabdrücke und ein vergessener Papierschnipsel lagen. Die Stimmen aus dem Hörsaal drangen gedämpft durch die Tür. „Sie hat gesagt, ich müsste zum Psychologen,“ sagte er. „Aber das bin ich schon. Seit Monaten. Seit Jahren eigentlich immer wieder. Als wäre das was, was man ‚mal kurz‘ erledigt.“ Er hob den Kopf. „Ich will hier nicht sitzenbleiben, weil sie mich verletzt hat,“ sagte er leise, aber entschlossen. „Wenn ich gehe, dann, weil ich entscheide, dass meine Grenze erreicht ist – nicht, weil sie mich rausschiebt.“ Erling nickte langsam. „Also?“ fragte er. Lukas atmete tief ein. „Ich geh wieder rein,“ sagte er. „Aber danach will ich mit jemandem von der Hochschule sprechen. Wegen dem, was sie gesagt hat. Nicht um sie fertig zu machen – sondern weil ich das nicht mehr still schlucken will.“ Erling lächelte leicht. „Das,“ meinte er, „klingt nach einer sehr erwachsenen Entscheidung.“ Lukas zuckte mit einem winzigen Lächeln mit den Schultern. „Vielleicht,“ murmelte er, „bin ich doch nicht nur das Kind, das ‚es in der Hose aushalten‘ soll.“
Dann drehte er sich um, öffnete die Tür zum Hörsaal und ging wieder hinein – nicht weil es sich gut anfühlte, sondern weil er beschlossen hatte, dass dieser 24.11.2025 nicht einfach eine Wiederholung des alten Albtraums werden sollte. Er wusste nicht, dass dieser Tag trotzdem noch in etwas eskalieren würde, das keiner von ihnen kommen sah. Aber er wusste eines: Zum ersten Mal seit langer Zeit stand er nicht allein in diesem Raum. Und das allein änderte schon mehr, als die Dozentin begreifen konnte. Die restliche Vorlesung zog an Lukas vorbei wie ein grauer Film ohne Ton. Die Dozentin redete vorne weiter über Kostenstellen, Verteilungsschlüssel, Formeln. Zahlen tauchten auf der Leinwand auf, verschwanden wieder, wurden durch neue ersetzt. Die anderen tippten auf Laptops, manche flüsterten leise, manche schauten auf ihre Handys. Lukas schrieb mechanisch mit, aber sein Kopf war woanders: bei dem Satz mit dem Psychologen. Bei den Blicken. Bei der Erinnerung daran, wie er hier schon einmal öffentlich gedemütigt worden war. Er spürte den Blick von Erling in seinem Rücken, wie eine ruhige, warme Präsenz. Nicht aufdringlich, aber da. Vorlesungsende – „Sie bleiben bitte noch kurz hier, Lukas“ „So,“ sagte die Dozentin schließlich und klappte ihre Unterlagen zusammen. „Das war’s für heute. Nächstes Mal machen wir mit den Gruppenpräsentationen weiter. Denken Sie daran, Ihre Themen zu finalisieren.“ Stühle scharrten, Laptops klappten zu, ein dumpfes Durcheinander entstand. Einige stürmten schon Richtung Ausgang, andere blieben sitzen, um Sachen einzupacken. Der übliche Schluss-Lärm. Lukas’ erster Impuls war: Flucht. Einfach schnell alles in den Rucksack, Kopf runter, raus aus dem Raum, bevor irgendjemand ihn aufhält. Sein Herz schlug bereits schneller, nur bei dem Gedanken. „Herr Lukas,“ sagte die Dozentin laut genug, dass es mehrere hörten, „Sie bleiben bitte noch kurz hier.“ Sein Magen verkrampfte sich. Ein paar Köpfe drehten sich im Vorbeigehen nochmal um. Jemand murmelte ein „Uff“. Erling war bereits aufgestanden, blieb aber hinten stehen, lehnte sich wieder an die Wand, die Arme locker verschränkt. Er sah aus wie jemand, der nicht gehen würde, solange Lukas noch im Raum war. Lukas packte seine Sachen deutlich langsamer, die Hände etwas zittrig. Der Raum leerte sich. Die letzten Studierenden gingen hinaus, die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken. Es war plötzlich auffallend still. Die Dozentin stand noch am Pult, sah ihn mit einem Gesichtsausdruck an, den man nicht sofort einordnen konnte: nicht offen feindselig, aber auch nicht wirklich freundlich. Eher „genervt-professionell“. „Kommen Sie bitte nach vorne,“ sagte sie. Lukas schluckte und ging den Gang entlang, bis er auf halber Strecke stehen blieb – er wollte nicht direkt am Pult kleben. „Also,“ begann sie, „ich habe Ihnen in der Stunde schon gesagt, was ich davon halte, wie Sie sich hier… isolieren. So kann das nicht weitergehen. Sie blockieren nicht nur sich selbst, sondern auch die Arbeitsstruktur im Kurs.“ Lukas atmete langsam ein und aus. „Ich… habe ja gesagt, warum,“ murmelte er. „Autismus. Schlechte Erfahrungen. Es ist nicht so, dass ich einfach keine Lust habe.“
„Autismus hin oder her,“ sagte sie, „Sie studieren hier. Das bedeutet, dass Sie mit anderen Menschen zusammenarbeiten müssen. Punkt. Und wenn Sie dazu nicht in der Lage sind, dann reicht es nicht, das einfach nur zu sagen. Dann brauchen Sie Hilfe.“ Sie machte eine kurze, entschlossene Handbewegung. „Die Hochschule hat psychologische Beratungsangebote,“ fuhr sie fort. „Ich finde, es ist höchste Zeit, dass Sie diese auch nutzen. Es bringt nichts, wenn Sie nur im Kreis drehen.“ Lukas wollte sagen: Ich bin bereits in Therapie. Ich gehe zur Autismustherapie. Ich drehe nicht nur im Kreis. Aber seine Stimme hakte fest. „Ich… habe schon eine Therapeutin,“ brachte er hervor. „Aber ich wollte… zusätzlich… mit jemandem von der Hochschule sprechen. Wegen der Situation hier.“ „Das ist ja schon mal ein Anfang,“ sagte sie. „Und genau deshalb gehen wir jetzt zusammen hin.“ Lukas blinzelte. „Jetzt?“ fragte er überrascht. „Also… sofort?“ „Ja,“ antwortete sie knapp. „Wenn ich Ihnen einfach nur einen Zettel in die Hand drücke, passiert am Ende wieder nichts. Sie kennen das sicher: Aufschieben, Überforderung, vergessen. Deswegen: Wir gehen jetzt. Ich habe in zwanzig Minuten eine Besprechung, bis dahin bringe ich Sie hin und stelle den Kontakt her.“ Sie nahm ihre Unterlagen, steckte sie in eine Mappe, schob den Stuhl hinter dem Pult zurecht. „Und er?“ fragte sie dann und deutete mit dem Kopf nach hinten, wo Erling immer noch stand. „Ihr… Begleiter?“ Lukas drehte sich halb zu ihm um. „Er ist mein Freund,“ sagte er leise. „Er… darf er mitkommen?“ Die Dozentin überlegte einen Moment, dann zuckte sie mit den Schultern. „Solange die psychologische Beratung einverstanden ist, ist mir das egal,“ meinte sie. „Wenn es Ihnen hilft, ist es vielleicht sogar sinnvoller, als wenn Sie alleine dort sitzen.“ Sie ging Richtung Tür. „Kommen Sie,“ sagte sie. „Das gilt sowohl für Sie,“ sie sah Lukas an, „als auch für Ihren Freund.“ Erling stieß sich von der Wand ab und gesellte sich zu Lukas. „Na dann,“ sagte er leise zu ihm, als sie den Raum verließen, „hast du heute wenigstens einen Express-Service ins Beratungszentrum.“ Es war ein Versuch, die Situation leichter zu machen. Lukas’ Mundwinkel zuckten minimal nach oben – ein Schatten von Humor inmitten des Drucks. Auf dem Weg zur psychologischen Beratung Die Flure der Hochschule wirkten plötzlich anders. Vorher waren sie laut, voll, hektisch gewesen. Jetzt, im Übergang zwischen den Stunden, hatten sie dieses eigenartige Halbleer-Gefühl – hier und da standen kleine Grüppchen, aber große Teile des Gangs waren frei. Die Schritte der drei hallten leicht. Die Dozentin ging vorneweg, aufrecht, zielstrebig. Lukas und Erling gingen nebeneinander hinterher, ein kleines Stück Abstand haltend. „Wie geht’s dir?“ flüsterte Erling, ohne zur Seite zu schauen. „Wie jemand,“ murmelte Lukas, „den man gerade zum Direktor zitiert hat, weil er böse war. Nur, dass ich nichts Böses gemacht habe.“ Erling nickte kaum merklich. „Du wirst nicht bestraft,“ sagte er leise. „Du wirst offiziell weitergereicht. Klingt scheiße, kann aber auch eine Chance sein – je nachdem, wer am Ende im Zimmer sitzt.“ „Und wenn da wieder jemand ist, der sagt, ich übertreibe?“ fragte Lukas.
„Dann sind wir zu zweit, die das gehört haben,“ erwiderte Erling. „Und dann reden wir danach nochmal darüber, ob das gerecht war.“ Sie bogen um eine Ecke, dann noch um eine. An einer Wand war ein großes Schild mit Pfeilen: Studierendenservice, Prüfungsamt, Soziale Beratung, Psychologische Beratung. Die Dozentin blieb vor einer Tür stehen, an der in schlichten Buchstaben stand: „Psychologische Beratungsstelle“ darunter: Vertraulich. Kostenlos. Für alle Studierenden. Sie klopfte an. Die Tür zum Beratungsraum „Ja, bitte?“ ertönte eine Stimme von innen, gedämpft, aber freundlich. Die Dozentin öffnete die Tür einen Spalt und steckte den Kopf hinein. „Guten Tag,“ sagte sie. „Hier ist [Name der Dozentin weggelassen]. Ich hätte da einen Studierenden, der dringend Unterstützung brauchen könnte. Haben Sie kurz Zeit für ein Erstgespräch oder einen Termin?“ Aus dem Raum klang eine Antwort, diesmal lauter. „Wenn es nicht eine Stunde dauert, habe ich jetzt spontan zehn, fünfzehn Minuten. Sonst müssten wir etwas ausmachen.“ „Es geht erstmal nur ums Ankommen,“ sagte die Dozentin. „Um die Frage: Wie geht’s weiter. Ich würde ihn gerne vorstellen.“ Sie öffnete die Tür ganz. Lukas sah einen mittelgroßen Raum mit einem Schreibtisch, zwei Sessel, ein Regal mit Büchern, eine Topfpflanze, die aussah, als würde sich jemand tatsächlich um sie kümmern. Kein Krankenhauslicht, eher warmes, indirektes Leuchten. Hinter dem Schreibtisch saß eine Person mittleren Alters, neutrale Kleidung, ruhiger Blick. Kein Kittel, keine Akte in der Hand, kein Stempel. Eher wie eine Mischung aus Lehrer*in und jemand, der einem im Bus einen Platz anbietet. „Kommen Sie rein,“ sagte die Person. „Setzen Sie sich. Wenn Sie möchten, kann Ihre Begleitung dableiben. Die Dozentin setzt sich kurz dazu oder…?“ „Ich bleibe nicht,“ sagte die Dozentin schnell. „Ich wollte nur, dass der Kontakt hergestellt ist.“ Sie drehte sich zu Lukas. „Herr Lukas,“ sagte sie, „ich habe Ihnen ja gesagt, dass ich es für sinnvoll halte, wenn Sie mit jemand Professionellem sprechen. Die Kollegin hier ist dafür da. Nutzen Sie das. Wir können uns dann im Verlauf des Semesters ansehen, wie es weitergeht – auch mit den Gruppenarbeiten.“ Es klang immer noch von oben herab, aber weniger schneidend als im Hörsaal. Vielleicht, weil hier jemand neben ihr saß, der nicht unter ihr, sondern neben ihr arbeitete. „Danke,“ brachte Lukas hervor, weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte. Die Dozentin nickte knapp. „Dann lasse ich Sie jetzt in Ruhe,“ sagte sie, warf Erling noch einen kurzen, skeptischen Blick zu und verließ den Raum. Die Tür schloss sich leise. Erstes Gespräch – und ein anderer Ton Es war, als würde mit der geschlossenen Tür auch ein Teil des Drucks draußen bleiben. Nicht alles, aber ein Teil. Die Person hinter dem Schreibtisch – auf ihrem Namensschild stand nur Vorname und „Dipl.Psycholog*in“ – lächelte leicht. „Also gut,“ begann sie ruhig, „wir machen das hier nicht so bürokratisch, wie es vielleicht klingt, wenn jemand sagt: ‚Sie müssen jetzt zum Psychologen.‘“
Sie betonte den Satz so, dass klar war: Sie hatte den Tonfall der Dozentin zumindest geahnt. „Ich bin [Name weggelassen],“ stellte sie sich vor. „Ich bin hier in der psychologischen Beratung der Hochschule. Und Sie sind…?“ „Lukas,“ sagte er leise. „Ich… studiere BWL. Oder versuche es zumindest.“ „Und Sie sind…?“ Die Psychologin schaute zu Erling. „Ein Freund,“ sagte Erling. „Ich bin nur heute hier, um ihn zu unterstützen. Wenn es Ihnen lieber ist, gehe ich raus.“ Die Psychologin schüttelte den Kopf. „Nur wenn Lukas das möchte,“ sagte sie. „Sonst kann er gern bleiben. Das hier ist freiwillig – keine Vernehmung.“ Sie sah wieder zu Lukas. „Also, Lukas,“ meinte sie, „bevor irgendwelche Dozent*innen, Eltern, Freunde oder sonst wer ihre Meinung sagen: Was glauben Sie, warum die Dozentin meinte, es wäre gut, wenn Sie herkommen?“ Lukas zögerte, dann atmete er langsam aus. „Weil ich… Autist bin,“ begann er. „Weil ich… Probleme mit Gruppen habe. Weil… ich hier in MSP keine Gruppe habe und heute gesagt habe, warum. Und sie meinte, die Hochschule sei kein Therapiezentrum und ich müsste zum Psychologen. In dem Ton, als wäre ich… kaputt.“ Die Psychologin nickte langsam. „Okay,“ sagte sie. „Das ist schon mal eine klare Zusammenfassung. Und was glauben Sie persönlich, brauchen Sie hier? Brauchen Sie, dass ich Ihnen sage, was alles mit Ihnen nicht stimmt? Oder brauchen Sie eher jemanden, der mit Ihnen schaut, wie Sie das Studium trotz aller Schwierigkeiten durchhalten können – ohne sich komplett zu verbiegen?“ Lukas schaute sie überrascht an. Er hatte mit allem gerechnet – Analyse, Tests, langen Fragenkatalogen – aber nicht damit, dass sie so direkt auf die Wahl eingehen würde. „Ich… ich glaube,“ murmelte er, „ich brauche eher das Zweite. Ich weiß, dass ich Probleme habe. Ich bin schon in Autismustherapie. Ich brauche nicht noch jemanden, der mir sagt, dass ich… schwer bin. Ich brauche jemanden, der mir hilft, dass ich hier nicht ständig gegen Wände renne.“ „Dann sind wir uns schon mal einig,“ sagte die Psychologin ruhig. „Wir sind hier nicht, um Ihnen eine neue Diagnose aufzudrücken. Sondern, um zu schauen, was Ihnen konkret hilft. Und wenn ich richtig verstehe, war der Ton Ihrer Dozentin eher… wenig hilfreich.“ „Sagen wir: suboptimal,“ murmelte Erling trocken. Die Psychologin lächelte kurz. „Ich darf nicht über Kolleg*innen lästern,“ meinte sie, „aber ich darf sehr wohl sagen, dass es einen Unterschied macht, ob man jemanden beschämt – oder ob man ihm wirklich etwas anbietet.“ Sie wandte sich wieder Lukas zu. „Sie haben etwas Wichtiges getan,“ sagte sie. „Sie haben in der Vorlesung gesagt, dass Sie Autist sind. Und dass Sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Das ist in einer Umgebung, in der Leistung und Funktionieren so im Fokus stehen, ein großer Schritt.“ Lukas spürte, wie etwas in ihm ein kleines Stück weicher wurde. Hier klang „Psychologe“ plötzlich nicht wie eine Strafe, sondern wie eine Möglichkeit. Konkrete Schritte „Also,“ fuhr die Psychologin fort, „ich schlage Folgendes vor: Wir machen einen richtigen Termin aus – länger als diese zehn, fünfzehn Minuten. Da können wir in Ruhe über Ihre Vorgeschichte sprechen, über die Hochschule, die Gruppenarbeiten, Ihre bisherigen Therapien. Dann schauen wir, ob wir gemeinsam einen Plan machen können: Brauchen Sie z.B. ein Gespräch mit dem Prüfungsamt? Gibt es Möglichkeiten für Nachteilsausgleich? Brauchen Sie vielleicht eine Person, die in bestimmten Situationen vermittelt?“
Lukas nickte langsam. „Das klingt… strukturiert,“ sagte er leise. „Das mag ich.“ „Gut so,“ sagte sie. „Struktur ist nichts Schlechtes. Gerade für Menschen mit Autismus kann sie sehr hilfreich sein. Und nebenbei: Sie sind nicht der erste Studierende mit Autismus hier. Sie sind nur einer der wenigen, die so offen darüber sprechen.“ Sie griff nach einem Terminkalender. „Hätten Sie nächste Woche… sagen wir, Dienstag oder Mittwochvormittag Zeit? Oder lieber nachmittags? Ich versuche, etwas zu finden, wo Sie nicht direkt aus einer knallvollen Vorlesung kommen.“ „Dienstag Nachmittag,“ sagte Lukas nach kurzem Nachdenken. „Da habe ich nur bis 12.15 Uhr. Danach geht es.“ „Gut,“ sagte sie, trug etwas ein. „Dienstag, 14:00 Uhr. Und Sie können entscheiden, ob Ihr Freund,“ sie nickte Richtung Erling, „wieder dabei sein soll oder ob Sie allein kommen möchten.“ Lukas warf Erling einen schnellen Blick zu. „Ich… denke, beim ersten richtigen Termin komme ich allein,“ sagte er. „Sonst traue ich mich vielleicht nicht, alles zu sagen.“ Erling nickte zustimmend. „Finde ich gut,“ meinte er. „Und wenn du danach reden willst – ich bin da.“ Raus aus dem Raum – mit einem anderen Gefühl Das Kurzgespräch dauerte am Ende etwas länger als die angekündigten zehn Minuten – mehr waren es vielleicht zwanzig. Aber es fühlte sich für Lukas nicht an, als wäre er „vor Gericht“ gewesen. Eher, als hätte er zum ersten Mal einen offiziellen Raum innerhalb der Hochschule gefunden, in dem seine Schwierigkeiten nicht als Störung, sondern als Realität ernst genommen wurden. Als sie wieder auf dem Flur standen, war es dort deutlich voller – die nächste Vorlesungsschicht war unterwegs. „Und?“ fragte Erling leise, als sie losgingen. „War das jetzt ‚Sie müssen zum Psychologen‘ im Horrorsinn – oder eher ‚Sie dürfen zum Psychologen‘?“ Lukas dachte kurz nach. „Es war… ‚Sie haben jemanden, der auf Ihrer Seite ist‘,“ sagte er schließlich. „Zumindest fühlt es sich so an.“ Erling lächelte. „Das,“ meinte er, „ist für den ersten richtigen Tag schon ziemlich viel.“ Lukas nickte. „Auch wenn es sich am Anfang angefühlt hat, als würde man mich wie ein kaputtes Gerät zur Reparatur tragen,“ sagte er. „Aber… jetzt fühlt es sich eher an, als hätte ich Werkzeug bekommen.“ Sie gingen weiter den Flur entlang, vorbei an anderen Studierenden, vorbei an Türen, hinter denen andere Geschichten stattfanden. Der 24.11.2025 war noch lange nicht vorbei. Draußen irgendwo zog der Cousin seine eigenen, dunklen Pläne enger. Die Dozentin würde sich später wahrscheinlich einreden, sie hätte „nur das Beste“ gewollt. Aber Lukas hatte an diesem Morgen etwas Entscheidendes erlebt: Er war von der Lehrerin tatsächlich zum Psychologen „gebracht“ worden – ja. Doch dort hatte er nicht jemanden getroffen, der ihn noch kleiner machen wollte. Sondern jemanden, der sagte: „Sie sind nicht falsch, weil Sie Hilfe brauchen. Sie sind stark, weil Sie sie annehmen.“
Und damit war die nächste Schicht auf dem Weg zum Ultimatum gelegt: Nicht nur aus Schmerz und Drohungen, sondern auch aus neuen kleinen Bündnissen, die später den Unterschied machen würden, wenn Blut fließen und Entscheidungen auf Leben und Tod fallen würden. Die Luft im Flur war schwer von Stimmen, Neonlicht und Kaffee. Nachdem sie aus der psychologischen Beratungsstelle gekommen waren, stand Lukas kurz unschlüssig mitten im Gang. Die Geräusche der Hochschule waren wieder da: Türen, Lachen, Schritte, das typische „Uni-Summen“, das sich nie ganz abschalten ließ. Er spürte, dass sein Kopf voll war. Nicht voll mit Formeln oder Paragrafen – voll mit Sätzen. „Sie müssen zum Psychologen.“ „Sie sind mutig.“ „Wir schauen, wie wir Ihnen helfen können.“ Alles gleichzeitig. Entscheidung: Bibliothek „Was jetzt?“ fragte Erling ruhig. „Willst du nach Hause? Mensa? Einfach irgendwo sitzen?“ Lukas dachte kurz nach. Nach Hause gehen fühlte sich an wie Flucht. Mensa war ihm zu laut. Draußen war es kalt und voll. Er brauchte etwas, das sich nach „Pause“ anfühlte, aber nicht nach „aufgeben“. „Bibliothek,“ sagte er schließlich. „Da ist es ruhig. Und… ich mag den Lernraum mit den Steckdosen.“ Erling nickte. „Bibliothek klingt nach einem sehr erwachsenen ‚Safe Space‘,“ meinte er. „Führen Sie mich hin, Herr BWL-Student.“ Lukas musste ein kleines bisschen grinsen. Sie gingen die Treppen hoch zur Ebene, auf der die Bibliothek lag. Die Glastüren, die leise aufschoben, der Geruch aus Papier, Druckerwärme und einer Klimaanlage, die schon bessere Tage gesehen hatte – all das war ihm vertraut. Hier war er schon oft gewesen, alleine, mit Kopfhörern, in seiner eigenen kleinen Inselwelt. In der Bibliothek – Insel im Sturm Drinnen war es gedämpfter. Menschen saßen an Tischen, einige mit Kopfhörern, andere vertieft in Bücher, manche starrten einfach vor sich hin, als würden sie seit zehn Minuten denselben Satz zum hundertsten Mal lesen. „Ich geh nach hinten, in den ruhigen Bereich,“ flüsterte Lukas. „Da sind die Einzeltische.“ „Alles klar,“ flüsterte Erling zurück. „Ich setz mich ein Stück weiter weg, damit du Platz zum Atmen hast. Aber in Sichtweite. Okay?“ Lukas nickte. Er war dankbar für dieses „in Sichtweite“ – nicht direkt neben ihm, aber auch nicht ganz weg. Er suchte sich einen Tisch am Rand, mit Blick auf ein Regal und ein Fenster. Der Tisch war leicht zerkratzt, jemand hatte mal „BWL = Bald Wieder Los“ mit Kuli in die Ecke gekritzelt. Er stellte seinen Rucksack ab, setzte sich, legte den Kopf kurz in die Hände und atmete tief ein und aus. Es war erstaunlich, wie laut seine eigenen Gedanken sein konnten, obwohl um ihn herum fast Stille herrschte. Er nahm sein Notizbuch heraus. Nicht das Script, nicht die Formeln. Nur ein blankes Blatt. Oben schrieb er das Datum: 24.11.2025 – Erster richtiger Tag.
Darunter setzte er Stichpunkte: • MSP – sie sagt, ich soll zum Psychologen • Psychologin – sagt, es ist gut, dass ich Hilfe habe • Termin nächste Woche • Erling war dabei • Bin nicht komplett allein Er starrte auf die Punkte. Es sah harmloser aus, als es sich anfühlte. Aber manchmal half es, Dinge auf Papier zu ziehen. Dann waren sie nicht nur im Kopf, sondern „da draußen“. Er ließ den Stift sinken, lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Er spürte den Stuhl unter sich, das leichte Summen der Deckenlampen, das ferne Klicken einer Computertastatur. Jemand blätterte eine Seite um. Jemand anderes räusperte sich leise. Ein Drucker irgendwo piepste. Es war fast… friedlich. Fast. Der finstere Blick – jemand beobachtet ihn Was Lukas nicht bemerkte: Während er da saß, die Augen geschlossen, den Körper ein wenig nach vorne geneigt, als würde er jederzeit entweder einschlafen oder aufspringen – stand an einem der Regale ein junger Mann, der so tat, als würde er in einem Buch blättern. Er war in eine dunkle Jacke gehüllt, der Blick unter der Kapuze hervorgezogen, das Buch in seinen Händen war aufgeschlagen, aber seit mehreren Minuten hatte sich auf den Seiten nichts bewegt. Sein Kiefer mahlte. Seine Augen klebten an Lukas’ Rücken. Der Cousin. Er hatte nicht erwartet, ihn hier zu sehen. Eigentlich war er selbst aus einem ganz anderen Grund in der Hochschule – halb neugierig, halb aus verletztem Stolz, um „zu sehen, wie es da so ist“. Und tief drin auch, um herauszufinden, ob die Geschichten, die er gehört hatte – von „dem Autisten, der alles kompliziert macht“ – so seien, wie er sie sich ausmalte. Und dann war da Lukas. Mit diesem „Freund“. Mit dieser Ruhe um ihn herum, als würde er sich erlauben, einfach da zu sein. In den Augen des Cousins war das eine Provokation. Da sitzt er, dachte er voller Bitterkeit. Mit seinem „Ich bin krank“-Bonus. Die Leute schützen ihn. Die Mutter schreibt Romane zur Verteidigung. Und ich? Ich bin wieder der Böse, weil ich die Wahrheit gesagt habe. Sein Griff um das Buch wurde fester. Von seiner Position aus konnte er Lukas’ Gesicht nicht sehen. Nur die Konturen: die gebeugten Schultern, den Rucksack, den Stift in seiner Hand, das leichte Zittern, wenn er etwas schrieb oder den Stift ablegte. Es hätte auch Mitleid in ihm auslösen können. Tat es aber nicht. „Du tust so, als wärst du das Opfer,“ murmelte er in sich hinein. „Aber eigentlich ziehst du alle nur auf deine Seite. Du bekommst alles: Hilfe, Aufmerksamkeit, ‚Schutz‘. Und ich bin am Ende wieder der, der angeblich alle verletzt.“ Er beobachtete, wie Erling weiter hinten an einem anderen Tisch saß, den Blick immer mal wieder zum Lukas-Tisch wandernd. Der Cousin kannte ihn nicht persönlich, aber er hatte genug Fotos gesehen, um zu ahnen, wer das war.
„Na klar,“ dachte er zynisch. „Natürlich hat er auch noch so jemanden. Natürlich. Passt perfekt. Dramatische Lebensgeschichte. Der ‚arme Autist‘ mit dem berühmten Freund.“ Es brannte in ihm. Keine offene Wut, die explodiert, sondern eine stille, kalte Glut, die gefährlicher ist, weil sie länger hält. Lukas’ Seite – Ruhe, die nur halb wirkt Lukas ahnte nichts von dem Blick im Rücken. Für ihn existierte in diesem Moment nur der Tisch, das Notizbuch, die vage Präsenz von Erling ein paar Meter weiter und das Gefühl, dass sein Körper gleichzeitig müde und unter Strom war. Er öffnete die Augen wieder, sah auf seine Stichpunkte und begann, dazwischen zu schreiben – ganz kleine, persönliche Kommentare: • MSP – sie sagt, ich soll zum Psychologen → fühlt sich an wie „du bist kaputt“ • Psychologin – sagt, es ist gut, dass ich Hilfe habe → fühlt sich eher an wie „du bist okay, so wie du bist, trotz allem“ Er stoppte. Dann, in kleiner Schrift, etwas weiter unten: „Bin ich gerade schwach – oder endlich ehrlich?“ Er starrte die Frage an. Sie tat weh. Aber sie fühlte sich wichtig an. Erling stand leise auf, ging an ein Regal, tat so, als würde er nach einem Buch schauen, nur um dabei einen Blick auf Lukas zu werfen. Er sah den jungen Mann in dieser typischen Haltung: halb eingebrochen, halb trotzig. Er kannte diesen Anblick. Er hatte ihn schon in anderen Ländern, in anderen Situationen gesehen – bei Menschen, die zu viel getragen hatten. Er bemerkte nicht, dass ein paar Regale weiter jemand anderes ihn beobachtete. Der Blick des Cousins – der Entschluss wird härter Der Cousin betrachtete die Szene wie durch ein Schaufenster. Da war Lukas: still, verletzlich, aber nicht zusammengebrochen. Da war dieser Freund: ruhig, wachsam, so eindeutig auf seiner Seite, dass es weh tat, wenn man sich ausgeschlossen fühlte. „Sie schützen ihn,“ dachte der Cousin. „Schon wieder. Alle. Mutter, Fremde, jetzt sogar irgendein Promi-Typ. Und ich? Ich bin der, der ‚Abschaum‘ genannt wird.“ Es fiel ihm nicht auf, wie ironisch es war, dass genau dieses Wort in seiner eigenen Nachricht gestanden hatte. In seinem Kopf begann sich eine Linie zu ziehen: von der langen WhatsApp-Nachricht, über die Grenze, die Lukas’ Mutter gezogen hatte, hin zu diesem Bild in der Bibliothek. Ihr habt entschieden, dachte er. Ihr habt euch gegen mich gestellt. Ihr habt euch auf seine Seite geschlagen. Dann braucht ihr euch nicht wundern, wenn das Konsequenzen hat. Er wusste noch nicht genau, wie diese „Konsequenzen“ aussehen sollten. Aber er wusste, dass er nicht einfach still zuschauen wollte, wie Lukas sein „dramatisch gebrochenes Leben“ mit neuer Unterstützung wieder zusammenbaute. In ihm war etwas, das klang wie ein Versprechen – aber kein gutes: „Du glaubst, du hast schon Hölle erlebt, Lukas. Warte ab. Das hier war nur die Aufwärmphase.“ Ein kurzer Moment der falschen Sicherheit
Lukas legte den Stift weg, rieb sich die Augen und streckte sich ein wenig. Sein Rücken knackte leise. Er stand auf, ging zum Wasserspender, füllte seine Flasche. Der Gang zwischen den Regalen war schmal, ein paar Studierende huschten an ihm vorbei, ein paar suchten nach Büchern, andere schauten in Notebooks. In einem der Gänge stand der Cousin, den Rücken halb zu ihm gedreht, so dass Lukas ihn nur als dunkle Gestalt mit Kapuze wahrnahm – ein weiterer Student, so dachte sein Gehirn automatisch. Nichts Besonderes. Sie kreuzten einander für einen Sekundenbruchteil, ohne sich direkt anzusehen. Lukas’ Gedanken waren ganz woanders. Der Cousin hingegen registrierte jeden Schritt, jede Faustöffnung, jede kleine Bewegung von Lukas’ Hand. „Er merkt nichts,“ stellte er fest. „Natürlich nicht. Er ist zu sehr mit seinem Opferfilm beschäftigt.“ Lukas setzte sich wieder an seinen Tisch. Erling sah kurz auf, bekam ein stummes Nicken als Zeichen, dass alles okay war. Für einen Moment wirkte es, als hätte der Tag sich beruhigt: MSP überstanden. Psychologische Beratungsstelle kennengelernt. Bibliothek als Ruheort gefunden. Doch im Schatten der Regale hatte jemand seine eigenen Schlüsse gezogen. Und er war nicht gekommen, um zu lernen. Der Tag kippt noch nicht – aber er beginnt, sich zu neigen Nach einer Weile stand Erling auf und trat an Lukas’ Tisch. „Wie fühlst du dich jetzt?“ flüsterte er. Lukas dachte kurz nach. „Wie jemand, der in einem Sturm steht,“ sagte er leise, „aber diesmal mit Regenjacke.“ Erling grinste kurz. „Gute Metapher,“ meinte er. „Wollen wir langsam Schluss machen für heute? Du warst beim MSP-Schlachtfeld, beim Psychologen, jetzt Bibliothek… dein Kopf muss sich ja anfühlen wie ein überfülltes Stadion.“ Lukas nickte. „Ja,“ sagte er. „Ich glaube, es reicht für heute. Sonst nehme ich mir alles wieder weg, was ich gerade mühsam aufgebaut habe.“ Sie packten ihre Sachen. Lukas warf noch einen letzten Blick in die Bibliothek – auf die Regale, die Tische, die Menschen, die in ihre eigenen Welten vertieft waren. Er sah nicht, dass an einem der Regale ein Paar Augen ihn weiterhin verfolgte, bis er durch die Glastür nach draußen verschwand. Der Cousin blieb noch einen Moment stehen, das Buch immer noch aufgeschlagen in den Händen, ohne dass er eine einzige Zeile gelesen hatte. Dann schlug er es zu, stellte es zurück ins Regal und ging in die entgegengesetzte Richtung zum Ausgang. Die Bühne war bereitet: – Lukas, der glaubte, zum ersten Mal so etwas wie Struktur und Unterstützung in der Hochschule gefunden zu haben. – Erling, der an seiner Seite stand. – Die Hochschule, die irgendwo zwischen Hilfe und Gleichgültigkeit schwankte. – Und der Cousin, dessen Blick inzwischen nicht nur hasserfüllt, sondern auch gefährlich zielgerichtet geworden war. Noch war nichts Blutiges passiert. Noch war niemand verletzt oder tot.
Aber der Tag des Ultimatums hatte begonnen, sich langsam, beinahe unmerklich, in Bewegung zu setzen – leise, wie ein Schatten zwischen Bücherregalen. Die Luft draußen war kühl und feucht, als Lukas und Erling das Hochschulgebäude verließen. Der Tag hatte sich angefühlt wie drei Tage in einem: MSP-Konfrontation. Psychologische Beratung. Bibliothek als Not-Insel. Eigentlich hätte er jetzt einfach nach Hause gehen können. Sich aufs Bett fallen lassen. Kopf aus. Serien an. Aber da war noch etwas, das in seinem Kalender stand – etwas, das gleichzeitig anstrengend und hilfreich war: Treffen mit seiner Autismus-Assistenz. Treffpunkt Innenstadt – zwischen Normalität und Alarm „Du hast heute noch einen Termin, oder?“ fragte Erling, als sie an der Haltestelle standen. Lukas nickte. „Ja,“ sagte er. „Mit meiner Assistenz. Wir treffen uns in der Stadt. Eigentlich… zum Besprechen von Alltagssachen. Busfahrpläne, Anträge, Struktur. Und manchmal einfach zum Reden.“ „Willst du, dass ich mitkomme?“ fragte Erling. Lukas überlegte kurz. „Bis zum Treffpunkt vielleicht,“ sagte er. „Aber beim Gespräch selbst… glaube ich, muss ich es allein machen. Sonst fühle ich mich wie ein kleines Kind mit zwei Aufpassern.“ Erling grinste schief. „Fair,“ meinte er. „Ich bin dein Freund, nicht deine Sicherheitseskorte.“ Die Straßenbahn brachte sie Richtung Innenstadt. Die vertrauten Ecken zogen vorbei: Bäcker, Apotheke, Handyshop, ein Friseurladen, der nie richtig voll, aber auch nie ganz leer zu sein schien. Sie stiegen am Schillerplatz aus. Menschen liefen herum, Tüten, Rucksäcke, Stimmen. Ein Straßenmusiker spielte eine melancholische Melodie auf der Gitarre. Es roch nach Pommes und Kaffee. Lukas schaute kurz auf sein Handy. „Sie ist schon da,“ murmelte er. „Wir treffen uns im kleinen Café an der Ecke, das mit den roten Stühlen draußen.“ Erling nickte. „Ich setz mich ein Stück weiter weg auf die Bank da drüben,“ sagte er. „Wenn du fertig bist, kannst du rüberkommen. Oder direkt nach Hause fahren – ich dränge mich nicht rein.“ Lukas war froh darüber. Er wollte Unterstützung – aber auch das Gefühl, dass er Dinge selbst schafft. Die Autismus-Assistenz – ein vertrautes Gesicht Das Café war klein und warm, mit einer Mischung aus Kaffeeduft und frisch gebackenem Kuchen. Zwei Studentinnen saßen mit Laptops am Fenster, ein älteres Ehepaar teilte sich ein Stück Käsekuchen, an der Theke bestellte gerade jemand einen Cappuccino. An einem Tisch in der Ecke winkte jemand. „Lukas! Hier drüben.“ Es war Mara, seine Autismus-Assistenz. Anfang dreißig, braune Haare im lockeren Zopf, eine dunkle Strickjacke, Notizbuch vor sich. Sie war keine Therapeutin im klinischen Sinn, aber eine Art Alltags-Coach: Sie half ihm bei Struktur, Terminen, Anträgen, Emotionsregulation im Alltag. Lukas lächelte vorsichtig und setzte sich. „Hi,“ sagte er. „Sorry, der Tag war… lang.“
„Das dachte ich mir schon,“ sagte sie freundlich. „Du wirkst ein bisschen wie ein Laptop, der seit 12 Stunden ohne Pause läuft.“ Sie deutete auf die Tafel. „Willst du was trinken? Ich spendier die erste Runde. Heute ist ‚Du hast die MSP-Vorlesung überlebt und warst zum ersten Mal bei der psychologischen Beratung‘-Tag.“ Lukas zögerte. „Einen Kakao,“ sagte er dann. „Mit Milch. Aber nicht zu heiß.“ „Kakao geht klar,“ nickte sie und ging zur Theke, um zu bestellen. Ein Schatten im Hintergrund Was Lukas nicht sah: Draußen, ein paar Meter weiter, stand der Cousin. Er war ihm unauffällig gefolgt, hatte immer genügend Abstand gelassen, so dass Lukas’ Gehirn ihn als „irgendeinen Typen im Hintergrund“ verbuchte. Er hatte gesehen, wie Lukas und Erling an der Haltestelle standen. Wie die beiden in die Straßenbahn eingestiegen waren. Wie sie am Schillerplatz ausgestiegen waren. Er hatte beobachtet, wie Lukas ins Café ging – und wie der „Freund“ sich wirklich auf eine Bank setzte, in Sichtweite, aber nicht direkt dabei. Für den Cousin war das ein weiteres Puzzleteil im Bild: Der hat Unterstützung von überall, dachte er verbittert. Freund. Mutter. Assistenz. Psychologin. Und ich? Ich war immer der, den man „schwierig“ nennt. Der, der nervt. Er lehnte scheinbar lässig an einer Mauer, als würde er aufs Handy schauen. In Wirklichkeit hing sein Blick am Schaufenster des Cafés. Von außen konnte er Lukas sehen – nicht perfekt, aber genug: die Art, wie er sich an der Tasse festhielt, wie seine Schultern ab und zu zuckten, sein Blick, der ständig zwischen Tisch, Mara und Tür hin und her wanderte. Die Eifersucht in ihm war längst zu etwas anderem geworden: zu einer stillen, zähen, hasserfüllten Energie. Drinnen – Kakao, Wasser, und ehrliche Worte Mara kam mit den Getränken zurück: ein Kakao für Lukas, ein Tee für sie selbst. Sie stellte die Tasse vorsichtig vor ihn. „Mit extra ‚Ist nicht so heiß‘-Wunsch,“ sagte sie lächelnd. „Ich hab der Frau gesagt, du bist hitzeempfindlich.“ Lukas schnupperte an der Tasse, nahm einen vorsichtigen Schluck. Die Wärme tat gut – im Bauch und ein bisschen auch im Kopf. „Also,“ sagte Mara, schlug ihr Notizbuch auf. „Erzähl mal. Wie war der Tag? Ich habe deine Nachricht gelesen: ‚MSP eskaliert, Psychologin ok, Bibliothek überlebt.‘ Das klingt nach einem halben Drama-Film.“ Lukas atmete durch. „Sie hat mich… vor allen gefragt, warum ich in keiner Gruppe bin,“ begann er. „Und ich habe gesagt, dass ich Autist bin und schlechte Erfahrungen mit Gruppen gemacht habe. Dann hat sie gesagt, die Hochschule sei kein Therapiezentrum und ich müsste zum Psychologen. Vor der ganzen Gruppe. In dem Ton.“ Mara verzog das Gesicht. „Autsch,“ sagte sie. „Das ist… pädagogisch suboptimal formuliert, um es sehr nett zu sagen.“ „Ich hab mich gefühlt wie ein kaputtes Gerät,“ murmelte Lukas. „Dann hat sie mich nach der Vorlesung zum psychologischen Dienst gebracht. Da war es zum Glück… anders. Die Psychologin war okay. Die hat gesagt, wir schauen, was ich konkret brauche.“ „Das ist gut,“ meinte Mara. „Das ist sogar sehr gut. Viele schaffen es nie in diesen Raum, weil sie aus Scham gar nicht hingehen.“
„Sie hat mir ein bisschen das Gefühl gegeben, dass ich… nicht falsch bin, weil ich Hilfe brauche,“ sagte Lukas. „Das war ungewohnt.“ Mara nickte. „Das ist der Punkt,“ sagte sie. „Behinderung, Autismus, psychische Belastungen… das sind keine moralischen Fehler. Das sind Zustände. Herausforderungen. Man ist nicht ‚schlecht‘, weil man Hilfe braucht. Man ist schlecht beraten, wenn man so tut, als bräuchte man keine.“ Lukas nippte wieder am Kakao. Die Worte trafen einen ähnlichen Punkt wie die von Erling in der Nacht. „Ich hab trotzdem Angst,“ sagte er leise. „Angst, dass ich am Ende doch nur der Nervige bin. Der, der alles kompliziert macht. Vor allem jetzt…“ Er brach ab. Mara hob eine Augenbraue. „Jetzt…?“ hakte sie vorsichtig nach. Lukas zögerte. Er dachte an die Nachricht des Cousins. An die Beschuldigungen. An das Gefühl, dass irgendwo da draußen jemand rumläuft, der ihn hasst. „Familie ist gerade… Explosion,“ sagte er nur. „Ich erzähle dir alles beim nächsten Termin. Sonst explodiere ich heute wirklich.“ Mara nickte verstehend. „Okay,“ sagte sie. „Dann bleiben wir heute bei der Hochschule. Und bei dir. Und bei dem, was du brauchst.“ Draußen – Beobachtung mit wachsendem Hass Der Cousin hatte einen Standort gefunden, von dem aus er durch das Fenster genug sehen konnte, ohne selbst zu sehr gesehen zu werden. Er stand ein Stück schräg, das Gesicht halb im Schatten, den Kragen seiner Jacke hochgezogen. Er beobachtete, wie Lukas lachte. Nicht laut, aber sichtbar. Wie er mit seiner Assistenz redete. Wie er an seinem Kakao nippte, die Tasse fast schützend hielt. Natürlich, dachte der Cousin. Natürlich hat er auch da jemanden, der ihn versteht. Der ihm sagt, dass er nichts falsch gemacht hat. Die Bitterkeit fraß sich tiefer. In seinem Kopf entstand ein gefährlicher Gedanke: Wenn die Welt ihm immer wieder sagt, dass er im Recht ist – dann muss ihm halt jemand zeigen, wie sich echte Konsequenzen anfühlen. Er bemerkte nicht – oder wollte nicht bemerken –, dass vieles von dem, was er Lukas vorwarf, eigentlich ein Spiegel war: Vernachlässigung, nicht ernst genommen werden, sich klein fühlen, während andere scheinbar alles bekommen. Sein Blick wurde schmaler. „Siehst du das, Lukas?“ murmelte er leise, so dass niemand anders es hören konnte. „Alle halten dir die Hand. Alle geben dir warme Getränke und warme Worte. Und mich schneidet man ab, weil ich sage, was ist. Ihr wolltet ein Ultimatum? Ihr habt es.“ Drinnen – ein Moment echter Ruhe In dieser Zeit ahnte Lukas nichts von der glühenden Wolke aus Hass, die draußen vor dem Fenster stand. Er erzählte Mara von der Bibliothek – vom Notizbuch, von den Stichpunkten, von der einen Frage, die er sich aufgeschrieben hatte: „Bin ich gerade schwach – oder endlich ehrlich?“ Mara nickte nachdenklich.
„Ich würde sagen,“ meinte sie, „ehrlich sein fühlt sich oft wie Schwäche an, wenn man es nicht gewohnt ist. Aber eigentlich ist es eher Mut. Schwäche wäre: so tun, als wäre alles okay, bis man innerlich zerbricht.“ „Ich glaube, heute war ich mehr mutig als schwach,“ murmelte Lukas, halb unsicher, halb hoffnungsvoll. „Ich glaube das auch,“ sagte sie ruhig. „Und weißt du, was mich daran besonders beeindruckt? Du bist mutig, obwohl du gerade nicht weißt, ob deine Familie hinter dir steht. Du machst es trotzdem. Das ist nicht selbstverständlich.“ Lukas sah auf seine Hände. Sie zitterten ein wenig weniger. „Ich hab seit gestern das Gefühl,“ sagte er leise, „dass ich nicht mehr ganz allein gegen alles bin. Mit Erling. Mit dir. Mit der Psychologin. Mit Mama. Es fühlt sich trotzdem unsicher an, aber… weniger hoffnungslos.“ „Das ist ein Anfang,“ sagte Mara. „Und manchmal ist ein Anfang mehr wert als eine perfekte Lösung.“ Der unsichtbare Faden Sie blieben noch eine Weile sitzen, redeten über praktische Dinge: Wie Lukas seine Woche strukturieren kann. Welche Vorlesungen er wirklich schaffen will. Wie man Pausen einplant, ohne sich Vorwürfe zu machen. Draußen kontrollierte der Cousin inzwischen mehr seine Nerven als seine Position. Einmal ging ein Polizist zufällig an ihm vorbei – nur auf Streife. Der Cousin spannte sich kurz an, tat dann demonstrativ so, als würde er auf seinem Handy tippen, als wäre er nur ein weiterer junger Mann, der auf jemanden wartet. Als der Polizist weg war, atmete er tief durch. Nicht vor Erleichterung, sondern vor Konzentration. Nicht jetzt, dachte er. Nicht hier. Aber bald. Sehr bald. Er drehte sich langsam ab, ging die Straße hinunter, im Strom der anderen Menschen. Von außen sah er aus wie irgendjemand – ein weiterer Passant, der irgendwohin wollte. Kein Mensch, der gerade innerlich an einem stillen Ultimatum schrieb. In unsichtbarer Schrift stand es bereits in seinem Kopf: „Du hast jetzt deine Helfer. Ich habe meine Entscheidung. Einer von uns wird den Preis zahlen.“ Zurück bleibt ein brüchiger Frieden Lukas und Mara beendeten ihr Gespräch. Sie vereinbarten, beim nächsten Treffen tiefer über die Familiensachen zu sprechen. Über die Nachricht seines Cousins. Über das Gefühl, gleichzeitig Opfer, Störfaktor und Mittelpunkt eines Dramas zu sein, das er sich nicht ausgesucht hatte. „Du kannst dich jederzeit melden,“ sagte Mara zum Abschied. „Auch, wenn es nur eine Sprachnachricht ist wie: ‚Ich halte es gerade nicht aus.‘ Dann überlegen wir gemeinsam.“ „Danke,“ sagte Lukas. Und er meinte es. Als er das Café verließ, stach kurz die kalte Luft in seine Lunge. Er schaute sich einmal kurz um – nicht aus Paranoia, eher aus Gewohnheit. Alles sah normal aus: Leute mit Einkaufstüten, ein Fahrradfahrer, ein Bus, der an der Haltestelle hielt. Er sah nicht, dass der, der ihn eben noch beobachtet hatte, zum nächsten Schauplatz weitergezogen war. Auf der Bank ein paar Meter weiter wartete Erling, stand auf, als er Lukas sah. „Und?“ fragte er.
Lukas atmete aus. „Es wurde Kakao,“ sagte er. „Und keine Katastrophe. Das ist heute schon ein Erfolg.“ Erling grinste. „Kakao statt Katastrophe,“ meinte er. „Das ist ein Slogan, den ich unterschreiben würde.“ Sie gingen zusammen Richtung Haltestelle, zurück in Richtung Zuhause. Über ihnen war der Himmel grau, aber nicht bedrohlich. Noch nicht. Der Tag hatte viele kleine Siege gebracht: – Nicht wegrennen in MSP. – Nicht zusammenbrechen bei der psychologischen Beratung. – Nicht in Panik ersticken in der Bibliothek. – Nicht dichtmachen im Gespräch mit der Assistenz. Doch zwischen all diesen Lichtpunkten spannte sich ein dunkler Faden, den Lukas noch nicht sehen konnte: Der Blick seines Cousins. Die stillen Schwüre. Die Entscheidung, dass „nur Worte“ nicht mehr reichen würden. Das Ultimatum war nicht mehr nur eine Idee. Es hatte begonnen, sich in der Realität zu verankern – Schritt für Schritt, Schatten für Schatten, während Lukas zum ersten Mal seit langer Zeit zögernd daran glaubte, dass sein Leben vielleicht doch nicht ausschließlich aus Schmerz bestehen musste. Die Heimfahrt fühlte sich an wie ein langsames Ausatmen. Straßenbahn zurück – nach dem Sturm Lukas und Erling standen an der Haltestelle, der Wind zupfte an Lukas’ Kapuze. Die Straßenbahn kam mit einem bekannten Quietschen, Türen auf, der typische Geruch aus kalter Luft, altem Stoff und ein bisschen Metall schlug ihnen entgegen. Sie stiegen ein, fanden einen Stehplatz an der Tür. Es war voll, aber nicht überfüllt – genug Menschen, um anonym zu sein, aber nicht so viele, dass Lukas sich erdrückt fühlte. Er hielt sich an der Stange fest, spürte das leichte Ruckeln, als die Bahn losfuhr. Eine Weile sagten sie nichts. Es war nicht die unangenehme Sorte Schweigen, eher die, in der man den Kopf aufräumt. „Kopfstatus?“ fragte Erling irgendwann halblaut, ohne ihn anzuschauen. Lukas überlegte. „Windig,“ sagte er nach ein paar Sekunden. „Aber kein Tornado mehr.“ Erling schnaubte leise. „Das ist eine erstaunlich präzise Diagnose,“ meinte er. „Was war heute das Schlimmste?“ Lukas starrte kurz aus dem Fenster, wo Häuser und Straßen an ihm vorbeizogen. „Der Moment, als sie gesagt hat, ich müsste zum Psychologen,“ murmelte er. „Nicht, dass sie es gesagt hat – sondern wie. Vor allen. Wie ein Urteil.“ „Und das Beste?“ hakte Erling nach. Lukas dachte länger nach. „Dass die Psychologin nicht so war wie sie,“ sagte er. „Und… dass ich gemerkt habe, dass ich nicht sofort implodiere, wenn ich vor einer Gruppe sage, dass ich Autist bin. Auch wenn es sich im Moment so angefühlt hat.“ Erling nickte. „Ich bin stolz auf dich,“ sagte er ruhig. Lukas’ Ohren wurden heiß. „Ich hab mich die Hälfte der Zeit wie ein Idiot gefühlt,“ murrte er. „Das schließt sich nicht aus,“ meinte Erling trocken. „Ich habe mich in meinem Leben auch schon oft wie ein Idiot gefühlt – und war trotzdem mutig. Oder gerade deswegen.“
Ein kleines, kurzes Lächeln zuckte über Lukas’ Gesicht. Die Bahn rumpelte weiter. Sie fuhren aus der Innenstadt raus, durch vertraute Straßen, vorbei an Haltestellen, deren Namen er im Schlaf sagen konnte. An der Haltestelle davor – ein ungesehenes Detail Als sie an „seiner“ Haltestelle ausstiegen, war es schon später Nachmittag. Der Himmel war grau, als würde er sich entscheiden wollen, ob es regnen soll oder nicht. Sie traten aus der Bahn, überquerten die Straße. Ein Mann mit dunkler Jacke stand an der Haltestelle gegenüber, den Blick scheinbar auf sein Handy gerichtet. Lukas’ Augen glitten kurz über ihn, aber sein Gehirn stufte ihn automatisch als „random Passant“ ein und hakte das ab. Er ahnte nicht, dass derselbe Mann ihn schon an der Bibliothek und in der Innenstadt beobachtet hatte. Erling warf einen routinemäßigen Blick nach hinten – nicht misstrauisch, eher wachsam. Nichts Auffälliges. Menschen, die nach Hause wollten, Einkaufstüten, ein Hund, der an einer Laterne schnüffelte. „Noch ein kleiner Spaziergang, dann bist du in der Base,“ sagte er. „Ja,“ murmelte Lukas. „Noch fünf Minuten bis zur Couch.“ Der Weg durchs Wohngebiet Sie gingen nebeneinander durch das Wohngebiet. Die Häuser waren vertraut: ein paar Mehrfamilienhäuser, ein Spielplatz, auf dem gerade keiner war, ein Auto mit beschlagenen Scheiben, hinter denen Kindersitze zu erkennen waren. Lukas spürte die Müdigkeit jetzt richtig – in den Beinen, im Nacken, im Kopf. Es war diese besondere Sorte Erschöpfung, die nach Tagen voller Emotionen kam, nicht nach körperlicher Arbeit. „Wie viele Löffel hast du noch?“ fragte Erling plötzlich. Lukas blinzelte. „Was?“ „Du hast mir mal von dieser Löffel-Theorie erzählt,“ erinnerte Erling ihn. „Jeder Tag, jede Aufgabe frisst Löffel. Wie viele hast du heute noch übrig?“ Lukas dachte nach. „Einen halben,“ sagte er. „Vielleicht einen ganzen, wenn ich mich hinlege und nicht rede.“ „Guter Zeitpunkt, um nach Hause zu gehen,“ meinte Erling. „Keine Behörden mehr, keine Lehrkräfte, keine Bibliotheken.“ „Nur mein Vater,“ murmelte Lukas leise. Erling war sofort still. Er wusste genug, um zu verstehen, wie viel in diesen drei Worten drinsteckte. „Weiß er, dass ich da bin?“ fragte er vorsichtig. „Mama hat es ihm gesagt,“ antwortete Lukas. „Er war… nicht begeistert. Aber heute gab’s noch keinen Sturm. Vielleicht bleibt es so.“ Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es war dieser unsichere Zustand, in dem jede Türklinke ein Fragezeichen war. Ankunft vor der Haustür Sie bogen in seine Straße ein. Die Häuserreihe, der kleine Grünstreifen, die Mülltonnen, die zu weit auf dem Gehweg standen – alles war so normal, dass es schon fast weh tat, nach so einem Tag. Vor seiner Haustür blieb Lukas kurz stehen. „Willst du mit hoch?“ fragte er. „Oder… lieber später nochmal vorbeikommen?“
Erling überlegte. „Ich komme kurz mit rein,“ sagte er. „Nur Hallo sagen, kurz die Lage checken, dann ziehe ich mich zurück. Ich will nicht die ganze Wohnung übernehmen.“ Lukas nickte dankbar. „Ist gut,“ sagte er. „Es beruhigt mich, wenn du erstmal mit oben bist.“ Er holte den Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloss. Das vertraute Klack klang lauter als sonst. Im Treppenhaus roch es nach Putzmittel und einem Hauch von irgendwas Gebackenem aus einer anderen Wohnung. Die Stufen unter seinen Füßen waren vertraut, der Handlauf hatte an einer bestimmten Stelle einen kleinen Sprung im Lack – er strich mit den Fingern im Vorbeigehen darüber, wie er es seit Jahren tat. Vor ihrer Wohnungstür blieb er wieder kurz stehen, atmete tief durch. „Bereit?“ fragte Erling leise. „So bereit, wie ich heute noch werde,“ antwortete Lukas. Er schloss auf. Zuhause – zwischen Anspannung und Wärme Drinnen war es warm. Aus dem Wohnzimmer hörte man leise den Fernseher – irgendeine Nachrichtensendung oder ein Sportmagazin. Die Küche roch nach irgendetwas mit Zwiebeln und Paprika, das seine Mutter wohl vorbereitet hatte. „Wir sind wieder da,“ rief Lukas in den Flur, zog die Schuhe aus. Seine Mutter kam aus der Küche, ein Geschirrtuch über der Schulter. „Na, ihr zwei?“ sagte sie und lächelte müde. „Überlebt?“ „Gerade so,“ meinte Erling und hob spielerisch eine Hand. „Lukas hat heute Level ‚MSPBossfight‘ bestanden.“ Lukas verdrehte die Augen, aber man sah, dass ihm die Ironie gut tat. „Wir waren bei der psychologischen Beratung,“ fügte er hinzu. „Es war… nicht schlimm. Und ich habe einen Termin für nächste Woche.“ Seine Mutter atmete hörbar aus – man sah, wie ihr eine unsichtbare Spannung von den Schultern fiel. „Gut,“ sagte sie. „Das freut mich wirklich. Ich mach uns gleich was zu essen. Wollt ihr vorher noch ins Zimmer? Oder direkt…?“ In diesem Moment erklang die Stimme seines Vaters aus dem Wohnzimmer: „Wer ist denn da? Ist der Besuch noch da?“ Man hörte das typische Geräusch, wenn jemand die Fernsehlautstärke mit der Fernbedienung runterstellt – nicht ganz aus, nur leiser. Lukas spürte, wie sich seine Schultern automatisch anspannten. Er sah Erling kurz an. „Ich gehe kurz Hallo sagen,“ sagte Erling ruhig. „Dann bin ich auch wieder aus der Schusslinie.“ Sie gingen gemeinsam ins Wohnzimmer. Sein Vater saß auf dem Sofa, eine offene Flasche Bier auf dem Tisch, der Fernseher auf einem Sportsender – irgendwelche Zusammenfassungen, Diskussionen, Gesichter, die Lukas nur halb registrierte. Der Vater schaute kurz zu ihnen rüber. In seinem Blick lag nichts von den extremen Explosionen aus der Vergangenheit – eher eine müde, gedrückte Gereiztheit. Wie jemand, der innerlich brodelt, aber gerade keine Energie für einen Vulkanausbruch hat. „Tag,“ sagte er knapp zu Erling. „Na, noch in Mainz.“ „Ja,“ antwortete Erling höflich. „Noch ein bisschen. Ich passe auf ihren Sohn auf – und er ein bisschen auf mich.“ Es war ein vorsichtiger Satz. Kein Angriff, kein Drama. Ein Versuch, unterhalb der Explosionsgrenze zu bleiben.
Der Vater grunzte etwas, das man mit viel Fantasie als „Hm“ interpretieren konnte. „Wird ja wohl nicht ewig so bleiben,“ murmelte er. „Der Junge muss auch mal lernen, alleine klarzukommen.“ Lukas’ Bauch zog sich zusammen. Er hörte die Spitze, aber er griff sie nicht auf. Nicht jetzt. Nicht an diesem Tag. „Ich arbeite dran,“ sagte er stattdessen leise. „Heute war… schon viel allein klarkommen.“ Sein Vater zuckte mit den Schultern, griff wieder zur Fernbedienung. „Ja, ja,“ brummte er. „Solange nichts kaputt geht.“ Erling ließ es stehen. Er hatte schon schlimmere Sätze gehört – und wusste, dass heute nicht der Moment war, um diese Baustelle zu öffnen. Er drehte sich zu Lukas. „Ich gehe jetzt los,“ sagte er. „Du brauchst Ruhe. Ich bin später per Handy erreichbar. Schreib mir, wenn du magst. Oder wenn dein Kopf wieder zu laut wird.“ Lukas nickte. Es tat weh, ihn gehen zu sehen – aber es fühlte sich nicht wie Verlassenheit an. Mehr wie: Pause, nicht Ende. „Danke,“ murmelte er. „Für heute. Für… alles.“ „Wir sind mitten im achten Treffen,“ antwortete Erling. „Nicht am Ende.“ Er legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter – eine Berührung, die eher Erdung war als Trost – und ging dann Richtung Flur. Seine Mutter begleitete ihn zur Tür, bedankte sich leise, sagte etwas wie „Passen Sie gut auf sich auf“ und „Danke, dass Sie da sind“. Die Tür fiel ins Schloss. Das Geräusch klang endgültiger als es war. Lukas allein – und doch nicht mehr so allein wie früher Lukas stand einen Moment im Flur, allein mit dem Summen des Fernsehers und den Küchengeräuschen. Er fühlte sich leer und voll gleichzeitig. Der Tag hing ihm in den Knochen. „Komm,“ rief seine Mutter aus der Küche. „Setz dich kurz hin, ich mach dir einen Teller. Dann kannst du später in dein Zimmer und dich verkriechen.“ Er ging in die Küche, setzte sich an den Tisch. Das Licht war warm, das Essen auf dem Herd duftete. Es waren keine besonderen Speisen, nur irgendwas mit Reis, Gemüse und einer Soße – aber es war „Zuhause“. „Wie war es wirklich?“ fragte seine Mutter leise, während sie den Teller füllte. Er erzählte ihr in groben Zügen: Von der Frage nach der Gruppe. Von seiner Antwort mit dem Autismus. Vom Satz mit dem Psychologen. Von der Beratungsstelle. Von Mara. Vom Kakao. Er ließ die dunklen Gedanken über den Cousin weg. Nicht, weil er sie verheimlichen wollte, sondern weil er dafür heute keinen inneren Speicherplatz mehr hatte. Seine Mutter hörte zu, nickte, schüttelte an den richtigen Stellen den Kopf, fluchte einmal leise über die Lehrerin („Kein Therapiezentrum, aber Demütigungen gibt’s gratis, oder was?“), beruhigte sich wieder. „Ich bin stolz auf dich,“ sagte sie schließlich. „Auch wenn es sich für dich vielleicht nicht so anfühlt.“ „Es fühlt sich an wie… Marathon ohne Training,“ murmelte er. „Aber ich bin nicht umgefallen.“ Sie lächelte traurig.
„Manchmal reicht das,“ meinte sie. „Nicht umzufallen.“ Rückzug ins Zimmer Nach dem Essen – er schaffte nur die Hälfte, mehr ging nicht – zog Lukas sich in sein Zimmer zurück. Er schloss die Tür halb, nicht ganz – er mochte es nicht, wenn Dinge „versiegelt“ waren. Halb offen bedeutete: Ich bin da, aber bitte überfall mich nicht. Er legte den Rucksack in die Ecke, zog den Hoodie aus, warf ihn über den Stuhl. Dann ließ er sich aufs Bett sinken. Das Kopfkissen nahm ihn auf wie ein alter Freund. Er griff automatisch unter das Kissen – der Antwortbrief von Erling war noch da, in seiner Hülle. Er zog ihn nicht raus. Er brauchte ihn nicht zu lesen, um zu wissen, was drinstand. Es reichte, zu wissen, dass er da war. Sein Handy vibrierte. Erling: „Bin gut angekommen. Du hast heute mehr geschafft, als viele sehen. Schlaf später, so gut du kannst. Morgen ist ein neuer Tag – kein Reset, aber auch kein Endgegner. “ Lukas lächelte schwach. Er tippte zurück: „Danke. Kopf ist voll, aber nicht komplett kaputt. Gute Nacht später.“ Er stellte das Handy auf lautlos. Das Summen der Wohnung war gedämpft: Fernseher im Wohnzimmer, leises Klappern aus der Küche, Schritte im Flur. Er fühlte sich müde. Erschöpft. Aber nicht mehr so hoffnungslos wie noch vor ein paar Tagen. Er drehte sich auf die Seite, zog die Decke halb über den Kopf, atmete seinen eigenen KissenGeruch ein. Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass alles, was draußen passierte – Hochschule, Lehrerin, Psychologin, Assistenz, Erling, Familie – kurz Pause machte. Er ahnte nicht, dass zur selben Zeit jemand anders in ein Bett in einer anderen Wohnung starrte, mit Augen, die nicht zur Ruhe kamen, und Gedanken, die düsterer wurden. Der Cousin dachte nicht an Erholung. Er dachte an Pläne. Doch für Lukas, an diesem Abend, an diesem 24.11.2025, endete der Tag damit, dass er das Gefühl hatte: Er war heimgekommen. Nicht in ein perfektes Zuhause – aber in eins, in dem es zumindest Menschen gab, die auf seiner Seite waren. Und das war mehr, als er sich noch vor wenigen Wochen hätte vorstellen können. Während Lukas in seinem Zimmer langsam zwischen Erschöpfung und Schlaf hin- und hersank, zog sich über der Stadt eine andere Stimmung zusammen – leise, unsichtbar, aber gefährlich. Die Lichter von Mainz flimmerten durch die Nacht: Straßenlaternen, Fensterlichter, das rote Aufglühen einer Ampel, irgendwo ein Weihnachtsstern im Fenster, obwohl es noch November war. Für die meisten Menschen war es einfach ein normaler Abend, kurz vor der Adventszeit. Für jemanden war es der perfekte Moment, einen Entschluss zu fassen. Zur gleichen Zeit – eine andere Wohnung, ein anderes Feuer
In einer anderen Ecke der Stadt, in einem kleineren Zimmer, saß der Cousin auf seinem Bett. Das Zimmer war halb chaotisch, halb geordnet: Klamottenstapel auf dem Stuhl, ein Schrank mit angelehnten Türen, an der Wand ein paar Poster, ein Fernseher, der stumm irgendein Musikvideo zeigte. Das einzige, was sich wirklich bewegte, waren seine Hände und seine Gedanken. In seiner rechten Hand lag das Handy. Der Bildschirm leuchtete sein Gesicht an – harte Konturen, Schatten unter den Augen. Auf dem Display war der WhatsApp-Chat mit Lukas’ Mutter geöffnet. Oben der letzte Text, den er geschrieben hatte: die lange, giftige Nachricht, in der er alle angeschrien hatte, sich als Opfer inszenierte und die Verantwortung weit von sich weg schob. Er scrollte hoch und runter. Immer wieder. Wie jemand, der eine alte Wunde aufkratzt, obwohl sie längst entzündet ist. Sein Blick blieb an einem Satz hängen, den die Mutter früher geschrieben hatte: „Du hattest von klein auf ein Problem mit Lukas. Du hast ihn nie akzeptiert, ihm wehgetan und ausgenutzt, dass er sich nicht wehren konnte. (…) Ich werde Lukas weiter schützen – jederzeit und ohne Diskussion.“ Er verengte die Augen. „Beschützen,“ murmelte er. „Beschützen. Ihr beschützt ihn… und ich bin der, der angeblich gefährlich ist.“ Er legte das Handy neben sich auf die Decke, starrte an die Decke. Die Schatten der Straßenbeleuchtung zeichneten sich in Streifen an der weißen Oberfläche ab. Je länger er da lag, desto lauter wurde eine Stimme in ihm, die nicht von außen kam. Nicht von der Mutter. Nicht von Lukas. Nicht von Lehrern oder Therapeuten. Es war seine eigene. Verbittert. Verletzt. Und inzwischen auch hasserfüllt. Der innere Film – verdrehte Gerechtigkeit In seinem Kopf lief ein Film, den niemand sonst sehen konnte: Er sah Lukas lachend im Stadion – geschützt, begleitet, mit extra teureren Sitzplätzen. Er sah, wie von ihm selbst immer nur „er ist schwierig“ und „er ist respektlos“ gesprochen wurde. Er sah die lange Nachricht seiner Tante, in der sie jede gute Tat auflistete – aber aus seiner Sicht nur, um ihn klein zu machen. Er sah Lukas in der Bibliothek an diesem Tag, am Tisch, mit diesem konzentrierten, verletzlichen Gesicht, während draußen Novemberlicht durch die Fenster fiel. Er sah ihn mit dieser Assistenz im Café sitzen, Kakao in der Hand, sichere Bezugsperson, warmes Licht, Verständnis. Jede dieser Szenen war in Wirklichkeit voller Schmerz und Anstrengung gewesen – aber er sah nur das, was seine verzerrte Linse zuließ: Er bekommt Hilfe. Er bekommt Wärme. Er bekommt jemand, der ihn versteht. Ich bekomme Anschuldigungen. Ich bekomme Abstand. Ich bekomme „Abschaum“ zurückgeworfen. Es machte ihn nicht einfach nur traurig. Es machte ihn hart. Leises Flüstern in einem stillen Zimmer Er setzte sich auf, schwang die Beine über die Bettkante. Seine Füße berührten den kalten Boden. Der Fernseher lief immer noch stumm, wechselte von Musikvideo zu Werbung, von Werbung zu Serie – ohne dass er wirklich hinsah.
Stattdessen starrte er auf das dunkle Fenster. Sein eigenes Spiegelbild starrte zurück – verzerrt, mit dem Licht des Bildschirms im Gesicht. Er beugte sich ein Stück vor, als würde er sich selbst etwas zuflüstern. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, aber jedes Wort war scharf. „Mach dich bereit…“ Er sprach es so leise, als wäre es ein Geheimnis, das nur er und die Nacht hören durften. „Mach dich bereit, Lukas… die schlimmste Vorweihnachtszeit, Silvester- und Neujahrszeit zu haben, die du je erlebt hast.“ Er ließ die Worte kurz im Raum hängen. Sie schmeckten bitter – aber sie gaben ihm das Gefühl von Kontrolle. „Du wirst alles verlieren,“ flüsterte er weiter. „Alles. Deine Ruhe. Deine Sicherheit. Dein Vertrauen. Du denkst, du hast schon viel verloren? Das war nur der Anfang. Jetzt fängt es erst richtig an.“ In seinem Kopf war Lukas nicht der Junge, der mit mühsamer Kraft versuchte, irgendwie durchs Studium zu kommen. Nicht der, der nachts mit Panik aufwachte. Nicht der, der immer wieder dachte: Vielleicht bin ich das Problem. In seinem Kopf war Lukas das Symbol für alles, was er selbst nie bekommen hatte: Verständnis. Geduld. Zweite Chancen, die sich wie echte Chancen anfühlen, nicht wie leere Worte. „Alles wird sich ändern,“ murmelte er, noch leiser. „Nicht mehr ihr entscheidet, wer dazugehört und wer nicht. Ich entscheide, wie weit es geht.“ Er schloss kurz die Augen, stellte sich vor, wie: – Weihnachten für Lukas nicht nach Familie und warmem Essen schmecken würde, sondern nach Streit und Angst. – Silvester nicht nach Funken und Raketen, sondern nach Explosionen, die keiner geplant hatte. – Neujahr sich nicht nach Neubeginn anfühlen würde, sondern wie der Moment, in dem man merkt, dass alles nur noch schlimmer geworden ist. Es war eine gefährliche Fantasie. Keine klaren Pläne, noch nicht – eher ein dunkler Nebel aus „Ich werde euch schon zeigen…“ Aber in diesem Nebel formte sich langsam etwas wie ein Entwurf. Parallele Welten – Schlaf und Schwur Zur selben Zeit lag Lukas auf seiner Seite im Bett, das Gesicht halb im Kissen vergraben, die Decke bis zur Nase gezogen. Seine Atmung war ruhiger geworden. Das Handy lag ausgeschaltet auf dem Schreibtisch. Unter seinem Kopfkissen der Brief, in dem jemand geschrieben hatte, dass er kein Absteiger in seinem eigenen Leben sei. In seinem Kopf mischten sich die Bilder des Tages: – Der Hörsaal. – Die Stimmen. – Das Beratungszimmer. – Der Bibliothekstisch. – Mara im Café. – Die warme Küche seiner Mutter. – Erling, der sagte, er sei stolz auf ihn. Langsam zogen die Bilder sich zurück, wurden zu verschwommenen Flecken, die im Halbschlaf verschwammen. Sein Körper war erschöpft, sein Kopf überladen, aber irgendwo tief drin war ein kleiner, sturer Kern, der leise sagte: Du bist noch da. Du hast nicht aufgegeben.
Während er einschlief, spannte sich unsichtbar ein Faden zwischen seinem Zimmer und dem anderen Zimmer, in dem sein Cousin gerade die Worte formte, die wie eine finstere Prophezeiung klangen. Die Vorweihnachtszeit als Schlachtfeld Der Cousin stand inzwischen am Fenster, legte die Stirn kurz an die kalte Scheibe. Draußen hingen bereits erste Lichterketten an manchen Balkonen – noch nicht alle, aber genug, um zu zeigen, dass die Welt sich auf etwas Warmes, Fröhliches vorbereitete. In ihm löste dieser Anblick keinen Trost aus. Eher das Gegenteil. „Alle freuen sich schon,“ murmelte er. „Weihnachtsmarkt, Geschenke, Familie, gute Vorsätze. Ihr glaubt, ihr könnt mich einfach rausschreiben aus euerm schönen kleinen Drehbuch. Aber ich bin noch da. Mehr als ihr euch wünscht.“ Er atmete gegen die Scheibe, ein kleiner Nebelfleck entstand und verschwand wieder. Dann flüsterte er den Satz, der wie ein inneres Siegel über seine Entscheidung gelegt wurde: „Mach dich bereit, Lukas,“ wiederholte er, diesmal noch leiser, aber fester. „Mach dich bereit, die schlimmste Vorweihnachtszeit, Silvester- und Neujahrszeit zu haben. Du wirst alles verlieren. Und alles wird sich ändern.“ Er setzte sich wieder aufs Bett, griff nach seinem Handy und öffnete einen leeren Chat – keinen Empfänger ausgewählt, nur ein leeres Eingabefeld. Er begann zu tippen. Nicht zum Abschicken, nur zum Gedanken ordnen: „Es reicht. Ihr habt mich rausgeworfen. Jetzt bin ich dran.“ Er löschte den Text wieder. Es war zu früh, etwas zu schicken. Zu früh, um den ersten sichtbaren Schritt zu machen. Die besten Fallen, dachte er, stellt man leise. Die Ruhe vor dem eigentlichen Sturm In dieser Nacht passierte nichts Sichtbares. Kein Anruf. Keine Nachricht. Kein Knall. Lukas schlief irgendwann ein, mit einem unruhigen, aber echten Schlaf. Seine Mutter sah noch einmal zur leicht geöffneten Zimmertür, lauschte kurz, und ging dann selbst ins Bett – müde, aber ein kleines bisschen erleichtert, dass der Tag nicht in einem Desaster geendet hatte. Erling lag in seinem Gästezimmer ein paar Straßen weiter, blickte an die Decke und plante im Kopf die nächsten Tage: Wie er Lukas begleiten konnte, ohne ihm alles abzunehmen. Wie er da sein konnte, ohne als „Retter“ alles zu überrollen. Der Cousin lag wach, die Augen offen, während die Minuten langsam auf der digitalen Uhr neben ihm voranschlichen. Er dachte an Weihnachtsmärkte, an Silvesterfeuerwerk, an Familienfotos, an all das, wovon er sich ausgeschlossen fühlte. In seinem Inneren war die Vorweihnachtszeit nicht warm und leuchtend, sondern kalt und voller Schatten. Und mitten in diesem inneren Winter setzte er sich ein Ziel: Dass diese Zeit für Lukas – und alle, die zu ihm hielten – kein Fest, sondern eine Prüfung werden sollte. Noch wusste niemand davon. Keine Polizei. Keine Therapeuten. Nicht einmal Lukas selbst.
Doch der Satz war gefallen. Der Schwur war gesprochen. Die Richtung war gesetzt: Die Wochen bis Weihnachten, Silvester und Neujahr würden keine normale Zeit werden. Sie würden zur Bühne für das Ultimatum, von dem keiner ahnte, wie hoch der Preis sein würde. Der nächste Morgen fühlte sich schwerer an, obwohl er auf dem Papier einfacher sein sollte. Kein MSP heute. Keine Dozentin, die ihn schon beim Namen seufzend zusammenfaltet. Nur eine andere Vorlesung: „Introduction of Business“ – eigentlich ein Einstiegskurs, der gar nicht so bedrohlich klang. Aber Lukas wusste: Es sind nicht die Titel, die wehtun. Es sind die Menschen darin. 25.11.2025 – Morgen nach dem ersten „richtigen“ Tag Der Wecker vibrierte um 07:05 Uhr unter seinem Kopfkissen. Lukas blinzelte, das Zimmer war noch halb dunkel. Die Decke fühlte sich warm und sicher an – und gleichzeitig wie ein Gewicht, das ihn unten hielt. Für ein paar Sekunden versuchte er, die Gedanken zu vermeiden, die wie kleine, böse Fenster aufploppten: • Sie müssen zum Psychologen. • Wir können keine Sonderbehandlung für jeden anbieten. • das Kichern im Hörsaal • der Gang zur psychologischen Beratungsstelle Er rollte sich auf den Rücken, starrte die Zimmerdecke an. „Zweiter Tag,“ murmelte er. „Kein Weltuntergang. Noch nicht.“ Unter seinem Kopf lag wieder der Brief von Erling. Er griff kurz nach ihm, drückte die Hülle einen Moment lang in der Hand, ohne sie zu öffnen. Es reichte zu wissen, dass die Worte darin echt waren, nicht eingebildet. Bad – der Blick auf die eigenen Grenzen Im Bad stand er vor dem Spiegel, das Neonlicht zu hell für seine müden Augen. Die Haut im Gesicht war blass, die Augen leicht gerötet. Er stützte sich auf dem Waschbecken ab, ließ kaltes Wasser über sein Gesicht laufen. Er dachte kurz an den Katheter. Nicht, weil er ihn brauchte – der Arzt hatte gesagt, es sei okay, es ohne zu versuchen – sondern wegen der Erinnerung: • der geplatzte Beutel • der nasse Stoff auf seiner Hose • das Lachen • die Sprüche „laufender Beutel“ und „Urinverteiler“ Er atmete tief durch. „Heute wieder ohne,“ sagte er halblaut zu seinem Spiegelbild. „Nicht, weil es nie passiert ist. Sondern, weil ich nicht will, dass nur das die Geschichte ist.“ Er zog sich an: die gleiche Jeans wie gestern, ein anderer Hoodie, diesmal dunkelblau. Der Stoff fühlte sich vertraut an. Nichts Besonderes – und genau das brauchte er. Frühstück – müde Normalität In der Küche war es ruhiger als am Vortag. Seine Mutter wirkte erschöpft, aber nicht panisch. Der Vater war schon weg – oder einfach noch nicht aus dem Schlafzimmer gekommen, das war bei ihm manchmal schwer zu sagen. Der Fernseher lief leise im Wohnzimmer, irgendeine Morgensendung.
„Guten Morgen,“ sagte seine Mutter und stellte ihm eine Tasse Tee hin. „Heute nur eine Vorlesung, oder?“ „Ja,“ antwortete Lukas. „Introduction of Business. Danach… wollte ich direkt wieder nach Hause. Ich glaube, zwei Tage hintereinander Marathon schaffe ich nicht.“ Sie nickte. „Ist okay,“ sagte sie. „Du musst nicht jeden Tag die ganze Welt retten.“ Er zuckte mit einem Mundwinkel. „Wäre sowieso übertrieben,“ murmelte er. „Ich fang erstmal mit der Hochschule an.“ Sein Handy vibrierte. Erling: „Morgen. Straßenbahn wie gestern? Heute weniger Bossfight, mehr nervige Nebenquests, hoffentlich.“ Lukas musste trotz allem kurz grinsen. Er schrieb zurück: „Ja. Gleich los. Fühl mich wie Level 1 mit zu wenig HP.“ Auf dem Weg – der Körper erinnert sich Sie trafen sich wieder an der Haltestelle. Erling sah ein bisschen übermüdet aus, aber wach, Mütze tief im Gesicht, Rucksack über der Schulter. „Na, Überlebender von Tag 1,“ sagte er leise. „Bereit für Tag 2: ‚Introduction of Business‘ – auch bekannt als ‚Einführung in die Kunst, Menschen mit PowerPoint zu langweilen‘?“ Lukas schnaubte schwach. „Wenn sie mich nur langweilen würden, wäre das ein Traum,“ murmelte er. „Langweilig ist friedlich. Langweilig tötet dich nicht. Langweilig lacht dich nicht aus.“ Die Straßenbahn kam, sie stiegen ein, fanden einen Platz im hinteren Bereich. Lukas’ Körper machte den bekannten Check: Ist es zu voll? Wer steht hinter mir? Wie weit ist die Tür? Kann ich im Notfall raus? „Wie ist das Klientel in der ‚Introduction of Business‘-Vorlesung?“ fragte Erling nach einer Weile. „Gleiche Leute wie in MSP? Andere? Besser? Schlimmer?“ „Gemischt,“ sagte Lukas. „Ein paar aus MSP sind auch da. Ein paar andere… die mich nur vom Katheter-Treffen kennen.“ „Vom was?“ Erling runzelte die Stirn. „Vom Tag, als der Beutel geplatzt ist,“ erklärte Lukas, seine Stimme wurde automatisch leiser. „Sie haben mich danach in anderen Veranstaltungen wiedererkannt. ‚Der Typ mit dem Beutel‘. Die Sprüche waren… kreativ.“ Erling zog die Augenbrauen zusammen, schwieg einen Moment. „Wenn heute wieder so ein Spruch kommt,“ sagte er schließlich, „entscheiden wir hinterher, was du damit machst. Nicht die.“ „Wie meinst du das?“ fragte Lukas. „Entweder du sagst was,“ antwortete Erling. „Oder du sagst nichts und wir schreiben uns später auf, was du gern gesagt hättest. Dann ist es nicht nur in deinem Kopf festgefressen. Das hilft manchmal.“ Lukas dachte darüber nach. Es war ein seltsamer Gedanke – dass man sogar den verpassten Satz später noch retten konnte. „Okay,“ sagte er leise. „Deal.“ Vor dem Hörsaal – Vorzeichen Die Hochschule wirkte heute ein Stück normaler. Vielleicht, weil er gestern schon den ersten Schock verdaut hatte. Vielleicht, weil er wusste, dass es heute keine direkte Konfrontation mit der MSP-Dozentin geben würde.
Vor dem Hörsaal – „Introduction of Business“ – standen schon einige Studierende herum. Ein paar standen in Gruppen, lachten über irgendwas auf ihren Handys. Andere standen allein mit Kopfhörern, nach innen gekehrt. Lukas blieb einen Moment stehen, der Rucksack etwas fester auf einer Schulter. „Ich geh wieder rein, such mir einen Platz Rand, Mitte,“ sagte er. „Wie immer. Lässt sich gut flüchten.“ „Ich komm mit, aber setz mich ein paar Reihen woanders hin,“ meinte Erling. „Nicht direkt neben dir – sonst denken alle, ich wäre dein Bodyguard… oder dein sehr engagierter Privatlehrer.“ „Oder beides,“ murmelte Lukas und musste kurz grinsen. Sie betraten den Hörsaal. Der Raum – und die ersten Blicke Der Raum war breiter als MSP, weniger tief, mit breiten Reihen aus Klapptischen. Auf der Leinwand war schon der Titel der Präsentation zu sehen: „Introduction of Business – Grundlagen der Betriebswirtschaft“. Lukas suchte sich einen Platz am Rand, Mitte des Raums. Erling setzte sich fünf, sechs Plätze weiter hinten, leicht seitlich versetzt, sodass er Lukas im Blick behalten konnte, ohne sie als „Paket“ wirken zu lassen. Ein paar Studierende waren schon da. Einer mit Basecap, zwei mit auffälligen Nägeln, eine Gruppe von drei Leuten, die laut über irgendein Fußballspiel redete. Als Lukas seinen Rucksack abstellte und sich setzte, spürte er, wie sich zwei Blicke einbohrten. Er drehte sich nicht direkt um – aber sein Körper kannte das Gefühl: Du bist erkannt worden. Aus der hinteren Ecke kam ein leises Kichern. „Ey,“ zischte eine Stimme, nicht sehr laut, aber so, dass es in seine Richtung ging. „Guck mal, da ist der…“ Lukas’ Nacken knisterte vor Anspannung. Eine andere Stimme, etwas deutlicher, leicht spöttisch: „Na, gut, dass wir weiter hinten sitzen. Man weiß ja nie, wann der Beutel wieder platzt.“ Kichern. Ein unterdrücktes Prusten. Lukas’ Finger umklammerten seinen Stift. Er sah stur auf den Tisch vor sich, die Holzmaserung, einen krummen Kugelschreiberstrich von irgendwem, der mal daran rumgekritzelt hatte. „Atmen,“ sagte er sich innerlich. „Atmen. Nicht sofort weg.“ Die Frage, die alles wieder aufreißt Der Dozent – ein Mann um die fünfzig mit randloser Brille und einem überraschend freundlichen Gesicht – betrat den Raum, schaltete das Mikro ein. „Guten Morgen zusammen,“ sagte er. „Ich hoffe, Sie sind heute wacher als ich.“ Vereinzeltes Lachen. Er blätterte durch seine Unterlagen, drückte auf die Fernbedienung, die erste Folie wechselte zur Agenda. „Bevor wir starten,“ meinte er, „würde ich gerne noch wissen, ob alle, die hier sitzen, in einer Lerngruppe sind – ich hatte ja auf Moodle empfohlen, sich in kleinen Teams zusammenzutun.“ Er hob den Blick, ließ ihn kurz durch den Raum schweifen. In diesem Moment meldete sich, ohne Handheben, jemand aus den hinteren Reihen. Es war derselbe Typ, der eben schon gekichert hatte – Kappe rückwärts, Hoodie, dieser Tonfall von jemandem, der sich selbst ziemlich lustig findet.
„Herr Professor,“ rief er halb laut, „ist es eigentlich Pflicht, eine Gruppe zu haben – oder reicht es, wenn man einen Katheter hat, der für Aufsehen sorgt?“ Ein paar Sekunden Stille. Dann explodierte das Kichern, lautes Lachen, einige versuchten es zu unterdrücken, andere lachten unverhohlen. „Boah,“ „Alter,“ „Ey, geht’s noch?“ – man hörte alles, von schockiert bis amüsiert. Es war, als würde jemand mit einem Hammer direkt auf die Stelle schlagen, die gestern in MSP gerade mühsam wieder ein bisschen vernarbt worden war. Lukas’ Herz raste. Die Luft im Raum schien dicker zu werden. Seine Hände wurden schlagartig kalt. Die Worte bohrten sich in seinen Kopf: „Oder reicht es, wenn man einen Katheter hat…“ Er fühlte sich schlagartig wieder wie an dem Tag, an dem alles vollgelaufen war. Der Druck. Die Nässe. Die Blicke. Das Lachen. Der Dozent – besser, aber nicht perfekt Der Professor runzelte die Stirn. Man sah ihm an, dass er nicht sofort verstand, worum es ging – er war nicht in MSP gewesen, nicht bei der Katheter-Episode. „Junger Mann,“ sagte er streng in Richtung der Stimme, „wir machen hier keine Witze über medizinische Hilfsmittel, verstanden? Solche Bemerkungen sind unangebracht.“ Kurz war es still. Dann hörte man ein halblautes „War doch nur Spaß…“ aus der Ecke. Ein paar Leute kicherten immer noch in sich hinein. Der Professor fuhr fort, diesmal bewusster in den Raum hinein: „Falls jemand gesundheitliche Einschränkungen hat, die berücksichtigt werden müssen, dann kann man das auf normalem Weg klären – mit mir, mit dem Prüfungsamt, mit der Beratung. Aber wir machen hier keine Show daraus. Ist das klar?“ Ein paar murrende „Ja“, „Okay“, „Schon gut“. Für einen Moment fühlte sich Lukas… nicht verteidigt, aber zumindest nicht komplett ausgeliefert. Der Professor hatte die Witze nicht durchgewunken. Er hatte nicht gelacht, nicht geschwiegen. Er hatte etwas gesagt. Aber der Satz war schon draußen. Das Lachen war schon passiert. Der Stich war schon gesetzt. Und für Lukas war das wie ein Déjà-vu mit Bonus: Gestern die Dozentin, heute die Kommilitonen. Immer drehte sich alles wieder um dasselbe Thema, auch wenn er heute gar keinen Katheter trug. Erling beobachtet – und Lukas’ innerer Kampf Von seinem Platz weiter hinten hatte Erling alles mitbekommen. Er hatte den Spruch gehört, das Lachen, die Reaktion des Professors. Seine Hände ballten sich kurz zu Fäusten, er entspannte sie wieder bewusst. Er wusste: Wenn er jetzt aufspringt und lospoltert, wird alles nur noch größer. Lukas wird dann „der mit dem Katheter und dem berühmten Freund, der für ihn kämpft“. Noch mehr Projektionsfläche. Noch mehr Angriffsfläche. Also blieb er sitzen. Aber er nahm sein Handy, öffnete die Notizen-App und tippte einen Satz hinein:
„Was du hättest sagen dürfen: ‚Ich bin froh, dass du deine Medizin-Jokes hier machst und nicht bei echten Patienten.‘“ Er würde Lukas das später zeigen. Nicht als „das hättest du sagen müssen“, sondern als: Deine Stimme existiert. Auch, wenn sie im Moment eingefroren war. Vorne redete der Professor weiter, versuchte, die Stimmung wieder auf „normal“ zu bringen. Er erklärte die ersten Folien: Märkte, Unternehmen, Stakeholder. Begriffe, die in Lukas’ Kopf wie Watte vorbeiflogen. Lukas starrte auf seinen Block. Der Stift in seiner Hand war fest zwischen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt. Auf dem Blatt stand nur ein Wort, das er eben aus Reflex geschrieben hatte: Katheter Er hatte es sofort unterstreichen wollen. Stattdessen legte er den Stift hin und drehte das Blatt um. „Ich bin nicht nur das,“ dachte er verzweifelt. „Ich bin nicht nur dieses eine Wort.“ Zwischen Stillhalten und innerem Schreien Die nächsten Minuten der Vorlesung waren für ihn kaum da. Er hörte den Professor reden, konnte einzelne Worte fassen – „Unternehmensziele“, „Gewinnmaximierung“, „Marktanteile“ – aber sie hatten keinen Halt. In seinem Kopf liefen zwei andere Tonspuren: • „Ist es Pflicht, eine Gruppe zu haben – oder reicht ein Katheter?“ • unangemessenes Kichern Und tiefer darunter: • „Sie müssen zum Psychologen.“ • „Die Hochschule ist kein Therapiezentrum.“ Er hatte das Gefühl, dass alles, was er versuchte aufzubauen – mit Therapie, mit Erling, mit Mara, mit der Psychologin – von außen immer wieder auf dieselbe Weise angegriffen wurde: Nicht durch Schläge. Sondern durch Lachen. Das war das Schlimmste: Nicht ernst genommen zu werden. Zu einem Witz reduziert zu werden. Pause – und ein kurzer, wichtiger Moment Als die erste Pause kam, sprang Lukas nicht sofort auf. Er blieb sitzen, atmete ruhig, bis das Geräusch der sich bewegenden Stühle und Stimmen etwas abgeklungen war. Dann hörte er plötzlich eine leise Stimme neben sich. „Hey…“ Er drehte den Kopf. Neben ihm stand eine Kommilitonin, die er vage kannte – sie war auch in MSP gewesen, hatte einmal ihren Block so gedreht, dass er mitlesen konnte. „Das eben…“ sagte sie zögernd. „Das mit dem Spruch über den Katheter… war ziemlich scheiße. Wollte ich nur sagen.“ Lukas blinzelte überrascht. „Äh… danke,“ brachte er hervor. „Ich… versuche, es auszublenden.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wie es ist,“ meinte sie. „Aber… ich fand’s nicht lustig. Falls es hilft, dass jemand das sagt.“ „Es hilft,“ sagte Lukas leise. Und merkte, dass es das wirklich tat – wenn auch nur wie ein kleiner Pflasterstreifen auf einer tiefen Wunde. Sie lächelte kurz, ein bisschen unsicher, und ging dann zu ihrer eigenen Gruppe.
In der Tür stand Erling, der so tat, als würde er auf sein Handy schauen, aber mit einem halben Ohr zu Lukas rüberlauschte. Er war erleichtert, dass jemand aus der Gruppe nicht mitgelacht hatte. Dass nicht alle zu einer grauen Masse verschmolzen. Er trat in den Gang, blieb in der Nähe der Tür stehen, sodass Lukas ihn sehen konnte, wenn er aufblickte. Lukas sah ihn – und in seinem Blick lag gleichzeitig Erschöpfung und ein kleines, dünnes Band von: Ich bin noch nicht gefallen. Der Tag kippt noch nicht – aber die Risse werden tiefer Als die Pause vorbei war, setzte Lukas sich wieder hin. Er beschloss, den Rest der Vorlesung so gut es ging als das zu nehmen, was sie auf dem Papier war: ein Fach. Nicht ein Urteil. Er schrieb ein paar Stichworte mit, nicht sauber, nicht schön, aber genug, um später zumindest zu wissen, worum es ging. Er zwang sich, den Professor anzusehen, nicht die hintere Ecke, in der der Spruch gefallen war. Die Jungs, die den Katheter-Witz gemacht hatten, wurden im Laufe der Stunde ruhiger. Für sie war es nur eine kurze Einlage gewesen, ein „Gag“. Für ihn würde es ein weiterer Baustein in seinem inneren Archiv aus Demütigungen sein. Doch diesmal war er nicht mehr derselbe wie beim ersten Mal: • Er hatte Erling im Hintergrund. • Er hatte eine Psychologin, die ihn nächste Woche sehen würde. • Er hatte Mara, die ihm half, die Woche zu strukturieren. • Er hatte eine Kommilitonin, die gesagt hatte, dass der Spruch scheiße war. Und er hatte sich selbst, der – trotz allem – wieder in diesen Raum gegangen war. Was er nicht wusste: Draußen, außerhalb der Hochschule, in einer ganz anderen Spur, beobachtete jemand weiter – nicht mit Augen im Raum, sondern mit wachsender Verbitterung über Erzählungen, Nachrichten, Screenshots. Der Cousin hatte den Tag genutzt, um seine eigenen Pläne weiter zu verdichten. In seiner Version war Lukas nicht der, der heute mutig war. Sondern der, dem es „wieder gutging“, während er selbst „ausgeschlossen“ war. Die Vorweihnachtszeit rückte näher. Die Tage wurden kürzer. Und die Kluft zwischen dem, was Lukas gerade mit Mühe aufbaute, und dem, was sein Cousin innerlich zerstören wollte, wurde immer größer. Doch an diesem Morgen, in diesem Hörsaal, in dieser zweiten Vorlesung des achten Treffens, passierte etwas Wichtiges: Zum ersten Mal wurde Lukas wegen seines Katheters verspottet – und gleichzeitig von einem Dozenten gerügt und von einer Kommilitonin unterstützt. Es war kein Happy End. Aber es war ein anderes Muster als früher. Und genau diese kleinen Unterschiede würden später, wenn alles eskalierte, mit darüber entscheiden, wer am Ende noch stehen würde. Der Rest der Vorlesung zog an Lukas vorbei wie dumpfes Rauschen. Er schrieb Stichworte mit – „Unternehmen“, „Stakeholder“, „Ziele“ – aber sein Kopf war noch immer bei diesem einen Satz: „Oder reicht es, wenn man einen Katheter hat, der für Aufsehen sorgt?“ Als die Veranstaltung endlich vorbei war, sprang die Hälfte des Raums sofort auf. Stühle scharrten, Rucksäcke wurden hastig gepackt, jemand rief: „Komm, Mensa!“ Jemand anderes kicherte noch leise und warf einen Blick nach vorne in Lukas’ Richtung. Lukas blieb sitzen.
Er wartete, bis der erste Schwung Leute draußen war, bis der Geräuschpegel ein bisschen abnahm. Erst dann packte er langsam seinen Block ein, steckte den Stift in das Federmäppchen, schnallte den Rucksack zu. Hinter ihm spürte er eine Bewegung. Er musste gar nicht hinschauen, um zu wissen, wer das war. „Raus hier?“ fragte Erling leise. „Ja,“ murmelte Lukas. „Bitte.“ Flur vor dem Hörsaal – der Moment, in dem es bricht Sie gingen schweigend aus dem Raum, in den Flur, an ein paar Aushängen vorbei, runter zu einer ruhigeren Ecke bei einem Fenster. Hier war es etwas weniger voll; nur zwei Studierende saßen auf dem Boden und tippten in ihre Laptops, ansonsten war es erstaunlich still. Lukas blieb stehen, drehte sich zu Erling. „Ich kann nicht mehr so tun, als wäre alles okay,“ sagte er, noch bevor Erling etwas fragen konnte. Erling legte den Kopf leicht schief. „War es heute schlimmer als gestern?“ fragte er ruhig. Lukas lachte kurz, aber es war kein fröhliches Lachen. „Gestern hat mich die Dozentin vor allen zum Psychologen geschickt,“ sagte er. „Heute bin ich wenigstens ‚nur‘ das Katheter-Meme.“ Erling verzog das Gesicht. „Ich hab’s gehört,“ sagte er. „Der Spruch hinten. Und das Lachen. Und immerhin einen Professor, der immerhin etwas gesagt hat… aber ich weiß, das macht’s nicht ungeschehen.“ Lukas presste die Lippen aufeinander. Seine Hände zitterten leicht. „Es geht mir in der Hochschule nicht gut,“ brachte er dann raus. „Gar nicht. Ich versuche seit Wochen, mir einzureden, dass ich das schaffe, dass ich ‚nur durchhalten‘ muss. Aber ich merke… mein Kopf ist ständig im Alarmmodus. Ich komme rein, und mein Körper denkt, gleich explodiert wieder irgendwas. Katheter. Lachen. Sprüche. Dozenten. Gruppen.“ Er zeigte vage Richtung Hörsaal. „Ich sitze da nicht mehr als Student,“ fuhr er fort. „Ich sitze da als Zielscheibe, die hofft, dass keiner diesmal trifft.“ Erling sah ihn ernst an. Kein Mitleid in den Augen – eher etwas wie Respekt, weil Lukas das so klar aussprach. „Dass du das so benennen kannst,“ sagte er, „ist kein Zeichen, dass du ‚schwach‘ bist. Es ist ein Zeichen, dass du merkst, wo deine Grenzen sind.“ Lukas schnaubte bitter. „Ja, super,“ murmelte er. „Ich erkenne meine Grenzen – und dahinter lauert immer nur ‚Abbruch, Versagen, wieder alles verloren‘.“ Erling schwieg einen Moment, sah aus dem Fenster, dann wieder zu ihm. „Okay,“ sagte er leise. „Dann lass uns das ernst nehmen. Nicht nur so tun. Was brauchst du jetzt, damit du nicht komplett zusammenklappst? Nicht nächstes Semester, nicht in drei Monaten. Heute. Diese Woche.“ Lukas wusste es. Er wusste es seit gestern, vielleicht schon länger – aber bisher hatte er es weggeschoben, weil es sich wie Aufgeben angefühlt hatte. „Ich brauche einen Tag nur Therapie,“ sagte er. „Einen ganzen Tag. Autismustherapie. Kein Hörsaal. Kein ‚Introduction of Business‘. Kein ‚Wo ist dein Katheter‘. Nur ein Ort, wo ich nicht ständig das Gefühl habe, mich verteidigen zu müssen.“ Er schluckte. „Ich will morgen nicht in die Hochschule,“ sagte er leise. „Wenn ich morgen wieder hier sitze, passiert irgendwas. In mir. Und dann explodiere ich vielleicht wirklich – nach innen oder außen. Ich spüre das.“
Erling nickte langsam. „Dann gehen wir morgen nicht in die Hochschule,“ sagte er schlicht. „Punkt.“ Lukas sah ihn überrascht an. „So einfach?“ fragte er. „Ohne ‚aber du musst doch‘ oder ‚reiss dich zusammen‘?“ Erling hob leicht eine Augenbraue. „Du hast seit Wochen versucht, dich zusammenzureißen,“ antwortete er. „Du hast es gestern versucht. Du hast es heute versucht. Du bist in Räume gegangen, in die dich viele mit deiner Vorgeschichte nie gezwungen hätten. Und jetzt sagst du: ‚Es geht nicht mehr.‘ Ich wäre bescheuert, wenn ich das ignoriere.“ Er legte eine Handfläche kurz gegen die Wand, als müsste er seine Worte irgendwo „abstützen“. „Ein freigenommener Tag in der Autismustherapie ist kein Luxus,“ sagte er. „Das ist Erste Hilfe. Für deinen Kopf. Für dein Nervensystem.“ Plan schmieden – nicht nur reagieren „Hast du die Nummer von deiner Autismustherapie dabei?“ fragte er dann. „Oder kontaktierst du sie sonst per Mail?“ „Ich hab die Nummer,“ sagte Lukas. „Und wir haben für nächste Woche sowieso einen Termin. Aber… ich weiß nicht, ob sie morgen Zeit haben.“ „Das finden wir nur raus, wenn du fragst,“ meinte Erling. „Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Dass sie sagen: ‚Morgen geht nicht, aber wir schieben einen Extra-Termin auf die Woche.‘ Dann haben wir zumindest versucht, etwas zu bewegen.“ Lukas nickte langsam. Er spürte, wie seine Hände wieder anfingen zu zittern – diesmal nicht nur vor Stress, sondern auch vor dem Gedanken, um Hilfe zu bitten. „Ich kann… nicht so gut telefonieren,“ murmelte er. „Du weißt ja.“ „Willst du, dass ich mit im Flur stehe, während du telefonierst?“ fragte Erling. „Quasi als Backup, falls dein Kopf sich verknotet? Ich rede nicht für dich, es sei denn, du signalisierst es. Aber ich kann da sein.“ Lukas dachte kurz nach. „Ja,“ sagte er leise. „Aber… ich will den ersten Satz selbst sagen. Ich will nicht wie ein Kind wirken.“ Erling lächelte schief. „Du bist ein Erwachsener, der weiß, dass er Unterstützung braucht,“ sagte er. „Das ist das Gegenteil von ‚Kind‘.“ Anruf bei der Autismustherapie Sie suchten sich eine ruhige Ecke im Gebäude, in der Nähe eines Fensters, wo nicht ständig Leute vorbei liefen. Lukas setzte sich auf eine schmale Bank, Erling blieb neben ihm stehen, lehnte sich mit der Schulter an die Wand. Lukas holte sein Handy raus, wischte zum Kontakte-Menü. Da stand der Name der Praxis: „Autismus-Therapiezentrum [Name]“. Er starrte kurz auf den Bildschirm – seine Finger fühlten sich schwer an. „Ich bleibe hier,“ sagte Erling leise. „Wenn du abbrechen willst, kannst du einfach auflegen. Wenn du Hilfe brauchst, heb eine Hand, dann springe ich ein. Aber ich glaube, du schaffst das.“ Lukas nahm all seinen Mut zusammen und drückte auf „Anrufen“. Das Freizeichen klang in seinem Ohr viel zu laut. Einmal. Zweimal. „Praxis [Name], guten Tag,“ meldete sich eine vertraute Stimme – die Praxis-Mitarbeiterin, die er schon kannte.
„H… hallo,“ stotterte er leicht, zwang sich dann, weiterzureden. „Hier ist Lukas… äh… Lukas [Nachname]. Ich bin… bei Ihnen in Autismustherapie. Ich… äh… bräuchte dringend… also… ich wollte fragen, ob es morgen die Möglichkeit gäbe, einen zusätzlichen Termin zu kriegen.“ „Hallo Lukas,“ sagte die Stimme, und ihr Ton war ruhig. „Schön, dass du anrufst. Was ist los? Alles sehr viel im Moment?“ Lukas spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. „Ja,“ brachte er hervor. „Es ist… Hochschule. Es wird gerade… zu viel. Ich hatte gestern eine sehr belastende Situation, heute wieder. Und ich merke… mein Kopf… hält das nicht mehr gut aus. Ich wollte fragen, ob ich morgen statt Hochschule… zu Ihnen kommen kann. Also… einen Tag für Therapie. Ich… schaff’s gerade nicht mehr, einfach zu ‚funktionieren‘.“ Es war still am anderen Ende – aber nicht kalt. Eher so, als würde sie kurz nachdenken. „Danke, dass du so klar sagst, wie es dir geht,“ meinte sie dann. „Warte kurz, ich schaue in den Kalender…“ Man hörte leises Klicken, Blättern. „Okay,“ fuhr sie fort. „Morgen Vormittag hätte deine Therapeutin eigentlich zwei kürzere Slots mit anderen Patienten, aber ich frage sie gleich, ob wir das umplanen können. Ich sehe allerdings: Am Nachmittag ist noch ein Block frei, den wir bisher offen gelassen haben.“ „Ich… könnte den ganzen Tag kommen,“ sagte Lukas schnell. „Oder vormittags und nachmittags. Ich… brauche einfach einen sicheren Ort. Einen Tag, der nicht aus HörsaalStress besteht.“ Sie schwieg wieder kurz – man hörte leise, wie jemand im Hintergrund sprach, sie schien sich kurz abzusprechen. „Gut,“ sagte sie dann. „Wir machen Folgendes: Deine Therapeutin ist einverstanden. Wir teilen den Tag auf: Du kommst morgen vormittags um 9:30 Uhr für eine 90-Minuten-Sitzung. Dann machst du Pause, isst etwas, gehst vielleicht kurz raus. Und um 13:30 Uhr kommst du für einen zweiten Block – nicht ganz so lang, etwa eine Stunde. Dazwischen kannst du in unserem Wartebereich bleiben, wenn du magst. Ist das okay für dich?“ Lukas spürte, wie ihm plötzlich die Augen brannten. „Ja,“ sagte er, und seine Stimme war brüchig. „Ja, das ist… das ist sehr gut. Danke.“ „Bring am besten irgendwas mit, was dir Sicherheit gibt,“ fügte sie hinzu. „Kopfhörer, Notizbuch, dein ‚Mutbuch‘, wenn du magst. Und vielleicht notierst du dir heute schon ein paar Stichpunkte: Was war in der Hochschule genau los? Was hat dich am meisten getroffen? Dann können wir morgen strukturiert damit arbeiten.“ „Mach ich,“ murmelte Lukas. „Und Lukas?“ sagte sie noch, bevor er auflegen wollte. „Ja?“ „Es ist keine Schwäche, dass du diesen Tag brauchst,“ sagte sie. „Im Gegenteil. Es ist stark, dass du ihn dir nimmst, bevor du zusammenbrichst. Wir sehen uns morgen.“ „Danke,“ flüsterte er. „Bis morgen.“ Er legte auf. Nach dem Anruf – Zwischen Erleichterung und Angst Er ließ das Handy sinken, schloss kurz die Augen. Ein paar Tränen hatten sich gelöst, er wischte sie mit dem Ärmel weg, bevor sie richtig laufen konnten. „Na?“ fragte Erling leise. „Ich… hab morgen zwei Sitzungen,“ antwortete Lukas, immer noch etwas überwältigt. „Vormittags und nachmittags. Sie haben Termine umgeplant. Nur für mich. Ich… ich weiß gar nicht, ob ich sowas verdient habe.“ Erling schnaubte leise.
„Doch,“ sagte er. „Das ist exakt das, was du verdienst: Menschen, die sehen, dass du kurz vorm Limit bist – und nicht sagen: ‚Reiß dich zusammen‘, sondern: ‚Komm her, wir arbeiten dran.‘“ Er grinste dann schief. „Und ich?“ fragte er. „Darf ich dich morgen zur Therapie fahren und abholen? Ich sitze brav im Auto, nehme dein Handy nicht weg und nerv dich nur so viel, wie du brauchst.“ Lukas musste lachen – ein echtes, kleines Lachen. „Ja,“ sagte er. „Gern. Dann bin ich nicht versucht, unterwegs noch plötzlich zur Hochschule abzubiegen.“ „Deal,“ meinte Erling. „Morgen ist offiziell ‚Therapietag‘. Hochschule kann warten. Dein Nervensystem nicht.“ Ehrlich sagen, wie es ist Sie gingen langsam Richtung Ausgang der Hochschule. Die Gänge wirkten anders als noch am Morgen – weniger wie ein Feld, das ihn verschlingt, mehr wie ein Ort, aus dem er jetzt erstmal bewusst rausgeht. Auf dem Weg zur Straßenbahn sagte Lukas plötzlich: „Kann ich dir etwas sagen, ohne dass du mich für komplett dramatisch hältst?“ „Ich halte dich sowieso schon für dramatisch,“ meinte Erling trocken. „Aber auf eine gute Art. Also, schieß los.“ Lukas zog den Rucksack ein bisschen höher. „Ich… hab heute zum ersten Mal gemerkt, dass ich nicht mehr nur wegen der Hochschule Angst habe,“ sagte er. „Da ist noch was… drum herum. Familienkram. Drohungen. Dieses Gefühl, dass irgendwas Größeres kommt, was ich noch nicht sehen kann.“ Erling wurde ernst. „Der Cousin?“ fragte er. Lukas nickte. „Seit dieser Nachricht hab ich ständig das Gefühl, beobachtet zu werden,“ murmelte er. „Ich weiß nicht, ob es echt ist oder nur mein Kopf, aber… ich hab Angst, dass er irgendwas Plant. Und wenn ich in der Hochschule sowieso schon am Limit bin, hab ich das Gefühl, dass ich leicht zum Ziel werde.“ Erling schwieg einen Moment, dann sagte er ruhig: „Gut, dass du mir das sagst. Das gehört morgen auch auf deine Liste für die Therapie. Und wir zwei… behalten es im Auge. Nicht paranoid, aber wachsam.“ „Ich will nicht, dass er noch mehr von mir kaputt macht,“ sagte Lukas leise. „Er hat schon genug in mir zerstört. Ich will nicht, dass er auch noch diesen kleinen Rest von ‚Ich versuche es nochmal‘ wegfrisst.“ Erling sah ihn an, mit diesem Blick, der gleichzeitig weich und sehr klar war. „Dann machen wir morgen genau das Gegenteil,“ sagte er. „Wir füttern diesen kleinen Rest. In der Therapie. Und danach. Damit du nicht mehr nur reagierst, sondern wieder anfängst, selbst Entscheidungen zu treffen.“ Heimweg – und ein neuer Rahmen Auf der Heimfahrt in der Straßenbahn war Lukas’ Körper immer noch müde, aber in seinem Kopf war etwas anders: Der kommende Tag war kein Abgrund mehr, sondern ein markierter Punkt: 26.11.2025 – Therapietag. Nicht ‚Vermeidungsflucht‘, sondern bewusste Pause. Er schrieb es sich noch in die Notizen-App: „Morgen: Autismus-Therapie. – Hochschule aussetzen
– Dinge sortieren: • MSP • Katheter-Spruch • Angst vorm Cousin • Gefühl, beobachtet zu werden • Plan: Was will ich wirklich im Studium?“ Als sie an seiner Haltestelle ausstiegen, fragte Erling: „Sagst du deinen Eltern heute, dass du morgen nicht hingehst?“ Lukas nickte. „Ja,“ sagte er. „Ich will nicht heimlich fehlen. Ich will sagen: ‚Ich gehe morgen in die Therapie, weil ich sonst zusammenklappe.‘ Auch wenn mein Vater wieder sagt, ich soll mich ‚nicht so anstellen‘.“ „Wenn er das sagt,“ meinte Erling ruhig, „kannst du ihm sagen: ‚Ich stelle mich nicht an, ich stelle mich auf. Sonst falle ich um.‘ Und wenn du es ihm nicht ins Gesicht sagen willst – schreib es dir auf. Wir finden einen Weg.“ Lukas lächelte schwach. „Du bist echt gut in Sätzen, die ich mich nicht traue,“ murmelte er. „Dafür bin ich da,“ sagte Erling. „Du hast deine eigenen. Die kommen nach und nach.“ In dieser Nacht würde Lukas zu Hause sitzen, sein Notizbuch aufklappen und in krakeliger Schrift festhalten, was ihm in der Hochschule gerade das Genick zu brechen drohte. Er würde sich auf den nächsten Tag vorbereiten, nicht wie auf eine Prüfung, sondern wie auf eine Reha für seine Seele. Die Vorweihnachtszeit rollte weiter auf sie zu – mit ihrem Licht und ihren Schatten, mit Weihnachtsmärkten, Lichterketten und dunklen Plänen im Hintergrund. Aber bevor das Ultimatum zuschlagen würde, tat Lukas etwas, das er sich früher kaum erlaubt hätte: Er stellte sich selbst in den Mittelpunkt eines Tages. Nicht als „Problemfall“. Sondern als Mensch, der Unterstützung verdient. Und genau das würde im weiteren Verlauf – wenn Blut, Schmerz und Entscheidungen auf ihn zukamen – darüber entscheiden, ob er daran zerbrach oder trotz allem weiteratmen konnte. Der Abend legte sich schwer über die Stadt, als hätte jemand eine graue Decke über Mainz gezogen. Für die meisten war der Tag vorbei: Lichter in den Wohnungen, Stimmen in den Küchen, Fernseher, die liefen. Für Lukas war er noch nicht zu Ende. Auf seinem Stundenplan stand noch eine letzte Sache: Mathe-Vorlesung. „Nur noch diese eine…“ – der Kampf im Flur Er stand im Flur der Wohnung, Rucksack schon wieder auf der Schulter. Seine Mutter lehnte im Türrahmen zur Küche, ein Handtuch über der Schulter. „Bist du sicher, dass du heute Abend noch in die Mathe-Vorlesung musst?“ fragte sie vorsichtig. „Du hattest doch heute schon genug…“ Lukas zog die Schnürsenkel seiner Schuhe fester. „Ich weiß,“ murmelte er. „Aber… ich will mich nicht jetzt schon komplett zurückziehen. Wenn ich heute Abend nicht hingehe, sagt mein Kopf wieder: ‚Siehst du, du bist zu schwach.‘ Ich möchte wenigstens versuchen, hinzugehen. Wenn es gar nicht geht, kann ich immer noch gehen.“ Sie sah ihn lange an.
„Denk dran, dass du morgen den Therapietag hast,“ sagte sie sanft. „Du musst heute nichts mehr beweisen.“ „Vielleicht… muss ich es eher mir beweisen als irgendwem sonst,“ antwortete er leise. „Wenn ich heute Abend hingehe, weiß ich morgen in der Therapie, dass ich wirklich an der Grenze war. Nicht nur eingebildet.“ Sie seufzte, nickte dann aber. „Okay,“ sagte sie. „Aber bitte – wenn es schlimm wird, geh. Nicht wieder aushalten, bis du innerlich explodierst.“ Lukas nickte. „Versprochen,“ sagte er. Auch wenn er wusste, dass „versprochen“ in seinem Kopf manchmal anders funktionierte als in der Realität. Im Treppenhaus wartete schon Erling. Kapuze über dem Kopf, Hände in den Taschen, das vertraute „Ich bin da“-Gesicht. „Letzte Runde für heute?“ fragte er. „Letzte Runde,“ bestätigte Lukas. „Mathe. Danach… Ende.“ Auf dem Weg – das Ziehen im Bauch Die Straßenbahn zur Hochschule war am Abend leerer als morgens. Die meisten Studierenden waren schon durch für den Tag, jetzt waren es eher die, die noch späte Veranstaltungen hatten oder irgendwo arbeiteten. Lukas starrte auf seine Schuhe. „Mein Bauch sagt, ich soll zuhause bleiben,“ murmelte er. „Mein Kopf sagt: geh hin, sonst verlierst du noch mehr Struktur.“ „Und was sagt dein dritter Teil?“ fragte Erling. „Welcher dritte Teil?“ Lukas blinzelte. „Der, der merkt, wenn irgendwas… komisch ist,“ sagte Erling. „Nicht Angst-komisch, sondern ‚etwas stimmt hier nicht‘-komisch.“ Lukas überlegte. „Der sagt… ich hab ein schlechtes Gefühl,“ gab er zu. „Aber ich dachte, das sagt er einfach immer, wenn Hochschule im Spiel ist.“ „Beobachten wir ihn heute mal genauer,“ meinte Erling. „Wenn der ‚dritte Teil‘ schreit, hören wir hin, ja?“ Lukas nickte, auch wenn er nicht sicher war, ob er es schaffen würde. Vor der Mathe-Vorlesung – kleine Anzeichen Die Mathe-Vorlesung war in einem anderen Gebäude als MSP und „Introduction of Business“. Ein grauer, etwas älterer Bau, mit langen Fluren und diesen klassischen Tafeln mit Kreideresten, die nie ganz verschwanden. Als sie die Tür zum Vorlesungsraum erreichten, blieb Lukas kurz stehen. „Siehst du das?“ fragte er leise. Der Flur vor dem Raum war… ungewöhnlich. Auf dem Boden direkt vor der Tür lag eine breite Bahn aus braunem Papier, wie man es zum Abdecken beim Streichen nahm. Jemand hatte mit Klebeband die Ränder festgemacht. „Baustelle?“ murmelte Lukas. „Oder haben sie was ausgelaufen lassen?“ Erling sah sich um. „Kein Schild, kein Hausmeister,“ bemerkte er. „Vielleicht wollten sie nur den Boden schonen, wenn jemand was verschüttet. Könnte auch einfach Zufall sein.“ Lukas schob den Gedanken beiseite. Sein Kopf war voll genug. Sie traten ein. Der Raum – und ein seltsames Bild
Der Mathe-Raum war kleiner, steiler, mit typischen Holzbänken und schmalen Tischen davor. Oben eine große Tafel, daneben ein Beamer. Etwas stimmte nicht. Lukas brauchte einen Moment, um zu merken, was es war: Fast niemand hatte eine Tasche, einen Rucksack oder eine Mappe dabei. Die meisten saßen einfach nur da, manche mit den Händen in den Taschen, manche mit verschränkten Armen. Nur vereinzelte Leute hatten ihre Sachen unter den Sitzen – aber es waren erstaunlich wenige. „Warum hat keiner seine Sachen?“ flüsterte Lukas. Erling sah sich um. „Vielleicht schreiben sie heute nichts mit,“ sagte er, aber man hörte, dass er es selbst seltsam fand. Lukas setzte sich wie immer an den Rand, mittlere Reihe. Erling blieb diesmal nicht im Raum – sie hatten es so abgesprochen, weil der Mathe-Dozent eher streng war und Lukas nicht noch mehr auffallen wollte. Erling setzte sich draußen auf eine Bank vor der Tür, Handy in der Hand, aber innerlich auf Alarm. „Wenn irgendwas komisch wird, schreib mir nur ‚Komm‘,“ hatte er vorher gesagt. „Oder schick mir ein leeres Emoji. Ich komm dann sofort rein.“ Lukas hatte genickt. Er legte das Handy auf Vibration neben sich, nicht in die Tasche. Im Raum war eine seltsame Stimmung. Ein leises Erwartungsflimmern, wie vor einem schlechten Witz, den einige schon kennen. Ein paar tuschelten, Blicke zu ihm, dann wieder nach vorne. Der Dozent kam herein. Der Mathe-Dozent – und ein „Witz“ mit Vorgeschichte Der Mathe-Dozent war um die fünfzig, dünn, mit Brille und grauen Schläfen. Früher war er Lukas eher neutral vorgekommen – streng, aber nicht unfair. Jemand, der Formeln liebte und Menschen eher als störende Störquelle wahrnahm. Heute war irgendetwas anders. Ein seltsamer Zug um den Mund, ein fast ironischer Ton in der Begrüßung. „Guten Abend,“ sagte er. „Die, die noch leben, haben es also zur Mathe geschafft.“ Vereinzeltes Lachen. Er legte seine Unterlagen hin, sah kurz durch den Raum – und sein Blick blieb einen Hauch zu lange an Lukas hängen. „Schön, dass Sie auch da sind,“ sagte er in seine Richtung, mit einem Ton, der irgendwie doppeldeutig war. „Schade, dass es keinen… sagen wir mal besonderen Beutel mehr gibt.“ Ein paar in den hinteren Reihen kicherten sofort. Jemand flüsterte: „Ohhh, er meint ihn…“ Lukas’ Magen zog sich sofort zusammen. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand einen Schlag in die Magengrube verpasst. Nein, dachte er. Nicht er. Nicht auch noch er. „Seit mehreren Wochen leider nichts mehr geplatzt,“ setzte der Dozent nach, halb lächelnd. „Die Vorlesungen sind seitdem… olfaktorisch deutlich langweiliger.“ Diesmal war das Lachen lauter. Einige lachten richtig. Einer rief halblaut: „Können wir das nicht ändern?“ Lukas starrte auf seinen Tisch. Seine Finger krallten sich in das Holz. „Das ist nicht witzig,“ dachte er. „Das kann nicht sein. Er kann doch nicht…“ Er kämpfte mit sich. Etwas in ihm wollte aufstehen, etwas sagen. Etwas anderes fror ihn ein.
Die „Aktion“ beginnt „Gut,“ sagte der Dozent und klatschte einmal in die Hände. „Bevor wir mit der Analysis weitermachen, machen wir heute eine kleine… ‚praktische Demonstration‘.“ Ein paar in den Reihen richteten sich gespannt auf. „Wie besprochen,“ fuhr er fort, „bitte ich jetzt alle, die heute… Material aus dem Krankenhaus besorgt haben, dies hereinholen zu lassen. Sie wissen, was gemeint ist.“ Lukas’ Herz setzte gefühlt aus. Einige Studierende standen auf. Nicht alle – aber viele. Sie gingen nach vorne zur Tür, öffneten sie, riefen kurz in den Flur. Lukas hörte Stimmen draußen, das Klappern von irgendetwas Plastischem. Dann kamen sie wieder rein. Jeder trug etwas in den Händen. Es dauerte nur einen Schlag, bis Lukas erkannte, was es war: Durchsichtige Krankenhaus-Urinbeutel. Gefüllt. Gelblich. Das Licht spiegelte sich in den Flüssigkeiten. Der Geruch war zuerst nur ein Hauch – eine Mischung aus Desinfektionsmittel und etwas anderem, Bekannterem. Lukas’ Magen verkrampfte sich so heftig, dass ihm kurz schwarz vor Augen wurde. „Das ist nicht echt,“ dachte er reflexhaft. „Das muss ein Fake sein. Wasser mit Farbe. Irgendsowas.“ Aber der Geruch war zu spezifisch. Zu vertraut. Zu nahe an seinem Albtraum. Der Dozent trat vor, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Sehr gut,“ sagte er. „Ich sehe, die Zusammenarbeit mit der Klinik hat… Früchte getragen.“ Er lachte kurz über seinen eigenen Witz. Der „größte Beutel“ – und der Schlag „Also,“ fuhr er fort, „ich habe darum gebeten, dass wir heute eindrücklich erleben, was es bedeutet, wenn Flüssigkeiten unkontrolliert in einem Raum verteilt werden. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – ein Geruch vielleicht noch mehr.“ Er deutete auf die Gruppe. „Wer hat den größten Beutel?“ fragte er. Ein Student in der vorderen Reihe hob triumphierend einen besonders prall gefüllten Beutel hoch. Man sah, wie die Flüssigkeit sich darin bewegte. „Wunderbar,“ sagte der Dozent. „Kommen Sie nach vorne.“ Der Student trat nach vorne. Der Dozent nahm ihm den Beutel ab, hielt ihn hoch, sodass alle ihn sehen konnten. „Sie kennen ja die Legende vom ‚geplatzten Beutel in der Vorlesung‘,“ sagte er mit einem Seitenblick Richtung Lukas. „Heute… machen wir einen kleinen Realitätsabgleich.“ Die Blicke folgten seinem – viele starrten jetzt offen zu Lukas. Einige grinsen, andere sahen irritiert, ein paar sogar unwohl. Lukas spürte diese Blicke wie Nadeln auf seiner Haut. „Bitte nicht,“ flüsterte etwas in ihm. „Bitte nicht.“ Der Dozent trat einen Schritt zur Seite. Auf dem Boden vorne bemerkte Lukas zum ersten Mal die breite Bahn aus braunem Papier, die auch hier ausgelegt war – nicht nur draußen im Flur. Die Bänke waren ein Stück weiter weg vom vorderen Bereich als sonst. Niemand hatte seine Tasche vor sich stehen. Manche hatten die Füße schon auf die Sitzflächen gezogen.
„Moment mal,“ dachte Lukas. „Die wussten…“ Doch da war es schon zu spät. Der Dozent holte aus – und schleuderte den Beutel mit voller Kraft auf den Boden aus Papier. Das Bersten – und der Sturm Das Geräusch war widerlich deutlich: ein dumpfes Platsch–Zerreiß–Geräusch, gefolgt von einem schmatzenden Aufklatschen. Der Beutel platzte sofort. Die Flüssigkeit schoss nach vorne, spritzte zur Seite, lief in einem Schwall über das Papier, überschritt teilweise sogar dessen Ränder. Der Geruch kam wie eine Welle. Uringeruch. Konzentriert. Alt. Es war nicht nur „ein bisschen“. Es war viel. Zu viel. Man sah, wie der Flüssigkeitsspiegel sich auf dem Papier ausbreitete – einige Zentimeter hoch, zu einem flachen, ekligen See. Einige Studierende jubelten halb hysterisch, als wären sie auf einem schlechten Festival. „Boah, Alter!“ „Scheiße!“ „Krass!“ Andere hielten sich die Hände vor die Nase, sagten „Iiih“ – und lachten dabei trotzdem. Der Dozent trat einen Schritt zurück, um seine Schuhe zu retten, und zog theatralisch die Luft durch die Nase. „Aaaaah,“ sagte er, leicht übertrieben. „Da ist er wieder. Der alte Lieblings-Urin-Geruch. Fast… nostalgisch, oder?“ Wieder lautes Lachen. Jemand drehte sich zu Lukas um und rief: „Willkommen zurück in deinem gewohnten Umfeld, Beutel-Junge!“ Ein anderer setzte hinterher: „Na, fühlst du dich wieder zuhause?“ „Dein Element, oder?“ rief jemand. Lukas’ Wahrnehmung bricht In Lukas’ Kopf war nichts mehr normal. Geruch, Geräusch, Worte, Lachen – alles vermischte sich zu einem einzigen, schrillen Pfeifen. Er spürte, wie sein Herz raste, wie seine Hände zitterten. Seine Atmung wurde flach, sein Brustkorb eng. Er sah nicht mehr den Raum als Ganzes. Nur noch Bruchstücke: – den glitzernden, ekeligen See auf dem Boden, der langsam noch weiter floss – Schuhe, die vorsichtig am Rand blieben – Gesichter, die lachten, zeigten, tuschelten – den Dozenten, der so tat, als wäre das alles ein „Experiment“ In ihm riss etwas auf. Die Erinnerung an den ersten geplatzten Beutel. Die Scham. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Allein.
Sie machen es extra. Sie haben es geplant. Sie wollten, dass ich das sehen muss. Ein schwerer, klebriger Gedanke: „Ich bin hier kein Mensch. Ich bin nur noch eine Pointe.“ Ihm wurde übel. Der Drang, sich zu übergeben, kam so plötzlich, dass er kurz den Mund zusammenpresste und sich an der Tischkante festhielt. In diesem Moment realisierte er etwas: Der Boden im ganzen vorderen Bereich war mit Papier ausgelegt. Gezielt. Vorher. Jeder außer ihm war vorbereitet gewesen. „Es war von Anfang an geplant,“ dachte er. „Vielleicht nicht vom ganzen Kurs. Aber von genug Leuten. Vom Dozenten. Mit echten Krankenhausbeuteln. Mit echtem Urin.“ Etwas in ihm schrie: „RAUS!“ Ein Schritt, der alles ändert Lukas stand abrupt auf. Der Stuhl kratzte laut über den Boden. Ein paar Köpfe drehten sich zu ihm. „Oh, jetzt rennt er wieder,“ rief jemand halblaut. „Nicht dass noch was… ausläuft.“ Gelächter. Der Dozent setzte gerade an, etwas zu sagen. Vielleicht einen weiteren Witz. Vielleicht einen halbherzigen Versuch, die Situation unter „Didaktik“ zu verbuchen. Lukas hörte es nicht mehr. Er griff nach seinem Handy, nach seinem Rucksack, ohne darauf zu achten, ob der Reißverschluss zu war, und stolperte Richtung Ausgang. Sein Körper war schneller als sein Kopf. Die Luft im Flur war kalt und wirkte fast sauber im Vergleich zu dem, was eben passiert war. Erling sprang sofort auf. „Lukas?“ fragte er, erschrocken. Er sah sein Gesicht – weiß, die Augen weit aufgerissen, der Atem viel zu schnell. „Raus,“ keuchte Lukas. „Einfach raus. Bitte.“ Erling stellte keine Fragen. Er legte ihm eine Hand zwischen die Schulterblätter, nicht drückend, nur stabilisierend, und führte ihn den Flur entlang, weg von der Tür, weg von dem Geruch, der schon in den Gang kroch. Draußen – Luft, die brennt Sie liefen die Treppe runter, durch die erste Tür, dann die zweite, bis sie draußen vor dem Gebäude standen. Die kalte Abendluft traf Lukas ins Gesicht wie Wasser. Er blieb stehen, beugte sich nach vorne, stützte die Hände auf die Knie. Sein Körper schüttelte sich, die Atmung ging stoßweise. „Es war…“ keuchte er. „Es war… echt. Echte Beutel. Krankenhaus. Der Dozent… hat den größten… genommen. Hat ihn… mit Absicht… platzen lassen.“ Erling erstarrte. „Bitte sag mir, das war nur… Symbolik,“ sagte er, obwohl er schon wusste, dass es nicht so war. „Bitte sag mir, da war Wasser drin.“ Lukas schüttelte heftig den Kopf.
„Es war… Urin,“ sagte er. „Der Geruch… der See auf dem Boden… mehrere Zentimeter… alle wussten es. Alle hatten keine Taschen dabei. Der Boden war abgedeckt. Es war geplant. Für mich. Sie haben gesagt: ‚Willkommen zurück im gewohnten Umfeld.‘“ Erling sagte eine Sekunde lang gar nichts. Sein Gesicht wurde hart – härter, als Lukas es je gesehen hatte. „Setz dich,“ sagte er dann ruhig, aber mit einer Kante in der Stimme. „Jetzt. Atmen. Eins nach dem anderen. Ich hole dir was zu trinken.“ Lukas ließ sich auf die nächstbeste Bank fallen. Sein Kopf dröhnte, seine Hände waren eiskalt. Alles fühlte sich gleichzeitig unwirklich und zu real an. Keine „Übertreibung“ mehr Als Erling zurückkam – mit einer Wasserflasche aus einem Automaten –, setzte er sich neben ihn. „Lukas,“ sagte er, langsam und deutlich, „was heute passiert ist, ist nicht nur unmenschlich. Es ist… strafbar. Das ist keine ‚Pointe‘ mehr. Das ist Demütigung mit Ansage. Und der Dozent war nicht nur Zuschauer.“ Lukas starrte auf seine Hände. „Ich weiß nicht mal, ob ich… weinen oder kotzen soll,“ flüsterte er. „Beides wäre okay,“ sagte Erling. „Und weißt du was? Spätestens jetzt ist klar: Du bildest dir nichts ein. Es ist wirklich krank, was manche hier mit dir abziehen.“ Er ließ eine Pause, dann: „Morgen in der Therapie wird das Thema Nummer eins,“ sagte er. „Und ich verspreche dir: Dieses Ding heute bleibt nicht ohne Folgen. Auch wenn es Zeit braucht. Auch wenn du gerade keine Kraft hast, zu kämpfen – du bist nicht mehr allein damit.“ Lukas schluckte schwer. „Ich hab immer gedacht, ich wäre überempfindlich,“ murmelte er. „Dass ich ‚übertreibe‘. Aber… wenn ein Dozent echte Urin-Beutel mitbringen lässt und sie vor der ganzen Gruppe platzen lässt… dann…“ „Dann ist die Frage nicht mehr, ob du zu empfindlich bist,“ fiel Erling ihm leise ins Wort. „Sondern, wie abgestumpft die sein müssen.“ Er legte Lukas kurz die Hand auf den Rücken, ruhig, stabil. „Morgen gehst du in die Autismustherapie,“ sagte er. „Und heute… gehen wir nach Hause. Du musst nichts mehr erklären. Nicht vor ihnen. Nicht heute.“ Lukas nickte langsam. Seine Beine fühlten sich an wie Gummi, aber er stand auf. „Ich will nie wieder dahin zurück,“ flüsterte er, als sie sich Richtung Haltestelle bewegten. „Das musst du auch nicht heute entscheiden,“ sagte Erling. „Heute entscheidest du nur eins: dass du rausgegangen bist, bevor sie dich komplett zerbrochen haben. Das war deine Entscheidung. Nicht ihre.“ Während sie wegfuhren, blieb oben im Mathe-Raum der eklige See langsam zurück, das Papier durchtränkt, der Geruch in den Wänden. Für die meisten dort würde es irgendwann „nur“ eine absurde Story sein, die sie weiter erzählen würden: „Weißt du noch, die Mathe-Vorlesung mit den Urinbeuteln? Krass, oder?“ Für Lukas war es etwas anderes: Es war der Moment, an dem endgültig klar wurde, dass die Hochschule für ihn nicht einfach „nur anstrengend“ war, sondern zu einem Ort geworden war, an dem Menschen bereit waren, seine tiefsten Demütigungen als Showeinlage zu benutzen. Und genau dieser Moment würde am nächsten Tag in der Autismustherapie der Punkt sein, an dem nicht mehr nur von „Überforderung“ die Rede war.
Sondern von Grenzen, die überschritten worden waren. Und von der Frage, wie man aus einer Hölle, die andere „normal“ nennen, lebend wieder herausfindet. Der Weg zur Haltestelle war diesmal kein normales Nach-Hause-Gehen. Er war ein Rückzug. Draußen vor der Hochschule – der erste Versuch, wieder Luft zu kriegen Lukas und Erling gingen schweigend nebeneinander her. Die Lampen auf dem Campus warfen gelbliche Kreise auf den Boden, der Wind zog kalt durch die Jacken. Hinter ihnen lag das Gebäude, in dem der Urinsee noch auf dem Papier stand und der Geruch sich in die Wände fraß. „Ich hab das Gefühl,“ murmelte Lukas, „als würde der Geruch noch in meinen Klamotten kleben, obwohl ich gar nicht drin gestanden habe.“ „Das macht dein Kopf mit dir,“ sagte Erling leise. „Der hat heute ein richtiges TraumaUpgrade bekommen. Der Körper speichert sowas. Geruch, Geräusch, alles.“ „Es war wie… als ob sie meine schlimmste Erinnerung nehmen und sie als Event nachspielen,“ brachte Lukas hervor. „Nur ohne mich zu fragen, ob ich das überlebe.“ „Das war genau das,“ antwortete Erling ruhig. „Ein Re-Inszenieren deiner Demütigung. Nur diesmal organisiert. Mit Dozent.“ Lukas schluckte. „Ich fühl mich eklig,“ flüsterte er. „Von innen.“ „Das ist normal nach sowas,“ sagte Erling. „Aber: Du bist rausgegangen. Du bist nicht sitzen geblieben, bis sie fertig waren. Du bist gegangen. Du hast nicht wieder ’durchgehalten bis zum Zusammenbruch‘. Das ist wichtig.“ Lukas sagte nichts, aber ein winziges Stück in ihm nahm diesen Satz auf und legte ihn beiseite: Ich bin rausgegangen. Ich war nicht nur Opfer, ich hab auch selbst entschieden. Straßenbahn – zwischen Zittern und Plänen In der Bahn setzten sie sich auf eine Zweierbank. Lukas ließ den Rucksack auf dem Schoß, die Hände wie ein Schutzschild darüber. Sein Kopf versuchte, die Bilder zu sortieren: • der Beutel, der knallt • der Geruch, der den Raum füllt • das Lachen • „Willkommen zurück im gewohnten Umfeld“ • das Gefühl, dass alles nur für ihn vorbereitet war „Ich hab morgen Therapie,“ sagte er nach einer Weile, mehr zu sich selbst als zu Erling. „Und ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ „Dann fängst du da an, wo es am meisten brennt,“ meinte Erling. „Und der Rest kommt nach. Du musst morgen nicht alles schaffen. Du musst nur aufhören, allein zu tragen.“ Lukas nickte langsam. „Ich glaub,“ murmelte er, „der Tag morgen wird härter für den Kopf als jeder Klausurtag.“ „Ja,“ sagte Erling ehrlich. „Aber er wird dich nicht fertig machen – er wird dir helfen, nicht komplett fertig gemacht zu werden. Das ist ein Unterschied.“ Die Bahn rumpelte durch die Stadt. Menschen stiegen ein und aus, mit Einkaufstüten, Kopfhörern, vollen Köpfen mit ganz anderen Problemen. Für Lukas gab es gerade nur zwei Punkte auf der Karte: Hier – die Bahn. Dort – sein Zuhause. Dazwischen: nichts.
Ankunft zuhause – das Gespräch in der Küche Zu Hause im Treppenhaus roch es wieder nach Putzmittel und ein bisschen nach jemandes Abendessen. Es war fast beruhigend normal. Vor der Wohnungstür blieb Lukas kurz stehen. „Ich… weiß nicht, wie ich das Mama erklären soll,“ murmelte er. „Es klingt so… unglaubwürdig. Als hätte ich es übertrieben erzählt.“ „Dann sag es so, wie du es erlebt hast,“ sagte Erling ruhig. „Und wenn sie fragt: War das wirklich so? – dann sagst du: Ja. Und wenn sie es schwarz auf weiß braucht, schreiben wir es später auf. Aber heute musst du kein Protokoll liefern. Nur die Wahrheit.“ Lukas schloss auf. Im Flur war es warm. Aus dem Wohnzimmer drang gedämpft der Fernseher, in der Küche klapperten Teller. „Wir sind wieder da,“ rief Erling vorsichtig. Die Mutter kam aus der Küche, wischte sich die Hände am Geschirrtuch ab. Als sie Lukas sah, erstarrte sie einen Moment. Er sah aus wie jemand, der zweimal überfahren worden war – blass, die Augen zu weit auf, Schultern angespannt. „Oh Gott, Lukas,“ sagte sie leise. „Was ist passiert?“ Er versuchte, normal zu antworten. Es ging nicht. „Mathe,“ brachte er nur heraus. „Dozent. Urinbeutel.“ Sie runzelte die Stirn. „Setzt euch,“ sagte sie sofort. „Küche. Alles andere kann warten.“ In der Küche – Worte finden für etwas Unfassbares Lukas setzte sich an den Küchentisch. Erling blieb neben ihm stehen, stützte sich mit den Händen auf die Lehne von Lukas’ Stuhl, als würde er ihm von hinten etwas Halt geben. „Langsam,“ sagte die Mutter. „Von vorne. Du warst in Mathe. War da die gleiche Scheiße wie heute Morgen?“ Lukas atmete zitternd ein. „Er hat… Witze gemacht,“ begann er. „Vor allem am Anfang. Dass es ja ‚schade‘ sei, dass ich keinen Beutel mehr habe. Seit Wochen platze nichts mehr, es sei olfaktorisch langweilig geworden.“ Die Mutter schloss kurz die Augen, atmete durch. „Und dann?“ fragte sie, sichtlich bemüht, ruhig zu bleiben. „Dann… hat er gesagt, wir machen heute eine ‚Demonstration‘,“ erzählte Lukas. „Er meinte, die, die Material aus dem Krankenhaus organisiert haben, sollen es holen. Und dann sind Leute raus. Und wieder rein. Mit echten… Urinbeuteln. Voll. Viele. Und auf dem Boden vorne war Papier. Und keiner hatte seine Tasche dabei… alle wussten es.“ Seine Stimme begann zu zittern. „Er hat den größten Beutel genommen,“ fuhr er fort. „Hochgehalten. Und ihn absichtlich auf den Boden geschleudert. So, dass er platzt. Es war… überall. Der Geruch. Das Geräusch. Der… See…“ Er brach ab, schluckte. „Und sie haben gelacht,“ flüsterte er. „Sie haben mich angesehen und gesagt: ‚Willkommen zurück im gewohnten Umfeld.‘“ Seine Mutter hielt das Geschirrtuch so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden. „Das ist…“ Sie rang sichtlich nach Worten. „Das ist nicht nur Mobbing. Das ist… krank. Erniedrigung. Vorbereitet. Mit Absicht.“ Erling nickte. „Es war geplant,“ sagte er ruhig. „Der Boden war mit Papier ausgelegt. Kaum jemand hatte Sachen dabei. Der Dozent war aktiv beteiligt, nicht nur Zuschauer. Das ist keine spontane Entgleisung, das ist ein Szenario.“
Die Mutter setzte sich langsam hin, als hätte ihr jemand die Knie weggeschossen. „Ich… habe mir viel vorstellen können,“ sagte sie langsam. „Dozenten, die blöd reden. Studenten, die sich aufführen. Aber dass ein Lehrer echte Urinbeutel platzen lässt, um mein Kind öffentlich zu demütigen…“ Sie schüttelte den Kopf. „Lukas,“ sagte sie dann, und ihre Stimme wurde wieder sehr ruhig, „du gehst da nicht allein durch. Wir machen das nicht wie früher, wo du alles in dich reingefressen hast, weil du dachtest, du übertreibst.“ „Morgen hab ich Therapie,“ sagte Lukas leise. „Zwei Termine. Ich… glaub, ich muss das erstmal da sortieren. Sonst… sonst geh ich auseinander.“ „Genau,“ antwortete sie. „Morgen ist Therapie. Und danach… werden wir mit jemandem reden, der mehr tun kann als nur verständnisvoll gucken. Hochschulleitung, Beratungsstelle, Anwalt… irgendwer. Aber du musst das nicht heute entscheiden.“ Sie griff nach seiner Hand. „Heute entscheidest du nur eins,“ sagte sie sanft. „Dass du die Nacht überlebst, ohne dass dein Kopf dich auffrisst.“ Vorbereitung für den Therapietag – bewusst, nicht zufällig Später, als das erste Beben im Körper etwas nachließ, zog Lukas sich in sein Zimmer zurück. Erling klopfte an die Tür. „Ich bleibe heute hier, okay?“ sagte er durch den Türspalt. „Gästezimmer ist noch frei, hat deine Mama gesagt. Wenn dein Kopf nachts wieder loslegt, musst du nicht alleine wachliegen.“ „Danke,“ murmelte Lukas. „Das… beruhigt mich.“ Sie verabredeten noch grob die Uhrzeit für morgen: „Ich hol dich morgen gegen 8:30 ab,“ sagte Erling. „Dann fahren wir zusammen zur Therapie. Ohne Umwege.“ „Keine Hochschule,“ wiederholte Lukas. „Keine Hochschule,“ bestätigte Erling. „Nur Therapie. Danach schauen wir weiter.“ Liste schreiben – damit der Kopf nicht explodiert Als er allein war, setzte Lukas sich an seinen Schreibtisch. Er legte sein Notizbuch – sein „Mutbuch“ – vor sich hin. Er spürte, dass seine Gedanken wie ein zu voller Browser mit 50 offenen Tabs waren. Wenn er sie nicht irgendwo ablegte, würde er nicht schlafen können. Oben auf die Seite schrieb er: 26.11.2025 – Vorbereitung für die Autismustherapie Darunter zog er eine Linie. Dann schrieb er in Stichpunkten: 1. Hochschule allgemein • ständige Angst vor Vorlesungen • Gefühl: ich bin nicht Student, sondern Zielscheibe • Gruppenarbeit = Panik wegen früherer Mobbing-Erfahrungen • Dozenten, die eher gegen mich als für mich wirken 2. MSP (24.11.) • Lehrerin fragt laut, warum ich keine Gruppe habe • ich sage: Autismus + schlechte Erfahrungen • sie: „Hochschule ist kein Therapiezentrum“ • „Sie müssen zum Psychologen“ vor allen • Gefühl: ich bin „kaputt“, nicht erwünscht • danach psychologische Beratung → erste Person, die nicht abwertet 3. Introduction of Business (25.11., morgens) • Student: „Reicht ein Katheter, um aufzufallen?“
Lachen im Raum Professor rügt Spruch → besser, aber Stich bleibt Kommilitonin kommt in Pause, sagt: „War scheiße, was er gesagt hat“ Gefühl: nicht alle sind gegen mich, aber genug 4. Mathe-Vorlesung (25.11., abends) • Dozent macht Witz: „Schade, dass du keinen Beutel mehr hast“ • Hinweis auf „olfaktorische Langweile“ • vorbereitete „Aktion“: o Boden mit Papier ausgelegt o fast niemand hat Taschen dabei o Studenten holen echte Urinbeutel aus Krankenhaus o Dozent lässt größten Beutel mit Absicht platzen o See aus Urin, mehrere cm hoch, Geruch extrem o Spruch: „Da ist wieder der Lieblings-Urin-Geruch“ o Sprüche der anderen: „Willkommen zurück im gewohnten Umfeld“ • ich halte es nicht aus, gehe raus • körperliche Reaktion: Übelkeit, Zittern, Flashback 5. Cousin / Familie • Nachricht vom Cousin: ich sei „Abschaum“, „lügend“, „nicht verletzt“ • behauptet, er hätte mich immer akzeptiert • fühlt sich an wie Gaslighting → meine Erinnerungen werden abgesprochen • Gefühl: beobachtet zu werden • Angst, dass er „etwas plant“ • Satz in meinem Kopf: „Er will mir die Vorweihnachtszeit zur Hölle machen“ 6. Gefühle • Scham • Ekel (gegen mich selbst, gegen das, was sie tun) • Angst vor der nächsten Vorlesung • Zweifel: bin ich überempfindlich? (→ Erling, Psychologin, Assistenz sagen: NEIN) • Erleichterung, dass ich Hilfe bekomme • Schuldgefühl, weil ich Hilfe brauche 7. Ziele für morgen • nicht nur jammern → konkret sagen, was passiert ist • fragen: o Wie kann ich Hochschule überstehen, ohne kaputtzugehen? o Gibt es Grenzen, ab denen ich aufhören darf? o Wie kann ich mit der Angst umgehen, wieder „Spektakel“ zu werden? o Wie mit Hass vom Cousin umgehen, ohne mich zu verlieren? Als er fertig war, sah er auf die Seite. Sie war voll, aber zum ersten Mal fühlten sich die Gedanken nicht nur wie ein chaotischer Sturm an – eher wie viele Blitze, die er zumindest auf einer Karte eingezeichnet hatte. „Das ist mein Material für morgen,“ dachte er. „Nicht für eine Klausur. Für mich.“ • • • •
Tasche packen – ein Rucksack für Sicherheit Danach stand er auf, stellte seinen Rucksack aufs Bett und begann, ihn bewusst für den Therapietag zu packen: • das Mutbuch mit den Notizen • ein zweites, leeres Notizbuch, falls er in der Sitzung etwas aufschreiben wollte • sein Lieblingsstift, der gut in der Hand lag • Kopfhörer, um im Wartebereich nicht jedes Geräusch ungefiltert hören zu müssen • eine weiche Jacke, in die er sich einkuscheln konnte, wenn ihm kalt wurde
eine kleine Flasche Wasser ein Müsliriegel und ein belegtes Brötchen für die Pause zwischen den beiden Sitzungen • Taschentücher • ein kleiner Anti-Stress-Ball, den er mal von seiner Therapeutin bekommen hatte Zum Schluss legte er den Brief von Erling nicht in den Rucksack, sondern steckte ihn in die Innentasche seiner Jacke. „Der bleibt nah bei mir,“ murmelte er. „Nur für Notfälle.“ Er sah sich im Zimmer um. Eigentlich war alles wie immer: der Schreibtisch, das Bett, das Regal, die Poster. Und doch fühlte es sich an, als würde er zum ersten Mal seit langer Zeit bewusst in einen Tag hinein gehen, der für ihn gemacht war – nicht für andere. • •
Kurze Nachrichten – nicht mehr ganz allein Bevor er das Licht ausmachte, nahm er noch einmal das Handy. Er schrieb seiner Therapeutin eine kurze Mail (wie sie es einmal vorgeschlagen hatte): Betreff: Für morgen (26.11.) Hallo [Name], danke nochmal, dass Sie morgen zwei Termine für mich möglich gemacht haben. Ich wollte nur kurz sagen, dass heute Abend in der Mathe-Vorlesung etwas sehr Belastendes passiert ist (geplante Aktion mit echten Urinbeuteln, auch der Dozent war beteiligt). Ich habe mir Stichpunkte gemacht und bringe sie morgen mit. Ich glaube, es ist wichtiger als je zuvor, dass wir morgen darüber sprechen. Ich möchte nicht, dass ich dadurch wieder komplett zusammenbreche. Viele Grüße Lukas Dann schrieb er Erling: „Hab alles für morgen vorbereitet. Notizen sind fertig, Tasche gepackt. Fühl mich wie vor einem sehr wichtigen Termin – aber zum ersten Mal ist es kein Gericht oder eine Prüfung, sondern etwas für mich. Danke, dass du mich hinbringst.“ Die Antwort kam schnell: „Gern. Morgen geht es um DICH, nicht um deren Noten. Versuch jetzt zu schlafen. Wenn es nicht geht: schreib. Ich bin im Gästezimmer.“ Seiner Mutter schickte er aus dem Zimmer nichts – sie war nur ein paar Meter Flur entfernt. Er hörte, wie sie noch leise in der Küche aufräumte und dann ins Bad ging. Die letzte Stunde vor dem Schlaf Im Bett lag er auf der Seite, die Decke bis über die Brust gezogen. Die Ereignisse des Tages spielten noch einmal in seinem Kopf, aber diesmal nicht nur als endloser Horrorfilm, sondern mit einem kleinen Zusatz: Jede Szene hatte jetzt einen Pfeil, • der von MSP → zur psychologischen Beratung zeigte, • von „Katheter-Spruch“ → zur Kommilitonin, die es scheiße fand, • von „Urin-Beutel-Demütigung“ → zu „Ich bin rausgegangen“, • von „Cousin-Drohung“ → zu „Das kommt morgen mit in die Therapie“. Es war immer noch zu viel. Es tat immer noch weh. Es war immer noch unfair.
Aber zum ersten Mal fühlte es sich nicht mehr an wie: Alles bricht über mir zusammen und ich kann nichts tun. Sondern wie: Ich stehe in einem Sturm. Aber ich habe morgen einen Ort, an dem ich wenigstens einen Regenmantel bekomme. Er flüsterte in die Dunkelheit, mehr aus Reflex: „Bitte, lass den morgigen Tag nicht auch so werden.“ Dann zog er das Kopfkissen ein Stück näher und atmete langsam ein und aus, bis die Gedanken leiser wurden. In einer anderen Wohnung, irgendwo in der Stadt, starrte sein Cousin noch wach an die Decke und dachte an Vorweihnachtszeit, Silvester, Neujahr und „Konsequenzen“. Aber für diesen Abend, für diesen 25.11.2025, war für Lukas nur eins wichtig: Er hatte überlebt. Er hatte Hilfe organisiert. Er hatte sich vorbereitet. Der nächste Tag würde kein leichter werden. Aber er würde wenigstens einer sein, an dem es nicht darum ging, ihn zu zerstören – sondern darum, ihn wieder ein Stück zusammenzusetzen. Der Morgen fühlte sich anders an. Nicht leicht – dafür war in den letzten Tagen zu viel passiert – aber sortierter. Die Nacht nach der Mathe-Vorlesung war schlimm gewesen, doch der Therapietag hatte etwas in ihm verschoben: Er hatte zum ersten Mal alles laut gesagt, ohne unterbrochen, relativiert oder belächelt zu werden. Die Therapeutin hatte seine Liste Punkt für Punkt mit ihm durchgegangen, hatte nicht gefragt: „Übertreiben Sie vielleicht?“ – sondern: „Wie konnten die das so weit treiben?“ Jetzt war der nächste Hochschultag da. Und mit ihm eine Veranstaltung, von der seine Therapeutin gestern gesagt hatte: „Gehen Sie mal bewusst in den Kurs, in dem Sie sich am wenigsten wie ein Feindbild fühlen. Ihr Nervensystem braucht einen Gegenpol.“ Das war die Englisch-Vorlesung. Morgenroutine mit einem kleinen, aber wichtigen Unterschied Der Wecker vibrierte wieder unter seinem Kopfkissen. Lukas blinzelte, sah kurz an die Decke – und wartete. Manchmal kam direkt nach dem Aufwachen diese Welle von Panik, ohne Grund, einfach so. Heute kam sie… abgeschwächt. Die Bilder von den Urinbeuteln waren noch da, aber sie sprangen ihn nicht mehr mit derselben Härte an. In seinem Kopf klebte stattdessen auch ein anderer Satz, den die Therapeutin gestern gesagt hatte: „Sie sind nicht dafür verantwortlich, dass andere ihre Grausamkeit ausleben. Sie sind nur dafür verantwortlich, sich da rauszunehmen, wenn es geht.“ Er setzte sich vorsichtig auf. Sein Körper war müde, aber nicht mehr dieses völlige „Ich kann nicht“. Auf dem Schreibtisch lag das Mutbuch noch offen. Am Rand der Seite von gestern hatte er später am Abend einen Satz ergänzt: „Englisch = Test, ob es noch Orte gibt, wo ich normal sein darf.“ Er stand auf, ging ins Bad, ließ kaltes Wasser über sein Gesicht laufen. Im Spiegel sah er immer noch die gleichen Augenringe, die gleiche Blässe – aber unter allem lag ein Hauch von Trotz. „Wenn ich nur Horror-Erfahrungen sammle,“ dachte er, „dann vergesse ich irgendwann, dass es auch andere Räume geben kann.“
Heute sollte einer dieser anderen Räume sein. Frühstück – und eine klare Absprache In der Küche lag der Geruch von Kaffee in der Luft. Seine Mutter stand schon am Herd, ein Topf mit Haferbrei simmerte leise. „Morgen,“ sagte Lukas leise. Sie drehte sich zu ihm um, musterte ihn kurz. „Wie geht’s dir heute – auf einer Skala von 1 bis ‚Ich schmeiße alles hin‘?“ fragte sie, ein kleines, schiefes Lächeln versuchend. Er überlegte. „Vielleicht… 4,“ sagte er. „Also: nicht gut. Aber auch nicht ganz am Boden.“ „4 ist nach den letzten Tagen fast Luxus,“ murmelte sie. „Du gehst nur in Englisch, oder?“ „Ja,“ antwortete er. „Nur English Language & Communication. Kein MSP, kein Mathe, kein irgendwas. Die Therapeutin meinte, ich soll nur dahin, wo ich nicht schon beim Reingehen in Kampfmodus bin.“ Sie nickte zustimmend. „Wenn du nach der Vorlesung merkst, dass es doch zu viel war,“ sagte sie, „kommst du direkt heim. Nicht noch ‚nur mal schnell in die Bibliothek‘. Du musst nichts extra leisten, nur weil du heute nicht komplett zusammenklappst.“ Lukas nahm einen Löffel Haferbrei, der warm durch den Bauch lief. „Ich… hab ein bisschen Angst,“ sagte er. „Weil Englisch gerade das Einzige ist, wo ich mich nicht wie ein Fremdkörper fühle. Wenn das auch kippt…“ „Dann,“ unterbrach sie ihn sanft, „hast du trotzdem noch uns. Deine Therapie. Erling. Und du selbst bist mehr als diese Räume. Aber ja – heute ist wichtig. Und ich hoffe, dass du wenigstens einen Ort findest, der sich nicht wie eine Hölle anfühlt.“ Treffen mit Erling – diesmal mit einem anderen Ziel Draußen vor dem Haus wartete schon Erling an der Haltestelle, Hände in den Taschen, Mütze auf, der gewohnte, wache Blick. „Tag 3.5,“ sagte er, als Lukas zu ihm trat. „Therapietag zählt doppelt.“ „Heute ist Englisch,“ antwortete Lukas. „Der Kurs, von dem ich dir erzählt habe. Die Lehrerin, die nicht so… zerstörerisch ist.“ „Die, bei der du einmal meintest: ‚Da bin ich fast so wie die anderen‘?“ fragte Erling. Lukas nickte. „Fast,“ sagte er. „Sie weiß von meinem Autismus. Und vom Katheter. Aber sie hat nie einen dummen Spruch gemacht. Sie hat sogar am Anfang der Veranstaltung gesagt: ‚Wir sind hier, um Sprache zu lernen, nicht, um uns gegenseitig zu bewerten.‘“ „Klingt wie jemand, den ich mögen könnte,“ meinte Erling. „Ich fahre wieder mit bis zur Hochschule und warte dann draußen oder in der Nähe. Heute ist Testlauf für: gibt es noch sichere Inseln?“ Die Bahn kam, sie stiegen ein. Der Weg war vertraut – aber heute fühlte es sich an, als würden sie nicht in eine Arena fahren, sondern zu einer Art Probe, ob „Normalität“ noch existieren durfte. Vor der Englisch-Vorlesung – ein anderer Flur, eine andere Spannung Der Flur vor dem Englischraum war kleiner, weniger hallig als die vor den großen Hörsälen. An der Wand hingen Poster in englischer Sprache, Zitate, eine Weltkarte, ein paar selbstgemachte Plakate von Studierenden. Hier war es anders leise. Kein bedrücktes Schweigen, eher Gespräche mit gedämpfter Stimme, ab und zu Lachen – aber keines, das in ihm sofort Alarm auslöste.
Lukas’ Herz schlug trotzdem schneller, als sie vor der Tür stehen blieben. „Ich… bin nervöser als ich sein sollte,“ murmelte er. „Du bist so nervös, wie du nach den letzten Tagen sein darfst,“ sagte Erling. „Das ist nicht ‚zu viel‘, das ist normal nach dem, was gelaufen ist.“ Die Tür ging auf, ein paar Studierende kamen raus – offensichtlich aus der Stunde davor. Keine aggressiven Blicke, kein Getuschel in seine Richtung. Viele nahmen ihn gar nicht wahr, so wie es in einer normalen Hochschule sein sollte. „Ich warte wieder draußen,“ sagte Erling. „Gleiches System wie gestern: Wenn irgendwas ist, schreib oder komm raus. Aber… vielleicht brauchst du mich diesmal nur als Backup im Kopf, nicht in echt.“ Lukas nickte. „Ich… versuche es,“ sagte er. „Bis später.“ Er atmete einmal tief ein, strich mit den Fingern über den Türrahmen – als würde er eine unsichtbare Linie überschreiten – und trat in den Raum. Die Englisch-Lehrerin – jemand, der nicht verletzt Der Raum war heller als die anderen, mit großen Fenstern, die Tageslicht hereinließen. Die Tische standen nicht in starrem Frontalunterricht, sondern in einem U angeordnet, sodass alle einander sehen konnten. Vorne stand Ms. Turner – Mitte vierzig, kurze Haare, bunte Schal, ein leichter Akzent irgendwo zwischen britisch und irgendwas anderem. Sie hatte diese Art zu lächeln, bei der man das Gefühl hatte, sie meint es wirklich. „Good morning,“ sagte sie, als Lukas den Raum betrat. „Nice to see you here today, Lukas.“ Sie sagte es nicht laut vor der ganzen Gruppe, nicht mit dieser Betonung, als wäre es etwas Besonderes, dass er überhaupt existierte. Es klang schlicht – aber klar. Sie hatte ihn bemerkt. Nicht als Problem. Als Person. „Good morning,“ murmelte er zurück und suchte seinen Platz. Er setzte sich an seinen üblichen Tisch, irgendwo an der rechten Seite des U. Neben ihm ließ sich kurz darauf eine Kommilitonin nieder – Julia, die, die auch in der Business-Vorlesung gesagt hatte, der Katheter-Spruch sei scheiße gewesen. „Hey,“ sagte sie leise. „Alles okay, so halbwegs?“ „Halbwegs,“ antwortete er. „Heute Englisch. Das hilft hoffentlich.“ Sie nickte. „Englisch ist wie ein anderes Universum,“ flüsterte sie. „Hier sind die Leute… weniger arschig.“ Einstieg – Regeln, die wirklich gelten Ms. Turner klatschte einmal sanft in die Hände. „Okay, everyone,“ begann sie, diesmal auf Englisch. „Before we start, a quick reminder of our ground rules – especially now that the semester is getting more stressful.“ Sie schrieb an die Tafel: 1. Respect – no mocking, no personal attacks 2. Everyone participates in their own way 3. Mistakes are allowed – that’s how we learn „Rule number one,“ sagte sie und tippte auf Respect, „is still the most important one. I heard some rumours about… less friendly behaviour in other classes. This is not such a class. If anyone here turns another person into a punchline, they can leave. Clear?“ Es wurde ruhig im Raum. Ein paar nickten, andere schauten sie überrascht an. Lukas spürte, wie in ihm etwas ein einziges Wort dachte: Danke.
Sie fuhr fort: „This is a language class. We are here to learn how to communicate – not how to humiliate.“ Ihr Blick schweifte einmal durch den Raum. Er blieb kurz an Lukas hängen – nicht prüfend, eher bestätigend. So, als würde sie sagen: Ich habe genug gehört. Du musst mir das nicht alles nochmal erzählen, damit ich verstehe, was hier nötig ist. Partnerarbeit – und zum ersten Mal kein Zögern Nach einem kurzen Warm-up („Name, three things that describe your week – in English“) schlug Ms. Turner Partnerarbeit vor. „Find someone you haven’t talked to much yet,“ sagte sie. „Ask them about their week. Listen properly. Then you present them to the group in your own words.“ Normalerweise war das der Moment, in dem Lukas erstarrte. Die anderen wandten sich in Gruppen zusammen, er blieb übrig, bis jemand widerwillig sagte „Ja, komm halt“. Heute ging es anders. Noch bevor er überlegen konnte, tippte ihn jemand auf die Schulter. „Hey,“ sagte eine Stimme, diesmal von der anderen Seite. Ein Typ mit dunklen Haaren, Brille, ruhiger Ausstrahlung – Ali, ein Kommilitone, den er schon mal gesehen, aber nie richtig angesprochen hatte. „Do you want to be my partner?“ Lukas blinzelte. „Really?“ fragte er vorsichtig. „Yeah,“ grinste Ali. „You always have interesting things to say in class when you do speak. I’m curious about your week.“ Es war kein Mitleid in seiner Stimme. Kein „Okay, ich nehm halt den, den keiner will“. Es klang… echt. Lukas nickte, ein bisschen überrumpelt. „Okay,“ sagte er. „But my week is… complicated.“ „Complicated is good,“ meinte Ali. „Better than ‚fine‘. ‚Fine‘ is boring.“ Sie setzten sich einander zugewandt, Blöcke vor sich. „So,“ begann Ali, „tell me about your week. In English. You can skip the details if it’s too heavy.“ Lukas atmete durch. „Uhm… This week was… extremely stressful,“ begann er. „Some professors… made bad jokes. About my health problems. About a catheter I had to use. And they… turned it into a show.“ Ali runzelte die Stirn. „Seriously?“ fragte er auf Englisch. „A professor?“ „Yes,“ nickte Lukas. „In Math. And in another class. But… yesterday I had a full day of therapy. Autism therapy. It helped a bit. And today I wanted to come here because… this is the only class where I feel… accepted.“ Ali sah ihn an, ehrlich betroffen, aber nicht mitleidig-kitschig. „I’m really sorry you had to go through this,“ sagte er. „That’s not ‚funny‘. That’s just cruel.“ Er machte sich ein paar Notizen. „Okay,“ fuhr er dann fort, „now I’ll tell you about my week – and later I’ll present you. I promise I won’t make you look stupid.“ Lukas merkte, wie seine Schultern sich minimal entspannten. Präsentationsrunde – und ein sicherer Blick Als sie später wieder im Plenum saßen, holte Ms. Turner die Partner nacheinander nach vorne. „Remember,“ sagte sie. „You are speaking for your partner, not about them.“
Ali war einer der Ersten, der sich meldete. „I’ll present Lukas,“ sagte er. „He had a very hard week.“ Ein paar Blicke gingen automatisch zu Lukas, aber nicht so bohrend wie sonst. Mehr so: „Okay, wir hören zu.“ Ali sprach ruhig und klar: „So… Lukas had a really stressful week at university,“ begann er. „Some professors and students made jokes about his medical situation. About a catheter he had to use. They even made it into some kind of… show. That was hurtful and humiliating.“ Er stoppte kurz, sah zu Ms. Turner, die ernst nickte. „But,“ fuhr er fort, „he went to autism therapy yesterday and tried to take care of himself. And he said that this English class is the only one where he feels a bit… accepted. So I think that’s important.“ Es wurde still im Raum. Keine Lacher. Keine gehässigen Kommentare. Ms. Turner sah von Ali zu Lukas. „First of all,“ sagte sie, „thank you, Lukas, for trusting Ali with that. And thank you, Ali, for presenting it respectfully.“ Sie lehnte sich leicht an den Tisch. „Let me be very clear,“ sagte sie, und ihre Stimme bekam diesen Ton, bei dem niemand mehr weglauscht: „No one here will ever be turned into a joke about their body, their health, their disability, their identity. If something like that happens, I want to hear about it. Immediately.“ Sie ließ ihren Blick einmal durch den Raum gehen. „We are not perfect,“ fügte sie hinzu. „But we can at least try to be… decent human beings. That’s the minimum.“ Ein paar Studierende nickten. Julia warf Lukas einen kurzen, aufmunternden Blick zu. Jemand murmelte: „Ist ja klar“ – aber ohne Sarkasmus. Lukas spürte, wie ein Kloß in seinem Hals sich löste. Er musste kurz wegschauen, damit nicht sofort Tränen kamen. Nicht aus Schmerz – sondern aus einer Mischung aus Erleichterung und Erschöpfung. Eine kleine Szene, die alles bestätigt In der Pause, als einige sich Kaffee aus dem Automaten holten, stand Lukas allein am Fenster. Er brauchte einen Moment, um das alles zu sortieren. Julia kam dazu, lehnte sich neben ihn. „Weißt du, was mir eben aufgefallen ist?“ fragte sie. „Hm?“ machte er. „Niemand hat gelacht,“ sagte sie. „Als Ali von deiner Woche erzählt hat. Nicht mal die, die sonst immer aufspringen, wenn irgendwo Schadenfreude möglich ist.“ Lukas dachte nach. „Stimmt,“ murmelte er. Ali gesellte sich dazu, einen Becher in der Hand. „Und wenn sie gelacht hätten,“ sagte er ruhig, „wäre ich hier rausgegangen. Mit dir. Weil dann der Kurs nicht das wäre, was Ms. Turner gesagt hat.“ Lukas sah zwischen den beiden hin und her. „Warum seid ihr… so?“ fragte er leise. „Also… nicht scheiße.“ Julia zuckte die Schultern. „Vielleicht, weil wir auch unseren eigenen Mist haben,“ meinte sie. „Nur halt andere. Und weil wir wissen, wie sich Demütigung anfühlt.“ Ali nickte.
„Und weil es eigentlich nicht so schwer ist, Menschen nicht zu quälen,“ sagte er trocken. „Es ist kein Luxus. Es ist Standard. Erstaunlich, wie viele das nicht hinkriegen.“ Lukas lachte kurz, obwohl ihm gerade eher nach Weinen war. Am Ende der Stunde – ein Satz, der bleibt Als die Vorlesung zu Ende ging, packten alle ihre Sachen. Es war der übliche Geräuschmix aus Rucksäcken, Stühlen, leisen Gesprächen. Lukas ließ sich absichtlich Zeit. Er wollte nicht direkt im Gedränge landen. „Lukas?“ hörte er Ms. Turners Stimme. Er drehte sich um. Sie stand in der Nähe der Tafel, ein paar Unterlagen in der Hand. „Just one sentence,“ sagte sie auf Englisch. „I’m glad you came today. And I’m sorry for what the university is doing to you in other classes. You don’t deserve that.“ Er schluckte. „Thank you,“ brachte er hervor. „This class… feels like the only place where I’m not… broken.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „You are not broken,“ sagte sie. „You are tired. Hurt. Overloaded. But not broken. Remember that.“ Er nickte, unfähig, mehr zu sagen, und wandte sich zum Gehen. Vor der Tür – ein anderer Gesichtsausdruck Draußen im Flur wartete Erling, angelehnt an die Wand, wie verabredet. Als Lukas aus der Tür trat, hob er den Kopf – bereit auf alles zwischen „ich breche gleich zusammen“ und „ich war nur körperlich da“. Was er sah, war… anders. Die Augen von Lukas waren immer noch müde, aber nicht ganz so leer. Seine Schultern waren nicht mehr so hochgezogen wie ein Schild. Und in seinem Gesicht lag etwas, das man mit viel Wohlwollen als winziges Aufflackern von Hoffnung bezeichnen konnte. „Und?“ fragte Erling vorsichtig. „Wie war der Testlauf?“ Lukas atmete aus. „Es gibt noch Orte,“ sagte er leise. „An denen ich nicht nur ‚der mit dem Katheter‘ bin.“ Erling lächelte. „Englisch hat bestanden?“ fragte er. „Englisch hat bestanden,“ bestätigte Lukas. „Die Lehrerin hat gleich am Anfang gesagt, dass hier niemand zum Witz gemacht wird. Ali hat mich vorgestellt, ohne mich zu verraten. Und… als ich gesagt hab, dass das der einzige Kurs ist, wo ich mich akzeptiert fühle, hat niemand gelacht.“ Er stoppte kurz, dann fügte er hinzu: „Ich war heute nicht der Freak. Ich war einfach… Lukas, der halt eine schlimme Woche hatte.“ Erling nickte langsam. „Das ist viel,“ sagte er. „Mehr, als man sieht, wenn man nur auf den Stundenplan schaut.“ Sie gingen gemeinsam Richtung Ausgang. In Lukas’ Kopf war immer noch der Gestank aus der Mathe-Vorlesung, die Witze, die Drohungen, der Schatten des Cousins. Aber daneben hatte sich ein anderes Bild gestellt: Ein heller Raum, eine Lehrerin, die Grenzen setzte, eine Klasse, die nicht lachte, ein Partner, der ihn ernst nahm, zwei Kommiliton*innen, die an seiner Seite standen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er einen Gedanken, der nicht sofort von Angst überrollt wurde: „Vielleicht,“ dachte er, „bin ich nicht überall falsch. Vielleicht gibt es wirklich Inseln, auf denen ich so sein darf, wie ich bin.“ Dass der Cousin im Hintergrund immer noch an seinem Ultimatum spann, ahnte er in diesem Moment nicht. Aber gerade deshalb war es so wichtig, dass es jetzt diesen einen Raum gab, in dem er nicht schon vorher als Opfer feststand – sondern als Mensch, der einfach nur Englisch lernen wollte. Vor der Tür des Englischraums blieb Lukas kurz stehen, als hätte er eine unsichtbare Schwelle übertreten. Die Stunde war vorbei. Aber irgendetwas in ihm war noch mitten drin. Entscheidung vor der Treppe – noch nicht direkt nach Hause „Und?“ fragte Erling nochmal, als sie den Flur entlanggingen. „Plan: Heim, Couch, Decke übern Kopf? Oder brauchst du noch was anderes?“ Lukas dachte nach. Ein Teil von ihm wollte sofort nach Hause, ins Zimmer, Tür halb zu, Serien an, Kopf aus. Ein anderer Teil – der, den die Therapeutin gestern „den kleinen, aber gesunden Anteil“ genannt hatte – meldete sich leise: Du kannst nicht nur die Horrorräume in dir vergrößern. Du musst auch die guten Orte ein bisschen festigen. „Ich… glaube, ich will kurz in die Bibliothek,“ sagte er schließlich. „Aber nur in den ruhigen Bereich. Kein Lernen, eher… sortieren. Vielleicht ein bisschen Englisch machen. Wenn ich jetzt nur nach Hause renne, fühlt sich die Hochschule wieder an wie ein reines Kriegsgebiet.“ Erling nickte sofort. „Bibliothek als neutrale Zone,“ meinte er. „Gefällt mir. Ich komm mit bis zur Tür und such mir dann irgendwo einen Platz in der Nähe. Wenn du allein sitzen willst, sag Bescheid.“ „Gern in deiner Nähe,“ sagte Lukas. „Nicht direkt daneben, aber… so, dass ich dich sehen kann, wenn ich hochgucke.“ „Das kriegen wir hin,“ antwortete Erling. Auf dem Weg zur Bibliothek – Erinnerungen und Unterschiede Die Treppe hoch zur Bibliothek kannte Lukas schon. Gestern, vor ein paar Tagen, vor Wochen – alles verschwamm. Er erinnerte sich daran, wie er neulich hier saß, als sein Cousin ihn heimlich beobachtet hatte, ohne dass er es gemerkt hatte. Damals war die Bibliothek zwar ruhiger gewesen als die Hörsäle, aber keineswegs ein völlig sicherer Ort. Heute fühlte es sich trotzdem anders an. Nicht, weil die Hochschule plötzlich freundlich geworden wäre. Sondern, weil er jetzt mehr Werkzeuge in der Tasche hatte: • den Therapietag • die Englischstunde, die nicht zur Demütigung geworden war • seine Notizen • Menschen, die nicht lachten Vor den Glastüren der Bibliothek blieb er kurz stehen. „Noch ein Level,“ murmelte er. „Dann ist Schluss für heute.“ Erling sah ihn prüfend an. „Letzte Chance zum Umdrehen,“ sagte er ruhig. „Wenn dein Bauch sagt ‚Nein‘, gehen wir.“ Lukas horchte in sich hinein.
Sein Bauch war angespannt – aber nicht mehr so, als würde er „Gefahr! Gefahr!“ schreien. Eher: „Vorsicht. Langsam.“ „Ich probiere es,“ sagte er. „Wenn es kippt, schreibe ich dir oder komm raus.“ „Deal,“ sagte Erling. „Ich such mir einen Platz im oberen Bereich, an den Fenstern. Da kann ich so tun, als würde ich Zeitung lesen und in Wahrheit gucken, ob du noch atmest.“ Lukas musste kurz grinsen. Drinnen – ein Raum, der heute anders klingt Die Türen schoben sich leise zur Seite, als sie eintraten. Dieses typische Bibliotheksgefühl schlug ihnen entgegen: gedämpfte Schritte, leises Klicken von Tastaturen, gelegentliches Flüstern, das sofort wieder verschluckt wurde. Lukas spürte, wie sein Körper automatisch in diesen „leise sein“-Modus ging. Früher war das ein Problem gewesen – er hatte sich in stillen Räumen oft noch lauter innen drin gefühlt. Heute war die Stille fast angenehm. Sie war nicht mehr sein Feind, sondern eine Pause. Sie gingen an den Computerplätzen vorbei, an Regalen mit aufgereihten Büchern, an einem Tisch mit Lernkarten und Wörterbüchern. „Da hinten,“ flüsterte Erling und deutete auf den Bereich mit den Einzeltischen an der Fensterfront. „Setz dich an den Rand. Ich geh ein Stück weiter, zwei Tische zurück.“ Lukas nickte. Er suchte sich einen Platz am Fenster, von dem aus er die Bäume draußen sehen konnte. Das Licht war weich, nicht zu grell. Auf dem Tisch lag nichts – keine Bücher, keine Schmierereien aus alten Zeiten. Ein sauberer, leerer Platz. Er setzte sich hin, stellte seinen Rucksack neben den Stuhl, legte das Mutbuch und das Englischheft vor sich. Als er kurz hochschaute, sah er einige Meter weiter Erling, der sich gerade setzte, eine Zeitung aus einem Regal nahm und sie aufschlug. Von außen sah es aus, als würde er sich einfach hinsetzen und lesen. Lukas wusste: Das war sein „Ich bin da“-Modus. Der erste Atemzug am Tisch Lukas legte die Hände flach auf die Tischplatte und schloss für einen Moment die Augen. Er hörte: • das leise Surren eines Kopierers • das entfernte Umblättern von Seiten • das gleichmäßige Tippen von jemandem, der offensichtlich im Schreibflow war Kein Gelächter. Keine Sprüche. Keine Urinwitze. Sein Körper wartete fast darauf, dass doch etwas passieren würde. Doch der Raum blieb… normal. Er atmete tief ein und aus. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal merkte er, dass seine Schultern ein Stück tiefer sanken. Er schlug das Mutbuch auf der Seite von gestern auf und blätterte kurz. Dann zog er sich eine neue leere Seite heran. Oben schrieb er: Englisch & Bibliothek – 3. Tag Darunter setzte er Stichpunkte: • Englisch heute = Insel • Lehrerin: klare Regeln gegen Demütigung • Ali → mich ernst genommen, mich vorgestellt ohne mich auszuliefern • niemand gelacht, als von meiner Woche erzählt wurde
• Satz: „You are not broken. You are tired, hurt, overloaded.“ Er hielt inne, strich einmal mit dem Stift unter das Wort not broken. Ein dünnes, vorsichtiges Gefühl formte sich: Vielleicht bin ich wirklich mehr als das, was sie aus mir gemacht haben.
Die Bibliothek als Gegenbild Er nahm das Englischheft dazu. Es gab eine kleine Hausaufgabe, die Ms. Turner am Ende der Stunde gegeben hatte: ein kurzer Text über „a difficult week and one thing that helped“. Er beschloss, sie gleich hier zu machen. Nicht als Pflicht, sondern als Anker. Auf Englisch schrieb er: This week was one of the hardest in my life. Some professors and students humiliated me because of my health problems. They turned my medical situation into a joke and even into a kind of show. I felt like an object, not a person. But there was one thing that helped: my English class. The teacher made clear rules about respect. My classmates listened when someone presented my situation. Nobody laughed. For the first time this week, I felt a little bit accepted. It did not erase the pain, but it reminded me that not everyone is cruel. Als er den Stift zur Seite legte, war ihm klar: Das war mehr als eine Hausaufgabe. Es war eine kleine Zusammenfassung des letzten Kampfes in seinem Kopf. Er schaute kurz zu Erling. Der senkte gerade die Zeitung, sah kurz rüber und hob unauffällig den Daumen. Keine großen Gesten, kein „Na? Wie läuft’s?“ – einfach dieses leise Signal: Ich sehe, du arbeitest. Ich sehe, du funktionierst nicht nur – du verarbeitest. Lukas’ Brust wurde etwas weniger eng. Rückblick – und ein neuer Gedanke Nach der Englischaufgabe schrieb er im Mutbuch weiter, diesmal weniger Stichpunkte, mehr freie Sätze: „Heute in der Englisch-Vorlesung war ich zum ersten Mal seit langem kein laufender Witz. Ich war Lukas, der eine harte Woche hatte. Es gab Regeln. Jemand hat sie ausgesprochen. Und die anderen haben sie eingehalten.“ „Jetzt sitze ich in der Bibliothek und merke, dass sich dieses Gebäude nicht nur nach Feind anfühlen muss. Es gibt Räume, in denen ich mich verkriechen kann, ohne dass ich angegriffen werde.“ „Die Mathe-Vorlesung war eine Hölle. Aber Englisch & Bibliothek heute sind ein Gegenbild. Ich glaube, ich muss diese Bilder sammeln – damit mein Kopf nicht nur noch die Urinszene in Dauerschleife laufen lässt.“ Er hielt inne und fügte dann einen letzten Satz hinzu: „Wenn ich irgendwann entscheiden muss, ob ich an dieser Hochschule bleibe oder gehe, will ich nicht nur aus der Hölle entscheiden – sondern auch aus den wenigen guten Momenten.“ Ein kurzer Blick durchs Regal – kein Schatten, nur Bücher Nach einer Weile stand er auf, um sich kurz zu bewegen. Er ging zwischen die Regale, in den Bereich mit englischer Literatur. Die Bücherreihen wirkten beruhigend: Titel, Rücken, Ordnung. Unwillkürlich dachte er an den Tag, an dem sein Cousin ihn von hier aus beobachtet hatte. Damals wusste er es nicht, heute wusste er es im Nachhinein. Jetzt blieb er kurz stehen, schaute sich unauffällig um. Keine Gestalt mit Kapuze. Keine Augen, die wie Dolche in seinem Rücken steckten. Nur Studierende, die in Büchern blätterten oder am Handy hingen.
„Nicht jeder Schatten verfolgt dich,“ sagte er in Gedanken zu sich selbst. „Manchmal ist es nur – Schatten.“ Er zog ein Buch aus dem Regal – einen englischen Roman, den er mal auf einer Liste gesehen hatte. Nur, um das Gefühl zu haben, etwas anderes in der Hand zu halten als seine eigenen Geschichten. Zurück am Platz – ein kleiner Moment Ruhe Als er sich wieder setzte, war es, als hätte er eine kleine Runde um eine innere Festung gedreht und festgestellt: Sie steht noch. Er packte das Mutbuch und das Englischheft zusammen, legte sie in den Rucksack. Bevor er ihn schloss, legte er noch den Stressball oben drauf – als Symbol daran, dass er jetzt nicht mehr ohne Werkzeuge unterwegs war. Dann schrieb er Erling eine kurze Nachricht, obwohl er nur wenige Meter entfernt saß: „Ich glaube, ich bin fertig für heute. Bibliothek war heute kein Horror. Eher… neutral mit Pluspunkt.“ Sekunden später vibrierte sein Handy. „Sehr gut. Noch ein Ort, der dich nicht auffrisst. Wenn du magst, gehen wir jetzt. Sonst sitze ich noch 10 Min und lasse so tun, als würde ich den Wirtschaftsteil verstehen.“ Lukas lächelte. Er stand auf, warf noch einen letzten Blick aus dem Fenster – auf den grauen Himmel, die Bäume, ein paar Studis, die draußen vorbeigingen – und ging zu Erling rüber. „Bereit?“ fragte der. „Ja,“ sagte Lukas. „Für heute genug Hochschule. Aber… wenigstens war nicht alles scheiße.“ „Das,“ meinte Erling, „ist nach dieser Woche schon fast ein Wunder.“ Als sie gemeinsam die Bibliothek verließen, fühlte Lukas einen Unterschied zu den Tagen davor: Die Hochschule war immer noch gefährlich für ihn. Es gab immer noch Menschen, die ihn zerstören wollten. Der Schatten seines Cousins, die Mathe-Hölle, die Sprüche – all das war noch da. Aber jetzt gab es auch Orte, die er in seinem Kopf markieren konnte als: • Englischraum • bestimmte Ecke in der Bibliothek • der Weg zur Therapie • das eigene Zimmer zuhause Inseln. Nicht groß. Nicht perfekt. Aber existent. Und während irgendwo in der Stadt jemand an seinem Ultimatum weiter strickte, tat Lukas in diesem Moment etwas, das mindestens genauso mächtig war: Er baute – langsam, zitternd, aber bewusst – ein eigenes, kleines Netzwerk aus Räumen auf, in denen er nicht nur Opfer war. Sondern Mensch. Der Morgen war grau, aber nicht mehr ganz so bedrohlich wie noch vor ein paar Tagen. Es war einer dieser Tage, an denen Lukas schon beim Aufwachen wusste: Heute muss ich wieder hingucken. Nicht nur wegdrücken, nicht nur überleben – sondern mit jemandem zusammen sortieren, was in mir tobt. Heute war wieder Autismus-Therapie.
Und diesmal würde er nicht allein hingehen. Der Spieler – Erling – hatte gestern Abend gesagt: „Wenn du willst, komme ich mit bis vor die Tür. Nicht rein, das ist dein Raum. Aber ich bringe dich hin – und hole dich wieder ab.“ Lukas hatte genickt. Das Gefühl, nicht allein den Weg antreten zu müssen, war wie ein extra Polster zwischen ihm und der Welt. Küche – Kaffee, Haferbrei und klare Worte Die Wohnung war noch halb verschlafen. Aus dem Wohnzimmer drang leise das Murmeln eines Morgenmagazins, in der Küche war das Licht an, der Wasserkocher summte. Lukas stand am Küchentisch, Rucksack schon auf dem Stuhl, Mutbuch und Termineinladung zur Therapie sorgfältig eingepackt. Seine Mutter goss Tee in eine Tasse, stellte sie vor ihn. „Also, nur dass ich’s nochmal höre,“ sagte sie. „Ihr fahrt gleich zusammen los – du und… der Spieler – und du gehst zur Therapie. Danach schreibt ihr mir, ob ich euch irgendwo einsammeln soll oder ob ihr selbst zurückkommt.“ „Genau,“ nickte Lukas. „Zwei Sitzungen – heute keine komplette ‚Notfalltag-Rettung‘ wie neulich, sondern normaler Termin. Aber… normal fühlt sich gerade trotzdem nicht an.“ „Normal ist überbewertet,“ murmelte sie. „Wichtig ist: Du gehst hin. Du lässt dir helfen. Und du tust so, als wäre das nichts, wofür man sich schämen muss.“ Lukas sah in die Teetasse, beobachtete, wie der Dampf langsam in die Luft stieg. „Er hat gestern gesagt, er wartet auch gern im Café gegenüber,“ sagte er. „Damit ich nicht das Gefühl habe, ich müsse die ganze Zeit funktionieren, wenn ich rauskomme.“ „Das tut gut, oder?“ fragte sie. „Ja,“ antwortete er leise. „Es fühlt sich nicht mehr ganz so an, als würde ich allein in die Löwenhöhle gehen.“ Es klingelte an der Haustür. „Das wird er sein,“ sagte die Mutter und trocknete die Hände am Geschirrtuch. „Nimm dir dein Tempo. Er rennt dir schon nicht weg.“ Flur – ein vertrauter Schatten, der bleibt Lukas ging in den Flur, öffnete die Wohnungstür. Erling stand draußen, Kapuze halb auf, Rucksack über der Schulter. Seine Augen musterten Lukas kurz – nicht prüfend, sondern einordnend: Wie schlimm ist es heute? „Morgen,“ sagte er leise. „Skala?“ Lukas dachte kurz nach. „3,5 von 10,“ sagte er. „Also… ich laufe, ich rede, ich falle nicht direkt um. Aber drunter sitzt ein Sturm.“ „3,5 ist eindeutig gehfähig,“ meinte Erling. „Wir reduzieren heute die Erwartungen: Du musst keine komplizierten Sätze sagen, keine krassen Erkenntnisse liefern. Du musst nur da sein. Alles andere ist Bonus.“ Sie wechselten ins Wohnzimmer, sagten dem Vater – der halb hinter der Zeitung verschwand – ein knappes „Wir gehen dann“; er grunzte etwas Unverständliches zurück. Die Mutter kam kurz an die Tür, legte Lukas eine Hand auf den Arm. „Meld dich, wenn du nachher eine Pause brauchst,“ sagte sie. „Oder wenn dir der Kopf explodiert.“ „Mach ich,“ sagte Lukas. „Danke.“ Dann standen sie im Treppenhaus. Draußen – kalte Luft, wache Sinne Die Luft vor dem Haus war kalt, klarer als die letzten Tage. Autos fuhren vorbei, ein Hund zog an der Leine, ein Fahrradfahrer fluchte leise über ein Schlagloch.
Lukas zog den Reißverschluss seiner Jacke höher. Er spürte jede Bewegung in seinem Körper, als wäre er aus Glas. „Auto oder Straßenbahn?“ fragte Erling. „Straßenbahn,“ sagte Lukas nach kurzem Überlegen. „Im Auto… fühlt sich manchmal alles noch enger an. In der Bahn kann ich aus dem Fenster starren und so tun, als würde die Welt wenigstens normal aussehen.“ „Straßenbahn it is,“ nickte Erling. „Ich hab eh das Gefühl, die Schienen kennen deinen Kopf schon besser als manche Menschen.“ Sie gingen gemeinsam zur Haltestelle. Der Weg war derselbe wie an Hochschultagen – und gleichzeitig war das Ziel komplett anders. Nicht: Hörsaal. Sondern: Raum, in dem ich nicht gespielt, sondern ernst genommen werde. Warten an der Haltestelle – Gefühle sortieren An der Haltestelle war es erstaunlich ruhig. Ein älterer Mann mit Einkaufstrolley, zwei Schüler mit Kopfhörern, die in ihre eigenen Welten eingetaucht waren. Lukas stand ein bisschen abseits, Rucksackriemen fest in den Händen. Erling stellte sich so hin, dass sie nebeneinander standen, nicht frontal – es war für Lukas oft leichter zu reden, wenn nicht ständig direkte Blickkontakte erzwungen wurden. „Was ist heute das Wichtigste für die Therapie?“ fragte Erling nach einer Weile. „Wenn du nur eine Sache ansprechen könntest – welche wäre das?“ Lukas überlegte. Bilder flackerten vor seinem inneren Auge: • die Mathe-Urin-Aktion • die Sprüche in den anderen Vorlesungen • der Englischraum, der sich endlich mal nicht wie Feind angefühlt hatte • die Nachricht des Cousins • der Satz in seinem Kopf: „Du wirst eine schlimme Vorweihnachtszeit haben.“ „Ich glaube…“ sagte er langsam, „das Wichtigste ist: Dass ich nicht mehr unterscheiden kann zwischen echter Gefahr und meinem Kopf, der überall Gefahr hinein projiziert. Manches ist real, objektiv krank – wie die Urinaktion. Manches ist mein Nervensystem, das schon bei einem Blick hochfährt.“ Erling nickte. „Also Thema ‚Alarmanlage im Gehirn‘,“ fasste er leise zusammen. „Wann ist sie berechtigt, wann nicht. Klingt nach einer guten Sache, um sie mit jemandem auseinanderzunehmen, der dafür ausgebildet ist.“ Die Bahn kam, quietschte, Türen öffneten sich. Sie stiegen ein. In der Straßenbahn – eine Fahrt zwischen zwei Welten Sie fanden einen Platz im hinteren Bereich, zwei Sitze nebeneinander. Lukas setzte sich ans Fenster, Erling neben ihn. Die Bahn setzte sich ruckelnd in Bewegung. Draußen zog die Stadt vorbei: Häuser, Ampeln, ein Bäcker mit Auslage, eine Gruppe Leute mit Einkaufstüten, ein Lieferwagen mit offener Heckklappe. Innen gab es das rhythmische Klackern der Schienen, das Piepsen der Haltestellenansage. Lukas starrte nach draußen, aber seine Gedanken waren nach innen gerichtet. „Ich hab gestern in der Bibliothek etwas gemerkt,“ sagte er plötzlich. „Was denn?“ fragte Erling. „Dass ich automatisch nach Schatten suche,“ antwortete Lukas. „Nicht nach Schatten im Sinne von ‚Licht & Dunkel‘, sondern nach… Menschen, die mich beobachten könnten. Als ich an den Regalen vorbeiging, habe ich instinktiv geschaut, ob irgendwo jemand steht, der
sich auffällig für mich interessiert. Und als keiner da war, war ich kurz misstrauisch – weil es zu normal war.“ Erling nickte langsam. „Das ist der Teil von dir,“ meinte er, „der nach allem, was passiert ist, gelernt hat: Normalität ist verdächtig, weil sie selten ist. Du bist so daran gewöhnt worden, dass aus scheinbar normalen Situationen jederzeit ein Angriff werden kann, dass dein System schon vorbeugt.“ „Aber das ist doch kein Leben,“ murmelte Lukas. „In Englisch war es gut. In der Bibliothek war es okay. Und trotzdem hat mein Kopf jedes Mal geguckt: Wo ist das Messer? Wo ist das nächste Lachen? Wer plant was?“ Erling überlegte kurz. „Ich glaube, genau da setzt die Therapie an,“ sagte er leise. „Nicht, um dir zu sagen: ‚Da ist nie ein Messer‘ – das wäre gelogen. Sondern, um dir zu helfen, es nicht mehr überall zu sehen, wo keins ist. Und damit du schneller merkst, wenn wirklich eins gezückt wird.“ Lukas sah ihn von der Seite an. „Das klingt… vernünftig,“ sagte er. „Aber ich hab Angst, dass die Therapeutin irgendwann sagt: ‚Sie sind halt empfindlich, Lukas. Das Problem sind nicht die anderen, sondern wie Sie es wahrnehmen.‘“ „Hat sie das jemals gesagt?“ fragte Erling. „Nein,“ gab Lukas zu. „Im Gegenteil. Als ich von der Urin-Aktion erzählt habe, war sie wirklich entsetzt. Sie hat ‚nein‘ gesagt, bevor ich überhaupt fertig war.“ Erling nickte. „Dann vertrau ein bisschen darauf, dass sie unterscheiden kann,“ sagte er. „Zwischen: Was war objektiv übergriffig – und was sind subjektive Trigger, die man bearbeiten kann.“ Fahrt – und die Angst vor dem inneren Aufriss Die Bahn hielt, Türen gingen auf, Menschen stiegen ein und aus. Lukas zog seinen Rucksack etwas dichter an sich, als eine Gruppe laut lachender Jugendlicher an ihnen vorbeiging – nicht, weil sie etwas zu ihm sagten, sondern weil sein Körper bei Lachen inzwischen reflexartig zusammenzuckte. „Weißt du, wovor ich fast mehr Angst habe als vor der Therapie selbst?“ fragte er plötzlich. „Sag,“ meinte Erling. „Dass es mir nach der Sitzung schlimmer geht als vorher,“ sagte Lukas. „Dass ich alles nochmal durchleben muss, alles aufreißen – und dann mit noch mehr Bildern im Kopf wieder rausgehe.“ Erling überlegte kurz. „Ich kann dir nicht versprechen, dass es nicht weh tun wird,“ sagte er langsam. „Ich glaube, Therapie, die wirklich etwas ändert, ist selten kuschelig. Aber – und das ist wichtig – du gehst da nicht hin, um die Wunden nur nochmal zu betrachten. Du gehst hin, um zu lernen, wie du sie versorgst.“ Er sah zu Lukas rüber. „Gestern war nach der Therapie nicht alles super,“ erinnerte er. „Aber du warst… geerdeter. Du hattest Wörter für Dinge, die vorher nur wie diffuse Monster waren. Du konntest aufschreiben, was in der Hochschule passiert ist, ohne direkt zusammenzuklappen.“ Lukas dachte an sein Mutbuch, an die Seite, auf der „Mathe“, „Urin“, „Englisch“ und „Cousin“ nebeneinander standen. „Stimmt,“ murmelte er. „Es war immer noch scheiße – aber es war nicht mehr unbenannt.“ Zwischenstation – Kontrolle statt Kontrollverlust Die Bahn näherte sich der Haltestelle, an der sie umsteigen mussten. Eine Durchsage nannte die Station, die Türen öffneten sich. „Hier raus,“ sagte Erling leise. „Dann noch drei Stationen mit der anderen Linie.“
Sie stiegen aus, überquerten den Bahnsteig, warteten auf die nächste Bahn. Der Wind war hier ein bisschen stärker, zog an Lukas’ Kapuze. Er steckte die Hände in die Taschen. „Auf einer Skala von 1 bis ‚ich renne weg‘,“ fragte Erling, „wo bist du gerade?“ Lukas hörte kurz in sich hinein. „Vielleicht… 5,“ sagte er ehrlich. „Ich hab Fluchtgedanken. Aber noch kein Fluchtbefehl.“ „Gut,“ meinte Erling. „5 kann sprechen. 9 rennt, 10 bricht zusammen. Wir sind bei 5. Das ist genau der Bereich, in dem Therapie Sinn macht.“ Er lächelte schief. „Ich spreche wie Therapiekram, ich weiß,“ fügte er hinzu. „Aber ich lerne ja mit.“ Lukas musste wirklich kurz lachen – ein kurzes, kratziges Lachen, aber echt. „Du bist so etwas wie mein Assistent im Hintergrund geworden,“ sagte er. „Nur einer, der nicht dafür bezahlt wird.“ „Ich werde bezahlt in Haferbrei, komischen Situationen und deiner Gesellschaft,“ meinte Erling. „Ist fair.“ Die nächste Bahn kam, sie stiegen ein. Es waren nur wenige Stationen bis zur Gegend, in der das Therapiezentrum lag. Die letzten Minuten – innere Checkliste Je näher sie dem Ziel kamen, desto genauer spürte Lukas jeden Schlag seines Herzens, als würde jemand von innen dran wackeln. Er beschloss, die letzten Minuten zu nutzen, um für sich innerlich durchzugehen, was er sagen wollte – nicht als starres Script, sondern als grobe Orientierung. „Okay,“ murmelte er halblaut, mehr zu sich als zu Erling, „ich will heute darüber sprechen: 1. Englisch als positiver Gegenpol – damit sie sieht, dass nicht alles schlecht ist. 2. Bibliothek und das Gefühl, nach Beobachtern zu suchen. 3. Die Vorbereitung für weitere Hochschultage: Wie weit gehe ich noch, bis ich abbreche oder pausiere? 4. Der Cousin – und dieser Satz in meinem Kopf, dass er mir die Vorweihnachtszeit zur Hölle machen will.“ Erling nickte. „Gute Struktur,“ sagte er. „Du kannst auch mit dem anfangen, was dir im Moment am meisten im Hals steckt. Und wenn du mittendrin den Faden verlierst – sagst du das. Du musst nicht perfekt erzählen, du musst nur ehrlich sein.“ „Und was, wenn ich nichts sagen kann?“ fragte Lukas. „Dann atmest du,“ antwortete Erling. „Und wenn du nur einen Satz rausbekommst wie: ‚Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll‘ – dann ist das der Anfang. Der Rest ist ihre Aufgabe.“ Die Bahn kündigte die letzte Haltestelle vor dem Therapiezentrum an. Lukas’ Hände wurden wieder kälter. Gleichzeitig fühlte es sich ein bisschen an wie vor einem Spiel, bei dem er wusste: Es wird hart, aber ich muss nicht alleine auf den Platz. Ausstieg – eine Straße, ein paar Meter bis zur Tür Sie stiegen aus. Der Stadtteil war ruhiger, weniger Verkehr, mehr kleine Läden, ein Bäcker, ein Friseur, eine Apotheke. Lukas kannte den Weg inzwischen. „Noch… fünf Minuten,“ sagte er. „Maximal,“ meinte Erling. „Vielleicht auch vier. Oder drei, wenn wir nicht jede Pfütze analysieren.“ Sie gingen die Straße entlang. Pflastersteine, ein paar parkende Autos, in einem Fenster blinkte schon eine kleine Lichterkette – irgendjemand war früh dran mit Weihnachtsdeko. Für Lukas mischte sich der Anblick mit dem Satz seines Cousins: „Du wirst die schlimmste Vorweihnachtszeit haben…“
Er spürte, wie die Worte kurz hochstiegen – und dann daran hängenblieben, dass er neben sich Schritte hörte, die sich seinem Rhythmus angepasst hatten. „Wenn du willst,“ sagte Erling leise, „kannst du ihr heute auch von dieser Drohung erzählen. Nicht nur vom, was war, sondern von dem, was du fürchtest.“ „Ich glaube, das muss ich,“ murmelte Lukas. „Sonst arbeitet mein Kopf alleine daraus eine Katastrophe, die noch größer ist als alles, was er wirklich geplant haben könnte.“ „Genau,“ sagte Erling. „Licht an im Monsterzimmer. Nicht, weil die Monster dann weg sind – sondern weil du sie endlich siehst.“ Sie bogen in die Seitenstraße ein, in der das Therapiezentrum lag. Der Eingang war schon in Sicht – das bekannte Schild neben der Tür, die Klingel, die kleine Rampe. Lukas blieb einen Moment stehen, noch ein paar Meter entfernt. Er schaute auf die Tür, dann auf seine Hände. „Ich… glaube, mein Körper hat keinen Bock,“ murmelte er. „Er will einfach ins Bett. Aber mein Kopf weiß, dass ich hier rein muss, wenn ich nicht irgendwann nur noch Panik bin.“ Erling blieb neben ihm stehen. „Dann machen wir’s so,“ sagte er ruhig. „Du gehst gleich rein. Ich bleibe hier draußen, oder setze mich ins Café gegenüber – du weißt: nur ein paar Schritte entfernt. Du gehst da nicht allein hinein. Selbst wenn du die Tür hinter dir zumachst – davor stehen jetzt Menschen, die nicht weg sind, wenn du wieder rauskommst.“ Lukas atmete einmal tief ein. Der Weg zur Tür war kurz. Aber das, was dahinter passieren würde, war groß. Er machte den ersten Schritt. Noch nicht durch die Tür. Noch nicht oben im Wartezimmer. Nur – auf dem Weg. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich genau das schon wie eine echte Leistung an. Die letzten Meter bis zur Tür des Therapiezentrums fühlten sich länger an als der ganze Weg vorher. Lukas drückte auf die Klingel, hörte das Summen, zog die Tür auf. Der vertraute Geruch nach Flur, ein bisschen Desinfektionsmittel, ein Hauch von Kaffee aus der kleinen Küche. Seine Schritte klangen dumpf auf dem Boden. Oben im ersten Stock öffnete sich gerade die Tür zum Wartebereich. Seine Therapeutin – Frau K. – stand dort, ein Ordner in der Hand, die Brille leicht in die Haare geschoben. „Hallo, Lukas,“ sagte sie ruhig. „Schön, dass Sie da sind.“ In seinem Kopf dachte sofort etwas: Schön ist hier gar nichts. Aber er nickte. „Hallo,“ murmelte er. Ankommen im Raum Er folgte ihr in den Therapieraum. Der gleiche Stuhl wie immer, das gleiche Sofa, die gleiche Pflanze in der Ecke, das gleiche leise Ticken der Uhr. Es war einer der wenigen Orte, an dem sich die Welt nicht ständig neu und bedrohlich anfühlte. „Möchten Sie etwas trinken?“ fragte sie. „Wasser, Tee?“ „Wasser, bitte,“ sagte Lukas. „Mein Hals ist… eng.“ Sie stellte ihm ein Glas hin, setzte sich auf ihren Stuhl gegenüber, schlug den Ordner auf, schaute ihn aber zuerst direkt an, nicht auf das Papier. „Sie hatten mir ja gestern schon kurz geschrieben, dass viel passiert ist,“ begann sie. „Was wäre heute der wichtigste Startpunkt?“
Lukas atmete tief ein. Sein Herz pochte. Er hatte sich vorgenommen, alles zu erzählen. Ohne Relativierung. Ohne „Vielleicht hab ich übertrieben“. „Ich glaube,“ sagte er, „wir müssen das einmal als Gesamtheit anschauen. Sonst fühlt es sich an wie einzelne Katastrophen, die alle zufällig passieren – und nicht wie das Muster, das gerade mein Nervensystem zerreißt.“ Sie nickte. „Gut,“ sagte sie. „Dann fangen wir vorne an. Sie haben ja eine Liste mitgebracht, richtig?“ Er zog das Mutbuch aus der Tasche, blätterte auf die Seite mit den Stichpunkten, legte es auf seinen Schoß. „Ja,“ antwortete er. „Ich hab alles aufgeschrieben. Sonst verliere ich den Faden.“ „Perfekt,“ meinte sie. „Sie erzählen. Ich höre zu. Und ich grätsche nur rein, wenn ich etwas nicht verstehe.“ MSP – der erste Schlag „Es hat in MSP angefangen,“ sagte Lukas. „Also… wieder angefangen. Es war der 24.11. – der erste Tag, an dem ich versucht habe, ‚richtig‘ wieder einzusteigen.“ Er erzählte von der Vorlesung: – Dass die Reihen fast voll waren. – Dass er keinen Gruppenanschluss hatte. – Dass die Dozentin laut fragte, warum er keine Gruppe hätte. – Dass er – unter Druck – gesagt hatte, er sei Autist und habe schlechte Erfahrungen mit Gruppen gemacht. – Dass sie darauf reagiert hatte mit: „Die Hochschule ist kein Therapiezentrum. Sie müssen zum Psychologen.“ – Vor allen. Ohne Schutz, ohne Takt. Ihre Stirn verzog sich leicht. „Was haben Sie in dem Moment gefühlt?“ fragte sie. „Scham,“ sagte er ohne zu zögern. „Und… dieses Gefühl von: ‚Ich bin falsch im System. Alle anderen sind Studierende. Ich bin der Sonderfall, der stört.‘“ „Das kenne ich von Ihnen,“ meinte sie. „Dieses ‚Ich bin das Problem im Raum‘-Gefühl. Und danach?“ „Danach bin ich zur psychologischen Beratungsstelle gegangen,“ antwortete er. „Das war… das erste Mal, dass mich an diesem Tag jemand nicht wie ein Problem behandelt hat, sondern wie einen Menschen, der zu viel auf dem Rücken trägt.“ Er erzählte kurz von der Beraterin, die zugehört hatte, erklärt hatte, dass seine Reaktion normal sei, dass die Hochschule zwar kein Therapiezentrum, aber auch kein Folterkeller sein dürfe. „Da war zum ersten Mal an dem Tag so etwas wie… Boden,“ sagte er. „Nur ein kleines Stück.“ Introduction of Business – Katheter als Pointe „Am nächsten Morgen,“ fuhr er fort, „war ‚Introduction of Business‘. Ich war immer noch angeschlagen, aber ich wollte nicht sofort wieder alles hinschmeißen. Ich dachte: Vielleicht ist es da anders.“ Er erzählte: – von dem Dozenten, der eigentlich okay gewesen war, – von dem Studenten hinten, der fragte, ob es Pflicht sei, eine Gruppe zu haben „oder ob ein Katheter reicht, um aufzufallen“, – vom Lachen, von dem Stich in seinem Bauch, – davon, dass der Dozent wenigstens gesagt hatte, dass man keine Witze über medizinische
Hilfsmittel macht, – von der Kommilitonin, die in der Pause zu ihm gekommen war und gesagt hatte: „Das war scheiße, was er gesagt hat.“ „Das war das erste Mal,“ sagte Lukas, „dass jemand aus der Studierendengruppe aktiv gesagt hat, dass es falsch war. Das hat nicht alles geheilt, aber… es war eine kleine Gegenstimme.“ Sie nickte. „Das ist wichtig,“ sagte sie. „Nicht nur die Verletzungen, sondern auch die kleinen Korrekturen. Sonst bleibt Ihr innerer Film nur aus Täterstimmen bestehen.“ Lukas sah auf seine Hände. „Aber dann kam Mathe,“ murmelte er. Mathe – die Urinaktion Er brauchte einen Moment, um weiterzureden. Sie drängte nicht. „Der Mathe-Dozent…“ setzte er an. „Der, der früher einfach nur streng war. Er hat Witze gemacht, dass es schade sei, dass ich keinen Beutel mehr habe. Dass es in der Vorlesung ‚olfaktorisch langweilig‘ geworden sei.“ Die Therapeutin verzog wieder das Gesicht. Sie schrieb sich etwas auf, ohne hinzugucken. Dann erzählte Lukas von der „Aktion“: – vom mit Papier ausgelegten Boden vorne, – davon, dass fast niemand eine Tasche dabei hatte, – davon, dass Studierende echte Urinbeutel aus dem Krankenhaus geholt hatten, – davon, dass der Dozent den größten Beutel mit Absicht auf den Boden schleuderte, bis er platzte, – vom Geruch, der sich ausbreitete, – vom See, der sich bildete, mehrere Zentimeter hoch, – von den Sprüchen: „Willkommen zurück im gewohnten Umfeld.“ Seine Stimme wurde brüchig, als er es aussprach. Seine Hände krampften sich um die Kante des Notizbuchs. Sie ließ ihn erzählen, unterbrach nicht, ließ die Stille danach stehen. „Lukas,“ sagte sie dann, ruhig, aber mit harter Kante in der Stimme, „ich möchte, dass Sie sich eines klarmachen: Das, was Sie da beschreiben, ist kein ‚normaler, etwas gemeiner Witz‘. Das ist eine organisierte Demütigung. Mit medizinischem Material, mit Beteiligung eines Dozenten, mit Vorbereitung. Das ist… ich wähle das Wort bewusst… entwürdigend.“ Er nickte hektisch. „Ich hab immer gedacht, ich übertreibe,“ murmelte er. „Dass ich zu empfindlich bin. Aber wenn eine Therapeutin, die seit Jahren mit Trauma arbeitet, ‚entwürdigend‘ sagt… dann…“ „Dann stimmt Ihre Wahrnehmung,“ sagte sie. „Ihr Nervensystem reagiert auf etwas, das tatsächlich massiv übergriffig war. Es ist nicht hypersensibel, wenn jemand schreit, wenn er geschlagen wird.“ Er musste schlucken. „Ich bin rausgegangen,“ flüsterte er. „Das war das einzige, was ich noch tun konnte. Und draußen… saß Erling. Hat nicht gefragt ‚Stell dich nicht so an‘, sondern: ‚Okay, raus hier.‘“ „Gut,“ sagte sie. „Das war Selbstschutz. Und es war wichtig, dass jemand draußen war, der nicht sagte: ‚Bleib und funktioniere.‘“ Englisch & Bibliothek – die Gegenpole „Dann,“ fuhr er fort, „kam der Tag nach dem Therapietag. Englisch.“ Er erzählte von Ms. Turner: – von den Regeln an der Tafel („Respect“, „No mocking“), – vom Satz: „Das ist keine Klasse, in der jemand zur Pointe gemacht wird“,
– davon, dass Ali ihn ernst genommen hatte, als Partner, – davon, dass niemand gelacht hatte, als Ali gesagt hatte, was ihm passiert war, – von ihrem Satz: „You are not broken. You are tired, hurt, overloaded.“ Er merkte, wie sich sein Brustkorb ein kleines Stück weitete, als er das wiedergab. „Zum ersten Mal,“ sagte er, „war ich in einem Raum an der Hochschule nicht der Freak. Ich war einfach jemand, der eine beschissene Woche hatte. Und das wurde nicht benutzt, um mich weiter runterzudrücken.“ „Das ist ein enorm wichtiger Gegenerfahrungspunkt,“ sagte sie ernst. „Ihr Gehirn braucht solche Inseln dringend. Sonst glaubt es irgendwann wirklich: Überall ist Gefahr.“ Er nickte. „Danach war ich in der Bibliothek,“ ergänzte er. „Ich hab meine Notizen sortiert. Englisch gemacht. Ich hab nach Schatten gesucht – aus Gewohnheit. Aber es war ruhig. Keine versteckten Angriffe, nur normale Leute. Ich hab dort zum ersten Mal gedacht: Vielleicht ist die Hochschule nicht nur Hölle. Vielleicht gibt es Räume, die neutral oder sogar gut sind.“ „Das ist Ihr gesunder Anteil,“ meinte sie. „Der, der nicht nur schwarz oder weiß sehen will.“ Der Cousin – die Drohung im Hintergrund „Und dann ist da noch… mein Cousin,“ sagte Lukas leise. „Als wäre das alles nicht genug.“ Er nahm das Handy heraus, ohne den Chat zu öffnen, aber allein die Geste zeigte, wie sehr es ihn beschäftigte. Er erzählte: – von der langen Nachricht der „Tante“, die auflistete, was sie alles für ihn getan hatte und wie sie ihn erlebt hat, – von der Antwort des Cousins, in der er die Familie als „Abschaum“ beschimpft, – in der er behauptet, er habe Lukas nie verletzt, – in der er alle Vorwürfe umdrehte und sich zum Opfer machte, – in der er Rapha… den jungen Mann und seine Mutter als Lügner darstellte, – in der dieser Satz hängen blieb: dass er lieber ohne sie lebe, dass sie falsch, lügend, oberflächlich seien. Er erzählte auch von dem inneren Bild: – der Cousin, der alleine im Zimmer liegt, an die Decke starrt, – wie er sich schwört, ihm die Vorweihnachtszeit, Silvester und Neujahr zur Hölle zu machen, – der Satz in seinem Kopf: „Du wirst alles verlieren, alles wird sich ändern.“ „Ich weiß nicht,“ sagte Lukas, „ob er wirklich etwas Konkretes plant. Oder ob das nur mein Kopf ist, der aus seinem Hass eine Megabedrohung macht. Aber ich spüre… einen Schatten. Wie eine ständige Drohung im Hintergrund.“ Sie nickte, schrieb etwas auf. „Okay,“ sagte sie. „Da haben wir zwei Ebenen: die reale Ebene – was hat er tatsächlich getan, gesagt, geschrieben – und die innere Ebene – was macht Ihr Nervensystem daraus. Beide sind wichtig. Wir werden da später nochmal genauer draufschauen.“ „Die Hochschule ist zu schwer.“ – Der Kernsatz Es war einen Moment still. Lukas starrte auf seine Hände. „Und jetzt,“ sagte er leise, „habe ich das Gefühl… die Hochschule ist zu schwer für mich.“ Er hob den Blick, und in seinen Augen lag keine Trotzigkeit – nur nackte Erschöpfung. „Nicht nur vom Stoff,“ sagte er. „Den könnte ich schaffen, glaube ich. Englisch, BWL, Mathe… das ist alles nicht einfach, aber nicht unmöglich. Was unmöglich scheint, ist: das ganze Drumherum – die Menschen, die Strukturen, die Demütigungen, die fehlende Sicherheit.“ Er atmete aus.
„Ich wache morgens auf und denke: Welche neue Erniedrigung haben sie heute für mich vorbereitet? Und das ist nicht nur mein Kopf – es passiert ja. Es ist keine Angst vor etwas, das nie eintritt. Es ist die Angst vor etwas, das immer wieder eintritt.“ Sie lehnte sich leicht vor. „Was ist Ihre größte Angst, wenn Sie sagen: ‚Die Hochschule ist zu schwer?‘“ fragte sie. „Ist es, dass Sie versagen? oder dass andere sagen: ‚War klar, dass er das nicht packt‘? oder etwas anderes?“ Er überlegte. „Alles,“ sagte er. „Ich hab Angst, dass ich abbreche und wieder ‚der bin, der es nicht geschafft hat‘. Ich hab Angst, dass ich weitermache und daran kaputtgehe. Ich hab Angst, dass ich gar nicht mehr ich bin, sondern nur noch Reaktionsmaschine auf deren Grausamkeit.“ Seine Stimme brach kurz. „Ich weiß nicht, was ich tun soll,“ sagte er leise. „Ich kann so nicht weitermachen. Aber ich weiß auch nicht, ob ich es aushalte, wieder alles hinzuschmeißen.“ Vorschläge – nicht „entweder ganz oder gar nicht“ Sie nickte langsam. Man sah ihr an, dass sie seine inneren Dilemmata kannte – das SchwarzWeiß: Ganz drin, ganz draußen. „Gut,“ sagte sie leise. „Dann lassen Sie uns erstmal eins festhalten: So, wie es jetzt läuft, ist es nicht tragbar. Weder für Ihren Körper noch für Ihre Psyche. Da sind wir uns einig?“ „Ja,“ sagte Lukas sofort. „Zweiter Punkt,“ fuhr sie fort. „‚Hochschule ist zu schwer‘ muss nicht automatisch heißen: Sie sind zu schwach. Es kann auch heißen: Die Bedingungen sind nicht passend. Und da gibt es – glücklicherweise – mehr Möglichkeiten als nur ‚durchbeißen oder abbrechen‘.“ Er runzelte leicht die Stirn. „Welche… Möglichkeiten?“ fragte er vorsichtig. Sie zählte mit den Fingern auf, langsam, damit es nicht wie eine Überflutung wirkte. 1. Nachteilsausgleich und Zeitverlängerung „Erstens,“ sagte sie, „haben Sie als Autist mit dokumentierten gesundheitlichen Einschränkungen das Recht auf Nachteilsausgleich. Das heißt: offizielle Vereinbarungen, dass bestimmte Bedingungen angepasst werden – z.B.: • verlängerte Prüfungszeit, • ruhigerer Prüfungsraum, • Möglichkeit, Prüfungen in schriftlicher statt mündlicher Form abzulegen, wo das geht, • feste Sitzplätze in bestimmten Räumen, • gegebenenfalls die Möglichkeit, Online- oder Hybridlösungen zu nutzen, wenn Präsenzräume zu überfordernd sind.“ Lukas hörte zu, aber sein Gesichtsausdruck war skeptisch. „Und meinen Sie, die nehmen das ernst?“ fragte er. „Nach… dem, was da alles passiert ist?“ „Es gibt eine Prüfungsordnung und eine Schwerbehindertenvertretung,“ sagte sie ruhig. „Die Hochschule kann sich nicht einfach aussuchen, ob sie geltendes Recht ignoriert. Das heißt nicht, dass es leicht wird – aber Sie sind nicht ohne Basis.“ 2. Reduktion der Belastung – weniger Module „Zweitens,“ fuhr sie fort, „wir könnten prüfen, ob Sie für ein oder zwei Semester weniger Module nehmen. Also offiziell in Teilzeitstruktur gehen. Nicht alles gleichzeitig, sondern Schritt für Schritt. Das nimmt Druck von Ihrem Nervensystem.“ „Aber dann dauert das Studium ewig,“ war Lukas’ erster Reflex.
„Vielleicht,“ sagte sie. „Aber ehrlich: Was ist Ihnen lieber – ein Studium, das länger dauert, bei dem Sie zwischendurch atmen können – oder ein schnelleres Studium, bei dem Sie zwischendrin zusammenbrechen und alles abbrechen?“ Er schwieg. Innerlich wusste er die Antwort – auch wenn sein Perfektionismus rebellierte. 3. Offizielle Beschwerde & Schutz vor bestimmten Dozenten „Drittens,“ sagte sie, und ihr Ton wurde wieder härter, „das, was in Mathe passiert ist, darf nicht ohne Konsequenzen bleiben. Wir können – natürlich nur, wenn Sie das wollen – gemeinsam eine Dokumentation erstellen. Schriftlich, detailliert.“ Sie zeigte auf sein Mutbuch. „Sie haben ja schon viel notiert,“ sagte sie. „Wir könnten daraus einen strukturierten Bericht machen: • Datum • Raum • was der Dozent gesagt hat • was Studierende getan haben • wie der Aufbau der ‚Aktion‘ war • Ihre körperliche Reaktion Damit könnten wir – in Ihrem Namen oder mit Unterstützung – zur Gleichstellungsstelle, Hochschulleitung, Beschwerdestelle gehen. Es ist sogar denkbar, einen Anwalt einzuschalten. Ich sage das nicht, um Sie zu überfordern – sondern, um zu betonen: Sie müssen das nicht einfach ‚schlucken‘.“ Lukas’ Augen wurden groß. „Ich… hab Angst, dass es dann nur schlimmer wird,“ flüsterte er. „Dass sie sagen: ‚Jetzt stellt der sich auch noch an‘.“ „Das ist eine reale Sorge,“ sagte sie. „Deshalb wäre es wichtig, dass Sie das nicht allein tun. Wenn überhaupt. Wir können auch überlegen, ob Sie zunächst nur fordern, nicht mehr in diesem Kurs bei diesem Dozenten sitzen zu müssen. Das wäre ein minimales Schutzziel.“ 4. Zeitliche Entzerrung – Urlaubssemester / Pause „Viertens,“ sagte sie, „gibt es die Möglichkeit eines Urlaubssemesters oder einer offiziellen Pause. Das heißt nicht: ‚Ich breche ab‘. Es heißt: ‚Ich steige für eine definierte Zeit aus, um stabiler wiederzukommen.‘“ Er verzog das Gesicht. „Wenn ich das mache,“ sagte er, „dann schreien alle inneren Stimmen: Schon wieder aufgegeben.“ „Dann müssen wir diese inneren Stimmen auch anschauen,“ meinte sie ruhig. „Manchmal ist eine Pause kein Aufgeben, sondern Überleben. Aber das entscheiden Sie. Ich möchte nur, dass die Option auf dem Tisch ist.“ 5. Sicherheitsnetz im Alltag „Und fünftens,“ schloss sie, „können wir gemeinsam einen Notfallplan für Ihren Alltag erstellen: • Was tun, wenn eine Vorlesung kippt? • Wen können Sie sofort kontaktieren? • Welche Wege sind sicher? • Welche Räume sind Ihre ‚Inseln‘ (z.B. Englisch, ein bestimmter Bibliotheksbereich, Ihr Zimmer zu Hause)? • Was tun Sie, wenn der Cousin wieder schreibt oder Sie das Gefühl haben, beobachtet zu werden?“
Lukas ließ das einen Moment Es war viel – aber es war zum ersten Mal nicht nur „Ertragen“, sondern „Gestalten“.
Rückfrage: „Und was, wenn es einfach zu viel ist?“ „Und wenn… all das trotzdem nicht reicht?“ fragte er leise. „Wenn ich merke, dass ich trotz Nachteilsausgleich und weniger Modulen nicht kann?“ Sie sah ihn ruhig an. „Dann ist das keine Charakterfrage,“ sagte sie. „Dann ist es ein Zeichen, dass Sie in einer Umgebung sind, die für Ihre Kombination aus Autismus, Trauma und körperlicher Belastung schlicht ungeeignet ist. Das ist kein persönliches Versagen, sondern ein Missmatch. Aber soweit sind wir noch nicht. Jetzt geht es erstmal darum, dass Sie Optionen bekommen – nicht nur Kampf oder Flucht.“ Er nickte langsam. Es war, als würde sich in seinem Kopf ein Raum öffnen, von dem er gar nicht wusste, dass es ihn gibt. Konkrete Vereinbarung für „jetzt“ „Damit es nicht nur bei Theorie bleibt,“ sagte sie, „machen wir es konkret. Was halten Sie davon, wenn wir folgende Schritte ins Auge fassen – nicht alle heute, aber als Fahrplan?“ Sie zählte auf, diesmal langsamer, mit Pausen: 1. Sie sammeln weiter schriftlich alles, was passiert – so wie bisher. 2. Ich helfe Ihnen, daraus bei einem der nächsten Termine ein strukturiertes Dokument zu machen – falls Sie eine Beschwerde oder einen Antrag stellen wollen. 3. Sie wenden sich – mit Unterstützung, wenn nötig – an die Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung / chronischer Erkrankung Ihrer Hochschule, um Nachteilsausgleiche zu beantragen (Zeitverlängerung, ruhiger Raum, Teilzeitstruktur). 4. Wir überlegen gemeinsam, welche Räume Sie meiden dürfen, ohne dass es Ihr ganzes Studium sprengt (z.B. Mathe bei diesem Dozenten). 5. Wir entwerfen einen Notfallplan für Situationen, in denen Sie merken: „Kippe kurz vor Panik.“ „Und,“ fügte sie hinzu, „wir behalten das Thema Urlaubssemester als Option im Hinterkopf – nicht als Drohung, sondern als Sicherheitsnetz.“ Lukas atmete schwer, aber seine Augen wirkten wacher. „Das klingt nach… etwas, was nicht nur aus Aushalten besteht,“ sagte er. „Zum ersten Mal hab ich das Gefühl, ich könnte aktiv etwas tun. Auch wenn es viel Kraft kostet.“ „Es wird Kraft kosten,“ bestätigte sie. „Aber Sie müssen diese Kraft nicht allein aufbringen. Sie haben jetzt ein kleines Team: Ihre Mutter, den Spieler, mich, die psychologische Beratung, vielleicht eine Vertrauensperson an der Hochschule. Sie sind nicht mehr der einzige, der versucht, die Mauer mit bloßen Händen zu halten.“ Und die Hochschule? „Aber… ist es okay,“ fragte Lukas zum Schluss, „wenn ich ehrlich sage: Die Hochschule ist mir gerade zu schwer? Ohne dass Sie sagen: ‚Doch, Sie müssen da durch‘?“ Sie lächelte traurig, aber warm. „Es ist nicht nur okay,“ sagte sie. „Es ist wichtig. Ich wäre eine schlechte Therapeutin, wenn ich Ihnen erzählen würde, dass Sie nur noch ein bisschen stärker sein müssen, während Ihre Umgebung sich aufführt wie im Mittelalter.“ Sie sah ihn fest an. „Sie müssen nicht unendlich belastbar werden,“ sagte sie. „Sie müssen lernen, Ihre Grenzen zu sehen, zu schützen und Unterstützung einzufordern. Das ist etwas anderes.“
Lukas ließ den Satz sacken. Er fühlte sich an wie ein Gegenmittel zu all den Stimmen, die „Stell dich nicht so an“ geschrien hatten. Draußen vor dem Gebäude saß Erling in einem kleinen Café, die Hände um eine Tasse gelegt, den Blick immer wieder zur Tür des Therapiezentrums. Drinnen, im warmen Raum, hatte Lukas zum ersten Mal seit Langem nicht nur eine lange Liste von Verletzungen vor sich, sondern auch eine erste, vorsichtige Liste von Möglichkeiten: Nicht perfekt. Nicht einfach. Aber real. Und als er am Ende der Stunde den Raum verließ, hatte er zwar immer noch Angst vor der Hochschule – aber er hatte nicht mehr nur das Gefühl, ihr hilflos ausgeliefert zu sein. Der Nachmittag hing wie ein grauer Faden zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite: das Therapiezimmer, in dem Lukas zum ersten Mal seit Tagen das Gefühl gehabt hatte, nicht komplett falsch zu sein. Auf der anderen: die Hochschule – der Ort, der ihn gleichzeitig anzog und abstoßte. Vor dem Therapiezentrum – die Entscheidung Als Lukas aus dem Gebäude der Autismustherapie trat, stand der Spieler schon wieder draußen. Erling hatte sich vor das Café gestellt, damit er die Tür im Blick behalten konnte. Als Lukas herauskam, hob er nur kurz die Hand. „Na?“ fragte er leise. „Kopf explodiert oder noch dran?“ Lukas zögerte, dann zuckte er mit den Schultern. „Beides,“ sagte er ehrlich. „Aber… sie hat nicht gesagt, ich sei übertrieben. Sie hat gesagt ‚entwürdigend‘ zu Mathe. Und wir haben über Möglichkeiten geredet. Nachteilsausgleich. Zeitverlängerung. Vielleicht sogar Beschwerde. Ich bin noch nicht soweit… aber es gibt zumindest einen Plan.“ Erling nickte zufrieden. „Das klingt nach Arbeit, aber nicht nach hoffnungslosem Tunnel,“ meinte er. „Was machst du jetzt? Heim? Oder…?“ Lukas sah auf die Uhr. „Eigentlich,“ sagte er langsam, „hätte ich später noch ‚Recht für Wirtschaftswissenschaften‘ an der Hochschule. Ich… glaube nicht, dass ich heute in die Vorlesung gehe. Aber… wir haben darüber gesprochen, dass ich mir Hilfe innerhalb der Hochschule suchen könnte. Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung, vielleicht sogar jemanden vom Prüfungsamt oder der Gleichstellung.“ Er atmete tief ein. „Vielleicht ist es gut, wenn ich nach der Therapie nicht direkt wieder in mein Zimmer gehe,“ sagte er. „Wenn ich heute wenigstens einen kleinen Schritt in Richtung ‚Recht & Schutz‘ mache. Sonst fühlt es sich an, als würde ich nur reden und nie handeln.“ Erling sah ihn ernst an. „Bist du sicher, dass du das heute schon schaffst?“ fragte er. „Es war viel drin in der Sitzung.“ „Sicher bin ich nie,“ antwortete Lukas. „Aber… ich glaube, ich bin heute eher in der Lage, ruhig zu erklären, was passiert ist, als in drei Tagen, wenn der Schock sich wieder eingepackt hat. Und die Therapeutin meinte: Wenn ich es schaffe, sollte ich relativ zeitnah anfangen, Dinge zu dokumentieren und anzusprechen.“ Er sah zu ihm hoch. „Kommst du mit bis vor die Hochschule?“ fragte er. „Nicht mit rein ins Büro. Nur bis zum Gebäude.“
„Klar,“ sagte Erling. „Wenn du willst, laufe ich sogar bis zum Flur mit und tu so, als müsste ich mich verlaufen.“ Lukas musste trotz allem kurz lachen. „Reicht, wenn du draußen bist,“ meinte er. „Ein Bein reicht, das nicht versucht, mir eins zu stellen.“ Auf dem Weg – Recht als doppeldeutiges Ziel In der Straßenbahn zurück Richtung Hochschule fühlte sich Lukas’ Körper seltsam zweigeteilt an: Oben, im Kopf, das Therapeutengespräch, das noch nachhallte. Unten, im Bauch, die altbekannte Anspannung, weil das Ziel wieder „Hochschule“ hieß. „Du musst heute nicht perfekt sein,“ sagte Erling, als die Bahn über eine Brücke rumpelte. „Du musst dort nicht die perfekte, juristisch wasserdichte Beschwerde vorlegen. Es reicht, dass du sagst: Mir ist etwas passiert, das nicht in Ordnung ist. Ich brauche Hilfe und Informationen.“ Lukas nickte. „Sie hat Nachteilsausgleich und Zeitverlängerung vorgeschlagen,“ murmelte er. „Und dass ich mich melden kann, wenn ich nicht mehr in bestimmten Räumen sitzen kann. Ich hab… das Gefühl, dass ich im Mathe-Trakt nicht mal mehr die Tür ansehen kann, ohne dass mein Körper schreit.“ „Klingt logisch,“ meinte Erling. „Das ist kein normaler Hörsaal mehr für dich. Das ist Tatort.“ Die Bahn fuhr in die Nähe der Hochschule ein. Lukas spürte wieder diesen inneren Widerstand, wenn das Campusgelände sichtbar wurde: eine Mischung aus Heimstadion und Feindesland. Campuseintritt – der Weg zum „Recht“ Sie stiegen aus, liefen über den Platz vor dem Hauptgebäude. Studierende mit Rucksäcken, Handys, Kaffeebechern. Ein paar saßen auf den Stufen, andere eilten zu den nächsten Veranstaltungen. „Die Beratungsstelle fürs Thema Behinderung / Nachteilsausgleich ist im Verwaltungstrakt, oder?“ fragte Erling. „Ja,“ sagte Lukas. „Im gleichen Flur wie Prüfungsamt und studentische Rechtsberatung. Irgendwie passend.“ Er warf einen Blick zum Mathe-Gebäude weiter hinten und wandte den Kopf sofort wieder ab. Schon der Anblick ließ ihm kurz schlecht werden. „Wir gehen direkt da lang,“ sagte er und zeigte auf den Eingang der Verwaltung. „Je weniger Umwege, desto besser.“ Sie gingen die Stufen hoch, durch die Drehtür, vorbei an einem Aushang mit allgemeinen Bekanntmachungen. Innen war die Atmosphäre anders als in den Lehrgebäuden: weniger Stimmen, mehr Teppichboden, ein leises Summen von Druckern, gedämpfte Telefonate hinter Türen. „Ich war schon mal hier, wegen der Immatrikulation,“ murmelte Lukas. „Damals dachte ich noch, es wird alles irgendwie laufen.“ „Heute bist du hier, um dafür zu sorgen, dass du nicht untergehst,“ antwortete Erling ruhig. „Das ist ein Unterschied.“ Der Flur zum „Recht“ – und das ausgestellte Bein Sie bogen in den langen Flur ein, in dem die Schilder „Prüfungsamt“, „Studierenden-Service“, „Beratung für Studierende mit Behinderung“ und „Rechtsberatung“ an den Türen hingen. Am Ende des Gangs war ein Wartebereich mit ein paar Stühlen.
„Okay,“ sagte Erling leise. „Ich bleibe hier in der Nähe von der Treppe stehen. Wenn du fertig bist, kommst du zurück. Wenn du mich vorher brauchst, rufst du an oder kommst wieder raus. Du musst heute nichts durchziehen, nur weil du hier bist.“ Lukas nickte, atmete durch und ging die letzten Meter allein weiter. Vor dem Büro der Beratungsstelle standen zwei Studierende, beide etwa in seinem Alter. Einer lehnte mit dem Rücken an der Wand, der andere saß auf dem Heizkörper gegenüber und scrollte im Handy. Sie redeten halblaut, lachten zwischendurch – dieses halb gelangweilte, halb spöttische Lachen, das Lukas inzwischen von weitem erkannte. Er musste an ihnen vorbei, um zur Tür mit dem Schild „Beratung für Studierende mit Behinderung / chronischer Erkrankung“ zu kommen. Sein Körper spannte sich automatisch an. „Einfach durch,“ sagte er in Gedanken. „Die sind nicht wegen dir hier. Du bist nur ein Mensch, der zu einem Termin geht.“ Er richtete den Blick auf das Schild an der Tür und setzte einen Schritt vor den anderen. Als er auf Höhe des sitzenden Studenten war, passierte es: Ein Bein – das des Jungen auf dem Heizkörper – schoss plötzlich aus der vermeintlich beiläufigen Position nach vorn, genau in den Weg, ohne dass der Blick vom Handy wich. Lukas’ Fuß blieb daran hängen. Es ging alles sehr schnell: – Sein Gleichgewicht kippte nach vorne. – Der Boden kam zu nah, zu schnell. – Er riss die Hände hoch, um sich irgendwo abzustützen. Er stolperte, die Knie gaben nach, er prallte halb gegen die Wand, halb auf den Boden. Die Luft entwich ihm stoßweise aus der Lunge. „Oh sorry, Alter,“ sagte der Junge auf dem Heizkörper mit einem Ton, der keinerlei Entschuldigung enthielt. „Hab dich nicht gesehen.“ Der andere, der an der Wand lehnte, grinste. „Solltest du nicht langsam Routine im Fallen haben?“ murmelte er. „Nach all den Stunts mit Beuteln und so?“ Lukas’ Herz raste. Sein Knie brannte, sein Handgelenk pochte. Der Gang kippte kurz in eine Schräglage. Er wollte schon in den bekannten inneren Modus rutschen: Es war bestimmt ein Versehen. Stell dich nicht so an. Einfach aufstehen, nichts sagen. Doch da passierte etwas, was in früheren Szenen oft gefehlt hatte: Jemand anders hatte es gesehen. Und reagierte. Die Beobachterin Aus dem Büro schräg gegenüber – „Rechtsberatung der Studierendenvertretung“ – war genau in dem Moment eine Frau herausgekommen: Mitte 30, ordentliche Bluse, Ausweisband um den Hals, ein Stapel Akten in der Hand. Sie war just in dem Moment in die Tür getreten, als Lukas’ Fuß am ausgestreckten Bein hängen blieb und er stürzte. Sie blieb abrupt stehen. Ihre Augen verengten sich. „Entschuldigung,“ sagte sie scharf, aber kontrolliert, „was soll das?“ Der Junge auf dem Heizkörper zog das Bein nonchalant zurück. „War ein Versehen,“ sagte er. „Ich hab nur…“ „Nein,“ unterbrach sie ihn. „Ich habe gesehen, dass Sie Ihr Bein gezielt in seinen Weg gestellt haben. Das war kein Versehen.“ Der andere an der Wand verschränkte die Arme. „Boah, chillen Sie,“ murmelte er. „Passiert doch nichts. Der lebt noch.“
Die Frau ignorierte ihn, wandte sich zu Lukas, der sich gerade mühsam wieder halb aufgerichtet hatte, eine Hand an der Wand abgestützt. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ fragte sie, und ihre Stimme wurde sofort weicher. „Können Sie stehen? Haben Sie sich wehgetan?“ Lukas nickte reflexhaft, obwohl sein Knie throbbte. „Geht schon,“ brachte er hervor. „Nur erschrocken.“ „Erschrocken reicht vollkommen,“ sagte sie. „Das hier ist ein Verwaltungsflur, keine Schulhof-Arena.“ Sie drehte sich wieder zu den beiden. „Wie heißen Sie?“ fragte sie, ihre Stimme wieder scharf. „Wieso?“ provokante Antwort. „Weil ich gerade eine gezielte Gefährdung gesehen habe,“ sagte sie ruhig. „Stolpern kann immer passieren. Aber jemandem absichtlich ein Bein zu stellen in einem öffentlichen Gebäude ist kein kleiner Spaß, sondern ein Sicherheitsproblem. Und in diesem Flur zufällig vor dem Büro der Behindertenberatung erst recht.“ Der Junge auf dem Heizkörper lachte spöttisch. „Sie übertreiben ja mal komplett,“ sagte er. „Wir haben nur—“ „Name,“ unterbrach sie noch einmal, ohne lauter zu werden. „Oder möchten Sie, dass ich die Hochschulleitung und den Sicherheitsdienst dazu hole? Hier sind auch Kameras im Flur.“ Lukas blinzelte. Kameras? Er hatte sie nie bewusst wahrgenommen – kleine schwarze Halbkugeln an der Decke. Der Junge an der Wand seufzte genervt, murmelte seinen Namen. Der andere folgte, deutlich weniger cool als noch vor einer Minute. „Danke,“ sagte die Frau knapp. „Es wird eine Notiz geben. Und für heute bitte ich Sie, den Flur zu verlassen. Sofort.“ „Jetzt echt?“ Der Tonfall war eine Mischung aus Empörung und „Das hat noch nie jemand gemacht“. „Ja,“ sagte sie. „Echt.“ Die beiden sahen sich an, murmelten irgendwas von „Spießerverein“ und trollten sich langsam Richtung Treppenhaus. Ein anderer Umgang – und ein neuer Zeuge Als sie außer Hörweite waren, wandte die Frau sich wieder Lukas zu. „Würden Sie sich bitte kurz zu mir setzen?“ fragte sie und deutete auf zwei Stühle im Wartebereich. „Ich möchte sicherstellen, dass es Ihnen gut geht. Und ich würde gern wissen, ob das gerade ein isolierter Vorfall war – oder ob da mehr dahintersteckt.“ Lukas war einen Moment lang wie innerlich blockiert. Er war es so gewohnt, dass solche Situationen entweder durch Gelächter, Ignorieren oder Täter-Schutz beendet wurden, dass ihn die Tatsache, dass jemand sofort Partei ergriff, fast mehr überforderte als der Sturz selbst. Er setzte sich langsam, testete sein Knie – es tat weh, aber es schien nichts gebrochen zu sein. Die Hand fühlte sich verstaucht an, aber funktionstüchtig. „Danke,“ murmelte er. „Ich… äh… bin nur erschrocken.“ „Erschrecken ist nach so einem gezielten Bein stellen vollkommen verständlich,“ sagte sie. „Mein Name ist Frau Weber. Ich arbeite hier in der Rechtsberatung der Studierendenvertretung. Und ich habe sehr deutlich gesehen, was gerade passiert ist.“ Sie sah ihn ernst an. „Darf ich fragen, ob das ein einmaliger Vorfall war?“ fragte sie. „Oder erleben Sie häufiger solche… ‚Zufälle‘?“ Lukas schluckte. In seinem Kopf rauschte es kurz: Sag nichts. Mach keine Welle. Du bist doch schon der, der überreagiert. Doch die letzte Stunde in der Therapie hallte nach: Sie müssen nicht unendlich viel schlucken.
„Es… ist nicht das erste Mal, dass etwas in der Art passiert,“ sagte er vorsichtig. „Vielleicht nicht genau so, aber… Sprüche, Witze, Aktionen. Vorlesungen, in denen mein Katheter als Pointe benutzt wurde. Eine Mathe-Stunde mit echten Urinbeuteln…“ Er brach ab. Das Wort alleine reichte, um seine Hände wieder feucht werden zu lassen. Sie hob eine Augenbraue. „Ich glaube,“ sagte sie, „wir sollten uns das genauer ansehen. Wenn Sie möchten, können Sie gern nach Ihrem Termin bei der Beratungsstelle kurz zu mir ins Büro kommen. Dann schildern Sie mir das in Ruhe. Ich bin hier, um Studierenden zu helfen – nicht, um über sie zu lachen.“ Sie zeigte auf die Tür. „Und jetzt,“ fügte sie hinzu, „gehen Sie erstmal zu der Kollegin von der Behindertenberatung. Sie wirkt sehr kompetent – und wird ohnehin gern niederschreiben wollen, was gerade im Flur passiert ist. Sie haben jetzt eine Zeugin. Nutzen Sie das.“ Lukas spürte, wie ein völlig neues Gefühl in ihm aufstieg: Nicht Freude. Nicht Erleichterung. Aber etwas, das er lange nicht hatte: Gesehen werden – nicht als Problem, sondern als jemand, dem Unrecht widerfahren ist. „Danke,“ sagte er leise. „Dass Sie nicht weggeschaut haben.“ „Wegschauen ist etwas, das hier schon zu viele gemacht haben,“ antwortete sie schlicht. „Fangen wir langsam damit an, damit aufzuhören.“ Hinter der Tür – ein anderer Anfang beim „Recht“ Mit leicht wackligen Knien stand Lukas wieder auf, ging zur Tür der Beratungsstelle, auf der stand: „Beratung für Studierende mit Behinderung / chronischer Erkrankung – Nachteilsausgleich – Studienorganisation – Unterstützung bei Diskriminierung“ Er klopfte, hörte ein „Herein!“, öffnete die Tür. Noch bevor er ein Wort sagen konnte, bemerkte er: Hinter ihm, im Flur, stand Frau Weber noch immer – und tippte auf einem Klemmbrett. Eine Zeugin. Ein Protokoll. Zum ersten Mal in der ganzen Hochschulhölle nicht nur seine Erinnerung, sondern jemand, der sagen konnte: „Ja. Ich habe gesehen, wie sie ihm ein Bein gestellt haben.“ Lukas trat über die Schwelle, hinein in ein Büro, in dem nicht Prüfungen verteilt wurden, sondern Möglichkeiten. Und auch wenn sein Herz noch raste, hatte er in diesem Moment zum ersten Mal seit langem etwas im Rücken, was sonst immer gefehlt hatte: Jemand, der nicht nur sagt „Das war nicht okay“, sondern es im Zweifel auch bezeugen konnte. Der Nachmittag war wie in Watte gepackt, als Lukas schließlich das Gebäude der Hochschule wieder verließ. Die Gespräche in der Beratungsstelle und mit Frau Weber hatten Spuren hinterlassen: Er war erschöpft, aber nicht mehr nur im Modus „alles ertragen“. Zum ersten Mal hatte jemand innerhalb der Hochschule nicht nur verständnisvoll genickt, sondern ganz konkret gesagt: „Das war nicht in Ordnung – und wir können etwas tun.“ Es war viel, fast zu viel.
Raus aus der Hochschule – Luft holen mit dem Spieler Vor dem Gebäude lehnte Erling an einer Säule, Hände in den Taschen, Blick auf den Eingang gerichtet. Als Lukas herauskam, richtete er sich sofort auf. „Da bist du ja,“ sagte er leise. „Ich hatte schon überlegt, ob ich reinmarschieren muss und so tun soll, als wäre ich dein Anwalt.“ Lukas atmete durch, sein Rucksack schien doppelt so schwer wie sonst. „Du hättest fast gebraucht werden können,“ murmelte er. „Aber… diesmal war es anders. Jemand hat gesehen, wie sie mir ein Bein gestellt haben. Und nicht nur geguckt, sondern reagiert.“ Erling zog eine Augenbraue hoch. „Jemand von da drinnen?“ fragte er. „Ja,“ nickte Lukas. „Eine Frau aus der Rechtsberatung. Sie hat gesehen, wie der Typ sein Bein extra in meinen Weg gestreckt hat. Sie hat die beiden angemault, ihre Namen verlangt, ihnen gesagt, das hier sei kein Schulhof. Und sie will mit mir reden. Später. Über alles.“ Erling pfiff leise durch die Zähne. „Okay,“ sagte er. „Das ist neu. Hochschule minus eins, Rechtsberatung plus eins.“ Lukas schnaubte ein kleines bisschen. „Und in der Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung… hat die Frau mir erklärt, wie Nachteilsausgleich funktioniert. Zeitverlängerung. Einzelraum. Teilzeitstudium. Und sie war wirklich wütend, als ich von Mathe erzählt hab.“ „Gut,“ meinte Erling. „Es ist schön, wenn du mal nicht der Einzige im Raum bist, der kapiert, wie krank das ist.“ Lukas nickte. „Ich bin müde,“ sagte er dann schlicht. „Ich will jetzt nur noch nach Hause. Keine Bibliothek, kein Englischraum, nichts. Nur… weg.“ „Dann machen wir genau das,“ antwortete Erling. „Heute reicht’s.“ Auf dem Weg zur Straßenbahn – schwer, aber etwas gerader Sie gingen nebeneinander über den Campus. Der Himmel war schon dunkler geworden, November-Grau, das langsam in frühe Dämmerung kippte. Überall liefen Leute in Jacken, Schals, mit Kaffee to go. Lukas spürte seine Knie – dort, wo er vorhin im Flur aufgeschlagen war. Bei jedem Schritt erinnerte ihn ein dumpfes Ziehen daran, dass sein Körper den Tag nicht spurlos überstanden hatte. „Tut noch weh?“ fragte Erling, als Lukas kurz langsamer wurde. „Geht so,“ murmelte er. „Es ist mehr das Prinzip, glaube ich.“ Sie stiegen in die Bahn ein, fanden wieder einen Platz hinten. Die Wagen waren voller als morgens, Feierabendrichtung. „Was hast du jetzt als Nächstes vor?“ fragte Erling nach einer Weile, als die Bahn ruckelnd anfuhr. „Heute?“ Lukas überlegte. „Nach Hause. Essen. Vielleicht kurz Serien gucken, aber nicht zu laut, nicht zu schrill. Und dann… schreiben. Nicht für die Hochschule. Für mich. Damit ich nicht vergesse, dass heute nicht nur Scheiße war, sondern auch… Gegenwehr. Zeugen. Möglichkeiten.“ Erling nickte. „Gute Strategie,“ meinte er. „Und morgen?“ „Morgen ist Englisch wieder Insel,“ sagte Lukas. „Vielleicht Bibliothek. Vielleicht nicht. Ich will das mit der Rechtsberatung weiterverfolgen. Aber ich muss aufpassen, dass ich nicht alles auf einmal will und dann wieder abstürze.“ Erling sah ihn von der Seite an. „Klingt, als hättest du deiner Therapeutin heute sehr gut zugehört,“ sagte er.
Lukas lächelte kurz, müde, aber echt. Ankunft in seinem Viertel – müde Schritte, schwere Luft Sie stiegen in der Nähe von Lukas’ Zuhause aus. Die Straßenlaternen waren schon an, warfen gelbliche Kreise auf den Gehweg. Hier war es leiser als am Campus – Wohnhäuser, ein paar geparkte Autos, vereinzelt Menschen mit Einkaufstüten. „Soll ich noch mit hochkommen?“ fragte Erling. „Oder willst du heute Abend eher Familienmodus?“ „Komm ruhig kurz mit,“ meinte Lukas. „Nur um zu erzählen, was passiert ist. Wenn ich es meiner Mutter alleine erkläre, fang ich vielleicht zu weinen an, bevor ich bei 'Rechtsberatung' angekommen bin.“ „Okay,“ sagte Erling. „Ich kenn jetzt deine Küche ja schon ganz gut.“ Sie liefen weiter Richtung Haustür, sprachen über Kleinigkeiten – darüber, was es zum Abendessen geben könnte, ob es noch Haferbrei-Reste vom Morgen gab, welcher Mainz-05Spieler wohl am meisten fluchen würde, wenn er den Mathe-Dozenten treffen würde. Nichts davon änderte die Situation, aber es lockerte sie wenigstens ein bisschen auf. Was keiner von beiden bemerkte: Ein Stück weiter die Straße hinunter, im Schatten eines parkenden Lieferwagens, stand eine Gestalt. Kapuze tief ins Gesicht gezogen, Hände in den Jackentaschen. Der Blick: fest auf Lukas gerichtet. Der Cousin. Im Schatten – ein Blick, der Gift trägt Er war nicht zufällig hier. Er hatte gehört – über Umwege, über halbe Familienflüstereien, über Chat-Schnipsel –, dass Lukas wieder „aktiv“ war: Hochschule, Therapie, Kontakte mit Beratungsstellen. Er wusste, dass Lukas noch immer wegen der Ersatzoma litt – der Frau, die wie eine Oma gewesen war, dann aber den Kontakt abbrach, weil sie beleidigt war, nicht jedes Detail erfahren zu haben. Das Wissen, dass Lukas diesen Verlust immer noch wie eine offene Wunde mit sich trug, gefiel ihm. Zu sehr, wenn man ehrlich war. Aus der Dunkelheit heraus beobachtete er, wie Lukas und Erling näher kamen. Er konnte Bruchstücke ihres Gesprächs hören, nicht alles – aber genug, um zu merken, dass es kein unbeschwertes Plaudern war. „Natürlich,“ murmelte er so leise, dass nur sein eigener Atem es hörte, „natürlich läufst du immer noch an seiner Hand durchs Leben. Therapie, Fußballer, Mama… und jammerst trotzdem, wie schwer alles ist.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem kalten Lächeln. „Und dann höre ich,“ flüsterte er, „dass du immer noch traurig wegen der Ersatzoma bist. Dass du es immer noch nicht verkraftet hast, dass sie weg ist. Wie ein kleines Kind, dem man den Lieblings-Teddy weggenommen hat.“ Er lehnte sich ein Stück weiter in den Schatten zurück, damit ihn niemand vom Gehweg aus sah. Bittere Worte im Dunkeln „Immer noch traurig, ja?“ murmelte er weiter, fast wie ein Mantra. „Weil die ‚Ersatzoma‘ dich nicht mehr sehen will. Weil du so verletzt bist. Weil du dich wieder im Mittelpunkt deiner eigenen Drama-Show siehst.“ In seinem Kopf war die Geschichte längst umgedreht:
Nicht er war der, der verletzte. Nicht er war der, der drohte. In seiner Wahrnehmung war er der, dem Unrecht angetan worden war, der sich „endlich mal wehrt“. „Vielleicht,“ flüsterte er, seine Stimme wurde noch leiser, aber schärfer, „vielleicht bekommt ja bald jemand einen Brief.“ Allein das Wort „Brief“ schmeckte nach Gift auf seiner Zunge. „Einen schönen, langen Brief,“ murmelte er, „mit sehr klaren Worten. Mit Beleidigungen, mit der Wahrheit, wie ich sie sehe. Ein Brief, der eindeutig sagt, dass du diese Ersatzoma nie wiedersehen wirst. Dass sie dich, deine Mutter, diesen ganzen Haufen… endgültig vergessen soll.“ Er schloss kurz die Augen, stellte sich vor, wie: – Lukas die Post aufmacht, – die ersten Zeilen liest, – merkt, worum es geht, – diese Mischung aus Schock und Traurigkeit in sein Gesicht steigt. Die Vorstellung gefiel ihm. Zu sehr. „Du willst Traurigkeit?“ flüsterte er. „Ich zeig dir Traurigkeit. Du wirst gucken, was Schmerz ist, wenn jemand dir schwarz auf weiß schreibt, dass du bei ihm endgültig verloren bist. Ersatzoma hin oder her.“ Er zog das Handy aus der Tasche. Scrolle durch Kontakte. Blieb an einem Namen hängen, der zur älteren Generation gehörte – der Frau, die mal wie eine Ersatzoma für Lukas gewesen war. Vielleicht wäre es ein Brief an sie. Vielleicht eine Nachricht an jemand anders. Vielleicht etwas, das er anonym verschicken würde, damit keiner ihn direkt greifen konnte. Noch war es nur eine Idee in seinem Kopf. Aber in ihm hatte es sich bereits wie ein Plan angefühlt. Währenddessen – zwei, die nichts davon wissen Lukas und Erling hingegen liefen ahnungslos weiter. Sie bogen in den Hauseingang ein. Die Tür fiel hinter ihnen zu, der Lärm der Straße blieb draußen. „Ich sag Mama, dass ich heute zwar geschafft habe, mit der Hochschule zu reden,“ meinte Lukas, als sie die Treppen hochgingen, „aber dass ich trotzdem total am Limit bin. Vielleicht schaffen wir es, dass sie sieht: Es ist nicht nur ich bin empfindlich, sondern da läuft etwas schief. Mir hilft es, wenn sie nicht immer denkt, ich übertreibe.“ „Und du kannst erzählen,“ ergänzte Erling, „dass jemand dir heute nicht nur wehgetan hat – sondern jemand anders dazwischengegangen ist. Das ist wichtig. Sonst bleibt nur das Bein in Erinnerung, nicht die Frau, die es gesehen hat.“ „Stimmt,“ sagte Lukas leise. „Es gibt nicht nur die, die treten. Es gibt auch die, die sagen: ‚Stopp.‘“ Oben in der Wohnung begrüßte die Mutter sie mit einem müden, aber warmen Lächeln. Der Vater war irgendwo im Wohnzimmer, der Fernseher lief leise. In der Küche roch es nach irgendetwas Gebratenem. „Na, ihr zwei?“ fragte sie. „Hat die Welt euch heute wenigstens ein kleines bisschen verschont?“ Lukas setzte den Rucksack ab, seufzte. „Teils,“ sagte er. „Es war schlimm. Aber… es gab auch Leute, die nicht weggeschaut haben. Ich erzähl gleich.“
Erling zog die Jacke aus, hängte sie an den Haken. „Ich bleib noch kurz,“ sagte er. „Nur für die Zusammenfassung der heutigen Folge: Lukas vs. System.“ Sie lachte kurz – ein erschöpftes, aber echtes Lachen. Keiner von ihnen wusste, dass ein paar Straßen weiter jemand in seine Wohnung zurückkehrte, Handy in der Hand, den Kopf voller bösartiger Formulierungen. Jemand, der sich schon innerlich die Hände rieb bei dem Gedanken: „Vielleicht bekommt bald jemand einen Brief… und dann wirst du wirklich verstehen, was ‚nie wieder‘ heißt.“ Der Abend senkt sich – zwei Welten ziehen sich zusammen Drinnen, in Lukas’ Zimmer, würde später das warme Licht einer Schreibtischlampe brennen. Sein Mutbuch würde aufgeschlagen daliegen, Stift daneben. Er würde versuchen, in Worte zu fassen, was heute passiert war: Bein stellen, Zeugenschaft, Beratungsstellen, die Möglichkeit, sich zu wehren. In einer anderen Wohnung würde zur gleichen Zeit jemand an seinem Schreibtisch sitzen, das Handy vor sich, ein Dokument am Laptop geöffnet, in dem schon die ersten Sätze standen: Vorwürfe. Beleidigungen. Drohungen, verpackt in „Ehrlichkeit“. Zwei Texte, die in entgegengesetzte Richtungen wirkten: – Der eine, um sich selbst zu stabilisieren. – Der andere, um in jemand anderem alles zum Wanken zu bringen. Und noch wusste der junge Mann nichts davon, dass sein Cousin längst beschlossen hatte, nicht nur zuzuschauen – sondern aktiv dafür zu sorgen, dass die kommenden Wochen nicht nur durch Hochschule, sondern auch durch Briefe vergiftet werden würden. Der vierte Tag begann mit einem Gefühl, als hätte jemand in der Nacht einen schweren Stein auf Lukas’ Brust gelegt. Nicht so brutal wie nach der Mathe-Hölle, aber klar: Heute würde kein „neutraler“ Tag werden. Aufwachen – zu wissen, was kommt Der Wecker vibrierte wieder unter seinem Kopfkissen. Lukas tastete danach, schaltete ihn aus und blieb einen Moment reglos liegen. Sein erster bewusster Gedanke war kein „Guten Morgen“, sondern: Heute ist Rechnungswesen. Er kannte den Raum. Er kannte den Dozenten. Er kannte die Gesichter. Und er kannte mittlerweile auch das andere: die Blicke, das Kichern, die halblauten Sprüche, wenn er den Raum betrat. Langsam setzte er sich auf, rieb sich das Gesicht. Im Knie spürte er noch den dumpfen Schmerz vom Bein stellen am Vortag. Die Haut war blaugelb verfärbt – eine sichtbare Erinnerung daran, dass hier nicht nur Worte trafen. Auf seinem Schreibtisch lag das Mutbuch offen. Am Rand der letzten Seite hatte er gestern Abend noch einen Satz hingekritzelt: „Morgen: Rechnungswesen. Ich gehe hin – aber ich darf jederzeit gehen.“
Die Therapeutin hatte ihm den Satz quasi „verordnet“: Nicht als Ausrede, sondern als Erlaubnis, sich nicht bis zur Selbstzerstörung zu zwingen. In der Küche – die Frage: „Musst du da wirklich hin?“ Die Küche roch nach Kaffee und Toast, als er hineinschlurfte. Seine Mutter stand schon am Herd, rührte mechanisch in einer Pfanne, wirkte dabei aber mit den Gedanken ganz woanders. „Morgen,“ murmelte Lukas. Sie sah auf, musterte ihn kurz. „Dein Knie ist dick,“ sagte sie statt einer Begrüßung. „Zeig mal.“ Er zog widerwillig das Hosenbein ein Stück hoch. Der blaue Fleck leuchtete deutlich. „Und das war das Bein stellen im Flur gestern?“ fragte sie, obwohl sie die Antwort kannte. „Ja,“ nickte er. „Aber… jemand hat es gesehen. Und reagiert. Das war neu.“ Sie atmete langsam aus. „Heute Rechnungswesen, richtig?“ fragte sie dann. „Bist du sicher, dass du da hingehen willst?“ Lukas setzte sich, nahm den Becher mit Tee in die Hände. „Sicher bin ich nicht,“ sagte er. „Aber… wenn ich gar nicht mehr hingehe, dann bleibt der Raum nur als Horrorfantasie in meinem Kopf. Ich will zumindest einmal testen, ob ich es mit dem Wissen von gestern… überlebe.“ „Und wenn alle wieder scheiße sind?“ fragte sie. „Dann gehe ich raus,“ antwortete er, fast mechanisch, als würde er eintrainierte Sätze wiedergeben. „Ich darf rausgehen. Therapie hat es genehmigt.“ Sie nickte langsam. „Gut,“ sagte sie leise. „Dann denk daran, dass du hierher zurückkommst – egal, was sie da drinnen sagen. Und dass niemand in diesem Hörsaal über deinen Wert bestimmt.“ Draußen – der Spieler und die Skala Vor dem Haus lehnte Erling wieder an der Mauer, Hände in den Taschen, der typische „Ich tu so, als wäre ich nur zufällig hier“-Blick. Als Lukas aus der Tür kam, richtete er sich auf. „Tag 4,“ sagte er. „Level: Rechnungswesen. Wie ist die Panikskala?“ Lukas dachte nach. „6 von 10,“ sagte er ehrlich. „Mein Kopf rattert. Mein Bauch sagt ‚Tu’s nicht‘. Aber meine Füße… laufen. Noch.“ Erling nickte. „Okay,“ meinte er. „Regel für heute: Du musst den Raum nicht mit Würde verlassen. Es reicht, wenn du ihn überhaupt verlassen kannst, wenn es kippt. Selbst wenn du stolperst, weinst oder zitterst – draußen sein ist immer besser als drinnen untergehen.“ „Du klingst schon wie sie,“ murmelte Lukas. „Die Therapeutin.“ „Ich hab gut zugehört,“ sagte Erling und zuckte mit den Schultern. „Außerdem hab ich langsam das Gefühl, dass halb Mainz sich verschworen hat, um dich fertig zu machen. Irgendwer muss doch Gegenprogramm machen.“ Straßenbahn – die Gerüchte fahren mit Die Bahn war voller als sonst. Viele Studierende, manche mit Rechnungswesen-Skripten unterm Arm, andere mit Kopfhörern, wieder andere im „Ich tu so, als würde ich lernen, starre aber nur Löcher in die Luft“-Modus. Lukas hielt sich an der Stange fest, versuchte, nicht aufgeschnappte Gesprächsfetzen zu genau zu hören. Trotzdem drangen Wörter zu ihm durch: „… hast du gehört, der war gestern wieder bei der Therapie…“ „… Rechtsberatung, Alter, wer rennt denn dahin wegen ’nem Spaß…“ „… Mathe-Beutel-Aktion, ey, legendär…“
Er konnte nicht sicher sagen, ob es um ihn ging – aber sein Körper interpretierte alles so. Erling merkte, dass Lukas’ Schultern sich verkrampften. „Kopf runter,“ sagte er leise. „Ohren halb zu. Du musst jetzt nicht herausfinden, wer über wen redet. Du musst nur heil bis zum Hörsaal kommen.“ Lukas nickte, starrte auf seine Schuhe und zählte innerlich die Stationen. Vor dem Rechnungswesen-Hörsaal – die falsche Normalität Der Flur vor dem Rechnungswesen-Raum war schon voll. Studierende saßen auf dem Boden, einige standen in Grüppchen, andere lehnten an der Wand. Die Tür war noch zu, der Dozent offenbar noch nicht da. Als Lukas um die Ecke bog, merkte er, wie ein paar Köpfe sich reflexartig in seine Richtung drehten. Dieses typische Muster: Erst sehen, dann schnell so tun, als hätte man ihn nicht gesehen – und trotzdem tuscheln. „Da ist der doch,“ zischte jemand halblaut. „Der mit der ganzen Aktion.“ „Welcher?“ fragte ein anderer. „Na der… wie heißt der… der mit dem Katheter und den Beuteln und jetzt Rechtsberatung und Behindertenstelle und so.“ Lukas’ Magen zog sich zusammen. Er wusste, dass sie nicht nur Dinge über ihn wussten, sondern auch Dinge, die andere erzählt hatten – verzerrt, ausgeschmückt, halb wahr, halb Fantasie. Erling ging dicht neben ihm, tat so, als würde er sein Handy checken. „Erinnerung,“ flüsterte er. „Du bist hier, um zu schauen, ob du Rechnungswesen in diesem Zustand noch aushältst. Nicht, um mit allen klarzukommen. Ihre Meinung ist keine Prüfung.“ Betreten des Raums – der Moment, in dem alles kippt Die Tür wurde aufgeschlossen. Der Rechnungswesen-Dozent – Anfang 50, randlose Brille, akkurater Bart, der typische „Ich liebe Zahlen“-Typ – öffnete, trat kurz zur Seite, ließ alle reinströmen. „Guten Morgen,“ sagte er neutral in den Raum. Lukas setzte sich auf seinen Standardplatz: Rand, mittlere Reihe, Fluchtweg im Blick. Er fühlte sich wie jemand, der sich an den äußersten Rand eines Beckens stellt, von dem er schon weiß, dass jemand gleich Wasser reinschüttet. Erling blieb draußen – wie verabredet. Rechnungswesen zählte zu den Räumen, in denen die Anwesenheit eines „unsichtbaren Schutzengels“ im Raum selbst zu viel Aufsehen erregt hätte. Aber sie hatten vorher gecheckt, dass Lukas dicht an der Tür saß. Lukas nahm das Heft raus, legte den Stift hin. Noch wirkte alles wie eine normale Vorlesung. Noch. Die Bemerkung, die reicht Der Dozent begann, die Folien hochzufahren. Es ging heute um Kostenarten, Abschreibungen, lineare vs. degressive Methoden – alles eigentlich trockene Themen, bei denen niemand groß emotional werden sollte. Er blickte kurz in den Raum, zählte grob die Gesichter. „Schön,“ sagte er. „Fast alle da. Einige neue, einige alte dabei. Bevor wir anfangen – hat jeder das Skript?“ Ein paar nickten, andere wussten es nicht so genau. Jemand rief: „Können wir’s nicht hochladen lassen?“ Die übliche Gemisch aus Unwillen und Pragmatismus. Dann fiel eine Stimme aus den hinteren Reihen, halblaut, aber so, dass es jeder hören konnte:
„Frag doch den, der immer extra Betreuung braucht. Vielleicht kriegt er die Skripte mit Nachteilsausgleich früher zugeschickt.“ Gemurmel. Leises Lachen. Ein paar Köpfe drehten sich. Lukas erstarrte. Er wusste, dass sie von ihm sprachen. Der Dozent hob die Augenbrauen. „Wer war das?“ fragte er. Es war dieser typische Moment – man konnte denken: Endlich, jemand stellt sich vor mich. Doch die Stimme hinten rief schneller: „War doch nur ein Witz, Herr Professor. Sie wissen doch, wer gemeint ist. Der da vorne. Der, der jetzt überall Hilfe braucht.“ Ein Finger zeigte in seine Richtung, nicht ganz offensichtlich, aber klar genug. Mehrere Blicke folgten dem Finger – und blieben bei Lukas hängen. Das Lachen, das anwächst Es begann klein, wie immer. Ein Kichern in der dritten Reihe. Ein „Boah, Alter“ halb unterdrückt. Ein Kichern, das in ein Prusten überging. „Na komm,“ rief jemand anderes, „ist doch so! Der hat doch jetzt Anwalt, Rechtsberatung, Behindertenbonus und Therapie-Abo. Vielleicht kriegt er bald auch noch Bonuspunkte fürs Teilnehmen.“ Das Lachen wurde lauter, breiter, breiiger. Ein anderer setzte nach: „Ja, und vielleicht gibt’s im Mathe-Test eine Sonderfrage nur zu Urinbeuteln – da ist er dann Klassenbester.“ Jetzt brach es auf. Einige versuchten, sich das Lachen zu verkneifen, scheiterten. Andere lachten laut los, klatschten sogar auf den Tisch. Ein paar schauten weg – nicht, weil es sie nicht amüsierte, sondern weil sie das direkte Mitmachen offenbar doch nicht ganz schafften. Lukas spürte, wie ihm heiß und kalt zugleich wurde. Sein Gesicht brannte. Sein Rücken fühlte sich an, als würde ihm jemand mit Nadeln über die Haut fahren. Er starrte auf sein Heft, als könnte er so verschwinden. Die Reaktion des Dozenten – zu wenig, zu spät Der Rechnungswesen-Dozent sah unwohl aus. Er war eindeutig nicht der Typ, der bewusst sadistisch Sprüche klopfte – aber er war auch nicht der Typ, der sich gerne mit Konflikten anlegte. „Das reicht jetzt,“ sagte er, nach einem Moment zu viel. Das Lachen ebbte ab – aber nicht, weil alle plötzlich Reue hatten, sondern weil sie merkten, dass der offizielle Spaß-Moment vorbei war. „Wir machen hier Rechnungswesen,“ sagte der Dozent. „Keine… persönlichen Kommentare.“ Er sah kurz zu Lukas, nur einen Hauch zu lang. „Herr … Lukas?“ sagte er. „Konzentrieren Sie sich bitte auf den Stoff.“ Der Satz hatte vielleicht neutral gemeint sein sollen. In Lukas’ Kopf klang er wie:
Reiß dich zusammen. Sei nicht das Problem. Lass dich halt auslachen und schreib mit. Die zweite Welle – wenn alle es „verstanden“ haben Kaum war der Dozent wieder zur Folie zurückgekehrt, beugte sich jemand von hinten zu seinem Nachbarn. „H hast du gesehen, wie rot der geworden ist?“ flüsterte er, nicht leise genug. „Klar,“ kicherte der andere. „Der denkt bestimmt, wir sind alle Monstren. Dabei ist es doch nur Spaß. Der soll mal lernen, über sich zu lachen.“ „Nicht so einfach,“ kam es von der Seite. „Mit Katheter geht Lachen schwerer, hab ich gehört.“ Wieder Kichern. Wieder tuscheln. Es war, als würde sich im Raum eine unsichtbare Welle bewegen, die immer dann kurz hochschwappte, wenn der Dozent gerade auf die Tafel schrieb. Ein Gemurmel, in dem Lukas immer wieder Wortfetzen hörte: „… Rechtsberatung…“ „… Behindertenstelle…“ „… der mit dem Bein gestern…“ „… seine Mama rennt bestimmt wieder irgendwo hin…“ Niemand sprach ihn direkt an. Niemand rief seinen Namen. Und gerade das war das Giftige: Die gesamte Klasse sprach über ihn, als wäre er ein Objekt, das zufällig im selben Raum stand. Ein Thema. Ein Fall. Eine Story. Nicht eine Person. Innen drin – zwei Stimmen im Krieg Lukas’ Hand lag auf dem Stift, aber er schrieb nichts. Die Buchstaben auf der Folie verschwammen. In seinem Kopf rangelten zwei Stimmen: Die eine – alt, tief eingegraben: „Halt durch. Du darfst nicht schon wieder auffallen. Wenn du gehst, sagen sie, du bist zu sensibel. Du bist das Problem, nicht sie. Du musst das aushalten, wenn du normal sein willst.“ Die andere – neuer, aber noch leise, aus Therapie und Mutbuch gewachsen: „Du musst nicht dort sitzen, während sie dich zerstören. Du darfst rausgehen. Du warst gestern bei der Beratung. Du hast ein Recht, nicht zur Zielscheibe gemacht zu werden.“ Mit jeder Bemerkung im Hintergrund wurde die erste Stimme lauter. Mit jedem Brennen in der Brust die zweite. „Ich… kann nicht,“ dachte er. „Aber ich darf doch nicht. Aber ich kann nicht. Aber…“ Seine Finger begannen zu zittern. Er merkte, wie sein Herz schneller schlug, wie die Luft schwerer wurde. Der Moment der Entscheidung – oder wenigstens ein Versuch Eine besonders laute Bemerkung durchbrach die dünne Grenze: „Mal gucken,“ sagte eine Stimme, diesmal halb laut, „ob er heute auch wieder zur Therapie rennt, wenn wir drei Sprüche drüber machen. Ist ja jetzt Trend bei ihm.“ Ein paar lachten. Jemand pfiff leise. In Lukas riss etwas. Er hörte nicht mehr wirklich, was der Dozent vorne sagte. Irgendwas mit Abschreibungen, Nutzungsdauer, Gesetzesparagrafen. Es klang, als würde jemand durch Wasser sprechen.
Seine Hand griff automatisch nach dem Rucksack. Er packte den Stift ein. Das Heft. Zog den Reißverschluss zu, langsam, als bräuchte er diesen Moment, um sich selbst zu überzeugen. „Ich darf gehen,“ sagte er innerlich. „Ich darf gehen. Ich darf. Ich darf.“ Er stand auf. Der Stuhl schabte über den Boden – nicht laut, aber hörbar. Ein paar Köpfe drehten sich zu ihm. Eine Augenbraue des Dozenten hob sich. „Lukas?“ sagte er, nicht streng, eher irritiert. „Alles in Ordnung? Wir sind mitten in einem wichtigen Thema.“ Lukas spürte alle Blicke im Rücken. Jemand flüsterte: „Oh, jetzt geht er wieder heulen.“ Ein anderer: „Therapietermin, Bruder.“ Ein leises Kichern ging durch die Reihe. Er zwang sich, den Blick vorne zu lassen, nicht zu ihnen. „Nein,“ sagte er mit trockener Kehle. „Es ist nicht in Ordnung. Ich… kann gerade nicht bleiben.“ Seine Stimme war leiser, als er gehofft hatte – aber sie war da. Der Dozent schien einen Moment lang zwischen „Funktion des Systems“ und „Mensch“ zu schwanken. „Wenn Sie rausgehen,“ sagte er schließlich, „verpassen Sie wichtige Inhalte. Sie wissen, dass Sie ohnehin schon… Schwierigkeiten haben, mitzuhalten.“ Der Satz traf tiefer, als der Dozent es wahrscheinlich meinte. Schwierigkeiten haben, mitzuhalten – das war das Etikett, das man ihm seit Jahren immer wieder gab. „Ich weiß,“ sagte Lukas. „Aber es ist trotzdem besser als… hier sitzen und so tun, als wäre es normal.“ Er wartete nicht auf eine Antwort. Er nahm den Rucksack, drehte sich um, lief den Gang hoch. Ein paar kicherten, einer machte ein leises Geräusch wie ein gequältes Heulen – imitierend. Jemand sagte „Tschüüüüss“, gedehnt, spöttisch. Der Dozent sagte nichts mehr. Es war nicht seine Hölle, in der Lukas gerade brannte. Er war nur jemand, der die Temperatur nicht regulierte. Draußen – wieder diese Luft, die gleichzeitig rettet und weh tut Sobald er durch die Tür war, schlug ihm der andere Klang des Flurs entgegen: gedämpfter, weniger aufgeladen, aber auch voller fremder Geräusche. Er stand einen Moment mit dem Rücken zur Wand, schloss die Augen. Sein Herz raste noch immer. Der innere Monolog setzte sofort ein: „Jetzt denken sie erst recht, du bist verrückt. Dass du übertreibst. Dass du alles nutzt, um dich wichtig zu machen.“ Und fast gleichzeitig, leiser, aber hartnäckig: „Du bist gegangen. Du bist nicht sitzen geblieben, bis du komplett zerbrochen bist. Das ist kein Aufgeben. Das ist Selbstschutz.“ Am Ende des Flurs, oben auf der Treppe, stand eine bekannte Gestalt. Erling.
Er hatte nicht direkt vor der Tür gewartet – zu auffällig. Stattdessen oben, scheinbar beiläufig, mit Blick auf sein Handy. Doch sobald Lukas durch die Tür kam, steckte er das Handy weg. „Wie war’s?“ fragte er. „Auf einer Skala von ‚unangenehm‘ bis ‚ich brauche ein neues Nervensystem‘?“ Lukas atmete schwer, schüttelte leicht den Kopf. „Alle,“ brachte er hervor. „Es war… alle. Sprüche. Lachen. Katheter-Witze. Therapie-Witze. Rechtsberatung-Witze. Und der Dozent… hat einmal ‚Es reicht‘ gesagt, aber… eher, weil es ihn gestört hat, nicht, weil er es falsch fand.“ Er sah auf seine Hände. „Ich bin gegangen,“ sagte er dann, fast erstaunt über sich selbst. „Ich hab gesagt, dass es nicht in Ordnung ist. Und bin raus.“ Erling nickte langsam. „Das ist groß,“ sagte er leise. „Auch wenn es sich gerade klein und beschissen anfühlt.“ Weg vom Hörsaal – und wieder Richtung „Insel“ „Was jetzt?“ fragte Erling. „Englisch hast du später nochmal, oder? Oder gehst du heute gar nicht mehr in irgendwas rein?“ Lukas dachte nach. Sein Kopf war leer und voll zugleich. „Ich weiß es nicht,“ murmelte er. „Englisch ist Insel. Rechnungswesen… ist Hölle. Ich brauch… ich glaub, ich brauch kurz einfach nur draußen sein.“ „Dann gehen wir raus,“ sagte Erling schlicht. „Frische Luft. Und dann entscheiden wir neu.“ Sie liefen die Treppe hinunter, verließen das Gebäude. Draußen war der Himmel immer noch grau, aber die Luft war besser als die im Raum, durchzogen von Gelächter, Sprüchen, Zahlenformeln und einem Dozenten, der die Waage nicht gehalten hatte. In Lukas gärte der Schmerz. Die Wut. Die Scham. Aber ganz tief darunter – hauchdünn, fast unsichtbar – lag ein anderer Satz, der immer lauter werden wollte: Ich war nicht der, der da saß und alles über sich ergehen ließ. Ich war der, der gegangen ist. Dass irgendwo in der Stadt ein Cousin schon die ersten Sätze eines neuen, giftigen Briefes formulierte, dass im Hintergrund Strukturen arbeiteten – Rechtsberatung, Beratungsstelle, Therapie – … all das wusste Lukas zwar. Aber in diesem Moment, am Morgen des vierten Tages, zählte vor allem eins: Er hatte den Hörsaal verlassen, bevor sie ihn komplett in Stücke lachen konnten. Und diesmal war niemand da, der ihm sagte: „Du hättest bleiben müssen.“ Im Gegenteil: Neben ihm ging jemand, der dachte: „Gut, dass du gegangen bist. Und schlecht, dass du überhaupt in so einen Raum musstest.“ Der Rest des Vormittags fühlte sich für Lukas an wie ein schlecht gepufferter Livestream: alles stockte, überlappte, verzerrte sich. Rechnungswesen hatte ihn leergezogen. Er war gegangen – ja. Aber das Lachen, die Sprüche, die Blicke klebten noch an ihm. Zurück auf dem Campus – die Suche nach einem halbwegs sicheren Ort
Draußen vor dem Gebäude blieb er mit Erling erstmal einfach stehen. Der Wind fuhr ihnen durch die Jacken, ein Fahrrad klapperte über das Kopfsteinpflaster, irgendwo wurde gelacht – diesmal von Menschen, die nichts mit ihm zu tun hatten, aber sein Körper konnte den Unterschied kaum machen. „Was jetzt?“ fragte Erling. Lukas schloss kurz die Augen. „Wenn ich jetzt direkt nach Hause fahre,“ sagte er, „fühlt es sich an, als hätte die Hochschule gewonnen. Als wäre ich nur noch jemand, der kommt, kurz beschossen wird und wieder abhaut.“ Er dachte an die Therapeutin, an das, was sie gesagt hatte: Inseln, Gegenbilder, Räume, die nicht nur Hölle sind. „Ich… glaube, ich gehe in die Bibliothek,“ sagte er schließlich. „Nicht um groß zu lernen. Nur, um irgendwo zu sitzen, wo niemand Beutel platzen lässt und wo ich nicht mitten im Raum Hauptthema bin. Einfach eine Stunde Ruhe.“ „Bibliothek als neutrale Zone, Teil 2,“ meinte Erling. „Ich komm mit rein, setz mich irgendwo in Sichtweite. Wenn die Welt wieder explodiert, bin ich in ein paar Sekunden da.“ Lukas nickte dankbar. Auf dem Weg zur Bibliothek – Körper auf Alarm, Kopf auf Autopilot Der Weg zur Bibliothek war nicht weit, aber jeder Schritt fühlte sich an, als würde er durch Sirup gehen. Die Geräusche um ihn herum waren gedämpft und gleichzeitig zu laut: – Türen, die ins Schloss fielen – Stimmen, die über Klausuren, Deadlines, Hausarbeiten sprachen – das Summen eines Automaten „Ich hasse es,“ dachte er, „dass für so viele hier ‚Stress‘ bedeutet: ‚Hoffentlich schaff ich die Klausur‘ – und mein Stress ist: ‚Hoffentlich machen sie aus meiner Existenz heute keine Show mehr.‘“ Sie traten durch die automatischen Türen der Bibliothek. Das vertraute „Pling“ am Eingang, der leise Geruch von Papier, Druckerschwärze und Reinigungsmittel. Lukas’ Schultern sanken einen Millimeter. Hier drin war es wenigstens leiser. Nicht sicher – das war nichts mehr – aber leiser. Ein Platz am Fenster – und ein Versuch, sich zu sammeln Sie gingen in den oberen Bereich. Lukas suchte sich wieder einen Platz am Fenster, ungefähr da, wo er zwei Tage zuvor schon gesessen hatte. Der Blick nach draußen zeigte kahle Bäume, ein paar vorbeigehende Menschen, Autos, die an der Ampel hielten. Erling deutete auf einen Tisch zwei Reihen weiter. „Ich setz mich da hin,“ flüsterte er. „Wenn du mich brauchst, hebst du kurz den Kopf. Oder schreibst mir.“ „Okay,“ murmelte Lukas. Er setzte sich, legte den Rucksack neben den Stuhl und packte das Mutbuch aus. Das Rechnungswesen-Heft ließ er bewusst im Rucksack – allein der Anblick hätte ihm den Puls wieder hochgetrieben. Stattdessen schlug er eine neue Seite im Mutbuch auf und schrieb oben: Tag 4 – Mittag, Bibliothek Darunter setzte er Stichpunkte: • Rechnungswesen = Hölle • Sprüche über Katheter, Therapie, Rechtsberatung • viele lachen, wenige schweigen, keiner stellt sich ernsthaft vor mich
ich BINSATZ: bin aufgestanden, bin raus Dozent: „Sie verpassen Stoff“ statt „Das geht so nicht“ Er starrte den letzten Satz an, strich ihn einmal rot an. „Rechnungswesen = Nummer 2 auf der Liste der Räume, in die ich nur noch mit sehr viel Schutz zurückgehe,“ schrieb er darunter. Er holte tief Luft, versuchte, seine Atmung zu beruhigen. Ein, aus. Ein, aus. Im Hintergrund hörte er nur das leise Klicken von Tastaturen. Zumindest für ein paar Minuten fühlte sich das hier wieder nach „fast okay“ an. • •
Ein kurzer Blick ins System – und der Wunsch nach Normalität Nach einer Weile klappte Lukas das Mutbuch zu und zog sein Tablet hervor. Er dachte daran, die Unterlagen für Englisch zu öffnen – vielleicht eine Übung, irgendwas Simples, etwas, das klar und berechenbar war. Er versuchte, sich in das Hochschulportal einzuloggen. Ladebalken. Noch einer. „Na los,“ murmelte er. „Wenn ich schon den Luxus habe, gerade nicht ausgelacht zu werden, kann ich wenigstens einmal normal auf Unterlagen zugreifen.“ Die Seite lud. Lud. Und lud. Dann erschien nur eine Fehlermeldung: „Seite nicht erreichbar.“ „Super,“ murmelte er. „Jetzt streikt auch noch das System.“ Er versuchte Moodle. Nichts. E-Mail? Auch tot. „Vielleicht nur kurz,“ dachte er. „WLAN spinnt. Hat sicher nichts mit mir zu tun.“ Der Gedanke war halb ernst, halb bitterer Humor. Er legte das Tablet kurz beiseite, rieb sich das Gesicht. Die Durchsage – wenn das Gebäude plötzlich atmet Da, mitten in der relativen Stille, knackte es aus einem Lautsprecher an der Decke. Ein leises Rauschen, dann eine Stimme aus dem Hauslautsprechersystem, etwas verzerrt, aber deutlich genug. „Achtung, eine Durchsage,“ sagte eine Frau, sachlich, aber leicht angespannt. „Wir bitten alle Studierenden und Mitarbeitenden, die Bibliothek in den nächsten Minuten zu verlassen. Aufgrund eines aktuellen Cyberangriffs auf die Systeme der Hochschule stehen sämtliche IT-Services bis auf Weiteres nicht zur Verfügung.“ Ein Murmeln ging durch den Raum. Lukas’ Rücken versteifte sich sofort. „Was?“ flüsterte jemand ein paar Tische weiter. „Schon wieder so was?“ Die Stimme aus dem Lautsprecher fuhr fort: „Bitte speichern Sie, falls möglich, lokal, beenden Sie Ihre Sitzungen und verlassen Sie dann geordnet die Bibliothek. Der IT-Service kann aktuell keine Unterstützung anbieten. Weitere Informationen erhalten Sie, sobald die Kommunikationswege wieder stabil sind. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“ Es knackte, dann war wieder das normale Raumgeräusch da – nur dichter. Stühle scharrten. Flüstern wurde lauter. Laptops klappten zu.
„Cyberangriff?!“ „Kein IT-Service mehr?“ „Ich brauch aber meine Unterlagen!“ „Was ist mit den Prüfungsanmeldungen?“ Lukas’ Herz machte einen Satz. „Angriff“ – das Wort, das mehr triggert als es sollte Das Wort Cyberangriff kroch ihm wie kaltes Wasser in den Nacken. Angriff. Nicht Störung, nicht Update, nicht Wartung. Angriff. Sein Kopf legte sofort alte Muster drüber: Jemand greift von außen an. Systeme fallen aus. Alles, worauf du dich verlässt, wird dir unter den Füßen weggezogen. Du bist wieder der, der versuchen muss, in einem Chaos klarzukommen, das er nicht verursacht hat. Er dachte an: • Prüfungsanmeldungen • E-Mails an Beratungsstelle und Rechtsberatung • mögliche Nachteilsausgleichsanträge • Fristen, die in irgendwelchen Portalen standen Wenn die IT weg war, dann waren all diese Dinge… unsichtbar. unerreichbar. verschoben. „Natürlich,“ dachte er bitter. „Natürlich kommt jetzt auch noch ein Cyberangriff, genau in der Phase, in der ich versuche, alles halbwegs in Ordnung zu bringen.“ Ein Teil von ihm wusste, dass das nichts mit ihm zu tun hatte – dass der Angriff nicht „gegen Lukas persönlich“ gerichtet war, sondern gegen die Hochschule allgemein. Aber sein Nervensystem machte keinen großen Unterschied mehr zwischen: – Menschen, die Beutel platzen lassen – Leuten, die ihm ein Bein stellen – einem anonymen Angriff auf die Systeme, von denen sein Studium abhing. Alles fühlte sich an wie: Du bist nicht sicher. Nichts ist stabil. Alles kann jederzeit unter dir zusammenbrechen. Die Bibliothek leert sich – und wieder muss er raus Zwischen den Regalen begannen sich kleine Schlangen zu bilden, als Menschen ihre Sachen zusammenpackten. „Scheiße, ich war mitten im Schreiben,“ fluchte jemand. „Wie sollen wir denn jetzt an die Texte kommen?“ stöhnte eine andere Stimme. „Prüfungsanmeldung war heute!“ – „Ja, Pech, Alter, jetzt ist alles dicht.“ Lukas packte langsam sein Mutbuch und das Tablet wieder in den Rucksack. Die Bewegung fühlte sich schon fast wie Routine an: • Dinge packen • aufstehen • rausgehen, weil der Raum kippt Nur war es diesmal nicht wegen Beuteln oder Sprüchen – sondern wegen eines unsichtbaren Angriffs, der alles in einen Ausnahmezustand versetzte. Er stand auf, hängte sich den Rucksack um, reihte sich in die Menschen ein, die Richtung Ausgang strömten. Der sonst so ruhige Bibliotheksbereich bewegte sich jetzt wie ein langsamer Strom.
Als er auf der Treppe nach unten war, hörte er irgendwo hinter sich eine Stimme: „Kein IT-Service mehr? Dann braucht der mit dem ganzen Nachteilsausgleich doch gar nicht erst versuchen, sich zu beschweren.“ Ein paar kicherten. Lukas wusste nicht, ob es direkt auf ihn gemünzt war, aber sein Körper reagierte, als wäre es ein gezielter Schlag. Vor der Bibliothek – Erling, der wieder zum Fixpunkt wird Unten, vor den Glastüren der Bibliothek, wartete Erling bereits. Er hatte schon gesehen, dass Leute rausströmten, und sich einen Platz am Rand gesucht, von dem aus er den Ausgang im Blick hatte. „Na, was ist jetzt schon wieder los?“ fragte er, als Lukas näher kam. „Cyberangriff,“ sagte Lukas, die Worte schmeckten seltsam. „Hochschule ist IT-mäßig tot. Bibliothek wird geräumt. Kein IT-Service mehr, keine Portale, keine Mails. Alles down.“ Erling zog die Augenbrauen hoch. „Im Ernst?“ fragte er. „Also nicht nur ‚WLAN zickt‘, sondern richtig: Attacke?“ „Ja,“ nickte Lukas. „Sie haben ‚Cyberangriff‘ gesagt. Und ‚bis auf Weiteres kein IT-Service‘. Und irgendwas von ‚weitere Infos, wenn Kommunikationswege wieder stabil sind‘. Als wäre man in so einem Katastrophenfilm und die Funkgeräte alle gleichzeitig ausgefallen.“ Erling pfiff leise. „Die wissen sich die Dramazeiten auszusuchen,“ murmelte er. „Als ob du nicht schon genug zu tun hättest mit deinen eigenen Katastrophen.“ Lukas lachte kurz, aber es klang hohl. Innen drin – wenn alles nach „Angriff“ schreit Während sie ein Stück vom Gebäude weg gingen, versuchte Lukas zu sortieren, was da gerade in ihm passierte. Es war nicht nur die Angst, Unterlagen nicht zu bekommen. Oder eine Prüfungsanmeldung zu verpassen. Oder dass irgendein Brief nicht ankommt. Es war das Gefühl: „Wenn ich gerade versuche, mir Hilfe zu organisieren – Nachteilsausgleich, Beschwerde, Therapie-Anbindung – und gleichzeitig die Systeme zusammenbrechen, dann fühlt es sich an, als würde das Universum sagen: ‚Bleib doch einfach liegen. Es lohnt sich nicht, aufzustehen.‘“ Er wusste, dass das nicht rational war. Dass ein externer Angriff auf Server nichts damit zu tun hatte, ob er „es verdient“ hatte, Stabilität zu bekommen. Aber sein Nervensystem war im Dauerfeuer. Und jedes neue „Angriff“, „Störung“, „Fallout“ klang nur noch wie: Du kommst hier nie raus. „Ich hatte gehofft,“ sagte er leise, „dass ich wenigstens übers Portal Dinge regeln kann. Nachteilsausgleich beantragen, mit der Beratungsstelle schreiben, Termine koordinieren. Jetzt ist alles offline. Nichts läuft. Es fühlt sich an, als wäre ich gerade dabei, mir ein Netz zu bauen – und jemand schneidet von außen die Seile durch.“ Erling sah ihn ernst an. „Das Netz ist nicht nur IT,“ sagte er. „Du hast jetzt mehr als vorher: deine Therapeutin, die Behindertenberatung, die Rechtsberatung, deine Mutter, mich. Wenn das System spackt, ist das scheiße – ja. Aber es nimmt dir nicht alles. Nur die digitale Schicht.“ „Aber genau die brauchen sie für alles Offizielle,“ murmelte Lukas. „Für Fristen, für Prüfungen, für… Anerkennung.“
„Dann wird’s eben auf Papier gemacht,“ sagte Erling. „Oder später. Du kannst nichts dafür, dass jemand da draußen die Hochschule hackt. Du bist nicht schuld, wenn wegen eines Cyberangriffs Dinge später passieren. Das ist wichtig. Sonst suchst du wieder Verantwortung an einer Stelle, wo du keine hast.“ Zwischen Resignation und Trotz Sie setzten sich auf eine Bank etwas abseits. Studierende liefen an ihnen vorbei, manche genervt, manche einfach nur verwirrt, andere genervt in ihre Handys sprechend: „… ja, alles dicht…“ „… kannst du knicken mit der Abgabe heute…“ „… sie sagen ‚bis auf Weiteres‘, super präzise…“ Lukas starrte auf seine Hände. „Weißt du, was das Schlimmste ist?“ fragte er. „Sag,“ antwortete Erling. „Dass ich inzwischen bei jedem Wort wie ‚Angriff‘, ‚Störung‘, ‚Ausfall‘ das Gefühl hab, mein Leben ist ein einziger Systemfehler,“ sagte Lukas. „Als wäre ich in einer Welt, in der nie einfach nur ‚Routine‘ läuft. Immer ist irgendwas: Gericht, Mobbing, Cyberangriff, Familie, Klinik, Auto-Unfall, Slackline-Sturz…“ Erling dachte kurz nach. „Vielleicht,“ sagte er vorsichtig, „ist dein Leben im Moment wirklich mehr Ausnahmezustand als Durchschnitt. Aber – und das ist kein billiger Trostspruch – du bist nicht das, was diese Zustände mit dir machen wollen. Die wollen dich klein, leise, kaputt. Und du sitzt trotzdem hier und gehst in Therapie, redest mit Beratungsstellen, schreibst Mutbuch, gehst in Englisch, fliehst aus Rechnungswesen, bevor du brichst.“ Er zeigte mit dem Kinn zurück zur Bibliothek. „Und jetzt hat ein Cyberangriff alle aus der Bib geschmissen,“ sagte er. „Aber du bist nicht der Einzige, der betroffen ist. Zum ersten Mal seit Langem bist du in einer Scheißsituation nicht allein Zielscheibe, sondern Teil einer größeren Gruppe. Das fühlt sich vielleicht nicht gut an – aber es nimmt dir wenigstens den Stempel ‚Das passiert alles nur, weil du du bist.‘“ Lukas schwieg eine Weile. „Das stimmt,“ murmelte er dann. „Der Angreifer da draußen weiß nicht mal, dass es mich gibt. Der hat einfach Systeme angegriffen. Nicht mich.“ „Genau,“ sagte Erling. „Die Welt ist nicht fair – aber sie dreht sich auch nicht ausschließlich darum, dich zu foltern. Manchmal bist du ‚nur‘ Kollateralschaden. Und so bitter das ist – es bedeutet auch: Du bist nicht verflucht. Du lebst nur in einem ziemlich kaputten System.“ Der Mittag des vierten Tages – wo selbst die Insel wackelt Sie blieben noch ein bisschen auf der Bank sitzen, bis der erste Schock sich gesetzt hatte. Die Bibliothek – eigentlich sein neutraler Ort – war für heute gestrichen. Die IT – sein Zugang zu allen offiziellen Wegen – war abgeschaltet. Die Hochschule – sowieso schon ein Minenfeld – war plötzlich auch technisch im Ausnahmezustand. Und trotzdem war da noch: • das Mutbuch in seinem Rucksack, • die Notizen über Nachteilsausgleich, • die Erinnerung an Ms. Turner und die Englischinsel, • die Frau aus der Rechtsberatung, die nicht weggesehen hatte, • die Therapeutin, die „entwürdigend“ gesagt hatte, • seine Mutter zu Hause, die fragte: „Musst du da wirklich hin?“ • der Spieler neben ihm, der blieb.
Der Mittag des vierten Tages war nicht der Moment, in dem alles gut wurde. Er war eher der Moment, in dem klar wurde: Selbst die Orte, die halbwegs sicher scheinen, können wegbrechen. Aber es gibt inzwischen mehr als nur Räume, die ihn halten können: Es gibt Menschen. Und auch wenn ein Cyberangriff alle Server der Hochschule lahmlegte – seine innere Entscheidung, sich nicht mehr schweigend zerreißen zu lassen, war etwas, das sich nicht einfach mit einem „bis auf Weiteres außer Betrieb“ abschalten ließ. Der Wind vor der Hochschule war kälter geworden, als Lukas und der Spieler von der Bank aufstanden. Der Cyberangriff, die geräumte Bibliothek, die kaputte Rechnungswesen-Vorlesung – all das hing wie schwere Luft um ihn herum. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte jemand zu viele Tabs geöffnet, und keiner ließ sich schließen. Entscheidung: Es reicht für heute „Ich bin fertig,“ sagte Lukas leise. Nicht wütend, nicht dramatisch – eher wie jemand, der eine Bestandsaufnahme macht. „Für heute ist Hochschule… vorbei. Egal, ob da noch irgendwas auf dem Plan steht.“ Erling nickte sofort. „Dann ist das so,“ antwortete er. „Es gibt keinen Bonus dafür, sich komplett zu zerstören, nur weil auf dem Stundenplan noch irgendwas steht.“ Sie machten sich auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle. Um sie herum strömten andere Studierende in alle Richtungen, einige hektisch telefonierend, andere mit genervten Gesichtern, weil „wegen diesem scheiß Cyberding“ nichts mehr ging. Lukas merkte, wie sein Körper bei jedem Schritt nur noch ein Ziel kannte: Weg von hier. Straßenbahn – zwischen zwei Welten Die Bahn war voll, aber nicht so voll, dass sie keinen Platz mehr bekamen. Sie fanden zwei Sitze nebeneinander, wieder Lukas am Fenster, Erling außen. Lukas lehnte den Kopf kurz gegen die Scheibe. Die kalte Oberfläche tat gut. Draußen zog Mainz vorbei: Haltestellen, Werbeplakate, Menschen mit Einkaufstüten, eine Mutter mit Kinderwagen, ein Hund, der nervös an der Leine zerrte. Es sah aus wie ein ganz normaler Tag in einer ganz normalen Stadt. Wenn man nicht wusste, was in Hörsälen, Fluren und Köpfen los war. „Was sagst du deiner Mutter?“ fragte Erling nach einer Weile. Lukas dachte nach. „Die Wahrheit,“ antwortete er schließlich. „Dass Rechnungswesen eine Katastrophe war, dass ich rausgegangen bin, dass ich wieder in der Bib war, und DANN kam dieser Cyberangriff und hat alles lahmgelegt. Und dass ich gerade nicht weiß, ob ich noch studieren kann oder ob ich einfach nur versuche, nicht komplett auseinanderzufallen.“ Erling nickte. „Sie wird dir sicher wieder irgendwas sagen wie ‚Du musst das nicht um jeden Preis‘,“ meinte er. „Und sie hat recht. Aber ich verstehe auch, dass du nicht schon wieder abbrechen willst. Es ist ein beschissener Spagat.“ „Ja,“ murmelte Lukas. „Es fühlt sich an, als würde ich zwischen zwei Abgründen balancieren: auf der einen Seite ‚Ich bleibe und gehe kaputt‘, auf der anderen ‚Ich gehe und bin wieder der, der es nicht geschafft hat‘.“ „Und irgendwo in der Mitte,“ sagte Erling, „gibt es hoffentlich einen schmalen, wackeligen Weg, auf dem du langsam, aber lebendig weitergehen kannst. Mit Nachteilsausgleich, mit
Inseln, mit Pausen. Vielleicht nicht mit voller Punktzahl, aber mit dir selbst noch halbwegs heil.“ Lukas lächelte kurz, müde. Ankunft im Viertel – und die Schwere des Treppenhauses Sie stiegen an der gewohnten Haltestelle aus. Der Weg durch die Straßen zu Lukas’ Haus kam ihm vertraut und gleichzeitig fremd vor – als hätte er in den letzten Tagen eine andere Realität betreten und wäre jetzt jedes Mal irritiert, wenn die Häuser nicht brannten. „Willst du, dass ich noch mit hochkomme?“ fragte Erling, als sie vor der Haustür standen. „Oder brauchst du heute eher Zeit ohne mich?“ Lukas überlegte. Ein Teil von ihm wollte sich einfach in sein Zimmer verkriechen, Kopfhörer auf, Licht aus. Ein anderer Teil wusste: Wenn er jetzt allein im Zimmer mit seiner Gedankenlawine saß, würde der Tag sich in seinem Kopf noch größer und dunkler aufblasen. „Komm ruhig mit,“ sagte er leise. „Nur kurz. Zum… Übersetzen. Ich hab das Gefühl, wenn ich es meiner Mutter allein erzähle, hört sie nur die Spitzen raus – und du kannst helfen, das Puzzle zu zeigen.“ „Deal,“ meinte Erling. Sie gingen gemeinsam die Treppe hoch. Jeder Schritt tat Lukas im Knie weh, aber er war mittlerweile so daran gewöhnt, dass der Schmerz schon fast zum Hintergrundrauschen gehörte. Vor der Wohnungstür atmete er einmal tief durch und öffnete. In der Wohnung – die Frage nach „Wie war’s?“ „Hallo?“ rief er in den Flur. Aus der Küche kam das Geräusch von klapperndem Geschirr, dann erschien seine Mutter in der Tür, ein Geschirrtuch in der Hand. „Da seid ihr ja,“ sagte sie. „Wie war…“ Sie brach ab, als sie Lukas’ Gesicht genauer sah. Der Blick, die Schultern, die Art, wie er den Rucksack trug – für sie war das inzwischen eine Art Zustandsanzeige. „Schwerer Tag?“ fragte sie nur. Lukas nickte. „Rechnungswesen war… schlimm,“ sagte er. „Alle haben gelacht, Sprüche über Katheter und Therapie und Nachteilsausgleich gemacht. Ich bin rausgegangen, bevor es ganz eskaliert ist. Danach war ich in der Bibliothek. Und dann… kam eine Durchsage, dass es einen Cyberangriff gab und alle raus mussten. Kein IT-Service mehr. Portale, E-Mail, alles tot.“ Sie runzelte die Stirn. „Ein… Cyberangriff?“ fragte sie. „Ernsthaft?“ „Ja,“ bestätigte Lukas. „Offiziell durchs Mikro gesagt. ‚Angriff auf die Systeme der Hochschule‘. Als würde ich in einem schlechten Film mitspielen.“ Erling trat einen Schritt nach vorne. „Er ist aber nicht einfach nur geflohen,“ fügte er hinzu. „Er war bei der Beratungsstelle wegen Nachteilsausgleich. Und als ihm einer im Flur ein Bein gestellt hat, hat eine Frau aus der Rechtsberatung es gesehen und eingegriffen. Sie will mit ihm reden. Richtig reden. Nicht nur ‚ach, ist ja blöd gelaufen‘.“ Die Mutter sah von einem zum anderen. In ihrem Gesicht mischten sich Stolz, Sorge und dieser müde Blick, den nur Leute hatten, die seit Jahren zwischen Kämpfen und Aufstehen pendeln mussten. „Setzt euch,“ sagte sie schließlich. „Ich mach euch Tee. Oder Kaffee. Oder beides.“ Küche – die „Lagebesprechung“
Sie setzten sich an den Küchentisch. Lukas ließ den Rucksack auf den Boden sinken, als wäre er ein Rucksack aus Blei. Der Vater saß im Wohnzimmer, der Fernseher lief leise; er war irgendwo zwischen „halb interessiert“ und „in seine eigene Welt zurückgezogen“, wie so oft. In der Küche stellte die Mutter Tassen hin, goss Tee ein. „Erzähl mir nochmal langsam,“ sagte sie. „Ohne dass du das Gefühl hast, du musst es entschuldigen.“ Lukas holte tief Luft, dann ging er den Tag noch einmal durch – diesmal mit mehr Lückenstopp: • der Morgen mit der schweren Brust • Rechnungswesen, die Sprüche, das Lachen, der Effekt, dass alle ihn zum Thema machten • wie er aufgestanden und rausgegangen war • wie Erling ihn abgefangen hatte • der Gang in die Bibliothek, das kurze Durchatmen • die Durchsage vom Cyberangriff, die geräumte Bibliothek • seine Gefühle von „schon wieder irgendwas, was zusammenbricht“ • die Entscheidung, nach Hause zu fahren, bevor er komplett kollabierte Als er fertig war, standen zwei Tassen vor ihm und eine Hand lag auf seinem Unterarm. „Du hast heute viel gemacht,“ sagte seine Mutter leise. „Auch wenn es sich für dich vielleicht so anfühlt, als hättest du ‚versagt‘, weil du aus der Vorlesung gegangen bist: Du bist hingegangen. Du hast gemerkt, dass es nicht mehr geht. Du bist raus. Und du hast dir Hilfe geholt – oder versucht, dir Hilfe zu holen. Mehr kann man von einem Menschen in deinem Zustand nicht verlangen.“ Lukas starrte in seine Tasse. „Es fühlt sich trotzdem an, als wäre ich wieder kurz vorm Zusammenklappen,“ murmelte er. „Das darf es auch,“ sagte sie. „Es muss sich nicht leicht anfühlen, damit es richtig ist.“ Das Mutbuch – auch zuhause Später, als der Tee leer und der erste Druck raus war, zog sich Lukas in sein Zimmer zurück. Erling blieb noch kurz mit der Mutter in der Küche, besprach mit ihr in ruhigem Ton ein paar Dinge – Nachteilsausgleich, Cyberangriff, was die Therapeutin gesagt hatte. Es tat gut, zu wissen, dass die beiden Informationen teilten; so musste Lukas nicht alles immer allein tragen. In seinem Zimmer war es halbdunkel. Er machte die kleine Lampe auf dem Schreibtisch an, setzte sich, legte das Mutbuch vor sich hin und schlug eine neue Seite auf. Oben schrieb er: Tag 4 – Nachmittag / Zuhause Dann schrieb er, langsamer als sonst, aber klar: „Rechnungswesen: Alle haben gelacht. Ich war wieder Thema. Katheter, Therapie, Rechtsberatung, Nachteilsausgleich – alles wurde zur Pointe. Ich bin gegangen. Ich habe den Raum verlassen. Ich war nicht der, der sitzen blieb und so tat, als wäre das normal.“ „Bibliothek: Kurz Ruhe, dann Cyberangriff. Hochschule ohne IT. Kein Portal, keine Mails, kein Anmelden, kein offizielles Weiterkommen. Wieder das Gefühl: ‚System stürzt ab.‘ Aber diesmal nicht nur meins – das ganze.“ „Ich bin nach Hause gegangen. Nicht, weil ich faul bin, nicht, weil ich aufgeben will – sondern weil ich nichts mehr hatte, was mich heute noch an diesem Ort schützen konnte.“ Er hielt inne, drehte den Stift zwischen den Fingern. Dann schrieb er noch einen letzten Satz:
„Jeder Tag im Moment fühlt sich an wie ein Kampf. Aber ich bin immer noch da. Und manchmal gehe ich selbst aus dem Kampffeld – und das ist kein Verlieren, sondern Überleben.“ Er legte den Stift beiseite, schloss das Buch. Abendstimmung – leise, aber nicht vollkommen dunkel Aus der Küche drangen gedämpfte Geräusche, Besteck, Teller, eine leise Murmelstimme. Der Fernseher im Wohnzimmer brabbelte irgendetwas über Nachrichten, irgendwo fiel ein Glas leicht zu hart auf den Tisch. Lukas ließ sich aufs Bett fallen, lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Er dachte an: • die Mathe-Hölle • die Urinaktion • den Bein-Stell-Moment im Flur • die Frau aus der Rechtsberatung • die Beratungsstelle für Nachteilsausgleich • seine Therapeutin, die „entwürdigend“ gesagt hatte • die Englisch-Lehrerin, die gesagt hatte: „You are not broken.“ • den Cyberangriff, der gezeigt hatte, dass auch große Systeme wackeln können Sein Leben fühlte sich an wie eine zusammengewürfelte Mischung aus persönlichem Drama und externer Katastrophe. Aber dazwischen gab es immer mehr kleine Fäden: Menschen, die nicht wegsahen. Sätze, die ihn stützten. Entscheidungen, bei denen er nicht mehr nur „ertragen“ wählte, sondern „rausgehen“. Draußen irgendwo in der Stadt saß ein Cousin möglicherweise gerade an einem Brief, in dem viel Gift steckte. Die Hochschule kämpfte intern mit Servern und Angriffen. Doch in diesem Moment, in diesem Zimmer, an diesem Abend des vierten Tages, war Lukas einfach nur: müde, überreizt, aber noch da. Und das war – so klein es sich anfühlte – mehr, als sein Körper in manchen Nächten für möglich gehalten hatte. Der fünfte Tag begann mit einem vertrauten, ekelhaften Gefühl im Magen. Noch bevor Lukas die Augen richtig öffnete, wusste er: Heute wäre Mathe. Allein der Gedanke an den Raum, an den Dozenten, an den mit Papier ausgelegten Boden und den Geruch, der sich in seine Erinnerung eingebrannt hatte, reichte, um seinen Puls hochzuschieben. Aufwachen – der Körper weiß es vorher Der Wecker vibrierte wieder unter dem Kopfkissen. Lukas tastete danach, schaltete ihn aus und blieb erst einmal einfach liegen. Es war noch dunkel im Zimmer, nur ein schwacher Streifen Morgenlicht zeichnete sich am Rand des Rollos ab. Seine Gedanken hatten sofort die To-do-Liste geladen: • Mathe • wieder in diesen Raum • wieder denselben Dozenten • wieder dieselben Leute, die die Beutel-Aktion „legendär“ fanden
Sein Herz klopfte schon stärker, bevor er überhaupt saß. „Ich will da nicht rein,“ dachte er. „Ich kann da nicht rein. Aber wenn ich gar nicht mehr hingehe, verliere ich doch komplett den Anschluss. Und dann sagen wieder alle: ‚War klar, dass er das nicht packt.‘“ Er drehte sich auf die Seite, zog die Decke kurz über den Kopf und blieb so liegen. Das Handy vibrierte leise auf dem Nachttisch. Normalerweise ignorierte er morgendliche Nachrichten, aber diesmal griff er reflexartig danach – jede Ablenkung war willkommen. Es war eine Nachricht in der allgemeinen Hochschulgruppe, in der sonst nur Chaos herrschte. Diesmal war sie von einer dieser „offiziell inoffiziellen“ Personen, die immer alles zuerst wussten. [08:01] Nachricht in „Wirtschaft 1. Semester“ „Kurze Info: Wegen des Cyberangriffs fallen heute mehrere Veranstaltungen aus. Mathe FINDET HEUTE NICHT STATT. Dozent kommt nicht, Vertretung gibt es nicht, IT & Prüfungszeug ist down. Bitte nicht umsonst hinfahren “ Darunter direkt die ersten Antworten: „Ehrenmann, danke!“ „Bruder, beste Nachricht seit Wochen.“ „Mathe tot, ich lebe wieder “ Lukas starrte auf den Bildschirm. Ein paar Sekunden lang verstand sein Kopf die Worte, aber sein Körper noch nicht. Mathe findet heute nicht statt. Keine Urinbeutel. Kein „Lieblingsgeruch“. Keine Bühne, auf der er wieder öffentlich zerlegt werden konnte. Seine Brust weitete sich ein bisschen – aber sofort meldete sich eine zweite Stimme: „Na toll. Und du? Du warst gestern das Gesprächsthema. Heute lacht die ganze Gruppe über Mathe fällt aus – und du sitzt hier und bist trotzdem fertig.“ Er legte das Handy kurz auf die Brust, schloss die Augen. Küche – eine andere Art von „gute Nachricht“ Ein paar Minuten später schleppte er sich in die Küche. Die Mutter stand schon am Herd, diesmal mit Haferbrei, der leise blubberte. Das Radio lief, leise Nachrichten, irgendwas von „massiven IT-Problemen an Hochschulen“, aber er nahm nur Fragmente wahr. „Morgen,“ murmelte er. „Morgen,“ antwortete sie. Sie sah ihn prüfend an. „Du siehst aus, als hättest du wieder eine komplette Vorlesung im Schlaf gehabt.“ „Fast,“ sagte er. „Bis gerade eben dachte ich noch, ich muss heute in Mathe.“ „Mathe ist doch heute, oder?“ fragte sie. „Hattest du gesagt.“ „Ja,“ nickte er, setzte sich und zog das Handy wieder raus. „Aber… es gibt Neuigkeiten.“ Er hielt ihr das Display hin, zeigte ihr die Nachricht aus der Gruppe. Sie las, dann hob sie langsam die Augen. „Mathe fällt aus?“ fragte sie. „Wegen dem Cyberangriff?“ „Ja,“ sagte Lukas. „Anscheinend ist alles so durcheinander, dass sie es nicht geregelt kriegen. Der Dozent kommt nicht, es gibt keine Vertretung, nichts.“ Sie seufzte – aber es war kein enttäuschtes Seufzen, eher so etwas wie vorsichtige Erleichterung. „Dann ist das heute ein Mathe-freier Tag,“ sagte sie. „Zumindest offiziell.“ „In meinem Kopf leider nicht,“ murmelte Lukas. „Der spielt die Urin-Szene eh in Dauerschleife. Aber… ich muss wenigstens nicht physisch in denselben Raum.“ Sie stellte ihm eine Schüssel hin, legte einen Löffel dazu.
„Das ist schon mal ein Gewinn,“ sagte sie ruhig. „Auch wenn er sich vermutlich gerade kleiner anfühlt, als er ist.“ Zwischen Erleichterung und Misstrauen Lukas starrte einen Moment in den Haferbrei, rührte mechanisch. Die Nachricht „Mathe fällt aus“ machte etwas Seltsames mit ihm: Ein Teil von ihm jubelte innerlich. Ein freier Schlag. Ein zufälliger Schutz, den er sich nicht erkämpfen musste. Ein anderer Teil war misstrauisch. Wenn Mathe heute ausfällt – schieben sie es vielleicht nur. Und dann wird es beim nächsten Mal doppelt so schlimm. Mehr Stoff, mehr Frust, noch weniger Struktur. „Was ist mit dem Rest von heute?“ fragte seine Mutter. „Hast du noch irgendwas an der Hochschule? Oder ist wegen dem Cyberzeug sowieso alles halb lahmgelegt?“ „Englisch könnte stattfinden,“ sagte Lukas. „Die brauchen nicht unbedingt IT. Aber ich weiß nicht, ob Ms. Turner überhaupt da sein kann, wenn die Systeme spinnen. Und sonst… vieles hängt halt an Portalen, Anmeldungen, E-Mails. Und die gehen gerade nicht.“ Er scrollte durch die Gruppen. In mehreren Chats wurden Screenshots von Fehlermeldungen geteilt, jemand hatte ein Foto eines ausgedruckten Aushangs gepostet: „Wegen des aktuellen Cyberangriffs sind alle IT-Systeme der Hochschule bis auf Weiteres außer Betrieb. Dies betrifft u.a. Prüfungsanmeldung, E-Mail, Moodle, HIS, Notenverwaltung. Wir arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung.“ „Mit Hochdruck,“ murmelte Lukas. „Klingt, als würden sie mit Gartenschläuchen auf Server spritzen.“ Seine Mutter schnaubte kurz. „Was machst du denn jetzt?“ fragte sie. „Wenn Mathe ausfällt – gehst du trotzdem hin? In die Bib? In Englisch? Oder bleibst du heute mal bewusst weg vom Campus?“ Der Spieler – der Timing-Klopfer Es klingelte an der Wohnungstür. „Das wird er sein,“ sagte Lukas’ Mutter, drehte den Herd runter und ging in den Flur. Lukas hörte die vertraute Stimme des Spielers. „Morgen,“ sagte Erling im Eingang. „Panikskala-Check, Ausgabe 5?“ „Komm rein,“ antwortete sie. „Er sitzt in der Küche. Und ja, Panik war schon wieder da – aber heute gibt es eine seltsame Art von… Zufallsjoker.“ Erling kam in die Küche, zog die Kapuze runter, setzte sich ohne große Worte auf den Stuhl gegenüber. „Also,“ sagte er, „gute oder schlechte Nachricht zuerst?“ „Ich hatte schon die mittelgute Nachricht,“ meinte Lukas. „Mathe fällt aus.“ „Ah, du bist schon up to date,“ grinste Erling kurz. „Gut. Ich wollte gerade dramatisch sagen: ‚Wir wurden von einem Cyberangriff vor Mathe gerettet‘.“ Lukas schnaubte. „Gerettet ist vielleicht ein großes Wort,“ meinte er. „Aber… ja. Ich hab heute keinen Termin mit dem Mathe-Tatort.“ „Wie fühlst du dich damit?“ fragte Erling. „Ehrlich. Nicht ‚Ich sollte mich freuen‘, sondern ‚Was ist wirklich da?‘“ Lukas überlegte. „Ein Drittel Erleichterung,“ sagte er langsam. „Ein Drittel Misstrauen – so ‚die heben sich die Hölle nur für später auf‘. Und ein Drittel… Leere. Weil ich merke, dass mein Körper trotzdem schon auf Alarm war, bevor ich die Nachricht gelesen hab. Als würde er Mathe auch dann erwarten, wenn auf dem Stundenplan ‚Urlaub‘ steht.“ Erling nickte zustimmend.
„Klingt realistisch,“ sagte er. „Dein Nervensystem hat nicht um 08:00 Uhr eine PushNachricht bekommen: ‚Mathe fällt aus, du darfst runterfahren‘. Das muss sich erst langsam rumsprechen da drin.“ Plan für den Tag – nicht nur „nichts“ „Was denkst du?“ fragte die Mutter. „Gehst du heute trotzdem an die Hochschule? Oder nutzt du den Tag als… keine Ahnung… Zwischenlandung?“ Lukas stocherte im Haferbrei. „Englisch ist später,“ sagte er. „Und Englisch war bisher das einzige, was nicht zum Schlachtfeld wurde. Ich… glaube, ich will da hin. Nicht, weil ich brav sein will, sondern weil ich diese Insel brauche. Wenn ich jetzt komplett weggehe, fühlt sich die Hochschule nur noch wie Feindesland an. Englisch ist mein Beweis, dass es auch Räume gibt, in denen ich nicht der Witz bin.“ „Bibliothek?“ fragte Erling vorsichtig. Lukas verzog das Gesicht. „Kommt drauf an,“ sagte er. „Wenn das IT-Chaos heute wieder für Durchsagen sorgt, habe ich keine Lust, nochmal rausgeschmissen zu werden. Vielleicht gehe ich nach Englisch kurz hin – wenn sie überhaupt auf haben. Aber Bibliothek ist heute nicht Pflicht.“ „Also grober Tagesplan,“ fasste Erling zusammen: „Morgenblock: Zuhause, einatmen. Mittag/Nachmittag: Englisch-Vorlesung, keine Mathe-Hölle. Optional: Bib. Kein Pflichtprogramm, nur sinnvolles Auftauchen.“ Lukas nickte langsam. „Klingt nach einem Plan, bei dem ich nicht direkt kollabiere,“ sagte er. „Und der Therapeutin würde es vermutlich gefallen, dass ich nicht von 0 auf 200 alles vollstopfe.“ Cyberangriff im Radio – die Bestätigung von außen Während sie sprachen, lief im Radio eine Kurzmeldung: „…nach einem massiven Cyberangriff sind die Systeme der Hochschule in Mainz weiterhin nicht erreichbar. Laut einem Sprecher sind sämtliche IT-Dienste, darunter E-Mail, Prüfungsanmeldungen und Lernplattformen, außer Betrieb. Studierende werden gebeten, aktuelle Informationen über Aushänge und alternative Kanäle zu beachten…“ Die Mutter drehte den Ton etwas lauter, dann wieder runter. „Zumindest,“ sagte sie, „bildest du dir das mit dem Angriff nicht nur ein. Es ist wirklich groß. Nicht nur ‚Server spinnen‘, sondern ernst.“ „Hilft irgendwie nur bedingt,“ murmelte Lukas. „Aber gut zu wissen, dass ich mir nicht noch eine Sache zusammenfantasiere.“ Er nahm einen Löffel Haferbrei, merkte erst jetzt, wie hungrig er war. Sein Körper hatte in den letzten Tagen so viel Stress durchlaufen, dass Hunger und Müdigkeit manchmal erst kamen, wenn der Tag ihn schon überrollt hatte. Ein kleiner Gewinn im Chaos Nachdem sie gegessen hatten, gingen Lukas und der Spieler noch in sein Zimmer. Lukas zog sich eine andere Hose an, prüfte das Knie – der blaue Fleck war immer noch da, aber nicht schlimmer geworden –, packte seinen Rucksack. Diesmal legte er bewusst: • das Mutbuch ein • das Englischheft • einen Stift • eine kleine Wasserflasche Das Rechnungswesen-Heft ließ er im Regal. Allein der Anblick reichte.
„Weißt du,“ sagte er, während er packte, „so bescheuert das ist: Ich hab ein ganz kleines bisschen das Gefühl, als hätte der Cyberangriff mir heute einen Mini-Schutzschild gegeben. So, als hätte jemand da draußen gesagt: ‚Lukas, Mathe heute nicht. Du hast genug erlebt für diese Woche.‘“ „Vielleicht,“ meinte Erling, „ist das Universum ausnahmsweise nicht komplett gegen dich, sondern nur… allgemein chaotisch.“ „Und ich hab zufällig einen Benefit davon,“ murmelte Lukas. „Genau,“ sagte Erling. „Heute mal kein direkt gezielter Schlag. Nur ein großer Systemfehler, bei dem du ausnahmsweise nicht der Hauptverlierer bist.“ Aufbruch – mit weniger Gewicht als gedacht Als sie später die Wohnung verließen, fühlte sich Lukas’ Brust immer noch eng an – aber nicht mehr wie vor einem Hinrichtungsweg. Mathe war gestrichen. Englisch wartete. Die Bibliothek war optional. Die Server der Hochschule lagen zwar flach, aber sein Nervensystem hatte zumindest einen Gegner weniger für diesen Tag. Auf der Treppe nach unten dachte er kurz: Vielleicht ist der fünfte Tag nicht der Tag, an dem alles besser wird. Aber vielleicht ist er der erste Tag, an dem mir ausnahmsweise mal eine Katastrophe nicht direkt ins Gesicht springt. Draußen atmete er die kalte Luft ein. Neben ihm ging der Spieler, wie an den Tagen davor. Und irgendwo im Hintergrund – unsichtbar, unberechenbar – arbeitete die Hochschule daran, ihre Systeme zu reparieren. Lukas hingegen versuchte, an diesem fünften Morgen etwas anderes zu reparieren: ein kleines Stück Vertrauen darin, dass nicht jeder Tag zwingend die schlimmste Version von sich selbst werden musste. Die Luft draußen war kalt, aber klar – so eine dieser Novembermorgene, an denen man den Atem sehen konnte und jedes Geräusch ein kleines bisschen schärfer wirkte. Lukas zog die Jacke enger um sich, als er mit dem Spieler die Haustür hinter sich zuzog. Der Plan war eigentlich: irgendwann Richtung Hochschule, irgendwann Richtung Englisch-Insel. Aber noch nicht jetzt. Jetzt brauchte er etwas anderes. „Bevor wir an die Hochschule denken…“ „Bevor wir an die Hochschule denken,“ sagte der Spieler, während sie die Stufen hinuntergingen, „hätte ich einen Vorschlag.“ „Hm?“ Lukas sah ihn von der Seite an. „Wir laufen erstmal eine Runde,“ meinte Erling. „Nicht in Richtung Campus. Einfach… raus aus diesem Dreieck aus Wohnung–Straßenbahn–Hochschule. Einmal den Kopf in eine Umgebung bringen, in der dich keine Tafel, kein Dozent und kein Scheiß-Lautsprecher anstarrt.“ Lukas blieb kurz stehen, überlegte. Sein erster Reflex war wie immer: Ich muss aber funktional sein, ich muss zum Campus, ich darf keine Zeit verlieren. Dann dachte er an Mathe, das heute ausfiel. An den Cyberangriff. An die Tatsache, dass ihm gerade niemand eine konkrete Uhrzeit vorschrieb. „Wohin?“ fragte er leise. „Rhein? Park? Egal?“
„Rhein,“ sagte Erling ohne zu zögern. „Wasser hilft. Und der Weg tut gut, bevor du dich wieder in Räume setzt.“ Lukas nickte. „Okay,“ sagte er. „Spaziergang zuerst. Hochschule später.“ Durch die Straßen – vom Beton zur Bewegung Sie bogen nicht zur Straßenbahnhaltestelle ab, sondern in die andere Richtung. Weg von den Schienen, weg vom gewohnten Weg zum Campus. Die Straßen waren noch nicht richtig voll. Ein paar Leute mit Aktentaschen, ein Lieferwagen, der halb auf dem Gehweg stand, eine ältere Frau mit Hund. Alles wirkte erstaunlich normal – dieser normale Alltagsfluss, der ihn immer irritierte, wenn in seinem Inneren alles brannte. „Es ist komisch,“ begann Lukas nach ein paar Minuten, „zu sehen, wie die Leute einfach… ihren Tag machen. Arbeiten, Kinder zur Schule, Brötchen holen. Und ich hab das Gefühl, ich bin seit Tagen in einem Film, in dem ständig alles explodiert.“ „Die meisten sehen nur ihre eigene Mini-Explosion,“ meinte Erling. „Dein Film hat halt gerade mehr Budget.“ Lukas schnaubte, obwohl ihm nicht nach Lachen war. „Ich hab lieber Low-Budget-Leben als Blockbuster-Trauma,“ murmelte er. Sie gingen weiter, vorbei an einer Bäckerei, in der frische Brötchen in den Körben lagen, vorbei an einem Kiosk, aus dessen Innerem es nach Zeitungspapier und Kaffee roch. Der Rhythmus der Schritte – und der Gedankensalat Ein paar Minuten herrschte zwischen ihnen nur das Geräusch von Schritten auf Pflaster und das entfernte Rauschen der Stadt. Lukas merkte, wie sein Körper den Rhythmus des Gehens langsam annahm. Die Schultern sanken ein Stück, der Atem wurde gleichmäßiger. „In meinem Kopf,“ fing er dann an, „ist seit Tagen so ein Mix aus allem: die Mathe-Szene, das Bein stellen im Flur, die Stimme von der Therapeutin, der Satz ‚Mathe fällt aus‘, der Cyberangriff, der Cousin, die Hochschule, die Rechtsberatung, Nachteilsausgleich…“ Er machte eine kleine hilflose Geste mit der Hand. „Es ist, als würde jemand dreißig Tabs gleichzeitig offen haben, alle spielen Musik, und ich finde den Knopf zum Stummschalten nicht.“ „Okay,“ sagte Erling. „Dann picken wir uns jetzt auf diesem Spaziergang ein paar Tabs raus und stellen sie auf leise. Nicht schließen – das geht eh nicht so schnell – aber zumindest ein bisschen runterdrehen.“ „Welche?“ fragte Lukas. „Such dir zwei aus,“ schlug Erling vor. „Einen, der weh tut. Einen, der hilft.“ Lukas dachte nach. „Weh: Mathe, klar,“ sagte er. „Hilft: Englisch. Und vielleicht… die Frau aus der Rechtsberatung.“ „Gut,“ meinte Erling. „Mathe & Englisch. Dunkel & hell. Rechtsberatung als Bonus.“ Tab 1: Mathe – aus der Ferne betrachtet Während sie Richtung Innenstadt liefen, begann Lukas zu reden – nicht wie in der Therapie, wo jedes Wort analysiert wurde, sondern mehr wie ein laufender Kommentar, den der Spieler einfach auffing. „Ich hab heute früh gemerkt,“ sagte er, „dass mein Körper schon komplett auf Alarm war, bevor ich überhaupt die Nachricht gelesen habe, dass Mathe ausfällt. Als wäre in mir eine innere Uhr, die sagt: ‚Heute wirst du zerstört‘, egal, was wirklich passiert.“ Er trat gegen ein loses Blatt auf dem Gehweg.
„Und dann liest du ‚Mathe fällt aus‘ und… der Kopf wird kurz froh, aber der Körper so: ‚Zu spät, Alarm läuft schon.‘“ „Klar,“ sagte Erling. „Dein Körper kriegt ja nicht abends eine E-Mail: ‚Morgen bitte ohne Trauma‘. Der läuft auf Mustern.“ „Es macht mich so müde,“ gestand Lukas. „Ich hab das Gefühl, ich werde jeden Tag schon müde geboren.“ Sie bogen in eine Straße ein, in der es ruhiger war. Bäume säumten den Weg, einige Blätter lagen noch auf dem Boden. „Die Therapeutin hat gesagt, das was in Mathe passiert ist, ist entwürdigend,“ fügte Lukas hinzu. „Nicht ‚nur ein Witz‘. Das Wort hallt nach. Wenn jemand, der jahrelang mit Trauma arbeitet, ‚entwürdigend‘ sagt – dann… dann ist es nicht nur mein Kopf, der übertreibt.“ „Genau,“ sagte Erling. „Das ist wichtig. Sonst denkst du am Ende noch, du musst deine Würde anpassen, bis es wieder passt.“ Lukas schnaubte leise. Tab 2: Englisch – der kleine Gegenpol „Englisch dagegen,“ fuhr er fort, „ist das einzige, was sich normal anfühlt. Oder… nicht normal, aber… respektvoll.“ Er erinnerte sich laut: „Die Lehrerin, die Regeln an die Tafel schreibt. ‚No mocking‘. Die, die sagt: ‚Das hier ist keine Bühne für Demütigungen.‘ Ali, der mich in seiner Vorstellung ernst genommen hat. Niemand, der lacht, wenn er sagt, dass ich eine harte Woche hatte.“ Sie gingen an einem kleinen Platz vorbei, auf dem ein Spielplatz stand. Es war noch zu früh, um voll zu sein; nur ein Vater mit einem kleinen Kind im Sand. „Ich glaub, wenn Englisch nicht wäre,“ sagte Lukas leise, „hätte ich die Hochschule schon längst nur noch als Feind abgespeichert. So gibt es wenigstens einen Raum, der sagt: ‚Du bist nicht komplett falsch hier.‘“ „Vielleicht,“ meinte Erling, „ist Englisch gerade wie ein Rettungsboot. Nicht die Lösung für alles, aber etwas, was dich oben hält, während um dich rum noch ziemlich viel absäuft.“ „Schönes Bild,“ murmelte Lukas. „Hoffentlich rammt es nicht auch noch ein Mathe-Eisberg.“ Bonus-Tab: Rechtsberatung – jemand, der nicht wegsieht „Und dann… die Frau aus der Rechtsberatung,“ sagte Lukas nach ein paar Schritten. „Ich krieg das nicht aus dem Kopf, wie sie in der Tür stand, mich fallen gesehen hat und nicht weggeguckt hat.“ Er holte tief Luft. „Dass jemand sagt: ‚Ich habe gesehen, dass er dir ein Bein gestellt hat. Das war kein Versehen.‘ – das ist so neu. Sonst bin ich immer der, der sagt: ‚Da war was.‘ Und alle anderen: ‚Ach, bist du sicher? Vielleicht übertreibst du.‘“ „Sie ist quasi offizielles Backup,“ meinte Erling. „Nicht nur ein Freund, der sagt ‚War scheiße‘, sondern jemand mit Stempel an der Tür.“ „Der Gedanke… dass ich diesmal nicht allein vor einer Wand stehe, wenn ich was sage, macht mir gleichzeitig Hoffnung und Angst,“ murmelte Lukas. „Hoffnung, weil ich nicht allein bin. Angst, weil es dann ernst wird.“ „Ernst ist es sowieso schon,“ sagte Erling. „Nur bisher eben ohne deine Seite, die ernst genommen wird. Vielleicht ist das jetzt der Unterschied.“ Ankunft am Rhein – Wasser, das anders rauscht Nach einer Weile öffnete sich die Straße, und sie standen am Rhein. Das Wasser zog graugrün an ihnen vorbei, Schiffe lagen am Ufer, eine Möwe saß auf einem Poller und schaute wichtig.
Der Wind hier war stärker, trug eine feuchte Kühle mit sich, die sich sofort in Lukas’ Gesicht legte. Er zog einmal tief die Luft ein, als würde er versuchen, das graue Mathegefühl aus der Brust rauszuschieben. „Setzen?“ fragte Erling und zeigte auf eine Bank mit Blick auf den Fluss. „Ja,“ sagte Lukas. Sie setzten sich. Ein paar Jogger liefen vorbei, jemand führte zwei Hunde aus, ein älteres Paar ging langsam spazieren, eingehakt. „Weißt du, was mich an diesem Cyberangriff so triggert?“ fragte Lukas nach einer Weile, ohne den Blick vom Wasser zu nehmen. „Sag,“ antwortete Erling. „Dass er wieder dieses Gefühl verstärkt: Nichts ist stabil.“ sagte Lukas. „Gestern noch: ‚Hol dir Hilfe, stell Anträge, schreib Mails.‘ Heute: ‚IT ist weg, Systeme angegriffen, alles auf unbestimmte Zeit gestört.‘ Es ist, als würde der Boden unter mir nie ganz fest werden.“ Erling nickte. „Aber dieses Mal,“ sagte er ruhig, „ist die Instabilität nicht deine Schuld. Du bist nicht der ‚Störfaktor‘. Da draußen haben Leute Systeme angegriffen, und alle sind betroffen. Du bist ausnahmsweise nicht der Mittelpunkt des Chaos.“ „Es fühlt sich trotzdem persönlich an,“ murmelte Lukas. „Weil ich ausgerechnet jetzt versuche, mein Leben zu sortieren.“ „Das ist Timing, nicht Schuld,“ erwiderte Erling. „Das Leben hat nicht auf dich gewartet, um chaotisch zu sein. Du bist nur leider gerade in einer Phase, in der du jede Erschütterung doppelt spürst.“ Spazieren als Gegenbewegung Sie schwiegen einen Moment und lauschten nur dem Rauschen des Flusses und dem entfernten Motorengeräusch eines Schiffes. Dann stand Lukas plötzlich auf. „Lass uns noch ein Stück gehen,“ sagte er. „Wenn ich zu lange sitze, fängt mein Kopf wieder an, in den Hörsaal zurückzugehen.“ „Okay,“ sagte Erling, stand ebenfalls auf. „Rhein entlang oder zurück?“ „Rhein entlang,“ entschied Lukas. „Ein bisschen so tun, als wäre ich einfach nur ein Typ, der spazieren geht. Nicht der mit den Beuteln, nicht der aus der WhatsApp-Geschichte, nicht der aus der Beratungsstelle. Einfach… Fußgänger.“ Sie gingen am Wasser entlang, Schritt für Schritt, vorbei an einer Stelle, wo Graffiti an einer Mauer prangten. Zwischen all dem Gekritzel stand ein Wort groß und sauber gesprüht: „ATME“ Lukas blieb kurz stehen, sah es an, musste unwillkürlich lächeln. „Na siehst du,“ sagte Erling. „Selbst die Wand sagt dir heute, was zu tun ist.“ „Die Wand ist zumindest nicht sadistisch,“ murmelte Lukas. „Das hebt sie schon mal von ein paar Leuten ab.“ Ein kleiner Plan im Gehen Während sie weitergingen, kristallisierte sich langsam etwas in Lukas’ Kopf, wie eine vage Struktur: „Vielleicht mache ich es heute so,“ sagte er, mehr zu sich als zu Erling: „Morgens: Spazieren mit dir, Kopf sortieren. Nachmittags: Englisch – Insel holen. Danach: Kein Zwang mehr. Wenn ich noch Kraft habe, schreibe ich meine Notizen für die Rechtsberatung und die Beratungsstelle zusammen. Wenn nicht, dann nicht.“ Er sah ihn an.
„Und ich versuche, nicht alles davon abhängig zu machen, ob die IT heute wieder funktioniert oder nicht,“ fügte er hinzu. „Ich kann auf Papier schreiben. Die Server mögen tot sein – mein Stift nicht.“ „Genau,“ sagte Erling. „Cyberangriff hin oder her: Dein Mutbuch ist offline-sicher.“ Lukas nickte. Der Spaziergang hatte nichts „geheilt“. Mathe war immer noch da, irgendwo hinter dem nächsten planmäßigen Termin. Die Hochschule war immer noch ein Ort, an dem viel schief lief. Aber in diesem Moment, an diesem Vormittag des fünften Tages, war da etwas, das in den letzten Tagen gefehlt hatte: Ein paar hundert Meter Weg, in denen Lukas nicht durch Flure voller Gelächter lief, sondern an einem Fluss entlang, an dessen Rand zumindest eine Wand stand, die ihm nicht ins Gesicht spuckte, sondern ihn nur an eine Sache erinnerte: Atmen. Und das tat er. Nicht perfekt. Nicht tief und frei. Aber genug, um den nächsten Schritt zu setzen – zurück in eine Welt, die ihn noch immer viel zu oft verletzte, aber in der er jetzt wenigstens nicht mehr ganz allein lief. Der Rest des fünften Tages verlief anders, als Lukas es noch am Morgen erwartet hatte – aber nicht völlig ohne die bekannten Schatten. Nach dem Spaziergang – Entscheidung gegen den Campus Als sie irgendwann vom Rhein aus wieder Richtung Wohnung liefen, war es schon später Vormittag. Die Kälte kroch in die Finger, und Lukas merkte, wie die Anspannung im Körper langsam in eine schwere Müdigkeit überging. „Und?“ fragte Erling, als sie an einer Kreuzung stehenblieben. „Planst du noch, heute zur Hochschule zu fahren? Englisch? Oder sagt dein System eher: Reicht für heute?“ Lukas dachte nach. In ihm kämpften wieder zwei Stimmen: • die eine: Du musst, sonst bist du wieder der, der aufgibt • die andere: Wenn du dich heute nochmal in dieses Umfeld wirfst, brichst du vielleicht wirklich zusammen Er sah zu Erling rüber. „Englisch wäre gut,“ sagte er leise. „Aber… ich merke, dass mein Kopf heute schon komplett voll ist. Cyberangriff, Mathe fällt aus, Spaziergang, all die Gedanken. Wenn ich jetzt noch eine ganze Veranstaltung mit Gruppenarbeit mache, könnte aus ‚Englisch als Insel‘ schnell ‚Englisch als nächste Welle‘ werden.“ Erling nickte. „Dann schieben wir Englisch heute auf die innere Liste: ‚Das ist ein guter Raum – und der läuft nicht weg‘,“ meinte er. „Du machst keinen Besuchszwang daraus. Heute war Spaziergang dein Modul.“ Lukas musste kurz, erschöpft, aber ehrlich grinsen. „Spaziergang als Wahlpflichtfach,“ murmelte er. „Bestanden mit sitzengebliebenen Gedanken.“ „Genau,“ sagte Erling. „Und jetzt: nach Hause. Warm. Essen. Und vielleicht… etwas, das kein Blutdruck-Trigger ist.“
„FIFA?“ fragte Lukas vorsichtig. „FIFA,“ bestätigte Erling. „Virtuelle Katastrophen sind leichter zu ertragen als echte.“ Zuhause – ein anderer Lärm Zurück in der Wohnung war die Luft warm und roch ein bisschen nach Essen und ein bisschen nach Wohnzimmer. Der Vater saß auf dem Sofa, der Fernseher lief mit halb heruntergedrehtem Ton; irgendwas mit Nachrichten, in denen wieder von „Cyberangriff auf die Hochschule“ gesprochen wurde. Die Mutter kam aus der Küche, als sie die Tür hörte. „Ihr seid wieder da,“ sagte sie. „Habt ihr euch wenigstens etwas die Beine vertreten?“ „Rheinrunde,“ sagte Erling. „Therapeutisch wertvoll.“ Lukas nickte nur und schlüpfte aus den Schuhen. „Ich bin… müde,“ sagte er. „Aber nicht mehr so panik-müde wie heute Morgen. Mehr so ‚Akku fast leer‘.“ „Dann ist das ein Fortschritt,“ meinte die Mutter. „Heute kein Campus mehr?“ „Nein,“ sagte Lukas. „Nicht heute. Mathe fällt eh aus. Englisch… kommt wieder. Ich muss gerade aufpassen, nicht jeden Tag zu einem Beweis machen zu wollen, dass ich doch funktioniere.“ Sie sah ihn an, und in ihrem Blick lag dieses leise Einverständnis, das keine langen Reden brauchte. „Gut,“ sagte sie nur. „Dann macht euch einen ruhigen Nachmittag. Ich bin in der Küche. Wenn ihr Hunger habt – shout.“ Zimmer – Konsole statt Katheter-Witze In seinem Zimmer war es halbdunkel. Lukas zog die Jalousie ein Stück hoch, ließ ein wenig graues Tageslicht herein. Die Konsole stand wie immer vorne am Fernseher, ein vertrauter Anblick, der sich nicht ständig in eine Bühne für Demütigungen verwandelte. „FIFA?“ fragte Erling nochmal, obwohl die Antwort eigentlich klar war. „FIFA,“ bestätigte Lukas. „Modus: alles, nur nicht Mathe.“ Er kramte ein FIFA-Spiel aus dem Regal, legte die Disc ein, die Konsole summte leise. Das vertraute Startmenü erschien, Musik setzte ein – nicht seine Lieblingsmusik, aber normal genug, um angenehm zu sein. „Gegen einander oder Koop?“ fragte Erling, als sie die Controller in die Hand nahmen. „Koop,“ sagte Lukas nach kurzem Überlegen. „Ich will heute nicht gegen dich verlieren. Ich will mit dir zusammen gewinnen – oder zusammen verlieren, aber nicht gegeneinander.“ „Deal,“ meinte Erling. „Welche Mannschaft?“ Lukas zögerte kaum. „Mainz 05,“ sagte er. „Und… als Gegner irgendjemanden Überstarken. ManCity, Real, Bayern, egal. Hauptsache: Wenn wir verlieren, liegt es nicht daran, dass ich schlecht bin, sondern weil das Spiel eh gegen uns war.“ Erling grinste. „Also der Klassiker: wir gegen den Fußball-Kapitalismus,“ sagte er. „Gefällt mir.“ Spielen – andere Regeln, andere Welt Das Spiel begann. Auf dem Bildschirm liefen kleine Figuren über einen virtuellen Rasen, der nichts von Urin, Papierböden oder Beuteln wusste. Hier war „Druck“ ein Balken in der Ecke, keine Luft, die im Raum stand. Lukas konzentrierte sich auf die Controller: • Pässe, • Doppelpässe,
Laufwege, Timing. „Rechts! Rechts!“ rief Erling, als die KI mit einer wahnwitzigen Grätsche ankam. „Ich seh’s!“ antwortete Lukas, drückte im letzten Moment auf „passen“, der virtuelle Ball ging weiter – Flanke, Kopfball, knapp vorbei. „Boah, das war knapp,“ murmelte Lukas. „Wenigstens ist mein größtes Problem hier, dass der Stürmer zu doof ist, den Ball reinzumachen.“ „Und niemand schreit: ‚Na, wo ist dein Katheter?‘, wenn du daneben schießt,“ ergänzte Erling trocken. „Ja,“ sagte Lukas. „Das… ist ein Feature, nicht ein Bug.“ Je länger sie spielten, desto mehr veränderte sich die innere Atmosphäre. Die Stimmen im Kopf waren nicht plötzlich weg, aber sie hatten Konkurrenz: „Pressing!“ „Du hast den Außenbahnspieler!“ „L1, L1!“ „Schieß doch!!“ Sie lachten, fluchten über die KI, stritten kurz darüber, wer schuld an einem Gegentor war – aber alles in einem Rahmen, der sich sicher anfühlte. Beim dritten Spiel schafften sie es tatsächlich: Mainz 05 gegen einen übermächtigen Gegner, 2:1 gewonnen, das virtuelle Stadion tobte. „Siehst du,“ sagte Erling, als die Kamera auf die jubelnden Pixel-Spieler zoomte, „irgendwo steht Mainz heute nicht auf Platz 17.“ „In meiner Konsole,“ murmelte Lukas. „In meinem FIFA-Universum.“ „Und das ist heute das Universum, das zählt,“ antwortete Erling. • •
Währenddessen – Augen im Hintergrund Was die beiden nicht wussten: Ein paar Häuser weiter, in einem Auto, das so unauffällig wie möglich an der Straße stand, saß jemand und sah hin. Nicht ins Zimmer direkt – so leicht machte es die Realität niemandem. Aber auf das Haus, die Fenster, die Bewegung dahinter. Der Cousin. Er hatte sich nicht angekündigt. Er hatte keine Nachricht geschrieben. Er hatte noch keine neue Bombe platzen lassen. Er saß einfach da, Hände am Lenkrad, Blick nach oben, auf das Fenster, hinter dem er Lukas vermutete. „Da hockst du also,“ murmelte er leise, für sich. „Mit deinem Fußballheld, deiner Mama, deinem ganzen Rettungsteam. FIFA, Therapie, Beratung, Rechtswege… alles, nur nicht mal normal klarkommen.“ Er beobachtete das Licht im Fenster, das flackernde Blau des Fernsehers, das gelegentliche Aufblitzen, wenn im Spiel ein Tor fiel. Er sagte nichts. Kein Anruf. Keine Nachricht. Kein Klopfen. Aber in seinem Kopf liefen sehr wohl Monologe: „Du tust immer so, als wärst du das Opfer. Als wärt ihr die Guten und ich der Böse. Du hast keine Ahnung, was es heißt, wirklich alleine zu sein. Und wenn du glaubst, dein Leben wäre schwer – warte ab. Ich hab dir gesagt, du wirst die schlimmste Vorweihnachtszeit haben.“ Er drückte die Finger fester gegen das Lenkrad.
„Und ich werde nicht mal laut sein müssen, damit du kaputtgehst,“ dachte er. „Ein Brief. Ein paar Sätze. Du weißt ganz genau, welcher Knopf gedrückt werden muss.“ Aber heute blieb er stumm. Kein Motor startete. Keine Tür öffnete sich. Kein Schatten stand plötzlich vor der Haustür. Er saß nur da, sah zum Haus, manchmal auf sein Handy, scrollte durch alte Nachrichten, durch die lange Nachricht, die er damals an die „Tante/Ersatzoma“ geschrieben hatte, in der er sie beschimpft, alles umgedreht hatte. Er schmeckte das Gift dieser Worte fast noch einmal – und es gefiel ihm. Bald, dachte er. Noch nicht heute. Aber bald. Dann, irgendwann, drehte er den Schlüssel im Zündschloss, ließ den Motor anspringen und fuhr davon. Die Straße wurde wieder normal – nur Autos, Laternen, Häuser. Abend – ein bisschen Normalität im Zimmer Drinnen im Zimmer hatten Lukas und Erling von all dem nichts mitbekommen. Sie waren inzwischen beim vierten oder fünften Spiel. Zwischendurch hatte Lukas kurz auf Toilette gemusst, die Mutter hatte einmal reingeschaut und gefragt, ob sie Pizza bestellen oder Nudeln machen sollten. Lukas’ Gesicht wirkte müder als an anderen FIFA-Abenden, aber zum ersten Mal seit Tagen war die Müdigkeit nicht nur aus Angst, sondern auch aus etwas wie… Spiel-Erschöpfung. „Ich glaub, ich bin durch für heute,“ sagte er irgendwann, nachdem sie ein weiteres knapperes Spiel verloren hatten. „Mein Kopf ist Matsche. Im positiven wie im negativen Sinn.“ Er legte den Controller auf den Tisch, lehnte sich zurück. „Und?“ fragte Erling. „Wenn du den Tag als FIFA-Part bewerten müsstest?“ Lukas dachte kurz nach. „Die ersten Level waren schwer,“ sagte er. „Morgens: Mathe-Panik, Cyberangriff. Mittags: Spaziergang. Nachmittags: FIFA als Bonusmission. Und… fürs erste Mal seit ein paar Tagen hab ich das Gefühl, dass der Tag zwar kacke angefangen hat, aber nicht komplett kacke aufhört.“ „Das unterschreib ich,“ meinte Erling. Nacht – Ruhe mit Restgeräuschen Später, als Erling nach Hause aufbrach und die Wohnung wieder in ihren Abendrhythmus zurückfiel, lag Lukas in seinem Bett und starrte an die Decke. Er dachte an: • den Cyberangriff, • die ausgefallene Mathe-Vorlesung, • den Spaziergang am Rhein, • das Graffiti „ATME“, • die FIFA-Spiele, in denen er nicht Zielscheibe, sondern Spieler gewesen war, • die unsichtbaren Augen seines Cousins – von denen er nichts wusste, aber die innerlich wie ein vages Gefühl von Bedrohung irgendwo im Hintergrund lauerten. Sein Körper war müde. Sein Kopf summte noch leicht. Aber der Tag hatte ihm, trotz allem, zwei Dinge gezeigt: 1. Manchmal rettet einen nicht Mut oder Stärke vor der nächsten Hölle – sondern etwas so Banales wie ein Cyberangriff, der eine Vorlesung ausfallen lässt. 2. Es gibt Momente, in denen er einfach nur ein junger Mann sein konnte, der mit einem Freund FIFA spielt – ohne Beutel, ohne Dozenten, ohne Gelächter.
Dass da draußen jemand saß, der bereits den nächsten Schlag vorbereitete, würde der nächste Abschnitt der Geschichte zeigen. Aber an diesem Abend, am Ende des fünften Tages, war es für Lukas erstmal nur wichtig, dass er eine Sache geschafft hatte: Er war nicht zurück in die Mathe-Hölle gegangen. Er hatte sich bewegt, geatmet, gespielt. Und er war – trotz allem – noch da. Der sechste Tag begann ruhiger, aber nur von außen. Innen drin war es immer noch laut. Später Vormittag – ein halber Ruhetag Lukas war an diesem Morgen etwas später aufgestanden. Kein Wecker unter dem Kopfkissen, nur das diffuse Licht, das durchs Rollo drang, und das Geräusch von Geschirr aus der Küche. Der offizielle Hochschul-Chat hatte sich seit früh wieder überschlagen: Screenshots von Fehlermeldungen, Gerüchte, dass der Cyberangriff „massiv“ sei, Diskussionen darüber, ob Prüfungen verschoben würden. Mathe war immer noch tot, andere Fächer liefen nur halb oder gar nicht. Lukas hatte einmal durchgescrollt, dann das Handy zur Seite gelegt. Die Hochschule war grad ohnehin nicht der Ort, an dem er sein wollte. Er war in die Küche gegangen, hatte gefrühstückt – Haferbrei, Tee – und mit seiner Mutter über Kleinigkeiten gesprochen. Der Vater war da, aber eher im Hintergrund, mit halbem Ohr bei den Nachrichten. Der Spieler war gegen späten Vormittag aufgetaucht, so unauffällig wie immer, und hatte sich mit einem leisen „Morgen“ an den Küchentisch gesetzt. Sie hatten kurz über Fußball geredet, über die nächsten Spiele, über den Stand von Mainz 05 – als wäre die Welt normal. Nach dem Essen war eine merkwürdige Stille in der Wohnung. Nicht unangenehm – eher ein Vakuum: Was tun wir mit diesem Tag, der plötzlich nicht mehr voll mit Hörsaal-Hölle ist? Die Idee der Mutter – ein Versuch, etwas Gutes zurückzuholen „Ich hab einen Vorschlag,“ sagte die Mutter schließlich, während sie eine Tasse abtrocknete. Lukas und der Spieler sahen gleichzeitig zu ihr. „Es ist zwar alles gerade anstrengend und beschissen,“ begann sie, „Hochschule, Cyberangriff, der ganze Stress… aber es ist auch Vorweihnachtszeit. Und letzte Woche haben wir es ja schon einmal versucht – Weihnachtsmarkt. Damals warst du zwar nervös, Lukas, aber am Ende warst du froh, dass wir gegangen sind.“ Lukas brauchte einen Moment, um die Erinnerung hervorzuholen. Der erste Weihnachtsmarktbesuch in diesem „Treffen“ war eine Mischung gewesen aus: Lichter, Gerüche, Geräuschen – und der ständigen Angst, dass irgendwas kippt. Aber auch: gebrannte Mandeln, ein Becher Kinderpunsch, ein kurzer Moment, in dem er sich fast wie jemand gefühlt hatte, der einfach nur da war. „Was hältst du davon,“ fuhr sie fort, „wenn wir heute Mittag noch einmal zusammen hingehen? Du, wir zwei und…“ – sie sah zu Erling – „wenn du möchtest, du auch.“ Erling nickte sofort. „Ich bin dabei,“ sagte er. „Weihnachtsmarkt ohne Mathe, das klingt nach einem guten Modul.“ Lukas spürte, wie sein Bauch kurz beides gleichzeitig meldete: – Freude, weil Weihnachtsmarkt auch für ihn etwas Magisches hatte – Lichter, Musik, dieses Gefühl von „die Stadt tut so, als wäre sie warm, auch wenn es kalt ist“. – Angst, weil Menschenmengen, laute Geräusche, Gerüche von Alkohol und Bratwurst auch overload bedeuten konnten.
„Ich weiß nicht,“ murmelte er. „Letztes Mal war schön, aber auch anstrengend. Und… da ist noch diese Sache mit dem Alkohol. Seit ich damals an Weihnachten dieses Bier mit 12 Prozent getrunken hab… schon der Geruch von Glühwein löst Panik aus.“ Die Mutter nickte verständnisvoll. „Wir zwingen dich zu gar nichts,“ sagte sie. „Aber vielleicht tut es dir gut, ein paar gute Erinnerungen dazu zu packen. Und wir gehen tagsüber – da ist es nicht so voll wie abends. Kein Gedrängel, kein Besoffenen-Chor.“ Erling sah ihn an. „Wir können es so machen,“ schlug er vor, „dass du jederzeit sagen darfst: ‚Es reicht, ich will heim‘. Ohne Diskussion, ohne ‚aber wir waren doch gerade erst da‘. Und wir trinken alle keinen Alkohol. Nur Kakao, Kinderpunsch, Tee. Deal?“ Lukas dachte nach. Er spürte, wie in seinem Kopf viele „Was, wenn“-Sätze aufpoppten. Aber gleichzeitig war da die leise Ahnung: Wenn ich jetzt gar nichts Schönes mehr zulasse, bleibt von dieser Vorweihnachtszeit nur noch Cyberangriff, Hochschule und Cousin-Drohung übrig. „Okay,“ sagte er schließlich. „Wir probieren es. Tagsüber. Ohne Alkohol. Mit Fluchtoption.“ „Gut,“ meinte seine Mutter. „Dann ziehen wir uns warm an, und in einer Stunde gehen wir los.“ Auf dem Weg in die Stadt – Mischung aus Nervosität und leiser Vorfreude Kurz darauf standen sie im Flur, zogen Jacken an, Schals, Mützen. Der Vater kam aus dem Wohnzimmer, sah sie an. „Ihr geht auf den Weihnachtsmarkt?“ fragte er. „Ja,“ sagte die Mutter. „Nur ein bisschen. Es ist hell, es ist nicht so voll. Tut vielleicht gut.“ Der Vater nickte, etwas unbeholfen. „Passt auf euch auf,“ sagte er, mehr zu Lukas und dem Spieler als zu irgendwem sonst. „Und… lass dich von den Leuten nicht verrückt machen.“ Das war in seiner Sprache schon fast ein emotionaler Satz. Sie gingen die Treppe hinunter, traten in die kühle Luft hinaus. Der Weg in Richtung Innenstadt war vertraut, aber Lukas’ Körper war angespannt. Jeder Schritt war begleitet von diesem inneren Scan: zu laut? zu voll? zu viel? „Atme,“ murmelte der Spieler einmal, als sie auf die Hauptstraße abbogen. „Nicht so, als wärst du auf der Flucht – eher wie auf dem Spaziergang gestern.“ „Ich versuch’s,“ sagte Lukas. „Mein Körper ist noch im Modus: ‚Gleich kommt Angriff‘.“ „Dann zeigen wir ihm mal, dass es heute höchstens Lebkuchen-Angriff gibt,“ versuchte Erling es mit einem kleinen Witz. Ankunft am Weihnachtsmarkt – Lichter, Gerüche, und zu viele Reize Der Weihnachtsmarkt breitete sich wie ein kleiner leuchtender Teppich rund um den Dom aus. Schon von weitem konnte man: • die Holzbuden sehen, geschmückt mit Lichterketten, • den Geruch von Zimt, Vanille, Bratwurst, gebrannten Mandeln riechen, • das leise Gemisch aus Weihnachtsliedern, Kinderstimmen, Verkäufer-Rufen hören. Lukas blieb einen Moment am Rand stehen. Es war nicht übervoll – es war ja noch Mittag, keine Stoßzeit. Aber es waren genug Menschen da, dass sein Gehirn in den „Scanmodus“ ging. „Alles okay?“ fragte die Mutter. „Ja,“ log er halb. „Ich brauch nur einen Moment, um mich an den Lärm zu gewöhnen.“ Der Spieler stellte sich dicht neben ihn, aber nicht zu dicht – so, dass Lukas ihn wahrnehmen konnte, ohne sich bedrängt zu fühlen.
„Wir machen das in kleinen Inseln,“ schlug er vor. „Erst zu einem Stand, kaufen was, dann an den Rand stellen, essen/trinken. Nicht im Durchgang steckenbleiben, okay?“ „Okay,“ sagte Lukas. Erster Stand – der Kampf mit dem Glühwein-Geruch Sie gingen langsam zwischen den Buden entlang. Die Mutter blieb an einem Stand mit gebrannten Mandeln und Nüssen stehen. „Ich hole uns eine Tüte,“ sagte sie. „Lukas, was willst du?“ „Mandeln,“ antwortete er. „Die ganz normalen. Vielleicht mit Zimt.“ Der Geruch von Zucker und Zimt stieg ihm in die Nase – angenehm. Doch kaum waren sie ein paar Schritte weiter, zog ein anderer Duft vorbei: schwer, süßlich, alkoholisch. Glühwein. Sein Körper reagierte sofort. Der Magen krampfte kurz. Sein Kopf schleuderte die Erinnerung hoch: Heiligabend, zu viel Bier, das starke 12-Prozent-Getränk, der fast-Klinik-Absturz, das Erbrechen, die Panik in den Augen seiner Mutter und des Spielers. „Nicht atmen,“ dachte er reflexartig. „Nicht einatmen.“ Er blieb kurz stehen, konzentrierte sich darauf, durch den Mund zu atmen. Der Spieler merkte die Veränderung sofort. „Hier,“ sagte Erling, zog ihn leicht ein Stück zur Seite, weg von einer besonders vollen Glühweinbude, hinter eine Lichterkette, die einen etwas ruhigeren Bereich abgrenzte. „Wir stellen uns kurz hierhin. Blick weg von den Bechern, ja?“ Lukas nickte, klammerte sich mit einer Hand an den Riemen seines Rucksacks. „Ich hasse es,“ murmelte er. „Dass ein Geruch so viel Macht haben kann.“ „Gerüche sind wie Abkürzungen direkt ins Gehirn,“ sagte Erling leise. „Aber du bist diesmal nicht betrunken. Du stehst gerade, du bist nüchtern, du hast uns. Das ist ein wichtiger Unterschied.“ Die Mutter kam mit der Mandeltüte dazu, merkte sofort, dass die beiden nicht einfach nur schauten. „Glühwein?“ fragte sie knapp. „Glühwein,“ bestätigte Lukas. „Wir gehen weiter weg von den Ständen mit Alkohol,“ entschied sie. „Der Weihnachtsmarkt ist groß genug. Es gibt auch ruhigere Ecken.“ Sie wanderten weiter – diesmal bewusst eine Route, die an Ständen vorbeiführte, die eher Kinderpunsch, Waffeln, Crêpes, Holzspielzeug und Kerzen verkauften. Ein kleiner Erfolg – Kakao statt Panik Sie blieben an einem Stand stehen, der heiße Schokolade und Kinderpunsch in hübschen Bechern anbot. „Lukas?“ fragte die Mutter. „Kakao? Du mochtest den letztes Mal.“ Er überlegte kurz, dann nickte. „Ja,“ sagte er. „Kakao. Ohne alles. Ohne Schuss. Ohne irgendwas.“ „Hier gibt es gar keinen Schuss,“ mischte sich die Verkäuferin ein, freundlich. „Alles alkoholfrei. Wir haben extra ein Schild hingehängt.“ Lukas war überrascht, wie sehr ihn dieser Satz beruhigte. Keine versteckten Überraschungen. Kein „Ups, da war doch was drin“. Sie holten drei Becher – für ihn, seine Mutter, den Spieler – und stellten sich an einen der Stehtische am Rand, wo nicht ständig Leute gegen sie stießen.
Lukas nahm einen Schluck. Die heiße Schokolade brannte angenehm in der Kehle, der Geschmack war süß, aber nicht aufdringlich. Für einen Moment überlagerte der Kakao-Geruch den Glühwein in seinem Kopf. „Wie ist die Panikskala jetzt?“ fragte Erling leise. Lukas überlegte. „Vorhin beim Glühwein: 8 von 10,“ sagte er. „Jetzt… 5. Vielleicht 4,5.“ „Okay,“ sagte der Spieler. „Dann ist Kakao heute dein Cyberangriff: Er killt nicht die ganze Angst, aber er blockiert zumindest ein Stück davon.“ Lukas musste lächeln. Szenen auf dem Weihnachtsmarkt – zwischen Schmerz und Wärme Sie gingen weiter, langsam, ohne Eile. An einem Stand mit Holzschnitzereien blieb Lukas stehen. Es gab kleine Tiere, Sterne, MiniKrippen. Seine Finger glitten über die glatten, warmen Flächen eines geschnitzten Fuchses. „Der ist schön,“ sagte er leise. „Kauf ihn,“ meinte seine Mutter. „Wenn du ihn in der Hand hast, erinnerst du dich vielleicht später nicht nur an den Glühwein-Geruch, sondern auch an diesen Moment hier.“ „Ich zahl den,“ sagte der Spieler dazwischen. „Und du stellst ihn dann neben deine Konsole. Deal?“ Lukas schüttelte den Kopf. „Du hast schon so viel für mich gemacht,“ murmelte er. „Nachfrage war unklar,“ meinte Erling trocken. „Ich hab gesagt: Ich zahl den. Nicht: Darf ich?“ Am Ende einigten sie sich darauf, dass sich die beiden den Fuchs „teilen“: Der Spieler zahlte, Lukas suchte ihm einen Platz im Zimmer – ein kleiner, stummer Zeuge für einen Moment, der nicht komplett schlimm gewesen war. An einem anderen Stand blieb Lukas hängen, weil dort Weihnachtsmusik aus einem alten Lautsprecher dudelte. Ein Kind tanzte unbeholfen im Schnee-Matsch, die Eltern lachten. Ein Stück weiter sah er eine ältere Frau, die ihrem Enkel eine Mütze zurechtrückte. Das Bild traf ihn plötzlich in die Magengrube. Ersatzoma. Der Kontaktabbruch. Die Nachricht, die sie geschrieben hatte. Die Antwort, die der Cousin geschickt hatte. All das, was in seiner Familie zerrissen war. Sein Blick blieb an der Szene hängen, länger als nötig. Seine Brust zog sich zusammen. Der Spieler bemerkte es. „Was siehst du gerade?“ fragte er leise. „Eine Oma, die ihren Enkel im Griff hat,“ sagte Lukas tonlos. „Im Guten.“ Er schluckte. „Ich… denke an sie,“ fuhr er fort. „Wie es hätte sein können. Ohne all das Drama. Ohne Drohnachrichten. Ohne dieses Gefühl, dass ich immer der Grund für den Streit bin.“ Der Spieler legte ihm kurz die Hand auf den Rücken, drückte einmal, nicht zu fest. „Du bist nicht der Grund,“ sagte er. „Der Streit war schon da, bevor du überhaupt den Mut gefunden hast, deine Sicht zu sagen.“ Die Mutter, die die Szene auch gesehen hatte, sagte nichts. Aber ihre Miene verriet, dass sie denselben Stich spürte. Für einen Moment standen sie einfach da, zu dritt, zwischen all den Lichtern und Ständen, und trauerten leise um etwas, das hätte sein können. Dann atmete Lukas tief ein, rieb sich kurz die Augen. „Weiterlaufen?“ fragte er.
„Nur, wenn du willst,“ sagte die Mutter. „Ja,“ nickte er. „Weiter. Sonst friert mein Kopf in diesem Bild fest.“ Kleine Normalität – ein Mainz-05-Moment Sie gingen weiter, bis sie an einen Stand kamen, an dem Fanutensilien verkauft wurden – Schals, Mützen, Handschuhe, einige neutral, andere mit Vereinslogos. Lukas’ Blick blieb unweigerlich an einem rot-weißen Schal mit Mainz-05-Emblem hängen. „Passend,“ meinte Erling. „Weihnachtsmarkt in Mainz ohne 05 ist wie Kakao ohne Becher.“ „Ich hab schon einen Schal,“ sagte Lukas. „Aber… der ist alt. Und irgendwie verbinde ich ihn mit Zeiten, in denen ich im Stadion noch versucht habe, mich unsichtbar zu machen.“ Die Mutter sah zwischen Schal und Sohn hin und her. „Vielleicht ist es an der Zeit,“ sagte sie vorsichtig, „dass du einen Schal hast, der nicht nach ‚ich versuche mich zu verstecken‘ riecht, sondern nach: ‚Ich bin da, so wie ich bin.‘“ Er wollte erst abwinken – Reflex. Nicht schon wieder Geld ausgeben, nicht schon wieder im Mittelpunkt stehen. Aber dann legte ihm jemand einen Schal um die Schultern. Erling. „Sieht gut aus,“ sagte er. „Steht dir. Und wenn du das nächste Mal ein Spiel schaust, kannst du dir vorstellen, dass nicht nur der Verein kämpft, sondern du auch.“ Lukas sah an sich herunter. Der Schal war weich, warm, rot-weiß – so, wie es sein sollte. „Ich zahl diesmal,“ sagte die Mutter entschieden, bevor er protestieren konnte. „Ende der Diskussion.“ Er ließ es zu. Langsam zurück – bevor es kippt Nach einer Weile merkte Lukas, dass seine Energie sank. Das Summen der Menschen, das Blinken der Lichter, die vielen Eindrücke – sein System war voll. „Ich glaub,“ sagte er leise, als sie an einer etwas ruhigeren Ecke ankamen, „für heute reicht es.“ Der Spieler sah ihn prüfend an. „Panikskala?“ fragte er. „Zwischen 4 und 6, schwankend,“ antwortete Lukas ehrlich. „Kein totaler Absturz. Aber wenn wir jetzt noch lange bleiben, könnte es kippen.“ Die Mutter nickte sofort. „Dann gehen wir,“ sagte sie. „Wir müssen nicht den ganzen Markt ablaufen, um beweisen zu müssen, dass du ‚es kannst‘. Du warst hier, du hast Kakao getrunken, du hast es ausgehalten, sogar ein paar schöne Momente gehabt. Das ist genug.“ Sie machten sich auf den Weg zurück – diesmal nicht mitten durch die Buden, sondern eher am Rand entlang. Der Weihnachtsmarkt verschwand langsam hinter ihnen, die Geräusche wurden leiser, die Luft klarer. Zuhause – Nachhall statt Absturz Zuhause angekommen, schälte Lukas sich als erstes aus dem Schal, hing ihn aber sehr bewusst an einen Haken in seinem Zimmer – nicht irgendwo hinten rein, sondern sichtbar. Der Holzfuchs stand bald daneben, auf dem Regal neben der Konsole. Er setzte sich aufs Bett, atmete einmal tief durch. „Es war… nicht leicht,“ sagte er später, als sie zu dritt in der Küche saßen und Tee tranken. „Aber es war auch nicht nur schlimm. Es gab gute Momente.“
„Genau darum ging es,“ sagte seine Mutter. „Nicht darum, einen perfekten Weihnachtsmarkttag zu haben. Sondern darum, dass du auch in dieser kaputten Phase deines Lebens noch irgendwas hast, was nach Normalität aussieht.“ „Und danach wieder FIFA?“ fragte Erling mit hochgezogenen Augenbrauen. Lukas grinste schwach. „Vielleicht später,“ sagte er. „Mein Kopf ist gerade voll mit Lichtern und Glühweingeruch. Ich muss erst alles einsortieren.“ Draußen, irgendwo in der Stadt, gab es Menschen, die von dem Cyberangriff sprachen, von Terminen, von abgesagten Veranstaltungen. Vielleicht saß der Cousin wieder irgendwo und schmiedete stumme Pläne. Doch mitten an diesem sechsten Tag gab es für Lukas einen Abschnitt, der weder Hochschule noch Gericht noch WhatsApp-Texte war: Ein Mittag auf dem Weihnachtsmarkt, mit Kakao statt Bier, mit Angst, aber auch mit warmen Händen am Pappbecher, mit einem Holzfuchs und einem neuen Schal, mit einer Familie, die – so brüchig sie auch war – versuchte, ihm zu zeigen: Zwischen all dem Dunkel gibt es immer noch Lichter. Nicht so viele, wie du verdient hättest. Aber genug, dass du sie siehst, wenn du es schaffst, hinzuschauen. Der Nachmittag hatte sich wie in Schichten aufgebaut: erst der Weihnachtsmarkt, dann das langsame Runterkommen zuhause, und jetzt stand die nächste „Mission“ an – eine, die sich ganz anders anfühlte als Hochschule, Beratung oder Therapie. Einladung mit Vorgeschichte Es war gegen halb fünf, als Lukas’ Mutter in der Küchentür auftauchte und leicht nervös ihr Handy in der Hand drehte. „Lukas? Erling?“ fragte sie. „Ihr erinnert euch an heute Abend?“ Lukas brauchte einen Moment. Sein Kopf war noch voller Weihnachtsmarkt: Lichter, Glühweingeruch, Holzfuchs, MainzSchal. „Ähm… was war heute Abend?“ fragte er vorsichtig. „Das Essen beim Autohändler,“ erinnerte sie ihn. „Erinnerst du dich? Der Händler, bei dem wir damals das Auto hatten – und dessen Tochter einen Schwerbehindertenausweis gebraucht hat?“ Langsam kam die Geschichte zurück: • Der Händler, der irgendwann beim Kaufgespräch angefangen hatte zu erzählen, dass seine Tochter so viele Einschränkungen hatte, aber das Amt sich querstellte. • Die Mutter von Lukas, die gesagt hatte: „Ich hab das alles schon mal für Lukas und meinen Mann durchgekämpft, ich kann Ihnen zeigen, wie man das schreibt.“ • Die langen Abende, in denen sie Formulare erklärt, Widersprüche formuliert, Atteste sortiert hatte. • Der Moment, als der Händler später angerufen hatte, halb überwältigt: „Es hat geklappt. Sie hat jetzt den Ausweis. Mit Merkzeichen. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll…“
Und heute sollte dieser Dank einen Form annehmen: ein gemeinsames Essen, zu dem der Autohändler die Familie eingeladen hatte – ausdrücklich mit Lukas, und, nachdem er mitbekommen hatte, wie wichtig dieser „Freund aus dem Norden“ war, auch mit dem Spieler. „Stimmt,“ murmelte Lukas. „Ich hatte das kurz verdrängt.“ „Er hat heute Vormittag nochmal geschrieben,“ erklärte die Mutter und zeigte ihm die Nachricht. „Er freut sich sehr. Er hat ein barrierefreies Restaurant ausgesucht, extra mit Platz, damit sich niemand eingequetscht fühlt.“ Lukas las die Nachricht. Man spürte zwischen den Zeilen die tiefe Dankbarkeit: „Ich habe selten erlebt, dass jemand sich so für uns reingehängt hat, ohne etwas dafür zu verlangen. Deshalb möchte ich Sie, Ihren Mann, Ihren Sohn und seinen Begleiter heute zum Essen einladen. Ich bestehe darauf, dass Sie nichts bezahlen. Es ist das Mindeste, was ich tun kann.“ Lukas schluckte. Essen gehen war sonst immer mit Stress verbunden: Geld, Geräusche, Blicke, Bedienungen, die ihn taxierten, wenn er stotterte oder langsamer war. Aber diesmal war da noch ein anderer Ton: Sie sind nicht Bittsteller. Sie sind Gäste, weil Sie jemandem geholfen haben. Das war neu. Vorbereitungen – anders nervös als für die Hochschule „Muss ich… besonders angezogen sein?“ fragte Lukas unsicher. „Also, Hemd oder so?“ „Es ist kein 5-Sterne-Restaurant,“ beruhigte ihn seine Mutter. „Ganz normal, gemütlich. Aber vielleicht ziehst du den guten Pulli an. Den rot-schwarzen. In dem siehst du aus, als würdest du dein Leben halbwegs im Griff haben.“ Lukas verzog das Gesicht. „Optische Täuschung,“ murmelte er. „Aber okay.“ Erling grinste. „Ich zieh auch was ordentliches an,“ meinte er. „Nicht, dass sie denken, dein berühmter Freund wäre ein halbfertiger Tourist.“ Der Satz war bewusst doppeldeutig – und sie beide wussten, dass in der Öffentlichkeit immer noch niemand wissen durfte, wer „Erling“ wirklich war. Für den Autohändler war er einfach ein sehr enger Freund von Lukas – offiziell vielleicht ein ehemaliger Betreuer aus einem Austausch oder Kommilitone aus Norwegen. Die Tarnidentität saß mittlerweile gut genug, um nicht dauernd zu wackeln. Auf dem Weg zum Restaurant Später, als es draußen bereits dämmerte, gingen sie gemeinsam los: • Lukas, • seine Mutter, • sein Vater, • der Spieler. Der Wind war kalt, aber trocken. Die Straßenlichter spiegelten sich in Pfützen, Autos zogen mit leicht beschlagenen Scheiben vorbei. Das Restaurant lag nicht in der ganz vollen Innenstadt, sondern leicht abseits – ein familiengeführter italienischer Laden, der vom Autohändler ausgewählt worden war, weil: • barrierefreier Eingang,
keine laute Kneipen-Atmo, genug Platz zwischen den Tischen. „Er hat geschrieben, dass sie extra einen ruhigen Tisch für uns reserviert haben,“ sagte die Mutter, während sie liefen. „Abseits von den großen Gruppen.“ „Das ist… gut,“ murmelte Lukas. In seinem Kopf liefen trotzdem die üblichen Bilder: laute Kinder, klirrende Teller, Bedienungen, die fragen, ob „alles recht“ sei, während er gerade versuchte, nicht von Geräuschen überrollt zu werden. „Wenn es zu laut wird, geh ich kurz raus,“ nahm er sich innerlich vor. „Ich muss nicht alles tapfer ertragen.“ • •
Ankunft – ein Empfang ohne Scham Vor dem Restaurant stand jemand draußen, der rauchte und nervös auf sein Handy sah. Als er die Gruppe kommen sah, leuchteten seine Augen auf. „Da sind Sie ja!“ rief er und warf die Zigarette hastig in einen Aschenbecher. Es war der Autohändler. Ohne Anzug, aber man sah ihm die Verkaufsroutine an – offene Gesten, fester Blick, irgendeine Mischung aus Geschäftsmann und Familienvater. „Guten Abend,“ sagte er, reichte zuerst der Mutter die Hand, dann dem Vater, dann Lukas. Beim Spieler blieb er kurz respektvoll einen Moment länger stehen. „Und Sie müssen der Freund sein, von dem mir Ihr Sohn so viel erzählt hat,“ sagte er zu Erling. „Schön, Sie kennenzulernen.“ Erling lächelte freundlich, aber eher zurückhaltend – seine Tarnrolle: freundlich, unauffällig, nicht zu sehr im Mittelpunkt. „Ich freu mich auch,“ sagte er in seinem leicht eingefärbten Deutsch, das aus Tarnungsgründen immer ein bisschen „Skandinavien“ mitklingen ließ. Der Autohändler trat zur Seite. „Kommen Sie rein,“ meinte er. „Der Tisch ist schon fertig.“ Der Tisch – nicht mitten im Sturm Drinnen empfing sie der typische Restaurantmix aus: • Tomatensoße-Geruch, • leichtem Knoblauchduft, • Stimmengewirr, • Geklimper von Besteck. Lukas‘ Körper spannten sich kurz an – Reflex. Aber er merkte sofort: Es war kein „brüllendlauter“ Laden. Mehr ein warmes Murmeln. Der Autohändler führte sie an den Rand des Gastraums, in eine Ecke mit einem größeren Tisch, der nicht direkt neben der Küche, der Bar oder der Toilette lag. Kein ständiges Kommen und Gehen direkt an ihnen vorbei. „Hier,“ sagte er. „Ich hab extra gesagt, eher ruhigere Ecke. Meine Tochter mag das auch nicht, wenn ständig Leute hinter ihr rumlaufen.“ Alle nahmen Platz: • die Mutter und der Vater nebeneinander, • Lukas neben dem Spieler, • der Autohändler ihnen gegenüber. Auf dem Tisch standen schon Wasserflaschen, Gläser, Brot, Oliven. Dankbarkeit, die nicht weh tut Es dauerte nicht lange, bis eine Bedienung kam, Getränke aufnahm, kurz einen Witz über „viel Wasser, heute keinen Wein?“ machte, dann wieder verschwand.
Als sie allein waren, lehnte sich der Autohändler nach vorne, stützte die Unterarme auf den Tisch. „Bevor wir über irgendwas anderes reden,“ begann er, „muss ich noch einmal etwas loswerden.“ Er sah zuerst die Mutter an, dann Lukas. „Wenn Sie sich damals nicht die Zeit genommen hätten,“ sagte er, „wenn Sie nicht diese ganzen Schreiben erklärt und mitformuliert hätten – ich glaube nicht, dass meine Tochter heute ihren Ausweis hätte. Und ohne den Ausweis gäbe es keine Begleitperson, keine Vergünstigungen, nichts, was ihr das Leben leichter macht.“ Man merkte, dass er sich bereits oft gedacht hatte, was er jetzt sagte. „Ich habe viele Kunden,“ fuhr er fort. „Viele reden viel. Aber selten hat jemand so konkret etwas für meine Familie getan, ohne dafür irgendwas zu wollen. Kein Geld, keine Gegenleistung, nichts. Nur, weil Sie gesagt haben: ‚Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich helfe Ihnen.‘“ Er blickte zu Lukas. „Und Sie,“ sagte er, „haben mir damals auch erzählt, wie das ist, wenn man auf diesen Ausweis wartet. Wie schwer es ist, anderen zu erklären, was Autismus bedeutet, was das mit einem macht. Ich weiß nicht, ob ich das jemals so verstanden hätte, wenn Sie nicht so offen gewesen wären.“ Lukas wurde heiß und kalt. Er war es nicht gewohnt, dass jemand ihn in einem Restaurant ansah und sagte: „Durch dich geht es jemandem besser.“ Meistens war er der, der „Probleme machte“. „Ich… hab nur erzählt, was bei mir war,“ murmelte er. „Genau das war das Wertvolle,“ entgegnete der Autohändler. „Ich habe keine Broschüre gebraucht. Ich habe einen Menschen gebraucht, der sagen kann: ‚Da war ich auch.‘“ Er holte Luft. „Deshalb,“ sagte er, „bestehe ich darauf: Heute sind Sie meine Gäste. Sie fassen die Rechnung nicht an. Ich kann nicht zurückgeben, was Sie uns geschenkt haben. Aber ich kann zumindest dafür sorgen, dass Sie heute einen Abend haben, an dem Sie nicht die sind, die kämpfen müssen. Sondern einfach mal die, die sitzen, essen und sich bedienen lassen.“ Lukas zwischen Stolz und Überforderung Lukas spürte, wie seine Augen leicht brannten – vor Rührung, aber auch vor Überforderung. Er war es gewohnt, dass Gespräche mit Sätzen begannen wie: • „Sie müssen aber…“ • „Warum haben Sie nicht früher…“ • „Sie sind selber schuld, wenn…“ Doch hier saß jemand, der sagte: „Danke, dass Sie da waren.“ Erling stupste ihn unauffällig mit dem Knie an – ein stummer: „Du darfst das annehmen.“ „Ich… freu mich, dass es Ihrer Tochter besser geht,“ sagte Lukas vorsichtig. „Dass sie den Ausweis hat. Dass sie jetzt… ein bisschen mehr Sicherheit hat.“ „Sie schläft ruhiger,“ sagte der Autohändler. „Und ich auch.“ Er lachte kurz, dann wurde sein Ton wieder weicher. „Sie ist heute nicht dabei,“ erklärte er. „Sie hat einen nicht so guten Tag und bleibt bei meiner Frau. Aber ich soll Ihnen ausdrücklich Grüße ausrichten. Sie nennt Sie immer ‚der Junge, der für mich geschrieben hat‘.“ Lukas’ Mundwinkel zuckten. „Schöner Titel,“ murmelte er. „Besser als ‚der Junge mit dem Katheter‘.“
Der Autohändler verstand den Kommentar nicht ganz, aber die Mutter und der Spieler taten es – und ihre Blicke spiegelten es. Essen bestellen – und einmal nicht rechnen Die Speisekarten wurden verteilt. Lukas blätterte vorsichtig darin, orientierte sich an den bekannten Dingen: • Pasta, • Pizza, • Risotto. Die Mutter wollte gerade sagen: „Wir nehmen nichts Teures“, da schob der Autohändler sanft die Handfläche nach oben. „Ich habe gesagt: Sie sind meine Gäste,“ wiederholte er. „Bestellen Sie, was Sie möchten. Nicht, was sich ‚gehört‘.“ Der Vater räusperte sich. „Es ist ungewohnt,“ gab er zu. „Normalerweise müssen wir immer schauen, wie viel geht – und meistens geht nicht viel.“ „Heute schon,“ sagte der Autohändler. „Heute geht viel.“ Lukas spürte, wie in ihm das alte Muster vom „bloß nicht zur Last fallen“ ansprang. Gleichzeitig war da die neue Stimme, die aus Therapie, Behindertenberatung und den letzten Tagen stammte: Du darfst Dinge annehmen, wenn du anderen geholfen hast. „Ich nehme… Pasta mit Pilzen,“ sagte er schließlich. „Und Salat.“ „Perfekte Wahl,“ meinte der Spieler. „Ich nehm Pizza. Ich ess für die nächsten drei Tage mit.“ Es wurde gelacht, die Stimmung lockerte sich etwas. Gespräche über Autos, Behinderung – und ein anderer Blick auf Lukas Während sie auf das Essen warteten, entwickelte sich ein Gespräch, das anders war als die üblichen Restaurantgespräche. Der Autohändler erzählte: • von seiner Tochter, • von den Terminen bei Ärzten, • von der Unsicherheit, ob der Ausweis durchgeht, • von dem Moment, als der Bescheid kam. „Ich hab den Brief dreimal gelesen,“ sagte er. „Und ehrlich: Ich habe geweint. Weil ich wusste: Das ändert vieles. Nicht alles – aber vieles.“ Die Mutter nickte. „Wir kennen das,“ sagte sie. „Als Lukas’ Ausweis kam, war es auch kein ‚Juhu, alles wird gut‘-Brief. Aber wenigstens ein ‚Ihr seid nicht länger komplett unsichtbar‘.“ „Und das Arbeitsamt, die Schulen, die Behörden mögen alles Mögliche sagen,“ fügte der Vater mit einem selten klaren Moment hinzu, „aber Menschen wie meine Frau, wie mein Sohn – die sind es, die anderen erklären, wie das System eigentlich funktionieren sollte.“ Der Autohändler wandte sich wieder Lukas zu. „Sie studieren, oder?“ fragte er. „Wirtschaft?“ Lukas stockte kurz. Er dachte an: • Mathe, • Rechnungswesen, • das Bein stellen im Flur, • die Beutelaktion, • den Cyberangriff. „Ich… versuche es,“ sagte er ehrlich. „Momentan ist es sehr schwer. Es passiert… viel. Nicht nur mit mir, auch mit der Hochschule. Cyberangriff, Mobbing, Chaos.“
Der Autohändler nickte verständnisvoll, ohne in „Ratschlag-Modus“ zu verfallen. „Es ist nicht alles Ihre Aufgabe, zu reparieren,“ sagte er. „Sie haben schon genug repariert, indem Sie uns geholfen haben. Wenn die Hochschule ihre Systeme nicht im Griff hat – technisch oder menschlich – ist das nicht Ihr persönliches Versagen.“ Lukas atmete unmerklich tiefer. Es tat gut, das von jemandem zu hören, der nicht Therapeut, nicht Mutter, nicht Spieler war – sondern jemand aus „der normalen Erwachsenenwelt“. Essen kommt – und ein kurzer Moment ohne Abwehr Das Essen kam: Pasta dampfend, Pizza duftend, Salate frisch. Für ein paar Minuten herrschte die typisch schönste Stille: wenn alle kauen und niemand reden muss. Lukas merkte, wie sein Körper langsam in einen etwas ruhigeren Modus wechselte. Essen hatte oft etwas Erdendes – solange die Umgebung nicht komplett überforderte. Er nahm Gabel für Gabel, schmeckte, statt nur runterzuschlingen. „Wie schmeckt’s?“ fragte die Mutter. „Gut,“ sagte Lukas. „Sehr gut.“ „Sie sehen entspannter aus als am Anfang,“ bemerkte der Autohändler freundlich. „Es ist schön, Sie mal nicht nur in einem anderen Kontext zu sehen als ‚Behördenkampf‘.“ „Ich… bin meistens eher im Modus ‚Überlebenskampf‘,“ gab Lukas zu. „Aber heute… gerade… fühlt es sich ein kleines bisschen an, als dürfte ich einfach nur existieren.“ Erling sah ihn an, und in seinem Blick lag so viel Stolz, dass Lukas kurz wegschauen musste, um nicht wieder Tränen in die Augen zu bekommen. Ein Gespräch am Rand – Vater und Spieler Während die Mutter und der Autohändler sich über Formalitäten, Formulierungstricks und Hilfsmittel austauschten, lehnte sich der Vater leicht zurück, drehte das Glas in der Hand und wandte sich an Erling. „Danke,“ sagte er unerwartet leise. „Dass Sie bei ihm sind.“ Erling zuckte minimal zusammen, dann nickte er. „Er wäre trotzdem hier,“ sagte der Spieler. „Ich bin nur… eine zusätzliche Stimme, die sagt: ‚Du bist nicht verrückt, die Welt ist manchmal einfach scheiße.‘“ Der Vater schnaubte kurz, so etwas wie ein bitteres Lachen. „Ja,“ murmelte er. „Das ist sie. Und manchmal… tragen Kinder die Last, die die Erwachsenen ihnen hinlegen.“ Er sah zu Lukas, der gerade mit dem Autohändler über Autos und Barrierefreiheit bei Fahrzeugen sprach. „Ich hab viel falsch gemacht,“ sagte der Vater leiser, mehr zu sich als zu jemand anderem. „Aber ich bin froh, dass er Leute hat, die ihn sehen.“ Erling nickte nur. „Er ist es wert, gesehen zu werden,“ sagte er. „Mehr als viele andere.“ Zum Schluss – ein Abend, der nicht mit Streit endet Als die Teller leer waren, lehnte sich der Autohändler zurück, hob sein Glas Wasser. „Auf Sie,“ sagte er. „Auf Menschen, die nicht nur an sich denken. Auf Sie als Familie. Und auf Sie, Lukas – und Ihren Freund. Die Welt wäre eine bessere, wenn es mehr von Ihrer Sorte gäbe.“ Lukas hob zögernd sein Glas. „Auf… Ihre Tochter,“ sagte er. „Dass ihr Leben trotz allem ein bisschen leichter wird. Und darauf, dass… wir alle nicht ganz untergehen.“
Sie stießen an. Kein großes Ritual, aber ein ehrlicher Moment. Am Ende des Abends versuchte der Vater reflexartig, wenigstens einen Teil der Rechnung zu übernehmen. Der Autohändler schob die Hand entschlossen zurück. „Wir hatten eine Abmachung,“ sagte er. „Heute zahlen Sie nichts. Punkt.“ Vor dem Restaurant, im kalten Abendlicht, verabschiedeten sie sich. „Wenn Sie irgendwann mal Hilfe brauchen – mit Auto, mit Werkstatt, mit irgendwas, was ich kann – dann rufen Sie mich an,“ sagte der Autohändler. „Das ist mir ernst.“ Er schüttelte Lukas noch einmal die Hand. „Und wenn Sie Ihr Studium weitermachen,“ sagte er, „dann nicht, weil die Hochschule es verdient hat – sondern weil Sie es tun wollen. Sie sind niemandem schuldig, sich kaputtzumachen.“ Lukas nickte langsam. „Danke,“ sagte er. „Für… alles heute.“ Auf dem Heimweg – das Gefühl, nicht nur Last zu sein Auf dem Rückweg war die Luft klar und kalt, der Weihnachtsmarkt in der Ferne nur noch als schwaches Glitzern zu sehen. „Wie fühlst du dich?“ fragte der Spieler, als sie nebeneinander herliefen. Lukas dachte nach. „Anders,“ sagte er. „Müde – aber… es ist eine andere Müdigkeit.“ „anders wie?“ hakte Erling nach. „Sonst sind die Tage müde, weil sie mich leer gemacht haben,“ erklärte Lukas. „Heute bin ich müde, weil viel passiert ist – aber dazwischen war etwas, wo ich nicht nur der war, der Probleme hat. Sondern auch der, der jemandem geholfen hat. Der nicht nur ‚Fall‘ ist, sondern auch ‚Helfer‘.“ Er sah zu ihm rüber. „Es fühlt sich… komisch gut an,“ sagte er. „Zu wissen, dass es da draußen jemanden gibt, dessen Leben ein bisschen besser ist, weil wir zusammen Formulare geschrieben haben.“ „Das ist es auch,“ meinte Erling leise. „Das ist das Gegenteil von dem, was die Leute in der Hochschule dir einreden wollen.“ Sie gingen den letzten Abschnitt schweigend. In Lukas’ Kopf war der Tag immer noch voll – Weihnachtsmarkt, Kakao, Holzfuchs, Schal, Restaurant, Dankbarkeit. Aber über allem lag ein neuer Satz, der langsam seinen Platz fand: Ich bin nicht nur Belastung. Ich bin auch der, der hilft, dass andere nicht untergehen. Dass irgendwo in dieser Stadt ein Cousin Pläne schmiedete, dass die Hochschule unter einem Cyberangriff stöhnte, dass Mathe wie eine dunkle Wolke am Horizont hing – all das war nicht verschwunden. Aber der späte Nachmittag dieses sechsten Tages hatte eine Gegenfarbe bekommen: warm, leuchtend, nicht perfekt, aber stark genug, um dem Grau des Alltags etwas entgegenzustellen. Der Himmel war schon tiefschwarz, als sie wieder in der Wohnung ankamen. Im Flur stapelten sich Jacken, der neue Mainz-Schal hing jetzt ordentlich an der Garderobe, und der Holzfuchs stand bereits auf Lukas’ Regal, als wäre er schon immer da gewesen. Alle waren müde – aber es war diese besondere Art von Müdigkeit nach einem Tag, der nicht nur aus Schmerz bestanden hatte. Ein spontaner Vorschlag
Lukas saß gerade auf der Bettkante, zog seine Schuhe aus, als die Mutter an die Tür klopfte und den Kopf ins Zimmer steckte. „Hey,“ sagte sie vorsichtig. „Ich weiß, der Tag war voll. Weihnachtsmarkt, Essen, alles. Aber… ich wollte euch was fragen.“ Lukas sah auf. Der Spieler, der auf dem Schreibtischstuhl saß und mit dem Holzfuchs spielte, hob auch den Kopf. „Was denn?“ fragte Lukas. „Ich hab eben eine Nachricht von einer alten Freundin bekommen,“ erklärte die Mutter. „Sie ist heute Abend auf dem Weihnachtsmarkt in Nauheim. Sie meinte, es wäre dort kleiner, gemütlicher, nicht so voll wie hier in der Innenstadt. Und… sie hat gefragt, ob wir nicht spontan vorbeikommen wollen. Nur kurz. Einfach, um noch ein bisschen zu laufen und Hallo zu sagen.“ Lukas’ Bauch zog sich reflexartig zusammen. Noch ein Weihnachtsmarkt. Noch mehr Lichter, Geräusche, Gerüche. „Es ist schon spät,“ murmelte er. „Ja,“ nickte die Mutter. „Und wenn du sagst: ‚Ich schaffe keinen zweiten Weihnachtsmarkt‘, dann ist das völlig okay. Ich frage nur, weil… heute zum ersten Mal seit Langem etwas gut gelaufen ist. Und manchmal ist es nicht schlecht, eine gute Welle zu reiten, solange sie noch da ist.“ Erling sah zu Lukas rüber. „Nauheim ist kleiner, oder?“ fragte er. „Nicht so überlaufen wie hier?“ „Ja,“ bestätigte die Mutter. „Eher Dorf-Weihnachtsmarkt. Weniger Betrunkene, mehr Familien. Und wir würden mit dem Auto hin, keine Bahn.“ Lukas dachte nach. Sein System war erschöpft, aber nicht komplett überladen. Die Erinnerung an den ersten Weihnachtsmarkt heute war gemischt – Angst, aber auch Kakao, Holzfuchs, Schal. Das Essen beim Autohändler lag wie ein warmer Stein in seiner Erinnerung: jemand hatte ihnen gedankt, nicht geschimpft. „Wie weit ist das?“ fragte er. „Mit dem Auto vielleicht zwanzig Minuten,“ antwortete sie. „Wir bleiben nicht ewig. Einmal rüberlaufen, vielleicht was Warmes trinken, Freundin kurz treffen, dann zurück. Spätestens gegen zehn sind wir wieder da.“ Er sah zum Spieler. „Was sagt dein Akku?“ fragte Erling leise. „Eher ‚bitte Bett‘ oder ‚ich schaff noch ein Level mehr‘?“ Lukas spürte in sich hinein. „Ich… glaub, ich schaff noch ein Level,“ sagte er langsam. „Wenn wir wirklich jederzeit umdrehen können.“ Die Mutter nickte ernst. „Sobald du sagst ‚es reicht‘, fahren wir,“ meinte sie. „Ohne Diskussion.“ Autofahrt nach Nauheim – ein ruhiger Tunnel Kurz darauf saßen sie im Auto: der Vater am Steuer, die Mutter auf dem Beifahrersitz, Lukas hinten mit dem Spieler. Die Straßen wurden draußen dunkler, je weiter sie aus der Stadt herauskamen. Die Lichter der großen Kreuzungen blieben zurück, Laternen wurden seltener, Häuser kleiner.
Im Radio liefen leise Weihnachtslieder, aber der Vater hatte die Lautstärke runtergedreht, damit niemand überreizt wurde. „Müdigkeitsskala?“ fragte Erling halblaut, während sie an einem dunklen Feld vorbeifuhren. „7 von 10,“ murmelte Lukas. „Aber nicht Panikmüde. Mehr so ‚wenn jemand jetzt schreit, ist es sofort 10‘.“ „Dann hoffen wir,“ meinte der Spieler, „dass Nauheim eher auf Flüstermodus läuft.“ Die Mutter drehte sich kurz halb um. „Wenn es dort doch zu laut oder zu voll ist,“ sagte sie, „machen wir nur einen kurzen Rundgang und fahren dann. Niemand zwingt uns, das Maximum rauszuholen.“ Lukas nickte. Die Scheinwerfer schnitten durch die Dunkelheit, irgendwo in der Ferne war ein schwacher Lichtschein zu sehen – der kleine Weihnachtsmarkt von Nauheim. Ankunft in Nauheim – ein anderer Weihnachtsmarkt Als sie in Nauheim ankamen, war der Unterschied zu Mainz sofort spürbar. Der Weihnachtsmarkt hier war klein, überschaubar, fast familiär: • ein paar Holzbuden auf einem Platz, • eine kleine Bühne, auf der gerade kein Programm war, • ein paar einfache Lichterketten, • Kinder, die mit leuchtenden Augen um einen winzigen Karussellkreis liefen, • ältere Menschen, die sich an Stehtischen unterhielten. Kein riesiges Gedränge. Keine brüllenden, angetrunkenen Gruppen. Mehr ein „Dorffest im Winter“ als ein Großstadt-Event. Lukas atmete einmal tief ein. Der Glühweingeruch war zwar da – Weihnachten ohne Glühwein gab es kaum – aber er war nicht so massiv wie in Mainz. Er mischte sich mit Bratwurstduft, Waffeln, Zuckerwatte. „Das ist… machbarer,“ murmelte er. „Ja,“ sagte der Spieler. „Hier fühlt es sich eher an, als würde jemand dir sagen: ‚Bleib ruhig, alles gut‘, statt ‚Überleb, wenn du kannst‘.“ Sie stiegen aus, zogen Jacken enger, Hauben tiefer, und gingen gemeinsam Richtung Lichter. Treffen mit der Freundin – warme Worte im kalten Wind Die Mutter entdeckte ihre Freundin schnell: eine Frau Mitte fünfzig, mit dicker Jacke, Mütze und einem Lächeln, das den Platz für Lukas ein wenig heller machte. „Da seid ihr ja!“ rief sie und winkte. Es gab eine kurze Umarmung zwischen den beiden Frauen, ein Händedruck für den Vater, ein freundliches Hallo für Lukas und den Spieler. „Lukas,“ sagte sie, „ich freu mich so, dich wiederzusehen. Deine Mutter erzählt mir immer wieder, wie tapfer du dich durch all diesen Behörden-Wahnsinn schlägst.“ Lukas zuckte leicht mit den Schultern. „Ich… versuche es,“ meinte er. „Manchmal ist es mehr stolpern als gehen.“ „Stolpern ist auch gehen,“ sagte sie weich. „Man fällt nur öfter hin.“ Sie sah den Spieler an. „Und das muss der berühmte Freund sein, von dem ich so viel gehört habe,“ meinte sie. „Schön, Sie mal in echt zu sehen.“ „Freut mich auch,“ antwortete Erling höflich, wieder in seiner „unauffälligen“ Variante. „Ich fühl mich hier schon fast wie ein Mainzer.“ „Heute Abend seid ihr Nauheimer,“ scherzte sie. „Komm, wir gehen eine Runde.“
Eine Runde über den Markt – weniger Angst, mehr Atmosphäre Sie schlenderten gemeinsam an den Buden entlang. Lukas merkte, wie sein Nervensystem entspannter blieb als in der großen Stadt. • Die Musik war leiser. • Die Menschen redeten nicht so laut. • Die Wege waren breiter, als sie bei der Budget-Größe des Marktes erwartet hätte. Sie blieben an einem Stand mit selbstgemachten Plätzchen und Marmeladen stehen. Die Freundin der Mutter kaufte etwas, erzählte dabei von ihrem eigenen Sohn, der auch mit Behörden zu tun hatte – aus anderen Gründen, aber mit ähnlichen Kämpfen. „Ich denke immer,“ sagte sie, „Leute wie du, Lukas, oder deine Mutter – ihr seid so etwas wie Pioniere. Ihr lauft durch den Mist, und andere hinter euch haben es dadurch ein bisschen leichter.“ Lukas wusste nicht, was er sagen sollte. Also nickte er nur. „Pioniere,“ wiederholte der Spieler später halblaut. „Nicht ‚Problemfälle‘. Das ist ein Wort, das ich mag.“ An einem anderen Stand blieb Lukas stehen, weil Handarbeiten verkauft wurden: gestrickte Mützen, Schals, Socken. Eine ältere Frau saß auf einem kleinen Hocker hinter dem Tresen und strickte weiter, während sie verkaufte. „Sucht ihr was Warmes?“ fragte sie. „Ich hab schon einen neuen Schal,“ sagte Lukas und musste kurz grinsen, als er an seinen Mainz-Schal dachte. „Aber… die Socken sehen warm aus.“ „Selbst gestrickt,“ sagte die Frau stolz. „Meine Hände können nicht mehr viel, aber stricken geht noch.“ Lukas berührte kurz eines der Paare – die Wolle fühlte sich weich und dicht an. „Kauf dir welche,“ sagte die Mutter leise. „Socken, die jemand mit Herz gestrickt hat, sind besser als alles aus dem Laden.“ Sie suchten ihm ein Paar aus – dunkelblau, mit roten Streifen. Ohne zu großen Aufstand. Ohne dass jemand kommentierte, wie „besondere“ Menschen kaufen. Ein Moment mit Lichtern – und einem Schweigen im Hintergrund In der Mitte des Platzes stand ein kleiner, geschmückter Baum. Nicht so pompös wie die riesigen Stadtbäume, aber liebevoll dekoriert: selbstgebastelte Sterne, einige Kugeln, Lichterketten, die sanft leuchteten. Lukas blieb kurz stehen und sah hoch. „Weißt du,“ sagte die Freundin seiner Mutter, die sich neben ihn gestellt hatte, „wenn man mal genau hinschaut, sind die selbstgebastelten Sterne viel schöner als die perfekten Kugeln. Man sieht, dass da jemand sich Mühe gegeben hat.“ „Ich mag die ungeraden,“ sagte Lukas. „Die nicht perfekt sind. Perfekt fühlt sich immer irgendwie… un-echt an.“ „Dann passt du gut hierher,“ meinte sie. „Hier ist nichts perfekt. Aber vieles echt.“ Er spürte die Worte in sich nachhallen. Irgendwo anders – jemand, der schweigt Während sie auf dem Markt standen, Kakao tranken – wieder alkoholfrei –, lachten und sich Momente stahlen, in denen das Leben nicht nur aus Kämpfen bestand, vibrierte irgendwo in einer anderen Wohnung ein Handy. Der Cousin saß auf seinem Sofa, das Licht vom Fernseher flackerte vor ihm. Er war gedanklich halb bei einem Film, halb bei seinem Handy.
Eine Statusmeldung ploppte auf. Ein Bild. Nicht von Lukas direkt – aber von seiner Mutter. Unscharf, aber erkennbar: Lichter, ein kleiner Weihnachtsmarkt, die Beschriftung: „Spontaner Abendausflug nach Nauheim “ Der Cousin verengte die Augen. Noch mehr Weihnachtsmarkt. Noch ein „netter Abend“. Noch ein Moment, in dem diese „Familie“ es sich gut gehen ließ. „Ihr glaubt echt, ihr habt es verdient, schöne Abende zu haben,“ murmelte er. „Nach allem, was ihr angeblich über mich erzählt habt.“ Er zoomte das Bild heran, als könnte er Lukas irgendwo in der Menge erkennen. Man sah ihn nicht deutlich – aber allein zu wissen, dass er da war, reichte. „Genieß es,“ flüsterte er, mehr zu sich als zum Foto. „Genieß jeden Kakao, jede Lichterkette. Du hast keine Ahnung, was noch kommt.“ Er tippte kurz auf den Bildschirm, als wollte er eine Nachricht schreiben – löschte sie dann aber wieder. Noch kein neuer Angriff. Noch kein neuer Brief. Nur Schweigen, gespeicherte Wut – und das Wissen, dass er „den richtigen Moment“ abwarten wollte. Zurück nach Nauheim – letzte Runde, bevor die Müdigkeit gewinnt Auf dem Platz wurde es langsam ruhiger. Ein paar Buden begannen schon, Kleinigkeiten zusammenzupacken, Musik wurde leiser. Die Mutter sah auf die Uhr. „Wollen wir so langsam Richtung Auto?“ fragte sie. „Es ist spät. Und ich möchte, dass Lukas nicht erst um Mitternacht im Bett liegt.“ Lukas war erleichtert, dass sie es von sich aus sagte. Er war zwar nicht kurz vorm Zusammenbruch, aber er merkte, wie jeder neue Eindruck schwerer wog. „Ja,“ nickte er. „Ich bin voll.“ „Aber nicht übervoll,“ ergänzte der Spieler sanft. „Das ist der Unterschied zu manchen anderen Tagen.“ Sie verabschiedeten sich von der Freundin. Es gab noch ein paar warme Worte, eine Umarmung, ein „Melde dich, wenn du was brauchst“, das ehrlich klang und nicht wie Floskel. Dann gingen sie durchs Dunkel zum Auto zurück. Heimfahrt – und ein leiser, guter Abschluss Auf der Rückfahrt war es im Auto fast ganz still. Die Mutter lehnte den Kopf leicht an die Scheibe, der Vater konzentrierte sich auf die Straße. Hinten saß Lukas halb in seinem Schal eingekuschelt, die neue Sockenpackung in der Jackentasche, der Spieler neben ihm. „Wie würdest du den Tag zusammenfassen?“ fragte Erling leise, ohne ihn anzuschauen. Lukas dachte einen Moment nach. „Chaos,“ sagte er. „Aber… mit gut.“ Er zählte innerlich auf: • Weihnachtsmarkt Mainz – schwer, aber mit Kakao, Fuchs, Schal • Essen beim Autohändler – Dankbarkeit, kein Kampf • Weihnachtsmarkt Nauheim – kleiner, echter, weniger Angst
„Es ist das erste Mal seit Langem,“ murmelte er, „dass ein Tag so voll war – und ich abends sagen kann: Es war anstrengend, aber… es gab keinen Moment, in dem ich komplett zerstört wurde.“ „Das ist ein Riesenschritt,“ sagte der Spieler leise. „Vor allem in einer Phase, in der es genug Leute gibt, die sich schwören, dir das Gegenteil zu beweisen.“ Lukas dachte einen Moment an den Cousin, ohne zu wissen, dass der in diesem Moment wirklich irgendwo saß und dunkle Gedanken pflegte. „Dann sollen sie schwören,“ flüsterte er, mehr zu sich selbst. „Ich hab heute trotzdem gesehen, dass es Menschen gibt, die dankbar sind, dass ich da bin. Die froh sind, dass ich geholfen habe. Das kann mir keiner wegnehmen – nicht mal ein Cousin mit Hass im Bauch.“ Der Spieler nickte. Später Abend – ein Zimmer, das anders leuchtet Wieder zuhause, waren alle schnell in ihren Zimmern verschwunden. Der Vater schaltete den Fernseher aus, die Mutter legte das Handy weg. Lukas stand noch einen Moment in seinem Zimmer, bevor er ins Bett ging: • Der Holzfuchs, • der Mainz-Schal, • die frisch gekauften Socken, • das Mutbuch auf dem Schreibtisch. Alles kleine Beweise dafür, dass dieser sechste Tag nicht nur aus Schmerzen, Drohungen und Cyberangriffen bestanden hatte. Er setzte sich aufs Bett, griff nach dem Mutbuch, schlug eine Seite auf und schrieb: „Tag 6 – Abend: Zwei Weihnachtsmärkte an einem Tag, ein Essen voller Dankbarkeit. Ich habe Angst gehabt. Ich habe Gerüche gehasst. Aber ich habe auch gelacht, Kakao getrunken, Fuchs und Schal mitgenommen, Socken gekauft. Und jemand hat gesagt, dass das Leben seiner Tochter besser ist, weil wir geholfen haben. Heute hat die Dunkelheit nicht gewonnen.“ Dann legte er den Stift weg, machte das Licht aus und zog die Decke über sich. Die Probleme waren nicht verschwunden. Die Hochschule war noch chaotisch. Der Cousin war noch gefährlich. Der Winter würde noch lang werden. Aber dieser späte Abend, auf dem kleinen Weihnachtsmarkt in Nauheim, hatte wie ein stiller Beweis funktioniert: Dass selbst in einer Zeit, in der Drohungen, Schmerzen und Angst über allem hängen, trotzdem Augenblicke Platz haben, in denen ein junger Mann mit Autismus einfach nur ein junger Mann ist, der mit seiner Familie und einem besonderen Freund unter Lichterketten steht und einen warmen Becher in der Hand hält. Der siebte Tag begann ohne Wecker. Kein Vibrieren unter dem Kopfkissen, kein „Du musst jetzt los“, kein inneres Zählen der Minuten bis zur nächsten Vorlesung. Nur Stille. Und Müdigkeit, die sich diesmal nicht wie ein Feind anfühlte, sondern wie etwas, das ihm zuflüsterte: Leg dich hin. Heute musst du nichts ertragen.
Morgen – ein Tag ohne Plan Lukas wurde irgendwann von sich aus wach. Das Zimmer war halbdunkel, draußen war es grau – typisch Winter. Er blieb erst einmal auf dem Rücken liegen und starrte an die Decke. Normalerweise wäre jetzt: • Kalender checken • Mathe / Rechnungswesen / Englisch • Straßenbahnzeiten im Kopf durchgehen • innerer Krieg: gehst du hin oder brichst du zusammen? Heute… nichts. Die Hochschule war wegen des Cyberangriffs immer noch im Ausnahmezustand. Es gab zwar einzelne Veranstaltungen, aber niemand konnte so genau sagen, was wirklich stattfand, welche Räume offen waren, welche Systeme gingen. Seine Mutter hatte am Abend zuvor gesagt: „Morgen. Kein Campus. Punkt. Dein Körper braucht einen Tag Pause. Wenn irgendwer ein Problem damit hat – sollen sie ihren Cyberangriff selber aufarbeiten.“ Lukas atmete langsam ein und aus. „Ruhetag,“ murmelte er. „Komisches Wort.“ Sein Kopf war trotzdem voller Bilder: • Mathe-Hölle mit dem Urin, • das Bein stellen im Flur, • die Frau aus der Rechtsberatung, • die Beratungsstelle für Nachteilsausgleich, • der Cyberangriff, • Weihnachtsmarkt Mainz, • das Essen mit dem Autohändler, • Weihnachtsmarkt Nauheim, • der Cousin, der irgendwo im Hintergrund schwebte wie eine dunkle Wolke. „Vielleicht,“ dachte er, „brauchen mein Körper und mein Kopf heute genau eine Sache: nachträglich kapieren, was überhaupt alles passiert ist.“ Später Vormittag – müde Küche, langsamer Start Als er schließlich in die Küche kam, war es später als sonst. Die Mutter saß am Tisch mit einer Tasse Kaffee, der Vater blätterte in der Zeitung, der Fernseher war aus. „Morgen,“ sagte Lukas leise. „Morgen,“ antwortete seine Mutter. „Gut geschlafen?“ Er überlegte kurz. „Nicht gut, aber… besser als die letzten Nächte,“ meinte er ehrlich. „Ich bin nicht mit Herzrasen aufgewacht. Nur… voll.“ „Voll ist okay,“ sagte sie. „Leer und panisch ist schlimmer.“ Sein Vater sah kurz über den Zeitungsrand. „Heute kein Campus,“ stellte er fest. „Heute bewusst kein Campus,“ korrigierte die Mutter. „Der Junge war die letzten Tage permanent im Alarmzustand. Ein Tag Pause reißt niemandem den Kopf ab – außer vielleicht einem Mathe-Dozenten, dem die Folien wichtiger sind als Menschen.“ Lukas setzte sich, nahm sich ein Brötchen. „Kommt er?“ fragte er nach einem Moment. „Wer?“ fragte die Mutter. „Na… er,“ sagte Lukas. „Der Spieler.“ Sie musste nicht nachfragen, wen er meinte.
„Er hat gestern gesagt, dass er heute Vormittag noch was klären muss,“ antwortete sie. „Aber er wollte nach dem Mittag kommen. Hat gemeint: ‚Tag 7: Debriefing-Modus.‘“ Lukas lächelte schwach. „Passt,“ murmelte er. „Ich hab das Gefühl, ich hab 100 offene Tabs im Kopf.“ Mittag – Erling taucht wieder auf Gegen frühen Nachmittag klingelte es an der Tür. Lukas’ Magen machte einen kleinen Sprung, obwohl er wusste, wer es war. Die Mutter öffnete. „Hey,“ hörte Lukas im Flur die vertraute Stimme. „Bereit für den großen Wochenrückblick oder eher im ‚lass mich in Ruhe‘-Modus?“ „Komm rein,“ sagte die Mutter. „Er wartet schon.“ Erling trat in Lukas’ Zimmer, zog die Tür halb hinter sich zu, ließ aber einen Spalt offen – nie ganz zu, nie ganz abgeschottet. Er musterte Lukas einmal von oben bis unten. „Du siehst aus,“ sagte er, „wie jemand, der von einem LKW überfahren wurde – aber der LKW war diesmal aus Schokolade.“ Lukas zog eine Augenbraue hoch. „Das ist die komplizierteste Art zu sagen ‚du siehst müde, aber nicht komplett zerstört aus‘, die ich je gehört hab,“ murmelte er. „Ziemlich genau das meinte ich,“ grinste der Spieler und setzte sich auf den Schreibtischstuhl. „Tag 7 ist offiziell Ruhetag. Und Ruhetag heißt: keine Hochschule, keine Pflichtkontakte, kein ‚du musst funktionieren‘. Nur: reden, sortieren, atmen.“ „Was ist in letzter Zeit eigentlich alles passiert?“ – Die Liste „Okay,“ begann Lukas nach einem Moment, „wenn das heute der ‚wir sortieren alles‘-Tag ist… müssen wir vielleicht erstmal schauen, was wir überhaupt sortieren.“ Er zog das Mutbuch aus der Schublade, blätterte die letzten Seiten durch. Die Einträge der vergangenen Tage standen da in teils zittriger Schrift. „Also,“ sagte er, „es war…“ Er hob den Stift und begann laut mitzulesen, aber eher als Gedankenstütze: 1. Mathe-Hölle – die Beutelaktion, – das Papier am Boden, – der Geruch, – die Sprüche, – das Gelächter, – das Gefühl, komplett entmenschlicht worden zu sein. 2. Rechtsberatung & Bein stellen – der Typ im Flur, der ihm ein Bein stellte, – wie er hingefallen war, – die Frau aus der Rechtsberatung, die es gesehen hatte, – ihr Satz: „Das war kein Zufall. Und das war nicht in Ordnung.“ 3. Beratungsstelle & Behindertenbeauftragte – das Gespräch, in dem jemand zum ersten Mal innerhalb der Hochschule klar gesagt hatte: „So geht das nicht“, – die Idee von Nachteilsausgleich, – der Plan, offiziell etwas zu unternehmen. 4. Cyberangriff & geräumte Bibliothek – der Moment, in dem er glauben musste, wieder dreht sich alles nur um ihn,
– die Durchsage: „Cyberangriff, IT-Service down“, – das Gefühl: Nichts ist stabil. 5. Rechnungswesen & der Abgang – die Sprüche über Katheter, Therapie, Rechtsberatung, – das Lachen, – der Dozent, der halbherzig „Es reicht“ sagte, – Lukas, der selbst aufstand und ging. 6. Spaziergang am Rhein – das Graffiti „ATME“, – die Gespräche über Englisch als Insel, – der Unterschied zwischen „Dunkel“ (Mathe) und „heller“ (Englisch). 7. FIFA-Tag & Beobachtung im Hintergrund – ein Nachmittag, an dem er tatsächlich „nur“ gespielt hatte, – das Gefühl, mal nicht Zielscheibe, sondern nur Spieler gewesen zu sein, – ohne zu wissen, dass draußen jemand (der Cousin) schon neue Pläne schmiedete. 8. Weihnachtsmarkt Mainz – Kakao statt Glühwein, – Holzfuchs, – Mainz-05-Schal, – Glühwein-Trigger, aber kein Absturz. 9. Essen beim Autohändler – die Dankbarkeit, – der Satz: „Sie haben uns geholfen“, – die Erkenntnis: Ich bin nicht nur Problem, ich bin auch der, der anderen geholfen hat. 10. Weihnachtsmarkt Nauheim – kleiner, ruhiger, echter, – neue Socken, – die Freundin der Mutter, die sagte: „Stolpern ist auch gehen.“ Lukas hielt inne, sah auf die Liste, die immer länger wurde. „Und das ist nur die letzte Zeit,“ stellte er fest. „Gar nicht die ganzen Sachen von früheren Treffen, von den anderen Katastrophen, von… allem.“ Erling pfiff leise. „Kein Wunder,“ sagte er, „dass du dich fühlst, als hättest du eine Staffel von einer Serie am Stück durchgespielt, ohne Pause.“ Die drei großen Gefühle – Wut, Scham, Hoffnung „Wenn du das alles so liest,“ fragte der Spieler, „was fühlst du am stärksten?“ Lukas überlegte. Er starrte auf die Worte, ließ sie in sich wirken. „Drei Sachen,“ sagte er dann. Er hob den Stift wieder und schrieb drei Worte unter die Liste: • Wut • Scham • Hoffnung „Okay,“ meinte Erling. „Erläuterungsbedarf. Fangen wir mit… Wut an.“ 1. Wut „Ich bin wütend,“ sagte Lukas, „weil… so vieles davon nicht hätte sein müssen.“ Er fuhr mit dem Finger über die Einträge: „Mathe-Aktion? Musste nicht Bein stellen? Musste nicht Sprüche über Katheter? Mussten nicht
sein. sein. sein.
Cyberangriff? Okay, der war nicht persönlich gegen mich – aber das Timing ist trotzdem mies. Und mein Cousin, der im Hintergrund sitzt und denkt, er hätte das Recht, mein Leben weiter zu zerstören…“ Er ballte kurz die Hand zur Faust. „Ich bin wütend, dass ich immer wieder in Situationen komme, in denen Erwachsene, die die Macht hätten, zu sagen ‚Stopp‘, entweder nichts tun oder sogar mitlachen.“ Erling nickte. „Die Wut ist gesund,“ sagte er. „Solange sie nicht gegen dich selbst geht.“ Lukas schnaubte. „Meistens dreht sie sich leider irgendwann in Richtung ‚Du bist zu schwach‘,“ gab er zu. „Das ist der Punkt, an dem es kippt.“ 2. Scham „Und Scham?“ fragte der Spieler vorsichtig. Lukas atmete tief. „Ich schäme mich dafür, dass ich nicht ‚normal‘ reagiere,“ sagte er. „Dass mich Gerüche so triggern. Dass ich nicht einfach sage: ‚Haha, war nur ein Witz mit dem Beutel.‘ Dass ich aus Vorlesungen rausgehen muss, um nicht komplett zusammenzuklappen.“ Er sah auf seine Hände. „Ich fühle mich oft, als wäre ich verkehrt. Zu empfindlich. Zu kompliziert. Als wäre alles leichter, wenn ich einfach nicht ich wäre.“ „Das ist die Stimme derer,“ sagte Erling, „die dich so behandeln. Nicht deine echte Stimme.“ Lukas zuckte die Schultern. „Meine echte Stimme ist manchmal so leise,“ murmelte er, „dass ich sie nicht mehr höre.“ 3. Hoffnung „Und Hoffnung?“ fragte der Spieler. „Wo versteckt sie sich da drin?“ Lukas sah wieder auf die Liste. Diesmal blieb sein Blick an den anderen Dingen hängen: • Rechtsberatung, • Beratungsstelle, • Englisch-Insel, • Autohändler-Dank, • Weihnachtsmärkte, • Spaziergänge. „Hoffnung,“ sagte er langsam, „ist, dass ich nicht mehr alleine brülle und niemand hört es. Dass es inzwischen Menschen gibt, die sagen: ‚Wir haben gesehen, was da passiert ist. Und wir finden es auch falsch.‘“ Er sah Erling direkt an. „Du. Meine Mutter. Die Therapeutin. Die Frau aus der Rechtsberatung. Die Beratungsstelle. Ms. Turner in Englisch. Der Autohändler. Selbst Leute wie die Freundin in Nauheim, die sagt: ‚Stolpern ist auch gehen.‘“ Er schluckte. „Ich hab zum ersten Mal das Gefühl, dass ich nicht mehr alleine gegen eine unsichtbare Wand renne. Ich hab immer noch eine Menge Wände – aber ich hab Menschen, die mit der Hand drauf zeigen und sagen: ‚Die Wand ist da, du bildest sie dir nicht ein.‘“ „Und was machen wir damit?“ – Der nächste Schritt Eine Weile schwiegen sie beide. Lukas blätterte im Mutbuch, Erling dachte nach. „Wenn das hier eine Diagnose wäre,“ meinte der Spieler irgendwann, „würde ich sagen: Du bist körperlich und seelisch im Dauerstress. Du hast traumatische Situationen erlebt, die nie
wirklich aufgearbeitet wurden – und ständig kommen neue dazu. Gleichzeitig baust du dir gerade zum ersten Mal ein Netz aus Menschen auf, die das sehen.“ Er lächelte schief. „Nur dass ich kein Arzt bin, sondern der Typ, der daneben sitzt und Controller und Kakao hält.“ Lukas musste trotz allem lachen. „Was… mach ich jetzt?“ fragte er dann. „Also… konkret? Außer weiter atmen.“ Erling zählte an den Fingern ab: 1. „Du hast einen Termin bei der Rechtsberatung in Aussicht. Da gehst du hin. Mit Mutbuch, mit Notizen, mit dem, was du hier alles aufgeschrieben hast.“ 2. „Du hast die Beratungsstelle für Nachteilsausgleich, die gesagt hat: ‚Wir helfen Ihnen bei Anträgen.‘ Das heißt: Du trägst nicht allein die Beweislast, dass du Autist bist und keine Bühne für Urinaktionen.“ 3. „Du hast die Therapeutin. Mit der musst du vielleicht genau so einen Tag wie heute durchgehen: ‚Was ist alles passiert und was hat es mit mir gemacht?‘“ 4. „Du hast mich und deine Mutter. Wenn du wieder in einen Raum musst, der gefährlich ist – Mathe, Rechnungswesen, Flur – gehst du nicht mehr allein rein. Vielleicht nicht sichtbar, aber im Kopf.“ 5. „Und du hast das Recht, Räume zu verlassen, bevor du komplett zerstört wirst. Das ist nicht Aufgeben. Das ist Schutz.“ Lukas hörte zu, nickte langsam. „Also… nicht alles auf einmal,“ murmelte er. „Sondern Schritt für Schritt.“ „Genau,“ sagte Erling. „Heute: Ruhetag. Reflektion. Morgen oder übermorgen: einen konkreten Schritt – vielleicht ein Schreiben vorbereiten, vielleicht einen Termin fix machen. Und zwischendurch: weiter leben. Nicht nur überleben.“ Nachmittag – ein ruhiger Moment auf dem Sofa Später verlegten sie das „Debriefing“ ins Wohnzimmer. Der Vater hatte sich zurückgezogen, die Mutter setzte sich mit dazu, als Lukas ihr von der Liste erzählte, die er mit dem Spieler gemacht hatte. Er las Teile daraus vor – ohne jedes Detail, aber genug, dass sie ein Bild bekam. „Es ist krass, das alles auf einem Blatt zu sehen,“ sagte sie leise. „Ich weiß, dass viel passiert ist. Aber… so kompakt zu lesen, wirkt es wie zehn Staffeln auf einmal.“ „So fühlt es sich auch an,“ murmelte Lukas. Sie saßen eine Weile einfach nur zusammen, ohne dass jemand Lösungen präsentierte. Manchmal sind geteilte Katastrophen nicht weniger schlimm – aber sie fühlen sich anders an, wenn nicht nur einer sie in sich trägt. Abend – ein kleiner Abschluss im Mutbuch Als es draußen dunkel wurde und die Lichter der Stadt wieder aufflackerten, zog Lukas sich in sein Zimmer zurück. Er schlug das Mutbuch noch einmal auf und schrieb: „Tag 7 – Ruhetag: Heute nichts von außen – nur innen. Ich habe mit ihm (dem Spieler) aufgeschrieben, was in den letzten Tagen passiert ist. Mathe-Hölle, Bein stellen, Rechtsberatung, Cyberangriff, Rechnungswesen, Spaziergang, FIFA, Weihnachtsmärkte, Essen beim Autohändler. Drei große Gefühle: Wut, Scham, Hoffnung. Wut: weil vieles nicht hätte sein müssen. Scham: weil ich das Gefühl habe, verkehrt zu sein. Hoffnung: weil ich zum ersten Mal nicht allein bin, wenn ich ‚Es reicht‘ sage.“
Dann setzte er noch einen letzten Satz darunter: „Ich weiß, dass schlimme Dinge noch kommen werden – Cousin, Ultimatum, all das. Aber heute habe ich gemerkt: Ich habe mehr Verbündete als früher. Vielleicht wird es brutal. Vielleicht wird es blutig. Aber ich bin nicht mehr der, der alleine im Dunkeln steht.“ Er legte den Stift zur Seite, atmete lange aus. Der siebte Tag war der erste seit Langem, an dem nicht noch mehr passierte, sondern an dem überhaupt einmal angeschaut wurde, wie viel sich in ihm angesammelt hatte. Und manchmal ist genau das – sich auszuruhen und anzuerkennen, was war – der wichtigste Teil einer Geschichte, bevor sie in ihren gefährlichsten Abschnitt eintritt. Während der junge Mann an diesem siebten Tag langsam zur Ruhe kam, am Rhein in Gedanken, auf dem Sofa mit seiner Mutter und im Zimmer mit dem Spieler, arbeitete an einem anderen Ort jemand daran, genau diese fragile Ruhe zu zerstören. Zur gleichen Zeit – der Cousin in seiner eigenen Blase In einer kleinen Wohnung, ein paar Straßen oder vielleicht auch ein paar Städte weiter, saß der Cousin auf seinem Sofa. Der Fernseher lief, aber er hörte nicht richtig hin. Das Licht seines Handys war das Einzige, was ihn wirklich interessierte. Auf dem Display war der alte Chatverlauf mit der Ersatzoma des jungen Mannes geöffnet – die Nachricht, die er ihr schon geschrieben hatte, voller Vorwürfe, Verdrehungen und Beschimpfungen. Die, in der er: • sich selbst als Opfer inszeniert hatte, • den jungen Mann und seine Mutter als „Lügner, Abschaum, ohne Benehmen“ dargestellt hatte, • jede gute Tat der Ersatzoma kleingeredet und ihr gleichzeitig Dinge vorgeworfen hatte, die nie passiert waren, • den eigenen Schmerz zur Waffe gemacht hatte. Er las seine eigenen Worte noch einmal durch – und statt Scham fühlte er nur eine kalte, schweigende Zufriedenheit. Sie hat’s verdient, dachte er. Die glauben alle, sie wären die Guten. Zeit, dass jemand sie auf ihren Platz stellt. Unter dem Chat-Fenster blinkte das Eingabefeld. Er begann, eine neue Nachricht zu tippen. Noch mehr Gift – neue Nachrichten an die Ersatzoma „Du hast nichts verstanden,“ schrieb er. Seine Finger flogen über die Tastatur, Wut und Gekränktheit mischten sich zu einem Strom aus Worten: • Er warf ihr vor, sie würde „den behinderten Jungen“ nur benutzen, um gut dazustehen. • Er behauptete, sie hätte seine Mutter nie wirklich unterstützt, sondern nur „so getan als ob“. • Er stellte es so dar, als wäre der junge Mann immer der gewesen, der „nervt, klammert, unangenehm ist“. • Er nahm Situationen aus der Vergangenheit, drehte sie so, dass am Ende immer die Ersatzoma und der junge Mann „schuld“ waren. Er schrieb Dinge wie:
„Du spielst die Heilige, aber in Wahrheit bist du genauso falsch wie alle anderen.“ „Du schützt ihn nur, weil du dich dann besser fühlen kannst.“ „Du hast meine Mutter immer verurteilt, obwohl du keine Ahnung hast, was wirklich war.“ Zwischendurch löschte er einen Satz, tippte einen neuen noch härter formulierten. Sein Ziel war nicht mehr, verstanden zu werden. Sein Ziel war, zu verletzen. Tiefer, noch tiefer. Er schickte die Nachricht ab. Dann noch eine. Und noch eine. Immer wieder tauchten neue Nachrichten im Chatfenster auf, so schnell, dass man sie kaum einzeln lesen konnte: • neue Vorwürfe, • neue Unterstellungen, • neue Verdrehungen. In seiner Vorstellung malte er sich aus, wie die Ersatzoma das Handy in der Hand hielt, wie ihr die Tränen kamen, wie sie sich fragte, ob sie wirklich alles falsch gemacht hatte. Er genoss dieses Bild. Es gab ihm das Gefühl, wieder Kontrolle zu haben – dort, wo er sich eigentlich seit Jahren machtlos fühlte. Der Hass sucht sich neue Wege – Blick auf die Hochschule Doch die Ersatzoma war nur eine Zielscheibe von vielen. Der junge Mann war die Hauptfigur in seinem inneren Racheplan. Der glaubt, er wäre jetzt sicher, dachte der Cousin. Hochschule, Therapie, Spieler, Mutter, Beratung, Rechtsanwälte… Alle auf seiner Seite. Ich zeig ihnen, wie wenig das alles wert ist. Er öffnete einen anderen Chat – diesmal nicht mit Familie, sondern mit jemandem, den er aus der Ferne noch kannte: eine Person aus dem Umfeld der Hochschule, eine ehemalige Mitschülerin, die inzwischen dort als studentische Hilfskraft arbeitete. Über Umwege hatten sie wieder Kontakt bekommen. Sie war eine von denen, die gern tratschten, Informationen sammelten, Dinge „weitergaben“. Perfekt, dachte er. Er fing harmlos an: „Hey, ich hab gehört, bei euch an der Hochschule gibt’s so einen Typen, der ständig Stress macht…“ Sie biss an. „Wen meinst du?“ schrieb sie zurück. Er schickte keine Namen – noch nicht. Er war zu clever, um direkt etwas offensichtlich Verleumderisches zu schreiben. Stattdessen spielte er mit Andeutungen: „Ein Typ mit Autismus, der sich angeblich ständig benachteiligt fühlt. Der Lehrer beschuldigt, Leute verklagen will, alle gegen sich aufbringt.“ Sie schrieb: „Ach, so einen haben wir wirklich. Der ist ständig bei irgendwelchen Beratungsstellen unterwegs. Viele sagen, er übertreibt.“ Der Cousin grinste kalt. Perfekt. Das Narrativ ist schon da. Ich muss es nur füttern. Er schickte Nachrichten, die so formuliert waren, dass sie wie „Sorge“ klangen, aber Gift waren: • Er behauptete, der junge Mann hätte in der Vergangenheit „drastisch übertrieben“. • Er stellte Dinge, die tatsächlich passiert waren, so dar, als wären es „Fehlinterpretationen eines Sensiblen“. • Er streute Sätze wie: „Passt auf euch auf, der dreht euch jedes Wort im Mund um.“
Er schrieb, er habe gehört, der junge Mann würde „Leute anzeigen, nur weil sie einmal falsch gucken.“ Was er nicht tat: konkrete, überprüfbare Fakten nennen. Was er sehr wohl tat: Misstrauen säen. Die Hilfskraft, nicht besonders reflektiert, schrieb: „Krass. Ich sag das mal weiter. Manche Dozenten sind eh schon genervt von ihm.“ Noch ein Schritt. •
Aufhetzen im Hintergrund – der Cousin als unsichtbarer Brandstifter Der Cousin ging noch weiter. Er durchforstete alte Chats, Screenshots, Fotos – alles, was er irgendwie so verwenden konnte, dass der junge Mann darin schlecht aussah. • eine Szene, in der Lukas völlig überfordert auf einem Bild wirkte – für ihn der perfekte Beweis: „Schau, wie instabil der ist“ • alte Nachrichten, in denen der junge Mann von Mobbing erzählt hatte – die er jetzt als „übertriebene Drama-Geschichten“ präsentierte • Sätze, in denen Lukas geschrieben hatte: „Ich halt das nicht mehr aus“ – die der Cousin jetzt als „emotionalen Erpressungsversuch“ umdeutete Er begann, in anonymen Mails Formulierungen zu tippen wie: „Nur zur Info, es gibt da jemanden in Ihrem Kurs, der gefährlich instabil ist und regelmäßig andere beschuldigt, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Er schickte solche Mails: • an allgemeine Adressen der Hochschule, • an eine Professorenadresse, die ihm die Hilfskraft zufällig genannt hatte, • an eine „Ansprechstelle“, bei der er wusste, dass viel über „Problemfälle“ gesprochen wurde. Er gab sich als „besorgter Kommilitone“ aus oder als „Angehöriger, der nicht will, dass andere in Mitleidenschaft gezogen werden“. Nirgendwo stand sein Name. Überall stand das gleiche Grundbild: Der junge Mann ist das Problem. Er übertreibt. Er ist gefährlich sensibel. Und alle, die ihm glauben, sind naiv. Dass diese Mails nicht sofort alle ernst nehmen würden, wusste er. Es ging ihm nicht darum, dass jemand sofort sagte: „Ah, dann mobben wir den.“ Es ging ihm darum, einen Rahmen zu setzen: Wenn der junge Mann sich beschwert, wenn er von Mobbing erzählt, wenn er von „entwürdigend“ spricht – dann sollen die Leute schon vorher im Kopf haben: Vielleicht stellt er sich an. Vielleicht ist er der, der übertreibt. Sogenanntes „Framing“. Für ihn: ein Spiel. In seinem Kopf – die verzerrte Rechtfertigung Während er neue Nachrichten an die Ersatzoma schrieb und im Hintergrund versuchte, die Wahrnehmung von Lehrenden zu kippen, formte sich in seinem Kopf eine immer gleiche Geschichte: • Er war der, dessen Kindheit schwer gewesen war. • Er war der, der „nie verstanden“ worden war.
Er war der, der immer nur „funktionieren“ musste. Er war der, den nie jemand wirklich gesehen hatte. Und jetzt? Jetzt sahen sie alle den anderen: • den jungen Mann, • mit Autismus, • mit Hilfsanträgen, • mit Therapeuten, • mit einem Fußballstar an seiner Seite. Der kriegt alles, was ich nie hatte, dachte der Cousin. Aufmerksamkeit, Schutz, Verständnis. Und jetzt auch noch Mitleid von der ganzen Hochschule. In seiner Logik war das keine Ungerechtigkeit, die die Welt verursacht hatte – sondern eine, die der junge Mann „an ihm begangen“ hatte. Je mehr er darüber nachdachte, desto fester wurde seine Rache-Fantasie: „Ich werde dafür sorgen, dass er nirgendwo sicher ist. Weder in der Familie noch in der Hochschule. Weder bei den Lehrern noch bei denen, die ihn betreuen. Alle sollen sehen, was für ein ‚Problem‘ er ist.“ Dass er dabei selbst zu genau dem wurde, was er anderen vorwarf – das erkannte er nicht. Oder wollte es nicht erkennen. • •
Zurück zum jungen Mann – nichts ahnend im Ruheraum Während der Cousin weiter Nachrichten schrieb, Mails formulierte, Leute unterschwellig aufhetzte, saß der junge Mann in seinem Zimmer, das Mutbuch aufgeschlagen, und schrieb: „Heute habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr allein für alles kämpfen muss.“ Er ahnte nichts davon, dass parallel jemand versuchte, genau das zu zerstören: • die Verbündeten zu verunsichern, • die Lehrer mit Misstrauen zu füttern, • die Ersatzoma noch weiter zu verletzen, • die eigene Version von „Wahrheit“ über ihn zu legen. Die Welt des jungen Mannes und die des Cousins liefen an diesem siebten Tag nebeneinander her – wie zwei Züge auf parallelen Gleisen, die noch nicht zusammengestoßen waren, aber schon aufeinander zufuhren. Lukas spürte nur eine diffuse Unruhe in sich, wenn er an seine Familie dachte, an den Kontaktabbruch mit der Ersatzoma, an das Gift in der alten Nachricht des Cousins. „Da kommt noch was,“ dachte eine leise Stimme in ihm. Er schlug das Mutbuch zu, legte die Hand darauf, als wollte er es schützen. Was er nicht wusste: Der Cousin war bereits dabei, das nächste Kapitel der Katastrophe anzuzünden. Und genau dieses Kapitel würde später zu dem Ultimatum werden, von dem niemand ahnte, wie viel Blut, Tränen und endgültige Entscheidungen es mit sich bringen würde. Der achte Tag fühlte sich an, als würde jemand die „Pause“-Taste vom Vortag wieder lösen.
Der Der Und mit ihm: Mathe.
vorbei. wartete.
Später Vormittag – zurück Richtung Hochschule „Heute ist der Vorkurs wieder angesetzt,“ hatte am Morgen eine Mail im allgemeinen Hochschulchat gestanden. Jemand aus der Fachschaft schrieb: „Info: Mathe-Vorkurs findet HEUTE wieder regulär statt. Cyber-IT-Kram betrifft die Übungen kaum, also bitte erscheinen.“ Lukas hatte die Nachricht gelesen und gemerkt, wie sein Magen sofort verkrampfte. Zurück in den Raum. Zurück vor den Dozenten, vor denen, die gelacht haben. Zurück an den Ort, wo der Boden mit Papier ausgelegt war und alle so stolz auf ihren Urin-Witz waren. Am Küchentisch saß er vor seinem Tee, der Spieler ihm gegenüber. „Wir müssen da nicht hin,“ sagte der Spieler langsam. „Niemand zwingt dich, heute schon wieder in diesen Raum zu gehen.“ „Offiziell schon,“ murmelte Lukas. „Vorkurs, Stoff nachholen, Prüfungsrelevantes… Die sagen dann wieder: ‚Wenn Sie nicht kommen, sind Sie selbst schuld, wenn Sie durchfallen.‘“ Die Mutter setzte sich dazu. „Ich bin ehrlich,“ sagte sie. „Ein Teil von mir würde am liebsten hingehen und diesen Dozenten zur Rede stellen. Der andere Teil weiß, dass dann wieder du der bist, der „Stress macht“.“ „Ich… will nicht, dass sie später sagen, ich wäre freiwillig ferngeblieben,“ meinte Lukas. „Ich will mir zumindest später sagen können: Ich hab’s versucht. Ich bin hingegangen. Wenn es dann nicht geht, gehe ich raus. Aber ich hab’s versucht.“ Der Spieler nickte. „Dann komm ich mit,“ sagte er. „Wieder bis zur Tür. Wieder Blickkontakt. Und: Du gehst nicht allein rein, ohne dass du vorher weißt, wo du im Notfall wieder raus kannst.“ Ankunft im Gebäude – die bekannte Enge Sie fuhren mit der Straßenbahn wie immer. Lukas an der Fensterscheibe, der Spieler außen, die Stadt als graue Kulisse. Die Hochschule wirkte von außen wie immer: Beton, Glas, ein paar Studierende, die mit Kaffeebechern über den Platz liefen, jemand, der auf dem Handy fluchte, weil „das Scheiß-Portal“ immer noch nicht richtig ging. Im Gebäude war es leicht hallig. Der Geruch von Reinigungsmittel und kaltem Kaffee hing in der Luft. Vor dem Mathe-Raum angekommen, blieb Lukas stehen. Sein Herz schlug schneller. Er roch wieder imaginär den Urin, der an diesem Tag über den Papierboden gelaufen war, obwohl der Flur eigentlich nach nichts Besonderem roch. An der Tür hing ein ausgedruckter Zettel. Der Spieler ging näher ran und las vor: „MATHE-VORKURS HEUTE ENTFÄLLT. Dozent erkrankt. Ersatztermin wird per Mail bekannt gegeben. – Prüfungsamt –“ Lukas blinzelte. „Was?“ fragte er, als hätte er sich verhört. Er trat selbst näher, las den Zettel, noch einmal, langsam. „Der Kurs fällt aus,“ wiederholte der Spieler. „Dozent krank.“ Es war, als würde jemand in seinem Kopf zwei Hebel gleichzeitig umlegen:
Erleichterung: Kein Dozent. Kein Raum. Kein Papierboden. Kein gemeinsames Lachen über „Lieblingsgeruch“. • Frust / Ohnmacht: Wieder umsonst hergekommen. Wieder Energiereserven verschwendet. Wieder mit der Angst hergefahren – für nichts. „Super,“ sagte Lukas nach einem Moment tonlos. „Ich hab mich die ganze Zeit fertig gemacht – und jetzt… wieder nichts.“ •
Versuch, trotzdem etwas Gutes daraus zu machen Der Gang war leer. Nur der Zettel bewegte sich leicht im Luftzug. „Okay,“ sagte der Spieler nach einem Moment. „Wir sind jetzt schon hier. Und du hast eine Menge Mut verbraucht, nur um bis vor diese Tür zu kommen. Ich fände es schade, wenn das jetzt alles nur unter ‚umsonst‘ läuft.“ „Was willst du vorschlagen?“ fragte Lukas, immer noch zwischen Erleichterung und innerer Erschöpfung. „Wir suchen uns einen Ort,“ schlug Erling vor, „an dem du dich hier entspannen kannst, ohne dass es um Dozenten, Tafeln oder Urinbeutel geht. Irgendeine Ecke, die dir nicht gleich den Puls hochjagt.“ Lukas dachte nach. Bib? Die war zwar eigentlich sein Rückzugsort, aber auch mit der Erinnerung an die CyberangriffDurchsage verbunden. Mensa? Zu laut. Flure? Zu viele Leute, zu viel Durchgang. „Vielleicht die kleine Sitzecke im dritten Stock,“ sagte er nach einer Weile. „Da, wo das große Fenster ist. Da ist es meistens ruhiger. Die meisten hängen lieber unten.“ „Klingt gut,“ meinte der Spieler. „Dann wird die jetzt zu deiner inoffiziellen Entspannungszone.“ Dritte Etage – die „ruhige“ Ecke Sie gingen die Treppen hoch. Lukas’ Knie meldete sich bei jedem Schritt, aber er biss die Zähne zusammen. Die Sitzecke war tatsächlich relativ leer: zwei Sessel, eine Art Sofa, ein niedriger Tisch, ein großes Fenster mit Blick auf den Innenhof, in dem ein paar Leute rauchten. „Wie in einem Aquarium,“ murmelte Lukas, als er sich auf das Sofa sinken ließ. „Nur dass ich nicht weiß, ob ich drinnen der Fisch bin oder draußen der Beobachter.“ Der Spieler setzte sich im Sessel neben ihn. „Vielleicht beides,“ meinte er. „Aber im Moment: Du bist hier, du atmest, und es gibt keinen Dozenten, der sagt, du sollst froh sein, keinen Beutel mehr zu haben.“ Lukas schnaubte bitter, musste aber kurz lächeln. Er lehnte den Kopf gegen die Wand hinter ihm, schloss kurz die Augen. Der Geräuschpegel hier oben war gedämpft: Schritte im Flur, weit entfernte Stimmen, das Summen der Heizungsanlage. Zum ersten Mal seit Tagen saß er an der Hochschule und war nicht gerade dabei, zu fallen, zu weinen oder aus einem Raum zu fliehen. „Vielleicht,“ dachte er, „kann ich lernen, dass es hier auch Ecken gibt, die mich nicht sofort kaputtmachen.“
Er holte sein Mutbuch aus dem Rucksack, klappte es halb auf, ohne gleich zu schreiben. Nur da haben, falls er Worte brauchte. Die Atmosphäre kippt – Stimmen auf dem Flur Es dauerte nicht lange, bis der Gang lauter wurde. Eine Gruppe Studierende kam die Treppe hoch, lachte, sprach laut. Die üblichen Gesprächsfetzen: „Klausur“, „Professor XY“, „Partys“, „Cyberangriff“. Lukas spannte sich unwillkürlich an. Alltagslärm machte ihm nichts – doch sobald Gruppen lachten, griff sein Körper auf alte Muster zurück: Sie lachen. Bestimmt über dich. Wieder. Der Spieler merkte es. „Atmen,“ murmelte er. „Die wissen nicht mal, dass du hier sitzt.“ Leider behielt er damit nicht lange recht. Die Gruppe bog um die Ecke – drei Typen, zwei Frauen, alle so Mitte zwanzig, typische MixTruppe aus „zu laut“, „zu sicher“ und „zu überzeugt von sich“. Einer von ihnen blieb stehen, als er Lukas sah. „Ey,“ sagte er, und in seiner Stimme lag dieses spezielle Zerren, das Lukas nur zu gut kannte. „Das ist doch der Typ aus Mathe.“ Lukas zog unmerklich die Schultern hoch. Vielleicht gehen sie weiter. Vielleicht war das alles. Der zweite grinste schief. „Der mit der riesen Beutel-Show,“ meinte er. „Lang nicht mehr was Geiles passiert im Kurs, seit der Beutel nicht mehr da ist.“ Die dritte – eine Frau mit Pony und übergroßem Hoodie – kicherte. „War das nicht der,“ fragte sie, „der sich neulich im Flur hingelegt hat? Voll hingeflogen. Hab irgendwas gehört, dass er dann direkt zur Rechtsberatung gerannt ist.“ Lukas’ Gesicht wurde heiß. Er fühlte sich plötzlich wieder auf dem Boden liegen, die Knie schmerzend, der Blick der Juristin im Türrahmen. Der Spieler setzte sich ein Stück nach vorne, stellte seine Füße fester auf den Boden. Er sagte noch nichts, aber sein Körper signalisierte: Grenze. Die Gerüchte greifen – das Gift des Cousins wirkt „Habt ihr gehört,“ mischte sich der erste wieder ein, „dass er überall rumrennt und Leute anschwärzt?“ Der zweite nickte eifrig. „Ja, Mann,“ sagte er. „Hab gehört, der schreibt Mails an die Hochschulleitung, Beratungsstellen, was weiß ich. Wenn du einmal falsch guckst, heißt es direkt Mobbing und Trauma.“ Die Frau zog die Augenbrauen hoch. „Echt?“ fragte sie. „Vielleicht sollte man echt aufpassen, was man in seiner Nähe sagt.“ „Zu spät,“ lachte der zweite. „Die Profs sind eh schon genervt von dem. Hab gehört, irgendwer hat anonym geschrieben, dass man bei ihm aufpassen muss, weil er alle anzeigt bei jeder Kleinigkeit.“ Lukas’ Magen zog sich zusammen. Das… klingt nicht mehr nur nach normalem Flurgeflüster, dachte er. Das klingt wie… systematisches Gerede. So, als hätte jemand eine Kampagne gestartet. Der Spieler verstand den Kontext nicht im Detail, aber er erkannte, was hier passierte: Die Gerüchte aus dem Hintergrund – das, woran der Cousin gearbeitet hatte – begannen, im Alltag aufzutauchen.
„Wisst ihr, was richtig witzig wäre?“ sagte der erste plötzlich und machte einen Schritt näher zur Sitzecke. „Wenn wir hier oben wieder so eine kleine Show hätten.“ Er blieb vor dem Tisch stehen, sah auf Lukas herab. „Na?“ fragte er mit gespielter Freundlichkeit. „Hast du heute deine Spezialausrüstung vergessen? Kein Beutel, kein Katheter, keine Bühne?“ Er zog dabei eine Grimasse, wie beim Nachmachen eines Kleinkinds. Die anderen lachten. Konfrontation – Erling greift ein Jetzt reichte es. Der Spieler stand auf. Nicht hektisch, sondern ruhig, aber deutlich. Er stellte sich so hin, dass er zwischen Lukas und der Gruppe stand, aber nicht direkt bedrohlich wirkte – eher wie ein Schild. „Es reicht,“ sagte er, die Stimme ruhig, aber fest. „Er sitzt hier. Er hat niemandem was getan. Und ihr habt keinen Grund, ihn zu einer Attraktion zu machen.“ Die Gruppe verstummte kurz. Ein paar Sekunden lang war da diese irritierte Stille, wenn jemand nicht so reagiert, wie sie es gewohnt sind. Dann lachte der zweite unsicher. „Boah, krass,“ meinte er. „Jetzt hat der auch noch Bodyguard.“ „Vielleicht sollte sein Bodyguard ihm beibringen, nicht alle wegen allem zu verklagen,“ sagte die Frau mit dem Hoodie. „Hab gehört, der rennt zum Psych und zur Beratungsstelle, nur wenn jemand ihn schief anguckt.“ Der Spieler blieb ruhig. „Vielleicht,“ sagte er, „rennt er zu Beratungsstellen, weil Leute wie ihr ihm das Leben schwer machen. Und vielleicht gibt es Gründe, die ihr nicht mal im Ansatz versteht. Und selbst wenn es keine Gründe gäbe – ihr habt trotzdem kein Recht, ihn so zu behandeln.“ „Ach komm,“ winkte der erste ab. „Er ist doch kein kleines Kind mehr. Wenn man nicht mal über einen Beutelwitz lachen kann…“ Lukas’ Hände zitterten leicht. Er hatte das Gefühl, als würde die Luft im Raum dicker werden. „Es war keine Witzsituation,“ brachte er leise hervor. „Es war ein Raum voller Leute, die sich über meinen Körper lustig gemacht haben.“ Der Typ verzog das Gesicht. „Oh, guck mal, jetzt fängt er auch noch mit Körper und Trauma an,“ spottete er. „Alter, du liest echt zu viele Insta-Posts.“ Spirale – der Versuch, es abzudrehen Die anderen lachten wieder. Nicht alle gleich laut – man merkte, dass mindestens eine Person in der Gruppe sich unwohl fühlte und eher aus Gruppenzwang mitkicherte. Aber niemand sagte: „Hört auf.“ „Wir gehen,“ sagte der Spieler leise zu Lukas. „Jetzt. Wir müssen hier nicht sitzen bleiben, bis sie fertig sind.“ Lukas wollte eigentlich nicht fliehen. Nicht schon wieder. Nicht schon wieder der sein, der aufsteht und geht, während andere bleiben und sich überlegen fühlen. Aber sein Körper war schon im Überlebensmodus: Herzrasen, schweißige Hände, flacher Atem. „Okay,“ brachte er hervor.
Sie standen auf. Lukas versuchte, die Gruppe nicht anzusehen, doch der erste stellte sich absichtlich halb in den Weg. „Vorsicht,“ sagte er grinsend, „nicht stolpern – nicht, dass du wieder zur Rechtsberatung rennst.“ Der Spieler machte einen kontrollierten Schritt nach vorne, so dass Lukas an ihm vorbeigehen konnte. „Letzte Warnung,“ sagte er ruhig. „Geh aus dem Weg.“ Etwas in seiner Stimme ließ den anderen tatsächlich zwei Schritte zurückweichen. „Ey, chill mal,“ murmelte der. „War doch nur Spaß.“ „Komisch,“ sagte Erling, „dass der Spaß immer nur in eine Richtung geht.“ Sie gingen an der Gruppe vorbei. Die Stimmen wurden leiser, als sie den Gang entlangliefen, aber Lukas hörte noch Fetzen: „…immer gleich beleidigt…“ „…man darf ja gar nichts mehr sagen…“ „…der dreht dir jedes Wort um…“ Flur – der Versuch, wieder Luft zu holen Sie blieben erst im Treppenhaus stehen, an einer Stelle, wo niemand direkt war. Lukas lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, der Spieler stellte sich seitlich neben ihn, so dass er nicht eingekesselt war, aber auch nicht völlig offen. „Atmen,“ sagte der Spieler wieder. „Ein. Aus. Nicht an sie denken. Nur Luft.“ Lukas schloss die Augen, versuchte, dem nachzugehen. Einatmen. Ausatmen. Die Szene im Kopf war stark – die Gesichter, die Sprüche, das Lachen, das Gefühl, schon wieder zum „Thema“ geworden zu sein. „Ich… hasse diesen Ort,“ flüsterte er schließlich. „Egal, was ich mache – sogar wenn Mathe ausfällt und ich nur versuchen will, mich irgendwo in Ruhe hinzusetzen… irgendwie finden sie mich.“ Der Spieler nickte. „Das war heute kein Zufall,“ sagte er leise. „Du bist plötzlich Thema. Nicht nur bei deinen direkten Gruppen. Da laufen Gerüchte.“ „Ich weiß,“ murmelte Lukas. „Ich hab’s gemerkt. Diese Sätze – ‚anonym geschrieben‘, ‚Profs genervt‘… Das ist nicht nur Flurtratsch. Das ist… jemand, der da gezielt dran dreht.“ „Dein Cousin,“ sagte der Spieler, ohne zu zögern. Lukas’ Hals wurde eng. „Ja,“ flüsterte er. „Es fühlt sich genau nach ihm an. Dieses ‚er übertreibt, er ist gefährlich sensibel, er klagt alle an‘. Genauso redet er über mich in der Familie.“ Entscheidung – Hochschulgelände verlassen „Wir bleiben heute nicht mehr hier,“ entschied der Spieler nach einem Moment. „Nicht in diesem Gebäude. Nicht in dieser Stimmung.“ „Und wenn sie sagen, ich wäre wieder nicht da gewesen?“ fragte Lukas tonlos. „Dann sollen sie die Anwesenheitsliste mit ihren Urinbeuteln kuscheln,“ sagte Erling trocken. „Du hast heute schon mehr als genug geleistet: Du bist gekommen, du warst vor der Mathetür, du hast versucht, dir einen ruhigen Ort zu suchen. Und du bist aus einer Situation rausgegangen, die dich wieder komplett hätte zerstören können.“ Lukas nickte langsam. „Ich will hier nur noch weg,“ sagte er leise.
Sie machten sich auf den Weg nach unten, durch den Eingangsbereich, vorbei an Studierenden, die keine Ahnung hatten, dass gerade im dritten Stock eine kleine Gewalt-aufleise-Art-Szene stattgefunden hatte. Die automatische Tür glitt vor ihnen auf. Draußen war die Luft kalt, aber klar. Lukas atmete ein. Es fühlte sich an, als würde die Kälte ihm zumindest die Reste der stickigen Hochschulluft aus der Lunge ziehen. „Wohin jetzt?“ fragte er. „Nicht nach Hause direkt,“ sagte der Spieler. „Wir brauchen eine Zwischenstation. Sonst trägt deine Wohnung wieder nur Hochschulrestekrach in sich. Rhein? Park? Talstraße, irgendwo auf eine Bank?“ „Rhein,“ sagte Lukas nach einer Sekunde. „Der Fluss versteht wenigstens, dass Dinge weiterlaufen müssen, ohne zu fragen, ob du gerade stark genug bist.“ Währenddessen – der Cousin fühlt sich bestätigt Zur gleichen Zeit, irgendwo anders: Der Cousin scrollte durch sein Handy, sah, dass seine Mails versendet waren, seine Nachrichten gelesen. Er bekam eine Antwort von der studentischen Hilfskraft: „Du übertreibst nicht. Heute haben sich schon ein paar aufgeregt, dass er wieder irgendwen ‚angemacht‘ hätte, weil sie Witze gemacht haben. Echt anstrengend, der Typ.“ Der Cousin lehnte sich zurück, ein kaltes Lächeln auf den Lippen. Perfekt, dachte er. Es beginnt. Sie sehen ihn immer mehr so, wie ich ihn sehen will. Er hatte keine Ahnung, was oben im dritten Stock wirklich passiert war – aber er wusste eines: Seine Worte, seine Gerüchte, sein Gift hatten angefangen zu wirken. Die Leute waren bereit, den jungen Mann als „Problem“ zu sehen. Und genau das war sein Ziel. Zurück am Rhein – ein kaputter, aber nicht gebrochener Tag Am Rhein angekommen, setzten Lukas und der Spieler sich auf dieselbe Bank wie vor ein paar Tagen. Das Wasser floss, gleichgültig wie immer. „Mathe ausgefallen,“ sagte Lukas bitter. „Mein Plan: entspannt an der Hochschule bleiben. Realität: Wieder zur Zielscheibe geworden.“ „Dein Plan war nicht falsch,“ widersprach der Spieler ruhig. „Er zeigt nur, wie kaputt das Klima dort ist.“ Lukas starrte aufs Wasser. „Es ist, als wäre die Hochschule ein Ort, der mich nicht haben will,“ murmelte er. „Nicht so, wie ich bin.“ „Dann sorgen wir dafür,“ sagte Erling, „dass Leute in dieser Hochschule das schwarz auf weiß hören. Nicht als ‚überempfindlicher Student‘, sondern als Mensch mit Rechten. Mit Autismus. Mit einem System, das ihn eigentlich schützen sollte.“ „Und was, wenn das System lieber die bequemeren schützt?“ fragte Lukas leise. „Dann werden wir unbequem,“ sagte der Spieler. „Aber nicht heute. Heute war genug.“ Lukas atmete tief ein, sah dem Fluss nach. Der achte Tag hatte ihm gezeigt: • Mathe kann ausfallen. • Die Hochschule kann trotzdem gefährlich bleiben. • Gerüchte können stärker sein als ein einzelner Mensch.
Aber er hatte auch gemerkt: • Er war nicht mehr allein im dritten Stock. • Er hatte jemanden, der vor ihn trat und „Es reicht“ sagte. • Und auch, wenn die Stimmen der anderen laut waren – seine eigene Stimme war nicht mehr komplett verschwunden. Das würde er brauchen. Denn der Weg zum Ultimatum, das noch kommen würde, führte genau durch solche Tage wie diesen achten: halb gescheitert, halb überlebt, aber mit einer klarer werdenden Erkenntnis: Es liegt nicht an ihm allein. Es liegt auch an einer Welt, die lernen muss, dass Menschen wie er nicht zur Belustigung da sind – sondern ein Recht haben, einfach nur in Ruhe auf einem Sofa in der dritten Etage zu sitzen. Der achte Tag hatte Lukas wieder alles abverlangt – und war doch anders geendet, als er am Morgen befürchtet hatte. Vom Rhein aus waren der junge Mann und der Spieler irgendwann nach Hause gegangen. Die Kälte hatte ihnen ins Gesicht geschnitten, aber gleichzeitig auch ein bisschen den Dreck der Hochschule aus der Haut gespült. Später Nachmittag – Leere nach dem Sturm Zu Hause angekommen, ließ Lukas seinen Rucksack im Flur fast fallen. Die Mutter sah ihn nur an und wusste: Da ist wieder was passiert. „Mathe ist ausgefallen,“ sagte er knapp, während er die Schuhe auszog. „Das ist doch eigentlich gut,“ meinte sie vorsichtig. „Nicht, wenn man danach versucht, sich oben irgendwo in Ruhe hinzusetzen und dann zur Beutel-Show 2.0 erklärt wird,“ murmelte Lukas. Sie stellte keine Detailfragen – nicht jetzt. Sie sah den Spieler an, der nur kurz und ernst nickte: Später erklären wir alles. „Setz dich ein bisschen hin,“ sagte sie. „Ich mach Tee. Heute Abend müsst ihr nicht mehr funktionieren.“ Lukas verzog das Gesicht. „Sagen alle,“ murmelte er. „Aber mein Kopf hat noch nie verstanden, wie das geht.“ Er zog sich in sein Zimmer zurück, ließ sich aufs Bett fallen. Der Spieler setzte sich auf den Stuhl, lehnte sich zurück, ließ ihm Raum. Eine Weile schwiegen sie einfach. Keine Musik, kein Fernseher, nur das leise Geräusch der Heizung und das ferne Summen der Stadt. Ein Vorschlag am Rand des Tages Es war schon dunkel draußen, als die Mutter irgendwann wieder an der Tür auftauchte, zwei Teetassen in der Hand. „Hier,“ sagte sie, reichte jedem eine. „Kamillentee. Gegen Menschen.“ Lukas nahm den Becher, hielt ihn in beiden Händen fest, als müsse er sich an etwas Warmem festklammern. „Ich hab eine… vielleicht etwas verrückte Idee,“ sagte sie nach einem Schluck aus ihrer eigenen Tasse. Lukas’ erster Reflex: Bitte keine Idee, die mit Hochschule zu tun hat. „Was denn?“ fragte er vorsichtig.
„Heute Morgen warst du in der Mathe-Realität,“ begann sie. „Dann Rhein – kurze Pause. Der Tag hat dir viel abverlangt. Und trotzdem…“ Sie sah kurz zum Spieler. Man merkte, dass die beiden sich still abgesprochen hatten. „…trotzdem wäre es vielleicht gut, wenn er nicht mit der Szene im dritten Stock endet,“ fuhr sie fort. „Wenn er mit etwas endet, das nicht nur nach Schmerz schmeckt.“ Lukas ahnte, wohin das ging. „Weihnachtsmarkt?“ fragte er leise. „Ja,“ sagte sie. „Nicht der große Marathon wie gestern – eher ein kurzer Besuch. Nur du und er,“ sie nickte zum Spieler, „oder wenn du willst, ich auch. Aber ich dachte zuerst an euch zwei. So eine Art eigener Abend, ohne ‚Familienprogramm‘.“ Lukas dachte an den Weihnachtsmarkt in Mainz: Glühwein-Geruch, Kakao, Holzfuchs, Schal. Dann an Nauheim: kleiner, ruhiger, echter. Sein Körper meldete Müdigkeit. Sein Kopf meldete Angst. Aber irgendwo dazwischen war auch dieses leise Bedürfnis: Bitte lass diesen Tag nicht nur mit Hochschule enden. Er sah zum Spieler. „Was sagt dein Akku?“ fragte er. Der grinste müde. „Mein Akku ist platt,“ antwortete er. „Aber nicht tot. Für eine Runde Weihnachtslichter ohne Mathe schaff ich’s. Und wir können jederzeit abbrechen. Erste komische Situation – raus. Kein Pflichtprogramm.“ Die Mutter nickte. „Ihr müsst euch nicht lange dort quälen,“ sagte sie. „Einmal rüber, einmal atmen, einmal sehen: Die Welt besteht nicht nur aus Hörsaalfluren. Und dann wieder nach Hause.“ Lukas atmete tief durch. „Okay,“ sagte er schließlich. „Aber nur, wenn wir drei Regeln haben.“ „Welche?“ fragte der Spieler. „Erstens: kein Alkohol,“ sagte Lukas. „Ich will nicht mal aus Versehen in die Nähe von Glühweinscherzen kommen.“ „Abgemacht,“ nickte der Spieler. „Zweitens: wir bleiben nicht stundenlang. Wenn ich sag ‚ich kann nicht mehr‘, gehen wir.“ „Ganz klar,“ sagte die Mutter. „Drittens: kein ‚Wir müssen noch an den und den Stand‘, nur um den Abend vollzukriegen. Wir laufen, wie weit es geht.“ Der Spieler streckte ihm die Hand hin. „Deal,“ sagte er. Lukas schlug ein. Auf dem Weg in die Stadt – die Nacht schlägt Funken Sie zogen sich wieder an – Jacke, Schal (den neuen Mainz-Schal natürlich), Mütze. Die Mutter blieb diesmal zu Hause. „Ich bin hier, falls es schiefgeht,“ sagte sie. „Schreibt mir einfach.“ Also gingen Lukas und der Spieler allein – wie zwei Figuren in einem kurz angehaltenen Videospiel, das jetzt wieder weiterlief. Die Straßenbahn war nicht voll, eher ruhig. Ein paar Leute mit Einkaufstüten, zwei Teenies, die sich halblaut über irgendeinen TikTokTrend stritten, ein älteres Paar, das sich an den Händen hielt.
Lukas stand am Fenster, sah die Stadtlichter vorbeiziehen. Weihnachtsbeleuchtung hing über den Straßen, an manchen Fenstern blinkten kleine Sterne. „Komisch,“ sagte er nach einer Weile leise, „dass die Stadt so friedlich aussehen kann, während drinnen in Köpfen Krieg ist.“ „Die Stadt ist Kulisse,“ meinte der Spieler. „Der Krieg läuft in den Menschen, nicht im Beton.“ Ankunft – Weihnachtsmarkt in Mainz bei Nacht Sie stiegen in der Innenstadt aus. Schon vor dem Platz hörten sie die Musik – leise Weihnachtslieder, gemischt mit dem Murmeln der Menschen. Der Weihnachtsmarkt leuchtete jetzt ganz anders als tagsüber: • Lichterketten spannten sich wie kleine Galaxien zwischen den Buden, • der Dom war angestrahlt, • der Himmel tiefdunkel, • die Luft kalt und klar – der Atem dampfte sichtbar. Es war voller als am Mittag, aber nicht so drängelig wie an einem Samstagabend zur Prime Time. Eher eine lebhafte, aber erträgliche Mischung. Lukas blieb am Rand stehen, noch bevor sie wirklich hineingingen. „Erst mal hier kurz,“ sagte er. „Nur gucken.“ Sie stellten sich so, dass sie den ganzen Markt überblicken konnten, aber noch nicht mitten im Strom standen. Gerüche wehten herüber: Bratwurst, Zucker, Zimt, gebrannte Mandeln – und ja, auch Glühwein. Aber Lukas hatte inzwischen Übung: den Kopf ein bisschen zur Seite drehen, durch den Mund atmen, den Fokus auf andere Dinge lenken. „Was siehst du?“ fragte der Spieler. „Viel,“ sagte Lukas. „Zu viel. Aber auch… schön. Die Lichter. Die Musik ist nicht so laut wie ich dachte. Und… da vorne macht jemand Seifenblasen.“ Tatsächlich stand am Rand ein Straßenkünstler, der große Seifenblasen in die Luft blies. Kinder versuchten, sie zu fangen, lachten, quietschten, wenn eine Blase direkt vor ihnen zerplatzte. „Die machen Dinge kaputt und freuen sich drüber,“ murmelte Lukas. „Bei manchen Menschen ist es das Gleiche, nur mit Herzen.“ Der Spieler sah ihn seitlich an. „Und bei dir?“ fragte er. „Willst du auch mal eine Blase kaputt machen?“ Lukas dachte kurz nach. „Vielleicht heute nicht,“ sagte er leise. „Vielleicht will ich heute zum ersten Mal seit Tagen nichts kaputt machen müssen – nicht Blasen und nicht mich selbst.“ Langsam in den Markt hinein – Schritt für Schritt Sie gingen los, langsam, eine Schneise suchend, die nicht direkt durch die dichtesten Stellen führte. „Wohin zuerst?“ fragte der Spieler. „Mandeln,“ antwortete Lukas ohne zu zögern. Am Mandelstand war überraschend wenig los. Der vertraute Duft von Zucker und Zimt war da – einer der wenigen Gerüche, die sich für ihn nicht gegen ihn verschworen. Der Verkäufer hinter der Bude lächelte routiniert. „Wie immer?“
Lukas musste kurz überlegen. „Was heißt ‚wie immer‘?“ fragte er irritiert. Der Verkäufer sah ihn genauer an, dann lachte leise. „Sorry,“ sagte er. „Ich hab Sie verwechselt. Heute waren schon so viele hier. Aber Sie sehen ein bisschen aus wie einer, der immer die gleiche Mischung nimmt.“ „Dann… nehme ich heute mal eine neue,“ sagte Lukas und war selbst überrascht von sich. „Ganz normale gebrannte Mandeln. Klein. Zum Teilen.“ Sie nahmen die Tüte, gingen einen Schritt zur Seite. Lukas griff zwei Mandeln, eine für sich, eine für den Spieler. „Offizielles Anti-Mathe-Futter,“ erklärte er. „Genehmigt,“ sagte Erling und warf sich die Mandel in den Mund. Zwischen Kakao und Rückblenden Sie liefen weiter. An einem Stand mit heißen Getränken blieb Lukas stehen. „Kakao?“ fragte der Spieler. Ein kurzer Stich von der Erinnerung an die Glühwerkswolke am Tag zuvor. Dann ein bewusstes: Kakao war gut. Kakao war sicher. „Ja,“ sagte Lukas. „Kakao. Wieder alkoholfrei. Wieder Becher, der ich halten kann.“ Sie holten zwei Kakao, stellten sich an einen Tisch am Rand, der nicht mitten im Getümmel stand. „Panikskala?“ fragte der Spieler. Lukas überlegte. „Seit wir angekommen sind: 6,“ sagte er. „Jetzt… 4. Mandeln und Kakao helfen. Und dass niemand mich bisher angestarrt hat.“ Er sah sich kurz um. Natürlich gab es Blicke – auf alle. Menschen sehen Menschen an. Aber es waren keine dieser langen, bohrenden, abwertenden Blicke, die er aus der Hochschule kannte. „Hier,“ sagte er leise, „bin ich einfach einer von vielen, die frieren und einen Becher halten.“ „Und das ist verdammt viel wert,“ meinte der Spieler. Ein kleiner, stiller Moment vor dem Dom Sie schlenderten weiter, irgendwann automatisch Richtung Dom. Das massive Gebäude stand ruhig da, als Beobachter aus Stein, während der Markt davor flackerte. Auf den Stufen saßen ein paar Leute, manche mit Tüten, manche mit Bechern, manche einfach nur so. Lukas blieb am unteren Ende der Stufen stehen. „Ich mag den Dom im Dunkeln,“ sagte er leise. „Er ist so… groß und still. Als würde er sagen: ‚Ihr kleinen Menschen macht euren Stress – aber ich steh hier schon seit Jahrhunderten und hab alles gesehen.‘“ „Damit ist der Dom offiziell weiser als die komplette Hochschulleitung,“ kommentierte der Spieler. Lukas lachte kurz, ehrlich. Sie setzten sich auf eine der unteren Stufen, Kakao in der Hand, Tüte mit Mandeln zwischen ihnen. Eine Weile schwiegen sie. Man hörte: • Musik im Hintergrund,
das Gemurmel der Menschen, das leise Rattern des Karussells, das Klirren von Tassen. „Weißt du, woran ich denken muss?“ sagte Lukas irgendwann. „Woran?“ fragte Erling. „An den Autohändler gestern,“ sagte Lukas leise. „Daran, wie er gesagt hat: ‚Sie haben meiner Tochter geholfen.‘ Und daran, dass wir hier schon mehrfach standen – mit Familie, mit dir, mit verschiedenen Zuständen – aber irgendwie ist dieser Platz… so etwas wie ein Kontrapunkt.“ „Kontrapunkt wozu?“ fragte der Spieler. „Zu den Fluren in der Hochschule,“ antwortete Lukas. „Dort bin ich der, über den gelacht wird. Hier bin ich der, der Kakao trinkt. Nicht spektakulär, aber… normal.“ • • •
Im Hintergrund – ein Schatten in der Menge Was Lukas nicht sah: Unweit von ihnen, zwischen zwei Buden, stand ein Mann mittleren Alters, das Handy in der Hand, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er war nicht der Cousin. Aber er kannte die Familie. Kannte die Geschichten. Kannte die eine Version, die der Cousin überall streute. Er hatte in einer WhatsApp-Gruppe mitgelesen, in der der Cousin wieder und wieder über „diesen Raphael / den Jungen / den Autisten“ schrieb. Er hatte sich nie wirklich ein eigenes Bild gemacht – warum auch? Es war bequemer, die Erzählung zu übernehmen: „Überempfindlich, Drama, macht aus allem ein Riesenproblem.“ Jetzt sah er zufällig in Richtung Domstufen – und erkannte Lukas dort sitzen, neben einem großen, blonden Kerl, der eindeutig nicht aus Mainz stammte. Da ist er also, dachte er. Der berühmte Problemfall. Er dachte kurz darüber nach, ob er ein Foto machen, in die Gruppe werfen sollte. „Seht mal, der ‚arme, traumatisierte‘ Junge hat’s ganz schön gut – Weihnachtsmarkt, Freund, Kakao.“ Doch irgendwas hielt ihn zurück. Vielleicht das Bild selbst: kein Drama, keine Szene, kein „Zerfall“, nur ein junger Mann, der aussah wie alle anderen, die an diesem Abend hier waren. Er steckte das Handy wieder in die Tasche, schüttelte den Kopf und verschwand in der Menge. Die Bedrohung war damit nicht weg – aber in diesem Moment entschied sich zumindest einer dagegen, Öl ins Feuer zu gießen. Wieder hin zum Rand – bevor es kippt Nach einer Weile merkte Lukas, dass die Geräusche schneller, härter in seinen Kopf prallten. „Ich werd langsam voll,“ sagte er leise. „Nicht panisch – aber… voll.“ „Skala?“ fragte der Spieler routiniert. „5, Richtung 6,“ antwortete Lukas. „Noch okay. Aber wir sollten gehen, bevor es 8 wird.“ „Perfektes Timing,“ nickte der Spieler. „Weihnachtsmärkte soll man verlassen, wenn die Mandeln fast, aber nicht ganz leer sind.“ „Das tut mir in der Seele weh,“ murmelte Lukas und sah in die Tüte. „Du kannst sie mitnehmen,“ meinte Erling. „Mandeln sind portable Therapie.“
Sie standen auf, warfen die leeren Becher in den Mülleimer, gingen langsam zurück – bewusst am Rand entlang, weg von den dichtesten Stellen. Die Lichter schienen ihnen nachzublicken, als sie den Platz verließen. Heimweg – ein leiser, warmer Abschluss Auf dem Weg zur Straßenbahn war die Luft noch kälter geworden. Der Himmel war klar, ein paar Sterne waren zu sehen, trotz der Stadtlichter. „Wie würdest du den Abend bewerten?“ fragte der Spieler, als sie nebeneinander hergingen. Lukas dachte ernsthaft nach. „Am Anfang war ich bei 6 Panik, 4 Hoffnung,“ sagte er. „Jetzt bin ich bei 3 Panik, 6… vielleicht sogar 7 Hoffnung.“ „Das sind gute Zahlen,“ sagte der Spieler. „Es war… gut, dass wir gekommen sind,“ fügte Lukas hinzu. „Nicht, um zu beweisen, dass ich alles ‚aushalte‘. Sondern, um mir zu zeigen, dass es nach einem Hochschul-Tag auch noch etwas geben kann, das nicht weh tut.“ „Zumindest nicht mehr als kalte Hände,“ grinste Erling. „Und bisschen Glühweingeruch,“ gab Lukas zu. „Aber den hab ich mit Zimt erschlagen.“ Zuhause – der Tag endet anders, als er begann Zu Hause angekommen, zog Lukas als erstes die Jacke aus, hängte den Mainz-Schal sorgfältig über den Haken. Die Mutter stand im Flur. „Und?“ fragte sie. Lukas sah sie an, und in seinen Augen lag keine Überwältigung, sondern eine müde, aber echte Ruhe. „Es war gut,“ sagte er. „Anstrengend, aber gut. Kein Drama. Kakao, Mandeln, Domstufen. Wir sind rechtzeitig gegangen.“ Sie atmete hörbar aus. „Dann hat sich das Risiko gelohnt,“ sagte sie leise. Später, in seinem Zimmer, setzte sich Lukas an den Schreibtisch, schlug das Mutbuch auf und schrieb: „Tag 8 – Abend: Mathe-Vorkurs ist ausgefallen. Ich wollte mich in der Hochschule entspannen – wurde wieder ausgelacht, wieder zur Geschichte gemacht. Ich bin gegangen. Dann sind wir am Abend auf den Weihnachtsmarkt. Mandeln. Kakao. Dom. Lichter. Zum ersten Mal hat ein Tag, an dem ich in der Hochschule fertiggemacht wurde, nicht im Horror, sondern im Licht geendet. Es gibt beides in meinem Leben: Leute, die mich zerstören wollen. Und Orte, an denen ich einfach nur sitzen und Kakao trinken darf.“ Er legte den Stift weg, lehnte sich zurück. Der achte Tag war einer dieser merkwürdigen Misch-Tage geworden: halb Hölle, halb Hoffnung. Und als er abends im Dunkeln lag, waren es nicht nur die Gesichter der lachenden Kommilitonen, die ihm durch den Kopf gingen – sondern auch: • der warme Becher in seinen Händen, • der Blick auf den Dom, • die Mandeln, die er mit dem Spieler geteilt hatte, • und das Wissen:
Auch wenn sein Cousin im Hintergrund Gift streute, und die Hochschule ihn zum Problem machte – gab es doch Momente, in denen er einfach nur ein junger Mann war, der unter Weihnachtslichtern stand und nicht um seine Würde kämpfen musste. Der neunte Tag begann mit einem Entschluss, bevor Lukas überhaupt richtig wach war. Noch bevor er die Augen öffnete, wusste er: Heute schaffe ich die Hochschule nicht. Nicht nach dem, was gestern passiert war – dem Zettel vor dem Mathe-Raum, der „Beutel-Show 2.0“ in der Sitzecke, den Sprüchen, dem Lachen, den Andeutungen über „anonyme Mails“ und „der zeigt jeden an“. Sein Körper fühlte sich an, als hätte jemand ihn in der Nacht heimlich benutzt, um eine Treppe zu wischen – alles schwer, alles müde, alles schmerzte irgendwie. Morgen – der Kampf mit dem Pflichtgefühl Er lag im Bett, starrte an die Decke, das Handy auf der Brust. Das Display blinkte: neue Nachrichten in der Studiengruppe. Er öffnete sie, obwohl er wusste, dass das Risiko hoch war, wieder etwas zu lesen, das ihn treffen würde. „Mathe heute wieder abgesagt. Dozent immer noch krank.“ „Rewe findet statt, aber Prof unsicher wg. IT-Kram.“ „Englisch geht wohl normal.“ Und dazwischen: „Hat jemand den Typ gestern in der 3. Etage gesehen?“ „Welchen?“ „Na, den Katheter-Jungen. Der mit dem ‚Trauma‘.“ „Lass gut sein, sonst beschwert er sich wieder irgendwo.“ „Hab gehört, die Profs haben schon Warnungen bekommen. Man darf echt gar nix mehr sagen.“ Lukas schloss die Augen. Der Chat rutschte ihm aus der Hand, das Handy fiel neben ihn aufs Bett. Es war, als würde seine Brust enger werden, obwohl er nur still da lag. Wenn ich jetzt hinfahre, dachte er, werde ich in jeden Raum reinkommen und schon das Gefühl haben, dass alle die Geschichte in ihren Köpfen haben. Bevor ich überhaupt was gesagt habe. Ein Teil in ihm flüsterte: „Du MUSST hin. Sonst bist du wieder der, der „fehlt“. Der, der „nicht will“. Der, der „aufgibt“.“ Ein anderer Teil war klarer: „Wenn du hingehst, während du schon so angeschlagen bist, zerreißen sie dich komplett.“ Es klopfte leise an der Tür. „Ja?“ murmelte Lukas. Die Mutter steckte den Kopf rein. „Schon wach?“ fragte sie. „Seit zu früh,“ sagte er. Sie sah ihn an, und in ihrem Blick lag diese Mischung aus Sorge und Verständnis, die sich in den letzten Tagen verfestigt hatte. „Ich muss heute nicht fragen, ob du in die Hochschule willst, oder?“ sagte sie vorsichtig.
Er schluckte. „Ich… glaub, ich kann heute nicht,“ brachte er heraus. „Also nicht im Sinne von: ‚ich hab keine Lust‘. Sondern: Mein System macht dicht.“ Sie kam ganz rein, setzte sich aufs Bett. „Sag es so,“ meinte sie. „Du bleibst heute wegen Angriff zuhause.“ „Wegen welchem?“ fragte er bitter. „Cyberangriff oder Menschenangriff?“ „Beides,“ antwortete sie ohne zu zögern. „Die IT hängt, und dein Nervensystem hängt auch. Und beides ist nicht deine Schuld.“ Lukas musste bei dem Satz kurz schniefen, obwohl er nicht geweint hatte. Offizielle Meldung – den Tag selbst umdefinieren „Ich… sollte denen schreiben,“ murmelte er. „Damit es nicht heißt, ich wäre einfach blau geblieben.“ „Okay,“ sagte die Mutter. „Aber du schreibst nicht allein.“ Sie holte sein Handy, setzte sich an den Schreibtisch, er setzte sich daneben. Gemeinsam formulierten sie eine knappe Mail an die Studienkoordination / den zuständigen Kontakt: „Sehr geehrte Frau …, ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich heute krankheitsbedingt nicht an den Veranstaltungen teilnehmen kann. Die Ereignisse der letzten Tage (inklusive der Vorfälle in der Mathe-Vorkursgruppe) haben bei mir zu einer starken Überlastung geführt. In Absprache mit meiner Familie und meiner Autismustherapie nehme ich heute einen Ruhetag, um eine weitere Eskalation meiner Symptome zu vermeiden. Mit freundlichen Grüßen Lukas …“ Er starrte auf den Text. „Das klingt so, als würde ich übertreiben,“ murmelte er. „Nein,“ sagte die Mutter ruhig. „Das klingt so, als würdest du eine Grenze ziehen. Das, was sie mit dir gemacht haben, war die Übertreibung.“ Er atmete tief durch. „Okay,“ sagte er. „Schick’s ab.“ Sie schickten die Mail. Lukas hatte das Gefühl, als hätte er damit offiziell erklärt: Ich bin heute nicht kampffähig. Vormittag – Leere und langsame Bewegung Der Vormittag zog sich. Lukas versuchte, irgendetwas „Sinnvolles“ zu tun: • ein Skript öffnen, • ein paar Matheaufgaben anschauen, • in Rechnungswesen-Unterlagen blättern. Aber sein Kopf sprang entweder sofort zurück in die Szenen (Papierboden, Lachen, „Lieblingsurin-Geruch“), oder glitt ab in eine dumpfe Leere. Schließlich gab er auf. Nicht im Sinne von „ich verliere“, sondern im Sinne von „ich akzeptiere, dass heute nicht der Tag für Höchstleistungen ist“. Er setzte sich ins Wohnzimmer, wo die Mutter leise den Fernseher laufen hatte, irgendeine harmlose Kochsendung. „Darf ich mich dazusetzen?“ fragte er. „Immer,“ sagte sie.
Er legte sich auf das Sofa, zog sich eine Decke bis zur Brust, starrte halb auf den Bildschirm, ohne wirklich zuzusehen. Nach einer Weile nahm die Mutter seine Hand, drückte sie einmal. „Ich hätte dir gerne eine Kindheit und Schulzeit gewünscht,“ sagte sie leise, „in der du bei dem Wort ‚Mathe‘ nicht innerlich zusammenzuckst.“ „Ich auch,“ murmelte er. „Aber wir haben leider die bekommen, wo alle gesagt haben: ‚Reiss dich zusammen‘.“ „Jetzt sagen wir: ‚Du musst dich nicht immer zusammenreißen‘,“ entgegnete sie. Mittags – der Spieler kommt vorbei Gegen Mittag klingelte es. Lukas’ Körper reagierte kurz mit Alarm, obwohl er wusste, wer es sein musste. Der Spieler kam herein, zog die Schuhe aus, winkte in die Küche, wo die Mutter gerade etwas kochte. „Tag 9?“ fragte er, als er in Lukas’ Zimmer trat. „Krieg ich ein Status-Update?“ Lukas saß auf dem Bett, im Hoodie, Decke über den Beinen, Mutbuch neben sich. „Status: offline,“ sagte er. „Server wegen Überlastung runtergefahren.“ „Also Hochschule heute: nein?“ fragte der Spieler. „Hochschule heute: nicht mal in meinen Albträumen,“ antwortete Lukas. Erling nickte, setzte sich auf den Stuhl. „Gut,“ sagte er. „Der Server braucht Wartung. Sonst brennt er uns irgendwann durch.“ Sie gehen alles noch einmal durch – aber anders Sie sprachen noch einmal über den Vortag, aber in einem anderen Ton als am Rhein. Weniger „Was ist passiert?“, mehr „Was hat es mit dir gemacht?“. „Gestern im dritten Stock,“ sagte Lukas, „als sie wieder über Beutel und Rechtsberatung geredet haben… ich hatte das Gefühl, als wäre ich gar nicht mehr richtig da. Als würde jemand eine Szene abspielen und ich wäre nur noch Objekt.“ „Das bist du in ihren Köpfen auch,“ sagte Erling ruhig. „Objekt. Karikatur. ‚Der da‘. Aber nicht für alle. Und nicht in der Realität, die zählt.“ „Manchmal,“ meinte Lukas, „weiß ich nicht mehr, welche Realität zählt. Die, in der ich auf Stufen sitze und Kakao trinke? Oder die, in der ich in jedem Raum der Freak bin?“ „Beide existieren,“ sagte der Spieler. „Die Frage ist, welchen du mehr Gewicht gibst – und wem du erlaubst, in deinem Kopf Bühne zu haben.“ Lukas seufzte. „Leichter gesagt, wenn man nicht dauernd Gefahr läuft, wieder in so eine Szene zu stolpern,“ murmelte er. „Deswegen ist heute ein Zuhause-Tag,“ entgegnete der Spieler. „Ein Tag, an dem du festlegst, dass niemand das Recht hat, dich in den Alarmzustand zu schicken.“ Ein Telefonat mit der Therapeutin Am frühen Nachmittag ging das Handy der Mutter. Sie kam kurz darauf ins Zimmer. „Deine Therapeutin hat Zeit für ein kurzes Telefonat,“ sagte sie. „Sie hat meine Nachricht von gestern gelesen und gemeint, sie würde dich gerne heute hören, wenn du magst.“ Lukas schluckte. Ein Teil von ihm wollte sich verkriechen – kein Reden, kein Erklären. Ein anderer Teil wusste: Wenn ich jetzt schweige, staut sich alles weiter an. „Okay,“ sagte er leise. „Aber lautloser Modus – also ohne Kamera. Nur Stimme.“ Sie nickte und gab ihm das Handy, nachdem sie die Therapeutin schon kurz vorgewarnt hatte. Er setzte sich ans Fenster, sah nach draußen, während er sprach.
Sie fragte: • wie der neunte Tag sich anfühlt, • was am achten genau passiert war, • was die Szene im dritten Stock in ihm ausgelöst hatte. Lukas sprach stockend, aber ehrlich. Er erzählte von: • der Gruppe, • den Sprüchen, • dem Gefühl, dass sich die Gerüchte über ihn verbreiten, • dem Zitat „anonyme Mails“ und „Profs genervt von dir“. Die Therapeutin hörte lange zu, unterbrach kaum. Dann sagte sie ruhig: „Lukas, das, was du beschreibst, ist keine Überempfindlichkeit. Das ist wiederholte Demütigung. Du hast das Recht, dich zu schützen – durch Ruhetage, durch Grenzen, durch Beschwerdewege. Und du hast auch das Recht, dich wütend zu fühlen.“ „Ich hab Angst, dass sie irgendwann sagen: ‚Er ist nicht belastbar genug für ein Studium‘,“ sagte Lukas. „Vielleicht,“ antwortete sie, „muss die Frage nicht sein, ob du belastbar genug bist – sondern ob die Hochschule bereit ist, zu lernen, was Belastung für jemanden wie dich bedeutet.“ Sie vereinbarten, dass sie beim nächsten Termin ausführlicher über offizielle Schritte reden würden: Dokumentation, mögliche Meldung an Beschwerdestellen, Unterstützung beim Formulieren von Schreiben. Als das Gespräch zu Ende war, fühlte sich Lukas nicht „leicht“, aber ein kleines bisschen weniger allein. Nachmittag – Mutbuch und Videospiel Später am Nachmittag saßen Lukas und der Spieler nebeneinander auf dem Sofa – Konsole an, Controller in der Hand, FIFA im Menü. „Bist du sicher?“ fragte der Spieler. „Manchmal hilft Spielen, manchmal füllt es nur zusätzliche Slots im Kopf.“ „Heute möchte ich auswählen, was in meinem Kopf passiert,“ sagte Lukas. „Wenn schon Chaos, dann bitte selbstgesteuert.“ Sie spielten nicht lange, nur ein, zwei Partien. Nicht mit der Energie eines ausgelassenen Abends, mehr wie eine kontrollierte Ablenkung. Danach zog Lukas sich wieder in sein Zimmer zurück, nahm das Mutbuch und begann zu schreiben: „Tag 9 – Zuhause: Heute keine Hochschule. Nicht, weil ich faul bin. Sondern, weil die letzten Tage wie eine Dauer-Attacke waren. Mathe, Beutel, Lachen, anonyme Gerüchte, Flurgerede. Ich habe meinem Körper einen Tag gegeben, an dem er nicht kämpfen muss.“ Er hielt inne, horchte in sich hinein, schrieb weiter: „Der Spieler sagt, mein Nervensystem ist wie ein Server, der zu viele Anfragen hat. Der Ruhetag ist nicht ‚Abbruch‘, sondern Wartung. Vielleicht sollte ich lernen, dass Pausen genauso wichtig sind wie Anwesenheit.“ Gleichzeitig – der Cousin, immer noch am Werk Während Lukas schrieb, war der Cousin nicht untätig. Er hatte gesehen, dass keine neuen Beiträge aus der Richtung Hochschule kamen, keine „Skandal“-Meldung, kein Drama im Chat, das er sich erhofft hatte.
Bleibt er etwa zu Hause? dachte er. Feigling. Er nutzte die Gelegenheit, weiter sein Bild zu pflegen. In einer Familienchat-Gruppe, aus der der junge Mann längst raus war, schrieb er: „Hab gehört, er bleibt jetzt öfter weg von der Hochschule. Klar, wenn man jedem erzählt, man wäre Opfer, braucht man ja nicht mehr normal lernen.“ Ein Onkel reagierte mit einem unbedachten „ “, eine Tante mit einem halbherzigen „Naja, jeder hat halt seine Probleme“. Niemand stellte wirklich klar, dass die Worte unfair und verletzend waren. In seinem Kopf wirkte das wie Bestätigung: Seht ihr? Viele sehen es so wie ich. Dass dieselben Erwachsenen seit Jahren zu konfliktscheu waren, um ihm offen zu widersprechen, nahm er nicht wahr – oder wollte es nicht. Er scrollte durch sein Handy, las noch einmal die alte Nachricht der Ersatzoma, die ihm klare Grenzen gesetzt hatte. Sie tat ihm immer noch weh – nicht, weil sie falsch war, sondern weil sie ihn an einen Punkt brachte, den er nicht ertragen konnte: Verantwortung für das, was er getan hatte. Also schob er die Schuld weiter. Auf sie. Auf den jungen Mann. Auf alle – nur nicht auf sich. Abend – ein leiser Abschluss Der Abend des neunten Tages war unspektakulär – und gerade deswegen wichtig. Kein Weihnachtsmarkt. Keine Reisen. Keine großen Szenen. Lukas saß mit seinen Eltern und dem Spieler beim Abendessen. Es gab etwas Einfaches – Nudeln, Gemüse, ein bisschen Soße. Keiner wollte, dass zusätzlich zur seelischen Last noch ein Festmahl im Magen schwer lag. „Wie war dein Tag?“ fragte der Vater irgendwann, zaghaft. Lukas legte die Gabel hin, dachte nach. „Nicht produktiv im Sinne von ‚Uni‘,“ sagte er. „Aber… vielleicht produktiv im Sinne von ‚Ich bin heute nicht noch ein Stück weiter zusammengebrochen‘.“ Der Vater nickte langsam. „Das ist auch… wichtig,“ sagte er. „Ich hab das früher nicht verstanden. Für mich hieß es immer: ‚Aufstehen, weitermachen, nicht jammern.‘ Aber ich sehe, dass das dich fast kaputt gemacht hätte.“ „Hat es,“ sagte Lukas leise. „Mehrmals.“ Stille. Nicht unangenehm, eher schwer – aber ehrlich. Später, in seinem Zimmer, legte er sich hin, das Mutbuch auf dem Nachttisch, den Holzfuchs neben der Konsole, den Mainz-Schal über dem Stuhl. Er dachte an den Tag und stellte fest: Er hatte nichts „Großes“ getan. Kein Kampf, kein Auftritt, keine Konfrontation. Aber er hatte sich selbst ernst genommen. Er hatte gesagt: Heute nicht. Heute kämpfe ich nicht im Hörsaal. Heute kämpfe ich, indem ich mich weigere, mich noch weiter ausnutzen zu lassen.
Und während irgendwo ein Cousin noch Rache schwor, eine Hochschule weiter vor sich hin murmelte, Gerüchte sich ausbreiteten, lag der junge Mann in seinem Bett und erlaubte sich, diesen neunten Tag als das zu sehen, was er war: ein Tag, an dem er sich das Recht genommen hatte, nicht immer stärker sein zu müssen, sondern einfach nur zu überleben, ohne sich dabei komplett zu verlieren. Der zehnte Tag begann zunächst ganz ruhig. Zu ruhig, fast. Morgen – ein kurzer Moment Normalität Lukas wachte auf, ohne Albtraum, nur mit dieser schweren Grundmüdigkeit, die sich inzwischen wie ein zweites Gewicht auf seine Brust gelegt hatte. Er blieb einen Moment liegen, lauschte: • leises Klappern aus der Küche, • die Heizung, die knackte, • irgendwo draußen ein Bus, der anfuhr. „Tag 10,“ dachte er. „Eigentlich nur ein Dienstag. Für andere.“ Er setzte sich auf, griff nach seinem Handy. Nicht, um als erstes in die Hochschulgruppe zu schauen – daraus hatte er vom neunten Tag gelernt. Nein, heute öffnete er zuerst eine andere App: Kleinanzeigen. Der Tab war noch offen, von vor ein paar Tagen. Das Bild des Rollstuhls leuchtete ihm entgegen – klein, leicht, eher wie ein „AusflugRollstuhl“, nicht so medizinisch wie der, den die Unimedizin ihm damals gestellt hatte. Damals. Bevor sein Vater ihn im Wutanfall angezündet hatte. Allein dieser Gedanke ließ in ihm wieder kurz eine Flamme aus Wut und Schmerz aufflackern. Der neue Rollstuhl war für ihn mehr gewesen als nur ein Gegenstand: • ein Symbol dafür, dass er sich etwas zurückholen konnte, • ein Stück Selbstbestimmung – nicht auf einen Klinikrollstuhl angewiesen sein, • etwas, das nicht mit dem Brandgeruch eines Ausrasterabends verbunden war. Der Mann, der den Rollstuhl verkaufte, hatte nett gewirkt. Sie hatten hin und her geschrieben, Maße besprochen, Fotos geschickt. Es war alles soweit klar gewesen: Preis verhandelt, Treffpunkt grob geplant, nur der genaue Tag stand noch aus. „Vielleicht können wir ihn diese Woche holen,“ hatte Lukas sich am Vortag gedacht. „Wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen.“ Also öffnete er jetzt den Chat mit dem Verkäufer, in der Hoffnung, eine neue Nachricht zu sehen: „Wir können am Mittwoch liefern“ oder „Heute Nachmittag passt bei uns gut“. Es war eine neue Nachricht da. Aber nicht die, die er erwartet hatte.
Die Nachricht – anders als gedacht Er klickte auf den Chat. Der Text war länger, nicht so knapp wie die vorherigen Nachrichten. „Hallo Lukas, es tut mir wirklich sehr leid, dass ich mich erst jetzt melde. Ich muss dir leider sagen, dass ich den Rollstuhl im Moment nicht liefern kann. Ich bin seit ein paar Tagen schwer krank und aktuell selbst im Krankenhaus. Ich weiß noch nicht genau, wie lange das dauert. Bitte sei mir nicht böse – ich hätte den Rollstuhl dir wirklich gerne gegeben und dir damit geholfen, aber gerade geht es gesundheitlich bei mir einfach nicht. Wenn du möchtest, halte ich ihn dir trotzdem reserviert, bis ich wieder zuhause bin und laufen kann. Liebe Grüße und nochmal Entschuldigung.“ Lukas las die Nachricht zweimal. Dann ein drittes Mal, langsamer. Das erste Gefühl war nicht Enttäuschung. Es war ein Schreck: schwer krank Krankenhaus weiß nicht, wie lange Er dachte an all die Klinikflure, die er selbst schon von innen gesehen hatte, an Zimmer, in denen alles nach Desinfektionsmittel roch und nach Angst. „Der… liegt gerade in einem Bett,“ dachte Lukas. „Vielleicht mit Schläuchen, vielleicht mit Schmerzen. Und macht sich trotzdem Gedanken, dass er mir etwas nicht liefern kann.“ Innere Zerrissenheit – zwischen „Schon wieder ich“ und Empathie Ein zweites Gefühl schob sich leise hinterher: „Natürlich. Natürlich. Wenn es bei mir um etwas Wichtiges geht, passiert immer irgendwas.“ Sein Kopf begann, Muster zu spinnen – kein rationaler Teil, mehr der tiefe, verletzte: • Der Rollstuhl von der Unimedizin: verbrannt im Streit. • Die Oma-Beziehung: abgebrochen in einer Lawine aus Nachrichten. • Die Hochschule: statt Schutz nur mehr Demütigung. • Der neue Rollstuhl, Symbol eines kleinen Neuanfangs: plötzlich in weiter Ferne, weil der Verkäufer im Krankenhaus lag. Er merkte, wie sein Brustkorb sich wieder eng anfühlte. Vielleicht soll ich einfach kein Rollstuhlglück haben, dachte ein sehr leiser, sehr trauriger Teil in ihm. Aber im gleichen Moment meldete sich ein anderer Teil – der, der gestern mit der Therapeutin gesprochen hatte: „Stopp. Es geht gerade nicht um Strafe. Es geht um einen Menschen, der krank ist.“ Er setzte sich auf, stellte die Füße auf den Boden, atmete tief ein. In die Küche – Nachricht teilen Er stand auf, zog sich eine Jogginghose und einen Hoodie an und ging in die Küche. Die Mutter stand am Herd, rührte in einem Topf mit Haferbrei, der Vater blätterte in der Zeitung. „Morgen,“ murmelte Lukas. „Na, du,“ sagte die Mutter, drehte sich kurz um. „Wie wach bist du auf einer Skala von 1 bis Kaffee?“
„So bei 3,“ sagte er. „Aber… eher wegen einer Nachricht als wegen Schlaf.“ Sie sah ihn genauer an. „Von der Hochschule?“ fragte sie. „Nein,“ sagte er. „Vom Rollstuhl.“ Sie drehte die Herdplatte runter. „Was ist damit? Hat er einen anderen verkauft?“ „Nein,“ sagte Lukas, setzte sich an den Tisch, legte das Handy in die Mitte. „Er ist… krank.“ Die Mutter setzte sich ihm gegenüber, zog das Handy heran und las die Nachricht. Ihre Stirn legte sich in Sorgenfalten. „Ach du…“ murmelte sie. „Schwer krank. Krankenhaus.“ Der Vater legte die Zeitung kurz beiseite, sah herüber. „Das tut mir leid für ihn,“ sagte er leise – und diesmal klang es nicht hohl, sondern wirklich betroffen. Wie damit umgehen? „Was fühlst du?“ fragte die Mutter, sah ihn ruhig an. Lukas dachte nach. Er war inzwischen geübt darin, nicht nur „gut/schlecht“ zu sagen. „Mehreres,“ sagte er. Er begann, aufzuzählen, fast wie im Mutbuch: „Erstens…“ – er hielt den Finger hoch – „Mach dir Sorgen. Weil ich weiß, wie sich Krankenhaus anfühlt. Weil ich weiß, wie hilflos man da liegt. Und er denkt trotzdem an mich.“ „Zweitens: Ich bin enttäuscht. Nicht wütend auf ihn, sondern enttäuscht, dass etwas, worauf ich mich gefreut habe, wieder nach hinten rutscht.“ „Drittens: Ich hab Angst, dass ich jetzt wieder ewig ohne Rollstuhl bin, wenn’s mir schlecht geht. Dass ich, wenn mein Körper wieder streikt, nichts zum Ausweichen habe.“ „Viertens…“ – sein Blick wurde weicher – „…bin ich auch dankbar. Dass er überhaupt anfragt, ob er ihn reservieren soll. Dass er nicht einfach sagt: ‚Pech gehabt, such dir jemand neuen.‘“ Die Mutter nickte langsam. „Das ist eine sehr ehrliche und ziemlich reife Gefühlsmischung,“ sagte sie. Der Vater räusperte sich. „Wir können in Ruhe schauen,“ meinte er, „ob es andere Optionen gibt – mal unabhängig von ihm. Aber… ich finde es richtig, erst einmal ihm zu antworten, menschlich.“ Antwort schreiben – mit Herz statt Wut Lukas zog das Handy wieder zu sich, atmete tief durch. „Ich will nichts schreiben, was den Eindruck macht, ich wäre sauer,“ murmelte er. „Weil ich das nicht bin. Es ist nicht seine Schuld, dass ich schon so viel Mist erlebt hab.“ „Dann schreib genau das,“ sagte der Spieler, der kurz darauf in die Küche kam, weil er den Geruch von Haferbrei und die leicht angespannte Stimmung bemerkt hatte. „Na klar,“ sagte Lukas trocken. „‚Guten Morgen, ich hab schon viel Mist erlebt, aber Sie sind nicht schuld.‘ Liest sich bestimmt super.“ Erling grinste. „Du weißt, wie ich’s meine,“ sagte er. „Ehrlich, aber nicht so, dass du ihm deine ganze Lebensgeschichte aufs Handy kippst.“ Lukas dachte kurz nach und tippte dann langsam: „Hallo, danke für Ihre Nachricht und dass Sie mir das so offen schreiben. Es tut mir sehr leid zu hören, dass Sie schwer krank sind und im Krankenhaus liegen. Ich
wünsche Ihnen gute Besserung und dass Sie schnell wieder auf die Beine kommen. Bitte machen Sie sich wegen des Rollstuhls keine Sorgen. Ihre Gesundheit ist viel wichtiger. Wenn es für Sie okay ist, freue ich mich, wenn Sie ihn mir reservieren, bis es Ihnen wieder besser geht. Wenn es nicht klappt, ist das auch in Ordnung – dann finden wir irgendwann eine andere Lösung. Alles Gute für Sie und schnelle Genesung Lukas“ Er las es laut vor. Die Mutter nickte zustimmend. „Das ist genau der Ton,“ sagte sie. „Freundlich, verständnisvoll, ohne Druck.“ Der Vater murmelte: „So schreibt keiner, der ‚Drama macht‘, wie manche behaupten.“ Der Spieler fügte hinzu: „Ich wünschte, ein paar Leute an der Hochschule hätten persönlich nur halb so viel Empathie wie dieser Text.“ Lukas drückte auf „Senden“. Und wieder hatte er das Gefühl, als hätte er damit etwas getan, was er früher nie geschafft hätte: nicht seine Wut an jemand abzuladen, der eigentlich nichts dafür konnte. Der Gedanke an den verbrannten Rollstuhl Nachdem die Nachricht raus war, wurde es kurz still in der Küche. Lukas starrte auf seine Hände. „Es ist verrückt,“ sagte er leise. „Der alte Rollstuhl wurde in einem Ausraster verbrannt. Und der neue Rollstuhl hängt jetzt daran, dass jemand im Krankenhaus liegt. Manchmal frag ich mich, ob Rollstühle in meinem Leben einfach… verflucht sind.“ Die Mutter sah ihn traurig an. „Sie sind nicht verflucht,“ sagte sie ruhig. „Es ist nur so, dass alles, was dir Freiheit gibt, immer wieder irgendwie angegriffen wird. Vom Leben. Von Menschen. Von… deinem Vater. Von Umständen.“ Der Vater zuckte zusammen bei dem Wort „verbrannt“, sagte aber nichts. Scham lag schwer in der Luft. Der Spieler legte eine Hand auf Lukas’ Unterarm. „Vielleicht,“ sagte er leise, „könnten wir versuchen, das umzudrehen.“ „Wie?“ fragte Lukas. „Nicht ‚Rollstühle sind verflucht‘,“ antwortete der Spieler, „sondern: ‚Ich bin so zäh, dass selbst ein Rollstuhl mein Leben nicht leicht mitmacht.‘“ Lukas schnaubte, musste aber dann kurz grinsen. „Das ist die komischste Art zu sagen, dass ich kämpfe, die ich je gehört hab,“ murmelte er. „Aber… irgendwie auch eine gute.“ Erste kleine Planung – trotz allem weiterdenken „Was machen wir jetzt?“ fragte Lukas. „Jetzt frühstücken wir erst mal,“ sagte die Mutter. „Haferbrei wird kalt, wenn du weiter philosophierst.“ Sie aßen eine Weile schweigend. Dann begann der Vater vorsichtig: „Ich kann… also… wir können trotzdem schon mal schauen,“ sagte er, „ob es hier in der Umgebung andere Angebote gibt. Nur als Backup. Nicht, um ihm in den Rücken zu fallen, sondern… falls es bei ihm sehr lange dauert.“ Lukas nickte langsam.
„Ich will ihn nicht drängen,“ sagte er. „Wenn er schwer krank ist, brauchen wir nicht nach einer Woche schreien: ‚Wo bleibt der Rollstuhl?‘ Aber… ich will auch nicht wieder komplett ohne alles dastehen, wenn es mir körperlich schlecht geht.“ „Dann machen wir beides,“ sagte die Mutter. „Wir respektieren seine Situation. Und wir schauen parallel, ohne Druck, ob es andere Wege gibt: Sanitätshäuser, gebrauchte Rollstühle, vielleicht sogar eine Möglichkeit über die Kasse. Auch wenn ich weiß, wie sehr ich die Kämpfe mit denen liebe…“ Sie rollte die Augen. „Also gut,“ meinte der Spieler. „Mission des Vormittags: kein Hochschulstress, kein Selbsthass. Höchstens ein bisschen Sucharbeit, mit Pausen.“ Innerer Zustand – ein neuer Platz im Mutbuch Später, als Lukas wieder in seinem Zimmer war, setzte er sich an den Schreibtisch, schlug das Mutbuch auf und schrieb: „Tag 10 – Morgen: Ich habe gehofft, dass diese Woche der neue Rollstuhl kommt. Jetzt habe ich erfahren, dass der Verkäufer schwer krank ist und im Krankenhaus liegt. Mein erster Gedanke war: ‚Natürlich. Wieder geht etwas schief, das mir wichtig ist.‘ Mein zweiter Gedanke war: ‚Der liegt gerade irgendwo, vielleicht mit Schmerzen, und macht sich Sorgen, dass er MIR etwas nicht liefern kann.‘ Ich habe ihm geantwortet, dass seine Gesundheit wichtiger ist. Und dass ich warte, wenn es geht.“ Er hielt kurz inne und setzte dann darunter: „Es fühlt sich an, als würden Rollstühle in meinem Leben ein eigenes Kapitel von Schmerz haben: angezündet, verschoben, krankheitsbedingt verzögert. Aber vielleicht ist die Wahrheit eher: Ich bin jemand, der es trotz all dem immer wieder versucht, sich ein Stück Freiheit zurückzuholen.“ Er strich einmal mit der Hand über die Seite, als wollte er den Satz fixieren. Draußen ging der Tag weiter – Busse fuhren, Leute gingen zur Arbeit, zur Hochschule, in die Stadt. Der Cousin plante vermutlich weiter im Hintergrund seine Rache. Aber an diesem Morgen des zehnten Tages drehte sich für den jungen Mann alles um etwas anderes: • um einen kleinen Rollstuhl auf einem Kleinanzeigenbild, • um einen unbekannten Mann im Krankenhaus, • um die Frage, wie viel Pech ein Mensch mit Hilfsmitteln haben kann – • und um die Entscheidung, trotzdem nicht aufzuhören, nach Lösungen zu suchen. Der Angriff auf sein Leben kam an vielen Fronten: Hochschule, Familie, alte Damen, dunkle Pläne. Doch an diesem Vormittag blieb er in einem Punkt ganz klar: „Ich verdiene es, mich fortzubewegen – mit oder ohne Rollstuhl, aber nicht mehr nur mit verbrannten Resten von dem, was mir mal zustand.“ Der zehnte Tag blieb kein „nur im Kreis denken über Rollstühle“-Tag. Er bekam plötzlich eine neue Richtung. Früher Nachmittag – ein Blick aufs Handy, der alles ändert Es war kurz nach eins, als Lukas wieder im Wohnzimmer saß. Die Mutter machte irgendetwas am Laptop, der Fernseher lief stumm im Hintergrund, der Spieler hatte sich mit einem Buch in den Sessel verzogen – halb lesen, halb wachen.
Lukas hatte sein Handy neben sich liegen, mehr aus Reflex als aus Interesse. Er hatte keine Lust auf Hochschulgruppe, keine Lust auf Familienchats, keine Lust auf Nachrichten vom Cousin, die er zum Glück sowieso blockiert hatte. Da vibrierte das Handy plötzlich. Eine neue Mail. Betreff: „Terminvereinbarung – Autismustherapie / Unterstützung“ Sein Herz machte einen kleinen Sprung, so, wie wenn man in einem Spiel plötzlich ein neues Level freischaltet. „Oh,“ entfuhr es ihm. „Oh gut oder oh schlecht?“ fragte der Spieler, ohne von seinem Buch aufzusehen. „Weiß ich noch nicht,“ murmelte Lukas und öffnete die Mail. Die Mail – Struktur im Chaos In der Mail stand: „Sehr geehrter Herr …, vielen Dank für Ihre Geduld und das letzte Gespräch. Wir möchten Ihnen zwei neue Termine anbieten: 1. Einen Termin in der Autismustherapie zur weiteren Stabilisierung und Besprechung der aktuellen Belastungssituation, 2. Einen gemeinsamen Termin mit unserer Autismus-Fachberatung und – wenn Sie möchten – der Behindertenbeauftragten der Hochschule, um über mögliche Nachteilsausgleiche, Schutzmaßnahmen und den Umgang mit den aktuellen Vorfällen zu sprechen. Für die Autismustherapie könnten wir Ihnen folgenden Termin anbieten: Dienstag, 02.12., 10:00 Uhr Für das Unterstützungsgespräch mit Beratung / Behindertenbeauftragter: Donnerstag, 04.12., 13:30 Uhr (online möglich oder vor Ort). Bitte geben Sie uns kurz Bescheid, ob diese Termine für Sie passend sind. Mit freundlichen Grüßen …“ Lukas las den Text erst einmal nur mechanisch. Dann las er ihn noch einmal – diesmal mit dem Teil von ihm, der auf Sicherheit achtete. • Ein fester Termin für die Therapie. • Ein eigener Termin nur dafür, wie man ihn und seine Situation an der Hochschule schützen kann. • Kein „mal nebenbei in der Sprechstunde“, sondern extra für ihn. „Das sind… zwei Termine,“ sagte er langsam. „Zwei mehr, als dir dein Cousin gönnen würde,“ kommentierte der Spieler trocken. Reaktion – zwischen Erleichterung und Druck Die Mutter kam ins Wohnzimmer, weil sie das kurze „Oh“ gehört hatte. „Was ist los?“ fragte sie. „Mail,“ sagte Lukas und reichte ihr das Handy. Sie las aufmerksam, nickte. „Das ist gut,“ sagte sie. „Sehr gut sogar.“ Er verzog das Gesicht. „Gut ja, aber… ich hab auch Angst,“ murmelte er. „Das sind Termine, wo ich wieder alles erzählen muss. Wieder Mathe, wieder Beutel, wieder Flur, wieder Cousin, wieder alte Damen, wieder Vater, wieder Rollstuhl, wieder alles.“
„Ja,“ sagte sie sanft, „aber diesmal erzählen wir es nicht, um nur gehört zu werden und dann mit einem ‚Das ist schwer‘ allein gelassen zu werden. Diesmal erzählen wir es, damit etwas passiert: Schutz, Nachteilsausgleich, klare Ansprechpartner.“ „Trotzdem,“ sagte Lukas leise, „fühlt es sich immer an, als würde ich meine Seele auseinanderschrauben und auf den Tisch legen.“ Der Spieler klappte sein Buch zu. „Ich wär überrascht, wenn es sich nicht so anfühlen würde,“ meinte er. „Jedes Mal, wenn du irgendwo deine Geschichte erzählen musst, ist das wie ein Bosskampf, kein Tutorial.“ Lukas musste kurz lachen, obwohl ihm eigentlich nicht danach war. „Und ich dachte immer,“ murmelte er, „ich wäre nur in FIFA gut und nicht im Bosskampf real life.“ Termin zusagen – ein kleiner Klick mit großer Wirkung „Willst du die Termine annehmen?“ fragte die Mutter. „Ja,“ sagte Lukas, schneller als er erwartet hatte. „Wenn ich noch lange warte, bringt mich die Hochschule komplett um. Und ich will nicht wieder an den Punkt, wo ich denke, ich müsste jetzt alles abbrechen, weil es zu schwer wird.“ Also setzten sie sich zusammen an den Esstisch. Die Mutter öffnete ihr Mailprogramm, aber Lukas setzte sich daneben, legte seine Finger auf die Tastatur. „Ich will es selbst schreiben,“ sagte er. „Mit dir im Rücken.“ „So machen wir das,“ nickte sie. Er schrieb: „Sehr geehrte Frau …, vielen Dank für Ihre Nachricht und die Terminvorschläge. Die vorgeschlagenen Termine passen für mich gut: – Autismustherapie am Dienstag, 02.12., 10:00 Uhr, – Unterstützungsgespräch mit Fachberatung / Behindertenbeauftragter am Donnerstag, 04.12., 13:30 Uhr (ich würde den Termin gerne vor Ort wahrnehmen, wenn möglich). Ich bin sehr dankbar, dass Sie sich Zeit nehmen, um meine aktuelle Situation an der Hochschule zu besprechen und nach Lösungen zu suchen. Mit freundlichen Grüßen Lukas …“ Er zeigte es der Mutter, sie nickte. „Sehr gut,“ sagte sie. „Nicht devot, nicht aggressiv. Klar und dankbar.“ Er schickte die Mail ab. Der Klick auf „Senden“ war klein, aber in ihm fühlte es sich an, als hätte er eine große Tür wieder ein Stück weiter aufgestoßen. Mittag – Pläne schmieden, aber nicht übertreiben Beim Mittagessen – wieder etwas Einfaches, Reis mit Gemüse und ein bisschen Soße – sprachen sie über die beiden Termine. „Wir sollten eine Art Liste machen,“ sagte die Mutter, „was du bei welchem Termin ansprechen willst. Damit du nicht mittendrin den Faden verlierst oder die Hälfte vergisst.“ „Sehr gutes Konzept,“ meinte der Spieler. „Bosskampf ernst nehmen heißt: vorher Skills sortieren.“ „Für die Autismustherapie,“ überlegte Lukas, „geht es um… mich. Wie es mir geht. Was die letzten Tage mit mir gemacht haben. Wie nah ich an ‚alles hinschmeißen‘ war.“ „Und auch um Strategien,“ ergänzte die Mutter. „Wie du deine Ressourcen besser einteilen kannst. Wann Ruhetage wichtig sind. Wie du Grenzen setzen kannst, ohne gleich alles zu verlieren.“
„Und für den Unterstützungstermin,“ sagte Lukas, „geht es um… Mathe, Rechnungswesen, Sitzecke, Bein stellen, Urinaktion, Gerüchte, Cousin im Hintergrund…“ Er erschrak fast über die Länge der Liste, die ihm mühelos aus dem Mund fiel. „Und um Nachteilsausgleich,“ fügte der Spieler hinzu. „Was du brauchst: z.B. klar definierte Pausen, Rückzugsmöglichkeiten, eine offizielle Notiz im System, dass Lehrkräfte drauf hingewiesen werden, was geht und was nicht.“ „Und darum, dass die Hochschule nicht nur sagt: ‚Ja, schwierig‘,“ sagte die Mutter, „sondern verbindlich festlegt, der junge Mann hat das Recht auf Schutz. Nicht, weil er ‚heikel‘ ist, sondern weil er Autist ist und bestimmte Dinge ihn traumatisieren.“ Nachmittag – ein kleiner „Vorbereitungsraum“ Am Nachmittag setzten sich der junge Mann und der Spieler in Lukas’ Zimmer, Mutbuch und ein zusätzliches Notizheft vor sich. „Wir machen keinen Stress draus,“ sagte der Spieler. „Wir sammeln nur. Kein Perfektionszwang.“ Sie teilten das Blatt in zwei Spalten: • linke Seite: Therapie • rechte Seite: Unterstützung / Hochschule Unter „Therapie“ schrieb Lukas, mit dem Stift zwischen leicht zitternden Fingern: • Mathe-Vorkurs, Beutelaktion • Sitzecke / dritte Etage, Beleidigungen • Bein stellen / Flur / Rechtsberatung • Gefühl: ständig Objekt, nie nur Student • Panik, Schlafprobleme, Flashbacks • Cousin / ersatzOma / WhatsApp-Nachricht • Angst: „Ich bin zu schwach für Studium“ • Wut und Scham gleichzeitig • Rollstuhl – verbrannt, neuer verzögert • Druck, alles nicht „schlimm genug“ nennen zu dürfen Unter „Unterstützung / Hochschule“ schrieb er: • offizielle Beschwerde zu Mathe-Vorkurs (Beutelaktion) • Gespräch über Verhalten von Kommilitonen (Beleidigungen, Lachen, Nachäffen) • Flur-Vorfall (Beinstellen) als Gewalt benennen • klare Regeln: was Lehrende / Mitstudierende NICHT dürfen • Rückzugsmöglichkeiten in Gebäuden (ruhige Räume) • Nachteilsausgleich: mehr Zeit, Pausen, alternative Prüfungsformen • Info an Profs: Autismus, Traumafolgen • Ansprechpartner für Notfälle (wenn Eskalation droht) • Klare Dokumentation – nicht nur „wir haben drüber gesprochen“ Lukas sah auf die beiden Spalten und musste schlucken. „Das ist… viel,“ flüsterte er. „Du bist viel,“ sagte der Spieler ruhig. „Du bist ein ganzes System, nicht nur eine Matrikelnummer.“ Kurze Pause – nicht nur Probleme Irgendwann sagte die Mutter durch die Tür: „Pause! Kein Krise-Meeting länger als eine Schulstunde!“ Lukas musste Sie machten tatsächlich fünf Minuten nichts: • kein Mutbuch, • kein Gerede über Hochschule,
• nur kurz Dehnen, Wasser, einmal tief atmen. Danach kehrten sie zurück, aber in einem weicheren Modus. „Wir müssen jetzt nicht alles perfekt fertig machen,“ sagte die Mutter, als sie sich dazu setzte. „Es reicht, wenn du das Gefühl hast: Ich geh nicht ganz unvorbereitet in diese Termine.“ Lukas nickte. „Zum ersten Mal,“ sagte er leise, „fühlt es sich ein bisschen so an, als würde nicht nur ich zu den Terminen gehen – sondern wir als Team.“ „Weil es so ist,“ antwortete der Spieler. „Du bist die Hauptfigur. Aber jede Hauptfigur hat Begleiter.“
Später Nachmittag – ein kurzer Moment Normalität Gegen späten Nachmittag tat die Mutter etwas, das fast banal wirkte, aber wichtig war. „Wir müssen noch einkaufen,“ sagte sie. „Habt ihr Lust, mitzukommen oder bleibt ihr hier?“ Früher hätte Lukas reflexartig „hier“ gesagt – zu viele Menschen, zu viel Licht, zu viel Lautstärke. Heute dachte er kurz nach. „Wo?“ fragte er. „Nur der Supermarkt hier um die Ecke,“ sagte sie. „Kein Riesen-Center. Wir kaufen nur ein paar Sachen.“ „Ich komm mit,“ sagte er dann. „Nicht, weil ich einkaufen liebe, sondern weil ich das Gefühl brauche, dass ich noch in eine normale Umgebung gehen kann, ohne dass immer gleich die Hölle losbricht.“ Sie gingen zu dritt – Mutter, Lukas, Spieler. Im Supermarkt war es überschaubar voll. Ein paar Leute mit Einkaufswagen, Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern, Angebote mit Lebkuchen und Schokolade. Lukas merkte: Sein Körper war immer noch schnell im Alarm, aber heute gab es keinen Anlass. Niemand starrte ihn an. Niemand machte dumme Sprüche. Niemand legte ihm ein Bein. Sie kauften Brot, Milch, Obst, ein paar Sachen für die nächsten Tage – und, auf Wunsch von Lukas, noch eine kleine Tafel Schokolade. „Das ist meine Belohnung für das heutige Termin-Level,“ erklärte er. Abend – ein ruhiger, aber bedeutender Abschluss Am Abend saßen sie beim Essen – nichts Besonderes, aber warm: Kartoffeln, Gemüse, ein bisschen Fisch. „Wie fühlst du dich jetzt, am Ende vom Tag?“ fragte der Spieler, als sie später im Zimmer saßen. Lukas sah zum Fenster, in dem sich die Lichter der Häuser gegenüber spiegelten. „Wie jemand,“ sagte er langsam, „der immer noch mitten im Sturm steht. Aber… der einen Wetterbericht bekommen hat.“ „In welchem Sinne?“ fragte Erling. „Ich weiß jetzt, dass es Termine gibt,“ sagte Lukas. „Konkrete Tage, an denen ich nicht nur überlebe, sondern offiziell um Unterstützung bitte – und sie auch bekomme. Das nimmt nicht die Angst weg, aber… es gibt meinem Chaos einen Rahmen.“ Er setzte sich an den Schreibtisch, schlug das Mutbuch noch einmal auf und schrieb: „Tag 10 – Rest des Tages: Heute habe ich zwei Termine bekommen: – einen für die Autismustherapie
– einen für Unterstützung und Nachteilsausgleich an der Hochschule. Es fühlt sich an, als würde jemand sagen: ‚Wir sehen, dass das zu viel ist. Wir planen Zeit ein, um dir zu helfen.‘ Ich habe eine Liste gemacht: Was mich belastet. Was ich brauche. Zum ersten Mal seit langem habe ich nicht nur Angst vor den nächsten Tagen, sondern auch einen kleinen Plan, wie ich nicht untergehe.“ Darunter schrieb er – fast wie ein Versprechen an sich selbst: „Ich werde nicht allein in diesen Räumen sitzen. Ich nehme meine Worte, meine Mutter, den Spieler, meine Therapeutin, mein Mutbuch mit – auch wenn sie nicht alle physisch da sind. Und vielleicht wird die Hochschule lernen müssen, dass mein Autismus kein Problem ist, das man wegmobbt, sondern eine Realität, mit der sie umgehen muss.“ Er legte den Stift weg, machte das Licht aus. Draußen hing die Kälte über der Stadt, drinnen zogen sich seine Muskeln langsam nicht mehr ganz so krampfhaft zusammen. Der zehnte Tag war kein spektakulärer Tag mit Explosionen, Ultimaten oder Gerichtssälen gewesen – aber er hatte etwas gebracht, was manchmal wichtiger ist als Drama: Termine. Strukturen. Ein bisschen das Gefühl: Da passiert bald etwas auf meiner Seite. Und das war in dieser Phase seines Lebens fast so wertvoll wie jede Rettung in letzter Sekunde. Der nächste Morgen begann eigentlich ganz normal – zumindest für ein paar Minuten. Morgen – Hoffnung auf „nur online“ Es war der Tag nach den Terminzusagen. Lukas wachte auf, und zum ersten Mal seit ein paar Tagen war sein erster Gedanke nicht: „Wie überlebe ich die Hochschule heute?“, sondern: „Vielleicht kann ich heute einfach nur von zuhause aus etwas für die Hochschule machen. Ohne Hörsaal. Ohne Flur. Ohne Leute.“ Er setzte sich im Bett auf, streckte sich und griff nach seinem Laptop auf dem kleinen Tisch neben dem Bett. Die Hochschule hatte in den letzten Tagen zwar mit dem Cyberangriff zu kämpfen gehabt, aber es hieß in irgendeiner Mail: „Lernplattform soll bald wieder schrittweise funktionieren.“ „Wenn ich mich heute nur in die Lernplattform einlogge,“ dachte er, „kann ich wenigstens: • nachschauen, ob es neue Aufgaben in Mathe/Englisch/Rechnungswesen gibt, • sehen, ob irgendwas zu den Prüfungen geschrieben wurde, • und ich hab das Gefühl, ich tue was – ohne dass mich jemand anstarrt.“ Er stand auf, zog sich Jogginghose und Hoodie an, ging kurz ins Bad, wusch sich das Gesicht. Als er in sein Zimmer zurückkam, fühlte es sich fast an wie ein „normaler Studentenmorgen“: Laptop auf dem Schreibtisch, Fenster angekippt, leichter Morgenlärm von draußen. Anmeldung – fast wie früher
Er setzte sich an den Schreibtisch, klappte den Laptop auf. Der vertraute Start-Sound, das kurze Hochfahren, die Icons auf dem Desktop. „Okay,“ murmelte er. „Kein Flur. Kein Dozent. Nur du und die Plattform.“ Er öffnete den Browser, gab automatisch die Adresse ein: lernplattform.hochschule… Schon beim Laden der Seite spürte er leichte Nervosität – nicht wegen Technik, sondern wegen allem, was mit „Hochschule“ zusammenhing. Aber er redete sich zu: Es ist nur ein Login. Kein Beutel, kein Gelächter. Die Login-Seite erschien. Benutzername, Passwort. Seine Finger schwebten über der Tastatur. In dem Moment vibrierte sein Handy auf dem Tisch. „Wahrscheinlich wieder irgendein Spam,“ murmelte er, wollte es ignorieren – aber das Vibrieren hörte nicht auf: Brrr… Brrr… Brrr… „Okay, okay,“ seufzte er, griff nach dem Handy. Es war die Studiengruppe. Mehrere Nachrichten hintereinander. Eine davon in Großbuchstaben. Die Nachricht – Warnung vor dem nächsten Schlag Er tippte auf den Chat. Oben stand: „WICHTIG: Bitte ALLE LESEN!!!“ Darunter mehrere Nachrichten von derselben Person – einem Kommilitonen, der sonst eher für dumme Sprüche als für Panik bekannt war. Jetzt klang er alles andere als locker. „Gerade Info von IT bekommen:“ „Lernplattform ist noch voll im Eimer.“ „Anscheinend werden aktuell Verbindungen von PRIVATEN Laptops übernommen/hintertüren geöffnet, wenn man sich einloggt!!!“ „IT meint: AUF KEINEN FALL von Zuhause mit privaten Geräten auf die Plattform gehen, solange der Angriff nicht bereinigt ist.“ „Nur sichere Hochschul-PCs später, wenn freigegeben – aber aktuell NICHT anmelden!!!“ Direkt danach: „Screenshot von Mail der IT folgt“ Und tatsächlich – ein paar Sekunden später schickte jemand einen Screenshot einer Rundmail: „…wir möchten eindringlich davor warnen, sich mit privaten Endgeräten in die HochschulLernplattform und bestimmte Dienste einzuloggen. Es besteht aktuell die Gefahr, dass Schadsoftware bei Verbindungen auf private Laptops übergreift. Bitte melden Sie sich bis auf weiteres nur NICHT an, bis wir Entwarnung geben.“ Lukas spürte, wie ihm heiß und gleichzeitig kalt wurde. Sein Blick wanderte vom Handy zum Laptop – auf dem gerade die Login-Maske wartete, sein Benutzername bereits im Tipp-Feld. Es war, als hätte man ihm in letzter Sekunde die Hand weggezogen, bevor sie auf eine heiße Herdplatte schlägt. Der Moment dazwischen – knapp am Abgrund vorbei „What the…“, flüsterte er.
Er hatte noch nicht auf „Login“ geklickt. Sein Passwort war noch nicht eingetippt. Aber die Vorstellung, wie knapp das vielleicht gewesen war, schoss ihm durch Mark und Bein. Stell dir vor, dachte er, ich logge mich ein – und dann zieht irgendein Angriff meinen Laptop mit rein. Meine ganzen Daten, meine Dateien, mein Mutbuch-Foto-Sicherungen, Bewerbungsunterlagen, alles… Dieser Laptop war für ihn nicht einfach nur ein Gerät. Es war: • sein Zugang zur Welt, wenn er die Hochschule nicht ertrug, • seine Verbindung zu Spielen, Musik, Ablenkung, • Speicher für Mails, Texte, kleine Notizen, digitale Sicherheitsanker. „Wenn die mir den auch noch nehmen,“ dachte ein verzweifelter Teil in ihm, „dann…“ Er legte schnell die Hände weg von der Tastatur, als wäre sie plötzlich tatsächlich heiß. In der Küche – „IT-Angriff 2.0“ Er stand auf, fast automatisch, und ging mit dem Handy in der Hand in die Küche. Die Mutter war gerade dabei, Kaffee zu machen, der Vater blätterte wieder in der Zeitung. „Mama,“ sagte Lukas, ohne Begrüßung, „die Lernplattform… ich wollte mich gerade einloggen… da schreiben sie…“ „Langsam,“ sagte sie. „Setz dich.“ Er setzte sich, legte Handy und Laptop auf den Tisch, als wollte er sie der Familie „zeigen“. „Sie sagen,“ brachte er hervor, „dass man sich nicht anmelden darf. Weil sonst der Laptop gehackt wird. IT hat’s angeblich bestätigt. Es gibt eine Mail.“ Die Mutter zog das Handy zu sich, las die Nachrichten im Chat, dann den Screenshot. „‘Gefahr, dass Schadsoftware auf private Endgeräte überspringt‘,“ las sie leise vor. „‚Bitte bis auf weiteres NICHT anmelden.‘ Na super.“ Der Vater legte die Zeitung zur Seite. „Das ist jetzt aber ein anderes Level,“ sagte er. „Vorher war ‚nur‘ deren IT lahmgelegt – jetzt… können uns ihre Probleme bis nach Hause verfolgen.“ Lukas’ Finger trommelten nervös auf dem Tisch. „Ich wollte gerade mal was Produktives tun,“ murmelte er. „Nur Login, gucken, was ansteht. Jetzt hab ich das Gefühl, selbst hier zuhause ist nichts mehr sicher, was mit dieser Hochschule zu tun hat.“ Angst ums Gerät – mehr als nur Technik „Was macht dir am meisten Angst dabei?“ fragte die Mutter ruhig. Lukas dachte nach. Es war nicht nur die abstrakte Idee von „Hackerangriff“. „Erstens,“ sagte er, „ich hab richtig Angst, dass der Laptop kaputtgeht oder gehackt wird. Dann hab ich: • keine Möglichkeit mehr, Mails zu schreiben, • keine Möglichkeit, online was für die Uni zu machen, • keine Ablenkung.“ „Zweitens: Es fühlt sich an, als würde dieser Hochschul-Stress jetzt sogar in mein Zimmer kriechen. Nicht nur in meinen Kopf, sondern in meine Geräte. Als gäbe es keinen Ort mehr, an dem sie nicht irgendwas kaputt machen können.“ „Drittens: Es macht mir auch Angst, dass wieder der gleiche Satz kommt wie immer: ‚Wir sind selbst Opfer des Angriffs‘. Und keiner sieht, dass wir Studierende die sind, die trotzdem
weiter funktionieren sollen – aber jetzt nicht mal mehr sicher wissen, ob unser Laptop sicher ist.“ Der Vater nickte. „Ich kann das verstehen,“ sagte er. „Du hast recht: Es ist doppelt unfair. Sie kriegen den Angriff nicht in den Griff – und du sollst gleichzeitig weiterstudieren, aber ohne die Tools, die du brauchst.“ Entscheidungsfindung – was tun? „Also,“ sagte die Mutter, „erstmal: Wir folgen dieser Warnung. Kein Login. Keine Lernplattform. Nicht vom Laptop, nicht vom Handy.“ Lukas nickte sofort. „Ja,“ sagte er. „Ich tippe da heute nichts ein. Nicht mal aus Versehen.“ „Zweitens,“ fuhr sie fort, „wir machen eine eigene kleine Sicherheitsrunde.“ Sie stand auf, holte einen Zettel und schrieb auf: • Passwortmanager checken • wichtige Dateien zusätzlich auf externer Festplatte sichern • automatische Verbindung zu Hochschul-WLAN / -VPN aus • Updatestatus von Virenschutz prüfen „Wir machen kein Drama draus,“ sagte sie, „aber wir tun, was wir tun können.“ Lukas atmete etwas ruhiger. „Und drittens,“ ergänzte der Vater, „die Hochschule muss das offiziell klarer machen. So eine lapidare Mail reicht nicht. Die sollten ganz deutlich sagen, dass niemand Nachteile hat, wenn er sich jetzt nicht einloggt. Sonst entsteht wieder Druck.“ „Jep,“ murmelte Lukas. „Sonst heißt es bald: ‚Warum haben Sie die Aufgaben nicht gemacht? Die standen doch auf der Plattform.‘“ Nachricht an die Hochschule – Grenzen klar machen „Vielleicht,“ sagte der Spieler, der sich inzwischen auch in die Küche gesetzt hatte, „ist das ein guter Moment für eine Mail. Nicht nur zu sagen: ‚Ich habe Angst um meinen Laptop‘, sondern auch: ‚Ich logge mich NICHT ein, und das ist angesichts Ihrer eigenen Warnung auch richtig so‘.“ Lukas dachte kurz nach. „Also sowas wie: ‚Ich werde mich erst wieder anmelden, wenn Sie offiziell Entwarnung geben.‘“ „Genau,“ sagte die Mutter. „Und: ‚Ich erwarte, dass mir daraus keine Nachteile entstehen.‘“ Sie setzten sich wieder gemeinsam an den Esstisch, diesmal mit dem Laptop offen – aber nicht auf der Lernplattform, sondern im Mailprogramm. Lukas schrieb: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe heute Morgen die Information erhalten (u.a. über Screenshot einer Rundmail), dass aufgrund des Cyberangriffs aktuell davon abgeraten wird, sich mit privaten Endgeräten in die Lernplattform und bestimmte Hochschuldienste einzuloggen, da die Gefahr besteht, dass Schadsoftware auf private Geräte übergreift. Da mein privater Laptop für mich sowohl für das Studium als auch für den Alltag (Kommunikation, Organisation, Lernunterlagen) essentiell ist, werde ich dieser Empfehlung folgen und mich bis zu einer offiziellen Entwarnung nicht in die betroffenen Dienste einloggen. Ich möchte höflich darum bitten, dass Studierende durch diese Situation keine Nachteile erleiden (z.B. durch verpasste Unterlagen oder Aufgaben, die ausschließlich über die Lernplattform bereitgestellt werden).
Gerade für mich als Autist, der schon durch die aktuellen Vorfälle an der Hochschule stark belastet ist, wäre es eine zusätzliche Überforderung, jetzt auch noch das Risiko eines gehackten privaten Geräts tragen zu müssen. Ich danke Ihnen für eine kurze Rückmeldung, wie in dieser Situation verfahren werden soll. Mit freundlichen Grüßen Lukas …“ Er las es vor. Der Spieler nickte. „Sehr klar,“ sagte er. „Du machst transparent, warum du dich nicht einloggst – und schiebst die Verantwortung dahin, wo sie hingehört.“ Die Mutter ergänzte: „Und du erwähnst deinen Autismus, ohne dich zu entschuldigen. Das ist wichtig.“ Lukas schickte die Mail ab. Laptop-Schutz – ein kleiner Kontrollgewinn Den Rest des Vormittags verbrachten sie damit, das zu tun, was in ihrer Macht stand: • der Vater half, eine externe Festplatte anzuschließen, • sie kopierten wichtige Dokumente: Scans von Bescheinigungen, Schreiben für die Hochschule, Bewerbungsunterlagen, teilweise sogar eingesacannte Mutbuch-Seiten (die Lukas selbst ausgewählt hatte), • sie schauten kurz die Einstellungen vom Virenprogramm durch, machten ein Update, sorgten dafür, dass sich der Laptop nicht automatisch mit irgendeinem alten Hochschul-WLAN verband. „Ich weiß,“ sagte Lukas, als eine Fortschrittsanzeige lief, „das ist alles keine Garantie. Aber… es fühlt sich besser an, irgendwas zu tun, statt nur zu sitzen und zu hoffen, dass niemand in meinen Laptop kriecht.“ „Genau,“ sagte der Spieler. „Sicherheit ist nie 100%, aber du darfst zumindest das Gefühl haben, dass du nicht einfach wehrlos bist.“ Innere Lage – wieder ein Eintrag im Mutbuch Als die Sicherungen durchgelaufen waren und der Laptop fürs Erste wieder zugeklappt auf dem Schreibtisch stand, nahm Lukas das Mutbuch. Er setzte sich ans Fenster, die Winterhelle fiel schräg ins Zimmer, und schrieb: „Tag 11 – Morgen: Ich wollte heute einfach nur etwas Normalstudentisches machen: – Laptop aufklappen – Lernplattform öffnen – gucken, was ansteht. Genau in dem Moment kamen Nachrichten: ‚Meldet euch NICHT an. Gefahr, dass eure Laptops gehackt werden.‘ Erst war da Panik: – schon wieder etwas, das mir den Boden wegzieht. – schon wieder die Hochschule, die in mein Zuhause hineinreicht. Dann war da auch Klarheit: – Ich logge mich NICHT ein. – Ich schütze meinen Laptop, so wie ich versuche, mich selbst zu schützen.“ Er fügte noch hinzu: „Es macht mir Angst, dass nicht nur mein Körper und meine Psyche Angriffspunkte sind, sondern jetzt auch meine Geräte. Aber ich habe heute gemerkt: Ich kann Entscheidungen treffen.
Ich kann schreiben: ‚Nein, ich mach da nicht mit, solange es nicht sicher ist.‘ Und das ist mehr Macht, als ich früher jemals gespürt habe.“ Er legte den Stift weg, strich kurz über die Seite. Draußen ging der Tag weiter, die Hochschule kämpfte irgendwo mit ihrem IT-System, wahrscheinlich fluchten Administratoren vor Bildschirmen, irgendjemand schrieb vielleicht schon die nächste Rundmail. Für den jungen Mann war dieser Morgen aber zu einem sehr speziellen Symbol geworden: Er war nur Sekunden davon entfernt gewesen, reflexhaft wieder „zu funktionieren“ und sich einzuloggen – und hatte im allerletzten Moment gelernt: Manchmal ist es die mutigste Handlung, NICHT auf „Login“ zu drücken. Der Tag, an dem Lukas fast seinen Laptop an den Cyberangriff verloren hätte, war noch nicht vorbei. Es war immer noch derselbe Tag – der Vormittag hatte mit der Warnung vor der Lernplattform begonnen, mit Backups, Mails an die Hochschule und der Entscheidung: „Ich logge mich nicht ein.“ Und jetzt war Mittag. Später Vormittag – ein Vorschlag, der normal klingt Sie saßen noch am Küchentisch, als die Mutter vorsichtig das Thema wechselte. „Also,“ sagte sie, „wir haben jetzt: • den Laptop halbwegs abgesichert, • eine Mail an die Hochschule rausgeschickt, • grob die Termine im Kopf.“ Sie sah erst Lukas an, dann den Spieler. „Ich hab vorhin im Radio gehört,“ fuhr sie fort, „dass am Hauptbahnhof der Winterzeitmarkt wieder geöffnet hat. Ein kleiner Weihnachtsmarkt direkt vor dem Bahnhof – kennst du den, Lukas?“ Er nickte zögerlich. „Ja,“ murmelte er. „Letztes Jahr bin ich mal kurz dran vorbeigelaufen. Mehr so im Durchrennen. Zu viele Leute, zu viele Züge, zu viele Geräusche.“ „Dieses Jahr,“ sagte die Mutter, „wollte ich eigentlich mit euch allen zusammen hin: dir, deinem Vater, dir,“ sie nickte zum Spieler. „Einmal schauen, ein bisschen was Warmes trinken, vielleicht eine Kleinigkeit essen – und dann wieder zurück. Kein großes Programm.“ Lukas’ Bauch zog sich reflexartig zusammen – Bahnhof + Markt war für ihn doppelter Stress. Aber ein anderer Teil in ihm wusste: Wenn er sich nur noch einschließt, weil draußen etwas passieren könnte, dann gewinnt der ganze Mist endgültig. „Wie voll ist es da mittags?“ fragte er. „Eher moderat,“ meinte die Mutter. „Abends ist es schlimmer. Mittags hast du mehr Luft.“ Der Spieler sah ihn an. „Panikskala, wenn du nur daran denkst?“ fragte er ruhig. Lukas überlegte. „So… 5 von 10,“ sagte er ehrlich. „Nicht super, aber auch nicht sofort 9.“ „Dann machen wir es wie immer,“ schlug der Spieler vor. „Wir gehen hin mit klaren Regeln: Du entscheidest, wie lange wir bleiben. Wenn es zu viel wird, gehen wir.“ Der Vater kam in dem Moment mit einer Kaffeetasse in der Hand in die Küche. „Hab ich was von ‚Winterzeitmarkt‘ gehört?“ fragte er.
„Ja,“ sagte die Mutter. „Ich dachte, wir könnten nachher alle zusammen hin. Ein bisschen Luft, ein bisschen Weihnachten, ohne Großaktion.“ Seine Augen hellten sich kurz auf. „Klingt gut,“ sagte er. „Vor allem nach all dem IT-Chaos.“ In Lukas regte sich kurz eine Warnlampe – Erinnerung: Vater + Feste + Alkohol = Risiko. Er innerte sich an das Oktoberfest, an Glaswürfe, an Ausraster. Doch mittags, am Hauptbahnhof, auf einem kleineren Markt, überzeugte sich ein Teil von ihm: „Vielleicht geht es diesmal gut. Es ist Tag, nicht Nacht. Wir sind zu viert. Und wenn es kippt, bin ich nicht allein.“ „Okay,“ sagte er leise. „Lass es uns probieren.“ Auf dem Weg – gemischte Gefühle Sie fuhren mit der Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof. Lukas saß am Fenster, der Spieler neben ihm, die Mutter und der Vater gegenüber. Draußen zogen graue Häuser vorbei, mit ein paar Lichterketten in Fenstern. Der Himmel war milchig, kein Regen, aber alles wirkte leicht ausgewaschen. „Wir gehen nur auf den Markt,“ sagte die Mutter leise. „Nicht in den Bahnhof rein, nicht ins Getümmel an den Gleisen. Nur draußen.“ Lukas nickte. „Ich mag Bahnhöfe,“ murmelte der Vater. „Die haben was… Offenes. Man könnte einfach einsteigen und wegfahren.“ „Eher was Lautes,“ murmelte Lukas. „Anzeigetafeln, Durchsagen, quietschende Züge, Menschen, die rennen…“ „Wir bleiben draußen,“ wiederholte der Spieler. Ankunft am Hauptbahnhof – Winterzeitmarkt zwischen Gleisen und Straßen Am Hauptbahnhof angekommen, stiegen sie aus. Schon beim Rausgehen sah Lukas den kleinen Winterzeitmarkt: ein paar Buden, ein Lichtbogen, ein paar Tannenbäume in Holzkästen, Lichterketten, ein Stand mit Bratwürsten, einer mit Waffeln, einer mit Glühwein, einer mit Schmuck und Kerzen. Züge rauschten im Hintergrund, Durchsagen ertönten über Lautsprecher, Menschen mit Koffern eilten an ihnen vorbei. Es war nicht so eng wie auf dem großen Weihnachtsmarkt in der Innenstadt – aber der Lärm war anders: mehr metallisch, mehr durchmischt mit Bahnhofslärm. Lukas blieb kurz stehen, spürte, wie sein Körper anspannte. „Skala?“ fragte der Spieler leise. „4–5,“ antwortete Lukas. „Aber aushaltbar. Solange niemand schreit, schiebt oder rumgrölt.“ Der Vater sah zu den Buden. „Los,“ sagte er. „Erstmal gucken. Dann was trinken, dann vielleicht eine Wurst.“ Anfang – alles wirkt kontrollierbar Sie gingen langsam an den Buden entlang. • Die Mutter blieb bei selbstgemachten Kerzen stehen. • Lukas fixierte den Waffelstand – Waffeln bedeuteten süßer Teiggeruch statt Alkohol. • Der Spieler ließ den Blick aufmerksam über die Menge schweifen – nicht paranoid, aber wach.
• Der Vater hatte den Glühweinstand im Blick wie ein Navi-Ziel. „Wollen wir zuerst was essen oder was trinken?“ fragte die Mutter. „Kakao,“ sagte Lukas sofort. „Wenn es den gibt.“ Am Getränkestand gab es tatsächlich: • Glühwein, • Kinderpunsch, • Kakao, • Tee. „Ein Kakao für mich,“ sagte Lukas. „Kinderpunsch für mich,“ sagte die Mutter. „Ich nehme einen Glühwein,“ sagte der Vater. „Ist ja schließlich Winterzeitmarkt.“ Der Spieler überlegte kurz. „Ich nehme auch einen Kinderpunsch,“ meinte er. „Jemand muss ja bei klarem Kopf bleiben.“ Sie stellten sich an einen der Stehtische am Rand, nicht mitten im Strom. „Auf dass unser Tag heute nicht komplett im Chaos endet,“ sagte die Mutter und hob ihren Becher. „Auf IT-freie Zonen,“ ergänzte der Spieler. „Auf… Kakao ohne Drama,“ murmelte Lukas. Der Vater prostete einfach allen zu. Er nahm einen großen Schluck. Noch einen. Der verfrorene Ausdruck in seinem Gesicht schmolz kurz.
Kleine Lücke, großer Aufprall – der zweite Glühwein Am Anfang war alles ruhig. Sie tranken, redeten über harmlose Themen: • ein Witz aus einer alten Fernsehsendung, • das seltsame Design einer Bahnhofsuhr, • die Tatsache, dass irgendwo jemand lauthals „Last Christmas“ schief mitsang. „Geht eigentlich,“ dachte Lukas. „Bahnhof plus Markt plus Familie – und ich drehe nicht völlig durch.“ Der Vater stellte den leeren Becher ab. „Ich hol mir noch einen,“ sagte er. Die Mutter sah kurz skeptisch. „Du weißt, dass wir nicht ewig bleiben,“ meinte sie. „Wir wollen nachher noch in Ruhe nach Hause.“ „Nur einen zweiten,“ winkte er ab. „Es ist kalt.“ Lukas’ Bauch meldete sich. Zweiter Glühwein. Mittags. Bahnhof. Ein Flash von Erinnerung: • das Oktoberfest, • die Gläser, • der Wurf in Richtung Kellner, • die Polizei, • die Scham danach. Er sah den Spieler an. Erling hatte denselben Ausdruck – wachsam. „Zwei sind noch… okay,“ sagte Lukas in sich. „Solange es nicht mehr wird.“ Der Vater kam mit dem zweiten Glühwein zurück, nahm wieder großzügige Schlucke. Seine Stimme wurde lauter, seine Gesten breiter.
Eine Bemerkung zu viel Neben ihnen war ein anderer Tisch, an dem zwei Männer mittleren Alters standen und eine Frau, alle mit Bechern in der Hand, Bahn-Trolleys neben sich. Einer von ihnen lachte laut über irgendeine Geschichte, stieß dabei aus Versehen leicht gegen den Tisch von Lukas’ Familie. Der Kakao wackelte, aber nichts kippte um. „Sorry,“ sagte der Mann und hob entschuldigend die Hand. „Ein bisschen eng hier.“ „Kein Problem,“ sagte die Mutter freundlich. Der Vater dagegen verzog das Gesicht. „Guck doch, wo du hintrittst,“ knurrte er. Der Mann war zuerst irritiert, zog dann eine Augenbraue hoch. „Hab mich doch entschuldigt,“ sagte er ruhig. „Ja, ja, schon gut,“ meinte der zweite Mann, wollte die Situation abmildern. „Ist Weihnachtsmarkt, bisschen Gedränge gehört dazu.“ Der Vater nahm einen tiefen Schluck Glühwein. „Immer diese Leute, die denken, sie wären hier allein,“ murmelte er, laut genug, dass es die Nachbarn hören konnten. Die Mutter legte ihm eine Hand auf den Arm. „Lass gut sein,“ sagte sie leise. Doch die Mischung aus Alkohol, Bahnhof, unterschwelliger Grundaggression, die er seit Wochen in sich trug, war stärker als ihr Versuch, ihn zu bremsen. Eskalation in Sekunden Ein paar Minuten später passierte es. Diesmal war es kein Rempler, sondern eine Bemerkung. Einer der Männer vom Nebentisch, inzwischen ebenfalls nicht mehr ganz nüchtern, sagte lachend zu seinem Freund: „Ey, guck mal, wie viele Leute hier so tun, als wäre das hier das größte Ereignis des Jahres. Ist doch nur ’n Bahnhof mit Lichterkram.“ Der Vater drehte sich zu ihm. „Wenn’s dir nicht passt,“ sagte er laut, „kannst du ja verschwinden. Keiner zwingt dich, hier rumzustehen.“ Der Mann sah ihn an. „Ich hab doch gar nicht dich gemeint,“ sagte er. „Beruhig dich mal.“ „Du hast mich doch angeglotzt,“ fauchte der Vater. Lukas spürte, wie sein Puls hochging. „Nicht jetzt,“ dachte er. „Bitte nicht jetzt.“ „Papa,“ sagte er leise, „es ist gut. Die meinen uns nicht. Lass uns einfach… aufessen und gehen.“ Der Vater ignorierte ihn. „Du glaubst wohl,“ sagte er, trat einen Schritt näher an den anderen Tisch, „dass du dir alles erlauben kannst.“ Der Mann zog seinen Kiefer an, legte sein Gewicht nach hinten. „Ich will keinen Stress,“ sagte er ruhig. „Es ist Wintermarkt, kein Kampfclub.“ „Dann halt den Mund,“ schoss es aus dem Vater. Der zweite Mann mischte sich ein. „Ey, chill,“ sagte er. „Wir wollen keinen Ärger. Aber du musst hier auch nicht den großen Macker machen.“ Der Satz traf genau den Punkt, an dem etwas im Vater innerlich kippte. „Macker?“ wiederholte er. Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Der Schlag Alles ging sehr schnell. Der Vater setzte seinen Becher ab, machte zwei schnelle Schritte nach vorne und stieß den ersten Mann heftig mit beiden Händen gegen die Brust. Der stolperte nach hinten, prallte gegen den Tisch, der Becher flog, heißer Glühwein spritzte, die Frau schrie erschrocken auf. „Spinnst du?!“ rief der Mann. Bevor noch jemand richtig reagieren konnte, holte der Vater aus – kein filmreifer Faustschlag, eher ein wütender, unkontrollierter Hieb gegen Schulter und Gesicht. Die Bewegung war ruckartig, verzweifelt, geladen mit Monaten aufgestauter Wut, Alkohol, Frust. Der Mann taumelte zur Seite, schlug mit der Hüfte gegen einen anderen Tisch, ein weiterer Becher kippte, eine dritte Person stolperte. „Hey!“ „Pass doch auf!“ „Was soll das?!“ Die Geräuschkulisse explodierte: • Menschen schrien, • jemand rief „Security!“, • Stühle und Tische schabten über den Boden, • Glas klirrte, • eine Frau weinte vor Schreck. Der Vater schubste noch jemanden, der dazwischengehen wollte – ein junger Typ, der nur versucht hatte, die beiden auseinanderzuhalten. Der ging zu Boden, seine Mütze flog zur Seite. Lukas stand wie erstarrt da. Schon wieder, dachte ein Teil von ihm. Schon wieder. Wieder Leute, wieder Gewalt, wieder Vater, wieder alle gucken. Sein Körper wollte gleichzeitig fliehen und dazwischengehen – doch er war wie eingefroren. Reflexe des Spielers – Schutzmodus Der Spieler reagierte schneller. Er stellte sich vor Lukas, schob ihn automatisch ein Stück zurück, weg von dem sich bildenden Knäuel. „Zurück,“ sagte er ruhig, aber eindringlich. „Lukas, zurück.“ Die Mutter versuchte, den Vater an der Jacke zu packen. „Hör auf!“ rief sie. „Jetzt sofort!“ Doch der Vater war im Tunnel. „Der hat mich provoziert,“ keuchte er. „Immer diese Leute, die meinen, sie könnten…“ Bevor er den Satz beenden konnte, standen plötzlich zwei Security-Mitarbeiter des Wintermarktes neben ihnen – reflektierende Westen, ernste Gesichter. „Stopp! Sofort Abstand!“ rief einer von ihnen. Sie drängten sich zwischen die Männer. Der geschlagene Mann hielt sich das Gesicht, seine Wange begann bereits rot anzulaufen. Die Frau neben ihm hielt sich zitternd an seinem Arm fest. „Der Typ hat mich angegriffen!“ rief er. „Ohne Grund!“ „Sie kommen jetzt zur Seite,“ sagte einer der Security-Leute zum Vater. „Sofort.“ „Er hat angefangen,“ stieß der Vater hervor, atmete schwer, die Augen glasig vom Alkohol. „Es ist mir egal, wer angefangen hat,“ sagte der Sicherheitsmann scharf. „Sie haben gerade mehrere Leute gestoßen und geschlagen. Kommen. Sie. Jetzt. Zur. Seite.“
Alles verschwimmt – Lukas im Überlastungsmodus Für Lukas verschwamm die Szene. Er sah: • Hände, die seinen Vater wegziehen, • die Mutter, die gleichzeitig versucht zu erklären und zu beschwichtigen, • den Spieler, der sich vor ihn stellt und immer wieder sagt: „Atmen. Nicht alles anschauen. Du musst jetzt nicht alles aufnehmen.“ Die Geräusche waren zu laut, die Bilder zu schnell. „Ich… kann nicht…“ murmelte Lukas. Sein Kopf rauschte, sein Herz hämmerte, seine Beine fühlten sich wie Gummi an. „Weg von hier,“ sagte der Spieler. „Ich kann ihn nicht einfach…“ stammelte Lukas, deutete auf den Vater. „Die Security ist da,“ sagte der Spieler. „Sie kümmern sich um ihn. Du musst gerade niemanden retten. Du musst dich retten.“ Es fiel ihm schwer, diesen Satz anzunehmen. Wieder wollte ein Teil von ihm schreien: „Aber wenn ich ihn nicht schütze, eskaliert es noch mehr!“ Doch ein anderer Teil wusste: • Beim Oktoberfest hatte er versucht, dazwischenzugehen – und war fast selbst in die Schusslinie geraten. • Beim verbrannten Rollstuhl hatte er versucht, zu deeskalieren – und war stattdessen Zeuge der Zerstörung geworden. „Ich… ich kann nicht mehr retten,“ dachte er. „Nicht heute.“ Er ließ sich vom Spieler langsam aus der direkten Nähe wegführen, ein paar Meter Richtung Bahnhofsgebäude – aber noch so, dass sie sehen konnten, was geschah. Folgen – Security, Polizei, Scham Die Security hatte den Vater inzwischen etwas abgedrängt, einer hielt Abstand, sprach auf ihn ein, der andere versuchte mit dem verletzten Mann zu reden, der inzwischen aufgebracht telefonierte. Lukas hörte Fetzen: „…ja, vor dem Hauptbahnhof…“ „…ja, der hat mich wirklich geschlagen…“ „…ich will, dass die Polizei kommt…“ Die Mutter stand dazwischen, die Hände halb gehoben, als wollte sie sowohl beruhigen als auch um Verständnis bitten. „Es tut mir leid,“ sagte sie wieder und wieder. „Bitte… er hat Probleme, er… der Alkohol war… es ist keine Entschuldigung, ich weiß…“ Der Vater wirkte gleichzeitig aggressiv und verzweifelt. Seine Schultern waren angespannt, seine Blicke hektisch. „Die haben mich provoziert,“ wiederholte er. „Die haben… mich dumm angemacht. Was guckst du so?!“ Die Security-Leute ließen ihn nicht mehr nah genug an irgendjemanden heran, um noch jemanden zu schlagen. Eine Person hielt Funkkontakt, wahrscheinlich mit der Leitstelle. Lukas spürte einen Kloß im Hals. „Polizei,“ flüsterte er. „Wegen ihm. Schon wieder wegen ihm.“ „Und nicht wegen dir,“ sagte der Spieler leise. „Vergiss das nicht. Nicht du bist Problemfall, auch wenn dein Cousin das gern so hätte. Heute sieht die Welt, wer hier Leute schlägt.“ Es dauerte nicht lang, bis ein Streifenwagen vorfuhr.
Das Blau der Lichter reflektierte sich in den Scheiben des Bahnhofs, in den Metalloberflächen der Züge und in den Pfützen auf dem Boden des Platzes. Zwei Polizisten stiegen aus, sprachen mit der Security, dann mit dem verletzten Mann, dann mit dem Vater. Lukas konnte nicht hören, was genau gesagt wurde. Er sah nur: • wie der Vater gleichzeitig versuchte zu erklären, zu rechtfertigen und sich zu empören, • wie die Mutter blass war, die Hände verschränkt, • wie der Spieler einen leichten Druck auf seine Schulter legte, um ihn im Hier zu halten. Innerer Absturz – aber kein kompletter Zusammenbruch Die Menge hatte sich etwas verteilt. Ein paar Schaulustige blieben stehen, starrten, flüsterten. Andere gingen weiter, schüttelten nur den Kopf, als wäre es „das übliche Bahnhofstheater“. Für Lukas war es mehr als das. „Ich war so froh,“ flüsterte er, „dass der Tag heute mal nicht mit Mathe-Hölle anfängt. Und jetzt… prügeln wir uns auf dem Winterzeitmarkt.“ „Nicht wir,“ korrigierte der Spieler ihn sanft. „Er.“ „Aber alle sehen nur die Familie,“ sagte Lukas bitter. „‚Da, die Chaoten.‘ Niemand sagt: ‚Da ist jemand, der einfach nur Kakao trinken wollte und jetzt wieder daneben steht, während sein Vater Leuten ins Gesicht schlägt.‘“ „Ich sehe es,“ sagte der Spieler. „Deine Mutter sieht es. Deine Therapeutin wird es sehen, wenn du es erzählst. Und die Protokolle der Polizei werden deutlich machen, wer hier geschlagen hat.“ Das half nur ein bisschen. Nachklang – der Markt ist vorbei, bevor er begonnen hat Schließlich kam die Mutter zu ihnen. Ihr Gesicht war müde, ihre Stimme brüchig, aber klar. „Sie nehmen ihn mit zur Wache,“ sagte sie. „Er hat mehrere Leute gestoßen und einen Mann ins Gesicht geschlagen. Der will Anzeige erstatten. Die Polizei muss das aufnehmen.“ Lukas schnürte der Hals zu. „Und du?“ brachte er hervor. „Ich komme mit auf die Wache,“ sagte sie. „Ich muss aussagen. Und… schauen, was noch auf uns zukommt.“ Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ihr zwei,“ sagte sie, sah Lukas und den Spieler an, „fahrt nach Hause. Sofort. Ihr habt genug gesehen.“ „Ich kann doch nicht…“ begann Lukas. „Doch,“ unterbrach sie ihn. „Du musst nicht bei jedem Absturz deines Vaters mit daneben stehen. Du hast heute genügend Krisen erlebt – IT, Warnungen, alles. Du darfst jetzt raus.“ Lukas’ Augen wurden feucht. „Ist das feige?“ fragte er. „Nein,“ sagte sie. „Das ist Selbstschutz. Und darüber bin ich froh.“ Der Spieler nickte. „Wir bringen ihn heim,“ sagte er. „Und… ich bin da, bis du zurück bist.“ Die Mutter drückte Lukas kurz, dann drehte sie sich wieder zu den Polizisten um. Der Vater wurde zum Wagen geführt, nicht gefesselt, aber deutlich abgegrenzt. Er war blass geworden, die Aggression wich langsam einer Mischung aus Scham und Wut. Lukas konnte seinen Blick nicht länger ertragen.
„Ich will hier weg,“ flüsterte er. „Dann gehen wir,“ sagte der Spieler. Rückweg – Bahnhof als Trigger Sie gingen zum Straßenbahnhalt. Kein Weihnachtsglanz mehr für Lukas, nur noch der Geschmack von kaltem Kakao und Adrenalin. Im Wagen setzten sie sich nebeneinander, Lukas am Fenster, der Spieler neben ihm – genau wie auf dem Hinweg, aber die Stimmung war eine völlig andere. „Ich hasse es,“ sagte Lukas leise, „dass… normaler Weihnachtskram für mich nie nur normal bleibt.“ Er zählte in seinem Kopf: • Weihnachtsmarkt in der Innenstadt – gerade noch gut gegangen. • Nauheim – ruhig, aber mit dem Wissen, dass der Cousin irgendwo Wut gesammelt hatte. • Jetzt Wintermarkt am Hauptbahnhof – eskalierend, diesmal nicht durch Fremde, sondern durch den eigenen Vater. „Vielleicht bin ich einfach nicht für ‚Familienausflüge‘ gemacht,“ murmelte er. „Oder meine Familie nicht für mich.“ Der Spieler schüttelte den Kopf. „Dein Vater ist nicht gleich ‚Familie‘,“ sagte er leise. „Du bist auch Familie. Deine Mutter ist Familie. Und heute habt ihr euch nicht lächerlich gemacht – er hat es.“ Zu Hause – Mutbuch, wieder eine Seite voll Zuhause angekommen, war die Wohnung seltsam still. Kein Vater, keine Mutter, nur Lukas und der Spieler. Lukas ging direkt in sein Zimmer, setzte sich an den Schreibtisch, ohne sich Jacke oder Schal auszuziehen. Er schlug das Mutbuch auf, die Hände zitterten. Er schrieb, schneller als sonst: „Tag 11 – Mittag: Winterzeitmarkt am Hauptbahnhof. Ich wollte nur Kakao trinken. Papa zwei Glühwein. Erst ein Rempler. ‚Sorry‘. Dann ein Wort zu viel. Dann hat er jemanden gestoßen. Dann geschlagen. Security. Leute schreien. Polizei. Er wird zur Wache gebracht. Mama muss mit.“ Er hielt inne, die Tinte ein wenig verschmiert, weil seine Hand leicht zitterte. Dann schrieb er weiter: „Ich stand wieder daneben. Nicht der, der geschlagen hat. Nicht der, der gefragt wurde. Nur der, der versucht hat, sich klein zu machen. Der, dessen Kopf schreit: ‚Nicht schon wieder.‘“ Er atmete, setzte an:
„Ich bin nach Hause gefahren. Nicht, weil ich feige bin. Sondern, weil ich sonst explodiert wäre – nach innen. Der Spieler sagt, das war Selbstschutz. Es fühlt sich trotzdem an, als würde ich jemanden im Stich lassen. Vielleicht muss ich lernen, dass ich nicht der Bodyguard meines Vaters bin.“ Er legte den Stift weg, ließ die Schultern sinken. Der Tag war noch lange nicht vorbei – es würden Gespräche folgen, möglicherweise Briefe, Anzeigen, vielleicht sogar eine Vorladung. Aber in diesem Moment, am Ende dieses chaotischen Mittags, war etwas sehr klar: Selbst an einem Winterzeitmarkt, zwischen Lichterketten, Kakao und Zügen, konnte die Welt aus den Fugen geraten – und doch war er diesmal nicht derjenige, der „Schuld“ trug, egal, wie sehr manche Stimmen (Cousin, innere Kritiker, alte Sätze) das Gegenteil behaupten wollten. Der zwölfte Tag fühlte sich an wie ein Tag zwischen zwei Fronten. Hinten lag der Winterzeitmarkt mit Polizei, Glühwein und wieder einem Vater, der zu weit gegangen war. Vorne warteten Termine, Schreiben, Gespräche. Und mitten rein: ein Termin, der eigentlich normal sein sollte – aber für den jungen Mann alles andere als „nur kurz“ war: Zahnarzt. Später Vormittag – Anspannung vor dem Termin Der Vormittag war erstaunlich ruhig verlaufen. Keine neue Mail von der Hochschule, keine Nachricht vom IT-System, noch keine Rückmeldung von der Polizei oder von seinem Vater. Stattdessen: • ein stiller Frühstückstisch, • ein paar Blicke zwischen Lukas und seiner Mutter, • der Spieler, der die Stimmung abtastete, ohne sie zu zerpflücken. „Wann ist der Termin?“ fragte der Spieler, als sie später im Wohnzimmer saßen. „Um 12:30 Uhr,“ sagte Lukas. „Kontrolle. Vielleicht Bohren. Vielleicht Zähne sauber machen. Vielleicht… keine Ahnung.“ Schon beim Reden merkte er, wie sein Körper reagierte: • die Schultern zogen sich hoch, • der Bauch wurde hart, • in seinem Kopf liefen schon Geräusche: Bohrer, Sauger, Ansagen wie „Mund auf“ und „Nicht schlucken“. „Panikskala?“ fragte der Spieler. Lukas überlegte. „6,“ sagte er. „Minimum. Ich hasse Zahnarzt. Licht, Geräusche, dass jemand in meinem Mund rumfummelt. Ich kann nicht reden, nicht verhandeln. Es ist… Kontrollverlust.“ Die Mutter kam dazu, in der Hand den gelben Terminzettel. „Ich bin froh, dass du hingehst,“ sagte sie sanft. „Gerade mit deinem Stress… Zähne knirschen, Mahlen in der Nacht… die sollen mal schauen, ob alles okay ist.“
Lukas nickte, aber sein Magen meldete sich. „Kann der Spieler mit?“ fragte er direkt. „In den Raum, mein ich. Oder zumindest im Wartezimmer?“ „Im Wartezimmer auf jeden Fall,“ sagte die Mutter. „Im Behandlungszimmer… kommt auf den Zahnarzt an. Aber du kannst fragen. Du darfst fragen.“ Auf dem Weg – Zahnarzt + Vergangenheit Sie fuhren nicht lange – die Praxis lag in einem anderen Stadtteil, nicht weit von einer Hauptstraße, in einem dieser typischen Ärztehäuser: vier Stockwerke, unten Apotheke, drüber Hausarzt, HNO, Zahnarzt. In der Straßenbahn saß Lukas still da. Die Hände in den Taschen, der Blick aus dem Fenster. „An was denkst du?“ fragte der Spieler. „An die anderen Male,“ murmelte Lukas. „Als ich noch kleiner war. Zahnarzt war immer: ‚Reiß dich zusammen‘. Keine Fragen, keine Erklärung. Nur: Mund auf, stillhalten, nicht zappeln. Wenn ich gezuckt hab, hieß es: ‚Wenn du dich so anstellst, dauert es nur länger.‘“ „Und heute?“ fragte der Spieler. „Heute hab ich wenigstens Worte,“ sagte Lukas. „Autismus, Überempfindlichkeit, Stoppsignal. Aber… nur weil ich Worte hab, heißt das nicht, dass sie alle zuhören.“ „Wenn sie nicht zuhören,“ meinte der Spieler ruhig, „bin ich danach der erste, der das Thema mit dir wieder aufrollt. Aber wir probieren es erst mal normal – nicht alles ist automatisch schlimm.“ Lukas atmete tief durch, als sie ausstiegen. Praxis – Wartezimmer als Testfeld Das Treppenhaus des Ärztehauses roch nach Reinigungsmittel und ein bisschen nach Desinfektionsmittel. Der Zahnarzt war in der zweiten Etage. Schon vor der Tür hörte man das typische gedämpfte Surren eines Bohrers aus irgendeinem Behandlungszimmer. Für viele ein neutrales Geräusch. Für Lukas ein sofortiger Trigger. „7,“ flüsterte er. „Panikskala.“ Der Spieler nickte nur. „Ich bin da,“ sagte er. „Bis du sagst, ich soll gehen – was ich nicht hoffe.“ Sie traten ein. Das Wartezimmer war hell, mit großen Fenstern, Plastikpflanzen, einem Tisch mit Zeitschriften, einer Ecke mit einem kleinen Holzspielzeug für Kinder. Es saßen schon ein paar Leute da: • eine ältere Frau, die ein Kreuzworträtsel machte, • ein Mann in Arbeitsklamotten, der auf sein Handy starrte, • ein Teenie-Mädchen mit Kopfhörern und gelangweiltem Blick. „Guten Tag,“ sagte die Sprechstundenhilfe am Empfang, routiniert freundlich. „Name?“ „Lukas …,“ sagte er, nannte seinen Nachnamen, reichte die Karte. „Termin um 12:30 Uhr.“ Sie tippte etwas in den Computer. „Alles klar,“ sagte sie. „Sie können im Wartezimmer Platz nehmen. Der Doktor ist gleich so weit.“ Lukas nickte, ging mit dem Spieler zu zwei Stühlen am Rand. Er setzte sich, so, dass er die Tür zum Flur sehen konnte – Fluchtweg im Blick. Der Spieler neben ihm, eine Reihe entfernt von den anderen, nicht isoliert, aber mit Raum.
„Willst du was hören?“ fragte der Spieler leise. „Musik, Podcast? Nur eine Seite vom Ohr, damit du der Aufruf noch mitkriegst?“ „Vielleicht gleich,“ sagte Lukas. „Jetzt will ich noch alles hören. Ich will wissen, wie der Bohrer klingt, wie die Schritte sind, wie die Stimme vom Arzt ist…“ Diagnose im Kopf – die Wartezeit Die Wartezeit zog sich. Fünf Minuten. Zehn. Das Bohrergeräusch im Hintergrund kam und ging. Eine Tür öffnete sich, jemand lachte kurz, eine andere Person hustete, Wasser plätscherte im Waschbecken. Im Kopf des jungen Mannes liefen parallel mehrere Szenarien: • „Was, wenn sie sagen, dass alles gut ist?“ • „Was, wenn sie ein Loch finden?“ • „Was, wenn sie direkt anfangen zu bohren, ohne dass ich Zeit habe, mich einzustellen?“ • „Was, wenn ich einen Würgereflex bekomme und sie genervt sind?“ Der Spieler merkte, wie seine Finger an der Stuhlkante arbeiteten. „Fünf Dinge, die du siehst,“ sagte er plötzlich. Lukas blinzelte. „Was?“ „Grounding,“ meinte der Spieler. „Du bist noch hier, nicht auf einem OP-Tisch aus der Vergangenheit. Also: fünf Dinge im Raum, die du siehst.“ Lukas sah sich um. „Die Plastikpflanze,“ sagte er. „Der Zeitschriftenstapel. Der rote Becher mit den Kugelschreibern. Das Bild mit den lächelnden Zähnen – was übrigens sehr creepy ist. Und… die Figur da drüben, dieses Holzlabyrinth für Kinder.“ „Vier Dinge, die du fühlst,“ sagte der Spieler weiter. „Stuhl unter mir,“ murmelte Lukas. „Der Stoff von meinem Hoodie an den Händen. Mein Handy in der Tasche. Dein Arm neben meinem.“ „Drei Dinge, die du hörst.“ „Bohrer,“ flüsterte er. „Leises Tippen am Computer. Straßenbahn draußen.“ „Zwei Dinge, die du riechst.“ Lukas zog die Luft durch die Nase. „Desinfektionsmittel,“ sagte er. „Und… irgendwas Minziges. Vielleicht die Politur.“ „Eine Sache, die du schmeckst,“ beendete der Spieler. Lukas verzog das Gesicht. „Die Reste von Kaffee und Zahnpasta,“ murmelte er. „Siehst du?“ sagte der Spieler. „Du bist hier. Nicht in irgendeinem Horrorfilm.“ Lukas atmete etwas ruhiger. Aufruf – jetzt gibt es kein Zurück Nach etwa fünfzehn Minuten ging die Tür auf. Die Sprechstundenhilfe steckte den Kopf ins Wartezimmer. „Herr …?“ fragte sie, nannte Lukas’ Nachnamen. Er zuckte, stand auf, die Beine wirkten schwer. „Ich bin da,“ sagte er, die Stimme einen Tick zu leise. Der Spieler stand ebenfalls auf. „Darf er mit?“ fragte Lukas sofort, bevor er sich anders entschied. „Also, zumindest mit ins Zimmer? Er sagt nichts, er ist einfach nur… da.“
Die Helferin zögerte einen Moment, dann nickte sie. „Wenn es für Sie wichtig ist,“ sagte sie. „Solange der Doktor Platz hat, ist das in Ordnung. Er kennt das schon von Patienten mit… besonderen Bedürfnissen.“ Lukas fühlte sich gleichzeitig ertappt und verstanden. „Danke,“ sagte er leise. Behandlungszimmer – grelles Licht und vorsichtiger Zahnarzt Das Behandlungszimmer war genau so, wie er es kannte: • der Stuhl in der Mitte, • das grelle Licht von oben, • das Tablett mit Instrumenten, • der kleine Bildschirm an der Wand, • das surrende Gerät im Hintergrund. Der Zahnarzt, ein Mann um die fünfzig mit Brille und ruhiger Ausstrahlung, drehte sich zu ihnen um. „Ah, Herr …,“ sagte er. „Schön, Sie wiederzusehen. Und Sie haben heute Begleitung mitgebracht.“ „Ja,“ sagte Lukas knapp. „Das ist… ein Freund.“ „Sehr schön,“ meinte der Zahnarzt. „Unterstützung ist nie schlecht.“ Der Spieler blieb im Hintergrund stehen, an der Wand, nicht im Weg, aber sichtbar. „Also,“ sagte der Zahnarzt, „Kontrolltermin, richtig? Gab es in letzter Zeit Beschwerden? Schmerzen, Empfindlichkeiten, irgendetwas Ungewöhnliches?“ Lukas überlegte. „Ich knirsche viel,“ sagte er. „Vor allem nachts. Und… manchmal ziehen die Backenzähne, wenn ich sehr gestresst bin.“ „Das ist bei Stress nicht ungewöhnlich,“ sagte der Arzt. „Wir schauen uns das gleich mal an.“ Er deutete auf den Stuhl. „Wenn Sie sich hinsetzen?“ Die große Angriffsposition – Mund offen, Hände gebunden Lukas setzte sich auf den Stuhl, legte die Beine auf die Ablage. Das Gefühl, in eine Lage zu gehen, aus der man nicht schnell rauskommt, war jedes Mal ein eigener Trigger. „Bevor wir anfangen,“ sagte er, „könnte ich… etwas sagen?“ Der Zahnarzt nickte, blieb kurz neben ihm stehen, ohne gleich zum Hocker zu greifen. „Natürlich,“ meinte er. „Sagen Sie, was wichtig ist.“ „Ich bin Autist,“ sagte Lukas, und spürte, wie sein Herz schneller ging. „Geräusche, Licht, Berührungen… sind manchmal viel. Ich… hab ein bisschen Panik vor Zahnarzt, weil ich mich ausgeliefert fühle.“ Der Zahnarzt sah ihn nicht irritiert, sondern aufmerksam an. „Gut, dass Sie das sagen,“ meinte er ruhig. „Dann machen wir es so: Ich erkläre jeden Schritt, bevor ich ihn tue. Wenn es zu viel wird, heben Sie die Hand – dann machen wir Pause. Sie sind nicht ausgeliefert, ja? Sie können jederzeit stoppen.“ Lukas’ Augen wurden einen Hauch weicher. „Okay,“ sagte er. „Das hilft.“ Der Spieler im Hintergrund nickte unmerklich. Es war einer dieser Momente, in denen Erwachsensein nicht bedeutete: „Augen zu und durch“, sondern: „Ich darf sagen, was ich brauche.“ Untersuchung – angespannt, aber nicht entmündigt
Der Zahnarzt setzte sich auf den Hocker, das Licht wurde etwas heruntergedimmt – nicht auf „romantisch“, aber weniger blendend. „Machen Sie bitte den Mund weit auf,“ sagte er ruhig. „Ich schaue mir erst einmal nur an, ohne irgendetwas zu tun.“ Das kalte Metall des Spiegels an den Zähnen, das leichte Klicken beim Antippen, die Stimme, die zwischendurch halblaute Kommentare murmelte: „Hm… hinten rechts… okay… leichte Abrasionen vom Knirschen…“ Lukas hielt sich an den Armlehnen fest. Er spürte seinen eigenen Puls bis in den Hals. „Atmen,“ murmelte der Spieler leise, fast unhörbar. Der Zahnarzt zog den Spiegel heraus. „Also,“ sagte er, „die gute Nachricht zuerst: keine neuen Löcher. Die Füllungen sitzen, nichts ist akut kariös.“ Lukas atmete ein bisschen freier. „Die weniger gute Nachricht – oder sagen wir: Beobachtung – ist: man sieht deutlich, dass Sie mit den Zähnen arbeiten. Vor allem nachts. Die Oberflächen der Backenzähne sind etwas abgerieben. Haben Sie aktuell eine Schiene?“ „Ich hatte mal eine,“ murmelte Lukas. „Aber… irgendwann hab ich sie nicht mehr getragen. War vom Gefühl her zu viel im Mund.“ „Verstehe,“ sagte der Zahnarzt. „Wir sollten trotzdem überlegen, ob wir eine neue machen. Nicht mit Gewalt, sondern angepasst. Sonst riskieren Sie langfristig Probleme mit Kiefer, Nacken, Kopfschmerzen – und im schlimmsten Fall brechen Stücke der Zähne weg.“ Lukas seufzte innerlich. Natürlich… noch eine Baustelle. „Wir können das Schritt für Schritt machen,“ fügte der Arzt hinzu. „Nicht heute alles entscheiden. Ich will Sie nicht überfahren. Aber ich sage Ihnen, was ich sehe.“ Politur – Geräusche und Grenzen „Ich würde Ihnen heute eine gründliche Reinigung empfehlen,“ sagte der Zahnarzt. „Beläge, ein bisschen Zahnstein, vor allem unten. Es wird etwas Geräusch und Vibration geben, aber ich erkläre alles. Sind Sie einverstanden?“ Lukas’ Bauch zog sich zusammen, aber er nickte. „Ja,“ sagte er leise. „Lieber jetzt als später.“ „Gut,“ meinte der Zahnarzt. „Dann fangen wir langsam an. Wenn Sie Ihre Hand als Stoppsignal nutzen, weiß ich Bescheid.“ Die Helferin kam dazu, setzte sich seitlich mit Absaugschlauch und kleinen Instrumenten. Der erste Kontakt des Zahnsteingeräts war wie ein Schock: • ein hochfrequentes Surren, • kaltes Metall am Zahnfleisch, • Wasser, das im Mund spritzte, • der Absauger, der gleichzeitig Geräusche machte. Für Lukas war das wie ein kleines sensorisches Feuerwerk. Seine Finger verkrampften sich wieder in der Lehne. Die Stimme des Zahnarztes durchdrang das Geräusch: „Jetzt vorne unten… Sie spüren Vibration, das ist normal. Kein Loch, nur Belag. Sehr gut, halten Sie durch. Wenn es zu viel ist – Hand heben.“ Der Spieler beobachtete seine Hand, seine Atmung. Zweimal hob Lukas wirklich kurz die Hand – einmal, als der Sauger ihm zu nah an den Gaumen kam und ein Würgereflex drohte, einmal, als das Gerät an einer empfindlichen Stelle zu stark vibrierte. Und beide Male stoppte der Zahnarzt.
„Pause,“ sagte er. „Einmal durchatmen.“ Er wartete Nicht „zwei Sekunden und sondern so lange, bis Lukas sichtbar wieder etwas entspannter war.
wirklich. weiter“,
Nachbesprechung – Zwischen Zähne und Psyche Nach der Reinigung, die sich für Lukas wie eine halbe Stunde anfühlte (in Realität waren es vielleicht zehn, fünfzehn Minuten), lehnte der Zahnarzt den Stuhl wieder hoch. Die Helferin wusch noch kurz aus, reichte Lukas einen Becher zum Spülen. Das Wasser schmeckte nach Minze und einem Hauch Blut – kleine Stellen, die gereizt waren. „So,“ sagte der Zahnarzt. „Das Schlimmste ist geschafft.“ Er lächelte kurz, nicht aufgesetzt, eher erleichtert. „Sie haben das gut gemacht,“ fügte er hinzu. „Trotz Ihrer Anspannung, die ich gemerkt habe.“ Lukas atmete tief durch. „Es war viel,“ gab er zu. „Aber… besser als früher. Sie haben aufgehört, als ich die Hand gehoben hab. Das kannte ich lange nicht.“ „So sollte es aber sein,“ sagte der Arzt ruhig. „Patienten, die vieles tragen mussten, brauchen umso mehr klare Stoppsignale. Ihre Hand ist genauso viel wert wie mein Bohrer.“ Lukas wusste nicht genau, ob ihm zum Lachen oder Weinen zumute war – entschieden war er für ein kleines, müdes Lächeln. „Was ist jetzt mit Schiene?“ fragte er. „Ich würde vorschlagen,“ sagte der Zahnarzt, „wir machen in ein, zwei Wochen einen Termin nur für Abdrücke – in Ruhe, ohne Bohren, ohne Reinigung. Dann sehen wir weiter. Ich gebe Ihnen auch ein Info-Blatt mit, wo Sie nachlesen können, was das bringt.“ „Okay,“ sagte Lukas. „Aber… ich brauch wahrscheinlich jemanden dabei.“ Er deutete kurz auf den Spieler. „Kein Problem,“ meinte der Zahnarzt. „Sie dürfen gern wieder einen Freund mitbringen.“ Verlassen der Praxis – anders als beim Reingehen Sie verabschiedeten sich, gingen zurück ins Wartezimmer, Lukas mit einem leicht betäubten Mundgefühl – nicht von Spritzen, sondern von der ungewohnten Dauerbelastung. „Alles okay?“ fragte die Mutter am Telefon, als er ihr kurz aus dem Treppenhaus schrieb. „Kein Loch,“ textete er zurück. „Nur Reinigung. Schiene später. War anstrengend, aber Zahnarzt war okay.“ „Ich bin stolz auf dich,“ kam als Antwort. „Melde dich, wenn du zuhause bist.“ Draußen vor dem Ärztehaus blieb Lukas kurz stehen. Die Luft war kalt, aber frei von Desinfektionsmittel. „Wie fühlst du dich?“ fragte der Spieler. Lukas dachte länger nach als sonst. „Körperlich,“ sagte er, „so, als hätte jemand mir mit Minze die Zähne angeschliffen. Kopfmäßig… erschöpft. Aber… nicht so, als wäre mir etwas angetan worden – mehr so, als hätte ich etwas geschafft.“ Der Spieler nickte. „Das ist ein Unterschied,“ sagte er. „Ein sehr großer.“ Heimweg – ein stiller Sieg In der Straßenbahn zurück war es ruhiger als am Vormittag. Keine Polizei, kein Wintermarkt, kein Vater in Sicht. Nur Menschen mit Einkaufstüten, ein paar Schüler mit Rucksäcken, eine ältere Dame mit Blumenstrauß.
Lukas lehnte den Kopf gegen das Fenster, spürte, wie die Vibration des Zuges diesmal nicht bedrohlich war, sondern eher beruhigend. „Weißt du, was das Krasse ist?“ sagte er nach einer Weile. „Was?“ fragte der Spieler. „Ich hab heute nicht nur Alarm erlebt,“ sagte Lukas. „Ich hab gleichzeitig: • gesagt, dass ich Autist bin, • erklärt, was ich brauche, • ein Stoppsignal benutzt • und erlebt, dass jemand das respektiert.“ Er sah zum Spieler. „Das ist fast ungewohnt,“ murmelte er. „Das jemand nicht sagt: ‚Nicht so empfindlich‘, sondern: ‚Gut, dass Sie was sagen.‘“ Der Spieler lächelte. „Vielleicht,“ meinte er, „brauchst du in deinem Leben mehr Menschen wie diesen Zahnarzt – und weniger wie die Leute im Mathe-Vorkurs, deinen Cousin oder betrunkene GlühweinHelden.“ „Ja,“ sagte Lukas leise. „Und vielleicht muss ich lernen, mir genau solche Menschen rauszusuchen. Ärzte. Therapeuten. Berater. Und… irgendwann vielleicht auch Professoren.“ Zu Hause – Eintrag zwischen IT-Angriff und Gewalt Wieder zu Hause angekommen, legte er die Jacke ab, hing den Schal hin, stellte sich kurz im Flur vor den Spiegel. „Kein Loch,“ murmelte er. „Nur eine Schiene in Planung. Und ein Zahnarzt, der nicht gesagt hat: ‚Stell dich nicht so an‘.“ In seinem Zimmer setzte er sich an den Schreibtisch, schlug das Mutbuch auf und schrieb: „Tag 12 – Mittag: Heute Zahnarzt mit dem Spieler. Wartezimmer mit Bohrergeräuschen, grelles Licht, Erinnerungen. Ich habe es trotzdem geschafft, hinzugehen. Ich habe gesagt, dass ich Autist bin, dass ich Panik vor Kontrollverlust habe. Der Zahnarzt hat nicht gelacht. Nicht genervt geschaut. Er hat gesagt: ‚Gut, dass Sie das sagen. Hand hoch = Pause.‘“ Darunter schrieb er: „Beim Reinigen war es anstrengend. Geräusche, Vibration, Wasser, Würgereflex. Zwei Mal habe ich die Hand gehoben. Zwei Mal hat er wirklich aufgehört. Zum ersten Mal hatte ich beim Zahnarzt das Gefühl, dass mein Stoppsignal gilt. Nicht nur in der Theorie, sondern in echt.“ Und schließlich: „Während in der Hochschule Cyberangriffe laufen, mein Vater sich auf dem Wintermarkt geprügelt hat und mein Cousin mir das Leben schwer machen will, gab es heute einen Ort, an dem jemand in meinem Mund gearbeitet hat – und trotzdem meine Grenzen gesehen hat. Das ist klein und riesengroß zugleich.“ Er legte den Stift weg, strich über die Seite. Der Mittag des zwölften Tages hatte keine Explosion, keine Polizei, keine Katastrophe gebracht – sondern etwas, das für Lukas fast genauso ungewohnt war: eine Situation mit viel Angst, die nicht in Demütigung endete, sondern in einem leisen, aber echten Gefühl von:
„Ich habe etwas Schlimmes überstanden – und diesmal war ich nicht Opfer, sondern beteiligt.“ Der frühe Abend des zwölften Tages fühlte sich zuerst fast… harmlos an. So, als wolle das Leben nach Zahnarzt, Wintermarkt und Cyberangriff einmal so tun, als wäre es „nur ein ganz normaler Wochentag“. Früher Abend – die Idee mit dem Stammlokal Lukas lag auf seinem Bett, noch immer ein bisschen weicher im Kopf vom Zahnarzttermin. Der Minzgeschmack war langsam verschwunden, übrig geblieben war dieses saubere, leicht fremde Gefühl im Mund. In der Küche hörte er Stimmen. Gedämpft erst, dann etwas deutlicher. „…vielleicht würde es gut tun, mal wieder ins Stammlokal zu gehen,“ sagte die Mutter. „Nur kurz. Ein Essen, keine große Aktion.“ „Meinst du, das ist eine gute Idee nach gestern?“ hörte er den Spieler leise fragen. „Wintermarkt, Polizei…“ „Er hat sich entschuldigt,“ sagte sie müde. „Also… halb. Und ich bin ehrlich: ich hab Angst, wenn wir alles nur noch verbieten und vermeiden, wird er noch unberechenbarer.“ Das Wort „er“ brauchte keinen Namen. Lukas wusste, wer gemeint war. Er setzte sich auf, atmete durch, ging in die Küche. Der Vater saß am Tisch, die Hände um eine Tasse geklammert – Kaffee, nicht Bier, nicht Wein. Sein Blick war müde, die Ränder unter seinen Augen dunkel. „Ich weiß, was ihr denkt,“ sagte er, bevor Lukas etwas sagen konnte. „Dass ich gestern Mist gebaut habe. Hab ich. Ich schäme mich auch. Aber… ich würde gerne einmal einfach nur mit euch essen. Kein Streit. Kein Glühwein. Nur unser Stammlokal. Wie früher.“ Das „wie früher“ traf etwas in Lukas. Bevor Glaswürfe, bevor angezündete Rollstühle, bevor Wintermärkte mit Polizei. Die Mutter sah ihn an. „Lukas,“ sagte sie vorsichtig. „Es ist deine Entscheidung mit. Wenn du sagst ‚nein‘, gehen wir nicht.“ Er dachte nach. Sein Kopf listete auf: • Risiko: Alkohol, Bahnhof gestern, Vater kippt schnell. • Wunsch: Ein Abend, an dem sie nicht alle in verschiedenen Ecken auseinanderfliegen. • Realität: Der Vater war immer noch Teil seines Lebens, ob er wollte oder nicht. „Unter einer Bedingung,“ sagte Lukas leise. „Kein harter Alkohol. Kein Schnaps. Und… wenn du merkst, dass es kippt, stehen wir auf und gehen. Sofort.“ Der Vater hob die Hände. „Abgemacht,“ sagte er. „Nur Essen. Vielleicht ein Wein zum Essen. Aber ich übertreibe nicht.“ Lukas’ Bauch meldete sich. „Ein Wein zum Essen“ war in der Vergangenheit selten wirklich ein Wein geblieben. Der Spieler nickte langsam. „Ich komme mit,“ sagte er. „Und ich werde nicht nur zugucken.“ Auf dem Weg – vertraute Straßen, unsichere Stimmung Das Stammlokal lag nur ein paar Straßenbahnhaltestellen entfernt, eine Mischung aus Kneipe und Restaurant, wie sie in vielen Stadtvierteln standen: dunkles Holz, alte Bilder an den Wänden, ein paar Stammgäste, die jeder kannte.
Auf dem Weg dorthin war es schon dunkel, die Straßenlaternen warfen gelbe Kegel auf den Bürgersteig. Ein kalter Wind fuhr ihnen in die Jacken, der Himmel hing tief. „Ich hab dort früher meine erste Apfelsaftschorle vom eigenen Geld bezahlt,“ erinnerte sich Lukas leise. „Damals war alles irgendwie… kleiner. Sogar du, Papa.“ Der Vater lachte kurz, aber man hörte die Erschöpfung darin. „Ich war auch mal besser,“ murmelte er. „Nicht nur… so wie in letzter Zeit.“ Ankunft – Stammlokal wie immer Als sie das Stammlokal betraten, roch es nach Bratkartoffeln, Fleisch, Soße und ein wenig nach altem Bier. Holztische, Holzstühle, eine Theke mit Gläsern, dahinter der Wirt – ein Mann mit grauen Schläfen, der sie erkannte, sobald sie in der Tür standen. „Na endlich mal wieder,“ rief er. „Da ist ja die Familie …! Und mit Verstärkung!“ Er kam herüber, klopfte dem Vater auf die Schulter. „Alles gut bei euch? Hab gehört, du hattest Stress in letzter Zeit,“ sagte er, halb Spaß, halb ernst. „Ach,“ winkte der Vater ab. „Ist alles kompliziert. Heute nur essen und Ruhe.“ „Das kriegen wir hin,“ sagte der Wirt. „Vier Personen, oder? Ich hab hinten noch den Tisch am Fenster frei.“ Sie setzten sich an ihren „üblichen“ Platz – eine Ecke mit Blick auf die Tür, nicht zu nah an der Theke, nicht mitten im Lärm. Lukas mochte diesen Platz, weil er Fluchtwege sehen konnte. Der Wirt reichte die Karten. „Was darf’s zu trinken sein?“ fragte er. „Cola,“ sagte Lukas. „Wasser mit Zitrone,“ sagte der Spieler. „Apfelschorle,“ meinte die Mutter. Der Vater zögerte, dann sagte er: „Ich nehme… ein Glas Rotwein. Zum Warmwerden.“ Lukas’ inneres Warnsystem piepste. Ein Glas zum Warmwerden?, dachte er. Du hattest gesagt, vielleicht ein Wein zum Essen. Jetzt sind wir schon bei „zum Warmwerden“. Aber er sagte erst einmal nichts. Noch war nichts passiert. Die ersten Runden – wie eine tickende Uhr Das Essen kam. Für Lukas: Schnitzel mit Pommes. Für die Mutter: Salat mit Hähnchenstreifen. Für den Vater: Roulade mit Rotkohl. Für den Spieler: ein vegetarisches Gericht mit Nudeln und Gemüse. Der erste Rotwein war da, dunkel im Glas, am Rand leicht schimmernd. Der Vater trank langsam, machte Witze, erzählte eine harmlose Geschichte von früher. Für einen Moment wirkte alles… normal. Doch dann war das Glas leer. „Noch einen?“ fragte der Wirt routiniert. Der Vater wollte etwas sagen, hielt kurz inne, sah an den Tisch. Lukas’ Blick traf seinen. Die Mutter auch. „Du hattest doch gesagt…“ begann Lukas vorsichtig.
„Nur noch den hier,“ sagte der Vater schnell. „Der erste war zum Warmwerden, der zweite zum Essen. Dann ist Schluss.“ Der Spieler sagte leise: „Wein zählt nicht in drei Kapiteln. Ein Glas ist ein Glas.“ Doch der Wirt hatte das schon gehört, nickte, brachte den zweiten Wein. Lukas schob sein Schnitzel auf dem Teller hin und her. Appetit hatte er längst verloren. Ab dem dritten Glas kippt die Stimmung Der zweite Rotwein war noch nicht mal halb leer, da ging irgendwo im Kopf des Vaters ein Schalter um. Seine Stimme wurde lauter. Seine Hände gestikulierten mehr. Er fing an, sich über Dinge aufzuregen: • „die Bahn“, • „die Politik“, • „die Leute, die nichts arbeiten und alles kriegen“, • „die Studenten, die meinen, sie wären was Besseres“. Beim dritten Mal, als der Wirt vorbeikam, sagte der Vater: „Kannst du mir bitte den noch mal voll machen? Schenk ein bisschen mehr ein. Heute war ein harter Tag.“ „Ich dachte, du wolltest es nicht übertreiben,“ murmelte die Mutter. „Der Tag nach der Polizei ist niemals ein Tag mit nur zwei Gläsern,“ sagte der Vater hart. Der Wirt zögerte kurz, sah zwischen den Gesichtern hin und her. „Vielleicht mach ich den dritten etwas kleiner,“ meinte er vorsichtig. „Ich zahl doch,“ knurrte der Vater. „Schenk normal ein.“ Der Wirt tat es – unsicher, aber er tat es. Er war es gewohnt, Gäste nicht zu „belehren“. In Lukas zog sich alles zusammen. Dritter Wein. Du weißt, wie das endet. Er griff unter den Tisch nach dem Knie des Spielers, drückte kurz. „Ich weiß,“ flüsterte der leise. „Ich sehe es.“ Der Hetzfunke – Gespräche am Nachbartisch Am Nachbartisch saßen ein paar jüngere Leute, vielleicht Ende zwanzig, lachten, redeten über irgendwas mit „Uni“, „Profs“, „Klausuren“. Ein Satz drang zu ihnen rüber: „…und dann hatte da jemand wieder so eine Riesen-Drama-Nummer in der Mathe-Vorlesung, von wegen ‚Trauma‘ und ‚Beutel‘, und alle mussten Rücksicht nehmen. Alter, studieren heißt auch mal was aushalten.“ Lukas zuckte, als hätte ihn jemand gestochen. Er war nicht sicher, ob es um IHRE Hochschule ging – aber die Worte waren verdächtig ähnlich. Sein Herz schlug schneller. „Nicht hinhören…“ wollte er sich sagen. Doch der Vater hatte den Fetzen aufgeschnappt. „Diese Generation,“ knurrte er. „Alles Zucker. Alle traumatisiert, alle sensibel, aber keiner hält mehr was aus. In meiner Zeit…“ „In deiner Zeit wurde auch mehr weggeschwiegen,“ sagte die Mutter leise. „War auch nicht besser.“
„Wenigstens gab es damals noch Respekt,“ fauchte der Vater. „Heute rennt jeder gleich zu Anwalt, Psychologe, Beratungsstelle. Keiner kann mehr einfach sagen: ‚War scheiße, weiter geht’s.‘“ Lukas’ Gesicht wurde heiß. Der Spieler sah ihn an. „Das gilt nicht für dich,“ zog er leise eine Linie. „Das ist sein Alkohol, nicht deine Wahrheit.“ Doch der Vater war jetzt im Redefluss. „Guck dir doch deinen Sohn an,“ sagte er plötzlich, und seine Stimme war laut genug, dass der Nachbartisch es hören konnte. „Uni hier, Therapie da, Autismus hier, Trauma da. Immer nur reden, reden, reden. Dabei…“ „Stopp,“ sagte Lukas, die Stimme zitternd. „Bitte nicht.“ „Du bist immer das Opfer,“ fuhr der Vater fort. „Immer musst du gerettet werden. Vielleicht sollte man dich mal in Ruhe lassen und schauen, ob du überhaupt selber laufen kannst.“ Der Satz traf ihn wie ein Schlag – schlimmer als jede Hand. Der Spieler setzte sich gerade hin. „Es reicht,“ sagte er leise, aber gefährlich klar. „Hier. Jetzt.“ Der vierte, fünfte, sechste Wein – und ein flammender Fehler Während des Redens hatte der Vater weiter getrunken. Irgendwie stand inzwischen die vierte Flasche auf dem Tisch – die Gläser wurden immer wieder nachgeschenkt. Die Mutter versuchte, den Wirt mit Blicken zu stoppen, aber der war zwischen Theke, Küche und anderen Gästen gefangen. „Wir gehen,“ sagte Lukas schließlich, stand auf. „Ich kann das nicht mehr.“ „Setz dich wieder hin!“ fuhr der Vater ihn an. „Ich rede noch mit dir.“ „Du redest nicht mit mir,“ sagte Lukas, die Tränen nahe. „Du redest durch mich durch. Und durch den Wein.“ In dem Moment lachte einer von den Uni-Leuten am Nachbartisch – nicht über sie, sondern über irgendeinen Witz. Aber für den Vater war es eine Fehlzündungs-Flamme. „Was lacht ihr?“ fuhr er sie an. „Findet ihr das lustig? Sitzt ihr hier und lacht über Familien, während ihr eure Latte-Macchiato-Probleme habt?“ „Wir haben nichts gesagt,“ meinte einer irritiert. „Wir reden über was ganz anderes.“ „Ihr lacht über mich!“ schrie der Vater. Es wurde schlagartig still im Lokal. Der Wirt kam herbeigeeilt. „Jetzt reicht’s,“ sagte er streng. „Du bist hier immer willkommen gewesen, aber heute… du gehst zu weit.“ „Ich gehe zu weit?“ Der Vater stand halb auf, sein Stuhl kippte nach hinten. „Ihr habt keine Ahnung, wie weit ich schon gegangen bin.“ Seine Bewegungen wurden fahrig, unkontrolliert. Auf dem Tisch brannte eine kleine Kerze in einem Glas, daneben eine trockene Dekogirlande – Tannenzweige, künstliche Beeren, ein bisschen Stoff. Der Vater stieß mit der Hand nach vorn, wollte den Tisch betonen, irgendwas unterstreichen – seine Hand traf das Kerzenglas. Es kippte, rollte über den Tisch, die Flamme schlug zur Seite. Die Girlande fing an einer Stelle Feuer. Erst nur ein kleiner Zungenschlag, dann mehr. Für eine Sekunde starrten alle nur darauf. Dann passierte alles gleichzeitig.
Feuer – aus Funken werden Flammen „Die Deko!“ rief jemand. „Wasser!“ Jemand wollte mit einem Bierglas das Feuer löschen, doch das Glas rutschte aus der Hand, fiel, zerschellte, Funken spritzten auf die Tischdecke. Der Stoff fing an zu kokeln. Das kleine, kontrollierte Kerzenlicht verwandelte sich innerhalb von Sekunden in etwas anderes: • eine flackernde Linie über den Tisch, • Feuerschlangen, die sich an der Deko entlangzogen, • dunkler Rauch, der aufstieg. Der Wirt rannte zur Theke. „Feuerlöscher!“ rief er. „Mach die Türen auf!“ Jemand schrie. Stühle wurden nach hinten gerissen, Teller polterten auf den Boden, Glas zersprang. Lukas stand wie festgenagelt. Nicht schon wieder Feuer. Nicht schon wieder etwas mit ihm. Nicht schon wieder ich mittendrin. Der Spieler packte ihn an den Schultern. „Raus,“ sagte er. „Lukas. Raus!“ Doch es war nicht so einfach. Der Rauch – die unsichtbare Mauer Das Feuer griff schnell um sich. Die Deko an der Wand hatte jahrelang Staub gezogen, war trocken wie Papier. Ein Funke, ein brennender Fetzen – und plötzlich brannte die Girlande über dem Fenster. Der Rauch wurde dichter. Zuerst bei der Decke, dann senkte er sich. „Runter!“ rief jemand. „Alle runter! Rauch steigt nach oben!“ Der Wirt versuchte, mit dem Feuerlöscher den Brand am Tisch zu ersticken, aber die Flammen waren schon an mehreren Stellen. Ein Gast stürzte zur Eingangstür, riss daran – sie ging auf, kalte Luft drang hinein, doch genau dieser Luftzug fachte die Flammen noch weiter an. „Nicht ganz aufreißen!“ brüllte jemand. „Die Zugluft!“ Es war Chaos. Kein geordnetes „Wir gehen jetzt alle ruhig zum Ausgang“, wie in einer Übung. Sondern: • Menschen, die drängten, • Menschen, die schrien, • Stühle, die im Weg standen, • eine Theke, hinter der Gläser klirrten. Und mittendrin Lukas. Der Rauch biss in seine Augen, in seinen Hals. Alles war zu laut, zu hell, zu schnell – trotz der Dunkelheit. „Ich… ich kann mich nicht bewegen,“ stammelte er. Der Spieler drückte ihn nach unten. „Auf den Boden,“ sagte er. „Krabbeln. Sicht verliert, Boden behalten.“ Lukas ging in die Hocke, dann auf die Knie, fühlte den ruppigen Boden unter seinen Händen. Die Mutter war bei ihnen, hustete schon. „Ich bin hier,“ keuchte sie. „Ich bin hier.“ „Wo ist Papa?“ kam es Lukas aus dem Mund, bevor er sich bremsen konnte.
Ein Teil von ihm wollte ihn hassen, ein anderer Teil konnte nicht verhindern, nach ihm zu fragen. „Weiß ich nicht,“ hustete die Mutter. „Vielleicht vorne an der Theke. Wir müssen erst mal… rauskommen.“ Eingesperrt – der Weg zum Ausgang blockiert Sie krochen in Richtung Tür, aber sie kamen nur langsam voran. Stühle lagen umgekippelt, Jacken lagen am Boden, ein Tablett war umgestürzt. Menschen versuchten gleichzeitig rauszukommen, stießen gegen sie, stolperten, fielen selbst. Einmal schlug jemand mit dem Fuß gegen Lukas’ Arm, er verlor kurz den Halt. Alles war voll von: • Husten, • Schreien, • knisterndem Holz, • dem Zischen des Feuerlöschers, • dem dumpfen Knacken, wenn irgendwo etwas nachgab. „Ich seh nichts,“ japste Lukas. Seine Augen tränten. „Orientier dich an der Wand!“ rief der Spieler. „Links!“ Lukas tastete sich an der Wand entlang. Die Farbe fühlte sich warm an. Zu warm. Ein dumpfes Geräusch – irgendwo im hinteren Bereich des Lokals, als wäre etwas Großes in sich zusammengefallen. „Die Küche!“ schrie jemand. „Es geht auf die Küche über!“ Jemand versuchte, ein Fenster aufzustoßen – aber die alten Holzrahmen klemmten, und das Glas war dicker, als es aussah. „Wir kommen hier nicht durch!“ rief eine Frauenstimme. Für einen Moment ging eine Welle purer Panik durch den Raum. Wir kommen nicht raus. Der Satz hing unausgesprochen in der Luft, aber jeder fühlte ihn. Der junge Mann – zwischen Erstarren und Funktionieren In Lukas begann sein Nervensystem zu überdrehen. • Geräusche wurden zu einem einzigen Dröhnen. • Die Hitze fühlte sich an, als würde irgendjemand ihm eine Decke aus Feuer über den Rücken werfen. • Sein Atem ging schnell, zu schnell, flach. „Ich kann nicht… ich kann nicht…“ stammelte er. „Es ist zu viel. Es ist überall.“ „Ich weiß,“ keuchte der Spieler, eine Hand fest an Lukas’ Jacke. „Aber dein Körper kennt das Kriechen. Wie beim Spielen im Park. Eine Hand vor die andere. Du musst nur den nächsten halben Meter schaffen. Nicht den ganzen Raum.“ Lukas klammerte sich an diesen Satz. Nur den nächsten halben Meter. Eine Hand. Die andere. Knie nachziehen. Wieder eine Hand. Und noch eine. Er hörte die Mutter husten, hörte Menschen aneinander vorbeidrängen, hörte jemanden beten, hörte jemanden fluchen. „Feuerwehr ist gerufen!“ brüllte der Wirt. „Bleibt unten! Bleibt zusammen!“ Das Wort „Feuerwehr“ war wie ein dünner Faden aus Hoffnung in all dem Rauch.
Der Vater – im Flimmern der Flammen Plötzlich tauchte eine Gestalt vor ihnen auf, verschwommen durch den Rauch. „Lukas!“ keuchte eine Stimme. Der Vater. Seine Haare waren verschwitzt, sein Gesicht gerötet, zwischen Angst, Alkohol und Schock hin und hergerissen. „Komm!“ rief er. „Die Tür!“ „Wir sind schon auf dem Weg,“ hustete Lukas. „Wir…“ „Ich wollte das nicht,“ stammelte der Vater. „Das mit der Kerze… ich…“ Ein Teil von Lukas wollte ihn anschreien: Es ist mir egal, was du wolltest. Es ist passiert. Doch er konnte nicht. Der Rauch brannte ihm den nächsten Satz weg. „Nicht reden,“ keuchte der Spieler. „Bewegen.“ Der Vater packte Lukas am Arm – zu fest, zu grob, aber in diesem Moment war es lieber „zu fest, als gar nicht“. Sie kamen ein Stück voran, aber die Menge an der Tür stauchte sich. Draußen versuchten Menschen reinzurufen, drinnen versuchten Menschen rauszukriechen. „Die Tür blockiert!“ rief jemand. „Es staut sich!“ „Wir sind eingeschlossen,“ flüsterte Lukas, und jetzt war die panische Stimme wieder da. „Noch nicht,“ sagte der Spieler. „Wir sind noch am Leben. Und draußen wissen sie, dass wir drin sind.“ Sirenen – Hoffnung von weit weg Durch das Dröhnen, das Knistern, das Husten hörte man plötzlich etwas Neues: Sirenen. Nicht im Fernsehen, nicht in einem Spiel. Draußen, auf der Straße. Ein Blaulichtreflex flackerte kurz durch die Fenster, als könnte selbst das Licht sich nicht entscheiden, ob es rein oder draußen bleiben wollte. „Feuerwehr!“ schrie jemand. „Sie sind da!“ Jemand draußen schlug gegen die Scheiben. „Alle vom Fenster weg!“ brüllte eine Stimme von draußen. „Wir machen es auf!“ Es war, als hätte jemand plötzlich eine weitere Ebene freigeschaltet. Die Menschen versuchten, sich von der Fensterecke zu lösen, gleichzeitig nicht noch mehr in Panik zu geraten. Lukas spürte, wie seine Knie nachgaben. „Ich kann nicht mehr,“ flüsterte er. „Meine Beine… meine Lunge…“ „Ich weiß,“ sagte der Spieler. „Dann krabbelst du die letzten Meter in meinem Schatten.“ Er schob sich halb vor Lukas, zog ihn weiter, Zentimeter für Zentimeter. Eingeschlossen – aber nicht verloren Ehe die Feuerwehr die Fenster komplett eingeschlagen und einen Zugang geschaffen hatte, ehe die Schläuche gelegt, die Türen kontrolliert geöffnet wurden, ehe Menschen geordnet rausgebracht wurden – dauerte es. Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten. Für den Erzähler war es nur eine Seite. Für Lukas war es: • ein brennender Hals,
Augen, die kaum noch etwas sahen, Hände, die an Holz und Stoff krallten, das Gefühl, in einem Raum zu sein, der kleiner und kleiner wurde – nicht, weil die Wände sich bewegten, sondern, weil der Rauch jeden Zentimeter Luft zum Atmen stehlen wollte. Er war gefangen. Seine Familie war gefangen. Der Spieler war gefangen. Alle Gäste waren gefangen. Und mitten in diesem Inferno, das mit einem einzigen gestoßenen Kerzenglas begonnen hatte, schlug in seinem Kopf ein Gedanke wie ein letzter, klarer Funken: Wenn wir hier rauskommen, wird nichts mehr so sein wie vorher. Nicht mit meinem Vater. Nicht mit mir. Nicht mit dem, was ich ihm noch durchgehen lassen kann. Noch waren sie in den Flammen gefangen. Doch draußen heulten die Sirenen nicht umsonst. Menschen bewegten sich. Feuerwehrleute liefen, riefen, organisierten. Der Abend, der als „nur ein Essen im Stammlokal“ angefangen hatte, war zum ultimativen Wendepunkt geworden – und Lukas spürte, während er hustend auf dem Boden kroch, dass dieser Tag später einer von denen sein würde, die in seinem Mutbuch eine eigene, breite Seite bekamen. Während drinnen im Stammlokal der Rauch dichter wurde, das Feuer knisterte und die Sirenen der Feuerwehr immer näher kamen, stand nicht weit entfernt jemand im Schatten und beobachtete alles. • • •
Gleiche Zeit – im Schatten gegenüber Auf der anderen Straßenseite, leicht verdeckt hinter einem Lieferwagen, stand eine Gestalt mit Kapuze. Das Gesicht halb im Dunkeln, die Hände tief in den Taschen. Die Augen aber – die waren weit offen. Hellwach. Fokussiert auf genau einen Punkt: Das brennende Stammlokal. Man hörte Menschen schreien, jemand hustete bis zur Heiserkeit, Scheiben klirrten, Metall knirschte, als irgendwo Rollläden halb heruntergerissen wurden. Feuerwehrleute sprangen aus dem Wagen, zogen Schläuche, riefen Kommandos. Die Gestalt lehnte an der kalten Wand eines Hauses, als würde sie sich einen Film ansehen. Ein leises, kaum hörbares Lachen machte sich Platz in der Kehle. „Na also,“ murmelte die Gestalt. „Es wirkt.“ Ein paar Schritte weiter parkte ein dunkler Kleinwagen. Im Seitenfenster spiegelten sich Blaulichter, flackernd, unruhig – wie der Zustand in Lukas’ Leben. Der Cousin. Patrik. Er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, aber sein Mund war klar zu erkennen – ein schmaler Zug, zwischen Zufriedenheit und kalter Berechnung. Zichnin – das stille Gift im Hintergrund
„Zichnin,“ sagte er leise vor sich hin, als würde er den Namen schmecken. „Wer hätte gedacht, dass so wenig so viel ausrichten kann.“ Die letzten Tage zogen in seinem Kopf wie eine Liste vorbei, sauber sortiert: • der Streit am Anfang, • die Szene mit dem verbrannten Rollstuhl, • die eskalierte Autofahrt, • der Winterzeitmarkt am Hauptbahnhof, • jetzt das brennende Stammlokal. Aber für ihn war das kein Zufall. Es war – in seiner verdrehten Wahrnehmung – das Ergebnis „guter Vorbereitung“. Vor Wochen schon hatte er – irgendwo zwischen Chats voller Hass, inneren Monologen und Gesprächen mit dunklen Personen – von dieser Substanz erfahren: Kein klassisches Gift, kein „einmal trinken und tot“, sondern etwas, das langsam in die Persönlichkeit fraß. Etwas, das: • Aggression verstärkte, • Hemmungen senkte, • jedes Gramm Wut im Körper wie mit Benzin übergoss, • besonders dann, wenn Alkohol dazukam. Zichnin. Ein Name, den kein normaler Arzt kannte. Ein Stoff, der nicht im normalen Medikamentenschrank lag. Ein Werkzeug für jemanden, der nicht nur jemanden verletzen wollte – sondern ihn in den Augen aller anderen zu einem Monster machen wollte. Wie der Cousin denkt – nicht wie, sondern warum Es war nicht wichtig, wie Patrik an Zichnin gekommen war. Die genauen Wege lagen irgendwo zwischen krummen Gestalten, dubiosen Kontakten und Dingen, die er vor sich selbst gerne als „nur ein bisschen nachgeholfen“ bezeichnete. Wichtig war, was es für ihn bedeutete: „Ich muss den alten Mann nicht einmal selbst schlagen,“ dachte er. „Ich muss ihm nur helfen, sich selbst zu zerstören.“ In seinem Kopf sah die Rechnung so aus: • Vater + Alkohol = schon immer schwierig • Vater + Alkohol + Zichnin = unberechenbarer, schneller, härter Im Winter hatte der Vater öfter „zufällig“ Flaschen bekommen: • „Ich hab noch Wein übrig, wollt ihr den?“ • „Hier, von Bekannten, ich trinke den nicht, kannst du haben.“ • „Probier den mal, der ist stark, aber gut.“ Nie direkt von Patrik. Immer über Umwege. Eine Flasche hier, eine Flasche da. Ein „Mitbringsel“, ein „Rest“, ein „Geschenk“. Zichnin – fein verteilt, nie so offensichtlich, dass jemand sofort zusammenbrach. Aber genug, dass Grenzen bröckelten. Und in Patriks Plan gab es ein klares Ziel: „Irgendwann wird Lukas nicht mehr sagen: ‚Mein Vater hat Probleme und braucht Hilfe.‘ Sondern: ‚Ich hasse ihn. Er hat alles zerstört.‘“
Innere Stimmen – Patriks verdrehte Logik Er lehnte den Kopf kurz an die Hauswand, schloss die Augen, ließ die Geräusche der Feuerwehr an sich vorbeiziehen. Gut, dachte er. Sehr gut. Erst der Markt. Jetzt das Lokal. Noch ein, zwei solcher Tage – und der Junge ist endgültig fertig mit seinem alten Herrn. In seinem Kopf klang es wie ein strategischer Plan: 1. Vater isolieren – ihn in Situationen bringen, in denen er ausrastet, – dafür sorgen, dass alle ihn als Gefahr sehen. 2. Lukas emotional zerreißen – ihm nehmen, was ihm Halt gibt: Oma, Ersatzoma, ein stabiles Bild von „Familie“. 3. Lukas auf sich selbst zurückwerfen – damit er irgendwann glaubt: „Niemand mag mich, niemand ist für mich da – außer vielleicht… Patrik.“ Doch genau das war der perfide Teil: Patrik wollte nicht etwa wirklich helfen. Er wollte Macht. Wenn jemand komplett emotional zerstört war, konnte man ihn steuern wie eine Figur, so glaubte er. „Du wirst mich irgendwann brauchen,“ flüsterte er in die dunkle Luft, als würde er direkt zu Lukas sprechen. „Wenn du sie alle verloren hast. Wenn du denkst, du bist der letzte Versager in einem Haufen Verrückter.“ Rückblende – die Tropfen in den letzten Tagen Er grinste schief, als er sich an kleine Szenen erinnerte: • Das Familienessen, bei dem er „zufällig“ eine Flasche mitgebracht hatte, die „von Freunden aus Polen“ stammte. • Der Abend, an dem der Vater „komischerweise“ schon nach zwei Gläsern deutlich aggressiver war als sonst. • Die Besuche, bei denen Patrik scheinbar harmlos gesagt hatte: „Ach, gönn dir doch. Nach dem Stress hast du dir das verdient.“ Die letzten Tage, dachte er, waren wie ein Langzeitexperiment gewesen. „Wie viel braucht es, damit er wieder der wird, den der Junge nicht mehr aushält?“ Er hatte die Nachrichten verfolgt: • Streit mit dem Vater. • Angebrannter Rollstuhl. • Eskalation am Winterzeitmarkt. Und jetzt? Feuer. In dem Lokal, das mal ein sicherer Ort gewesen war. „Besser hätte ich es nicht schreiben können,“ murmelte er. „Drama pur.“ Zichnin und Hass – Patriks Hoffnung Er stellte sich Lukas vor: • hustend auf dem Boden des Lokals, • mit tränenden Augen, • das Herz zerrissen zwischen „Ich hab Angst“ und „Ich will dich nie wieder sehen, Papa“.
„Das ist der Punkt, an dem der Hass wächst,“ sagte Patrik leise. „Nicht wenn einer einmal schreit. Sondern wenn er wieder und wieder alles kaputt macht, was du versucht hast aufzubauen.“ Er wusste, dass Lukas ein riesiges Problem damit hatte, Menschen aufzugeben – selbst, wenn sie ihm weh taten. Er hielt fest, verzieh, suchte Gründe, warum andere so handeln, wie sie handeln. Genau das wollte Patrik brechen. „Wenn ich es schaffe, dass er seinen Vater irgendwann wirklich hasst,“ dachte er, „dann haben wir gewonnen. Dann hat er die letzte Brücke verloren, die ihm, trotz allem, noch ein Gefühl von Familie gibt.“ „Wir.“ Das „wir“ war kein Versprecher. In seinen Gedanken war er nicht allein. Die alte Schattenhand – die, die Zichnin kannte Er erinnerte sich an das letzte „Treffen“ mit einer Person, die längst hätte im Hintergrund verschwinden sollen: Die alte Dame. Die vom Friedhof. Die vom Brunnen. Die, die alles schon einmal fast zerstört hätte. Sie war nicht weg – nur leiser geworden. Aber im Schatten, dort, wo Patrik inzwischen sowieso viel Zeit verbrachte, war sie immer noch spürbar. „Manchmal,“ hatte sie gesagt, als sie ihm von Zichnin erzählt hatte, „ist die effektivste Zerstörung die, bei der die Menschen sich selbst und gegenseitig für die Katastrophe verantwortlich machen.“ „Und was ist mit mir?“ hatte Patrik gefragt. „Was krieg ich davon?“ Ihre Antwort hallte jetzt wieder in ihm nach: „Die Genugtuung, dass du nicht mehr der einzige bist, der kaputt ist. Und die Macht, zu wissen: Ohne deinen Anstoß wären sie nie so tief gefallen.“ Zichnin war ihr Geschenk gewesen. Eine Flasche mit einer klaren, unscheinbaren Flüssigkeit, gut getarnt zwischen harmlosen Dingen. Keine Anleitung, keine exakten Mengenangaben, nur: „Nicht zu viel. Du willst ihn nicht töten – du willst ihn entgleisen lassen.“ Und genau das war geschehen. Die Gedanken des Cousins in dem Moment des Feuers Während drinnen Lukas mit dem Spieler über den Boden kroch, während die Mutter hustend versuchte, Luft zu finden, während der Vater zwischen Schuld, Rausch und Chaos stand, zog Patrik sich die Kapuze ein Stück tiefer ins Gesicht, um nicht von den Blaulichtern zu sehr geblendet zu werden. „Noch ein, zwei solcher Tage,“ dachte er, „und der Junge wird nicht mehr sagen: ‚Mein Vater war mal gut.‘ Er wird nur noch sagen: ‚Mein Vater ist das Feuer, das mein Leben immer wieder anzündet.‘“ Er stellte sich vor, wie Lukas irgendwann der Polizei, der Therapeutin, vielleicht später einem Richter erklärt: • wie sein Vater den Rollstuhl angezündet hatte,
wie er Leute am Hauptbahnhof angegriffen hatte, wie er jetzt ein Lokal mit in Brand gesetzt hatte. Und nirgendwo stand: Es lag auch an einem Stoff, den jemand ihm heimlich verabreicht hat, um genau das zu erreichen. Die Idee, dass alles „nur“ wie klassische Trunkenheit aussah, ließ Patrik innerlich grinsen. „Dann hast du irgendwann keine Entschuldigung mehr für ihn,“ flüsterte er. „Keine Sätze mehr wie: ‚Er kann nichts dafür, er hat Probleme.‘ Du wirst nur noch sehen, was ich will, dass du siehst: einen Mann, der brennt und alles mit sich niederbrennt.“ • •
Ein letzter Blick – und eine falsche Sicherheit Ein Feuerwehrmann trat kurz aus dem Eingang des Lokals, den Helm schief, die Handschuhe verrußt. Er rief etwas an seine Kollegen, das Patrik nicht verstand – zu viel Lärm, zu viel Echo. „Sie sind drin,“ hörte man jemanden sagen. „Wir holen sie raus.“ Patrik atmete einmal tief durch. Wenn sie rauskommen, dachte er, kommen sie nicht „heil“ raus. Vielleicht körperlich – hoffentlich, der Junge soll ja weiterleben. Aber innen… da werden wieder ein paar Sicherungen durchgeschmort sein. Er schloss kurz die Augen, als würde er die zukünftigen Szenen schon jetzt genießen: • Lukas, der seinem Vater ansieht und nichts mehr von „Verstehen“ findet. • Lukas, der im Mutbuch schreibt: „Ich kann ihn nicht mehr lieben.“ • Lukas, der glaubt, immer derjenige zu sein, der von denen, die er braucht, im Stich gelassen wird. „Und wenn er dann ganz unten ist,“ murmelte Patrik, „komme ich als Einziger, der sagt: ‚Ich versteh dich. Ich hab dich nie verurteilt. Ich war immer ehrlich.‘ Natürlich war ich das nicht, aber das muss er ja nicht wissen.“ Er sah noch einmal auf das flackernde Bild des Lokals. Flammen, Rauch, Blaulicht, Menschen, die versucht wurden zu retten. Dann drückte er sich vom Lieferwagen ab, zog die Kapuze fester, drehte sich um und ging in die nächste Seitenstraße. Seine Schritte waren ruhig. Zu ruhig für das, was er gerade innerlich feierte. Was er nicht wusste Was Patrik in diesem Moment nicht ahnte: • dass Feuerwehrleute Menschen nicht nur aus Feuer holen, sondern auch später erzählen, was sie gesehen haben: wer gebrüllt, wer geholfen, wer gestolpert, wer andere geschützt hat; • dass Bluttests in der Notaufnahme manchmal mehr zeigen, als nur „Promille“; • dass Zichnin, so geheim es ihm vorkam, im Körper nicht einfach verschwand, sondern Spuren hinterließ, die man – mit den richtigen Fragen – finden konnte. Und vor allem ahnte er nicht, dass Lukas’ Fähigkeit zu lieben zwar zigmal gebrochen, aber noch nie vollständig zerstört worden war. Ja, der junge Mann würde wütend sein. Ja, er würde verzweifelt sein. Ja, er würde Dinge denken wie: „Ich kann nicht mehr. Ich halte das nicht mehr aus. Ich will ihn nicht mehr in meinem Leben.“
Aber tief in ihm gab es etwas, das Patrik nie verstanden hatte und nie verstehen würde: die Fähigkeit, Wut und Wahrheit zu trennen. Zwischen „er ist nur ein Monster“ und „jemand hat ihn auch benutzt“. Noch, in diesem Moment, stand Patrik im Schatten und war sicher: Der Plan funktioniert. Der Vater ist wieder ein Monster. Und der Junge wird ihn bald hassen. Dass Pläne, die auf Gift, Lügen und Manipulation aufbauen, oft anders enden, als ihre Architekten hoffen – das würde er erst später lernen. Währenddessen, drinnen, kämpfte Lukas darum, überhaupt den nächsten Atemzug zu kriegen. Vom Hass auf seinen Vater war er noch weit entfernt – aber vom Punkt, an dem etwas in ihm endgültig entscheiden musste, wie viel er sich noch antun ließ, war er nur noch wenige Ereignisse entfernt. Der dreizehnte Tag fühlte sich an wie ein Tag nach einem Sturm, bei dem noch überall Trümmer herumlagen – aber der Himmel zum ersten Mal wieder ein kleines bisschen blau durchblitzte. Morgen – Nach dem Feuer Lukas wachte früh auf. Der Hals tat beim Schlucken weh, die Bronchien fühlten sich immer noch rau an vom Rauch im Stammlokal. Ein süßlicher Brandgeruch hing ihm noch in der Nase, obwohl seine Kleidung längst auf dem Balkon auslüftete. Er lag eine Weile einfach da, die Decke bis zum Kinn gezogen, und hörte: • leises Klappern aus der Küche, • kein lautes Poltern, • kein Schreien. In ihm mischten sich Bilder: • der Kerzenständer, der gekippt war, • die Dekogirlande, die in Flammen aufgegangen war, • der Wirt mit dem Feuerlöscher, • sein Vater, der ausgerechnet in diesem Chaos „Ich wollte das nicht“ gestammelt hatte. Ein Teil von ihm wollte brüllen: Du wolltest es vielleicht nicht – aber du warst derjenige, der wieder zu viel getrunken hat. Ein anderer Teil war einfach nur müde. Er setzte sich auf, hustete kurz, stand langsam auf und ging in die Küche. Küche – ein Vater, der anders wirkt Die Mutter stand am Herd und rührte in einem Topf mit Haferflocken. Am Tisch saß der Vater – mit einem Glas Wasser, keinem Alkohol, keinem Kaffee, nur Wasser. Sein Gesicht sah anders aus als sonst nach solchen Abenden: • nicht nur verkatert, • sondern ehrlich erschrocken. • und alt. Viel älter als sein tatsächliches Alter.
„Morgen,“ murmelte Lukas. „Morgen,“ sagte die Mutter leise. Der Vater hob den Blick. „Morgen,“ sagte er. Seine Stimme war rau – vom Rauch, vom Schreien, vom Alkohol, von allem zusammen. Es war kurz still. Dann legte die Mutter den Löffel beiseite. „Die Feuerwehr hat gestern gesagt,“ begann sie ruhig, „dass es ein Wunder war, dass alle rechtzeitig rausgekommen sind. Zwei Leute im Krankenhaus mit Rauchvergiftung, keiner tot. Das Lokal ist trotzdem erst mal zu.“ Der Vater schloss die Augen für einen Moment, als hätte jemand ihm das noch einmal ins Gehirn geschrieben. „Ich weiß,“ sagte er heiser. „Der Wirt hat noch nachts angerufen, als ich wieder raus war. Er hat… nicht mal geschrien. Nur… ‚Was hast du getan?‘ gesagt.“ Lukas lehnte sich an den Türrahmen. „Du hast fast unser Stammlokal abgefackelt,“ sagte er leise. „Den Ort, wo ich früher Apfelsaftschorle getrunken habe, bevor ich überhaupt wusste, was Glühwein ist.“ Der Vater nickte. „Ich weiß,“ wiederholte er. „Und… ich werde für den Schaden aufkommen müssen. Mit Geld, das ich nicht habe, mit Gesprächen, die ich nicht führen will, mit Konsequenzen, die ich verdient habe.“ Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass Lukas das Gefühl hatte: Der Vater war nicht in der „alle anderen sind schuld“-Spirale, sondern an dem Punkt, an dem er nicht mehr weglügen konnte, was passiert war. Ein neuer Satz – „Ich brauche Hilfe“ Die Mutter setzte sich dazu. „Die Polizei ruft noch mal an,“ sagte sie. „Es wird eine Anzeige geben. Brandstiftung, auch wenn du es nicht geplant hast. Du warst betrunken, du warst aggressiv, du hast die Kerze umgestoßen. Das wird nicht einfach.“ Der Vater nickte wieder, langsam. „Ich hab heute schon beim Hausarzt angerufen,“ murmelte er. „Ich hab einen Termin… wegen Alkohol. Suchtberatung. Und er hat gesagt, ich soll auch zur Psych. Nicht, weil ich ‚verrückt‘ bin, sondern weil… irgendwas in mir seit Jahren explodiert.“ Er sah zu Lukas. „Ich hab immer von dir verlangt, dass du ‚es aushältst‘,“ sagte er. „Hochschule, Mobbing, alles. Und dann war ich derjenige, der nicht mal einen Weihnachtsmarkt oder ein Essen im Stammlokal aushält, ohne auszurasten.“ Lukas schwieg. Ein Teil in ihm wollte sagen: „Na endlich checkst du’s.“ Ein anderer Teil spürte nur ein vages, unscharfes „Gut.“ „Ich kann nicht versprechen,“ fuhr der Vater fort, „dass ich von heute auf morgen ein anderer bin. Aber ich kann versprechen, dass ich nicht mehr so tun werde, als hätte ich kein Problem. Ich… habe eins.“ Die Mutter sah ihn lange an. „Das ist ein Anfang,“ sagte sie. „Mehr nicht, aber auch nicht weniger.“ Lukas setzte sich langsam an den Tisch. „Und was… machen wir heute?“ fragte er schließlich. Die Mutter atmete tief durch.
„Ich hatte gehofft,“ sagte sie vorsichtig, „dass wir – wenn du willst – nochmal auf den Weihnachtsmarkt gehen. Nicht Hauptbahnhof, nicht Stammlokal, einfach der ganz normale Weihnachtsmarkt in der Stadt. Ohne Drama, ohne Glühwein-Ausraster, ohne Feuer.“ Lukas’ Magen zuckte. „Und… du willst, dass er mitkommt?“ fragte er und nickte Richtung Vater. Die Mutter schaute erst Lukas, dann den Vater an. „Ich will, dass wir eine Chance haben, zu sehen, ob es überhaupt noch Momente geben kann, in denen wir als Familie irgendwo hingehen, ohne dass alles eskaliert,“ sagte sie ehrlich. „Wenn du sagst: ‚Ich kann das nicht‘, dann lassen wir es. Dann gehst du nur mit mir und dem Spieler, oder nur mit mir, oder gar nicht.“ Der Vater hob beide Hände. „Wenn du willst, dass ich zuhause bleibe, bleib ich zuhause,“ sagte er. „Ich hab mein Recht auf ‚Stammlokal-Familienausflug‘ gestern sowieso verspielt.“ Lukas dachte nach. Lange. Entscheidung – Weihnachten nicht komplett stehlen lassen In seinem Kopf lief es in zwei Richtungen: • Version A: Er sagt „Nein“, sie gehen ohne den Vater oder gar nicht. Sicherer, ruhiger, weniger Risiko. • Version B: Er sagt „Ja“, aber nur unter klaren Bedingungen. Risiko, aber auch die Chance, dass er sieht, ob der Vater überhaupt noch einen Abend ohne Ausraster hinbekommt. Er erinnerte sich an den Satz der Therapeutin: „Grenzen setzen heißt nicht, dass es nie wieder gemeinsame Momente geben darf – aber dass diese Momente klare Regeln haben.“ „Ich… will nicht, dass Feuer und Polizei mir Weihnachten komplett kaputt machen,“ sagte Lukas schließlich leise. „Nicht noch mehr. Die Hochschule nimmt mir schon genug. Wenn ich jetzt auch noch alles Draußen aufgebe… dann bleibt nur noch mein Zimmer.“ Er sah den Vater direkt an. „Also,“ sagte er, „Bedinungen: 1. Kein Alkohol. Überhaupt keiner. Kein Wein, kein Bier, kein Glühwein. 2. Sobald ich sage: ‚Ich will gehen‘, gehen wir. Ohne Diskussion, ohne ‚aber‘. 3. Du gehst mit ins Suchtprogramm. Kein ‚vielleicht‘. Kein ‚mal sehen‘.“ Der Vater schluckte, dann nickte er. „Abgemacht,“ sagte er. „Kein Alkohol. Und… wenn du sagst, wir gehen, gehen wir.“ „Ich bin dabei,“ fügte der Spieler hinzu. „Nicht als Bodyguard – als Backup.“ Die Mutter atmete sichtlich erleichtert auf. „Dann gehen wir heute Nachmittag,“ sagte sie. „Nicht zur Prime Time, sondern früher. Weniger voll, weniger Lärm.“ Nachmittag – der Weg in die Stadt Die Kälte in der Stadt hatte etwas Klarsichtendes. Der Himmel war milchig, aber es war trocken, keine Nässe im Gesicht, nur die kalte Luft. Sie fuhren mit der Straßenbahn Richtung Innenstadt. Lukas saß wieder am Fenster, der Spieler daneben, die Eltern gegenüber. Der Vater hatte eine Wasserflasche in der Hand. Keine Weinflasche, kein Bierdosen-Scheppern im Rucksack. Er trank zwischendurch kleine Schlucke, als würde er sich bewusst daran erinnern, was er diesmal nicht tat.
„Wie geht’s dir?“ fragte der Spieler leise. „Angespannt,“ sagte Lukas ehrlich. „Wenn ich daran denke, was gestern war, krieg ich schon Herzklopfen. Aber… ich will sehen, ob es auch anders geht.“ — Ankunft auf dem Weihnachtsmarkt – Lichter ohne Sirenen Der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt war wie jedes Jahr: • Holzbuden mit Lichterketten, • der Dom im Hintergrund, • der Duft von gebrannten Mandeln, Bratwurst, Waffeln, Zimt, • Musik von einer Anlage, leise Weihnachtslieder. Menschen liefen durcheinander, manche lachten, manche froren sichtlich, andere trugen Tüten voller Einkäufe. Sie gingen am Rand entlang, nicht mitten durch die dichteste Menschentraube, sondern an der Seite, wo man im Notfall schneller raus konnte. „Erinnerungen?“ fragte der Spieler. „Viele,“ murmelte Lukas. „Die guten: Riesenrad, Kakao, Lichter. Die schlechten: Gedränge, zu laut, zu viel, und die Angst, dass irgendwas passiert.“ Er spürte, wie sein Körper wieder in Alarmbereitschaft ging – aber diesmal war da keine Polizei, kein brennendes Lokal. Nur Lichter und Stimmen. Erste Testfrage – „Was trinkt der Vater?“ Sie blieben an einem Getränkestand stehen. „Kinderpunsch, Kakao, Tee, Glühwein, Eierpunsch…“ stand auf der Tafel. Die Mutter sah den Vater an. „Was willst du trinken?“ fragte sie. Er betrachtete die Tafel, atmete einmal tief durch. „Heißen Tee,“ sagte er schließlich. „Mit Zitrone. Mehr nicht.“ Lukas spürte, wie ein kleiner Knoten in seinem Bauch sich minimal löste. „Für mich Kakao,“ sagte er. Der Spieler: „Kinderpunsch.“ Die Mutter: „Auch Tee – aber mit Honig.“ Sie standen an einem Stehtisch, wieder am Rand. Lukas wärmte seine Hände am Becher, nahm einen Schluck. Es war so ein normaler Moment, dass er fast misstrauisch wurde. Der Vater blies vorsichtig in seinen Tee, nahm einen Schluck, verzog kurz das Gesicht, weil er sich fast die Zunge verbrannt hätte. „Heiß,“ murmelte er. „Das heißt so, weil du es langsam trinken sollst,“ meinte die Mutter trocken. Alle mussten kurz lachen – ein kleines, brüchiges, aber echtes Lachen. Auslöser – Feuerstellen und Flashback Nicht weit von ihrem Tisch entfernt stand eine Feuerschale, in der Holzscheite langsam vor sich hin glühten. Eine Gruppe Menschen wärmte sich die Hände daran. Lukas’ Blick blieb daran hängen. Plötzlich: • Das Knistern. • Die Funken. • Das Flackern. In seinem Kopf legten sich zwei Bilder übereinander:
Das gemütliche Feuer hier, eingezäunt, kontrolliert. Die brennende Deko im Stammlokal, die Flammen, die sich an der Wand hochgefressen hatten. Sein Herz begann wieder schneller zu schlagen. Der Tee in seiner Hand zitterte leicht. Der Vater folgte seinem Blick – sah die Feuerschale, sah Lukas’ Gesicht. Früher hätte er vielleicht gesagt: „Stell dich nicht so an, es ist nur ein Feuer.“ Heute tat er etwas anderes. Er legte den Becher ab, trat einen Schritt zur Seite, sodass er zwischen Lukas und der Feuerschale stand – nicht bedrohlich, sondern wie ein Sichtschutz. „Wenn du willst, können wir da hinten lang gehen,“ sagte er leise. „Weg von der Feuerschale. Wir müssen hier nicht stehen bleiben.“ Lukas sah ihn an. Es war eine kleine Bewegung. Aber sie bedeutete viel. „Ja,“ sagte Lukas nach einem Moment. „Lass uns ein Stück weggehen.“ Sie verließen den Bereich mit der Feuerstelle und gingen zu einer Stelle, an der mehr Lichter hingen, aber weniger offene Flammen waren. • •
Ein kurzer, ehrlicher Satz vom Vater „Gestern, im Lokal,“ sagte der Vater plötzlich, „hab ich zum ersten Mal wirklich Angst gehabt, ich bringe euch um.“ Lukas blieb kurz stehen. Der Vater fuhr fort: „Nicht, weil ich es wollte. Aber weil ich gemerkt hab, dass ich in einem Modus war, in dem ich keine Kontrolle mehr hatte. Und das… macht mir mehr Angst als jede Anzeige.“ Er sah Lukas an. „Du darfst mich hassen,“ sagte er leise. „Du darfst wütend sein. Du darfst sagen, dass du keine Abende mehr mit mir willst. Aber ich will ehrlich sein: Ich will nicht, dass das letzte Bild von mir bei dir eines ist, wo ich brüllend in einem brennenden Lokal stehe.“ Lukas schluckte. „Ich weiß nicht, was ich fühle,“ sagte er ehrlich. „Manchmal Hass. Manchmal Mitleid. Manchmal nur Leere. Aber… ich sehe, dass du heute keinen Glühwein in der Hand hast. Das ist… etwas.“ Der Spieler stand daneben, sagte nichts, aber sein Gesichtsausdruck war weich geworden – vorsichtig zuversichtlich. Kleine Weihnachtsmomente – trotz allem Sie gingen weiter über den Weihnachtsmarkt. • Lukas kaufte sich eine kleine Tüte gebrannte Mandeln, • die Mutter schaute sich eine Krippe an, • der Vater blieb stehen und sah einem Karussell zu, auf dem kleine Kinder kreischend im Kreis fuhren, • der Spieler kommentierte leise die seltsamen Formen von manchen Weihnachtsdekoartikeln („Wer denkt sich bitte eine Weihnachtsgurke aus Glas aus?“). Es passierte nichts Spektakuläres. Kein Streit. Keine Betrunkenen, die provozierten. Keine Polizei. Einmal stiess jemand aus Versehen gegen den Vater. Der drehte sich um, sah den Mann an – und sagte:
„Alles gut.“ Keine Faust. Kein Stoß. Nur diese zwei Worte. Lukas merkte, wie sein Körper bei diesem „Alles gut“ zuerst reflexartig in Alarm ging – weil er die Stimme kannte, die sonst anderes sagte. Aber der Moment ging vorbei, ohne dass etwas nachkam. Es geht auch so, dachte Lukas. Es geht auch, ohne dass er explodiert. Später Nachmittag – ein stiller Rückzug Nach einiger Zeit – Lukas wusste gar nicht genau, wie lange sie schon über den Weihnachtsmarkt gegangen waren – spürte er, dass seine Energie nachließ. „Ich glaub, ich werd voll,“ sagte er leise zum Spieler. „Nicht vom Essen… vom Kopf. Geräusche, Lichter… es war schön, aber… ich brauche jetzt wieder weniger.“ Der Spieler nickte sofort. „Dann ist das jetzt die Stelle, wo wir gehen,“ sagte er. „Du hast das Recht, den Absprung zu bestimmen.“ Lukas sah zu seiner Mutter und seinem Vater. „Können wir… langsam zurück?“ fragte er. „Es war… gut. Aber ich will, dass es gut bleibt, bevor alles wieder kippt.“ Die Mutter lächelte müde, aber ehrlich. „Sehr kluge Entscheidung,“ sagte sie. Alle sahen den Vater an. Früher hätte er vielleicht gesagt: „Jetzt sind wir gerade da, jetzt bleiben wir auch!“ Diesmal sagte er nur: „Okay. Wir gehen.“ Keine Diskussion. Kein „aber“. Kein Augenrollen. Sie gingen gemeinsam zurück zur Straßenbahn, stiegen ein, fuhren nach Hause. Abend – Mutbuch und ein anderer 13. Tag Zuhause, in seinem Zimmer, setzte sich Lukas wieder an den Schreibtisch, das Mutbuch vor sich, Stift in der Hand. Er schrieb: „Tag 13 – Weihnachtsmarkt, Version 2: Wir waren wieder draußen. Diesmal kein Winterzeitmarkt am Hauptbahnhof. Kein Stammlokal. Sondern der Weihnachtsmarkt in der Stadt. Ich hatte Angst, dass alles wieder eskaliert: – dass Papa trinkt, – dass er streitet, – dass irgendwo wieder Feuer ist und ich im Rauch lande. Heute: – Papa hat Tee getrunken. Nur Tee. – Er ist ruhig geblieben. – Als jemand ihn angerempelt hat, hat er ‚Alles gut‘ gesagt. – Als ich wegen der Feuerschale Panik bekommen habe, hat er sich zwischen mich und das Feuer gestellt und vorgeschlagen, wegzugehen.“ Er hielt inne, dachte nach und schrieb weiter:
„Ich weiß nicht, ob das reicht, um all das auszugleichen, was er getan hat. Es macht die verbrannte Rollstuhl-Szene nicht ungeschehen. Es löscht das gestrige Feuer im Stammlokal nicht. Es nimmt mir nicht den Schmerz der letzten Jahre. Aber: Heute war ein Weihnachtsmarkt, an dem nichts eskaliert ist. Ein Tag, an dem ich nicht nur Opfer war, sondern jemand, der gesagt hat: ‚Ich will jetzt gehen‘ – und alle sind mitgegangen. Vielleicht ist Tag 13 kein Wunder. Aber es ist ein kleiner Beweis, dass nicht jeder Tag in Flammen enden muss.“ Er legte den Stift weg, lehnte sich zurück. In der Wohnung war es ruhig. Kein Geschrei. Kein Klirren. Kein Polizeiauto vor der Tür. Nur der gedämpfte Klang des Fernsehers aus dem Wohnzimmer, in dem irgendwo ein Weihnachtsfilm lief, und das Wissen, dass der Vater dort gerade mit einer Tasse Tee und nicht mit einer Flasche Wein auf dem Sofa saß. Der dreizehnte Tag war nicht perfekt. Aber im Vergleich zu vielen anderen war er ein leiser, kostbarer Beweis dafür gewesen, dass es Momente geben konnte, in denen die Welt nicht nur aus Angriff, Drama und Feuer bestand – sondern aus Lichtern, Tee, Kakao und der Möglichkeit, rechtzeitig nach Hause zu gehen, bevor man untergeht. Der vierzehnte Tag fühlte sich an wie ein großer, grauer Wollpulli: weich, schwer, ein bisschen kratzig – aber immerhin wärmer als die letzten Tage voller Feuer, Sirenen und Bahnhofsgeschrei. Und Lukas beschloss: Heute zieht er diesen Pulli an und bleibt zu Hause. Morgen – Entscheidung für einen „Bleib-zu-Hause-Tag“ Als er aufwachte, war es draußen noch halb dunkel. Sein Hals kratzte immer noch leicht, wenn er schluckte, und die Brust fühlte sich an, als hätte irgendwo tief drin jemand feines Schleifpapier über die Bronchien gezogen. Er blieb erst einmal liegen und lauschte: • keine lauten Stimmen, • kein Türknallen, • nur das leise Rumpeln von irgendwem, der in der Küche Schranktüren öffnete. Der Spieler klopfte kurz an seine Zimmertür und steckte den Kopf herein. „Morgen,“ sagte er leise. „Systemcheck?“ Lukas tastete innerlich durch seinen Körper. „Atemwege: rau,“ murmelte er. „Kopf: müde. Herz: vorsichtig. Uni: weit weg. Weihnachtsmarkt: okay. Stammlokal: lieber nicht drüber nachdenken.“ Der Spieler zog eine Augenbraue hoch.
„Klingt nach Diagnose ‚Bleib im Nest‘,“ meinte er. „Plan: Heute kein Hörsaal, kein Großevent, keine Bahnhöfe. Nur Wohnung + vielleicht mini Spaziergang, wenn du willst.“ Lukas nickte. „Ich will heute nicht funktionieren müssen,“ sagte er. „Keine Mathe-Gesichter, keine blöden Sprüche, kein ‚Wo ist dein Beutel?‘.“ In seinem Kopf war sofort der Reflex: „Aber du musst doch! Du darfst dir keinen Tag leisten!“ Dann erinnerte er sich an die Therapeutin und deren Satz: „Ressourcentage sind kein Luxus, sondern Notwendigkeit.“ „Ich bleib zuhause,“ sagte er etwas fester. „Offiziell. Nicht als ‚ich bin faul‘, sondern als ‚ich hatte genug Katastrophen für eine Woche‘.“ Küche – ein anderer Ton In der Küche saß die Mutter mit einer Tasse Tee, vor ihr ein Block mit Notizen. Der Vater war nicht da. „Morgen,“ sagte Lukas. „Morgen,“ antwortete sie, und in ihrer Stimme lag dieses müde, aber echte Warm. „Wo ist…?“ Er brach ab, deutete Richtung Wohnzimmer – meinte den Vater. „Beim Hausarzt,“ sagte sie. „Frühtermin. Wegen Sucht, wegen Schlaf, wegen Psyche. Er ist wirklich hingegangen.“ Lukas brauchte einen Moment, um das zu sortieren. Ein Teil in ihm dachte: „Gut.“ Ein anderer: „Na ja, war auch langsam Zeit.“ „Und du?“ fragte sie. „Ich bleib heute zuhause,“ sagte er. „Kein Hörsaal, kein Selbstversuch ‚Wie viel halte ich noch aus‘. Ich… brauch einen Tag, an dem mein Körper und mein Kopf nicht auf Daueralarm sind.“ Sie nickte sofort. „Gut,“ sagte sie. „Dann schreiben wir’s auch so auf. Kein ‚geschwänzt‘, sondern ‚krank / gesundheitlich angeschlagen‘. Du hattest Rauch, Stress, Panik. Dein Körper ist keine Maschine.“ Sie stellte ihm eine Schüssel auf den Tisch. Haferbrei, warm, mit ein bisschen Zimt und Banane. Comfort Food. „Heute machen wir langsame Dinge,“ meinte sie. „Keine E-Mails an Profs, keine Konfrontationen, außer du willst unbedingt.“ Lukas setzte sich, griff zum Löffel. „Ich will nur zwei Sachen machen,“ sagte er zwischen zwei Löffeln. „Mutbuch. Und… ein bisschen sortieren, was ich nächste Woche in der Autismustherapie erzählen muss. Mehr nicht.“ „Und FIFA,“ kam es aus dem Türrahmen. Der Spieler lehnte dort, Arme verschränkt. „Und FIFA,“ gab Lukas zu. „Aber das zählt zur Medizin.“ Später Vormittag – Wohnung als Schutzraum Die Stunden bis zum Mittag verstrichen langsam. Lukas machte das, was er sonst immer wieder von sich wegschob: • Er lüftete sein Zimmer gründlich, • wechselte das Bettzeug, das noch ein wenig nach Rauch roch, • sammelte die Klamotten vom Stammlokal-Tag zusammen, die im Wäschekorb lagen. Währenddessen hörte er im Hintergrund die Geräusche des Alltags: • die Waschmaschine,
das ferne Summen einer Straßenbahn, hin und wieder der Signalton von einer eingehenden Nachricht auf ihrem Familienhandy. Er ignorierte Uni-Gruppenchats bewusst. Keine Lust auf Kommentare wie: „Morgen alle in Mathe? XD“ „Yo, keiner Zeit für Pause – Prüfungen kommen.“ „Habt ihr gehört, die Lernplattform ist immer noch kaputt.“ Stattdessen schnappte er sich irgendwann sein Mutbuch, setzte sich an den Schreibtisch und blätterte zurück: • Tag 10: Mails, IT, Termine. • Tag 11: Winterzeitmarkt, Polizei, Vater. • Tag 12: Zahnarzt, Feuer im Stammlokal. • Tag 13: Weihnachtsmarkt, Tee statt Wein, kein Drama. „Vier Tage,“ murmelte er. „Vier Tage, die sich anfühlen wie zwei Jahre.“ Er zog eine neue Seite auf. • •
Mutbuch – die „Zwischenbilanz-Übersicht“ Oben auf die Seite schrieb er: „Tag 14 – Stay-Home-Tag“ Darunter machte er zwei Spalten: Links: Rechts: Kopf & Herz Unter „Körper“ schrieb er: • Kratzen im Hals – vom Rauch • Brust enger als sonst – Stress + Reizung • leichte Müdigkeit – zu wenig echter Schlaf • Zähne müde – Knirschen, Zahnarzt • generell ausgelaugt – Adrenalin-Abfall Unter „Kopf & Herz“: • Bilder vom Feuer im Lokal • Vater, der schreiend am Wintermarkt stand • Vater, der gestern vor der Feuerschale aus dem Weg ging • Angst, dass es wieder kippt • Wut auf ihn • Wut auf mich selbst („Warum geh ich überhaupt noch mit?“) • leiser Hoffnungspunkt: Tee statt Wein, Hausarzttermin Dann setzte er sich ein kleines Kästchen auf die Seite: „Was ich heute NICHT muss:“ • Niemandem etwas beweisen • Nicht stark tun in der Hochschule • Keine neuen Katastrophen „aushalten“ • Keine Rolle spielen Und daneben: „Was ich heute DARF:“ • müde sein • Pause machen • FIFA spielen • Kakao trinken, ohne Großevent • mit dem Spieler reden • einfach nur existieren
Er spürte, wie ihm beim Schreiben Tränen in die Augen stiegen – keine dramatischen Heulkrämpfe, sondern diese leise Erschöpfungstränen, wenn der Körper endlich merkt: Ich bin gerade sicher. Ich darf kurz runterfahren. Mittag – Vater kehrt zurück Gegen Mittag hörte er die Wohnungstür. Stimmen im Flur. Der Vater war zurück. Lukas blieb erst einmal in seinem Zimmer, der Spieler setzte sich auf die Bettkante neben ihn. „Willst du rausgehen oder nicht?“ fragte Erling ruhig. „Ich… will hören, wie er klingt,“ sagte Lukas. „Dann entscheide ich.“ Die Tür zur Küche blieb halb offen. Lukas hörte nur Fetzen, aber es reichte: „…Blutwerte, Leber…“ „…ja, ich hab zugegeben, dass das mit der Kerze meine Schuld war…“ „…Überweisung zur Suchtberatung…“ „…Termin in zwei Tagen…“ „…Alkoholpausen, klare Regeln…“ Die Stimmen waren ruhig. Kein Geschrei, kein Türknallen, kein „Ich bin doch kein Alkoholiker!“. Nach einer Weile kam die Mutter in Lukas’ Zimmer. „Hausarzt war anstrengend, aber… gut,“ sagte sie. „Er hat nicht weggelacht, was passiert ist. Er hat sehr klar gesagt, dass dein Vater ein Problem hat. Aber auch, dass es Wege gibt.“ Lukas nickte. „Hat er… versucht, alles auf ‚Stress‘ zu schieben?“ fragte er. „Am Anfang zaghaft,“ antwortete sie ehrlich. „Dann wurde er ruhig und hat gesagt: ‚Ich hab Mist gebaut. Sehr viel Mist. Und mein Sohn hätte es verdient, einen Vater zu haben, der nicht jedes Mal in Rauch und Feuer endet.‘“ Lukas spürte, wie sein Brustkorb einmal tief bebte. „Ich… komm gleich raus,“ sagte er leise. „Aber… ich will keinen großen Monolog. Nur… Normalität. Ein bisschen.“ Mittagessen – erstaunlich unspektakulär Sie aßen zusammen zu Mittag – Nudeln mit Tomatensoße. Ein einfaches Essen, aber genau das tat gut. Der Vater aß langsam, trank nebenbei wieder nur Wasser. Es gab keinen Vortrag, keine Entschuldigungsshow. Nur ein, zwei Sätze, die sich leise in den Raum legen durften. „Danke, dass ihr gestern mit mir auf den Weihnachtsmarkt gegangen seid,“ sagte er irgendwann. „Und dass ihr heute akzeptiert, dass ich zum Arzt bin.“ Lukas stocherte kurz in den Nudeln, hob dann den Blick. „Ich hab’s nicht für dich getan,“ sagte er ehrlich. „Ich hab’s für mich getan. Ich wollte sehen, ob es noch Tage geben kann, die nicht in Chaos enden.“ Statt beleidigt zu reagieren, nickte der Vater. „Fair,“ sagte er. „So sollst du es auch sehen.“ Die Mutter wechselte irgendwann bewusst das Thema zu etwas Kleinerem: „Ob die IT von der Hochschule irgendwann ihren Kram wieder hinkriegt?“ murmelte sie. Lukas zog eine Grimasse. „Kann ruhig noch einen Tag kaputt bleiben,“ sagte er. „Dann hab ich eine offizielle Ausrede mehr.“
Alle mussten Klein, schief, aber immerhin.
Früher Nachmittag – FIFA & kleine Fluchten Nach dem Essen zog Lukas sich ins Wohnzimmer zurück. Die Vorhänge halb zu, die Konsole an, Controller in der Hand. Der Spieler setzte sich neben ihn. „Wer spielt heute?“ fragte er. „Mainz 05 gegen… alle,“ meinte Lukas. „Ich brauche eine Welt, in der Mainz gewinnt, egal was passiert.“ Sie spielten. • FIFA war nicht die Realität, • aber für eine Weile konnte er sich dort verlieren: Taktik, Pässe, Tore, Jubel, ohne dass jemand ihm eine Flasche hinterherwarf oder sein Leben anzündete. Währenddessen hörte man im Hintergrund die Waschmaschine brummen, eine normale Geräuschkulisse, keine Sirenen. Zwischendurch machte der Spieler den Fernseher leiser. „Kleine Pause,“ sagte er. „Wie fühlt es sich an, heute hier zu sein? Nicht im Hörsaal, nicht im Stammlokal?“ Lukas dachte nach. „Wie… eine Zwischenstation,“ sagte er. „Nicht mehr im Feuer, aber auch noch nicht in Sicherheit. Aber… meine Füße brennen nicht mehr. Und meine Lunge muss heute nur mit Wohnzimmersauerstoff klarkommen.“ „Das ist viel,“ meinte der Spieler. „Sehr viel.“ Später Nachmittag – Vorbereitung für die nächsten Schritte Gegen späten Nachmittag setzte sich Lukas noch einmal mit seinem Mutbuch und einem zweiten Notizblock an den Schreibtisch. „Was machst du?“ fragte der Spieler, der im Türrahmen stehen blieb. „Ich sammle die Themen für die nächsten Termine,“ sagte Lukas. „Autismustherapie. Nachteilsausgleich. Und… vielleicht… irgendwann Vater.“ Er schrieb eine Liste: Für die Autismustherapie: • Winterzeitmarkt – Gewalt, Polizei • Stammlokal – Feuer, Gefühl „eingesperrt“ • Tag 13 – ruhiger Weihnachtsmarkt, Tee, Feuerschale • Gefühle: Schuld, Wut, Erleichterung, Überforderung • Daueralarmzustand -> heute erstmals Pause Für das Gespräch mit der Hochschule / Behindertenbeauftragten: • Cyberangriff & Lernplattform – Sicherheitsangst, Mail geschrieben • Mathe-Vorkurs – Urinbeutelaktion, Demütigung • Bein stellen im Flur, Lachen, „Gewohntes Umfeld“-Spruch • fehlende sichere Räume • Wunsch: weniger „überlebt irgendwie“, mehr „studiert mit Schutz“ Und in eine dritte, kleinere Spalte: Für später – Vater-Thema (Therapie): • Rollstuhl-Verbrennung • Glühwein-Ausraste • Feuer im Stammlokal • aber auch: Tee-Weihnachtsmarkt, Hausarztbesuch
„Ich will nicht, dass die Therapie nur aus Horror besteht,“ sagte Lukas. „Aber ich will auch nicht so tun, als wäre alles halb so schlimm. Ich will’s echt erzählen.“ Der Spieler nickte. „Genau darum geht’s,“ meinte er. „Nicht weichzeichnen, nicht dramatisieren. Echt.“ Abend – ein leiser Abschluss Abends saßen sie nicht alle zusammen vor einem Adventskranz – dafür war die Stimmung noch zu fragil –, aber sie saßen immerhin im selben Raum: • die Mutter auf dem Sessel mit einem Buch, • der Vater auf dem Sofa, eine Decke über den Beinen, • Lukas und der Spieler am Couchtisch mit einem Puzzle, das zur Hälfte aus Schnee und zur Hälfte aus Lichtern bestand. „Ich wusste gar nicht, dass du puzzelst,“ sagte der Spieler. „Tu ich auch selten,“ meinte Lukas. „Aber heute ist… so ein Tag.“ Ein paar Teile passten, andere nicht, manche fanden sie erst nach minutenlangem Suchen. Irgendwie fühlte es sich passend an. „Weißt du,“ sagte Lukas irgendwann leise, „heute war kein spannender Tag. Kein neuer Skandal, kein Riesen-Drama. Ich war einfach nur zuhause. Aber… ich glaub, ich hab diesen Tag mehr gebraucht als alle Action zusammen.“ „Dein Nervensystem auch,“ sagte der Spieler. Später, in seinem Zimmer, öffnete Lukas noch einmal kurz das Mutbuch und schrieb nur einen Satz unter den heutigen Eintrag: „Tag 14: Der Tag, an dem ich nicht kämpfen musste – sondern einfach nur atmen, sortieren und sein.“ Er legte sich ins Bett, die Decke bis zur Brust, hörte, wie in der Wohnung langsam alles ruhiger wurde. Draußen fuhr eine letzte Straßenbahn vorbei, drinnen stellte jemand noch ein Glas in die Spülmaschine. Kein Feuer. Keine Sirenen. Keine Polizei. Nur ein Tag zu Hause. Für viele Menschen nichts Besonderes. Für Lukas war es ein kleines Stück Überleben, das nicht in Flammen aufging – sondern leise, aber wichtig in ihm weiterglühte. Der fünfzehnte Tag begann wie ein normaler Hochschultag – aber Lukas wusste inzwischen, dass „normal“ bei ihm selten wirklich normal blieb. Morgen – zurück in Richtung Hochschule Der Wecker klingelte zu früh. Lukas lag kurz auf dem Rücken und starrte an die Decke. Tag 14 hatte ihm gut getan – ein Tag ohne Hörsaal, ohne Menschenmengen, ohne neue Katastrophen. Jetzt stand wieder „Hochschule“ auf dem Plan. Der Spieler saß schon mit einer Tasse Tee am Küchentisch, als Lukas in die Küche kam. „Bereit für MSP?“ fragte er vorsichtig. Lukas verzog den Mund. „Bereit ist übertrieben,“ murmelte er. „Aber… ich will hingehen. Wenn ich jetzt nach jedem Feuer, jedem Drama, jeder Demütigung wegbleibe, bin ich bald nur noch zuhause.“
Er nahm einen Schluck Tee, spürte die Wärme im Hals. „Panikskala?“ fragte der Spieler. „Vorlesung: 6 von 10,“ sagte Lukas. „Vor allem, weil sie wieder da vorne steht. Die Lehrerin. Und ich nie weiß, ob sie heute nett tut oder wieder so einen Spruch bringt, der mich drei Tage lang verfolgt.“ „Wir machen’s wie immer,“ meinte der Spieler. „Ich bin dabei. Du entscheidest, wie lange du bleibst. Wenn’s kippt, gehen wir.“ Der Vater war an diesem Morgen erstaunlich still. Er saß mit einer Kaffeetasse da, Augenringe, aber kein Alkoholgeruch. „Viel Erfolg,“ murmelte er, fast ein bisschen schüchtern. „Und… wenn die dich wieder schlecht behandeln, dann liegt das an ihnen, nicht an dir.“ Lukas nickte, ohne etwas zu sagen – aber der Satz blieb im Hinterkopf hängen. Auf dem Weg – die Hochschule als Brennpunkt In der Straßenbahn zur Hochschule war es voll, aber er und der Spieler hatten einen Platz am Rand ergattert. Aus dem Fenster sah Lukas die bekannten Gebäude vorbeiziehen: Wohnblocks, ein Spielplatz, eine Kreuzung, an der er schon tausend Mal umgestiegen war. Sein Kopf begann automatisch, die Karte des Tages zu zeichnen: • Ankunft an der Hochschule • Treppe hoch • Flur mit den zu lauten Gruppen • MSP-Vorlesungsraum • danach: irgendwas zu trinken, durchatmen, überlegen, ob er noch bleibt oder nach Hause fährt „Was wäre heute für dich ein Erfolg?“ fragte der Spieler leise. Lukas dachte nach. „Nicht zusammenbrechen,“ sagte er. „Nicht aus dem Saal rennen. Nicht… so erstarren, dass ich gar nichts mehr sagen kann. Und vielleicht… einmal, nur einmal, einen Satz zurücksagen dürfen, ohne dass alle mich anschauen, als wäre ich frech.“ Der Spieler nickte. „Klingt wie ein realistischer, aber mutiger Plan,“ meinte er. Ankunft – Flur, Blicke, Geräusche Die Hochschule begrüßte sie wie immer mit einer Mischung aus: • Neonlicht, • Kaffeeduft, • Stimmengewirr, • klappernden Türen. Im Flur vor dem MSP-Raum standen schon einige Kommiliton*innen in Gruppen zusammen, lachten, redeten über Prüfungen oder irgendwelche Serien. Lukas blieb einen Moment stehen. Sein Herzschlag ging schneller, aber noch im grünen Bereich. „Skala?“ fragte der Spieler. „5,“ murmelte Lukas. „Solange keiner ‚Beutel‘ sagt, bin ich okay.“ Ein paar Köpfe drehten sich zu ihm, als sie den Raum betraten. Nicht alle, aber genug, dass er sich beobachtet fühlte. „Da ist er wieder,“ flüsterte jemand. „Der mit dem Katheter,“ kicherte eine Stimme leise – mehr hinterhältig als wirklich mutig.
Lukas’ Nacken zog sich zusammen, aber er tat so, als hätte er es nicht gehört. Der Spieler merkte es trotzdem – er sah, wie Lukas’ Schultern ein kleines bisschen höher rutschten. „Wir setzen uns wieder in die Reihe am Rand,“ schlug Erling vor. „Nicht ganz hinten, nicht ganz vorne, aber da, wo du im Notfall rauskommst.“ Lukas nickte. Sie setzten sich. MSP-Vorlesung – die alte Wunde wird wieder aufgerissen Die Lehrerin – dieselbe, die ihn schon einmal vor der ganzen Gruppe bloßgestellt hatte – kam mit einem Stapel Unterlagen in den Raum. „Guten Morgen,“ sagte sie sachlich. „Ich hoffe, Sie haben die Aufgaben vom letzten Mal bearbeitet.“ Ein Gemurmel ging durch den Raum. Sie legte die Sachen auf den Tisch, warf einen Blick ins Plenum – ihre Augen wanderten kurz über die Reihen, blieben dann einen Augenblick zu lang bei Lukas hängen. Es war nur eine Sekunde, aber für ihn fühlte es sich an wie ein Scheinwerfer. „Bevor wir anfangen,“ sagte sie, „möchte ich etwas Organisatorisches zur Gruppenarbeit sagen.“ Lukas’ Magen zog sich zusammen. Gruppenarbeit. „Einige von Ihnen,“ fuhr sie fort, „haben sich immer noch keiner festen Gruppe angeschlossen. Das mag in der Schule funktioniert haben, hier nicht. Die Hochschule ist kein ‚Ich-mache-alles-alleine-Spielplatz‘.“ Sie schaute direkt in Lukas’ Richtung. „Herr …,“ sagte sie (seinen Nachnamen hängend in der Luft), „Sie sitzen schon wieder alleine. Warum sind Sie nicht in einer Gruppe? Ich habe Ihnen doch beim letzten Mal deutlich gemacht, dass das so nicht geht.“ Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Lukas spürte dutzende Blicke auf sich. Sein Kopf wurde heiß. „Weil… ich in Gruppen schlechte Erfahrungen gemacht habe,“ brachte er hervor. „Mit Mobbing. Mit Demütigungen. Und ich bin Autist. Für mich ist das… schwieriger.“ Ein paar Leute rollten die Augen. Irgendwer flüsterte: „Schon wieder Autismus-Karte.“ Die Lehrerin seufzte hörbar. „Wir haben das Thema doch schon gehabt,“ sagte sie, mit diesem Ton, der so tat, als wäre Lukas ein aufmüpfiger Teenager. „Hier ist Hochschule. Nicht Therapiegruppe. Wer hier studiert, muss sich an gewisse Rahmenbedingungen halten.“ Lukas spürte, wie seine Hände langsam zu Fäusten wurden. „Es geht nicht darum, dass ich mich nicht an Regeln halte,“ sagte er leise. „Es geht darum, dass ich nicht wieder…“ Er schluckte. Die Lehrerin unterbrach ihn. „Sie haben letztes Mal schon Theater gemacht,“ sagte sie scharf. „Mit Katheter, Beutel und Toilettendrama. Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen sich auf den Stoff konzentrieren – und wenn das heißt, dass Sie zur Not in die Hose machen müssen, dann ist das eben so. Wir sind hier nicht im Kindergarten, wo jederzeit alles für jeden angehalten wird.“ Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Ein paar Leute kicherten. Andere sahen betroffen weg, sagten aber nichts.
Lukas’ Herz raste. In seinem Kopf flackerten Bilder: • Er auf dem Stuhl, alle starren, • der Urinbeutel, der absichtlich zum Platzen gebracht wurde, • das „Willkommen zurück im gewohnten Umfeld“-Gelächter. Er fühlte, wie sich Wut in seiner Brust sammelte – heiß, dicht, gefährlich. Der Spieler neben ihm ballte unauffällig die Hände, sagte aber nichts – er wusste, dass er hier offiziell nur „unsichtbar“ war, nicht als berühmter Fußballer, sondern als Begleitung. „Das, was Sie da sagen,“ murmelte Lukas, „ist… entwürdigend.“ Die Lehrerin zog eine Augenbraue hoch. „Entwürdigend ist,“ sagte sie, „wenn eine ganze Gruppe ihren Stoff nicht schafft, weil eine Person ständig Sonderbehandlungen braucht. Sie können gern mit dem Psychologischen Dienst reden – das habe ich Ihnen ja schon empfohlen. Aber hier in der Vorlesung gelten die gleichen Regeln für alle.“ „Tun sie eben nicht,“ dachte Lukas. „Nicht, wenn jemand sich über meine Behinderung lustig macht und alle weggucken.“ Er biss sich auf die Lippe. Er wusste, wenn er jetzt weiterdiskutierte, würde sie ihn als „respektlos“ hinstellen. Die Vorlesung begann. Vorlesung – Inhalt vs. innerer Sturm Was inhaltlich lief – irgendwelche Formeln, Funktionen, Beispiele auf der Tafel –, kam bei Lukas nur noch in Fragmenten an. Er hörte: „…Mengenlehre…“ „…lineare Abbildungen…“ „…denken Sie an die Klausur…“ Aber gleichzeitig liefen in seinem Kopf andere Sätze: „Wenn das heißt, dass Sie in die Hose machen müssen, ist das eben so.“ „Hier ist nicht Therapiegruppe.“ „Sie haben schon letztes Mal Theater gemacht.“ Die Tafel verschwamm. Er krallte sich in den Stuhl, versuchte, nicht einfach aufzustehen und rauszurennen – nicht, weil er stark sein musste, sondern weil er die Demütigung nicht noch sichtbarer machen wollte. Der Spieler beobachtete ihn. Er sah, wie Lukas’ Kiefer mahlte, wie seine Finger zitterten. „Atmen,“ flüsterte er zwischen zwei Sätzen der Dozentin. „Ein. Aus. Du bist hier. Du sitzt auf einem Stuhl. Deine Füße stehen auf dem Boden. Du musst gerade nicht entscheiden, ob du in die Hose machst. Du musst nur entscheiden, ob du sitzenbleibst oder gehst.“ Eine Stunde später war die Vorlesung vorbei – für Lukas fühlte es sich an, als hätte er einen Kampf durchgestanden, bei dem er keine Waffe hatte. Nach der Vorlesung – „Nur kurz was trinken“ Als sie den Raum verließen, war der Flur wie getränkt mit einer Mischung aus Stimmen und den Resten der Vorlesung. Ein paar Kommiliton*innen gingen an Lukas vorbei, manche warfen ihm einen schnellen Blick zu, andere ignorierten ihn. „Der tut mir irgendwie leid,“ flüsterte jemand.
„Ja, aber… der übertreibt auch,“ antwortete eine andere Stimme. Lukas spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. „Ich brauche was zu trinken,“ sagte er, die Stimme etwas abgehackt. „Wasser. Cola. Egal. Ich brauch irgendwas in der Hand, sonst…“ „Mensa oder Café?“ fragte der Spieler. „Café,“ meinte Lukas. „Mensa ist mir zu voll.“ Sie gingen in das kleine Campus-Café – ein eher ruhiger Ort, mit ein paar Tischen, gedämpftem Licht, Kaffeemaschinenbrummen im Hintergrund. Lukas bestellte eine Cola. Der Spieler einen Tee. Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster, von dem aus man auf den Innenhof sehen konnte. Die Cola – und etwas kippt im jungen Mann Lukas nahm einen großen Schluck Cola, als würde er den ganzen Morgen damit runterspülen wollen. „Weißt du, was mich am meisten ankotzt?“ begann er, erst leise, dann mit merklich härterer Stimme. „Dass sie so tut, als wäre ich das Problem. Als wären Leute wie ich… Ballast.“ Der Spieler nickte langsam. „Ja,“ sagte er. „Das war keine pädagogische Aussage. Das war Demütigung.“ Lukas’ Finger trommelten auf dem Tisch. „Sie sagt, alle haben die gleichen Regeln,“ fuhr er fort. „Aber das stimmt nicht. Für manche gelten Regeln, die andere nicht mal sehen. Wenn ich zur Toilette muss, wird es zur Show. Wenn jemand anderes kurz rausgeht, sagt kein Mensch was.“ Er nahm wieder einen Schluck. Die Cola brannte leicht in der Kehle – ein Gefühl, das seine innere Hitze noch verstärkte. „Und dann dieses ‚Theater‘,“ spuckte er das Wort fast aus. „Als wäre es eine Aufführung, dass ich nicht will, dass mir jemand sagt, ich soll in die Hose machen. Weißt du, wie es ist, wenn dir jemand das ernsthaft vorschlägt? Nicht als Witz, sondern als „Lösung“?“ Der Spieler sah ihn an und schwieg – er ließ Lukas reden. Die Worte wurden härter. „Vielleicht sollten sie alle mal in ihrer eigenen Scheiße sitzen,“ knurrte Lukas. „Vielleicht sollten die mal sehen, wie es ist, wenn andere lachen, während du da sitzt und nicht weißt, ob du schreien oder heulen sollst.“ Seine Hände begannen, leicht zu zittern. Er schlug mit den Fingerspitzen etwas härter auf die Tischplatte, als er wollte; das Glas klirrte. Ein kurzer Blick von der Bar – der Barista war irritiert, aber sagte nichts. „Vorsicht,“ sagte der Spieler ruhig. „Der Tisch kann nichts dafür.“ „Ich… ich will denen wehtun,“ platzte es plötzlich aus Lukas heraus, und er erschrak vor seinen eigenen Worten. „Nicht körperlich… vielleicht doch… ich weiß nicht. Ich stell mir vor, wie ich einmal richtig laut werde. Alles hinschmeiße. Sagen: ‚Ihr seid das Problem! Nicht ich!‘“ Die Cola war schon halb leer. Seine Stimme wurde schärfer. „Es reicht doch irgendwann!“ fuhr er fort. „Immer nur ich als der, der sich anpassen soll. Ich bin der, der still sein soll, nett sein soll, Verständnis haben soll. Für Lehrer. Für Schüler. Für Leute, die meinen Rollstuhl anzünden oder mir Urinbeutel an den Kopf werfen. Und wenn ich einmal sage ‚Nein‘, bin ich das Theater.“ Der Spieler senkte leicht den Kopf. Er kannte diesen Punkt – den Moment, in dem Wut von einem Schutzgefühl zu einer Gefahr wurde.
Nicht für sondern für Lukas selbst.
Aggression – Lukas erschrickt vor sich selbst Lukas merkte, wie seine Worte sich verselbständigten. „Manchmal,“ sagte er, „merke ich, wie ich innen so werde wie…“ Er brach ab. Es war, als wäre seine Zunge gegen eine unsichtbare Wand gestoßen. Der Spieler half ihm mit dem Gedanken. „Wie wer?“ fragte er leise. Lukas starrte auf das Glas. „Wie mein Vater,“ flüsterte er. „Nicht mit Fäusten, aber mit… diesem inneren Gefühl: Ich will, dass die Welt merkt, wie weh mir das tut. Und wenn sie es nicht merkt, soll sie es fühlen. Spüren. Auch auf die harte Tour.“ Der Satz stand zwischen ihnen. Draußen liefen Studierende vorbei, lachten, sprachen über Hausarbeiten. Drinnen, am Tisch, saß ein junger Mann, der zum ersten Mal merkte, dass die Aggression, die er hasste, sich in ihm selbst rührte. Die Cola war inzwischen fast leer. Er stellte das Glas zu hart ab – ein bisschen spritzte über den Rand. „Lukas,“ sagte der Spieler ruhig, „ich sag dir jetzt etwas, das wichtig ist: Wut ist kein Fehler. Sie ist eine Reaktion. Aber was du damit tust – das entscheidet, ob du wie dein Vater wirst oder ob du der bist, der die Kette unterbricht.“ „Ich hab keine Lust mehr, immer der zu sein, der versteht,“ knurrte Lukas. „Ich will, dass jemand versteht, wie tief das sitzt. Wenn die mich wieder bitten, in die Hose zu machen – glaubst du, ich kann da ruhig sitzen? Irgendwann steh ich auf und schreie.“ Der Spieler legte beide Unterarme auf den Tisch, beugte sich ein Stück vor. „Und wenn du schreist,“ sagte er leise, „dann schreist du. Das wäre verständlich. Ich habe mehr Angst davor, dass du nach innen explodierst – oder dass du anfängst, an dir zu zweifeln, weil du Wut spürst.“ Kipppunkt – der junge Mann wird „anders“ Aber Lukas war in diesem Moment in seinem eigenen Tunnel. Er spürte Adrenalin in den Fingerspitzen, eine Restspur Cola auf den Lippen, sein Herz schlug deutlich spürbar. „Weißt du, was mich am meisten triggert?“ sagte er, jetzt lauter als vorher. „Sie sagt, die Hochschule ist kein Kindergarten – aber sie behandelt mich wie ein Kind. ‚Mach in die Hose, dann stören Sie die Vorlesung nicht.‘ Das ist kein Satz für Erwachsene. Das ist Demütigung. Das ist Gewalt – nur halt mit Worten.“ Ein älterer Student am Nebentisch drehte sich kurz um, sah Lukas überrascht an, wandte sich dann wieder ab. „Die sollen froh sein,“ fuhr Lukas fort, „dass ich noch höflich bleibe. Dass ich nicht jeden Stuhl durch den Raum trete. Vielleicht bin ich irgendwann NICHT mehr höflich. Vielleicht schreibe ich alles an die Presse. Vielleicht setze ich mich vor die Hochschule mit einem Schild: ‚Hier darfst du deinen Beutel platzen lassen, aber keine Grenzen setzen.‘“ Der Spieler beobachtete ihn aufmerksam. „Lukas,“ sagte er, „merkst du, wie du gerade redest?“ „Ja,“ schnappte Lukas. „Wütend. Warum?“ „Du klingst,“ sagte der Spieler vorsichtig, „als würdest du gegen alle kämpfen. Nicht nur gegen eine Lehrerin. Als wärst du kurz davor, die ganze Welt abzuschreiben.“
Lukas wollte spontan widersprechen – doch dann traf ihn ein Gedanke wie ein kalter Wasserschwall: Genau so klingt mein Vater, wenn er trinkt. Dieses „alle sind gegen mich“, dieses „ich bin der Einzige, der die Wahrheit sieht.“ Er griff wieder nach seinem Glas – das längst leer war – und merkte, wie seine Hand zitterte. „Ich will nicht so sein,“ flüsterte er. Deeskalation – der Spieler zieht die Notbremse Der Spieler atmete einmal ruhig durch. „Dann lass uns jetzt hier, an diesem Tisch, die Bremse ziehen,“ sagte er. „Bevor deine Wut dich benutzt – statt umgekehrt.“ „Wie denn?“ fragte Lukas verzweifelt. „Ich kann sie nicht einfach ausschalten.“ „Wir schalten sie nicht aus,“ sagte der Spieler. „Wir geben ihr einen anderen Kanal.“ Er zog das Mutbuch aus Lukas’ Rucksack, den sie neben den Stuhl gestellt hatten. „Schreib,“ meinte er. „Jetzt. Nicht später zuhause. Nicht, wenn es wieder abgesackt ist. Schreib, wie es sich JETZT anfühlt. Ohne zu überlegen, ob es hübsch klingt.“ „Hier? Im Café?“ fragte Lukas skeptisch. „Ja,“ sagte der Spieler. „Genau hier. Draußen sieht es aus wie ‚zwei Typen, die was trinken‘. Dass du gerade innerlich fast explodierst, sieht man dir nicht an. Du darfst es irgendwo hinpacken.“ Lukas schlug das Mutbuch auf, nahm den Stift, der vorne eingeklemmt war. Seine Hand zitterte beim Schreiben, aber er schrieb: „Tag 15 – nach MSP im Café: Die Lehrerin hat wieder gesagt, ich soll zur Not in die Hose machen. Vor der ganzen Gruppe. Ich fühle: – Wut, wie glühende Kohle in der Brust – Scham, als würde jemand mich ausziehen und ausstellen – Hass – nicht nur gegen sie, sondern gegen dieses ganze System – Angst, dass ich so werde wie mein Vater, wenn ich der Wut nachgebe Ich will schreien. Ich will sagen: ‚Ihr seid alle genauso schlimm wie die, die mir Beutel platzen lassen.‘ Ich will, dass jemand anders sich schämt – nicht nur ich.“ Er schrieb weiter, die Buchstaben etwas krakelig: „Ich merke, wie ich Sätze denke wie: ‚Die sollen mal spüren, wie das ist.‘ Das macht mir Angst. Ich will nicht der werden, der Schaden anrichtet, nur weil ihm wehgetan wurde. Ich will der sein, der sagt: ‚Stopp‘ – ohne selbst zum Täter zu werden.“ Als er fertig war, war seine Atmung langsamer geworden. Die Aggression war nicht weg – aber sie war aus seinem Kopf zu einem Teil auf das Papier gewandert. Ein Satz vom Spieler – Wut ist nicht Vererbung „Lukas,“ sagte der Spieler, als er fertig war, „hör mir zu:“ Er wartete, bis Lukas ihn ansah. „Du hast heute etwas erlebt, was furchtbar ungerecht ist,“ sagte er. „Deine Wut ist eine logische Reaktion. Sie zeigt, dass du noch fühlst. Dass du nicht abgestumpft bist.“ Er machte eine kurze Pause. „Wut macht dich nicht automatisch zu deinem Vater,“ fuhr er fort. „Sie macht dich nur zu einem Menschen. Was du JETZT tust – darüber entscheidest du. Du hast sie aufgeschrieben, statt jemanden anzuschreien oder etwas zu zerstören. Das ist schon der erste Unterschied.“
Lukas schluckte. „Aber was, wenn es irgendwann nicht reicht?“ fragte er leise. „Was, wenn ich irgendwann wirklich aufspringe und…“ „Dann werden wir auch damit umgehen,“ sagte der Spieler. „Mit deiner Therapeutin, mit deiner Mutter, vielleicht mit jemandem von der Hochschule, der dich nicht wie eine Belastung sieht. Aber heute – heute bist du nicht ausgerastet. Du bist wütend sitzengeblieben und hast geschrieben. Das ist mehr Stärke, als jeder Schreihals auf einem Markt jemals hatte.“ Lukas’ Gedanken wanderten kurz zu seinem Vater auf dem Wintermarkt, zu den Schlägen, der Polizei, dem Feuer. „Ich… will nicht, dass meine Wut andere verletzt,“ sagte er leise. „Ich will, dass sie mir hilft, mich zu schützen – nicht, dass sie mich zu dem macht, wovor ich selbst Angst habe.“ Später – Entscheidung für den Rückzug Nach einer Weile im Café, in der sie einfach nur schwiegen, Cola- und Teebecher leer, Mutbuch offen auf dem Tisch, sagte Lukas: „Ich glaube, ich gehe heute nach Hause. Keine zweite Vorlesung. Keine Bib. Ich habe das Limit erreicht.“ Der Spieler nickte zustimmend. „Gute Entscheidung,“ meinte er. „Kein Mut beweist du dadurch, dass du dich komplett zerstörst. Mut ist auch, zu sagen: ‚Heute reicht es.‘“ Auf dem Weg zur Straßenbahn war Lukas’ Gang immer noch angespannt, aber nicht mehr so explosiv wie kurz nach der Vorlesung. Er spürte die Wut wie ein brennendes Knäuel in der Brust – aber es war eines, das er nicht mehr ganz so fürchten musste wie noch vor einer Stunde. Abend – Spiegel der Kette Zuhause angekommen, war die Wohnung ruhig. Der Vater saß am Tisch mit einem Zettel, auf dem „Suchtberatung – Erstgespräch“ stand. Daneben eine Liste mit Terminen, die er sich offensichtlich notiert hatte. Lukas legte seinen Rucksack ab, sah den Zettel, sah dann seinen Vater an. „Wie war die Vorlesung?“ fragte der leise. Lukas überlegte kurz, wie viel er sagen wollte. „Scheiße,“ sagte er dann offen. „Die Lehrerin hat wieder gesagt, ich soll zur Not in die Hose machen. Vor allen. Und ich war richtig, richtig wütend. So wütend, dass ich kurz Angst hatte, ich werde wie du früher… wenn du getrunken hattest.“ Der Vater zuckte, als hätte ihn jemand geohrfeigt – nicht wütend, sondern getroffen. Er sah Lukas an, und in seinem Blick lag eine Mischung aus Schuld und Klarheit. „Dann,“ sagte der Vater, „musst du jetzt alles tun, was ich damals nicht getan habe.“ „Was wäre das?“ fragte Lukas skeptisch. „Reden, bevor du explodierst,“ sagte der Vater. „Hilfe holen, bevor du jemanden verletzt. Und… dir merken, wie es sich anfühlt, wenn andere unter deinem Ausrasten leiden. Ich weiß, wie das aussieht – ich hab es zu oft von außen gesehen, während ich der war, der alles kaputtgemacht hat.“ Lukas schwieg. Der Spieler im Hintergrund nickte kaum merklich. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen Vater und Sohn – trotz all des Schmerzes – denselben Punkt sahen: Wut ist da. Gewalt ist eine Möglichkeit. Aber sie ist keine Pflicht.
Später im Mutbuch – die Kette durchbrechen Später, allein in seinem Zimmer, schlug Lukas das Mutbuch noch einmal auf und schrieb unter den Eintrag von heute: „Heute in MSP wieder Demütigung. Wieder ‚mach in die Hose‘. Wut in mir bis zum Anschlag. Ich habe gemerkt, wie ich innerlich anfange, wie mein Vater zu denken: ‚Die sollen fühlen, wie ich leide.‘ Aber ich habe niemanden geschlagen. Ich habe keinen Tisch umgeworfen. Ich habe geschrieben. Ich habe geredet. Vielleicht ist das der Moment, an dem ich die Kette durchbreche: Vater – Wut – Gewalt – Schuld – wieder Wut. Ich kann nicht verhindern, dass Leute mich demütigen. Aber ich kann entscheiden, ob ich andere mit runterreiße oder ob ich Hilfe hole und weiterschreibe.“ Er legte den Stift weg, atmete tief durch. Der fünfzehnte Tag war kein ruhiger Tag gewesen. Aber er war auch kein Tag, an dem die Wut gewonnen hatte. Sie war laut gewesen, hässlich, heiß – doch am Ende war sie auf Papier gelandet und in Gesprächen, nicht in geballten Fäusten oder umgestürzten Stühlen. Und genau das war – in einer Geschichte voller Feuer, Gasangriffen, Betrug und Manipulation – ein kleiner, aber immens wichtiger Sieg. Der fünfzehnte Tag hörte nach der Vorlesung nicht einfach auf. Er kippte nur in eine andere Art von Sturm. Nachmittag – ein stiller Raum, vergiftetes Wasser Nachdem Lukas und Erling Haaland im Café gesessen, geschrieben und geredet hatten, war die Wut in Lukas zwar etwas sortierter, aber nicht verschwunden. „Ich glaube, ich fahre nach Hause,“ hatte er gesagt. Doch als sie den Flur entlanggingen, merkte er, wie sein Kopf rauschte. „Vielleicht…“ murmelte er, „brauche ich noch zehn Minuten Ruhe. Irgendwo, wo niemand lacht, niemand mich anstarrt, keine Lehrerin mich fragt, warum ich noch keinen Beutel anhabe.“ Erling nickte. „Es gibt oben auf dem Flur noch einen kleinen Arbeitsraum,“ sagte er. „Mit Tischen, Steckdosen und einem Wasserautomaten. Da ist meist niemand.“ Sie gingen die Treppe hoch, vorbei an Türen mit Schildern: „Seminarraum 3.12“, „Tutorium“, „Besprechung“. Am Ende des Ganges war tatsächlich ein kleiner Raum, die Tür stand angelehnt. Innen: vier Tische, ein paar Stühle, Steckdosenleisten, ein Whiteboard. Und in der Ecke ein Wasserspender mit Plastikbechern. Es sah aus wie jeder andere Raum an der Hochschule. Harmlos. Unauffällig. Aber er war es nicht.
Ein paar Stunden zuvor – Patriks Hand Ein paar Stunden, bevor Lukas und Erling den Raum betraten, war jemand anderes da gewesen. Patrik. Er war – mit einer Kapuze über dem Kopf und einer Jacke, die aussah wie von irgendeinem Studenten – beinahe unsichtbar im Flur unterwegs gewesen. Kaum jemand achtete auf einzelne Gestalten in einem Hochschulgebäude. Er war in den Raum gegangen, hatte die Tür hinter sich geschlossen, den Wasserspender gemustert, kurz gelächelt. Aus seiner Tasche hatte er ein kleines Fläschchen gezogen – dieselbe Substanz, die er in den letzten Tagen schon heimlich in Weinflaschen und andere Getränke gebracht hatte. Zichnin. Ein paar Tropfen, nicht mehr. Gerade genug, damit: • Hemmungen sanken, • Reizschwellen fielen, • Aggression sich leichter Bahn brach. „Nur ein bisschen,“ hatte er geflüstert, während er die Tropfen in den Wasserbehälter gab. „Ich will sie nicht umbringen. Ich will nur, dass sie sich gegenseitig zerreißen.“ Dann hatte er alles wieder sorgfältig verschlossen, so unspektakulär, dass niemand etwas sehen würde. Als Lukas und Erling später den Raum betraten, war von all dem nichts zu erkennen. Das Wasser sah aus wie Wasser. Es roch wie Wasser. Es war klar wie Wasser. Im Raum – Erling und Lukas trinken Lukas ließ seine Tasche neben einen Tisch fallen und sank auf einen Stuhl. „Ich kann nicht mehr,“ murmelte er. „Ich hab das Gefühl, mein Kopf ist ein übervoller USBStick kurz vorm Absturz.“ Erling ging zum Wasserspender. „Ich hol uns was zu trinken,“ sagte er. „Du hast vorhin Cola inhaliert, dein Körper braucht jetzt auch mal was, das nicht Zucker ist.“ Er drückte zwei Plastikbecher voll, brachte sie rüber. „Hier.“ Lukas nahm den Becher. Er bemerkte höchstens, dass das Wasser ganz leicht „anders“ schmeckte – ein Hauch metallisch, ein Hauch bitter. Aber er schob es auf den Spender. „Typisch Hochschule,“ murmelte er. „Nicht mal Wasser kriegen sie richtig hin.“ Er trank trotzdem. Einmal. Zweimal. Erling trank ebenfalls ein paar kräftige Schlucke. Das Wasser war kalt, tat im ersten Moment gut nach dem vielen Reden, spülte die Restcola aus dem Mund. Sie schwiegen eine Weile. Der Raum war still, nur von draußen drang gedämpftes Stimmenmurmel über den Flur.
Die Wirkung – zuerst nur als Stimmung Es dauerte nicht lange. Fünf Minuten vielleicht. Zehn. Lukas merkte zuerst, dass sein Herz schneller schlug als eben noch im Café. Nicht so wie bei einem normalen Panikanfall – eher wie eine unterschwellige Unruhe, die sich langsam aber sicher immer weiter in ihn hineinfraß. Seine Gedanken wurden kantiger. Jeder Satz aus der Vorlesung, jede Bemerkung der Lehrerin, jeder Blick der Kommiliton*innen bekam Kanten, Haken, Widerhaken. „Du übertreibst.“ „Du bist das Theater.“ „Mach halt in die Hose.“ Erling spürte ebenfalls etwas. Sein Körper – sonst gewohnt an Druck, an Adrenalin, an Stadionatmosphäre – fühlte sich plötzlich… schärfer an. Gestresst ohne eindeutigen Grund. Seine Muskeln waren angespannt, als würde er jeden Moment zum Sprint ansetzen müssen. „Merkwürdig,“ dachte er. „Wir sitzen hier nur. Warum fühlt sich mein Körper an, als wäre gleich Anpfiff?“ Er sah zu Lukas. Der saß da, die Hände gefaltet, die Fingerknöchel weiß. „Lukas?“ fragte Erling vorsichtig. „Wie geht’s dir?“ Lukas hob den Kopf, und in seinen Augen war etwas, das Erling so noch nicht gesehen hatte. Kein reiner Schmerz. Kein reiner Stress. Es war etwas… Harteres. Spitzeres. Die falsche Frage zur falschen Zeit „Was ist los mit dir?“ fragte Erling, ehrlich besorgt. „Irgendwas ist… anders als eben im Café. Du wirkst, als würdest du gleich explodieren.“ Lukas lachte. Es war kein fröhliches Lachen. Es war ein kurzes, scharfes Ausatmen. „Was los ist?“ wiederholte er. „Du fragst ernsthaft, was los ist?“ Erling runzelte die Stirn. „Ja,“ sagte er. „Ich mein’s nicht ironisch. Ich will wissen, was in dir gerade passiert.“ „Du weißt es genau,“ schoss Lukas zurück. Die Worte kamen schneller aus seinem Mund, als sein Verstand hinterherkam. Die Substanz im Wasser drückte seine ohnehin überreizten Nerven noch weiter nach oben. „Du hast doch die ganze Zeit gesehen, wie sie mit mir umgehen,“ fuhr er fort. „Wie sie mich behandeln. Und trotzdem sitze ich da, mach mich klein, schlucke alles. Und du sagst: ‚Atmen. Schreiben. Stark bleiben.‘“ Er stand plötzlich auf, der Stuhl kippte ein Stück nach hinten. „Ich hab die Schnauze voll von ‚stark bleiben‘!“ fauchte er. Erling richtete sich ebenfalls auf. „Lukas,“ sagte er ruhig, aber seine Stimme hatte, ohne dass er es wollte, einen härteren Unterton, als er beabsichtigt hatte. „Ich bin nicht dein Feind. Ich war bei dir. In der MatheHölle, im Krankenhaus, im Feuer, bei deinem Vater, bei deinem Cousin…“
„Du warst da,“ unterbrach ihn Lukas, „aber nichts hat sich geändert! Sie lachen immer noch. Sie treten mich immer noch. Sie lassen Beutel platzen und sagen, ich soll in die Hose machen. Vielleicht reicht ‚da sein‘ einfach nicht.“ Der Satz schnitt auch in Erling hinein. In seinem Inneren mischte sich etwas zusammen: • der Druck, immer der Retter zu sein, • das Gefühl, permanent zusätzliches Gewicht zu tragen, • Zichnin, das seine Reizschwelle senkte. „Willst du mir damit sagen,“ fragte er, die Stimme plötzlich kälter, „dass ich nicht genug war?“ Der erste Schlag „Nicht genug?“ Lukas’ Augen blitzten. Eine Welle aus Wut, Schmerz, Substanz und jahrelanger Anspannung schoss in ihm hoch. „DU weißt es genau!“ schrie er auf einmal. „Du stehst neben mir, du siehst alles, und trotzdem sitze ich am Ende alleine vor der Lehrerin, die sagt, ich soll mich anpassen! Du bist der, für den ich mein Herz aufgemacht habe – und trotzdem bin ich der, der sich immer entschuldigt!“ Bevor er sich selbst stoppen konnte, bevor sein Verstand mitkam, hatte sein Körper längst entschieden. Seine Hand schoss nach vorne. Er schlug Erling mit der Faust gegen die Brust, direkt über dem Herzen. Es war kein geplanter Boxer-Schlag. Es war ein roher, wütender Stoß. Erling stolperte einen Schritt zurück, riss überrascht die Augen auf. Der Luftzug in seinen Lungen stockte kurz. „Lukas!“ rief er. „Spinnst du?!“ Zichnin greift auch bei Erling In einem normalen Moment, ohne die Substanz im Blut, hätte Erling wahrscheinlich tief durchgeatmet, Lukas gepackt, festgehalten, vielleicht gesagt: „Reiß dich zusammen, wir reden.“ Doch heute war kein normaler Moment. Zichnin kroch durch seine Adern, ließ jeden Reiz lauter, härter wirken. Der Schlag – auch wenn er ihn körperlich nicht schwer verletzte – traf nicht nur seine Brust, sondern sein Nervensystem. Etwas in ihm schnappte. „Du schlägst mich,“ sagte er langsam, fast ungläubig. „Du. Mich.“ Lukas’ Hände zitterten, aber der Adrenalinspiegel ließ ihn nicht zurückrudern. „Ja!“ schrie er. „Weil ich nicht mehr weiß, wohin mit all dem! Und du stehst da und tust so, als hättest du nicht einen Plan von allem!“ Erling machte einen Schritt nach vorne. „Ich habe mir für dich den Rücken krumm gemacht,“ fauchte er. „Ich war da, als keiner da war. Und jetzt schlägst du mich, als wäre ich einer von denen, die dich in die Bowlingbahn geschmissen haben?!“ Der nächste Moment war wie ein Film in zu schneller Geschwindigkeit.
Lukas stieß Erling schob Ein Stuhl kippte ganz um, krachte auf den Boden. Dann flogen Fäuste.
erneut. zurück.
Die Prügelei – zwei Verletzte, kein Sieger Es war kein „coole Actionfilm“-Kampf. Es war hässlich. Unkoordiniert. Lukas schlug nach Erling – mehr getrieben von Schmerz als von Kraft. Erling blockte instinktiv, spürte, wie seine eigenen Hände sich zu Fäusten ballten. Die Substanz in ihrem Blut machte aus jeder Emotion einen Sturm. Ein Schlag traf Lukas am Kiefer. Nicht voll, aber genug, dass Schmerz in sein Gesicht schoss, seine Lippe aufplatzte, ein dünner Blutfaden über sein Kinn rann. Lukas keuchte. „Aua – du…!“ Erling packte ihn an der Jacke, schob ihn gegen den Tisch. „Du hast angefangen!“ fauchte er. „Du hast mich geschlagen! Was erwartest du?!“ Noch ein Schlag – diesmal gegen Lukas’ Schulter, dann gegen die Seite seines Gesichts. Nicht mit voller Profi-Kraft, aber immer noch zu viel für einen ohnehin schon erschöpften Körper. Lukas taumelte, stolperte rückwärts auf den Tisch, rutschte halb darauf. Er spürte, wie Blut aus seiner Nase oder seiner Lippe tropfte, auf den Tisch, den Boden – rote Punkte, aber keine Pfützen. Sein Kopf dröhnte. Jeder gesunde Gedanke versuchte, sich Gehör zu verschaffen: Hör auf. Sag stopp. Du liebst diesen Menschen. Das bist nicht du. Doch das Zichnin drückte: Schlag zurück. Lass dir nichts gefallen. Mit einem letzten Energiestoß drückte Lukas sich vom Tisch ab, sprang – mehr verzweifelt als kontrolliert – mit seinem ganzen Körpergewicht auf Erling zu. Er prallte gegen ihn, sie stürzten beide zu Boden, Stühle kippten, ein Plastikbecher rollte klappernd durch den Raum, das Wasser darin verteilte sich als dunkle Flecken auf dem Boden. Draußen im Hof – Patriks Lächeln Durch das Fenster zum Innenhof konnte man in den Raum sehen. Nicht alles, aber genug, um zwei kämpfende Körper, fallende Stühle, hektische Bewegungen zu erkennen. Patrik stand unten im Hof, halb versteckt hinter einem Baum, die Hände in den Taschen, den Blick nach oben gerichtet. Als er die beiden sah – Lukas und Erling, normalerweise so unzertrennlich, so schützend, so eng – jetzt miteinander ringend, mit Blutspuren im Gesicht, zuckte seine Mundwinkel nach oben. „Na endlich,“ murmelte er. „Endlich kämpfst du nicht mehr nur gegen mich, Junge. Sondern auch gegen den Einzigen, der wirklich für dich da war.“
Er spürte ein seltsames Wohlgefühl in seiner Brust. Erst der Vater. Jetzt der Freund. Noch ein bisschen, und Lukas glaubt, er hat niemanden mehr. Ein Student ging unten vorbei, warf nur einen zufälligen Blick in Patriks Richtung, ging weiter, ohne zu ahnen, was sich da gerade im Obergeschoss abspielte. Der Moment danach – als die Welle bricht Oben im Raum, am Boden, war irgendwann der Punkt erreicht, an dem die Kräfte endlich nachließen. Ihre Schläge wurden langsamer. Mehr Halten als Hauen. Mehr Stolpern als Kämpfen. Erling hielt Lukas’ Unterarme fest, beide keuchten, ihre Brustkörbe hoben und senkten sich schnell. Die Wut in Lukas war noch da, aber sie war dabei, ihren Peak zu überschreiten. Sein Blick klärte sich für einen Moment. Er sah: • Erlings Gesicht ganz nah vor seinem – verkratzt, mit einem roten Striemen an der Wange, • seine eigene Hand – leicht blutig, ein bisschen zitternd, • sein eigenes Spiegelbild in den Pupillen des anderen: erschrocken, verzweifelt. „Was… machen wir da?“ flüsterte Lukas plötzlich. Der Satz lag im Raum wie ein kalter Luftzug. Erling atmete schwer. Auch in ihm war plötzlich etwas anders. Die Aggression, die ihn eben noch angetrieben hatte, war wie eine Welle, die sich zurückzog und nur noch ein Chaos aus Holzsplittern, Wasserflecken und Blutspuren hinterließ. „Ich… hab dich geschlagen,“ keuchte Erling. „Dich. Dich, Lukas. Nicht irgendeinen Typen in einem Spiel. Dich.“ Er ließ Lukas’ Arme los, als hätte er Angst, ihn bei weiterer Berührung zu verletzen. Lukas begann zu zittern. „Ich hab dich zuerst geschlagen,“ flüsterte er. „Ich hab… ich hab dich zum Feind gemacht. Dich.“ Seine Stimme brach. Zusammenbrechen – nicht als Feinde, sondern als Freunde Lukas rollte sich von Erling runter, setzte sich auf den Boden, den Rücken an den Tisch gelehnt. Er nahm seine Hände vors Gesicht, spürte klebriges Blut an der Lippe, an seinem Kinn. Der erste Schluchzer kam unvermittelt, als hätte jemand einen Riss in einer Staumauer gefunden. Erling setzte sich langsam auf, rückte automatisch näher an ihn. „Lukas…“ begann er. „Nein,“ schluchzte Lukas. „Sag nichts. Ich… ich weiß nicht, warum ich…“ Die Sätze kamen nicht raus.
Tränen kamen. Echte, heftigere, als er seit langer Zeit zugelassen hatte. Erling sah ihn an – und plötzlich brannten seine eigenen Augen ebenfalls. „Es war nicht du,“ brachte er mühsam hervor. „Nicht ganz. Da war… etwas. Ich hätte niemals…“ Er stockte, schluckte. „Ich hätte dich nie im Leben so geschlagen,“ sagte er heiser, „wenn da nicht noch etwas in meinem Körper gewesen wäre, das an mir gezerrt hat.“ Lukas’ Atem stockte. „Das Wasser,“ flüsterte er. „Es… es hat komisch geschmeckt. Metallisch. Nicht so wie sonst.“ Erling erinnerte sich. „Stimmt,“ murmelte er. „Ich dachte, das wäre nur ein schlechter Filter.“ Sie sahen beide gleichzeitig zum Wasserspender. Zu den leeren Bechern auf dem Boden. Zu den feinen, dunklen Flecken, die aussahen wie ganz normales Wasser – aber etwas anderes in Bewegung gesetzt hatten. „Zichnin,“ flüsterte Lukas plötzlich, das Wort schoss ihm in den Kopf, wie ein Blitz. „Wie bei meinem Vater. Wie bei den letzten Tagen. Was, wenn… jemand…?“ Die Idee war so schrecklich wie logisch. „Jemand will, dass wir uns gegenseitig zerstören,“ sagte Erling. „Nicht nur deinen Vater. Uns.“ Die Erkenntnis traf beide gleichzeitig. Lukas brach erneut in Tränen aus. „Es hat fast funktioniert,“ schluchzte er. „Ich hab dich geschlagen. Du hast mich geschlagen. Wir haben uns gegenseitig blutig gemacht. Im Raum, wo wir eigentlich nur Ruhe wollten.“ Erling rutschte ganz nah an ihn heran, legte vorsichtig einen Arm um seine Schultern. Lukas zuckte kurz, dann schmiegs er sich an ihn, klammerte sich fest, als hätte er Angst, sonst endgültig wegzurutschen. „Es tut mir leid,“ flüsterte er. „Es tut mir so, so leid, Erling.“ Die Antwort kam ohne Zögern. „Mir auch,“ sagte Erling. Seine Stimme war rau vor Emotion. „Ich hätte dich festhalten sollen, nicht zurückschlagen. Ich hätte erkennen müssen, dass irgendwas nicht stimmt.“ Sie saßen da, auf dem kalten Boden des Hochschulraums, zwischen umgekippten Stühlen, Wasserflecken und kleinen Blutflecken. Zwei Menschen, die sich eben noch gegenseitig wehgetan hatten, hielten sich jetzt fest, als müssten sie sich gegenseitig vor einem Abgrund bewahren. Nachklang – Entscheidungen im Flüsterton Nach einer Weile, als die Tränen ein bisschen nachließen, richteten sie sich langsam auf. „Wir müssen uns waschen,“ sagte Lukas leise. „Wenn uns jemand so sieht, denken sie, wir hätten hier…“ „…einfach nur sinnlos rumgeprügelt,“ ergänzte Erling. „Ohne Kontext. Ohne alles.“ Sie gingen zusammen auf die Toilette, wuschen Blut aus dem Gesicht, aus den Händen, tupften vorsichtig mit Papier die kleinen Schrammen ab. Im Spiegel sah Lukas: • eine leicht geschwollene Lippe, • eine Rötung an der Wange, • Augen, die aussahen, als hätte er die ganze Nacht wachgelegen.
Erling hatte einen Kratzer am Wangenknochen, einen leichten Schatten am Kiefer, und denselben Ausdruck in den Augen. „Wir erzählen das der Therapeutin,“ sagte Lukas schließlich. „Alles. Den Schlag. Die Wut. Das Wasser. Zichnin. Patrik. Alles.“ „Und wir behalten im Kopf,“ fügte Erling hinzu, „dass das, was da in uns gewütet hat, zwar aus uns kommt – aber jemand anderes es angeheizt hat. Du bist nicht plötzlich ein Gewalttäter geworden. Und ich will keiner sein.“ Lukas nickte. „Und wir bleiben zusammen,“ sagte er leise. „Egal, was Patrik, die alte Frau oder irgendeine Substanz versucht. Sie haben es nicht geschafft, meinen Vater komplett zu zerstören – sie werden uns auch nicht komplett kriegen.“ Erling legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Versprochen,“ sagte er. „Wir können uns streiten, wir können uns anschreien, wir können wütend sein – aber wenn wir merken, dass wir uns weh tun, ziehen wir die Notbremse. Nicht erst, wenn es Blut gibt.“ Lukas atmete tief durch. Seine Brust schmerzte, sein Kopf dröhnte, aber in seinen Armen und in Erlings Griff lag etwas, das klarer war als alles andere: Noch jemand hatte versucht, ihn um seine Verbündeten zu bringen. Aber am Ende des Tages saßen sie immer noch nebeneinander. Blutig, ja. Aber in den Armen des anderen – nicht in denen des Feindes. Draußen im Hof war Patrik schon längst verschwunden. Er sah nicht, wie die zwei, die sich eben fast gegenseitig zerstört hatten, jetzt noch enger aneinander gerückt waren. Dass Zichnin ihre Wut entfesselt hatte – aber nicht ihre Bindung endgültig brechen konnte – würde er erst später begreifen. An diesem Nachmittag aber, im Raum der Hochschule, blieb am Ende nicht der Klang der Schläge, sondern das leise, gleichzeitig bebende: „Es tut mir leid.“ „Mir auch.“ „Ich lass dich nicht allein.“ Der Abend des fünfzehnten Tages fühlte sich an wie eine Mischung aus körperlichen Schmerzen, Rest-Adrenalin und dieser dumpfen Leere, die nach einem zu heftigem Streit bleibt. Nur, dass es diesmal kein Streit mit Vater oder Cousin gewesen war. Sondern zwischen Lukas und Erling. Und genau das machte alles komplizierter. Früher Abend – Zuhause, Spiegel und Scham Wieder zu Hause stand Lukas im Bad vor dem Spiegel. Das Neonlicht war gnadenlos ehrlich: • die Lippe leicht angeschwollen, • ein dünner, getrockneter Blutriss am Mundwinkel, • ein blauer Schatten begann sich an der Wange abzuzeichnen, da, wo Erlings Faust ihn getroffen hatte. Er strich vorsichtig mit den Fingern über die Stelle, zuckte.
„Aua…“ Von der Tür her hörte er den Spieler. „Lass mal sehen,“ sagte Erling und trat näher. Er hatte selbst eine Schramme an der Wange, ein leicht gerötetes Auge vom Zusammenprall, ein paar Kratzer am Unterarm, wo er über den Boden geschlittert war. Sie sahen sich beide im Spiegel – zwei Gesichter, die sonst nebeneinander lachend in einem Stadion hätten stehen können, jetzt mit Spuren eines Kampfes, den keiner von ihnen wirklich gewollt hatte. „Das sieht nach ‚nicht so schlimm, aber deutlich‘ aus,“ murmelte Erling. „Nicht Klinik schlimm. Aber auch nicht ‚ist morgen weg‘.“ Lukas seufzte. „Was sagen wir meinen Eltern?“ fragte er. „‚Wir haben uns gegenseitig verprügelt, weil uns jemand Gift ins Wasser gemischt hat‘ klingt wie eine schlechte Netflix-Serie.“ Erling presste die Lippen zusammen. „Wenn du deiner Mutter jetzt sagst, dass wir uns geprügelt haben,“ meinte er, „wird sie drei Sachen gleichzeitig wollen: den Arzt anrufen, die Polizei rufen und Patrik lebenslang Hausverbot in deinem Leben geben. Und ich glaube… heute Abend ist dein System am Ende.“ „Mein Vater,“ murmelte Lukas, „hat gerade erst kapiert, dass er ein Problem hat. Wenn er hört, dass ich mit meinen besten Freund in der Hochschule aufeinander losgegangen bin… vielleicht dreht er völlig durch. Oder er gibt sich komplett die Schuld. Oder er sagt, ich wäre jetzt auch wie er.“ Die Luft im Bad fühlte sich plötzlich eng an. „Ich will nicht lügen,“ sagte Lukas leise. „Aber ich will auch nicht, dass heute Abend alles explodiert.“ Im Wohnzimmer – die ersten neugierigen Blicke Sie gingen gemeinsam ins Wohnzimmer. Die Mutter saß auf dem Sofa mit einer Decke, der Fernseher lief leise ohne Ton. Der Vater saß am Tisch mit einem Block, auf dem irgendwas stand – wahrscheinlich Notizen von seinem Arzttermin. Als Lukas und Erling reinkamen, sahen beide Eltern sofort auf. Die Mutter brauchte genau zwei Sekunden. „Was ist passiert?!“ rief sie und sprang auf. Sie war in drei Schritten bei Lukas, nahm sein Gesicht vorsichtig in die Hände, ohne ihn anzufassen. „Deine Lippe… deine Wange…“ Sie drehte sich zu Erling. „Und du siehst auch aus, als hättest du Bekanntschaft mit einer Wand gemacht!“ Der Vater stand langsamer auf, aber sein Blick war scharf. „War das in der Hochschule?“ fragte er. „Hat dich wieder jemand angegriffen? Ich schwöre dir, wenn einer von denen…“ „Es war kein fremder Angriff,“ fiel Lukas ihm schnell ins Wort, bevor der Vater in Richtung „Rache-Modus“ schalten konnte. „Also… nicht so, wie du jetzt denkst.“ Das war technisch gesehen nicht ganz gelogen. Aber die Wahrheit war deutlich komplizierter. Die Mutter verschränkte die Arme. „Jetzt redet einer von euch,“ sagte sie. „Sonst fahre ich euch beide in die Notaufnahme und lasse sie dort fragen.“ Erling und Lukas tauschten einen Blick. Er war kurz, schwer und voller unausgesprochener Abmachung. Wir sagen nicht alles. Aber wir sagen auch nicht einfach „gar nichts“.
Die Ausrede – halb wahr, halb Schutzschild „Es war ein Unfall in der Hochschule,“ begann Erling, bewusst ruhig. „Wir waren nach der Vorlesung noch in einem Arbeitsraum. Lukas war… gestresst. Ich auch. Wir wollten kurz was trinken und uns hinsetzen.“ Alles stimmte – bisher. „Dann sind wir aneinandergeraten,“ fuhr er fort. „Nicht… so, wie ihr denkt, dass wir uns hassen oder so. Eher wie eine… Überreaktion. Er hat mich geschubst, ich hab ihn zurückgeschubst, ein Tisch ist im Weg gewesen, wir sind beide gestolpert. Dabei sind ein paar Schläge blöd gelandet.“ Der Vater zog eine Augenbraue hoch. „Ihr seid gestolpert,“ wiederholte er. „Und dabei sieht ihr Gesicht so aus?“ Lukas schluckte. „Es war mehr als nur stolpern,“ gab er zu. „Wir haben… uns kurz ineinander verhakt. So wie… wie Kinder, die sich raufen. Nicht… nicht wie eine Schlägerei auf dem Schulhof, wo einer den anderen fertig machen will. Eher wie… Emotionen, die zu schnell zu groß wurden.“ Die Mutter sah ihn lang an. „Hat dich jemand provoziert?“ fragte sie. „Oder war das zwischen euch?“ Lukas’ Blick flackerte. „Es war… zwischen uns,“ sagte er, und die Wahrheit tat weh. „Aber nicht, weil wir uns nicht mögen. Eher, weil heute alles zu viel war. Vorlesung, Lehrerin, wieder dieses ‚mach in die Hose‘… und dann war da noch das Wasser im Arbeitsraum. Es hat komisch geschmeckt, ich fühlte mich danach… anders. Aggressiv.“ „Wasser?“ fragte der Vater misstrauisch. „Was für Wasser?“ „Vom Spender in der Hochschule,“ sagte Lukas. „Vielleicht Spinn ich. Vielleicht war es nur Stress. Aber es hat sich komisch angefühlt.“ Das war die Grenze, an der aus „Ausrede“ fast „Geständnis“ wurde. Der Spieler sah, wie der Vater die Stirn runzelte. Er entschied sich, an dieser Stelle nicht in Richtung „Substanz“ weiterzugehen – zumindest nicht heute Abend. „Jedenfalls,“ fasste Erling zusammen, „haben wir uns kurz richtig in die Haare gekriegt. Aber wir sind nicht im Streit hier. Wir haben uns im Raum zusammengerauft, geheult, uns entschuldigt. Was ihr jetzt seht, sind… die Überreste von einem schlechten Moment, nicht von einem Krieg.“ Die Mutter atmete hörbar aus. „Habt ihr jemanden in der Hochschule Bescheid gesagt?“ fragte sie. „Tutor? Aufsicht? Arzt?“ „Nein,“ sagte Lukas. „Wir waren so geschockt, dass wir erst mal… raus wollten. Und… ich wollte nach Hause.“ „Ich verstehe, dass ihr raus wolltet,“ sagte die Mutter streng, „aber ich bin nicht begeistert von ‚wir wurden verletzt und sagen niemandem was‘.“ Sie ging zum Telefontisch. „Wir fahren jetzt zum Arzt,“ entschied sie. „Zum Bereitschaftsdienst. Ich will, dass sich jemand eure Gesichter ansieht, eure Köpfe, eure Rippen. Und wenn ihr morgen nicht laufen könnt, weil ihr versteckt irgendwas gequetscht habt, ist keinem geholfen.“ Lukas wollte zuerst protestieren – Müdigkeit, keine Lust auf Wartezimmer, keine Kraft für weitere Menschen. Aber ein anderer Teil in ihm wusste: Die Schmerzen würden Morgen nicht einfach weggezaubert sein. Er sah Erling an. „Gehen wir?“ fragte er leise. Erling nickte.
„Gehen wir.“ Auf dem Weg zum Arzt – leise Absprachen im Auto Im Auto – die Mutter fuhr, der Vater saß auf dem Beifahrersitz – saßen Lukas und Erling hinten nebeneinander. Die Straßenlichter zogen als gelbe und weiße Streifen an ihnen vorbei. Nach draußen sehen half, die Gedanken zu ordnen. „Was sagen wir dem Arzt?“ flüsterte Lukas. „Etwas, das nicht komplett gelogen ist,“ murmelte Erling zurück. „‚Wir hatten einen körperlichen Streit‘ – das ist wahr. Aber wir müssen nicht alles über Zichnin und Patrik auspacken, solange wir nicht selber wissen, wie wir es beweisen können.“ „Er könnte uns trennen und fragen, ob wir häusliche Gewalt erleben,“ meinte Lukas. „Oder ob mein Vater uns geschlagen hat. Oder ob ich jemanden geschlagen habe. Oder…“ „Wenn er fragt, ob du zuhause geschlagen wirst,“ sagte Erling ernst, „dann sagst du die Wahrheit: nicht heute. Nicht von uns. Das hier war ein anderer Ausnahmezustand.“ Lukas spürte gleichzeitig Angst vor dem Gespräch und Erleichterung, dass er nicht allein war. Der Vater drehte sich kurz halb nach hinten. „Ich sag’s euch gleich,“ meinte er. „Wenn der Arzt merkt, dass da mehr dahinter steckt und ihr erzählt ihm Quatsch, kommt ihr in noch mehr Ärger. Also bleibt so nah an der Wahrheit wie möglich.“ In seinem Blick lag eine seltsame Mischung: • Sorge, • Misstrauen, • und das Wissen, wie es ist, vor Ärzten nicht alles zu sagen. Beim ärztlichen Bereitschaftsdienst – Wartezimmerlicht Sie fuhren nicht in die große Notaufnahme, sondern in ein Ärztehaus, wo der hausärztliche Notdienst Dienst hatte. Im Wartezimmer roch es nach Desinfektionsmittel, kalter Luft und einem Hauch von zu vielen Jacken. Ein Fernseher an der Wand zeigte stumm die Nachrichten – irgendwas über Energiepreise, Stau, Weihnachtszeit. Ein paar Leute saßen schon dort: • eine ältere Frau mit Husten, • ein Mann mit einer Binde um die Hand, • ein Teenager, der sich das Knie hielt. Lukas meldete sich mit seiner Mutter am Tresen an. „Was ist passiert?“ fragte die Arzthelferin, als sie seine angeschwollene Lippe sah. „Kleiner Streit mit… körperlichem Kontakt,“ sagte Lukas vorsichtig. „Ich bin gestolpert, hab einen Schlag abbekommen. Nichts extrem Schlimmes, aber es tut weh und ich war kurz benommen.“ Sie musterte ihn, dann sah sie zu Erling, der im Hintergrund wartete. „Sie auch?“ fragte sie. „Ja,“ sagte Erling, zeigte auf seine Wange. „War… derselbe Streit.“ Sie machte ein paar Notizen, gab ihnen Formulare, dann setzten sie sich ins Wartezimmer. Lukas’ Brust zog sich bei jedem tiefen Atemzug leicht zusammen – nicht gefährlich, aber spürbar. Die Wange pochte dumpf. Die Wartezeit fühlte sich länger an, als sie wahrscheinlich war.
Im Behandlungszimmer – Fragen und halbe Antworten Schließlich wurden sie aufgerufen. „Herr …?“ Lukas stand auf, Erling ebenfalls. „Können wir zusammen rein?“ fragte Lukas direkt. „Es gehört… zusammen.“ Der Arzt – ein Mann Mitte fünfzig mit ruhigem Blick – nickte. „Wenn Sie das möchten, ja.“ Das Behandlungszimmer war neutral, wie immer: • Liege, • Schreibtisch, • Computer, • Blutdruckgerät, • ein Waschbecken in der Ecke. „Also,“ begann der Arzt und setzte sich, „wer von Ihnen fängt an?“ Lukas nahm wahr, wie sein Herz wieder schneller schlug. „Wir hatten einen Streit in der Hochschule,“ begann er. „Wir waren beide gestresst. Es war nicht geplant, niemand wollte ernsthaft den anderen verletzen. Aber es ist… eskaliert. Wir sind aneinandergeraten, haben uns gestoßen, ein paar Schläge sind gelandet. Ich hab was abbekommen, er auch.“ Er deutete auf Erling. Der Arzt sah zwischen ihnen hin und her. „War das das erste Mal?“ fragte er nüchtern. „Dass so etwas zwischen Ihnen beiden passiert?“ „Ja,“ sagten beide gleichzeitig, ohne nachzudenken. Der Arzt hielt ihren gleichzeitigen Reflex einen Moment fest, als würde er ihn innerlich abheften. „Gut,“ sagte er dann. „Dann schauen wir erst mal, ob von medizinischer Seite alles in Ordnung ist. Und danach reden wir kurz darüber, wie Sie mit so einer Eskalation umgehen wollen.“ Er begann mit der Untersuchung von Lukas. „Gab es einen Schlag gegen den Kopf, so dass Sie kurz benommen waren?“ fragte er. „Nicht… bewusstlos,“ sagte Lukas. „Aber es hat kurz gedonnert. Kein Blackout.“ „Schwindel, Übelkeit?“ „Leicht Schwindel am Anfang. Jetzt eher… müde.“ Der Arzt tastete vorsichtig die Wange ab, den Kiefer, ließ Lukas den Mund öffnen, prüfte die Zähne, ob etwas locker war. „Tut hier weh?“ fragte er, drückte an verschiedenen Stellen. „Ja… da,“ zuckte Lukas, als der Arzt eine bestimmte Stelle traf. „Scheint eine Prellung zu sein,“ sagte der Arzt. „Vielleicht ein kleines Hämatom im Entstehen. Kein offensichtlicher Kieferbruch, kein Zahn locker. Ich würde raten: heute und morgen eher kühlen, weiche Kost, nichts Hartes abbeißen.“ Er ließ Lukas den Oberkörper frei machen, tastete vorsichtig die Rippen ab. „Hier?“ „Aua… ja,“ fluchte Lukas, als der Arzt eine Stelle links berührte. „Vermutlich Rippenprellung,“ meinte der Arzt. „Nicht gebrochen, aber schmerzhaft. Auch das: kühlen, Bewegung ja, aber vorsichtig, nicht übertreiben. Wenn Sie morgen schlechter Luft kriegen, kommen Sie sofort wieder.“ Dann war Erling dran. Ähnliche Prozedur, weniger Prellungen, mehr oberflächliche Kratzer. „Und Sie?“ fragte der Arzt. „Waren Sie bewusstlos?“ „Nein,“ sagte Erling. „Nur wütend. Und jetzt fassungslos.“ Der Arzt nickte, machte sich Notizen.
Die heikle Frage – Gewalt, Verantwortung, Wahrheit Als die körperliche Untersuchung durch war, lehnte der Arzt sich zurück. „Körperlich,“ sagte er, „sehe ich bei Ihnen beiden zum Glück nichts, was nach Krankenhaus schreit. Prellungen, Schrammen, Hämatome. Schmerzhaft, aber behandelbar.“ Er sah sie nacheinander an. „Was mich mehr interessiert,“ fuhr er fort, „ist: was hat dazu geführt, dass zwei Menschen, die offensichtlich zusammen hierher kommen, sich gegenseitig so etwas antun?“ Lukas blickte auf seine Hände. Erling hatte gegen so viele Verteidiger gekämpft – aber jetzt fühlte er sich vor dieser einfachen Frage verwundbarer als auf jedem Spielfeld. „Es war… ein Mischmasch aus vielem,“ begann Lukas vorsichtig. „Stress in der Hochschule. Eine Lehrerin, die mich kalt vor allen demütigt. Mobbing. Mein Vater, der in letzter Zeit eskaliert ist. Ein Feuer. Und heute… irgendwas in mir, das gesagt hat: ‚Ich halt das nicht mehr aus.‘“ Der Arzt nickte langsam. „Alkohol im Spiel?“ fragte er sachlich. „Nein,“ sagten beide gleichzeitig. Das stimmte. Dieser Kampf war nicht vom Alkohol gekommen. „Drogen? Tabletten?“ fragte der Arzt weiter. „Etwas, das sie beide genommen haben?“ Lukas’ Herz setzte kurz einen Schlag aus. Er wusste, dass da etwas gewesen war – dass dieses komische Wasser nicht „nur Wasser“ gewesen war. Aber er wusste auch: • Sie hatten keinen Beweis. • Sie hatten keinen Namen, den ein normaler Arzt kennen würde. • Sie hatten keine Laborwerte, nur ein Gefühl. „Nicht bewusst,“ sagte Lukas ehrlich. „Wir haben nur Wasser aus dem Spender in der Hochschule getrunken. Es hat… komisch geschmeckt. Aber ich weiß nicht, ob das nur Stress war.“ Der Arzt blieb einen Moment still. „Es gibt Situationen,“ sagte er dann langsam, „in denen der Körper bei Überlastung Dinge tut, die man sich selbst hinterher nicht erklären kann. Gerade, wenn viel gleichzeitig passiert ist – Trauma, Stress, Schlafmangel, Demütigung. Ich will nichts unterstellen. Aber ich will Ihnen auch sagen: Wenn Sie irgendwann merken, dass da etwas im Spiel war, das über normalen Stress hinausgeht – kommen Sie wieder. Dann ist das nicht nur eine körperliche, sondern auch eine forensische Frage.“ Lukas nickte. Sein innerer Kompass schrie: „Zichnin! Patrik! Die alte Frau!“ Aber heute Abend, in diesem Raum, war das zu groß. Der Arzt sah sie noch einmal ernst an. „Unabhängig von möglicher Chemie,“ sagte er, „sind Sie beide verantwortlich für das, was Sie getan haben. Sie sind aber auch verantwortlich dafür, was Sie jetzt daraus machen.“ Er schaute zuerst zu Lukas, dann zu Erling. „Haben Sie Unterstützung?“ fragte er. „Therapie? Jemand, mit dem Sie solche Situationen aufarbeiten können?“ „Ja,“ sagte Lukas. „Ich bin in Autismus-Therapie. Ich hab einen festen Termin in den nächsten Tagen.“ „Gut,“ meinte der Arzt. „Bringen Sie diesen Vorfall dort hin. Verschweigen Sie ihn nicht. Wut ist kein Zeichen von Scheitern – sie ist ein Signal. Aber wenn Wut in körperliche Gewalt kippt, wird es gefährlich. Für alle.“
Erling nickte. „Und Sie beide,“ fügte der Arzt hinzu, „tun meines Erachtens gut daran, heute Nacht nicht allein zu sein. Keine sinnlosen Schuldgespräche, keine Selbstzerfleischung. Einfach Ruhe. Vielleicht ein Tee. Kein Alkohol. Kein Zocken bis drei Uhr.“ „Kein FIFA?“ murmelte Lukas. Der Arzt verzog kurz die Lippen, als hätte er verstanden, aber nicht ganz. „Vielleicht nur ein bisschen,“ erlaubte er halb scherzhaft. „Solange Sie dort nur Ball und nicht Köpfe treten.“ Abschluss beim Arzt – ein Zettel und ein Auftrag Sie bekamen: • eine Schmerzmittelfempfehlung („nur, wenn es wirklich nötig ist“), • den Rat zum Kühlen, • und – wichtiger als alles andere – einen klaren Satz: „Sie haben noch eine Chance, aus diesem Tag eine Warnung zu machen – keine Wiederholung.“ Beim Rausgehen blieb Lukas kurz an der Tür stehen. „Herr Doktor?“ sagte er leise. „Ja?“ „Wenn… wenn irgendwann rauskommt, dass uns jemand… etwas ins Trinken getan hat,“ murmelte Lukas, „dürfen wir dann wiederkommen und sagen: ‚Wir hatten recht‘?“ Der Arzt sah ihn an, und in seinem Blick lag etwas Warmes. „Sie dürfen immer wiederkommen,“ sagte er. „Mit jeder Wahrheit, die vielleicht heute noch zu groß ist. Wichtig ist, dass Sie nicht alleine damit bleiben.“ Lukas nickte. „Danke,“ flüsterte er. Heimweg – Lügen, Halbwahrheiten und eine Entscheidung Auf dem Rückweg im Auto war es deutlich ruhiger. Die Mutter hatte einen Ausdruck zwischen Sorge und vorsichtigem Vertrauen. Der Vater starrte nach draußen, tief in Gedanken versunken. „Ich bin froh, dass nichts gebrochen ist,“ sagte die Mutter schließlich. „Aber ich bin nicht froh darüber, dass ihr euch bis zu Prellungen geprügelt habt.“ Lukas nickte. „Wir auch nicht,“ sagte er ehrlich. „Das war… nicht geplant. Es war… zu viel.“ „Wir werden darüber reden,“ murmelte der Vater. „Nicht heute, aber bald. Über dich, Lukas. Über mich. Über Wut. Und darüber, wie wir verhindern, dass du unsere Fehler wiederholst.“ Es war ein Satz, der sich in Lukas’ Kopf festsetzte. Schmerzhaft. Aber wichtig. Zu Hause angekommen, gingen Erling und Lukas noch kurz in sein Zimmer. Sie setzten sich nebeneinander aufs Bett. „Wir haben gelogen,“ sagte Lukas leise. „Zumindest halb.“ „Wir haben geschont,“ korrigierte Erling ruhig. „Deine Eltern, uns, den Arzt. Aber wir haben auch genug gesagt, dass er gemerkt hat, dass da mehr ist. Wichtig ist, dass wir an anderer Stelle vollständig ehrlich sind.“ „Bei der Therapeutin,“ murmelte Lukas. „Ja,“ sagte Erling. „Und vielleicht irgendwann bei der Polizei – wegen Patrik und dem Wasser.“ Lukas legte den Kopf an Erlings Schulter. „Du hättest das Recht gehabt zu sagen: ‚Ich will Abstand, wenn du so ausrastest‘,“ sagte er. „Und du bist trotzdem mit mir zum Arzt gekommen.“
„Ich bin nicht perfekt,“ meinte Erling. „Ich hab zurückgeschlagen. Das tut mir weh – in dir und in mir. Aber ich laufe nicht weg, nur weil es einmal hässlich geworden ist. Dafür haben wir zu viel zusammen durchgestanden.“ Lukas schloss die Augen. Die Prellung an der Rippe schmerzte, die Lippe pochte, aber in seinem Inneren war da – neben Schuld und Angst – auch etwas anderes: ein Gefühl, dass es trotz allem Menschen gab, die blieben, selbst wenn er sie aus Versehen traf. Der Abend des fünfzehnten Tages endete nicht mit Polizei, nicht mit Sirenen, sondern mit einem Arzt, der sagte: „Kühlen, reden, Hilfe holen“ und zwei Menschen, die zwar eine Ausrede benutzt hatten – aber beschlossen, die ganze Wahrheit dort hinzutragen, wo sie sicher aufgehoben war: in die nächste Therapiesitzung und in ihr Mutbuch, Zeile für Zeile, damit dieser Abend ein Wendepunkt wurde und nicht der Beginn eines Musters. Der sechzehnte Tag fühlte sich an wie ein Tag danach. Danach nach Feuer, danach nach Prügelei, danach nach Arzt und Ausreden. Aber für Lukas war er auch: der erste Tag, an dem er beschloss, seinem Körper und seinem Kopf bewusst Ruhe zu geben. Morgen – Aufwachen mit blauen Erinnerungen Als Lukas am nächsten Morgen die Augen öffnete, brauchte er ein paar Sekunden, um zu sortieren: • Das Ziehen an der Rippe – Erinnerung an den Sturz und die Schläge. • Das Pochen in der Wange – Erinnerung an Erlings Faust. • Der bittere Geschmack im Mund – alte Angst, neue Scham. Er lag still da und tastete vorsichtig mit der Zungenspitze an die Innenseite der Lippe. Nicht aufgeschlitzt, aber empfindlich. Er drehte den Kopf zur Seite – da stand der Stuhl mit seinen Klamotten vom Vortag, ordentlich gefaltet. Jemand hatte sie aufgeräumt, während er geschlafen hatte. Das war entweder seine Mutter gewesen oder Erling. Leise klopfte es an der Tür. „Bin wach,“ murmelte Lukas. Die Tür ging ein Stück auf, Erling steckte den Kopf hinein. Seine eigene Wange war leicht verfärbt, ein dünner Kratzer zog sich über den Wangenknochen. Man sah ihm an, dass er auch nicht besonders gut geschlafen hatte. „Wie ist der Status?“ fragte Erling leise. „Systemcheck?“ Lukas überlegte. „Wange: pocht,“ zählte er auf. „Rippe: meckert. Kopf: voll mit Bildern, aber ohne Kopfschmerzen. Herz: immer noch ein bisschen schwer, weil wir uns gestern gegenseitig benutzt haben, um den Frust abzuladen.“ Erling nickte. „Klingt ehrlich,“ sagte er. „Heute: kein Hörsaal. Keine Lehrerin, die was von ‚in die Hose machen‘ faselt. Kein Arbeitsraum mit giftigem Wasser. Ich würde vorschlagen: nur Wohnung, Sofa und… FC 26.“
Lukas musste trotz allem kurz grinsen. „Karrieremodus als Reha?“ fragte er. „Genau,“ sagte Erling. „Wir sortieren deine Mannschaft, während dein Körper sich sortiert.“ Küche – Eltern, Blicke und „nur ein Unfall“ In der Küche warteten bereits seine Eltern. Die Mutter stand am Herd, eine Pfanne mit Rührei, daneben ein Topf mit Tee. Der Vater saß am Tisch, ohne Zigarette, ohne Bier, mit einer Kanne Wasser und einer Kaffeetasse. Als Lukas und Erling reinkamen, gingen beide Blicke sofort auf ihre Gesichter. Blau, gerötet, müde. „Guten Morgen,“ sagte die Mutter, und in ihrer Stimme lag dieses typische Doppel: Sorge und Kontrolle. „Wie geht’s euch beiden?“ „Es geht,“ murmelte Lukas. „Ein bisschen wie nach einem verlorenen Finale, aber… ich lebe.“ Er setzte sich an den Tisch, vorsichtig, damit die Rippe nicht zu sehr zog. Erling setzte sich neben ihn. Der Vater musterte ihn. „Kannst du tief einatmen?“ fragte er. Lukas tat es – langsam. „Tut weh,“ gab er zu. „Aber ich krieg Luft.“ Die Mutter stellte Teller hin, Rührei, ein bisschen Brot, Tee. „Ich hab gestern in der Nacht noch mal über alles nachgedacht,“ sagte sie, als sie sich setzte. „Ich akzeptiere, dass ihr nicht jedes Detail erzählen wollt. Aber ich will, dass wir zumindest eine klare Version haben, wenn jemand fragt – Arzt, Hochschule, sonst wer.“ Lukas und Erling warfen sich einen kurzen, stummen Blick zu. Die vereinbarte Linie war klar: Kein ausführlicher Bericht über „wir haben uns gegenseitig verprügelt“. Das war zu roh, zu früh, zu gefährlich. Und: niemand außer ihnen und der Therapeutin würde den ganzen Kontext verstehen. „Es war ein Unfall,“ sagte Lukas ruhig. „Wir waren in einem Arbeitsraum. Wir waren beide unter Strom. Wir haben geredet, gestikuliert, uns dabei gegenseitig geschubst. Ich bin gestolpert, Erling auch, und dann sind wir gegeneinander geknallt und uns dabei unglücklich ins Gesicht geraten. Ein bisschen… raufen, bisschen dumm. Aber kein bewusster Angriff.“ Das war nicht die ganze Wahrheit, aber auch nicht komplett gelogen. Es ließ aus, dass da echte Schläge gewesen waren – aber die Grundrichtung stimmte: Überreaktion, Gestolper, Eskalation. Die Mutter atmete langsam durch. „Also kein gezieltes ‚Ich hau dir jetzt eine rein‘?“ fragte sie. „Nein,“ sagte Lukas entschieden. „Es war kein ‚ich will dich verletzen‘. Es war… völlig überreizt, zu viel, und blöd gelaufen.“ Erling nickte. „Ich hab Lukas nicht verprügelt,“ ergänzte er. „Und er mich nicht. Es war eine KatastrophenSituation, aber kein bewusster Gewaltakt wie auf dem Schulhof. Eher wie zwei, die gleichzeitig die Kontrolle verlieren und aneinander abprallen.“ Der Vater legte die Hände um seine Tasse. „Ich kenn solche Momente zu gut,“ murmelte er. „Und ich weiß, wie schnell man dann drüber ist. Wichtig ist mir: hört auf euch. Wenn ihr merkt, dass das in Zukunft wieder in so eine Richtung geht – rennt ihr weg, bevor ihr euch gegenübersteht. Die Kette muss irgendwo unterbrochen werden.“ Lukas schluckte.
„Deswegen bleiben wir heute zuhause,“ sagte er. „Heute kein ‚Aushalten in der Hochschule‘. Heute ausnahmsweise mal: wir kommen runter.“ Die Mutter nickte. „Gut,“ meinte sie. „Ich ruf später sowieso in der Praxis an und lass mir den Arztbrief erklären. Und du rufst im Laufe des Tages in der Autismustherapie an und sagst, dass etwas Wichtiges passiert ist. Den Rest machen wir Schritt für Schritt.“ Später Vormittag – Wohnzimmer wird Therapiezone auf leise Art Nach dem Frühstück zogen sich Lukas und Erling ins Wohnzimmer zurück. Die Jalousien waren halb unten, damit das Licht nicht zu hart war. Auf dem Couchtisch stand eine Kanne Tee, ein paar Kekse, ein Stapel Taschentücher (für alle Fälle). Die Konsole stand bereit. Das Icon von EA FC 26 leuchtete auf dem Bildschirm. „Welcher Karrieremodus?“ fragte Erling, als er den Controller in die Hand nahm. „Ganz klar: Trainerkarriere,“ meinte Lukas. „Ich will heute bestimmen, wer wo spielt. Wen ich schütze und wen ich ausgewechselt habe, wenn er kurz vorm Durchdrehen ist.“ „Verein?“ fragte Erling. Lukas dachte nicht lange nach. „Mainz 05,“ sagte er. „Wer sonst? Aber wir bauen die Mannschaft so auf, dass es diesmal keine knapp-abstiegs-Saison wird. Und keine Trainer, die sagen, ich soll mir in die Hose machen.“ Erling grinste. „Alles klar, Cheftrainer,“ meinte er. „Dann starten wir eine internationale Mainz-05Überraschungssaison.“ Sie legten los: • Vereinsauswahl, • Kadercheck, • Jugendspieler-Sichtung, • Transferbudget. „Ich kauf uns erstmal einen richtig guten Sechser,“ murmelte Lukas. „Jemand, der aufräumt, wenn’s brenzlig wird. So einen hätte ich gern in meinen echten Vorlesungen.“ „Ich dachte, das bin ich,“ neckte Erling. Lukas stieß ihn leicht mit der Schulter an – vorsichtig, damit die Rippe nicht schmerzte. „Du bist eher mein Allrounder,“ sagte er. „Mal Verteidiger, mal Stürmer, mal Torwart, wenn alles brennt.“ Karriere-Modus als Spiegel der Realität Während sie im Spiel: • Trainingspläne einstellten, • Pressing-Taktiken wählten, • Jugendspieler zum ersten Team hochzogen, merkten sie beide, dass das hier mehr war als „nur zocken“. „Guck mal,“ sagte Lukas, als sie die Mannschaftsrollen durchgingen. „Hier kann ich einstellen, wer Kapitän ist, wer Elfmeterschütze, wer Freistöße tritt. Im echten Leben wirkt es manchmal, als wäre ich immer nur der Ball. Immer der, der hin- und hergekickt wird.“ Erling nickte. „Heute bist du der, der die Controller in der Hand hat,“ sagte er. „Wenn der virtuelle Lukas im Mainz-Trikot zu viel Druck kriegt, kannst du ihn rausnehmen, ihm Pause geben, ihn später wieder bringen. So wie du das mit dir selbst lernen musst.“ Lukas lehnte sich zurück.
„Meinst du, ich darf das?“ fragte er leise. „Mich selbst ‚auswechseln‘, bevor ich durchdrehe?“ „Du MUSST das,“ antwortete Erling. „Gestern im Raum… da habt ihr beide zu spät gewechselt. Du und dein Nervensystem. Heute machen wir’s anders.“ Sie spielten das erste Ligaspiel. Mainz gegen einen vermeintlich stärkeren Gegner. In der 70. Minute führten sie 2:1. „Dein Spieler hat Gelb und ist am Limit,“ kommentierte Erling. „Was machst du?“ Lukas sah auf den Bildschirm, dann auf seine Hände. „Früher hätte ich ihn draufgelassen bis zum Umfallen,“ sagte er. „Heute nehm ich ihn runter. Frischer Spieler, weniger Risiko.“ Er wechselte ihn im Spiel aus. „Wenn das deine Therapeutin sehen könnte,“ meinte Erling. „Sie würde eine Träne verdrücken.“ Mittag – Essen, Smalltalk, keine Details Zum Mittagessen rief die Mutter sie in die Küche. „Was habt ihr gemacht?“ fragte sie, als sie die beiden mit leicht roten Augen – vom konzentrierten Zocken – sah. „Mainz 05 gerettet,“ sagte Lukas. „Zumindest virtuell.“ „Und in der echten Tabelle?“ fragte der Vater skeptisch. „Stehen sie immer noch auf siebzehn,“ seufzte Lukas. „Aber in meiner Karriere sind sie auf einem guten Weg. Vielleicht hilft das ja karmamäßig.“ Sie aßen zusammen. Die Mutter fragte nur vorsichtig: „Wie geht’s den Schmerzen?“ „Aushaltbar,“ sagte Lukas. „Mit langsamen Bewegungen und ohne Gelächter, das in die Rippen fährt.“ Der Vater fragte: „Und zwischen euch?“ – er deutete auf Lukas und Erling. Es hätte ein schwerer Moment werden können. Lukas atmete tief durch. „Wir sind… okay,“ sagte er dann. „Wir haben gemerkt, wie knapp wir gestern an etwas vorbeigeschrammt sind, das wir beide hassen. Deswegen machen wir heute bewusst das Gegenteil: ruhig, gemeinsam, ohne Stress.“ Erling nickte. „Wir waren kurz… anders, als wir sein wollen,“ sagte er. „Aber wir sind nicht im Krieg. Wir sind im Reha-Modus.“ Der Vater sah lange, sehr lange in Lukas’ Gesicht. „Gut,“ sagte er schließlich. „Dann habt ihr gestern wenigstens rechtzeitig die Kurve gekriegt – mit Hilfe vom Arzt.“ Mehr kam nicht. Aber das war schon viel. Früher Nachmittag – kurzer Realitätsschub: Anruf bei der Therapie Nach dem Essen zog sich Lukas mit seinem Handy ins Zimmer zurück und wählte die Nummer der Autismus-Therapeutin. Erling setzte sich an den Schreibtisch, blieb in Hörweite, aber mischte sich nicht ein. „Praxis …, guten Tag,“ meldete sich die Stimme am anderen Ende. „Hallo, hier ist Lukas …,“ sagte er leise. „Ich… wollte nur Bescheid sagen, dass… ähm… was Wichtiges passiert ist.“ Er erklärte in groben Zügen:
dass es in der Hochschule einen körperlichen Konflikt gegeben hatte, dass er und sein bester Freund sich „unglücklich gerauft“ hatten, dass ein Arzt nach ihnen gesehen hatte, dass er gemerkt hatte, wie viel Wut in ihm ist, die er nicht einschätzen kann. Die Stimme war ruhig, verständnisvoll. „Bringen Sie das in unseren nächsten Termin mit,“ sagte sie. „Und machen Sie sich keine Vorwürfe, dass es überhaupt passiert ist. Wichtig ist: Sie sind nicht in der Spirale geblieben. Sie haben Hilfe gesucht. Das ist ein gutes Zeichen.“ „Manchmal hab ich Angst, dass ich wie mein Vater werde,“ murmelte Lukas. „Und genau deswegen rufen Sie mich an,“ kam es zurück. „Menschen, die Gefahr laufen, Muster zu wiederholen, und sich daran stören – die haben oft mehr Kontrolle, als sie denken. Wir machen daraus ein Thema. Versprochen.“ Als er auflegte, fühlte er sich nicht „geheilt“ – aber ein bisschen weniger allein. • • • •
Später Nachmittag – Karriere-Modus, Staffel 2 Zurück im Wohnzimmer starteten sie eine neue Session. „Zweite Hälfte der Hinrunde,“ sagte Erling. „Ziel: Mainz über den Abstiegsplätzen halten.“ „Und inneres Ziel:“ fügte Lukas hinzu, „nicht ausflippen, wenn der Schiri Mist pfeift.“ Beim Spielen kamen sie automatisch ins Reden. „Weißt du,“ sagte Lukas, während er den linken Flügelspieler schickte, „FC 26 ist manchmal einfacher als mein echtes Leben. Wenn ein Spieler Foul spielt, kriegt er Gelb oder Rot. Wenn ein Dozent mich verbal demütigt, passiert… nichts.“ „Noch nichts,“ korrigierte Erling. „Wir sind ja immer noch dabei, zu entscheiden, was wir mit der Hochschule machen. Ob wir Beschwerde einreichen, mit der Behindertenbeauftragten reden…“ Lukas biss sich auf die Lippe (vorsichtig). „Ich hab Schiss davor,“ gab er zu. „Aber nach MSP gestern… glaub ich, ich kann nicht mehr so tun, als wäre das „nur gemein“. Das ist… behindertenfeindlich. Punkt.“ „Und in deinem Karrieremodus,“ sagte Erling, „würdest du einen Trainer, der so mit einem deiner Spieler redet, nicht ewig behalten. Oder?“ Lukas stoppte kurz das Spiel, sah zur Taktikübersicht. „Stimmt,“ murmelte er. „Ich würde ihn irgendwann ersetzen. Durch jemanden, der fordert, aber nicht zerstört.“ Sie spielten weiter. Mainz gewann knapp. Im Spiel. Im echten Leben war nichts entschieden. Aber jeder kleine Sieg, selbst auf dem Bildschirm, fühlte sich an diesem Tag an wie ein Pflaster auf einem blauen Fleck. Abend – Eltern und „Unfallversion“ Am Abend saßen sie zu viert im Wohnzimmer. Kein lauter Fernseher, nur leise Hintergrundmusik, ein wenig Licht von einer Lampe in der Ecke. Die Mutter hatte eine Wärmflasche gemacht – halb für Lukas’ Rippen, halb für ihre eigenen Nerven. „Ich hab heute mit der Praxis telefoniert,“ sagte sie. „Die wissen Bescheid, dass es etwas Dringendes gab. Das ist gut.“ Der Vater rutschte auf seinem Stuhl hin und her.
„Ich will eine Sache noch mal klarstellen,“ begann er. „Gestern beim Arzt haben wir von ‚Streit mit körperlichem Kontakt‘ gesprochen. Heute sagt ihr: ‚Es war eher ein Unfall, wir sind gegeneinander geknallt.‘ Ich kann damit leben, solange klar ist: es war eine Ausnahmesituation. Kein neues normales Muster.“ Lukas nickte ernst. „Es war keine neue Aggressionspolitik,“ sagte er. „Es war… eine völlige Überforderungsexplosion mit blödem Ausgang. Wir erzählen niemandem: ‚Wir haben uns zum Spaß geprügelt.‘ Wir sagen: Es war ein Unfall in einem Streit. Und lernen daraus.“ Die Mutter sah zwischen den beiden hin und her. „Seid ihr füreinander noch sicher?“ fragte sie direkt. „Ich muss das wissen, bevor ich ruhig schlafen kann.“ Erling antwortete als erster. „Ja,“ sagte er ohne zu zögern. „Ich würde eher gegen eine Wand laufen, als Lukas bewusst weh zu tun. Und ich weiß, dass er mich nicht als Punchingball missbrauchen will. Gestern war… anders. Und das war genau der Schock, den wir gebraucht haben, um zu merken, wo die Grenze ist.“ Lukas schaute auf seine Hände. „Ich hab Angst vor der Wut in mir,“ gab er zu. „Aber ich hab mehr Angst davor, sie zu verstecken und dann irgendwann wirklich komplett auszurasten. Deswegen – ja: Erling ist sicher für mich. Und ich will sicher für ihn bleiben.“ Der Vater nickte langsam. „Dann nehmen wir für heute die ‚Unfallversion‘,“ sagte er. „Mit dem Zusatz, dass wir alle wissen: dahinter steckt mehr. Und das klären wir nicht mit Polizei, sondern mit Therapie und ehrlichen Gesprächen.“ Die Mutter legte Lukas die Hand kurz auf die Schulter. „Und mit Ruhe,“ fügte sie hinzu. „Wie heute. Man muss nicht jeden Tag kämpfen.“ Nacht – ein Eintrag, der anders klingt Später, als es im Flur ruhiger wurde, setzte sich Lukas noch einmal an seinen Schreibtisch. Das Mutbuch lag offen. Auf die Seite schrieb er: „Tag 16 – Reha-Tag Heute keine Hochschule. Keine Vorlesungen, keine Lehrerin, die sagt, ich soll mir in die Hose machen. Kein Raum mit giftigem Wasser. Stattdessen: – Arzt war gestern, Befund steht: nur Prellungen, nichts Gebrochenes. – Heute haben wir offiziell gesagt: ‚Es war ein Unfall beim Streiten.‘ Nicht die ganze Wahrheit, aber auch nicht gelogen. – Mama und Papa wissen: da steckt mehr dahinter. Aber wir alle haben entschieden, heute keinen neuen Sturm zu starten. Ich habe mit Erling FC 26 gespielt. Wir haben Mainz 05 im Karrieremodus gerettet. Im Spiel kann ich meine Spieler auswechseln, wenn sie am Limit sind. Im echten Leben muss ich lernen, das mit mir selbst zu tun. Die Wut von gestern ist noch da, aber sie ist leiser. Sie sitzt heute nicht in meinen Fäusten, sondern in meinen Sätzen. Ich schäme mich für die Schläge – meine und seine. Aber ich bin auch dankbar, dass wir nicht so getan haben, als wäre nichts gewesen. Wir waren beim Arzt, wir haben geredet, wir haben nicht so getan, als wären wir aus Stein.“
Er hielt kurz inne, setzte dann noch ein paar Zeilen darunter: „Vielleicht ist Tag 16 nicht der Tag, an dem sich alles löst. Aber es ist ein Tag, an dem wir entschieden haben: – keine neuen Lügen dazu, – keine neuen Wunden obendrauf, – ein bisschen Fußball – virtuell statt körperlich, – und die Erkenntnis, dass ich nicht automatisch zu einem Monster werde, nur weil ich einmal fast so gehandelt habe. Morgen wird wieder schwer. Aber heute durfte ich einfach ausatmen.“ Er legte den Stift weg, schloss das Buch und das Licht. Nebenan hörte er noch leise Schritte, das Klacken eines Glases in der Küche – sein Vater, der sich Wasser einschenkte, keinen Alkohol. Lukas zog die Decke über sich, spürte das dumpfe Ziehen in der Rippe – Erinnerung daran, wie nah alles am Kippen gewesen war. Aber in diesem sechzehnten Tag lag auch ein kleines, unscheinbares Geschenk: Er und Erling waren immer noch im selben Team. Nicht nur in FC 26, sondern in dieser chaotischen, schweren, aber noch nicht verlorenen Realität. Der sechzehnte Tag war eigentlich als kompletter „Reha-Tag“ geplant – aber das Leben hielt sich mal wieder nicht an Lukas’ Pläne. Mittag – Eine Mail zerstört die Tagesruhe Nach ein paar Stunden FC-26-Karriere, zwei gewonnenen Spielen mit Mainz 05 und einem halbwegs entspannten Mittagessen saß Lukas in seinem Zimmer am Schreibtisch. Der Controller lag noch neben ihm, das Mutbuch war zugeklappt, und auf dem Laptop war der Startbildschirm der Hochschul-Lernplattform zu sehen. Eigentlich wollte er die Seite nur kurz öffnen, um zu sehen, ob es neue Infos zum Cyberangriff gab. „Nur einmal schnell schauen,“ murmelte er. „Kein tiefes Eintauchen. Versprochen.“ Erling klopfte gegen den Türrahmen. „Was machst du?“ fragte er. „Ich check nur kurz die Mails und die Plattform,“ sagte Lukas. „Nicht, weil ich Bock hab – eher, weil ich keinen Bock auf Überraschungen hab.“ Er loggte sich ein. Die Plattform brauchte wie immer länger als nötig, das Ladesymbol drehte sich, als hätte es selbst keine Lust. Dann erschien die Startseite – und oben rechts blinkte das kleine Briefsymbol. „Drei neue Nachrichten,“ las Lukas. „Perfekt…“ Er klickte drauf. Die erste Mail: irgendein Hinweis zur IT-Störung. Die zweite: ein allgemeiner Hinweis zu Prüfungsanmeldungen. Die dritte: Betreff: „Wichtige Info: Rechtsvorlesung heute ausnahmsweise abends“ Lukas’ Magen machte einen kleinen Sprung nach unten. „Oh nein,“ murmelte er. „Bitte nicht…“ Er öffnete die Nachricht.
„Sehr geehrte Studierende, aufgrund einer Raumumplanung findet die heutige Vorlesung ‚Einführung in das Wirtschaftsrecht‘ ausnahmsweise heute Abend von 18:00–20:00 Uhr statt. Die Teilnahme ist wichtig, da prüfungsrelevante Inhalte behandelt werden. Mit freundlichen Grüßen Ihre Dozentin“ Lukas lehnte sich im Stuhl zurück. „Klar,“ sagte er trocken. „Natürlich. An DEM Tag, an dem ich mir mal vorgenommen hab, nicht zu funktionieren, schieben sie mir abends noch eine Vorlesung rein.“ Erling trat näher, las mit. „Abends?“ fragte er. „Super. Da, wo dein Kopf eigentlich langsam in den Schlafmodus will.“ „Und da, wo mein Nervensystem sagt: ‚Ich würde jetzt gerne nur noch auf dem Sofa liegen und so tun, als wäre ich ein NPC im Hintergrund‘,“ ergänzte Lukas. Er seufzte. „Ich kann mir das nicht leisten, die einfach ausfallen zu lassen,“ murmelte er. „Recht ist Klausurstoff. Wenn ich da nicht mitkomme, kann ich den Rest auch gleich in den Müll werfen.“ Erling nickte langsam. „Also: wir gehen,“ sagte er. „Aber wir bereiten deinen Kopf darauf vor.“ „Wie bereitet man einen Kopf auf eine Rechtsvorlesung vor,“ fragte Lukas, „in der man lernen muss, wie Paragrafen funktionieren, während man gleichzeitig Angst hat, dass jeder neue Raum wieder eine Bühne für Demütigung ist?“ Erling dachte kurz nach. Dann huschte ein kleines Grinsen über sein Gesicht. „Indem wir ihn vorher in eine andere Welt schicken,“ sagte er. „Eine, in der Monster wenigstens sichtbar sind.“ Plan: Erst „Stranger Things“, dann Paragraphendschungel „Du weißt schon,“ fuhr Erling fort, „dass heute die neue, fünfte Staffel Stranger Things rausgekommen ist?“ Lukas’ Augen wurden einen Hauch größer. „Ich dachte, die kommt erst nächste Woche?“ fragte er. „Überraschungs-Release,“ meinte Erling. „Hat man heute überall gesehen – zumindest wenn man nicht nur Mails von der Hochschule liest.“ Lukas biss sich auf die verletzte Lippe, verzog kurz das Gesicht und lachte dann doch ein bisschen. „Also gut,“ sagte er. „Stranger Things Staffel 5. Wir gucken aber höchstens zwei Folgen. Wenn ich mich voll wegschieße, bin ich abends in Recht komplett verloren.“ „Deal,“ sagte Erling. „Serienbinge light.“ Sie schlossen den Laptop. Die Mail war gelesen, die Info aufgenommen. Recht, 18:00 Uhr. Bis dahin waren es noch ein paar Stunden. Früher Nachmittag – Vorbereitung auf die Serienflucht Im Wohnzimmer bereiteten sie sich vor, als würden sie ein kleines privates Kino aufbauen. Die Mutter war in der Küche beschäftigt, der Vater saß am Tisch und ging seine Unterlagen vom Hausarzt durch. „Wir schauen jetzt was,“ sagte Lukas, als sie am Tisch vorbeigingen. „Nicht schon wieder Horror, oder?“ fragte die Mutter skeptisch.
„Naja…“, murmelte Lukas, „Stranger Things. Aber ich glaube, in meinem Kopf ist es gerade eh nicht ruhiger als in Hawkins.“ „Solange ihr nachher noch irgendwie halbwegs wach in der Vorlesung auftaucht,“ meinte der Vater, „und ihr euch nicht nach jeder Szene an die Decke schraubt, ist es mir egal.“ Lukas und Erling bauten ihr Setup: • Sofa-Kissen zurecht, • Decke für Lukas’ Beine (die Rippen mochten die Wärme), • Tee in der Kanne, • eine kleine Schüssel Chips (obwohl Essen bei Verletzungen der Lippe riskant war), • Fernbedienung bereit. „Willst du’s wirklich?“ fragte Erling ein letztes Mal. „Die Serie ist nicht… sanft. Monster, Bedrohung, Schattenwelt… alles dabei.“ Lukas atmete tief ein. „Genau deshalb,“ sagte er. „Wenn ich die Schatten draußen nicht kontrollieren kann, will ich wenigsten welche sehen, bei denen am Ende eine Chance besteht, dass sie verlieren.“ Er setzte sich hin, langsam, damit die Rippe nicht protestierte. Stranger Things Staffel 5 – Monster, die einen Namen haben Sie starteten Folge 1. Schon das Intro mit der Musik traf Lukas mitten ins Nervensystem: • die Synthesizer, • die rote Schrift, • die vibrierende Unruhe, die gleichzeitig vertraut war. „Krass,“ murmelte er. „Alleine das Intro fühlt sich an wie mein Kopf in den letzten Wochen.“ „Der Unterschied,“ meinte Erling, „ist, dass die da eine ganze Staffel Zeit haben, sich dem Ding zu stellen. Du bekommst grad jeden Tag eine neue Folge deines Lebens, ohne zu wissen, ob wir schon im Staffelfinale sind oder noch nicht.“ Die Folge schickte die Charaktere wieder nach Hawkins, in neue Abgründe, neue Labore, neue Risse in die Schattenwelt. Lukas lehnte sich gegen Erling, die Wärmflasche an den Rippen, sein Herzschlag passte sich langsam dem Rhythmus der Serie an. Als in der Folge zum ersten Mal wieder eine Kreatur aus dem „Upside Down“ auftauchte, murmelte Lukas: „Das da ist für mich Patrik.“ Erling sah ihn von der Seite an. „Weil er aus dem Schatten kommt?“ fragte er. „Ja,“ sagte Lukas. „Er ist nicht immer direkt da. Manchmal ist alles ruhig. Und dann – zack – reißt irgendwas auf, und er steckt seine Finger rein. Zichnin, Nachrichten an die Ersatzoma, Hetze gegen mich, Einfluss auf Lehrer…“ Auf dem Bildschirm kämpften die Kids mit Taschenlampen gegen etwas, das viel größer war als sie selbst. „Und das da,“ fügte Lukas hinzu und zeigte auf die Gruppe der Freunde in der Serie, „das seid du, Mama, meine Therapeutin und… vielleicht irgendwo in Zukunft jemand in der Hochschule, der mich nicht wie Ballast sieht.“ Erling antwortete nicht sofort. Er sah auf den Bildschirm und dann auf Lukas. „Und du?“ fragte er schließlich leise. „Wer bist du in der Serie?“ Lukas überlegte.
„Einer von denen, die von Anfang an wissen, dass es Monster gibt,“ sagte er. „Aber denen erst später geglaubt wird. Und die in der Zwischenzeit trotzdem immer wieder in den Keller gehen, obwohl sie genau wissen, wie dunkel er ist.“ Zwischen den Folgen – Realität klopft an Nach der ersten Folge pausierten sie. Der Pause-Bildschirm blieb stehen, die Musik verflachte. „Okay,“ sagte Lukas. „Wie ist dein Zustand?“ „Bei mir: 60% in Hawkins, 40% in Mainz,“ meinte Erling. „Bei dir?“ „70% in der Serie, 30% in der Vorlesung,“ gab Lukas zu. „Aber ich weiß, dass ich heute Abend wieder auf den harten Stühlen sitzen werde, während irgendeine Frau vorne etwas von Vertragsrecht erzählt.“ Er rieb sich vorsichtig die Wange. „Ist es komisch, dass ich mir wünsche, manche Lehrer würden so eindeutig ‚monsterhaft‘ aussehen wie die Viecher in Stranger Things?“ fragte er. „Dann wüsste ich wenigstens, woran ich bin.“ Erling grinste schief. „Bei manchen reicht schon der Satz ‚machen Sie doch in die Hose‘,“ sagte er. „Das ist für mich ein klarer Hinweis auf Innere-Monster-Anteil.“ Sie lachten kurz – der Humor tat gut, auch wenn er schwarz war. „Noch eine Folge?“ fragte Erling. Lukas checkte Uhrzeit und inneres Energielevel. „Eine,“ entschied er. „Dann Pause, dann Recht. Ich will nicht komplett matschig in die Vorlesung.“ Folge 2 – Spiegelungen und Trigger In der zweiten Folge wurde es düsterer. Mehr Rückblenden, mehr Trauma, mehr Flashbacks. Charaktere mussten sich ihren eigenen Erinnerungen stellen, verzerrten Versionen ihrer Vergangenheit. Lukas spürte, wie sein Brustkorb enger wurde. Auf dem Bildschirm wurde jemand in der Serie mit seinen größten Ängsten konfrontiert – Szenen aus der Kindheit, aus der Schule, Familie, Scham. „Das ist wie meine VR-Horror-OP,“ flüsterte Lukas plötzlich. „Der Typ, der mich in der Klinik mit meinen schlimmsten Erinnerungen konfrontiert hat, während ich betäubt war…“ Seine Finger klammerten sich unbewusst fester in die Decke. Erling bemerkte es, legte die Hand beruhigend auf Lukas’ Unterarm. „Wir sind auf dem Sofa,“ sagte er leise. „Nicht im Krankenhaus. Nicht in der VR. Du kannst pausieren, wenn du willst.“ Lukas atmete durch. „Nein,“ sagte er nach einem Moment. „Ich will sehen, ob sie sich da raus kämpfen. Vielleicht erinnert mich das dran, dass ich das auch kann.“ In der Episode fanden die Charaktere neue Wege, sich gegenseitig zu schützen: • einer stellte sich zwischen Monster und Freund, • jemand anders schrie, statt zu erstarren, • sie entwickelten einen Plan, statt nur zu rennen. Lukas spürte, dass sein Herz klopfte – aber es war diesmal nicht nur Angst, sondern auch so etwas wie „Ja! Genau so!“
„Guck,“ sagte er plötzlich, als eine Figur einen anderen festhielt, bevor der in ein Loch stürzte. „Genau das hast du gestern mit mir gemacht – metaphorisch. Du hättest weglaufen können nach der Schlägerei. Stattdessen bist du mit mir zum Arzt gegangen.“ Erling schnaubte kurz. „Bruder,“ sagte er, „wenn ich dich fallen lasse, ist die Serie hier vorbei. Und ich hab keine Lust auf ein Staffelfinale nach Folge 15.“ Serienende für heute – zurück in die echte Welt Als die zweite Folge endete und der Abspann lief, drückte Lukas auf Pause, bevor die dritte automatisch startete. „Stopp,“ sagte er. „Mein Kopf ist voll. Wenn wir jetzt weitergucken, läuft die Vorlesung später wie eine Bonusfolge, und ich check gar nichts mehr.“ Erling nickte. „Wie geht’s deiner Rippe?“ fragte er. „Tut wenig mehr als vorher,“ meinte Lukas. „Aber nicht wegen Stranger Things. Mehr, weil ich bei manchen Szenen zu sehr angespannt war.“ Er schaltete den Fernseher aus. Plötzlich war das Wohnzimmer leiser, nur noch der Kühlschrank brummte irgendwo in der Küche, und die Uhr tippte leise an der Wand. „Also,“ sagte Erling. „Plan für den Rest des Tages?“ Lukas dachte laut: „Jetzt: kurz was essen oder einen Tee. Dann Duschen, anziehen, Rucksack packen. Und dann… Recht.“ Er verzog das Gesicht. „Allein das Wort klingt schon wie ein Monster, das Paragraphen frisst.“ „Vielleicht,“ meinte Erling, „stellst du dir heute Abend einfach vor, im Hörsaal gibt es eine unsichtbare Gruppe, die so ist wie die Kids aus Hawkins. Echte Verbündete, auch wenn sie sich noch nicht gezeigt haben.“ „Oder,“ sagte Lukas, „ich stell mir vor, ich bin in einer Staffel, in der ich lerne, wie man Systeme versteht, damit ich später genauer sagen kann, was hier falsch läuft.“ Er stand langsam auf. Die Rippe meldete sich, aber nicht so schlimm wie gestern. „Weißt du, was komisch ist?“ fragte er, als sie Richtung Flur gingen. „Vor ein paar Monaten hätte ich diesen Abend gehasst: Recht am Abend, nach einem Tag voller Stress.“ „Und heute?“ fragte Erling. „Heute hasse ich ihn immer noch,“ grinste Lukas müde, „aber ich geh bewusster rein. Ich weiß, dass da Monster sitzen – in mir, in anderen, im System. Aber ich hab auch mehr Namen dafür.“ Er blieb kurz stehen, drehte sich zu Erling um. „Und ich weiß,“ sagte er leise, „dass ich nicht allein nach Hawkins muss. Du gehst mit mir in die Hochschule. Vielleicht nicht in den Hörsaal – aber bis zur Tür.“ Erling legte ihm kurz eine Hand in den Nacken. „Mindestens bis zur Tür,“ sagte er. „Eher noch ein Stück weiter.“ So endete der Mittag des sechzehnten Tages: mit einer Mail, die ihn zurück mit zwei Folgen Stranger die ihm halfen, seine ohne dass sie ihn ganz auffraßen,
die Realität schleuderte, Things Staffel 5, Monster anzuschauen,
und mit dem Entschluss, trotz Prellungen, Wunden und Wut am Abend wieder in einen Hörsaal zu gehen – auch wenn sein Herz lieber im Karrieremodus geblieben wäre. Der Abend des sechzehnten Tages war eigentlich schon anstrengend genug, bevor er überhaupt begonnen hatte. Aber Lukas war es gewohnt, dass seine Tage selten so liefen, wie sie auf dem Papier standen. Früher Abend – Aufbruch zur Hochschule Gegen halb sechs stand Lukas im Flur und zog sich vorsichtig die Jacke über. Die Rippe meldete sich, als er den Arm hob – ein dumpfer Schmerz, der ihn daran erinnerte, was gestern passiert war. Die Wange war noch leicht geschwollen, aber nicht mehr so knallrot wie am Vortag. Erling stand schon mit Mütze und Jacke bereit, den Rucksack locker über einer Schulter. „Bereit für Staffel ‚Wirtschaftsrecht – Abendvorstellung‘?“ fragte er mit einem schiefen Grinsen. „So bereit, wie man sein kann,“ murmelte Lukas. „Ich hab weniger Angst vor den Paragraphen als davor, dass wieder irgendwas Technisches schiefgeht und ich als einziger nichts mitkriege.“ Die Mutter kam aus der Küche, einen Schal in der Hand. „Zieh den mit an,“ sagte sie und legte ihn ihm um. „Es ist kalt, und dein Körper hat genug Stress. Und wenn irgendwas Komisches ist – WLAN, Cyberangriff, Dozent spinnt – dann melde dich.“ Der Vater lehnte im Türrahmen zum Wohnzimmer. „Und denk dran,“ sagte er, „du musst heute niemanden retten. Du darfst auch einfach nur sitzen, zuhören und wiederkommen.“ Lukas nickte. „Ich versuch’s,“ sagte er. Dann gingen er und Erling los – Treppenhaus, Straße, zur Straßenbahn. Auf dem Campus – leere Gänge, seltsame Ruhe Als sie die Hochschule erreichten, war der Himmel schon dunkel, nur die Laternen und die Lichtvierecke aus den Fenstern der Gebäude leuchteten. Abends sah die Hochschule anders aus: • weniger Stimmengewirr, • kein Gedränge, • nur einzelne Gruppen, die wie Schatten über den Campus zogen. „Komisch,“ murmelte Lukas. „Ich kenn das hier eher als viel zu laut als zu leise.“ Sie gingen zum Gebäude, in dem sonst die Recht-Vorlesung stattfand. Auf dem Weg trafen sie drei Kommiliton*innen, die in die andere Richtung liefen. „Geht ihr nach Hause?“ fragte einer. „Wir wollen in die Rechtsvorlesung,“ sagte Lukas. Der andere zog eine Augenbraue hoch. „Äh… die ist online heute,“ meinte er. „Stand doch in der Mail.“ „Ja, ja,“ sagte Lukas. „Aber ich dachte, wir setzen uns in den Raum, damit ich nicht zuhause abgelenkt bin. Und vielleicht ist die Dozentin doch da.“ Die anderen zuckten die Schultern und gingen weiter. Lukas’ Magen zog sich ein bisschen zusammen. Online ist immer so eine Sache, dachte er. Manchmal gut – weil weniger Menschen um einen herum. Manchmal Horror – weil man auf Technik ausgeliefert ist.
Sie stiegen die Treppe hoch Richtung „ihrer“ Rechtsetage. Überraschung an der Tür – Online ja, WLAN nein Vor dem Hörsaal, in dem sonst Recht stattfand, hing ein frisch ausgedruckter Zettel an der Tür. In großen Buchstaben: „HEUTE NUR ONLINE! Kein Präsenzbetrieb – Teilnahme über den Link in Moodle. Aufgrund des Cyberangriffs ist das Hochschul-WLAN weiterhin eingeschränkt. Wir bitten um Verständnis.“ Lukas starrte auf den Zettel. „Na großartig,“ sagte er. „Wir sind hergefahren, um festzustellen, dass wir genau das machen sollen, was ich eigentlich von Zuhause aus hätte machen können.“ Erling las den Zettel ebenfalls. „‚WLAN eingeschränkt‘ heißt in dieser Hochschule: es geht gar nichts,“ kommentierte er. „Die IT hat sicher alles vom Netz genommen, damit der Angriff nicht schlimmer wird.“ Lukas holte sein Handy aus der Tasche, schaute oben auf die Leiste: Volle Balken bei Mobilfunk, aber das bekannte Hochschul-WLAN-Symbol blieb grau. Er versuchte sich einzuloggen – „HS-MAINZ-WLAN“ – es drehte sich, brach ab. „Nichts,“ murmelte er. „Die haben wirklich den Stecker gezogen.“ Die Datenentscheidung – 10 GB als Rettungsleine Er öffnete seine Handy-App vom Anbieter, checkte sein Datenvolumen. Noch 2,7 GB im normalen Vertrag – eigentlich für WhatsApp, ein bisschen YouTube, Navigation. „Zwei Stunden Online-Vorlesung mit Präsentation und Kamera… das zieht mehr,“ rechnete er leise. „Wenn ich Pech hab, bin ich danach nicht nur pleite im Kopf, sondern auch im Datenvolumen.“ Erling lehnte an der Wand neben der Tür. „Was sind die Optionen?“ fragte er. Lukas zählte mit den Fingern ab: „Option 1: Ich fahr wieder nach Hause, hoffe, dass unser WLAN da mitmacht, logg mich ein und bete, dass nichts abstürzt. Risiko: ich schaff’s nicht rechtzeitig oder es geht auch da nicht.“ „Option 2?“ fragte Erling. „Option 2: Ich sag ‚scheiß drauf‘, lass die Vorlesung sausen, nehm in Kauf, dass ich bei Recht ein Thema nicht mitkriege, und hoffe, dass ich alles aus den Folien rekonstruiere. Risiko: Klausur wird schlimmer.“ „Option 3?“ Lukas öffnete in der App die Optionen. Da stand: „Option: Einmalig 10 GB zusätzliches Datenvolumen für diesen Monat – 10 Euro.“ Er starrte drauf. 10 Euro waren für manche Leute nichts – für ihn waren sie aber spürbar. Geld, das man auch für einen kleinen Einkauf, einen Teil Pokémon-Go-Event-Tickets oder einen Abend mit Freunden hätte nutzen können.
„Option 3,“ murmelte er, „ich kauf mir einmalig 10 GB dazu, mach Hotspot über mein Handy, setz mich in irgendeinen freien Raum, logg mich mit dem Laptop ein, zieh die Vorlesung durch. Und nächste Woche mach ich dann von zuhause aus mit unserem WLAN.“ Erling wartete, sagte nichts. Er ließ Lukas rechnen – nicht nur Zahlen, sondern auch Kraft. „Was sagt dein Bauch?“ fragte er schließlich. Lukas spürte in sich hinein. Der Kopf sagte: Teuer. Doof. Ungerecht. Aber ein anderer Teil sagte: Du willst das Studium nicht verlieren wegen einer verpassten Vorlesung, die du eigentlich schaffen könntest. Und du willst nicht noch mehr Stress mit ‚nacharbeiten‘. Er atmete tief durch. „Okay,“ sagte er. „Einmalig. Nur für heute. Ich kauf die 10 GB. Das ist meine… NotfallLeine.“ Er klickte in der App auf „Buchen“. „Sind Sie sicher?“ stand da. „Bin ich?“ dachte er kurz. Dann tippte er auf „Ja“. Ein improvisierter Seminarraum – Offline Gebäude, Online Kurs Sie suchten sich im Flur einen freien Seminarraum – eine kleinere Tür stand offen, drinnen ein langer Tisch, ein paar Stühle, Steckdosenleiste. „Perfekt,“ sagte Erling. „Privater Hörsaal.“ Lukas setzte sich, holte vorsichtig den Laptop aus dem Rucksack, stellte ihn auf den Tisch. Er öffnete die WLAN-Einstellungen, aktivierte den Hotspot auf dem Handy: „Lukas-iPhone-Hotspot – Passwort: (langes wirres Ding)“ Der Laptop verband sich. Zum ersten Mal seit Tagen sah er oben in der Anzeige: „Verbunden – Internetzugriff“ Das war fast so, als hätte jemand ein Fenster in einem stickigen Raum geöffnet. Er öffnete Moodle, suchte den Kurs „Einführung in das Wirtschaftsrecht“. Da war der Link: „Online-Meeting heute 18:00 Uhr – Plattform: Zoom / BBB / Teams (je nach Story, wir sagen: Zoom).“ „Wir sind zehn Minuten zu früh,“ murmelte Lukas. „Gut. Dann kann das Chaos in Ruhe aufbauen.“ Erling setzte sich neben ihn, so dass er mit auf den Bildschirm sehen konnte. Die Vorlesung – Alle zuhause, er im verlassenen Gebäude Punkt 18:00 Uhr klickte Lukas auf „Meeting beitreten“. Der Bildschirm flackerte dann erschien das typische Zoom-Fenster: • ein paar schwarze Kacheln mit Initialen, • zwei, drei Gesichter, die ihre Kamera anhatten, • oben rechts: das kleine Fenster der Dozentin. „Guten Abend,“ sagte sie. „Hören Sie mich alle?“ Lukas setzte sein Headset auf, damit der Ton nicht durch den ganzen Raum hallte. „Ich höre Sie,“ sagte er leise, sein Mikro allerdings auf „stumm“. Erling hörte mit – ein Ohr frei, eins von der Headset-Muschel halb abgedeckt.
„Willkommen zur heutigen Online-Vorlesung,“ fuhr die Dozentin fort. „Sie wissen, aufgrund des Cyberangriffs sind unsere Räumlichkeiten und das Hochschulnetzwerk eingeschränkt – deswegen weichen wir heute auf diese Form aus.“ Lukas sah kurz aus dem Fenster: Draußen war der Campus fast leer. Nur ein paar Lichter, dunkle Bäume, ein fast surreal stilles Gebäude. Alle sitzen zuhause, dachte er. Und ich sitze in der Hochschule und tue so, als wäre ich auch zuhause. Die Dozentin teilte ihren Bildschirm, es erschienen Folien: • „Rechtsgeschäft“, • „Angebot und Annahme“, • „Formvorschriften“, • „Anfechtung“. „Immerhin,“ flüsterte Lukas, „keine Urinbeutel, kein ‚mach dir in die Hose‘. Nur BGB.“ Kurzzeitige Panik – bricht das Netz weg? Nach etwa zwanzig Minuten, gerade als die Dozentin ein Beispiel zu einem Kaufvertrag erklärte, fror das Bild für eine Sekunde ein. Der Ton stockte, das Zoom-Fenster wurde kurz grau. „Nein, nein, nein…“ flüsterte Lukas und sah nervös auf sein Handy. Die Hotspot-Anzeige zeigte noch Empfang, aber der Datenzähler tickte sichtbar nach oben. 150 MB verbraucht 220 MB 340 MB… Der Bildschirm sprang wieder an. „…und genau deshalb ist der Zeitpunkt der Annahme so entscheidend,“ sagte die Dozentin, als wäre nichts gewesen. Lukas atmete aus. „Ich hasse es, wie abhängig man von Verbindungen ist,“ murmelte er. „Ein kleiner Aussetzer, und ich fliege raus.“ Erling zeigte auf das Handy. „Dein 10-GB-Retter arbeitet,“ sagte er. „Du hast ihn nicht umsonst geholt. Wir kommen durch.“ Lukas zog die Schultern ein wenig hoch. „Ich hoffe, deine Karriere als Fußballer bringt dir irgendwann genug Geld,“ murmelte er, „dass du dir keine Gedanken um Datenvolumen machen musst.“ „Bis dahin,“ meinte Erling, „teilen wir uns halt die Rechnung in der Serie.“ Besonderer Moment – Eine Frage im Chat Im Verlauf der Vorlesung merkte Lukas etwas Erstaunliches: Online war es… anders. Nicht unbedingt leichter – die Inhalte waren immer noch trocken –, aber die Art, wie er sich beteiligen konnte, fühlte sich weniger bedrohlich an. „Wenn Sie Fragen haben,“ sagte die Dozentin, „nutzen Sie gern den Chat. Ich versuche, immer wieder hineinzuschauen.“ Lukas zögerte erst. Dann sah er eine Verständnisfrage im Chat von jemand anderem:
„Können Sie noch mal erklären, ab wann ein Angebot bindend ist?“ Die Dozentin antwortete ruhig. Kein Auslachen, kein Abwürgen. Lukas spürte, wie in ihm ein kleiner Mut-Impuls aufkam. Er schrieb: „Wie ist das bei Online-Verträgen mit Widerrufsrecht? Fühlt sich manchmal an, als hätte man zwar schon zugesagt, aber trotzdem noch eine ‚Rückgängig‘-Taste. Ist das juristisch eher Angebot oder schon Vertrag?“ Er las sich den Satz dreimal durch, drückte dann auf Enter. Für einen Moment hatte er das Gefühl, als hätte er in einem riesigen Hörsaal aufgestanden – obwohl in Wirklichkeit nur ein Chatfenster blinkte. Die Dozentin las die Frage laut vor. „Das ist eine sehr gute Frage,“ sagte sie – und meinte es diesmal wirklich so, ohne Ironie. „Denn genau da unterscheiden wir zwischen dem Zustandekommen des Vertrags und dem gesetzlichen Widerrufsrecht. Der Vertrag kommt zustande – aber der Gesetzgeber gibt Ihnen die Möglichkeit, innerhalb einer Frist wieder herauszukommen. Wir schauen uns das in einer späteren Einheit noch genauer an.“ Lukas’ Herz schlug kurz schneller – aber anders als bei Panik. Erling stupste ihn mit dem Ellenbogen an (vorsichtig). „Siehst du?“ flüsterte er. „Du bist nicht nur der, der in Vorlesungen gedemütigt wird. Du bist auch der, der kluge Fragen stellt.“ Lukas’ Mundwinkel zuckte. „Vielleicht,“ murmelte er, „bin ich im Online-Chat mutiger als im echten Raum.“ Ende der Vorlesung – leerer Flur, voller Kopf Gegen 19:55 Uhr endete die Sitzung. „Vielen Dank für Ihre Teilnahme,“ sagte die Dozentin. „Ich hoffe, die technischen Schwierigkeiten hielten sich in Grenzen. Nächste Woche werden wir – sofern die Systeme es zulassen – wieder normal online zur gewohnten Zeit tagen. Sie müssen nicht extra dafür in die Hochschule kommen.“ Lukas hörte bei dem Satz besonders genau hin. Sie müssen nicht extra in die Hochschule kommen. Das war wie eine offizielle Erlaubnis, nächste Woche nicht wieder mit Rippenprellung und Halbschlafzügen in die Stadt zu fahren, nur um dann festzustellen, dass alles online ist. Er klickte auf „Meeting verlassen“. Der Bildschirm sprang zurück auf den Desktop. Das Summen im Raum war plötzlich weg. Nur das Geräusch des Laptops und sein eigener Atem. Er sah auf die App: Verbrauchte Daten: 2,3 GB von den 10 neu gekauften. Es tat weh im Geldbeutelgefühl, aber gleichzeitig wusste er: Es war nicht sinnlos verpulvert. Er hatte etwas geschafft. „Na?“ fragte Erling, als Lukas das Headset abnahm. „Urteil?“ Lukas dachte kurz nach. „Es war anstrengend,“ sagte er. „Aber nicht zerstörend. Kein Lehrer, der mich vor allen fertig macht. Keine Mitschüler, die mir den Beutel klauen. Nur ich, der Bildschirm und ein Chat.“
Er packte den Laptop wieder ein, deaktivierte den Hotspot. „Nächste Woche machst du das von zuhause,“ sagte Erling. „Mit eigenem WLAN, im Hoodie, mit Tee, Katze auf dem Schoß – wenn du eine hättest.“ „Vielleicht hol ich mir irgendwann eine,“ murmelte Lukas. „Bis dahin musst du halt den Ersatzkater spielen.“ Heimweg – müde, aber nicht kaputt Auf dem Rückweg durch die dunklen Flure wirkte die Hochschule wie ein leeres Filmset, das seine Hauptdarsteller für heute entlassen hatte. „Weißt du, was ironisch ist?“ sagte Lukas, als sie das Gebäude verließen. „Was?“ fragte Erling. „Dass ich heute zum ersten Mal seit langem eine Vorlesung hatte, in der ich nicht das Gefühl hatte, jemand wollte mich absichtlich klein machen – und ausgerechnet da sitze ich alleine in einem leeren Raum.“ Erling nickte. „Vielleicht brauchst du manchmal genau das,“ meinte er. „Einen Raum ohne Publikum. Ohne Hohn. Nur dich und das, was du lernen willst.“ In der Straßenbahn lehnte Lukas den Kopf vorsichtig an die Scheibe. Die Rippe tat weh, aber nicht so schlimm wie erwartet. Der Kopf war voll, aber nicht völlig überlaufen. „Weißt du was?“ sagte er nach einer Weile. „Ich glaube, ich mach Recht nächste Woche von zuhause. Wenn’s offiziell online ist, muss ich mir nicht noch extra den Weg geben. Weniger Geräusche, weniger Stress.“ „Gute Entscheidung,“ meinte Erling. „Ein bisschen Selbstschutz ist kein Schwänzen, sondern kluge Taktik.“ Später Abend – Eintrag im Mutbuch Zuhause, nachdem er Jacke und Schuhe ausgezogen hatte, setzte Lukas sich noch einmal kurz an seinen Schreibtisch. Das Mutbuch lag offen. Er schrieb: „Tag 16 – Abend: Die Hochschule hat wieder Chaos gemacht: – Recht findet abends statt. – Am Ende ist es doch nur online. – WLAN auf dem Campus tot wegen Cyberangriff. Ich hätte drei Möglichkeiten gehabt: 1. Nach Hause fahren und hoffen, dass dort das Netz läuft. 2. Alles sausen lassen und später leiden. 3. Einmal 10 GB Daten kaufen, Hotspot machen, in einem leeren Raum sitzen und durchziehen. Ich habe mich für Option 3 entschieden. Heute war ich der, der sich selbst ernst genommen hat: – Ich wollte die Vorlesung schaffen. – Ich wollte nicht noch mehr Stoff verpassen. – Ich wollte trotzdem meine Grenze sehen: nächstes Mal mache ich es von zuhause, nicht vor Ort. Ich bin in einem leeren Seminarraum gesessen, habe über mein Handy eine eigene kleine Insel Internet gebaut und war Teil einer Vorlesung, die nicht gegen mich gearbeitet hat.
Ich habe sogar eine Frage im Chat gestellt. Die Dozentin hat ‚gute Frage‘ gesagt – ohne Spott. Das fühlt sich an wie ein kleiner Gegenbeweis gegen alle, die mir eingeredet haben, ich sei nur Belastung.“ Er legte den Stift ab, rieb sich vorsichtig die Wange. Nebenan klapperte Geschirr – seine Mutter räumte die Küche auf. Vom Wohnzimmer her hörte er leise den Fernseher, irgendeine harmlose Serie, kein Monster, kein Upside Down. Lukas atmete durch. Der sechzehnte Tag war voll gewesen: • Prügel-Nachwirkungen, • Arzt-Nachhall, • FC-26-Reha, • Stranger-Things-Monster, • Recht online aus einem leeren Raum. Aber er endete mit etwas, das sich – trotz aller Schmerzen – gut anfühlte: Er hatte eine Entscheidung getroffen, die nicht auf Angst, sondern auf Selbstschutz und Verantwortung beruhte. Und zum ersten Mal seit Tagen hatte er den Eindruck, dass er nicht nur Opfer seiner Umgebung war – sondern jemand, der inmitten von Cyberangriff, Gift im Wasser und kaputten Strukturen trotzdem einen Weg gefunden hatte, seinen Weg durch eine Vorlesung zu bauen. Der sechzehnte Tag war schon voll mit Gefühlen, Serienmonstern und Paragraphen-Plänen, als Lukas’ Mutter plötzlich im Türrahmen vom Wohnzimmer auftauchte. Später Nachmittag – „Ihr braucht frische Luft“ Lukas und Erling hatten gerade die zweite Folge der neuen Stranger-Things-Staffel beendet. Der Fernseher war aus, aber die Bilder hingen noch in der Luft: • flackernde Lichter, • dunkle Gänge, • Freunde, die sich gegenseitig aus der Schattenwelt ziehen. Lukas lag halb auf dem Sofa, die Wärmflasche auf den Rippen, Erling saß am anderen Ende, die Füße auf dem Couchtisch, den Controller in der Hand wie einen Talisman. Die Mutter steckte den Kopf zur Tür rein. „Ihr seht aus, als hättet ihr insgesamt vier Stunden auf Bildschirme gestarrt,“ sagte sie, halb scherzend, halb ernst. „Wann wart ihr das letzte Mal draußen?“ Lukas dachte nach. „Zählt ‚zum Arzt fahren‘ als draußen?“ fragte er. „Nicht als echtes Draußen,“ sagte sie. „Mehr als ‚funktionieren im Gesundheitsmodus‘. Ich meine: frische Luft, ohne Wartezimmer, ohne Hörsaal, ohne Neonlicht.“ Sie zögerte kurz. „Wollt ihr zwei nicht noch eine halbe Stunde auf den Weihnachtsmarkt?“ schlug sie vor. „Nur ihr. Ohne uns. Dein Vater bleibt heute bewusst hier – wir wollen nichts riskieren, was Glühwein und schlechte Erinnerungen angeht.“ Der Vater, der im Esszimmer am Tisch saß und ein Blatt mit dem Titel „Suchtberatung – Infobogen“ studierte, hob kurz den Blick.
„Ich bleib wirklich lieber weg,“ sagte er offen. „Ich war in den letzten Tagen mehr Monster als Mensch. Ihr zwei dürft ruhig mal eine Version von Weihnachtsmarkt erleben, in der niemand etwas anzündet oder Leute anschreit.“ Lukas’ Brust zog sich kurz zusammen – Schmerz, aber auch Erleichterung. Draußen hatte es bereits zu dämmern begonnen. Durch das Fenster sah man den rosa-grauen Winterhimmel, die ersten gelblichen Lichter der Stadt. Erling sah Lukas an. „Was sagt dein System?“ fragte er. „Noch Energie für ein bisschen Lichter und ZuckerwatteGeruch vor der Rechts-Vorlesung?“ Lukas spürte in sich rein. Ein Teil war müde. Ein anderer sehnte sich nach etwas, das sich nach „normalem Dezember“ anfühlte. Ohne Sirenen, ohne Polizei, ohne brennende Lokale. „Ja,“ sagte er leise. „Aber nur kurz. Und ohne Alkohol. Mein Körper hat genug Experimente gehabt.“ Weg in die Stadt – Übergang zwischen zwei Welten Sie zogen sich wieder an – Schal, Mütze, dicke Jacken. Die Rippe meldete sich, als Lukas die Arme hob, aber der Schmerz war inzwischen zu einer Art ständiger Hintergrundbegleitung geworden. Im Flur blieb die Mutter noch einmal stehen. „Wenn es zu voll wird oder zu laut,“ sagte sie, „dann geht ihr einfach. Ihr müsst nichts „aushalten“, nur weil es Weihnachtsmarkt heißt. Klar?“ Lukas nickte. „Klar,“ sagte er. „Und wenn wir merken, dass es kippt, sind wir rechtzeitig zurück, damit ich noch halbwegs geradeaus in die Hochschule komme.“ Sie fuhren mit der Straßenbahn Richtung Innenstadt. Die Scheiben waren von innen leicht beschlagen, draußen zogen Lichterketten vorbei. Für einen Moment war es friedlich: • Leute mit Einkaufstaschen, • Kinder mit Mützen mit Bommeln, • jemand mit einer Tüte gebrannter Mandeln. Lukas lehnte die Stirn leicht an das Fenster. „Komisch,“ murmelte er. „Vor ein paar Tagen hat sich jede Fahrt angefühlt wie Vorbereitungszeit auf den nächsten Unfall. Heute fühlt es sich… normaler an. Nicht ungefährlich, aber… weniger wie ein Horrorfilm.“ Erling lächelte schief. „Stranger Things als Vorbereitung auf echten Weihnachtsmarkt,“ sagte er. „Wenn du Demogorgons überlebt hast, schaffst du auch Menschen mit Glühwein.“ Ankunft – Weihnachtsmarkt, aber anders Als sie am Mainzer Weihnachtsmarkt schlug ihnen sofort die typische Mischung entgegen: • Duft nach gebrannten Mandeln, • Bratwurst, • Glühwein, • Zuckerwatte, • dazu das leise Durcheinander von Musik aus verschiedenen Buden.
ausstiegen,
Lichterketten spannten sich über den Platz, kleine Holzbuden reihten sich aneinander, ein Kinderkarussell drehte sich langsam im Kreis. Lukas blieb kurz am Rand stehen und ließ alles auf sich wirken. Sein Körper spannte sich kurz an – Erinnerungssplitter: • der Vater, der am Wintermarkt ausgerastet war, • die Polizei, • das Feuer im Stammlokal, • der Vorwurf im eigenen Kopf: „Warum gehst du überhaupt noch irgendwo mit ihm hin?“ Er spürte, wie sein Atem schneller wurde, das bekannte „Alarm!-Gefühl“ machte sich bemerkbar. Erling bemerkte es. „Skala?“ fragte er leise. „4 von 10,“ murmelte Lukas. „Kein Kollaps, aber auch kein entspanntes Weihnachtskartenmotiv. Viel… ‚ich check die Fluchtwege‘.“ „Okay,“ sagte Erling. „Dann machen wir’s wie bei einem neuen Level im Spiel: erst die Map erkunden, dann entscheiden, wo wir hingehen. Kein Drängeln in die Mitte, keine Fahrgeschäfte, wenn dir nicht danach ist.“ Sie schlenderten langsam an den äußeren Buden entlang. Lukas’ Blick blieb an Dingen hängen, die er früher fast automatisch übersehen hätte: • ein Stand mit handgemachten Kerzen, • ein Verkäufer, der mit ruhiger Stimme Honigsorten erklärte, • Kinder, die vor einem Stand mit Holzspielzeug fasziniert stehenblieben. An einem Stand dampfte Kinderpunsch. „Das da,“ sagte Lukas. „Keine Diskussion. Kein Bier, kein Wein. Nur heißer Zucker mit Plastikbecher.“ Kinderpunsch statt Absturz Sie stellten sich an den Stand. „Zweimal Kinderpunsch, bitte,“ sagte Lukas. Der Verkäufer nickte, goss die roten Flüssigkeit in zwei Becher, Dampf stieg auf, der nach Frucht und Gewürzen roch. Lukas hielt den Becher in beiden Händen, ließ die Wärme in seine Finger ziehen. „Weißt du noch,“ murmelte er, „als ich kurz vor Weihnachten so viel Bier getrunken hab – eins normal, eins mit viel zu viel Prozent – und dann fast im Krankenhaus gelandet wäre?“ Erling nickte langsam. „Dein Körper hat das nicht lustig gefunden,“ sagte er. „Deine Mutter und ich auch nicht.“ Lukas sah in den dampfenden Becher. „Heute,“ sagte er, „fühlt es sich an, als würde ich meinem Körper zum ersten Mal seit Tagen etwas geben, was nicht gegen ihn arbeitet. Kein Gift, kein Zichnin, kein Alkohol. Nur… Wärme.“ Er nahm einen vorsichtigen Schluck. Der Punsch war heiß, süß, ein bisschen zu klebrig – aber genau richtig. „Auf was trinken wir?“ fragte Erling. Lukas überlegte kurz. „Auf… alle Abende,“ sagte er, „an denen niemand schreit, niemand schlägt, niemand was anzündet. Nur auf Lichter und Ruhe.“
Sie stießen mit Ein leises Klack, das aber für die beiden trotzdem zählte.
Plastikbechern Stimmengewirr
an. unterging,
Erinnerungsinseln – aber diesmal ohne Katastrophe Sie gingen weiter über den Markt. Immer mal wieder blitzten Erinnerungen auf: • Hier, in einer ähnlichen Bude, hatte der Vater neulich schon nach dem zweiten Glühwein lauter gesprochen. • Dort, eine Feuerschale – und in Lukas’ Kopf kurz das Bild des brennenden Stammlokals. Aber jedes Mal war da jetzt eine Gegenkraft: • Kein Vater neben ihm, der taumelte. • Keine fremden Fäuste. • Keine Sirenen. Nur er und Erling. „Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Testlauf,“ sagte Lukas irgendwann. „Als würde mein Körper checken: ‚Ist es sicher, wieder Dinge zu machen, die eigentlich schön sind? Oder endet alles, was ich anfasse, irgendwann in Blut und Blaulicht?‘“ Erling nickte. „Und was sagt der Test bis jetzt?“ fragte er. Lukas schaute sich um. Eine Mutter hielt ihrem Kind die Mütze zurecht, zwei Jugendliche machten ein Selfie vor einer großen, beleuchteten Tanne, ein älterer Mann lachte über irgendeinen Weihnachtswitz am Wurststand. „Bis jetzt,“ sagte Lukas, „sagt er: Es geht. Solange ich nicht mit denen unterwegs bin, die alles kaputtmachen. Solange ich auf mich aufpasse. Solange ich nicht vergesse, dass ich jederzeit gehen darf.“ Ein kleiner Moment mit Humor Vor einem Stand mit Weihnachtsschmuck blieben sie stehen. Es gab: • Glaskugeln, • kleine Holzfiguren, • kitschige Engel, • und eine Reihe von Weihnachtsmännern mit verschiedenen Berufen. „Guck mal,“ sagte Erling und zeigte auf eine Figur: Weihnachtsmann mit Schiedsrichterpfeife. „Der da pfeift jede Übergriffigkeit ab,“ murmelte Lukas. „Wär schön, wenn es den als echten Menschen in der Hochschule gäbe.“ Neben den Weihnachtsmännern stand ein Schild: „Wunsch-Beruf nicht dabei? Auf Anfrage personalisierbar.“ Lukas grinste schief. „Stell dir vor,“ sagte er, „wir bestellen einen ‚Weihnachtsmann – Inklusionsbeauftragter‘. Mit Paragraphen-Buch in der einen Hand und Stoppschild in der anderen.“ „Und auf dem Buch steht nicht BGB,“ ergänzte Erling, „sondern ‚Respekt & Würde – Sonderausgabe‘.“ Sie lachten kurz – ein warmes, echtes Lachen, das nicht aus Verzweiflung kam, sondern aus dem Gefühl, für einen Moment frei atmen zu können.
Im Hintergrund: die unsichtbare Bedrohung – aber sie erreicht sie heute nicht Lukas bemerkte nicht, dass irgendwo weiter hinten in der Menge einer kurz stehen blieb, die Kapuze ein Stück tiefer ins Gesicht zog und dann wieder im Strom der Leute verschwand. Vielleicht war es nur irgendein Fremder. Vielleicht jemand, der sie kannte. Vielleicht auch Patrik, der aus der Ferne sehen wollte, ob seine Gifte – die chemischen und die seelischen – schon wirkten. Aber an diesem späten Nachmittag kam niemand nah genug heran, niemand sprach sie an, niemand versuchte, den Abend zu ruinieren. Es war, als hätte der Weihnachtsmarkt ihnen ausnahmsweise einen kleinen Schutzkreis gegönnt. Zeitgefühl – zwischen Lichterglanz und Pflicht Irgendwann zog Lukas sein Handy aus der Tasche. „Oh,“ murmelte er. „Schon fast fünf.“ Er rechnete: • Heimweg, • kurz hinsetzen, • Laptop checken, • dann Richtung Hochschule für die Rechtsvorlesung, • oder direkt später zurück, um recht noch online zu schaffen. „Wir sollten langsam zurück,“ sagte er. „Sonst schaffe ich Recht nur noch als Hörprobe mit halbem Gehirn.“ Erling nickte. „Einverstanden,“ sagte er. „Wir machen noch eine Runde um den Platz und dann ab nach Hause. Der Abend hat noch genug Programm.“ Sie gingen ein letztes Mal an den Buden vorbei. Lukas kaufte sich spontan eine kleine Tüte gebrannter Mandeln – zum Mitnehmen, für später, als Erinnerung daran, dass dieser Tag nicht nur aus Schmerzen und Paragraphen bestanden hatte. „Für dein Mutbuch,“ sagte Erling. „Heute mal in Nussform.“ Rückweg – zwei Welten im Kopf Auf dem Weg zur Straßenbahn war es schon dunkler geworden. Die Lichter des Marktes blieben hinter ihnen zurück, aber der Geruch nach Zimt und Zucker hing noch in der Luft. Lukas spürte seine Rippe, meine Wange, seine Müdigkeit – aber auch ein kleines, warmes Gefühl irgendwo zwischen Magen und Herz. „Ich glaube,“ sagte er leise, „heute hat mein Körper eine wichtige Info bekommen: Weihnachtsmarkt = nicht automatisch Drama.“ Erling nickte. „Und dein Kopf,“ fragte er, „was hat der für eine Info bekommen?“ Lukas dachte nach. „Dass ich abends in Recht sitzen kann,“ sagte er, „ohne vorher komplett zerstört zu sein. Dass es Tage geben kann, an denen es zwar Stress gibt, aber auch Dinge, die gut sind. Und dass ich nicht alles vermeiden muss, nur weil es einmal schlimm war.“ Er sah zu Erling rüber.
„Und dass ich es schaffe, auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen,“ fügte er hinzu, „ohne Bier. Ohne, dass mich jemand überredet, doch eins zu nehmen. Ohne, dass ich deswegen weniger dazugehöre.“ Erling schmunzelte. „Du gehörst inzwischen eher zur Kategorie ‚Menschen, die Dinge überleben, die andere nicht mal ertragen würden, sie erzählt zu bekommen‘,“ sagte er. „Da brauchst du keinen AlkoholNachweis.“ Zuhause – kurzer Stopp vor dem nächsten Kapitel Zu Hause angekommen, zogen sie im Flur die Jacken aus. Die Mutter kam aus der Küche und musterte sie. „Und?“ fragte sie. „Katastrophenfrei?“ Lukas nickte. „Keine Polizei, kein Feuer, kein Glühwein-Exzess,“ sagte er. „Nur Kinderpunsch, gebrannte Mandeln und zu viele Lichter.“ Die Mutter lächelte erleichtert. „Gut,“ meinte sie. „Dann habt ihr heute einen Weihnachtsmarkt zurückerobert.“ Der Vater tauchte hinter ihr auf, in der Hand ein Glas Wasser. „Und jetzt?“ fragte er. „Jetzt,“ sagte Lukas, „mach ich mich bereit, mir zwei Stunden lang was über Verträge anzuhören, mit einem Kopf voller Lichter und einem Bauch voller Punsch. Ist besser, als mit einem Kopf voller Sirenen und einem Bauch voller Bier.“ Er warf den Beutel mit den gebrannten Mandeln auf den Küchentisch. „Für später,“ sagte er. „Falls Recht ganz schlimm wird.“ Dann sah er kurz zu Erling. Sie wussten beide: Der späte Nachmittag hatte ihnen etwas gegeben, was sie dringend brauchten, bevor die nächste Herausforderung kam: Einen Moment, in dem sie einfach nur zwei Menschen auf einem Weihnachtsmarkt waren – kein Patient, kein Opfer, kein Retter, sondern Lukas und Erling, mit Kinderpunsch in der Hand, Zimt in der Luft, und der leisen Hoffnung, dass vielleicht doch noch ein paar gute Erinnerungen entstehen konnten, trotz allem, was schon passiert war. Die Nacht des sechzehnten Tages bekam noch ein leises Extra-Kapitel, eins, das sich fast verboten „normal“ anfühlte. Nach der Rechtsvorlesung – der Vorschlag Nachdem Lukas und Erling die Online-Rechtsvorlesung im leeren Seminarraum überstanden hatten, den Hotspot wieder ausgeschaltet und den Laptop weggepackt hatten, fuhren sie mit der Bahn nach Hause. Zuhause gab es erst mal: • Schuhe aus, • Jacke auf den Haken,
• kurzer Lagebericht an die Mutter („Recht hat geklappt, Internet auch“). Der Vater saß auf dem Sofa, eine Decke über den Knien, ein Glas Wasser in der Hand. Vor ihm lag wieder der Zettel von der Suchtberatung. „Wie war’s?“ fragte er. „Paragraphenparty mit Chatfunktion,“ sagte Lukas. „Aber ohne Beutelwitze. Das war ungewohnt angenehm.“ Sie lachten kurz. Erling lehnte sich an den Türrahmen zum Wohnzimmer. „Weißt du, was mir eben eingefallen ist?“ fragte er dann. „Heute spielt noch ein Abendspiel. Mainz zwar nicht, aber ein interessantes Ligaspiel. In einer Kneipe gucken ist anders, als allein aufs Handy starren.“ Lukas’ erste Reaktion war ein Ziehen im Bauch. Kneipe. Das Wort hatte inzwischen viele Schichten: • gute Abende mit Fußball und Pommes, • der Vater, der 20 Weine trank, • der brennende Laden, • Sirenen, Chaos. „Ich weiß nicht,“ murmelte er. „Ob ich schon wieder in eine Kneipe kann, ohne dass mein Körper direkt auf Alarm schaltet.“ Erling nickte langsam. „Deswegen frag ich,“ sagte er ruhig. „Nicht, weil wir „müssen“, sondern weil es vielleicht gut wäre, wenn du merkst: Kneipe kann auch anders. Ohne deinen Vater. Ohne 20 Gläser. Ohne Feuer.“ Die Mutter hörte mit einem Ohr zu, legte dann das Geschirrtuch weg und kam dazu. „Worüber redet ihr?“ fragte sie. „Über Fußball in der Kneipe,“ sagte Lukas. „Erling meint, wir könnten das Spiel dort schauen. Nur wir zwei. Vater bleibt zuhause. Ein Bier, dann Schluss. Kein Exzess.“ Die Mutter sah zuerst ihren Sohn an, dann Erling, dann den Vater. Der Vater hob abwehrend die Hände. „Ich geh nicht mit,“ sagte er. „Nicht, weil ich euch nicht mag – sondern weil ich mich kenne. Ich bin heute nicht bereit für ein Lokal mit Biergeruch. Und ihr habt das Recht, einen Abend zu haben, an dem ich nicht der unsichere Faktor bin.“ In seiner Stimme lag Ernst, aber auch Ehrlichkeit. Die Mutter atmete langsam aus. „Wenn ihr geht,“ sagte sie, „dann unter drei Bedingungen: 1. maximal ein Bier, kein „ach komm, noch eins“, 2. ihr schreibt mir kurz, wenn ihr ankommt und wenn ihr losgeht, 3. wenn Lukas merkt, dass der Laden ihn triggert – geht ihr sofort.“ Lukas nickte. „Einverstanden,“ sagte er. „Ich will heute keine Grenzen austesten. Ich will nur… sehen, ob es auch ohne Drama geht.“
Die Kneipe – nicht die alte, aber eine neue Chance Sie gingen zu einer kleinen Kneipe einige Straßen weiter – nicht das alte Stammlokal, das der Vater angezündet hatte und das immer noch geschlossen und verrußt war, sondern eine andere, eine, die mehr nach „Nachbarschaft“ als nach „Bierzelt“ aussah. Vor der Tür hing ein beleuchtetes Schild, durch die Fenster sah man:
einen Fernseher mit laufender Vorberichterstattung, ein paar Leute an Tischen, keinen lauten Pöbel, keine überfüllte Theke. „Das sieht… okay aus,“ murmelte Lukas. „Nicht zu voll.“ Sie traten ein. Die Luft roch nach Bier, Frittierfett, Holz – aber nicht nach Chaos. Hinter der Theke stand ein Mann mit grauen Haaren und ruhigen Augen, sein Name stand auf einem Schild: „Rudi“. Er blickte auf, als die beiden reinkamen, warf automatisch einen kurzen Blick auf Lukas’ Gesicht – man sah die Reste der Prellung, die Wange, die Lippe. „Na, Jungs,“ sagte er. „Ihr seht aus, als hättet ihr schon mehrere Spiele hinter euch, bevor das hier angefangen hat.“ Lukas schmunzelte schwach. „Kann man so sagen,“ murmelte er. „Wir hatten… einen unschönen Unfall in der Hochschule. Treppe, Tisch, dummer Moment.“ Die gleiche halbe Wahrheit wie beim Arzt – nicht gelogen, aber nicht alles. Rudi nickte nur. „Unfälle haben wir alle mal,“ sagte er. „Wollt ihr was trinken und das Spiel schauen?“ „Ja,“ sagte Lukas. „Aber… wir sind heute im Soft-Modus. Kein Besäufnis, nur ein Bier. Wirklich nur eins.“ Rudi hob eine Augenbraue, diesmal positiv überrascht. „Das ist mir die liebste Bestellung,“ meinte er. „Leute, die wissen, wann Schluss ist.“ Er sah sie prüfend an. „Zwei Mal kleines Pils?“ fragte er. Lukas sah zu Erling. Der nickte. „Klein ist gut,“ sagte Lukas. „Wir üben gerade „Grenze merken“.“ • • • •
Anstoßen – anders als früher Sie setzten sich an einen Tisch am Rand, mit guter Sicht auf den Fernseher, aber weit genug weg von der größten Lautstärke. Rudi brachte zwei kleine, frisch gezapfte Biere – 0,2, schmale, hohe Gläser, golden, mit einer kleinen weißen Schaumkrone. „Für euch,“ sagte er. „Wenn ihr mehr wollt, müsst ihr mich aktiv rufen – ich komm nicht mit der Frage ‚Noch eins?‘ um die Ecke.“ „Danke,“ sagte Lukas leise. Er merkte, wie sehr ihn diese kleine Geste beruhigte. Er nahm das Glas in die Hand. Das letzte Mal, dass er so bewusst vor einem Bier gesessen hatte, war der Abend gewesen, an dem er: • erst ein normales Bier, • dann eines mit 12 Prozent getrunken hatte, • und fast im Krankenhaus gelandet wäre. Damals war da nur gewesen: • Flucht,
betäuben, „wenigstens mal kurz nichts fühlen“. Heute war es anders. „Bevor ich trinke,“ sagte Lukas und sah Erling an, „möchte ich eine Sache klarstellen.“ „Okay?“ meinte Erling. „Das hier,“ Lukas deutete auf das Glas, „ist heute kein Knopf zum Ausmachen. Kein „bitte alles weg“. Es ist… Zeichen, dass ich mit dir zusammen hier sitze, ohne dass jemand schreit, ohne dass was brennt. Es ist eher… ein Symbol, dass ich leben will. Nicht sterben.“ Erling nickte langsam. „Gut,“ sagte er. „Dann geb ich ihm auch keinen anderen Auftrag.“ Er hob sein Glas. „Auf… das Überleben von Tag 15 und 16?“ schlug er vor. „Und darauf,“ fügte Lukas hinzu, „dass wir bewusster trinken als mein Vater. Und als unser Vergangenheits-Ich.“ Sie stießen die kleinen Gläser ganz sanft an. Der Klang war hell, kurz – kein lautes „PROST!“, sondern mehr ein leises „Wir sind noch da“. Lukas nahm einen kleinen Schluck. Das Bier war kalt, mild bitter, es prickelte auf der Zunge. Kein „Wow, geil!“, aber auch kein Abgrund. Es war… okay. Sein Körper reagierte nicht panisch, sein Kopf merkte: Es ist nur Bier. Ich entscheide, was es mit mir macht. Nicht umgekehrt. • •
Das Spiel – Fußball als Hintergrund und Anker Auf dem Bildschirm begann das Abendspiel. Kein Mainz-Spiel heute, aber ein Duell aus der Liga, das trotzdem spannend war – zwei Teams, die um die internationalen Plätze kämpften. Die Kneipe war nicht voll, aber es gab: • eine kleine Gruppe am Tresen, • ein Pärchen an einem Tisch, • zwei ältere Herren, die sich leise über alte Zeiten unterhielten. Immer wieder wanderte Lukas’ Blick zwischen: • dem Bildschirm, • seinem Glas, • Erlings Gesicht. „Wie fühlt es sich an?“ fragte Erling nach ein paar Minuten. „Komisch ruhig,“ sagte Lukas nachdenklich. „Früher war Kneipe für mich: Laut, Vater schreit, Gläser fliegen, ich weiß nicht, wann es explodiert. Jetzt… ist es einfach ein Raum, in dem Fußball läuft und Leute ihren Feierabend haben.“ Er sah auf das Bier. „Und ich hab keine Lust auf ein zweites,“ fügte er hinzu. „Nicht, weil es verboten wäre – sondern weil ich merke, dass dieses eine genau reicht. Mehr würde die Stimmung kippen.“ Erling hob sein Glas, in dem auch nur noch ein Viertel war.
„Ich auch,“ sagte er. „Danach Wechsel auf Wasser oder Spezi.“ „Spezi,“ murmelte Lukas. „Damit mein Kopf weiß: jetzt ist Spaß, nicht Flucht.“ Auf dem Bildschirm fiel ein Tor. Einer der Gäste rief „Jaaa!“, ein anderer stöhnte „Neeein!“. Lukas zuckte kurz – laute Geräusche waren immer noch schwierig –, aber es war kein bedrohliches Geräusch. Nur Fußball. „Es ist das erste Mal seit langem,“ sagte er leise, „dass ich in einer Kneipe sitze und nicht den Eindruck habe, ich müsste gleichzeitig zehn Menschen retten und meinen Vater zurückhalten.“ „Diesmal,“ meinte Erling, „bist du nur Lukas, der Student, der ein Spiel guckt. Nicht der Krisenmanager.“ Leise Gespräche zwischen Halbzeit und Vergangenheit In der Halbzeitpause wurde der Ton am Fernseher kurz leiser gedreht. Rudi kam vorbei, stellte eine Schale Erdnüsse auf den Tisch. „Auf Kosten des Hauses,“ sagte er. „Ihr seht aus wie welche, die gerade nicht noch mehr Baustellen brauchen.“ Lukas lächelte dankbar. „Danke,“ sagte er. „Das ist… nett.“ Rudi zögerte. „Ist alles okay bei euch?“ fragte er dann vorsichtig. „Ihr müsst mir nichts erzählen, aber… der Blick von dir…“ – er deutete leicht auf Lukas – „…ist der von jemandem, der mehr hinter sich hat als nur eine doofe Stufe.“ Lukas atmete durch. „Es war viel in letzter Zeit,“ sagte er ehrlich. „Krankenhaus, Familie, Feuer, Polizei, Gift, Hochschule, Schlägerei, Therapie… so eine Mischung.“ „Uff,“ machte Rudi nur. „Dann ist ein leiser Abend mit einem Spiel und einem Bier wahrscheinlich gerade das Falsche und Richtige gleichzeitig.“ „Eher das Richtige,“ sagte Lukas. „Solange es bei einem bleibt.“ Rudi nickte. „Bei einigen Leuten hab ich das Gefühl, Bier trinkt sie,“ sagte er. „Bei euch hab ich gerade das Gefühl, ihr trinkt das Bier – und nicht umgekehrt. Behaltet das so.“ Er ging zurück zur Theke. Lukas sah ihm nach. „Früher,“ murmelte er, „hat niemand so auf meinen Vater geachtet. Die meisten Wirte fanden es ok, solange er zahlte. Dass er danach zu Hause alles zerschlagen hat, war nicht mehr ihr Problem.“ „Hier,“ sagte Erling, „scheint die Welt ein kleines Stückchen anders zu sein.“ Das letzte Drittel – bewusstes Ende Als die zweite waren ihre Gläser schon fast leer. Lukas nahm die letzten Schlucke sehr langsam. Er spürte: • einen Hauch von Wärme im Bauch, • aber keinen Kontrollverlust, • keinen Drang nach „mehr“.
„Ich hör hier auf,“ sagte er, als er das leere Glas auf dem Untersetzer abstellte. „Wenn ich jetzt noch eins nehmen würde, wäre das nicht mehr ‚ich genieße‘, sondern ‚ich teste die Grenze‘. Und die will ich gerade nicht testen.“ „Same,“ sagte Erling und stellte sein Glas ebenfalls leer hin. „Danach vielleicht eine Spezi und dann ab nach Hause.“ Rudi kam wieder vorbei. „Noch was?“ fragte er. „Ja,“ sagte Lukas. „Zwei Spezi, bitte. Und die Rechnung für das Bier.“ Rudi grinste. „Mein Lieblingssatz des Abends,“ meinte er. „Kommt sofort.“ Als das Spiel zu Ende war – ein 2:1 mit einem späten Siegtreffer –, spürte Lukas eine angenehme Müdigkeit. Nicht die Erschöpfung eines Nervenzusammenbruchs, sondern die normale „Ich habe einen langen Tag gehabt“-Müdigkeit. Heimweg – ein Bier und viele Erkenntnisse Draußen war die Luft kalt, ihre Atemwolken standen sichtbar in der Luft. „Wie geht’s dir?“ fragte Erling auf dem Heimweg. „Körperlich: müde, aber okay,“ sagte Lukas. „Rippe meckert ein bisschen, aber das tut sie den ganzen Tag. Kopf: ruhiger als heute Morgen. Herz: ein bisschen voller als vorher.“ „Voller womit?“ fragte Erling. „Mit der Erkenntnis,“ sagte Lukas, „dass ich Orte zurückerobern kann. Kneipe, Weihnachtsmarkt, Hochschule… nicht alle auf einmal, aber Schritt für Schritt. Und dass ich mit dir ein Bier trinken kann, ohne dass es in einer Katastrophe endet.“ Er hielt kurz inne. „Und mit der Erkenntnis,“ fügte er leise hinzu, „dass ich nicht so werden muss wie mein Vater. Ich kann Bier trinken, ohne dass es mich benutzen darf. Und ich kann auch bewusst „nein“ sagen, wenn mein Körper sagt: genug.“ Erling sah ihn an, ernst und weich zugleich. „Das ist der wichtigere Sieg,“ sagte er. „Größer als jedes 2:1.“ Späte Nacht – ein Zusatz im Mutbuch Später, als Lukas wieder in seinem Zimmer saß, nachdem er sich die Zähne geputzt hatte und die Wohnung zur Ruhe gekommen war, schlug er noch einmal sein Mutbuch auf. Unter den Eintrag vom Abend („Recht, Hotspot, Frage im Chat“) fügte er hinzu: „Später Abend / Nacht: Heute bin ich nach der Online-Vorlesung mit Erling noch in eine Kneipe gegangen. Nicht in die verbrannte, nicht mit meinem Vater – in eine andere, kleinere, ruhigere. Ich habe EIN Bier getrunken. Bewusst. Langsam. Mit dem Entschluss: – kein zweites, – kein Fluchtmittel, – nur ein Symbol dafür, dass ich noch da bin. Ich habe gemerkt: Bier kann Teil einer Szene sein, ohne der Chef der Szene zu werden.
Früher war Alkohol bei uns: – Funke, – Zündschnur, – Explosion. Heute war er: – ein Glas, – ein Abschluss des Tages, – und danach Spezi. Ich bin stolz, dass ich „nein“ zu noch einem Glas sagen konnte, obwohl es niemand verboten hat. Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen meinem Vater und mir: Er konnte nicht stoppen. Ich lerne es – Schritt für Schritt.“ Er legte den Stift weg. Draußen war die Nacht ruhig, kein Blaulicht, keine Sirenen. Tag 16 war voll gewesen – aber er endete mit etwas, das sich anfühlte wie eine kleine, ganz stille Reparatur: Ein Weihnachtsmarkt, der nicht eskalierte. Eine Rechtsvorlesung, die nicht demütigte. Eine Kneipe, in der das Bier kein Brandbeschleuniger war, sondern nur ein Getränk neben einem Freund, der blieb. Der achtzehnte Tag begann leiser, als Lukas es von sich kannte. Nicht, weil nichts los war – sondern, weil alle im Haus beschlossen hatten, dass heute niemand „funktionieren“ musste. Morgen – ein Tag ohne Wecker Lukas wachte nicht vom Wecker auf, sondern von etwas viel Seltenem: Stille. Kein klingelndes Handy, kein nervöses Rufen des Vaters, kein Adrenalin-Sprung, weil er „zu spät“ für irgendwas war. Er lag einen Moment einfach nur da und horchte in seinen Körper hinein: • Die Wange war noch leicht druckempfindlich, aber nicht mehr so fies. • Die Rippe erinnerte sich weiter an den Sturz, aber sie schmerzte eher dumpf statt stechend. • In seinem Kopf war dieses leichte Rauschen – aber ohne Sirenenton. Erling lag auf der Matratze neben dem Bett, die sie aus dem Gästezimmer rübergeholt hatten. Er hatte sich im Schlaf halb aus der Decke gewickelt, ein Arm lag ausgestreckt, so, als würde er immer noch jemanden festhalten wollen. Lukas musste kurz seufzen. „Wir sind sogar im Schlaf noch in Alarmbereitschaft,“ dachte er. Er griff nach seinem Handy und checkte die Uhrzeit. Fast halb zehn. Eigentlich wäre das zu spät für Vorlesungen, für „ordentliche“ Studientage, für das Bild vom perfekten Studenten, das manche Dozent*innen im Kopf hatten.
Aber heute war kein „perfekter Studientag“. Heute war ein Überlebt-und-noch-da-Tag. Lukas legte das Handy wieder weg und drehte den Kopf zur Seite. „Erling?“ flüsterte er. Der Spieler grummelte etwas Unverständliches. „Wir sind nicht zu spät für irgendwas,“ sagte Lukas leise. „Heute ist Home-Office für die Seele.“ „Mhm,“ kam es aus der Decke. „Klingt wie ein Spielmodus, den ich mag.“ Küche – Frühstück ohne Stress-Zeitdruck In der Küche duftete es nach Kaffee und getoastetem Brot. Die Mutter stand am Herd, diesmal ohne die übliche Morgen-Hektik. Der Vater saß am Tisch, eine Tasse Tee in der Hand – kein Schnaps, keine Bierflasche. Vor ihm lag wieder ein Infozettel, diesmal mit dem Titel: „Erste Schritte bei Alkoholabhängigkeit – was Angehörige und Betroffene tun können“ Als Lukas und Erling reinkamen, sahen beide Eltern sofort hin – aber anders als an den letzten Tagen: kein panisches „Was ist passiert?!“ kein Scan nach neuen Verletzungen, sondern eher ein leises „Wie geht’s heute?“. „Morgen,“ sagte die Mutter. „Morgen,“ antwortete Lukas, setzte sich vorsichtig auf den Stuhl. Die Rippe meldete sich, aber nicht protestierend – eher: „Ich bin noch da.“ Der Vater musterte ihn. „Wie sind die Schmerzen?“ fragte er. „Wie ein ausgepowerter Gegenspieler,“ antwortete Lukas. „Sie laufen noch mit, aber machen nicht mehr die Tore.“ Erling setzte sich neben ihn, gähnte. „Ich glaub, ich hab die Hälfte der Rechtsvorlesung im Schlaf noch mal geträumt,“ murmelte er. „Mit Monstern im BGB.“ Die Mutter stellte Teller hin. „Plan für heute?“ fragte sie. Lukas atmete ein, aus. „Heute… keinen Plan,“ sagte er. „Also nicht im Sinne von ‚Hochschule, Termine, Kneipe, Weihnachtsmarkt‘. Heute ist… Wohnung. Sofa. Vielleicht FC 26. Vielleicht eine Mail an die Therapeutin. Vielleicht ein bisschen Mutbuch schreiben.“ Sie nickte. „Guter Plan,“ sagte sie. „Dein Körper braucht Tage, an denen nichts von außen an ihm reißt.“ Der Vater hob seine Teetasse. „Und ich bleibe heute auch hier,“ sagte er. „Keine Kneipe, kein Weihnachtsmarkt, kein „nur mal kurz raus“. Heute bin ich bewusst langweilig.“ Lukas musste kurz lächeln. „Langweilig ist unterbewertet,“ meinte er. „Vor allem zwischen Polizei-Einsätzen und Cyberangriffen.“ Später Vormittag – Wohnung statt Welt Nach dem Frühstück verzog sich jeder ein bisschen in seine Ecke. Die Mutter räumte in Ruhe die Kein gehetztes Geklapper, keine gereizten Seufzer.
Der Vater setzte sich mit seinem Zettel aufs Sofa, machte sich Notizen mit einem Kugelschreiber, so, als würde er eine Klausur über sich selbst schreiben. Lukas und Erling zogen sich ins Zimmer zurück. „Also,“ sagte Erling und ließ sich auf die Matratze fallen. „Wir haben heute: • keine Vorlesung, • keine Feiertage, • keinen Arzt, • keinen Weihnachtsmarkt auf dem Plan. Wie fühlt sich das an?“ Lukas setzte sich an seinen Schreibtisch, öffnete das Fenster einen Spalt, damit frische Luft reinkam. „Leer,“ gab er zu. „Aber im guten Sinn. So, als hätte ich Platz im Kopf, den ich nicht sofort mit Stress vollballern muss.“ Er griff nach seinem Mutbuch. „Eigentlich,“ sagte er, „sollte ich heute ein bisschen Ordnung in die letzten Tage bringen. Sonst verschwimmt alles zu einem riesigen, grauen Block: „Katastrophenzeit“.“ Erling setzte sich nun auf den Stuhl gegenüber. „Schreib du,“ sagte er. „Ich sortiere inzwischen deine FC-26-Aufstellung weiter. Irgendjemand muss dafür sorgen, dass Mainz 05 in deiner Karriere nicht auf die 17 rutscht.“ Mutbuch und Controller – Sortieren auf zwei Ebenen Lukas schlug im Mutbuch die Seite nach dem Eintrag vom Kneipenabend auf. Er schrieb: „Tag 17 – (kurz): Gestern nicht viel dokumentiert, weil zu müde. Ich weiß nur: – Wir waren zuhause, – haben viel geschlafen, – und diesmal war „nichts passiert“ etwas Gutes. Heute ist Tag 18. Ich bleibe bewusst in der Wohnung. Kein Hörsaal, kein Markt, keine Kneipe. Ziel: – nicht ausweichen, sondern mich erholen. – merken, dass Ruhe nicht „Faulheit“ ist, sondern Heilung.“ Während er schrieb, hörte er im Hintergrund das dezente Klicken des Controllers. Erling kommentierte leise: „Okay, wir brauchen auf der Acht jemanden, der keine Angst hat, Bälle abzuholen, auch wenn ihn andere ausbuhen. Ich nenne den Spieler jetzt „Lukas-Variante“, okay?“ Lukas schmunzelte. „Solange er nicht auf dem Transfermarkt landet, weil er „zu sensibel“ ist,“ meinte er. Er schrieb weiter: „Mein Körper fühlt sich an, als hätte er die letzten Wochen eine Dauer-Verlängerung gespielt. Ohne Pause. Heute ist zum ersten Mal seit langem eine Art Abpfiff – nicht für immer, aber für ein paar Stunden.“ Mittag – Kochen statt Katastrophen Gegen Mittag klopfte die Mutter an die Zimmertür.
„Kommt ihr helfen?“ fragte sie. „Ich wollte heute mal nicht nur schnell Nudeln machen. Ein bisschen Alltag, der nach „Familie“ riecht, nicht nach „Überlebensküche“.“ Lukas und Erling kamen rüber in die Küche. „Was gibt’s?“ fragte Erling. „Kartoffelauflauf,“ sagte die Mutter. „Mit Käsekruste. Comfort-Food, wie ihr immer sagt.“ Der Vater stand schon da, schälte Kartoffeln. Er machte es konzentriert, fast meditativ – ohne zu fluchen, ohne nebenbei nach einer Flasche zu greifen. „Du kannst den Käse reiben,“ sagte die Mutter zu Lukas. „Aber vorsichtig, ich will nicht, dass du dir jetzt noch die Finger verletzt. Du hast schon genug Stellen, die wehtun.“ Lukas nahm den Käsehobel. Es war eine simple Aufgabe – aber genau das tat gut. Strich für Strich. Kein Zwang zu reden, keine Gefahr, dass plötzlich jemand ihn anschrie. „Komisch,“ dachte er, „wie beruhigend es sein kann, Käse zu reiben, wenn man vorher gewohnt war, dass jede Küche zur Konfliktzone wird.“ Beim Essen saßen alle vier am Tisch. Niemand diskutierte über Noten, niemand schrie, niemand war betrunken. „Der Auflauf ist gut,“ murmelte Lukas. „Wie früher, als ich klein war, bevor alles eskaliert ist.“ Die Mutter lächelte vorsichtig. „Ich weiß,“ sagte sie. „Ich wünsche mir manchmal, wir hätten früher gemerkt, wie krank alles geworden ist.“ Der Vater sah in seine Auflaufform. „Ich arbeite dran,“ sagte er leise. „Dass ihr mich irgendwann nicht mehr nur mit Feuer und Ausrast-Momenten verbindet.“ Lukas nickte – es tat weh, aber auf eine ehrliche Weise. „Heute,“ sagte er, „bist du der, der Kartoffeln schält und Tee trinkt. Das ist schon mal besser als Feuerzeug und Wein.“ Früher Nachmittag – Schlaf und Serien Nach dem Essen kam die klassische Energie-Delle. „Ich glaub, ich leg mich kurz hin,“ murmelte Lukas. „Mein Körper verlangt nach Reset.“ „Tu das,“ sagte die Mutter. „Wenn ihr später noch was schauen wollt, sagt Bescheid.“ Lukas legte sich im Zimmer aufs Bett, Erling blieb erst am Schreibtisch, machte den Laptop zu. „Ich schau, dass hier niemand reinkommt und dich mit Fragen bombardiert,“ versprach er. „Heute ist „Störung verboten“-Tag.“ Der Schlaf, der kam, war kein tiefer erholsamer – aber er war auch kein Albtraumschlaf. Eher so ein Halbdämmern, in dem Bilder kurz auftauchten – Vorlesungsraum, Kneipe, Weihnachtsmarkt, VR-Brille –, sich aber nicht festbissen. Als Lukas wieder aufwachte, war es später Nachmittag. Erling saß am Boden, lehnte am Bett und hatte Kopfhörer halb auf, auf dem Handy lief irgendein Fußball-Highlight-Video ohne Ton. „Wach?“ fragte er, als Lukas sich bewegte.
„Halb,“ murmelte Lukas. „Was hab ich verpasst?“ „Mainz hat in deinem Karrieremodus 2:0 gewonnen,“ sagte Erling. „Und deine Mutter hat gefragt, ob wir heute Abend zusammen „was Leichtes“ schauen wollen. Nicht Mord und Totschlag.“ „Was Leichtes,“ wiederholte Lukas. „Mal sehen, ob es sowas überhaupt noch gibt.“ Später Nachmittag – Nachricht von der Autismustherapie Als er wieder halbwegs wach war, nahm Lukas sein Handy. Eine neue Mail blinkte. „Betreff: Terminbestätigung und Notiz“ Sie war von seiner Autismus-Therapeutin. „Lieber Lukas, vielen Dank für Ihren Anruf und Ihre Offenheit. Ich habe für nächste Woche einen Zusatztermin für Sie freigeschaufelt, damit wir in Ruhe über die Ereignisse in der Hochschule, den körperlichen Konflikt und Ihre aktuelle Überlastung sprechen können. Es ist kein Rückschritt, dass es zu einer Eskalation gekommen ist. Es zeigt, wie viel Druck auf Ihren Schultern liegt und dass Ihr System Entlastung braucht. Bitte versuchen Sie bis dahin, sich nicht für Ihre Gefühle zu schämen. Scham frisst Energie, die Sie gerade für Stabilisierung brauchen. Freundliche Grüße …“ Lukas las die Mail zweimal. Etwas in ihm lockerte sich minimal. „Sie hat nicht geschrieben: ‚Ich bin enttäuscht, dass Sie so weit gegangen sind‘,“ dachte er. „Sondern eher: ‚Es war zu viel, lass uns das sortieren.‘“ Er reichte das Handy zu Erling rüber. „Siehst du?“ sagte Erling, nachdem er gelesen hatte. „Keiner, der wirklich kapiert, wie du funktionierst, sagt: ‚Du bist jetzt böse.‘ Alle, die es ernst meinen, sagen: ‚Du bist überfordert. Lass uns hinstellen statt weggucken.‘“ Abend – leichter Film, schwerer Körper, aber friedliche Stimmung Als es draußen dunkel wurde, rief die Mutter aus dem Wohnzimmer: „Wer Lust hat: Ich hab einen Film gefunden, der nicht von Mördern, Monstern oder Gerichtsverhandlungen handelt. Nur eine ruhige Familiengeschichte. Vielleicht tut uns das allen gut.“ Lukas und Erling kamen rüber. Sie machten es sich auf dem Sofa bequem: • Lukas mit Wärmflasche an der Rippe, • Erling daneben, • die Eltern auf den anderen Plätzen. Der Film war kein Meisterwerk – eine einfache Geschichte über eine chaotische, aber liebende Familie, mit Humor, Streit, Versöhnung. Lukas ertappte sich dabei, wie er bei manchen Szenen dachte: „So hätte es sein können – ohne Zichnin, ohne Aggression, ohne Erpressung.“ Aber er dachte auch: „Vielleicht kann ein Teil davon trotzdem noch entstehen. Anders. Später. Vorsichtig.“ In einer Szene gab es einen Vater, der sich bei seinen Kindern entschuldigte – ohne Ausreden, ohne „aber ihr habt auch…“.
Der Vater neben Lukas räusperte Er sagte aber seine Finger umklammerten das Wasserglas ein wenig fester.
leise. nichts,
Späte Nacht – kurze Schatten, langer Atem Als der Film zu Ende war, war es schon spät. Die Mutter gähnte. „Ich geh ins Bett,“ sagte sie. „Bei euch?“ „Ich auch gleich,“ murmelte Lukas. „Mein Körper meldet: genug Input.“ Der Vater blieb noch kurz sitzen. „Danke,“ sagte er unvermittelt, „dass ihr mich heute dabei sein lassen habt. Ohne Kommentar. Ohne alte Geschichten auszupacken.“ Lukas sah ihn an. „Heute war ein guter Tag,“ sagte er einfach. „Nicht perfekt. Aber gut. Das reicht erst mal.“ Im Zimmer setzte sich Lukas noch einmal kurz an den Schreibtisch. Er schrieb in sein Mutbuch: „Tag 18 – Zuhause-Tag: – kein Hörsaal – kein Weihnachtsmarkt – keine Kneipe – kein Arzt – kein Cyberangriff Stattdessen: – Auflauf mit Familie, – FC-26-Karriere mit Erling, – eine Mail von der Therapeutin, die nicht verurteilt, – ein Film, in dem Väter sich entschuldigen, ohne jemanden anzuschreien. Mein Körper ist müde, aber nicht am Rand. Mein Kopf ist voll, aber nicht überflutet. Ich habe gemerkt, dass „Zuhause bleiben“ nicht bedeutet: „Versager“. Sondern manchmal: „Ich nehme mich ernst.“ Die Monster draußen – Patrik, die alte Frau, die Lehrer, die Hochschule – sind noch da. Aber sie standen heute nicht vor meiner Tür. Heute war die Wohnung eine Art Schutzraum. Und ich hoffe, dass ich mir dieses Gefühl merken kann, wenn die nächsten Stürme kommen.“ Er legte den Stift weg, hörte noch kurz auf den Flur: leise Schritte, eine Toilettenspülung, das normale Knacken eines alten Hauses in der Nacht. Keine Sirenen, keine schreienden Stimmen, kein Glas, das an eine Wand flog. Der achtzehnte Tag endete unspektakulär – und genau das war sein größtes Geschenk. Der neunzehnte Tag begann nicht mit einem Schreck, sondern mit einem Gedanken, der schon beim Aufwachen im Kopf des jungen Mannes saß wie ein Gast auf einem Stuhl: „Ich muss mit ihr reden. Mit der Tante. Mit der Ersatzoma.“
Morgen – Aufwachen mit einem Ziel im Kopf Lukas wachte früher auf als am Tag davor. Kein Wecker, nur dieses innere Ziehen, eine Mischung aus Nervosität und dem Wunsch, endlich eine Baustelle anzufassen, die schon viel zu lange im Hintergrund brannte. Die Prellung an der Rippe war noch da, aber nicht mehr so präsent wie an Tag 16. Die Wange zeigte nur noch einen gelblich-blauen Schatten, die Lippe war fast abgeheilt. Daneben lag Erling, halb in die Decke eingerollt, ein Arm über dem Kopf wie jemand, der im Schlaf gerade ein Tor verhindert hatte. Lukas lag einen Moment still und starrte an die Decke. In seinem Kopf tauchten die Nachrichten von damals auf: • die lange, klare Nachricht der Tante an Patrik, in der sie aufgezählt hatte, was sie für die Familie getan hatte – Flucht aus Bad Laer, Wohnungssuche, Jobs, Stadionkarten, Schutzversuche. • und Patriks Antwort, voll Hass, Beleidigungen, Verdrehungen, in der er sie, ihren Mann, ihren Sohn, seine eigene Mutter und sogar Lukas in den Dreck zog. Und dazwischen: er selbst. Der Junge, der eigentlich nur hatte, dass alle aufhören, sich gegenseitig zu zerstören – und stattdessen gefühlt zwischen alle Fronten geraten war. „Du wirst nie wieder eine zweite Chance haben“ hatte die Tante damals geschrieben. „Ihr seid Abschaum“ hatte Patrik zurückgespuckt. Seitdem war Funkstille. Und Lukas trug diesen Knoten mit sich herum wie einen Stein im Bauch. Heute, am neunzehnten Tag, war in ihm plötzlich der Wunsch da, nicht mehr nur passiv das Opfer von Nachrichten zu sein, sondern selbst zu sprechen. Er drehte den Kopf zu Erling. „Erling?“ flüsterte er. Der Spieler grummelte etwas wie „Mhm? Tor?“. „Wach mal kurz,“ murmelte Lukas. „Ich glaub… ich weiß, was ich heute tun will. Zumindest anfangen.“ Erling öffnete langsam die Augen. „Ist es etwas mit Explosionen, VR-Brille oder Brunnenüberlauf?“ fragte er vorsichtig. „Nein,“ sagte Lukas. „Eher… Familien-Atomkrieg auf leiserer Stufe.“ In der Küche – die Idee nimmt Form an Sie gingen in die Küche. Die Mutter stand am Fenster mit der Vater saß bereits am Tisch, wieder mit Tee statt Bier. „Morgen,“ sagte die Mutter. „Morgen,“ murmelte Er setzte sich, Erling nahm den Platz neben ihm.
Kaffee, Lukas.
Eine Weile war nur das Klappern von Geschirr zu hören. Dann nahm Lukas all seinen Mut zusammen. „Ich glaube,“ begann er, „ich möchte mit meiner Tante reden.“ Die Worte hingen im Raum wie etwas, das man lange nicht anzufassen wagte. Die Mutter drehte sich langsam um. „Mit… meiner Schwester?“ fragte sie zur Sicherheit. Lukas nickte. „Ja,“ sagte er. „Mit der, die früher wie eine Ersatzoma für mich war. Die, die diesen langen Text an Patrik geschrieben hat. Und die jetzt keinen Kontakt mehr zu uns hat.“ Der Vater zog hörbar Luft ein, sagte zunächst nichts. Die Mutter stellte die Tasse ab. „Das kommt… überraschend,“ sagte sie leise. „Warum gerade jetzt?“ Lukas dachte nach. „Weil ich nicht mehr nur der sein will,“ sagte er, „über den alle schreiben. Der, der in Nachrichten vorkommt wie eine Figur. ‚Raphael‘ – der Behinderte, der geschützt werden muss oder der angeblich jemandem wehgetan hat. Ich will, dass sie meine Stimme hört. Nicht nur die von Patrik.“ Erling legte die Hände um seine Tasse. „Und,“ ergänzte er, „weil Patrik im Hintergrund schon wieder Dinge dreht. Er beobachtet, droht, schreibt Nachrichten, hetzt Leute auf. Wir wissen, dass er die Ersatzoma mit Beleidigungen bombardiert und Lehrer gegen Lukas aufhetzt. Irgendwann muss jemand ihr sagen, dass das nicht von ihm kommt.“ Die Mutter setzte sich langsam. In ihren Augen lag ein Gemisch aus Hoffnung und Angst. „Und was stellst du dir vor?“ fragte sie. „Willst du ihr schreiben? Anrufen? Hinfahren?“ Lukas spürte, wie seine Hände kalt wurden. „Ich will… mit ihr reden,“ sagte er. „In echt. Dass sie mich sieht. Dass sie hört, wie ich wirklich bin. Nicht durch Patriks Filter. Ich will nicht, dass sie stirbt – irgendwann – und denkt, ich hätte sie gehasst oder ihr wehgetan.“ Ein kurzer Schatten huschte über das Gesicht des Vaters. „Das ist mutig,“ murmelte er. „Aber auch gefährlich – emotional. Was, wenn sie dir nicht glaubt? Was, wenn Patrik da ist und alles wieder eskaliert?“ Da war das Wort, das Lukas auch beschäftigt hatte: Patrik. Der Cousin, der im Dunkeln gestanden hatte, ihn beobachtet, geflüstert: „Mach dich bereit für die schlimmste Vorweihnachtszeit deines Lebens.“ Lukas schluckte. „Deswegen,“ sagte er langsam, „würd ich nicht allein gehen. Und auch nicht sofort losrennen. Ich würde gern… erst mal herausfinden, ob Patrik überhaupt da ist. Und wenn ja – ob es einen Weg gibt, ihn rauszunehmen.“ Er sah zu Erling. „Würdest du mitkommen?“ fragte er leise. Erling sah ihn an, ohne zu zögern. „Ja,“ sagte er. „Ich war in Krankenhäusern, Gerichtssälen, auf Autobahnen und Slacklines mit dir. Ich geh auch zu deiner Tante. Aber wir machen es nicht halbdunkel und spontan. Wir planen.“ Der Plan – bevor sie überhaupt losfahren Die Mutter trommelte mit den Fingern leise auf den Tisch.
„Ich weiß nicht,“ sagte sie vorsichtig, „ob sie überhaupt mit dir reden will. Sie hat mir sehr klar geschrieben, dass sie Abstand braucht. Nicht nur von Patrik, sondern von uns allen.“ Lukas holte tief Luft. „Ich weiß,“ sagte er. „Aber wenn ich’s nicht versuche, bleibt es für immer so ein offenes, brennendes Loch. Wenn sie dann ‚nein‘ sagt, hab ich es wenigstens versucht. Wenn ich nie frage, bleibt es immer ein ‚vielleicht‘, das mich verfolgt.“ Der Vater nickte langsam. „Dann ist die erste Frage nicht: ‚Wann fahrt ihr los?‘,“ meinte er. „Sondern: ‚Ist Patrik überhaupt da?‘ Und: ‚Ist sie grundsätzlich bereit, dich zu sehen, ohne dass er daneben steht und ihr ins Ohr flüstert?‘“ Die Mutter seufzte. „Ich könnte sie anrufen,“ sagte sie. „Nicht jetzt direkt – ich brauch selbst kurz Mut. Aber heute Vormittag. Ich kann fragen: • ob Patrik gerade bei ihr wohnt oder bei seinem Vater, • ob sie überhaupt bereit wäre, Lukas zu sehen, • und ob sie das nur ohne Patrik könnte.“ Lukas nickte. „Das wäre gut,“ sagte er. „Ich möchte nicht dort auftauchen und dann steht er plötzlich in der Tür und grinst.“ Erling hob den Finger. „Und wichtig,“ fügte er hinzu, „ist, dass wir klar sagen: Das ist nicht, um ihr „Vorwürfe zu machen“, sondern um endlich mal Lukas Stimme zu platzieren. Nicht als Anklage, sondern als Realität.“ Die Mutter sah ihn dankbar an. „Du redest, als wärst du schon seit Jahren in dieser Familie,“ murmelte sie. „Feels like it,“ meinte Erling. Zwischenzeit – Warten und innere Vorbereitung Nachdem sie das so weit geklärt hatten, verteilten sich alle wieder. Die Mutter nahm ihr Handy, legte es neben sich, ging aber erst einmal ins Bad – man sah, dass auch sie Zeit brauchte, bevor sie die Nummer ihrer Schwester wählte. Der Vater blieb am Tisch sitzen, drehte die Teetasse in seinen Händen. Lukas und Erling gingen ins Zimmer zurück. „Wie geht’s dir jetzt?“ fragte Erling, als sie die Tür hinter sich schlossen. „Wie vor einem Elfmeter, der über eine ganze Saison entscheidet,“ sagte Lukas. „Nur, dass ich nicht weiß, ob der Schiri überhaupt pfeift.“ Er setzte sich auf seine Bettkante. „Ich hab Angst, dass sie sagt: ‚Du bist wie Patrik. Ich glaub dir nichts.‘“ Seine Stimme wackelte kurz. „Und gleichzeitig hab ich Angst, sie nie wiederzusehen.“ Erling setzte sich ihm gegenüber. „Beides sind reale Ängste,“ sagte er. „Aber du hast gestern unter Beweis gestellt, dass du Dinge anpacken kannst, die sich unmöglich anfühlen – Rechtsvorlesung online, Weihnachtsmarkt ohne Ausraster, Kneipe mit nur einem Bier. Das hier ist eine andere Liga, ja. Aber du musst nicht alleine auf dem Platz stehen.“ Lukas nickte, presste die Hände zwischen die Knie.
„Wenn ich zu ihr gehe,“ sagte er, „will ich nicht Patrik schlechtmachen. Ich will nur erzählen, wie es für mich war. Dass ich nie wollte, dass sie so verletzt wird. Dass ich sie nie gehasst habe. Dass ich … sie vermisse.“ „Genau das,“ meinte Erling. „Keine Schlammschlacht. Deine Wahrheit. Der Rest ist ihre Entscheidung.“ Der Anruf – Nachricht von der Tante Gegen späten Vormittag klopfte es leise an der Zimmertür. „Kommt kurz?“ fragte die Mutter. Sie saßen wieder in der Küche. Das Handy der Mutter lag vor ihr auf dem Tisch, der Bildschirm schon wieder dunkel – das Gespräch war vorbei. Man sah ihr an, dass die letzten Minuten sie viel Kraft gekostet hatten. „Ich hab mit ihr gesprochen,“ sagte sie. Lukas’ Herz begann schneller zu schlagen. „Und?“ fragte er mit trockener Kehle. Die Mutter atmete tief ein. „Zuerst war sie sehr… distanziert,“ erklärte sie. „Sie hat gesagt, sie möchte keine neuen Dramen und sie hätte viel zu verdauen. Aber sie hat zugehört, als ich gesagt habe, dass DU – nicht ich, nicht dein Vater – dir wünschst, mit ihr zu reden.“ Lukas klammerte seine Finger um den Stuhl. „Hat sie… nein gesagt?“ fragte er. „Nein,“ sagte die Mutter. „Sie hat nicht nein gesagt.“ Das kleine Wort „nicht“ ließ eine Welle der Erleichterung durch ihn fahren – aber auch eine neue Unsicherheit. „Was dann?“ flüsterte er. „Sie hat gefragt, ob Patrik dabei sein soll,“ sagte die Mutter ehrlich. „Ich habe gesagt: Auf gar keinen Fall, nicht am Anfang. Das würde dich komplett blockieren, und dann wäre alles wieder wie früher.“ Der Vater nickte zustimmend. „Und?“ drängte Lukas. Die Mutter fuhr fort: „Sie hat gesagt, dass Patrik im Moment nicht bei ihr ist. Er ist bei seinem Vater – angeblich, um „Abstand von allen“ zu haben. Sie hat nicht ins Detail gehen wollen, aber… sie klang müde, sehr müde.“ Lukas’ Schultern sanken ein paar Millimeter nach unten – er merkte erst jetzt, wie sehr er unbewusst die Luft angehalten hatte. „Also… er ist nicht da,“ sagte er langsam. „Wenn ich kommen würde, wäre er nicht da.“ „Genau,“ bestätigte die Mutter. „Sie meinte sogar: ‚Wenn Lukas wirklich mit mir reden will, dann soll er nicht Angst vor Patrik haben müssen. Ich halte ihn da raus.‘“ Lukas’ Augen wurden feucht. „Ich halte ihn da raus.“ Das war das erste Mal seit langer Zeit, dass aus dieser Ecke etwas kam, das nach Schutz klang – nicht nur für ihn, sondern auch für sich selbst. „Und… hat sie gesagt, ob sie dich sehen will?“ fragte Erling vorsichtig. Die Mutter nickte langsam. „Sie hat gesagt,“ erklärte sie, „sie ist nicht bereit für ein langes Familienkonstrukt-Gespräch mit allen. Aber sie ist bereit, dich zu sehen, Lukas. Alleine oder mit einer Person, der du vertraust – also Erling. Sie hat wortwörtlich gesagt: ‚Ich kann ihm nicht ewig aus dem Weg gehen, wenn er ehrlich mit mir reden will.‘“
Lukas schluckte. In seinem Bauch mischten sich: • Erleichterung, • Angst, • Vorfreude, • Scham, • Hoffnung. „Also… sie ist bereit,“ sagte er leise. „Und Patrik ist nicht da.“ Er sah auf seine Hände. „Fahren wir gleich?“ fragte Erling. Lukas schüttelte sofort den Kopf. „Nein,“ sagte er schnell. „Also – nicht jetzt sofort. Mein Kopf hat gerade erst die Info verdaut, dass sie überhaupt bereit ist und Patrik nicht da ist. Wenn ich jetzt einfach losfahre, ohne mich innerlich zu sortieren, stottere ich nur und fange irgendwo in der Mitte an.“ Der Vater nickte. „Gute Entscheidung,“ meinte er. „Es ist kein Notfall, es brennt niemand. Du darfst dir Zeit nehmen, um zu überlegen: • Was willst du ihr sagen? • Was willst du NICHT sagen? • Wo ist deine Grenze, falls sie etwas sagt, was dir wehtut?“ Die Mutter sah ihn sanfter an als seit Tagen. „Sie hat auch gesagt,“ fügte sie hinzu, „dass sie heute Nachmittag zuhause ist. Und morgen auch. Du musst dich nicht in den nächsten fünf Minuten entscheiden.“ Ende des Morgens – noch zu Hause, aber innerlich in Bewegung Als das Gespräch vorbei war, blieb Lukas noch einen Moment sitzen. Die Küchenlampe, der vertraute Tisch, der Geruch von Kaffee – alles wirkte plötzlich wie eine Bühne, auf der er gerade seine Rolle gewechselt hatte: vom still beobachteten Kind zu jemandem, der eine Entscheidung treffen durfte. Er stand schließlich auf. „Ich geh erstmal ins Zimmer,“ sagte er. „Ich muss nachdenken. Vielleicht aufschreiben, was ich ihr sagen will.“ Erling folgte ihm. Im Zimmer setzte Lukas sich an den Schreibtisch, schlug sein Mutbuch auf eine leere Seite. Ganz oben schrieb er: „Tag 19 – Morgen: Heute habe ich beschlossen, mit meiner Tante zu reden. Mit der, die früher wie eine Ersatzoma war. Mit der, die Patrik angeschrieben hat, um mich zu schützen. Mit der, die mir seitdem fehlt.“ Darunter notierte er stichwortartig: • „Ich vermisse dich.“ • „Ich wollte nie, dass du so verletzt wirst.“ • „Ich bin nicht Patrik.“ • „Ich habe nie gewollt, dass du denkst, ich hätte dich benutzt oder dir weh getan.“ • „Ich will hören, wie es dir ging.“ • „Ich will, dass du meine Version der Geschichte kennst.“
Erling setzte sich daneben. „Also,“ sagte er leise, „wir wissen jetzt: • Patrik ist nicht da. • Deine Tante ist bereit, dich zu sehen. • Wir müssen nicht sofort los. Das heißt: Heute Morgen bleiben wir hier. Wir reden, planen, atmen. Und wenn du soweit bist, fahren wir.“ Lukas nickte. „Ja,“ sagte er. „Heute Morgen bleib ich noch zuhause. Ich lass diese Info erst mal ankommen.“ Er lehnte den Kopf kurz gegen Erlings Schulter. „Aber zum ersten Mal seit Wochen,“ flüsterte er, „hab ich das Gefühl, dass diese Geschichte mit ihr vielleicht nicht einfach nur in Hass endet. Sondern vielleicht in… irgendwas dazwischen. Und das ist mehr, als ich mir gestern noch vorstellen konnte.“ Draußen kroch das milde Winterlicht durch das Fenster, die Wohnung war ruhig. Sie hatten sich noch nicht auf den Weg gemacht – aber in Lukas’ Innerem war der erste Schritt längst getan. Der Nachmittag des neunzehnten Tages fühlte sich an wie eine Brücke: zwischen dem Entschluss am Morgen – „Ich will mit ihr reden“ – und dem Moment, in dem er wirklich vor der Tür der Tante stehen würde. Noch war er nicht so weit. Aber er wollte sich auf den Weg machen. Früher Nachmittag – Erst zur Hochschule, zum „Schloss“ Nach dem Mittagessen saßen Lukas und Erling noch kurz am Küchentisch. Die Mutter hatte ihm die Hand auf die Schulter gelegt. „Ihr müsst heute nichts zu Ende bringen,“ sagte sie. „Es reicht, wenn ihr euch auf den Weg macht. Und wenn ihr unterwegs merkt, dass es zu viel wird, dreht ihr um – das ist keine Niederlage.“ Lukas nickte. „Wir fahren erst zur Hochschule,“ sagte er. „Wegen dem Schloss.“ Die Mutter runzelte kurz die Stirn, dann fiel ihr ein, was er meinte. Vor ein paar Tagen hatte die Hochschule ihm – nach all dem Chaos mit Gas, Toiletten, BeutelMobbing – endlich etwas angeboten, das sich nach Barrierefreiheit anfühlte: • ein kleiner abgeschlossener Raum nahe des Aufzugs, • extra für ihn, • damit er später seinen neuen, kleinen Rollstuhl dort sicher unterstellen konnte, • und nicht mehr Angst haben musste, dass irgendjemand ihn anzündet, wie sein Vater es mit dem alten gemacht hatte. Der Hausmeister hatte geschrieben: „Das Schloss ist ausgetauscht. Der Schlüssel liegt im Büro bereit.“ „Bevor der neue Rollstuhl irgendwann kommt,“ hatte Lukas gedacht, „will ich wissen, ob ich ihn überhaupt irgendwo sicher lassen kann.“ Also war der Plan: 1. Zur Hochschule fahren, den neuen Schlüssel und das Schloss anschauen. 2. Von dort aus weiter Richtung Tante – zu Fuß über die Felder, zum Kopf-Sortieren. Erling zog seine Jacke an. „Wir starten in Richtung „Zukunft an der Hochschule“ und laufen dann weiter Richtung „Vergangenheit bei der Tante“,“ sagte er. „Ganz schönes Kombi-Level.“
Tramfahrt – Nervöse Mischgefühle In der Straßenbahn wirkte die Stadt wie in Watte gepackt. Lukas saß am Fenster und beobachtete: • Leute mit Tüten, • Schüler mit Rucksäcken, • eine ältere Frau mit Einkaufstrolley. Die Rippe meldete sich noch, aber ruhig. Die Wange war nur noch ein Schatten. „Wie ist dein innerer Stand?“ fragte Erling leise. Lukas dachte nach. „Ich hab zwei Balken im Kopf,“ sagte er. „Einen für Mut, einen für Angst. Beide so auf 70%. Es ist… viel.“ Erling nickte. „Wir nehmen alles Schritt für Schritt,“ meinte er. „Erst der Schlüssel. Dann die Felder. Dann sehen wir weiter.“ An der Hochschule – der neue „sichere“ Ort Im Gebäude wirkte alles ruhiger als sonst. Der Cyberangriff hatte zwar noch Spuren hinterlassen – ein paar Rechner waren ausgeschaltet, an Türen klebten Zettel mit „IT bitte nicht benutzen“ –, aber es war kein Chaos mehr. Sie gingen zum Hausmeisterbüro. Ein Mann Mitte fünfzig, kräftig, mit dunklen Haaren und einem Schlüsselbund am Gürtel, öffnete die Tür. „Ah, du bist der Lukas,“ sagte er, als er den Namen hörte. „Sie haben mir Bescheid gesagt, dass du wegen des Abstellraums kommen würdest.“ Lukas nickte. „Ja,“ murmelte er. „Wegen… dem Schloss.“ Der Hausmeister nahm einen kleinen Umschlag vom Schreibtisch. „Hier ist dein Schlüssel,“ sagte er. „Der Raum ist im Erdgeschoss, gleich neben dem Aufzug zur M-Welt – damit du keine Treppen brauchst. Wir sind extra auf ein stabileres Schloss umgestiegen. Nur du, die Verwaltung und ich haben einen Schlüssel.“ Lukas nahm den Umschlag in die Hand. Der kleine Metall-Schlüssel fühlte sich schwerer an, als er aussah – emotional, nicht vom Gewicht. „Früher haben mich Schlösser eingesperrt,“ dachte er. „Heute gibt mir eins vielleicht zum ersten Mal einen sicheren Ort.“ Der Hausmeister ging mit ihnen zusammen zum Raum. Es war ein schmaler Raum, aber sauber: • weiße Wände, • ein Haken an der Wand, • eine Steckdose, • genug Platz für einen kleinen Rollstuhl. An der Tür sah man das neue Schloss – blankes Metall, kein billiger Kram. „Wenn dein Rollstuhl da ist,“ sagte der Hausmeister, „kannst du ihn hier reinstellen. Ich mach dann noch ein Schild dran, dass der Raum für dich reserviert ist. Wenn irgendwer blöde Sprüche macht, schickst du ihn zu mir.“ Lukas nickte langsam.
„Danke,“ sagte er leise. „Ich… hab schlechte Erfahrungen mit kaputten Rollstühlen.“ Der Hausmeister sah ihn an, mit einem Blick, der mehr verstand, als er sagte. „Ich hab gehört, da ist mal was passiert,“ meinte er vorsichtig. „Sagen wir einfach: In diesem Raum wird nichts verbrannt, außer die schlechte Stimmung.“ Ein kleines, ehrliches Lächeln huschte über Lukas’ Gesicht. „Ich hoffe es,“ murmelte er. Er steckte den Schlüssel in das Schloss, drehte. Es klickte – ruhig, fest, ohne Haken. Er öffnete, schloss, öffnete noch einmal. Etwas in seinem Inneren atmete auf. „Wenn der neue Rollstuhl irgendwann kommt,“ dachte er, „dann wartet hier ein Ort, der nicht von meinem Vater oder Patrik kontrolliert wird. Einer, bei dem der Schlüssel in meiner Hand liegt.“ Der Start zum Feldweg – raus aus Beton Als sie die Hochschule wieder verließen, war der Himmel milchig grau. Kein Regen, aber kalte Luft. „Wie weit ist es bis zu deiner Tante?“ fragte Erling. „Zu Fuß…“ Lukas öffnete kurz Google Maps. „Wenn wir die normale Straße nehmen: eine gute Stunde. Wenn wir quer übers Feld und an den Schrebergärten vorbei gehen, vielleicht genauso lange – aber ruhiger. Weniger Autos.“ „Ich bin für Felder,“ sagte Erling. „Dein Nervensystem braucht eher Wind und Vogelgeräusche als Motoren und Hupen.“ Sie bogen von der Hauptstraße ab, Richtung Feldwege. Die Stadt blieb hinter ihnen, Beton wich zu: • schmalen Wegen, • matschigen Rändern, • kahlen Bäumen, die wie schwarze Linien in den Himmel ragten. „Hier ist es… viel,“ sagte Lukas nach einer Weile. „Aber es ist ‚Natur-viel‘, nicht „Menschenviel“.“ „Besseres Stimuli-Paket,“ meinte Erling. Verirrt auf dem Feld – symbolisch und real Nach etwa zwanzig Minuten schlug Lukas einen kleinen Seitenweg ein. „Hier lang,“ meinte er. „Das spart uns den Umweg über die Hauptstraße, glaub ich.“ Erling sah auf die Umgebung. Der Weg wurde schmaler, der Asphalt wich einem Feldweg mit Erde und Schotter. Rechts von ihnen: • ein Acker, • ein paar Sträucher, • in der Ferne ein kleiner Waldstreifen. Links: • noch mehr Felder, • ein Strommast, • irgendwo weit weg ein Traktor. Sie liefen, während sie überlegten, was Lukas später sagen könnte.
„Ich will nicht anfangen mit: ‚Weißt du noch, damals, als…?‘,“ sagte Lukas. „Ich will eher sagen: ‚So geht es mir heute. Das ist, wer ich bin. Nicht nur das, was Patrik über mich erzählt hat.‘“ „Gute Richtung,“ sagte Erling. „Vergangenheit erklären, aber nicht nur darin ertrinken.“ Sie liefen weiter. Nach einer Weile bemerkte Lukas, dass der Feldweg eine Biegung machte – nicht in die Richtung, die er erwartet hatte. Er zog sein Handy raus, schaute wieder auf Maps. Die kleine blaue Kugel (sie) war nicht dort, wo er dachte. „Äh… okay,“ murmelte er. „Wir sind… nicht falsch, aber auch nicht richtig.“ „Heißt?“ fragte Erling. „Heißt,“ sagte Lukas, „wir sind nicht weiter weg von ihr – aber auch nicht näher dran. Wir laufen gerade eher parallel zu ihrem Ort.“ Er seufzte. „Wir haben uns verlaufen?“ fragte Erling, halb ernst, halb spielerisch. „Ein bisschen,“ gab Lukas zu. „Übertragen gesehen passt das aber: Mein Leben mit ihr und Patrik war jahrelang so: parallel, aneinander vorbei, viel Misstrauen dazwischen.“ Er zoomte in die Karte. „Wenn wir hier links kommen und dann dem kleinen Weg da folgen,“ sagte er, „landen wir nicht direkt vor ihrer Haustür, aber ungefähr einen Kilometer davor, an einer kleinen Bank bei einem Feldkreuz.“ Erling grinste. „Klingt nach einem Symbolort für ‚Pause vor großer Konfrontation‘,“ meinte er. Ankommen – 1 km vor der Tante Sie bogen ab, folgten einem schmaleren Weg. Der Boden war uneben, ein paar Pfützen von den letzten Regentagen lagen noch da. Lukas musste auf seine Schritte achten – die Rippe mochte keine plötzlichen Ausrutscher –, aber Erling hielt notfalls einen Arm bereit. Nach einer Weile, die sich länger anfühlte, als sie war, kamen sie an eine kleine Kreuzung aus Feldwegen. Dort stand tatsächlich: • ein einfaches Holzkreuz, • eine kleine Bank, • eine Laterne, die vermutlich abends schwach leuchtete, • daneben ein Mülleimer, halb voll mit zerknüllten Papierbechern. Lukas sah auf sein Handy. „Wir sind ungefähr einen Kilometer Luftlinie von ihr weg,“ sagte er. „Ihr Haus ist quasi da vorne, hinter dem kleinen Wäldchen und den ersten Häusern.“ Er deutete in die Richtung, wo man schon in der Ferne die Dächer eines Wohngebiets sah. „Also… wir sind nah,“ murmelte er. „Nicht da. Aber nah.“ Sie setzten sich auf die Bank. Der Wind wehte ihnen ins Gesicht, nicht zu stark, aber genug, um die Gedanken ein bisschen zu sortieren. „Wie fühlt sich das an:“ fragte Erling. „Zu wissen, dass sie in Laufentfernung ist?“ Lukas starrte auf die Felder vor sich.
„Wie… kurz vor einer Tür,“ sagte er. „Nur, dass zwischen mir und der Tür noch ein Kilometer aus alten Nachrichten, verletzten Gefühlen und Angst liegt.“ Er zog die Beine ein wenig an, legte die Arme darum. „Ein Teil von mir will sofort weiterlaufen, klingeln, einfach rein in die Situation,“ gab er zu. „Ein anderer Teil will hier bleiben, für immer, nur wissen: ‚Sie ist nah‘, aber nie den letzten Meter gehen.“ „Wir müssen heute keinen Schlussstrich ziehen,“ sagte Erling ruhig. „Wir können heute „Ankommen in der Nähe“ schaffen. Und da bleiben wir erst mal. Wenn dein System sich hier stabilisiert, haben wir eine viel bessere Ausgangslage für den letzten Kilometer.“ Lukas nickte langsam. „Dann ist das hier gerade unser kleiner Zwischenort,“ murmelte er. „Ein Feldkreuz zwischen ‚früher‘ und ‚vielleicht später‘.“ Er nahm sein Handy, öffnete die Notizen, schrieb sich in Stichpunkten auf, was er ihr sagen wollte, falls sie später wirklich vor ihr stehen würden. Der Wind machte seine Finger kühl, aber gleichzeitig fühlte er sich wacher. Sie bleiben erst mal dort – Warten, Atmen, Sortieren Die Zeit verstrich. Sie sprachen eine Weile, dann schwiegen sie auch einfach zusammen. Sie schauten: • den Krähen zu, wie sie über die Felder zogen, • einem Hund, der mit seinem Besitzer einen Feldweg entlanglief, • dem Himmel, der langsam in ein blasseres Grau überging, je näher der Abend rückte. Ab und zu sah Lukas wieder auf die Karte. Der Punkt, der seine Tante markierte, blieb da – wie eine stille Erinnerung: „Du hast jetzt eine Wahl. Du bist nicht mehr ausgeliefert. Du kannst entscheiden: heute, morgen, wann immer du willst.“ „Ich bin froh,“ sagte er irgendwann leise, „dass wir nicht direkt vor der Haustür stehen. Ich brauch diesen Zwischenstopp. Ich muss erst mal merken, dass ich nicht mehr das Kind bin, das von Erwachsenen hin- und hergeschubst wird.“ Erling nickte. „Deshalb bleiben wir jetzt erst mal hier,“ sagte er. „Hier ist es sicher. Patrik ist nicht da, die Tante auch nicht, aber dein Kopf weiß: Sie ist in Reichweite.“ Lukas atmete tief ein, die kalte Luft füllte seine Lungen, die Rippe meckerte kurz, beruhigte sich aber wieder. In seinem Mutbuch würde dieser Ort vielleicht später so heißen: „Feld-Bank – 1 km vor ihr. Ort, an dem ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass „nah dran“ schon ein Erfolg sein kann.“ Sie blieben dort. Nicht für immer, aber für diesen Nachmittag. Zwischen Feldern, Wind und einem kleinen hölzernen Kreuz, einen Kilometer vor der Tante,
nah genug, um Hoffnung zu spüren, weit genug, um nicht überrollt zu werden. Der neunzehnte Tag war inzwischen in diesen seltsamen Zwischenzustand gerutscht: Zu weit, um noch „ganz normal“ zu sein, aber noch nicht so weit, dass alles entschieden war. Lukas und Erling saßen immer noch auf der Bank am Feldkreuz, einen Kilometer vor dem Haus der Tante. Entscheidung an der Bank – nicht mit leeren Händen Der Wind strich ihnen über die Gesichter. Lukas sah zu den Häusern in der Ferne, die Dächer, die hinter dem kleinen Wäldchen hervorlugten. „Da drüben,“ murmelte er, „lebt sie. Mit all ihren Erinnerungen. Mit all ihren Verletzungen. Mit allem, was Patrik ihr erzählt hat.“ Erling zog die Knie an. „Du musst nicht heute vor ihrer Tür stehen,“ sagte er noch einmal. „Aber du darfst.“ Lukas nickte, kaute auf seiner Lippe. „Ich hab plötzlich einen Gedanken,“ sagte er nach einer Weile. „Etwas, das sich komisch anfühlt, aber auch… richtig.“ Er sah zu Erling. „Früher,“ begann er, „hat sie uns oft Suppe gekocht. Weißt du noch, was für eine?“ Erling überlegte nur kurz. „Klar,“ sagte er. „Die richtig fette Hühnersuppe von ihr. Diese Art ‚Supenhuhn‘, wie ihr immer gesagt habt. Mit viel Gemüse, selbstgekochter Brühe und diesem Geruch, der die ganze Wohnung warm gemacht hat.“ Lukas lächelte schwach. „Genau,“ murmelte er. „Diese Suppe war… so was wie ihr Markenzeichen. Sie hat oft gesagt: ‚Wenn jemand krank ist, braucht er Supenhuhn. Wenn jemand traurig ist, auch.‘“ Er sah wieder in Richtung der Häuser. „Wenn ich heute zu ihr gehe,“ sagte er leise, „will ich nicht mit leeren Händen da stehen. Ich will nicht nur mit Problemen vor der Tür stehen. Ich will etwas mitbringen, das nach ‚früher, bevor alles kaputtging‘ riecht.“ Erling verstand sofort. „Edeka?“ fragte er. „Supenhuhn kaufen?“ Lukas nickte. „Ja,“ sagte er. „Wir gehen vorher zu Edeka. Kaufen ein Suppenhuhn und vielleicht ein bisschen Gemüse. Und wenn ich dann bei ihr bin, kann ich sagen: ‚Ich hab das mitgebracht. Vielleicht kochst du wieder deine Suppe. Für uns. Oder für dich. Oder einfach als Zeichen, dass ich mich noch an deine guten Sachen erinnere – nicht nur an die Nachrichten und den Streit.‘“ Weg zum Edeka – letzte Schleife vor der Begegnung Sie standen von der Bank auf. Die Beine waren etwas steif vom Sitzen in der Kälte, aber innerlich fühlte Lukas sich klarer. „Edeka ist ungefähr da,“ sagte er und zeigte auf sein Handy. „Ein Stück runter zur Hauptstraße, dann rechts. Von dort aus sind es nur ein paar Minuten bis zu ihrer Wohnung.“ „Dann ist das jetzt unsere Route,“ meinte Erling. „Erst Essen für die Seele kaufen, dann zur Tür.“
Sie liefen den Feldweg weiter, bis er schließlich auf eine Asphaltstraße traf. Langsam kehrte die Stadt zurück: • Autos, • Hinweisschilder, • eine Bushaltestelle, • ein Drogeriemarkt in der Ferne. Nach ein paar Minuten tauchte das bekannte grün-gelbe Schild auf: EDEKA Der Parkplatz war halb voll, Menschen gingen mit Einkaufswagen rein und raus. Lukas blieb kurz vor dem Eingang stehen. „Komisch,“ murmelte er. „Ich hab schon tausendmal Supenhuhn gekauft – aber noch nie mit so viel Bedeutung.“ „Heute ist es mehr als nur Essen,“ sagte Erling. „Es ist… eine Einladung.“ Im Edeka – Supenhuhn als Brücke Sie nahmen keinen Wagen, nur einen Einkaufskorb. Die Luft im Markt war warm und roch nach Brot, Obst, Reinigungsmitteln – dieser typische Mischgeruch von Supermärkten. Zuerst gingen sie in die Fleischabteilung. Hinter der Theke lagen: • Koteletts, • Würste, • Putenbrüste, • und mittendrin ein paar abgepackte Suppenhühner – große, unförmige Brocken, die alleine noch nicht nach Gemütlichkeit, aber nach Grundlage rochen. Lukas blieb stehen. „Da,“ sagte er, und seine Stimme war plötzlich weich. „Genau so eins hat sie immer gekauft.“ Er nahm ein Suppenhuhn aus der Auslage. Das kalte Plastik in seiner Hand, das Gewicht des Fleisches – alles fühlte sich an wie ein kleines Ritual. „Ich bringe dir nicht nur meine Sorgen,“ dachte er, „ich bringe dir auch etwas, womit du deine Art von Trost machen kannst.“ Erling betrachtete das Huhn. „Wenn sie das sieht,“ meinte er, „weiß sie sofort, was du meinst. Das ist keine zufällige Auswahl. Das ist: ‚Ich hab dich gesehen – damals. Und ich sehe dich noch.‘“ Sie gingen noch kurz ins Gemüse-Regal: • Karotten, • Sellerie, • Lauch, • Petersilie. Lukas nahm von allem ein Bündel. „Sie braucht wahrscheinlich gar nicht unser Gemüse,“ sagte er. „Sie kauft sonst eh alles selbst. Aber… ich will, dass die Tüte, die ich ihr hinstelle, nach ‚Suppe‘ aussieht – schon bevor sie anfängt zu kochen.“
Fertigpizza, Nudeln, Getränke, Süßigkeiten aufs Band legten. Ihr Einkauf war anders: ein Gemüse, ein bisschen Petersilie für andere würde es wirken wie ein ganz normaler Einkauf. Für Lukas war es ein Symbol. Die Kassiererin scannte die Artikel. „Suppe geplant?“ fragte sie freundlich. Lukas zögerte kurz, dann nickte er. „Ja,“ sagte er. „Für jemanden, der mir mal oft Suppe gemacht hat.“ Sie lächelte kurz, ohne weiter nachzufragen.
Suppenhuhn, –
Der Weg zur Tante – mit Suppe in der Hand Draußen packten sie die Sachen in eine stabile Stofftasche. Das Suppenhuhn war schwer, das Gemüse drückte von oben dagegen. Lukas nahm die Tasche in die Hand, spürte das Gewicht. „Fühlt sich an,“ sagte er, „als würde ich ein Stück Vergangenheit tragen. Aber diesmal freiwillig.“ Erling ging auf seiner anderen Seite, bereit, die Tasche zu übernehmen, wenn es zu viel wurde. Sie liefen in Richtung der Wohngegend, in der die Tante wohnte. Die Umgebung veränderte sich: • vom breiten Straßenverkehr • zu Reihenhäusern und Mehrfamilienhäusern, • zu Vorgärten mit kahlen Büschen, • zu Laternen, die schon anfingen, sich für den frühen Abend zu rüsten. „Gleich sind wir da,“ murmelte Lukas irgendwann. Sein Herz schlug fester. Nicht hektisch, aber deutlich. „Wenn du willst,“ sagte Erling, „kann ich die Tüte tragen. Dann hast du die Hände frei, falls du zittern solltest.“ Lukas überlegte kurz, dann reichte er ihm die Tasche. „Gute Idee,“ murmelte er. „Ich hab lieber die Hände frei, wenn ich gleich vor ihrer Tür stehe.“ Vor dem Haus – noch nicht an der Wohnungstür, aber im gleichen Gebäude Schließlich blieben sie vor einem bekannten Haus stehen. Ein dreistöckiges Gebäude mit cremefarbener Balkonen, die jetzt im Winter eher verlassen einem kleinen Vordach über dem Eingang. Lukas kannte jede Linie dieses Hauses. Hier hatte er:
Fassade, wirkten,
Ostern gefeiert, Geburtstage, Weihnachtsessen, Nachmittage mit Suppe und warmen Decken, aber auch die späteren, angespannten Besuche, in denen alles irgendwie bröckelte, bevor es endgültig brach. „Das ist es,“ sagte er leise. „Ihr Haus.“ Er blieb einen Moment auf dem Gehweg stehen, als würde eine unsichtbare Linie vor dem Tor liegen. „Wie ist dein Level?“ fragte Erling. „Hoch,“ sagte Lukas ehrlich. „Mut: 80%. Angst: 95%. Hoffnung: irgendwo dazwischen. Aber… ich möchte zumindest bis in den Hausflur gehen. Nicht länger draußen bleiben, als nötig.“ Sie gingen die wenigen Stufen hoch zum Eingang. Neben der Tür war die Reihe mit den Klingeln. Lukas’ Blick blieb an dem vertrauten Namen hängen: [Name der Tante – wir lassen ihn offen] Sein Finger zuckte leicht, als würde er klingeln wollen – aber er hielt inne. „Noch nicht,“ flüsterte er. „Kein Stress,“ sagte Erling ruhig. „Wir haben den halben Tag gebraucht, um überhaupt bis hierher zu kommen. Ein paar Minuten mehr Flur-Schrittplanung bringen uns nicht um.“ Lukas drückte die Klinke der Haustür – sie war offen. Sie traten ein. Der Hausflur roch nach: • Waschmittel, • Staub, • ein bisschen nach altem Teppich – dieser typische Wohnhaus-Geruch, den Lukas von früher kannte. Die Schritte hallten leicht. Sie standen jetzt im Treppenhaus, unten, vor den Briefkästen. „Da ist ihrer,“ murmelte Lukas und deutete auf einen der Briefkästen, auf dem der Name der Tante stand. Ein paar Werbezettel lugten heraus. Er atmete durch. Sie gingen langsam die Stufen hoch, bis zu dem Stockwerk, in dem die Tante wohnte. Vor ihrer Wohnungstür blieb Lukas stehen. Die Tür war so vertraut, dass sie selbst zu einem kleinen eigenen Charakter geworden war: • das schwere Holz, • der Messinggriff, • das kleine Schild mit dem Namen, • die Fußmatte, auf der mal „Willkommen“ gestanden hatte und jetzt nur noch halb leserlich war. Lukas blieb davor stehen. Herzschlag, Atem, Gedanken – alles auf Anschlag. • • • • •
Er streckte die Hand aus… und legte sie nur kurz auf das Holz der Tür. Nicht klopfend. Nur berührend. „Sie ist da,“ dachte er. „Ich bin da. Wir sind im gleichen Haus. Das ist schon mehr Nähe als in den letzten Monaten.“ Neben ihm hielt Erling immer noch die Tasche mit dem Suppenhuhn. „Willst du klingeln?“ fragte er leise. Lukas schüttelte ganz minimal den Kopf. „Noch nicht,“ flüsterte er. „Ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen, dass sie auf der anderen Seite dieser Tür sein könnte. Ich möchte diesen Moment… kurz halten. Einfach nur: ich, ihr Name, diese Tür. Ohne dass schon etwas passiert.“ Sie standen einen Augenblick schweigend dort, nur die leisen Geräusche des Hauses um sie herum: • irgendwo lief ein Fernseher, • ein Kind lachte in einer anderen Wohnung, • Wasser rauschte in einem Rohr. Lukas legte nun die Fingerspitzen auf das Klingelschild. Immer noch ohne zu drücken. „Ich bin näher dran als je zuvor seit dem Bruch,“ flüsterte er. „Und im nächsten Schritt… ändert sich alles, egal ob sie aufmacht oder nicht. Aber dieser Moment – der vor dem Klingeln – gehört noch nur mir.“ Sie traten nicht ein. Sie klingelten noch nicht. Sie standen einfach vor der Tür, mit einem Suppenhuhn als stummer Botschaft in einer Stofftasche, und einem Herz, das begriffen hatte: Manchmal ist „ich bin im gleichen Haus und noch nicht durch die Tür gegangen“ schon ein riesiger Schritt. Der Abend des neunzehnten Tages fühlte sich an wie der Moment, in dem man mit angehaltenem Atem vor einer Tür steht – und diesmal war es nicht nur eine Metapher. Zurück vor der Tür – aus dem Treppenhaus in die Vergangenheit Lukas stand immer noch vor der Wohnungstür der Tante, Erling neben ihm, die Stofftasche mit dem Suppenhuhn und dem Gemüse inzwischen auf dem Boden abgestellt. Die Berührung der Hand auf dem Holz, das Sehen ihres Namens auf dem Klingelschild – all das hatte sich schon wie ein halber Herzinfarkt angefühlt. Jetzt war es Abend geworden: Durch das kleine Fenster im Treppenhaus drang bläuliches Dämmerlicht, die Lampen an der Decke flackerten kurz auf, irgendwo im Haus lief ein Fernseher etwas lauter. Lukas zog die Hand langsam von der Tür zurück, atmete zweimal tief ein. „Bereit?“ fragte Erling leise. „Nein,“ sagte Lukas ehrlich. „Aber… ich mach’s trotzdem.“ Er hob den Finger – und drückte auf die Klingel.
Das leise Brrrr im Inneren der Wohnung war lauter in seinem Kopf als alle Feueralarme der letzten Wochen. Einen Moment lang passierte nichts. Lukas’ Herz raste. Vielleicht ist sie gar nicht da. Vielleicht war der Anruf ein Test. Vielleicht… Dann hörte man Schritte. Leiser, bedächtiger Schritt auf Laminat. Ein Schatten bewegte sich hinter der Milchglasscheibe. Der Schlüssel drehte sich im Schloss, die Tür öffnete sich einen Spalt. Erste Begegnung – zwischen Fremdheit und Vertrautheit In der Tür stand sie: Die Tante. Sie sah ein bisschen anders aus als in Lukas’ Erinnerungen – ein paar Falten mehr, die Haare etwas grauer, die Augen müder. Aber da war auch etwas, das unverändert war: dieser Blick, der immer wirkte, als würde sie gleichzeitig 100 Dinge im Kopf jonglieren und trotzdem noch Platz haben, zu registrieren, wie es dir geht. Nur diesmal war in diesem Blick auch viel Vorsicht. „Hallo,“ sagte sie leise. Lukas’ Stimme hakte kurz. „Hallo…“ brachte er heraus. „Ich… äh…“ Erling half unauffällig. „Guten Abend,“ sagte er höflich. „Wir wollten… nicht einfach reinplatzen, aber… Lukas wollte dich sehen. Ich bin Erling.“ Die Tante sah ihn einen Moment lang forschend an – und in ihren Augen lag kurz dieses typische Glitzern, das Menschen haben, wenn sie ihn wiedererkennen – nicht als Star, sondern aus Fernsehbildern. Sie kommentierte es aber nicht. Stattdessen sah sie wieder zu Lukas. „Du hast… das Suppenhuhn mitgebracht,“ sagte sie, als ihr Blick auf die Tasche fiel. Lukas nickte. „Ja,“ flüsterte er. „Ich hab mich erinnert, dass du immer gesagt hast: ‚Supenhuhn hilft gegen alles.‘ Ich dachte… vielleicht…“ Seine Stimme brach etwas weg. Die Tante atmete hörbar ein. Einen winzigen Moment lang sah es so aus, als würde sie die Tür vielleicht doch wieder schließen. Dann öffnete sie sie ganz. „Kommt rein,“ sagte sie. „Es ist zu kalt, um im Flur Versöhnungen zu versuchen.“ Drinnen – Suppenhuhn ja, aber nicht heute Die Wohnung roch noch genauso wie früher: • eine Mischung aus Waschmittel,
leichtem Parfum, und diesem warmen, schwer beschreibbaren Geruch nach „hier wurde viel gekocht und gelebt“. Im Wohnzimmer standen dieselben Möbel, nur die Fotos auf dem Sideboard waren etwas aktueller. Lukas blieb kurz im Flur stehen, als müsste er seine Erinnerungen sortieren: • Ostern mit Ostereiern auf genau diesem Teppich, • Weihnachten mit zu vielen Geschenken, • Nachmittage, an denen er hier Hausaufgaben gemacht hatte, weil es zuhause zu laut war. Die Tante schloss die Tür, nahm ihnen die Jacken ab. „Zeig mal,“ sagte sie und deutete auf die Tasche. Erling reichte sie ihr. Sie machte sie auf, sah das Suppenhuhn, das Gemüse, die Petersilie. Ein Ausdruck von Schmerz und Rührung gleichzeitig huschte über ihr Gesicht. „Ihr… ihr erinnert euch wirklich noch daran,“ murmelte sie. „Natürlich,“ sagte Lukas leise. „Das war… deine Spezialmedizin.“ Sie lachte kurz – ein kleines, brüchiges Lachen. „Ja,“ sagte sie. „Das stimmt. Aber… heute schaff ich das nicht.“ Sie legte das Huhn vorsichtig auf die Arbeitsplatte in der Küche. „Weißt du,“ meinte sie, „so ein richtiges Supenhuhn dauert sechs Stunden. Mindestens. Erst kochen, dann abschöpfen, dann Gemüse rein, dann nochmal ziehen lassen… wenn ich jetzt anfangen würde, wären wir um Mitternacht noch nicht fertig.“ Lukas’ Schultern sanken ein kleines bisschen – nicht aus Enttäuschung, sondern aus dem Gefühl: klar, Realität. „Das ist okay,“ sagte er schnell. „Ich wollte, dass du es da hast. Du kannst sie ja machen, wenn… wenn du Zeit und Kraft hast. Für dich. Oder… vielleicht irgendwann zusammen. Es war… eher ein Zeichen.“ Die Tante nickte langsam. „Das hab ich verstanden,“ sagte sie. „Und… es hat mich getroffen. Auf gute Art.“ Sie schloss die Kühlschranktür, drehte sich um. „Heute reicht meine Energie für etwas Einfaches,“ fuhr sie fort. „Wenn ihr wollt, mach ich euch Pommes. Das krieg ich hin. Backofen oder Fritteuse – dauert keine sechs Stunden.“ Erling grinste leicht. „Pommes sind auch eine Art Medizin,“ sagte er. „Für Menschen, die zu viel mit Juristen, Krankenhäusern und Verrückten zu tun hatten.“ Lukas nickte. „Pommes sind super,“ sagte er. „Ehrlich.“ • •
Pommes, Küche und vorsichtige Worte Während die Tante in der Küche hantierte – Pommesblech, Öl, Salz, Timer –, setzten sich Lukas und Erling an den Esstisch. Es war am Anfang still, aber keine feindselige Stille – eher die von Menschen, die nicht wissen, wo sie in einem langen, komplizierten Gespräch anfangen sollen. „Möchtet ihr etwas trinken?“ fragte die Tante schließlich. „Wasser ist okay,“ sagte Lukas automatisch.
Sie zögerte. „Ich hab auch Cola, Saft… und Bier,“ sagte sie. „Patriks Vater hat neulich einen Kasten vorbeigebracht. Angeblich ‚zur Versöhnung‘. Ich hab ihn bisher nicht angefasst.“ Sie rollte kurz mit den Augen. „Ich hab auf Alkohol nicht mehr so viel Lust,“ meinte sie. „Aber wenn ihr wollt…“ Lukas und Erling tauschten einen Blick. Ein Teil in Lukas schrie reflexartig: „NEIN, kein Bier mehr, nach allem!“ Ein anderer Teil dachte: „Ein Bier mit der Tante… das fühlt sich wieder normal an. Und gestern in der Kneipe ging es auch.“ Erling antwortete vorsichtig. „Wenn es für dich okay ist,“ sagte er, „würden wir vielleicht… jeweils ein Bier nehmen. Aber wirklich nur eins.“ Die Tante zuckte mit den Schultern. „Ihr seid erwachsen,“ sagte sie. „Solange ihr nicht wie Patrik drei hintereinander wegkippt, hab ich kein Problem damit.“ Sie ging in die Speisekammer, öffnete die Tür zum kleinen Abstellraum, wo der Kasten stand. Was sie nicht wusste – Patriks „Geschenk“ Im Abstellraum stand tatsächlich ein Bierkasten. Auf einer der Flaschen klebte noch ein kleiner Post-it-Zettel, halb abgerissen, aber man konnte noch lesen: „Zur Versöhnung – kein Groll. LG, Patrik“ Die Tante hatte den Kasten vor ein paar Tagen angenommen, aber dann aus Misstrauen nicht angerührt. Sie war es gewohnt, dass bei Patrik jedes Geschenk einen Haken hatte – oder eine Bombe im Anhang. Was sie nicht wusste: Patrik hatte an dem Tag, als er den Kasten vorbeigebracht hatte, nicht nur freundlich gelächelt, sondern vorher auch in seiner eigenen verqueren Rache-Logik gehandelt. Er hatte sich Zugang zu einem bestimmten Mittel verschafft – eine Substanz, die nicht einfach in der Apotheke zu bekommen war, aber in den falschen Kreisen die Runde machte: nichts, was jemanden sofort umbrachte, aber etwas, das Menschen: • benommen machte, • ihre Selbstkontrolle schwächte, • Erinnerungen durcheinanderwirbelte, • sie emotional instabiler werden ließ. Genau das, was er wollte: kein sofortiger Tod, sondern Chaos. Unfälle. Fehlentscheidungen. „Beweise“, dass Lukas und alle um ihn herum „verrückt“ seien. Er hatte ein paar Flaschen mit dieser Substanz manipuliert – so, dass der Geschmack kaum merklich verändert war.
Er wusste, welche – aber niemand sonst. Dann hatte er den Kasten abgegeben. „Zur Versöhnung,“ hatte er gesagt, und innerlich gedacht: „Zur Eskalation, viel Spaß.“ Die Tante hatte den Kasten abgestellt und war erleichtert gewesen, dass sie erst einmal nicht reagieren musste. Und jetzt, an diesem Abend, griff sie – ohne jede Ahnung – genau zu zwei von den Flaschen, die manipuliert waren. Bier und Gespräch – die ersten Schlucke Die Tante kam zurück. In der einen Hand hielt sie zwei Bierflaschen, in der anderen ein Glas Wasser für sich selbst. „Ich bleib beim Wasser,“ sagte sie. „Mein Nervensystem verträgt keinen Alkohol mehr besonder gut.“ Sie stellte die Flaschen und einen Flaschenöffner auf den Tisch. Lukas nahm eine, Erling die andere. Das Plopp der Kronkorken klang harmlos. Sie stießen leicht an. „Auf… das Reden,“ sagte Lukas vorsichtig. „Auch wenn’s schwer wird.“ „Und darauf,“ ergänzte die Tante, „dass wir das hier hinbekommen, ohne uns gegenseitig zu zerreißen.“ Sie nahm einen Schluck Wasser. Lukas setzte die Flasche an die Lippen. Das Bier schmeckte… normal. Vielleicht einen Hauch süßer als das von gestern in der Kneipe, vielleicht minimal metallisch – aber das konnte auch Einbildung sein. Erling trank ebenfalls einen Schluck. „Schmeckt okay,“ sagte er. „Nicht wie Premium-Ausgabe, aber solide.“ Niemand ahnte, dass sich in ihren Körpern nicht nur Hopfen und Wasser, sondern auch Patriks „Gift“ ausbreitete. Pommes und Worte – die Emotionen kommen hoch Der Timer in der Küche piepte. Die Tante stand auf, zog das Pommesblech raus, der Duft von Salz, Öl und knusprigen Kartoffeln zog durch die Wohnung. Sie stellte eine große Schüssel mit Pommes auf den Tisch, dazu Ketchup, Mayo, ein bisschen Salz. „So,“ sagte sie. „Es ist nicht Supenhuhn… aber für heute muss Fastfood für die Seele reichen.“
Lukas grinste kurz. „Das tut es,“ sagte er. „Supenhuhn ist… ein Projekt. Pommes sind… ein Pflaster.“ Sie aßen. Zwischen Bissen und Bier schlängelten sich die ersten vorsichtigen Sätze. Lukas erzählte: • vom Cyberangriff, • davon, wie er an der Hochschule wieder ausgelacht worden war, • von der Mathevorlesung und dem Urin-Beutel-Horror, • von der Schlägerei mit Erling, • vom Arzt, • vom Mutbuch, • vom Stammlokal, • von seinem Vater, der mal wieder eskaliert war – und dann doch langsam verstand, dass er Hilfe brauchte. Die Tante hörte zu, zwischendurch verzog sie das Gesicht, manchmal legte sie eine Hand auf den Mund, um nicht dazwischen zu platzen. „Ich hab… vieles nur aus der Distanz mitbekommen,“ sagte sie irgendwann. „Nicht im Detail. Und nicht aus deinem Mund. Mehr über Ecken, über Leute, die meinten, sie wüssten, was bei euch los ist.“ Sie sah ihn direkt an. „Ich will dich etwas fragen,“ sagte sie. „Und ich brauch eine ehrliche Antwort.“ Lukas nickte, schluckte. „Hast du jemals… Patrik wehgetan? So, wie er es in seiner Nachricht behauptet? Hast du ihn missachtet, geschubst, ignoriert, weil du dachtest, du wärst besser als er?“ Lukas’ Magen zog sich zusammen. „Nein,“ sagte er leise, aber fest. „Ich hab ihn nicht gehasst. Ich hatte Angst vor ihm. Er war der, der mich nie akzeptiert hat. Er hat mich ausgelacht, geschubst, fertig gemacht – auch, als wir klein waren. Ich war das Kind, das sich nicht wehren konnte. Und dann wurde ich zum Symbol für alles, was er hasst: Behinderung, Hilfe, „Sonderbehandlung“.“ Erling nickte ernst. „Ich hab die Nachrichten gelesen,“ sagte er. „Wenn einer da von oben nach unten tritt, dann er – nicht Lukas.“ Die Tante sah von einem zum anderen. Ihre Augen wurden feucht. „Ich wollte dich schützen,“ sagte sie leise. „Aber ich hab dabei Fehler gemacht. Ich hab gedacht, wenn ich Patrik ganz klar sage, was er alles falsch macht, kapiert er es irgendwann. Stattdessen… ist er nur wütender geworden. Und du standest in der Mitte.“ Lukas’ Griff um die Flasche wurde fester. Er trank reflexartig einen zweiten Schluck, um den Kloß im Hals runterzuspülen. Er merkte nicht, dass mit jedem Schluck auch ein bisschen mehr von Patriks Substanz in seinen Körper gelangte. Zweites Bier – langsame Veränderung Die Schüssel mit den Pommes war schon halb leer, die erste Bierflasche von Lukas und Erling auch. „Wollt ihr noch eins?“ fragte die Tante. „Ich hab noch welche im Kasten. Aber nur, wenn ihr wirklich mögt. Ich will nicht Schuld an einem Kater sein.“
Lukas zögerte kurz. Er dachte an gestern in der Kneipe: ein Bier, dann Spezi – das hatte gut funktioniert. Aber hier war es anders: • Sie waren in einer Wohnung, • im Schutzraum, • die Atmosphäre war emotional aufgeladen. Ein Teil in ihm dachte: „Ein zweites Bier könnte die Kanten etwas weicher machen. Vielleicht hilft es mir, offener zu reden.“ Ein anderer Teil war müde vom ewigen Kontrollieren. „Ich glaube… eines krieg ich noch hin,“ sagte er zögernd. „Danach ist aber wirklich Schluss.“ Erling nickte. „Ich auch,“ meinte er. „Aber danach Wasser, versprochen.“ Die Tante stand auf, ging noch einmal in den Abstellraum, holte zwei weitere Flaschen aus dem gleichen Kasten. Sie ahnte nicht, dass sie wieder genau zu zwei manipulierten Flaschen griff. Plopp. Plopp. Sie stellten die Flaschen auf den Tisch. Lukas’ Hände waren ein wenig wärmer als sonst, ein leichtes Kribbeln in den Fingern. „Komisch,“ dachte er kurz. „Das geht aber schnell heute…“ Er schob es auf die letzten Tage: • zu wenig Schlaf, • Schmerzmittel, • Stress. Sie stießen noch einmal an – diesmal ohne viele Worte. Je mehr sie tranken, desto mehr verschwammen die Grenzen in seinem Inneren: Die Worte flossen leichter, aber auch die Emotionen. Die Trennung zwischen „jetzt“ und „früher“ verwischte noch stärker. Erste Wirkung – der Abend kippt langsam Nach dem zweiten Bier merkte dass sein Kopf sich anders als er es von normalem Alkohol kannte. Es war nicht nur das übliche leichte Schwindelgefühl. Es war: • ein komisches Summen in den Ohren, • ein leichtes Ziehen hinter den Augen, • das Gefühl, als würde der Raum manchmal ein Stück zu weit „wegen“, • als hätte jemand die Konturen der Möbel leicht weichgezeichnet. Er blinzelte. „Geht’s?“ fragte Erling leise.
Lukas, anfühlte,
„Ja… also… ich glaub schon,“ sagte Lukas. „Nur… mein Kopf fährt gerade Achterbahn.“ Erling nahm einen Schluck von seinem Bier – auch er spürte, dass sich etwas untypisch anfühlte. Alcohol kannte er – von Mannschaftsfeiern, von gemeinsamen Abenden. Aber hier war es anders: • die Müdigkeit war stärker, • die Reizbarkeit lag näher an der Oberfläche, • das Herz schlug schneller, • die Gedanken sprangen unruhiger hin und her. Die Tante merkte, dass sich die Stimmung veränderte – aber sie schob es auf die Schwere der Themen. „Ihr seid blass,“ sagte sie vorsichtig. „Vielleicht war das zu viel für einen Tag. Es ging schon lange nicht mehr so tief…“ Sie stand auf. „Ich hol euch Wasser,“ fügte sie hinzu. Sie ahnte nicht, dass das „zu viel“ weniger mit den Themen zu tun hatte, als mit dem Kasten in ihrer Speisekammer, den Patrik so großzügig „zur Versöhnung“ vorbeigebracht hatte. Offene Kante am Ende des Abends Als sie wieder sitzen, Bier fast leer, Wasser vor sich, spürte Lukas, dass seine Emotionen viel näher an der Oberfläche klebten als sonst. Er fühlte sich: • gleichzeitig verletzlich, • angegriffen, • traurig, • wütend, • und irgendwie merkwürdig leicht danebenstehend. „Ich weiß nicht,“ dachte er, „ob das jetzt mein Nervensystem ist… oder das Bier… oder einfach alles zusammen.“ Er sah zur Tante, zur Pommes-Schüssel, zur zweiten, fast leeren Flasche. Noch ahnte niemand von ihnen, • weder die Tante, • noch Lukas, • noch Erling, dass Patrik heute Abend doch „anwesend“ war – nicht als Körper, sondern als Gift in den Flaschen. Der neunzehnte Abend endete nicht mit Supenhuhn, sondern mit Pommes und zwei Bieren, und mit einem Gefühl von:
„Etwas stimmt nicht – aber wir können noch nicht sagen, was.“ Die eigentliche Wirkung dessen, was Patrik in diese Flaschen gebracht hatte, würde sich erst in den nächsten Stunden und Tagen zeigen – und der Abend bei der Tante würde nicht nur der Anfang einer vorsichtigen Annäherung sein, sondern auch der Start eines neuen, unsichtbaren Angriffs auf den jungen Mann und den Spieler. Der neunzehnte Tag war längst in die Nacht gerutscht, als der junge Mann und der Spieler die Wohnung der Tante wieder verließen. Aufbruch von der Tante – mit schwerem Kopf und weichem Boden Lukas stand im Flur der Tante, die Schuhe halb offen, die Jacke über dem Arm. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte jemand Watte hineingestopft und die Gedanken würden nur noch langsam hindurchschwimmen. Nicht wie „normal betrunken“, sondern anders: • der Raum schien minimal nachzuschwingen, • seine Schritte waren ganz leicht verzögert, • Gefühle kamen schneller, als er sie sortieren konnte. Erling neben ihm fühlte sich ähnlich. Sein Körper war Alkohol gewohnt – aber nicht so. Nicht nach zwei Bieren. „Ihr seid blass,“ sagte die Tante, die im Türrahmen stand und sie verabschiedete. „Und ehrlich gesagt auch ziemlich müde im Gesicht.“ Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, sah zwischen den beiden hin und her. „Bitte passt auf euch auf auf dem Heimweg,“ fügte sie hinzu. „Und… danke, dass ihr gekommen seid. Ich weiß, es war nicht leicht.“ Lukas nickte. „Danke, dass du uns reingelassen hast,“ murmelte er. „Und… für die Pommes.“ „Und für’s Zuhören,“ ergänzte Erling, ein bisschen verwaschen in der Stimme. Die Tante zögerte. „Wenn ihr zuhause seid,“ sagte sie, „schreibt mir eine kurze Nachricht. Nur ein „Wir sind da“. Damit ich weiß, dass heute wenigstens der Heimweg ohne Drama bleibt.“ „Machen wir,“ versprach Lukas. Sie gingen die Treppe hinunter. Jeder Schritt hallte ein bisschen mehr, als er sollte. Im Hausflur roch es nach Waschmittel und Staub. Vor der Haustür schlug ihnen die kalte Nachtluft entgegen. Lukas blinzelte. Die Luft machte es kurz besser – der Kopf wurde klarer –, aber unter der Klarheit lag immer noch etwas Fremdes. Ich bin nicht so betrunken, wie sich mein Kopf anfühlt, dachte er. Irgendwas stimmt nicht. Er konnte es nicht benennen. Auf dem Weg – eine „spontane“ Idee Sie gingen schweigend die Straße hinunter, weg vom Haus der Tante.
Die Laternen warfen gelbe Flecken auf den Gehweg, Autos rollten vorbei, eine Bahn quietschte in der Ferne. Sie hätten direkt zur nächsten Haltestelle gehen können. Aber nach ein paar Minuten blieb Lukas abrupt stehen. Vor ihnen leuchtete ein kleines Schild im Dunkeln: Kiosk / Getränkemarkt – bis 23 Uhr geöffnet Ein unscheinbarer Laden an der Ecke, den Lukas kannte, aber selten genutzt hatte. In seinem Kopf ploppte plötzlich ein Gedanke hoch, so laut, dass er fast wie ein Ruf klang: „Wir könnten noch was mitnehmen. Für später. Für zuhause. Für den Abend mit Konsole. Zur Belohnung. Zur Beruhigung.“ Er wusste nicht, woher der Gedanke so stark kam. Er war da – aufdringlich, klebrig. Erling blieb stehen, sah instinktiv auch auf das Schild. Und auch in ihm regte sich etwas: „Wenn wir jetzt was holen, können wir den Abend wegdämpfen. Wir müssen nicht noch mal alles durchkauen. Einfach nur zocken und trinken.“ Es fühlte sich… logisch an. Zu logisch. „Wir könnten… ein bisschen Bier mitnehmen,“ sagte Lukas langsam, als wäre der Satz von irgendwo anders hergeflossen. „Für zu Hause. Nur zum Runterkommen.“ Erling nickte sofort. „Ja,“ meinte er. „Das klingt… gut. Nach all dem heute.“ Normalerweise hätten sie das abgewogen: • Geld, • Müdigkeit, • Bauchgefühl. Heute glitten sie an diesen Kontrollpunkten vorbei, wie Autos auf einer Straße, deren Leitplanken weich geworden waren. Im Laden – viel mehr, als sie wollten Der Kiosk war klein: • zwei Gänge mit Snacks und Süßigkeiten, • ein Regal mit Chips, • eine Kühlwand mit Getränken. Das Licht war der Boden aus leicht klebrigem Linoleum. Der Mann an der Kasse scrollte blickte nur kurz hoch, als die Tür klingelte. Lukas ging direkt auf die Getränkekühlung zu. Die Flaschen standen in Reih und Glied: • 0,33er, • 0,5er, • Dosen, • Mixgetränke. Seine Hand wanderte wie ferngesteuert zum Bier. „Nimm zwei.“ Dachte er.
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Die Hand griff nach vier. Vier 0,5er-Flaschen landeten im Korb. „Reicht,“ hätte sein inneres Stoppschild sagen sollen. Aber das Stoppschild war verschwommen. Neben ihm griff Erling in die Kühlung, als würde jemand anders seine Finger führen. Nicht: • „Zwei für heute Abend“, sondern: • „Sicher ist sicher… zehn.“ Zehn Flaschen, ein ganzer Arm voll Glas, kalt und schwer. Er legte sie mit einem dumpfen Klack in einen Korb. „Alter,“ murmelte ein Rest von Vernunft in seinem Kopf, „zehn? Seit wann brauchst du zehn?“ Aber die Stimme klang weit weg. „Wir sind zu zweit,“ „wir hatten viel Stress,“ „wir trinken sie ja nicht alle heute,“ – Ausreden schoben sich wie von selbst hinterher. An der Kasse setzte der Verkäufer nur kurz die Augenbrauen hoch, als er sah, was die beiden aufs Band legten. Vier Flaschen, zehn Flaschen. „Party bei euch?“ fragte er locker. „So was in der Art,“ murmelte Erling. „Langer Tag.“ Lukas kramte im Portemonnaie. Die Zahlen auf dem Display tanzten kurz, aber er brachte genug Bargeld zusammen. Der Verkäufer machte keine moralischen Kommentare, die Flaschen wanderten in zwei Plastiktüten. Die junge Männer nahmen je eine – und gingen. Was sie nicht wussten: Die Wirkung der Droge aus den Flaschen bei der Tante hatte ihre Impulskontrolle schon so weich gemacht, dass diese Menge Alkohol plötzlich „vernünftig“ erschien. Heimweg – mit 14 Flaschen im Gepäck Draußen klirrten die Flaschen leise in den Tüten, bei jedem Schritt ein kleines Piano aus Glas. „Wir sind bescheuert,“ hätte Lukas normalerweise gesagt. „So viel brauchen wir nie.“ Aber stattdessen hörte er sich selbst sagen: „Ist gut, dass wir genug haben. Dann müssen wir morgen nicht noch mal raus.“ Erling nickte. „Genau,“ meinte er. „Wir müssen ja nicht alles heute trinken. Wir teilen uns das ein.“ Die Nachtluft war kühl, aber machte sie nicht wirklich nüchterner.
Die Laternen zogen wie milde Lichtkugeln vorbei, manche schienen ein bisschen zu flimmern. In der Straßenbahn setzten sie sich auf einen Doppelsitz. Die Tüten standen zwischen ihren Schuhen, klirrten, wenn die Bahn bremste. Lukas’ Kopf war schwer, aber nicht ganz weg. Er hatte dieses komische Gefühl: als würde jemand an den Reglern in seinem Gehirn drehen – Lautstärke rauf, Kontrolle runter. „Wie geht’s dir?“ fragte Erling. „Wie… Watte,“ antwortete Lukas. „Als würd ich im Nebel laufen. Und trotzdem funktionieren.“ Er sah auf die Flaschen. „Warum haben wir so viel gekauft?“ fragte er halblaut. „Weil… weil es sich richtig angefühlt hat,“ murmelte Erling. Sie sagten nicht: „Weil eine unsichtbare Substanz in unseren Adern „Mehr“ schreit.“ Ankunft zuhause – eine normale Tür in einer unnormalen Nacht Vor dem Haus angekommen, stiegen sie aus. Die Flaschen in den Tüten schepperten erneut. „Leise,“ murmelte Lukas, plötzlich doch nervös. „Wenn sie das klirren hören… gibt es Diskussion.“ Erling nickte. „Wir sagen einfach, wir haben ein paar Flaschen mitgebracht, um einen Film zu gucken,“ meinte er. „Nicht lügen, aber… kleinreden.“ Sie gingen durchs Treppenhaus hoch. Die Wohnungstür war wie immer – braunes Holz, der vertraute leichte Geruch aus dem Spalt: Küche, Waschmittel, ein Hauch von „Zuhause“. Lukas steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte. Drinnen brannte Licht im Flur. Die Mutter stand gerade mit einem Handtuch in der Hand im Bad, der Vater saß im Wohnzimmer – der Fernseher lief leise, irgendeine Doku. Die Mutter kam aus dem Bad, als sie die Schuhe auszogen. Ihr Blick fiel zuerst auf die Tüten. Sie hörte das leise Glas-Klirren. Ein Schatten glitt über ihr Gesicht – nicht Wut, aber Sorge. „Ihr wart lange weg,“ sagte sie vorsichtig. „Ist alles… gut gelaufen?“ Lukas nickte etwas zu schnell. „Ja,“ sagte er. „Es war… anstrengend, aber gut. Wir haben mit ihr geredet. Und… äh…“ Er zeigte kurz die Tüte hoch. „Wir haben noch… ein bisschen Bier mitgenommen. Für später. Zum Runterkommen. Wir haben heute viel aufgewühlt.“
Die Mutter musterte ihn genauer – seine Augen, seine etwas verwaschene Aussprache. „Habt ihr bei ihr auch was getrunken?“ fragte sie ruhig. „Nur ein, zwei Bier,“ sagte Lukas. „Und dann viel Wasser. Wirklich.“ Es war nicht gelogen. Nur fehlte die Information, was in diesen Bieren gewesen war. Der Vater tauchte im Türrahmen auf. „Solange ihr nicht vorhabt, euch heute noch komplett abzuschießen,“ sagte er, „ist ein Feierabendbier nach so einem Tag… nicht das Schlimmste. Ich hab schlimmere Dinge getan.“ Sein Ton war nicht zynisch, sondern eher müde-ehrlich. „Wir machen’s ruhig,“ versprach Erling. Die Mutter seufzte. „Bitte hört auf euren Körper,“ sagte sie nur. „Wenn euch schwindelig wird – stoppen. Keine Mutproben.“ „Ja,“ sagte Lukas. Im Zimmer – Flaschen auf dem Boden, keine Bettruhe Sie zogen sich in Lukas’ Zimmer zurück. Die Tür fiel zu. Für einen Moment war es still. Dann stellte Erling die Tüte mit den zehn Flaschen in die Ecke, Lukas die mit den vier neben den Schreibtisch. Glas an Holz, ein dumpfes „Klong“. Die Reihen von braunem Glas wirkten fast wie ein eigenes kleines Publikum. „Okay,“ sagte Lukas und rieb sich die Schläfen. „Offiziell haben wir zu viel gekauft.“ „Inoffiziell auch,“ murmelte Erling. Sie lachten kurz – ein angestrengtes, rohes Lachen. Lukas setzte sich aufs Bett. Die Müdigkeit hing ihm in den Knochen, aber sein Kopf war zu voll zum Schlafen: • Gespräch mit der Tante, • Patrik, • Supenhuhn ohne Suppe, • Pommes, • zwei Biere, • jetzt vierzehn weitere im Zimmer. „Ich kann gerade nicht ins Bett gehen und so tun, als wäre nichts“, sagte er. „Mein Kopf würde die ganze Zeit Karussell fahren.“ Erling nickte. „Dann… machen wir’s so,“ schlug er vor. „Wir trinken jetzt nicht direkt weiter. Wir atmen. Vielleicht ein, zwei Runden FC 26, Musik leise im Hintergrund. Wasser zwischendurch. Und schauen, wie sich der Körper verhält.“ Lukas nickte. „Deal,“ sagte er. „Keine Flucht-Jugendparty. Eher… ein zu voller Kühlschrank, den man nicht leer essen muss.“ Er stand noch einmal auf, ging zum Regal,
schaltete die Konsole ein, das vertraute Summen erfüllte den Raum. Die Bildschirme starteten, das FC-26-Logo leuchtete auf. Draußen drehte die Nacht ruhig ihre Runden, während im Inneren der Wohnung etwas Gefährliches bereits in Bewegung war – erst in den Adern, jetzt auch in den Flaschen in der Ecke. Sie waren wieder zuhause. Sie waren noch wach. Sie spielten erst einmal weiter – ohne zu ahnen, wie sehr dieser Abend durch Patriks unsichtbare „Zugabe“ noch entgleisen konnte. Die Nacht des neunzehnten Tages wurde viel länger, als sie hätte sein sollen. Und viel dunkler, als es zwei Menschen nach so einem Tag gutgetan hätte. Späte Nacht – FC-26, Müdigkeit und ein leises „Mehr“ Im Zimmer war es halbdunkel. Nur der Fernseher leuchtete: FC-26, Karriere mit Mainz 05, Stadionflutlichter im Spiel, Kommentatorstimmen in gedämpfter Lautstärke. Lukas saß auf dem Bett, Rücken an der Wand, Controller in der Hand. Erling auf der Matratze daneben, leicht nach vorne gebeugt. Im Eck des Zimmers: • die Tüte mit vier Bierflaschen (Lukas’ Einkauf), • die Tüte mit zehn Flaschen (Erlings Einkauf). Am Anfang hatten sie sie nur abgestellt. „Wir schauen erst mal“, hatten sie gesagt. „Heute waren schon genug Reize.“ Auf dem Tisch standen zwei Gläser Wasser. Die ersten 20–30 Minuten spielten sie sogar wirklich nur. • Kader checken • Aufstellung basteln • Diskussion, ob ein Spieler auf die Acht oder Zehn gehört Es wirkte fast normal. Aber die Droge aus den Bieren bei der Tante arbeitete noch. Unsichtbar, leise. Und sie schob einen Gedanken immer wieder nach vorne: „Nur ein bisschen mehr. Du hast es dir verdient. Es war viel heute.“ Der erste Griff – „Nur eins zum Spielen“ Als das erste Spiel in der Karriere in der 60. Minute war, griff Erling irgendwann automatisch zur Tüte. „Ich mach mir eins auf,“ murmelte er. „Nur für den Geschmack. Dann mehr Wasser.“ Lukas wollte eigentlich „Nein“ sagen. Er spürte genau, dass sein Kopf noch nicht clean war. Aber die Droge drückte die Warnstimme nach unten.
„Okay,“ hörte er sich sagen. „Aber langsam. Wir sind keine 16 mehr.“ Erling öffnete eine das Plopp war zu laut für die Uhrzeit. „Willst du auch eins?“ fragte er. Lukas zögerte. „Nein, heute wäre die logische Antwort gewesen. Stattdessen sagte er: „Ja… aber ich nehm auch nur eins. Echt jetzt.“ Erling reichte ihm eine Flasche.
Bier 1 und 2 – „Es geht doch“ Die ersten Schlucke rutschten fast zu leicht. Der Geschmack war vertraut, aber unter dem normalen Bitter-Weizen-Gefühl lag dieser leichte, künstliche Stich, den sie nicht erkennen konnten. „Schmeckt anders als das bei der Tante,“ murmelte Lukas. „Aber ist okay.“ „Billig-Marken-Kiosk-Level,“ grinste Erling. „Keine große Kunst, aber es tut, was es soll.“ Sie spielten weiter: • Mainz 05 ging 1:0 in Führung, • Erling jubelte mit Controller in der Luft, • Lukas kommentierte jeden Pass viel emotionaler als sonst. Mit jedem Tor nahm er „nur einen Schluck“. Erling auch. Nach einer halben Stunde waren die ersten Flaschen leer. „Okay,“ sagte Lukas, „das war’s. Eins reicht.“ Er stellte die Flasche neben das Bett. Sie kippte fast um, blieb aber stehen. Sein Kopf fühlte sich merkwürdig zweigeteilt an: • ein Teil war müde und weich, • ein anderer seltsam nervös, fast überdreht. „Ich brauch noch eins,“ meinte Erling, ohne lange zu überlegen. „Ich kann nicht spielen mit halbem Gehirn.“ Er griff nach der Tüte, nahm die zweite Flasche, öffnete sie schnell und nahm gleich mehrere Schlucke. Lukas sah zu. „Vielleicht noch ein zweites… dann kann ich besser schlafen…“ flüsterte etwas in ihm. Erlangte Vernunft: „Lass es.“ Droge: „Was soll’s, du hast Schlimmeres überlebt.“ Sein Arm griff zur zweiten Flasche. Es wird mehr – zählen können sie immer schlechter Die Zeit begann zu verschwimmen. Die Spiele in FC-26 flossen ineinander: • Sieg, • Niederlage, • unentschieden, • Transferanfragen, • Kalender,
• Taktikmenü. Zwischendrin immer wieder das Zischen einer neuen Flasche. Lukas: • Bier 1: „Zur Belohnung.“ • Bier 2: „Damit ich runterkomme.“ • Bier 3: „Das ist jetzt eh egal.“ • Bier 4: „Ich weiß gar nicht mehr, welches das ist…“ Zwischen 2 und 3 hörte er seine innere Stimme noch leise: „Du wolltest doch nur eins. Du bist schon komisch drauf. Hör auf.“ Aber die Droge zog die Bremse raus. Alkohol verstärkte nur, was sie schon angestoßen hatte: • Impuls weniger, • Kontrolle weicher, • „Ach komm“ lauter. Lukas merkte zwar, dass er wankte, wenn er sich vom Bett erhob, aber er ordnete es „normal betrunken“ zu. Erling: Bei ihm war die Schwelle noch weiter verschoben. Profifußballer-Körper, viel Muskelmasse, Gewöhnung an Bier von Feiern – sein System konnte sowieso schon mehr vertragen. Aber heute war es kein „normal viel“. Es war: • Flasche 1 und 2 quasi nebenbei, • Flasche 3 und 4 aus „Frust“, wenn ein Spiel verloren ging, • Flasche 5 und 6 aus „Spaß“, wenn sie hoch gewonnen hatten, • Flasche 7 bis 10 aus einem Mischmasch aus „ich spür eh nix mehr richtig“ und „ich will nichts mehr spüren“. Er verlor den Überblick. Irgendwann lag ein ganzes kleines Feld aus leeren Flaschen neben der Matratze, wie eine Glasskulptur. Erling stand einmal auf, um ins Bad zu gehen, musste sich am Schrank festhalten, als der Boden schwankte. „Alles gut?“ fragte Lukas lallend. „Jaa,“ sagte Erling, „ich hab schon Champions-League-Spiele mit weniger Schlaf gespielt.“ Aber gerade das war das Problem: Für seinen Körper war „viel ertragen“ normal – und die Droge machte ihm sogar das dunkler.
Wahrnehmung kippt – Lachen, Tränen, Aggression in Sekunden Es war irgendwann weit nach Mitternacht. Die Matratze, das Bett, der Controller, alles wirkte plötzlich eine Spur zu weich, zu weit weg, zu wenig real. Lukas lachte plötzlich Tränen über eine absolut dumme Szene im Spiel: Ein Gegenspieler hatte sich im Strafraum so ungeschickt gedreht, dass er den Ball ins Aus befördert hatte. „Der läuft wie ich nach der VR-Brille,“ prustete Lukas, und lachte so sehr, dass ihm die Rippe weh tat.
Sekunden später kamen ihm wirklich Tränen in die Augen – aber nicht vor Lachen. Bilder von: • der alten Frau vom Friedhof, • der Slackline, • dem Autounfall, • seinem brennenden Rollstuhl, • dem Tageslicht im OP. Innen rief alles: „Zu viel. Zu viel. Zu viel.“ Erling bemerkte den Wechsel, legte ihm schwerfällig eine Hand auf die Schulter. „Hey,“ murmelte er, die Zunge schwer. „Du bist noch hier. Ich auch. Du bist nicht allein.“ Im nächsten Moment wurde er selbst plötzlich wütend, als der virtuelle Schiedsrichter im Spiel einen Elfmeter nicht gab. „Was pfeifst du da?!“ brüllte er den Bildschirm an. Seine Stimme war viel lauter als sonst. Eine leere Flasche kippte dabei um und rollte klirrend gegen den Kleiderschrank. Lukas zuckte zusammen. „Hey, nicht so laut,“ nuschelte er. „Sonst denkt meine Mutter, hier ist wieder…“ Er brach ab. „Wieder ein Vater-Ausflippen“ lag unausgesprochen im Raum. Sie sahen sich an. Beide wussten, dass sie gerade gefährlich nah an alten Mustern entlangschrammten: laut werden, werfen, zerschlagen. Nur: diesmal wollten sie nicht in diese Rolle. „Wir werfen hier nichts,“ murmelte Lukas, überraschend deutlich. „Keine Gläser. Keine Flaschen. Kein Controller. Ich will nicht, dass dieses Zimmer auch noch eine Kriegszone wird.“ Erling nickte langsam. Seine Augen waren glasig, aber der Satz kam an. „Okay,“ sagte er. „Nichts kaputtmachen. Versprochen.“ Wieder Flasche am Mund – Körper sagt „Stopp“, Kopf hört nicht Trotzdem griff Lukas noch einmal zur Flasche. Sie war schon fast leer. „Welches ist das?“ fragte Erling schwankend. Lukas starrte die Flasche als würden die Antworten auf dem Etikett stehen. „Ich… weiß nicht,“ sagte er ehrlich. „Drittes? Viertes? Ich komm durcheinander.“ Sein Magen fühlte sich voll ein bisschen säuerlich. Stopp, sagte sein Körper. Weiter, drängte die Droge.
Er nahm die letzten Schlucke, stellte die Flasche weg. Die Zahl stand fest, auch wenn sein Kopf sie nicht mehr halten konnte: vier Flaschen zuhause, plus zwei bei der Tante – sechs insgesamt. Erling griff noch einmal in die Tüte. Sie war fast leer. Er musste kurz zählen, verlor aber den Überblick. Am Ende lagen zehn leere Flaschen neben ihm. Zwei waren noch halb voll, irgendwo im Chaos der Tüten standen noch ein oder zwei rum, aber er sah sie nicht mehr. Der Moment „danach“ – der Körper kippt in Erschöpfung Irgendwann schafften sie es nicht mehr, ein neues Spiel zu starten. Der Controller rutschte Lukas aus der Hand, landete weich auf der Decke. Auf dem Bildschirm war das Hauptmenü. Die Musik dudelte leise, nervig. „Ich kann nicht mehr sehen,“ murmelte Lukas. „Also… ich seh schon, aber… mein Kopf ist weich.“ Erling ließ den eigenen Controller neben sich fallen. „Mein Bein ist eingeschlafen,“ sagte er, und lachte kurz. „Oder mein Gehirn. Oder beides.“ Sie sahen auf den Boden: • Glasschlange aus Flaschen, • Chipskrümel, • eine umgekippte Wasserflasche (zum Glück nur Wasser). „Wir müssen… aufräumen,“ nuschelte Lukas. „Sonst… sehen sie morgen… alles. Und dann gibt’s Krieg.“ Er taumelte vom Bett hoch, stützte sich am Regal. Die Rippe protestierte, der Raum kippte leicht. Er bückte sich, sammelte mit zittrigen Händen die Flaschen in einen großen Müllsack. Glas an Glas. Klirr. Klirr. Klirr. Erling half, so gut er konnte, schob mit dem Fuß Flaschen zusammen, hob sie auf, vergaß einige halbvolle, die im Schatten blieben. Am Ende stand ein übervoller Sack mit Glas an der Wand. „Wegbringen… morgen,“ keuchte Lukas. „Jetzt… nicht mehr.“ Fertigmachen – ein wackeliger Weg ins Bad
„Zähneputzen,“ murmelte die Vernunft irgendwo tief in ihm. „Duschen kannst du vergessen, aber Zähneputzen geht.“ Sie schleppten sich ins Bad. Die Mutter hatte die Lichter schon gedimmt, im Schlafzimmer der Eltern war es dunkel – nur ein Spalt Licht unter der Badezimmertür, als sie sie schlossen. Im Spiegel sah Lukas sich selbst: • rote Augen, • blasse Haut, • Pupillen etwas zu groß, • die blauen Schatten von den Prellungen noch sichtbar. „Ich seh aus wie ein NPC, der gleich despawnt,“ murmelte er. Erling stellte sich neben ihn. Auch sein Gesicht war verändert: • die sonst so klaren Züge leicht verschwommen, • ein müder, schwerer Blick, • ein flackerndes Lächeln. „Wir leben noch,“ sagte er. „Das ist mehr, als Patrik wollte.“ Sie putzten sich irgendwie die Zähne, verschmierten eher Zahnpasta im Gesicht, als wirklich sauber zu arbeiten. Lukas musste sich zwischendurch auf den Rand der Badewanne setzen, weil ihm schwarz vor Augen wurde. „Alles okay?“ fragte Erling, sich am Waschbecken festhaltend. „Ja,“ flüsterte Lukas. „Nur… mein Körper hat heute viele Modi durchgespielt. Ich glaub, er will jetzt kein DLC mehr.“ Zurück im Zimmer – vor dem Schlaf, kurz vor dem Abgrund Im Zimmer war die Luft schwer. Ein Mix aus: • kalter Winterluft vom leicht gekippten Fenster, • warmem Computergeruch, • Bier, • dem Plastikduft der Mülltüte voller Flaschen. Lukas ließ sich aufs Bett fallen. Die Decke raschelte. Erling sank auf die Matratze. „Wir müssen deiner Tante noch schreiben,“ murmelte Lukas, halb schon im Halbschlaf. „Dass wir angekommen sind.“ Er tastete nach seinem Handy, öffnete mit Mühe die Chat-App. Seine Finger vertippten sich mehrfach. Aber am Ende stand da: „Sind gut zuhause angekommen. Danke für alles heute. War schwer, aber gut. L.“ Er schickte die Nachricht ab, sah den Haken daneben erscheinen, legte das Handy auf den Nachttisch. „Erledigt,“ murmelte er. Erling lag seitlich, den Arm über die Augen gelegt. „Lukas?“ fragte er leise.
„Hm?“ „Egal, was morgen passiert,“ sagte Erling, die Worte schwer, aber ernst, „du bist nicht alleine schuld. Egal, wie schlimm es wird. Verstanden?“ Lukas schluckte. Ein Teil in ihm wusste: Da ist eine Vorahnung in diesem Satz. der andere Teil war zu benebelt, um sie richtig zu packen. „Du auch nicht,“ flüsterte er. „Auch wenn du denkst, du hättest alles verhindern müssen. Du bist kein Superheld. Du bist… einfach nur du.“ Es war ein ehrlicher Satz, trotz Alkohol und Gift. Letzte Gedanken – und die dunkle Vorahnung Als Lukas die Augen schloss, kamen Bilder: • die Tante an der Tür, • der offene Kasten mit dem Post-it von Patrik, • ihr Gesicht, als sie das Suppenhuhn gesehen hatte, • die Bierflaschen bei ihr, • die Flaschen hier im Zimmer. All das legte sich wie Schichten übereinander. Sein Körper war viel zu erschöpft, um daraus klare Warnsignale zu bauen. Er driftete weg. Neben ihm atmete Erling schwer, ein bisschen unregelmäßig, so wie Menschen atmen, die zu müde sind, um noch ihre eigene Schutzmauer hochzuhalten. In dieser kleinen, stillen, kaputten, aber irgendwie doch warmen Blase aus Decken, Atem und Restlicht wussten sie nicht: • dass die Droge noch nicht fertig mit ihnen war, • dass ihr Nervensystem am nächsten Morgen auf Null stehen würde, • dass Patriks Plan längst weiterlief, auch ohne dass er im Raum war. Sie machten sich „fertig“ für die Nacht: • Flaschen weg, • Licht aus, • Fenster halb zu, • Decke bis zum Kinn. Und sie ahnten nicht, dass der nächste Morgen – nach sechs Bieren bei Lukas und zwölf bei Erling insgesamt, vermischtem Gift und Alkohol, und einem Nervensystem, das schon viel zu viel erlebt hatte – einer der dunkelsten seit langer Zeit werden würde. Nicht nur wegen der Kopfschmerzen. Sondern wegen dem, was man Menschen antun kann, wenn man sie erst innerlich genug weich gemacht hat.
Der einundzwanzigste Morgen begann nicht mit oder mit der Stimme sondern mit einem einzigen, brutalen, alles übertönenden Gefühl: Übelkeit.
Handywecker Mutter,
Aufwachen – trockener Mund, brennender Magen Lukas riss die Augen auf, ohne zu wissen warum. Es war, als hätte sein Körper einen Alarm ausgelöst, ohne vorher die Zentrale zu fragen. Sein Mund war staubtrocken, die Zunge fühlte sich an wie Sandpapier. Der Kopf pochte hinter der Stirn, als würde darin ein Bauarbeiter mit Presslufthammer arbeiten. Er brauchte einen Moment, um zu merken, wo er war: • eigene Bettdecke, • Schreibtisch, • Fernseher, • dumpfer, süß-saurer Rest-Geruch von Bier im Zimmer. Die Erinnerung kam stückweise zurück: • Tante, Pommes, zwei Biere. • Heimweg. • Kiosk. • Vier Flaschen. • FC 26. • Noch mehr Bier. • Lachen. • Fast-Weinen. • Glas-Müllsack. Er drehte den Kopf zur Seite. Auf der Matratze neben dem Bett lag Erling. Die Decke halb verrutscht, das T-Shirt schief, eine Hand auf dem Bauch, das Gesicht fahl. Seine Atmung war flach, aber regelmäßig. Lukas’ Magen zog sich zusammen. „Wasser,“ dachte er. „Ich brauch Wasser. Sofort.“ Er versuchte, sich aufzusetzen – doch in dem Moment, in dem der Oberkörper sich hob, schoss ihm das Blut in den Kopf, der ganze Raum drehte sich kurz wie ein Karussell. „Scheiße…“ keuchte er, legte die Hand auf den Mund. Die Übelkeit kam in einer Welle, so stark, dass ihm für ein paar Sekunden die Luft wegblieb. Erster Versuch: Wasser – und der Körper sagt nein Auf dem Nachttisch stand noch die Wasserflasche von gestern.
Lukas griff die Finger zitterten. „Langsam,“ befahl er sich. „Nur ein kleiner Schluck.“ Der Hals brannte vor aber der Magen rebellierte schon beim Gedanken an Flüssigkeit. Er nahm einen vorsichtigen Schluck. Das Wasser war leicht aber seine Zunge sog es gierig auf. Für einen Moment dachte er: „Okay… geht…“ Dann machte sein Magen einen einzigen, klaren Kommentar: NEIN. Ihm wurde schlagartig kalter Schweiß brach die Übelkeit schoss von Null auf Hundert. Er stöhnte leise. „Erling…“ krächzte er. „Ich glaub… ich muss…“ Er schaffte den Satz nicht zu Ende.
danach, Durst, abgestanden, warm,
Toilette oder Eimer – der Sprint im Ausnahmezustand Der Drang zu kotzen war plötzlich so extrem, dass keine Zeit für Planen und Logik blieb. Lukas schwang die Beine aus dem Bett, der Boden war weich unter den Füßen, die Rippe protestierte scharf, aber das war alles weit weg. Er öffnete die Tür einen Spalt – lauschte kurz. Im Flur war es ruhig. Keine Stimme, keine Schritte. Vielleicht waren die Eltern noch im Schlafzimmer. Vielleicht im Wohnzimmer mit geschlossener Tür. „Jetzt oder nie,“ dachte er. Er sprintete – so gut man mit zitternden Beinen sprinten kann – den kurzen Weg zur Toilette. Jeder Schritt war ein Drahtseilakt: • nicht zu laut, • nicht zu langsam, • nicht unterwegs schon zusammenbrechen. Er riss die Badezimmertür zu, kniete sich vor die Schüssel – und dann ging alles sehr schnell. Der Körper übernahm. Wasser, Magensäure, Reste von gestern Abend, ein Cocktail aus Gift und Alkohol, schossen aus ihm heraus. Es war laut. Nicht so laut wie ein schreiender Vater, aber laut genug, dass es eigentlich durchs ganze Stockwerk hätte zu hören sein können.
Lukas klammerte sich an die Klobrille, Tränen liefen ihm über die Wangen, die Rippe brannte, die Kehle fühlte sich an, als würde sie innen aufgeraut. Zwischen den Würgereizen dachte er nur: „Bitte nicht, dass sie’s hören. Bitte nicht, dass sie denken, ich hätte wieder alles kaputtgemacht.“ Erling – zweiter Domino-Stein Im Zimmer hörte Erling zuerst nur ein dumpfes dann das typische, unmissverständliche Geräusch aus dem Bad. Sein eigener Körper war noch im der Kopf die Zunge klebte am Gaumen. Doch kaum drang das Geräusch von Lukas’ Erbrechen an meldete sich sein eigener Magen: „Gute Idee. Wir auch.“ Er setzte sich das Zimmer kippte leicht. Der Geruch von altem Zahnpasta-Resten und abgestandener schlug ihm entgegen. „Boah…“ murmelte legte reflexartig die Hand auf den Bauch. Die Übelkeit kam aber sicher. Er stand wankte zur Tür. Im Flur sah er gerade wie Lukas zusammengesackt am Klo hing. Erling stürzte ins kniete sich im Türrahmen gerade so noch um sich über das Waschbecken zu beugen. Der Körper machte den Rest. Beide würgten jeder mit seinem eigenen aber in einem der fast schon makaber synchron war.
Getrampel, Halbschlaf, schmerzte, sein
Ohr, auf, Bier, Luft er,
verzögert, auf, noch, Bad, hin, rechtzeitig, gleichzeitig, Elend, Rhythmus,
Angst vor den Eltern – leiser werden, schneller denken Zwischen zwei Würgeattacken kam Lukas ein panischer Gedanke: „Wenn meine Mutter jetzt kommt und mich so sieht, plus Erling… und dann die Flaschen im Zimmer… das war’s. Vertrauen weg. Alles.“ Er ringte nach Luft. „Leiser,“ keuchte er Richtung Erling. „Wir… müssen… leiser…“ Erling versuchte, den nächsten Schwall zu dämpfen – was physikalisch kaum möglich war –,
aber er biss die Zähne stärker zusammen, presste die Lippen näher ans Waschbecken. Trotz allem: Ein paar Geräusche ließen sich nicht verstecken. Sie lauschten angestrengt zwischen den Attacken: • Schritte im Flur? • eine sich öffnende Tür? • ein „Alles in Ordnung?“ von der Mutter? Nichts. Vielleicht war im Wohnzimmer der Fernseher an. Vielleicht schliefen die Eltern noch tief. Vielleicht hatten sie einfach Glück. Als der schlimmste Anfall vorbei war, hingen beide eine Zeit lang wie ausgelutscht über ihren Porzellan-Rettungsinseln. Lukas spülte, sah mit glasigen Augen, wie das Wasser seine Scham wegwirbelte – zumindest die sichtbare. Schäden begutachten – das Zimmer als Tatort Zurück im Zimmer traf sie die Realität in voller Härte. Jetzt, mit noch empfindlicherer Nase, war der Geruch kaum auszuhalten: • abgestandener Alkohol, • kalter Schweiß, • ein Hauch von Erbrochenem vom letzten Abend (eine Stelle, die offenbar nicht ganz erwischt worden war), • dazu die aufgeheizte Elektronikluft von Fernseher und Konsole. Die leeren Flaschen im Müllsack hatten eine Art „Bier-Aura“, die sich in den Raum hineinfraß. Lukas’ Gehirn begann endlich wieder ein bisschen zu sortieren. „Wenn die Tür aufgeht, riechen sie es. Wenn sie nur einen Schritt ins Zimmer machen, sehen sie alles.“ Er warf einen Blick auf die Uhr auf dem Handy. Kurze Zahlen, verschwommen. Es war früher Morgen, irgendwas zwischen sieben und acht. Seine Mutter war um die Zeit meistens wach, der Vater oft auch – nur heute hatte er hoffentlich keinen Grund, ins Zimmer zu schauen. „Wir müssen das sauber machen,“ sagte Lukas heiser. „Alles. Bevor hier jemand reinkommt.“ Erling rieb sich mit dem Handrücken über den Mund. „Mir ist schlecht,“ murmelte er. „Mir auch,“ antwortete Lukas. „Aber wenn wir’s jetzt nicht machen, ist es später noch schlimmer.“ Einsatzplan – Putzen im Stealth-Modus Sie machten einen schnellen, wackligen Plan:
1. Lüften – Fenster ganz auf, damit der Geruch wenigstens nach draußen fliehen konnte. 2. Flaschensituation klären – die Mülltüte sicher verschließen, eventuell Flaschen noch besser verstecken, halbvolle ausgießen. 3. Erbrochenes entfernen – falls irgendwo etwas daneben gegangen war (und das war es). 4. Geruch neutralisieren – Deo, Raumspray, feuchte Tücher, alles, was verfügbar war. 5. Selbst wieder halbwegs präsentabel machen – Hände waschen, Gesicht kühlen, frische Klamotten, damit man ihnen nicht sofort alles ansah. Lukas öffnete das Fenster weit. Die kalte Luft biss in seine verschwitzte Haut, aber sie tat gut. „Ich hol vom Bad noch Handtücher und Putzmittel,“ sagte er. „Leise.“ Er schlich wieder in den Flur. Im Bad nahm er: • zwei alte Handtücher, • den Allzweckreiniger, • einen Putzlappen, • eine Rolle Küchenpapier. Zurück im Zimmer legte er alles auf den Boden. Der unangenehmste Teil – auf den Knien im Dreck Beim genauen Hinsehen entdeckten sie die „Schäden“: • ein kleiner Fleck auf dem Teppich nahe der Tür, wo Lukas offenbar kurz vor dem Bad einmal gewürgt hatte; • ein Sprenkler an der Bettkante; • ein leichter Film auf dem Mülleimerrand, wo Erling nachts vielleicht doch schon mal erwischt worden war, ohne es zu merken. Lukas kniete sich hin, die Rippe schrie. Der Geruch des Reinigers mischte sich mit dem, was er zu entfernen versuchte – eine Mischung aus Citrus und Übelkeit. „Wenn mich jemand grade sehen würde,“ dachte er bitter, „auf den Knien vor meinem eigenen Dreck… wäre das ein gutes Bild für die letzten Wochen.“ Er schüttete Reiniger auf den Teppich, rubbelte mit dem Handtuch, bis der Fleck wenigstens optisch verschwunden war. Erling kümmerte sich um den Mülleimer, wischte die Ränder, spülte ihn im Bad kurz aus, trocknete ihn. Zwischendurch mussten sie immer wieder innehalten, tief durchatmen,
nicht zu schnell damit ihnen nicht wieder schwarz vor Augen wurde.
Flaschen-Entsorgung – wie schmuggelt man Glas? Der große Müllsack mit den Flaschen war das nächste Problem. „Wir können ihn nicht einfach vor die Tür stellen,“ flüsterte Lukas. „Wenn Mama zum Müll geht, sieht sie ihn. Dann stellt sie Fragen.“ „Keller?“ schlug Erling vor. „Wir bringen ihn in den Keller und tun so, als wäre das alles über Wochen gesammelt worden.“ „Ich glaub nicht, dass ich heute Keller-schleppen überlebe,“ ächzte Lukas. „Und wenn der Sack reißt, ist Ende.“ Sie entschieden sich für Plan B: • den Sack erst mal fest zuknoten, • ihn hinter einer großen Kiste im Zimmer zu verstecken, • später, wenn alle schlafen oder weg sind, in Etappen Flaschen in den Hausmüll und Glascontainer zu bringen. Lukas nahm den Sack, das Glas klirrte gefährlich. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er auf einem Minenfeld laufen. Er schob eine große Umzugskiste ein Stück vor, stopfte den Sack dahinter. Von der Tür aus war jetzt nichts mehr zu sehen. „Besser als nichts,“ murmelte er. Sich selbst „entstinken“ – Wasser, kaltes Gesicht, frische Klamotten Als das Gröbste im Zimmer erledigt war, merkte Lukas, wie kaputt er war. Die Übelkeit war nicht weg, aber sie war von „Sofort!“ auf „Dauerhaft mieses Grundgefühl“ runtergefahren. „Wir müssen auch uns sauber kriegen,“ sagte er. „Sonst reicht ein Blick, und meine Mutter weiß Bescheid.“ Sie gingen noch mal ins Bad. • kaltes Wasser ins Gesicht, • Hände gründlich waschen, • Mund mit Wasser ausspülen, • ein Pfefferminz-Bonbon aus der Schublade der Mutter „leihen“. Lukas zog sich ein frisches T-Shirt an, eine Jogginghose. Erling ebenfalls. Sie sahen sich im Spiegel an. Noch immer: • bleiche Gesichter, • Augenringe, • leicht glasiger Blick. Aber es war jetzt eher „krank“ als „stockbesoffen“. „Wenn sie fragen,“ sagte Lukas, „sag ich, wir hätten schlecht geschlafen. Zu viel los die letzten Tage. Und mein Magen spielt verrückt.“ „Ist ja nicht mal gelogen,“ meinte Erling.
Luft und Sound – Zimmer tarnt sich als „normaler Morgen“ Zurück im Zimmer drehten sie das Fenster auf Kipp – ganz offen wäre zu auffällig, wenn jemand den Temperatursturz merkte. Lukas sprühte zwei, drei Mal Raumspray in die Luft, nicht zu viel, damit es nicht so wirkte, als würden sie etwas überdecken. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch, öffnete den Laptop, nur um irgendwas „Normales“ laufen zu lassen – YouTube, ein ruhiges Video, damit im Flur Geräusche zu hören waren, die nach Alltag klangen. Erling legte sich zurück auf die Matratze, diesmal nicht, um weiter zu pennen, sondern um den Körper wieder runterzubringen. „Wasser,“ erinnerte Lukas sich selbst. „In kleinen Schlücken.“ Er füllte die Flasche am Waschbecken im Bad neu, trank langsam, manchmal nur einen Schluck, wartete, horchte in den Magen. Der Test – Mutter an der Tür Nach einer halben Stunde, in der sie geputzt, gelüftet und sich sortiert hatten, klopfte es plötzlich leise. „Komm rein?“ dachte Lukas panisch, „oder tu so, als würdest du schlafen?“ „Ja?“ rief er, die Stimme so ruhig wie möglich. Die Tür ging einen Spalt auf. Die Mutter steckte den Kopf rein. Ihr Blick ging kurz durchs Zimmer: • Bett gemacht? halb. • keine sichtbaren Flaschen. • Fenster gekippt. • Laptop an. Dann sah sie zu Lukas’ Gesicht. „Alles gut bei euch?“ fragte sie. Lukas nickte, schluckte. „Mittel,“ sagte er ehrlich. „Ich glaub… mein Körper hat beschlossen, heute einen Streik einzulegen. Mir ist ein bisschen schlecht. War wohl zu viel von allem die letzten Tage.“ Die Mutter musterte ihn. Sie sah: • die Blässe, • die Müdigkeit, • die leichte Schweißschicht auf der Stirn. „Ihr seht aus wie zwei, die heftigen Stress hatten,“ sagte sie. „Mehr als wie zwei, die einfach nur zu spät ins Bett sind.“
Sie trat einen Schritt rein, atmete unauffällig ein. Ein Hauch von Biergeruch war noch da – aber nicht mehr so dominant wie vor einer Stunde. Sie schloss nicht sofort daraus: „Die haben sich gestern fast vergiftet.“ sondern eher: „Entweder waren sie in einer vollen Kneipe… oder der Magen spinnt.“ „Wenn es schlimmer wird,“ sagte sie, „sagt ihr Bescheid, ja? Und wenn du denkst Der einundzwanzigste Tag war schon bis zum Vormittag schwer gewesen. Aber der Mittag wurde noch einmal eine andere Art von heftig. Mittag – vermeintlich „gerettet“, aber die Wohnung verrät sie Lukas lag wieder im Bett, halb sitzend, halb liegend, ein Glas Wasser in der Hand. Der Magen hatte sich nach dem Kotzen etwas beruhigt, aber er fühlte sich innen immer noch wund und leer. Erling lag auf der Matratze, den Arm über die Augen geschlagen, als wolle er das Licht ausblenden, das durch den Fensterschlitz fiel. Sie hatten: • das Zimmer aufgeräumt, • den größten Fleck im Teppich weggeputzt, • den Müllsack mit den Flaschen hinter der Umzugskiste versteckt, • gelüftet, • sich gewaschen, • frische Klamotten angezogen. Die Mutter war schon einmal kurz im Türrahmen gestanden, hatte gefragt, ob „alles okay“ sei, und war wieder gegangen. „Vielleicht haben wir’s geschafft,“ dachte Lukas erschöpft. „Vielleicht sehen sie nur zwei Leute mit Magen-Darm und zu wenig Schlaf.“ Aber Wohnungen sind wie Zeugen: Sie behalten mehr Spuren, als man denkt. Der Auslöser – ein Gang ins Bad Gegen Mittag ging die Mutter ins um Wäsche zu sortieren. Sie sammelte Handtücher legte Schmutzwäsche in den Korb. Als sie das Waschbecken auswischen roch sie plötzlich einen Restgeruch: nicht nur sondern darunter: • Säure, • altes Erbrochenes, • ein ganz leichter Schleier von Alkohol. Sie runzelte die Stirn. „Magen-Darm?“ hätte es sein Aber die Mischung mit Biergeruch die kannte sie.
Bad, ein, wollte, Putzmittel,
Zu gut. Sie öffnete vorsichtig den Wäschekorb. Zwei T-Shirts, die Lukas gestern getragen hatte, roch sie näher an – und da war es wieder: Bier. Nicht Kneipe-in-der-Luft, sondern „aus der Klamotte“. Sie atmete tief ein, langsam aus. „Okay. Also nicht nur ‚viel los‘. Die haben richtig gesoffen.“ Sie stellte den Wäschekorb ab, ging den Flur entlang. Vor Lukas’ Zimmertür blieb sie stehen, hörte kurz. Leise Geräusche – kein Gelächter, kein Controller-Geklicke, nur dumpfes Atmen und das Flüstern eines Videos vom Laptop. Sie klopfte nicht diesmal. Sie öffnete einfach. Der Blick ins Zimmer – kleine Details reichen Die Tür ging auf. Lukas richtete sich halb auf, Erling schob reflexartig den Arm vom Gesicht. „Hey,“ sagte die Mutter, aber ihre Stimme klang anders als am Morgen. Nicht neutral. Nicht nur besorgt. Da war etwas Härteres drin – aber unterlegt mit Verletztheit. Ihr Blick wanderte durchs Zimmer. Sie sah: • das weit gekippte Fenster, • den leichten Zug an der Gardine, • die leicht zu stark duftende „Frische“ von Raumspray, • den Mülleimer, ungewöhnlich leer, • eine kleine, dunklere Stelle im Teppich, die zwar gereinigt, aber nicht ganz unsichtbar geworden war. Ihr Gehirn setzte Puzzleteile zusammen, ohne dass sie alle sehen musste. „Okay,“ sagte sie langsam. „Ich hab eine Frage. Eine sehr einfache. Und ich hätte gern eine ehrliche Antwort.“ Lukas’ Magen zog sich zusammen. „Was… für eine Frage?“ murmelte er. Die Mutter trat einen Schritt weiter hinein, schloss die Tür halb, damit der Vater den Ton nicht mitbekam.
Sie blieb stehen, kreuzte die Arme. „Wer von euch hat heute Nacht im Bad gekotzt?“ fragte sie ruhig. „Du? Erling? Beide?“ Lukas schluckte. Sein erster Impuls war, etwas zu sagen wie: „Magen verdorben“. Der Satz stand sogar schon an der Startlinie seiner Zunge. Aber ihr Blick ließ ihn stocken. Es war nicht der Blick einer Polizistin. Es war der einer Mutter, die das Muster kannte. „Ich hab den Geruch im Bad gerochen,“ fuhr sie fort. „Ich hab die Handtücher im Wäschekorb gesehen und dran gerochen. Und ich kenn den Unterschied zwischen „Virus“ und „Bier“. Also. Noch mal: Wer von euch hat gekotzt?“ Erling hob langsam die Hand. „Ich,“ sagte er leise. „Und er auch.“ Damit war die erste Lüge unmöglich. Zweite Ebene – das Bier Die Mutter nickte nur kurz. Keine große Show. Kein Gezeter. „Gut,“ sagte sie. „Danke, dass ihr das wenigstens nicht abstreitet.“ Sie atmete durch. „Nächste Frage,“ sagte sie. „Wie viel habt ihr gestern und heute Nacht getrunken? Und ich meine nicht nur bei meiner Schwester. Sondern auch danach.“ Lukas’ Blick rutschte kurz reflexartig zur Ecke – dorthin, wo der Müllsack hinter der Kiste stand. Nur eine Sekunde. Aber sie reichte. Die Mutter folgte seinem Blick. Dann ging sie, ohne etwas zu sagen, an den beiden vorbei, packte mit beiden Händen die große Umzugskiste – und schob sie ein Stück zur Seite. Der Knoten im Müllsack ließ sich nicht mehr verstecken. Glas klirrte, als sie den Sack leicht anhob. Es war nicht nur ein „bisschen Müll“. Es war das Geräusch einer halben Getränkekarte. Sie ließ den Sack wieder sinken, drehte sich um. Ihr Gesicht war jetzt nicht mehr nur besorgt. Es war ernst. „Wieviele?“ fragte sie. „Zahl.“ Lukas schluckte. Sein Kopf versuchte, zu rechnen – aber sein Gedächtnis tanzte. „Bei der Tante… zwei,“ murmelte er. „Und… hier… ich glaube… vier. Vielleicht fünf… Ich weiß es nicht mehr.“ Ihre Augen verengten sich einen Hauch. „Und du?“ fragte sie Erling.
Erling war blass, sah aber nicht weg. „Ich… hab nicht mitgezählt,“ gab er zu. „Das ist das Problem. Ich weiß nur, dass ich noch in den Kiosk gegangen bin und… viel mehr gekauft hab, als ich jemals irgendwem empfehlen würde.“ Er sah sie an. „Es waren zu viele,“ sagte er. „Zehn? Vielleicht mehr. Ich kann dir keine saubere Zahl sagen, und genau das macht mir gerade selbst Angst.“ Die Mutter schloss kurz die Augen, als würde sie innerlich etwas festhalten müssen, damit es nicht explodiert. Die Konfrontation – keine gebrüllte Moral, sondern nackte Angst „Setzt euch,“ sagte sie leise, aber bestimmt. Lukas setzte sich aufs Bett, Erling blieb auf der Matratze. Sie stellte sich so hin, dass sie beide im Blick hatte. Man konnte sehen, dass sie mit Worten rang – zwischen: • Wut, • Enttäuschung, • Sorge, • der Erinnerung an den Vater. „Wisst ihr,“ begann sie, „wie das für mich aussieht?“ Niemand antwortete. „Ich hab einen Mann,“ sagte sie, „der über Jahre zu viel getrunken hat. Der aus einem Glas „zur Beruhigung“ eine Flasche und aus der Flasche eine Gewohnheit gemacht hat. Der Tische anzündet, Kellner anschreit, Rollstühle verbrennt, weil er seine Gefühle nicht anders geregelt bekommt.“ Sie sah erst Lukas an, dann Erling. „Und heute Morgen gehe ich ins Bad, rieche Erbrochenes und Bier, und dann finde ich in deinem Zimmer“ – sie deutete auf die Ecke – „einen Sack, der klingt, als hättet ihr eine halbe Kiste leer gemacht. Nach allem, was die letzten Wochen war.“ Ihre Stimme begann leicht zu zittern, wurde aber nicht laut. „Habt ihr eigentlich eine Ahnung,“ fragte sie, „wie nah das an „Alkoholvergiftung“ ist? Wie schnell ihr hättet im Krankenhaus landen können? Oder im schlimmsten Fall… gar nicht mehr aufwachen?“ Lukas’ Kehle schnürte sich zu. Er hatte am Morgen zwar vage gedacht „Das war zu viel“, aber dass es so nahe an „gefährlich“ war, war in seiner Benebelung nicht angekommen. Er senkte den Blick. „Ich…“ begann er, brach aber ab. „Das war keine Party,“ fuhr die Mutter fort. „Das war Selbstmedikation mit einem Mittel, das hier im Haus sowieso schon alles kaputt macht.“ Sie sah zu Erling.
„Und du,“ sagte sie, „bist für ihn gerade so etwas wie ein sicherer Hafen. Ein Freund, der es gut mit ihm meint. Wenn du dann mit ihm nachts zehn Bier leerst, bist du nicht nur „Kumpel“, dann bist du auch Mitverantwortlicher für das, was passiert.“ Erling sah getroffen aus, aber nickte. „Ich weiß,“ sagte er leise. „Ich habe das heute beim Aufwachen gemerkt. Und beim Kotzen. Ich war… fahrlässig. Ich hab gedacht: ‚Wir haben so viel erlebt, wir haben uns das verdient.‘ Und hab vergessen, dass „verdient“ und „gesund“ nicht das Gleiche sind.“ Lukas’ Versuch zu erklären – und zuzugeben Lukas holte tief Luft. „Es war… nicht geplant,“ sagte er, die Worte schwer. „Ich wollte gestern zur Tante, um… Frieden zu suchen. Ich hab das Suppenhuhn mitgenommen, weil ich zeigen wollte, dass ich mich an das Gute erinnere. Wir haben zwei Bier bei ihr getrunken… und es hat sich… schneller komisch angefühlt als sonst.“ Er sah kurz irritiert zu Boden – noch immer ohne den Zusammenhang zur Droge wirklich zu kapieren. „Dann,“ fuhr er fort, „waren wir so voll mit Emotionen, dass der Gedanke ‚noch was mitnehmen‘ irgendwie logisch klang. Als wäre es eine Art… Pause-Knopf für den Kopf. Und dann… ist es einfach weitergelaufen. Ein Bier, zwei, drei… irgendwann war die Grenze weg.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. „Es tut mir leid,“ sagte er. „Nicht dieses „Standard-Entschuldigung-leid“, sondern wirklich. Ich hatte so viel im Kopf: • Patriks Drohungen, • die Sache mit der VR-Brille, • der Autounfall, • die Slackline, • mein Vater, • die Hochschule, • der Klo-Beutel-Horror, • und dass ich mit dir“ – er sah Erling kurz an – „sogar in einer Schlägerei gelandet bin.“ Er sah wieder zu seiner Mutter. „Ich wollte nur einmal, für einen Abend, nicht alles fühlen müssen,“ sagte er leise. „Und hab dabei vergessen, dass ich damit vielleicht alles noch schlimmer mache.“ Die Reaktion der Mutter – Schmerz, aber auch Klarheit Die Mutter setzte sich nun auf die Stuhlkante, die im Zimmer stand. Sie legte ihren Kopf einen Moment in die Hände, dann sah sie die beiden wieder an. „Ich glaube dir, dass du nicht feiern wolltest,“ sagte sie. „Ich glaube dir auch, dass du weg wolltest von dem ganzen Schmerz.“ Sie sah zu Erling. „Ich glaube dir, dass du ihn nicht kaputtmachen willst,“ fügte sie hinzu. „Du warst in den letzten Monaten der Einzige, der wirklich körperlich da war, wenn alles andere zusammengebrochen ist.“ Sie machte eine kurze Pause. „Aber,“ fuhr sie dann fort, „Verstehen bedeutet nicht, dass das okay war. Ihr habt euch gestern Nacht beide in eine Gefahr gebracht, die ihr nicht einschätzen konntet. Und ich will nicht
zusehen, wie aus meinem Sohn, der eh schon mit Autismus und Trauma kämpft, noch ein Mensch mit Suchtproblemen wird.“ Sie atmete durch. „Deswegen kommt jetzt folgendes,“ sagte sie ruhig, aber bestimmt: 1. „Ihr trinkt heute gar nichts. Kein Bier, kein Schnaps, kein „nur ein kleines“. Nur Wasser, Tee, vielleicht Brühe. Euer Körper muss erst mal wieder runterkommen.“ 2. „Der Müllsack da wird nicht hier behalten. Heute Nachmittag – nicht jetzt, ihr seid zu wackelig –, bringst du, Lukas, mit mir zusammen die Flaschen weg. Glascontainer. Und wir reden auf dem Weg darüber, wie du in Zukunft mit solchen Abenden umgehen kannst.“ 3. „Ich werde deiner Therapeutin schreiben, was passiert ist. Nicht, um dich zu verraten. Sondern weil das Teil deiner Realität ist. Wenn wir das verstecken, wird es später nur größer.“ Sie sah streng, aber nicht verachtend. „Und jetzt kommt der Punkt, der weh tut,“ sagte sie. „Wenn das noch mal passiert – also nicht ein Bier auf dem Weihnachtsmarkt, sondern so eine Menge – dann entscheide ich, ob wir mit dir in die Notaufnahme fahren oder eine Entgiftungsstelle anrufen. Ich warte dann nicht, bis ihr euch wieder „rausputzen“ könnt. So viel Vertrauen habt ihr euch heute Nacht verspielt.“ Lukas senkte den Kopf. Es stach, aber es war keine ungerechte Drohung. Es war ein konsequenter Satz. Erling – eigene Verantwortung übernehmen Erling räusperte sich. „Du hast recht,“ sagte er. „Bei allem.“ Seine Stimme war noch ein bisschen brüchig, aber klar. „Ich bin erwachsen,“ fuhr er fort. „Ich kenne meinen Körper. Ich weiß, wie Alkohol wirkt. Ich hätte gestern sagen müssen: ‚Stopp. Nicht noch mal.‘“ Er sah Lukas an. „Stattdessen bin ich mit dir in die gleiche Richtung gerannt,“ sagte er. „Weil es sich kurz leichter angefühlt hat. Das war… verantwortungslos. Und gefährlich. Vor allem, weil du ein anderes Nervensystem hast als ich.“ Er sah wieder zur Mutter. „Ich kann dir nicht versprechen, dass ich nie wieder ein Bier trinke,“ sagte er. „Aber ich kann dir versprechen, dass ich mit deinem Sohn nie wieder in so eine Überdosis-Situation gehe. Wenn ich merke, es geht in diese Richtung, ist für mich Ende. Und wenn er mich hasst in dem Moment – dann ist das so. Lieber ein lebendiger, wütender Lukas als ein stiller.“ Die Mutter nickte langsam. „Das ist ein Versprechen,“ sagte sie. „Und ich werde dich beim Wort nehmen.“ Abschluss des Mittags – keine Strafe, aber klare Grenzen Es blieb einen Moment still im Zimmer. Man hörte: • das leise Rascheln der Gardine im Luftzug, • ein Auto draußen, • das Summen des Kühlschranks aus der Küche. „Okay,“ sagte die Mutter schließlich, und ihre Stimme wurde wieder etwas weicher. „Jetzt macht ihr Folgendes: • Ihr bleibt heute beide hier im Zimmer oder auf dem Sofa.
Ihr trinkt Wasser. Wenn euch schlecht ist, sagt ihr es – und ich meine sagen, nicht verstecken. Kein FC 26, kein Fernsehen mit wildem Geblinke. Höchstens leise irgendwas, das euch beruhigt.“ Sie stand auf. „Ich bin wütend,“ sagte sie ehrlich. „Weil ich Angst habe. Aber ich bin auch froh, dass ihr heute Morgen wach geworden seid. Das ist nicht selbstverständlich. Macht euch das klar.“ Sie ging zur Tür, blieb noch mal stehen. „Und Lukas?“ sagte sie. „Ja?“ murmelte er, den Kopf noch gesenkt. „Ich bin nicht deine Feindin, wenn ich solche Sachen anspreche,“ sagte sie. „Ich versuche, dich zu schützen. Vor der Welt, vor Patrik – und manchmal auch vor dir selbst.“ Er biss sich auf die Lippe. „Ich weiß…“ flüsterte er. „Es ist nur… schwer. Aber… danke, dass du es nicht einfach ignorierst.“ Sie nickte kurz, ging hinaus und schloss die Tür leise. • • •
Danach – Scham, Erleichterung und leise Vorahnung Als sie weg war, sanken Lukas und Erling fast gleichzeitig zurück. „Ich fühl mich wie ein zehnjähriger, den man mit Zigaretten erwischt hat,“ murmelte Lukas. „Ich fühl mich wie ein Profi, der im eigenen Strafraum ein Eigentor geschossen hat,“ sagte Erling. „Und das vor laufender Kamera.“ Sie schwiegen kurz. Dann sagte Lukas: „Immerhin… wissen sie jetzt, dass was nicht stimmt. Vielleicht… ist das gar nicht das Schlechteste. Wenn Patrik weiter macht, können wir nicht alles alleine tragen.“ Er ahnte nicht, wie düster der „weiter“ Teil werden würde – mit Ultimatum, Blut, und Dingen, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Aber an diesem Mittag des einundzwanzigsten Tages war erst einmal klar: Die Eltern wussten, dass etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen war. Und auch wenn Scham schwer auf Lukas und Erling lag, hatte dieser Moment der Konfrontation sie zumindest vor einem Weg bewahrt, der noch tiefer in die gleiche Richtung geführt hätte. Der einundzwanzigste Tag hatte sie beide schon körperlich und seelisch an die Grenze gebracht. Der Abend kam nicht mit Feuerwerk, sondern mit einem dumpfen, müden Ausatmen. Früher Abend – Ausnüchtern auf dem Sofa Die Sonne war längst als Lukas und Erling schließlich vom Zimmer ins Wohnzimmer umzogen.
untergegangen,
Die Mutter hatte darauf bestanden. „Ihr bleibt nicht die ganze Zeit in eurer Höhle,“ hatte sie gesagt. „Ihr seid nicht in Quarantäne. Ihr seid in Beobachtung.“ Also saßen sie jetzt auf dem Sofa: • Lukas eingewickelt in eine Decke, • ein Kissen im Rücken, • die Rippe schmerzhaft, aber erträglich. • Erling etwas schräg daneben, die Beine ausgestreckt, ein Wärmekissen im Nacken, die Augen immer wieder halb zufallend. Auf dem Couchtisch standen: • zwei große Tassen Fencheltee, • eine Schüssel mit Salzstangen, • ein Glas mit Wasser, • kein Tropfen Alkohol. Der Fernseher lief, aber nicht laut, und vor allem nichts Wildes: Eine harmlose Doku über irgendeine Stadt, in der Menschen durch Weihnachtsmärkte spazierten, Lichterketten, Musik, viel Blabla. Lukas starrte auf den Bildschirm, ohne wirklich zuzuhören. Der Kopfschmerz hatte sich von „Bohrmaschine“ zu „dumpfer Schlag“ entwickelt. Der Magen war noch empfindlich, aber stabil – solange er nur Tee und Salzstangen nahm. Die Mutter saß im Sessel am Rand, ein Buch in der Hand, las aber mehr Zeilen doppelt, als dass sie den Inhalt wirklich aufnahm. Der Vater hatte sich erstaunlich zurückgehalten. Er war kurz ins Wohnzimmer gekommen, hatte die beiden angesehen und nur gesagt: „Ich hab nicht das Recht, euch lange Vorträge über Alkohol zu halten. Aber ich hab das Recht, euch zu sagen: Macht nicht denselben Mist wie ich. Einer mit zerstörten Nächten reicht in dieser Familie.“ Dann war er in die Küche gegangen, hat sich Tee gemacht, kein Wein. Es war eine seltsame, brüchige Ruhe. Leise Gespräche – Schuld, Angst und ein kleines „Trotzdem“ „Wie geht’s dir jetzt?“ fragte Erling irgendwann leise. Lukas brauchte ein paar Sekunden, um zu antworten. „Körperlich?“ murmelte er. „Besser als heute Morgen. Schlechter als verdient.“ Er nahm einen kleinen Schluck Tee. „Im Kopf…“ fuhr er fort, „fühl ich mich wie ein Windows-PC, der seit drei Tagen nicht mehr neugestartet wurde. Tausend Prozesse offen. Lüfter am Limit.“ „Und die Schuld?“ fragte Erling vorsichtig. Lukas schnaubte.
„Die sitzt vorne in der Taskleiste und blinkt rot,“ sagte er. „Aber… ich glaube, es war schlimmer, als ich noch so getan habe, als wäre „alles normal“. Zumindest weiß Mama jetzt, dass was nicht stimmt. Und dass Patrik nicht nur ein „schwieriger Junge“ ist.“ Erling nickte. „Ich fühl mich auch schlecht,“ gab er zu. „Nicht nur körperlich. Ich hab dich in der Nacht nicht geschützt, ich bin mit dir in diese Eskalation rein. Und noch schlimmer: Ich hab’s nicht mal gemerkt, als es kippt.“ Lukas sah ihn an. „Du bist nicht mein Aufpasser,“ sagte er leise. „Du bist mein Freund. Und manchmal heißt das, dass wir zusammen Mist bauen. Wichtig ist, was wir danach damit machen.“ Er nahm eine Salzstange, drehte sie in den Fingern. „Ich weiß nur eins,“ murmelte er. „Ich hab keinen Bock, der nächste in dieser Familie zu sein, der sich mit Alkohol das Hirn und die Beziehungen wegsprengt. Ein Vater reicht mir da echt.“ Im Sessel rührte sich die Mutter kaum merklich – sie tat so, als lese sie, aber jeder dieser Sätze landete bei ihr. Draußen – eine andere Gestalt, ein anderes Ziel Während drinnen der Tee und der Fernseher leise stand draußen jemand im Dunkeln. Ein Stück weiter die Straße im Schatten eines mit Kapuze über dem eine Zigarette zwischen den Fingern: Patrik. Der Cousin. Er war nicht direkt vor dem sondern auf der gegenüberliegenden so, dass er die Fenster der Wohnung im Blick hatte. Von hier aus konnte er: • das flackernde Licht des Fernsehers sehen, • ab und zu eine Silhouette vor dem Fenster erahnen, • erkennen, dass drinnen jemand wach war. Seine Augen waren hell, aber hart. Er zog an der pustete den Rauch in die kalte Luft. In seiner Jackentasche vibrierte kurz sein Eine Nachricht von seiner Freundin. „Wie läufts bei deiner „scheiß Familie“? Hattest du das Treffen mit denen?“ Er grinste antwortete nicht sofort. Stattdessen sah er wieder zum Fenster. Patriks Gedanken – Verdrehung und Gift In seinem Kopf sah alles anders aus als in Lukas’ Welt. Er dachte nicht: „Die Jungs haben gerade fast ihr Leben riskiert.“ Er dachte:
dampfte murmelte, runter, Baumes, Kopf,
Haus, Straßenseite,
wach, Zigarette, Handy. schief,
„Na also. Die fangen an, sich selber zu zerstören. So, wie ich’s immer gesagt habe.“ Er dachte, er sei derjenige, der die Wahrheit sehe, während alle anderen „lügen“ und „ihn schlecht machen“. In seinem Kopf war die Tante eine Verräterin, Lukas ein „verwöhntes Problemkind“, die Mutter eine „Alkoholikerin, die alles auf andere schiebt“, und die ganze Familie ein Haufen von Heuchlern. Jedes Mal, wenn er an die Nachricht der Tante dachte, in der sie ihn zur Rede gestellt hatte, wurde ihm heiß. Jedes Mal, wenn er an seine eigene Antwort dachte, die voller Beleidigungen und Anschuldigungen war, fühlte er sich nicht schuldig – sondern stolz. „Endlich sagt mal einer die Wahrheit,“ erzählte er sich selbst. Die Tatsache, dass er: • Lehrer aufhetzte, • die Ersatzoma mit Nachrichten bombardierte, • versucht hatte, Lukas’ Bild überall als „Lügner“ darzustellen, • und sogar Biersorten manipuliert hatte, sah er nicht als Angriff. Er nannte es „Gerechtigkeit“. Beobachten – wie ein Regisseur in seinem eigenen Horrorfilm Er stützte sich mit der Schulter an den Baum, blies noch einmal Rauch aus. „Ihr sitzt da drin mit eurem Tee,“ murmelte er leise in die Nacht, „und denkt, ihr kommt davon. Ein Gespräch mit der Tante, ein bisschen Kotzen, ein bisschen Mitleid… und zack, alles wieder gut, ja?“ Die Straße war fast leer. Ein Auto fuhr in der Ferne vorbei, irgendwo bellte ein Hund. Patrik kaute auf der Unterlippe. „Ihr habt keine Ahnung,“ flüsterte er. „Ihr glaubt, was bisher passiert ist, war schlimm? Der Rollstuhl, der verbrannt ist, die VR-Brille, die Slackline, der Autounfall, die ganzen Tränen…“ Er zog an der Zigarette, ließ die Asche auf den Gehweg fallen. „Das war nur das Aufwärmen,“ sagte er tonlos. „Die Vorspeise. Die Leute denken immer, es wäre schon der Hauptgang gewesen. Aber das hier…“ Sein Blick verengte sich. „…ist erst der Anfang vom Anfang.“ Drohung ins Nichts – „Im neuen Jahr wird es Leichen geben“
Er richtete sich ganz auf, steckte die Zigarette weg, als hätte er jetzt einen Toast zu halten. Keiner war da, um zuzuhören. Keiner sollte es hören. Trotzdem sprach er halblaut, wie jemand, der sich seine eigene Rolle im Drehbuch bestätigt. „Im neuen Jahr,“ sagte er leise, fast flüsternd, „wird es Leichen geben.“ Das Wort hing schwer in der Luft, fast absurd in der ruhigen, kalten Straße. Er lächelte – ein dünnes, kaltes Lächeln. „Nicht nur verletzte Gefühle. Nicht nur angezündete Sachen. Nicht nur Beutel, die platzen oder Kinder, die heulen. Leichen.“ Er sprach es aus, als wäre es eine Art Versprechen an sich selbst. „Alles, was bis hier passiert ist,“ fuhr er fort, „ist gar nichts. Kindergarten. Ein bisschen Trauma, ein bisschen Therapie, ein bisschen Stadion und Weinmarkt.“ Er schnaubte. „Ihr habt keine Ahnung,“ murmelte er. „Ihr denkt, ihr habt den schlimmsten Teil schon hinter euch. Lacht nur, trinkt Tee, macht eure „Ausnüchterung“ und schreibt euch Mutbücher voll.“ Seine Hand verkrampfte sich kurz um das Handy in der Tasche. „Aber die eigentliche Show,“ sagte er, „fängt erst an, wenn das neue Jahr kommt. Und dann… wird keiner von euch mehr sagen können, er hätte nichts gewusst.“ Er sah noch einmal hoch zum Fenster. Drinnen bewegte sich eine Silhouette – wahrscheinlich Lukas, der sich die Decke zurechtrückte. Patriks Augen funkelten kurz. „Mach dich bereit,“ flüsterte er. „Für die schlimmste Vorweihnachtszeit, Silvester- und Neujahrszeit deines Lebens, hab ich dir gesagt. Und ich hab dir gesagt, es wird weit über Schmerzen hinausgehen.“ Er trat einen Schritt zurück, verschwand allmählich im Schatten des Baumes und der danebenstehenden Häuser. Keiner drinnen wusste, dass er gerade draußen gestanden hatte. Keiner wusste, welche Worte er in die Nacht gestreut hatte. Aber wie Gift sickerten sie in eine Zukunft, die noch nicht geschrieben war – und in der das „Ultimatum-Treffen“, von dem er in seinem eigenen Kopf schon überzeugt war, tatsächlich Blut und Tote bringen würde. Drinnen – nichtsahnend, aber nicht schutzlos Im Wohnzimmer ahnten Lukas und Erling nichts von alledem. Für sie war der Abend gerade nur: • Tee, • Salzstangen, • ein paar vorsichtige Witze, • viele Pausen,
und das Gefühl, einen schweren Fehler gemacht, aber noch eine Chance bekommen zu haben. „Im neuen Jahr,“ murmelte Lukas irgendwann leise, mehr zu sich selbst, „will ich weniger Drama. Weniger Krankenhaus, weniger Polizei, weniger VR-Brillen-Horrorszenen.“ Er sah zu Erling, der langsam nickte. „Und weniger Bier,“ ergänzte der Spieler trocken. „Definitiv weniger Bier.“ Sie konnten nicht wissen, dass draußen jemand fast zeitgleich das genaue Gegenteil geplant hatte. Aber sie hatten etwas, was Patrik nie haben würde: • eine Mutter, die hinsah, • einen Vater, der langsam verstand, • eine Therapeutin, die bald alles erfahren würde, • und eine Freundschaft, die trotz Blut, Streit und Drogenversuchen immer wieder gesagt hatte: „Wir werfen nichts. Wir sind keine Monster.“ Der Abend ging zu Ende, ruhiger als die Nacht davor, aber mit einem Unterton, den niemand so ganz greifen konnte. Noch wirkte alles still. Noch war keine Leiche gefallen. Noch war „Ultimatum“ nur ein Wort. Doch irgendwo in der Stadt hatte jemand beschlossen, dass all das, was bisher geschehen war, nur „der Anfang vom Anfang“ gewesen sei – und damit eine Linie überschritten, an der aus verletztem Stolz langsam etwas viel Dunkleres wurde. Der zweiundzwanzigste Tag fing nicht spektakulär an, sondern mit dumpfer Müdigkeit und diesem typischen Nachbeben nach einem zu vollen Tag davor. Kein Drama, keine Sirenen. Nur ein Körper, der sich anfühlte, als wäre er von innen verbeult worden. •
Morgen – zurück in den Alltag, obwohl nichts „normal“ ist Lukas wachte nicht durch einen Albtraum auf, sondern durch ein leises Klopfen an der Tür. „Aufstehen langsam,“ sagte die Stimme seiner Mutter, gedämpft durch das Holz. „Du wolltest heute zur Hochschule. Aber wenn dir schlecht ist, sagst du Bescheid.“ Er blinzelte. Der Kopf war nicht mehr der Presslufthammer vom Vortag, aber immer noch schwer. Wie ein zu großer Helm, der leicht wackelte. Die Übelkeit war runter auf ein Grundflimmern, so ein „Mach es nicht zu schnell“-Signal.
Neben ihm – auf der Matratze – lag Erling. Der sah aus, als hätte er zwar geschlafen, aber nicht wirklich erholt. „Welcher Tag ist heute?“ murmelte der Spieler und rieb sich die Augen. „22,“ sagte Lukas. „Zweiundzwanzigster Tag.“ Erling kniff die Augen zusammen. „Und wir… gehen echt wieder in die Hochschule?“ fragte er. Lukas seufzte. „Wenn ich heute nicht gehe,“ meinte er, „hab ich nur noch mehr im Kopf: verpasste Inhalte, noch mehr Druck. Außerdem: Ich will nicht, dass mein Leben nur noch aus Therapieterminen, Polizei, Krankenhaus und Wohnzimmer besteht.“ Er setzte sich langsam auf. Der Raum schwankte nicht mehr – gut. Nur der Kreislauf meckerte kurz, beruhigte sich dann wieder. Auf dem Schreibtisch stand eine Flasche Wasser, neben dem Mutbuch. Er nahm einen Schluck, vorsichtig. „Ich verspreche dir eins,“ sagte er zu Erling. „Heute keine Ausrutscher. Kein Kiosk. Kein Bier. Kein „Wir haben es uns verdient“. Heute: Hochschule, Bibliothek, nach Hause. Punkt.“ Erling nickte. „Abgemacht,“ murmelte er. „Und wenn einer von uns dumm auf die Idee kommt, irgendwas mit Alkohol zu sagen, kriegt er vom anderen eine verbale Ohrfeige.“ „Deal,“ sagte Lukas. In der Küche – Tee statt Drama Sie gingen in die Küche. Die Mutter war schon da, eine Tasse Kaffee vor sich, ein sehr wacher Blick in den Augen. Sie musterte beide kurz, aber ohne sofort loszulegen. „Wie ist der Status?“ fragte sie. Lukas überlegte kurz. „Schwindel bei schnellen Bewegungen: 3 von 10,“ sagte er. „Übelkeit: 2 von 10. Kopfschmerz: 4 von 10. Scham: 10 von 10.“ Die Mutter schnaubte kurz, halb Lachen, halb Schmerz. „Immerhin hast du Humor noch,“ meinte sie. Sie stellte zwei Tassen Tee hin. „Fenchel und Kamille,“ sagte sie. „Für den Magen. Und ich sag das jetzt einmal und dann ist gut: Ich bin froh, dass ihr heute nicht so ausseht wie gestern. Aber ich vergesse nicht, was passiert ist. Wir reden mit deiner Therapeutin. Trotzdem: Heute darf ein normaler Tag sein. Soweit möglich.“ Lukas nickte. „Wir gehen zur Hochschule,“ sagte er. „MSP steht im Plan. Wenn sie heute auch wieder ausfällt, gehen wir wenigstens in die Bibliothek. Ich will nicht umsonst dort gewesen sein.“ „Gute Idee,“ sagte die Mutter. „Und wenn euch schwindelig wird – abbrechen. Kein Heldentum.“ Weg zur Hochschule – nur noch leises Grollen im Bauch
Sie fuhren mit der Straßenbahn. Der Wintermorgen war grau, aber nicht aggressiv. Die Stadt wirkte müde, wie sie. Im Wagen saßen: • Schüler mit Rucksäcken, • ein älterer Mann, der in seine Zeitung starrte, • eine Frau mit Kopfhörern, • zwei Studierende, die über irgendein Gruppenprojekt fluchten. Lukas lehnte den Kopf ans Fenster. Der Blick nach draußen, die vorbeiziehenden Häuser, die Schienen, das leichte Wackeln der Bahn – es war vertraut. Aber in seinem Inneren saß neben der Rest-Müdigkeit noch etwas anderes: Angst vor der MSP-Dozentin. Die Frau, die ihn schon einmal im Vorsemester so gedemütigt hatte, dass er am liebsten aus dem Raum verschwunden wäre: „Dann machen Sie eben in die Hose.“ Dieser Satz hatte sich tief eingebrannt. Und als er zuletzt wieder in der MSP-Vorlesung war, hatte sie denselben Ton angeschlagen, quasi so, als wäre es normal, mit Studierenden so zu sprechen. Erling sah ihn von der Seite an. „Wie ist das Kribbeln?“ fragte er. „Also das „Sozial-Angst-Level“.“ Lukas dachte nach. „Wenn 0 ist: chillig mit Kopfhörern in leerer Uni,“ sagte er, „und 10 ist: Brunnen überlaufen lassen und von einer alten Frau verfolgt werden… dann bin ich gerade bei 7,5.“ „Mit Tendenz?“ fragte Erling. „Nach oben,“ murmelte Lukas. „Je näher wir dem Raum kommen.“ In der Hochschule – leere Tafel, gefüllter Kloß im Hals Sie gingen durch den Eingang. Das Gebäude war halb gefüllt: • ein paar Studierende auf den Sofas, • Leute mit Laptops, • Stimmen, die über Projekte sprachen. Nichts Besonderes und für Lukas trotzdem ein halbes Minenfeld. Sie gingen in den Flur zur MSP-Vorlesung. Lukas sah auf den Plan an der Tür. MSP – 10:00–12:00 Uhr – Raum wie gehabt. „Immerhin steht nichts von ‚entfällt‘ dran,“ murmelte er. Sie setzten sich in bis die Tür aufgeschlossen wurde.
Andere Studierende trudelten ein, in kleinen Gruppen, lachend, Kaffee in der Hand. Ein paar Blicke streiften Lukas, einige blieben kurz zu lange hängen. Er wusste nicht, ob sie ihn wegen dem Katheter von früher kannten, wegen des Urinbeutel-Vorfalls, oder einfach nur, weil er anders wirkte. Das machte keinen Unterschied. Sein Nervensystem interpretierte jeden Blick als potenziell gefährlich. „Atmen,“ sagte Erling leise. „Ein. Aus. Du bist hier nicht mehr allein. Ich sitze neben dir.“ Lukas nickte. „Und wenn sie wieder so was sagt wie „machen Sie in die Hose“?“ flüsterte er. „Dann sag ich ihr, sie soll mit ihren eigenen Traumata zum Psychologen gehen, statt sie auf Studierende zu projizieren,“ knurrte Erling leise. Lukas konnte sich ein kurzes, krummes Lächeln nicht verkneifen. Die Nachricht – Vorlesung fällt aus Ein paar Minuten vor Beginn kam eine Mitarbeiterin vorbei, mit einem Schlüsselbund. Sie schloss die Tür auf, ließ die Studierenden hinein. Lukas und Erling setzten sich weit oben, nicht ganz hinten, aber auch nicht in die erste Reihe – ein Kompromiss. Die Tafel war leer. Der Beamer aus. Minuten vergingen. Die Dozentin kam nicht. Flüstern setzte ein. „Hat sie wieder verpennt?“ „Ist heute nicht irgendwas mit Prüfungskorrekturen?“ „Ich hab extra den Zug genommen…“ Nach zehn, fünfzehn Minuten ging die Tür auf. Die MSP-Dozentin kam rein. Sie war körperlich anwesend, aber die Tasche blieb zu, sie legte nichts auf den Tisch. Ihr Gesicht wirkte angestrengt, glänzende Stirn, die Gestik leicht fahrig. „Guten Morgen,“ sagte sie. Ein verhaltenes „Morgen“ ging durch den Raum. „Ich mach es kurz,“ sagte sie. „Ich bin heute nicht in der Lage, eine vernünftige Vorlesung zu halten. Es gibt organisatorische Dinge, die ich klären muss, und ich bin mitten in der Prüfungskorrektur. Die heutige MSP-Veranstaltung fällt aus.“ Ein kollektives Stöhnen, einige Augenrollen. Lukas spürte, wie sich in ihm gleichzeitig zwei Dinge meldeten: • Erleichterung – keine zwei Stunden mit ihr im direkten Feuerradius.
• Frust – wieder nichts gelernt, wieder Tagesrhythmus kaputt. Die Dozentin machte eine vage Handbewegung. „Die Inhalte verschieben wir ins neue Jahr,“ sagte sie. „Sie bekommen Materialien online.“ Sie war schon dabei, sich umzudrehen, da blieb ihr Blick kurz an Lukas hängen. Und da war es wieder: dieser eiskalte, unangenehme Moment.
Der Satz, der wieder alles aufreißt Sie sah ihn direkt an. Er spürte es, auch wenn er versuchte, neutral zurückzuschauen. Es war kein „Ich nehme Sie ernst“-Blick. Es war ein „Sie sind mir unangenehm“-Blick. „Herr…“ – sie nannte seinen Nachnamen – „ich hoffe,“ sagte sie mit einem sachten, aber spitzen Ton, „dass Sie im neuen Jahr besser vorbereitet sind.“ Er verstand erst nicht ganz. Dann zuckte sein Magen, sein Kopf kombinierte: Vorbereitet – wie? Worauf? Wieder auf Demütigung? Sie beugte sich leicht zur ersten Reihe vor, als wolle sie nur ihm etwas sagen, aber halb der Raum konnte es hören. „Vielleicht,“ fügte sie hinzu, und ihre Stimme bekam dieses zarte Gift, „überlegen Sie sich bis dahin, ob Sie nicht tatsächlich das tun, was wir schon besprochen hatten.“ Eine Welle von Scham schoss ihm heiß ins Gesicht. Erling spannte sich neben ihm spürbar an. „Sie meinen…?“ brachte Lukas hervor, obwohl er es genau wusste. Die Dozentin lächelte dünn. „Na,“ sagte sie, „vielleicht kriegen Sie es ja doch noch hin, sich Ihrem Problem zu stellen und… wie sagt man…“ Sie machte eine kleine Pause, als würde sie nach dem „richtigen“ Wort suchen. „…im passenden Moment loszulassen,“ murmelte sie. „Sie erinnern sich ja an den Vorschlag mit der Hose.“ Ein paar Studierende drehten sich nach hinten, manche grinsten, andere sahen peinlich berührt weg. Es brauchte nicht den vollen Satz. Alle, die schon länger dabei waren, kannten die Story: Die Dozentin, der Vorfall mit dem Katheter und dem „machen Sie in die Hose“. „Ich gehe mal davon aus,“ schloss sie, „dass wir im neuen Jahr Fortschritte sehen.“
Dann wandte sie packte ihre verließ den Raum. Ein gemurmeltes Durcheinander blieb zurück.
ab, Tasche,
Reaktion – Wut, Scham und ein Spieler kurz vorm Ausrasten Für einen Moment war Lukas wie eingefroren. Er hörte: • das Rascheln von Rucksäcken, • Stuhlbeine, die schrappten, • leise Kommentare. „Hat sie das echt wieder gesagt?“ „Übertreibt die nicht ein bisschen?“ „Boah, unangenehm…“ „Der da tut mir leid…“ Er fühlte sich, als stünde er nackt in einem Raum voller Menschen, während jemand über sein Nervensystem Witze machte. Neben ihm ballte Erling die Fäuste. „Ich schwöre,“ zischte er, „noch ein solcher Satz, und ich geh da nach vorne und frag sie, ob sie ihren Beruf verwechselt hat. Oder ob sie einfach nur sadistisch ist.“ Lukas schüttelte leicht den Kopf. „Nicht jetzt,“ flüsterte er. „Nicht hier. Sie hat die Macht über Noten. Sie könnte mich komplett durchfallen lassen. Ich… ich halte das aus. Irgendwie.“ Erling presste die Lippen zusammen. „Es ist nicht deine Aufgabe, das auszuhalten,“ knurrte er. „Das ist kein Unterricht. Das ist psychische Gewalt.“ „Ich weiß,“ sagte Lukas leise. Und das tat er. Jede Faser in ihm wusste, dass das, was da passiert war, weit über „strenge Dozentin“ hinausging. Aber die Scham war so groß, dass der Impuls, sich einfach nur klein zu machen und zu verschwinden, alles andere überfuhr. Entscheidung: Nicht wegfahren, sondern in die Bibliothek Die meisten Studierenden packten zusammen und gingen. „Super,“ schimpfte jemand. „Extra den Bus genommen und dann wieder nix. Hätte ich auch schlafen können.“ Andere schlangen sich ihre Schals um, zogen Mützen tiefer ins Gesicht. Lukas blieb sitzen, bis der Raum leerer wurde. „Wir gehen nicht direkt wieder,“ sagte er irgendwann. „Ich will nicht, dass der Tag nur daraus bestand, dass sie mir wieder gesagt hat, ich soll in die Hose machen.“ Er sah zu Erling. „Wenn ich jetzt heimfahre,“ erklärte er, „sitze ich den ganzen Tag mit dem Satz im Kopf, ohne irgendwas Positives, das wenigstens AUCH in meinem Kopf ist.“ Erling nickte langsam.
„Also Bibliothek?“ fragte er. „Ja,“ sagte Lukas. „Einfach da sitzen, ein bisschen BWL-Sachen lesen, vielleicht was für Rechnungswesen oder Recht vorbereiten. Selbst wenn ich nur fünf Seiten schaffe, hab ich etwas gemacht.“ Auf dem Weg in die Bibliothek – Trigger im Flur, Fokus im Kopf Sie gingen aus dem Hörsaal. Der Flur war voll mit Leuten, die aus anderen Räumen kamen. Lukas spürte jeden Blick doppelt intensiv, obwohl die meisten ihn gar nicht wirklich ansahen. In seinem Kopf war noch der Satz der Dozentin: „…im neuen Jahr hoffentlich in die Hose…“ Er hätte schreien können. Nicht gegen sie, sondern gegen diese komplette Situation: • Autismus, • Trauma, • eine Hochschule, in der jemand mit Macht auf solche Weise mit ihm umging. „Atmen,“ murmelte er wieder zu sich selbst. Erling lief neben ihm her, nah, aber nicht einengend. „Wenn du willst,“ sagte der Spieler, „schreibe ich später deiner Therapeutin eine Mail. Also nicht direkt, aber… ich helfe dir, das aufzuschreiben. Wortwörtlich, was sie gesagt hat. Damit du es nicht alleine in deinem Mutbuch verarbeitest.“ Lukas nickte dankbar. „Ja,“ sagte er. „Das wäre gut. Dann ist es nicht mehr nur in meinem Kopf, sondern irgendwo festgehalten. Und jemand, der das beruflich kann, kann sagen, ob das normal ist oder nicht.“ „Ich sag dir jetzt schon: Es ist nicht normal,“ knurrte Erling. „Aber gut. Eine Fachmeinung schadet nicht.“ In der Bibliothek – ein Raum, der nicht urteilt Die Bibliothek war wie immer: • hohe Regale, • der Geruch von Papier, • Teppichboden, der Schritte dämpfte, • leise Tippgeräusche von Laptops, • gedämpfte Stimmen, • ein Schild „Bitte Ruhe“. Lukas spürte, wie sein Nervensystem ein kleines bisschen runter fuhr, als sie durch die Schranke gingen. Hier gab es keine Dozentin, die ihm sagte, er solle in die Hose machen. Hier waren nur Bücher, viele kleine geordnete Welten. Sie suchten sich einen Platz am Fenster. Draußen sah man den grauen Himmel, ein paar Bäume, Studierende, die über den Campus liefen.
Lukas legte seine Tasche ab, holte sich ein Rechnungswesen-Skript raus. Erling holte sein eigenes Tablet, öffnete ein Dokument mit Notizen – nicht von einem realen Verein, sondern von einer „fiktiven Karriereplanung“, die er angefangen hatte zu schreiben, um Lukas zu helfen, seine BWL-Sachen mit Fußball zu verbinden. „Wir machen jetzt Folgendes,“ sagte Erling leise, ohne etwas Großes draus zu machen. „Du liest zehn Minuten in deinem Skript. Nur zehn. Kein Druck. Ich bleib neben dir, schreib ein bisschen an meinem Plan-Dokument. Danach machen wir kurz Pause. Dann kannst du entscheiden, ob du noch mal zehn Minuten schaffst.“ Lukas nickte. „Klingt… machbar,“ sagte er. Er schlug das Skript auf. Die Worte tanzten am Anfang, sein Kopf war noch halb im Hörsaal, bei der Dozentin, beim Satz mit der Hose. Aber nach und nach wurden die Buchstaben wieder zu Inhalten: • Buchungssätze, • Soll und Haben, • Beispiele mit Kundenrechnungen, • Fehlerkonten. Es war nicht schön, aber es war berechenbar. Nach zehn Minuten merkte er, dass er tatsächlich etwas verstanden hatte. Nicht alles. Aber einen Absatz. „Aktiv-Passiv-Minderung…“ „Ich hab was kapiert,“ flüsterte er überrascht. „Siehst du,“ murmelte Erling, ohne vom Tablet aufzusehen. „Dein Kopf ist nicht kaputt. Er ist nur überlastet.“ Ein kleiner Moment der Sicherheit – trotz allem Sie arbeiteten in diesem Rhythmus: • zehn Minuten konzentriert, • fünf Minuten Pause, Blick aus dem Fenster, • wieder zehn Minuten. Zwischendurch flüsterte Lukas: „Weißt du, was mich fast am meisten nervt?“ „Was?“ fragte Erling. „Dass sie „im neuen Jahr“ gesagt hat,“ murmelte Lukas. „Als wäre das eine Drohung. So: „Ich freue mich schon darauf, Sie weiter fertig zu machen.“ Und gleichzeitig… hab ich Angst vorm neuen Jahr sowieso. Wegen Patrik.“ Erling sah ihn an.
„Das neue Jahr,“ sagte er, „gehört nicht ihr. Und es gehört auch nicht Patrik. Es gehört dir. Und uns. Und deiner Mutter. Und allen, die nicht versuchen, dich systematisch kaputtzumachen.“ Er ließ die Worte sitzen. „Und wenn im neuen Jahr jemand versucht,“ fügte er leise hinzu, „dir physisch oder psychisch richtig weh zu tun, dann werden wir nicht mehr nur „aushalten“ spielen. Dann holen wir Hilfe. Früh. Nicht erst, wenn schon wieder jemand im Krankenhaus ist.“ Lukas nickte, ein bisschen fester als sonst. In diesem Moment, zwischen Bücherregalen und Rechnungswesen-Skript, war er nicht nur „der Typ, der in die Hose machen soll“ oder „das Opfer von Patriks Angriffen“, sondern einfach: • ein junger Mann am Tisch, • mit einem Freund neben sich, • einem Stift in der Hand, • und einem Kopf, der trotz allem noch lernen konnte. Dass sich draußen, unsichtbar, die nächste Eskalationswelle schon vorbereitete, wussten sie nicht. Aber an diesem Morgen des zweiundzwanzigsten Tages hatten sie zumindest eines geschafft: Sie waren in die Hochschule gegangen, hatten sich nicht von einer sadistischen Bemerkung zerbrechen lassen, und sich die Bibliothek als kleinen, stillen Gegen-Raum erobert. Ein Raum, in dem niemand ihnen sagte, was sie mit ihrer Hose tun sollten. Nur, was sie mit einem Buchungssatz machen mussten. Der zweiundzwanzigste Tag teilte sich irgendwie in zwei Hälften: Vormittags Hochschule und Bibliothek, mittags etwas, das nach „normalem Leben“ aussehen sollte. Aufbruch vom Campus – raus aus den Regalen, rein ins Chaos Nach gut einer Stunde in der Bibliothek klappte Lukas sein Rechnungswesen-Skript zu. Sein Kopf war müde, aber nicht komplett überlastet. Eher so, als hätte jemand den Lärmpegel im Gehirn von 100 auf 60 runtergedreht. „Ich glaub, ich bin durch für heute,“ murmelte er. Erling nickte. „Du hast mehr geschafft als gestern zusammen,“ sagte er. „Das reicht für einen Tag nach…“ Er suchte kurz nach einem Wort. „…Nachkriegszustand.“ Lukas atmete durch. „Was steht jetzt an?“ fragte Erling.
„Eigentlich…“ Lukas zog sein Handy aus der Tasche, „hab ich mit meiner AutismusAssistenz verabredet, dass wir heute Mittag zusammen auf den Weihnachtsmarkt gehen. Damit ich mal „draußen“ bin, aber nicht allein.“ Er zeigte ihm eine Chat-Nachricht: Assistenz Jana: „Treffen wir uns 13:00 Uhr vor dem Eingang vom Weihnachtsmarkt am Bahnhof? Kein Stressprogramm, wir machen alles in deinem Tempo.“ Erling las die Nachricht und nickte zustimmend. „Klingt sinnvoll,“ sagte er. „Weihnachtsmarkt plus Unterstützung plus ich. Und diesmal ohne Bier.“ Lukas verzog kurz den Mund. „Diesmal ohne alles, was Prozente hat,“ bestätigte er. „Ich hab gestern genug für eine ganze Woche getrunken. Mindestens.“ Sie packten ihre Sachen zusammen, gaben die Bücher zurück und verließen die Bibliothek. Draußen war es kalt, aber nicht eisig. Der Himmel war grau über Mainz, aber die Luft tat gut. Treffpunkt mit der Assistenz – bekannte Sicherheit Vor dem Weihnachtsmarkt, am Eingang, wo die Holzportale standen und Lichterketten hingen, wartete schon jemand auf sie. Eine Frau Mitte dreißig, dunkle Haare im Zopf, warme Winterjacke, ein Rucksack über der Schulter: Jana, seine Autismus-Assistenz. Sie hatte er schon seit Monaten an seiner Seite: • bei Arztterminen, • bei Behördenkram, • bei ersten Unitagen, • beim Sortieren von Formularen, • und manchmal einfach so, wenn die Welt wieder zu laut war. Sie winkte, als sie die beiden kommen sah. „Na ihr zwei“, sagte sie, als sie nah genug waren. „Lebt ihr noch?“ Es war halb scherzhaft, halb ernst. Lukas hob eine Hand. „Körperlich: Ja,“ sagte er. „Innerlich: Work in Progress.“ Sie musterte ihn kurz aufmerksam. „Du siehst… gar nicht so schlecht aus, dafür, was du mir gestern geschrieben hast,“ sagte sie. „Ich hab deine Nachricht von heute Morgen bekommen, dass du lebenstechnisch noch im grünen Bereich bist.“ Lukas lächelte schwach. „Dank Tee, Wasser, meiner Mutter und Haaland hier,“ meinte er. „Sonst wäre ich wahrscheinlich ein bisschen mehr „im gelben Bereich“.“ Jana nickte respektvoll in Richtung Erling. „Danke, dass du bei ihm bist,“ sagte sie. „Wir retten uns meistens gegenseitig,“ meinte Erling ruhig. „Mal er mich, mal ich ihn.“
Kurzer Check-in – was heute geht und was nicht Jana klatschte leicht in die Hände, nicht laut, mehr wie ein kleines Signal. „Also,“ sagte sie. „Plan für heute: Weihnachtsmarkt. Frage eins: Was ist heute für dich drin, Lukas, und was auf keinen Fall?“ Es war ihre typische Art: nicht „Wir machen das so“, sondern „Was brauchst du?“. Lukas dachte kurz nach. „Was geht:“ zählte er auf, „spazieren, gucken, was es Neues gibt, vielleicht eine kleine Sache essen, vielleicht einen alkoholfreien Punsch, wenn mein Magen mitspielt.“ Er atmete einmal tief durch. „Was nicht geht,“ fuhr er fort, „ist Alkohol. Gar nichts. Keine „nur eine Kleinigkeit“. Mein Körper dreht sonst durch.“ Jana nickte. „Einverstanden,“ sagte sie. „Ich bleibe sowieso bei Tee oder Kinderpunsch. Und du, Erling?“ „Das gleiche,“ meinte er. „Ich trinke heute maximal Kakao. Ich hab gestern gesehen, wie nah wir an der Kante standen. Noch einmal brauche ich das nicht.“ Jana sah zufrieden aus. „Gut,“ sagte sie. „Dann haben wir das geklärt.“ „Zweite Frage,“ fuhr sie fort. „Was ist mit Reizen? Menschenmenge, Geräusche, Musik? Sollen wir eher außen rumgehen, viele Pausen machen, Notfallplan bereithalten?“ „Viele Pausen,“ sagte Lukas sofort. „Und wenn ich sage „Pause“, dann wirklich raus aus der Menge, nicht nur „langsam weitergehen“. Und kein direktes Gedränge vor den lautesten Ständen. Und… bitte keine Diskussion, wenn ich plötzlich verschwinden will.“ Jana nickte. „Notfallzeichen?“ fragte sie. Lukas hob zwei Finger. „Ich sag „ich muss kurz atmen“,“ erklärte er. „Wenn ich das sage, gehen wir raus, egal wie schön der Stand ist.“ „Top,“ sagte Jana. „Dann los.“ Rein ins Lichtermeer – erster Rundgang Sie gingen durch den Eingang. Das vertraute Bild: • Holzhütten mit Lichterketten, • der Geruch von gebrannten Mandeln, • Würstchen mit Rauchschwaden, • Zuckerwatte, • Glühwein, • bunte Lichter, • gedämpfte Musik von einem Lautsprecher irgendwo. Lukas’ Gehirn meldete Viele Reize. Aber er war vorbereitet. Er hatte: • Haube auf, • Kopfhörer um den Hals (für den Notfall), • Jana links, • Erling rechts.
„Wir laufen erst mal langsam eine Runde,“ schlug Jana vor. „Kein Muss, irgendwas direkt zu kaufen. Nur Orientierung.“ Sie gingen an den Ständen vorbei. „Guck mal,“ sagte Erling irgendwann und zeigte auf einen Stand mit handgemachten Holzfiguren. „Da ist ein kleiner Mainzelmännchen-Schnitzer. Der ist irgendwie cool.“ Lukas betrachtete die Figuren. Kleine Figuren mit Mützen, dazwischen auch ein winziger Fußballer mit Schal in Rot-Weiß. „Der sieht aus wie Mainz 05 im Zwergformat,“ murmelte Lukas. „Vielleicht ein Glücksbringer für das Rückspiel in der UECL,“ meinte Erling. „Vielleicht,“ sagte Lukas. „Aber ich kauf heute nichts, was ich nicht wirklich brauche. Ich brauch jetzt eher Ruhe als Zeug.“ Zwischen Gerüchen und Erinnerungen – Trigger und Trost Sie kamen an einem Glühweinstand vorbei. Der Geruch von warmem Alkohol und Zimt schoss Lukas direkt in den Magen. Einen Moment lang war er wieder im Stammlokal, mit seinem Vater, mit den 20 Weinen, mit dem Funkenflug. Sein Körper spannte sich an. Jana merkte es sofort. „Wir wechseln die Seite,“ sagte sie ruhig, als würden sie nur eine kleine strategische Entscheidung treffen. Sie gingen auf die andere Seite des Weges, ein Stück weg vom Stand. „Wie ist der Level?“ fragte Erling leise. „Krankheitserinnerung: 8 von 10,“ murmelte Lukas. „Aber es geht. Solange ich nicht stehen bleiben muss.“ Sie gingen weiter. An einem anderen Stand roch es nach Reibekuchen, Öl und Apfelmus. Der Geruch war zwar schwer, aber nicht so triggernd wie Alkohol. „Das erinnert mich an früher,“ sagte Lukas leise. „Weihnachtsmarkt mit Mama, als ich kleiner war. Da war noch alles… weniger kompliziert.“ „Willst du welche?“ fragte Jana. Lukas überlegte kurz. „Mein Magen ist heute empfindlich,“ sagte er. „Aber… ein kleiner, geteilt vielleicht?“ Sie entschieden sich, eine Portion zu dritt zu nehmen. Der Verkäufer klatschte drei Reibekuchen auf den Teller, Apfelmus daneben. Sie gingen ein Stück weg vom Stand, stellten sich an einen hohen Stehtisch am Rand, wo weniger Leute direkt vorbeidrängten. Lukas nahm einen vorsichtigen Bissen, kaute langsam. Fett, Kartoffel, Apfel – der Magen meldete kurz Skepsis, aber akzeptierte es.
Ein ruhiger Moment am Rand – Gespräch über MSP & Grenzen Nachdem sie gegessen hatten, lehnten sie sich kurz an das Geländer, das einen kleinen Platz vom Hauptlaufweg trennte. Die Geräusche des Marktes waren hier etwas gedämpfter, man hörte mehr einzelne Stimmen als Lärm. „Wie war’s heute in der Hochschule?“ fragte Jana, nicht sanft, aber vorsichtig. Lukas verzog das Gesicht. „MSP-Vorlesung ist ausgefallen,“ sagte er. „So halb. Sie kam nur rein, um zu sagen, dass sie nicht kann. Und hat es sich aber nicht nehmen lassen, mich noch einmal mit diesem „machen Sie in die Hose“-Thema zu treffen.“ Janas Gesicht wurde hart. „Was genau hat sie gesagt?“ fragte sie. Lukas wiederholte den Satz: „Ich hoffe, dass Sie im neuen Jahr im passenden Moment loslassen – Sie erinnern sich ja an den Vorschlag mit der Hose.“ Jana schloss kurz die Augen, holte tief Luft. „Das ist keine unangenehme Formulierung,“ sagte sie leise. „Das ist klar übergriffig. Und unprofessionell. Und in deinem Fall schlicht retraumatisierend.“ „Ich weiß,“ sagte Lukas. „Aber sie hat die Macht über die Noten. Und ich… brauch das Studium. Sonst war alles umsonst.“ Jana sah ernst aus. „Wir werden das nicht auf sich beruhen lassen,“ meinte sie. „Ich werde das mit deiner Therapeutin besprechen. Und ich werde dich unterstützen, eine Beschwerde zu formulieren, wenn du das willst. Aber wichtig ist: Du musst das nicht alleine tragen.“ Erling nickte. „Ich war dabei,“ sagte er. „Ich hab’s gehört. Ich kann es bezeugen.“ Jana sah die beiden an. „Es ist kein Zeichen von Schwäche, Hilfe zu holen, wenn jemand seine Position ausnutzt,“ sagte sie. „Im Gegenteil. Es ist ein Zeichen, dass du begriffen hast, dass du Respekt verdienst. Auch mit Katheter. Auch mit Autismus.“ Lukas schluckte. Die Worte taten gut. Und weh. Gleichzeitig. Weiter über den Markt – kleine Lichter, kleine Inseln Nach der Pause gingen sie weiter. Jana achtete darauf, immer rechtzeitig kleine Inseln zu finden: • eine Ecke, wo weniger Leute standen, • einen Platz neben einer Holzbank, • einen ruhigeren Abzweig zwischen zwei Reihen von Ständen. Sie testeten alkoholfreien Kinderpunsch. Der warme Becher tat Lukas’ Händen gut. „Wie fühlt sich das im Körper an?“ fragte Jana, während sie nebeneinander standen. Lukas nahm einen Schluck.
„Warm,“ sagte er. „Nicht so aggressiv wie Alkohol. Eher wie „ich durfte Kinder sein“.“ Er sah den roten Becher an. „Gestern hätte ich gesagt: „Wär mir zu wenig“,“ murmelte er. „Heute bin ich froh, dass es nicht mehr ist.“ Erling prostete ihm mit seinem eigenen Becher kurz zu. „Auf den Tag, an dem dein Nervensystem mehr Kinderpunsch als Trauma speichert,“ sagte er halb im Spaß, halb ernst. „Das wäre ein guter Tag,“ meinte Lukas. Unerkannt beobachtet – doch diesmal kein Eingriff Während sie sich über den Markt bewegten, ging irgendjemand in einiger Entfernung vorbei, den wir schon kennen: eine männliche Gestalt mit Kapuze, Telefon in der Hand, Blick immer wieder zum Gewimmel schweifend. Patrik. Er war auch auf dem Weihnachtsmarkt – nicht direkt bei ihnen, aber im gleichen Raum. Er sah Lukas kurz aus der Menge hervortauchen – Erling neben ihm, und noch eine Frau, von der er grob wusste, dass sie „so eine vom Amt“ war. Er verzog den Mund. „Na,“ murmelte er leise, „ihr genießt noch mal, bevor alles hochgeht.“ Aber heute, an diesem Mittag, tat er nichts. Keine direkte Aktion, kein Ansprechen, kein Stören. Vielleicht war er mit jemand anderem da. Vielleicht brauchte er auch nur einen Kaffee, bevor er seine nächsten Pläne weiter schmiedete. Was Lukas, Jana und Erling nicht wussten: Er war da. Er sah sie. Er speicherte es ab. Ende des Marktbesuchs – erschöpft, aber nicht zerstört Nach gut anderthalb Stunden war Lukas’ Energiekonto leer. „Ich muss kurz atmen,“ sagte er, und Jana verstand sofort: Notfallsignal. „Dann ist jetzt Schluss für heute,“ beschloss sie. „Wir gehen nicht „nur noch schnell nach da drüben“. Wir gehen jetzt raus.“ Sie verließen den Markt über den Randweg, nicht mitten durch die volle Mitte. Draußen, einige Meter vom Eingang entfernt, war es ruhiger.
Autos fuhren vorbei, aber der Klang war anders als das Gedröhne von Musik und Stimmen. Lukas atmete ein, zwei, drei Mal tief durch. „Wie ist dein Körperstatus?“ fragte Jana. „Erschöpft,“ sagte er. „Aber… nicht kaputt. Das ist ein Unterschied. Früher war Weihnachtsmarkt oft „komplett zu viel“ oder „gar nicht“. Heute war es… anstrengend, aber aushaltbar, weil ich nicht alleine war.“ „Genau das ist das Ziel,“ meinte Jana. „Du musst die Welt nicht meiden. Du brauchst nur andere Bedingungen als viele andere. Und das ist okay.“ Erling legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter. „Und du bist heute ohne Alkohol, ohne Drama und ohne Polizeieinsatz über einen Weihnachtsmarkt gekommen,“ sagte er. „Nach den letzten Wochen ist das fast schon ein kleines Wunder.“ Lukas schnaubte leise. „Kleines Weihnachtswunder in Mainz,“ murmelte er. „Mit Kinderpunsch statt Glühwein.“ Heimweg – mit leiser Erleichterung Sie verabschiedeten sich an der Haltestelle. „Schreib mir später, wie es dir geht,“ sagte Jana zu Lukas. „Wenn du merkst, dass Bilder, Geräusche oder Worte von heute wieder hochkommen, schreib sie auf. Oder schick mir eine Nachricht. Dann können wir bei der nächsten Sitzung gezielt drüber sprechen.“ „Mach ich,“ sagte Lukas. Sie fuhren mit der Bahn nach Hause. Dieses Mal kein Kiosk, kein impulsiver „Noch schnell was holen“, kein Glas im Rucksack. Nur zwei müde Menschen, die ihre Köpfe an kalte Fensterscheiben lehnten, und wussten: Heute Mittag haben wir etwas geschafft, was sich für andere vielleicht normal anhört, für uns aber ein Stück zurück eroberte Normalität war. Dass im Hintergrund trotzdem schon ein dunkleres Kapitel fürs neue Jahr geschrieben wurde, änderte nichts daran, dass dieser Mittag als etwas Kleines, Gutes in Lukas’ Erinnerung bleiben würde: ein Weihnachtsmarkt, an dem er nicht betrunken, nicht von Panik überrollt und nicht völlig allein war. Der zweiundzwanzigste Tag hätte eigentlich mit diesem Weihnachtsmarkt-Mittag einen halbwegs versöhnlichen Abschluss verdient. Das Leben hatte aber offensichtlich beschlossen, nochmal richtig nachzutreten. Früher Abend – zuhause zwischen Erschöpfung und kleinem Hunger Lukas und Erling kamen vom Weihnachtsmarkt nach Hause, müde, aber nicht völlig zerstört. In der Wohnung roch es nach Tee und ein bisschen nach dem Essen vom Mittag. Die Mutter stand in der Küche, als sie reinkamen, der Vater saß ausnahmsweise ruhig am Esstisch und las irgendwas auf dem Handy. „Na, ihr zwei?“ fragte die Mutter, als sie die Tür hörte. „Wie war der Weihnachtsmarkt?“
Lukas zog sich die Schuhe aus, hängte seine Jacke an den Haken. „Anstrengend,“ sagte er ehrlich. „Aber… gut anstrengend. Nicht so wie „ich breche gleich zusammen“, sondern eher wie „ich war unter Menschen, aber nicht allein“.“ „Mit Jana?“ fragte sie. „Ja,“ nickte Lukas. „Sie war gut. Kinderpunsch, Reibekuchen, keine Panikattacke. Und Haaland natürlich als Bodyguard.“ Erling salutierte gespielt. Der Vater schaute kurz hoch. „Kein Alkohol?“ fragte er, mit einem Ton, der halb Sorge, halb Prüfung war. „Nur Kinderpunsch,“ antwortete Erling, noch bevor Lukas konnte. „Und davon nicht mal viel. Wir sind heute komplett auf der Tee-Seite des Lebens.“ Die Mutter musterte beide einen Moment, sah die Müdigkeit, aber auch, dass ihre Augen klarer waren als am Vortag. „Gut,“ sagte sie. „Dann ist jetzt die Frage: Habt ihr Hunger oder wollt ihr euch direkt hinlegen?“ Lukas’ Magen meldete sich genau in dem Moment mit einem leisen Knurren. „Ich glaub, ich hab Hunger,“ murmelte er. „Aber nicht so richtig großen. Eher… irgendwas Warmes, Kleines. Und ich hab gerade genug Weihnachtsmarktgerüche gehabt, um nicht noch zu Hause Bratwurst zu riechen.“ Erling schnaubte. „Wir könnten irgendwo kurz was essen gehen,“ schlug er vor. „Keine Großaktion, nur was Ruhiges. Dann noch mal frische Luft und danach direkt heim und schlafen.“ Die Mutter überlegte kurz. Man sah ihr an, dass sie abwog: • Kontrolle vs. Vertrauen, • „ich hab gestern deine Kotze weggerochen“ vs. „der Junge braucht auch gute Momente“. „Wenn ihr geht,“ sagte sie schließlich, „dann bitte: • kein Alkohol, • keine Experimente mit fettigen Fünf-Gänge-Menüs, • und bitte schreibt mir, wenn ihr losgeht und wenn ihr wieder hier seid.“ „Deal,“ sagte Lukas. Auf dem Weg zum Essen – eine letzte Runde durch die Nacht Sie zogen sich wieder an, diesmal ohne viel Tamtam. Draußen war es inzwischen richtig dunkel. Die Straßenlaternen warfen gelbliche Inseln aus Licht auf den Gehweg. In einigen Fenstern hingen Lichterketten, die Stadt war in dieses typische kurz-vor-Weihnachten-Flimmern getaucht. „Wohin?“ fragte Erling, als sie die Haustür hinter sich schlossen. „Ich will nicht wieder irgendwohin, wo mein Vater schon alles angezündet hat,“ murmelte Lukas trocken. „Also fällt das Stammlokal raus. Vielleicht… etwas Ruhiges. Dönerladen? Asia-Imbiss? Irgendwo, wo man sitzen kann, aber keiner uns kennt.“ Sie entschieden sich für einen kleinen asiatischen Imbiss ein paar Straßen weiter, den Lukas kannte: • hell, • relativ ruhig, • meistens Take-away-Leute, • ein paar Tische,
• kein Alkoholfokus. Sie gingen zu Fuß, langsam, ohne Stress. „Wie geht’s dem Kopf nach heute?“ fragte Erling unterwegs. „Wie ein Laptop mit zu vielen Tabs, der aber wenigstens nicht mehr gleich abgestürzt ist,“ sagte Lukas. „MSP war scheiße, Bibliothek war okay, Weihnachtsmarkt war grenzwertig, aber mit Puffer. Ich hab heute viel erlebt. Positiv und negativ.“ „Und der Körper?“ hakte Erling nach. „Müde,“ antwortete Lukas. „Aber stabil. Mein Magen nimmt Essen nur unter Vorbehalt, aber er verhandelt immerhin.“
Im Imbiss – kurze Wärme, kurze Normalität Der Imbiss war nicht voll. Ein älteres Pärchen saß in der Ecke, zwei Schüler standen an der Theke und warteten auf ihre Nudelboxen. Die Luft roch nach gebratenem Gemüse, Sojasauce und einem Hauch frittiertem Teig. Keine aggressiven Alkoholwolken. „Perfekt,“ murmelte Lukas. Sie setzten sich an einen der kleinen Tische am Fenster. Die Besitzerin, eine freundliche Frau, brachte die Karte. Lukas bestellte etwas Einfaches: • gebratene Nudeln mit Gemüse und ein bisschen Hähnchen, • dazu eine Apfelschorle. Erling nahm gebratenen Reis, ebenfalls mit Hähnchen, und eine Cola. „Heute mal soft,“ grinste er. „Heute mal Überlebensmodus ohne Zusatzlevel,“ konterte Lukas. Sie saßen eine Weile schweigend da, sahen nach draußen auf die Straße. Autos fuhren vorbei, ab und zu gingen Leute mit Einkaufstüten vorüber, irgendwo hörte man leise Weihnachtsmusik aus einem Laden. „Weißt du,“ sagte Lukas irgendwann, „es fühlt sich grad fast normal an. Einfach… abends was essen gehen. Ohne Krankenhaus, ohne Polizei, ohne VR-Brille, ohne dass jemand „mach in die Hose“ sagt.“ Erling nickte. „Genau das sollst du öfter haben,“ meinte er. „Kleine Inseln. Nicht perfekt. Aber ruhig.“ Das Essen kam. Die Nudeln dampften, der Reis roch gut. Lukas nahm vorsichtig den ersten Bissen. Der Magen meldete kurz: „Wir beobachten das…“ aber akzeptierte. „Das tut gut,“ murmelte er. „Warm, aber nicht zu schwer.“ Sie redeten leise über: • die nächste Sitzung bei der Autismus-Therapie, • die Idee, mit Jana zusammen den MSP-Vorfall offiziell aufzuschreiben,
die Angst vor dem neuen Jahr und gleichzeitig die Hoffnung, dass nicht alles nur schlimmer werden musste. Es war ein ruhiger, unspektakulärer Moment. Genau das, was er gebraucht hätte. Genau das, was nicht lange halten sollte. •
Aufbruch – ein unscheinbarer Weg mit sehr viel Bedeutung Eine knappe Stunde später zahlten sie. Lukas hatte seine Nudeln fast aufgegessen, ein Rest blieb liegen – er zwang sich nicht, alles aufzuessen. Sein Magen war dankbar. Sie zogen ihre Jacken wieder an, traten hinaus in die kalte Luft. Die Straße war nicht komplett leer, aber auch nicht voll: • ein paar Leute auf dem Weg zur Bahn, • jemand mit Hund, • zwei Jugendliche auf Scootern. „Laufen wir zurück,“ schlug Erling vor. „Die Luft tut dir gut.“ „Ja,“ sagte Lukas. „Aber lass uns nicht über die große Straße gehen. Ich möchte heute keine laute Kreuzung mehr.“ Sie wählten eine etwas ruhigere Nebenstraße, die wie eine kleine Verbindung zwischen zwei größeren Straßen verlief: • schmaler, • weniger Verkehr, • alte Wohnhäuser mit Balkonen, • ein paar Bäume, • eine Reihe parkender Autos. Es war eine dieser Straßen, über die man tagsüber nicht groß nachdachte – und nachts besser nicht zu lange stehen blieb. Das Auto – zuerst nur ein Geräusch Sie liefen nebeneinander, redeten leise weiter. „Ich frag mich manchmal,“ sagte Lukas, „ob Patrik sich irgendwann einfach totläuft in seinem Hass, oder ob er immer weitermacht, bis…“ Er brach ab. In einiger Entfernung hörten sie das Geräusch eines Motors, der langsamer wurde. Ein dunkler Kombi bog in die Straße ein. Ganz normal – auf den ersten Blick. Er fuhr langsam an ihnen vorbei, einmal. Lukas bemerkte kurz, dass der Fahrer kurz herübersah, dann weiterfuhr.
„Seit der Sache mit dem weißen Lieferwagen in meiner Kindheit hasse ich solche Situationen,“ murmelte Lukas. „Auto, das langsamer fährt, wenn ich laufe. Gehirn sagt sofort „Gefahr“.“ „Wir sind zu zweit,“ meinte Erling. „Und nicht mehr acht Jahre alt. Aber dein Gefühl ist trotzdem nicht dumm.“ Sie gingen weiter. Am Ende der Straße gab es eine kleine Abzweigung, die zu einem Parkplatz hinter einem alten Bürogebäude führte. Genau dort stand plötzlich wieder das Auto. Es hatte offenbar irgendwo kurz gewendet. Motor aus. Licht aus. Nur die dunkle Silhouette in der Fahrerkabine. Lukas’ Nacken zog sich zusammen. „Das gefällt mir nicht,“ sagte er leise. „Mir auch nicht,“ antwortete Erling. „Lass uns auf die Hauptstraße zurückgehen.“ Sie wollten gerade einen Bogen machen, da ging die hintere Tür des Kombis auf. Die Entführung – Sekunden, die alles kippen Es ging so schnell, dass Lukas’ Nervensystem gar keine Zeit mehr hatte, den Alarm vollständig zu Ende zu senden. Zwei Gestalten stiegen aus: • beide dunkel gekleidet, • Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, • Handschuhe. Kein Film-Bösewicht-Kostüm, sondern „zu normal“, genau das machte es schlimmer. „Lukas?“ sagte die erste Stimme. Helles, verzerrtes Timbre, als hätte der Sprecher vorher eine andere Tonlage geübt. Er erschrak. „Das ist nie gut, wenn jemand meinen Namen in einer dunklen Nebenstraße kennt,“ dachte er. „Wir müssen dich kurz mitnehmen,“ sagte dieselbe Stimme. „Je eher du einsteigst, desto weniger Ärger gibt’s.“ Erling stellte sich sofort halb vor Lukas. „Was soll das?“ fauchte er. „Wer seid ihr?“ Die zweite Gestalt trat einen Schritt näher. „Nicht dein Thema,“ sagte sie. „Dir wurde gesagt, du sollst dich raushalten.“ Lukas’ Herz raste. „Patrik?“ schoss es ihm durch den Kopf. Aber die Gestalten hatten die Kapuzen tief, Gesichter im Schatten. „Wir gehen nirgendwo hin,“ sagte Erling deutlich. „Wenn ihr irgendein Problem mit ihm habt, ruft einen Anwalt. Oder die Polizei. Aber ihr fasst ihn nicht an.“ Die erste Gestalt seufzte, als wäre sie genervt von einem unkooperativen Kunden. „Plan A war nett reden,“ sagte sie. „Plan B ist unschön. Aber geht schneller.“ Dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig:
Eine Hand griff nach Lukas’ Arm, fest, viel stärker als er es wegziehen konnte. • Erling machte einen Schritt nach vorne, wollte den Griff lösen, packte den Handgelenk des Mannes. • Die zweite Gestalt zog etwas aus der Jackentasche – kein Messer, sondern einen kurzen, kompakten Gegenstand. Es gab einen dumpfen, elektrischen Klick-Ton und ein helles Zischen. Bevor Lukas überhaupt verstehen konnte, was da passierte, sah er, wie Erling den Körper ruckartig anspannte, die Augen weit aufriss, und dann wie eine Schaufensterpuppe zur Seite kippte. Taser. „ERLING!“ schrie Lukas. In dem Moment zog die Gestalt, die ihn am Arm hatte, ihn mit einer Wucht zur Seite, das Gleichgewicht weg, die Füße verloren den Boden. Eine Hand legte sich hart auf seinen Mund, eine zweite drückte seinen Kopf nach unten. „Kein Wort, sonst schläfst du hier auf der Straße ein,“ zischte jemand in sein Ohr. Er roch etwas – scharf, süßlich, aus einem Tuch, das ihm grob vors Gesicht gedrückt wurde. Chloroform oder irgendwas in die Richtung. Sein Gehirn kannte den Geruch nicht wirklich, aber sein Körper reagierte sofort: • Schwindel, • Übelkeit, • die Beine wurden weich, • die Arme fühlten sich an, als wären sie aus Gummi. Er versuchte, sich zu wehren, tritt nach hinten, traf vielleicht ein Schienbein – es gab ein leises Fluchen – aber es reichte nicht. Irgendwo neben ihm hörte er ein leises Stöhnen. Erling. „Erling…“ versuchte er zu sagen, aber die Hand auf seinem Mund erstickte die Silbe zu einem dumpfen Laut. „Der kommt wieder klar,“ murmelte die Stimme neben seinem Ohr. „Der ist nur ruhiggestellt. Du hast andere Termine.“ Sein Blick wurde verschwommen. Lichter zogen zu Streifen, der Asphalt unter ihm wippte wie ein Boot. •
Er spürte noch, wie ihn jemand hochhob, halb zog, halb trug. Irgendwas Hartes gegen seinen Rücken – die Kante einer Autotür. Dann Filz oder Plastik unter seinem Körper – Rücksitz oder Kofferraum. Die Welt rauschte. Sein Gehör verzerrte Geräusche: • eine Tür, die zuknallt, • ein Motor, der startet, • jemand, der sagt: „Patrik lässt grüßen…“ oder hatte er sich das nur eingebildet? Sein Bewusstsein kippte endgültig weg, wie ein Bildschirm, der auf einmal schwarz wird. Zurück auf der Straße – Erling kommt zu sich Ein paar Minuten später, oder Stunden – für Erling war nicht klar, wie lange – kam er wieder zu sich. Ein anderer Blickwinkel: Er lag halb auf dem Boden, eine Hand immer noch an der Stelle, wo ihn der elektrische Schlag getroffen hatte. Der Körper fühlte sich an, als hätte man ihn einmal komplett stromschlagmäßig „durchgekocht“: • Muskeln zitterten nach, • der Kopf dröhnte, • die Luft in seiner Lunge war schwer. Er blinzelte. Straße. Laternenlicht. Parkende Autos. Keine Spur von dem dunklen Kombi. Keine Spur von Lukas. Die Stelle, an der er gerade noch neben ihm gelaufen war, war leer. „Lukas?“ rief Erling heiser. Keine Antwort. Er kämpfte sich hoch, stemmte sich mit den Händen vom Asphalt. Die Knie gaben kurz nach, fingen sich dann. Er drehte sich im Kreis, suchte nach Hinweisen. Nichts. Kein Auto. Kein Schatten. Nur die kalte Luft, die ihm ins Gesicht schnitt.
Sein Herz raste. Er ist weg. Der Gedanke traf ihn wie ein zweiter Schlag. Er griff automatisch nach seiner Tasche, fand sein Handy. Die Hände zitterten, als er das Display entsperrte. Kein Luxus mehr, kein „ruhig nachdenken“. Er wählte die Nummer, von der er wusste, dass das jetzt der einzige richtige Schritt war: Die der Mutter. Noch bevor sie ganz drangehen konnte, hörte sie nur ein: „Er ist weg. Jemand hat ihn mitgenommen. Ich… ich glaub, sie haben ihn entführt.“ Und irgendwo, in einem dunklen fahrenden Auto, kam Lukas langsam in einem anderen Albtraum an, von dem er noch nicht wusste, dass er das „Ultimatum-Treffen“ einläuten würde, von dem Patrik so selbstgerecht in seinem Kopf gesprochen hatte. Der zweiundzwanzigste Tag hätte nach Weihnachtsmarkt, Kinderpunsch und Nudeln eigentlich mit Sofa und Decke enden sollen. Stattdessen bekam Lukas ein Bonuslevel, von dem niemand gebeten hatte. Zwischenraum aus Dunkelheit – Aufwachen im falschen Ort Lukas’ Bewusstsein kam nicht zurück wie morgens mit Tee, sondern wie aus großer Tiefe, in unsauberen Wellen. Zuerst war da nur: • ein Dröhnen im Kopf, • ein metallischer Geschmack im Mund, • Übelkeit, • das Gefühl, dass sein Körper ihm nicht mehr ganz gehörte. Dann kamen die Geräusche: • ein leises Summen, • irgendwo ein Tropfen, der in regelmäßigen Abständen fiel, • Schritte, gedämpft, weit weg, • das entfernte Brummen einer Straße, aber nicht nah genug, um Hilfe zu sein. Er versuchte, sich zu bewegen. Seine Hände reagierten nicht so, wie sie sollten. Etwas schnitt ihm in die Handgelenke. Kabelbinder. Er merkte, dass er auf einem Stuhl saß, die Schultern nach hinten gezogen, die Arme nach hinten fixiert. Seine Knöchel waren ebenfalls verbunden. Der Boden fühlte sich kalt an, Beton oder etwas Ähnliches. Die Luft roch nach Staub, altem Öl und billigem Raumspray, das einen anderen Geruch überdecken sollte. Nicht Krankenhaus. Nicht Zuhause. Nicht Hochschule.
Sein Nervensystem schaltete instinktiv auf Alarm. „Erling…?“ brachte er heiser hervor. Seine Stimme als hätte jemand mit Sandpapier durch seinen Hals gewischt. Keine Antwort.
Die Stimme im Dunkeln – „Patrik lässt grüßen“ Ein Licht ging an. Nicht grell, aber direkt in sein Gesicht gerichtet, sodass er die Ränder des Raumes nur schemenhaft sehen konnte. Eine Silhouette trat vor ihn. Schwarz, Kapuze tief ins Gesicht gezogen, Stimme verzerrt – aber nicht elektronisch, eher dieses künstliche, bewusst verstellte Sprechen. „Na, wach?“ fragte die Person. „Gut. Dann reden wir jetzt mal.“ Lukas’ Herz raste. Er versuchte, die Stimme einzuordnen, konnte aber nicht sicher sagen, ob er sie kannte. „Was… was wollt ihr von mir?“ fragte er, so ruhig wie möglich – was nicht sehr ruhig war. Die Gestalt zog etwas aus ihrer Tasche. Ein kleines, schwarzes Gerät, etwa so groß wie eine Handfläche. Als sie einen Knopf drückte, gab es ein helles, aggressives KZZZT – ein kurzer, blauer Funke sprang zwischen zwei Metallkontakten hin und her. Sein Körper spannte sich automatisch an. Taser. Strom. „Dein Cousin lässt grüßen,“ sagte die Stimme. „Er findet, du hast das Maß ein bisschen verloren. Mit deinen Geschichten, deinen Anzeigen, deiner tollen Opferrolle.“ Lukas’ Magen drehte sich. „Patrik…“ flüsterte er. Die Gestalt lachte kurz, kalt. „Name ist egal,“ meinte sie. „Wichtig ist: Du hast ein Ultimatum ignoriert.“ Er erinnerte sich an die Worte: „Du wirst die schlimmste Vorweihnachtszeit, Silvester- und Neujahrszeit deines Lebens haben.“ Ihm wurde kalt, trotz der stickigen Luft. Die ersten Stromstöße – Schmerz ohne Blut „Ich sag dir, wie das jetzt läuft,“ sagte die Gestalt vor ihm. „Wir quatschen ein bisschen. Du hörst gut zu. Und immer, wenn ich den Eindruck habe, du kapierst es nicht…“ Zzzzzzzt. Sie ließ den Taser kurz in der Luft knistern, dann setzte sie das Ding an seine Seite, auf Höhe der Rippen, dort, wo er eh noch empfindlich war von allem, was passiert war.
Der erste Stromstoß war kurz, nicht „Hollywood“ mit Rauch und Umfallen, aber genug, um seinen ganzen Körper zu durchzucken. Er keuchte. Alle Muskeln zogen sich reflexhaft zusammen, die Hände im Kabelbinder krampften, die Rippe brannte. Kein Blut. Nur Schmerz und Panik. „Du wirst…“ keuchte er, „…dafür… im Knast landen.“ Die Gestalt lachte wieder, aber ohne Humor. „Knast?“ fragte sie. „Du glaubst wirklich, irgendwer glaubt dir noch? Nach VR-Typ, alter Frau, Slackline, Autounfall, verbranntem Rollstuhl, Vater-Drama? Du bist eine einzige wandelnde Chaosquelle. Perfektes Ziel, um alles als „Psycho-Episode“ abzutun.“ Sie beugte sich vor. „Und genau das ist der Plan,“ flüsterte sie. „Du sollst lernen, dass du niemanden retten kannst. Nicht dich. Nicht andere.“ Zzzzt. Der Taser traf diesmal seine Schulter. Der Schmerz schoss von oben nach unten, als hätte jemand eine unsichtbare Peitsche durch seine Nerven gezogen. Lukas biss die Zähne zusammen, ein Laut entwich ihm trotzdem. „Hör… auf…“ keuchte er. „Noch gar nicht richtig angefangen,“ sagte die Stimme. Tritte, die nichts mit Fußball zu tun haben Die Gestalt trat einen halben Schritt zurück. „Du magst Fußball, oder?“ fragte sie. „Stadion, Bälle, Schüsse, alles sowas.“ Lukas begriff zu spät, was als Nächstes kam. Der erste Tritt traf ihn zwischen die Beine. Nicht voll durchgezogen wie in einem Film – aber hart genug, um seinem Nervensystem klar zu machen, dass das hier kein Spaß war. Es fühlte sich an, als würde ihm der Bauch explodieren. Luft weg. Übelkeit schoss nach oben. Der Rest seiner Muskeln spannte sich so an, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Ein gepresster, halb erstickter Schrei entkam ihm, ob er wollte oder nicht. Die Gestalt trat noch einmal nach, diesmal nicht ganz so hart, eher „nachsetzen“. „Jeder Schuss ein Treffer,“ spottete sie. „Sitzt du bequem?“ Lukas konnte keine Worte formen, auch wenn er wollte. Seine komplette Aufmerksamkeit war gerade damit beschäftigt,
nicht das Bewusstsein zu verlieren oder sich zu übergeben. Tränen liefen ihm über das Gesicht, nicht aus Traurigkeit, sondern weil sein Körper unter dieser Reizüberflutung keine andere Antwort hatte. In seinem Kopf blitzten Bilder auf: • er als Kind in der Schule, eingeklemmt in der Ecke, • Tritte von hinten, • Lachen, • niemand, der dazwischen ging. Das hier war dieselbe Szene, nur mit einem dunklen Auto davor. Parallel dazu – Erling, die Mutter und das Rennen gegen die Zeit Während Lukas im dunklen Raum kämpfte, liefen draußen andere Prozesse. Erling stand in der Wohnung, das Handy am Ohr, der Körper noch nachzuckend vom Taser. Die Mutter hielt sich mit der einen Hand am Tisch fest, mit der anderen krallte sie sich ans Telefon. „Polizei ist unterwegs,“ sagte die Stimme am anderen Ende. „Bleiben Sie bitte in der Wohnung. Wir kommen zu Ihnen, nehmen Ihre Aussage auf.“ „Ich bleibe hier gar nichts,“ fauchte Erling, und man hörte, dass bei ihm langsam der norwegische Vulkan hochkam. „Er ist gerade in ein Auto gezogen worden, und ich hab nicht genau gesehen, wohin. Ich gehe nicht einfach Tee trinken und warten.“ Die Mutter sah ihn an, zwischen Panik und Zustimmung hin- und hergerissen. „Erling,“ sagte sie, „wenn dir auch noch was passiert…“ „Ich renn ihnen nicht hinterher wie Rambo,“ sagte er. „Aber ich hab mehr Infos als die Polizei.“ Er schloss kurz die Augen. Sein Gehirn spielte die Szene in der Straße noch einmal ab: • das Auto, • die Form des Hecks, • das Kennzeichen – nicht ganz, aber Teile, • der Aufkleber an der Heckscheibe: irgendeine Werkstatt in einem Industriegebiet am Stadtrand. „Ich hab das Kennzeichen nicht ganz,“ presste er hervor, „aber ich habe die ersten drei Buchstaben und den Aufkleber von einer Werkstatt. Und Lukas’ Handy-Standort.“ Er hielt sein eigenes Handy hoch. Lukas hatte vor Wochen – aus Sicherheitsgründen – die Standortfreigabe für ihn und seine Mutter aktiviert. Nach all dem, was passiert war: VR, Autounfall, Krankenhaus. Auf der Karte sah man einen kleinen Punkt, der sich bewegte. Erling zoomte rein. „Die fahren Richtung Industriegebiet,“ sagte er. „Richtung der Hallen bei der alten Lagerhalle. Wenn ich da bin, bevor sie ihn irgendwo reinziehen, hab ich vielleicht eine Chance.“ Die Mutter kämpfte.
Man sah ihr an, dass alles in ihr schreien wollte: „Bleib hier! Warte auf die Polizei!“ Aber sie kannte die Realität: Je länger sie warteten, desto schlimmer konnte es werden. „Du rufst mich permanent an,“ sagte sie. „Kein Heldentum. Kein „ich klär das alleine“. Du gehst hin, schaust, wo sie sind, und sobald du irgendwas siehst, rufst du 110. Und mich. Verstanden?“ Erling nickte. „Versprochen,“ sagte er. „Ich hole ihn zurück. Lebend.“ Zurück im Raum – Drohung für das neue Jahr Lukas’ Atmung kam langsam wieder unter Kontrolle, so gut das mit den Schmerzen überhaupt ging. Die Gestalt vor ihm war nicht subtil stolz auf ihre „Arbeit“. „Na?“ fragte sie. „Kapierst du so langsam, dass du nicht der Held deiner Geschichte bist? Dass du nicht jeden retten kannst und nicht immer alles zu deinen Bedingungen läuft?“ Lukas hob mühsam den Kopf. „Wenn… du glaubst,“ keuchte er, „dass… Patrik… dadurch weniger schuldig wirkt… irrst du dich.“ Die Gestalt verdrehte sichtbar die Augen, auch wenn man sie im Schatten nur ahnen konnte. Zzzzt. Der Taser traf diesmal seinen Oberschenkel. Die Muskeln zuckten, sein Bein schlug unkontrolliert gegen den Stuhl. Die Schmerzen im Unterleib verschmolzen mit dem Brennen des Stroms zu einem einzigen, dumpfen, überwältigenden Signal: „Zu viel. Zu viel. Zu viel.“ „Du glaubst immer noch, das hier geht um Schuld?“ sagte die Stimme. Sie beugte sich vor, so nah, dass er den Atem riechen konnte. „Das hier ist… eine Nachricht,“ flüsterte sie. „Für dich. Für deine Mutter. Für deinen lieben Superstar-Freund. Im neuen Jahr wird es Leichen geben.“ Sie wiederholte diesen Satz so ruhig, als würde sie das Wetter kommentieren. „Alles, was bis jetzt passiert ist – VR, Slackline, Autounfall, Rollstuhl, verbrannte Sachen, Wein-Exzesse – das war wirklich nur Vorspiel,“ fuhr sie fort. „Der Anfang vom Anfang. Heute kriegst du eine kleine Kostprobe. Damit du weißt, dass wir es ernst meinen.“ Sie richtete sich ein Stück auf, holte noch einmal aus und trat ihm wieder hart zwischen die Beine. Es brannte, stach, zog nach oben, als würde sein ganzer Bauch in sich zusammenfallen. Diesmal konnte er keinen Ton mehr formen. Sein Körper schaltete für einen Moment auf Überlebensmodus, blendet alles aus, was nicht absolut nötig war. Erling findet den Ort – keine Zeit mehr für Pläne
Währenddessen raste Erling durch die Stadt. Adrenalin verdrängte den Rest des Taserschmerzes. Seine Beine liefen schneller, als vernünftig war, die Lunge brannte, aber er blieb nicht stehen. Auf seinem Handy: der kleine Punkt, der sich nicht mehr bewegte. Industriegebiet, eine Reihe von Hallen, Parkplätze, Container. Er rannte um die Ecke einer Lagerhalle, sah: • genau den dunklen Kombi, • Kennzeichen teilweise wie in seinem Kopf, • leicht schief geparkt neben einer halb verrosteten Metalltür. Keine Polizei. Noch nicht. Er blieb stehen, atmete zwei-, dreimal tief durch. Nicht blind rein, erst hören, erst orientieren. Er schlich näher an die Tür, legte das Ohr an das kalte Metall. Er hörte gedämpfte Stimmen. Und dann, wie ein Stich durch alles andere hindurch: das Zzzzt eines Tasers und ein ersticktes Geräusch, halb Schrei, halb Keuchen. „Lukas,“ dachte er, und das war kein Gedanke mehr, sondern ein Befehl an seinen Körper. Er wählte mit einem Finger 110, flüsterte hastig den Standort ins Telefon, ließ die Verbindung offen, steckte das Handy in die Jackentasche, sodass der Notruf live mithörte. Dann drückte er vorsichtig an der Tür. Zu. Aber nicht abgeschlossen. Nur eingehakt. Er holte noch einmal Luft, zog die Tür langsam auf. Die Rettung – kein Filmheld, aber genug
Der Raum dahinter war dunkel, nur das eine Licht auf Lukas gerichtet, der auf dem Stuhl festgebunden war. Man sah: • seine blasse Haut, • die Tränen, • die verkrampften Beine, • die Kabelbinder an den Handgelenken. Und die Gestalt davor, mit dem Taser in der Hand. „Lukas!“ rief Erling, bevor er sich bremsen konnte. Die Gestalt fuhr herum. „Was zum…?“ begann sie. Das reichte Erling. Er packte den nächstbesten Gegenstand, der neben der Tür stand – eine schwere Metallstange, die offenbar mal Teil eines Regals gewesen war. Er stürmte vor, nicht elegant, nicht professionell, sondern mit der Wucht von jemandem, der gerade zusehen musste, wie sein bester Freund misshandelt wird. Er schlug nicht auf den Kopf, sondern auf den Arm, der den Taser hielt. Ein metallischer Klang, ein aufschreiender Schmerzlaut. Der Taser fiel zu Boden, funkte noch einmal kurz auf, rollte weg. „Du…!“ fauchte die Gestalt, griff nach Erling. Es entstand kein ausgefeilter Kampf, sondern ein chaotisches Ringen: • Fäuste, • Schultern, • Knie, • Schubsen, • Stolpern. Erling war immer noch geschwächt vom ersten Taser, aber er hatte gerade den Vorteil: Volle, brennende Wut. Er packte den Angreifer an der Kapuze, zog ihn herum, drückte ihn gegen eine der Betonwände. „Noch EIN Stromstoß, noch EIN Tritt, und ich schwöre dir, selbst deine Freunde werden dich nicht mehr wiedererkennen,“ knurrte er.
Die Gestalt versuchte, sich zu wehren, trat nach ihm, traf ihn halb am Bein. Erling ließ nicht los. Die Tür ging in diesem Moment ein zweites Mal auf. Lichtkegel von Taschenlampen, Stimmen: „POLIZEI! Hände hoch! Sofort!“ Die Gestalt erstarrte. Erling trat reflexartig einen Schritt zurück, hob die Hände. „Ich bin der, der angerufen hat!“ keuchte er. „Der da hat ihn entführt!“ Zwei Polizisten stürzten hinein, richteten ihre Lampen und Waffen auf die Szene. „Hinlegen!“ rief einer. Die Gestalt zögerte einen Augenblick zu lange, wurde daraufhin von einem der Beamten zu Boden gedrückt, Arme auf den Rücken, Handschellen klickten. Eine zweite Polizistin war schon auf dem Weg zu Lukas. Lukas wird losgebunden – und merkt erst dann, wie sehr alles weh tut „Alles gut, alles gut,“ sagte die Polizistin, als sie bei ihm ankam. „Ich bin hier. Ich löse das jetzt.“ Ihre Stimme war ruhig, professionell, ohne viel Emotion, aber das war gut. Kein Drama, keine Hysterie. Nur klarer Ablauf. Sie schnitt die Kabelbinder an seinen Handgelenken auf. Als die Spannung nachließ, merkte er erst, wie sehr seine Muskeln verkrampft gewesen waren. Das Blut schoss in die Hände zurück, die Finger kribbelten. Die Beine zitterten, der Unterleib schmerzte höllisch. Jede Bewegung ließ Wellen aus Schmerz durch seinen Körper laufen. „Kannst du stehen?“ fragte sie. Er versuchte, aufzustehen, torkelte, wäre fast gefallen. Erling war sofort da, trotz eigener Blessuren. „Ich hab dich,“ murmelte er, legte Lukas’ Arm über seine eigene Schulter, stabilisierte ihn. Lukas’ Kopf lehnte im nächsten Moment gegen Erlings Schulter. „Du… bist wirklich… da,“ flüsterte er benommen.
„Ich hab dir gesagt, ich lass dich nicht alleine,“ antwortete Erling, leise, aber fest. Die Mutter würde diesen Satz später noch und ihm im Kopf einrahmen.
Krankenhaus – kurze Pflicht, bevor es nach Hause geht Ein Rettungswagen wurde gerufen. Lukas kam auf eine Trage, Erling musste sich auch kurz von einem Sanitäter checken lassen, wegen des Tasers und der Prellungen. „Sie sind stabil,“ sagte der Sanitäter nach kurzem EKG und Blutdruckmessen. „Aber Sie haben mit Ihrem Kreislauf offensichtlich Überstunden gemacht. Setzen Sie sich hin, trinken Sie später viel Wasser, kein Alkohol, keine Aufregung – zumindest nicht noch mehr als heute.“ „Zu spät,“ murmelte Erling. Im Krankenhaus wurden Lukas’ Verletzungen untersucht: • Blutergüsse an den Beinen und der Seite, • deutliche Prellungen im Unterleib, • leichte Verbrennungsspuren an der Haut, dort, wo der Taser angesetzt worden war, • Kreislauf am Limit, • aber keine inneren Blutungen, keine gebrochenen Knochen. „Ihr Körper hat schon einiges mitgemacht in letzter Zeit,“ sagte der Arzt, nachdem er seine Akte überflogen hatte. „Er ist erstaunlich zäh. Aber zäh ist kein Grund, ihn ständig an die Grenze zu schieben.“ Lukas war zu müde zum Antworten. Er hörte Worte wie: • „Schmerzmittel“, • „Beobachtung“, • „körperliche Schonung“, • „in den nächsten Tagen keine großen Belastungen“. Dann die Frage: „Haben Sie jemanden, der Sie nach Hause begleiten kann?“ Lukas sah zur Seite. Da stand Erling. Noch immer leicht wackelig, aber mit klarem Blick. „Ja,“ flüsterte Lukas. „Hab ich.“ Nach Hause – andere Wunden, die niemand mit Röntgen sieht Später, als sie aus dem Krankenhaus entlassen brachte ein Taxi sie nach Hause. Die Mutter wartete schon im Hausflur. Als sie Lukas sah: • Verband an einer Stelle, • vorsichtige Schritte, • müdes Gesicht, • aber lebendig – lief in ihrem Blick eine komplette Sinuskurve aus Schock, Erleichterung und Wut. Sie schloss ihn vorsichtig in die achtete darauf, nicht auf die falschen Stellen zu drücken.
Lukas zitterte kurz, ließ den Kopf gegen ihre Schulter sinken. „Du lebst,“ flüsterte sie. „Du lebst.“ Er konnte nur nicken. Der Vater stand im Hintergrund, blasser als sonst, tatsächlich nüchtern. „Ich hab… für einen Moment gedacht, ich verliere dich,“ sagte er rau. „Nicht durch einen Unfall. Sondern durch… Menschen.“ Lukas sah ihn kurz an. Zwischen ihnen war viel kaputt, klar. Aber in diesem Moment war das nicht das Thema. „Ich bin noch da,“ murmelte er. Im Zimmer – Ruhe nach dem Sturm, vor dem nächsten Später, im Zimmer, lag Lukas halb auf dem Bett, halb gegen das Kissen gestützt. Eine Wärmflasche auf dem Unterbauch, ein Glas Wasser daneben. Erling saß auf der Matratze, eine Kühlpackung auf seinem Bein, wo der Taser ihn erwischt und der Kampf ihn weiter demoliert hatte. Sie sagten eine Weile nichts. Die Stille war nicht leer, sondern schwer. Aber nicht feindlich. „Tut’s sehr weh?“ fragte Erling irgendwann leise. Lukas lachte kurz ohne Humor. „Skala von 1 bis „VR-Brille mit meinen schlimmsten Erinnerungen“?“ fragte er zurück. „So ungefähr,“ meinte Erling. „Vielleicht… 7,“ sagte Lukas. „Körperlich. Aber…“ Er stockte. „…es war anders als damals,“ setzte er dann fort. „Damals war ich allein. Diesmal… bist du gekommen. Und die Polizei. Und ich sterbe nicht irgendwo anonym in einer Halle, während Patrik sich einbildet, er hätte gewonnen.“ Erling sah ihn an. „Er hat schon verloren,“ sagte er ruhig. „In dem Moment, in dem er dachte, er müsste jemanden entführen, um sich mächtig zu fühlen. Menschen, die das brauchen, sind innen drin hohl.“ Lukas schloss kurz die Augen. „Im neuen Jahr wird es Leichen geben,“ murmelte er, mehr zu sich selbst, die Worte des Entführers wiederholend. „Nicht, wenn wir was dagegen tun,“ sagte Erling. „Wir sind nicht mehr im ersten Akt. Wir sind nicht mehr seine stillen Opfer. Deine Mutter, deine Therapeutin, die Polizei – die wissen jetzt, dass das hier eine andere Dimension erreicht hat.“ Er legte eine Hand auf Lukas’ Unterarm – vorsichtig. „Und selbst wenn es dunkel wird,“ fügte er hinzu, „du gehst da nicht alleine durch. Egal, was Patrik sich einbildet.“ Draußen zog die Nacht über Mainz.
Drinnen, im Zimmer mit Wärmflasche, Verbänden und stillen Atemzügen, war es zum ersten Mal seit Langem gleichzeitig: • schmerzhaft, • erschöpft, • aber auch ein kleines Stück sicher. Lukas war nach Hause gekommen. Nicht unversehrt. Aber lebendig. Und auch wenn das Ultimatum noch wie ein Schatten über den kommenden Tagen hing, hatte er zumindest eins: Jemand, der ihm die Kabelbinder durchschneidet, wenn andere sie anlegen. Der dreiundzwanzigste Morgen fühlte sich an, als hätte die Nacht beschlossen, einfach im Körper sitzen zu bleiben. Morgen – Aufwachen mit Schmerz und Erinnerung Lukas wachte nicht langsam auf, sondern ruckartig. Ein Zucken im Unterleib, ein Brennen an der Seite, ein kurzer Strom von Angst, noch bevor die Augen richtig offen waren. Für einen Moment war er wieder: • in der Halle, • auf dem Stuhl festgebunden, • das Knistern des Tasers im Ohr, • der dumpfe Tritt in die Weichteile. Dann schob sich ein anderes Bild dazwischen: Sein Zimmer. Die vertraute Decke. Die Wärmflasche, inzwischen kalt, auf dem Bauch. Das gedämpfte Licht durch das Rollo. Erling, der auf der Matratze daneben lag, halb auf der Seite, mit einem Kühlpack neben dem Bein. Lukas atmete paarmal flach, versuchte, Gegenwart und Vergangenheit wieder zu sortieren. Ich bin zuhause. Nicht in der Halle. Nicht festgebunden. Ich kann mich bewegen. Wenn ich will. Er bewegte vorsichtig die Beine. Ein stechender Schmerz schoss durch den Unterleib, wie ein innerer Stromschlag ohne Elektrik. „Autsch…“ entwich es ihm leise. Erling blinzelte, drehte den Kopf. „Morgen,“ murmelte er heiser. „Wie fühlt sich deine persönliche Baustelle an?“ Lukas verzog den Mund. „Wie ein Stadionrasen nach einem Schneepflug,“ sagte er. „Alles noch da, aber ziemlich demoliert.“
Erling nickte langsam. „Immerhin lebt der Rasen,“ antwortete er. „Gestern war das nicht selbstverständlich.“ Küche – Tee, Schmerzmittel und der unausgesprochene Elefant Sie schleppten sich in die Küche. Die Mutter war schon wach, die Augen gerötet, aber klar. Man sah ihr an, dass sie kaum geschlafen hatte. Auf dem Tisch stand bereits: • Tee, • Wasser, • die Packung Schmerzmittel vom Krankenhaus, • ein Zettel mit Uhrzeiten, wann er was nehmen durfte. „Morgen,“ sagte sie leise. „Morgen,“ antwortete Lukas. Sie musterte ihn. Er stand etwas breitbeiniger als sonst, bewegte sich vorsichtig, fast steif. „Wenn du dich heute nicht aus dem Bett bewegst,“ sagte sie, „ist das völlig in Ordnung. Niemand erwartet, dass du nach Strom, Tritten und Entführung direkt wieder in die Hochschule rennst.“ Lukas blickte auf den Tisch. Auf die Tabletten. Auf den Zettel. Auf seine Hände. „Ich weiß,“ murmelte er. „Aber… ein Teil von mir will genau das. Nicht, weil es vernünftig ist. Sondern weil ich nicht möchte, dass Patrik gewinnt. Oder die, die er geschickt hat. Wenn ich heute liegen bleibe, hört mein Kopf nur: „Du bist ein Opfer, das sich verkriecht.““ Erling lehnte sich an den Türrahmen. „Zwischen „Opfer“ und „Vollidiot, der seine Rippe nochmal bricht“ gibt’s eine Menge Zwischenstufen,“ meinte er. „Man kann auch nur einen Kurs versuchen und notfalls abbrechen.“ Die Mutter atmete hörbar aus. „Was steht heute überhaupt an?“ fragte sie. „‚Introduction of Business‘,“ antwortete Lukas. „Also diese „Instruction of Business“Vorlesung, die sowieso schon… na ja… kompliziert ist. Der Dozent guckt mich an, als wäre ich ein laufender Fehler im System.“ „Die gleiche Truppe, die dich ausgelacht hat, als du mit Katheter zu spät kamst?“ fragte sie. „Genau die,“ nickte Lukas. Sie presste die Lippen zusammen. „Bist du sicher, dass du dir das heute geben willst?“ fragte sie. „Nach allem, was passiert ist?“ Lukas schwieg kurz. Dann hob er den Kopf. „Ich bin mir sicher, dass ich es versuchen will,“ sagte er. „Ob ich es danach bereue, entscheide ich später.“ Er nahm die Schmerztablette, spülte sie mit Wasser runter, wartete, bis sie etwas wirkte.
Die Mutter strich ihm kurz über den Rücken, vorsichtig, ohne die verletzten Stellen zu berühren. „Wenn irgendwas ist,“ sagte sie, „abrufen. Kein Heldentum. Kein „ich halte das schon aus“. Hältst du das aus?“ Er lächelte müde. „Versuch’s,“ sagte er. „Mit Backup.“ Erling hob demonstrativ die Hand. „Backup steht bereit,“ sagte er. „Auch wenn mein Bein noch etwas beleidigt ist vom Taser. Notfalls humpele ich mit dir zusammen raus.“ Fahrt zur Hochschule – jeder Schritt ein Kommentar Auf dem Weg zur Bahn merkte Lukas jeden Meter. Die Kälte ließ die Prellungen noch deutlicher spürbar werden. Jeder Schritt schickte ein dumpfes Echo nach oben. Er versuchte, halbwegs normal zu gehen, aber sein Körper verweigerte „normal“. „Ich seh aus, als wäre ich vom Training übelst gefoult worden,“ murmelte er. „Nur ohne, dass ich ein Spiel dafür bekommen hab.“ „In Fußballsprache,“ sagte Erling, „war das ein grobes Foul mit Rot, mindestes drei Spiele Sperre und Verfahren vorm Sportgericht.“ Sie stiegen in die Bahn. Lukas setzte sich vorsichtig, als wäre die Sitzfläche aus Glas. Ein paar Fahrgäste warfen kurze Blicke, so wie Menschen eben schauen, wenn jemand sich offensichtlich mit Schmerzen bewegt. Erling setzte sich neben ihn. „Hast du Angst vor der Vorlesung?“ fragte er direkt. Lukas dachte nicht lange nach. „Ja,“ sagte er. „Vor allem davor, dass sie wieder lachen. Und dass ich diesmal nicht nur emotional, sondern körperlich sofort merke, wie sehr mein Körper alles hasst.“ „Und vor dem Dozenten?“ fragte Erling. „Auch,“ antwortete Lukas. „Der sieht bei mir nicht den Menschen, sondern nur „den, der anders ist“.“ Erling kniff die Augen zusammen. „Vielleicht braucht der Mann jemanden, der ihm klar sagt, was er da eigentlich anrichtet,“ meinte er. „Mal sehen, ob ich heute die Geduld dafür habe.“ Ankommen – Flur, Blicke, Flüstern Die Hochschule wirkte wie immer: • Glas, • Beton, • Studenten mit Laptops, • Plakate für Hochschulgruppen, • der Geruch von Kaffee aus dem Automaten. Für Lukas fühlte sich alles anders an. Jede Tür war ein potenzieller Jede Ecke ein Ort, an dem jemand stehen und Die Erinnerung an den dunklen Kombi lag knapp unter der Oberfläche.
Fluchtweg. warten könnte.
„Ich bin hier,“ sagte Erling leise, während sie den Flur entlanggingen. „Wenn du unterwegs einfrierst, sag Bescheid.“ Sie erreichten den Vorlesungssaal für „Introduction of Business“. Vor der Tür standen bereits einige Kommiliton*innen. Lachen, gesenkte Köpfe über Handys, Rucksäcke am Boden. Ein paar Blicke wanderten zu Lukas. Er spürte die Augen auf sich, wie Nadeln. Einer flüsterte: „Guck mal, der da… ist das nicht der mit dem Katheter? Der, wo der Beutel mal…“ Das restliche Wort ging im Gekicher seiner Freunde unter. Eine andere Stimme, halblaut: „Der läuft, als hätte er auf dem Rückweg vom Oktoberfest ordentlich kassiert…“ Lukas’ Gesicht wurde heiß. Sein Unterleib schmerzte stärker, als hätte der Kommentar den Schmerz verstärkt. Er senkte kurz den Blick, atmete tief durch. „Lukas,“ murmelte Erling, „du musst dich hier vor niemandem rechtfertigen. Nicht für Katheter. Nicht für Verletzungen. Die hätten mal eine Nacht in deiner Haut verbringen sollen, bevor sie lachen.“ Die Tür wurde geöffnet. Die Studierenden schoben sich in den Saal. Die Vorlesung – Bühne für Demütigung Der „Introduction of Business“-Dozent war bereits da. Mittleres Alter, Saumakkurat, Brille, Laptops ins Publikum, statt Tafelkreide. Er sah kurz hoch, als Lukas und Erling reinkamen. Nur ein paar Sekunden, aber Lukas spürte den Scan: • die vorsichtigen Schritte, • der leicht verspannte Gang, • die müden Augen. Sie setzten sich in eine der mittleren Reihen, nicht ganz hinten, aber weit weg von der ersten Bank. Der Dozent begann seine Routine. „Guten Morgen,“ sagte er. „Heute machen wir weiter mit den Grundlagen von Geschäftsmodellen…“ Auf der Leinwand erschienen Folien. Worte, Kästchen, Pfeile. Lukas versuchte, sich zu konzentrieren. Aber hinter ihm flüsterte jemand: „Ey, frag mal, ob er ein Geschäftsmodell für seine Beutel hat…“
Kichern. „Vielleicht kann er ja eine Firma gründen für „mobile Entleerungsstationen“.“ Noch mehr Gelächter. Ein anderer flüsterte: „War der nicht gestern in irgendwelchen Polizeiautos unterwegs? Hab gehört, der hatte wieder Drama.“ Die Worte waren nicht laut, aber eindeutig auf ihn bezogen. Lukas’ Nacken zog sich zusammen. Er fühlte, wie sein Gehirn zwei Ebenen gleichzeitig fahren musste: • Inhalt der Vorlesung, • Abwehr der Demütigung. Der Dozent warf ein genervtes: „Ruhe, bitte. Wir haben keine Zeit für Privatthemen.“ Aber im Ton lag kein Schutz, nur genervte Autorität. Die Witze verstummten nicht, sie wurden nur leiser. Der Tropfen, der das Fass überlaufen lässt Nach etwa zwanzig Minuten machte der Dozent eine kurze Fragerunde. „Wer kann mir sagen,“ fragte er, „was wir unter einem Stakeholder verstehen?“ Stille. Der Dozent sah in die Runde. „Niemand?“ fragte er. „Gut, dann frage ich jemanden direkt.“ Sein Blick wanderte durch den Saal. Blieb auf Lukas hängen. „Herr…“ – er nannte Lukas’ Nachnamen, „wie wäre es mit Ihnen? Vielleicht konzentrieren Sie sich dann mehr auf den Stoff als auf…“ Er machte eine kleine Pausenhandbewegung, „…äußere Umstände.“ Ein paar leise Lacher. Lukas’ Herz schlug bis zum Hals. Er wusste die Antwort. Er hatte das schon mal gelernt. Aber sein Kopf war so voll: • Entführung, • Taser, • Tritte, • Stimmen, • das Kichern hinter ihm. Die Worte wollten nicht aus dem mentalen Regal. „Stakeholder… sind…“ begann er, spürte, wie ihm heiß wurde. „…Personen oder Gruppen, die… äh… ein Interesse an einem Unternehmen haben…“ Hinter ihm flüsterte jemand: „Wie ein vollgepisster Sitz in der Hochschule hat Interesse an ihm…“ Kichern. „…und… äh… die von Entscheidungen des Unternehmens betroffen sind,“ brachte er trotzdem noch heraus. Die Antwort war richtig.
Der Dozent nickte knapp. „Grundsätzlich richtig,“ sagte er. „Es wäre schön, wenn Sie sich in Zukunft etwas früher melden, statt nur zu schweigen und dann über andere Dinge nachzudenken.“ Wieder dieses kleine, spitze Grinsen. Wieder ein paar Lacher. Einer direkt hinter Lukas raunte: „Der denkt wahrscheinlich drüber nach, wann er das nächste Mal in die Hose macht.“ Das Lachen war jetzt offener. Da riss bei Erling etwas. Erling explodiert – und meint das diesmal wörtlich Erling hatte bisher geschwiegen. Er hatte: • die Sprüche gesammelt, • die Blicke registriert, • die Kommentare zur Kathetervergangenheit gehört, • den Ton des Dozenten analysiert. Sein Gesicht war immer angespannter geworden. Jetzt schnappte etwas in ihm. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Der Knall hallte durch den Saal. Mehrere Köpfe fuhren herum. „Reicht’s langsam?!“ fuhr er in den Raum. Der Dozent blinzelte irritiert. „Bitte?»“, sagte er. „Haben Sie etwas Konstruktives zur Vorlesung beizutragen?“ „Ja,“ sagte Erling, laut, klar, ohne Nervosität. „Respekt. Das wäre mal konstruktiv.“ Er stand auf. „Seit Wochen,“ fuhr er fort, „muss sich dieser Mensch hier“ – er zeigte auf Lukas – „anhören, er wäre „komisch“, „eklig“, „lustig wegen Katheter“, „lustig wegen Urinbeutel“. Er wird von Kommilitonen ausgelacht, von einer Dozentin aufgefordert, in die Hose zu machen, und Sie jetzt hier meinen, Sie müssten noch einen draufsetzen mit diesem „konzentrieren Sie sich mal“-Unterton.“ Der Raum wurde stiller. Einige sahen plötzlich sehr aufmerksam auf ihre Laptops. Andere starrten mit großen Augen nach vorne. Der Dozent räusperte sich. „Ich weiß nicht, was Sie…“ begann er. Erling unterbrach ihn. „Sie wissen es nicht,“ sagte er. „Das ist das Problem. Keiner von euch hat auch nur annähernd eine Ahnung, was Lukas in den letzten Wochen erlebt hat.“ Er hob die Hand und zählte auf: „Entführt. Mit Strom gequält. In den Unterleib getreten, bis er kaum laufen kann. VR-Brille mit seinen schlimmsten Erinnerungen. Slackline-Unfall. Autounfall. Ein Vater, der seine Sachen anzündet. Eine Dozentin, die sein Trauma für ihren Machtkick benutzt. Ein Cousin, der ihn zerstören will.
Und als Sahnehäubchen sitzt er hier, versucht, normal an einer Vorlesung teilzunehmen, während ihr euch benehmt wie auf einem Pausenhof im ersten Schuljahr.“ Ein paar Gesichter verzogen sich. Scham, Abwehr, Genervtheit, alles gemischt. „Das ist jetzt aber sehr dramatisch,“ versuchte der Dozent zu beschwichtigen. „Wir sind hier nicht in einem…“ „Doch,“ schnitt Erling ihm das Wort ab. „Genau da sind wir. In einem Drama. In einem, das ihr gerade aktiv verschlimmert.“ Seine Stimme wurde lauter. „Ihr lacht über Katheter,“ sagte er. „Wisst ihr, warum der Katheter da war? Weil sein Körper durch Medikamente, Eingriffe und Stress nicht mehr normal funktioniert hat. Wisst ihr, was ihr damit macht, wenn ihr darüber Witze reißt? Ihr tretet auf jemanden ein, der sowieso schon am Boden liegt. Und dann wundert ihr euch, warum Leute irgendwann durchdrehen oder nicht mehr kommen.“ Er sah direkt zum Dozenten. „Und Sie,“ sagte er, „haben die Verantwortung, den Rahmen zu setzen. Aber statt einzugreifen, wenn über einen einzelnen Studenten gelacht wird, machen Sie sich indirekt zum Teil des Witzes. „Konzentrieren Sie sich mal…“, „äußere Umstände“… Wissen Sie, was seine „äußeren Umstände“ sind? Taser. Krankenhaus. Polizeiverhör. Aber ja, lassen Sie uns alle so tun, als wäre er nur „ein bisschen empfindlich“.“ Der Dozent wurde rot im Gesicht. „Ich lasse mir von einem Studenten nicht…“ setzte er an. „Dann lassen Sie sich wenigstens von Ihrer eigenen Berufsbezeichnung etwas sagen,“ knurrte Erling. „Dozent. Bildung. Vorbildfunktion. Das hier ist kein Kabarett.“ Er griff nach Lukas’ Rucksack. „Wir sind hier fertig,“ sagte er. Er drehte sich zu Lukas. „Komm,“ sagte er leiser. „Wir verschwenden hier Gehirnzellen. Wir gehen in die Bibliothek. Da lachen die Bücher nicht über deinen Katheter.“ Lukas starrte ihn an. Zwischen Scham, Überforderung, Erleichterung und Angst war alles in ihm gleichzeitig. „Aber…“ setzte er an. „Keine Diskussion,“ sagte Erling. „Du musst dir das nicht geben.“ Er packte seine eigene Tasche, legte Lukas’ Rucksack ihm vorsichtig über die Schulter, achtete darauf, nicht die verletzten Stellen zu berühren. Der Ausstieg – eine stille Revolte „Herr…“ – der Dozent versuchte noch einmal, Erling zu stoppen. „Wenn Sie jetzt gehen, verpassen Sie wichtige Inhalte.“ Erling blieb kurz im Gang stehen, drehte sich halb um. „Wichtiger Inhalt ist gerade,“ sagte er, „dass Lukas lernt, dass er nicht in jedem Raum bleiben muss, in dem er fertiggemacht wird.“ Er zuckte mit der Schulter. „Geschäftsmodelle kann man nachlesen,“ fügte er hinzu. „Die Lektion, dass man aufstehen und gehen darf, wenn man respektlos behandelt wird, ist etwas, was ihm nie jemand beigebracht hat. Also machen wir das jetzt.“ Er drehte sich endgültig um. Lukas stand langsam auf. Ein kleiner, kaum hörbarer Schmerzlaut entwich ihm,
als er das Gewicht verlagerte. Ein Autor in ihm flüsterte: Danke, Schmerzmittel, dass du überhaupt ein bisschen arbeitest. Er spürte die Blicke im Rücken. Ein paar sahen erschrocken aus. Einige verlegen. Einige abwehrend, nach dem Motto: „Jetzt übertreibt der da vorne.“ Niemand sagte etwas offen. Sie gingen die Stufen runter, durch die Reihe, zur Tür. Kein Applaus. Kein offener Protest. Nur eine Stille, in der man hören konnte, wie sich bei einigen das erste Mal so etwas wie Nachdenken meldete. Flucht in die Bibliothek – und ein stiller Zusammenbruch Auf dem Flur war es ruhiger. Die Tür fiel hinter ihnen zu, als hätten sie einen anderen Planeten betreten. Lukas blieb erst mal stehen, stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. „Das war…“ begann er, merkte, wie die Anspannung, die ihn die ganze Vorlesung über zusammengehalten hatte, zu bröckeln begann. Sein Brustkorb zitterte. Die Beine fühlten sich plötzlich weich an. Er schluckte mehrfach, um nicht direkt loszuheulen. Erling drehte sich zu ihm, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Atmen,“ sagte er leise. „Ein. Aus. Kein Taser. Kein dunkler Raum. Nur ein beschissener Hörsaal, den wir gerade verlassen haben.“ Lukas lachte nervös, ein Lachen, das halb schon in Tränen überging. „Du hast eben… den ganzen Hörsaal angeschrien,“ murmelte er. „Ja,“ sagte Erling ohne Reue. „War überfällig.“ „Jetzt… hassen sie mich noch mehr,“ flüsterte Lukas. „Vielleicht,“ antwortete Erling. „Oder sie fangen an, sich zu fragen, warum jemanden entführen und tasern konnte, und trotzdem keiner gemerkt hat, wie schlecht es dir geht. Und wenn sie dich dafür hassen, dass du nicht mehr der perfekte Fußabtreter bist – ihr Problem.“ Sie gingen weiter, Richtung Bibliothek. Lukas’ Schritte wurden langsamer, aber sicherer. Die Bibliothek empfing sie wie immer: • warm, • gedämpft, • voller Papier und Flüstern.
Sie suchten sich denselben Platz wie am Vortag. Lukas sank vorsichtig auf den Stuhl, legte die Hände auf die Tischkante, um etwas Festes zu spüren. Erling setzte sich ihm gegenüber. Einen Moment lang sahen sie sich nur an. Dann riss bei Lukas der letzte Rest Halten. Die Tränen kamen, nicht laut, aber unaufhaltsam. Kein dramatisches Schluchzen, sondern dieser leise, erschöpfte Strom, wenn der Körper kapituliert. „Ich kann nicht mehr,“ flüsterte er. „Nicht noch mehr MSP, nicht noch mehr „mach in die Hose“, nicht noch mehr Lachen, nicht noch mehr „du übertreibst doch“. Ich bin müde.“ Erling schob ihm ein Taschentuch hin. „Du darfst müde sein,“ sagte er. „Dein Leben war die letzten Wochen wie eine Serie, bei der jeder denkt, man könne noch eine Extrafolge Trauma dazuschreiben. Irgendwann ist Schluss.“ Er wartete, bis Lukas etwas ruhiger wurde. „Aber eine Sache,“ fügte er dann leise hinzu, „machst du gerade richtig: Du gehst nicht mehr allein in diese Räume. Und du bleibst nicht mehr drin, wenn sie dich zerstören. Das ist ein Anfang.“ Lukas wischte sich die Augen. „Glaubst du,“ fragte er mit brüchiger Stimme, „dass das irgendwann besser wird? Dass ich irgendwann in eine Vorlesung gehen kann, ohne dass jemand „Katheter“ oder „Urinbeutel“ ruft oder mich entführen will?“ Erling dachte kurz nach. „Ich glaube,“ sagte er dann langsam, „dass es nicht magisch besser wird. Aber ich glaube, dass du irgendwann an einem Punkt bist, an dem du so viele Verbündete hast – Therapeutin, Assistenz, Anwältin, vielleicht andere Studierende –, dass diejenigen, die lachen, die Minderheit sind. Und dass du lernen wirst, viel früher aufzustehen und zu gehen. So wie heute.“ Er lehnte sich zurück. „Und ich glaube,“ fügte er hinzu, „dass du unterschätzt, wie stark du bist. Nicht stark im „Ich halt alles aus“-Sinn. Sondern stark im „Trotz allem existiere ich weiter“-Sinn.“ Lukas atmete durch. Der Schmerz war noch da. Die Angst vor Patriks Ultimatum auch. Die Wut auf die Dozenten sowieso. Aber inmitten von allem war da auch etwas anderes: Ein kleines, hartnäckiges Stück Widerstand. An diesem Morgen des dreiundzwanzigsten Tages war er: • entführt worden, • gefoltert worden, • wieder nach Hause gekommen, • trotzdem in die Hochschule gegangen, • ausgelacht worden,
und am Ende die ihm mehr schadete als half.
Und diesmal war er nicht alleine durch die Tür gegangen. Der dreiundzwanzigste Tag war bis zum späten Vormittag schon mehr als genug gewesen. Entführung, Folter, Krankenhausnachklang, eine demütigende Vorlesung und ein spontaner Befreiungsmonolog von Erling in „Introduction of Business“ – normal war das alles nicht. Und trotzdem stand jetzt etwas an, das fast wie ein ganz gewöhnlicher Dezembermittag wirkte. Nach der Bibliothek – der Entschluss, nicht alleine zu bleiben In der Bibliothek hatte Lukas sich ausgeheult. Nicht laut, nicht dramatisch, aber echt. Die Tränen waren irgendwann weniger geworden, die Atmung ruhiger, das Zittern etwas schwächer. Erling saß ihm gegenüber, hatte irgendwann nur noch schweigend dagestanden, die Ellbogen auf dem Tisch, den Kopf in die Hände gestützt, als würde er aufpassen, dass die Welt nicht wieder einstürzt. „Ich glaube,“ murmelte Lukas nach einer Weile, „ich brauch jetzt einen Ort, der nicht nach Beton, Polizei oder Powerpoint riecht.“ Erling nickte. „Einverstanden,“ sagte er. „Bibliothek hat ihren Job getan. Was jetzt? Couch? Zimmer? Tee?“ Lukas zögerte. „Weihnachtsmarkt,“ sagte er dann leise. „Mit Mama. Nur kurz. Fisch.“ Erling blinzelte überrascht. „Fisch?“ fragte er. „Fischstand,“ präzisierte Lukas. „Das ist irgendwie… Tradition. Heiligabend, Fisch. Weihnachtsmarkt, Fischbrötchen. Etwas, das sich nach unserer Familie anfühlt und nicht nach Patrik.“ Er hole sein Handy raus, tippte eine Nachricht an seine Mutter: Lukas: „Bin in der Hochschule durch für heute. Können wir später auf den Weihnachtsmarkt gehen? Nur du und ich. Fisch essen. Ich brauch was „Normales“.“ Die Antwort kam schneller, als er erwartet hatte: Mutter: „Ja. Ich komme dich abholen. Hauptbahnhof-Eingang Weihnachtsmarkt, 13:15 Uhr? Und keine Sorge – heute gibt es nur Backfisch, keine Katastrophen.“ Lukas atmete aus. Ein bisschen Spannung wich aus seinen Schultern. „Sie kommt,“ sagte er. „Gut,“ meinte Erling. „Ich begleite dich bis zur Haltestelle und dann lass ich euch euren Mutter-Sohn-Moment. Nach heute Morgen habt ihr euch den verdient.“ Ankunft am Weihnachtsmarkt – andere Stimmung, gleiche Lichter Pünktlich um kurz nach eins stand Lukas am Eingang des Weihnachtsmarktes am Bahnhof.
Er hatte sich langsam hingeschleppt. Jeder Schritt erinnerte daran, was am Vortag mit seinem Körper passiert war: Taser, Tritte, kalter Betonboden. Aber der Markt war da, wie am Tag zuvor: • Lichterketten, • Holzbuden, • der Geruch von Zucker, Fett und Rauch, • Menschen mit Schals und Mützen, • Kinder, die an den Händen ihrer Eltern zerrten. Nur Erling fehlte diesmal an seiner Seite. Er hatte ihn am Eingang abgesetzt. „Ich bin später zu Hause,“ hatte er gesagt. „Ich brauch kurz Ruhe im Kopf. Aber wenn irgendwas komisch ist – anrufen. Sofort.“ Jetzt stand Lukas allein da, die Hände tief in den Jackentaschen, die Schritte etwas breitbeinig, der Magen vorsichtig, der Kopf voll. Dann sah er sie. Die Mutter kam aus Richtung der Straßenbahnhaltestelle: • dicke Winterjacke, • eine Mütze, die sie sonst nur an besonders kalten Tagen trug, • Tasche über der Schulter, • der Blick suchend, • und als sie ihn sah, weich, aber auch mit dieser Spannung, die man hat, wenn man ein Kind anschaut, das gestern fast nicht mehr nach Hause gekommen wäre. Sie blieb vor ihm stehen. „Na, mein Kämpfer,“ sagte sie leise. „Eher mein angeknackster Beta-Version-Prototyp,“ murmelte er. Sie schnaubte kurz. „Du bist lebendig,“ antwortete sie. „Damit fängt alles an.“ Der Gang durch den Markt – mit Sicherheitsabstand Sie gingen gemeinsam durch den Eingang. Die Geräusche prallten gegen Lukas’ Sinne: • Kinderlachen, • Weihnachtslieder aus Lautsprechern, • das Klirren von Tassen, • Stimmen, die durcheinanderredeten. Ein Teil von ihm wollte sofort So viele so viele so viele potenzielle Gefahren. Aber ein anderer Teil hielt ihn hier: • der Duft von Fisch und Bratkartoffeln, • die Erinnerung an frühere Jahre, • seine Mutter neben ihm.
umdrehen. Menschen, Bewegungen,
Sie stellte sich ganz bewusst auf seine „verletzte“ Seite, damit niemand ihn von der anderen Richtung unbewusst anrempeln konnte. „Wenn es zu viel wird,“ sagte sie, „sag ein Wort. Wir drehen sofort um. Ich will nicht, dass du dich hier durchquälst, nur weil „man“ das so macht.“ „Heute ist alles freiwillig,“ murmelte Lukas. „Sogar das Atmen.“ Sie schlenderten am Rand entlang, nicht mitten durchs Gedränge. An den Glühweinständen gingen sie relativ schnell vorbei. Der Geruch von heißem Wein und Alkohol traf Lukas wie eine Erinnerungskugel: • der Vater mit seinem zwanzigsten Wein, • das brennende Stammlokal, • seine eigene Kotze im Bad, • der Müllsack voller Flaschen. Sein Magen zog sich kurz zusammen. Die Mutter merkte es. „Hier ist die Alkohol-Ecke,“ sagte sie nüchtern. „Wir gehen weiter. Heute sind wir im Fischviertel.“ Er musste trotz allem leicht grinsen. Der Fischstand – vertrauter Ort in einem fremdgewordenen Leben Sie kamen zu dem Stand, den Lukas gesucht hatte. Er stand jedes Jahr an fast der gleichen Stelle: • blau-weiße Markise, • auf dem Schild stand „Backfisch & Fischbrötchen“, • dahinter eine ältere Frau und ein Mann, beide mit Schürze, beide mit den festen, routinierten Bewegungen von Leuten, die seit Jahren auf Weihnachtsmärkten arbeiteten. Der Geruch: • gebratener Fisch • etwas Öl, • Zitronensaft, • dazu Brötchen, die in einem Korb lagen. Die Mutter schaute ihn an. „Du bestellst,“ sagte sie sanft. „Das ist dein Moment.“ Lukas trat einen Schritt vor. Sein Herz klopfte kurz schneller, als müsste er eine Prüfung bestehen. „Ein Backfisch mit Kartoffelsalat, bitte,“ sagte er, die Stimme etwas leise, aber klar. „Und für mich ein Fischbrötchen mit Matjes,“ ergänzte die Mutter. Die Frau hinterm Tresen lächelte. „Kommt sofort,“ sagte sie, als wäre das nichts Besonderes. Wie sollte sie auch wissen, dass dieser Satz für Lukas gerade eine Art Rettungsleine war. Sie traten einen halben Schritt zur Seite, warteten. „Früher,“ sagte Lukas leise, „haben wir hier jedes Jahr gegessen.“
„Ja,“ nickte die Mutter. „Auch als du kleiner warst. Du hast damals schon Backfisch geliebt. Außer wenn noch die Haut dran war. Erinnerst du dich? Dann hast du sie wie ein Chirurg mit der Gabel abgezogen.“ Lukas zog eine Augenbraue hoch. „Das klingt nach mir,“ murmelte er. Essen im Stehen – und im Kopf sitzt die Entführung Sie bekamen ihre Teller: • sein Backfisch goldbraun, daneben Kartoffelsalat, • ihr Fischbrötchen, Matjes, Zwiebeln, Salatblatt. Sie suchten sich einen Stehtisch am Rand, nicht mitten drin, wo das Gedränge sie ständig touchieren würde. Lukas nahm den ersten Bissen. Die Panade knusprig, das Fischfleisch zart, der Kartoffelsalat leicht säuerlich. Der Magen reagierte vorsichtig. Ein kurzer Impuls: „Zu viel, zu fett“, aber dann beruhigte er sich. „Okay,“ murmelte Lukas nach dem zweiten Bissen, „mein Körper akzeptiert es. Wir haben einen Waffenstillstand: Du gibst mir Nahrung, ich kotze nicht.“ Seine Mutter lächelte kurz, wurde dann wieder ernster. „Erzähl mir vom Vormittag,“ sagte sie, während sie an ihrem Brötchen kaute. „Ich hab von der Polizei noch mal einen groben Bericht bekommen, aber ich will es von dir hören. Nur das, was du sagen kannst.“ Lukas starrte einen Moment auf seinen Teller. „MSP ist ausgefallen,“ begann er. „Also eigentlich war das schon gestern Chaos genug. Heute war „Introduction of Business“. Die gleichen Leute wie immer. Die gleichen Sprüche. Ich hab versucht, mich zu konzentrieren. Dann hat der Dozent mich drangenommen, so halb spitz, und hinter mir ging wieder dieses Geschnatter los: Katheter, Urinbeutel, „mal sehen, wann er wieder in die Hose macht“…“ Er hielt kurz inne. „Ich hab die Frage richtig beantwortet,“ fuhr er fort. „Aber es war, als würde ich in einem Raum stehen, in dem ich gleichzeitig die richtige Antwort gebe und trotzdem falsch bin, einfach weil ich existiere.“ Die Mutter kaute kurz, legte das Brötchen dann ab. „Und dann?“ fragte sie. Ein kleines, bitteres Lächeln glitt über Lukas’ Gesicht. „Dann ist Erling explodiert,“ sagte er. „Hat mitten im Hörsaal den Tisch gehauen, die ganze Klasse zusammengefaltet und den Dozenten gleich mit. Hat aufgezählt, was mir alles passiert ist. Dass ich entführt wurde, getasert, getreten. Dass ihr Rollstuhl angezündet wurde, dass die VR-Brille mich traumatisiert hat, dass Patrik mich fertig macht, dass die Dozentin mich aufgefordert hat, in die Hose zu machen.“ Die Mutter zog scharf die Luft ein. „Das hat er?“ fragte sie leise.
„Ja,“ antwortete Lukas. „Laut. Vor allen.“ Er schob ein Stück Backfisch über den Teller, als müsse er seine Gedanken sortieren. „Ein Teil von mir wollte ihn anschreien: „Hör auf, du machst alles schlimmer, jetzt hassen sie mich endgültig.“ Ein anderer Teil wollte ihn umarmen. Und ein dritter Teil war einfach zu müde, um irgendwas zu fühlen.“ „Und dann seid ihr gegangen?“ fragte sie. „Ja,“ nickte er. „Er hat meinen Rucksack genommen, gesagt „wir verschwenden hier Gehirnzellen“ und mich einfach mit rausgezogen. Ich hab mich zum ersten Mal nicht schuldig gefühlt, einen Raum zu verlassen, in dem ich fertiggemacht werde.“ Die Mutter schwieg einen Moment. Ihre Augen glänzten. „Ich bin ihm dankbar,“ sagte sie schließlich. „Mehr, als ich in Worten sagen kann. Und gleichzeitig tut es mir weh, dass es überhaupt so weit kommen musste.“ Fisch und Wahrheit – ein Gespräch ohne Fluchtweg Lukas aß weiter, langsam, zwischen den Sätzen. „Weißt du, was das Schlimmste ist?“ fragte er leise. „Dass ich mich trotzdem frage, ob ich übertreibe. Ob ich wirklich so schlimm behandelt werde oder ob ich einfach nur empfindlich bin.“ Die Mutter stellte ihren Teller ab. „Nein,“ sagte sie ruhig, aber fest. „Du übertreibst nicht. Du wirst wirklich so schlimm behandelt. Von Patrik. Von der Dozentin. Von einigen in der Hochschule. Das ist keine Überempfindlichkeit. Das ist Gewalt. Manchmal subtil, manchmal nicht.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Weißt du, was Übertreibung wäre?“ fuhr sie fort. „Wenn du behaupten würdest, die Welt wäre perfekt und niemand würde dir je wehtun. Das wäre gelogen.“ Lukas schluckte. „Manchmal hab ich das Gefühl,“ sagte er, „dass ich allen nur Probleme mache. Dir, Erling, der Polizei, meiner Therapeutin. Als würde ich ein schwarzes Loch sein, das alle reinzieht.“ Die Mutter lehnte sich leicht nach vorne. „Du bist kein schwarzes Loch,“ sagte sie. „Du bist eher… ein System, in das viel zu oft falsche Programme geladen wurden.“ Er blinzelte irritiert. „Was?“ fragte er. „Patrik, dein Vater, die alten Mobber, die Dozentin – die haben dir immer wieder eingebläut, dass du es nicht wert bist, dass du „störst“, dass du „zu empfindlich“ bist,“ erklärte sie. „Das sind Viren im System. Du bist nicht der Virus. Du bist der Rechner, der versucht, trotz allem noch zu laufen.“ Er sah sie an. Der Satz rutschte direkt in die Kategorie der Dinge, die er lange brauchen würde, um sie ganz zu glauben, aber die sofort etwas in ihm berührten. Ein kurzer Moment von „früher“ – Erinnerungen an Fisch-Weihnachten Eine Weile aßen sie schweigend weiter. Die Geräusche des Marktes gingen an ihnen Lachen,
Klingeln, Musikfetzen. „Weißt du noch,“ sagte die Mutter irgendwann, „wie du mit acht hier standest und unbedingt wusstest, welche Fischsorten es sind? Und der Mann hinterm Tresen dir dann alle aufgezählt hat, und du sie monatelang wiederholen konntest?“ Lukas lächelte schwach. „Seelachs, Kabeljau, Scholle, Matjes, Lachsforelle…“ murmelte er automatisch. „Genau,“ nickte sie. „Dein Gehirn war schon immer gut darin, Dinge zu speichern. Leider auch die falschen Sätze von falschen Menschen.“ „Ist das nicht bei allen so?“ fragte er. „Vielleicht,“ sagte sie. „Aber du spürst alles stärker. Und du merkst dir auch Dinge, die andere vergessen. Deswegen müssen wir die guten Sachen bewusst füttern, damit sie nicht untergehen.“ Sie deutete auf seinen Teller. „Zum Beispiel den Geschmack von Backfisch an einem Tag, an dem du trotz allem hier stehst. Und nicht mehr in der Halle gefesselt bist.“ Lukas sah auf den Fisch. Er nahm noch einen Bissen. Der Geschmack war derselbe wie früher. Aber der Kontext war ein völlig anderer. Früher: Fisch, weil Weihnachtsmarkt schön. Heute: Fisch, weil er beweisen wollte, dass Patrik nicht alles zerstört. Ein unausgesprochenes Versprechen – und ein Plan „Die Polizei arbeitet,“ sagte die Mutter irgendwann, niedriger, fast verschwörerisch. „Sie haben gestern nicht nur den Typen eingesackt, der dich getasert hat. Sie schauen sich auch an, wer dahinter steckt.“ Lukas’ Magen krampfte kurz. „Wenn sie beweisen, dass Patrik…“ begann er. „Dann ist das nicht deine Schuld,“ unterbrach sie ihn sofort. „Niemand zwingt ihn, Menschen zu verletzen. Er entscheidet sich jedes Mal dafür. Seine Texte sind seine. Seine Taten auch. Nicht deine.“ Sie holte kurz Luft. „Ich werde außerdem an die Hochschule schreiben,“ fügte sie hinzu. „Nicht hysterisch, nicht aus Wut, sondern strukturiert. Dass du entführt wurdest. Dass es einen Polizei-Einsatz gab. Dass du trotzdem versuchst zu kommen. Und dass die Art, wie einige Dozenten mit dir umgehen, nicht akzeptabel ist.“ Lukas starrte sie an. „Das… wird Ärger geben,“ murmelte er. „Vielleicht,“ sagte sie. „Oder vielleicht wird es das erste Mal sein, dass jemand im System registriert: „Da ist jemand, der nicht einfach nur „kompliziert“ ist, sondern angegriffen wird.““ „Und wenn sie denken, ich wäre nicht studierfähig?“ flüsterte er. „Dann nehmen wir uns die Zeit, die du brauchst,“ antwortete sie ruhig. „Nicht um aufzugeben. Sondern um Bedingungen zu schaffen, unter denen du überhaupt eine Chance hast. Mit Nachteilsausgleich, mit klaren Regeln, mit Grenzen. Kein Studium der Welt ist es wert, dass du noch einmal gefesselt irgendwo aufwachst.“ Lukas schluckte schwer.
Ein Teil von ihm wollte widersprechen, alles verteidigen, sagen: „Ich muss das schaffen, sonst bin ich nichts wert.“ Ein anderer Teil war einfach nur froh, dass jemand anderes mit ihm gemeinsam das Wort „Grenze“ in den Mund nahm. Der Rückweg – nicht geheilt, aber gehalten Sie aßen ihre Teller leer, so weit es ging. Lukas ließ etwas Kartoffelsalat und ein Stück Panade liegen. Er zwang sich nicht, alles aufzuessen. Sein Körper hatte genug. „Bereit für den Rückzug?“ fragte seine Mutter, als er das Besteck beiseitelegte. „Ja,“ sagte er. Sie gingen zurück zum Ausgang, wieder am Rand, wieder mit ihr auf seiner verletzten Seite. Ein letztes Mal atmete er den Geruch des Marktes ein: • Fisch, • Mandeln, • Glühwein, • Zucker, • Rauch. „Weißt du,“ sagte er, kurz bevor sie den Markt verließen, „gestern war ich hier und hab fast nur an Gefahr gedacht. Heute denke ich wenigstens zur Hälfte an Backfisch.“ „Das nennt man Fortschritt,“ meinte sie sanft. „Langsamen Fortschritt,“ murmelte er. „Die Welt ist voll mit Leuten, die schnell irgendwo hinlaufen und dabei alles kaputt treten,“ sagte sie. „Langsam und aufmerksam ist mir tausendmal lieber.“ Zuhause – ein anderer Nachgeschmack als sonst Zuhause stellte Lukas die Schuhe ordentlich hin, hängte die Jacke auf. Der Vater saß auf dem Sofa, als sie reinkamen. Er schaute kurz hoch. „Fisch?“ fragte er, als er den Geruch wahrnahm. „Ja,“ sagte Lukas. „Weihnachtsmarkt.“ Der Vater nickte langsam. „Gut,“ sagte er nur. „Fisch ist besser als Wein.“ Es war kein perfekt formulierter Satz. Aber für ihn war es ein halbes Eingeständnis, dass er begriffen hatte, wie weit er selbst gegangen war. Lukas ging in sein Zimmer. Er legte sich vorsichtig aufs Bett, die Wärmflasche wieder auf dem Bauch. In seinem Kopf stapelten sich die Bilder der letzten Tage: • die Slackline, • die VR-Brille, • das Auto, • die Halle,
der Taser, die Tritte, Erling mit der Metallstange, der Polizeilichtkegel, der Hörsaal, das Lachen, Erling, der die Klasse anschrie, und der Fischstand mit Backfisch und Kartoffelsalat. Zwischen all den brutalen Szenen hatte dieser Mittag einen eigenen Platz. Nicht als „heile Welt“, die alles andere überdeckte, sondern als kleiner, fester Punkt, an den er sich klammern konnte: Ich war da. Ich habe Fisch gegessen. Ich war nicht allein. Und Patrik hat es nicht geschafft, mir auch das noch zu nehmen. Der dreiundzwanzigste Tag war immer noch brutal, chaotisch, zu viel. Aber mitten darin hatte eine Mutter ihren Sohn an einen Fischstand geführt und ihm gezeigt, dass selbst in einer Stadt voller Dunkelheit noch kleine, warme Stellen existierten, an denen er einfach nur Lukas sein durfte. Der vierundzwanzigste Tag begann ungewohnt leise. Kein „zieh dich an, wir müssen zur Hochschule“. Keine Bahn, kein Hörsaal, kein Flur mit Kichern. Nur die Erinnerung daran, dass der Recht-Kurs heute Abend ein letztes Mal im Jahr stattfand – und diesmal nicht im Gebäude, sondern online, vom Schreibtisch in seinem Zimmer aus. • • • • • • • •
Morgen – Körper müde, Kopf wach Lukas wachte später auf als sonst. Der Wecker war auf „später“ nicht auf „Studentenfrühschicht“. Als er die Augen öffnete, war das Zimmer noch halb im Nur ein schmaler Streifen Wintersonne schaffte es durchs Rollo. Der Körper meldete sich nacheinander: • der Unterleib, dumpf, drückend, • die Seite, wo der Taser angesetzt hatte, brennend, • die Schultern, verspannt vom verkrampften Sitzen auf dem Stuhl, • die Beine, müde vom vielen Gehen der letzten Tage. Er testete vorsichtig, wie beweglich er war.
gestellt, Dämmerlicht.
Die gute Nachricht: Er konnte aufstehen, ohne dass ihm schwarz vor Augen wurde. Die schlechte Nachricht: Jeder Schritt erinnerte ihn daran, was passiert war. Er setzte sich auf, atmete ein paar Mal bewusst tief ein und aus. Heute keine Entführung. Heute kein Hörsaal. Heute „nur“ Recht online. Von hier. Mit Tür, die ich selbst zusperren kann. Auf der Matratze neben seinem Bett lag Erling quer, halb im Schlafsack, halb unter einer Decke. Sein Bein war nach wie vor mit blauen Flecken übersät, aber er schnarchte leicht – ein Zeichen, dass der Körper sich zumindest kurz etwas zurückholte. Lukas stand langsam auf, ging Richtung Küche. Frühstück – Planen in kleinen Schritten Die Mutter war schon wach. Sie stand am Herd, ein Tee dampfte, daneben lag ein Zettel mit Uhrzeiten für Medikamente, noch vom Vortag. Sie drehte sich um, als sie seine Schritte hörte. „Guten Morgen,“ sagte sie leise. „Wie fühlt sich die Baustelle an?“ „Als hätte jemand versucht, mich mit einem Elektrogrill und Fußballschuhen neu zu formatieren,“ meinte Lukas trocken. „Aber ich stehe. Also… win.“ Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Setz dich,“ sagte sie. „Ich hab dir Haferschleim gemacht. Ja, ich weiß, klingt nach Krankenhaus, aber dein Magen braucht gerade Dinge, die nicht gegen ihn kämpfen.“ „Haferschleim ist okay,“ sagte er und setzte sich. „Besser als Trockentoast mit Trauma.“ Er ließ sich den Teller vor die Nase stellen. Es roch mild, warm, nicht aufregend – aber sein Körper signalisierte: „Damit kann ich arbeiten.“ „Was steht heute an?“ fragte die Mutter, während sie ihren eigenen Kaffee nahm. „Recht,“ sagte Lukas. „Letzte Vorlesung dieses Jahr. Online. Von zuhause.“ Er starrte kurz in den Haferschleim. „Irgendwie absurd,“ murmelte er. „So viel ist passiert – Polizei, Entführung, Krankenhaus – und die Hochschule läuft einfach weiter. „Vergessen Sie nicht, Paragraphen zu lesen, auch wenn Sie gestern fast gestorben wären.““ „So funktioniert Systeme leider oft,“ sagte seine Mutter ruhig. „Sie reagieren träge. Aber das Gute ist: Du musst dich heute nicht durch Gänge schleppen, in denen Menschen über dich lachen. Du kannst die Vorlesung von deinem Zimmer aus machen. Mit Tür und Decke und Not-Aus-Knopf.“ „Not-Aus-Knopf?“ fragte er. „Laptop zuklappen,“ antwortete sie. „Du bist nicht verpflichtet, jede Minute durchzuziehen, wenn dein Körper oder dein Kopf streikt.“
Er nickte, nahm einen Löffel Haferschleim. „Wäre praktisch, wenn man das im Leben allgemein hätte,“ murmelte er. „Not-Aus-Knopf für VR-Brillen, alte Damen auf Friedhöfen und MSP-Dozentinnen.“ Die Mutter sah ihn ernst an. „Wir fangen mit dem an,“ sagte sie, „wo es geht: heute Abend. Rechtsvorlesung. Du bestimmst, wie und wie lange.“ Mittagsruhe – zwischen Müdigkeit und Vorbereitung Den Vormittag verbrachte Lukas bewusst ruhig. Kein Lernen, kein Scrollen durch Nachrichten, keine langen Diskussionen. Er lag auf dem Bett, hörte leise Musik über Kopfhörer, irgendwas ohne Text, nur Instrumente, damit sein Kopf nicht mit neuen Worten gefüttert wurde. Zwischendurch schrieb er ein paar kurze Nachrichten: An Jana, seine Autismus-Assistentin: „Heute letzte Rechtvorlesung. Online. Bin ehrlich gesagt nervös. Aber besser als Hörsaal. Wenn es eskaliert, klappe ich den Laptop zu.“ Ihre Antwort kam kurz darauf: „Guter Plan. Tipp: Vor der Vorlesung kurz aufschreiben, welche Triggerwörter dich besonders treffen könnten (Strafrecht, Körperverletzung etc.). Dann kannst du später bei deiner Therapeutin gezielt drüber sprechen, falls sie drankommen.“ An seine Therapeutin schrieb er nur: „Viel passiert. Entführung. Polizei. Schmerz. Und heute nehme ich trotzdem an der Rechtsvorlesung teil. Können wir nächste Woche mit „Freiheitsberaubung“ und „Nötigung“ in meinem Fall arbeiten?“ Sie antwortete knapp, aber klar: „Ja. Und ich bin froh, dass du lebst. Mehr dazu in der Sitzung. Für heute: Du musst nicht funktionieren. Du darfst ausprobieren.“ Am frühen Mittag klopfte es an seiner Tür. „Komm rein,“ rief Lukas. Erling steckte den Kopf rein, die Haare zerzaust, das Bein immer noch leicht bandagiert. „Ich hab gehört,“ sagte er, „du und das deutsche Rechtssystem haben heute Abend ein Date.“ Lukas schnaubte. „Ein Fern-Date,“ korrigierte er. „Ich bin froh, dass das Internet mich diesmal nicht zwingt, 10 GB unterwegs zu verbrennen.“ Erling setzte sich seufzend aufs Fußende vom Bett. „Wie fühlst du dich dabei?“ fragte er. „Skala von 1 bis „ich hätte gern einen Anwalt dabei“?“ „Eher so 6,5,“ meinte Lukas. „Ich hab Angst, dass ich bei jedem Paragraphen nur noch an „Körperverletzung“ und „Freiheitsberaubung“ denke. Andererseits… vielleicht ist es gut, mal zu hören, was das Gesetz zu dem sagt, was mir passiert ist. Nicht nur mein Kopf.“ Erling nickte.
„Ich bleib heute Abend nebenan,“ sagte er. „Wenn du mitten in der Vorlesung raus willt, kommst du einfach rüber. Ich bin da. Und ich verspreche, ich halte keine spontanen Vorträge vor deinem Professor.“ „Schade,“ murmelte Lukas. „Die waren heute Vormittag gar nicht so schlecht.“ Vorbereitung – Technik, Sicherheit, Grenzen Gegen späten Nachmittag richtete Lukas seinen Arbeitsplatz ein. Der Schreibtisch war nicht groß, aber funktional: • Laptop in der Mitte, • Notizblock links, • Stift daneben, • daneben ein Glas Wasser, • auf der anderen Seite eine Wärmflasche, falls der Unterleib wieder stärker meckerte. Er schaltete den Laptop an, wartete, bis das System hochfuhr. Im Mailpostfach war eine Nachricht vom Recht-Dozenten: „Liebe Studierende, unsere letzte Sitzung dieses Jahr findet wie angekündigt online statt. Bitte loggen Sie sich rechtzeitig in den Meetingraum ein. Es wird keine Aufzeichnung geben, da wir einen interaktiven Fall besprechen. Themen: Wiederholung Zivilrecht, kurze Einführung in Strafrecht (u.a. Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung).“ Lukas starrte auf die letzten Worte. „Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung.“ „Natürlich,“ murmelte er. „Als hätte jemand mein Leben als Themenvorschlag eingeschickt.“ Er atmete tief ein, öffnete ein leeres Dokument auf dem Bildschirm. Oben schrieb er: „24. Tag – Recht von zuhause“ Darunter setzte er zwei Spalten: • Links: Paragraphen / Begriffe • Rechts: Mein Leben / Gefühle Er wusste, dass das viel werden konnte. Aber es war besser, als alles nur im Kopf rotieren zu lassen. Beginn der Vorlesung – ein anderer Ton als in MSP Kurz vor Beginn klickte er auf den Link zum Meetingraum. Die vertraute Oberfläche eines Videokonferenz-Tools öffnete sich. Nach und nach erschienen kleine Kacheln mit Gesichtern: • einige mit Kamera an, • andere nur mit Initialen, • Mikrofone meistens stumm, • Chatfenster am Rand. Der Dozent war schon da: Saß an einem im Hintergrund ein Bücherregal mit Brille, sachlicher Blick.
Schreibtisch, Gesetzestexten,
„Guten Abend,“ sagte er, als sich die meisten eingeloggt hatten. „Schön, dass Sie – trotz der turbulenten letzten Tage an unserer Hochschule – so zahlreich dabei sind.“ Lukas spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. „Er meint den Cyberangriff,“ dachte er. „Nicht meine Entführung.“ Der Dozent fuhr fort: „Bevor wir inhaltlich einsteigen, möchte ich kurz etwas Organisatorisches sagen: Ich weiß, dass einige von Ihnen durch den IT-Zwischenfall, persönliche Probleme oder andere Belastungen nicht wie gewohnt teilnehmen konnten. Wenn jemand von Ihnen besondere Schwierigkeiten hatte – gesundheitlich, familiär oder durch äußere Ereignisse – können Sie mir im Anschluss gerne eine Mail schreiben. Ich versuche im Rahmen des Möglichen, Rücksicht zu nehmen.“ Lukas’ Finger zuckten kurz über der Tastatur. Mail schreiben. „Äußere Ereignisse.“ Wie erklärt man „gestern entführt worden und mit Strom gefoltert“ in einer höflichen Mail an einen Dozenten? Er ließ es erst mal stehen. Einstieg – Zivilrecht und der Abstand zur eigenen Geschichte Die Vorlesung begann mit einer Wiederholung aus dem Zivilrecht: Verträge, Schuldverhältnisse, Wer wann wofür haftet. Lukas schrieb mit, halb automatisch. Bei „Schadensersatz“ dachte er kurz bitter: Wieviel Euro sind ein Tritt in die Eier und ein Taser wert? Jeder Paragraph bekam eine kleine Notiz in seiner rechten Spalte: • „§ 280 BGB – Schadensersatzpflicht bei Pflichtverletzung“ → „Wenn Patrik meine Sachen zerstört, ist das auch eine Pflichtverletzung?“ Aber Zivilrecht fühlte sich trotz allem „fern“ an, wie eine theoretische Ebene. Er konnte es einigermaßen normal hören. Der Dozent erklärte klar, ging auf Fragen ein, antwortete geduldig. Keine spitzen Bemerkungen. Keine Demütigungen. Kein: „Konzentrieren Sie sich mal auf den Stoff.“ Allein dieser Unterschied zur MSP-Frau tat weh und gut gleichzeitig. Es geht also auch anders, dachte Lukas. Man kann Menschen fordern, ohne sie kaputt zu machen. Übergang ins Strafrecht – die Begriffe bekommen Gesichter Nach einer knappen Stunde wechselte der Dozent das Thema. „Genug Zivilrecht für heute – und für dieses Jahr,“ sagte er. „Zum Abschluss möchte ich Ihnen einen kleinen Ausblick ins Strafrecht geben. Sie werden einige dieser Begriffe in den nächsten Semestern vertiefen. Heute geht es nur um ein erstes Gefühl.“ Er wechselte die Folie. Oben stand: Grundbegriffe Strafrecht: Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung
Lukas’ Magen zog sich zusammen. Er spürte seinen Puls im Hals. „Das sind doch nur Worte,“ sagte eine Stimme in ihm. Die andere antwortete: „Das waren exakt die Dinge, die dir passiert sind.“ Der Dozent fuhr fort. „Zunächst: § 223 StGB – Körperverletzung,“ begann er. „Eine Körperverletzung liegt vor, wenn jemand eine andere Person körperlich misshandelt oder an der Gesundheit schädigt.“ Er ließ den Satz kurz stehen. „Damit sind nicht nur extreme Fälle wie im Krankenhaus oder mit tödlichem Ausgang gemeint,“ erklärte er. „Sondern bereits Schläge, Tritte, Stromstöße, das Zufügen von Schmerzen, auch ohne sichtbare Wunden. Körperliche Misshandlung bedeutet jede üble, unangemessene Behandlung, die das körperliche Wohlbefinden nicht nur unerheblich beeinträchtigt.“ Lukas’ Kopf machte sofort Bilder: • der Taserfunken, • die Tritte zwischen die Beine, • die VR-Brille, • die alte Frau mit der Schlagstock ähnlichen Tasche. Er schrieb langsam, fast mechanisch: „§ 223 – Körperverletzung = unzulässige Schmerzen / Gesundheitsschädigungen“ Daneben, in der rechten Spalte: „Das, was gestern passiert ist, war keine „Übertreibung“, kein „peinliches Drama“. Es ist genau das, was hier steht.“ Der Dozent fuhr fort: „In schwereren Fällen – etwa bei der Benutzung von Waffen, gefährlichen Werkzeugen, bei Misshandlungen über längere Zeit, oder wenn mehrere Täter zusammen handeln – sprechen wir von gefährlicher Körperverletzung (§ 224 StGB).“ Lukas’ Stift zitterte kurz. Gefährliche Körperverletzung. Mehrere Täter. Taser. Er atmete tief durch, legte den Stift kurz hin. Er spürte, wie die alte Stimme in seinem Kopf flüsterte: „Stell dich nicht so an. Andere haben es schlimmer.“ Die neue Stimme, die langsam stärker wurde, antwortete: „Andere schlimme Fälle nehmen deinem nichts weg.“ Nötigung – die Mechanik von Zwang Die nächste Folie erschien. § 240 StGB – Nötigung „Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einem Verhalten nötigt, wird bestraft,“ las der Dozent vor. „Vereinfacht gesagt,“ erklärte er, „geht es darum, dass jemand gezwungen wird, etwas zu tun, zu unterlassen oder zu dulden, was er nicht will. Das kann körperliche Gewalt sein, aber auch psychische – etwa Drohungen, Erpressung, massive Einschüchterung.“ Lukas’ Gedanken sprangen: • Patrik, der ihm per Nachricht erklärt hatte, dass er alles bestimmen würde, • die manipulierten Bierflaschen, • die Drohung „im neuen Jahr wird es Leichen geben“,
der Mann in der Halle, der gesagt hatte: „Je eher du einsteigst, desto weniger Ärger gibt’s.“ Er schrieb: „Nötigung = jemand zwingt mich, gegen meinen Willen etwas zu tun oder zu ertragen, durch Gewalt oder Drohung.“ Daneben, wieder: „Die alten Sätze in meinem Kopf („du bist selbst schuld, du hättest ja anders reagieren können“) ignorieren, dass hier Menschen Gewalt und Drohungen einsetzen.“ Im Chat erschien eine Nachricht von einer Kommilitonin: S.: „Gilt das auch, wenn eine Lehrkraft einen Schüler/Studenten permanent vor der Klasse bloßstellt und psychisch unter Druck setzt? Oder ist das „nur“ Pädagogik und kein Recht?“ Lukas’ Herz machte einen Sprung. Der Dozent las die Frage, dachte kurz nach. „Spannende Frage,“ sagte er. „Nicht jede unangenehme Bemerkung ist gleich eine Nötigung. Aber: Wenn systematisch und wiederholt psychischer Druck ausgeübt wird, insbesondere von Personen in Machtpositionen, kann das rechtlich relevant werden – etwa als Mobbing, als Verletzung von Fürsorgepflichten, möglicherweise sogar als Nötigung, je nach Konstellation.“ Er sah ernst in die Kamera. „Juristisch kommt es auf Details an,“ fuhr er fort. „Aber eines ist klar: Nur, weil etwas im Rahmen von Schule, Hochschule oder Arbeit passiert, ist es nicht automatisch „normal“ oder rechtlich irrelevant. Machtpositionen sind kein Freifahrtschein, andere zu demütigen.“ Lukas’ Hände wurden feucht. Für einen Moment hatte er das Gefühl, der Professor würde direkt mit ihm sprechen. Mit seiner MSP-Dozentin im Hinterkopf. Mit den Lehrern, die ihn ausgelacht hatten, als der Beutel platzte. Er schrieb: „Nur weil etwas „im System“ passiert, heißt es nicht, dass es okay ist.“ •
Freiheitsberaubung – das Wort für die Halle Die letzte Folie dieses Themenblocks: § 239 StGB – Freiheitsberaubung „Das ist für viele erst einmal ein abstrakter Begriff,“ sagte der Dozent. „Es geht darum, dass jemand einem anderen die Freiheit nimmt, sich zu bewegen, wie er will – zum Beispiel, indem man ihn einsperrt, fesselt, wegbringt.“ Die Worte trafen Lukas wie ein Schlag. Einsperren. Fesseln. Wegbringen. Die Halle. Der Stuhl. Die Kabelbinder. Die Tür, die sich von innen nicht öffnen ließ. „Freiheitsberaubung,“ erklärte der Dozent, „liegt nicht nur vor, wenn jemand im Keller mit Kette liegt. Schon das gegen den Willen Festhalten in einem Raum, das Einsperren, das gewaltsame Transportieren an einen anderen Ort kann ausreichend sein, sofern die Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt wird.“ Lukas’ Finger verkrampften sich um den Stift. Er musste sich zwingen, nicht wegzuklicken. Stattdessen schrieb er: „Freiheitsberaubung = das Wort, das zu dem passt, was gestern war. Nicht nur „Entführung“, wie im Film. Es ist ein Straftatbestand.“
Daneben, in die Gefühlsspalte: „Es war real. Es war strafbar. Ich war nicht „dramatisch“, als ich Angst hatte.“ Er merkte, wie seine Augen brannten. Vor ein paar Monaten hätte er an dieser Stelle vielleicht einfach dichtgemacht, alles weggeschoben. Jetzt ließ er die Tränen einfach laufen, während der Dozent weiter erklärte. Die Kamera war aus. Niemand sah ihn. Der Dozent macht etwas Ungewöhnliches Nach der Erklärung der Paragraphen machte der Dozent etwas, was Lukas nicht erwartet hatte. Er legte den Stift weg, lehnte sich minimal nach hinten. „Ich möchte zum Schluss,“ sagte er ruhig, „etwas sagen, das über das Juristische hinausgeht.“ Der Chat wurde ruhiger. „Es kann sein,“ fuhr er fort, „dass einige von Ihnen bei diesen Begriffen – Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung – nicht nur an Nachrichtenmeldungen denken. Sondern an Dinge, die Sie selbst erlebt haben. In der Schule, in Beziehungen, in der Familie, im öffentlichen Raum.“ Lukas schluckte. Der Dozent sprach weiter: „Ich will Ihnen sagen: Wenn das so ist, sind Sie nicht „zu empfindlich“, wenn es Ihnen weh tut. Und diese Erfahrungen verlieren nicht ihren Ernst dadurch, dass sie in einem Alltag passiert sind, der offiziell „normal“ sein soll.“ Er machte eine kleine Pause. „Ich bin kein Therapeut,“ stellte er klar. „Aber als Jurist und Dozent kann ich Ihnen sagen: Viele Dinge, die als „übertrieben“ abgetan werden, sind es juristisch nicht. Und wenn Sie in einer Lage sind, in der Sie verletzt, bedroht oder festgehalten werden, ist es kein Verrat, Hilfe zu holen. Es ist Ihr Recht.“ Lukas’ Brust wurde eng und weit zugleich. In seiner rechten Spalte schrieb er einen einzigen Satz: „Jemand, der das Gesetz kennt, sagt: Ich habe ein Recht, Hilfe zu holen.“ Ende der Vorlesung – ein anderes „Frohe Weihnachten“ Die Stunde neigte sich dem Ende zu. „Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit,“ sagte der Dozent. „Wir sehen uns im neuen Jahr – hoffentlich unter besseren technischen Bedingungen und ohne weitere Cyberangriffe.“ Ein paar lächelnde Emojis erschienen im Chat. „Zum Abschluss noch dies,“ fügte er hinzu. „Bitte passen Sie in den nächsten Wochen auf sich auf. Nicht nur juristisch, sondern ganz konkret. Und wenn Sie sich in einer belastenden oder gefährlichen Situation befinden – beruflich, privat oder an der Hochschule – nutzen Sie die Stellen, die Ihnen zur Verfügung stehen: Beratungsstellen, Psychologischer Dienst, Polizei, Anwälte. Die Paragraphen, die wir heute gestreift haben, existieren nicht nur im Gesetzbuch, sondern sollen Sie schützen.“ Er lächelte kurz in die Kamera. „Frohe Weihnachten – im rechtlichen und im menschlichen Sinn,“ sagte er. „Die Vorlesung ist damit beendet.“
Nacheinander verschwanden die die Kacheln wurden die Namen wurden zu Offline-Symbolen. Lukas blieb noch einen Moment allein. Dann klickte er auf „Verlassen“. Der Bildschirm wurde wieder zur normalen Desktopansicht. Stille.
Kameras, grau, im
Meetingraum,
Nachklang – zwischen Theorie und eigener Geschichte Lukas lehnte sich im Stuhl zurück. Sein Körper war müde, aber die Vorlesung hatte ihn nicht zerstört. Sie hatte ihn aufgewühlt, aber nicht vernichtet. Er blickte auf sein Dokument. Links: Paragraphen und Definitionen. Rechts: seine eigenen Notizen, rau, ehrlich, unaufgeräumt. „Gefährliche Körperverletzung. Nötigung. Freiheitsberaubung.“ Es waren nicht mehr nur Begriffe aus einem Skript. Es waren Namen für Dinge, die ihm passiert waren. Und das änderte etwas. Es war nicht nur „Drama“. Es war Unrecht. Er speicherte das Dokument ab. Nannte es: „Recht_und_ich_Tag24“ Dann öffnete er sein Mailprogramm. Ein neuer Tab, neue Mail, an den Recht-Dozenten. Er tippte langsam: „Sehr geehrter Herr …, ich möchte mich für die heutige Sitzung bedanken. Ich befinde mich aktuell in einer Situation, in der einige der von Ihnen genannten Straftatbestände (Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung) nicht nur theoretisch, sondern konkret in meinem Leben eine Rolle spielen. Es tut gut zu hören, dass diese Themen auch im Hochschulkontext ernst genommen werden und dass Sie darauf hinweisen, dass Unterstützung holen kein „Übertreiben“ ist. Ich weiß noch nicht genau, wie ich mit allem umgehen werde, aber Ihre Worte haben mir geholfen, meine Erlebnisse nicht einfach als „selbst schuld“ abzutun. Mit freundlichen Grüßen Lukas …“ Er zögerte kurz, überlegte, ob das „zu viel“ war. Dann dachte er an Patriks Sätze. An die MSP-Frau. An alle, die ihn kleinreden wollten. Er klickte auf „Senden“.
Im Wohnzimmer – ein leiser Bericht Später, als er aus dem Zimmer kam, saßen seine Eltern im Wohnzimmer. Der Fernseher lief leise, irgendeine belanglose Show, die mehr Hintergrundgeräusch war als Beschäftigung. „Na?“ fragte die Mutter. „Recht überlebt?“ Lukas setzte sich vorsichtig in den Sessel. „Ja,“ sagte er. „Diesmal ohne Lachen. Ohne Demütigung. Der Dozent war… anders. Er hat über Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung gesprochen. Theoretisch – aber mit dem Hinweis, dass es reale Menschen betrifft. Und dass man Hilfe holen darf.“ Die Mutter nickte langsam. „Gut,“ sagte sie. „Das brauchen wir. Menschen in diesem System, die nicht so tun, als wären Paragraphen nur Klausurstoff.“ Der Vater sah von seinem Fernseher auf. „Hat er auch was zu Strafen gesagt?“ fragte er vorsichtig. Die eigene Vergangenheit saß ihm hörbar im Hals. „Kurz,“ antwortete Lukas. „Aber eher technisch. Mir ging es mehr um den Teil: „Es ist okay, sich nicht alles gefallen zu lassen.““ Er sah beide an. „Ich glaube,“ fügte er leise hinzu, „dass ich Patrik anzeigen werde. Richtig. Mit Anwältin und allem. Nicht sofort. Aber… früh genug.“ Die Mutter nickte, diesmal fester. „Dann werden wir das gemeinsam tun,“ sagte sie. „Mit der Polizei, mit deiner Therapeutin, mit juristischer Hilfe. Nicht aus Rache. Sondern damit klar ist: Das, was passiert ist, ist kein „Familienstreit“. Es ist genau das, was dein Dozent heute erklärt hat.“ Der Vater nickte langsam. „Und ich werde bei der Hochschule nicht schweigen,“ murmelte er. „Bei allem Mist, den ich gebaut habe – dein Recht auf Respekt und Sicherheit lasse ich mir nicht nehmen.“ Abend – ein kleiner Moment der Erleichterung Später, im Zimmer, saß Lukas auf dem Bett, Erling neben ihm. „Und?“ fragte Erling. „Wie war das Date mit dem Strafrecht?“ Lukas grinste müde. „Anstrengend,“ sagte er. „Aber… irgendwie auch gut. Zum ersten Mal hat jemand „von oben“ gesagt: „Das, was dir passiert ist, hat Namen. Und keiner davon ist „du stellst dich an“.““ Erling nickte zustimmend. „Willkommen in der Welt, in der du nicht mehr der einzige bist, der versucht, das Chaos zu sortieren,“ meinte er. „Ich hab ihm geschrieben,“ murmelte Lukas. „Eine Mail. Dass seine Worte mir geholfen haben.“ „Gut so,“ sagte Erling. „Vielleicht braucht auch er das. Dozenten sind auch Menschen. Manche jedenfalls.“ Sie schwiegen einen Moment. Draußen zog die Dezembernacht über Mainz. Drinnen, im kleinen Zimmer mit Laptop, Wärmflasche und Notizblock, hatte der vierundzwanzigste Tag etwas Wichtiges gebracht:
Nicht nur eine weitere Vorlesung. Sondern das erste Mal ein klares, inneres Gefühl: Das, was mir angetan wurde, ist nicht „normal“. Es ist Unrecht. Und ich habe ein Recht darauf, dass es benannt und nicht mehr wiederholt wird. Die Geschichte mit Patrik, mit der alten Frau, mit der Hochschule würde damit nicht plötzlich verschwinden. Aber an diesem Abend hatte Lukas zum ersten Mal das Gefühl, dass das Recht nicht nur ein Buch irgendwo im Regal war, sondern ein Werkzeug, das vielleicht eines Tages helfen konnte, die Gewalt zu stoppen, die ihn schon viel zu lange verfolgte. Während Lukas an seinem Schreibtisch saß und der Rechtsvorlesung lauschte, bewegte sich an einem ganz anderen Ort jemand in die entgegengesetzte Richtung: dorthin, wo aus Kränkung Hass wurde und aus Hass Pläne. Zur gleichen Zeit – Patrik in seiner eigenen Blase Patrik saß in seinem Zimmer, das mehr nach abgestandener Energie-Drink-Luft und billigem Parfüm roch als nach Weihnachten. Auf dem Schreibtisch: • ein Laptop mit offenem Browser, • mehrere Chatfenster, • sein Handy, • zwei leere Dosen, • und irgendwo dazwischen ein zerknüllter Ausdruck der Nachricht, die die „Ersatzoma“ ihm geschrieben hatte. Der Zettel war an mehreren Stellen eingerissen, als hätte er ihn schon mehrfach in der Hand gehabt, zusammengeknüllt, wieder glattgestrichen, wieder angegriffen. Die Worte standen immer noch eindeutig dort: „Ich werde Raphael weiter schützen – jederzeit und ohne Diskussion. Du gehörst nicht mehr zu meinem Leben.“ Patrik saß nach vorne gebeugt auf seinem Stuhl, die Stirn in Falten, das Handy in der Hand. Er scrollte noch einmal durch seine eigene, hasserfüllte Antwortnachricht. Er las seine Beleidigungen, seine Anklagen, seine verdrehten Erinnerungen. Und in seinem Kopf passierte etwas, das er selber nicht mehr als „falsch“ erkannte: Je öfter er seine eigenen Sätze las, desto mehr hielt er sie für die absolute Wahrheit.
Die Nachricht vom Vortag – und die Fehlersuche bei allen, nur nicht bei sich Seit der Entführung war ein Tag vergangen. Patrik hatte natürlich mitbekommen, dass etwas schiefgelaufen war. Er hatte erwartet, am Abend Nachrichten zu bekommen: • „Er hat verstanden, • er hat geschworen, Ruhe zu geben, • er wird dich in Ruhe lassen.“ Stattdessen war in seinem Chat mit dem unbekannten Kontakt nur ein einziges kurzes Update gewesen: „Aktion abgebrochen. Polizei kam. Ziel lebt.“ „Ziel lebt.“ Diese zwei Worte hatten in Patrik etwas angezündet, das schon lange in ihm gegärt hatte. Er hatte sein Handy an die Wand pfeffern wollen, es im letzten Moment aber gelassen, weil er sich selbst zu gerne in den Spiegeln der Social-Media-Apps sah. In seiner Logik sah die Welt so aus: • Er war der, der jahrelang „gelitten“ hatte. • Raphael (für ihn immer noch „Raphael“, nie „Lukas“) war der, der „alles kaputt erzählte“. • Die „Ersatzoma“ war die Verräterin, die sich auf die „falsche Seite“ gestellt hatte. • Und die Familie war ein Haufen Heuchler, der ihn „fertig machen“ wollte. Dass er selbst der war, der andere bedrohte, manipulierte, beleidigte, sah er nicht. Oder besser: Er wollte es nicht sehen. Patrik scrollt – und steigert sich rein Jetzt, am Abend des vierundzwanzigsten Tages, saß er vor seinem Laptop, während Lukas daheim die Begriffe Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung hörte. Bei Patrik sah das „Studium“ anders aus: Er scrollte durch alte Chats: • mit der „Ersatzoma“, • mit seiner Mutter, • mit Freunden, die er auf seine Seite gezogen hatte, • mit seiner Freundin, • mit ein paar Kontakten, die nicht genau wussten, was sie da überhaupt unterstützten. Zwischendurch las er Nachrichten von Bekannten: „Ey, was war da gestern mit Polizei bei euch in der Nähe?“ „Hab gehört, irgendwer wurde irgendwo mitgenommen?“ „Digga, warst du das? “ Patrik antwortete ausweichend: „Kümmer dich um deinen Mist.“ oder „Wenn ich was vorhab, würdest du’s nicht mitbekommen.“ In seinem Kopf rollte eine Dauerschleife: „Die denken, ich übertreibe. Die denken, ich mach Drama. Keiner von denen hat eine Ahnung, was die mir angetan haben. Die glauben diesem Autisten alles.
„Armer Raphael, der Keiner sieht, dass ich derjenige bin, der jahrelang gelitten hat.“ Jedes Mal, wenn er sich selbst wurden die echten Ereignisse ein bisschen weiter verdrängt: • wie er Raphael als Kind fertiggemacht hatte, • wie er ihn ausgenutzt hatte, • wie er sich über seine Grenzen hinwegsetzte, • wie er ihm körperlich und psychisch wehtat. In seiner verzerrten Sicht war Raphael jetzt „der, der und „der Grund, warum er seine Familie verloren hatte“.
Beschützte.“ das
Die innere Bühne – wie Patrik sich selbst zum Opfer macht Er stand auf, ging im Zimmer auf und ab. Unter seinen Schritten knirschte irgendwo Müll. Er trat über ein T-Shirt, das seit Tagen auf dem Boden lag, als wäre die Unordnung in seinem Zimmer eine Verlängerung der Unordnung in seinem Kopf. Er blieb vor dem Fenster stehen, sah hinaus. Draußen war es dunkel, Straßenlaternen warfen fahle Kreise auf den Asphalt. „Ich schwör bei allem,“ murmelte er, „das ist nicht vorbei. Noch lange nicht.“ Er sah sein Spiegelbild im Fensterglas: • die Augen leicht gerötet, • das Gesicht angespannt, • der Kiefer verkrampft. „Die denken, die können mich aussortieren wie Müll,“ knurrte er. „Erst die Tante. Dann der Ersatz-Opa und die Ersatz-Oma. Dann Raphael und seine Mutter. Die tun alle so, als wären sie das Opfer. Als wäre ich das Problem. Ich. Ich, der als Kind alles abbekommen hat.“ Er warf den Kopf zurück. „Ihr habt mich gemacht!“ fauchte er in den leeren Raum. „Jetzt habt ihr mich.“ Seine Worte hallten nur in seiner eigenen Echoschleife. Kein Widerspruch. Kein Korrektiv. Keiner, der sagte: „Halt. Stopp. So war das nicht.“ Neue Nachrichten – und die nächste Giftladung Er setzte sich wieder an den nahm das Handy in die Hand. Der Chat mit der Ersatzoma war noch Ihre lange Nachricht und seine extrem aggressive Antwort darunter. Darunter: nichts. Sie hatte nicht mehr geantwortet. Auch seine Mutter hatte ihm seit Tagen nicht mehr Seine Tante reagierte nur noch kurz, wenn es um rein Praktisches ging. Je weniger Reaktion er desto mehr fühlte er sich „im noch extremer zu werden.
Schreibtisch, geöffnet.
geschrieben. neutral, bekam, Recht“,
„Ihr wollt nicht mit mir reden?“ sagte er leise vor sich hin. „Dann rede ich eben mit euch. Auf meine Art.“ Er begann zu tippen. Nicht an Raphael direkt, sondern an jemanden aus der erweiterten Familie, der noch halb Kontakt in beide Richtungen hatte. Patrik: „Du kannst deiner „tollen Familie“ ausrichten, dass das, was sie Raphael gerade aufbauen wollen, nicht lange halten wird. Er spielt sich als Opfer auf, aber er ist der, der alles zerstört hat. Ich hab ihn nie verletzt, er hat mich verraten. Sie können Polizei holen, Anwälte, Psychologen – mir egal. Wenn die glauben, ich lass das durchgehen, irren sie sich.“ Er löschte „mir egal“, schrieb stattdessen: „Je mehr sie versuchen, mich fertig zu machen, desto härter wird es für ihn. Die schlimmste Zeit kommt noch.“ Er schickte die Nachricht ab. Keine Antwort. Noch nicht. Aber in seinem Kopf war sie ein weiterer Beweis: „Seht ihr. Ich hab’s angekündigt. Wenn später was passiert, hätte jeder wissen können, dass ich es ernst meine.“ Patriks Schwur – und die Verdrehung Er öffnete einen zweiten Chat – den mit einem der Typen, die ihm bei der Entführung geholfen hatten. Der Kontakt war jetzt stummgeschaltet, nach dem Polizeieinsatz war es riskant, zu viel zu schreiben. Trotzdem tippte er: „Beim nächsten Mal läuft niemand weg. Beim nächsten Mal gibt es kein „Ziel lebt“. Wir sind noch nicht fertig.“ Er schickte es ab, auch wenn er wusste, dass der andere vielleicht inzwischen längst im Visier der Polizei war oder sein Handy abgegeben hatte. Die Nachricht war weniger Kommunikation als Mantra. Er lehnte sich zurück, starrte an die Zimmerdecke. Im Kopf spulte er die Szene durch, die er sich wünschte: Raphael, nicht mehr geschützt. Keine „Ersatzoma“, die ihn verteidigte. Keine Mutter, kein Haaland, keine Polizei, kein Recht-Dozent, der Sätze sagte wie: „Sie haben ein Recht, Hilfe zu holen.“
In Patriks Fantasie sollte Raphael allein stehen. Hilflos. Und er selbst derjenige, der ihm „zeigt“, wie sich echte Hilflosigkeit anfühlt. Dass er genau das tat, was ihm angeblich früher selbst angetan worden war, erkannte er nicht. Oder er drückte es weg, weil das Bild von sich selbst als „eigentlich Guter, der nur reagiert“ ihm zu wichtig war. Er murmelte: „Im neuen Jahr, Raphael… im neuen Jahr wirst du sehen, was Schmerz wirklich ist. Alles, was jetzt war, war nur Warmmachen. Ich schwör, ich mach dir jede Vorweihnachtszeit, jeden Silvester, jedes Neujahr zu einem Albtraum. Du wirst dir wünschen, du wärst nie auf die Idee gekommen, mich bei deiner Ersatzfamilie schlecht zu machen.“ Er sagte „schlecht machen“, wo eigentlich „die Wahrheit sagen“ stand. In seinem Kopf war das längst ausgetauscht. Draußen: Feuerwerkstimmung. Drinnen: Brandbeschleuniger im Kopf Von draußen hörte man vereinzelt schon erste Böller. Diese illegalen Testknaller, die manche Leute Wochen vor Silvester zündeten. Patrik hörte das dumpfe Knallen, das Knistern. Er grinste. „Passt,“ murmelte er. „Bald knallt es an mehreren Stellen.“ Er stand wieder auf, ging zum Schrank, wühlte in einer Kiste mit zusammengesammeltem Zeug: • alte Feuerzeugreste, • Silvesterknaller vom letzten Jahr, • Kram, den er „für später“ aufgehoben hatte. Er nahm nichts Konkretes, plante an diesem Abend nichts direkt Physisches. Aber alleine der Blick auf Dinge, mit denen man anderen Angst machen konnte, beruhigte einen Teil in ihm. Das war das Gefährliche: Er brauchte keine logische, konkrete Planung, um gefährlich zu werden. Es reichte, dass er immer wieder schwor, „dass noch was kommt“. Und währenddessen: Lukas und das Recht Zur gleichen Zeit nur ein paar an seinem Schreibtisch.
saß Kilometer
Lukas, entfernt,
Auf seinem Bildschirm: • die Begriffe Körperverletzung, • Nötigung, • Freiheitsberaubung. In seiner Herzgegend: • der Nachhall von Taser, Tritten und Kabelbindern, • die Erinnerung an Patriks Nachricht, in der er seine ganze Familie „Abschaum“ genannt hatte. Zwischen den Paragraphen schrieb er Sätze wie: „Es ist nicht meine Schuld. Es ist strafbar, was sie tun.“ Zur gleichen Zeit schrieb Patrik: „Ich werde dir dein Leben zur Hölle machen. Die schlimmste Zeit kommt noch.“ Zwei Menschen, verbunden durch dieselbe Vergangenheit, die sie auf völlig unterschiedliche Weise lasen. Das System nimmt ihn schon wahr – aber er merkt es noch nicht Was Patrik in seinem Wutfilm nicht sah: • dass die Polizei die Handys der festgenommenen Täter auswertete, • dass sein Name in Aussagen auftauchte, • dass seine hasserfüllten WhatsApp-Nachrichten längst Screenshots waren, • dass die Beleidigung der Ersatzoma und Drohungen gegen die Familie in Ordnern mit der Aufschrift „Beweismittel“ landeten. In seinem Kopf war er immer noch der Regisseur. Er glaubte, er würde entscheiden, wann „der große Knall“ kommt. Er realisierte noch nicht, dass er längst in einem Netz hing, das sich langsam enger zog. Aber in diesem Moment, an diesem Abend, am vierundzwanzigsten Tag, kannte er nur eins: Seinen Schwur. „Ich geb keine Ruhe. Nicht zu Weihnachten. Nicht zu Silvester. Nicht im neuen Jahr.“ Während Lukas zum ersten Mal bewusst dass das Recht auf seiner Seite sein könnte, schob Patrik sich selbst tiefer in eine aus der es nur drei Ausgänge geben würde: • Einsicht, • Therapie, • oder Zelle. Noch wusste keiner von wie viele dunkle Tage das „Ultimatum-Treffen“ noch bringen würde. Aber dieser Abend war einer der an denen sich die Linien schon deutlich voneinander entfernten:
spürte, Richtung,
beiden, Punkte,
Lukas langsam Richtung „Hilfe holen und benennen“, Patrik weiter Richtung „ich schwör dir Rache, egal, was es kostet“. 25. Tag – Zuhause bleiben, um nicht wieder zu zerbrechen Der fünfundzwanzigste Tag begann still. Kein Wecker, der ihn in Richtung Bahn hetzte. Kein innerer Countdown bis zur nächsten Vorlesung. Nur das dumpfe Pochen im Unterleib, die Erinnerung an Kabelbinder und Taser, und das leise Summen seines Laptops auf dem Schreibtisch, als Erinnerung an die gestrige Rechtsvorlesung. Morgen – bewusste Entscheidung: Heute kein Hörsaal Lukas wachte gegen neun Uhr auf. Nicht schlagartig mit Panik, sondern schwer, wie nach einem viel zu langen Film. Der Körper meldete sich nacheinander: • Unterbauch: immer noch empfindlich, aber nicht mehr so brennend wie vor zwei Tagen, • Seite: ziehender Schmerz an der Stelle, wo der Taser angesetzt hatte, • Schultern: verspannt vom ständigen Zusammenziehen, wenn er mit einem Angriff rechnete. Als er sich aufsetzte, merkte er, dass wenigstens eins besser geworden war: Er konnte normal atmen, ohne dass der Schmerz direkt alles übertönte. Erling lag noch auf der Matratze auf dem Boden, eingekuschelt in eine Decke, sein Bein gestützt auf einem Kissen, die Spuren des Tasers und des Kampfes als dunkle Flecken sichtbar. Lukas stand vorsichtig auf, spürte bei den ersten Schritten das Ziehen im Unterleib, aber es war auszuhalten. Ich muss heute nirgendwo hin, dachte er. Ich darf zuhause bleiben. Nicht, weil ich „versage“, sondern weil ich lebe. In der Küche wartete schon seine Mutter. Tee. Haferschleim. Zwei Scheiben Toast, nur zur Sicherheit. „Guten Morgen,“ sagte sie leise. „Heute kein Stress. Ich habe dich bei der Hochschule für heute und morgen krankgemeldet. Offiziell wegen gesundheitlicher Belastung nach einem Übergriff. Wenn sie mehr wissen wollen, können sie sich bei der Polizei erkundigen.“ Lukas setzte sich. „Danke,“ murmelte er. „Ich hätte heute sowieso keinen Hörsaal ertragen.“ „Musst du auch nicht,“ antwortete sie. „Dein Körper braucht Ruhe. Dein Kopf auch.“ Er nahm einen Löffel Haferschleim, spürte, wie der warme Brei sich beruhigend in seinem Magen ausbreitete. „Gestern in Recht…“ begann er, „…da hat der Dozent über Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung gesprochen. Es war komisch. Es war, als würde er meinen letzten Monat vorlesen, nur ohne Namen.“ Die Mutter setzte sich ihm gegenüber. „Und wie war das für dich?“ fragte sie. „Schmerzhaft,“ gab er ehrlich zu. „Aber auch… irgendwie richtig. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass das, was mir passiert ist, Wörter hat, die nicht „Drama“, „übertreiben“ oder „du bist selbst schuld“ heißen.“ Sie nickte. „Was machst du heute?“ fragte sie ruhig.
„Nichts mit „Hochschule“ im Namen,“ antwortete er. „Vielleicht ein bisschen schreiben. Vielleicht mit Erling FC 26. Vielleicht gar nichts.“ „„Gar nichts“ ist auch eine Option,“ meinte sie. Vormittag – eine unerwartete Antwort Später saß Lukas mit seinem Tee am Schreibtisch. Der Laptop war an, aber keine Vorlesung lief. Nur sein Mailprogramm. Ein kleines Symbol blinkte. Neue Nachricht. Absender: der Rechtsdozent. Er hatte am Vorabend ja eine Mail geschrieben, eher halb aus Instinkt, halb aus dem Wunsch, nicht wieder zu schweigen. Mit klopfendem Herzen öffnete er die Antwort. Sie war nicht sonderlich lang, aber klar: „Lieber Herr …, vielen Dank für Ihre offene Rückmeldung. Es freut mich, wenn die Sitzung Ihnen trotz der schwierigen Themen ein Stück Orientierung geben konnte. Ohne Details zu kennen, möchte ich Ihnen sagen: Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihnen in den letzten Monaten Straftaten angetan wurden, dann ist es absolut legitim, sich Hilfe zu holen – sowohl juristisch als auch psychologisch. Sollten Sie im Kontext der Hochschule zusätzliche Unterstützung brauchen (z. B. wegen besonderer Belastung, Nachteilsausgleich, Gespräch mit der Studiengangsleitung), können Sie mir gerne schreiben. Ich kann zwar nicht alles lösen, aber ich kann Sie an die richtigen Stellen weiterleiten oder Sie unterstützen, wenn Sie etwas schriftlich festhalten möchten. Alles Gute Ihnen, und kommen Sie gut durch die Feiertage. Mit freundlichen Grüßen …“ Lukas las die Mail zweimal. Da stand nirgends „Sie sind überempfindlich“, kein „naja, so schlimm wird es schon nicht gewesen sein“. Stattdessen: „Es ist legitim, sich Hilfe zu holen.“ „Ich kann Sie unterstützen.“ Er lehnte sich zurück und atmete tief durch. Es gibt Leute im System, die nicht gegen mich arbeiten, dachte er. Nicht alle. Aber ein paar. Er markierte die Mail mental als „Beweis: Nicht alle Erwachsenen sind wie Patrik in seinen Nachrichten“. Mittag – langsamer Tag, langsamer Körper Gegen Mittag kam Erling die Haare aber wacher als am Tag zuvor. „Morgen,“ sagte er und gähnte. „Eher Mittag,“ grinste Lukas schwach. Sie setzten sich bekamen Nudeln mit nichts Schweres, nichts Experimentelles. „Bleibst du heute zuhause?“ fragte Erling.
geschlurft, verwüstet,
„Ja,“ nickte Lukas. „Offiziell krank. Inoffiziell im Erholungsmodus.“ „Gute Wahl,“ sagte Erling. „Mein Bein ist auch nicht in „Kampfbereit“-Verfassung.“ Nach dem Essen gingen sie ins Zimmer zurück. Dort stand die Konsole startklar. „FC 26?“ fragte Erling. „Aber ohne 50 Bier im Hintergrund,“ murmelte Lukas. „Ich will nicht wieder den Boden schrubben.“ Sie spielten ein paar Spiele. Mainz 05 in der Karriere, Haaland als Stürmer im Mainz-Trikot, Lukas als Manager, Erling als lebende, lachende Kommentarfunktion. Zwischendurch machten sie Pausen. Lukas legte sich immer wieder kurz hin, wenn der Unterbauch zu sehr pochte. Es war ein langsamer Tag. Aber ein Tag ohne Krankenwagen, ohne Polizei, ohne Hörsaal. Und allein das war etwas, was sich fast ungewohnt anfühlte. Nachmittag – Kontakt zur Therapeutin Am Nachmittag klingelte das Handy. Nummer der Autismus-Therapeutin. Lukas nahm ab, setzte sich aufs Bett. „Hallo, Lukas,“ sagte ihre ruhige Stimme. „Deine Mutter hat mir grob gesagt, was passiert ist. Ich wollte nicht warten, bis zur nächsten Sitzung. Wie geht es dir jetzt gerade?“ Er atmete kurz durch. „Ehrliche Antwort oder Standardantwort?“ fragte er. „Ehrliche, bitte,“ sagte sie. „Körperlich: wie ein geprügelter Fußball,“ sagte er. „Emotional: zwischen „ich hab überlebt“ und „ich will mich unter einer Decke vergraben und nicht mehr rauskommen“.“ Sie sagte nichts für ein paar Sekunden. „Das ist nachvollziehbar,“ meinte sie dann. „Es ist wichtig, dass du überhaupt noch spürst, wie es dir geht. Manche Menschen schalten an dieser Stelle komplett ab.“ Sie besprachen: • den Entführungsabend in groben Zügen, • dass er Recht online mitgemacht hatte, • dass er zum ersten Mal Begriffe gehört hatte, die zu seinem Erleben passten. „Ich würde dich bitten,“ sagte sie, „in den nächsten Tagen eine grobe Chronologie aufzuschreiben. Nicht super detailliert, aber: welche Ereignisse der letzten Wochen waren für dich traumatisch, welche grenzüberschreitend, welche „nur“ stressig. Damit wir gemeinsam sortieren können.“ „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe,“ murmelte Lukas. „Du musst es nicht heute schaffen,“ antwortete sie. „Und du musst es nicht alleine schaffen. Du kannst es stückweise machen, mit Erling oder deiner Mutter zusammen. Wichtig ist nicht die Perfektion, sondern, dass du anfängst, dir selbst zu glauben.“ Der Satz blieb hängen: „Dass du anfängst, dir selbst zu glauben.“ „Ich versuch’s,“ sagte er leise. Abend – ein ruhiger Abschluss Der Abend verlief unspektakulär.
Sie aßen zusammen zu Abend, etwas Einfaches: Brot, Käse, Gurken, Tee. Der Vater war erstaunlich ruhig, trank keinen Wein, redete nicht viel, aber wenn er etwas sagte, dann vorsichtig. „Wie war… dein Tag?“ fragte er stockend, als wären ihm die Worte fremd. „Ruhig,“ antwortete Lukas. „Und das war gut.“ Es war keine große Versöhnung. Keine tränenreiche Aussprache. Aber es war ein Abend ohne Geschrei, ohne Glaswurf, ohne brennende Lokale. In Lukas’ Kopf bekam der fünfundzwanzigste Tag am Ende eine knappe, aber wichtige Überschrift: „Heute ist nichts Neues Schlimmes passiert.“ Und das war, nach all dem, was vorher gewesen war, ein Fortschritt. 26. Tag – Zuhause bleiben, um neu zu sortieren Der sechsundzwanzigste Tag schloss sich nahtlos an. Wieder kein Wieder keine Wieder kein „du bist zu spät wegen Katheter“.
Hörsaal. Bahn.
Morgen – die Stille nach dem Sturm Lukas wachte etwas früher auf als am Vortag. Der Schmerz war immer noch da, aber weniger dominant. Er konnte sich besser bewegen, ohne dass sofort alles zog. In der Küche stand schon Tee bereit. Auf dem Tisch lag ein Block und ein Stift. Seine Mutter kam gerade mit einem zweiten Becher aus der Küche. „Das hat deine Therapeutin vorgeschlagen,“ sagte sie, als sie seinen Blick auf den Block bemerkte. „Nicht, damit du dich folterst. Sondern damit du nicht alles nur im Kopf trägst.“ Auf den Block hatte sie oben schon in großer Schrift geschrieben: „Was ist in den letzten Wochen passiert? (Nur in Stichpunkten, ohne Bewertung)“ Lukas setzte sich, starrte einen Moment darauf. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll,“ murmelte er. „Vorne oder hinten,“ sagte sie. „Und wenn es zu viel wird, hörst du auf. Es ist kein Test.“ Er nahm den Stift und schrieb: • „Slackline-Unfall – Sturz, OP, VR-Brille“ • „VR: schlimmste Erinnerungen – Mann, der mich zwingen wollte“ • „Autounfall mit Erling“ • „Alte Frau am Brunnen / Friedhof – Erpressung“ • „Patrik – WhatsApp-Nachrichten (Beschimpfungen, Bedrohungen)“ • „Vater – Rollstuhl verbrannt, Konsole zerstört“
„Hochschule – Katheter, Vorlesung, „mach in die Hose““ „MSP-Frau, Mathe-Kurs, ausgelacht, Urinbeutel-Aktion“ „Entführung – Halle, Taser, Tritte, Drohung für neues Jahr“ „Rettung – Erling, Polizei“ Er hielt inne. Unter dem letzten Punkt fügte er hinzu: • „Ich lebe noch.“ Nur diese drei Wörter zu schreiben, lösten etwas in Es war, als würde sein Nervensystem kurz weil es diesen Gedanken noch nicht gewohnt war. • • • •
ihm aus. stocken,
Vormittag – Plan mit der Mutter Später saßen er und seine Mutter im Wohnzimmer, die Liste zwischen ihnen auf dem Tisch. „Das ist viel,“ sagte sie. „Zu viel für einen Menschen in so kurzer Zeit.“ „Ich hab manchmal das Gefühl, dass die letzten Monate mehr Inhalt hatten als andere in zehn Jahren,“ murmelte Lukas. „Genau deshalb,“ sagte sie, „wird es Zeit, dass wir strukturiert dagegenhalten.“ Sie holte einen weiteren Block. „Es gibt drei Baustellen,“ zählte sie auf. „Erstens: Hochschule. Zweitens: Familie / Patrik. Drittens: Polizei / Recht.“ Sie schrieben stichwortartig: 1. Hochschule • Mail an Studiengangsleitung: Entführung, Übergriff, Belastung • Gespräch mit Psychologischem Dienst der Hochschule • Nachteilsausgleich wegen Autismus + Trauma beantragen • Beschwerde über „mach in die Hose“-Dozentin prüfen (mit Unterstützung) 2. Familie / Patrik • Alle Beleidigungen sichern (Screenshots) • Kontakte zu ihm blockieren (wo möglich) • Ersatzoma informieren, falls neue Drohungen kommen • nicht alleine an Orte, wo er sein könnte 3. Polizei / Recht • Anwältin suchen (Opferrecht, Strafrecht) • Offizielle Anzeige gegen Patrik und Mittäter ergänzen / ausweiten • Chronologie als Grundlage für Aussage nutzen • mit Therapeutin besprechen, wie man Aussagen macht, ohne zu zerbrechen „Wir müssen das nicht alles heute lösen,“ sagte die Mutter. „Aber ich will, dass du siehst: Es gibt Dinge, die wir tun können. Wir sind nicht nur passiv.“ Lukas sah die drei Spalten an. Es fühlte sich überwältigend an, aber nicht mehr völlig hoffnungslos. Es gibt Schritte, dachte er. Nicht heute alle. Aber überhaupt welche. Mittag – Besuch von Jana Gegen Mittag klingelte es an der Tür. Jana, seine Autismus-Assistenz, Dicke Winterjacke, Aktenmappe eine Mischung aus Professionalität und ehrlicher Sorge im Blick.
stand unterm
draußen. Arm,
„Ich wollte nicht einfach nur schreiben,“ sagte sie, als sie im Wohnzimmer saß. „Manche Dinge sind besser im selben Raum.“ Lukas setzte sich in den Sessel, ein Kissen im Rücken, damit er nicht zu sehr nach vorne brechen musste. Sie sprachen über die letzten Tage, über den Entführungsabend, über die Hochschule, über MSP und Mathe, über den Hörsaal-Ausbruch von Erling. „Ich bin ehrlich,“ sagte Jana. „Ich bin schockiert, wie wenig Schutz du an der Hochschule bekommen hast. Es kann nicht sein, dass eine Dozentin dich auffordert, in die Hose zu machen, und niemand interveniert.“ „Es hat ja niemand richtig mitbekommen,“ murmelte Lukas. „Oder wollte nicht.“ „Das ist genau der Punkt,“ meinte Jana. „Deshalb braucht es Menschen, die es klar benennen. Deine Mutter, deine Therapeutin, ich, der Rechtsdozent. Du bist nicht mehr allein in dieser Sache.“ Sie holte ein Blatt hervor. „Ich würde mit dir gern einen Notfallplan machen,“ sagte sie. „Für die nächsten Wochen. Silvester, Neujahr, Hochschule.“ Gemeinsam formulierten sie: • Wenn Patrik auftaucht: nicht diskutieren, nicht alleine bleiben → sofort Mutter / Vater / Erling rufen, Polizei rufen. • Wenn eine Vorlesung wieder eskaliert: Zeichen mit Erling verabreden, gemeinsam gehen, nicht allein im Raum bleiben. • Wenn Flashback kommt (Brunnen, Halle, Taser): Reizanker im Zimmer (Decke, Bild, Geruch), Atemübungen, kurze Nachricht an Therapeutin oder Jana. • Wenn der Vater wieder ausrastet: Raum verlassen, notfalls zur Nachbarin oder zum Hausflur, keine körperliche Konfrontation. Lukas schrieb mit. Es fühlte sich ungewohnt an, aber gut, Dinge schwarz auf weiß zu haben, statt nur vor sich hin zu fürchten. Nachmittag – Chronik schreiben mit Erling Am Nachmittag saßen Lukas und Erling nebeneinander am Schreibtisch. Die Chronologie, die er morgens begonnen hatte, hatten sie jetzt an den Laptop übertragen. „Du hast da Slackline und VR noch nicht ganz genau sortiert,“ meinte Erling, als er über die Zeilen flog. „Willst du, dass wir das zusammen machen? Ich weiß noch ziemlich genau, was wann war.“ „Ja,“ sagte Lukas. „Ich verwechsel die Tage manchmal, wenn alles so ineinanderläuft.“ Sie schrieben gemeinsam. Es wurde keine schöne Liste, aber eine klare: Datum, Ort, was passiert ist, wer dabei war. Je länger die Datei wurde, desto deutlicher zeigte sie:
Das war keine einzelne „komische“ Situation, sondern ein Muster aus Gewalt, Übergriffen, Versagen von Erwachsenen, und wenigen Menschen, die versuchten, gegenzuhalten. „Schon krass,“ murmelte Erling irgendwann. „Wenn das jemand als Drehbuch schreiben würde, würden die Leute sagen: „Übertrieben“.“ „Ja,“ sagte Lukas leise. „Aber ich hab mir das nicht ausgedacht.“ „Genau deshalb,“ antwortete Erling, „wird es Zeit, dass andere es lesen. Nicht als Film. Sondern als Bericht.“ Sie speicherten die Datei. Ein nüchterner Name: „Chronik_Übergriffe_und_Ereignisse.docx“ Nicht schön. Aber nützlich. Abend – ein ruhiger, schwerer, aber sicherer Tag Der Abend des sechsundzwanzigsten Tages war wieder ruhig. Abendessen. Fernsehen im Hintergrund. Keine eskalierenden Diskussionen. Der Vater war wieder zurückhaltend, fast so, als bewege er sich auf dünnem Eis. „Die Polizei hat heute noch mal angerufen,“ sagte die Mutter beim Essen. „Sie sind dabei, die Aussagen zu ordnen. Der Typ, der dich in der Halle festgehalten hat, redet. Es kann sein, dass Patriks Name fällt.“ Lukas’ Gabel hielt kurz in der Luft inne. „Angst?“ fragte sie behutsam. „Ja,“ sagte er ehrlich. „Aber weniger als früher. Ich hab das Gefühl, diesmal bin ich nicht der Einzige, der versucht, ihn aufzuhalten.“ Später, im Zimmer, lagen er und Erling nebeneinander, hörten leise Musik. Kein FC 26 mehr, kein lautes Spiel, sondern einfach ruhiges Liegen. „Zwei Tage Zuhause,“ sagte Lukas irgendwann. „Ohne Hochschule, ohne Markt, ohne Polizei. Nur Listen und Pläne.“ „Und Backfisch von gestern,“ bemerkte Erling trocken. „Vergiss nicht die wichtigen Dinge.“ Lukas musste lachen. „Weißt du, was komisch ist?“ fragte er dann leise. „Ich habe immer noch Angst vor dem, was Patrik vorhat. Vor Silvester, vor „Leichen“ und dem ganzen Scheiß. Aber zum ersten Mal hab ich auch sowas wie… Gegengewicht. Recht, Therapie, du, Mama, Jana. Es ist nicht mehr nur mein Kopf gegen alle.“ Erling drehte den Kopf zu ihm. „Das ist der Unterschied zwischen „Opfer sein“ und „Opfer gewesen sein, aber nicht allein weitergehen“,“ sagte er. „Du warst Opfer. Aber du bist nicht nur das.“ Der fünfundzwanzigste und der sechsundzwanzigste Tag waren nicht spektakulär. Keine dramatischen Szenen, keine Explosionen, keine brennenden Lokale. Sie waren gefüllt mit: • Schmerz,
Müdigkeit, Listen, E-Mails, Gesprächen, Fisch vom Vortag, und der leisen, aber wichtigen Erkenntnis: Zuhause bleiben kann manchmal der mutigste Schritt sein. Nicht als Flucht. Sondern als bewusste Pause, um wieder Kraft zu sammeln – bevor das Ultimatum, das Patrik so stolz in seinem Kopf formte, die nächste Eskalationsstufe versuchte. Der siebenundzwanzigste Tag fühlte sich von Anfang an anders an. Nicht, weil plötzlich alles gut war, sondern weil seit Tagen zum ersten Mal etwas im Kalender stand, das nicht „Therapie“, „Hochschule“, „Polizei“ oder „Trauma“ hieß. Sondern: Hans-Zimmer-Konzert. Mit Erling. Mit Mama. Mit Vater. Und Lukas. • • • • • •
Morgen – müder Körper, aber echter Vorfreude-Glimmer Lukas wachte an diesem Morgen ohne Wecker auf. Die Uhr zeigte kurz nach acht. Der Körper meldete sich wie immer: • Unterbauch: dumpfer Restschmerz von Tritten und Stress, • Seite: ein Ziehen an der Taser-Stelle, • Schultern: verspannt, aber nicht mehr betonhart. Er probierte vorsichtig, wie es sich anfühlte, aufzustehen. Es ging. Nicht schmerzfrei, aber ohne dass ihm gleich schwarz vor Augen wurde. Erling lag wieder auf der Matratze neben dem Bett, auf dem Rücken, die Hände über dem Bauch verschränkt, das eine Bein noch mit einem Kühlpad, die Haare völlig zerstört. Lukas schmunzelte kurz. Er sieht aus wie ein zerknüllter Superstar nach Verlängerung, dachte er. Er zog langsam eine Jogginghose an, ein weiches T-Shirt, ging Richtung Küche. Dort stand seine Mutter schon, Tee in der Hand, die Augen müde, aber mit einem Anflug von Lächeln. „Guten Morgen,“ sagte sie. „Heute ist der große Tag.“ „Klingt, als würde ich ein Champions-League-Finale spielen,“ murmelte Lukas. „Für dein Nervensystem ist es das vielleicht auch,“ meinte sie. „Viele Menschen, laute Musik, Licht, Emotionen. Und trotzdem machen wir es. Aber so, wie es für dich passt.“ Auf dem Tisch lag schon etwas bereit:
Ohrstöpsel, seine Noise-Cancelling-Kopfhörer, eine kleine Notfallkarte mit: „Ich bin Autist. Wenn ich überlastet bin, brauche ich Ruhe, einen ruhigen Ort und vertraute Personen.“ „Ich weiß,“ sagte die Mutter, als er darauf sah. „Es ist bescheuert, dass du sowas brauchst. Aber gleichzeitig: besser ihn in der Tasche haben, als ohne dastehen.“ „Nein,“ murmelte Lukas. „Es ist nicht bescheuert. Es ist nur… anders.“ Er setzte sich, nahm den Tee, schnupperte. „Und Vater?“ fragte er vorsichtig. Die Mutter seufzte leise. „Er hat gestern gesagt, dass er heute nüchtern bleiben will,“ antwortete sie. „Er weiß, dass er bei dir keine zweite Chance mehr bekommt, wenn er dieses Konzert versaut.“ „Trau ich ihm nicht ganz,“ murmelte Lukas ehrlich. „Ich auch nicht zu hundert Prozent,“ sagte sie. „Aber ich werde ihm sehr genau auf die Finger schauen. Und Erling auch.“ • • •
Vormittag – Vorbereitung statt Panik Der Vormittag war ruhig. Kein Hochschulstress, keine Mails von Dozenten. Lukas packte langsam eine kleine „Überlebens-Tasche“: • sein Handy, • Kopfhörer, • Ohrstöpsel, • eine kleine Flasche Wasser, • Traubenzucker, • Taschentücher, • die Notfallkarte. Erling kam irgendwann ins Zimmer, streckte sich. „Der Soundtrack deines Lebens wartet,“ meinte er. „Bereit, von tausend Streichern gleichzeitig durchgeschüttelt zu werden?“ „Solange keiner davon auf mich einschlägt oder mir Strom gibt,“ antwortete Lukas trocken, „ja.“ Sie setzten sich kurz zusammen aufs Bett. „Wie machen wir es heute?“ fragte Erling. „Was meinst du?“ fragte Lukas zurück. „Plan,“ sagte Erling. „Wir sind im Konzert, irgendwann wird es laut, vielleicht gibt’s Lichteffekte, vielleicht ist dein Kopf irgendwann „zu voll“. Was ist unser Code, wenn du an die Grenze kommst?“ Lukas dachte kurz nach. „Wenn ich sage: „Ich muss kurz aufs Klo“, meine ich: „Ich muss hier raus, bevor mein Gehirn implodiert“,“ sagte er. „Auch wenn ich eigentlich gar nicht aufs Klo muss.“ „Gut,“ nickte Erling. „Dann steh ich mit auf. Ohne Diskussion.“ „Und wenn du auch überfordert bist?“ fragte Lukas. „Dann gehen wir halt beide kurz aufs Klo und tun so, als würden wir einen taktischen Timeout nehmen,“ sagte Erling. „Niemand muss die ganze Zeit im Saal bleiben, um „brav“ zu sein.“ Das war inzwischen eine der wichtigsten Lektionen der letzten Tage: Man darf Räume verlassen, die zu viel werden. Auch, wenn sie teuer waren.
Fahrt – Richtung Frankfurt, Richtung Klangwelt Gegen Nachmittag machten sie sich auf den Weg. Das Konzert war in Frankfurt, in der Festhalle. Die Mutter war gefahren. „Ich will nicht auch noch das Risiko „Alkohol + Auto“ in diesem Tag haben,“ hatte sie klar gesagt. Der Vater saß tatsächlich auf dem Beifahrersitz. Kein Alkoholgeruch, nur Kaffee. Hinten: Lukas und Erling. Die Fahrt fühlte sich seltsam an: • Autobahn, • grauer Himmel, • Baustellen, • typische Großstadtschilder, • und mitten im Auto nach allem, was passiert war, eine Familie, die versuchte, so zu tun, als wäre das ein „normaler Konzertabend“. „Ich war noch nie auf einem Hans-Zimmer-Konzert,“ sagte Lukas leise. „Ich war noch nie bei einem, bei dem ich nicht Angst haben musste, dass jemand meine Identität erkennt,“ murmelte Erling. „Also Premiere für uns beide.“ Lukas sah aus dem Fenster. „Komisch,“ sagte er. „Das ist das erste Mal seit Wochen, dass ich irgendwo hinfahre, ohne das Gefühl zu haben, dass gleich irgendwas explodiert. Also… fast.“ Die Mutter warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. „Wenn es dir im Saal zu viel wird, gehen du und Erling raus,“ sagte sie. „Wenn dein Vater sich danebenbenimmt, gehen wir alle.“ Der Vater sagte nichts, aber seine Hand ballte sich kurz auf dem Bein zur Faust, in einer Mischung aus Scham und Anspannung. Ankommen – Menschenmenge, Sicherheit und Reizflut Die Festhalle war schon gut gefüllt, als sie ankamen. Lichter, Menschenströme, Schlangen vor den Eingängen. Lukas spürte sofort, wie sein Nervensystem hochfuhr: • Stimmengewirr, • Geruch nach Parfüm, Bier, Essen, • Security-Kontrollen, • Anweisungen. Er setzte kurz seine Noise-Cancelling-Kopfhörer auf, noch bevor sie die Halle betraten. Alles wurde gedämpft. Die Mutter hielt sich in seiner Nähe, Erling war direkt hinter ihm, der Vater etwas weiter vorne. „Tickets bereit halten,“ sagte ein Security-Mitarbeiter. Sie zeigten die digitale Buchung auf dem Handy. „Reihe 12, Block C,“ sagte die Mutter. „Ganz gute Plätze. Nicht zu nah an den Boxen.“ Lukas’ Augen tasteten den Saal ab.
Die Festhalle war riesig. Lichtkuppel, Ränge, Reihen. Die Bühne voller Instrumente: • Schlagzeug, • mehrere Keyboards, • Gitarren, • ein Meer aus Stühlen für Streicher, • große Leinwände im Hintergrund, • von irgendwo ein präpariertes Orgel-/Synthesizer-Setup. „Sieht aus wie dein Kopf,“ flüsterte Erling, als sie ihre Plätze suchten. „Viel zu viele Instrumente, alle gleichzeitig aktiv.“ „Danke,“ murmelte Lukas. „Sehr beruhigend.“ Sie setzten sich. Lukas nahm die Kopfhörer kurz ab, ließ die Geräuschkulisse rein, dann wieder auf, um sich an den Wechsel zu gewöhnen. „Du musst die nicht ausziehen, nur um „normal“ zu sein,“ sagte die Mutter. „Wenn du mit Kopfhörern sitzen willst, dann sitzen wir eben so.“ „Ich will den Sound hören,“ meinte Lukas. „Aber ich brauch eine Notbremse.“ Konzertbeginn – der erste Ton Die Lichter gingen langsam aus. Ein Raunen durch den Saal. Gespräche wurden leiser. Lukas’ Herzschlag wurde lauter. Auf der Bühne betrat die Band die Plätze. Streicher, Bläser, Gitarren, Percussion. Dann kam Hans Zimmer selbst. Schwarzes Shirt, Sakko, die Haare wie immer leicht wild, ein leichtes Lächeln, die Art von Auftreten, die sagt: „Ich weiß genau, was ich tue.“ Applaus. Jubel. Lukas spürte die Welle einmal durch seinen Körper rollen. Nicht Taser. Applaus. Freundlicher Lärm, sagte er sich innerlich. Hans Zimmer begrüßte kurz, mit seiner warmen, etwas rauen Stimme. „Schön, dass ihr da seid,“ sagte er. „Wir werden heute gemeinsam durch Filme reisen. Einige davon kennt ihr, einige bedeuten euch vielleicht etwas, das ihr niemandem sagen würdet. Genau dafür sind wir hier.“ Lukas schnaubte leise. Wenn du wüsstest, dachte er. Wenn du wüsstest, wie viel in meinem Leben nach Filmdrehbuch klingt und ich es trotzdem nicht bestellt hab. Dann begann die Musik. „Time“ – das Lied, das alles in sich trägt Die ersten Stücke waren bombastisch.
„Pirates of the Caribbean“ – voller Energie, Geigen, Drums, Gitarren, alles wirbelte durcheinander. Lukas hörte, wie der Saal mitging: Mitwippen, leises, begeistertes Raunen. Sein Körper spannte sich bei den lauten, plötzlichen Einsätzen kurz an, entspannte sich wieder, als er merkte: Es passiert nichts. Die Musik ist laut, aber sie greift ihn nicht an. Dann kam ein ruhiger Moment. Hans Zimmer trat nach vorne, sprach kurz ins Mikrofon. „Es gibt ein Stück,“ sagte er, „das ich eigentlich nicht geplant hatte, so wichtig werden zu lassen. Aber irgendwie hat es seinen Weg in viele Menschen gefunden. Es heißt „Time“.“ Lukas’ Herz setzte kurz aus. „Time“. Die ersten sanften, wiederholten Klavierakkorde begannen. Leise, sich langsam aufbauend. Lukas’ Brust wurde eng. Vor seinem inneren Auge tauchten Bilder auf: • die Slackline, • wie er fiel, • das Krankenhaus, • die VR-Brille, • die alte Frau am Brunnen, • der Rollstuhl, • der Taser, • Erling, der die Metallstange hielt, • seine Mutter im Flur mit Tränen in den Augen, als er lebend zurückkam. Die Musik wuchs, Schicht für Schicht. Er merkte, wie seine Augen sich füllten. Nicht mit der Panik-Tränenart, sondern mit diesem tiefen, schweren, gleichzeitig befreienden Weinen, das sagt: Das war alles zu viel. Und ich lebe trotzdem. Erling bemerkte es. Er legte, ohne ein Wort, seine Hand auf Lukas’ Unterarm, sanft, fest, nicht drückend. Lukas ließ die Tränen einfach laufen. Niemand sah ihn wirklich. Der Saal war dunkel, alle Augen waren auf der Bühne. Die Töne stiegen an, bis die ganze Halle vibrierte. Und zum ersten Mal seit langem hatte Lukas das Gefühl: Die Musik trägt das, was er nicht in Worte fassen konnte.
Licht, Blitz, Trigger – fast Absturz, aber gehalten Später im Konzert gab es Stücke mit größeren Showelementen. Bei „The Dark Knight“ wurde das Licht aggressiver, Stroboskopartige Effekte, harter Rhythmus, tiefe Bässe. Beim ersten plötzlichen Lichtblitz zuckte Lukas zusammen, sein Körper schaltete in Alarm: • Taser, • Halle, • Strom. Sein Atem wurde flach, der Magen drehte sich. „Ich muss kurz aufs Klo,“ flüsterte er angespannt. Erling reagierte sofort. „Wir gehen,“ sagte er. Sie standen auf, entschuldigten sich leise, schoben sich aus der Reihe. Im Gang war es dunkler, aber ruhiger. Sie lehnen sich an die Wand, noch bevor sie wirklich Richtung Toilette gingen. „Atmen,“ sagte Erling, leise, aber bestimmt. „Ein. Aus. Kein Kabelbinder. Keine Halle. Nur Licht und Sound.“ Lukas schloss kurz die Augen. Sein Körper hatte nicht mitbekommen, dass er in der Festhalle war, nicht in einem Industriegebäude. Die Musik hatte zu sehr an die Geräusche erinnert, die sein Nervensystem als „Gefahr“ abgespeichert hatte. „Ich hasse das,“ flüsterte er. „Einen Moment hör ich Musik, im nächsten bin ich wieder am Stuhl festgebunden.“ „Das ist nicht dein Fehler,“ sagte Erling. „Das ist dein Gehirn, das versucht, dich zu schützen – nur leider mit veralteten Daten.“ Sie standen noch eine Weile im Gang. Man hörte die Musik dumpfer, das Licht war weniger extrem. Ein Security-Mitarbeiter kam vorbei, sah sie kurz an. „Alles okay?“ fragte er. „Er braucht nur kurz Luft,“ sagte Erling. „Zu viele Leute, zu viel Licht. Wir gehen gleich wieder rein.“ Der Mann nickte. „Kein Problem,“ meinte er. „Wenn jemand medizinische Hilfe braucht, sagen Sie Bescheid.“ „Tu ich,“ sagte Erling. Lukas merkte, wie sein Atem sich langsam beruhigte. „Ich will trotzdem weiter zuhören,“ murmelte er nach einigen Minuten. „Ich will nicht, dass Patrik mir auch noch dieses Konzert klaut.“ Erling nickte.
„Dann gehen wir zurück,“ sagte er. „Und wenn dein Kopf wieder „Flucht!“ schreit, gehen wir halt nochmal raus.“ „Interstellar“ – fast wie eine Nachricht aus einem anderen Raum Sie kehrten zurück in den Saal, setzten sich wieder zu seinen Eltern. Die Mutter warf ihm einen fragenden Blick zu. Lukas nickte nur leicht: „Ich lebe.“ Beim nächsten ruhigen Block kündigte Hans Zimmer Musik aus „Interstellar“ an. „Dieser Film hat viel mit Zeit, Raum und Familie zu tun,“ sagte er. „Und mit der Frage, wie weit man für die Menschen geht, die man liebt.“ Die ersten, schweren, fließenden Orgel- und Streicherklänge begannen. Lukas ließ den Kopf etwas nach hinten sinken, schloss kurz die Augen. In seinem Kopf verschoben sich die Bilder: • nicht nur Gewalt, • sondern auch Erling, der ihn aus der Halle holte, • seine Mutter, die am Küchentisch Listen schrieb, • Jana, die einen Notfallplan entwarf, • der Rechtsdozent, der im Video sagte: „Sie haben das Recht, sich Hilfe zu holen.“ Die Musik war riesig, fast monströs, aber nicht feindlich. Sie fühlte sich an wie ein riesiges Universum, in dem er selbst nur ein kleiner Punkt war – aber nicht wertlos. Tränen kamen wieder, diesmal weniger schmerzhaft, mehr wie eine Reinigung. Er merkte, wie sein Vater neben ihm sich unauffällig über die Augen wischte. Lukas tat so, als würde er es nicht sehen, aber er registrierte es. Vielleicht sind wir alle verletzter, als wir zugeben, dachte er. Und vielleicht sitzen wir trotzdem heute hier, in derselben Reihe. Zugaben – „Lion King“ und etwas wie Hoffnung Gegen Ende des Konzerts, nach vielen Themen, ankündigte Hans Zimmer eine Zugabe. „Es gibt etwas, womit ich fast immer schließe,“ sagte er. „Weil es eine Erinnerung daran ist, dass selbst nach Verlust und Schmerz neue Kreise beginnen können.“ Der erste Chor-Einsatz von „The Lion King“ kam. Afrikanische Stimmen, Rhythmus, Leben. Lukas musste grinsen, trotz allem. „König der Löwen,“ flüsterte er. „Wie ironisch. Ich hab mich eher wie ein gerupftes Meerschweinchen gefühlt.“
„Heute bist du wenigstens ein angeschlagener, aber lebender Löwe,“ murmelte Erling zurück. Die Musik war warm, full, erzählerisch. Lukas spürte, wie sein Körper bei jedem Schlag, jeder Trommel, jedem Choreinsatz bestätigte: Ich bin noch hier. Ich atme. Ich höre. Am Ende standen viele auf. Standing Ovations. Lukas blieb sitzen, nicht, weil er respektlos sein wollte, sondern weil seine Beine nach den letzten Tagen nicht alles mitmachten. Erling stand halb, klatschte, sah zwischendurch kurz zu Lukas runter und grinste. „Du bist durchgehalten,“ sagte er hinterher im Gehen. „Ich bin stolz auf dich. Und das meine ich nicht „von oben herab“, sondern auf Augenhöhe.“ Heimweg – Musik im Kopf, Müdigkeit im Körper Auf dem Weg zum Auto war die Luft draußen kalt, frische Frankfurter Nachtluft. Lukas atmete tief ein. „Wie war es?“ fragte die Mutter, als sie im Auto saßen. „Schön,“ sagte Lukas. „Schön und anstrengend und triggernd und befreiend. Alles gleichzeitig.“ Der Vater fuhr sich über das Gesicht. „Ich hätte nicht gedacht,“ murmelte er, „dass mich Musik so… na ja… trifft.“ „Du hättest auch nicht gedacht,“ sagte Lukas ruhig, ohne Vorwurf, „dass du mal den Rollstuhl deines eigenen Sohnes anzündest.“ Stille im Auto. Der Vater schluckte. „Nein,“ sagte er leise. „Und ich weiß, dass ich viel zerstört habe. Heute… heute wollte ich zum ersten Mal seit Langem einfach nur… etwas mit euch erleben, ohne alles kaputt zu machen.“ Lukas überlegte kurz. „Du warst nüchtern,“ sagte er. „Das ist ein Anfang.“ Mehr gab er ihm an diesem Abend nicht. Aber die Worte waren ehrlich. Die Fahrt nach Hause war leise. Jeder hing seinen Bildern nach: • die Bühne, • die Musik, • das Licht, • die eigenen Wunden. Parallel – Patrik, das Handy und neuer Hass
Zur gleichen Zeit, einige Kilometer entfernt, scrollte Patrik auf seinem Handy durch Instagram. Jemand aus der erweiterten Familie hatte ein Foto gepostet: „Hans Zimmer Live – Familienabend “ Darauf zu sehen: • ein Stück der Bühne, • weiter unten im Dunkeln Silhouetten, • die man nur erahnen konnte. In der Bildbeschreibung waren die Namen markiert. Auch der der Mutter. Und, unsichtbar, Lukas. Patriks Kiefer verkrampfte sich. Ihr geht auf Konzerte, dachte er wütend. Ihr habt „Familienabende“, während ihr mich rausschmeißt. Er geht zu Hans Zimmer, Erling trägt ihn durch die Gegend, alle kümmern sich um ihn – und ich bin der „Abschaum“. Er tippte eine neue Notiz in sein Handy, keine Nachricht an jemanden, nur einen Satz in seinem internen „Plan-Dokument“: „Silvester / Neujahr: Aktion planen, wenn sie sich sicher fühlen. Wenn sie glauben, das Schlimmste liegt hinter ihnen.“ Er speicherte. In seinem Kopf war das Konzert nicht ein Moment der Heilung, sondern ein weiterer Grund, sich in seiner Opfer-Erzählung zu bestätigen: „Die genießen ihr Leben. Ich sorge dafür, dass sie es bereuen.“ Im Zimmer – Musik als Schutzschicht Später, zurück in Mainz, lag Lukas in seinem Bett. Der Körper war müde, der Kopf voller Klänge. Er nahm sein Handy, öffnete eine Playlist mit Hans-Zimmer-Stücken, legte „Time“ leise an. Erling lag wieder auf der Matratze, hörte mit einem Ohr mit. „Weißt du,“ murmelte Lukas, „heute zum ersten Mal war es so, als würde die Musik meine Erinnerungen tragen helfen, statt sie nur anzustoßen.“ Erling drehte den Kopf zu ihm. „Dann war es das wert,“ sagte er. „Auch wenn’s zwischendurch zu viel war.“ Lukas nickte. In seinem inneren Tagebuch bekam der siebenundzwanzigste Tag einen besonderen Eintrag: „Hans Zimmer live. Getriggert. Geweint. Gelacht. Nicht geflohen. Musik als Beweis, dass ich mehr bin als das, was mir angetan wurde.“ Er wusste nicht, was in den nächsten Tagen noch alles kommen würde: • Patriks Pläne,
das drohende Ultimatum, „Leichen“-Ankündigungen. Aber an diesem einen Abend hatte er erlebt, dass es Räume gab, in denen der Lärm nicht zerstörte, sondern heilte. Und dass er selbst nach Entführung, Taser, Hörsaal-Demütigungen und inneren Stürmen noch in der Lage war, vor einem Orchester zu sitzen und zu sagen: Ich bin noch da. Der achtundzwanzigste Tag begann damit, dass Lukas zum ersten Mal seit Tagen das Gefühl hatte, sein Kopf sei nicht sofort im Alarmmodus. • •
Morgen – Aufwachen mit Nachhall statt Sirene Er wachte gegen neun auf. Kein schriller Ruck hoch, kein Herzrasen, sondern dieses langsame, etwas schwere Aufdriften aus dem Schlaf, wie nach einem sehr langen Film. Der Körper meldete sich zwar noch: • Unterbauch: immer noch empfindlich, • Seite: das bekannte Ziehen von der Taser-Stelle, • Schultern: müde, aber nicht mehr komplett betonhart, doch es war aushaltbar. Erling lag wie üblich auf der Matratze neben seinem Bett, auf dem Rücken, eine Hand unter dem Kopf, die andere ausgestreckt, als hätte er im Traum noch einen Schuss aufs Tor abgewehrt. Lukas setzte sich langsam auf und merkte, dass in seinem Kopf heute etwas anders war: Der erste Gedanke war nicht „Entführung“, nicht „Patrik“, nicht „Katheter“. Sondern: Gestern Hans Zimmer. „Time“. „Interstellar“. Ich war da. Ich bin nicht zusammengebrochen. Ein leiser Rest von den Klängen lag noch in ihm, wie ein Echo. Er stand vorsichtig auf, schlüpfte in seine Jogginghose, griff automatisch nach seinem Handy. Der Bildschirm leuchtete auf. Ganz oben eine kleine, unscheinbare App, die schon viel zu lange keine Rolle mehr gespielt hatte: Pokémon GO. Unter dem Icons stand eine Zahl, die ihn kurz zusammenzucken ließ. 27. Nicht wegen des Tages. Wegen der Tage seit dem letzten richtigen Login.
„Vielleicht…“ dachte „Vielleicht ist heute ein Tag für etwas, das sich wie früher anfühlt.“
Küche – Kaffee, Tee und ein Vorschlag In der Küche roch es nach Kaffee und Tee. Die Mutter stand wie so oft am Herd, eine Tasse in der Hand, die Augen hatten die typische Mischung aus Erschöpfung und Wache-Sein, die Eltern haben, wenn sie seit Wochen im Daueralarm-Modus leben. „Guten Morgen,“ sagte Lukas. „Guten Morgen,“ antwortete sie, mit einem kleinen Lächeln. „Konzert-Kater?“ „Mehr emotional als körperlich,“ murmelte er. „Aber… es war gut.“ Er setzte sich, bekam sein Frühstück: Brötchen, etwas Aufschnitt, eine Scheibe Käse, Tee. Er scrollte nebenbei auf seinem Handy, blieb wieder am Pokémon-GO-Icon hängen. „Ich hab ewig nicht mehr gespielt,“ sagte er plötzlich laut. Die Mutter sah ihn an. „Stimmt,“ meinte sie. „Früher bist du ständig mit deinem Handy durch die Gegend gelaufen und hast PokéStops gedreht. Mit dem Rollstuhl. Mit Erling. Mit…“ Sie stoppte kurz, weil der Name „Patrik“ wie ein giftiger Stein im Hals lag. „…mit anderen Menschen,“ beendete sie neutral. „Mit falschen Freunden,“ ergänzte Lukas leise. „Und mit echten.“ Er schaute zur Küchentür. „Schläft Erling noch?“ fragte die Mutter. „Ja,“ sagte Lukas. „Aber ich überlege, ob ich ihn später frage, ob wir rausgehen und Pokémon spielen. So wie beim allerersten Treffen.“ Sie musterte ihn aufmerksam. „Würdest du das schaffen?“ fragte sie vorsichtig. „Draußen, Leute, Geräusche, Orte, die dich erinnern…“ Lukas dachte kurz nach. „Ich glaube,“ sagte er langsam, „gerade deswegen will ich es. Ich will nicht, dass die ganzen schlimmen Sachen die letzten guten Erinnerungen fressen. Pokémon Go war… bevor alles eskaliert ist, etwas Schönes.“ Ein kleines, warmes Stück Vergangenheit, das Patrik noch nicht zerstört hatte. Die Mutter nickte. „Dann plan es so,“ meinte sie. „Aber mit Pausen, mit Rückzugsmöglichkeit. Und sag Bescheid, wo ihr langlauft.“ Erling wird geweckt – anders als sonst Zurück im Zimmer kniete Lukas sich neben die Matratze. „Erling,“ sagte er leise. „Aufstehen, Maestro. Die Welt wartet darauf, gefangen zu werden.“ Keine Reaktion. Er stupste ihn leicht an. „Erling.“ Grummeln. „Was ist?“ murmelte der Spieler, ohne die Augen zu öffnen. „Ist irgendwas passiert? Polizei? Patrik? Feuer? Konzert abgesagt?“ „Nein,“ sagte Lukas. „Nichts davon. Ich… hab eine Mission.“
Jetzt öffnete Erling langsam ein Auge. „Eine Mission,“ wiederholte er. „Klingt nicht nach Frühstück.“ „Pokémon Go,“ sagte Lukas einfach. Erling blinzelte, richtete sich halb auf. „Ich bin noch nicht ganz wach,“ sagte er. „Aber… das klang wie „Pokémon Go“.“ „Richtig gehört,“ antwortete Lukas. „Ich will heute mit dir raus. So wie damals beim allerersten Treffen, weißt du? Als ich dir erklärt hab, wie man Arenen einnimmt und du so getan hast, als wäre das gerade eine taktische Champions-League-Besprechung.“ Ein kleines Lächeln stahl sich in Erlings Gesicht. „Das war keine Show,“ meinte er. „Ich fand’s wirklich spannend. Und ich war beeindruckt, wie du dir alle Attacken und Namen merken konntest.“ „Ich will heute nicht an die Halle denken,“ sagte Lukas. „Nicht an Katheter, nicht an MSP, nicht an Mathe-Beutel-Aktion. Ich will mal wieder anders laufen: von PokéStop zu PokéStop, nicht von Trauma zu Trauma.“ Erling setzte sich ganz auf, streckte das schmerzende Bein. „Deal,“ sagte er. „Wir gehen auf eine Pokémon-Go-Tour. Mit Zwischenstopps für deinen Unterbauch und meine Taser-gedisste Muskulatur.“ Vorbereitung – kein Katheter, aber Powerbank Bevor sie losgingen, bereitete sich Lukas vor, als würde er auf eine kleine Expedition gehen. Er packte: • Handy, • Powerbank („Pokémon Go saugt Akku wie eine VR-Brille Seele“), • Kopfhörer, • seine Notfallkarte, • ein bisschen Geld, • seine Monatskarte für Bus und Bahn. Er hatte inzwischen wieder normalere Kleidung an: eine Jeans, sein Mainz-05-Hoodie, eine dicke Winterjacke. „Wie weit willst du laufen?“ fragte die Mutter an der Tür. „Nicht zu weit,“ antwortete Lukas. „Maximal Innenstadt, vielleicht Rhein, Hochschule nur von außen. Keine Schleifen über den Friedhof, keinen Umweg über die Halle.“ Sie nickte. „Wenn irgendwas ist – Anruf, Nachricht, Sprachnachricht, völlig egal,“ sagte sie. „Und bitte keine Statusmeldung in der Familie, wo genau ihr seid, ja? Ich möchte nicht, dass Patrik über irgendeinen dummen Umweg erfährt, dass du wieder draußen bist.“ Lukas’ Magen zog sich kurz zusammen. Er hatte nicht mal daran gedacht, aber sie hatte recht. „Ich poste heute gar nichts,“ sagte er. „Dafür gibt’s später Screenshots von den gefangenen Pokémon. Aber nur für uns.“ Losgehen – die ersten Schritte mit offenem Handy Draußen war aber trocken. Sie gingen aus Lukas öffnete die App.
Ein vertrautes Geräusch, das Begrüßungs-Jingle. Die Karte von Mainz erschien. PokéStops, Arenen, kleine bunte Symbole. Sein Avatar stand an der bekannten Kreuzung, wie eingefroren in der Zeit. Zum ersten Mal seit Wochen hatte Lukas das Gefühl, etwas in seinem Leben sei stehen geblieben, während alles andere weiter eskaliert war. „Guck mal,“ sagte er. „Die Arena an der Kirche gehört immer noch Team Rot.“ „Und du bist…?“ fragte Erling. „Blau,“ grinste Lukas. „Team Weisheit. Sowas wie ich in gut sortiert.“ Erling schmunzelte. „Also sind wir heute im Außeneinsatz gegen Rot,“ murmelte er. „Klingt nach Derby.“ Sie gingen Richtung erstem PokéStop: die Bushaltestelle ein paar Meter weiter, die in seinem Spiel als „Alte Straßenlaterne“ angezeigt wurde. Lukas drehte den Stop, die Scheibe rotierte, ein paar Pokébälle, Tränke und Beeren fielen ins Inventar. Allein dieses kleine Animation war wie ein Stück Alltag, der nicht nach Krankenhaus roch. Erster Fang – ein unscheinbares, aber wichtiges Pokémon Auf der Karte tauchte das erste Pokémon auf. Ein Taubsi. Nichts Besonderes, kein legendäres Wesen, kein Raidboss. Nur ein kleines, nerviges Standard-Pokémon. „Früher hätte ich das ignoriert,“ murmelte Lukas. „Jetzt fang ich es.“ Er tippte drauf, der Fangbildschirm öffnete sich. Mit einem genauen Wurf landete der Ball. Klick. „Eins,“ sagte er leise, als wäre es ein Ritual. „Zwei. Drei. Drin.“ Erling grinste. „Du zählst immer noch,“ stellte er fest. „Ja,“ sagte Lukas. „Es gibt Dinge, die überleben selbst Taser und Urinbeutel.“ Erling holte sein eigenes Handy heraus. „Ich hab’s auch gefangen,“ meinte er. „Nicht so elegant, aber drin ist drin.“ Lukas warf ihm einen kurzen Blick zu. „Du hättest fast Norwegen in diese App eingetragen,“ sagte er. „Wegen dir gibt es wahrscheinlich irgendwo einen geheimen Bonus für Leute, die Haaland heißen.“ „Wenn du wüsstest, wie viele Leute mein Gesicht als Avatar nachgebaut haben,“ murmelte Erling. „Aber heute bin ich nur dein Begleiter mit Durchschnittsaccount.“ Durch die Stadt – neue Erinnerungen an alte Orte Sie liefen langsam Richtung Innenstadt.
Jeder PokéStop war ein vertrauter Punkt: • „Graffiti-Mauer beim Spielplatz“ • „Altes Firmenschild“ • „Hochschule Mainz – Haupteingang“ • „Mainz 05 Graffiti“ Als die Hochschule auf der Karte auftauchte, blieb Lukas kurz stehen. Die App zeigte das Gebäude als kleines, hübsches Foto. Für ihn war es inzwischen ein halbes Minenfeld an Erinnerungen. „Wollen wir vorbei?“ fragte Erling vorsichtig. Lukas atmete einmal tief ein. „Ja,“ sagte er schließlich. „Aber nur vorbei. Nicht rein. Keine MSP, keine Mathe, keine Bibliothek heute. Nur… drehen.“ Sie gingen bis zur Ecke, wo man das Gebäude sehen, aber nicht direkt vor dem Eingang stehen musste. Lukas hielt das Handy hoch, der PokéStop wurde aktiv. Er drehte. „Da,“ sagte er leise. „Ich hab’s. Heute hole ich mir nur Items. Nicht Demütigungen.“ Erling nickte. „Guter Deal,“ sagte er. „Die Hochschule gibt dir Bälle, nicht Trauma.“ Als sie weitergingen, fühlte es sich an, als würde er dem Ort ein Stück Macht wegnehmen. Nicht alles. Aber ein kleines Stück. Rhein – Wasser, Pokémon und eine kurze Pause Sie liefen weiter Richtung Rhein. Die App vibrierte immer wieder: • ein Rattfratz, • ein Barschwa im Wasser, • ein Schneppke (irgendwo hatte das Spiel mitbekommen, dass Winter war). „Willst du einen kurzen Raid machen?“ fragte Erling, als eine Arena einen Fünf-Sterne-Raid ankündigte. „Kommt drauf an, was drin ist,“ meinte Lukas. Es war ein Legendäres. „Dein Lieblingsdrache,“ grinste Erling. „Ich versuch’s,“ sagte Lukas. „Aber nur, wenn wir uns auf die Bank da setzen.“ Sie nahmen auf einer Bank am Rheinufer Platz. Das Wasser war grau, der Himmel auch, aber die Luft tat gut. Sie starteten den Raid, schlossen sich mit ein paar anderen Spielern an, die nur als kleine Avatare und Kürzel sichtbar waren. „So viele fremde Menschen,“ sagte Erling, „und trotzdem spielen wir alle gerade zusammen. Ohne jemanden anzuschreien, ohne Katheterwitze.“ „Pokémon Go war schon immer inklusiver als manche Dozenten,“ murmelte Lukas. Der Kampf begann.
Tippen, wischen, ausweichen. „Du machst Schaden wie ein Berserker,“ kommentierte Erling. „Ich hab Übung darin, gegen Dinge zu kämpfen, die größer sind als ich,“ antwortete Lukas. Der Boss fiel. Die Fangphase begann. Lukas atmete einmal tief durch, warf einen Hyperball mit Curveball und Beere. Treffer. Eins. Zwei. Drei. Drin. „Hab ihn,“ sagte er, und zum ersten Mal an diesem Tag klang echte Freude in seiner Stimme. „Ich nicht,“ grinste Erling. „Aber ist okay. Du brauchst heute mehr gute Nachrichten als ich.“ Lukas schaute das Pokémon an, gab ihm einen Namen. „Neuanfang,“ tippte er. Erling sah zu ihm rüber. „Passend,“ meinte er. Gespräch am Rhein – Pokémon, Vergangenheit und neue Grenzen Sie blieben noch eine Weile auf der Bank sitzen. Lukas schaltete kurz die App aus, steckte das Handy in die Tasche. Der Rhein floss gleichgültig an ihnen vorbei. „Komisch,“ sagte er nach einer Weile. „Früher war Pokémon Go mein größtes Problem. „Finde ich noch ein Shiny? Habe ich noch genug Bälle?“ Und dann kamen Taser, VR, Katheter, Patrik, Mathebeutel… Und plötzlich war das Spiel so winzig im Vergleich.“ „Und heute?“ fragte Erling. „Heute ist es wieder genau richtig groß,“ antwortete Lukas. „Weil es eines der wenigen Dinge ist, die sich nicht gegen mich verschworen haben.“ Erling lehnte sich zurück. „Weißt du noch,“ sagte er, „als du mir beim ersten Treffen mitten auf dem Schulhof erklärt hast, wie man Arenen einnimmt? Und dieser Typ euch gefilmt hat, wie du jongliert hast, und wir am Ende vor ihm abgehauen sind und durch die Umkleiden geflüchtet sind?“ Lukas grinste. „Damals dachte ich, das wäre das Maximum an Adrenalin,“ sagte er. „Dabei war das rückblickend fast harmlos.“ Er wurde wieder ernster. „Ich will das zurück,“ fuhr er leise fort. „Nicht die alten Menschen. Die nicht. Aber das Gefühl, dass mein größter Stress ein Raid ist und nicht die Frage: „Überlebe ich den Tag?“. Ich weiß, dass es nicht komplett so wird. Aber… vielleicht wenigstens teilweise.“ Erling nickte langsam. „Du wirst die Vergangenheit nicht löschen,“ sagte er. „Aber du kannst neue Erinnerungen auf die alten Orte legen. Heute Rhein mit Raid statt Rhein mit Polizei. Heute HochschulePokéStop statt Hochschule-Hörsaal-Hölle.“ Lukas atmete tief ein. „Und du?“ fragte er. „Warum machst du das alles mit? Ich bin nicht gerade der unkomplizierteste Mensch, den man sich aussuchen kann.“ Erling zuckte leicht die Schultern.
„Weil du echt bist,“ sagte er. „Weil du mich nicht als „Star“ behandelst, sondern als jemanden, der auch Fehler macht. Und weil ich irgendwann gemerkt habe, dass ich nicht nur Tore schießen kann, sondern vielleicht auch Menschen helfen, die von ihrer Umwelt zerlegt werden.“ Er sah Lukas an. „Und ganz ehrlich,“ fügte er hinzu. „Pokémon Go mit dir macht mehr Spaß als jedes Sponsoren-Event mit perfekten Fotos.“ Rückweg – noch ein paar Stops, noch ein paar Fänge Auf dem Rückweg drehten sie noch ein paar Stops, fingen dies und das: • ein Evoli („immer gut als Sicherheit“), • ein Glumanda („Feuer gegen die Kälte da draußen“), • ein Karpador im virtuellen Wasser. „Weißt du,“ sagte Lukas irgendwann, „Pokémon Go hat mir früher geholfen, überhaupt vor die Tür zu gehen. Als ich noch dachte, ich hätte keine Freunde, waren die Arenen sowas wie neutrale Orte, wo ich sein durfte.“ „Jetzt sind es Orte,“ meinte Erling, „an denen du mit Leuten bist, die auf deiner Seite stehen.“ Als sie in die Nähe ihrer Wohnung kamen, blieb Lukas vor einem bestimmten PokéStop stehen. „Familienbaum,“ hieß er im Spiel. In Wirklichkeit war es ein alter Baum an der Ecke, unter dem Lukas früher oft stand, wenn er Zeit totgeschlagen hatte, bevor er irgendwo hin musste. „Hier hab ich mal mit Patrik gestanden,“ sagte er leise. „Er hat darüber gelacht, dass ich so ernst bei Events war. Hat gesagt, ich wäre wie ein Kind, das nie erwachsen wurde.“ „Du bist erwachsener als er,“ antwortete Erling ruhig. „Er hat Übergriffe und Drohungen verschickt. Du versuchst, trotz allem niemandem das anzutun, was man dir angetan hat.“ Lukas drehte den Stop, steckte das Handy weg. „Ich will, dass dieser Baum ab jetzt eher für heute steht,“ sagte er leise. „Nicht für ihn.“ Zuhause – Auswertung und Nachbeben Zurück in der Wohnung setzten sie sich an den Küchentisch. Lukas legte das Handy auf den Tisch. „Also,“ sagte die Mutter. „Wie war der Außeneinsatz?“ „Kalt,“ antwortete Lukas. „Aber gut. Rhein, Hochschule nur als PokéStop, kein Friedhof, keine Halle, ein Raid, mehrere Fänge, null Panikattacken, eine halbe am Dark-Knight-Licht von gestern, aber heute keine.“ „Eine halbe zählt nicht als Niederlage,“ meinte Erling. „Eher als Unentschieden.“ Die Mutter lächelte. „Dann war das ein erfolgreicher Tag,“ sagte sie. „Es war nur Pokémon Go,“ murmelte Lukas. „Nein,“ widersprach sie leise. „Es war ein Tag, an dem du freiwillig vor die Tür gegangen bist. Nach allem, was war. Das ist mehr als „nur“.“ Später im Zimmer öffnete Lukas noch einmal seine Pokémon-Liste. Er scrollte durch: Das neue Legendäre. Die neu gefangenen. Sein Team.
Er blieb beim Legendären stehen, das er „Neuanfang“ genannt hatte. Dann tippte er oben in sein Profil, wechselte den Spitznamen, den nur er und seine Freunde sehen konnten. Früher stand dort ein seltsamer Name, den er sich in einer unsicheren Phase gegeben hatte. Jetzt löschte er den alten und schrieb: „Lukas_lebt“ Er starrte kurz auf den Schriftzug. Speicherte. Erling lag schon auf der Matratze, scrollte am Handy. „Was machst du?“ fragte er. „Ich hab meinen Spitznamen geändert,“ sagte Lukas. „In der App. Da steht jetzt, dass ich lebe.“ „Ist auch die Wahrheit,“ meinte Erling. „Und eine Nachricht an dein eigenes Gehirn.“ Draußen wurde es dunkel. In einem anderen Zimmer, kilometerweit entfernt, sah Patrik auf sein Handy und ärgerte sich darüber, dass auf seinem Radar keine Spur von Lukas’ Account auftauchte, weil Lukas ihn längst geblockt hatte. Er murmelte etwas von „ihr werdet schon sehen“, schrieb wieder Drohungen in sein digitales Notizbuch. Aber an diesem achtundzwanzigsten Tag hatte er keine Macht über den Rhein, über den Raid, über den Baum, über die kleinen Pokémon, über den neuen Namen in der App. Der Tag bekam im inneren Kalender von Lukas einen einfachen Eintrag: „Tag 28: Ich war draußen. Ich hab Pokémon gefangen. Ich hab nicht aufgegeben.“ Der neunundzwanzigste Tag fühlte sich an, als hätte jemand einen dicken roten Kreis im Kalender darum gemalt. Nicht wegen Hochschule, nicht wegen Therapie, nicht wegen Polizei. Sondern wegen drei einfachen Worten: Letzter UECL-Spieltag. Mainz 05 – Samsunspor. Zu Hause. Mit Lukas, seiner Mutter und Erling im Stadion. Und Mainz hat die Chance, als Gruppensieger in die K.o.-Phase zu gehen. Morgen – Fußball statt Krankenhausgedanken Lukas wachte an diesem Morgen überraschend früh auf. Er brauchte einen Moment, bis ihm einfiel, warum. Dann kamen die Bilder: • die Festhalle von vorgestern, • der Rhein von gestern,
PokéStops, „Neuanfang“, und jetzt: Flutlicht, Bruchweg-Songs, rote Trikots, Europa-Abend. Der Körper meldete sich wie immer kurz: • Unterbauch: ein dumpfer, aber erträglicher Schmerz, • Taser-Stelle: ein leises Ziehen, mehr Erinnerung als akute Qual, • Schultern: müde, aber nicht mehr im Dauerkrampf. Er setzte sich auf, atmete tief durch. Heute kein Hörsaal. Heute keine VR-Brille. Heute kein Taser. Heute „nur“ Mainz 05. Er warf einen Blick auf die Matratze neben seinem Bett. Erling lag dort, halb auf dem Bauch, halb auf der Seite, das Bein mit den blauen Flecken leicht erhöht, ein Arm unter dem Kopf, der andere ausgestreckt, als hätte er im Traum versucht, eine Flanke reinzugrätschen. Lukas stand vorsichtig auf. Sein Handy blinkte. Eine Nachricht von seiner Mutter: „Wenn du wach bist: Heute Abend 18:30 los, okay? Spiel beginnt um 21:00. Wir fahren lieber früher hin, damit wir es ruhig angehen können. “ Lukas tippte zurück: „Ja. Ich freu mich. Und hab gleichzeitig Schiss. Klassischer Lukas-Mix.“ • •
Küche – Trikots, Tee und Ticketdruck In der Küche stand schon Tee auf dem Tisch, neben drei Dingen, die sofort auffielen: • sein Mainz-05-Schal, • sein Trikot mit der 9 und dem Namen „Haaland“ hinten drauf, • eine ausgedruckte UECL-Eintrittskarte. Die Mutter drehte sich um, als er reinkam. „Da ist unser Europapokal-Fan,“ sagte sie. „Frühstück, bevor du aus Nervosität die Wände hochgehst.“ „Ich bin nicht nervös,“ sagte Lukas. „Nur angespannt mit Tendenz zu hyperaktivem Denken.“ „Das ist das gleiche, nur mit mehr Silben,“ kommentierte sie trocken. Er setzte sich, nahm eine Scheibe Brot, biss ab. „Ist Papa heute dabei?“ fragte er vorsichtig. Die Mutter schüttelte den Kopf. „Nein,“ sagte sie. „Er hat selbst gesagt, dass er noch nicht bereit ist, wieder in einer Umgebung mit viel Alkohol, Lautstärke und Emotion zu sein. Er weiß, was auf dem Spiel steht. Er hat vorgeschlagen, dass wir drei gehen: du, Erling, ich.“ Lukas blinzelte. „Das ist… ehrlich,“ murmelte er. „Ich hätte nicht gedacht, dass er das mal freiwillig einsieht.“ „Ich auch nicht,“ gab sie zu. „Aber heute bin ich froh darüber. Ein Europa-Abend ist schon anstrengend genug. Wir brauchen kein zusätzliches Risiko.“ Sie tippte auf die Karte. „Block E, Reihe, fast auf Höhe der Mittellinie,“ sagte sie. „Nicht im reinen Stehblock, aber nah genug, dass ihr alles mitbekommt. Und wir haben das behindertenfreundliche Zugangsrecht, falls dein Bauch oder deine Beine zwischendurch streiken.“ Lukas strich mit den Fingern über den Aufdruck: **UEFA Europa Conference League
1. FSV Mainz 05 – Letzter Spieltag** Das wirkte wenn man daneben seine Krankenhausberichte und Polizeiprotokolle sah.
Samsunspor irre,
Gespräch mit Erling – Fußball als Schutzschild Als Lukas zurück ins Zimmer kam, war Erling gerade dabei, sich aufzusetzen. „Du siehst aus, als hätte dir jemand erzählt, dass heute Champions League ist,“ murmelte der Norweger. „Fast,“ sagte Lukas. „Konferenzliga. Letzter Spieltag. Mainz 05 gegen Samsunspor. Wenn wir gewinnen, werden wir Gruppenerster.“ Erling gähnte, rieb sich die Augen. „Weißt du, dass ich noch nie so oft das Wort „wir“ gehört hab, wenn du über Mainz redest?“ fragte er. „Ist ja auch mein Verein,“ meinte Lukas. „Nicht nur „ein Verein“. Und du bist heute offiziell als Student und Halb-Mainzer unterwegs, der sich unauffällig verhält.“ „„Unauffällig“,“ wiederholte Erling skeptisch. „Im Stadion. Wenn Mainz ein Tor schießt. Klar.“ „Du kannst dich ja unter meiner Kapuze verstecken, wenn du ausrastest,“ grinste Lukas schwach. Er setzte sich zu ihm. „Ich hab ein bisschen Angst,“ sagte er dann ehrlich. „Stadion heißt: viele Menschen, laute Gesänge, enge Eingänge, Security-Kontrollen, Alkohol, Pyro… alles Dinge, die mein Nervensystem gerade nur so mittelgut findet. Gleichzeitig ist das Stadion einer der wenigen Orte, wo ich mich früher mal sicher gefühlt habe.“ Erling nickte. „Dann machen wir unsere Stadion-Regeln,“ sagte er. „So wie bei Hans Zimmer.“ „Also,“ zählte Lukas auf, „Regel eins: Wenn ich sage „Ich hol was zu trinken“, heißt das „Ich brauch Pause, jetzt“. Regel zwei: Wenn Pyro losgeht, gehen wir an den Rand oder drehen uns weg. Regel drei: Niemand fasst mich an, außer ihr beiden, und wenn mich jemand anrempelt, bleibst du zwischen mir und dem Rest.“ „Regel vier,“ ergänzte Erling, „keine heldenhaften „ich halte das aus“-Aktionen, nur um anderen zu gefallen. Du darfst rausgehen, wenn es dir zu viel wird.“ „Regel fünf,“ warf die Mutter vom Türrahmen aus ein, „ich bleibe in Rufweite. Immer.“ Lukas atmete durch. „Deal,“ sagte er. Nachmittag – Trikot, Schal, und die Frage nach „normal“ Der Nachmittag zog sich etwas. Lukas versuchte, keine Panikgedanken kreisen zu lassen, also half er stattdessen seiner Mutter ein bisschen in der Küche, scrollte durchs Netz, las sich Artikel über die Gruppenkonstellation durch: Mainz 05 stand mit 12 Punkten an der Spitze, Samsunspor brauchte eigentlich ein Wunder, um noch weiterzukommen. „Wenn wir heute gewinnen,“ murmelte er, „sind wir Gruppensieger. Das hieße: Achtelfinale und vielleicht ein leichterer Gegner.“ „Oder einfach wieder 90 Minuten, in denen du mal keine VR-Brille trägst,“ antwortete seine Mutter.
Er zog das Haaland-Mainz-Trikot an, das sie sich schon vor Monaten in einem dieser verrückten Momente hatten bedrucken lassen. Der Name auf dem Rücken war in diesem Universum doppelt symbolisch: • Erling als Spieler, • Erling als Freund. Dazu der rote Schal, die dicke Jacke drüber. Im Spiegel sah er sich an. Ich sehe aus wie jemand, der einfach nur zum Fußball geht, dachte er. Nicht wie jemand, der vor kurzem gefesselt auf einem Stuhl saß. Und das war genau das, was er brauchte. Anfahrt – Straßenbahn in Rot-Weiß Gegen 18:30 machten sie sich auf den Weg. Straßenbahn Richtung Stadion. Schon an der Haltestelle standen Leute mit Mainz-Schals, Mützen, Trikots. Lukas’ Herz schlug etwas schneller. Geräusche. Menschen. Gedränge. Er setzte seine Noise-Cancelling-Kopfhörer locker auf, nicht ganz, nur halb, damit er noch etwas von den Gesängen mitbekam, aber nicht alles ungefiltert. Erling stand dicht neben ihm, die Kapuze seiner Jacke tief ins Gesicht gezogen, eine FFP2-Maske, schlicht, unauffällig. Für die anderen war er einfach ein großer, breit gebauter Fan in Zivil. Für Lukas war er die mobile Sicherheitszone. „Guck mal,“ sagte die Mutter leise, als sie in die Bahn stiegen. „Kaum Schubserei, alle wollen hin, nicht reinprügeln.“ Die Bahn war voll, aber nicht aggressiv. Kinder mit Schals, Jugendliche mit „Ultras“-Aufnähern, ältere Fans, Leute mit Bechern Kaffee. „Und du bist sicher, dass dich niemand erkennt?“ flüsterte Lukas Erling zu. „Solange ich nicht aufspringe und eine Hattrick-Jubelpose mache, geht’s,“ murmelte der. „Heute bin ich einfach „der große Freund von Lukas“.“ Lukas sah aus dem Fenster, wie die Lichter der Stadt vorbeizogen. Ich fahr ins Stadion, dachte er. Ich fahr wirklich ins Stadion. Nach allem, was war. Ankunft – Flutlicht und Gänsehaut Am Stadion öffnete sich der Bahnsteig wie eine rote Welle. „Zuviel, sag Bescheid,“ meinte die Mutter. Lukas nickte.
angekommen,
Der Weg zur Einlasskontrolle war vertraut und fremd zugleich. Plastikbecher, Kontrollen, „Tickets bereit halten, bitte“. Ergriffen sein Ticket aus der reichte es der Security-Frau. Die scannte, nickte. „Viel Spaß im Stadion,“ sagte sie. Keine blöden Keine Einfach nur: durchgehen. Im Innenraum des als der Blick das Flutlicht passierte etwas in Lukas. Es fühlte sich kurz an wie früher: Der in dem man den Rasen die das grün im grellen die ersten „Mainz 05“-Rufe. Gänsehaut. Nicht vom Sondern von Emotion. „Willkommen zurück,“ murmelte Erling leise.
Sprüche. Anstarren. Stadions, erreichte, Moment, sieht, Tribünen, Licht, Trauma.
Plätze – auf Höhe der Mittellinie Sie fanden ihre Plätze im Block. Nicht im Hexenkessel der Ultra-Kurve, aber trotzdem mittendrin im Stadion-Feeling. Von hier aus sah man: • den Rasen, • die Trainerbänke, • die ultras mit ihren Fahnen gegenüber, • die Gästefans von Samsunspor in ihrem Block in rot-blau. Lukas setzte sich, leicht nach vorne gelehnt, die Hände am Schal. Er spürte den Druck im Unterbauch, aber er war aushaltbar. „Wie geht’s?“ fragte die Mutter. „Als würde mein Herz ein eigenes Trommelintro machen,“ sagte er. „Aber ich bin froh, hier zu sein.“ Die Lautsprecher spielten Vorlauf-Musik, das Stadion füllte sich langsam. Er sah Familien, Freunde, Paare, Leute, die vermutlich keine Ahnung hatten, dass ein paar Reihen über ihnen ein junger Mann saß, der vor kurzem nur knapp einem Entführer entkommen war. Und das war irgendwie tröstlich.
Einlaufen – Hymne und erstes Durchatmen Dann wurde die Musik lauter. Die Teams kamen aus dem Tunnel. Samsunspor in ihren Farben, Mainz 05 in rot-weiß. Die UEFA-Hymne der Conference League spielte. Ein Teil von Lukas’ Gehirn meldete sich mit einem komischen Satz: Du sitzt wirklich bei einem Europapokalspiel, während in deinen Akten „Trauma“ und „Entführung“ stehen. Der andere Teil sagte: Ja. Und? Ich darf hier sein. Erling klatschte mit, natürlich viel zu enthusiastisch für einen „neutralen Fan“. Aber im Lärm des Stadions fiel das niemandem auf. Lukas sah den Mainzern zu, wie sie sich in der Mitte aufreihten. „Stell dir vor,“ sagte er leise, „in einem anderen Universum stehst du da unten.“ Erling grinste unter seiner Maske. „In diesem Universum sitz ich lieber hier,“ murmelte er. „Dann kann ich mich um dich kümmern, statt im Abseits zu hängen.“ Erste Halbzeit – 1:0 und ein Moment, in dem die Welt kurz einfacher ist Das Spiel begann. Mainz 05 legte engagiert los. Man merkte: Sie wollten dieses Spiel gewinnen, nicht nur verwalten. Hoher Druck, frühes Anlaufen, Flanken in den Strafraum. Samsunspor verteidigte, stellte sich tief, versuchte, über Konter zu kommen. Lukas verfolgte jede Bewegung. Sein Kopf war erstaunlich klar. Keine VR-Brillenbilder, kein Taser, kein Krankenhausflur. Nur Pressing, Laufwege, Flanken, Schüsse. In der 23. Minute passierte es. Ein Eckball für Mainz 05. Der Ball kam hoch in den Strafraum, ein Innenverteidiger stieg am höchsten, köpfte wuchtig Richtung Tor. Der Samsunspor-Keeper war dran, aber nicht genug.
Der Ball ging an die Unterkante rein. Das Stadion explodierte. „JAAAA!“ brüllte ohne zu überlegen. Er sprang riss die Arme fiel Erling halb um den Hals. Die Mutter klatschte, rief: „Jawoll, Mainz!“ Für einen Moment war alles ganz einfach: Tor. Jubel. 1:0. Kein „aber“. Kein „trotzdem“. Nur Fußball.
– Lukas, auf, hoch, lachte,
Kurz vor der Pause – ein fast-Trigger und ein abgefangener Absturz Kurz vor der Pause zündeten ein paar Samsunspor-Fans im Gästeblock eine kleine Rauchfackel. Nicht viel, aber genug, um eine Fahne in Licht zu tauchen. Lukas’ Körper reagierte schneller als sein Verstand. Flackerndes Licht = Gefahr. Er merkte, wie sein Atem schneller wurde. Erling sah es sofort. „Hör auf meine Stimme,“ sagte er leise, schräg an seinem Ohr. „Du bist im Stadion. Mainz gegen Samsunspor. Neben dir ich, daneben deine Mutter. Da vorne ist Rasen, kein Beton. Du sitzt auf einem Plastikstuhl, nicht auf einem gefesselten Stuhl. Was hörst du?“ Lukas schluckte. „Gesänge,“ presste er hervor. „„Mainz 05 international“. Trommeln. Pfiffe.“ „Was riechst du?“ fragte Erling. Lukas atmete flach ein. „Wurst. Bier. Kalte Luft,“ sagte er. „Was nicht?“ hakte Erling nach. „Keinen Chlorgeruch im Keller. Kein verbrannter Stoff,“ murmelte Lukas. Langsam ließ die Panik nach. Die Rauchfackel ging aus, die Ordner waren präsent, mehr passierte nicht. „Wenn es zu viel wird, gehen wir raus,“ sagte die Mutter ruhig. „Auch wenn es Europa ist. Der Achtelfinaleinzug ist egal, wenn du zusammenbrichst.“ „Ich will bleiben,“ flüsterte Lukas. „Ich will nicht, dass Patrik und die anderen mir diesen Abend klauen.“ Er setzte sich wieder hin. Die Halbzeit wurde abgepfiffen. Halbzeit – Tee, Toilette, und der Gedanke an den Achtelfinaleinzug
In der Pause gingen sie eine Etage höher, wo es Getränke gab. Kein Bier. Nicht für Lukas, nicht für Erling, nicht für die Mutter. „Drei Tee,“ bestellte sie. „Und eine Brezel.“ Lukas grinste schief. „Teepause im Stadion,“ murmelte er. „Wenn das meine früheren „Freunde“ sehen würden. Die würden mich wieder auslachen.“ „Deine früheren „Freunde“ haben dich fast in den Tod getrieben,“ sagte Erling kühl. „Ihre Meinung ist nicht mehr relevant.“ Sie lehnten sich an einen Stehtisch. Lukas zündete keinen neuen Trigger. Er spürte zwar die Anspannung, aber der Tee half, das Ritual „Halbzeitbesprechung“ auch emotional zu füllen. „Wenn es so bleibt,“ sagte er, „sind wir sicher Gruppenerster. Und wenn wir noch eins machen, ist es perfekt. 2:0 klingt wie ein Statement.“ „Statement an wen?“ fragte die Mutter. „An mich selber,“ sagte Lukas. „Dass es noch Dinge gibt, die gut laufen.“ Zweite Halbzeit – das 2:0, das sich anfühlt wie eine Antwort Zu Beginn der zweiten Halbzeit kam Samsunspor etwas besser ins Spiel. Ein, zwei gefährliche Aktionen vor dem Mainzer Tor. Ein abgefälschter Schuss, der knapp vorbei ging. Lukas spürte, wie sein Magen kurz stach, aber er blieb ruhig. „Die machen das schon,“ murmelte Erling. „Das ist kein Horrorfilm, das ist Fußball.“ Dann, in der 68. Minute, kam die Szene, die diesen Abend endgültig zu „Lukas’ Spiel“ machte. Mainz mit einem schnellen Angriff. Ein Doppelpass im Mittelfeld, der Außenbahnspieler zog die Linie runter, legte den Ball flach in den Rückraum. Dort lauerte der Mainzer Stürmer, nahm den Ball direkt, flach ins lange Eck. Der Keeper streckte sich – keine Chance. 2:0. Das Stadion explodierte zum zweiten Mal. Diesmal war der Jubel noch ein Stück lauter, befreiter, weil jetzt allen klar war: Das ist der Gruppensieg. Lukas schrie, ohne es zu merken. Die Mutter griff seine Hand, Erling legte den Arm fest um seine Schultern. „2:0!“ brüllte Lukas. „Wir sind Gruppenerster!“
Er spürte, wie Tränen in seine Augen stiegen. Nicht nur wegen des Tores. Sondern, weil er mitten einen Abend an dem Mainz 05 und er live dabei war. Kein Fernsehen Kein Kein „ich hätte gerne, aber…“. Er war da.
all erleben europäisch
seinem weiterspielte
Schlussphase – Gesänge, Wechsel, und kein Absturz Die letzten 20 Minuten zogen sich und waren gleichzeitig schnell. Samsunspor versuchte noch, ein Tor zu aber Mainz verteidigte konzentriert. Lukas hielt sich am Sitz fühlte jeden Zweikampf körperlich mit. Erling kommentierte ruhig: „Gute Ja, sauberer Kein Das haben sie im Griff.“ In der 88. Minute stand fast der ganze Block. „Steh auf, wenn du Mainzer bist,“ sangen sie. Lukas stand. Es tat ein bisschen aber er stand. Ich bin Mainzer, dachte Mit Trauma, mit Autismus, mit allem – aber ich bin Mainzer. Der Schiedsrichter pfiff ab. 2:0. Gruppensieg. Mainz 05 im Achtelfinale der UEFA Europa Conference League.
Chaos durfte, –
Krankenhaus. Polizeibericht.
erzielen, fest, Staffelung. Zweikampf. Elfmeter.
Ehrenrunde – und ein kurzer Blickkontakt, der alles sagt Die Mannschaft machte eine Ehrenrunde. Applaus, Gesänge, „Oh, wie ist das schön“. Ein Spieler warf sein Trikot in den Familienblock ein paar Reihen weiter. Ein Kind fing es. Lukas grinste. „Gönn ich ihm,“ sagte er. „Ich hab ja dich als Trikot im Zimmer.“ Erling schnaubte. „So lange du mich nicht mit aufhängst, ist alles gut,“ murmelte er. Für einen kurzen Moment schaute einer der Mainzer Spieler in ihre Richtung, klatschte in die Hände, reckte die Arme hoch. Lukas hob den Schal. Es war nur ein Sekundenmoment, ein flüchtiger Blick.
Aber für ihn fühlte es sich an wie: Wir sehen dich. Du bist Teil davon. Heimweg – Müdigkeit, Zufriedenheit, und ein wachsender Plan Auf dem Rückweg waren alle müde. Die Bahn war voll mit Fans, die über Taktik, Achtelfinalgegner, Lieblingsspieler diskutierten. „Ich hoffe, wir kriegen keinen englischen Verein,“ murmelte einer. „Mir egal,“ sagte ein anderer. „Wir sind weiter. Das ist alles.“ Lukas saß, den Schal locker um den Hals, das Trikot unter der Jacke, die Augen halb geschlossen. „Wie geht’s dir?“ fragte die Mutter. „Müde,“ sagte er. „Aber auf die gute Art. Nicht die „ich kann nicht mehr“-Müdigkeit. Eher die „ich hab heute was erlebt“-Müdigkeit.“ „Gab es Momente, in denen es zu viel war?“ fragte Erling. „Kurz bei der Rauchfackel,“ gab Lukas zu. „Aber du hast mich wieder rausgeholt. Und der Rest… war einfach Fußball.“ Er lehnte den Kopf kurz gegen das Fenster. In seinem Innenleben war es immer noch nicht ruhig: Patriks Drohungen, die alte Frau, die VR-Brille, die MSP-Frau, die Mathe-Vorlesung mit dem Urinbeutel, der Vater mit dem brennenden Rollstuhl… Aber heute, an diesem 29. Tag, waren diese Bilder für ein paar Stunden leiser gewesen als ein Stadion, das „Mainz 05 international“ sang. Parallel – Patrik und sein Neid Zur gleichen Zeit saß Patrik zu Hause, das Handy in der Hand. Auf Instagram, in Storys anderer Verwandter, flimmerten: • Fotos vom Stadion, • ein Ausschnitt der UEFA-Hymne, • das 2:0, • „Mainz 05 weiter!“. Er biss die Zähne zusammen. Sie feiern, dachte er. Während sie mich verbannt haben. Er geht ins Stadion, sieht Europa, wird von allen bemitleidet und als Held behandelt – und ich bin der, den sie „Abschaum“ nennen. Er öffnete wieder seine Notiz-App, in der schon die Drohungen für Silvester standen. Er schrieb einen zusätzlichen Satz:
„Wenn sie denken, dass Fußball und Konzerte reichen, um zu vergessen, was ich durchgemacht habe, irren sie sich. Im neuen Jahr werden sie sehen, wie es ist, wenn alles wirklich auseinanderfliegt.“ Er speicherte. Er wusste nicht, dass er sich mit jedem Satz tiefer in eine Richtung schob, aus der man meist nur noch mit Gerichtsurteil zurückkam. Zuhause – ein Tag, der bleibt Zurück in der Wohnung in Mainz fiel Lukas fast in sein Bett. Die Mutter stellte noch eine Wärmflasche hin, gab ihm ein Glas Wasser. „Danke, dass du es möglich gemacht hast,“ murmelte er. „Ich danke dir, dass du es überhaupt versucht hast,“ sagte sie. Erling setzte sich kurz auf die Bettkante. „Ich sag dir etwas,“ meinte er. „Wenn du irgendwann mal wieder denkst, du würdest nur aus Trauma bestehen – dann erinnerst du dich an heute. Du hast gesungen, gebrüllt, dich gefreut. Du warst kein „Fall“, du warst einfach Fan.“ Lukas nickte, die Augen schon halb zu. „Und wir sind Gruppenerster,“ murmelte er. „Und du lebst,“ ergänzte Erling. Der neunundzwanzigste Tag bekam in Lukas’ innerer Chronik einen klaren Eintrag: „Tag 29: UECL – Mainz 05 – Samsunspor 2:0. Ich war im Stadion. Ich hatte Angst. Ich hatte Freude. Die Freude war stärker.“ Der dreißigste Tag fühlte sich an wie der Tag zwischen zwei Welten. Gestern noch Flutlicht, Gesänge, 2:0 gegen Samsunspor und das Gefühl, als wäre das Leben für ein paar Stunden nur Fußball gewesen. Heute: Wohnung, Wintergrau vor dem Fenster, und auf dem Küchentisch ein halbfertiger Berg aus Geschenkpapier, Scheren, Tesafilm und lauter kleinen Dingen, die noch zu „Weihnachtsgeschenken“ werden sollten. Morgen – Aufwachen im Geschenk-Chaos Lukas wachte später auf als an den Tagen zuvor. Der Körper war müde, aber nicht zerstört: kein Nachhall von Taser-Schocks, kein bleibender Stadion-Lärm im Kopf, nur die normale Muskelmüdigkeit nach einem Tag mit vielen Eindrücken. Erling lag auf der Matratze, diesmal halb auf der Seite, den Schal von Mainz 05 noch locker um den Hals, als hätte er damit geschlafen. Lukas setzte sich auf, streckte sich vorsichtig. 30. Tag, dachte er. Vorher Halle, Trauma, Uni, Konzerte, Stadion. Und jetzt… Geschenke. Er griff nach seinem Handy. Datum: 23. Dezember. Noch ein Tag bis Heiligabend. Eine Nachricht von seiner Mutter stand schon da:
„Wenn du wach bist, komm in die Küche. Wir machen Geschenk-Planung, bevor es voll wird. “ Lukas zog sich eine Jogginghose und ein weiches Shirt an, streifte den Mainz-Hoodie über und ging in die Küche. Küche – Listen statt Paragraphen Die Küche sah aus wie eine Mischung aus Bastelstube und Weihnachtslager. Auf dem Tisch: • zwei Rollen Geschenkpapier (eins mit Sternen, eins schlicht rot), • Tesafilm, Schere, • ein Stapel Karten, teilweise schon beschrieben, • ein paar kleine Päckchen, die noch nackt waren. Die Mutter saß am Tisch mit einer Tasse Kaffee, vor sich eine Liste mit Namen. „Guten Morgen,“ sagte sie. „Bereit für den Endspurt?“ „So bereit, wie man sein kann, wenn man emotional noch halb im Stadion steht,“ murmelte Lukas. Er setzte sich. Neben ihrer Liste lag schon eine eigene – seine. Mit krakeliger Schrift standen dort: • Mama • Papa • Erling • Jana (Autismusassistenz) • Therapeutin • Tante • Oma-Ersatz (mit einem Fragezeichen dahinter) Er starrte auf den letzten Namen. „Ich weiß nicht, ob ich ihr überhaupt was schicken soll,“ sagte er leise. Die Mutter folgte seinem Blick. „Es ist kompliziert,“ sagte sie. „Sie hat dich lange beschützt. Dann hat sie schlimme Fehler gemacht. Und Patrik hat alles vergiftet. Die Frage ist: Was tut DIR gut? Nicht: „Was wäre theoretisch richtig“.“ Lukas dachte nach. „Ein riesiges Geschenk kann ich nicht,“ murmelte er. „Das würde sich falsch anfühlen. Aber… eine Karte, in der steht, dass ich dankbar bin für alles Gute. Ohne so zu tun, als wäre alles okay.“ „Das klingt ehrlich,“ meinte die Mutter. Er nickte. Geschenke-Ideen – was schenkt man Menschen, die einen fast verloren hätten? „Fangen wir bei dir an,“ sagte die Mutter und deutete auf seine Liste. „Was hast du schon?“ Lukas atmete durch. „Für dich,“ begann er, „hab ich schon was. Also… fast. Es ist eine Mappe. Ich hab gestern Abend angefangen: ich hab eine kleine Collage gemacht mit Bildern von uns drei – vom Stadion, von Zuhause, vom Rhein. Und daneben texte ich kleine Sätze. Nicht kitschig. Nur ehrlich.“ „Das wusste ich nicht,“ sagte sie überrascht. „Sollst du ja auch nicht,“ grinste er kurz. „Es ist noch nicht fertig. Ich will auf die letzte Seite etwas schreiben wie: „Danke, dass du mich nicht aufgegeben hast, auch als alles zu viel war.““
Ihre Augen wurden kurz glasig. „Das ist das beste Geschenk, das ich bekommen könnte,“ sagte sie leise. „Es wird auch Papier,“ murmelte er, um die Stimmung wieder etwas zu lockern. „Also immerhin was Greifbares.“ „Und Papa?“ fragte sie nach einer kurzen Pause. Lukas’ Gesicht wurde ernster. „Bei ihm hab ich hin und her überlegt,“ gab er zu. „Rollstuhl verbrannt, Geburtstag ignoriert, Gläser geworfen, Laden angezündet… und dann doch wieder entschuldigt. Ich will ihm nichts schenken, das so tut, als wäre alles vergessen. Aber ich will auch nicht das Gegenteil von dem sein, was ich mir von ihm wünsche.“ „Was hast du dir überlegt?“ fragte sie vorsichtig. „Ein kleines Notizbuch,“ sagte Lukas. „Vor vorne drauf steht: „Neustart ist kein Wort, sondern viele kleine Entscheidungen“. Und innen schreibe ich auf die erste Seite: „Wenn du es wirklich ernst meinst, dass du etwas ändern willst, schreib hier rein, was du tust. Nicht, was du sagst.““ Die Mutter atmete langsam aus. „Das ist hart,“ meinte sie. „Aber fair.“ „Es ist kein „Ich verzeihe dir alles“,“ sagte Lukas. „Aber es ist auch kein „ich rede nie wieder mit dir“.“ Geschenk für Erling – mehr als nur ein Fanartikel „Und Erling?“ fragte die Mutter. Da huschte ein echtes, freies Lächeln über Lukas’ Gesicht. „Bei ihm war es am einfachsten,“ sagte er. „Ich mache ihm ein kleines Heft. So eine Art „Wir“-Chronik. Kein langes Drama, eher kurze Erinnerungen mit kleinen Bildern.“ Er zog ein fast fertiges A5-Heft unter einer Papierstapel hervor. Auf der ersten Seite stand in ordentlicher Schrift: „Für Erling – damit du weißt, wie viel du in meinem Leben verändert hast.“ Darin hatte er schon einzelne „Kapitel“ angelegt: • 1. Treffen – Pokémon Go, Schule, Wasserrutsche. • 2. Treffen – Autismus-Therapie, Hochschule, HSV-Kneipe, Brunnen, Bowling. • 3. Treffen – Barcelona und Zuhause. • 4. Treffen – Weihnachten, Fisch, Sauerbraten, Rosenmontag. • 5. Treffen – Rollstuhl, Feuer, Slackline, VR. • 6. Treffen – Urlaub in Polen, Pilsen, Verrat, Fenstersturz. • 7. Treffen – Hochschule, Entführung, Gas in der Uni, Hans Zimmer, Mainz 05 UECL. Bei jedem „Kapitel“ hatte er einen kleinen Satz geschrieben wie: „Du warst da, als alle anderen weggeschaut haben.“ oder „Du hast mir gezeigt, dass nicht jeder Erwachsene nur nimmt.“ oder „Du warst der, der mich festgehalten hat, als ich nicht mehr konnte.“ „Das ist… viel,“ sagte die Mutter leise. „Es ist das, was er für mich ist,“ antwortete Lukas. „Und ich will nicht, dass er glaubt, er wäre „nur“ ein Fußballer, der zufällig in meinem Leben aufgetaucht ist.“ „Und was bekommt er materiell?“ fragte sie noch, halb im Spaß. „Eine Mainz-05-Mütze mit kleinen Norwegen-Flaggen, die ich schon besorgt hab,“ grinste Lukas. „Damit er im Winter nicht friert, wenn er sich als „normaler Fan“ ausgibt.“
Jana und die Therapeutin – Geschenke für die, die die unsichtbaren Wunden sehen „Was ist mit Jana?“ fragte die Mutter. „Für Jana gibt es was Praktisches,“ sagte Lukas. „Ich hab ihr ein kleines Set gekauft: ein schöner Stift, ein Notizbuch, und eine Tasse, auf der steht: „Ich bin nicht kompliziert. Ich bin detailreich.“ Das passt zu mir. Und zu ihrer Arbeit mit mir.“ Die Mutter lachte kurz. „Sehr passend,“ meinte sie. „Und für meine Therapeutin,“ fuhr Lukas fort, „gibt es eine Karte, in der ich aufschreibe, was dieses Jahr alles war – aber nicht in Form von „Bericht“, sondern als „Danke, dass Sie da waren, als es passiert ist“. Und dazu schenke ich ihr ein kleines Glas mit Murmeln.“ „Murmeln?“ fragte die Mutter. „Jede Murmel steht für einen Termin, in dem ich nicht abgesagt habe, obwohl ich wegrennen wollte,“ sagte Lukas. „Und ich schreibe auf den Zettel: „Danke, dass Sie helfen, dass mir die Murmeln nicht komplett aus dem Kopf fallen.““ Tante und das Suppen-Thema „Bleibt noch Tante,“ sagte die Mutter. Lukas verzog kurz das Gesicht. „Die Suppe,“ murmelte er. „Sechs Stunden und am Ende wurden es Pommes. Und sie war beleidigt, weil ich ihr nicht jedes Detail gesagt habe.“ „Willst du ihr überhaupt was schenken?“ fragte die Mutter vorsichtig. Lukas dachte nach. „Ja,“ sagte er schließlich. „Aber nichts Großes. Eine kleine Box mit Suppennudeln, so richtig schöne, und einen Zettel: „Vielleicht schaffen wir die Suppe ja im nächsten Jahr. Wenn wir beide bereit sind.““ Die Mutter schmunzelte traurig. „Das ist so typisch du,“ sagte sie. „Du bist verletzt, aber du lässt die Tür angelehnt.“ Oma-Ersatz – Karte mit ehrlicher Schwere Bleibte der schwierigste Punkt auf seiner Liste: die „Ersatzoma“. Lukas holte tief Luft. Er nahm eine der Karten, eine schlichte, mit einem Weihnachtsstern vorne drauf. Keine Engel, keine Glitzerexplosion. Innen war sie noch leer. „Ich will ihr nicht „frohe Weihnachten, alles vergessen“ schreiben,“ sagte er. „Aber ich will auch nicht nur schweigen. Das würde Patrik in die Hände spielen. Er würde sagen: „Siehst du, selbst er meldet sich nicht mehr.““ Er setzte den Stift an und schrieb langsam: „Liebe …, ich weiß, dass dieses Jahr für alle schwer war. Es ist viel passiert, was wehgetan hat – auch zwischen uns. Ich möchte dir trotzdem Danke sagen für die Zeit, in der du für mich da warst: für die Ausflüge, die Ostern bei euch, die Male, in denen du mich vor anderen geschützt hast. Diese guten Dinge sind nicht einfach weg, nur weil später Schlechtes dazugekommen ist. Gleichzeitig hat vieles in den letzten Monaten auch Wunden hinterlassen, die noch nicht verheilt sind. Ich kann an Weihnachten nicht so tun, als wäre alles wie früher.
Aber ich wünsche dir von Herzen, dass du Gesundheit, Klarheit und Frieden findest – und dass du Menschen um dich hast, die dir guttun. Vielleicht gibt es irgendwann eine Zeit, in der wir ruhig über alles sprechen können. Dieses Weihnachten ist es für mich noch nicht so weit. Trotzdem: Danke für das Gute. Lukas.“ Er legte den Stift hin. Die Mutter sagte nichts, sie las nur. Dann nickte sie einmal, langsam. „Das ist ehrlich,“ sagte sie. „Und es schützt dich.“ Lukas legte die Karte beiseite. Vormittag bis Mittag – Einpacken, fluchen, lachen Der Rest des Vormittags verging mit einem der schwierigsten Teile von Weihnachten: dem Einpacken. Lukas war sorgfältig, aber nicht unbedingt geschickt. Das Geschenkpapier riss, Tesafilm klebte an den falschen Stellen, einmal wickelte er fast seine eigene Hand ein. „Wie haben die das früher in den Filmen gemacht?“ knurrte er leise. „Da sehen alle Päckchen immer aus, als hätten Profi-Elfen daran gearbeitet.“ „Wir sind Menschen,“ lachte die Mutter. „Bei uns darf man sehen, dass es keine Elfen sind.“ Erling kam irgendwann in die Küche, rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Sieht aus, als jemand seinen eigenen Onlineshop eröffnet,“ kommentierte er. „Nur ohne Umsatz,“ murmelte Lukas. „Willst du mir helfen, die Ränder nicht so aussehen zu lassen, als hätte ein Eichhörnchen sie gekaut?“ Erling setzte sich dazu, faltete geübt Kanten, hielt Päckchen, während Lukas klebte. „Welche sind von dir?“ fragte er neugierig. „Du siehst ja morgen,“ meinte Lukas. „Vorher sag ich nichts. Nur so viel: Dein Geschenk ist nicht rechteckig.“ „Mysteriös,“ sagte Erling. Nachmittag – kurzer Einkauf, viele Reize Am frühen Nachmittag mussten sie noch eine Kleinigkeit besorgen: Geschenkband, weil der erste Vorrat beim fünften Päckchen aufgegeben hatte. „Es wird voll sein,“ warnte die Mutter. „Weihnachtssamstag. Einkaufszentrum. Wenn es zu viel wird, gehen wir sofort wieder.“ Lukas setzte seine Kopfhörer auf, sie fuhren mit der Straßenbahn in die Innenstadt. Im Einkaufszentrum war es tatsächlich Reiz-Overkill: • Weihnachtsmusik in Dauerschleife, • blinkende Deko, • gestresste Menschen mit Tüten, • Kinder, die quengelten. Lukas’ Puls stieg, aber er hielt durch.
Sie gingen direkt in holten Geschenkband und ein bezahlten, gingen sofort wieder. Vor der Tür atmete er tief durch. „Genug Weihnachten in der Stadt für dieses Jahr,“ murmelte er. „Wir machen den Rest Zuhause,“ sagte die Mutter.
Laden, Postkarten,
Abend – Karten schreiben, Playlist und ein stiller Moment mit Erling Am Abend saßen sie wieder am Küchentisch. Die Geschenke waren inzwischen größtenteils eingepackt, nur die Karten fehlten noch. Lukas schrieb: • eine Karte an Jana, • eine an seine Therapeutin, • eine kleine an die Tante (mit Suppe-Insider), • eine an einen ehemaligen Schulfreund, der ihm zwischendurch geschrieben hatte: „Wenn du reden willst, ich bin da.“ Nebenbei lief eine leise Weihnachts-Playlist – keine laute, hektische, sondern ruhige Versionen alter Lieder. Zwischendurch sah er immer wieder auf das Heft für Erling, das er später im Zimmer fertigschreiben wollte. Als die Mutter schlafen ging, blieben er und Erling noch kurz im Zimmer sitzen. Lukas holte das Heft hervor. „Eine Seite fehlt noch,“ sagte er. „Die vom 30. Tag. Von heute.“ Er schrieb oben hin: „Tag 30 – Geschenke vorbereiten“ Darunter schrieb er: „Heute habe ich dir ein Geschenk gemacht, von dem du noch nicht weißt, dass du es bekommst. Es besteht aus Papier, aber eigentlich besteht es aus dem, was du in mein Leben gebracht hast: Mut, zu viel erlebtes nicht kleinzureden, Kraft, auch nach Entführungen, Kathetern und Mathehölle wieder aufzustehen, und Hoffnung, dass ich an Weihnachten nicht nur „überlebt“ habe, sondern noch jemand bin, der anderen etwas schenken kann.“ Er zeigte Erling den Text noch nicht. Aber allein ihn aufzuschreiben, tat gut. Parallel – Patrik und das Weihnachtsgift Zur gleichen Zeit saß Patrik an seinem Handy. Weihnachten. Familienfotos in den Statusmeldungen Lichter, Tannenbäume, „frohe Weihnachten“ in allen Variationen. Er las fühlte nichts außer Wut. Die feiern, dachte Und ich? Ich sitze hier, und alle tun so, als wäre ich das Problem. Er schrieb eine neue Nachricht – nicht sondern an einen Bekannten, der noch Kontakt zur Tante hatte:
anderer. es, er. an
„Wenn ihr alle meint, ihr könnt euch zu Weihnachten als perfekte Familie darstellen, dann wartet mal ab, wie lange das hält. Manche Geschenke platzen erst später. Er denkt, er hätte alles gewonnen. Aber die schlimmste Zeit kommt noch.“ Er schickte die Nachricht ab. Er ahnte nicht, dass längst Screenshots von seinen Drohungen in Chats kursierten, an denen der Polizei-Ordner „Beweismittel“ klebte. Nacht – Ein letzter Blick auf den Baum Bevor er schlafen ging, blieb Lukas noch einen Moment im Wohnzimmer stehen. Der Weihnachtsbaum war schon geschmückt: • einfache Lichterkette, • ein paar Kugeln, • zwei kleine Holzfiguren, die er als Kind gebastelt hatte. Unter dem Baum lagen jetzt: • die Geschenke für Mama, • das Notizbuch für Papa, • das Heft und das Mützen-Päckchen für Erling, • ein paar kleinere Päckchen für andere, • und die Karten, die morgen verteilt werden würden. Er stand da, den Hoodie über dem Schlafshirt, die Füße in dicken Socken. Ich hab was zu geben, dachte er. Trotz allem. Trotz Taser, trotz Patrik, trotz MSP, trotz Katheter. Er legte den Kopf leicht zur Seite. Früher war Weihnachten für ihn oft gewesen: • Stress, • Streit, • Familienexplosionen. Dieses Jahr war es anders: Nicht perfekt, nicht heil, aber auch nicht nur kaputt. Er flüsterte in den Raum, ohne zu wissen, an wen: „Wenn irgendjemand da draußen zuständig ist – bitte sorg einfach dafür, dass morgen keiner stirbt. Geschenke sind genug.“ Dann ging er zurück ins Zimmer, legte sich ins Bett. Erling atmete ruhig auf der Matratze, dessen Geschenk unter dem Baum wartete. Der dreißigste Tag endete damit, dass Lukas zum ersten Mal seit langem das Gefühl hatte: Ich bin nicht nur der, dem ständig etwas genommen wird. Ich bin auch jemand, der anderen etwas geben kann. Der einunddreißigste Tag begann stiller, als es sich für einen Heiligabend-Morgen anfühlen sollte. Draußen war es grau, aber trocken. Kein Schnee, keine Postkartenidylle.
Drinnen: ein Wohnzimmer mit halb versteckten Geschenken, ein geschmückter Baum, und irgendwo zwischen alledem ein junger Mann, der sich fragte, ob er heute einen Schritt auf eine Frau zugehen sollte, die gleichzeitig ein Schutzschild und eine Wunde in seinem Leben geworden war. Morgen – Aufwachen mit gemischtem Gefühl Lukas wachte kurz nach acht auf. Er brauchte einen Moment, bis sein Kopf sortiert hatte, welcher Tag war. Heiligabend. Heiligabend, an dem andere Familien einfach „nur“ Hektik wegen Essen und Geschenken hatten. Für ihn bedeutete dieser Morgen außerdem: noch einmal zur Autismustherapie fahren. Der Körper meldete sich gewohnt: • Unterbauch: noch empfindlich, aber ruhiger als vor ein paar Tagen, • Seite: nur ein dumpfes Echo an die Taser-Stelle, • Schultern: müde, aber nicht so fest wie sonst. Erling lag auf der Matratze, zusammengekugelt wie ein zu groß geratener Kater, der sich in eine Decke gewickelt hatte. Lukas setzte sich auf, rieb sich über das Gesicht und griff nach seinem Handy. Eine Erinnerung ploppte auf: „08:45 – Autismustherapie (Sondersitzung vor Weihnachten).“ Darunter eine Nachricht seiner Mutter: „Ich fahr dich hin. Danach holen wir noch Brötchen für heute Abend. “ Lukas atmete tief ein. Okay. Heute nicht nur um Geschenke kümmern, dachte er. Heute auch um Sachen, die nicht in Geschenkpapier passen: Oma. Küche – Tee, Brötchenplan und das Thema „Oma“ In der Küche roch es nach Kaffee und Tee. Auf dem Tisch lag ein Teller mit zwei trockenen Brötchen vom Vortag, daneben eine Liste: • „Fisch einlegen – erledigt“ • „Kartoffelsalat – später“ • „Brötchen holen – nach Therapie“ • „Letzte Geschenke unter Baum legen – nachmittags“ Die Mutter stand am Herd, Tasse in der Hand. „Guten Morgen,“ sagte sie, als Lukas hereinkam. „Bereit für einen halbweihnachtlichen, halbfurchteinflößenden Tag?“ „So halbwegs,“ murmelte er, setzte sich und nahm den Tee. Sie ließ sich ihm gegenüber nieder. „Wir haben heute zwei Baustellen,“ sagte sie ruhig. „Erstens: Essen und Heiligabend. Zweitens: deine Oma – oder besser gesagt: deine „Ersatzoma“ und die Frage, ob und wie du auf sie zugehen willst.“ Lukas sah in seinen Tee. „Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist,“ gab er zu. „Aber ich weiß auch, dass es mich auffrisst, einfach zu schweigen. Deswegen bin ich ganz froh, dass ich heute zur Therapie gehe. Alleine würde ich es wahrscheinlich entweder komplett lassen – oder in der falschen Emotion schreiben.“ „Genau deswegen,“ nickte sie. „Sag ihr alles, was du im Kopf hast. Und wenn am Ende rauskommt: „Kein Kontakt“, dann ist das auch eine Antwort.“ Fahrt zur Therapie – Leerer Bus, voller Kopf
Sie fuhren mit dem Auto. Die Straßen waren erstaunlich leer – viele Menschen waren wohl schon im Weihnachtsmodus, zuhause, am Kochen, am Telefonieren. Lukas sah während der Fahrt aus dem Fenster: Weihnachtsdeko in Fenstern, Menschen mit Tüten, ein paar Kinder, die mit Mützen durch die Kälte hopsten. In seinem Kopf war es lauter als draußen. Was, wenn Oma mir die Schuld gibt? Was, wenn sie sagt, ich wäre auf Patriks Seite? Was, wenn sie sich nie meldet? Was, wenn sie sich meldet – aber nur, um zu sagen, dass es vorbei ist? Die Mutter schien fast zu hören, was er dachte. „Es kann sein,“ sagte sie langsam, „dass sie nicht antwortet. Es kann sein, dass sie kühl reagiert. Und es kann sein, dass später – in Monaten – etwas zurückkommt. Wichtig ist: Du schreibst heute nicht für ihr Ego. Du schreibst für deine eigene Klarheit.“ Er nickte, sagte aber nichts. Als sie vor der Praxis der Therapeutin parkten, atmete er einmal tief durch. „Soll ich mit hochkommen, oder alleine?“ fragte die Mutter. „Alleine,“ sagte Lukas. „Es geht ja um meine Sicht.“ „Gut,“ meinte sie. „Ich warte im Auto. Wenn es dir danach zu viel ist, fahren wir direkt nach Hause. Brötchen kann ich auch später holen.“ In der Praxis – Wartezimmer und der erste Satz Das Wartezimmer war ruhig. Keine anderen Patienten, nur ein kleiner Weihnachtsstern am Fensterbrett, ein paar Zeitschriften, ein dezenter Tannenduft aus einer Duftlampe. Lukas setzte sich, die Hände ineinander verschränkt. Nach ein paar Minuten ging die Tür auf. Seine Therapeutin trat heraus, mit einem leichten Lächeln. „Guten Morgen, Lukas,“ sagte sie. „Schön, dass du an Heiligabend doch gekommen bist.“ „Ich dachte mir,“ murmelte er, „wenn es einen Tag gibt, an dem man nicht alles in sich hineinfressen sollte, dann ist es der hier.“ Sie nickte. „Komm,“ sagte sie. „Wir gehen rein.“ Das Gespräch – Was will Lukas wirklich? Im Therapieraum war es wie immer: Ein Sessel, ein Sofa, ein kleiner Tisch, eine Schachtel Taschentücher in Reichweite, keine Weihnachtsdeko-Explosion, nur ein dezenter Stern. Lukas setzte sich in den Sessel, zog die Beine etwas an, wie er es oft tat. „Was ist heute für dich am wichtigsten?“ fragte sie, ohne Zeit zu verlieren. Er sah auf seine Hände. „Oma,“ sagte er. „Also die Ersatzoma. Die, die Patrik diesen mega langen Text geschrieben hat. Die mich schützen wollte. Und die dann selbst Sachen gemacht hat, die extrem wehgetan haben.“ „Du willst wissen, ob und wie du an sie schreiben kannst?“ fragte sie.
„Ja,“ sagte Lukas. „Und ob ich das überhaupt soll.“ Sie lehnte sich zurück. „Dann lass uns erst mal sortieren,“ sagte sie. „Ich stelle dir ein paar Fragen. Du musst nicht schnell antworten, nur ehrlich.“ Er nickte. „Erstens,“ begann sie, „wenn du an sie denkst: Was vermisst du?“ Lukas schluckte. „Die Zeiten,“ sagte er leise, „in denen ich das Gefühl hatte, dass sie auf meiner Seite ist. Dass sie mich nicht ausgelacht hat, wenn andere es getan haben. Die Ostern bei ihr. Das Gefühl, dass ich nicht nur das „komische Kind“ bin, sondern jemand, um den sich jemand kümmert.“ „Zweitens,“ fragte sie, „was hat besonders wehgetan?“ Er atmete schwer aus. „Dass sie Patrik so lange geglaubt hat,“ sagte er. „Dass sie mir nicht wirklich zugehört hat, als ich versucht habe zu erklären, was er mir angetan hat. Dass sie, als der ganze Streit eskaliert ist, Dinge gemacht und gesagt hat, die mich nicht mehr geschützt, sondern mit verletzt haben. Auch, wenn sie dachte, sie würde „gerecht sein“.“ Die Therapeutin nickte, machte sich ein paar Notizen. „Drittens,“ sagte sie, „wovor hast du Angst, wenn du ihr schreibst?“ „Dass sie mir die Schuld gibt,“ antwortete Lukas sofort. „Dass sie sagt, ich hätte alles kaputt gemacht. Oder dass sie meine Nachricht an Patrik weiterleitet. Oder dass sie mir etwas zurückschreibt, das alles noch schlimmer macht. Oder dass sie gar nicht antwortet – und ich dann wieder dastehe und denke: „Ist doch klar, du bist nicht wichtig.““ „Viertens,“ fragte die Therapeutin, „was wäre das Beste, das realistisch passieren könnte? Nicht Märchenversion. Realistische beste Variante.“ Lukas dachte nach. „Dass sie schreibt,“ sagte er vorsichtig, „dass sie mich nicht hasst. Dass sie versteht, dass ich verletzt bin. Dass sie sagt, sie braucht selbst Zeit, aber dass sie nicht komplett mit mir bricht. Dass es irgendwann wieder einen neutralen Kontakt gibt – ohne Patrik, ohne Geschrei, ohne Manipulation.“ Sie nickte. „Fünftens,“ sagte sie, „was brauchst du in dieser Sache? Nicht, was sie braucht. Du.“ „Ich brauche,“ begann Lukas langsam, „dass sie weiß, dass ich dankbar bin für das Gute, das sie früher getan hat. Dass ich aber nicht so tun kann, als wäre nichts passiert. Dass ich meine Grenzen brauche, auch wenn es Weihnachten ist. Und dass ich es nicht aushalte, wenn sie weiter mit Patrik in einem Boot sitzt, in dem ich als Lügner dastehe.“ Strategien – Wie schreibt man, ohne sich zu verlieren? Die Therapeutin legte den Stift weg. „Gut,“ sagte sie. „Dann lass uns daraus eine Nachricht bauen, die drei Dinge erfüllt: 1. Sie sagt Danke, ohne zu romantisieren. 2. Sie benennt deine Verletzung, ohne sie anzugreifen. 3. Sie schützt deine Grenzen, ohne endgültige Türen zuzuschlagen, die du vielleicht irgendwann wieder öffnen möchtest.“ „Klingt wie ein Strafrechtsfall,“ murmelte Lukas. „Ist es auch,“ sagte sie weich. „Nur emotional statt juristisch.“ Sie stand auf, holte einen Block, setzte sich wieder. „Wir könnten so vorgehen,“ schlug sie vor. „Wir schreiben zusammen einen Entwurf. Ich lese mit, du sagst, was sich falsch anfühlt. Ich achte darauf, dass du dich nicht kleiner machst, als du bist – und dass du dich nicht in eine schuldige Rolle drängst, die dir nicht zusteht.“ Lukas nickte. „Und was ist mit Patrik?“ fragte er. „Soll ich ihn erwähnen?“
„Wenn du ihn erwähnst,“ sagte sie, „dann nur aus deiner Perspektive. Kein „er ist das und das“, sondern: „Sein Verhalten hat das und das mit mir gemacht“. Und sehr klar: Keine neue Diskussion über seine Sicht. Kein „wer hat recht“ per WhatsApp.“ „Also keine Screenshots- und Vorwürfe-Schlacht,“ murmelte Lukas. „Genau,“ nickte sie. „Du schreibst nicht, um sie zu überzeugen, dass du Recht hast. Du schreibst, um klarzumachen, wie es dir geht.“ Der Entwurf – Satz für Satz Sie setzten sich nebeneinander, Lukas mit dem Stift, die Therapeutin leicht seitlich, aber nah genug, um mitlesen zu können. „Du entscheidest über jede Zeile,“ sagte sie. Lukas schrieb langsam, laut denkend: „Hallo …,“ „Okay,“ sagte die Therapeutin. „Neutraler Einstieg. Gut.“ Er schrieb weiter: „ich weiß, dass dieses Jahr für alle in der Familie sehr schwer war und dass vieles passiert ist, was wehgetan hat.“ „Das ist okay,“ meinte sie. „Es anerkennt den Schmerz, ohne gleich Schuld zu verteilen.“ Lukas setzte an: „Ich möchte dir vor Weihnachten etwas schreiben, auch wenn ich noch nicht weiß, wie es zwischen uns weitergehen kann.“ Er stoppte, sah zu ihr. „Zu direkt?“ fragte er. „Nein,“ sagte sie. „Es ist ehrlich: Du meldest dich nicht mit „alles wieder gut“, sondern mit „ich bin unsicher, aber ich schreibe trotzdem“.“ Er schrieb weiter, die Therapeutin half ihm, Stellen zu glätten: „Ich denke oft an die Zeit zurück, in der du für mich da warst: an die Ausflüge, die Ostertage bei euch, die Momente, in denen du mich vor anderen geschützt hast und ich bei dir das Gefühl hatte, nicht nur „das schwierige Kind“ zu sein.“ Seine Hand zitterte ein wenig, aber er schrieb weiter. „Dafür bin ich dir bis heute dankbar. Das Gute ist nicht verschwunden, nur weil später andere Dinge passiert sind.“ Die Therapeutin nickte zufrieden. „Jetzt kommt der schwierige Teil,“ sagte sie leise. „Deine Verletzung. Ohne Beschimpfungen. Mit Ich-Sätzen.“ Lukas schluckte, dann schrieb er: „Gleichzeitig haben die letzten Monate auch Wunden bei mir hinterlassen. Es hat sehr wehgetan, dass ich oft das Gefühl hatte, dir wird mehr geglaubt, wenn andere schlecht über mich reden, als wenn ich versuche zu erzählen, was ich erlebt habe – zum Beispiel mit Patrik und seinem Verhalten mir gegenüber.“ Er sah sie an. „Zu hart?“ fragte er. „Es ist deine Wahrheit,“ sagte sie. „Du greifst sie nicht an, du beschreibst, was es mit dir gemacht hat. Das ist wichtig.“ Er schrieb weiter: „Ich bin in der letzten Zeit durch sehr viele schwere Situationen gegangen: Gewalt, Krankenhaus, Angst, Polizei, Hochschule, und auch in der Familie viel Stress. Ich arbeite mit meiner Mutter, meiner Assistenz und in der Therapie daran, das alles Stück für Stück zu sortieren und Wege zu finden, wie ich mich schützen kann.“
„Gut,“ meinte die Therapeutin. „Damit machst du klar: Du bist nicht passiv. Du arbeitest an dir.“ Lukas atmete tief durch. „Und jetzt?“ fragte er. „Jetzt kommen deine Grenzen und dein Wunsch,“ sagte sie. Er schrieb: „Ich kann an diesem Weihnachten nicht so tun, als wäre alles wie früher. Dazu ist zu viel passiert und zu viel noch ungeklärt. Trotzdem möchte ich dir sagen, dass ich dir Gesundheit, Ruhe und Menschen wünsche, die dir gut tun und dich nicht in Konflikte hineinziehen.“ Er ergänzte: „Ich würde mich freuen, wenn wir irgendwann – in Ruhe und ohne Streit – darüber sprechen könnten, was passiert ist und wie es uns beiden damit geht. Aber das geht für mich nur, wenn es ohne Beleidigungen, ohne Drohungen und ohne Druck von außen (zum Beispiel durch andere Familienmitglieder) passiert.“ Die Therapeutin lächelte schwach. „Sehr klar,“ sagte sie. „Und sehr erwachsen.“ Lukas setzte zum Schluss an: „Du musst mir nicht an Weihnachten antworten. Wenn du mir irgendwann schreiben möchtest, weißt du ja, wie du mich erreichen kannst. Danke für alles Gute aus der Vergangenheit. Das Schlechte arbeite ich gerade auf. Ich wünsche dir trotz allem ein friedliches Weihnachtsfest. Lukas“ Er legte den Stift hin. Der Block füllte seine Hände irgendwie schwer und leicht gleichzeitig. Rückmeldung der Therapeutin Sie las den Text noch einmal langsam durch. „Wie fühlt es sich an, das so zu sehen?“ fragte sie. Lukas überlegte. „Ehrlich,“ sagte er. „Ein bisschen nackt. Aber nicht wie „ich schmeiß mich ihr vor die Füße“. Eher wie: „Das bin ich. So geht es mir. Mach damit, was du willst – aber ich verbiege mich nicht mehr dabei.““ „Genau das ist der Punkt,“ sagte sie. „Du gehst auf sie zu, ohne dich aufzugeben.“ „Was, wenn sie nie antwortet?“ fragte er leise. „Dann hast du trotzdem etwas Wichtiges getan,“ antwortete sie. „Du bist aus der stummen Ohnmachtsposition rausgegangen. Du hast deine Sicht formuliert. Das ist ein Schritt raus aus der Opfer-Rolle.“ Er nickte langsam. „Und was, wenn sie böse antwortet? Oder Patrik ihr Handy benutzt?“ fragte er. „Dann sprichst du mit deiner Mutter, mit deiner Assistenz, mit mir – und wir schauen, ob eine Anzeige, eine Blockierung oder einfach Distanz nötig ist,“ sagte sie. „Du bist nicht mehr das Kind, das alleine damit sein muss.“ Nach der Sitzung – Nachricht schreiben Nach der Stunde stand Lukas etwas aufrechter auf als vorher. Die Mutter wartete wie versprochen im Auto. „Wie war’s?“ fragte sie, als er einstieg. „Anstrengend,“ sagte er. „Aber gut-anstrengend. Wir haben eine Nachricht an Oma formuliert.“
„Willst du sie jetzt schreiben, oder später?“ fragte sie. „Jetzt,“ sagte er. „Sonst denk ich wieder hundertmal drüber nach und schicke sie nie.“ Sie nickte. Sie fuhren kurz an den Straßenrand, parkten. Lukas holte sein Handy heraus, öffnete den Chat mit der Ersatzoma, in dem seit langem Funkstille herrschte. Seine Hände zitterten ein wenig. Er holte den Block heraus, auf dem der Entwurf stand, legte ihn auf die Knie, begann, die Nachricht abzutippen: „Hallo …, ich weiß, dass dieses Jahr für alle in der Familie sehr schwer war und dass vieles passiert ist, was wehgetan hat. Ich möchte dir vor Weihnachten etwas schreiben, auch wenn ich noch nicht weiß, wie es zwischen uns weitergehen kann. Ich denke oft an die Zeit zurück, in der du für mich da warst: an die Ausflüge, die Ostertage bei euch, die Momente, in denen du mich vor anderen geschützt hast und ich bei dir das Gefühl hatte, nicht nur „das schwierige Kind“ zu sein. Dafür bin ich dir bis heute dankbar. Das Gute ist nicht verschwunden, nur weil später andere Dinge passiert sind. Gleichzeitig haben die letzten Monate auch Wunden bei mir hinterlassen. Es hat sehr wehgetan, dass ich oft das Gefühl hatte, dir wird mehr geglaubt, wenn andere schlecht über mich reden, als wenn ich versuche zu erzählen, was ich erlebt habe – zum Beispiel mit Patrik und seinem Verhalten mir gegenüber. Ich bin in der letzten Zeit durch sehr viele schwere Situationen gegangen: Gewalt, Krankenhaus, Angst, Polizei, Hochschule, und auch in der Familie viel Stress. Ich arbeite mit meiner Mutter, meiner Assistenz und in der Therapie daran, das alles Stück für Stück zu sortieren und Wege zu finden, wie ich mich schützen kann. Ich kann an diesem Weihnachten nicht so tun, als wäre alles wie früher. Dazu ist zu viel passiert und zu viel noch ungeklärt. Trotzdem möchte ich dir sagen, dass ich dir Gesundheit, Ruhe und Menschen wünsche, die dir gut tun und dich nicht in Konflikte hineinziehen. Ich würde mich freuen, wenn wir irgendwann – in Ruhe und ohne Streit – darüber sprechen könnten, was passiert ist und wie es uns beiden damit geht. Aber das geht für mich nur, wenn es ohne Beleidigungen, ohne Drohungen und ohne Druck von außen (zum Beispiel durch andere Familienmitglieder) passiert. Du musst mir nicht an Weihnachten antworten. Wenn du mir irgendwann schreiben möchtest, weißt du ja, wie du mich erreichen kannst. Danke für alles Gute aus der Vergangenheit. Das Schlechte arbeite ich gerade auf. Ich wünsche dir trotz allem ein friedliches Weihnachtsfest. Lukas“ Er las die Nachricht zweimal durch. Die Mutter sagte nichts, sie sah nur still aus der Frontscheibe, um ihm den Raum zu lassen. „Schicke ich?“ fragte Lukas leise, mehr zu sich selbst als zu ihr. „Wie fühlt es sich an, wenn du auf „Senden“ klickst?“ fragte sie zurück.
„Angst,“ sagte er. „Aber nicht die Art, bei der ich flüchten will. Eher die Art, bei der ich denke: „Das ist jetzt wichtig.““ Er atmete tief ein, legte den Daumen auf das kleine blaue Pfeilsymbol und drückte. „Gesendet.“ Der Bildschirm zeigte unter der Nachricht: „Heute, 10:02“. Kein Häkchen, dann ein Häkchen, dann zwei. Gelesen. Keine Antwort. Noch nicht. Lukas sperrte dennoch das Handy, steckte es in seine Jackentasche. Er lehnte den Kopf an die Kopfstütze. „Egal, was jetzt kommt,“ sagte er leise, „ich hab’s gesagt. Auf meine Art.“ Die Mutter nickte. „Und das,“ sagte sie, „ist eines der mutigsten Weihnachtsgeschenke, die du dir selbst machen konntest.“ Draußen fuhr ein Auto vorbei, drinnen atmeten zwei Menschen, die in den letzten Wochen mehr erlebt hatten, als die meisten in einem Jahr. Der Morgen des einunddreißigsten Tages endete nicht mit einer Antwort der Oma, nicht mit einer großen Versöhnungsszene, sondern mit etwas, das oft viel unspektakulärer aussieht: ein gesendeter Text, ein Junge, der anfängt, sich selbst ernst zu nehmen, und eine Mutter, die neben ihm sitzt und weiß, dass dieser Klick mindestens so wichtig war wie jedes Geschenk unterm Baum. Nachdem die Nachricht an die Ersatzoma raus war und das Handy wieder in seiner Jackentasche steckte, fuhr die Mutter los. Im Auto war es erst still. Keine Musik, kein Radio, nur das leise Brummen des Motors und der Verkehr draußen. Lukas starrte aus dem Fenster, sah Weihnachtsbäume in Schaufenstern, Menschen mit Tüten, ein paar Kinder mit Nikolausmützen. Innerlich war er immer noch bei dem kleinen blauen „Senden“-Pfeil von eben. Jetzt ist es draußen, dachte er. Egal, ob was zurückkommt oder nicht. Zurück zuhause – zwischen Erleichterung und Rest-Unruhe Als sie vor dem Haus parkten, atmete Lukas einmal tief durch. „Wenn du willst,“ sagte die Mutter, „mach dir oben erstmal einen Tee. Ich fang schon mal in der Küche mit dem Fisch an. Wir haben ja noch eine andere Mission: Geschenke.“ „Stimmt,“ murmelte Lukas. „Elternbeschenkung. Endgegner-Level.“ Er stieg aus, ging langsam die Treppe hoch, spürte noch dieses Nachzittern im Körper, das man hat, wenn man etwas Wichtiges getan hat und der Adrenalinspiegel noch nicht weiß, ob er runterfahren darf. In seinem Zimmer lag Erling quer über der Matratze, das Gesicht halb in das Kissen gedrückt, Handy locker in der Hand.
„Lebst du?“ fragte Lukas. „Definiere „leben“,“ kam es gedämpft zurück. Dann drehte Erling sich halb. „Du warst bei der Therapie?“ „Ja,“ sagte Lukas, setzte sich auf sein Bett. „Wir haben eine Nachricht für Oma fertig gemacht und abgeschickt.“ „Und?“ fragte Erling. „Antwort? Feuerwerk? Explosion? Totenstille?“ „Zwei Häkchen. Noch keine Antwort,“ sagte Lukas. „Was ehrlich gesagt auch besser ist. Ich brauch kurz Pause von emotionalen Atomkriegen.“ Erling nickte langsam. „Willst du Ablenkung?“ fragte er. „Ja,“ sagte Lukas. „Geschenke. Ich muss noch eure und vor allem die für meine Eltern einpacken. Und bei Papa fehlt sogar noch die erste Seite im Notizbuch.“ Die Mission „Geschenke Eltern“ startet Lukas zog eine Kiste unter seinem Bett hervor. Darin: das bereits vorbereitete, aber noch unfertige Zeug. Er legte alles auf sein Bett: • die Mappe für seine Mutter, halb gefüllt, • das noch leere Notizbuch für seinen Vater, • das kleine Set für Jana, • das Heft für Erling, • ein paar Karten. „Okay,“ sagte er, mehr zu sich selbst als zu Erling. „Fokus. Erst Mama, dann Papa.“ Er stand wieder auf, ging kurz in die Küche, um sich Tee zu holen. „Ich bin oben, Geschenke einpacken,“ rief er in Richtung Mutter. „Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid – aber ich komm nicht gucken,“ antwortete sie. „Ich will ja überrascht tun können.“ Lukas musste bei dem „überrascht tun“ schmunzeln. Geschenk für die Mutter – die Mappe bekommt ein Herz Zurück im Zimmer setzte er sich an den Schreibtisch und zog die Mappe zu sich. Sie war aus festem Karton, dunkelrot, mit einem schlichten Gummiband. Keine kitschige Glitzeredition, sondern etwas, das nach „aufheben“ aussah. Innen waren schon ein paar Seiten gestaltet: • vorne ein Foto von ihm und seiner Mutter im Stadion, Haar zerzaust, Schal schief, aber beide lachend, • daneben ein kleiner Text: „Das war der Tag, an dem wir trotz allem wieder im Stadion waren. Danke, dass du nicht aufgegeben hast, dass ich da irgendwann wieder sitzen kann.“ • eine Seite mit einem ausgedruckten Screenshot von seiner Mail an den Rechtsdozenten, darunter: „Du warst diejenige, die gesagt hat: „Schreib ihm.“ Ohne dich hätte ich das nicht geschafft.“ Jetzt fehlte noch die letzte, wichtigste Seite: der Abschluss. Er nahm ein neues, leicht dickeres Blatt, das sich gut für eine Schlussseite anfühlte. Setzte sich hin, atmete einmal bewusst ein und aus. Dann schrieb er langsam, konzentriert: „Mama,
dieses Jahr war das schwerste Jahr, an das ich mich erinnern kann. Es gab Gewalt, Angst, Krankenhaus, Polizei, Streit, Drohungen, Enttäuschungen. Und es gab dich. Du hast Möbel aufgebaut, Termine koordiniert, mit Anwälten gesprochen, mich zu Untersuchungen gefahren, mit Lehrern gestritten, mit mir Listen geschrieben und warst da, wenn ich nicht mehr konnte. Du warst nicht perfekt. Ich auch nicht. Aber du warst da. Auch, als andere Erwachsene entweder weggeguckt oder mitgemacht haben. Diese Mappe ist kein „Danke, dass alles immer toll war“ – das wäre gelogen. Sie ist ein „Danke, dass du nicht weggelaufen bist, als es schlimm wurde“. Ich weiß, dass ich nicht einfach bin. Aber ich will, dass du weißt, dass ich sehe, was du tust – auch, wenn ich es nicht jeden Tag sagen kann. Danke, dass du meine Mutter bist. Lukas“ Er legte den Stift hin, ließ die Hand sinken. Erling, der leise mitgelesen hatte, sagte leise: „Das ist das ehrlichste Weihnachtsgeschenk, das ich seit langem gesehen habe.“ Lukas klebte die Seite in die Mappe, achtete darauf, dass sie nicht schief war. Dann blätterte er noch einmal durch: • Fotos, • kleine Erinnerungen, • dieser Text. Er schloss die Mappe, legte sie beiseite. Das wird sie behalten, dachte er. Nicht, weil es teuer war. Sondern weil es wir sind. Geschenk für den Vater – das Notizbuch, das ein Spiegel ist Als nächstes nahm er das Notizbuch für seinen Vater. Schwarz, schlicht, ohne Spruch vorne drauf – das sollte innen passieren. Er hatte sich am Vortag schon den Satz überlegt, den er vorne reinschreiben wollte. Jetzt schrieb er ihn mit ruhiger Hand auf die erste Seite: „Neustart ist kein Wort, sondern viele kleine Entscheidungen nacheinander.“ Darunter, etwas kleiner: „Dieses Buch ist nicht dazu da, dass du mir irgendwas vorspielst. Es ist dafür da, dass du – wenn du es ernst meinst – aufschreiben kannst, was du wirklich ändern willst und was du wirklich tust. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich alles vergesse, was passiert ist. Aber ich bin bereit hinzuschauen, wenn du nicht nur redest, sondern handelst. Lukas“ Er starrte eine Weile auf die Worte. In ihm war keine süße Weihnachtswärme, aber auch nicht nur Wut. Eher so eine klare, stille Konsequenz: Ich bin nicht dein Feind. Aber ich bin auch nicht mehr dein Mülleimer. Er schlug das Notizbuch zu. Erling sah ihn an. „Glaubst du, er versteht es?“ fragte der Spieler.
„Keine Ahnung,“ antwortete Lukas. „Aber ich weiß, dass ich sonst nur zwei Optionen hätte: Entweder so tun, als wäre alles okay – oder gar nichts schenken. Und beides fühlt sich falsch an. Das hier ist die einzige Form, bei der ich mich nicht anlüge.“ Einpacken – die Muttermappe Es war Zeit, alles einzupacken. Lukas zog eine Rolle Geschenkpapier hervor – das mit den dezenten Sternen, nicht das quitschbunte. Für seine Mutter sollte es ruhig, aber schön aussehen. Er legte die Mappe auf das Papier, schaute, ob genug Rand war, zeichnete sich mit Bleistift grob ein, wo er schneiden musste. Die Schere schnitt nicht ganz sauber, aber mit ein bisschen Nachdruck ging es. Er legte die Mappe auf die Mitte des zugeschnittenen Papiers, schlug die Seiten über, faltete die Ecken sorgfältig. Erling hielt zwischendurch die Kanten fest, damit nichts verrutschte. „Du machst das wie ein Uhrmacher,“ kommentierte Erling. „Millimeterarbeit.“ „Wenn ich schon emotional so viele Baustellen habe,“ murmelte Lukas, „kann ich wenigstens bei den Ecken präzise sein.“ Er fixierte alles mit Tesafilm. Dann holte er ein schmales, rotes Band und band es vorsichtig um das Päckchen, sodass es nicht kitschig aussah, sondern eher wie ein ruhiger Akzent. Zum Schluss klebte er ein kleines, neutrales Namensschild drauf: „Für Mama“ Er sah es sich aus etwas Entfernung an. Es war nicht perfekt. Ein bisschen schief, die Ecke minimal wellig. Aber es war selbst gemacht. Und das sah man. Einpacken – das Notizbuch für den Vater Beim Geschenk für den Vater nahm er bewusst ein anderes Papier: das schlichte, rote, ohne Muster. „Ich will nicht so tun, als wäre alles „Weihnachtsmagie“ zwischen uns,“ sagte er, während er das Papier abrollte. „Eher: Klar. Einfach. Ohne Schnickschnack.“ Er legte das Notizbuch drauf, schnitt zu, faltete. Seine Hände waren ruhiger als erwartet. „Schreibst du „Papa“ oder „Vater“ drauf?“ fragte Erling. Lukas hielt kurz inne. In seinem Kopf ratterte es kurz: • „Papa“ – das Wort aus Kindertagen, aus einer Zeit, in der der Mann noch nicht den Rollstuhl angezündet hatte. • „Vater“ – distanzierter, härter, aber auch ehrlicher für den Moment. Er nahm den Stift, schrieb auf das kleine Namensschild:
„Für Papa“ Er sah es an. „Es ist kompliziert,“ sagte er leise. „Aber irgendwo drin ist er immer noch mein Papa. Sonst würde mir das alles nicht so wehtun.“ Er klebte das Schild auf das rote Paket, legte es zu dem Geschenk für seine Mutter. Kurze Pause – Tee, Handycheck, keine Antwort Er setzte sich kurz auf sein Bett, atmete durch. Das Handy vibrierte. Für einen Moment fuhr sein Herz hoch. Oma? Er zog das Handy aus der Tasche. Benachrichtigung. Aber nicht von ihr. Eine automatisierte Mail der Hochschule, irgendeine technische Info wegen der Lernplattform. „Natürlich,“ murmelte er. „Wer sonst.“ Er legte das Handy wieder weg, ließ bewusst sein, nicht alle paar Sekunden zu schauen. „Keine Antwort ist auch eine Antwort – zumindest für jetzt,“ sagte er mehr zu sich als zu Erling. „Und du hast deine Aufgabe für den Vormittag trotzdem erfüllt,“ meinte der. „Therapie, Nachricht, Geschenke für Eltern. Das ist für einen Heiligabend morgen… ziemlich viel.“ Geschenke wandern unter den Baum Gegen späten Vormittag ging Lukas mit den beiden Päckchen ins Wohnzimmer. Der Baum stand da, Lichterkette noch aus, aber fertig geschmückt. Unter ihm lagen schon ein paar andere Geschenke: • eines von der Mutter für Lukas, • eines von ihr vermutlich für Erling, • ein paar kleinere Päckchen für Verwandte. Lukas kniete sich hin. Er legte zuerst das Geschenk für seine Mutter an eine Stelle, wo sie es leicht sehen würde, aber nicht sofort griffbereit hatte – er wollte, dass sie es nicht als erstes, sondern „bewusst“ auspackt. Dann legte er das rote Päckchen für seinen Vater dazu, ein bisschen seitlich. Als er sich wieder aufrichtete, fühlte sich der Baum plötzlich anders an. Nicht nur wie Deko, sondern wie ein kleiner, stiller Beweis: Trotz allem, was kaputtgegangen ist, tu ich meinen Teil, dass etwas Neues entstehen kann. Die Mutter kam ins Wohnzimmer, ein bisschen Mehl am Pullover, weil sie gerade in der Küche gewerkelt hatte.
Sie sah die neuen lächelte, sagte aber nichts nur dieses kurze, wissende mit dem Eltern manchmal mehr sagen als mit einem ganzen Monolog.
Päckchen, dazu, Nicken,
Zurück im Zimmer – Übergang zum Nachmittag Wieder oben im Zimmer ließ sich Lukas aufs Bett fallen. Erling drehte sich zu ihm um. „Mission Geschenke abgeschlossen?“ fragte er. „Zumindest die für meine Eltern,“ sagte Lukas. „Deine ist noch geheim.“ „Ich hab Angst,“ grinste Erling. „Entweder ist es was Ultratiefernstes oder ein Schal von Mainz 05 mit „Haaland“ drauf.“ „Du hast unverschämt recht,“ murmelte Lukas. „Aber du wirst sehen.“ Er legte den Arm über die Augen. Der Vormittag hatte sich angefühlt wie ein vorsichtiger Balanceakt: • einmal tief in alte Wunden greifen, • eine Nachricht an die Ersatzoma setzen, • und trotzdem genug Kraft übrig behalten, um Geschenke zu packen, die nicht nur aus Papier, sondern aus Gedanken bestanden. Draußen begann das Licht sich langsam zu verändern, die typische Heiligabend-Dämmerung kündigte sich an. Für Lukas war der Vormittag des 31. Tages damit abgeschlossen: Er hatte gesprochen, geschrieben, eingepackt und ein Stück seiner Geschichte nicht nur getragen, sondern selbst gestaltet. Der Mittag des 31. Tages begann mit diesem komischen Zwischenzustand: Nicht mehr Vormittag mit Therapie und Oma-Nachricht, noch nicht Heiligabend mit Baum, Kerzen und Essen. Dazwischen: die Vorbereitung auf etwas, das harmlos klingt, aber für Lukas inzwischen genauso kompliziert war wie ein Gerichtstermin. Kirche. Übergang vom Geschenke-Modus in „Heiligabend-Modus“ Lukas lag noch auf dem Bett, als seine Mutter in die Tür schaute. Sie hatte die Haare im lockeren Zopf, das T-Shirt voll mit Mehlstaub und ein Geschirrtuch über der Schulter. „Pause von Geschenken?“ fragte sie. „Kurz,“ murmelte er. „Meine Hände sind fertig mit Falten, mein Kopf noch nicht.“ „Gut,“ sagte sie. „Dann machen wir mit etwas Anderem weiter, das leider auch Vorbereitung braucht: Kirche.“ Lukas verzog das Gesicht. „Ich weiß,“ sagte er. „Es ist Tradition. Aber mein Nervensystem hat bei „viele Menschen in engem Raum“ inzwischen eine eigene Meinung.“ Sie setzte sich auf die Bettkante. „Genau deshalb reden wir jetzt drüber,“ meinte sie. „Nicht erst fünf Minuten bevor wir aus der Tür rennen.“ Planbesprechung: Kirche ja – aber wie? „Also,“ begann sie ruhig. „Frage eins: Willst du überhaupt mit?“
Lukas starrte an die Decke. Früher wäre die Antwort automatisch gewesen: „Ja, klar, Heiligabend ohne Kirche geht nicht.“ Jetzt war nichts mehr automatisch. „Ich… will,“ sagte er irgendwann langsam, „aber nur, wenn wir’s so machen, dass ich nicht in einer Panikattacke direkt vor’m Altar ende.“ Erling, der auf der Matratze lag und eine Weihnachts-Playlist auf dem Handy durchscrollte, drehte sich zu den beiden um. „Wie sieht eine nervensystemfreundliche Kirchversion aus?“ fragte er. Lukas fing an aufzuzählen: „Nicht in die erste Reihe. Nicht mittenrein. Eher am Rand, irgendwo, wo ich, falls es zu laut wird, leise rausgehen kann, ohne dass hundert Leute ihren Kopf drehen und denken, ich würde gerade flüchten, weil mich der Heilige Geist angebrüllt hat.“ Die Mutter nickte. „Hintere Seitenbank,“ schlug sie vor. „So wie letztes Jahr, als du wegen dem Weihrauch fast umgekippt wärst.“ „Und keine direkte Nähe zu brüllenden Kleinkindern,“ ergänzte Lukas. „Ich ertrag Kinder, aber nicht, wenn sie direkt in mein Ohr schreien.“ „Wird schwierig an Heiligabend,“ murmelte Erling. „Das ist quasi Kinder-Premiumzeit.“ „Dann mindestens am Rand,“ sagte Lukas. „Und: wir brauchen ein Codewort.“ „Noch eines?“ fragte Erling. „Das für Stadion war „ich muss kurz aufs Klo“,“ erklärte Lukas. „In der Kirche sag ich nicht „Klo“, da dreht sich direkt die halbe Bank rum. Da sag ich einfach: „Mir ist schwindlig“.“ Die Mutter nickte. „Und wenn du das sagst,“ meinte sie, „stehen wir auf, gehen raus. Ohne Diskussion. Auch wenn gerade „Stille Nacht“ läuft.“ „Gerade dann,“ murmelte Lukas. „Weil meine innere Nacht dann nicht so still ist.“ Was ist mit dem Vater? Eine Frage lag noch im Raum. Niemand sprach sie aus, aber alle dachten sie. Am Ende tat es Lukas. „Geht Papa mit?“ fragte er leise. Die Mutter seufzte. „Das ist noch nicht ganz klar,“ sagte sie ehrlich. „Er hat heute Morgen gesagt, er will mitkommen, aber ohne Alkohol. Dass er „wenigstens dies Jahr normal“ sein will. Ich hab ihm gesagt: Wenn er geht, dann nüchtern. Und wenn ich nur einen Hauch von Fahne oder Kippelmimik merke, bleibt er hier.“ Lukas zog die Knie etwas an. „Ich will nicht Heiligabend in der Kirche sitzen und gleichzeitig überlegen, ob er sich nachher wieder anschreit, wem der Kartoffelsalat gehört,“ sagte er. „Will ich auch nicht,“ antwortete sie. „Deswegen bekommst du vorher mein ehrliches Urteil. Wenn ich finde, er ist nicht stabil genug, dann gehe ich notfalls alleine mit euch und er bleibt daheim. Elterndeal hin oder her.“ Das war hart. Aber zum ersten Mal seit langem fühlte es sich für Lukas so an, als würde jemand seine Sicherheit über die „Familienehre“ stellen. Outfit-Frage – nicht nur Äußerlichkeit Nachdem der Plan ungefähr stand, kam der Teil, den Lukas eigentlich hasste: sich „ordentlich“ anziehen.
„Ich weiß,“ murmelte er später in seinem Zimmer und öffnete den Kleiderschrank, „für andere ist das kein Weltuntergang. Für mich ist „Hemd“ aber ungefähr auf einer Stufe mit „Vortrag halten“.“ Erling lag jetzt halb sitzend an die Wand gelehnt. „Du musst keinen Anzug tragen,“ meinte er. „Wir sind nicht bei einer Gala. Nur irgendwas, wo du dich nicht selbst drin erschlägst, wenn du dich im Spiegel siehst.“ Lukas wühlte durch seine Sachen. Hoodies, T-Shirts, Jogginghosen. Dann zog er etwas hervor, das er seit Monaten nicht mehr getragen hatte: ein dunkles Hemd, weich vom Stoff, nicht kratzig, ohne Krawatte, aber „kirchentauglich“. Dazu eine schwarze Jeans, die nicht drückte, aber nicht aussah, als wäre er in der Sportumkleide steckengeblieben. Er hielt beides hoch. „Geht das?“ fragte er. „Du siehst aus wie jemand, der an Heiligabend versucht, erwachsen zu sein, ohne sich zu verkleiden,“ sagte Erling. „Passt.“ „Halleluja,“ murmelte Lukas. „Im wahrsten Sinne.“ Er legte die Sachen aufs Bett, zog aber noch nichts an. Es war erst Mittag, bis zum Gottesdienst waren es noch Stunden. Kleine Pause – Handycheck, immer noch keine Oma Zwischendurch griff Lukas doch wieder zum Handy. Whatsapp öffnen. Chat mit Oma. Zwei blaue Häkchen. „Gelesen um 10:05“. Darunter: nichts. Kein „Danke“, kein „Wie kannst du nur“, kein „Ich melde mich später“. Nur Stille. Lukas starrte auf den Bildschirm. „Nichts?“ fragte Erling vorsichtig. „Nichts,“ bestätigte Lukas. „Ist fast besser als eine Beleidigung. Aber mein Kopf füllt die Leere natürlich mit 200 Varianten von „Sie hasst dich“.“ Erling schnaubte leise. „Wenn jemand mit deiner Ehrlichkeit nicht umgehen kann,“ sagte er, „ist das nicht dein Problem. Du hast in der Therapie beschlossen, was du brauchst. Daran orientierst du dich, nicht an ihrem Schweigen.“ „Ich weiß,“ erwiderte Lukas. „Mein Bauch weiß es noch nicht.“ Er sperrte das Handy wieder, legte es bewusst weit aufs Regal, aus Reichweite. Badezimmer – Kampf mit Kragen und Spiegelbild
Kurz vor Mittag klopfte die Mutter an die Zimmertür. „Ich bin gleich mit dem Kartoffelsalat durch,“ rief sie. „Wenn du magst, kannst du dich schon langsam fertigmachen. Dann haben wir später keinen Stress.“ Lukas nahm das als Zeichen, sich ins Bad zu begeben. Er legte das Hemd über den Badheizkörper, damit es nicht ganz so kalt war, zog das T-Shirt aus, atmete kurz tief ein. Der Blick in den Spiegel war nicht sein Lieblingsteil des Tages. Die Taser-Stellen waren blasser geworden, die blauen Flecken an den Armen fast verschwunden, aber in seinem Kopf sah er immer noch manchmal das, was andere ihm angetan hatten, statt das, was wirklich da war. Du bist nicht nur der, dem Dinge passieren, erinnerte er sich an einen Satz aus der Therapie. Du bist auch der, der Entscheidungen trifft. Er zog die Jeans an, dann das Hemd – langsam, damit keine plötzliche Berührung ihn triggert. Der Stoff war angenehm. Nicht zu eng, nicht zu locker. Er ließ den obersten Knopf offen. „Mehr geht heute nicht,“ murmelte er zu seinem Spiegelbild. „Du kriegst Hemd, aber keine Krawatte. Deal?“ Das Spiegelbild sagte nichts. Aber es sah nicht so falsch aus, wie er befürchtet hatte. Im Zimmer – Erling im „Normalo“-Modus Als er zurück ins Zimmer kam, hatte Erling sich ebenfalls umgezogen. Weg von Jogginghose, hin zu einer dunklen Jeans, einem schlichten, einfarbigen Pullover, Jacke über dem Arm. Keine Trikotnummer, kein Sponsorenlogo. „Du siehst erschreckend normal aus,“ kommentierte Lukas. „Danke,“ meinte Erling trocken. „Mein Ziel ist, dass mich höchstens eine Oma im Seitenschiff anglotzt, weil sie denkt: „Der Junge ist aber groß.“ Nicht: „Ist das nicht…?““ „In dieser Kirche wird heute eh jeder nur auf die Kinder und Krippe starren,“ sagte Lukas. „Wir sind Statisten.“ „Statisten mit Triggergehirn,“ murmelte Erling. „Aber immerhin gehen wir vorbereitet rein.“ Letzte Absprachen mit der Mutter Kurz vor Mittag rief die Mutter aus dem Flur: „Könnt ihr mal kurz ins Wohnzimmer kommen?“ Sie kamen herunter. Der Tisch war schon noch keine aber das
– Teller, Tischtuch,
Kerzen standen bereit, der Baum leuchtete noch nicht. Die Mutter sah die beiden an. „Okay,“ sagte sie und musterte Lukas einmal von oben bis unten. „Hemd sitzt. Hose okay. Du siehst aus wie jemand, der sich Mühe gegeben hat, ohne sich zu verkleiden. Perfekt.“ „Mehr kriegst du auch nicht,“ erwiderte er, aber ein kleines Lächeln zuckte in seinen Mundwinkel. „Also,“ fuhr sie fort, „Gottesdienst ist um 16 Uhr. Wir gehen nicht zu früh hin, damit wir nicht noch ewig draußen rumstehen müssen, aber auch nicht so spät, dass wir nur noch auf Flur sitzen.“ „Wie immer im Leben also: zu spät für die erste Reihe, zu früh fürs verschämte Reinschleichen,“ meinte Lukas. „Genau,“ bestätigte sie. „Bis dahin: kein Stress mehr. Kein Handy-Refresh im Oma-Chat im Minutentakt. Kein Streit über Kartoffelsalat. Und keine Diskussion mehr über „muss man in die Kirche“ – die haben wir schon geführt.“ „Was ist mit Papa?“ fragte Lukas. „Er ist im Schlafzimmer und macht sich fertig,“ sagte sie. „Bis jetzt riecht er nach Duschgel, nicht nach Wein. Ich beobachte ihn. Wenn ich das Gefühl habe, er kippt, bleibst du draußen mit Erling, dann geh ich notfalls alleine mit ihm oder lass es. Du gehst heute keinen Gefahren-Kompromiss mehr ein, nur damit das Foto „Familie in der Kirche“ hübsch aussieht. Ist das klar?“ Das war ungewohnt direkt. Und tat gut. „Klar,“ sagte Lukas. Ein kurzer Moment am Baum Bevor sie wieder hochgingen, blieb Lukas einen Moment am Baum stehen. Kein kitschiges Niederknien, aber ein kurzer Blick: Geschenke lagen schon da, seine für die Eltern mittendrin, für später. Zwischen den Zweigen hing ein ganz alter, schiefer Holzstern, den er in der Grundschule gebastelt hatte. Früher hatte er den gehasst, weil er nicht perfekt war. Jetzt sah er ihn an und dachte: Vielleicht muss nicht alles perfekt sein, um seinen Platz zu haben. Erling stellte sich neben ihn. „Was denkst du?“ fragte er. „Dass dieser Baum mehr aushält, als manche Menschen,“ sagte Lukas. „Der steht jedes Jahr hier, egal, was im Rest des Jahres passiert ist. Und trotzdem hängen wir wieder Sachen dran.“ „Und dieses Jahr hängst du zumindest ein paar Dinge dazu, die von dir kommen,“ meinte Erling. „Nicht nur Chaos, sondern auch Geschenke.“ Zurück im Zimmer – Warten ohne Durchzudrehen Der Mittag zog sich ein bisschen. Zu früh, um sich auf den Weg zu machen. Zu spät, um noch irgendwas Großes anzufangen. Lukas setzte sich an seinen Schreibtisch, öffnete kurz sein Heft für Erling und schrieb eine kleine Notiz auf eine der letzten Seiten:
„Tag 31 – Heiligabend, Vorbereitung Du bist heute mit mir in die Kirche gegangen. Nicht, weil du musstest, sondern weil du wusstest, wie viele Trigger auf mich warten. Für draußen bist du ein „Normaler“ in Jeans und Pulli. Für mich bist du jemand, der neben mir sitzt, wenn alle singen und ich Angst habe, dass meine Gedanken lauter sind als die Orgel. Das ist mehr wert als jedes Geschenk.“ Er klappte das Heft wieder zu. Keine große Aktion. Aber ein kleiner Baustein in einem langen Jahr. Als er kurz später einen Blick auf die Uhr warf, stand der Zeiger langsam auf halb drei. Noch Zeit. Noch ruhige Wohnung. Noch kein Gesang, keine Kirche, kein Gedränge. Nur ein junger Mann in einem Hemd, ein Fußballspieler im Pullover, eine Mutter in der Küche und ein Heiligabend, der sich gerade erst warm lief. Der Mittag des 31. Tages endete nicht spektakulär, sondern mit Vorbereitung: Kleidung, Absprachen, Pläne. Wie vor einem Spiel, das wichtig ist. Nur dass dieses Mal keine Tore gezählt werden würden, sondern, ob Lukas es schafft, einen weiteren Schritt in ein Leben zu gehen, in dem Traumen da sind – aber nicht alles bestimmen. Am Nachmittag des 31. Tages fühlte sich die Wohnung an wie ein aufgezogener Film, der gleich starten würde. Der Baum stand bereit, der Kartoffelsalat zog im Kühlschrank durch, die Geschenke lagen unter den Zweigen, der Himmel draußen wurde langsam dunkler. Und im Hintergrund schob sich ein Termin immer näher ins Bewusstsein: Die Messe im Dom. Letzter Check vor dem Aufbruch Es war kurz nach halb drei, als die Mutter an Lukas’ Tür klopfte. „Kann ich reinkommen?“ fragte sie. „Ja,“ antwortete er, setzte sich auf und strich sein Hemd glatt. Sie trat ein, betrachtete ihn eingehend. Jeans, Hemd, die Haare halbwegs gebändigt. Er sah nicht aus wie jemand, der in den letzten Wochen Taser, VR-Brille und Entführung erlebt hatte. Er sah aus wie ein junger Mann, der sich bemüht hatte, Heiligabend gerecht zu werden. „Bist du bereit für den Dom?“ fragte sie vorsichtig. „So bereit, wie ich für ein volles, lautes, altes Gemäuer sein kann,“ sagte er. „Ich hab’s in meinem Kopf in Kategorien eingeteilt: • Kategorie A: Gottesdienst. • Kategorie B: Menschenmenge.
Kategorie C: Trigger. Wir haben Regeln. Ich hab ein Hemd. Du hast einen Plan. Mehr können wir nicht machen.“ Erling stand inzwischen auch im Zimmer, die Jacke über dem Arm, fertig angezogen. „Mein Outfit ist auch geprüft,“ meinte er. „Jeans, Pullover, keine Aufdrucke. Wenn mich heute jemand erkennt, dann hat er irgendein eingebautes Haaland-Radar.“ Die Mutter nickte. „Bevor wir gehen,“ sagte sie, „müssen wir noch einmal kurz mit Papa reden.“ Lukas spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Ist er… okay?“ fragte er. „Er ist ruhig,“ antwortete sie. „Er riecht nach Duschgel, nicht nach Wein. Aber ich will, dass du weißt: Wenn ich im Dom das Gefühl habe, dass er kippt – innerlich oder äußerlich – gehen wir. Sofort. Dann ist mir egal, was irgendeine Oma im Seitenschiff denkt.“ „Gut,“ sagte Lukas leise. „Ich will nicht noch einen Heiligabend haben, bei dem ich mehr Angst vor meinem eigenen Vater habe als vor der Lesung.“ •
Der Vater taucht auf Sie gingen gemeinsam ins Wohnzimmer. Der Vater stand schon da, in einer dunklen Hose, einem sauberen Pullover, frisch rasiert. Die Augen hatten diesen müden Glanz, bei dem man nicht genau wusste, wie viel davon von zerbrochenen Nächten kam und wie viel von einer Leber, die zu viel hatte. Er schaute Lukas an, nicht wie früher, wenn er ihn angeblafft hatte, sondern vorsichtig, abwartend. „Ihr seht gut aus,“ sagte er schließlich, fast zaghaft. Lukas nickte nur kurz. Er war noch nicht an einem Punkt, an dem er Komplimente zurückgeben konnte, aber er war auch nicht mehr an dem Punkt, an dem er nur wegschauen wollte. „Bist du sicher, dass du mitkommen willst?“ fragte die Mutter den Vater, ohne ihn anzugreifen. Er atmete langsam aus. „Ja,“ sagte er. „Ich will heute versuchen, normal zu sein. Kein Wein vorher. Kein Theater. Nur… Kirche. Und dann Heiligabend.“ Lukas hörte ganz genau hin. Keine verwaschene Aussprache. Keine fahrigen Bewegungen. Vorläufig bestanden. Der Weg zum Dom – Stadt in Weihnachtsstimmung Sie zogen Schals Mützen auf. Draußen war es kalt, aber trocken. Die Stadt wirkte wie in nur weniger perfekt und mit mehr Mülltonnen.
an, um, dieser
Lichter in den Fenstern, Tannenbäume, Menschen mit Tüten, die schnell irgendwohin wollten. Sie gingen zur Straßenbahn-Haltestelle. Der Dom lag mitten in der Innenstadt, Parken wäre Horror gewesen. An der Haltestelle standen schon andere, teilweise mit „feinerer“ Kleidung, teilweise einfach in Winterjacken wie immer. „Wir nehmen die nächste Richtung Innenstadt,“ sagte die Mutter. „Zwei Stationen, dann sind wir fast da.“ Lukas zog instinktiv das Handy aus der Tasche, schielte kurz auf WhatsApp. Noch immer keine Antwort von der Ersatzoma. Er legte das Handy wieder weg. Sie darf nicht bestimmen, wie sich dieser Tag anfühlt, dachte er. Nicht schon wieder jemand, der von außen alles kaputtmacht. Die Bahn kam, sie stiegen ein. Es war voller als sonst, aber nicht ganz so gedrängt wie an einem Fußballspieltag. Familien mit Kindern, ältere Paare, ein paar Jugendliche, die eindeutig nur in die Stadt wollten, um „abhängen“ zu gehen. Lukas stellte sich nahe an die Tür, zwischen Erling und seine Mutter. Der Vater stand etwas abseits, hielt sich an einer Stange fest, blickte nach draußen. Ankunft in der Innenstadt – Schritt für Schritt Richtung Dom An der Haltestelle „Höhe Dom“ stiegen sie aus. Das Kopfsteinpflaster war leicht feucht, der Himmel ein gemischtes Grau. Vor ihnen erhob sich der Dom: dunkel, massiv, gleichzeitig bedrohlich und beruhigend. Eine von diesen alten Mauern, die schon Kriege, Umbrüche und Jahrhunderte überlebt hatten. „Als wäre er aus einem anderen Universum,“ murmelte Lukas. „Ist er auch,“ meinte Erling leise. „Der steht da länger, als jeder von unseren Problemen alt ist.“ Auf dem Platz vor dem Dom standen bereits viele Menschen. Einige gingen direkt hinein, andere warteten noch auf Verwandte, Kinder rannten zwischen den Beinen herum. Lukas’ Herz schlug etwas schneller. Viele Menschen, kein Fluchtweg auf den ersten Blick, Geräusche, Stimmen. Er konzentrierte sich auf den Boden, auf seine Schritte. Ein Fuß vor den anderen.
Wir haben einen Plan, erinnerte er sich. Seitenbank, Codewort, keine Pflicht, bis zum Ende zu bleiben. Die Mutter warf ihm einen kurzen Blick zu. „Alles okay bis hier?“ fragte sie. „Ja,“ sagte er. „Die Panik spricht noch nicht mit mir. Nur der innere Kommentator: „Das sind viele Leute.““ Erling stellte sich dicht neben ihn. „Ich bin links,“ sagte er. „Deine Mutter rechts. Wenn jemand drängelt, drängelt er in uns, nicht in dich.“ Der Eintritt in den Dom Sie reihten sich in den Strom ein, der durch das große Portal in den Dom floss. Drinnen schlug ihnen sofort eine Mischung entgegen: • kühle Luft, • der Geruch von Stein, Holz und Rest-Weihrauch, • das gedämpfte Murmeln hunderter Stimmen, • die ersten leisen Orgelklänge, die der Organist zur Einstimmung spielte. Lukas’ Augen brauchten einen Moment, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Die hohen Gewölbe, die Säulen, die warmen Lichtkegel der Kerzen: alles wirkte gleichzeitig riesig und eng. Er spürte, wie sich sein Brustkorb kurz verkrampfte. Es ist nur Luft, sagte er sich innerlich. Keine Gaswolke. Kein Kellergestank. Es ist nur der Dom. Die Mutter legte leicht eine Hand an seinen Rücken, nicht drückend, nur als Kontakt. „Wir gehen an die Seite,“ flüsterte sie. „Nicht mittenrein.“ Sie schoben sich vorsichtig an den äußeren Reihen entlang, bis sie eine halb freie Bank am Rand fanden, ungefähr auf Höhe der Mitte, nicht vorne. „Hier?“ fragte sie. „Hier,“ sagte Lukas. Sie setzten sich: erst die Mutter, dann Lukas, neben ihm Erling, am äußeren Rand der Vater. Das gab Lukas das Gefühl, nicht zwischen zwei potenziellen Triggern eingeklemmt zu sein, sondern eine klare Fluchtlinie nach außen zu haben. Vor der Messe – Stimmen, Orgel, innere Checkliste Der Dom füllte sich weiter. Stimmen Kinder flüsterten, manche wurden schon unruhig.
Die Orgel spielte leise Stücke, kein volles Geläut, aber genug, um die Geräuschkulisse zu überdecken. Lukas spürte, wie sein Gehirn seine Umgebung scannte: • Ausgang dort vorne, • Nebentür dort hinten, • Seitengang rechts. Wenn mir schwindlig wird, sage ich es, erinnerte er sich. Ich MUSS nicht bleiben, um irgendwem zu beweisen, dass ich „funktioniere“. Erling beugte sich leicht zu ihm. „Skala?“ flüsterte er. „Sieben von zehn,“ antwortete Lukas leise. „Zehn wäre „bitte sofort raus“, eins wäre „ich liege halb schlafend auf dem Sofa“. Sieben heißt: angespannt, aber noch steuerbar.“ „Okay,“ nickte Erling. „Wenn du auf neun kommst, sagst du Bescheid.“ Der Gottesdienst beginnt Irgendwann verstummten die Stimmen nach und nach. Die Glocken draußen läuteten, dumpf, schwer. Vorne zogen Ministranten ein, der Pfarrer, manche mit Kerzen, manche mit Weihrauchfass. Als das Weihrauchfass schwang, verkrampfte sich Lukas’ Magen kurz. Der süßlich-schwere Geruch kroch in den Raum, vermischte sich mit dem Atem so vieler Menschen. Für ein paar Sekunden war er in seinem Kopf wieder ganz woanders: Ein Keller, eine VR-Brille, ein Tuch über dem Gesicht, der Geruch von irgendeinem Putzmittel. Er zwang sich, die Augen zu öffnen. Die Therapeutin hatte gesagt: Wenn die Bilder kommen, verankere dich im Hier und Jetzt. Nenne drei Dinge, die du sehen, hören, fühlen kannst. Er flüsterte fast unhörbar: „Kerzen, Säule, rotes Tuch am Altar.“ Dann hörte er bewusst: „Orgel, Husten, Rascheln.“ Dann fühlte er: „Bank unter mir, Hand von Mama, Kälte am Nacken.“ Langsam wurden die Kellerbilder leiser. Die Mutter sah ihn seitlich an, suchte seinen Blick. Er nickte ganz leicht: noch okay. Der Pfarrer sprach die ersten Worte, begrüßte „Schwestern und Brüder“, sprach von „Licht in der Dunkelheit“, von „Menschen, die schwer tragen“, von „Familien, die nicht heil sind und trotzdem zusammen sind“.
Lukas hörte nur aber bestimmte Worte blieben hängen wie kleine Haken.
Das Evangelium – und ein stiller Zorn Später kam die Lesung. Die Weihnachtsgeschichte, wie jedes Jahr. „Es begab sich aber zu der Zeit…“ Normalerweise hätte Lukas an dieser Stelle abgeschaltet, es war Routine, wie eine Kassette, die man schon zu oft gehört hatte. Dieses Jahr nicht. Bei der Stelle, an der es um „fürchtet euch nicht“ ging, spürte er einen leichten Stich. Leicht zu sagen, dachte er. Versucht das mal jemandem zu sagen, der mit Elektroschocks geweckt wurde. Gleichzeitig merkte er, wie sein innerer Zorn nicht nach außen brach, sondern sich eher bündelte. Ich hab Angst, dachte er. Aber ich sitze trotzdem hier. Das ist meine Version von „fürchte dich nicht“. Vater in der Bank – ungewohnte Ruhe Zwischendurch schielte er kurz nach links, an Erling vorbei, zum Vater. Der saß still, die Hände gefaltet, der Blick nach vorne gerichtet. Keine nervösen Zuckungen, kein Augenrollen, kein Gefluche. Er sah müde aus, aber nicht hochgejagt. Vielleicht kämpft er gerade seinen eigenen Kampf, dachte Lukas überraschend. Gegen die Sucht, gegen die Scham, gegen alles. Es war kein „alles ist vergeben“-Moment, aber ein kurzer, fast neutraler: Wir sitzen wenigstens im gleichen Raum, ohne dass etwas fliegt. Die Fürbitten – und ein heimlicher Wunsch Bei den Fürbitten stand die Gemeinde auf. „Wir beten für die Menschen, die an diesem Abend alleine „Wir beten für die Familien, in denen es Spannungen und Streit „Wir beten für alle, die krank sind, körperlich oder seelisch.“ Lukas stand spürte, wie seine Knie ganz leicht zitterten. Treffer, Treffer, Treffer, dachte er bei jeder Fürbitte. Er dachte kurz an: • die Ersatzoma, • Patrik, • die Mutter,
sind.“ gibt.“ mit,
seinen Vater, sich selbst, die anderen in der Autismusgruppe, die Leute, die im Krankenhaus lagen. Wenn es da oben irgendwas gibt, dachte er, dann bitte: keine Toten dieses Jahr mehr in meiner Nähe. Ich brauche keine Wunder. Ich brauche nur, dass keiner stirbt, weil ein anderer seine Aggression nicht im Griff hat. Er sagte es nicht laut. Aber irgendwie fühlte es sich doch „angekommen“ an, wenigstens in seinem eigenen Herzen. • • • •
Kommunion – eine bewusste Entscheidung Als es Richtung Kommunion ging, fragte ihn die Mutter leise: „Willst du gehen, oder bleibst du sitzen?“ Früher war das nie eine Frage gewesen. Kommunion war „Pflicht“. Heute war nichts mehr „Pflicht“, außer Ehrlichkeit mit sich selbst. Lukas überlegte. „Ich geh mit,“ sagte er schließlich. „Nicht, weil ich alles glaube. Aber weil ich ein Zeichen setzen will, dass ich noch da bin.“ Sie reihten sich in die Schlange ein. Schritt für Schritt Richtung Altar. Die Geräusche veränderten sich: weniger Murmeln, mehr Stille, die Orgel ganz leise im Hintergrund. Lukas spürte jeden Schritt. Als er vorne ankam, den Blick des Priesters kurz kreuzte, dachte er: Du weißt nichts von mir. Aber trotzdem ist das hier für „alle Menschen guten Willens“. Ich hoffe, ich falle darunter. Er nahm die Hostie entgegen, setzte sich danach wieder in die Bank, ließ die Hände ruhen. Es war kein magischer Moment, kein „plötzlich ist alles gut“. Aber für einen kurzen Augenblick war sein Kopf relativ leer. Und das war dieses Jahr schon ziemlich viel. Ein Schatten ganz hinten Ganz hinten nah am stand eine Gestalt, die sich unauffällig hielt. Hoodie, Kapuze tief die Hände in den Taschen. Er war nicht zum Beten hier. Sein Blick wanderte blieb kurz hängen bei einer Seitenbank:
im ins durch
Dom, Ausgang, Gesicht
Mutter, Vater, junger Mann im Hemd, neben ihm ein großer Kerl mit skandinavischem Gesicht. Da seid ihr also, dachte Patrik. Feiert Heiligabend, tut so, als wärt ihr die Opfer und die Gute-Familie-Show. Er spürte, wie es in ihm brodelte. Ihr habt mich verbannt, dachte er. Ihr habt mich „Abschaum“ genannt. Ihr schreibt euch Nachrichten, in denen ihr euch gegenseitig bestätigt, wie schlimm ich bin. Er dacht kurz an die Nachricht, die er am Morgen gesehen hatte. Die von Lukas. Von dem „Danke für das Gute“ und gleichzeitig „ich brauche Schutz“. Es hatte ihn mehr getroffen, als er sich eingestehen wollte. Weißt du was, Lukas? dachte er bitter. Dein „Frieden“ wird nicht lange halten. Wenn das neue Jahr kommt, wird nichts mehr so sein wie jetzt in diesem Dom. Ihr werdet sehen, wie „still“ die Nacht wirklich sein kann. Er ließ seinen Blick noch einmal über die Bank gleiten, auf der Lukas saß. Dann drehte er sich um, glitt durch das Portal nach draußen in die Kälte. Niemand hatte ihn bemerkt. Noch nicht. „Stille Nacht“ – und ein innerer Gegenchor Zum Ende der Messe wurde das Licht im Dom gedimmt. Nur die Kerzen am Altar und ein paar Seitenlichter blieben an. Die Orgel setzte „Stille Nacht“ ein, die Gemeinde stand. Lukas stand mit auf. Die ersten Töne klangen durch den Dom. „Stille Nacht, heilige Nacht…“ Er sang leise mit. Ein Teil von ihm wollte lachen bei dem Wort „still“. Weil sein Kopf alles andere als still war. Ein anderer Teil dachte: Vielleicht stimmts trotzdem. Die Welt draußen ist laut, mein Kopf auch – aber in genau diesem Moment halte ich die Lautstärke aus. Neben ihm sang die Mutter, etwas brüchig, aber aufrecht. Der Vater sang leise, die Hände fest auf der Bankkante. Erling bewegte die Lippen, kannte den deutschen Text nur halb, aber das Lied war international genug. Lukas hörte gleichzeitig: • seinen eigenen, leisen Gesang, • die vielen Stimmen um ihn herum, • die Orgel, • das Blut in seinen Ohren. Und mittendrin dachte er:
Ich bin nicht mehr der, der im Keller an der VR-Brille hängt. Ich bin der, der hier steht und entscheidet, dass er bleiben kann – und dass er gehen kann, wenn es zu viel wird. Der Auszug – geordnete Flucht ins Freie Nach dem Segen begann die typische Heiligabend-Logistik: Menschen setzten sich kurz, warteten, bis die vorderen Reihen nach und nach rausgingen, um kein Gedränge zu verursachen. Die Mutter sah Lukas an. „Wie geht’s?“ flüsterte sie. „Sieben und halb,“ sagte er leise. „Ich will raus, aber ich kippe nicht.“ „Gut,“ sagte sie. „Dann warten wir noch kurz, bis unsere Reihe dran ist.“ Reihe für Reihe stand auf, schob sich Richtung Mittelgang. Als sie endlich dran waren, sammelten sie ihre Jacken, rückten raus. Lukas atmete auf, als er den Mittelgang erreichte. Der Dom wirkte von dort weniger drückend, weil er den Ausgang sehen konnte. Noch ein paar Schritte, dachte er. Dann Kalte Luft. Sie traten durch das Portal nach draußen. Die Temperatur schlug ihnen wie eine Wand entgegen, die aber diesmal willkommen war. Kalte, frische Luft, kein Weihrauch, kein Massenatmen. Lukas holte tief Luft, als hätte er die ganze Zeit die Luft angehalten. „Besser?“ fragte Erling. „Ja,“ sagte Lukas. „Viel besser.“ Die Mutter zog ihre Jacke enger. „Wir gehen langsam nach Hause,“ sagte sie. „Kein Stress. Heute Abend gibt’s Fisch, Kartoffelsalat, Geschenke – und hoffentlich keinen Polizeieinsatz.“ „Das wäre das schönste Weihnachtswunder,“ murmelte Lukas. Auf dem Platz vor dem Dom – ein kurzer Blick zurück Sie blieben noch einen Moment auf dem Platz vor dem Dom stehen. Der Himmel war schon die Lichter der Stadt irgendwo spielte jemand auf einer Geige ein nicht besonders aber mit viel Gefühl. Der Dom stand hinter massiv, ruhig. Lukas drehte sich kurz schaute auf die Fassade.
dunkel, leuchteten, Weihnachtslied, gut, ihnen, um,
Ich hab’s geschafft, dachte er. Ich war drin. Ich bin nicht zusammengebrochen. Ich bin nicht weggelaufen. Ich habe gesungen, gebetet, gedacht – und ich hab mich nicht verloren. Er spürte, wie Erling ihm kurz die Hand an die Schulter legte. „Gut gemacht,“ sagte der leise. „Ich hab nur in einer Bank gesessen,“ erwiderte Lukas. „Für dich war das gerade mehr,“ meinte Erling. „Und das zählt.“ Die Mutter sah die beiden an, ihr Blick weich, mit der typischen Mischung aus Stolz und Sorge. „Komm,“ sagte sie. „Heiligabend wartet.“ Sie machten sich auf den Weg zur Straßenbahn. Sie ahnten nicht, dass in irgendeiner Seitenstraße nicht weit weg jemand stand, der bereits den nächsten Schritt seines Racheplans im Kopf baute. Aber für diesen Nachmittag, für diese Stunden im Dom, hatten Lukas, seine Mutter, sein Vater und der Spieler etwas geschafft, das für sie fast so groß war wie ein Sieg im Achtelfinale: Sie waren zusammen in einem vollen, lauten, triggernden Raum gewesen – ohne, dass jemand verletzt wurde, ohne, dass jemand ausgerastet ist, ohne, dass Lukas hineingezwungen wurde, sich selbst zu verraten. Als sie von der Messe zurück in die Wohnung kamen, fühlte sich alles ein bisschen so an, als hätte jemand die Lautstärke der Welt runtergedreht. Draußen war es dunkel, die Straßenlaternen warfen gelbe Flecken auf den Bürgersteig, in den Fenstern der Nachbarn leuchteten schon erste Lichterketten und in manchen Wohnungen konnte man Schatten sehen, die sich um Esstische bewegten. Drinnen war es warm, es roch vag nach Kartoffeln und Zwiebeln, und der Weihnachtsbaum stand wie ein geduldiger Zuschauer in der Ecke und wartete darauf, dass der Abend richtig begann. Heute würde es keinen Fertigfisch geben. Kein „aus der Packung in die Pfanne“. Heute hatten Lukas, seine Mutter und Erling sich etwas vorgenommen: selbstgemachten Bierbackfisch. Mit Teig, Panade, klebrigen Fingern und wahrscheinlich einer Küche, die danach aussah, als hätte ein kleiner Orkan gewütet. Heimkommen – Schuhe aus, Hemd bleibt dran „Jacken erst mal aus, Luft holen,“ sagte die Mutter, als sie die Wohnungstür hinter sich schloss. Lukas löste seinen Schal, hängte die Jacke an den Haken und schlüpfte aus den Schuhen. Er spürte, wie seine Schultern sich langsam senkten. Der Dom lag jetzt hinter ihnen: die hohen Gewölbe, der Weihrauch, „Stille Nacht“. Vor ihnen lag: Pfannenbrutzeln,
Panik checken, und hoffentlich irgendwann: Essen, Geschenke, halbwegs friedlicher Abend. Erling stellte seine Schuhe ordentlich neben die anderen, was bei seiner Größe irgendwie komisch aussah, als hätte jemand Basketballschuhe in einen Schuhladen für Kinder gestellt. Der Vater zog sich kommentarlos zurück ins Schlafzimmer, ob Jacke ablegen oder kurz hinsetzen, war nicht ganz klar. Lukas registrierte es, ließ es aber erst mal stehen. Heute würde er nicht jeden Atemzug des Vaters scannen. Das war nicht seine Aufgabe. Küchenlage: Vorbereitungsstand In der Küche war schon Grundordnung erkennbar: • der Kartoffelsalat stand mit Frischhaltefolie abgedeckt im Kühlschrank und zog vor sich hin, • auf der Arbeitsfläche lagen Zitronen, ein Haufen Petersilie, • ein Teller mit filetiertem Fisch, • daneben eine große Schüssel, noch leer, für den Teig, • Mehl, ein Päckchen Backpulver und zwei Flaschen Bier standen bereit. Lukas blieb in der Küchentür stehen. Sein Blick blieb kurz an den Bierflaschen hängen. Es war keine Kiste, kein Dutzend. Nur zwei. Und trotzdem zog sich in ihm kurz etwas zusammen. Erinnerungsschleifen meldeten sich: • das eine „normale“ Bier und das mit zwölf Prozent, mit denen er vor nicht allzu langer Zeit fast im Krankenhaus gelandet wäre, • die Abende, an denen der Vater 20 Weine in sich reingekippt hatte, • die Momente, in denen Alkohol nicht Begleiter, sondern Auslöser gewesen war. Die Mutter bemerkte seinen Blick. „Das da,“ sagte sie ruhig und deutete auf die Flaschen, „ist heute Arbeitsmaterial. Kein Trinkmaterial. Und bevor du fragst: eine davon ist alkoholfrei, die andere ist normales Bier für den Teig. Der Alkohol im Backteig verfliegt beim Ausbacken fast komplett.“ Sie hob die alkoholfreie Flasche kurz hoch. „Die hier ist für dich und Erling, falls ihr probieren wollt. In einem kleinen Glas. Kein Exzess. Kein „mal schauen, wie viel reinpasst“.“ Lukas atmete aus. „Okay,“ sagte er. „Wir nutzen den Feind als Zutat.“ Erling trat daneben, nahm eine Flasche in die Hand und studierte das Etikett. „Solange keiner auf die Idee kommt, die Panade zu trinken, ist es okay,“ meinte er. Rollenverteilung in der Küche Die Mutter klatschte einmal in die Hände. „Also,“ sagte sie. „Wir machen das heute als Team. Lukas, du bist für den Teig verantwortlich. Erling, du kümmerst dich ums Fischmehlieren. Ich mache die Reihenfolge und die Pfanne.“ „Was heißt „Reihenfolge“?“ fragte Lukas. „Jemand muss den Überblick behalten, welche Filets schon im Teig waren, welche noch roh sind, welche in der Pfanne liegen und welche schon fertig und im Ofen warmgehalten
werden,“ erklärte sie. „Wenn wir das dem Chaos überlassen, essen wir später entweder halb rohen Fisch oder Kohle.“ „Gut,“ meinte Lukas. „Dann bin ich offiziell Teigbeauftragter.“ „Teigminister,“ ergänzte Erling. „Und du bist Fischlogistikleiter,“ gab Lukas zurück. „Ich mag diesen Titel,“ sagte Erling ernst. Der Teig – Mehl, Bier und Erinnerungen Die Mutter stellte die große Schüssel vor Lukas. „Also, Herr Teigminister,“ sagte sie, „wir machen eine Mischung aus Mehl, etwas Stärke, Backpulver, Salz, Pfeffer, ein bisschen Paprikapulver für Farbe – und dann kommt das Bier dazu.“ Sie schob ihm das Mehl hin, einen Messbecher und die Gewürze. Lukas schüttete Mehl in die Schüssel, nicht perfekt, aber konzentriert. Das Mehl staubte, setzte sich auf seinen Ärmel, auf die Arbeitsfläche. Er strich es mit der Hand wieder zusammen, damit nicht alles nach Instant-Schneelandschaft aussah. „So ungefähr,“ sagte die Mutter. „Dann noch zwei Löffel Stärke – macht den Teig knuspriger – und ein Teelöffel Backpulver.“ Lukas mischte alles trocken durch, weniger elegant als in Kochvideos, aber mit der Ernsthaftigkeit eines Menschen, der sich seine Welt gerade wieder Stück für Stück zusammensetzt. Die Mutter nahm die normale Bierflasche. „Ich schütte,“ sagte sie. „Du sagst stopp.“ Sie öffnete die Flasche. Das Zischen klang für Lukas kurz lauter als für alle anderen. Sie goss langsam in die Schüssel. Der Schaum blubberte, das Mehl sog die Flüssigkeit auf. „Stopp,“ sagte Lukas nach einer Weile. Er nahm den Schneebesen und begann zu rühren. Der Teig wurde dick, blubberig, verbrauchte das Bier, bis nur noch eine halbe Flasche übrig war. Es roch nach Bier, aber anders als in der Kneipe: nicht nach verschüttetem Alkohol, sondern nach Küche, nach Mischung. Er rührte konzentriert, bis keine großen Klumpen mehr zu sehen waren. „Teig-Konsistenz-Check,“ sagte er und hob den Schneebesen hoch. Der Teig floss langsam in einem zähen Band zurück in die Schüssel. „Sehr gut,“ befand die Mutter. „Nicht zu dick, nicht zu dünn. So haftet er gut am Fisch.“ „Wie mein Leben,“ murmelte Lukas. „Nicht stabil, nicht flüssig, irgendwo dazwischen.“ Erling schnaubte leise. Der Fisch – von filigran zu paniert
Während Lukas rührte, hatte Erling die Fischfilets auf einem Brett ausgebreitet. Sie hatten festes Fleisch, keine Gräten mehr, waren mit Küchenpapier trocken getupft. „Mein Job ist einfacher, aber glibschiger,“ kommentierte Erling. Die Mutter stellte ihm eine flache Schale mit Mehl hin. „Jedes Filet einmal im Mehl wenden, damit der Teig besser hält,“ erklärte sie. „Nicht ersäufen, nur leicht bestäuben.“ Erling nahm ein Filet, legte es ins Mehl, wälzte es vorsichtig hin und her, schüttelte überschüssiges Mehl ab. Seine Hände wurden weiß, Feinmehl setzte sich in jede Hautfalte. Lukas beobachtete es kurz. „Du siehst aus, als würdest du in einer Bäckerei jobben,“ sagte er. „Ich wusste nicht, dass Backfisch sowas wie salziger Kuchen ist,“ antwortete Erling. Nach und nach entstand ein System: • Erling: Fisch aus der Schale, ins Mehl, leicht wenden, daneben ablegen. • Lukas: Teig nochmal durchrühren, Gewürze nachjustieren (eine Prise Salz, etwas Paprika), Teig probieren. „Schmeckt wie… flüssiges Brot mit Ansage,“ meinte Lukas nach einem vorsichtigen FingerTest. „Das ist die tiefgründige Umschreibung von Bierteig,“ sagte die Mutter. Testlauf – erster Fisch in der Pfanne Die Mutter stellte eine große Pfanne auf den Herd, goss Öl hinein, ließ es langsam heiß werden. Das Blubbern und Knistern kündigte an, dass es gleich ernst wurde. „Wir machen erst einen Testfisch,“ sagte sie. „Zum Gucken, ob der Teig richtig ist.“ Erling reichte ihr ein mehliertes Filet. Lukas tauchte es in die Teigschüssel, ließ den überschüssigen Teig abtropfen, gab es vorsichtig an die Mutter weiter. Sie legte das Filet in das heiße Öl. Es zischte, der Teig blähte sich sofort leicht auf, wurde in Sekunden von glitschig zu matt-gelb. Der Geruch breitete sich schnell in der Küche aus: Richtung Weihnachtsmarkt, Richtung Imbissbude, aber mit einem irgendwiedem „Zuhause“-Ton. Lukas beobachtete, wie der Teig Blasen warf. Aus Chaos wird Hülle, dachte er. Aus flüssigem Zeug wird etwas, das man anfassen kann. Die Mutter wendete den Fisch vorsichtig mit zwei Gabeln. Die Unterseite war schon goldbraun. „Noch ein bisschen,“ meinte sie. „Dann raus.“ Nach ein paar Minuten hob sie das Filet aus der Pfanne, ließ das Öl kurz abtropfen, legte es auf einen Teller mit Küchenpapier.
Die Kruste sah knusprig aus, nicht verbrannt, der Teig hielt, ohne wegzurutschen. „Lukas, du bist Chef-Tester,“ sagte sie. Er schnitt ein kleines Stück ab, pustete und probierte. Der Teig war außen knusprig, innen weich, der Fisch gar, nicht trocken. „Perfekt,“ sagte er. „Geschmacklich… wie Jahrmarkt, aber in gut. Und ohne, dass jemand daneben „Bier! Bier! Bier!“ schreit.“ „Dann machen wir weiter,“ sagte die Mutter. Produktion – alle Hände voll zu tun Die Pfanne lief auf Betriebstemperatur. Jetzt ging es richtig los. Erling reichte Filet um Filet, Lukas tauchte sie in den Teig, die Mutter legte sie ins Öl, wendete, hob sie raus, legte sie auf die Teller, schob die fertigen Stücke in den Ofen, damit sie warmblieben. Irgendwann sah die Arbeitsfläche aus wie ein Schlachtfeld: • Mehlstaub überall, • Teigtropfen auf der Arbeitsplatte, • Fischgeruch in der Luft, • Ölgeruch vom Braten. Lukas hatte Teigflecken auf dem Hemdsärmel, an der Fingerknöcheln, ein bisschen im Gesicht, weil er sich unbedacht über die Stirn gestrichen hatte. „Du hast ein Teigtattoo,“ bemerkte Erling und zeigte auf die Stirn. Lukas wischte sich mit dem Handrücken drüber, was es eher verschmierte als entfernte. „Egal,“ murmelte er. „Später. Erst die Fische.“ Zwischendurch machte die Mutter kleine Kommentare: „Die Pfanne nicht zu voll, sonst kühlt sie ab.“ „Weniger Teig bei dem da, sonst wird’s zu dick.“ „Ja, so ist gut.“ Es war fast wie eine Choreografie: Handgriffe, Rufe, Zischen, Abtropfen. Und mitten drin Lukas. Ein kurzer Moment mit dem Vater Während die dritte tauchte der Vater in der Küchentür auf. Er blieb einen betrachtete das Bild:
Pfannenladung
seine Frau am Herd, sein Sohn mit Teig bespritzt, ein großer Norweger mit mehligten Händen. Es war ein Moment, der auch aus einem ganz normalen Familienfilm hätte stammen können, wenn man nicht wüsste, was unter der Oberfläche alles passiert war. „Kann ich irgendwas machen?“ fragte er vorsichtig. Früher hätte er sich einfach an den Tisch gesetzt und gewartet, bis jemand ihm einen Teller hinstellte. Heute klang in seiner Stimme so etwas wie: Wenn ihr mich lasst. Die Mutter zögerte nur kurz. „Ja,“ sagte sie. „Du kannst den Tisch fertig decken. Teller, Besteck, Gläser, Servietten. Und die Kerzen auf dem Tisch anordnen, aber noch nicht anzünden.“ Er nickte. „Mach ich,“ sagte er. Lukas beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Er suchte nach Zeichen: • rutschige Bewegungen? • schwankendes Gleichgewicht? • ungeduldige Aggression? Er sah nichts davon. Nur einen Mann, der offensichtlich nicht recht wusste, wohin mit sich, und froh war, eine Aufgabe zu bekommen, die nichts mit Flaschen zu tun hatte. „Wie riecht’s?“ fragte der Vater noch, bevor er in Richtung Wohnzimmer verschwand. „Wie Fischbude, aber in lecker,“ sagte Lukas. „Dann ist es Weihnachten,“ murmelte der Vater leise, fast so, als spräche er mit sich selbst. Kleine Pause – alkoholfreies Probier-Ritual Zwischen zwei Pfannenrunden stellte die Mutter eine kleine Pause ein. „Stopp,“ sagte sie. „Bevor ihr mir hier in der Küche umkippt vor lauter Hitze und Geruch.“ Sie drehte den Herd kurz ein bisschen runter, griff zur alkoholfreien Bierflasche. „So,“ sagte sie. „Kleine Tradition, aber in sicher: ein Miniglas alkoholfreies Bier für den Koch und die Assistenten.“ Lukas verzog kurz das Gesicht. „Ich bin nicht sicher, ob ich Bier gerade „Tradition“ nennen will,“ gab er zu. „Aber… alkoholfrei, kleines Glas, Küche, mit euch. Das ist… okay.“ Sie goss in drei kleine Gläser: wirklich nur wenig, fast wie ein Probeschluck. Sie stießen nicht wie auf einer Party an, sondern stellten sich im Dreieck in der Küche hin. „Auf was trinken wir?“ fragte Erling. Lukas dachte kurz nach. „Auf… Kontrolle,“ sagte er dann. „Dass wir heute entscheiden, was mit dem Bier passiert – und nicht das Bier mit uns.“ Die Mutter hob ihr Glas. „Und auf die Tatsache,“ ergänzte sie, „dass wir dieses Weihnachten mit heißem Fisch und nicht mit kaltem Krankenhaus-Essen verbringen.“
Erling nickte. „Und darauf,“ sagte er, „dass aus flüssigem Chaos manchmal etwas Knuspriges wird, das man mit den Händen essen kann.“ Sie tranken einen Schluck. Es schmeckte für Lukas nicht „wow“, aber auch nicht gefährlich. Nur bitter, malzig, neutral. Er stellte das Glas weg. Er merkte, wie sein Körper kurz abscannte, ob da irgendwas getriggert wurde. Nichts. Ich sterbe nicht daran, dachte er. Ich kann es trinken, ohne den Rest der Kontrolle zu verlieren. Das hier ist nicht der Abend im Zimmer mit zwei Flaschen und Krankenhausdrohung. Das hier ist Küche, Familie, Spielraum. Die letzte Pfanne – Fisch in Schichten Die letzte Runde Fisch wanderte in die Pfanne. Mittlerweile waren sie eingespielt. Erling hatte das Mehl nachgefüllt, Lukas den Teig nochmal leicht nachgewürzt, die Mutter hatte den Ofen auf niedriger Stufe eingestellt, damit der fertige Backfisch warm blieb, ohne zu trocknen. Der Fischberg auf dem Teller im Ofen wuchs. Lukas schaute kurz hinein. Goldbraune Stücke, alle ein bisschen unterschiedlich, keine geometrische Perfektion – aber sehr eindeutig: Essen. „Damit könnten wir eine halbe Straßenbahn durchfüttern,“ meinte Erling. „Wir haben Reste,“ sagte die Mutter. „Das ist der Plan. Morgen schmeckt der kalt mit Salat auch noch.“ Der Herd wurde schließlich ausgestellt, das Öl durfte in der Pfanne abkühlen. Die Mutter legte die letzten zwei Stücke auf einen Teller, deckte sie kurz zu. „Geschafft,“ sagte sie. „Fischproduktion beendet.“ Lukas lehnte sich an die Arbeitsplatte, wischte sich die Stirn mit dem Unterarm. „Ich glaube, das war das erste Mal seit langem, dass ich mit „Bier“ zu tun hatte und am Ende kein Drama entstanden ist,“ sagte er. „Vielleicht ist das unser heimliches Weihnachtswunder,“ meinte seine Mutter. Küche aufräumen – Bestandsaufnahme und Wischaktion Vor dem Essen musste die Küche zumindest grob wieder in einen Zustand gebracht werden, in dem niemand sich sofort wieder umdrehen wollte. „Wir räumen so weit auf, dass der Boden nicht klebt und man die Arbeitsfläche erkennt,“ erklärte die Mutter. „Die Detailarbeit machen wir morgen. Heute ist nur: Notfall-Aufräumen.“ Lukas schnappte sich einen nassen Lappen und wischte die Mehl-Teig-Kruste von der Arbeitsfläche.
Es war eine Mischung aus Schmieren und Entfernen, aber es wurde besser. Erling spülte die Schüsseln aus, in denen noch Teigreste klebten, und stellte sie in die Spülmaschine. Die Mutter packte benutzte Messer, Bretter, Gabeln zusammen, sortierte Müll, machte das Öl in der Pfanne sicher, damit sich niemand daran verbrannte. Nach zehn, fünfzehn Minuten sah die Küche zwar nicht wie in einem Werbeprospekt aus, aber auch nicht mehr wie nach einer Explosion. „Reicht,“ sagte die Mutter. „Der Rest hat bis morgen Zeit.“ Tischbild – der Vater hat seine Aufgabe erfüllt Sie gingen gemeinsam ins Wohnzimmer. Der Vater hatte den Tisch tatsächlich ordentlich gedeckt: • Teller für jeden, • Besteck in richtiger Reihenfolge, • Gläser, • Stoffservietten, die er versucht hatte, zu falten (einige sahen aus wie sehr zerknitterte Boote, aber der Wille war erkennbar), • in der Mitte ein paar Kerzen, noch unangezündet. „Alles selbst gemacht?“ fragte die Mutter mit einem vorsichtigen Lächeln. „Ich hatte eine kurze Diskussion mit der Serviette,“ sagte der Vater, „aber ich glaube, wir haben uns auf „irgendwas zwischen Dreieck und Knäuel“ geeinigt.“ Lukas musste wider Willen grinsen. Es war nicht so, dass damit alles wieder gut war. Nicht mal annähernd. Aber es war ein Abend, an dem sein Vater nicht schrie, nicht warf, nicht trank. Und das war, traurigerweise, schon ein Fortschritt. Backfisch antragen – der Geruch von „trotzdem Weihnachten“ Die Mutter und Lukas holten die großen Platten aus der Küche. Auf einer: • der goldene in mehreren leicht mit Petersilie Zitronenspalten drumherum. Auf einer anderen: • der mit Eiern, Zwiebelstücken. Der Geruch füllte das Wohnzimmer sofort: Warm, fettig, würzig,
Bierbackfisch, Schichten, bestreut, Kartoffelsalat, Gurkenstreifen,
in einer Art, die nicht unangenehm war, sondern eher nach „Gemütlichkeit“ roch. Lukas stellte die Fischplatte auf den Tisch. Für einen Moment sah er das Bild von oben betrachtet: Eine Familie, die fast auseinandergebrochen wäre, ein Spieler, der längst wieder im Trainingslager sein müsste, und ein Tisch voller Essen. Wir sind ein Chaos, dachte er. Aber wir sind ein Chaos, das heute Abend zusammen isst. Es war früher Abend, draußen lag Weihnachten wie eine Decke über der Stadt, drinnen lag Fisch auf dem Tisch, und obwohl Patrik irgendwo da draußen schon die nächste Stufe seines Plans baute, gab es hier einen Raum, in dem Lukas gerade etwas anderes tun durfte als sich nur zu verteidigen: Er durfte essen, sitzen, und nach einer viel zu langen Zeit für ein paar Stunden wieder einfach ein Sohn sein, der mit seiner Mutter und einem Freund in der Küche gestanden hatte und Bierbackfisch gemacht hatte, der nach mehr schmeckte als nach Teig und Fisch: Nach Arbeit, nach Kontrolle, nach „trotz allem leben wir noch“. Nach dem Essen fühlte sich die Wohnung für einen Moment seltsam voll und still zugleich an. Der Tisch war noch nicht ganz abgeräumt, überall standen Teller mit Resten von Kartoffelsalat, Zitronenschalen, ein paar Krümel vom Backteig. Im Wohnzimmer leuchtete der Baum jetzt richtig, die Lichterkette war an, und die Schatten der Zweige tanzten an der Wand. Draußen war Heiligabend, drinnen war der Punkt im Abend erreicht, an dem es nur noch eine Richtung gab: Bescherung. Übergang – vom Esstisch zum Baum „So,“ sagte die Mutter, als sie ihre Gabel auf den Teller legte. „Ich würde sagen: wir räumen das Gröbste weg, und dann gehen wir rüber zum Baum.“ „Gutes Konzept,“ murmelte Lukas. „Bevor der Backfisch kalt und die Stimmung kippt.“ Sie standen gemeinsam auf. Die Mutter begann Teller zu stapeln, Lukas brachte Schüsseln in die Küche, Erling sammelte gebrauchte Gläser ein, der Vater nahm sich wortlos die Servietten und den Brotkorb. Es war erstaunlich geordnet. Keiner schrie, keiner knallte etwas auf den Tisch, niemand war betrunken.
Alle bewegten sich vorsichtig wie Menschen, die wussten, dass das Fundament unter ihnen Risse hatte und man besser nicht hüpfte. Nach ein paar Minuten war das Nötigste erledigt. Die Küche war „akzeptabel-chaotisch“, das Wohnzimmer wieder der Mittelpunkt. Der Baum stand da, als hätte er Geduld mit ihnen. Unter ihm lagen die Päckchen: • das schlichte rote mit dem „Für Papa“, • das mit dem Sternenpapier „Für Mama“, • kleinere, bunte Päckchen, • ein längliches für Erling, • eins mit einer auffällig unperfekten Schleife, eindeutig von Lukas gemacht. Der Moment davor – Sitzordnung und kleine Nervosität „Also,“ sagte die Mutter, „setzen wir uns?“ Sie setzten sich: • die Mutter auf das Sofa, • Lukas neben sie, • Erling auf den Sessel schräg gegenüber, • der Vater auf den Stuhl etwas seitlich. Wie eine etwas seltsam zusammengestellte Talkshowrunde, nur ohne Kamera. Die Mutter zündete die Kerzen auf dem Couchtisch an. Das Licht wurde weicher, die Lichterkette im Baum schien heller, die Schatten wurden tiefer. Lukas merkte, wie seine Hände leicht schwitzten. Nicht wegen der Geschenke an sich, sondern wegen allem, was in ihnen steckte: • die Mappe für seine Mutter, • das Notizbuch für seinen Vater, • das Heft und die Mütze für Erling. Alles Dinge, die mehr sagten, als er sonst mit einem ganzen Monolog sagen könnte. Tradition light – ein kurzer Satz, keine lange Rede Früher hatte der Vater manchmal versucht, große Reden zu schwingen, je betrunkener, desto länger. Heute hielt sich die Mutter kurz. „Ich sag nur eins,“ meinte sie und sah in die Runde. „Es war ein sehr schweres Jahr. Dass wir heute in dieser Konstellation hier sitzen, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich bin dankbar für jeden von euch – auch, wenn es manchmal verdammt anstrengend war, euch auszuhalten.“ Es führte niemand Widerspruch. „Und jetzt,“ fügte sie hinzu, „weitere Reden streichen wir. Fangen wir einfach an.“ Erste Runde – Geschenk für Lukas „Ich würde gerne anfangen,“ sagte die Mutter, „weil ich ganz schlecht bin im Warten.“ Sie beugte sich nach vorne, nahm ein Päckchen mit blauem Papier und weißen Sternen, auf dem stand: „Für Lukas“
Sie reichte es ihm. „Das ist von mir,“ sagte sie. „Also… offiziell. Inoffiziell haben der Spieler und ich darüber gesprochen, ob es Sinn macht.“ Lukas nahm das Paket. Es war rechteckig, nicht schwer, aber auch nicht federleicht. Er riss das Papier vorsichtig auf, faltete es instinktiv zusammen, statt es zu zerreißen. Darunter kam eine stabile, dunkle Schachtel zum Vorschein. Er öffnete sie. Darinnen lagen: ein Paar Over-Ear-Kopfhörer. Nicht billigstes Plastik, kein Protzmodell, aber sichtbar hochwertig. „Noise Cancelling,“ sagte die Mutter, bevor er etwas sagen konnte. „Damit du in der Hochschule, im Zug, im Wartezimmer, im Leben besser deine Ruhe kriegst, wenn alles zu laut ist. Man kann Geräusche nicht immer abstellen. Aber man kann sie manchmal filtern.“ Lukas fuhr mit den Fingern über die Bügel. Der Gedanke daran, in der überfüllten Uni-Bibliothek sitzen zu können und wenigstens die Häfte der Hölle auszublenden, war fast überwältigend. „Ich…“ begann er, aber die Worte sortierten sich langsamer als die Gefühle. „Wenn sie dir nicht gefallen, haben wir den Bon noch,“ sagte die Mutter schnell. „Nein,“ unterbrach er, „nein, die sind perfekt. Es ist… genau das, was ich brauche, ohne dass ich wusste, dass ich es brauche.“ Er sah kurz zu Erling. „Jetzt kann ich dich im Stadion noch besser ignorieren, wenn du Mist erzählst,“ sagte er trocken. Erling grinste. „Dann muss ich dir eben Nachrichten aufs Handy schicken, wenn ich dich nerven will,“ konterte er. Geschenk für Erling – Zeichen, dass er „dazu gehört“ „Dann bin ich dran,“ sagte die Mutter. Sie nahm ein Paket mit rot-weißem Papier, auf dem stand in ihrer Schrift: „Für Erling“ Sie sah ihn etwas verlegen an. „Du bist offiziell unser… äh… Sondergast,“ sagte sie. „Es wäre komisch gewesen, wenn du nur dabei sitzt und nichts bekommst.“ Erling nahm das Paket. „Ihr hättet nicht…“ begann er. „Doch,“ fiel sie ihm sanft ins Wort. „Haben wir. Punkt.“ Er packte aus. Zum Vorschein kam ein Schal – nicht irgendeiner, sondern ein selbstgestrickter (man sah die kleineren Unebenheiten) in den Farben von Mainz 05, mit kleinen, eingenähten Norwegen-Farbstreifen an den Enden.
„Damit du in Mainz nicht frierst,“ sagte sie, „und damit du, wenn du irgendwann wieder nach Norwegen gehst, etwas von hier mitnehmen kannst. Und… damit du weißt, dass du hier nicht nur Gast, sondern willkommen bist.“ Erling sah auf den Schal, und für einen Moment war die Fassade des lässigen Profis weg. „Den zieh ich nicht zum Joggen an,“ sagte er leise. „Der ist für besondere Tage.“ Geschenk vom Vater an die Mutter Der Vater räusperte sich. „Dann… bin ich wohl dran,“ sagte er. Er stand auf, ging zum Baum, griff nach einem kleineren, sorgfältig eingepackten Päckchen, kam zurück und reichte es der Mutter. „Für dich,“ sagte er. Sie sah ihn einen Moment lang an, als würde sie versuchen zu erkennen, ob das hier eine Falle oder ernst gemeint war. Dann öffnete sie das Geschenk. Im Paket lag ein schlichter, silberner Anhänger an einer Kette – kein riesiger Klunker, keine Herzchen-Kitschbombe. Der Anhänger war eine kleine, offene Kreisscheibe. In den Rand waren ganz fein drei Namen eingraviert: „Lukas – [Name der Mutter] – [Name des Vaters]“ Und ganz klein am Rand: ein Datum. Der Tag, an dem sie nach der Sache mit dem verbrannten Rollstuhl zum ersten Mal zu dritt wieder beim Familiengespräch im Krankenhaus gewesen waren. „Ich…“ setzte der Vater an, fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Ich weiß, dass ich vieles kaputtgemacht habe. Ich kann das nicht mit einer Kette reparieren. Aber ich wollte dir etwas geben, das ausdrückt: ich bin nicht nur „der, der alles zerstört“. Ich will wieder Teil dieser Familie sein. Und ich weiß, dass das Arbeit ist und nicht durch ein Geschenk erledigt.“ Die Mutter sagte nichts. Ihre Finger strichen über die eingravierten Namen. Sie legte die Kette nicht sofort an. Aber sie legte sie auch nicht weg. „Danke,“ sagte sie leise. „Ich weiß noch nicht, wohin mit diesem ganzen „Vergeben oder nicht“. Aber ich weiß zu schätzen, dass du es überhaupt versuchst.“ Geschenk vom Vater an Lukas Der Vater setzte sich wieder, wusste kurz nicht, wo er mit den Händen hin sollte. Dann stand er nochmal auf, griff nach einem zweiten, kleineren Päckchen. „Äh… und das hier,“ sagte er, „ist für dich, Lukas.“ Lukas hob überrascht den Kopf. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht unbedingt damit, dass sein Vater wirklich etwas für ihn ausgesucht hatte. Das Päckchen war unspektakulär verpackt, braunes Papier, Band herum. Er öffnete es.
Darin lag ein kleiner, schlichter Holzrahmen. Im Rahmen: ein Foto. Es zeigte ihn als Kind, vielleicht acht oder neun, zusammen mit seinem Vater auf einer Tribüne – beide im Mainz-Schal, sein Vater mit hochgerissener Hand, er leicht verunsichert, aber lachend. „Ich hab das neulich gefunden,“ sagte der Vater. „Ich hab gemerkt, dass ich dieses „Wir beide“-Bild seit Jahren nicht mehr im Kopf hatte. Ich… wollte dir eins geben, damit du weißt: Es gab Zeiten, in denen ich nicht nur geschrien oder getrunken habe. Vielleicht… schaffen wir es irgendwann, wieder neue Bilder zu machen, die nicht so sind wie die letzten Monate.“ Lukas starrte auf das Foto. Etwas in ihm zog an zwei Seiten: • auf der einen Seite der Zorn auf den Mann, der Rollstühle verbrannt, Gläser geworfen, Sachen zerstört hatte; • auf der anderen Seite das Kind in ihm, das sich nach genau diesem Vater gesehnt hatte, der auf dem Bild im Stadion stand. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll,“ sagte er ehrlich. „Musst du jetzt auch nicht,“ antwortete sein Vater. „Du kannst es auch einfach irgendwo hinstellen oder in eine Schublade legen und später entscheiden, was es für dich ist.“ Lukas nickte. Er stellte den Rahmen nicht demonstrativ auf den Tisch, aber er legte ihn auch nicht mit der Bildseite nach unten. Er blieb sichtbar in seinen Händen. Lukas ist dran – Geschenk für die Mutter „Jetzt bin wohl ich dran,“ sagte Lukas leise. Er stand auf, sein Herz schlug deutlich schneller. Er ging zum Baum und nahm das Päckchen mit dem Sternenpapier, auf dem stand: „Für Mama“ Er setzte sich wieder neben sie, reichte es ihr. „Das… ist nicht teuer,“ warnte er. „Es ist… mehr Papier als alles andere.“ Sie sah ihn an. „Manchmal ist Papier das Wertvollste,“ sagte sie. Sie öffnete das Geschenk. Eine dunkelrote Mappe kam zum Vorschein. Sie schlug sie auf. Auf der ersten Seite ein Foto von ihnen beiden im Stadion, darunter seine Schrift, leicht schief, aber lesbar. Sie blätterte weiter: • Collagen, • kleine Sätze, • Erinnerungsfetzen. Und auf der letzten Seite der Text, den er am Vormittag geschrieben hatte, in dem er alles zusammenfasste: Gewalt, Angst, ihre Hilfe, kein „perfekt“, aber „da“. Ihre Augen wurden beim Lesen immer glänzender. Bei „Du warst nicht perfekt. Ich auch nicht. Aber du warst da.“ stockte sie.
Sie legte eine Hand über den Mund, als müssten die Worte sonst wieder herausfallen. „Lukas,“ flüsterte sie, „das ist…“ Sie brach ab, suchte nach einem Wort. „…ehrlich,“ beendete sie den Satz schließlich. „Und das ist mir lieber als jedes „Du bist die beste Mama der Welt“-Standardgedöns.“ Sie zog ihn vorsichtig an sich, nicht zu kräftig, kein erdrückendes Umarmen, sondern ein langsames, ruhiges. Lukas ließ es zu. Es war nicht wie früher, als Umarmungen sich angefühlt hatten wie Klammern. Es war mehr wie: einen Moment auf einer Bank sitzen, ohne wegzudriften. „Danke,“ sagte sie leise an seinem Ohr. „Dass du mich siehst. Auch, wenn ich oft Angst habe, alles falsch zu machen.“ Geschenk für den Vater – das Notizbuch Lukas löste sich wieder, atmete einmal durch und griff nach dem schlichten, roten Päckchen mit der Aufschrift „Für Papa“. Er hielt es seinem Vater hin. „Das ist von mir,“ sagte er. „Und… es wird sich vielleicht im ersten Moment komisch anfühlen. Es ist kein „Danke für alles“-Geschenk. Es ist eher ein „Wenn du willst, kannst du was damit anfangen“-Ding.“ Der Vater nahm das Päckchen, öffnete es vorsichtig. Das schwarze Notizbuch kam zum Vorschein. Er schlug es auf. Auf der ersten Seite stand in Lukas’ Schrift: „Neustart ist kein Wort, sondern viele kleine Entscheidungen nacheinander.“ Und darunter der erklärende Text. Der Vater las leise. Man sah, wie sich sein Kiefer anspannte, wie er die Worte richtig „in sich hineinnahm“. Als er fertig war, schloss er das Buch langsam wieder. „Das ist…“ begann er, dann suchte er nach einer Formulierung, die nicht in Selbstmitleid rutschte. „…ehrlicher, als es mir lieb ist. Aber genau deswegen richtig.“ Er sah Lukas direkt an. „Ich weiß nicht, ob ich alle Entscheidungen hinkriege, die nötig sind,“ sagte er. „Aber ich weiß, dass ich keine Ausreden mehr hab, wenn du mir sowas schenkst. Ich… hoffe, dass ich in einem Jahr ein paar Seiten voll habe, auf die du nicht nur mit Wut, sondern auch mit einem halben bisschen Stolz schauen kannst.“ „Ich will keine Show-Seiten,“ sagte Lukas ruhig. „Ich will, wenn überhaupt, echte.“ „Deal,“ antwortete der Vater. Er legte das Notizbuch neben sich auf den Tisch, nicht versteckt. Geschenk für Erling – das Heft und die Mütze
Jetzt war Erling dran. Lukas stand auf, holte das Päckchen, das ein bisschen unförmig war – das kleine Heft zusammen mit der Mütze – und setzte sich wieder. „Das ist von mir für dich,“ sagte er und schluckte kurz. „Und bevor du sagst, du brauchst nix: Pech. Ich hab’s trotzdem gemacht.“ Erling nahm das Paket, sah ihn kurz an, packte dann aus. Zuerst kam die Mütze zum Vorschein: rot-weiß, Mainz-Farben, mit kleinen, dezenten Norwegen-Flaggen in der Seite, nicht billig gedruckt, sondern als kleine Aufnäher. Er strich mit den Fingern darüber, lächelte. „Die trag ich,“ sagte er leise. „Aber nicht im Stadion. Die ist für… besondere Tage.“ Darunter lag das A5-Heft. Auf dem Umschlag stand: „Für Erling – damit du weißt, wie viel du in meinem Leben verändert hast.“ Er blätterte auf. Kurze Kapitel, Überschriften: • „1. Treffen – Pokémon, Schule, Wasserrutsche“ • „2. Treffen – Therapie, Hochschule, Brunnen, Bowling“ • „3. Treffen – Barcelona & Zuhause“ • „4. Treffen – Weihnachten, Bier, Rosenmontag“ • „5. Treffen – Feuer, VR, Slackline“ • „6. Treffen – Polen, Pilsen, Fenstersturz“ • „7. Treffen – Hochschule, Gas, Entführung, Dom, Fisch“ Unter jedem Kapitel ein paar Sätze. Keine Romane, aber jede Zeile saß. „Du warst da, als ich nicht mehr wusste, ob ich überhaupt noch jemanden in meinem Leben haben kann.“ „Du hast mich nicht wie ein Projekt behandelt, sondern wie einen Menschen.“ „Du warst der erste Erwachsene seit langem, der nicht weggeschaut hat, als es schlimm wurde.“ Erling blätterte langsam, immer wieder zurück, vor, zurück. Die Mutter sah rüber, der Vater auch, beide in respektvoller Distanz. Nach einer Weile legte Erling das Heft auf seinen Schoß, schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, waren sie leicht feucht. „Ich dachte damals,“ sagte er leise, „ich wäre einfach nur kurz in deinem Leben, dann wieder weg, Training, Spiele, nächster Termin. Ich hab nicht verstanden, wie sehr sich meine „ein paar Wochen rausnehmen“ bei dir einbrennen würden.“
Er sah Lukas an. „Ich hab viel erlebt in Stadien,“ fuhr er fort. „Tore, Pokale, Titel. Aber selten hab ich etwas in der Hand gehabt, wo ich das Gefühl hatte, dass es sagt: „Du hast jemandem das Leben nicht nur schwerer, sondern leichter gemacht.“ Danke.“ Lukas wich kurz seinem Blick aus, weil es zu direkt war, se zu groß. „Du musst mir nicht danken,“ murmelte er. „Du warst der, der im Keller stand, als alle anderen weggerannt sind.“ Geschenke von Erling – an alle „Ich bin übrigens auch vorbereitet,“ sagte Erling nach einem Moment und stand auf. Er ging zum Baum, holte einen kleinen Stoffbeutel hervor, den Lukas vorher gar nicht gesehen hatte. „Ich bin undercover unterwegs,“ erklärte er. „Deswegen gibt es keine Fanartikel mit meinem Gesicht. Aber ich hab trotzdem was.“ Er setzte sich wieder und holte zuerst ein kleines, flaches Päckchen heraus, auf dem stand: „Für Lukas“ Lukas nahm es. Innen war ein Foto, in einem schlichten, weißen Rahmen: Es zeigte Lukas und Erling zusammen auf einer Bank am Rhein, Handy in der Hand (Pokémon Go), beide in Bewegung, nicht perfekt gestellt. Darunter, klein in englischer Handschrift: „Some teammates are not from your team, but from your life. – E.“ „Ein Freund von mir ist Fotograf,“ erklärte Erling. „Er hat das aus ein paar Bildern zusammengesetzt, die ich heimlich gemacht hab – hoffentlich bist du mir deswegen nicht böse. Ich wollte, dass du ein Bild hast, auf dem du nicht aussiehst wie „der, mit dem immer was passiert“, sondern wie jemand, der einfach sitzt und lebt.“ Lukas sah das Foto an. Es war unspektakulär. Genau deshalb schön. „Ich hätte schlimmere heimliche Fotos erwartet,“ sagte er leise. Dann bekam die Mutter ein kleines Paket, in dem ein Kochbuch lag: „Schnelle gesunde Gerichte für Menschen mit wenig Zeit und vielen Nervenkrisen“ (kein echter Titel, aber sehr nah dran). „Du brauchst manchmal Dinge, die schnell gehen und trotzdem nicht alles schlimmer machen,“ sagte Erling. „Vielleicht ist was dabei, was nicht gleich die Küche sprengt.“ Sie lachte leise. „Wenn ich noch ein Rezept finde, das nicht erst nach zwei Stunden Küche funktioniert, heirate ich dieses Buch,“ meinte sie. Der Vater bekam ein kleines, schlichtes, dunkles Tuch, in dem eine Art Armband lag – kein Schmuck-Armband, sondern so eins, das Sportler manchmal tragen, mit einer eingestickten, kleinen Zeile: „Every day is the first day.“ „Das ist kein esoterischer Mist,“ sagte Erling. „Es ist eher eine Erinnerung. Du kannst jeden Tag rausgehen und sagen: „Heute verkack ich es weniger als gestern.“ Und wenn du doch verkackst, hast du morgen wieder „Tag eins“.“
Der Vater sah ihn erstaunt, dass ausgerechnet von ihm so etwas kam. „Danke,“ sagte er schlicht und band es sich ohne großes Theater ums Handgelenk.
Kleine Geschenke an den Spieler von der Mutter und von Lukas’ Mutterseite Die Mutter holte noch einen kleinen Umschlag für Erling hervor. „Das hier ist noch von mir und einem Teil meiner Familie,“ sagte sie. Er öffnete ihn. Innen waren zwei Karten: • ein Gutschein für ein Frühstück in einem kleinen Café in Mainz, • und eine handgeschriebene Karte, in der stand: „Danke, dass du in einer Zeit, in der sehr viele Erwachsene versagt haben, an der richtigen Stelle standest. Du bist hier immer willkommen – nicht als Star, sondern als Mensch.“ „Das bedeutet mir mehr, als du glaubst,“ sagte Erling. Letzte Runde – Lukas bekommt noch etwas Besonderes Zum Schluss war da noch ein Paket mit grünem Papier, auf dem nur „Lukas“ stand, ohne Absender. „Von wem ist das?“ fragte er. „Von uns beiden,“ sagte die Mutter und deutete auf sich und Erling. „Kooperationsprojekt.“ Er riss das Papier auf. Zum Vorschein kam ein Umschlag mit einem ausgedruckten Dokument und einem kleinen, laminierten Kärtchen. Das Dokument: eine Bestätigung für ein Jahr „Online-Sprachkurs, flexibel“ – mit verschiedenen Sprachen, auch Polnisch, Norwegisch, Englisch, was er wollte. Das Kärtchen: eine selbst gestaltete „Mut-Karte“. Vorne stand: „Für Lukas – wenn du dich fragst, ob du zu viel bist.“ Hinten stand: „Du bist nicht zu viel. Es waren nur zu oft die falschen Menschen um dich herum.“ „Du hast dieses Jahr so viel durchgemacht,“ sagte die Mutter. „Aber du hast auch gezeigt, wie viel du kannst. Du hast von Sprachen geredet, von Norwegen, von Polen, von Estland. Wir wollten dir etwas geben, das keine Klinik, kein Gericht und kein Dozent dir wegnehmen kann: die Möglichkeit, dir Wissen und neue Wege zu holen.“ „Und die Karte ist mein Anteil,“ sagte Erling. „Zum Einstecken. Damit du in der Hose was anderes mit dir rumträgst als Kathetererinnerungen.“ Lukas hielt beides in der Hand. Es fühlte sich schwerer an, als es war. „Ich… danke,“ murmelte er. „Das ist…“ Er brach ab. Manchmal gibt es keine guten Adjektive mehr, die nicht kitschig klingen. Seine Mutter legte die Hand kurz auf seine Schulter. „Du musst nicht alles in Worte packen,“ sagte sie. „Du lebst es einfach.“ Ein leiser Schluss des Abends
Die Bescherung war damit nicht in Feuerwerk explodiert, sondern langsam ausgeklungen. Keiner schrie. Keiner warf etwas. Der Vater blieb ruhig. Die Mutter war erschöpft, aber weich. Erling saß mit Schal und Heft auf dem Schoß. Lukas hatte ein Foto in der einen und eine Mut-Karte in der anderen Hand. Später, als die Kerzen runtergebrannt waren, der Vater ins Bett ging und die Mutter in der Küche noch kurz Geschirr sortierte, saßen Lukas und Erling noch im Zimmer. Das Foto von ihnen beiden stand auf dem Schreibtisch. Der Rahmen mit dem Stadionbild vom Vater lehnte daneben. Die Mappe für die Mutter und das Notizbuch waren schon aus dem Wohnzimmer verschwunden, an ihre jeweiligen neuen Plätze getragen. Lukas nahm seine Handy-Taschenlampe und leuchtete kurz auf die Mut-Karte. Die Worte darauf wirkten im Dunkeln noch klarer. Draußen irgendwo, in irgendeiner Seitenstraße, schob Patrik seine eigene, verdrehte Version von „Geschenken“ hin und her – Beleidigungen, Drohungen, Pläne. Drinnen, in diesem Zimmer, lag zum ersten Mal seit langer Zeit etwas anderes in der Luft als nur Angst: eine leise Ahnung, dass Geschenke nicht nur Dinge sind, sondern Beweise, dass Menschen sich für einander entscheiden können – trotz allem, was gewesen ist. Der späte Abend des 31. Tages endete nicht mit einem großen Knall, sondern mit einem Satz, den Lukas in seinem Kopf formte, bevor er die Augen schloss: Vielleicht ist das hier nicht die perfekte Familie. Aber es ist die, in der ich gerade lebe. Und heute habe ich zum ersten Mal seit langem das Gefühl, dass ich nicht nur jemand bin, der gerettet werden muss – sondern jemand, für den man gerne etwas unter den Baum legt. Die Nacht hatte dieses besondere Heiligabend-Gefühl: draußen still, drinnen müde, der Bauch voll, der Kopf zu laut. Lukas saß auf seiner Matratze und strich mit den Fingern über die neue Mut-Karte. „Du bist nicht zu viel. Es waren nur zu oft die falschen Menschen um dich herum.“ Daneben stand das Foto, das Erling ihm geschenkt hatte, an die Wand gelehnt. Auf dem Tisch lagen die neuen Kopfhörer. Im Wohnzimmer war es ruhiger geworden, die Geräusche der Eltern waren nur noch ein leises Hin- und Herklappern von Geschirr. Erling saß auf dem Schreibtischstuhl, leicht nach hinten gelehnt, die Beine ausgestreckt. „Also,“ sagte er in die Stille hinein, „was macht man am besten nach einem emotional komplizierten Weihnachtsabend mit Bierbackfisch, Dom, Familiengesprächen und halben Nervenzusammenbrüchen?“
Lukas sah ihn an. „Etwas, das man versteht,“ antwortete er. „Etwas, wo es klare Regeln gibt. Kein „vielleicht“, kein „kommt drauf an“. Nur: Tore zählen, Abseits oder nicht, Sieg oder Niederlage.“ Ein kleines Grinsen zuckte über seine Lippen. „FC26?“ fragte er. „FC26,“ bestätigte Erling. „Ohne Bier. Mit Tee. Und mit der Bedingung, dass du mich diesmal nicht hauen darfst, wenn ich ein Eigentor schieße.“ „Ich hau dich nur, wenn du freiwillig zu Eintracht Frankfurt wechselst,“ murmelte Lukas. „So verzweifelt bin ich noch nicht,“ sagte Erling trocken. Aufbau – Konsole, Tee und neue Kopfhörer Sie bauten ihr kleines Nachtlager-Setup auf. Die Konsole war sowieso angeschlossen. Der Fernseher stand an der Wand, leicht schief, so wie er immer stand. Die Controller lagen auf dem Regal, Kabel daneben. „Ich mach Tee,“ sagte Lukas und stand auf. „Wir haben heute genug Alkohol-Theater in der Vergangenheit gehabt.“ „Guter Plan,“ nickte Erling. „Ich richte so lange die virtuelle Realität her.“ Während Lukas in die Küche ging, um Wasser aufzusetzen, setzte sich Erling vor den Fernseher, startete die Konsole und FC26. Das vertraute Startmenü erschien, mit dem bekannten Theme, mit dem Karrieremodus, der schon viel mehr Geschichten erlebt hatte als manche echte Saison. Lukas kam mit zwei Tassen zurück. Eine mit Kamillentee, eine mit Pfefferminz. „Ich hab dir Minze gemacht,“ sagte er und reichte Erling die Tasse. „Ist gut für den Magen, falls du wieder vor Lachen umkippst, wenn wir Mainz 05 zum Champions-League-Favoriten machen.“ „Mainz 05 auf Platz 3 ist ohnehin schon unrealistisch genug,“ meinte Erling, nahm aber dankbar die Tasse. Bevor sie anfingen, griff Lukas noch nach den neuen Kopfhörern. „Ich will kurz testen,“ sagte er. Er setzte sie auf, verbunden mit dem Fernseher. Die Geräusche des Zimmers wurden dumpfer, die Welt schrumpfte zusammen auf: Menü-Klicken, das leichte Rauschen der Fans im Hintergrund, die Musik im Startbildschirm. Er nahm sie wieder ab. „Krass,“ murmelte er. „Es ist, als würde jemand die Welt auf 50 Prozent runterdrehen. In der Hochschule wird das mein Rettungsring.“ „Heute Abend bist du trotzdem nicht komplett abgekapselt,“ sagte Erling. „Ich brauch jemanden, der schreit, wenn ich Mist baue.“ „Keine Sorge,“ murmelte Lukas. „Dafür brauch ich keine Kopfhörer.“ Moduswahl – Karriere oder Spaß? „Also,“ sagte Erling und klickte durch die Menüs. „Was ist dir heute lieber: Karrieremodus ernsthaft weiterspielen oder irgendein Fun-Turnier?“
Lukas dachte kurz nach. Der Karrieremodus war ihr Langzeitprojekt: Mainz 05 in eine absurde Erfolgsstory schieben, mit ganz vielen Emotionen, Transfers, Pressekonferenzen, Krisen. Gleichzeitig hatte der Tag schon genug Ernst gehabt. „Lass uns in unserer Karriere weiterspielen,“ sagte er. „Aber wir nehmen uns nicht so ernst wie heute Morgen die Dozenten. Wenn wir verlieren, geht die Welt nicht unter. Wenn wir gewinnen, holen wir uns kurz die Illusion, dass es Universen gibt, in denen alles gut läuft.“ „Dann lad die Karriere,“ sagte Erling. Er klickte in den Karrieremodus, wählte den Spielstand: „Mainz 05 – Saison 25/26 Bundesliga: Platz 3 UECL: Tabellenführer“ Das Vereinslogo erschien, dann das vertraute Manager-Menü. „So,“ murmelte Erling. „Wo waren wir?“ Der nächste Gegner – Symbolik, die keiner verpasst In der Spielübersicht sah Lukas das nächste Match. „Du machst Witze,“ sagte er. Auf dem Bildschirm stand: **Bundesliga – 9. Spieltag: 1. FSV Mainz 05 vs. Hamburger SV** „Na super,“ murmelte er. „Genau die Konstellation, die in echt nie geklappt hat. Klassenerhalt ja, Aufstieg nein.“ „Vielleicht schaffen wir es wenigstens hier,“ sagte Erling. „Zumindest virtuell. HSV zurück in die erste Liga holen, aber nur, um sie danach aus dem Stadion zu schießen.“ „Das klingt nach einem sehr gesunden Umgang mit Frust,“ sagte Lukas trocken. Trotzdem grinste er. „Wer spielt?“ fragte Erling. „Du erste Halbzeit, ich zweite? Oder abwechselnd Angriffe?“ „Wir machen es wie immer,“ entschied Lukas. „Du steuerst die Offensive, ich die Defensive. Wenn wir verlieren, lag’s an dir, wenn wir gewinnen, war’s Teamwork.“ „Das ist eine sehr faire Regelung,“ kommentierte Erling. Anpfiff – Mainz 05 vs. HSV, nur diesmal gehört die Bühne ihnen Sie wählten die Aufstellung. Mainz offensiv, mit schnellem Flügelspiel, Pressing, hoher Linie. „Das ist aber offensiv,“ bemerkte Lukas. „Es ist Heiligabend,“ sagte Erling. „Heute schenken wir keine Punkte.“ Sie starteten das Spiel. Die virtuelle Coface-Arena (oder vielmehr der lizenzierte Nachbau) füllte den Bildschirm. Fangesänge, Fahnen, Konfettiregen.
„Wenn Mainz in echt so laut wäre, wären sie Meister,“ murmelte Lukas. Das Spiel begann. Erling übernahm den kombinierte sich mit den virtuellen Mainz-Spielern nach vorne. „Ich dribbel mich da durch,“ meinte er, „wie du durch die Autismus-Therapie.“ „Dann pass auf, dass du nicht von hinten reingrätscht wirst,“ gab Lukas zurück. Er kümmerte sich um die schob die stellte Räume zu. Der HSV griff Mainz blockte, der erste Konter. Steilpass in die Erling drückte im richtigen Moment. Der virtuelle Stürmer zog ab. Tor. 1:0. Die Stadionanimation Spieler Fans rissen die Arme hoch. Lukas spürte ein kleines Zucken in der Brust. „Wenigstens in irgendeinem Universum gelingt etwas auf Anhieb,“ sagte er. „Siehst du,“ meinte Erling. „Nicht alles braucht fünf Therapiesitzungen.“
Defensive, Viererkette, an, Tiefe.
explodierte, jubelten,
Zwischen den Spielen – Gespräche im Pausenmenü Nach dem ersten Spiel – einem 3:1-Erfolg – legten sie eine kurze Pause ein. „Nochmal Tee?“ fragte Lukas. „Ja,“ sagte Erling. „Ich will morgen keinen Kater, sondern nur Muskelkater in den Daumen.“ Lukas ging wieder in die Küche. Die Wohnung war ruhiger geworden. Die Mutter räumte leiser auf, der Vater war vermutlich schon im Schlafzimmer verschwunden. Alle Türen waren zu. Keine Diskussion, kein Geschrei. Als er das Wasser eingoss, dachte er kurz: So fühlt sich eine Pause an. Nicht perfekt. Aber auch kein Krieg. Er brachte die Tassen zurück, setzte sich wieder. „Was denkst du,“ fragte Erling plötzlich, während sie im Menü hingen, „wenn du an nächstes Jahr denkst?“ Lukas sah auf den Bildschirm, noch im Spielplan-Menü. „Ganz ehrlich?“ fragte er. „Ich hab Angst.“ „Wovor am meisten?“ fragte Erling. „Vor genau dem, was dieses Jahr schon angefangen hat,“ sagte Lukas. „Hochschule, die lacht. Klo, Katheter, Sprüche. Dozenten, die meinen, mein Körper wäre Unterhaltung. Patrik, der im Hintergrund spinnt. Und irgendein Teil von mir, der immer denkt: „Vielleicht haben sie doch recht, vielleicht bin ich wirklich zu viel.““ Erling lehnte sich ein Stück zu ihm rüber. „Du bist nicht zu viel,“ sagte er ruhig. „Die sind zu wenig.“
Lukas schnaubte leise. „Das kann ich auf ein T-Shirt drucken,“ murmelte er. „Aber in der Vorlesung hilft mir das nicht, wenn wieder jemand „Urinverteiler“ ruft.“ „Deshalb hast du jetzt Kopfhörer,“ erwiderte Erling. „Und deshalb hast du Leute, die hinter dir stehen. Ich sag dir was: Wenn du nächstes Jahr nicht mehr an der Hochschule weitermachst, weil es dir zu viel wird, ist das keine Niederlage. Es ist eine Entscheidung. Aber wenn du weiterkämpfen willst, bin ich da. Auch wenn ich nicht immer hier schlafen kann.“ Zweites Spiel – Europa-League-Feeling Sie klickten weiter im Kalender. Das nächste Spiel war ein UECL-Gruppenspiel. „Gegen…“ murmelte Lukas und las den Bildschirm, „… irgendwelche Isländer mit schwer aussprechbarem Namen.“ „Die werden jetzt gecarryt,“ sagte Erling. „Von einem autistischen Manager, der eigentlich längst Burnout haben müsste, und einem Stürmer, der undercover in Mainz wohnt.“ Sie starteten das Spiel. Dieses Mal ließen sie es ruhiger angehen, passten mehr, spielten flach. Lukas merkte, wie die Bewegungen auf dem Controller mehr automatisch wurden, das Denken sich entspannte. Er sprach plötzlich Gedanken aus, die den ganzen Tag über im Hintergrund gesessen hatten. „Glaubst du,“ fragte er mitten im Angriff, „dass Oma sich meldet?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Erling. „Aber ich weiß, dass deine Nachricht gut war. Nicht nett, nicht brutal. Ehrlich.“ „Was, wenn sie Patrik recht gibt?“ fragte Lukas. „Dann ist das ihre Entscheidung,“ sagte Erling. „Und dann ist sie nicht die Oma, die du brauchst. Familie ist nicht nur Blut, du hast heute wieder gesehen, dass man sich auch entscheiden kann, füreinander da zu sein, obwohl alles eigentlich kompliziert ist.“ „Fisch, Bier, Weihnachtsbaum und Gewalt-Vergangenheit,“ murmelte Lukas. „Neuer Film: „Familienchaos in Mainz“.“ „Mit sehr schlechtem Marketing,“ ergänzte Erling. Das Spiel endete 2:0. Wieder Sieg. Wieder Jubel. Später – Müdigkeit und leise Gedanken Es war mittlerweile weit nach Mitternacht. Der Dom, die Messe, der Fisch, die Bescherung, die Spiele – alles legte sich wie Schichten auf den Tag. Die Augen wurden schwerer, die Bewegungen langsamer. „Letztes Spiel?“ fragte Erling, als sie ins nächste Menü kamen. „Letztes Spiel,“ nickte Lukas. „Sonst falle ich gleich mit Controller im Gesicht um.“ Sie spielten noch eine Partie, ein Freundschaftsspiel: Mainz 05 gegen eine international zusammengekaufte Traum-Mannschaft,
in der sie die sie mochten. Es nicht Aber es Es war ihr Spiel. Sie als ein fluchten als sie freuten sich, als sie es drehten. Am Ende stand ein 4:3. Tore, Emotionen, aber ohne ohne echte Verletzungen.
reingepackt
absurd, realistisch. egal.
war virtuelles ein
Traumtor Gegentor
lachten, fiel, kurz, kassierten,
Konsolen-Aus – und ein letzter Blick aufs Handy Lukas legte den Controller weg, streckte die Arme. „Ich glaub, mein Gehirn ist Matsch,“ sagte er. „Aber zum ersten Mal heute auf eine angenehme Weise.“ Erling stand auf, knackte den Nacken. „Das war eine volle Schicht,“ meinte er. „Dom, Küche, Fisch, Drama-Vorbereitung und jetzt noch Mainzer Wunder. Mehr geht für einen Tag nicht.“ Lukas griff nochmal nach seinem Handy. Er sah in den Chat mit der Oma. Noch immer keine Antwort. Dann sah er auf den Chat mit der Tante. Auch dort nichts Neues. Er überlegte kurz, ob er in Patriks Chat gehen sollte. Nur um zu schauen. Er tat es nicht. Nicht heute, dachte er. Heute kriegt dieser Typ keinen Platz in meinem Kopf. Der hat schon genug Quadratmeter in diesem Jahr gemietet. Er sperrte das Handy und legte es auf den Tisch. Etwas draußen, das sie nicht hören Während sie das Zimmer abdunkelten, die Rollos halb runterzogen, Tee-Tassen wegräumten und sich bettfertig machten, war draußen die Straße still. Zumindest schien es so. Ein paar Häuser weiter stand jemand am Fenster, die Vorhänge nur einen Spalt geöffnet. Patrik. Er hatte keine Weihnachtslichter angezündet. Seine Wohnung lag dunkel, nur der Bildschirm seines Handys leuchtete sein Gesicht an.
Er scrollte durch Nachrichten, las immer wieder die Nachricht von Lukas’ Ersatzoma, scrollte weiter zu seinem eigenen Chat mit ihr, dann zu alten Chats mit Lukas. Sein Blick war hart. Ihr sitzt da mit eurem Fisch, euren Geschenken, eurem „Neustart“, dachte er. Ihr ahnt nicht, dass dieses Treffen – dieses ganze Ding hier – euer letztes „halbwegs normales“ Weihnachten sein wird. Ihr werdet euch noch wünschen, es wäre nur bei Bier und Streit geblieben. Er tippte etwas in sein Handy, löschte es wieder, tippte neu. Noch schickte er nichts. Noch war es nur in seinem Kopf. Die Nacht hatte die Art von Ruhe, die manchmal davor kommt, dass etwas anderes losbricht. Aber im Zimmer von Lukas war davon nichts zu merken. Schlaf – zwei verschiedene Arten von Erschöpfung Lukas machte das Licht aus. Erling lag schon auf der Matratze, eingewickelt in seine Decke, den Mainz-Norwegen-Schal greifbar neben sich. „Glaubst du, du kannst schlafen?“ fragte Erling leise in die Dunkelheit. Lukas legte sich hin, die Decke bis über die Brust gezogen. Er dachte an: • die Messe, • den Backfisch, • die Geschenke, • die Notiz im Heft, • die Mut-Karte, • die Spiele. „Heute ja,“ sagte er. „Nicht perfekt. Aber besser als letztes Jahr.“ „Ist ein Anfang,“ murmelte Erling. „Ein Anfang,“ wiederholte Lukas. Sein Kopf war nicht still. Er würde noch eine Weile brauchen, bis die Bilder des Tages leiser wurden. Aber irgendwo zwischen Baumlicht, leisem Straßenrauschen, dem sanften Schnaufen von Erling und den Ausläufern der FC26-Spiele glitt er langsam weg. In einen Schlaf, der zwar nicht komplett traumlos, aber zum ersten Mal seit Tagen nicht von reiner Angst gesteuert war. Draußen drehte jemand in Gedanken an Stellschrauben, bereit, die nächsten Katastrophen loszutreten.
Drinnen, im kleinen Zimmer, schlief ein junger Mann neben einem Spieler, mit einem Spielstand in FC26, der aussah, als hätte seine Mannschaft eine echte Chance. Und vielleicht, ganz leise, hatte er die in seinem eigenen Leben auch – auch wenn noch keiner ahnte, wie schwer das „Ultimatum“ werden würde, das in dieser Treffen-Reihe noch auf ihn wartete. Der zweiunddreißigste Tag begann später als die meisten anderen. Nicht, weil plötzlich alles gut war, sondern weil der Vorabend einfach so viel in alle Köpfe gestopft hatte, dass der Schlaf sich erst spät getraut hatte zu kommen. Morgen – Aufwachen im „Tag danach“ Lukas wachte irgendwann gegen halb zehn auf. Kein Wecker, kein hektischer Termin, nur dieses langsame Durchdringen zur Oberfläche, wenn der Körper selbst entscheidet: Jetzt reicht’s. Neben ihm lag Erling noch quer auf der Matratze, eine Hand unter dem Kopf, die andere halb aus der Decke gerutscht. Der Mainz-Norwegen-Schal lag wie ein schiefes Band über ihm. Lukas spürte als erstes seinen Körper ab: • Kein Restalkohol-Brennen im Magen, • kein Taser-Nachzittern, • nur eine angenehm schwere Müdigkeit in Armen und Beinen. Die Perfektion eines Morgens war das nicht, aber für seine Verhältnisse ziemlich nah dran. Er setzte sich auf, sah sich im Zimmer um: • das Foto, das Erling ihm geschenkt hatte, stand auf dem Schreibtisch, • daneben lehnte der Rahmen mit dem alten Stadionbild vom Vater, • die Mut-Karte lag neben dem Handy, • die Kopfhörer lagen noch da, wo er sie gestern hingelegt hatte. Gestern war voll, dachte er. Dom, Fisch, Geschenke, FC26. Und niemand im Krankenhaus. Das ist… schräg ungewohnt. Aus dem Flur hörte er gedämpfte Geräusche: Tassenklirren, Kühlschranktür, eine leise Stimme – die seiner Mutter. Erling bewegte sich neben ihm. „Lebst du noch?“ fragte Lukas. „Ich glaub schon,“ murmelte Erling, ohne die Augen zu öffnen. „Wie viele Tore haben wir gestern am Ende geschossen?“ „Genug, um Mainz 05 zum Angstgegner jeder Simulation zu machen,“ meinte Lukas. Erling öffnete ein Auge. „Also ein ganz normaler Heiligen Abend,“ murmelte er. „Was steht heute an?“ „Erster Weihnachtsfeiertag,“ sagte Lukas. „Traditionelles „Wir tun so, als wären alle Familien normal“-Essen. Dieses Jahr mit Special Guest.“ „Ich hab Angst,“ kommentierte Erling. Küche – Frühstück und Plan
Sie schlurften aus dem Zimmer in die Küche. Die Mutter stand am Herd, hatte eine weihnachtliche, aber schon leicht fleckige Schürze um, und rührte im Topf, in dem Milch erwärmt wurde. Auf dem Tisch standen: • ein Korb mit aufgebackenen Brötchen, • Marmelade, Honig, Käse, • eine offene Packung Lebkuchen, die es irgendwie ins Frühstücksset geschafft hatte. „Guten Morgen, ihr beiden,“ sagte sie. „Na, alles heil geblieben in eurer virtuellen Fußballwelt?“ „Keine roten Karten, nur viele Tore,“ antwortete Erling und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Lukas setzte sich ihr gegenüber. „Wie hast du geschlafen?“ fragte sie. Er überlegte kurz. „Für meine Skala: eine Sieben von zehn,“ meinte er. „Träume waren da, aber sie haben mich nicht komplett zerlegt.“ „Ich nehme alles ab sechs,“ sagte sie. Sie goss Kakao in eine Tasse, stellte ihn vor Lukas, Erling bekam Kaffee. „Heute Mittag,“ begann sie, „gehen wir alle zusammen essen. Ich koche nicht nochmal das große Programm. Gestern Fisch, heute Restaurant. Ich möchte wenigstens einmal in diesem Jahr einen Teller zurückgeben können, statt ihn abzuwaschen.“ „Wo gehen wir hin?“ fragte Lukas. „Zum Restaurant an der Rheinpromenade,“ sagte sie. „Du weißt schon, das mit den großen Fenstern und dem halbwegs essbaren Gemüse. Da gibt’s Weihnachtsmenü, aber auch normale Sachen.“ Er erinnerte sich: Große Fenster, Blick auf den Rhein, nicht zu laut, kein Großraum-Saufpublikum. Eher Familien, ältere Paare, Touristen. „Wer ist „wir“?“ fragte Lukas. „Wir vier,“ sagte sie. „Du, ich, dein Vater, Erling. Die Tante hab ich gefragt, aber sie hat abgelehnt. Sie meinte, es wäre ihr zu viel Trubel. Und die Ersatzoma…“ – sie stockte kurz – „…hat sich weiterhin nicht gemeldet.“ Lukas sah in seine Tasse. „Sie hat die Nachricht gestern gelesen,“ sagte er leise. „Und nichts geschrieben.“ „Manchmal braucht jemand Zeit,“ meinte die Mutter vorsichtig. „Und manchmal schreibt jemand nie wieder. Beides ist möglich. Aber du hast deinen Teil getan.“ „Weiß mein Vater von dem Essen?“ fragte Lukas. „Ja,“ sagte sie. „Und er weiß auch: Kein Alkohol. Kein Wein zum Essen. Punkt.“ Der Gedanke an gestern Abend, an das Notizbuch, blitzte kurz auf. Lukas nickte. „Dann essen wir heute Gans, Ente oder was auch immer,“ sagte er. „Und hoffen, dass keiner flambiert.“ Vater – leise, aber klar Während sie frühstückten, tauchte der Vater in der Küchentür auf.
Er sah müde aus, aber nicht verkatert. Die Augen hatten nicht dieses glasige Flackern, das Lukas inzwischen leider zu gut kannte. „Morgen,“ sagte er vorsichtig. „Morgen,“ kam es aus drei Richtungen zurück. Er setzte sich dazu, nahm sich ein Brötchen, schnitt es auf. Lukas beobachtete ihn kurz. Keine zitternden Hände. Kein hektisches, aggressives Kauen. Nur ein Mann, der versuchte, normal zu frühstücken. „Ich hab einen Tisch reserviert,“ sagte die Mutter nach einer Weile. „Um dreizehn Uhr. Also genug Zeit, um in Ruhe zu duschen, euch anzuziehen und einmal tief durchzuatmen.“ Der Vater nickte. „Ich bin rechtzeitig bereit,“ sagte er. „Und…“ – er senkte den Blick kurz – „…ich hab gestern Abend angefangen, in das Notizbuch zu schreiben.“ Lukas’ Kopf fuhr hoch. „Was denn?“ fragte er reflexhaft, dann biss er sich auf die Lippe. Er wollte nicht klingen wie jemand, der eine Hausaufgabe kontrolliert. Der Vater hob das Notizbuch hoch, das auf der Kommode in Reichweite lag. „Nur eine Seite,“ sagte er. „Was passiert ist, was ich nicht mehr will, und dass es meine Verantwortung ist. Mehr nicht. Aber… immer noch besser als nichts.“ Lukas wusste nicht, was er fühlen sollte. Misstrauen? Hoffnung? Müdigkeit? „Ist dein Buch,“ sagte er schließlich. „Nicht meine Kartei.“ Später Vormittag – Anziehen, Atmen, kurze Rückzüge Nach dem Frühstück verzog sich jeder kurz in seine Ecke. Lukas ging zurück ins Zimmer. Er zog das Hemd von gestern aus, legte es über einen Stuhl, zog ein frisches Shirt an und darüber einen schlichten Pullover. Jeans blieb. Er wollte nicht jedes Mal komplett „festlich“ verkleidet sein, nur weil ein Datum im Kalender rot war. Erling zog sich ebenfalls um – eine dunkelblaue Jeans, ein schlichtes schwarzes Oberteil, kein Trikot, kein Logo. „Ich hab das Gefühl, ich bin in einer Dauerversion von „vernünftig angezogen“ gelandet, seit ich hier bin,“ meinte er. „Willkommen in Deutschland,“ murmelte Lukas. „Land der Hemden und der „ziehen Sie bitte eine richtige Hose an, das ist eine Vorlesung“.“ Er setzte sich kurz an den Schreibtisch, schaltete den Bildschirm ein, öffnete aus Gewohnheit den Uni-Mail-Account.
Nichts Neues. Keine Nachricht von der Hochschule, kein Update zur Lernplattform, kein „frohe Weihnachten“-Spam. Dann öffnete er WhatsApp. • Ersatzoma: noch immer nur die zwei blauen Häkchen. • Tante: letzte Nachricht von ihm, keine Antwort. • Patrik: der Chat leuchtete wie ein offener Abgrund. Er tippte ihn nicht an. Nicht heute, dachte er. Heute kein Selbstverstümmelungs-Scrolling. Stattdessen öffnete er kurz den Chat mit seiner Autismusassistenz, schrieb nur: „Frohe Weihnachten. Ich hab Oma geschrieben. War schwer, aber hat sich richtig angefühlt.“ Die Antwort kam ein paar Minuten später: „Frohe Weihnachten, Lukas. Ich bin stolz auf dich. Schreib mir, wenn du heute Abend oder morgen Redebedarf hast.“ Er lächelte schwach. Aufbruch – Richtung Rhein Kurz vor halb eins stand die Mutter im Flur. „Fertig machen,“ rief sie. „Wir wollen nicht der Familie sein, die zu spät zum Weihnachtsmenü kommt.“ Lukas zog seine Jacke an, griff nach Mütze und Schal. Er steckte die Mut-Karte in seine Hosentasche, ohne bewusst zu merken, dass er es tat. Erling stand schon fertig angezogen da, der Mainz-Norwegen-Schal lose um den Hals. Der Vater kam in einer sauberen Jeans, Hemd, Pullover darüber, eine schlichte Jacke. Er roch nach Duschgel, nicht nach Alkohol. Sie gingen gemeinsam die Treppen runter. Draußen wehte ein kalter Wind, der Himmel war hellgrau, ein bisschen Sonne versuchte durchzubrechen, gab aber schnell wieder auf. „Wir fahren mit dem Auto,“ sagte die Mutter. „Parken am Rheinufer, laufen dann ein Stück. Bewegung tut uns gut.“ Im Auto saß Lukas hinten, zwischen Erling und dem Fenster. Die Mutter fuhr, der Vater schaute aus der Seite. Das Radio lief leise Hintergrund-Weihnachtsmusik. „Keiner singt mit,“ stellte Erling fest. „Wir sparen die Energie für das Dessert,“ meinte Lukas. Ankunft am Restaurant – Fensterplatz und Fluchtplan Das Restaurant an der Rheinpromenade wirkte wie aus einem Katalog:
Große Glasfront, darin leuchtete ein Weihnachtsbaum, weiß gedeckte Tische, Kerzen, schlichte, warme Beleuchtung. Innen war es belebt, aber nicht chaotisch. Familien, Paare, ein paar ältere Leute allein mit Buch. „Wir haben reserviert auf Zimmermann,“ sagte die Mutter an der Theke. Die Kellnerin nickte, nahm vier Speisekarten und führte sie an einen Tisch am Fenster. „Perfekt,“ murmelte Lukas. Er sah auf den Rhein hinunter. Das Wasser war dunkel, die Oberfläche unruhig, aber genau das beruhigte ihn. Wenn es drinnen zu viel wird, dachte er, kann ich nach draußen schauen. Fluchtweg fürs Gehirn. Sie setzten sich: die Mutter und der Vater auf die eine Seite der Tafel, Lukas und Erling auf die andere. „Wenn dir alles zu viel wird, tippst du mich an,“ sagte Erling leise. „Dann gehen wir kurz raus, egal ob Vorspeise oder Hauptgang.“ Lukas nickte. Speisekarte – zwischen Tradition und Sicherheit Sie schlugen die Karten auf. „Weihnachtsmenü 1: Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen.“ „Weihnachtsmenü 2: Entenbrust, Orangenjus, Gratin.“ „Weihnachtsmenü 3: Veggie-Option mit Nussbraten.“ Und darunter die normale Karte mit Nudeln, Schnitzel, Salaten, Fisch. Die Mutter sah Lukas an. „Du musst kein Gänsebraten nehmen, nur weil Weihnachten ist,“ sagte sie. „Du kannst auch einfach Pommes bestellen, wenn dir danach ist.“ Lukas ließ die Augen über die Karte wandern. Gans war schwer, Ente auch. Sein Magen hatte gestern schon Fisch und Kartoffelsalat gehabt. Schon die Vorstellung von nochmal massig Fleisch und Soße löste eine leichte Unruhe aus. Er blätterte weiter nach unten. „Paniertes Schnitzel mit Pommes und kleinem Salat.“ Klingt langweilig. Aber berechenbar. „Ich nehme das Schnitzel,“ sagte er. „Weihnachten hin oder her. Mein Körper hat eine Meinung.“ „Gut so,“ meinte die Mutter. „Ich nehme Gans. Ich bin alt genug, um mich daran zu erinnern, wie sich „zu viel“ anfühlt.“ Erling bestellte das Entenmenü. Der Vater – zur Überraschung aller – nahm die Veggie-Option.
„Ich hab die letzten Wochen genug tierische Dramen verursacht,“ sagte er knapp. „Heute gibt es Drama ohne Tiere.“ Der Kellner nahm die Bestellungen auf. „Etwas zu trinken?“ fragte er. Lukas’ Körper spannte sich kurz an. Die Mutter war schneller. „Für mich eine Apfelschorle,“ sagte sie. „Für den jungen Mann hier Kakao oder Cola?“ „Cola,“ sagte Lukas. „Für mich Wasser, mit Sprudel,“ sagte Erling. Dann sah der Kellner den Vater an. „Und für Sie?“ fragte er. Der Vater nahm sich Zeit. „Ein Wasser,“ sagte er dann. „Ohne alles. Kein Wein.“ Der Kellner nickte, notierte, ging. Lukas merkte, wie er einmal unwillkürlich ausatmete. Gespräch – zwischen leichter Oberfläche und schweren Themen Während sie auf das Essen warteten, lief das typische „Zwischen-Themen-Gespräch“ an. Nicht zu tief, aber auch nicht nur über das Wetter. „Wie war die Messe für dich?“ fragte die Mutter irgendwann Lukas. Er überlegte kurz. „Anstrengend,“ sagte er ehrlich. „Aber… nicht zerstörend. Ich war kurz bei sieben von zehn, bei den Fürbitten und dem Weihrauch, aber ich konnte bleiben. Ohne Panikattacke.“ „Ich hab gesehen, wie du dich konzentriert hast,“ sagte sie. „Ich war stolz auf dich.“ Der Vater räusperte sich. „Ich fand die Stelle mit den Familien interessant,“ sagte er. „Wo der Pfarrer meinte, dass viele heute mit Leuten an einem Tisch sitzen, mit denen sie eigentlich noch vieles klären müssten.“ Er sah kurz in seine Wasserflasche. „Ich hab mich… angesprochen gefühlt,“ gab er zu. „Gut,“ sagte die Mutter trocken. „Dann hat es wenigstens was gebracht.“ Erling beobachtete das alles, misstrauisch, aber nicht feindselig. „In meiner Familie,“ sagte er, „sind Weihnachtsessen meistens ein Wettbewerb, wer am längsten so tut, als wäre alles okay, bevor jemand doch alte Geschichten auspackt.“ „Dann fühlst du dich hier ja fast wie zuhause,“ meinte Lukas. Sie lachten kurz. Kein lautes, befreites Lachen, aber eins, das ehrlich war. Essen – die Teller kommen Das Essen kam. Vier vier kleine Welten. Vor Lukas stand ein klassisches Schnitzel: panierte, goldbraune Pommes ein kleiner, unauffälliger Beilagensalat mit Gurken, Tomate, etwas Dressing. Er spürte, wie sein Körper sofort entspannte. Das kenn ich, dachte er. Das macht nichts Unerwartetes.
Teller, Scheibe, daneben,
Die Gans seiner Mutter dampfte, Rotkohl und Klöße sahen aus wie aus einem Weihnachtswerbeblatt. Der Ententeller von Erling hatte Orangenstückchen und sah fast zu schön zum Essen aus. Der Nussbraten beim Vater wirkte solide, mit Gemüse und Soße. „Wenn wir dieses Bild posten würden,“ meinte Erling, „würden alle denken: „Normale Familie beim Weihnachtsessen“. Keiner würde ahnen, wie viele Kapitel dahinterstehen.“ „Sollen sie gar nicht,“ sagte Lukas. „Mein Leben ist kein Instagram-Content.“ Sie fingen an zu essen. Es war erstaunlich ruhig. Kein Tellerknallen, kein aggressives Gabeln, kein „warum isst du so langsam/schnell/viel/wenig“. Man hörte Besteck, leises Murmeln von anderen Tischen, das Gluckern von Getränken. Der Schnitzelbissen war warm, knusprig, vorhersehbar. So sollte sich Essen anfühlen, dachte Lukas. Nicht wie ein Trigger, sondern wie ein Anker. Ein ehrlicher Moment am Tisch Mitten im Essen legte der Vater plötzlich Messer und Gabel hin. „Ich möchte kurz was sagen,“ begann er. Die Mutter sah ihn scharf an. „Wenn das in eine Verteidigungsrede ausartet, hörst du auf,“ warnte sie. „Tut es nicht,“ sagte er. Er sah Lukas an. „Gestern Abend,“ sagte er, „hast du mir ein Notizbuch geschenkt. Und auf der ersten Seite stand, dass ein Neustart viele kleine Entscheidungen sind. Ich wollte dir nur sagen: Für mich war eine Entscheidung gestern, dass ich nicht losgeschrien habe, als du mir die Mappe für deine Mutter gegeben hast und ich gesehen habe, wie viel du mit ihr aufgebaut hast – ohne mich.“ Er atmete aus. „Ein früherer Teil von mir hätte gedacht: „Und wo bin ich?“. Der heutige Teil von mir denkt: „Gut, dass du sie hattest. Sonst wärst du vielleicht gar nicht hier.““ Lukas schluckte. Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte, aber er spürte, dass etwas anders war als bei den üblichen „es tut mir leid“-Floskeln. „Das ist das Minimum,“ sagte die Mutter. „Aber es ist ein Anfang.“ „Ich weiß,“ antwortete der Vater. Er nahm Messer und Gabel wieder auf, aß weiter. Es war kein großes Versöhnungs-Feuerwerk, aber der Satz blieb im Raum hängen wie eine Kerze, die man nicht sofort wieder ausbläst. Dessert – gemischtes Eis und gemischte Gefühle Als die Teller fragte der Kellner: „Noch ein Dessert?“
Die Mutter wollte erst abwinken, aber Lukas war schneller. „Gemischtes Eis,“ sagte er. „Vanille, Schoko, Erdbeer.“ „Du bist verrückt,“ meinte die Mutter. „Nach dem Teller noch Eis?“ „Weihnachten ist nur einmal im Jahr,“ sagte er. „Und mein Kopf braucht die Info: Essen kann auch einfach… schön sein.“ Erling bestellte ein kleines Mousse au Chocolat, die Mutter einen Espresso, der Vater nur noch ein Wasser. Als das Eis kam, sah es aus wie aus seiner Kindheit: drei Kugeln, Häubchen Sahne, ein bisschen Schokosoße. Er nahm einen Löffel, probierte. Die Süße war intensiv, aber sie klebte sich an eine Erinnerung, die nicht schlimm war: Kindergeburtstage, Oma (die richtige), Sommerabende. Für ein paar Minuten dachte sein Gehirn nicht an Taser, nicht an Katheter, nicht an Patrik. Nur: Eis. Löffel. Kalt. Blick nach draußen – Rhein, Menschen, Ruhe Während sie aßen und tranken, wanderten Lukas’ Augen immer wieder zu den großen Fenstern. Der Rhein floss ruhig an der Stadt vorbei. Ein paar Spaziergänger gingen am Ufer entlang, eingepackt in Winterjacken, manche mit Hunden, manche mit Kindern. „Weißt du, was ich mir manchmal vorstelle?“ fragte Lukas leise Erling. „Was?“ fragte der. „Dass irgendwo da, auf der anderen Seite vom Wasser, ein Leben existiert, in dem ich keine Gerichtsakten, keine Entführungen und keine alten Frauen mit Friedhofstrauma kenne,“ sagte Lukas. „Nur Uni, Familie, ein bisschen Chaos, aber nichts Lebensgefährliches.“ Erling sah ebenfalls nach draußen. „Vielleicht gibt es das nicht komplett,“ sagte er. „Aber vielleicht gibt’s eine Version, die näher rankommt als das letzte Jahr. Und vielleicht bist du gerade dabei, die aufzubauen. Langsam.“ Bezahlen – und ein kleines Symbol Als sie fertig bat die Mutter um die Rechnung. Der Vater griff nach seiner Brieftasche. „Ich zahl heute,“ sagte er. „Wenn das okay ist.“ Früher wäre das völlig Heute bedeutete es etwas anderes:
nicht nur „ich hab das Geld“, sondern: Ich übernehme wenigstens in diesem Moment Verantwortung. Ich bin nicht nur der, der zerstört, sondern einer, der für etwas aufkommt. Die Mutter sah ihn prüfend an, sagte aber nichts dagegen. Der Kellner kam, der Vater bezahlte, gab sogar angemessen Trinkgeld. Keine Diskussion, kein „was, so viel“, kein „ist doch nur Essen“. Rückweg – voller Bauch, vorsichtiger Kopf Draußen war es kälter geworden. Der Wind vom Rhein zog durch die Jacken, verwehte den Geruch von Essen und Heizung. Sie gingen ein Stück am Wasser entlang, statt direkt zum Auto. „Ich will die Gans ein bisschen spazieren tragen,“ meinte die Mutter. Lukas lief neben Erling, die Hände in den Jackentaschen vergraben. „Wie geht’s auf deiner Skala?“ fragte Erling leise. „Heute… sechs,“ sagte Lukas. „Essen war okay. Kein Drama. Kein Wein. Kein Brüllen. Aber in meinem Hinterkopf sitzt der Gedanke, dass das alles sehr zerbrechlich ist.“ „Ist es auch,“ sagte Erling. „Aber zerbrechlich heißt nicht automatisch „kurz vor dem Zerbrechen“. Manchmal heißt es nur: „Bitte vorsichtig behandeln“.“ Sie gingen am Geländer entlang. Lukas schaute kurz ins Wasser. Kein Gefühl von „springen“, kein Kloß aus Panik. Nur: Wasser. Kalt. Weiterlaufend. Wenigstens einer, der weiß, wohin, dachte er. Zuhause – Nachmittagsruhe Wieder in der Wohnung, fiel die ganze Weihnachtsdekoration weniger bedrohlich ins Auge als sonst. Der Baum stand noch, die Geschenke lagen teilweise schon in Benutzung, teilweise auf dem Tisch, teilweise verschwunden in Zimmern. Die Mutter ging in die Küche, stellte Reste vom Vortag zusammen, bereitet schon alles für den Abend vor: „Kalte Platte“ statt großem Essen. Der Vater verschwand kurz ins Schlafzimmer. Lukas und Erling gingen zurück ins Zimmer. „Fühlst du dich“, fragte Erling, als sie die Tür hinter sich schlossen, „ein bisschen mehr wie ein Mensch und ein bisschen weniger wie ein Projekt?“ Lukas dachte kurz nach.
„Heute… ja,“ sagte er schließlich. „Für ein paar Stunden war ich nicht „der mit dem Katheter“, nicht „der von der Slackline“, nicht „der vom Keller“. Ich war: Sohn, der Schnitzel isst. Typ, der gemischtes Eis bestellt. Jemand, mit dem man an einem Tisch sitzt, ohne dass es brennt.“ Er ließ sich aufs Bett fallen, streckte sich. „Der zweiunddreißigste Tag war nicht spektakulär,“ dachte er. „Kein Polizeieinsatz, keine Explosion, kein endgültiger Bruch. Aber vielleicht ist genau das das Spektakuläre: dass einfach mal nichts eskaliert.“ Was Lukas nicht sah: ein Handy ein paar Straßen weiter, in einer anderen Wohnung, in fremden Händen. Patrik, der durch Chats scrollte, auf Stimmen hörte, die nur er hörte, und leise murmelte: „Genießt euer Essen. Es war eines der letzten friedlichen.“ Doch davon wusste in dieser Wohnung noch niemand etwas. Hier war der erste Weihnachtsfeiertag gerade zu Ende gegangen wie ein vorsichtiges Versprechen: Es gibt Tage, an denen das Schlimmste nicht passiert. Und diese Tage sind wichtig, damit man später weiß, wofür man kämpft, wenn es wieder dunkel wird. Während Lukas mit seiner Familie und Erling am Rhein entlangging, den vollen Bauch spazieren trug und versuchte, sich an dem seltenen Gefühl von Ruhe festzuhalten, spielte sich ein paar Straßen und einige Stadtteile weiter eine völlig andere Realität ab. Dort, in einer viel zu warmen, schlecht gelüfteten Wohnung, saß Patrik auf seinem Bett, die Rollläden halb unten, das Zimmer im Halbdunkel, sein Gesicht nur erleuchtet vom bläulichen Licht des Handys. Patrik im Dunkeln – und kein bisschen Frieden Um ihn herum lag Chaos: • Leere Flaschen, • Klamottenhaufen, • ein überfüllter Schreibtisch mit Zetteln, auf die er halbe Sätze, Beleidigungen und verdrehte „Beweise“ gekritzelt hatte. Auf dem Nachttisch lag ausgedruckt die Nachricht von Lukas’ Mutter an ihn – die, in der sie alles aufzählte, was sie für ihn und seine Familie getan hatte, und Grenzen gezogen hatte. Daneben sein eigener, giftiger Antwort-Text, ebenfalls ausgedruckt, einzelne Stellen mit Marker dick unterstrichen: „Abschaum“ „pädophiles Schwein“ „ihr seit mir mittlerweile scheiß egal“ Wie eine kranke Trophäensammlung. Er las die Zeilen immer wieder, nicht, um sich zu schämen, sondern, um sich zu bestätigen:
Sie haben Sie haben Sie haben mich weggeschoben, als wäre ich Dreck. Seine Gedanken rasten aber immer mit gleichem Zentrum: Rache.
angefangen. verraten.
Stalking im Festtagsmodus Auf seinem Handy war WhatsApp offen. Nicht irgendein Chat, sondern der, den er sich inzwischen fast täglich heimlich ansah: die Familiengruppe, in die er nicht mehr eingeladen wurde, aber wo er über Umwege Screenshots bekam. Heute Vormittag hatte er in einer anderen Gruppe ein Bild gesehen: • Lukas im Hemd, • die Mutter, • der Vater, • Erling. Alle vier an einem Tisch, im Hintergrund der Rhein, auf dem Tisch Essen. Darunter die Bildunterschrift, von irgendeiner Verwandten: „So schön, dass ihr zusammen essen konntet “ Patrik hatte das Bild so stark vergrößert, dass die Pixel matschig wurden. Er starrte auf Lukas’ Gesicht. Nicht glücklich, aber eindeutig… lebend. Du sitzt da und tust so, als wärst du das arme Opfer, dachte Patrik. Und alle fallen drauf rein. Oma, Tante, Lehrer, sogar dieser ach so tolle Spieler. Niemand sieht, dass du seit Jahren derjenige bist, der alles kaputtmacht. Er wischte das Bild weg, öffnete die Nachricht von Lukas’ Mutter wieder, als müsste er sich noch einmal anheizen. Die Stelle, an der stand: „Ich werde Lukas weiter schützen jederzeit und ohne Diskussion.“ hatte er rot umkringelt. Seine Finger verkrampften sich um das Handy. „Schützen,“ knurrte er halblaut in den leeren Raum. „Du glaubst, du schützt ihn. Aber du hast mich weggeschmissen. Du, Oma, der ganze Haufen.“ Der Kalender und die Krone An der Wand hing ein kleiner Kein kein Motivkalender mit Ein Werbegeschenk, graue Blätter, dick mit Kugelschreiber bekritzelt. Das heutige Datum war 25. Dezember. Ein paar Tage waren bereits aber ein Termin war besonders markiert: 6. Januar.
Papierkalender. schöner, Landschaften. umkringelt: durchgestrichen,
Er hatte in dicker schwarzer Schrift „HLG 3 K.“ daneben geschrieben und darüber drei kleine, krumme Kronen gezeichnet. Heilige Drei Könige. Für andere ein Feiertag mit Sternsingern, abgebrannten Kerzenresten und letztem Plätzchenessen. Für ihn: Tag X. „Zwölf Tage,“ murmelte er. „Zwölf Tage habt ihr noch, euch an euer kleines, heiles Glitterleben zu gewöhnen. Dann wird es still. Richtig still.“ Er nahm den Kugelschreiber, zog um den 6. Januar noch einen Kreis. Dann noch einen. Und noch einen, bis das Papier fast riss. Die Logik im Kopf eines, der nur noch Rache sieht Patriks Gedanken waren wie ein eingefrorener Kreisel: • Er fühlte sich von der Mutter verraten, • er fühlte sich von der Ersatzoma im Stich gelassen, • er fühlte sich von Lukas’ Eltern verachtet, • von Lukas selbst „ersetzt“, • von Erling lächerlich gemacht, • von Lehrern ignoriert. Statt irgendwo Schmerz als Schmerz zu erkennen, übersetzte sein Kopf alles in: Plan. Ihr habt mich klein gemacht, dachte er. Jetzt mach ich euch klein. Ihr habt mir weh getan, ohne Blut zu sehen? Ich zeige euch, wie weh es tun kann, wenn man mehr verliert als nur Nerven. Er stand auf, ging zum Schreibtisch. Dort lagen mehrere Blätter mit Überschriften: • „Lukas – Schwachstellen“ • „Mutter – wo trifft es sie“ • „Vater – was kann ihn brechen“ • „Erling – Risiko, wie ausschalten“ • „Uni / Lehrer“ Er hatte keine klaren, sauberen Pläne, eher Fetzen: • Namen von Dozenten, • Notizen wie „MSP-Lehrerin → weiter gegen ihn aufhetzen“, • Andeutungen wie „Autismusassistenz – anrufen? Anonyme Beschuldigung?“ • und dann immer wieder Zahlen: 6.1., „12 Tage“, „3 + 3 + 3 + 3“. Es war eher eine kranke Symbolik, als ein strukturiertes Konzept – aber in seinem Kopf ergab es Sinn: Sie haben mir meine Familie genommen, ich nehme ihnen ihre Sicherheit. Ersatzoma als Werkzeug Er griff wieder zum Handy und öffnete den Chat mit der Ersatzoma. Oben stand noch ihr letzter langer Text der, mit dem sie den Kontakt zu ihm abgebrochen
Lukas in Schutz genommen hatte und sich selbst herausgezogen hatte. Er hatte sie seitdem trotzdem mehrmals kontaktiert: • beleidigende Sprachnachrichten, • lange Texttiraden, • Vorwürfe, • Verdrehungen. Sie hatte nicht mehr geantwortet. Heute scrollte er nach ganz unten. Die zwei Häkchen bei Lukas’ Nachricht an sie hatte er auch gesehen. Dass sie ihm (Patrik) darüber nichts gesagt hatte, brannte wie Salz. Du liest seinen Scheiß, aber meiner ist dir egal, dachte er. Gut. Dann gehörst du jetzt auch dazu. Er begann zu tippen. „Weißt du, was das Lustige ist? Du denkst, du schützt „den Jungen“, aber du hast die falsche Seite gewählt. Wenn am Ende was passiert, kannst du dir sicher sein: Du warst eine der Auslöserinnen. Du hast ihm eingeredet, er sei ein armes Opfer, anstatt mal zuzugeben, was deiner ach so tollen Familie alles unterstellt wird. Wunder dich nicht, wenn du an Heilige Drei Könige merkst, dass deine Entscheidungen Konsequenzen haben.“ Er las die Nachricht, spürte, wie es in ihm vibrierte vor Wut. Für einen Moment hatte er den Daumen über „Senden“. Dann stoppte er. „Noch nicht,“ murmelte er. „Du kriegst deine Nachricht. Aber nicht heute. Es soll wehtun. Und zwar dann, wenn sie glauben, die Feiertage wären sicher vorbei.“ Er löschte den Text wieder. Allein das Tippen hatte ihn trotzdem beruhigt – so krank, wie es war. Lehrer als Verstärker Er wechselte die App, öffnete den Mail-Entwurf auf seinem Laptop. An: eine generische Uni-Mailadresse, Betreff: „Hinweis zu einem Studenten mit ungeklärter Gefährdung anderer“ Im Text hatte er angefangen, sich als „besorgter Kommilitone“ auszugeben: „…ich möchte anonym bleiben, weil ich Angst vor Konsequenzen habe, aber ich mache mir Sorgen um einen Studenten, der immer wieder mit Urinbeuteln, Störungen im Unterricht und merkwürdigen Geschichten auffällt. Ich habe gehört, dass dieser Student gewalttätige Fantasien hat und in seinem Umfeld schon öfter Menschen bedroht hat…“ Alles gelogen oder verdreht. Aber so geschrieben, dass ein Außenstehender denken könnte: Da ist vielleicht was dran. Wenn die Hochschule ihn loswerden will, dachte Patrik, muss ich nur ein bisschen nachhelfen. Er überarbeitete ein paar Formulierungen, machte sie „sachlicher“, damit sie glaubwürdiger klangen. Dann ließ er den Cursor zögern.
„Noch nicht,“ murmelte er auch hier. „Das kommt näher an Tag X. Jeder Angriff braucht Timing.“ Er speicherte den Entwurf, sendete noch nicht. Sein Mantra: „Schlimmer als alles Erdenkbare“ Patrik stellte sich ans Fenster, hob den Rollladen einen Spalt an. Draußen waren vereinzelt Weihnachtslichter in den Fenstern zu sehen, irgendwo lachte jemand auf der Straße, ein Auto fuhr vorbei. „Schlimmer als alles Erdenkbare,“ flüsterte er. Es war zu einer Art Mantra geworden. Nicht nur „es wird schlimm“, sondern: schlimmer, als sie sich überhaupt vorstellen können. Er sah in Gedanken: • Krankenwagen, • Polizei, • eine Familie, die weint, • Lukas, der schreit, • Erling, der nicht helfen kann. Nicht, weil das objektiv „gut“ war, sondern, weil sein Hirn sich daran festkrallte wie an einer letzten Möglichkeit, Bedeutung zu haben. Wenn schon keiner sieht, wie sehr ich leide, dachte er, dann sollen wenigstens alle sehen, wie sehr ich wehtun kann. Er setzte sich wieder aufs Bett, nahm einen Edding, griff zum Kalender. Diesmal schrieb er unter das Datum 6. Januar: „Ultimatum.“ Darunter, kleiner: „Lukas. Familie. Spieler. Alle.“ Er strich mit dem Edding so fest über das Papier, dass der Tisch darunter durchdrückte. In seinem Kopf – eine gestörte „Gerechtigkeit“ In seiner eigenen, völlig sah sich Patrik nicht sondern als der „nur zurückschlägt“. Er sah die Dinge so: • Sie haben ihn aus der Familie gedrängt. • Sie haben „ihren“ Lukas geschützt. • Sie haben seine Version nicht geglaubt. • Sie haben seine Wut „nicht ernst genommen“. Also, in seinem Kopf: Wenn ich sie treffe, ist das keine Es ist nur der Ausgleich. Er flüsterte in den Raum:
verdrehten als
Logik Täter, jemand,
„ungerechte
„Ihr denkt, die schlimmsten Tage lägen hinter euch. Gericht, VR-Brille, Slackline, Entführung, Katheter, verbrannter Rollstuhl… Aber das alles war nur Vorgeschichte. Nur Vorbereitung.“ Er sah auf das Datum. Rechnete im Kopf. Heute ist der 25. In zwölf Tagen ist der 6. Zwölf Tage Zeit, damit ihr euch sicher fühlt. Zwölf Tage, in denen ihr denkt: „Vielleicht wird es langsam normal.“ Und dann… nicht mehr. Er grinste. Kein fröhliches Grinsen, sondern eins, in dem viel zu viel Kälte lag für jemanden in seinem Alter. Parallelwelt – und niemand ahnt etwas Zur gleichen Zeit, als Patrik diese Gedanken dachte, lief Lukas neben Erling am Rhein und sagte: „Der zweiunddreißigste Tag war nicht spektakulär. Kein Polizeieinsatz, keine Explosion, kein endgültiger Bruch. Aber vielleicht ist genau das das Spektakuläre.“ Keiner von ihnen hörte das leise Rascheln eines Eddings auf Papier in einer anderen Wohnung. Keiner sah, wie jemand „Ultimatum“ unter den 6. Januar schrieb. Keiner ahnte, dass in einem anderen Kopf gerade ein Countdown startete. Die Welt von Lukas bestand in diesem Moment aus: • Familie, • einem vorsichtigen Aufatmen, • Schnitzel mit Eis zum Dessert, • einer Mut-Karte in der Hosentasche. Die Welt von Patrik bestand aus: • ausgedruckten Beleidigungen, • einem bekritzelten Kalender, • Entwürfen voller Lügen, • und einem festgekrallten Satz: An Heilige Drei Könige zeige ich euch, was Schmerz wirklich ist. Zwölf Tage. Ein Kalender, zwei völlig verschiedene Bedeutungen. Lukas zählte diese Tage nicht. Patrik schon. Jeden einzelnen. Der 33. Tag begann so unspektakulär, dass es sich fast falsch anfühlte. Kein Termin. Keine Vorlesung. Kein Dom. Kein Restaurant. Nur: Zweiter Weihnachtsfeiertag. Und die vage Ankündigung der Mutter: „Heute machen wir NICHTS Großes.“ Später Morgen – Aufwachen ohne Druck
Lukas wachte nicht vom Wecker auf, nicht vom Handy, nicht vom Vater, sondern davon, dass ein Lichtstreifen durch den Spalt der Rollos direkt auf sein Gesicht fiel. Er drehte sich weg, murmelte etwas Unverständliches und brauchte ein paar Sekunden, um zu sortieren: • Kein Uni-Tag. • Kein Arzttermin. • Kein Autismus-Therapie-Termin. • Kein „wir müssen in die Stadt“. Neben ihm auf der Matratze lag Erling in exakt der gleichen Position wie am Abend: auf dem Rücken, ein Arm über dem Kopf, der Mainz-Norwegen-Schal halb über der Schulter. Lukas blinzelte auf sein Handy. 10:14 Uhr. Für meine Verhältnisse fast Ausschlafen, dachte er. Er blieb noch ein paar Minuten einfach liegen, hörte auf die Geräusche der Wohnung: leises Klappern aus der Küche, irgendwo lief vermutlich Radio, kein lautes Streiten. Er nahm die Mut-Karte vom Nachtisch und las sie zum gefühlt hundertsten Mal. „Du bist nicht zu viel. Es waren nur zu oft die falschen Menschen um dich herum.“ Er spürte, wie sich sein Brustkorb ein kleines Stück weitete. Der Satz wird nicht schlechter, nur weil ich ihn oft lese, dachte er. Langsamer Start – Tee, Dusche, kein Stress „Lebst du?“ murmelte Erling, ohne die Augen zu öffnen. „Definiere leben,“ antwortete Lukas. „Du redest. Reicht,“ grummelte Erling und setzte sich langsam auf. Sie schälten sich aus den Decken, zogen bequeme Sachen an: kein Hemd, keine „vernünftige“ Hose, sondern Jogginghose, T-Shirt, Kapuzenpulli. „Ich weigere mich, mich an einem Tag ohne Pflicht schick anzuziehen,“ stellte Lukas fest. „Heute gehört offiziell zur Kategorie: Wärmflasche fürs Leben.“ Sie schlappten in die Küche. Die Mutter stand am Tisch, haare unperfekt zusammengebunden, eindeutig auch dankbar für einen tag ohne „Programm“. Auf dem Tisch: • aufgebackene Brötchenreste von gestern, • Butter, Marmelade, • ein Teller mit kaltem Backfisch (von gestern) und Kartoffelsalat – klassisches „zweiter Tag“-Buffet, • dazu eine Kanne Tee und eine Kanne Kaffee. „Morgen,“ sagte sie. „Heute ist Tag: „Wir verwerten Reste und tun so, als wären wir in einem Ferienhaus“.“ „Passt zu meinem inneren Systemstatus,“ meinte Lukas. „Ich fühle mich wie eine überhitzte Konsole, die im Ruhemodus runterkühlt.“
Der Vater saß bereits am Tisch, mit einer Tasse Kaffee. Er sah müde aus, aber wieder nicht glasig, nicht nervös. „Ich hab Brötchen aufgeschnitten,“ sagte er. „Beeindruckend,“ bemerkte Lukas trocken. „Du weißt, wo das Messer liegt. Fortschritt.“ Der Vater zuckte kurz mit dem Mundwinkel. Frühstücksgespräch – Rückblick ohne Explosion Beim Frühstück sprachen sie erstaunlich normal. Nicht über die ganz schweren Themen, aber auch nicht nur über „hast du gut geschlafen“. „Das Essen gestern war schön,“ sagte die Mutter irgendwann. „Dass wir mal in einem Restaurant zusammensitzen konnten, ohne dass jemand den Tisch anzündet, war… angenehm.“ „Die Gans war zu groß,“ meinte Lukas. „Der Hälfte nach war es keine Gans, sondern ein kleiner Dinosaurier.“ Erling lachte. „Mein Dessert war das Beste,“ mischte er sich ein. „Mousse au Chocolat ist meine Religion.“ Der Vater sah Lukas an. „Und dein Eis?“ fragte er vorsichtig. „War… gut,“ sagte Lukas. „Es hat nicht nach Krankenhaus, Taser oder Gericht geschmeckt. Nur nach Kindheit.“ Die Mutter lächelte kurz. „Heute,“ sagte sie, „könnt ihr machen, was ihr wollt. Ich werde ein bisschen aufräumen, ein bisschen lesen und zwischendurch gar nichts tun. Kein Besuch, keine großen Aktionen. Wenn ihr das Haus nicht verlassen wollt, ist das völlig okay.“ „Offiziell genehmigter Nicht-Verlassen-des-Hauses-Tag,“ murmelte Lukas. „Das mag ich.“ Zurück im Zimmer – Mini-Inventur des eigenen Lebens Nach dem Frühstück zogen sich Lukas und Erling wieder ins Zimmer zurück. „Was machst du an einem Tag, an dem du nichts „musst“?“ fragte Erling, während er sich auf den Stuhl sinken ließ. Lukas sah sich um. Das Zimmer war eine seltsame Mischung aus: • Jugendzimmer, • Krankenzimmer (zumindest in seiner Erinnerung), • Rückzugsraum, • jetzt: Mischung aus Geschenke-Ecke und Ruhezone. „Ich mache Inventur,“ sagte Lukas. „Von was?“ fragte Erling. „Von allem,“ antwortete er. „Von dem, was ich habe, und dem, was nicht mehr alles steuert.“ Er fing tatsächlich an: Er nahm das Notizbuch, das er von der Mutter bekommen hatte (sein eigenes, nicht das vom Vater) und blätterte es durch. Dann sortierte er: • Mut-Karte an einen festen Platz auf dem Nachttisch. • Das Bild von ihm und Erling am Rhein auf den Schreibtisch, fest hingestellt.
Den Rahmen mit ihm und dem Vater im Stadion daneben, nicht hinten versteckt, aber auch nicht im Mittelpunkt. • Die Kopfhörer ordentlich gefaltet. • Den Gutschein für den Sprachkurs in eine Hülle, die er an die Wand heftete. „Du richtest dir deine Ecke neu ein,“ stellte Erling fest. „Ja,“ sagte Lukas. „Ich will, dass ich morgens andere Dinge sehe als nur KrankenhausPapiere und alte Gerichtsbögen.“ Er griff in eine Schublade, zog einen Stapel Papiere heraus – alte Briefe, Arztberichte, Notizzettel, Vr-Brille-Erinnerungsdokumente. Er sortierte sie in eine Kiste, die er beschriftete mit: „Wichtig, aber nicht für jeden Tag.“ „Das kommt in den Schrank,“ sagte er. „Damit es existiert, aber mich nicht mehr jeden Morgen als erstes angrinst.“ Erling nickte zustimmend. „Das ist… klüger, als die meisten Profisportler mit ihren Problemen umgehen,“ meinte er. •
Mittagszeit – Serien, statt Panik Gegen Mittag knurrte Lukas’ Magen. „Ich hab noch Kartoffelsalat im Blut,“ murmelte er. „Aber ich glaub, ein bisschen was geht immer.“ Sie holten sich kalten Backfisch und Kartoffelsalat aus der Küche, bauten sich im Zimmer ein kleines „Couchmenü“ auf: Teller auf dem Schreibtisch, Stühle und Matratze als Sofa-Ersatz. „Setzen wir die fünfte Staffel Stranger Things fort?“ fragte Erling und griff zur Fernbedienung. Sie hatten am Vortag schon angefangen, die neue Staffel zu schauen, als kleine Flucht parallel zur Realität. „Ja,“ sagte Lukas. „Ich liebe es, wenn andere Leute von Monstern gejagt werden und es ausnahmsweise nicht ich bin.“ „Sehr gesund,“ kommentierte Erling. Sie drückten Play. Während Monstergeschrei, Synth-Musik und 80er-Atmosphäre durch den Raum flimmerten, aßen sie. Lukas merkte, wie angenehm es war, mal in einer Welt zu sein, in der das Grauen zwar heftig, aber klar von „hier“ und „da“ getrennt war: • da: Parallelwelt, Monster, Fantasy, • hier: kalter Backfisch, Kartoffelsalat, weiche Decke. Wäre nett, wenn Traumata auch so klar abgegrenzt wären, dachte Lukas kurz. Parallelwelt zu, und gut. Zwischendurch stoppte Erling kurz die Folge. „Pause,“ sagte er. „Ich will dich was fragen, bevor du wieder in Monstermodus abtauchst.“ „Schieß los,“ sagte Lukas. „Wenn du an die nächsten Wochen denkst,“ fragte Erling, „woran hängt dein Kopf am meisten? Hochschule? Oma? Patrik? Vater?“ Lukas starrte einen Moment auf den Fernseher, der eingefroren war. „Ehrliche Antwort?“ fragte er.
„Nur die,“ sagte Erling. „Am meisten hab ich Angst vor einer Kombination,“ sagte Lukas. „Dass die Hochschule, Patrik und mein Vater gleichzeitig eskalieren. So wie eine schlechte Mischung aus Gaswolke, Slackline und Gerichtstermin.“ Erling nickte langsam. „Und was wünschst du dir am meisten?“ hakte er nach. „Ein paar Wochen, in denen nichts Neues kaputt geht,“ sagte Lukas. „Nicht mal etwas Großes. Einfach nur: keine neuen Verletzungen. Keine neuen Drohungen. Keine neuen Briefe von Anwälten. Ich erwarte keine Märchenfamilie oder Wunderuni. Ich will nur, dass das Karussell mal langsamer dreht.“ Erling sah ihn an. „Heute dreht es langsamer,“ sagte er ruhig. „Zähl den Tag mit. Er gehört dir.“ Kurze Nachricht an die Autismusassistenz Als die nächste Folge vorbei war, legte Lukas den Teller zur Seite und griff nach seinem Handy. Die Nachricht von seiner Autismusassistenz war noch oben im Chat. Er tippte: „Heute ist Tag 2 nach Weihnachten. Wir waren gestern essen, alles ist ruhig geblieben. Heute bleibe ich zuhause. Ich sortiere Sachen in meinem Zimmer um, damit ich weniger ständig an Klinik und Gericht erinnert werde. Fühlt sich gut an, aber auch komisch. Ich weiß nicht, ob ich das verdient habe, dass es ruhig ist.“ Die Antwort kam kurze Zeit später: „Du hast Ruhe nicht „verdient“ oder „nicht verdient“. Du brauchst sie. Punkt. Gut, dass du sie dir nimmst. Dein Zimmer neu zu sortieren ist ein sehr kluger Schritt. Weniger Trigger im Blick = weniger Dauerstress im Kopf.“ Lukas las die Zeilen zweimal, fühlte so etwas wie Bestätigung. Okay, dachte er. Vielleicht ist „nichts tun“ heute wirklich produktiver als alles andere. Vater und das Notizbuch – kurzer Blick durchs Schlüsselloch Am frühen Nachmittag klopfte es zaghaft an der Zimmertür. „Ja?“ rief Lukas. Der Vater steckte den Kopf rein. „Stör ich?“ fragte er. „Kommt drauf an,“ sagte Lukas. „Willst du mit uns Serien gucken oder uns irgendwas beichten?“ „Keins von beidem,“ antwortete der Vater. „Ich wollte nur kurz sagen: Ich geh ein Stück spazieren. Ohne Kneipe. Ohne Umwege. Nur… Kopf frei kriegen.“ „Okay,“ sagte Lukas. Der Vater zögerte. „Und…“ fügte er hinzu, „ich hab eben nochmal in das Notizbuch geschrieben. Keine Heldentat. Nur ein paar Sätze. Aber ich wollte, dass du weißt, dass es nicht im Schrank verstaubt.“ Lukas nickte. „Gut,“ sagte er. „Mach, was du brauchst. Solange du nicht wieder mit Feuer experimentierst, kann ich mit vielem leben.“ Der Vater zuckte kurz, zwischen Schmerz und Einsicht. „Genau das will ich vermeiden,“ sagte er leise. „Feuer und Glas haben genug bekommen dieses Jahr.“
Er ging. Lukas sah kurz die offene Tür, dann Erling. „Ich hätte nie gedacht,“ sagte er, „dass ein Mann, der meinen Rollstuhl verbrannt hat, irgendwann mal ernsthaft über seine Sätze in einem Notizbuch redet.“ „Menschen sind kompliziert,“ sagte Erling. „Genauso wie Fußballspiele, die man in der 90. Minute noch dreht. Manchmal geht was, wo man vorher nur mit dem Kopf geschüttelt hätte.“ Später Nachmittag – Kleine Dinge, die sich normal anfühlen Der Rest des Nachmittags verging in kleinen, unspektakulären Szenen: • Lukas hörte mit den neuen Kopfhörern kurz Musik, probierte die Noise-Cancelling-Funktion und stellte fest, wie beruhigend es war, das Rauschen der Welt zu dämpfen. • Er spielte ein bisschen mit Erling eine kurze schnelle FC26-Partie, ohne großes Drama. • Er scrollte durch die Sprachkursplattform und schaute, welche Sprachen möglich waren – blieb mit dem Finger über „Polnisch“ hängen, dann über „Norwegisch“. Er wählte noch nichts, aber allein die Option fühlte sich an wie: Da ist Zukunft. Zwischendurch legte er sich einfach hin, starrte an die Decke, ohne dass die Decke zu einer Projektionsfläche für Horror wurde. So fühlt sich langweilig an, dachte er. Und es ist gar nicht so schlecht. Abend – Familienfilm statt Familienkrieg Am Abend rief die Mutter ins Zimmer: „Wer Film schauen will: in zehn Minuten Wohnzimmer. Ich hab einen ausgesucht, bei dem hoffentlich keiner erschossen, entführt oder von Monstern gejagt wird.“ „Also kein realistischer Film über mein Leben,“ rief Lukas zurück. Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Der Vater war wieder da, roch nach kalter Luft und nicht nach Rauch oder Kneipe. Die Mutter hatte eine Schüssel mit Chips auf den Tisch gestellt, dazu ein paar Mandarinen, was aussah, als wollte sie der Ernährungsberatung wenigstens symbolisch gefallen. Der Film war eine harmlose Weihnachtskomödie: Familie, Missverständnisse, ein bisschen Chaos, aber am Ende umarmen sich alle und es explodiert nichts. Lukas rollte innerlich mit den Augen. So funktioniert das im echten Leben nicht, dachte er. Aber schön, dass es irgendwo so getan wird. Trotzdem war es angenehm, für zwei Stunden eine Geschichte zu konsumieren, die nicht in Mord, Krankenhaus oder Gefängnis endete. Er saß auf der Couch, Mutter neben ihm, Erling auf dem Sessel, der Vater auf dem anderen Ende. Nichts Perfektes. Aber auch nichts Zerbrochenes in dem Moment.
Späte Gedanken – Tagesbilanz Als der Film vorbei war, ging jeder wieder in sein Zimmer. Lukas setzte sich aufs Bett, nahm sein eigenes Notizbuch. Er schrieb: „Tag 33 – Zweiter Weihnachtsfeiertag. Ich war nicht „produktiv“ im klassischen Sinne. Keine Uni-Sachen, keine Bewerbungen, keine Therapieberichte. Aber: – Ich habe mein Zimmer umsortiert, damit ich weniger an die schlimmsten Dinge erinnert werde. – Ich war mit meiner Familie essen (gestern) und heute nur zuhause, ohne dass jemand geschrien hat. – Papa hat zum zweiten Mal ins Notizbuch geschrieben. – Ich habe Serien geschaut, gespielt, gegessen, geschlafen – ohne, dass daraus Chaos wurde. Früher hätte ich so einen Tag „faul“ genannt. Heute nenne ich ihn: „heilend“. Ich habe Angst vor dem, was kommt. Vor der Hochschule. Vor Patrik. Vor dem 6. Januar, den ich in meinem Kopf schon als Gefahrenpunkt markiert habe, ohne genau zu wissen, was passieren wird. Aber: Heute ist nichts passiert. Und das alleine ist schon viel.“ Er legte den Stift weg, streckte sich unter der Decke aus. Erling im Nebenbett scrollte noch kurz am Handy, legte es dann weg. „Wie war der Tag für deine Skala?“ fragte Erling in die Dunkelheit. „Sieben,“ sagte Lukas. „Sieben von zehn. Nicht perfekt entspannt, aber deutlich weniger Alarm als sonst.“ „Ich würde ihm eine Sieben und halb geben,“ murmelte Erling. „Du bist kein offizieller Skalenprüfer,“ gab Lukas zurück. Sie schwiegen. Draußen irgendwo zählte jemand innerlich weiter auf einen Tag zu, den Lukas noch nicht genau greifen konnte. Aber dieser 33. Tag gehörte ihm: • mit Jogginghose, • Serien, • Restefutter, • neuen Kopfhörern, • und einem wichtigen Gefühl: Man kann auch heilen, ohne ständig auf der Flucht oder in der Schlacht zu sein. Manchmal heilt man einfach, indem man auf dem Sofa sitzt und atmet. Am Abend des 33. Tages lag über der Wohnung diese ganz spezielle Ruhe, die es nur gibt, wenn alle zu vollgefressen, zu müde und zu emotional erschöpft sind, um noch irgendwelche Dramen anzuzetteln.
Der Film war vorbei, die Schüssel mit Chips fast leer, Mandarinen-Schalen lagen in einer kleinen, orangenen Ecke auf dem Tisch. Die Mutter gähnte, der Vater räumte ohne Murren ein paar Gläser weg, Erling streckte sich wie ein müder Hund. „Ich fall gleich um,“ sagte Lukas und erhob sich von der Couch. „Mein Gehirn hat die Kapazität von lauwarmem Pudding erreicht.“ „Gute Nacht,“ meinte die Mutter. „Und: Morgen kein Wecker. Wenn ihr ausschlafen könnt, tut es.“ „Ich fühl mich beobachtet,“ murmelte Lukas, dachte kurz an Patrik und korrigierte sich innerlich: Zumindest innerhalb dieser vier Wände nicht. Er und Erling zogen sich ins Zimmer zurück. Im Zimmer – dieser Moment, bevor man das Handy weglegt Im Zimmer war es halbdunkel. Nur die kleine Lampe auf dem Schreibtisch war an, das Licht fiel weich auf die Mut-Karte, das Foto mit Erling und den Rahmen vom alten Stadionbild mit dem Vater. Erling ließ sich auf die Matratze fallen. „Ich schreib noch kurz zwei Nachrichten,“ murmelte er, „dann bin ich weg.“ „An wen?“ fragte Lukas. „Trainer, Mama, und einen Kumpel, der denkt, ich lieg irgendwo in Dubai am Pool,“ antwortete Erling. „Sollen alle wissen, dass ich noch lebe.“ Lukas setzte sich auf die Bettkante, nahm sein Handy. Er wollte eigentlich nur die Standardroutine: • kurz durch die Chats scrollen, • kontrollieren, ob keine Uni-Mail reingekracht war, • vielleicht noch ein dummes Meme angucken, • dann Handy auf den Tisch, Licht aus, fertig. Er öffnete WhatsApp. Die Liste der Chats sah aus wie immer: • oben: „Mama “, • „Autismusassistenz“, • „Therapie – Erinnerung“, • weiter unten: „Tante“, • „Oma (Ersatzoma)“, • noch weiter unten, stummgeschaltet: „Patrik “. Sein Blick blieb an „Oma“ hängen. Seit dem 31. hatte er immer wieder diesen Chat geöffnet, die zwei blauen Häkchen angestarrt, seine eigene Nachricht gelesen, keine Antwort. Heute hatte er sich gesagt: Ich schaue nicht nach. Nicht heute. Heute war gut. Sein Daumen war anderer Meinung. Er tippte auf den Chat. Oben stand wie immer ihr Name. Darunter seine letzte Nachricht. Für einen Sekundenbruchteil war alles wie immer.
Dann sah er es: unter seiner Nachricht, klein: „tippt…“ Er erstarrte. Sein Herzschlag setzte dann überschlug er sich fast. „Nein,“ murmelte er leise. „Jetzt? Heute?“ Der „tippt…“-Status Kam Verschwand. Kam wieder. Das war kein „ich schreibe Das war: viele viele viele Pausen. Sein Mund wurde trocken. Er fühlte, wie die Luft im Zimmer sich verdichtete. „Alles okay?“ fragte Erling vom Bett aus, ohne aufzuschauen. „Sie tippt,“ flüsterte Lukas. „Wer?“ fragte Erling. „Oma.“ Erling setzte sich auf, sah rüber. „Okay,“ sagte er leise. „Atmen.“
aus, verschwand. wieder.
„OK““. Wörter, Gedanken,
Die Nachricht – viel Text, viele Risse Ein paar Sekunden später vibrierte das Handy. Die Nachricht poppte auf. Nicht eine Zeile, sondern ein ganzer Block. Lukas starrte nur auf das Chatfenster. Die Buchstaben formten schon Wörter, aber sein Gehirn brauchte einen Moment, um zu entscheiden: Lese ich das jetzt? Oder renne ich weg? „Willst du, dass ich mitlese?“ fragte Erling ruhig. „Oder erstmal du allein?“ „Wenn ich alleine lese und es ist schlimm, knall ich das Handy wahrscheinlich gegen die Wand,“ sagte Lukas ehrlich. „Dann lesen wir zusammen,“ sagte Erling und stand auf. „Ich komm rüber.“ Er setzte sich neben ihn auf die Bettkante, so, dass sie beide auf das Display sehen konnten. Lukas holte einmal tief Luft und begann zu lesen. Die Nachricht war lang. „Lieber Lukas, ich habe lange gebraucht, um dir zu schreiben. Deine Nachricht hat mich sehr bewegt, aber auch durcheinandergebracht. Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich weiß, das war für dich bestimmt schwer. Ich möchte dir eine Sache sagen, die wichtig ist: Ich habe Dinge geglaubt, die mir über dich und deine Mama erzählt wurden, und ich merke jetzt, dass ich nicht alles hätte glauben dürfen. Jemand hat mir geschrieben, dass du mich nur benutzen würdest,
dass du „gefährlich“ bist, dass du andere manipulieren würdest, und dass deine Mama mich nur ausnutzt und mich irgendwann fallen lässt. Ich schäme mich heute dafür, dass ich das nicht mehr hinterfragt habe. Es tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe, als du mir erzählt hast, wie es dir wirklich geht. Es tut mir leid, dass ich dich in einer Zeit allein gelassen habe, in der du mich gebraucht hast. Ich habe deine Nachricht jetzt bestimmt zehnmal gelesen. Ich habe gesehen, wie du versucht hast, ehrlich zu schreiben, ohne mich zu beleidigen. Das war sehr mutig und sehr erwachsen von dir. Ich weiß noch nicht, wie wir weitermachen können. Ich kann nicht so tun, als wäre nichts passiert, aber ich möchte auch nicht, dass du denkst, ich würde dich nicht mögen. Ich mag dich sehr, und ich habe dich nie „loswerden“ wollen. Ich war verletzt und verwirrt und habe falschen Menschen zugehört. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich dir wehgetan habe. Wenn du möchtest, könnten wir nach den Feiertagen einmal telefonieren oder uns an einem neutralen Ort treffen. Aber nur, wenn du das auch möchtest. Du musst mir nicht heute antworten. Und du musst mir auch nicht verzeihen, wenn du noch nicht soweit bist. Ich wollte dir nur sagen: Ich bereue es, wie ich mich verhalten habe. Und ich bin bereit, mir anzuhören, was du erlebt hast, ohne dass jemand anderes dazwischenredet. In Gedanken nehme ich dich in den Arm. Frohe Weihnachten, lieber Lukas. Deine Oma.“ Lukas’ Augen flogen über die Zeilen, zweimal, dreimal. Die Worte „es tut mir leid“ brannten sich ein, genauso wie „jemand hat mir geschrieben“ und „falschen Menschen zugehört“. Die Hände, mit denen er das Handy hielt, begannen zu zittern. „Das…“ brachte er hervor, „…ist wirklich von ihr.“ Erling nickte langsam. „Ja,“ sagte er leise. „Das ist kein Patrik-Text. Das ist Oma.“ Erste Reaktion – Überforderung in alle Richtungen Lukas’ Körper wusste nicht, welche Richtung er zuerst einschlagen sollte: • Es kam Erleichterung: Sie hasst mich nicht komplett. Sie hat nachgedacht. • Es kam Wut: Sie hat ihm geglaubt. Sie hat mich fallen lassen. • Es kam Traurigkeit: Wie viel ist verloren gegangen in der Zwischenzeit. • Es kam Hoffnung: Vielleicht ist nicht alles für immer kaputt. Seine Brust wurde eng, aber nicht so, wie bei einer Panikattacke – eher wie bei einem viel zu vollen Bauch an Gefühlen. Er legte das Handy langsam auf den Schreibtisch, als wäre es aus Glas.
„Ich weiß nicht, ob ich lachen oder kotzen soll,“ sagte er heiser. Erling legte ihm eine Hand in den Nacken, nicht drückend, nur anwesend. „Du musst gar nichts sofort,“ sagte er ruhig. „Du musst sie nicht jetzt verzeihen. Du musst nicht zurückschreiben. Du musst nicht „alles ist gut“ sagen.“ Lukas stand abrupt auf, ging ein paar Schritte durch das Zimmer wie ein eingesperrtes Tier, bleib dann am Fenster stehen. „Sie hat ihm geglaubt,“ brachte er hervor. „Sie hat ihm geglaubt. Dem Typen, der mich jahrelang klein gemacht hat. Der mich geschubst, ausgelacht, benutzt hat. Und sie hat mir nicht geglaubt. Und jetzt sagt sie: Es tut mir leid. Und ich soll… was? Einfach „okay“ schreiben?“ „Nein,“ sagte Erling. „Du sollst erstmal atmen.“ Die Mutter ins Boot holen Lukas starrte noch ein paar Sekunden aus dem Fenster, atmete schneller, versuchte, den Knoten im Bauch nicht explodieren zu lassen. „Ich will, dass Mama das sieht,“ sagte er plötzlich. „Ich will nicht alleine entscheiden, ob das echte Reue ist oder wieder nur… irgendwas.“ „Dann holen wir sie,“ meinte Erling. Lukas nickte, nahm das Handy wieder in die Hand, ging zur Tür, öffnete sie. Die Mutter war gerade im Wohnzimmer, eine Decke in der Hand, dabei, das Sofa wieder von „Kino-Modus“ in „normales Sofa“ zurückzuverwandeln. „Mama?“ sagte Lukas. Sie drehte sich um. „Was ist?“ fragte sie, sofort in Alarmbereitschaft. Lukas hielt das Handy hoch. „Oma hat geschrieben,“ sagte er. Man sah, wie ihre Schultern kurz hochzuckten. „Jetzt?“ fragte sie. „Ja,“ sagte er. „Heute Abend.“ „Was schreibt sie?“ fragte die Mutter vorsichtig. „Es ist viel,“ sagte er. „Willst du… mitlesen?“ Sie legte die Decke weg, wischte sich reflexartig die Hände an der Hose ab, als würde sie etwas Reales anfassen müssen. „Ja,“ sagte sie. „Aber nur, wenn du wirklich willst, dass ich es sehe.“ „Ich will,“ sagte er. Sie gingen zu dritt zurück ins Zimmer. Gemeinsames Lesen – und eine Mutter, die mitliest Die Mutter setzte sich auf den Lukas neben Erling auf dem Bett. Lukas öffnete nochmal reichte das Handy der Mutter.
Schreibtisch, sie, Chat,
Sie las. Ihre Stirn zog sich zusammen, ihre Augen wanderten Zeile für Zeile nach unten. Bei „Jemand hat mir geschrieben…“ kniff sie die Lippen zusammen. Bei „Es tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe“ wurden ihre Augen glänzender. Sie las den Text bis ganz unten, nahm sich Zeit, las einzelne Stellen nochmal. Dann legte sie das Handy auf den Tisch, ließ es aber nicht aus dem Blick. „Das ist…“ begann sie, „…kein perfekter Text. Und er macht nicht ungeschehen, was passiert ist. Aber ich glaube, er ist ehrlich.“ Lukas verschränkte die Arme. „Sie hat ihm geglaubt,“ wiederholte er. „Sie hat gesehen, was er schreibt. Sie hat gesehen, wie er über dich, mich und alle redet. Und trotzdem hat sie ihm geglaubt.“ „Ja,“ sagte die Mutter ruhig. „Das hat sie. Und genau dafür entschuldigt sie sich jetzt. Ob dir das reicht oder nicht, ist eine andere Frage.“ Sie drehte sich zu ihm. „Du hast das Recht, verletzt zu sein,“ sagte sie. „Und du hast das Recht zu sagen: „Ich brauch Zeit.“ Oder auch: „Ich will keinen Kontakt.“ Aber du hast auch das Recht, dich zu freuen, dass sie anfängt, zu merken, dass da jemand sie manipuliert hat.“ Lukas setzte sich wieder aufs Bett, stützte die Ellbogen auf die Knie, vergrub das Gesicht kurz in den Händen. „Ich bin müde,“ sagte er dumpf. „Müde davon, immer wieder Leuten zu erklären, was passiert ist. Müde davon, immer wieder der zu sein, der verzeiht, der nachdenkt, der reflektiert. Während andere einfach Gift schreiben und dann schlafen gehen.“ „Du bist nicht verantwortlich dafür, alle zu retten,“ sagte Erling leise. Wer hat ihr „falsche Dinge“ geschrieben? „Sie schreibt, jemand hat ihr falsche Dinge erzählt,“ sagte die Mutter. „Wir wissen alle, wer.“ Keiner musste den Namen sagen. In der Luft hing er trotzdem: Patrik. „Was glaubst du, was er ihr geschrieben hat?“ fragte Lukas. „Dass du angeblich ihre Freundin belästigt hast, dass du aggressiv bist, dass du dir Sachen ausdenkst, um Aufmerksamkeit zu bekommen,“ sagte die Mutter nüchtern. „Genau das, was er auch uns an den Kopf geworfen hat. Plus wahrscheinlich noch ein paar Lügen extra.“ Lukas lachte kurz, bitter. „Klassiker,“ murmelte er. „Der Typ, der Leute aus dem Fenster schmeißt, wirft anderen vor, gefährlich zu sein. Ist logisch.“ Erling verschränkte die Arme. „Das ist Manipulation in Reinform,“ sagte er. „Er weiß genau, welche Knöpfe er bei ihr drücken muss: Familie, Loyalität, Scham, alte Wunden.“ Die Mutter nickte. „Und sie ist darauf angesprungen,“ sagte sie. „Wie viele andere auch. Das entschuldigt nicht alles. Aber es erklärt, warum sie so reagiert hat.“ Schreiben oder nicht schreiben?
Lukas nahm das Handy wieder in die Hand. Der Chat blinkte ihm entgegen. Darunter das leere Eingabefeld, in das man „mal eben“ Antworten tippen kann, ohne zu sehen, was man damit auslöst. „Ich weiß nicht, was ich schreiben soll,“ sagte er. „Du musst heute gar nichts schreiben,“ wiederholte die Mutter. „Du darfst dir Zeit lassen. Du hast ihr eine ehrliche Nachricht geschickt. Sie hat jetzt geantwortet. Der Ball liegt bei dir. Du bist nicht im Pflicht-Modus.“ „Wenn ich nix schreibe,“ sagte Lukas, „hab ich Angst, dass sie denkt, ich wäre beleidigt und will sie bestrafen. Wenn ich was Schreibe, hab ich Angst, dass ich zu nett oder zu hart bin.“ Erling räusperte sich. „Wie wäre es mit einem Zwischending?“ fragte er. „Ein kurzer Text, in dem du einfach nur sagst, dass du ihre Nachricht gelesen hast, dass du dankbar bist, dass sie sich meldet, aber dass du Zeit brauchst. Ohne große Entscheidung. Nur Statusbericht.“ Lukas dachte nach. „Das klingt… vernünftig,“ sagte er schließlich. Die Mutter nickte. „Willst du, dass wir dabei sind, wenn du schreibst?“ fragte sie. „Ja,“ sagte er. Die Antwort – kontrolliert, aber ehrlich Lukas setzte sich an den Schreibtisch, das Handy in der Hand, Erling und seine Mutter in seiner Nähe, nicht wie Aufpasser, sondern wie Puffer. Er tippte langsam. „Hallo Oma, danke für deine Nachricht. Ich habe sie gelesen und muss ehrlich sagen, dass sie viel in mir auslöst. Ich bin einerseits froh, dass du dich meldest und schreibst, dass es dir leid tut. Andererseits bin ich immer noch sehr verletzt darüber, dass du anderen eher geglaubt hast als mir und meiner Mama. Es ist für mich nicht leicht, dir jetzt einfach zu antworten, als wäre nichts gewesen. Ich brauche Zeit, um zu überlegen, was ich fühle und was ich möchte. Es ist gut zu wissen, dass du bereit bist, mir zuzuhören. Ich weiß noch nicht, ob ich telefonieren oder dich sehen kann. Vielleicht, aber nicht sofort. Danke, dass du ehrlich warst. Ich melde mich, wenn ich einen Schritt weiter bin. Lukas“ Er las sich den Text nochmal durch. „Zu hart?“ fragte er. „Nein,“ sagte die Mutter. „Ehrlich, respektvoll und mit klarer Grenze.“ „Zu weich?“ fragte er Erling. „Nein,“ sagte der. „Du verkaufst dich nicht unter Wert, aber du haust auch nicht zurück. Das ist genau die Balance, die die meisten Erwachsenen nicht hinkriegen.“ Lukas atmete einmal tief durch und drückte auf „Senden“.
Die Nachricht verschwand die zwei grauen Häkchen erschienen kurz darauf. Keine Sofortantwort. Nur: Stille. Im Und im Zimmer.
Nachbeben – und ein neues Gefühl im Bauch Lukas legte das Handy auf den Tisch, diesmal etwas bewusster. „Ich hab Angst, dass sie morgen schreibt „dann halt nicht“,“ sagte er. „Kann passieren,“ sagte die Mutter ehrlich. „Aber dann weißt du wenigstens, woran du bist. Und du hast nichts falsch gemacht. Du warst ehrlich, nicht beleidigend.“ „Und was, wenn sie Ruhe gibt?“ fragte er. „Dann gibt sie Ruhe,“ meinte Erling. „Und du hast trotzdem gewonnen. Weil du dich nicht verbogen hast.“ Lukas ließ sich wieder aufs Bett fallen, legte einen Arm über die Augen. „Mir ist gleichzeitig leichter und schwerer,“ murmelte er. „Das ist normal,“ sagte die Mutter. „Das ist wie eine Wunde, wo endlich der Eiter raus ist. Erst brennt es, dann heilt es.“ „Danke für dieses schöne Bild,“ kommentierte Lukas, verzog das Gesicht, musste aber kurz lachen. Sie blieben noch ein bisschen sitzen, redeten über Nichtigkeiten, verschoben das Thema langsam zurück in eine Ecke, wo es nicht mehr alle Luft aus dem Raum saugte. Später – kurz vor dem Einschlafen Später, als die Mutter ins Bett gegangen war und das Licht im Flur aus war, lag Lukas wieder in seinem Bett, Erling nebenan auf der Matratze. Das Zimmer war nur noch vom Handy-Display kurz erleuchtet, als Lukas ein letztes Mal checkte, ob eine neue Nachricht da war. Nichts. Er sperrte das Handy, legte es diesmal mit dem Display nach unten. „Wie ist deine Skala jetzt?“ fragte Erling leise in die Dunkelheit. Lukas dachte nach. „Heute Morgen war’s eine Sieben,“ sagte er. „Nach der Oma-Nachricht… hm… vielleicht eine Fünfkommafünf. Nicht abgestürzt. Aber auch nicht easy.“ „Fünfeinhalb ist okay,“ meinte Erling. „Das ist der Bereich, in dem Dinge passieren dürfen, die wehtun, ohne dass du komplett zusammenbrichst.“ „Manchmal hasse ich es, dass du recht hast,“ murmelte Lukas. „Gewöhn dich dran,“ antwortete Erling. „Ich bin Profifußballer. Wir müssen ständig damit leben, dass der VAR recht hat.“ Lukas grummelte, aber innerlich schmunzelte er. Er drehte sich auf die Seite, die Mut-Karte in Griffweite, und ließ die Gedanken langsam sortieren: • Oma hat sich gemeldet.
Sie hat Fehler eingesehen. Sie hat jemanden „falsches“ gehört. Er hat geantwortet, ohne sich zu verlieren. Es war kein perfektes Happy End. Keine Filmversöhnung mit Geigenmusik. Aber es war eine Bewegung. Vielleicht, dachte er kurz bevor er eindöste, ist Heilung manchmal genau das: Nicht ein großer Knall von „alles ist gut“, sondern eine Nachricht am Abend, in der jemand schreibt: „Es tut mir leid. Du hast recht. Ich habe mich geirrt.“ Und man antwortet: „Ich weiß noch nicht, ob ich dir verzeihe. Aber ich höre dich.“ Draußen irgendwo zählte weiterhin jemand Tage bis Heilige Drei Könige und schwor sich Rache „schlimmer als alles Erdenkbare“. Drinnen, in diesem kleinen Zimmer, war der 33. Tag mit einem Satz zu Ende gegangen, der für Lukas fast genauso bedrohlich wie tröstlich klang: Vielleicht bin ich doch nicht völlig allein. Der vierunddreißigste Tag begann mit einer Mischung aus Schwere im Kopf und leichterem Herz als noch vor ein paar Wochen. Es war der 27. Dezember. Weihnachten war offiziell vorbei, die Geschenke hatten ihren festen Platz gefunden, und draußen hing noch das Leuchten der Lichterketten in der Luft, aber ohne diesen kitschigen Druck, „es muss alles perfekt sein“. • • •
Morgen – Aufwachen mit Rest-Weihnachten im Kopf Lukas wachte gegen neun auf. Nicht abrupt, sondern langsam, wie jemand, dessen System seit Tagen auf Alarm gelaufen war und jetzt versuchte, einen neuen Normalmodus zu finden. Neben ihm auf der Matratze lag Erling eingerollt in der Decke, der Mainz-Norwegen-Schal halb übers Gesicht gerutscht. Er atmete ruhig. Keine Zuckungen wie in Nächten nach schlimmen Träumen, kein hartes Aufschrecken. Lukas blinzelte, tastete automatisch nach seinem Handy. Er sah zuerst auf die Benachrichtigungen: • keine neue Mail von der Hochschule, • keine neue Nachricht von Patrik, • und ganz oben: der Chat mit Oma, in dem ihre Entschuldigung und seine Antwort standen. Noch keine weitere Nachricht. Keine Dramen in grauen Sprechblasen, keine neuen Vorwürfe. Okay, dachte er. Es ist… still. Komisch, aber erträglich.
Er setzte sich spürte, dass die Gedanken zwar da aber nicht sofort alles überfluteten. „Morgen,“ murmelte es dumpf aus der Decke. Erling zog den Schal aus dem blinzelte ihn an. „Lebst du noch?“ fragte Lukas. „Bin nicht sicher, aber meine Nase friert nicht, also ja,“ antwortete Erling.
auf, waren, Gesicht,
Küche – Plan für den Tag In der Küche roch es noch schwach nach Kaffee und Brötchen vom Vortag. Die Mutter stand am Tisch, in Jogginghose, Haare im lockeren Dutt, und schmierte sich gerade ein Brötchen mit Butter und Marmelade. Der Vater saß mit einem Becher Kaffee da, das Notizbuch, das Lukas ihm geschenkt hatte, lag geschlossen neben seinem Ellbogen. „Morgen,“ sagte Lukas und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Morgen,“ erwiderten beide Eltern fast gleichzeitig. Erling setzte sich dazu, griff nach einem Brötchen. Die Stimmung war… vorsichtig ruhig. Nicht verkrampft, aber auch nicht überschwänglich entspannt. Eine Art „Waffenstillstand plus ehrliche Müdigkeit“. „Ich habe eine Idee für heute,“ sagte die Mutter nach einem Schluck Tee. Lukas’ Körper spannte sich unwillkürlich kurz an. „Idee“ konnte bei ihr alles heißen, von „lasst uns aufräumen“ bis „wir fahren drei Stunden Verwandte besuchen“. „Sag, dass es nichts mit Verwandtenbesuchen zu tun hat,“ murmelte er. „Hat es nicht,“ sagte sie. „Ich dachte… wir könnten heute alle zusammen ein letztes Mal auf den Wintermarkt gehen. Bevor er schließt.“ Lukas blinzelte. „Der am Hauptbahnhof?“ fragte er. In seinem Kopf blitzten sofort Bilder auf: das letzte Mal dort, als sein Vater viel zu viel getrunken hatte, Leute angegangen war, die Stimmung gekippt war. Die Mutter nickte. „Ja,“ sagte sie. „Aber diesmal mit klaren Regeln. Ohne Alkohol. Mit klarer Notbremse, falls es dir oder irgendjemandem zu viel wird.“ Sie sah zuerst Lukas an, dann den Vater. „Ich gehe nur hin,“ sagte sie langsam, „wenn wir alle – wirklich alle – uns an ein paar Dinge halten:“ Sie zählte mit den Fingern ab: „Erstens: Kein Alkohol. Weder Bier noch Glühwein. Für keinen von uns. Es gibt Punsch, Cola, Wasser, Kakao, alles andere. Zweitens: Wenn Lukas sagt, es ist zu voll oder zu laut, gehen wir. Egal, ob jemand gerade an seinem zweiten Crêpe hängt. Drittens: Wenn es irgendwo Stress gibt, gehen wir, statt zu diskutieren.“
Der Vater sah sie an, dann Lukas. Man sah, wie er kurz kämpfte, ob er sich angegriffen fühlen wollte oder nicht. Dann atmete er aus. „Einverstanden,“ sagte er. „Kein Alkohol für mich. Ich weiß, was beim letzten Mal passiert ist. Das will ich nicht wiederholen.“ Er sah Lukas direkt an. „Ich will,“ sagte er, „dass du dich heute draußen mal nicht schämst, mit deinem Vater gesehen zu werden.“ Lukas’ Bauch zog sich kurz zusammen. „Das ist ein hoher Anspruch,“ murmelte er. „Aber ich bin bereit, es zu versuchen.“ Er sah Erling an. „Du kommst mit?“ „Klar,“ sagte Erling. „Ich war schon an vielen Orten dieser Welt. Wintermarkt in Mainz gehört jetzt offiziell auch in mein gesammeltes Erfahrungschaos.“ kurzer Check: Oma & Patrik im Hintergrund Nach dem Frühstück zog sich Lukas kurz ins Zimmer zurück, mit dem Handy in der Hand. Er wollte nur kurz zwei Dinge checken: 1. Hat Oma reagiert? 2. Hat Patrik irgendwas Neues geschickt? Er öffnete den Chat mit Oma. Keine neue Nachricht. Seine Antwort war immer noch die letzte. Gut, dachte er. Sie hat’s gelesen. Ich habe geantwortet. Der Rest braucht Zeit. Den Chat mit Patrik öffnete er nicht. Er sah nur das Profilbild auf der Liste, drehte innerlich den Kopf weg. Nicht heute, sagte er sich. Heute kriegt er keinen Platz in meinem Kopf. Er steckte das Handy in die Hosentasche, griff nach seinem Schal. Aufbruch – die Stadt im Zwischenmodus Sie fuhren wieder mit dem Auto Richtung Innenstadt. Im Radio lief leise eine Mischung aus Rest-Weihnachtsliedern und ersten Jahresrückblicken, die Lukas sofort nervten. Die Straßen waren voller als an einem normalen Tag, aber weniger überfüllt als kurz vor Heiligabend. Die Leute wirkten müde, aber zufrieden. Die Mutter parkte in der Nähe des Hauptbahnhofs. „So,“ sagte sie beim Aussteigen, „ab hier gilt: Wir bleiben zusammen. Keine spontanen Alleingänge ohne Info. Und wer sich unwohl fühlt, sagt Bescheid.“ „Klingt wie eine Klassenfahrt, nur mit weniger Idioten,“ murmelte Lukas. „Ich bin mir da bei einem gewissen Teil unserer Gruppe nicht so sicher,“ meinte Erling und warf dem Vater einen kurzen schiefen Blick zu – der tatsächlich die Mundwinkel verzog, statt zu explodieren. Sie gingen die paar Meter rüber zum Wintermarkt.
Ankunft auf dem Wintermarkt – Lichter, Gerüche und Erinnerungen Der Wintermarkt am Hauptbahnhof war eine Mischung aus: • Weihnachtsmarkt-Atmosphäre, • Rummel-Feeling, • Bahnhofsvorplatz-Chaos. Es roch nach gebrannten Mandeln, nach Bratwurst, nach Zuckerwatte, und drunter lag dieses typische Gemisch aus nassen Jacken, kalter Luft und Menschenmassen. Lichterketten spannten sich von Bude zu Bude, ein kleines Karussell drehte sich, Kinder lachten, irgendwo dudelte leise eine etwas schief gesungene Version von „Last Christmas“. Lukas spürte, wie sein System sofort auf Alarmbereitschaft schaltete: all die Geräusche, die Menschen, die Bewegung. Er fühlte, wie seine Schultern sich automatisch anspannten, die Hände in den Taschen fester wurden. Erling bemerkte es. „Kopf hoch,“ sagte er leise. „Du bist nicht allein hier. Und du hast einen eingebauten Fluchtplan: Wenn’s zu viel wird, gehen wir. Punkt.“ Die Mutter blieb kurz stehen, drehte sich zu ihm um. „Skala?“ fragte sie. Lukas überlegte. „Gerade… sechseinhalb,“ sagte er. „Noch unter Ausrasten, aber über gemütlich.“ „Gut,“ sagte sie. „Wir peilen fünf bis sieben an. Wenn’s Richtung acht geht, drehen wir ab.“ Der Vater schwieg, hatte aber einen Blick, der deutlich sagte: Ich weiß, dass ich beim letzten Mal einen großen Teil der Eskalation war. Erste Runde – gebrannte Mandeln und Kontrolle „Was möchtest du zuerst?“ fragte Erling. Lukas sah sich um. Die ganzen Buden waren reizüberflutend: Lichter, Schilder, Gerüche, Leute vor den Auslagen. „Gebrannte Mandeln,“ sagte er schließlich. „Die sind berechenbar. Zucker, Mandel, fertig.“ „Gebongt,“ sagte Erling. Sie gingen zu einem Mandelstand. Hinter der Bude stand ein Mann mit roter Schürze, die Pfanne dampfte, Zucker karamellisierte. „Eine kleine Tüte gebrannte Mandeln, bitte,“ sagte Lukas. „Ich nehme auch eine,“ fügte Erling hinzu. Die Mutter bestellte sich Maronen, der Vater – man konnte fast sehen, wie er kämpfte – wusste kurz nicht, was er nehmen sollte, entschied sich dann für eine heiße Schokolade. „Ohne Schuss,“ sagte er ausdrücklich.
Die Verkäuferin nahm es hin wie eine ganz normale Bestellung. Sie standen kurz Mandeln in der Hand. Lukas nahm eine. Warm, süß, knusprig. Für einen Moment war alles andere weiter weg: kein kein keine kein kein VR-Keller. Nur: Zucker, Mandel, Winterluft. Genau für solche fünf Sekunden lohnt sich der ganze Aufwand, dachte er.
nickte, abseits,
Gericht, Krankenhaus, Slackline, Rollstuhlbrand,
Karussell, Lichter und eine kleine Beobachtung Sie gingen langsam weiter über den Markt. Am kleinen Karussell blieb Lukas kurz stehen. Kinder saßen auf Plastikpferden, ein kleiner Junge klammerte sich fest, sein Vater stand daneben, filmte. „Bist du früher Karussell gefahren?“ fragte Erling. „Einmal,“ sagte Lukas. „Ich fand es schrecklich, zu schnell, zu laut, zu viele Lichter. Alle fanden es toll. Ich hab geheult.“ „Und heute?“ fragte Erling. „Heute gucke ich lieber zu,“ sagte Lukas. „Karussell von außen ist ungefährlich.“ Er bemerkte, wie der Vater auch kurz auf das Karussell sah. In seinen Augen lag etwas, das man als Wehmut bezeichnen konnte. „Ich hab früher nie verstanden,“ sagte er plötzlich, „warum du Karussells gehasst hast. Ich dachte, du wärst „zu empfindlich“. Heute denke ich: Ich war zu blind.“ Lukas antwortete nicht. Aber er merkte sich den Satz. Punsch-Stand – Prüfung für den Vater Sie kamen an einem Stand mit Heißgetränken vorbei. Dampfwolken, Glühwein, Kinderpunsch, Kakao. „Ich will einen Kinderpunsch,“ sagte Lukas. „Mit viel Zimt.“ „Ich nehme auch einen,“ meinte die Mutter. Erling bestellte einen Kakao. Der Vater stand einen Moment die Augen wanderten über die Karte. „Glüh…“ begann er brach aber „Kinderpunsch,“ korrigierte er. „Auch für mich.“ Der Standmann sah kurz nickte dann. „Viermal Kinderpunsch, einmal Kakao,“ fasste er zusammen.
davor, automatisch, ab. überrascht,
Sie bekamen ihre Becher, gingen wieder ein Stück zur Seite. Lukas sah, wie der Vater an seinem Becher roch, einen vorsichtigen Schluck nahm. Kein verzogenes, enttäuschtes Gesicht. Eher ein neutrales: Okay, so schmeckt eben Kinderpunsch. Lukas fühlte, wie etwas in ihm ein kleines bisschen weicher wurde. Er versucht es, dachte er. Zumindest heute. „Wie ist die Skala?“ fragte Erling leise. Lukas überlegte. „Fünfeinhalb bis sechs,“ sagte er. „Geräusche sind viel, Leute sind viel, aber ich kann noch atmen. Punsch hilft.“ Ein kurzer Moment mit der Mutter – Thema Oma Als sie weitergingen, blieben Lukas und seine Mutter kurz hinter den anderen zurück. Erling und der Vater gingen schon voraus, blieben an einem Stand mit Holzsachen stehen. „Hast du seit gestern noch an Oma gedacht?“ fragte die Mutter. „Ja,“ sagte Lukas. „Viel.“ „Und?“ fragte sie. „Ich weiß immer noch nicht, ob ich mich freue oder wütend bin,“ sagte er. „Beides. Sie hat mir wehgetan. Aber sie hat wenigstens zugegeben, dass sie falsch lag. Das ist mehr, als manche andere jemals tun.“ Die Mutter nickte. „Du musst nichts entscheiden,“ sagte sie. „Kein „ja, wir sehen uns“, kein „nein, nie wieder“. Du darfst das offenlassen.“ „Patrik wird ausrasten, wenn er erfährt, dass sie mir geschrieben hat,“ murmelte Lukas. „Ja,“ sagte sie. „Aber seine Reaktion ist seine Verantwortung, nicht deine. Du bist nicht der Brandsatz in seinem Kopf. Du bist nur der, den er gerade dafür missbrauchen will.“ Lukas nahm einen weiteren Schluck Punsch. „Wenn ich ihn irgendwann im neuen Jahr sehe,“ sagte er leise, „will ich nicht mehr das Gefühl haben, dass er über mein ganzes Leben bestimmt.“ „Guter Plan,“ sagte die Mutter. Vorne winkte Erling. „Komm,“ rief er. „Hier gibt’s Holzpuzzle. Perfekt für jemanden mit deinem Gehirn.“ Holzpuzzle, Erinnerungsstücke & ein kleiner Kauf Am Stand lagen lauter Holzsachen: Puzzles, kleine Figuren, Schlüsselanhänger, Drehrätsel, die aussahen, als wären sie dafür gemacht, nervöse Hände zu beschäftigen. Lukas nahm eins in die Hand – ein kleines Holzpuzzle, das aus mehreren Teilen bestand, die man auseinandernehmen und wieder zusammensetzen musste. Er drehte die Teile in der Hand, spürte, wie dieser ganz besondere Fokus einsetzte: alles andere rückte kurz in den Hintergrund. „Das ist perfekt für Vorlesungen, in denen man nicht wegkommt,“ sagte er halblaut. „Besser als am Pulli rumzuknabbern.“ „Willst du es?“ fragte die Mutter. „Ich…“ er stockte. „Es ist nicht nötig.“
„Nötig ist hier nichts,“ sagte sie. „Aber wenn es dir hilft, deine Hände zu beschäftigen, ohne dich selbst zu verletzen, ist es eine gute Investition.“ Sie warf einen Blick auf das Preisschild. „Das können wir uns leisten,“ sagte sie. „Heute. Nicht morgen, nicht „vielleicht irgendwann“. Heute.“ Lukas nickte. Sie kauften das Puzzle. Er steckte es in die Jackentasche, neben die Mut-Karte. Vielleicht brauch ich demnächst eine Tasche nur für Dinge, die mich zusammenhalten, dachte er kurz. Ein letzter Rundgang – Lichter im Kopf speichern Sie drehten noch eine letzte Runde über den Markt. Lukas versuchte, bewusst zu speichern: • wie die Lichterketten im Gegenlicht aussahen, • wie die Luft nach Zucker, Fett und Punsch roch, • wie sich die Schritte auf dem etwas klebrigen Boden anfühlten, • wie neben ihm Erling leise irgendwelche Kommentare zu verrückt dekorierten Buden murmelte, • wie sein Vater neben seiner Mutter herging und ausnahmsweise kein Chaos erzeugte. Wenn im neuen Jahr alles wieder eskaliert, dachte er, will ich mich daran erinnern, dass es auch solche Tage gab. Nicht perfekt. Aber ruhig. Sie blieben noch kurz bei der Bühne stehen, wo gerade zwei Typen versuchten, Weihnachtslieder zu spielen, die längst keiner mehr hören wollte. Es war schief, nicht besonders professionell, aber sympathisch. „So klingt’s in meinem Kopf, wenn Patrik redet,“ murmelte Lukas. „Schief, laut und irgendwie. Nur dass die hier wenigstens versuchen, was Gutes draus zu machen.“ Letzte Szene auf dem Markt – Foto & kleines Versprechen Kurz bevor sie den Markt wieder verlassen wollten, blieb die Mutter stehen. „Bevor wir gehen,“ sagte sie, „möchte ich ein Foto machen.“ Lukas erstarrte kurz. „Gruppenfoto?“ fragte er skeptisch. „Ja,“ sagte sie. „Nicht fürs Internet. Nur für uns. Für dieses Jahr. Für diesen Tag. Du kannst es danach in deine Mappe kleben, wenn du magst – oder in die Schublade legen. Aber ich will einen Beweis, dass wir heute hier waren, und dass es nicht im Chaos geendet ist.“ Erling lachte leise. „Ich bin dabei,“ sagte er. „Aber nur, wenn ich auf der guten Seite stehe.“ Der Vater stellte sich neben Lukas, die Mutter auf die andere Seite. Erling dahinter, leicht schräg, damit man alle sieht. Ein Passant, den die Mutter höflich fragte, nahm das Handy und knipste ein paar Bilder: • eines, auf dem der Vater etwas verunsichert in die Kamera schaut, • eines, auf dem Lukas den Mund leicht zur Seite zieht,
und dann eines, in dem tatsächlich alle, wenn auch unterschiedlich, aber ehrlich lächeln. „Das letzte ist gut,“ sagte die Mutter und zeigte es ihnen. Lukas betrachtete es. Kein perfektes Instagram-Familienfoto. Aber auch keins, auf dem man dachte: Die hassen sich alle. „Schick es mir,“ sagte er. „Ich hab Platz in meinem Heft. Neben das Stadionbild.“ „Mach ich,“ sagte die Mutter. Erling sah ihn an. „Wenn du irgendwann nicht mehr an den Wintermarkt denkst, weil dein Kopf voller anderer Sachen ist,“ sagte er, „erinner ich dich daran, dass es diesen Tag gab.“ „Du bist wie eine Backup-Festplatte,“ murmelte Lukas. „Ich bevorzuge den Begriff „Cloud-Speicher“,“ gab Erling zurück. •
Rückweg – Winterluft und vorsichtige Erleichterung Sie verließen den Markt, gingen zurück zum Auto. Der Lärm wurde mit jedem Meter leiser, die Luft kälter, klarer. „Skala?“ fragte Erling nochmal, als sie ein Stück Abstand zum Eingang hatten. Lukas überlegte ernsthaft. „Ich glaube… fünf,“ sagte er. „Ich bin müde, aber nicht überreizt. Ich könnte einklappen, aber nicht explodieren.“ „Fünf ist gut,“ sagte die Mutter. Im Auto war es still. Diesmal keine Radio-Musik, nur Straße. Der Vater griff nach seinem Handy, legte es aber wieder weg. Man spürte, dass er überlegen musste, was er sagen durfte, ohne die fragile Ruhe zu zerstören. „Danke,“ sagte er schließlich, leise, in Richtung von allen. „Dass ihr mir heute zugetraut habt, nicht alles zu ruinieren.“ Lukas sah aus dem Fenster. „Danke,“ sagte er zurück, „dass du es nicht getan hast.“ Zuhause – Nachklang eines normalen Tages Wieder in der Wohnung, zogen sie Jacken und Schuhe aus. Die Mutter ging in die Küche, stellte Wasser für Tee auf. „Heute Abend keine große Essensnummer,“ sagte sie. „Brot, Reste, wer Hunger hat, findet was.“ Lukas und Erling zogen sich wieder ins Zimmer zurück. Lukas setzte sich an den Schreibtisch, öffnete sein eigenes Notiz- und Erinnerungsheft.
Er klebte das ausgedruckte Wintermarkt-Foto (die Mutter hatte es tatsächlich schnell ausgedruckt) auf eine neue Seite. Darunter schrieb er: „Tag 34 – Letzter Wintermarkt 2025 Ich war dort mit: Mama, Papa, Erling. Letztes Jahr war Wintermarkt = Chaos: zu viel Alkohol, Prügelei, Polizei, Scham. Dieses Jahr: – kein Alkohol – gebrannte Mandeln – Kinderpunsch – Holzpuzzle – ein Foto, auf dem keiner wegläuft. Mein Vater hat den Tag nicht zerstört. Ich habe es geschafft, nicht in Panik wegzurennen. Erling war da wie ein Schutzschild. Ich weiß, dass das nicht bedeutet, dass alles gut ist. Patrik plant irgendwo seine Rache, Oma kämpft mit ihren Fehlern, die Hochschule ist immer noch gefährlich, und Heilige Drei Könige macht mir Angst. Aber: Heute war ein Tag, an dem wir zu viert auf einem Wintermarkt waren, und es gab keinen Krankenwagen, kein Feuer und keine Polizei. Vielleicht ist das für andere „normal“. Für mich ist es ein kleiner Sieg.“ Er legte den Stift weg, schloss das Heft. Erling lag auf der Matratze, scrollte auf dem Handy. „Was schreibst du da?“ fragte er. „Tagesbericht,“ sagte Lukas. „Für mein zukünftiges Ich. Damit es nicht vergisst, dass es Tage gibt, die nicht komplett scheiße sind.“ Erling nickte. „Gut,“ sagte er. „Dein zukünftiges Ich wird’s brauchen.“ Parallel – Patrik sieht ein Bild Nicht weit entfernt, in einer anderen Wohnung, saß Patrik wieder im Halbdunkel. Jemand aus der erweiterten Verwandtschaft hatte ein Foto in einen Status gestellt: Lukas, seine Eltern und Erling auf dem Wintermarkt. Lichter im Hintergrund, Punsch in der Hand. Patriks Kiefer mahlte. Er zoomte in das Bild. Die stehen da alle, als wären sie eine Einheit, dachte er bitter. *Sie lachen. Nach allem, was passiert ist. Nach allem, was ich ihnen geschrieben habe. Nach allem, was ich gesagt habe. Und Oma… schreibt ihm. Nicht mir. Ihm.“
Er sah kurz auf seinen Kalender. Der 6. Januar war wieder umkringelt. „Ihr lacht heute,“ murmelte er. „Ihr trinkt Kinderpunsch und tut so, als hättet ihr gewonnen. Aber in zwölf Tagen wird euch das Lachen vergehen. Das wird euer letzter Wintermarkt sein, an den ihr euch ohne Blut erinnert.“ Er legte das Handy weg, nahm einen Stift, schrieb auf ein Blatt: „Plan H3K – endgültiges Ultimatum.“ Noch waren es nur Worte. Bruchstücke. Gift im Kopf. Lukas wusste nichts davon. Für ihn endete der 34. Tag mit einem Gefühl, das er selten kannte: Es war laut. Es war viel. Aber es war überlebt – ohne, dass ich innerlich gestorben bin. Als er später ins Bett ging, das Holzpuzzle in der Jackentasche, die Mut-Karte auf dem Nachttisch, den Wintermarkt als Foto im Heft, dachte er kurz: Wenn das hier die Tage sind, die „dazwischen“ liegen – zwischen Katastrophen –, dann will ich davon mehr. Am Abend des 34. Tages war die Wohnung in dieses angenehme Halbdunkel getaucht, in dem man nicht mehr so genau weiß, ob der Tag noch läuft oder ob er schon still in die Nacht übergeht. Lukas hatte gerade sein Heft zugeschlagen, das Foto vom Wintermarkt klebte frisch auf der neuen Seite, die Tinte der letzten Sätze war noch nicht ganz trocken. Erling lag auf der Matratze und spielte gedankenlos an seinem Handy herum, irgendein sinnloses Kurzvideo lief ohne Ton, nur Bilder, die an ihm vorbeiflackerten. Im Flur hörte man die Mutter Geschirr wegräumen, im Wohnzimmer summte kurz der Fernseher, wurde dann aber wieder leise. Es war einer dieser Momente, wo der Tag eigentlich vorbei sein könnte – aber noch nicht ganz muss. Die Idee, die keiner kommen sieht Es klopfte an der Zimmertür. „Ja?“ rief Lukas. Die Mutter steckte den Kopf rein. „Ihr zwei?“ fragte sie. „Habt ihr noch Energie oder seid ihr schon offiziell zu Staub zerfallen?“ „Hängt von der Aufgabe ab,“ meinte Lukas. „Wenn es um Mathe geht: tot. Wenn es um Serien geht: geht so. Warum?“ Sie trat ganz in den Raum, lehnte sich an den Türrahmen. „Ich hätte einen Vorschlag,“ sagte sie. „Ohne Pflicht, nur als Option.“
Lukas und Erling sahen sie an. „Schieß los,“ sagte Lukas. „Was haltet ihr davon,“ begann sie, „wenn wir heute Abend noch ins Kino gehen? Nix Anspruchsvolles. Irgendwas Leichtes. Komödie oder Familienfilm. Einfach sitzen, Popcorn essen und zwei Stunden lang nicht über Uni, Patrik, Gericht oder sonstwas nachdenken.“ Lukas blinzelte. Kino. In seinem Kopf tauchten sofort Bilder auf: • dunkler Saal, • laute Boxen, • viele Menschen, • dieser Moment, wenn alles auf einmal losbrüllt. Gleichzeitig aber auch: • Popcorn, • großes Bild, • kurze Flucht aus dem Alltag. „Gibt’s Filme, in denen niemand entführt, gefoltert oder verurteilt wird?“ fragte er skeptisch. Die Mutter lächelte schmal. „Ich hab vorhin kurz ins Programm geguckt,“ sagte sie. „Da läuft eine Weihnachtskomödie und so ein Animationsfilm mit sprechenden Tieren. Beide ohne Serienkiller.“ Erling setzte sich auf. „Ich bin dafür,“ sagte er. „Wintermarkt und Kino an einem Tag? Das ist fast schon ein normaler Familien-Ferien-Tag.“ Lukas merkte, wie sein Kopf kurz protestierte: Noch mehr Menschen, noch mehr Geräusche, noch mehr Eindrücke. Dann dachte er an etwas anderes: Wenn ich immer „nein“ sage, gewinnt am Ende nur die Angst. „Unter einer Bedingung,“ sagte er langsam. „Welche?“ fragte die Mutter. „Wir sitzen nicht ganz mitten in der Menschenmasse,“ sagte Lukas. „Am Rand, oben oder unten, egal. Und wir gehen, wenn ich merke, es geht nicht mehr. Kein „reiß dich zusammen“, kein „die Tickets waren teuer“.“ Die Mutter nickte ernst. „Abgemacht,“ sagte sie. „Und du nimmst deine Kopfhörer oder Ohrstöpsel mit, falls die Lautstärke dich erschlägt.“ „Okay,“ sagte Lukas. „Dann… ja. Kino.“ Vorbereitung – Kopfhörer, Jacke, sichere Sachen Bevor sie losgingen, ging Lukas seine übliche Checkliste im Kopf durch: • Handy geladen? • Mut-Karte im Portemonnaie? • Holzpuzzle in der Jackentasche – „Notfall-Beschäftigung“? • Kopfhörer / Ohrstöpsel griffbereit? Er nahm seine In-Ear-Ohrstöpsel, rollte sie zwischen den Fingern. Sie waren schon beim letzten Konzertbesuch seine Rettung gewesen. „Ich bin diesmal besser ausgerüstet als das halbe IT-Team der Hochschule beim Cyberangriff,“ murmelte er. Erling stand an der Tür, Jacke schon an, Mütze in der Hand.
„Ich hab nur mich dabei,“ sagte er. „Man sagt, das reicht, um Abwehr und Angriff zu stabilisieren.“ „Im Zweifel kannst du den Ton des Films mit Kommentaren übertönen,“ meinte Lukas. Sie trafen die Eltern im Flur. Der Vater hatte sich eine Jacke übergezogen, sah ein bisschen müde, aber wach aus. „Ich hab schon geguckt,“ sagte die Mutter. „Im Kino am Südring läuft um 20:15 Uhr dieser Animationsfilm mit den verrückten Tieren und um 20:30 Uhr eine leichte Weihnachtskomödie. Ich würde spontan entscheiden, was noch frei ist.“ „Keine Horrorfilme,“ stellte Lukas klar. „Nein,“ sagte sie. „Heute nicht. Und wahrscheinlich auch nicht in diesem Leben.“ Auf dem Weg zum Kino – Stadt in Abendstimmung Sie fuhren mit dem Auto zum Kino. Die Stadt war in diese besondere Abendstimmung getaucht: Die meisten Weihnachtsmärkte hatten bereits zugemacht, aber die Lichterketten in den Straßen hingen noch. Die Straßen waren zwar belebt, aber nicht so überfüllt wie vor den Feiertagen. Auf der Fahrt sagte niemand viel: Die Mutter konzentrierte sich aufs Fahren, der Vater schaute aus dem Fenster, Erling und Lukas saßen hinten. Lukas sah aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter, Autos, Bushaltestellen, Menschen mit Tüten. Hier fahren so viele Leute rum, die keine Ahnung haben, was bei uns alles los war, dachte er. Und wir haben keine Ahnung, was bei denen los ist. Irgendwie beruhigend. Das Kino war in einem größeren Gebäudekomplex, mehrere Säle, großes Foyer. Die Leuchtschrift an der Fassade flackerte leicht, Filmtitel in großen Buchstaben. Eintritt ins Foyer – Reize, aber auch Struktur Sie betraten das Foyer. Es war hell, große Deckenlampen, Leuchtreklamen für Filme, ein Automat mit Kartenabholung, Popcorn-Geruch, dieser typische Mix aus Süßem, Cola und Platzreinigungsmittel. Lukas spürte, wie sein Körper auf erhöhte Alarmstufe ging, aber nicht in den roten Bereich. Die Mutter blieb einen Moment stehen. „Skala?“ fragte sie leise. „Sechs,“ antwortete er. „Aber noch okay. Es hilft, dass alles so… klar aussieht. Schlangen, Schalter, Schilder.“ Erling nickte. „Das Foyer ist wie ein Stadion-Gang,“ sagte er. „Viele Leute, viel Drumherum, aber am Ende weißt du: du gehst zu deinem Sitzplatz.“
„Wenn du anfängst, die Leute hier taktisch zu analysieren, geh ich wieder,“ meinte Lukas. Sie gingen gemeinsam zur großen Anzeigetafel. Entscheidung für den Film Auf der Anzeige standen die heutigen Vorstellungen: • 20:15 „Tierisch verrückte Weihnachten“ (FSK 6) – Animationsfilm • 20:30 „Eine Familie und andere Katastrophen“ – Komödie • 20:45 irgendein Action-Ding mit Explosionen, • später am Abend diverse Filme, die Lukas gar nicht lesen wollte. „Ich wäre für den Tierfilm,“ sagte Lukas. „Tiere, die reden, sind mir lieber als Menschen, die schreien.“ Erling las sich die Kurzbeschreibung durch. „Klingt nach Chaos, aber harmlos,“ meinte er. „Ich bin dabei.“ Die Mutter nickte. „Gut,“ sagte sie. „Dann 20:15. Reicht, wenn wir gleich Tickets kaufen. Essen holen wir danach.“ Der Vater sah auf die Uhr. „Wir haben noch genug Zeit,“ sagte er. „Keine Hektik.“ Ticketkauf – Automat vs. Mensch „Wollt ihr am Automat oder an die Kasse?“ fragte die Mutter. „Automat ist planbarer,“ sagte Lukas. „Der redet nicht mit mir.“ Sie gingen zum Ticketautomaten. Großer Bildschirm, Touch-Menü, Saalplan. „Willst du drücken?“ fragte Erling. „Ja,“ sagte Lukas. „Dann hab ich Kontrolle.“ Er tippte auf den Film „Tierisch verrückte Weihnachten“, auf die Uhrzeit 20:15. Der Saalplan erschien: Viele Sitzreihen, bunte Kästchen – grün frei, grau belegt. „Wir nehmen nicht Mitte,“ murmelte Lukas. „Ich will Rand. Am liebsten Seitengang.“ Er suchte eine Reihe, etwas weiter hinten, aber nicht ganz oben. Er tippte vier Plätze an: außen Lukas, daneben Erling, daneben die Mutter, außen auf der anderen Seite der Vater. „So hab ich einen Fluchtrand,“ sagte Lukas. „Und du sitzt neben mir.“ „Und ich hab zwischen mir und deinem Vater einen Puffer,“ kommentierte Erling trocken. Die Mutter nickte. „Gute Anordnung,“ sagte sie. Sie bestätigten die Plätze, wählten „4 Tickets – normal“.
An der Kasse bezahlte die Mutter, der Automat spuckte vier Papiertickets aus. Lukas nahm sein Ticket in die Hand. Da stand: Saal 3 – Reihe J, Platz 4 – 20:15 Uhr Er strich mit dem Daumen über die Zahlen. Ich habe eine feste Position, dachte er. Ich bin nicht irgendwo im Chaos. Ich habe einen Punkt im Raum, der „mir gehört“. Popcorn, Getränke & Triggerkontrolle „Will jemand Popcorn?“ fragte die Mutter. Lukas zögerte. „Wenn wir nichts nehmen,“ sagte er, „fühlt es sich falsch an. Wenn wir zu viel nehmen, wird mir schlecht.“ „Kleine Portion,“ schlug Erling vor. „Salzig oder süß?“ „Gemischt,“ sagte Lukas. Sie stellten sich an der Snack-Theke an. Die Schlange war moderat, nicht diese riesige Menschenschnecke wie bei großen Premieren. Überall leuchteten Bildchen von Popcorn, Nachos, Cola. Als sie dran waren, bestellten sie: • eine große gemischte Popcorn-Schale für alle, • eine kleine Cola für Lukas, • Wasser für die Mutter, • Fanta für den Vater, • und ein mittelgroßer Kakao für Erling (natürlich). Lukas beobachtete den Vater genau. Kein Blick Richtung Bier, kein nervöses Suchen auf der Karte. Vielleicht meint er es diesmal ernst, dachte Lukas. Zumindest heute Abend. Sie bekamen ihre Sachen, balancierten Becher und Schale. Warten vor dem Saal – leichte Nervosität Vor Saal 3 standen schon einige Leute: Familien mit Kindern, Teenager-Gruppen, ein paar Pärchen. Das Poster vom Film zeigte lauter überdrehte Tiere in Weihnachtsklamotten. Lukas lehnte sich an die Wand, Ohrstöpsel in der Hand. „Wenn der Trailerblock anfängt,“ sagte er, „setze ich die rein, bis ich das Gefühl habe, dass es geht.“ „Gute Idee,“ sagte die Mutter. „Wenn du willst, geh ich in der Zwischenzeit kurz noch Popcorn holen,“ flüsterte Erling ihm ins Ohr. „Wir ertrinken jetzt schon in Popcorn,“ murmelte Lukas. „Danke.“ Die Türen öffneten sich. „Reihe J,“ sagte der Vater. „Da, entlang der rechten Seite.“
Sie gingen die Treppen hinauf, Lukas achtete darauf, nicht zu schnell von den vielen Eindrücken überrollt zu werden. Ankommen im Saal – Sitzplatz als sicherer Punkt Saal 3 war mittelgroß. Reihen stiegen nach oben, die Leinwand war groß, aber nicht erdrückend. Es roch nach Popcorn, Stoff, ein bisschen nach Menschen. Sie fanden Reihe J. „Da, Plätze 3, 4, 5, 6“, murmelte Erling. Lukas ließ die anderen zuerst durch, setzte sich an den Platz ganz außen. Er testete die Lehne, die Beinfreiheit, den Abstand zur Treppe. Wenn ich raus muss, dachte er, komme ich schnell raus. Kein „Entschuldigung, Entschuldigung“ quer durch die Reihe. Neben ihm setzte sich Erling, dann die Mutter, ganz außen der Vater. Die Lichter waren noch an, Leises Gemurmel im Raum. Werbung lief bereits auf der Leinwand, noch ohne volle Lautstärke. Lukas nahm die Ohrstöpsel, setzte sie ein. Die Welt wurde gedämpft. Die Stimmen wurden zu einem Hintergrundrauschen, das ihn nicht mehr so direkt traf. Er griff nach etwas Popcorn, schob es sich in den Mund. Es ist wie bei einer Fußballauswärtsfahrt, dachte er. Viele Leute, viel Lärm – aber du bist nur mit deinem kleinen Team unterwegs. Trailerblock & erster Test Die Lichter gingen weiter runter. Der Trailerblock begann. Er war laut. Autos, Explosionen, dramatische Stimmen. Lukas war froh um Ohne sie wäre es die volle Reizklatsche gewesen. Er spürte, wie sein Puls zwingte sich, nicht aufzuspringen. Erling beugte sich zu ihm. „Alles okay?“ flüsterte er. Lukas nickte. „Mit den Stöpseln ja,“ sagte er. „Ohne wäre ich weg.“
Musik, die kurz
Ohrstöpsel. hochging,
Er atmete konzentrierte sich auf das gleichmäßige Ziehen der Luft. Zwischen zwei Trailern leerte sich sein Kopf kein nur Schwarz. Er nahm das Holzpuzzle aus der fühlte die Kanten zwischen den drehte sodass sein Gehirn eine andere Art von Input bekam. Okay, dachte er. Ich bin hier. Ich kann bleiben. Ich explodiere nicht.
tief, kurz, Bild, Tasche, Fingern, es,
Der Film beginnt – und etwas in ihm entspannt sich Das Licht ging fast ganz aus, das Logo vom Verleih erschien, Musik setzte ein. Der Animationsfilm startete. Schon die erste Szene zeigte eine viel zu überdrehte Ziege im Weihnachtskostüm, die irgendwelche Päckchen durch den Schnee schleppte und dabei ständig hinfiel. Kinder im Saal lachten. Ein paar Erwachsene auch. Lukas merkte, wie sich seine Schultern langsam senkten. Okay, dachte er. Das ist einfach nur albern. Kein Gerichtssaal, keine Polizei, kein Krankenhaus. Die Tiere waren chaotisch, aber nett-chaotisch. Ein Hund, der unbedingt den perfekten Weihnachtsbaum wollte. Eine Katze, die Weihnachten hasste. Ein Rentier, das Lampenfieber hatte. Die Gags waren manchmal vorhersehbar, manchmal dumm, aber nie bösartig. Zwischendurch nahm Lukas die Ohrstöpsel kurz raus, prüfte die Lautstärke. Es war laut, aber gerade noch ertragbar. Er ließ sie für die meisten Szenen trotzdem drin – nicht, weil er den Film nicht hören wollte, sondern, weil er in seinem eigenen Körper bleiben wollte. Er griff manchmal unbewusst nach Popcorn, teilte sich die Schale mit Erling. Einmal, als eine besonders laute Szene kam, legte Erling kurz die Hand auf seine Schulter. Nicht fest, nur als Zeichen: Ich bin da. Lukas ließ es zu. Kleine Blicke während des Films Zwischendurch warf Lukas kurze Blicke auf seine Familie: • Die Mutter lachte leise an denen die Erwachsenen-Gags versteckt waren.
Der Vater sah konzentriert auf die Leinwand, als wolle er beweisen, dass er nicht aus der Reihe tanzt. Ab und zu verzog auch er den Mund zu einem Lächeln. • Erling lachte am lautesten, besonders bei Szenen, in denen jemand unkoordiniert im Schnee ausrutschte. In einem anderen Leben wären wir vielleicht wirklich einfach nur so, dachte Lukas. Familie geht ins Kino, lacht über blöde Tiere, fährt nach Hause. Punkt. •
Ein Moment von… Frieden Es gab eine Szene im Film, in der die Tiere zusammen auf einem zugefrorenen See standen, unter sternklarem Himmel, Lichterketten im Hintergrund. Die Musik war plötzlich ruhiger, keine Gags, nur ein paar einfache Sätze über Familie, die man sich aussuchen und behalten kann. Lukas spürte, wie ihn das mehr traf als die lauten Szenen. Er dachte an: • die Nachricht von Oma, • den Wintermarkt, • den Vater ohne Alkohol, • das Foto von heute, • Erling neben ihm, • seine Mutter, die in ihrem Kopf vermutlich wieder Listen machte, wie sie alle irgendwie heil über den Januar bringen konnte. Vielleicht, kam ihm der vorsichtige Gedanke, ist das hier so eine Art Vorschau auf ein Leben, das nicht permanent brennt. Nicht ohne Probleme. Aber auch nicht nur voller Katastrophen. Filmende – Licht an, Realität bleibt, aber anders Der Film endete typischerweise: zu viele Lichter, zu viel Musik, alle Tiere glücklich, alles geht irgendwie gut aus. Als der Abspann lief, ging das Licht langsam wieder an. Die Leute standen auf, Stühle klappten, Jacken raschelten. Lukas blieb noch einen Moment sitzen. Nicht, weil er überfordert war, sondern, weil er diesen Übergang genießen wollte: Aus der Kunstwelt zurück in die echte Welt. „Wie ist die Skala?“ fragte Erling, sich zu ihm beugend. Lukas dachte nach. „Sechs,“ sagte er. „Angenehme sechs. Nicht perfekt ruhig, aber deutlich kein Absturz.“
„Der Film war doof, aber lieb-doof,“ meinte Erling. „Genau richtig für heute,“ sagte Lukas. Sie standen gingen den Gang entlang raus aus dem Saal.
Zurück im Foyer – kurze Zusammenfassung Im Foyer war es etwas leerer als beim Ankommen. Viele Leute waren schon weg, ein paar standen noch an, um Getränke oder Popcorn nachzufüllen. „War’s okay für dich?“ fragte die Mutter, als sie die Türen verließen. Lukas nickte. „Ja,“ sagte er. „Kinosaal ist reizvoll, aber wenigstens sitzt man. Und ich wusste, dass ihr da seid.“ Der Vater sah ihn an. „Danke, dass du mitgekommen bist,“ sagte er ruhig. „Ich weiß, dass das für dich mehr Arbeit bedeutet, als es für andere aussieht.“ Lukas sah ihn an, wartete auf das typische „aber“ – es kam keins. „Gerne,“ sagte er knapp. „Solange die Filme ohne Krankenwagen enden, bin ich dabei.“ Heimweg – Nacht in Mainz Die Fahrt nach Hause war ruhig. Draußen war die Stadt dunkler, nur noch Straßenlaternen, ein paar Taxis, die letzten Busse. Im Auto sagte kaum jemand etwas. Die Mutter fuhr, der Vater sah nach vorne, Erling hatte die Augen halb geschlossen, Lukas beobachtete die Lichterstreifen am Fenster. Wintermarkt und Kino an einem Tag, dachte er. Und ich lebe noch. Und mein Kopf ist voll, aber nicht komplett kaputt. Es war einer dieser Abende, die sich nicht wie eine riesige Wendung anfühlten, aber wie ein Baustein. Ein Beweisbaustein: Es geht. Ich kann in die Welt raus, ohne dass sie mich jedes Mal erschlägt. Später im Bett – ein leiser Beschluss Wieder zu Zähne Licht gedimmt. Lukas lag im Erling auf der Matratze neben ihm. „Wie würdest du den Tag insgesamt bewerten?“ fragte Erling in die Dunkelheit. Lukas dachte nach.
Hause, geputzt, Bett,
„Wintermarkt, Kino, kein Ausrasten, keine Polizei, kein Krankenhaus,“ zählte er im Kopf. „Oma-Nachricht im Hintergrund, aber nicht heute dominant. Papa ohne Alkohol.“ „Ich glaube… eine Sieben,“ sagte er schließlich. „Sieben von zehn. Für meine Verhältnisse extrem hoch.“ „Dann merken wir uns diesen Tag,“ sagte Erling. „Als Referenzwert.“ „Tag 34: Wintermarkt plus Kino,“ murmelte Lukas. „Vielleicht schreib ich morgen noch was ins Heft.“ Seine Augen wurden schwer. Er dachte noch kurz an Patrik, den er sich irgendwo in einer dunklen Wohnung vorstellte, mit seinem Kalender und seinen Plänen. Ein kurzer Stich. Dann schob er das Bild weg. Nicht heute, dachte er. Heute gehört dem Teil meines Lebens, der leuchten darf, ohne gleich zu verbrennen. Mit diesem Gedanken glitt er langsam in den Schlaf, mit Popcorn-Geruch noch in der Nase, Lichterketten im Kopf und einem Gefühl, das er sich fast nicht zu denken traute: Vielleicht bin ich doch nicht komplett verloren in dieser Welt. Der fünfunddreißigste Tag begann mit einem Geräusch, das in dieser Wohnung inzwischen fast verdächtig harmlos geworden war: dem Vibrieren eines Handys auf dem Nachttisch. Morgen – Handyvibrieren und Zukunft im Kopf Lukas blinzelte, griff automatisch nach seinem Smartphone und stellte fest, dass es schon wieder knapp bei 10 % Akku war, obwohl er es erst gestern Abend voll geladen hatte. Der Bildschirm reagierte verzögert, wischte ruckelig, eine App fror kurz ein. Du bist müde, dachte er in Richtung Gerät. Willkommen im Club. Neben ihm auf der Matratze drehte sich Erling auf die Seite. „Dein Handy klingt, als hätte es Asthma,“ murmelte er verschlafen. „Mein Handy ist mental im Ruhestand,“ gab Lukas zurück. „Körper noch da, Leistung weg.“ Er entsperrte das Display, sah kurz über die Benachrichtigungen: • nichts Neues von Oma, • keine Mail von der Hochschule, • keine neue Nachricht von Patrik, • ein Werbe-Newsletter mit „Mega-Endjahresangebote!!!“. Das letzte blieb hängen. Endjahresangebote… Handy…, dachte er. Er sah auf sein Gerät. Die Rückseite hatte kleine Kratzer, der Akku war gefühlt so zuverlässig wie sein Vater im letzten Jahr, die Kamera brauchte gefühlte fünf Sekunden, um scharfzustellen. Und dann war da noch dieses andere Thema: sein Laptop, Cyberangriffe,
die Lernplattform, die Warnung, dass sich Geräte derzeit nicht sicher anmelden sollten. Wenn der Laptop spinnt, brauche ich wenigstens ein Handy, auf das ich mich verlassen kann, dachte er. Sein Kopf begann, still zu rechnen: • Zukunft, • Studium (wenn es weitergeht), • Notizen fürs Lernen, • Fotos von Unterlagen, • Kommunikation mit Therapie, Assistenz, Familie. Und tiefer dahinter: der Wunsch, etwas Neues zu haben, das nicht an Krankenhauszimmer, Gerichtsflure oder den alten Keller erinnerte. Küche – Kaffee, Brötchen und ein Plan Sie gingen in die Küche. Die Mutter war schon wach, in gemütlichen Klamotten, mit einem Becher Tee in der Hand. Der Vater saß am Tisch, vor sich nur eine Tasse Kaffee und – inzwischen fast schon symbolisch – das Notizbuch, das geschlossen daneben lag. „Morgen,“ murmelte Lukas, setzte sich. „Morgen,“ sagten alle. Auf dem Tisch standen: • frische Brötchen vom Bäcker, • Butter, Käse, Marmelade, • ein Rest Weihnachtsgebäck in einer halb leeren Blechdose. „Was steht heute an?“ fragte die Mutter. „Ich hab darüber nachgedacht,“ sagte Lukas vorsichtig, „mir ein neues Handy zu holen.“ Der Vater hob eine Augenbraue. „Jetzt, wo dieses Jahr bald rum ist?“ fragte er. „Genau deswegen,“ sagte Lukas. „Ich hätte gerne ein Gerät, das nicht mehr alles in sich trägt, was im letzten Jahr passiert ist. Und mein jetziges ist… müde.“ Er schob es in die Mitte des Tisches. Der Riss am Rand, die kleinen Kratzer, die ruckelnde Oberfläche erzählten ihre eigene Geschichte. „Welches willst du denn?“ fragte die Mutter. Lukas schluckte kurz. „Galaxy S25 Ultra,“ sagte er leise. „Mit Stift. Gute Kamera. Großer Speicher. Ich weiß, das klingt nach Overkill, aber…“ Er brach ab, suchte nach Worten. Erklärung – Warum dieses Handy mehr ist als Spielzeug „Sag, was du damit machen willst,“ meinte Erling ruhig. Lukas atmete tief durch. „Ich will etwas, was ich für alles nutzen kann, was mir wichtig ist,“ begann er. „Zum Beispiel?“, fragte der Vater. „Zum Beispiel…“ er zählte an den Fingern ab:
„– Vorlesungsfolien fotografieren, wenn der Laptop wieder zickt wegen Cyberangriffen. – Mitschriften machen mit dem Stift, wenn meine Hand bei Stress nicht so gut schreiben kann. – Fotos von Dingen, die gut laufen: Ausflüge, Konzerte, Tage wie gestern. – Kontakt mit Therapie und Assistenz, ohne dass das Ding ständig abstürzt. – Und…“ – er senkte kurz den Blick – „…ich will was Neues für den Neustart. Nicht nur innerlich, auch äußerlich.“ Die Mutter hörte aufmerksam zu. „Hast du geschaut, was das kostet?“ fragte sie vorsichtig. Lukas nickte. „Ja,“ sagte er. „Es ist teuer. Sehr teuer. Aber… ich habe Weihnachtsgeld, Geburtstagsgeld, ein bisschen Rücklagen. Wenn ihr einen Teil übernehmt und ich einen Teil, könnte es gehen. Ich will nicht, dass ihr alles zahlt.“ Der Vater nahm einen Schluck Kaffee, sah nachdenklich aus dem Fenster. „Ich habe in den letzten Jahren sehr viel Geld verbrannt,“ sagte er nach einer Weile. „Wortwörtlich und im übertragenen Sinn.“ Der Gedanke an den angezündeten Rollstuhl stand unübersehbar im Raum. „Wenn es dir hilft, dein Studium – oder was auch immer kommt – besser zu schaffen,“ fuhr er fort, „dann ist das eine deutlich bessere Investition als alles, was ich in den letzten Jahren angesoffen habe.“ Er sah Lukas direkt an. „Ich zahle die Hälfte,“ sagte er. „Wenn du die andere Hälfte aus deinen Rücklagen nimmst, ist es fair. Und das hier ist keine „Belohnung“, sondern ein Werkzeug.“ Lukas schluckte. „Bist du sicher?“ fragte er. „Ja,“ sagte der Vater. „Und diesmal verbrenne ich es nicht.“ Ein dünner Humorstreifen über einer ernst gemeinten Zusage. Auswahl – Farbe, Speicher, Unsicherheiten Nach dem Frühstück setzten sich Lukas und Erling ins Wohnzimmer, die Mutter ließ ihnen bewusst Raum. Der Fernseher blieb aus, stattdessen holte Lukas das Tablet hervor, öffnete die Seite des Elektronikshops. Groß prangte dort: Galaxy S25 Ultra – Vorbestellung / Lieferung in wenigen Tagen. Er wischte sich die Hände an der Hose ab, sie waren plötzlich leicht schwitzig. „Welche Farbe?“ fragte Erling. Auf dem Bildschirm: • Schwarz, • Dunkelgrün, • Silber, • ein leicht bläuliches Modell. Lukas starrte eine Weile auf die Optionen. „Früher hätte ich sofort Schwarz genommen,“ sagte er. „Unauffällig. Unsichtbar. Standard.“ „Und heute?“ fragte Erling. „Heute… will ich etwas, was nicht schreit, aber auch nicht komplett untergeht,“ sagte Lukas. „Dunkelgrün.“ Er tippte auf „Dunkelgrün“.
„Speicher?“ fragte Erling. „Minimal 256,“ murmelte Lukas. „Lieber 512. Ich kenne mich. Ich lösche Dinge nicht. Ich sammle.“ Er wählte 512 GB. Der Preis erschien. Es war eine Zahl, bei der sein Bauch kurz krampfte. Das ist viel Geld. Sehr viel Geld. Kann ich mir das „wert“ sein? Der Gedanke kroch hoch, den er viel zu gut kannte: Bin ich das wert? Oder ist das Verschwendung an jemanden, der ständig Probleme macht? Erling sah ihn an, als hätte er die Gedanken gehört. „Du investierst hier nicht in Spielzeit bei Candy Crush,“ sagte er. „Du investierst in dein Leben. In Fotos, Notizen, Erinnerung – und in die Möglichkeit, von überall aus Hilfe zu holen, wenn es brennt. Das ist nicht Luxus, das ist Ausrüstung.“ Lukas atmete langsam ein und aus. „Okay,“ sagte er. „Wir machen das.“ Bestellvorgang – jeder Klick schwer Die Mutter kam dazu, setzte sich auf die Sofakante. „Bereit?“ fragte sie. „Bereit-ish,“ meinte Lukas. Sie sah zusammen auf den Bildschirm. Adresse war schon gespeichert, Zahlungsmethode ebenfalls – aber diesmal wählten sie bewusst: • einen Teil von Lukas’ Konto, • einen Teil über das Konto der Eltern. Die Mutter gab die Daten ein, Lukas saß daneben und sah zu, als würde es um eine Operation gehen. „Noch abbrechen möglich?“ fragte er halb im Scherz, halb im Ernst. „Bis ich auf „Jetzt kaufen“ drücke: ja,“ sagte sie. „Drück,“ sagte er dann. Sie tat es. Ein Lade-Kreis drehte sich, für einen Moment schien die Zeit in der Luft zu hängen. Dann: „Bestellung erfolgreich – voraussichtliche Lieferung: in wenigen Tagen.“ Lukas starrte auf den Satz. Das war’s, dachte er. Ich habe gerade ein Stück Zukunft bestellt. Die Mutter nahm die Hand vom Tablet. „Herzlichen Glückwunsch,“ sagte sie. „Du hast gerade etwas getan, wozu viele Erwachsene Jahre brauchen: Du hast in dich selbst investiert.“ Der Vater, der im Türrahmen gestanden hatte, trat näher. „Wenn es kommt,“ sagte er, „helfe ich dir beim Einrichten, ohne Dinge kaputt zu machen. Versprochen.“ Mittagsstimmung – Zwischen Euphorie und Angst
Später, als das Tablet wieder zu war und der Bestellbestätigungs-Link in Lukas’ Mailpostfach ruhte, saß er eine Weile einfach nur auf der Couch, die Gedanken wie in Watte. „Wie fühlst du dich?“ fragte Erling. „Weiß ich noch nicht,“ sagte Lukas ehrlich. „Ein Teil von mir freut sich. Ein anderer Teil hat sofort angefangen, eine Liste zu schreiben, warum ich das nicht verdient habe.“ „Was steht da?“ fragte Erling ruhig. „Dass ich zu oft in Kliniken war, zu oft alles kaputt gemacht hab, zu viel Drama mitgebracht hab, zu viel Geld gekostet hab,“ zählte Lukas auf. „Und was würde deine Autismusassistenz dazu sagen?“ fragte Erling. Lukas seufzte. „Sie würde sagen, dass das alles Dinge sind, die passiert sind,“ murmelte er. „Aber sie sind kein Maßstab für meinen Wert. Und auch nicht dafür, ob ich ein funktionierendes Gerät benutzen darf.“ „Dann speicher das ab,“ meinte Erling. „Dein Kopf hat genug alte Sätze, die dir schaden. Gib ihm mal einen, der hilft.“ Nachmittag – Alltag und leise Vorfreude Der Rest des Nachmittags verlief ruhig. Die Mutter nutzte die Zeit, um ein paar Dinge zu sortieren, am Kalender zu blättern, Termine für Januar anzuschauen. Der Vater verschwand kurz, kam später wieder – mit einem Kugelschreiber im Ohr und dem Notizbuch in der Hand. Lukas und Erling zockten eine Runde FC26, diesmal ohne Marathon, nur ein paar Spiele. Zwischendurch griff Lukas immer wieder unbewusst nach seinem alten Handy, öffnete die Mail mit der Bestellbestätigung, als müsste er sicher sein, dass er das nicht nur geträumt hatte. Galaxy S25 Ultra – 512 GB – Dunkelgrün. Der Schriftzug reichte, um dieses seltsame Ziehen zwischen Aufregung und Angst auszulösen. Er legte das Handy wieder weg. Es kommt, wenn es kommt, sagte er sich. Und egal, was Patrik, die Hochschule oder sonst wer machen: Dieses Ding gehört mir. Abend – Filmwahl zuhause Der Tag neigte sich, die Dunkelheit kroch wieder an die Fenster. „Heute kein Wintermarkt, kein Kino,“ sagte die Mutter beim Abendessen. „Heute Sofa.“ Es gab einfache Abendbrot-Reste: Brötchen, Wurst, Käse, Gemüsesticks,
ein paar von den Weihnachtsplätzchen, die sich hartnäckig im Wohnzimmer hielten. „Film?“ fragte Erling, als sie fertig waren. „Ich bin dabei,“ sagte Lukas. „Aber nur, wenn es nichts ist, wo am Ende alle sterben oder jemand vom Gericht erschossen wird.“ „Also fällt die Hälfte von Papas Lieblingsfilmen weg,“ murmelte die Mutter. Der Vater hob ein bisschen abwehrend die Hände. „Heute nichts Hartes,“ sagte er. „Mir reicht „Tierisch verrückte Weihnachten“ von gestern immer noch als Geräuschkulisse im Kopf.“ Sie setzten sich ins Wohnzimmer, der Weihnachtsbaum leuchtete noch leise vor sich hin, die Decken lagen bereit. Die Mutter wählte den Streamingdienst. „Vorschläge?“ fragte sie. Lukas dachte nach. „Etwas, das harmlos ist,“ sagte er. „Mit ein bisschen Humor. Vielleicht ein Film, in dem Leute Fehler machen, aber am Ende doch nicht komplett scheitern.“ „Willst du eine Komödie, die so tut, als wäre das Leben einfach, oder eine, die zugibt, dass es kompliziert ist?“ fragte Erling. „Zweite Option,“ sagte Lukas. „Ich mag es nicht mehr, wenn Filme so tun, als würden sich alle nach einem Missverständnis einfach mit einer Umarmung vertragen.“ Die Mutter scrollte. „Hier,“ sagte sie irgendwann. „Eine Familienkomödie. Ein Typ, der glaubt, sein Leben verkackt zu haben, fährt an Weihnachten zu seiner Familie, es gibt Drama, Missverständnisse, aber nicht komplett unrealistisch. Altersfreigabe harmlos, kein Blut, keine Entführung.“ „Klingt nach Soft-Version von unserem Jahr,“ kommentierte Lukas trocken. „Läuft.“ Filmabend – Parallelen und Unterschiede Sie machten es sich gemütlich: • Lukas auf der Couch-Ecke, • Erling daneben, • die Mutter am anderen Ende, • der Vater im Sessel. Die Lichter wurden gedimmt, nur der Baum und der Fernseher leuchteten. Der Film begann. Die erste Szene: ein Typ in den Dreißigern, der überfordert in einer Großstadtwohnung sitzt, sich unfähig fühlt, den Weihnachtsbesuch bei den Eltern fürchtet. „Sympathisch,“ murmelte Lukas. „Der hat schon verloren, bevor er angekommen ist.“ Der Film erzählte von: • einer chaotischen Familie, • alten Konflikten, • falschen Erwartungen, • Versuchen, alles „normal“ wirken zu lassen. Es gab peinliche Situationen, Missverständnisse, aber auch ehrliche Gespräche. Einmal blieb Lukas’ Blick länger hängen, als der Filmvater versehentlich etwas über den Sohn erzählt,
das ihn tief und nachher dass er damit eine Grenze überschritten hat. Im Film gibt es dann in der der Vater sich ohne sich rauszureden. Lukas fühlte, wie das in ihm arbeitete. Er warf kurz einen Blick zu seinem eigenen Vater. Der saß die Hände die Augen auf den als würde er versuchen, den Dialog mitzuschreiben.
eine ruhige Szene, aufrichtig entschuldigt,
still, gefaltet, gerichtet,
Popcorn-mäßige Gedanken zwischendurch Während einer lockereren Szene, in der im Film alle in der Küche stehen und durcheinanderreden, lehnte sich Erling zu Lukas. „Wie viel erkennst du wieder?“ fragte er leise. „Viel zu viel,“ sagte Lukas. „Selbst ohne Kamera im Keller und ohne VR-Brille.“ „Glaubst du, solche Filme helfen oder machen es schlimmer?“ fragte Erling. „Kommt drauf an,“ sagte Lukas. „Wenn sie so tun, als wäre alles mit einem Gespräch erledigt, nervt es mich. Wenn sie zeigen, dass es schwieriger ist, fühle ich mich weniger wie ein Alien.“ „Und dieser?“ hakte Erling nach. „Ist irgendwo dazwischen,“ murmelte Lukas. „Aber er lügt nicht ganz. Und das ist schon viel.“ Ein Satz, der hängen bleibt Später im Film gibt es einen Moment, in dem der Hauptcharakter mit seiner Mutter in der Küche steht. Er sagt im Film: „Ich hab so lange gedacht, mit mir stimmt was nicht. In Wahrheit war nur zu viel los um mich herum, und keiner hat gemerkt, wie laut das in meinem Kopf ist.“ Lukas spürte, wie ihm der Satz in die Magengrube fuhr. Ja, dachte er. Genau das. Er bemerkte, wie seine Mutter ihre Hand, die auf der Sofalehne lag, leicht verkrampfte. Der Vater sah nicht zu ihm, aber seine Kiefermuskeln verrieten, dass der Satz auch bei ihm angekommen war. Erling atmete einmal tiefer aus und sagte nichts. Filmende – kein Wunder, aber ein ehrlicher Schluss Der Film endete nicht mit einem „und alle lebten sondern mit einem vorsichtigen Ende: Die Figuren hatten sich aber nicht alles war gelöst. Es gab keine große nur eine einfache Botschaft:
ausgesprochen, Moralkeule,
„Wir können nicht ungeschehen machen, was war. Aber wir können entscheiden, ob wir es weiter so lassen – oder etwas ändern.“ Der Abspann lief. Niemand sprang sofort auf. Sie saßen noch, die Lichter vom Baum spiegelten sich im schwarzen Bildschirm. „Wie war er?“ fragte die Mutter schließlich. „Besser als erwartet,“ sagte Lukas. „Nicht komplett kitschig. Ein bisschen schmerzhaft. Aber auf eine erträgliche Weise.“ Erling nickte. „Ich mochte, dass niemand plötzlich perfekt wurde,“ sagte er. „Nur ein bisschen weniger blind.“ Der Vater räusperte sich. „Ich hab mich in mehr als einer Szene wiedererkannt,“ sagte er leise. Die Mutter sah ihn an. „Dann war der Film nicht umsonst,“ meinte sie. Tagesabschluss – Gedanken zwischen Alt und Neu Später, als Lukas wieder in seinem Zimmer war, nahm er sein Heft. Er schrieb: „Tag 35 – 27./28. Dezember (ich hab den Überblick über die Daten verloren, aber es ist egal): Heute habe ich mir ein Galaxy S25 Ultra bestellt. Farbe: Dunkelgrün. Speicher: 512 GB. Ich habe lange gedacht, so ein teures Gerät „steht mir nicht zu“, weil ich zu viele Probleme gemacht habe, zu viele Kliniken, zu viele Eskalationen, zu viel Geld „gekostet“ habe. Heute haben Mama und Papa gesagt: Das ist eine Investition, kein Luxus. Papa zahlt die Hälfte. Er hat gesagt, er will lieber da Geld reinstecken als in Alkohol. Ich bin nervös. Ein Teil von mir denkt immer noch: „Zu viel für dich.“ Ein anderer Teil sagt: „Du brauchst gute Werkzeuge, um die nächsten Jahre zu überleben.“ Abends haben wir zusammen einen Film geschaut. Kein perfektes Happy End, aber ein ehrlicher Film. Es gab einen Satz, den ich nicht vergessen werde: „Ich hab so lange gedacht, mit mir stimmt was nicht. In Wahrheit war nur zu viel los um mich herum.“ Genau so fühlt es sich an. Wenn das Handy kommt, ist es nur ein Gegenstand. Aber vielleicht ist es auch ein Symbol. Dass ich nicht mehr nur „der bin, mit dem alles schief läuft“, sondern jemand, für den man etwas aufbaut, statt immer nur aufzuräumen.“ Er legte den Stift weg, ließ den Satz noch kurz in seinem Kopf nachhallen. Erling grunzte vom Matratzenlager. „Und?“ fragte er. „Wie ist die Skala für heute?“ Lukas dachte nach.
„Sechseinhalb,“ sagte er. „Die Bestellung zieht an der Angst, der Film an den Gefühlen. Aber nichts ist explodiert. Kein Streit. Kein Krankenhaus. Kein Gericht. Nur… Leben.“ „Für deine Verhältnisse fast schon Luxus,“ murmelte Erling. „Für meine Verhältnisse fast schon Science-Fiction,“ sagte Lukas, löschte das Licht und ließ den Tag 35 mit einem letzten Gedanken enden: Vielleicht ist das neue Handy nicht nur ein Gerät. Vielleicht ist es ein leiser Beweis, dass ich die nächsten Kapitel wirklich erlebe – und nicht nur überlebe. Der 36. Tag fühlte sich von Anfang an nach Zwischenzeit an. Nicht mehr richtig Weihnachten, noch nicht Silvester, irgendwo dazwischen – wie der Moment, wenn ein Feuerwerk schon summt, aber noch nicht gezündet ist. Morgen – Versandstatus & unerwartete Gedanken Lukas wachte gegen neun auf, streckte sich und griff reflexartig nach seinem alten Handy. Er entsperrte es, wischte durch die Mails. Eine sprang ihm direkt ins Auge: „Ihre Bestellung wird vorbereitet“ Galaxy S25 Ultra – Status: in Bearbeitung Ein kurzes Ziehen im Bauch. Vorfreude und Unsicherheit, fein säuberlich ineinander verwickelt. Okay, dachte er. Das Ding ist wirklich unterwegs. Kein Traum. Neben ihm drehte sich Erling auf der Matratze. „Schon wieder am Kontrollieren, ob dein Zukunftsziegel wirklich kommt?“ murmelte er. „Wenn man so viel für etwas bezahlt, will man sicher sein, dass es nicht im Paralleluniversum landet,“ gab Lukas zurück. Er legte das Handy beiseite, stand auf, zog sich an. Im Flur roch es nach Kaffee, in der Küche hörte man Tellerklappern. Frühstück – Silvester rückt näher Am Tisch saßen schon die Mutter und der Vater. Die Mutter mit Tee, der Vater mit Kaffee, vor ihnen Brötchen, Aufschnitt, etwas Käse. „Morgen,“ sagte Lukas, setzte sich. „Morgen,“ antworteten beide. Erling kam hinterher, mit zerzausten Haaren und diesem Gesichtsausdruck, der sagte: Ich bin wach, weil das System es verlangt, nicht, weil ich es will. Die Mutter strich Butter aufs Brötchen. „Wir müssen so langsam überlegen,“ sagte sie, „wie wir Silvester verbringen wollen.“ Der Satz stellte sich mitten in den Raum. Silvester.
Feuer. Knaller. Erinnerungen an brennende Dinge, an Nächte mit Polizei, an Väter, die nicht wussten, wann Schluss ist. Lukas’ Magen zog sich kurz zusammen. Der Vater räusperte sich. „Ich brauche dieses Jahr ehrlich gesagt keine große Böllerei,“ sagte er. „Ich hatte genug Explosionen im Leben.“ Der Satz war halb scherzhaft, halb verdammt ernst. Die Mutter sah zu Lukas. „Wie ist es bei dir?“ fragte sie. „Knallerei, gar nichts, bisschen, nur zugucken?“ Lukas spielte mit einem Brötchenkrümel. „Früher hab ich Feuerwerk gehasst,“ sagte er. „Zu laut, zu unvorhersehbar, zu viele Idioten, die Böller in Mülltonnen werfen.“ Er dachte an die vielen Silvesterabende, an denen er sich die Ohren zugehalten, unter Decken versteckt oder auf die Uhr gestarrt hatte, bis es vorbei war. „Aber…“ er atmete einmal ein, „…irgendwie hab ich auch das Gefühl, dass dieses Jahr so viel Dunkel hatte, dass ein bisschen kontrolliertes Licht nicht falsch wäre.“ Die Mutter nickte langsam. „Kontrolliertes Licht kann ich mittragen,“ sagte sie. „Was ich nicht mittrage, sind: randalierende Besoffene, Böller in Hauseingängen und selbst gebastelte Bomben.“ Sie sah den Vater an. „Und keine Experimente,“ fügte sie hinzu. „Gar keine.“ Der Vater hob beide Hände. „Ich nehme dieses Jahr offiziell nur die Rolle des Zuschauers ein,“ sagte er. „Keine Böller, keine Fackeln, keine improvisierten Lagerfeuer. Versprochen.“ Lukas dachte nach. „Wenn wir was holen,“ sagte er zögernd, „dann… keine harten Böller. Eher Batterien, die man einmal anzündet und dann hochguckt. Fontänen. Wunderkerzen. Dinge, die zwar laut sind, aber nicht wie Granaten klingen.“ Erling nickte. „Ich kann damit leben,“ sagte er. „Ich hab genug echte Bengalos, Pfiffe und Stadionlärm erlebt. Ich brauch keine Silvester-Frontlinie.“ Die Mutter trank einen Schluck Tee. „Gut,“ sagte sie. „Dann machen wir das so: Wir gehen heute in den Baumarkt oder zu einem Laden, wo es Feuerwerk gibt, suchen zusammen Sachen aus. Du entscheidest mit, was du aushältst, Lukas. Und wir kaufen nur so viel, wie wir wirklich brauchen. Kein kompletteKofferraum-voll-Wahnsinn.“ Vorbereitung – Budget & innere Grenzen Später am Vormittag saßen Lukas und die Mutter am Küchentisch mit einem Block und einem Stift. „Also,“ sagte sie, „wir haben noch ein bisschen Geld übrig, aber nicht unendlich. Und du hast ja auch noch was auf deinem Konto, aber du musst nicht alles auf den Kopf hauen.“ „Ich will nicht viel,“ sagte Lukas. „Nur genug, dass es sich nicht ganz so leer anfühlt, wenn es zwölf wird.“
Er dachte kurz nach, dann: „Eine oder zwei kleine Batterien. Ein paar Fontänen. Wunderkerzen. Vielleicht so Bodenlichter, die nur kreiseln.“ „Keine Böller, oder?“ fragte die Mutter. „Keine klassischen,“ bestätigte Lukas. „Ich hab keine Lust, dass ich bei jedem Schlag denke, es geht wieder jemand auf jemand los.“ Erling stand im Türrahmen, stützte sich an. „Ich könnte mich freiwillig als Zündmeister melden,“ sagte er. „Ich hab Übung darin, Anweisungen vom Schiri zu befolgen.“ Lukas grinste kurz. „Solange du keine Pyroshow wie in der Südkurve startest,“ sagte er. Der Vater kam dazu, hörte einen Moment zu. „Ich fahr euch,“ sagte er. „Aber im Laden bin ich nur Packesel. Ich mische mich nicht ein bei der Auswahl.“ „Das ist die erwachsenste Form von Rückzug, die du seit langem gezeigt hast,“ bemerkte die Mutter trocken. Er nahm den Kommentar hin. Fahrt zum Baumarkt – Menschen im Vor-Silvester-Modus Am frühen Nachmittag machten sie sich auf den Weg. Sie fuhren zu einem großen Baumarkt am Stadtrand, wo es jedes Jahr kurz vor Silvester die typische Sonderfläche mit Feuerwerk gab. Auf dem Parkplatz ging es hektisch zu: Autos, die viel zu knapp einparkten, Leute mit Wagen voller Zeug, Kinder, die aufgeregt herumhüpften. Alle schienen in einem Mischzustand aus Vorfreude und latenter Aggression zu sein, wie es kurz vor Jahresende so ist. In Lukas zog sich bei dem Anblick automatisch etwas zusammen. Menschen plus Stress plus Geld plus Feuer = oft keine gute Mischung, dachte er. Im Auto, bevor sie ausstiegen, drehte er sich zu der Mutter. „Wenn es mir zu viel wird,“ sagte er, „warte ich notfalls im Auto. Ich will nicht tapfer bis zum Umkippen spielen.“ „So machen wir das,“ sagte sie. „Du bestimmst die Grenze, nicht der Einkaufszettel.“ Sie stiegen aus. Er spürte das kalte Metall des Einkaufswagen-Griffs unter den Fingern, der Geruch von nasser Luft und Autoabgasen. Im Baumarkt – zwischen Holzpaletten & Feuerwerkswand Innen war der Baumarkt eine Welt aus: • Regalen mit Schrauben, • Paletten mit Farbeimern, • meterlangen Gängen mit Werkzeugen. Aber vorn, in der Nähe des Eingangs zur war deutlich zu eine extra aufgebaute Feuerwerkszone. Plakate mit knalligen Schriften: „MEGA-POWER-BATTERIEN!!!“ „Raketensortimente – nur „Silvester-Kracher für die ganze Familie!“
Gartenabteilung, sehen:
Lukas verzog unbewusst den Mund. Schon die Wörter sind übertrieben laut, dachte er. Die „Feuerwerksinsel“ war abgesperrt, dahinter standen Mitarbeitende, die Bestellscheine annahmen und ausgaben. Auf Tischen davor lagen Prospekte, Musterschachteln, Mock-ups von Batterien und Raketen. Die Mutter blieb kurz stehen. „Skala?“ fragte sie leise. Lukas atmete einmal tief durch. „Sechseinhalb,“ sagte er. „Geruch ist neutral, Lautstärke geht, aber die Menge an Auswahl erschlägt.“ „Dann laufen wir in Ruhe durch,“ sagte Erling. „Du musst hier keinen Pokal holen.“ Auswahl – Lukas sucht „Licht statt Krieg“ Sie nahmen sich einen der Prospekte. Auf dem Papier waren hunderte Artikel: • „Night Thunder“, • „Warrior Explosion“, • „Todesstern-Batterie“, • „Megaknall Deluxe“. Lukas schüttelte kaum merklich den Kopf. „Alle Namen klingen, als wären sie für Leute gemacht, die ihre Minderwertigkeitskomplexe mit Böllern kompensieren,“ murmelte er. Er suchte bewusst nach anderen Begriffen: „Lichterzauber“, „Sternenfontäne“, „Magic Garden“, „Regenbogen-Fontäne“. „Das hier,“ sagte er und tippte auf eine mittelgroße Batterie. „Die schießt wohl nur bunte Sterne, ohne Dauerkriegssound.“ Die Mutter las die Beschreibung. „Niedrige bis mittlere Lautstärke,“ las sie vor. „Viele Farben, eher Effekt als Knall. Passt.“ „Und das,“ meinte Lukas und zeigte auf eine kleinere Box. „„Familien-Feuerwerk – für sensible Umgebungen“. Das klingt nach mir.“ Erling grinste. „Fireworks for Autists,“ sagte er. „Sollten sie direkt draufschreiben.“ Lukas suchte weiter. „Ein, zwei Fontänen für den Hof, Wunderkerzen für meine Hände, und so Drehlichter, die nur am Boden wirbeln,“ zählte er im Kopf. Er markierte mit einem Stift auf dem Bestellzettel: • 1x Familien-Batterie • 1x mittelgroße Farben-Batterie • 2x Bodenfontänen • 3 Packungen Wunderkerzen • 2 Packungen „Bodenwirbler“ Keine Böller, keine Super-Mega-100-Schuss-Dinger, keine Raketen, die man in Flaschen steckt.
„Reicht,“ sagte er. „Ich will nicht, dass unser Haus aussieht, als hätten wir eine Privat-WM gewonnen.“ Bestellungen abgeben – kurze Konfrontation mit der Vergangenheit Sie gingen zur Ausgabe. Ein junger Mitarbeiter nahm den Zettel. „Na, das ist ja noch moderat,“ sagte er freundlich. „Viele hauen hier den halben Laden leer.“ „Wir haben schon genug größere Explosionen hinter uns,“ meinte Lukas trocken. Der Mitarbeiter verstand den Kontext natürlich nicht, nickte einfach und ging nach hinten. Wenig später kam er mit einem Karton wieder, in dem die bestellten Artikel lagen. Der Vater hob den Karton in den Wagen. Für einen Moment erstarrte Lukas, als er sah, wie selbstverständlich sein Vater etwas trug, das im weitesten Sinne mit Feuer zu tun haben würde. Man konnte sehen, wie es auch dem Vater durch den Kopf schoss. Er stellte den Karton in den Wagen, legte aber sofort demonstrativ die Hände wieder weg. „Ich trag es bis zum Auto,“ sagte er leise, „aber anzünden tue ich dieses Jahr nichts. Das ist eure Bühne, nicht meine.“ Die Mutter warf ihm einen kurzen, anerkennenden Blick zu. Kasse – Kontrolle & Verantwortung An der Kasse mussten sie ihren Ausweis vorzeigen. Die Kassiererin scannte die Artikel. „Einmal Feuerwerk,“ sagte sie. „Sie wissen, dass das erst an Silvester abgebrannt werden darf?“ „Keine Sorge,“ antwortete Lukas’ Mutter. „Wir haben einen Privatsicherheitsdienst aus Profifußballer, Autist und Trauma-Erfahrener dabei.“ Die Kassiererin lächelte irritiert, nickte dann aber einfach. Sie zahlten, der Vater trug den Karton zum Auto, stellte ihn in den Kofferraum. Lukas blieb einen Moment daneben stehen, sah auf den geschlossenen Kofferraumdeckel. In diesem Karton steckt potenziell Chaos, dachte er. Aber vielleicht diesmal kontrolliert. Vielleicht kann Feuer auch nur schön sein, ohne etwas zu zerstören. Parallel – jemand beobachtet aus der Ferne Nicht weit entfernt, auf einem anderen Parkplatz, saß Patrik in einem Auto, das er sich von einem Bekannten geliehen hatte. Er hatte eigentlich zufällig den Baumarkt als Zwischenstopp ausgewählt, brauchte Schrauben und irgendeinen Quatsch für seine Wohnung. Doch als er Lukas erkannte, wie dieser mit seiner Familie und Erling aus dem Baumarkt kam,
den Karton im Kofferraum, verspannte sich sein Gesicht. Er zoomte mit seinem Handy, machte ein Foto. Auf dem Bildschirm: Lukas, daneben der Vater, die Mutter, Erling im Hintergrund. Und der Karton im Kofferraum. „Na bitte,“ murmelte Patrik. „Feuerwerk. Wie praktisch.“ Er lehnte sich zurück, die Augen kalt. Ihr besorgt euch das Material ganz alleine, dachte er. Ihr liefert mir alles, was ich brauche, um euch das „schönste Silvester“ zu bereiten – oder das letzte normale. Er tippte eine Notiz in sein Handy: „Feuerwerk bei Baumarkt – Kofferraum – evtl. Zugang? Heilige Drei Könige = Feuer, Blut, Lärm.“ Er sah ihnen nach, wie sie wegfuhren. Lukas hatte keine Ahnung, dass er beobachtet worden war. Zuhause – Sicherheitsregeln und Grenzen Wieder zu Hause trugen sie den Karton nach oben. Die Mutter öffnete ihn kurz, kontrollierte, ob alles korrekt war. „Die Dinger kommen in den Abstellraum,“ sagte sie. „Kühl, trocken, außer Reichweite von bestimmten Menschen.“ Sie warf dem Vater einen halb ernst gemeinten Blick zu, er nickte. „Einverstanden,“ sagte er. „Ich fass sie an Silvester nur an, wenn einer von euch mich ausdrücklich bittet, was zu tragen. Sonst nicht.“ Sie stellten den Karton in den Abstellraum, auf eine Kiste, nicht auf den Boden. Lukas sah darauf. „Wir brauchen an Silvester Eimer mit Wasser,“ sagte er. „Und einen festen Plan, wer was macht.“ „Mach du eine Liste,“ sagte die Mutter. „Du bist unser Master of Struktur.“ Lukas zog die Augenbrauen hoch. „Master of Struktur klingt wie eine sehr spezielle Pokémon-Klasse,“ murmelte er, griff aber schon nach einem Block. kleiner Plan – Silvester als kontrollierte Mission In seinem Zimmer setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb: Silvester 2025 – Plan 1. Kein Alkohol für alle, die draußen mit Feuerwerk zu tun haben. 2. Nur die gekauften Batterien & Fontänen verwenden – nichts Selbstgebasteltes. 3. Eimer mit Wasser + Feuerlöscher im Haus bereitstellen. 4. Wir gehen nur kurz raus, nicht stundenlang.
5. Wenn jemand sich unwohl fühlt (Lärm, Menschen, Erinnerungen), gehen wir sofort wieder rein. 6. Papa zündet nichts an. 7. Ich entscheide mit, welche Batterie wann dran ist. 8. Erling übernimmt Zündung, weil er Kopf & Körper im Griff hat (meistens). 9. Keine Wetten, keine Mutproben, keine „nur noch schnell“ Aktionen. 10. Wenn Patrik irgendwo auftaucht → Polizei, nicht Diskussion. Er sah sich die Liste an. Klingt wie Einsatzplan für ein kleines, persönliches Pyro-Finale, dachte er. Aber besser als blind ins Chaos rennen. Er legte die Liste auf den Küchentisch. Die Mutter las sie, nickte bei jedem Punkt. „Abgenickt,“ sagte sie. „Das hängen wir an den Kühlschrank. Und wer sich nicht dran hält, putzt nächstes Jahr das ganze Treppenhaus.“ Der Vater hob die Hände. „Ich halte mich freiwillig dran,“ sagte er. „Das Treppenhaus ist zu groß.“ Abend – Film als Abschluss eines Tag voller „Kontrollfeuer“ Am Abend, nach dem Essen, war die Stimmung ruhig. Kein Streit, kein lautes Klappern, kein knallender Streit – nur die übliche Müdigkeit nach einem Tag mit vielen Reizen. „Noch ein Film?“ fragte die Mutter. „Nur, wenn keiner in die Luft fliegt,“ sagte Lukas. „Versprochen,“ meinte sie. „Heute etwas ganz Leichtes. Vielleicht ein Animationsfilm oder eine Doku über Tiere.“ „Tiere gehen immer,“ sagte Lukas. Sie fanden einen Film über einen Tierpark, in dem gerettete Wildtiere lebten – ruhige Bilder, viel Natur, keine Explosionen, höchstens ein Löwe, der gähnt. Lukas saß auf der Couch, Erling neben ihm, Mutter und Vater in Reichweite. Während auf dem Bildschirm ein Elefant im Schlamm badete, glitt Lukas’ Blick kurz zur Tür des Abstellraums, hinter der der Feuerwerkskarton stand. Feuer, das nur in den Himmel geht, dachte er. Nicht in Häuser. Nicht in Rollstühle. Nicht in Restaurants. Und schon gar nicht in Menschen. Als der Film vorbei war, löschten sie das Licht im Wohnzimmer. In seinem Zimmer, kurz vorm Schlafen, schrieb Lukas noch ein paar Sätze in sein Heft: „Tag 36 – Feuerwerk gekauft. Es fühlt sich komisch an, Feuerwerk im Haus zu haben, wenn man einen Vater hat, der schon mal einen Rollstuhl angezündet hat.
Aber dieses Mal liegt der Karton nicht in seinen Händen, sondern unter unseren Regeln. Wir haben kein Kriegs-Feuerwerk gekauft, sondern Licht für den Himmel. Irgendwo da draußen schmiedet Patrik seine Pläne. Er liebt Feuer aus den falschen Gründen. Ich hoffe, unser Feuer bleibt dort, wo es hingehört: in der Luft, in unseren Augen, und nicht in den Wunden, die wir eh schon haben.“ Er legte den Stift weg, hörte kurz auf die Geräusche der Wohnung: die leisen Schritte der Mutter im Flur, das Zuklappen des Notizbuchs beim Vater, das Rascheln von Erlings Decke. Draußen knallte in der Ferne schon jemand testweise einen Böller. Lukas zuckte leicht zusammen, wartete, spürte, wie sein Körper in Alarm gehen wollte. Dann atmete er einmal bewusst tief aus. Heute habe ich entschieden, welches Feuer in mein Leben kommt, dachte er. Das ist mehr, als ich die letzten Jahre sagen konnte. Der 37. Tag fühlte sich an wie ein Tag mit Sternchen. Nicht, weil irgendwas Großes anstand, sondern weil Lukas im Hinterkopf wusste: Heute passiert etwas zum letzten Mal. Der Winterzeitmarkt am Hauptbahnhof würde in wenigen Tagen schließen. Und in seinem Kopf war dieser Ort nicht nur „Budenzauber“, sondern eine Art Brennpunkt der letzten Wochen: • einmal völliges Chaos mit seinem Vater, • später ein vorsichtig friedlicher Besuch, • zu viel Lärm, zu viele Lichter, zu viele Erinnerungen. Jetzt sollte es ein „aller letztes Mal“ werden. Später Vormittag – der Vorschlag Es war später Vormittag, als Lukas mit Erling in der Küche saß. Die Mutter räumte Geschirr vom Frühstück weg, der Vater blätterte in einem Werbeprospekt, tat so, als interessiere er sich ernsthaft für Bohrmaschinen, obwohl alle wussten, dass das nur seine Art war, nicht über Gefühle zu reden. Lukas nahm einen Schluck Tee. „Wie viele Tage haben wir eigentlich noch Winterzeitmarkt?“ fragte er in den Raum. Die Mutter dachte kurz nach. „Heute und morgen noch,“ sagte sie. „Dann bauen die alles ab. Danach nur noch Bahnhofsvorplatz mit Döner und Tauben.“ Lukas nickte langsam. Eigentlich hätte er „gut so“ denken können. Weniger Reize, weniger Gefahr, weniger Flashbacks. Stattdessen war da ein anderer Gedanke:
Wenn ich mich nie wieder traue, da hinzugehen, dann bleibt in meinem Kopf nur die ChaosVersion. Ich will wenigstens ein letztes Bild, das nicht komplett vergiftet ist. Er sah zu Erling. „Was hältst du von einem Abschiedsbesuch?“ fragte er. „Einmal noch zum Winterzeitmarkt. Einfach so. Tagsüber, bevor es richtig voll wird.“ Erling zog die Augenbrauen leicht hoch. „Du willst freiwillig in die Arena zurück?“ fragte er. „Wenn du es als Arena bezeichnest, hab ich schon wieder weniger Lust,“ murmelte Lukas. „Ich will eher so… ein Abschlusskapitel schreiben.“ Die Mutter drehte sich zu ihnen. „Willst du nochmal hin?“ fragte sie. Lukas atmete einmal tief ein. „Ja,“ sagte er. „Aber nur mittags. Ohne großes Programm. Kein Stress, kein Alkohol, kein „wir müssen noch dieses und jenes“. Nur hingehen, einmal gucken, vielleicht was Kleines essen, und dann wieder heim.“ Die Mutter nickte. „Gut,“ sagte sie. „Dann machen wir das heute. Mittag, wenn es hell ist. Und: Wenn es dir zu viel wird, drehst du einfach um. Du schuldest diesem Markt nichts.“ Der Vater legte das Prospekt weg. „Ich fahr euch hin,“ sagte er. „Wenn ihr wollt.“ Lukas spürte, wie sich kurz etwas in ihm zusammenzog. Bilder blitzten auf: sein Vater, betrunken, laut, drohend, wie er Leute anpöbelte, wie alles kippte. Er sah ihn an. „Nur fahren?“ fragte er. „Nur fahren,“ sagte der Vater ruhig. „Und wenn ihr möchtet, bleib ich dabei – als Begleitung, nicht als Faktor X. Wenn ihr sagt „wir gehen ohne dich über den Markt“, akzeptiere ich das auch.“ Lukas sah zu seiner Mutter, dann zu Erling. „Du?“ fragte er Erling. „Ich bin dabei,“ sagte Erling. „Ob mit oder ohne Papa entscheidest du.“ Lukas dachte kurz nach. Wenn ich ihn immer aus allem rausnehme, bleibt er in meinem Kopf für immer der, der alles zerstört. Wenn ich ihn manchmal kontrolliert mitnehme, kann ich sehen, was wirklich noch geht. „Du kommst mit,“ sagte er schließlich zum Vater. „Aber unter denselben Regeln wie beim letzten Mal: kein Alkohol, kein Rumgebrülle, keine spontanen Diskussionen mit fremden Leuten.“ Der Vater nickte ernst. „Abgemacht,“ sagte er. „Heute bin ich einfach nur… Teil der Gruppe.“ Aufbruch – Körper sagt „Alarm“, Kopf sagt „Plan“ Sie machten sich gegen Mittag auf den Weg. Lukas zog seine kontrollierte die inneren Taschen: • Handy, • Ohrstöpsel, • ein Taschentuch, • die Mut-Karte,
• und, mittlerweile fast Standard: das kleine Holzpuzzle. Erling hatte seine Mütze tief ins Gesicht gezogen, der Mainz-Schal hing locker um seinen Hals. Im Auto war es still, bis auf das leise Summen des Motors. „Wie ist deine Skala?“ fragte die Mutter, bevor sie losfuhren. Lukas lehnte den Kopf ans Fenster, dachte kurz nach. „Fünfkommafünf,“ sagte er. „Ich bin angespannt, aber noch nicht in Panik. Es ist mehr… Vorwarnmodus.“ „Gut,“ sagte sie. „Dann behalten wir das im Blick.“ Der Vater fuhr los. Die Fahrt fühlte sich kürzer an als sonst. Vielleicht, weil Lukas die meiste Zeit damit beschäftigt war, innerlich zu verhandeln: Du musst nichts beweisen. Wenn es zu viel wird, ist es kein Versagen. Wenn es klappt, ist es ein Bonus. Als sie in der Nähe des Hauptbahnhofs parkten, merkte er, wie sein Puls leicht hochging. Winterzeitmarkt. Wieder. Zum letzten Mal.
Ankunft – Mittag statt Abend, Licht statt Dunkel Sie stiegen aus, gingen die paar Meter Richtung Winterzeitmarkt. Schon von weitem sah man die Buden, hörte leise Musik, roch gebrannte Mandeln und Bratwürste. Aber: es war Mittag. Kein Gedränge wie abends, kein betrunkener Chor, keine lärmende Spitze von Menschen, die „nur noch schnell“ was trinken wollten. Viele Familien, ein paar Touristen, ältere Leute mit Papiertüten in der Hand. Lukas blieb kurz stehen, noch bevor sie das eigentliche Gelände betraten. Er sah hin. Einmal bewusst. Hier waren wir schon so oft in den letzten Wochen, dachte er. Einmal Eskalation, einmal normal, und jetzt… vielleicht Abschied. „Skala?“ fragte Erling leise, stand neben ihm. „Sechs,“ sagte Lukas. „Aber eine erträgliche Sechs. Noch nicht sirenengefährlich.“ „Gut,“ sagte Erling. „Dann machen wir aus diesem Besuch deinen Besuch. Nicht den eines alten Traumas.“ Erste Runde – diesmal das Tempo vom jungen Mann Sie betraten den Winterzeitmarkt.
Es war alles wie immer – und gleichzeitig anders, weil die Zeit begrenzt war. Lichterketten hingen, Buden standen, das Karussell drehte sich. Doch die Stimmung war mittagsweicher: Keine laute Musik aus jeder Ecke, sondern ein gemischtes Hintergrundgemurmel, hier und da ein Kind, das quietschte, aber kein aggressives Geschrei. „Was willst du zuerst?“ fragte die Mutter. „Ich gehe heute nach System,“ sagte Lukas. „Eine Runde im Uhrzeigersinn. Keine Sprünge, kein Durcheinander. Erst gucken, dann entscheiden.“ Sie gingen langsam los. Linke Seite: Mandelstand, daneben Crepes-Stand, dann Heißgetränke-Bude. Lukas streifte mit den Augen über die Schilder, nicht hektisch, sondern abtastend. Erstmal kein Kaufen, nur: Wo bin ich, was ist da? Gebrannte Mandeln – Erinnerungen in süß Am Mandelstand blieb Lukas stehen. Die Pfanne brutzelte, der Zucker karamellisierte, der Duft legte sich warm über seine Sinne. Ein Déjà-vu. Sie hatten hier schon einmal gestanden. Beim vorletzten Besuch. Damals war es wie ein Test gewesen: Schaffe ich das? Kann ich mit den Reizen umgehen? Heute fühlte es sich ruhiger an. „Eine kleine Tüte gebrannte Mandeln,“ sagte Lukas. „Diesmal nur eine, wir teilen.“ Die Mutter bestellte, bezahlte. Lukas nahm einen Mandel, pustete kurz und steckte sie in den Mund. Genau gleich, dachte er. Aber ich bin nicht mehr der, der zum ersten Mal seit Wochen versucht, hier klarzukommen. Ich bin der, der zum letzten Mal herkommt, weil er es kann. Er reichte die Tüte Erling. „Deine Pflichtportion,“ sagte er. „Besser als mancher Proteinshake,“ meinte Erling. Der Vater nahm sich auch eine, bedankte sich leise. Keine dumme Bemerkung, kein „früher haben wir…“, nur Mandeln, Punkt.
Karussell – ein kurzer Check mit dem inneren Kind Sie kamen wieder am Karussell vorbei. Dieselbe gemischte Szenerie: Kinder mit Mützen, die verrutscht waren, Eltern mit Handys, bunte Plastikpferde, schiefe Musik aus einem Lautsprecher. Lukas blieb kurz stehen, nicht, um zu fahren, sondern um zu beobachten. Früher war das hier Hölle, dachte er. Lichter, Geräusche, Geschiebe, und alle fanden es toll, nur ich nicht. Er spürte kurz den alten Stich: das Gefühl, „komisch“ zu sein, nur weil sein System Reize anders verarbeitete. Neben ihm stand Erling, leicht nach vorne gebeugt. „Willst du mal was Verrücktes?“ fragte Erling leise. „Wenn es mit Karussellfahren zu tun hat, eher nein,“ sagte Lukas. „Nein,“ sagte Erling. „Ich meine: Du kannst hier einfach stehen, draufgucken und laut in deinem Kopf sagen: „Das ist nichts für mich. Und das ist völlig okay.“ Wenn du willst, kann ich sogar leise mitsprechen.“ Lukas sah ihn an. Dann wandte er den Blick wieder dem Karussell zu. Es drehte sich, ein kleines Mädchen jubelte, ein Junge wirkte eher ängstlich. In seinem Kopf formulierte Lukas den Satz. Das ist nichts für mich. Und das ist okay. Zum ersten Mal fühlte sich dieser Satz nicht an wie eine Niederlage, sondern wie eine Grenze, die er selbst ziehen durfte. Letzte Punschrunde – Abschied mit warmen Händen Sie gingen weiter. Am Getränkestand blieb die Mutter stehen. „Letzter Kinderpunsch vom Winterzeitmarkt 2025?“ fragte sie. „Klar,“ sagte Lukas. „Mit viel Zimt. Und mit dem Wissen, dass wir nach dieser Runde nicht mehr zurück müssen.“ Sie bestellten: • zwei Kinderpunsch, • einen Kakao für Erling, • und – wieder – Kinderpunsch für den Vater. Der Mitarbeiter erkannte sie nicht, für ihn waren sie nur vier von vielen. Für Lukas war es aber mehr. Er nahm den Becher in die Hand, sah den aufsteigenden Dampf an. Die Hitze des Bechers in seinen Händen war ein Gegenpol zur Kälte in der Luft.
Letztes Mal Winterzeitmarkt-Punsch in diesem Jahr, dachte er. Vielleicht überhaupt für eine längere Zeit. Sie standen an einem der Stehtische, sahen den Leuten beim Laufen zu. Niemand schrie. Niemand lag am Boden. Keine Polizei. Keine eskalierenden Szenen. Der Vater nahm einen Schluck, stellte den Becher ab. „Ich will was sagen,“ begann er vorsichtig. Lukas spannte kurz innerlich an. „Nur einen Satz,“ fügte der Vater hinzu. „Kein Vortrag.“ Lukas nickte zögernd. „Okay. Ein Satz.“ Der Vater sah auf den Markt, nicht direkt zu Lukas. „Danke, dass ich nochmal mit euch hier stehen darf, ohne dass ich alles zerstöre.“ Es war tatsächlich ein Satz. Ohne „aber“, ohne Rechtfertigung. Lukas atmete aus. „Danke, dass du es diesmal nicht tust,“ sagte er. Erling nickte zustimmend. Ein kleines Souvenir – mehr als nur Holz Auf der letzten Runde entdeckte Lukas einen kleinen Stand, den er bisher ignoriert hatte. Dort gab es: • kleine Holzfiguren, • Schlüsselanhänger, • Mini-Schilder mit Sprüchen, • und ganz hinten ein kleines Brettchen mit einer Gravur: „Manchmal ist Mut einfach nur: trotzdem hingehen.“ Lukas blieb stehen. „Das ist kitschig,“ murmelte er. „Ja,“ sagte Erling. „Aber manchmal ist Kitsch ziemlich exakt.“ Die Mutter griff nach dem Brettchen, drehte es in der Hand. „Das würde gut in dein Heft passen,“ sagte sie. „Oder an deine Wand.“ „Ich hab schon die Mut-Karte,“ sagte Lukas. „Ich brauch nicht jede Motivationsparole aus dem Baumarkt-Sortiment.“ Er wollte weitergehen, blieb dann aber doch nochmal stehen. Trotzdem hingehen, dachte er. Das hab ich heute gemacht. Nicht, weil ich musste. Sondern, weil ich mir beweisen wollte, dass ich es kann. Die Mutter legte das Brettchen wieder zurück. Der Verkäufer sah kurz herüber. „Gefällt es dir?“ fragte er freundlich. Lukas zögerte. „Ja,“ sagte er dann. „Aber ich nehme es nicht als Spruch. Ich nehme es als Erinnerung.“
Die Mutter bezahlte ohne großes Tamtam. „Von mir,“ sagte sie kurz. „Für’s neue Jahr.“ Lukas nahm fühlte das die eingefrästen Buchstaben. Es war dumm und treffend zugleich.
kleine es glatte
Holzbrett, entgegen, Holz,
Letzter Blick – und bewusstes Wegdrehen Als sie den Winterzeitmarkt wieder verließen, blieb Lukas kurz am Rand stehen. Er drehte sich noch einmal um. Er ließ die Augen über alles gleiten: Die Buden, die Lichterketten, die Menschen, das Karussell, den Punschstand. Er nahm sich bewusst einen Moment, um das Bild abzuspeichern. So will ich mich erinnern, dachte er. Mitte des Tages, kalte Luft, Kinderpunsch, kontrollierte Menschenmenge, kein Blut, keine Polizei, kein Vater im Ausnahmezustand. Dann drehte er sich um. Er sah bewusst nicht mehr zurück, als sie zum Auto gingen. „Skala?“ fragte die Mutter am Auto. Lukas überlegte. „Fünf,“ sagte er. „Bin angestrengt, aber nicht fertig. Es fühlt sich… abgeschlossen an. Nicht perfekt. Aber abgeschlossen.“ „Genug für dieses Jahr,“ sagte Erling. „Genug,“ wiederholte Lukas. Parallel – der Blick aus dem Schatten Etwas weiter entfernt, nicht direkt auf dem Markt, aber in Sichtweite, stand Patrik in einem Hauseingang. Er hatte sie kommen sehen. Er hatte sie beobachten sehen. Lukas, Erling, die Eltern. Wie sie Kinderpunsch tranken, über den Markt schlenderten, sogar lachten. Er biss die Zähne zusammen. Ihr tut so, als hättet ihr gewonnen, dachte er. Als wärt ihr durch, als wäre alles gut. Oma schreibt ihm. Papa bleibt ruhig. Alle sind auf Wintermarkt-Kuschelkurs. Und ich? Er sah, wie sie zum Auto gingen, wie Lukas sich einmal noch kurz umdrehte und dann bewusst wegschaut.
Patrik nahm sein tippte eine weitere Notiz: „Letztes Wintermarkt-Bild: alle vier Je schöner sie es sich jetzt machen, desto härter wird der Fall.“ Er steckte das Handy weg. In seinem Kopf wuchs das nichts mit Kinderpunsch zu tun hatte. Lukas ahnte davon nichts.
Handy, zusammen. etwas,
Heimweg – kein großes Fazit, aber klare Gefühle Im Auto war es ruhig. „Lief besser als erwartet,“ sagte die Mutter schließlich. „Ja,“ sagte Lukas. „Es war anstrengend, aber nicht traumatisch. Ich bin froh, dass wir mittags und nicht abends gegangen sind.“ Der Vater fuhr, seine Hände ruhig am Lenkrad. „Danke, dass du mich nicht aus deiner Welt komplett aussperrst,“ sagte er leise. „Ich sperre dich nur aus den Momenten aus, in denen du brennst,“ meinte Lukas. Erling grinste kurz schief. „Wir sollten wirklich eine Skala für „Brandgefahr“ machen,“ murmelte er. Zuhause – Eintrag im Heft Wieder in der Wohnung, zog Lukas sich kurz in sein Zimmer zurück. Er nahm sein Heft, legte das kleine Holzbrett daneben, auf dem stand: „Manchmal ist Mut einfach nur: trotzdem hingehen.“ Er schrieb: „Tag 37 – Letztes Mal Winterzeitmarkt Heute war ich ein letztes Mal auf dem Winterzeitmarkt am Hauptbahnhof. Nicht abends, nicht mit Chaos, sondern mittags, im Hellen, mit Mama, Papa und Erling. Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass dieser Ort nicht mehr nur für Streit, Alkohol und Panik steht. Wir hatten: – gebrannte Mandeln, – Kinderpunsch, – Karussell von außen, – ein dummes Holzbrett mit einem ehrlichen Satz. Kein Streit. Kein Krankenwagen. Kein peinlicher Auftritt von Papa. Ich weiß, dass Patrik irgendwo seine Rache plant. Ich weiß, dass die Hochschule nicht plötzlich nett ist. Ich weiß, dass Silvester noch kommen wird. Aber heute habe ich einen Ort, der mich mal fast kaputt gemacht hätte, ein Stück weit zurückerobert. Und das fühlt sich an wie ein kleiner Sieg in einem sehr großen Krieg.“
Er legte den Stift weg, sah auf das Holzbrett. Trotzdem hingehen, dachte er. Das ist keine Pflicht. Das ist eine Entscheidung. Und heute habe ich sie selbst getroffen. Der 37. Tag endete damit, dass Lukas zum ersten Mal seit langem bei dem Wort „Winterzeitmarkt“ nicht nur den Geruch von Adrenalin im Kopf hatte, sondern auch: Zucker, Zimt, kalte Luft und das Wissen, dass er gehen konnte – ohne zu rennen. Der späte Mittag des 37. Tages begann damit, dass der Winterzeitmarkt immer kleiner im Rückspiegel wurde und ein viel banaleres, sehr menschliches Problem sich meldete: Lukas’ Magen. Er knurrte laut genug, dass Erling den Kopf leicht drehte und grinsend fragte: „War das ein wildes Tier oder dein Verdauungssystem?“ „Beides,“ murmelte Lukas. „Emotionales Chaos in Kombination mit zu wenig richtiger Nahrung.“ Die Mutter sah ihn im Rückspiegel an. „Hunger?“ fragte sie. „So mittel,“ sagte Lukas. „Also eigentlich sehr.“ Der Vater lenkte das Auto um eine Kurve, Ampel rot, Autoschlangen. „Wir könnten direkt nach Hause fahren und dort was machen,“ schlug die Mutter vor. „Oder… wir gehen noch irgendwo kurz was essen.“ Lukas dachte kurz an „irgendwo“: Restaurant mit zu vielen Leuten, zu langer Karte, zu vielen Entscheidungen, zu viel Smalltalk. Dann tauchte vor seinem inneren Auge ein anderes Bild auf: gelbes M, immer gleiche Schilder, immer gleiche Menüs. McDonald’s ist laut und nervig, dachte er, aber wenigstens weiß ich, was mich erwartet. Keine Überraschungskarte, keine „heute ist alles anders“. „McDonald’s,“ sagte er schließlich. „Einmal Systemgastronomie. Ohne Denken.“ Erling nickte. „Ich nehm jeden Tag, an dem man nicht über zehn Soßen nachdenken muss,“ meinte er. Die Mutter sah zum Vater. „Schaffst du es, in einem McDonald’s zu sitzen, ohne in alte Muster zu verfallen?“ fragte sie ruhig. Der Vater nickte. „Ja,“ sagte er. „Heute bin ich satt vom Punsch. Und vom Nachdenken.“ Entscheidung: McDonald’s statt Heimweg
Nicht weit von ihrer Strecke lag eine Filiale, so ein typischer Straßenrand-McDonald’s mit Parkplatz, Drive-in, Play-Bereich, zu grellen Schildern. „Da vorne,“ sagte der Vater und setzte den Blinker. Lukas sah das riesige M von weitem. Es war völlig unmagisch und genau das war im Moment angenehm. Kein „besonderer Ort“, keine großen Erinnerungen, kein emotional aufgeladener Platz. Nur: Essen. „Skala?“ flüsterte Erling, bevor sie auf den Parkplatz fuhren. Lukas checkte innerlich. „Vierkommafünf,“ sagte er. „Nach Wintermarkt bin ich müde, aber okay. McDonald’s ist laut, aber berechenbar.“ „Gut,“ meinte Erling. „Dann betreten wir jetzt das Reich der überforderten Pommes.“ Ankunft – Foyer aus Plastik und Frittiergeruch Sie stiegen aus, kamen zur Tür, die sich automatisch öffnete. Drinnen schlug ihnen die typische Mischung entgegen: • Frittierfett, • weiches Brötchen, • süßer Sirup, • Reinigungsmittel. Es war nicht schön, aber vertraut. Die Filiale war mittelvoll: Ein paar Familien mit Kindern, zwei Jugendliche mit Cappys, ein älteres Paar, ein Typ allein am Laptop. Das Piepsen der Bestellautomaten, Musik aus Lautsprechern, ein paar Durchsagen im Hintergrund. Lukas’ System sprang kurz auf „Scan-Modus“: Wo sind die Ausgänge? Wo sind laute Gruppen? Wo könnte er sich hinsetzen, ohne mitten in der Masse zu sein? „Du suchst Platz, ich hol mit dir zusammen Essen,“ sagte die Mutter. „Die anderen können schon mal einen Tisch klarmachen.“ „Gute Aufgabentrennung,“ murmelte Lukas. Bestellung – Kontrolle durch Touchscreen Sie gingen zu einem der großen Bestellautomaten. Der Bildschirm zeigte:
Bilder von Burgern, Menüs, Getränke, Desserts. Lukas mochte die Automaten aus einem einfachen Grund: Kein direkter Blickkontakt, keine schnelle mündliche Entscheidung, keine „wie bitte?“-Momente. „Du tippst,“ sagte die Mutter. „Ich zahl.“ Lukas atmete einmal durch. Was möchte ich? Er wusste es eigentlich schon, bevor er den ersten Button drückte: • Ein Menü, das er kannte. • Nichts Experimentelles. Er tippt auf: „McChicken Menü – mittel – Cola Zero“ Dann ergänzte er: „Extra Pommes für die Mitte – zum Teilen.“ „Und du?“ fragte die Mutter. „Ein kleiner Salat und Pommes,“ sagte sie. „Und eine Cola light.“ „Für Papa?“ fragte Lukas. „Ich frag ihn gleich,“ meinte sie. „Hol erstmal deins.“ Lukas hakte noch einen Cheeseburger für Erling an. „Er nimmt eh irgendwas mit Fleisch und Käse,“ murmelte er. „Das hier ist Basic.“ Die Mutter lachte leise. Sie gingen zur Kasse, zahlten, bekamen einen Bestellbon mit einer Nummer. „208“ Lukas starrte kurz die Zahl an. 208, okay. Feste Nummer. Fester Anker. Ich warte, bis ich dran bin. Kein Chaos. Sitzplatzwahl – Rand statt Zentrum Während sie auf das Essen warteten, ging Lukas mit Erling durch den Raum. „Da hinten,“ sagte Erling und deutete auf einen Vierertisch in einer Ecke, in der Nähe eines Fensters, aber nicht direkt an der Tür. „Gut,“ sagte Lukas. „Nicht mitten im Laufweg. Keine direkte Nähe zur Spielecke. Keine Gruppe direkt nebenan.“ Sie setzten sich. Lukas setzte sich so, dass er den Raum im Blick hatte, nicht die Wand. Erling setzte sich gegenüber. „Dein Gehirn läuft wie ein Sicherheitskonzept einer Bank,“ stellte Erling fest. „Wenn Menschen weniger gefährlich wären, bräuchte ich das nicht,“ antwortete Lukas. Der Vater holte sich selbst ein Menü an der Kasse, die Mutter kam wenig später dazu. Auf dem Display über der Ausgabe sprang irgendwann die Zahl 208 auf. „Ich hol’s,“ sagte Lukas.
„Willst du, dass ich mitgehe?“ fragte Erling. „Geh du mit Papa, ich geh mit Mama,“ entschied Lukas. „Dann ist alles verteilt.“ Essensabholung – Routine statt Stress Lukas trat an den Ausgabethresen. Die Mitarbeiterin rief die Nummer, stellte Tabletts hin. Er sah sein Menü, die extra Pommes, den Cheeseburger, die Cola. „Alles da?“ fragte die Mutter. „Sieht so aus,“ sagte er. Sie trugen das Tablet zum Tisch. Erling rieb sich kurz die Hände. „Endlich mal wieder was, wofür ich nicht im Stadion sprinten muss,“ sagte er. Essen – kleine Ruheinsel in Plastik Lukas setzte öffnete die Tüte mit Pommes. Der erste Biss war genau so, wie er es erwartete: salzig, leicht eine Temperatur zwischen heiß und „okay“. Nicht gesund, dachte Aber normal. Und ich brauche heute nicht noch ein „Besonderes ich brauche schlicht: normal. Er nahm einen Schluck spürte die Kohlensäure. Erling biss in seinen Cheeseburger. „Nicht die gehobene Küche,“ kommentierte er, „aber Krone der Berechenbarkeit.“ Die Mutter pickte in ihrem nahm ab und zu eine Pommes. Der Vater aß nicht nicht hektisch. Keiner trank Bier. Alle waren einfach: da. Kurzes Gespräch – leise Themen Eine Weile schwiegen während sie aßen. Das war kein unangenehmes sondern dieses seltene, in dem niemand gezwungen ist, eine Show zu machen. Nach ein paar Minuten legte Lukas den Burger kurz lehnte sich zurück. „Komische Mischung,“ sagte er. „Was meinst du?“ fragte die Mutter.
sich, weich, fettig, er. Ding“, Cola,
Salat, ruhig, gierig,
sie, Schweigen, neutrale, auf
„Wintermarkt, McDonald’s, Feuerwerk im Abstellraum, Galaxy-Handy auf dem Weg,“ antwortete Lukas. „Es fühlt sich an, als würde ich gleichzeitig in zehn Versionen von mir leben.“ Erling nickte. „Das bist du ja irgendwie auch,“ sagte er. „Der Lukas vom Gericht, der mit Katheter, der vom VR-Keller, der vom Stadion, der vom Therapie-Sofa, der aus dem Baumarkt, der vom Wintermarkt. Und der hier sitzt gerade in einem McDonald’s und ist keiner von denen ganz, aber alle ein bisschen.“ „Das war die poetischste Beschreibung eines McDonald’s-Besuchs, die ich je gehört habe,“ meinte die Mutter. Der Vater räusperte sich. „Ich erinnere mich daran, wie ich früher hier saß,“ sagte er leise. „Mit viel zu viel Bier im Kopf und zu wenig Kontrolle. Heute sitze ich hier und habe zum ersten Mal seit langem das Gefühl, dass ich einfach nur… essen kann. Ohne danach „abrutschen“ zu müssen.“ Lukas sah ihn an, prüfend. „Du warst heute auf dem Wintermarkt,“ sagte er. „Du bist jetzt hier. Und es gab keinen Drama-Moment.“ „Ja,“ sagte der Vater. „Das versuche ich mir auch zu merken.“ Geräusche – und die Sache mit der Reizschwelle Im Hintergrund schrie ein Kind kurz, weil es seine Spielzeugfigur fallen gelassen hatte. Ein Teenager lachte laut, ein Tablett klapperte, Stühle scharrten. Lukas’ Körper bemerkte all das, wie Radar. Früher hätte ihn das komplett überrollt. Heute merkte er: es war anstrengend, aber nicht vernichtend. Er griff in seine Jackentasche, fühlte kurz das kleine Holzpuzzle, musste es aber nicht herausnehmen. Ich bin immer noch schnell reizüberflutet, dachte er. Aber ich habe mehr Werkzeuge. Und Menschen, die nicht dagegen arbeiten. Er sah rüber zu Erling, der gerade eine Pommes senkrecht in den Burger steckte, als wäre es eine taktische Markierung. „Was tust du da?“ fragte Lukas. „Ich verbessere die Textur,“ sagte Erling wichtig. „Und markiere, auf welcher Seite die Hälfte ist, die ich aufesse.“ „Du bist seltsam,“ murmelte Lukas. „Aber auf die gute Weise.“ Ein kurzer Blick aufs Handy – Bedrohung im Hintergrund bleibt Zwischen zwei Bissen griff Lukas kurz zu nicht um Social Media sondern um zu sehen, ob irgendetwas Dringendes war.
seinem Handy, durchzuscrollen,
Keine neue Nachricht von Oma. Keine Mail von der Hochschule. Kein neuer Angriff aus digitaler Richtung. Der Chat mit Patrik war weiterhin stumm. Stille kann manchmal lauter sein als jede Nachricht, dachte Lukas. Er legte das Handy wieder auf den Tisch, Display nach unten. Er wollte diesen McDonald’s-Besuch nicht von unsichtbaren Chats ruinieren lassen. Irgendwo da draußen, vielleicht in einer anderen Filiale, vielleicht in einem Auto auf irgendeinem Parkplatz, dachte Patrik seine nächsten Schritte. Aber hier, an diesem kleinen Tisch mit Plastikoberfläche, zwischen Pommes und Pappbechern, war er nicht. Und das war viel wert. Kleine Szene am Nebentisch – Spiegel einer anderen Familie Am Nebentisch setzte sich eine Familie: Zwei Kinder, eine Mutter, ein Vater. Die Mutter sagte genervt: „Nein, du kriegst kein drittes Happy Meal. Du hast schon zwei. Du bist acht, kein Mülleimer.“ Der Vater rollte mit den Augen, war aber relativ ruhig. Lukas beobachtete sie kurz. Früher hätte ich bei sowas sofort gedacht: „Das ist eine normale Familie. So hätte meine auch sein sollen.“ Jetzt dachte er: Jede Familie ist anders chaotisch. Unsere ist nur… spezieller dokumentiert. Er wandte den Blick wieder auf seinen Burger. „Was ist?“ fragte Erling leise. „Ich vergleiche weniger,“ sagte Lukas. „Das ist neu.“ Ende des Essens – kein Drama, keine Flucht Die Tabletts wurden leerer. Lukas war satt – nicht übervoll, aber zufrieden. Er strich mit dem Finger einmal über das Papp-Tablett, als würde er damit testweise abschließen. „Bereit?“ fragte die Mutter. „Ja,“ sagte Lukas. „Ich will hier nicht ewig bleiben, aber ich musste auch nicht wegrennen. Das ist… überraschend gut.“ Sie räumten gemeinsam das Tablett ab, warfen Verpackungen in den Müll. Der Vater trug zwei Tabletts, kippte nichts aus, schlug nichts um.
Es war dass es fast ungewohnt war.
Draußen vor der Tür – Luft holen Als sie wieder vor die Tür traten, schlug ihnen kalte Luft entgegen. Lukas atmete einmal tief ein, als hätte er sich die ganze Zeit die Luft im Innenraum gewünscht. „Skala?“ fragte Erling. Lukas dachte nach. „Vier,“ sagte er. „Geräusche nerven, aber ich hab mich nicht aufgelöst. Und das Essen war… okay. Kein Highlight. Aber ein Stück Normalität.“ Die Mutter nickte. „Man unterschätzt, wie wertvoll „okay“ ist,“ sagte sie. „Nach diesem Jahr ist „okay“ fast schon Luxus,“ meinte Lukas. Der Vater schloss das Auto auf. „Wohin jetzt?“ fragte er. „Heim,“ sagte Lukas. „Heim, Sofa, vielleicht heute kein weiterer Ausflug mehr. Mein soziales Akku-Lämpchen blinkt.“ Rückweg – kurze Reflexion im Auto Im Auto war es angenehm still. Die Geräusche von McDonald’s klangen nach: die Fritteuse, das Lachen, das Piepen der Automaten. Aber Lukas bemerkte, dass die innere Welle, die sonst nach solchen Orten länger nachschwang, diesmal flacher war. „Du wirst besser im Reizsurfen,“ sagte Erling in den Raum, ohne ihn anzuschauen. „Im was?“ fragte Lukas. „Reizsurfen,“ wiederholte Erling. „Du gehst auf eine Welle, gehst durch, ohne unterzugehen, und kommst wieder raus. Früher hat dich jede Welle gefressen. Jetzt stehst du öfter noch auf dem Brett.“ „Das ist das peinlichste Bild, das je jemand für meine Psyche benutzt hat,“ murmelte Lukas. „Aber auch nicht ganz falsch,“ ergänzte die Mutter. Der Vater sagte nichts, aber man sah ihm an, dass er jedes Wort einsog. Zuhause – Eintrag im Heft, Teil 2 Wieder in seinem Zimmer, später am Nachmittag, nahm Lukas nochmal sein Heft. Er schrieb unter den Eintrag von heute: „Später Mittag – McDonald’s Nach dem letzten Wintermarkt bin ich mit Mama, Papa und Erling noch zu McDonald’s gegangen.
Früher war sowas für mich Horror: laut, voll, unruhig, überall Geräusche, Gerüche, Bewegung. Es war immer noch laut, voll und unruhig. Aber ich bin geblieben. Ich habe gegessen. Ich habe meine Grenzen gespürt, aber sie waren nicht mehr so messerscharf wie früher. Wir hatten: – McChicken Menü, – Pommes zum Teilen, – Cheeseburger, – keinen Tropfen Alkohol. Papa war da. Nüchtern. Normale Lautstärke. Ich habe gedacht: Vielleicht ist Normalität manchmal genau das: zusammen in einem hässlichen Schnellrestaurant sitzen, Pommes essen, nicht schreien, nicht weglaufen, und jeder hat danach noch genug Kraft, nach Hause zu fahren. Für andere ist das nichts Besonderes. Für mich ist es eine leise Revolution.“ Er legte den Stift weg, ließ die Worte noch einen Moment wirken. Draußen fuhr ein Auto vorbei, irgendwo in der Ferne knallte wieder jemand einen Testböller. Lukas zuckte diesmal nur leicht, nicht mehr so heftig wie noch vor ein paar Tagen. Es kommt noch viel, dachte er. Silvester. Heilige Drei Könige. Patriks Ultimatum. Aber heute hatte ich Wintermarkt, McDonald’s und keinen einzigen Menschen, der mich geschubst hat. Das bleibt. Mit diesem Gedanken ließ er den späten Mittag des 37. Tages hinter sich, bereit, den Rest des Tages ruhiger zu verbringen – mit vollem Bauch, halbwegs ruhigem Kopf und dem seltsamen Gefühl, dass „ganz normal essen gehen“ für ihn ein kleiner Sieg im Schatten eines viel größeren Krieges war. Der Rest des 37. Tages zog sich nicht wie Kaugummi, sondern legte sich eher wie eine weiche Decke über alles, was bis dahin passiert war. Winterzeitmarkt. McDonald’s. Kein Drama. Nur viele Eindrücke. Jetzt war die Wohnung wieder ihr Rückzugsort.
Später Nachmittag – Müdigkeit & leiser Wunsch nach Ruhe Lukas lag in seinem Zimmer auf dem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und starrte an die Decke. Er spürte, wie sein Körper müde war: • müde vom Laufen, • müde vom Geräuschpegel, • müde von all den „ich halte das schon aus“-Momenten. Erling lag auf der Matratze am Boden, die Beine ausgestreckt, das Handy in der Hand, aber nicht wirklich am Tippen. „Wie ist deine Skala jetzt?“ fragte Erling in den Raum, ohne aufzublicken. Lukas dachte kurz nach. „Vier,“ sagte er. „Körper platt, Kopf voll, aber nicht kurz vorm Explodieren. Eher so… Restwellenmodus.“ „Guter Zeitpunkt, um das Gehirn in einen Film zu werfen,“ meinte Erling. Lukas drehte den Kopf zur Seite. „Meinst du, die anderen haben noch Kraft?“ fragte er. In der Wohnung war es auffallend ruhig: Kein lautes Rumgeräume, kein Streit im Wohnzimmer, kein stampfendes Hin-und-her-Laufen. „Wenn nicht,“ sagte Erling, „dann eben wir zwei. Aber ich hab das Gefühl, deine Mutter plant schon heimlich wieder ein Familien-Sofa-Ritual.“ Einladung ins Wohnzimmer Kurz darauf klopfte es tatsächlich an der Tür. „Ja?“ rief Lukas. Die Mutter steckte den Kopf rein. „Statusbericht?“ fragte sie. „Belastung vier von zehn,“ antwortete Lukas. „Energie so bei… dreikommafünf.“ „Perfekter Wert für eine Sache, bei der man nur atmen und blinzeln muss,“ sagte sie. „Ich dachte, wir könnten heute Abend alle zusammen einen Film schauen. Ohne großes Programm, ohne komplizierte Handlung. Nur sitzen, gucken, atmen.“ „Klingt nach meinem Level,“ murmelte Lukas. „Papa macht gerade Tee,“ sagte sie. „Wenn ihr wollt, kommt ihr gleich rüber. Du darfst wieder mitentscheiden, was wir schauen.“ Sie zog den Kopf wieder zurück. Lukas drehte sich zu Erling. „Ist schon gruselig,“ sagte er. „Früher hat niemand gefragt, ob ich mir etwas zutraue. Heute fragen sie dauernd.“ „Das nennt man Fortschritt,“ meinte Erling. „Nervig, aber hilfreich.“ Wohnzimmer – Decken, Tee und leises Lampenlicht Als sie ins Wohnzimmer war es bereits gemütlich vorbereitet: • Die Stehlampe brannte in einem warmen Gelb, • der Weihnachtsbaum leuchtete noch obwohl die Feiertage vorbei waren,
kamen, immer,
auf dem Couchtisch dampfend, mit Tee und – bei Erling – Kakao. Vater saß
Der bereits im Sessel, nicht verkrampft, sondern erstaunlich ruhig, die Hände um seine Tasse gelegt. Die Mutter wühlte in der Schublade mit den Fernbedienungen. „Setzt euch,“ sagte sie. „Es gibt Pfefferminztee, Kamillentee oder „ich hab nicht mehr gelesen, was es ist“-Tee.“ „Überraschungstee klingt gefährlicher als Feuerwerk,“ kommentierte Lukas. „Ich nehme Pfefferminz.“ Er ließ sich in die Sofa-Ecke fallen, Erling setzte sich neben ihn, zog sich eine Decke über die Beine. „Also,“ sagte die Mutter, holte die Fernbedienung hoch, „welche Kategorie?“ Sie hielt die Optionen hoch wie Karten: „1. Leichte Komödie. 2. Animationsfilm. 3. Irgendein Film über Fußball. 4. Doku über irgendwas völlig Harmloses, zum Beispiel Pinguine.“ Lukas überlegte. Pinguine waren verlockend, weil sie nichts mit seinem Leben zu tun hatten. Fußball war emotional, konnte aber auch triggern. Komödie war Glückssache. Animationsfilm hatte in den letzten Tagen überraschend gut funktioniert. „Ich wäre für eine Mischung aus „harmlos“ und „nicht komplett albern“,“ sagte er. „Also irgendwas, wo Leute oder Tiere Fehler machen, aber nicht alle sterben.“ „Meine Lieblingsbeschreibung,“ meinte die Mutter trocken. Filmauswahl – ein Sportfilm, aber anders Sie schaltete den Streamingdienst ein, scrollte durch die Vorschläge. „Hier,“ sagte sie nach einer Weile. „Ein Film über eine kleine Fußballmannschaft aus einem Dorf, die eigentlich keine Chance hat, irgendwo mitzuspielen, weil alle sie auslachen. Aber es ist nicht dieses typische „wir gewinnen alles am Ende“-Ding, sondern eher: sie versuchen’s, verkacken, lernen was, und am Ende ist nicht der Pokal das Wichtigste.“ Sie las die Kurzbeschreibung: „Ein verletzter früherer Profispieler trainiert eine Jugendmannschaft in einem Kaff, die keiner ernst nimmt. Mehr Chaos als Taktik, mehr Gefühle als Tabellen. Kein Wundermärchen, eher eine Geschichte über zweite Chancen.“ Lukas hörte bei den Stichwörtern „verletzt“, „nicht ernst genommen“ und „zweite Chance“ automatisch genauer hin. Klingt wie eine Light-Version von uns, dachte er. „FSK harmlos, kein explizites Gewaltzeug,“ ergänzte die Mutter. „Laufzeit knapp zwei Stunden.“ Sie sah in die Runde.
„Ich bin dabei,“ sagte Erling sofort. Der Vater nickte. „Ich auch,“ sagte er. „Vielleicht lerne ich noch was über Menschen, die nicht alles beim ersten Fehler hinschmeißen.“ Lukas lehnte sich in die Ecke, zog die Decke etwas höher. „Okay,“ sagte er. „Aber wenn der Film anfängt, uns emotional zu manipulieren, mach ich mir Notizen.“ „Notizen sind erlaubt,“ sagte die Mutter. „Solange du nicht den ganzen Film auseinandernimmst wie eine Matheaufgabe.“ Der Film beginnt – ruhiger Einstieg Die Anfangsszene zeigte eine verlassene Fußballanlage, verwildert, mit verblassten Linien und einem rostigen Tor. Ein Mann – offenbar der Ex-Profi – stand am Rand, mit einer Schiene am Knie, blickte auf den Platz, als würde er gleichzeitig etwas vermissen und hassen. Lukas spürte sofort diese Mischung aus „zu nah dran“ und „weit genug weg“, die solche Geschichten bei ihm auslösten. Jemand, der mal „groß“ war und jetzt das Gefühl hat, nichts mehr wert zu sein, dachte er. Kommt mir bekannt vor, nur ohne Profi-Vertrag. Die Jugendmannschaft wurde eingeführt: zusammengewürfelte Kids, unterschiedliche Hintergründe, keiner besonders talentiert, aber alle irgendwie da. Ein Junge stotterte beim Sprechen, ein anderer war ständig zu spät, eine spielt mit, obwohl eigentlich alle finden, „Mädchen gehören doch nicht auf den Platz“. „Die sind zusammen ein bisschen wie dein Kopf,“ flüsterte Erling Lukas zu. „Chaos, aber mit Potenzial.“ Lukas stieß ihm die Decke gegen die Seite. „Halt die Metaphern flach,“ murmelte er. „Sonst muss ich gleich wieder atmen üben.“ Erste Hälfte – Fehler, Peinlichkeiten & Wiedererkennen Der Film zeigte in der ersten Hälfte vor allem Dinge, die schiefgingen: • peinliche Fehlpässe, • Eigentore, • Trainer-Ausraste, • Dorf-Leute, die lästern. Lukas musste mehr als einmal kurz lachen, weil manche Szenen so absurd waren, dass sie schon wieder gut waren. Aber zwischendurch gab es kleine Momente, die direkt trafen. Eine Szene blieb besonders hängen: Der Trainer schrie den stotternden Jungen an, weil der in einem entscheidenden Moment nicht laut genug gerufen hatte.
Später stellte sich heraus: Der Junge hatte sich nicht getraut, weil er Angst hatte, ausgelacht zu werden. Im Film gab es dann eine leise Szene in der Kabine: Trainer: „Warum hast du nichts gesagt?“ Junge: „Weil alle mich komisch finden, wenn ich rede.“ Trainer: „Ich hab gedacht, du wärst einfach nur faul.“ Junge: „Ich bin nicht faul. Ich hab nur Angst.“ Lukas’ Blick blieb an dieser Stelle starr auf dem Bildschirm. Ja, dachte er. So fühlt sich das an. Wenn keiner sieht, dass du Angst hast, und alle denken, du wärst einfach nur „zu bequem“ oder „zu empfindlich“. Er bemerkte im Augenwinkel, wie seine Mutter kurz zu ihm hinüberschaute, dann aber bewusst nichts sagte. Der Vater tippte unbewusst mit dem Finger an seine Tasse, als würde er eine innere Unruhe rhythmisch abfedern. Zwischendurch – Tee, Decke & Sicherheit In einer Werbe-Pause des Senders (oder dieser eingebauten „Wir empfehlen Ihnen“Unterbrechung) streckte Lukas seine Beine etwas aus, nahm einen Schluck Tee. Pfefferminz, leicht abgekühlt, aber noch warm genug, dass es den Magen beruhigte. Er zog die Decke fester um sich. Ich sitze hier, sehe mir einen Film über gescheiterte Fußballer und Außenseiter-Kinder an, und es ist… aushaltbar, dachte er. Vor einem Jahr wäre ich bei der zweiten emotionalen Szene wahrscheinlich rausgerannt. Erling sah ihn kurz an. „Skala?“ flüsterte er. „Drei,“ murmelte Lukas. „Ruhig. Traurig an ein paar Stellen, aber nicht überwältigt.“ „Drei ist gut,“ meinte Erling. „Drei ist fast schon Couch-Normal.“ Zweite Hälfte – kein Märchen, aber ein Schritt In der zweiten Hälfte des Films steuerte die Geschichte auf das „große Spiel“ zu, wie immer bei solchen Sportfilmen. Aber anders als in den typischen Hollywood-Geschichten gewinnen sie hier nicht plötzlich alles. Sie spielen besser, sie spielen mutiger, sie lassen weniger rein, schießen sogar ein Tor. Aber am Ende verlieren sie trotzdem. Sie steigen nicht auf, es gibt keine „Mediengeschichte“, keine plötzlichen Scouts. Was es gibt: Die Kids bleiben in der Umkleide sitzen, enttäuscht, aber nicht zerstört.
Der Trainer sagt am Ende: „Ich habe euch trainiert, damit ihr Spiele gewinnt. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich wollte, dass ihr lernt, nach einer Niederlage nicht zu glauben, dass ihr nichts wert seid. Ein Spiel ist ein Spiel. Ihr seid mehr als das.“ Lukas hörte die Worte, als wären sie für ihn. Ein Kurs ist ein Kurs. Eine Vorlesung ist eine Vorlesung. Ein Cyberangriff ist ein Cyberangriff. Ich bin mehr. Ich vergesse das nur ständig. Im Film blieb der Trainer im Dorf, die Mannschaft blieb zusammen, und das letzte Bild zeigte keinen Pokal, sondern einen Trainingsnachmittag, an dem sie ganz normal weitermachten. Keine epische Musik, sondern einfach: Weitergehen. Nach dem Film – Stille, dann vorsichtige Worte Der Abspann lief. Die Musik war ruhig, nicht überdreht. Keiner sprang sofort vom Sofa auf. Niemand griff nach dem Handy. Es war eine dichte, leise Stille im Raum. Die Mutter zog die Decke fester um sich. „Und?“ fragte sie schließlich, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. Lukas überlegte. „Gut,“ sagte er. „Weil niemand plötzlich zum Superhelden wird. Alle bleiben kaputt – aber weniger allein.“ Erling nickte. „Ich mochte, dass Niederlage nicht so dargestellt wurde, als wäre das Leben vorbei,“ sagte er. „Nur als: „Heute nicht, aber du lebst weiter.““ Der Vater räusperte sich. „Ich habe mich in dem Trainer mehr gesehen, als mir lieb ist,“ sagte er leise. Alle sahen ihn an. Er fuhr fort: „Jemand, der viel kaputt gemacht hat, weil er mit sich selbst nicht klarkam. Der glaubt, er könnte nichts mehr gut machen. Und dann merkt, dass er vielleicht nicht alles retten kann, aber etwas.“ Es war kein dramatisches Geständnis, aber auch kein blöder Spruch. Lukas ließ die Worte einen Moment wirken. „Du bist nicht nur der, der Rollstühle anzündet,“ sagte er nüchtern. „Du bist auch der, der mich heute zum Wintermarkt gefahren hat, ohne auszurasten, und mit uns hier sitzt, ohne irgendwas zu zerlegen.“ Der Vater blickte ihn an. „Wenn ich wählen könnte,“ sagte er, „würde ich gern nur der zweite sein.“
„Dann fang einfach damit an, öfter der zweite zu sein als der erste,“ meinte Lukas. „Der Rest braucht wahrscheinlich… viele Fortsetzungen.“ Die Mutter lächelte müde, aber warm. „Das Leben ist keine Saison mit klaren Spieltagen,“ sagte sie. „Eher eine Dauerverlängerung mit wechselnden Gegnern.“ Kleine Szene: Tee nachfüllen & Alltagsgeräusche Der Film war aus, der Fernseher zeigte wieder die Startoberfläche. Die Mutter stand auf, nahm die Tassen, ging in die Küche, um heißes Wasser nachzugießen. Man hörte das Rauschen des Wasserkochers, das Klirren von Porzellan, das leise Ploppen eines Deckels. Erling stand auf, streckte sich, die Gelenke knackten. „Dein Körper klingt wie altes Stadionholz,“ kommentierte Lukas. „Ich hab mehr Minuspunkte eingefahren als manche Tribüne,“ gab Erling zurück. Der Vater blieb im Sessel sitzen, die Hände an der Lehne, den Blick nicht mehr so düster wie an vielen anderen Abenden. Lukas’ innerer Rückblick des Tages Später, als der Fernseher aus war und nur noch der Baum leuchtete, lehnte Lukas den Kopf nach hinten und ließ den Tag gedanklich rückwärts laufen: • Letzter Winterzeitmarkt, • Kinderpunsch in seiner Hand, • Holzbrett „Mut = trotzdem hingehen“. • McDonald’s, • Pommes, • Familiengespräch ohne Ausraster. • Jetzt: Sofa, Film, Tee, Decke, ein Vater, der keine Flasche in der Hand hatte, sondern heiße Tasse. Für einen Tag, der theoretisch ganz normal war, dachte er, ist das verdammt viel. Er spürte, wie die Müdigkeit schwerer wurde, aber nicht diese zerstörerische Erschöpfung, sondern eine, die einfach sagte: Enough for today. Kurze Szene vor dem Schlafengehen Später am Abend löste sich die Runde im Wohnzimmer auf. Die Mutter räumte die löschte die ließ nur noch die Lichterkette am Baum an.
weg, Stehlampe,
„Geh schon mal nach Zombiemodus,“ sagte sie zu Lukas. „Morgen brauchst du keinen Alarm, aber dein Kopf wird ihn vermutlich trotzdem stellen.“ Der Vater legte ihm, bevor er ins Schlafzimmer ging, kurz die Hand auf die Schulter. Nicht fest, nicht besitzergreifend, nur eine kurze Berührung. „Danke für heute,“ sagte er nur. Lukas nickte. „Danke, dass du den Trainer eher in der zweiten Filmhälfte gespielt hast,“ antwortete er. Erling folgte ihm ins Zimmer, warf sich auf die Matratze. „Ein Tag mit Markt, McDonald’s und Film,“ sagte er. „Für viele einfach nur „Ferien“. Für dich war es Training auf drei Ebenen.“ „Für mich war es eine Mischung aus Reizüberlebenskurs, Familienexperiment und emotionaler Doku,“ murmelte Lukas. Heft-Eintrag – der Rest des Tages Bevor er schlafen ging, nahm Lukas nochmal sein Heft. Unter dem Eintrag zu Wintermarkt und McDonald’s schrieb er: „Rest vom Tag – Filmabend Wir haben zusammen einen Film über eine kleine Fußballmannschaft geschaut, mit einem kaputten Trainer und Kindern, die keiner ernst nimmt. Niemand wurde am Ende Weltmeister. Keiner bekam plötzlich einen Profivertrag. Sie haben das entscheidende Spiel verloren. Und trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass es eine „Verlierer-Geschichte“ war. Der Trainer hat am Ende gesagt: „Ein Spiel ist ein Spiel. Ihr seid mehr als das.“ Ich wünschte, jemand hätte mir das früher über: – Schule, – Praktikum, – Gericht, – Krankenhaus, – Katheter, – VR-Keller, – und die Hochschule gesagt. Heute hab ich es mir selbst gesagt. Wintermarkt ist nicht nur „der Ort, wo alles eskaliert“. McDonald’s ist nicht nur „der Ort, wo man überfordert ist“. Ein Film ist nicht nur „Ablenkung“, sondern manchmal ein Spiegel, der nicht wehtut, sondern erklärt. Papa saß mit uns auf dem Sofa, hatte Tee in der Hand, und kein Glas mit irgendwas drin, was brennt. Es war einfach ein Abend. Mit Film. Mit Tee. Mit Decken.
Und für mich sondern: unfassbar kostbar.“ Er las den schloss dann das Heft.
„langweilig“, einmal,
Letzte Gedanken vor dem Schlaf Im Bett, im Halbdunkel, hörte Lukas noch die vertrauten Geräusche der Wohnung: Die Schritte der Mutter, die die letzten Lichter ausmachte. Die Tür vom Schlafzimmer der Eltern, die leise ins Schloss fiel. Erlings Atem, gleichmäßig und ruhig. In der Ferne knallte wieder ein Testböller. Lukas’ Körper zuckte kurz, aber weniger als noch vor ein paar Tagen. Es wird noch schlimmer werden, dachte er. Patrik. Heilige Drei Könige. Silvester. Dinge, die noch kommen. Dann dachte er an etwas anderes: • an den Kinderpunschbecher in der Hand, • an das Holzbrett mit der Gravur, • an die Pommes im McDonald’s, • an den Filmtrainer, der sagte: „Ihr seid mehr.“ Vielleicht, dachte er, bin ich tatsächlich mehr als alles, was mir passiert ist. Heute war ein leiser Beweis dafür. Mit diesem Gedanken ließ er den 37. Tag los, der gleichzeitig unspektakulär und wichtig gewesen war, und glitt langsam in einen Schlaf, in dem zum ersten Mal seit Langem kein Gerichtssaal, keine brennenden Dinge und keine VR-Brille die Hauptrolle spielten, sondern nur: Ein Fußballfeld in einem Dorf, eine Jugendmannschaft, und ein Trainer, der trotz Niederlage nicht wegging. Der 38. Tag begann mit einem Geräusch, das sich erst gar nicht besonders anhörte und trotzdem alles veränderte: dem Klingeln an der Wohnungstür. Früh am Morgen – ein Klingeln, das anders ist Lukas lag noch halb im Dämmerzustand. Die Nacht war überraschend keine kein kein Albtraum vom VR-Keller.
gewesen: Panikattacke, Schweißausbruch,
Nur ein paar wirre Träume, die schon beim Aufwachen zerbröselten. Erling lag auf der Matratze, ein Arm über dem Gesicht, und gab den unmissverständlichen Ton eines Menschen von sich, der noch nicht bereit war, Verantwortung für seine Existenz zu übernehmen. Das Klingeln kam ein zweites Mal. Diesmal deutlich. Lukas setzte sich ruckartig auf. Paket. Der Gedanke war so klar, dass er ihn fast laut ausgesprochen hätte. Sein Herz sprang kurz schneller. Heute? Schon? Er tastete nach seinem alten Handy auf dem Nachttisch, schaltete das Display an. Eine neue Nachricht: „Ihr Paket wird heute zwischen 8:30 und 11:00 Uhr geliefert.“ Er blinzelte auf die Uhrzeit. 8:36 Uhr. „Ah,“ murmelte er leise. „Deutsche Logistik: ausnahmsweise mal pünktlicher als mein Hirn.“ Erling machte ein unverständliches Geräusch. „Lass mich raten,“ nuschelte er. „Entweder Feuerwehr, Polizei oder Paketbote.“ „Dritte Option,“ sagte Lukas. „Zukunftsziegel.“ Flur – der Paketbote & ein kurzer Adrenalinschub Im Flur hörte man schon Schritte. Die Mutter war schneller gewesen, hatte die Tür geöffnet. „Guten Morgen,“ sagte eine fremde Stimme. „Paket für Zimmermann.“ „Das bin ich,“ antwortete die Mutter. „Danke.“ Lukas stand auf, schlüpfte in seine Jogginghose, zog schnell ein T-Shirt über, rieb sich übers Gesicht. Als er aus seinem Zimmer in den Flur trat, sah er die Mutter mit einem mittelgroßen, flachen Karton in den Händen stehen. Der Karton trug das Logo des Elektronikshops und einen kleineren Aufkleber mit: „Vorsicht – empfindliche Elektronik.“ Lukas’ Herz machte einen kleinen Satz. Das ist es. Die Mutter drehte sich zu ihm. „Na?“ fragte sie. „Fühlt sich nach dem an, was du bestellt hast?“ „Wenn da jetzt ein Bügeleisen drin ist, kündige ich dem Universum,“ sagte Lukas. Sie reichte ihm das Paket. Es war schwerer, als er erwartet hatte, aber nicht schwer im eigentlichen Sinn – eher: real. Er spürte das raue Kartonmaterial unter den Fingern.
Hinter ihm stand plötzlich der Vater in der Wohnzimmertür, noch mit zerzausten Haaren und Schlaf-T-Shirt. „Ist es da?“ fragte er überflüssigerweise. „Entweder das,“ sagte Lukas, „oder jemand schickt uns eine sehr seltsam verpackte Salami.“ Wohnzimmer – das Unboxing-Ritual Sie gingen ins Wohnzimmer. Lukas setzte sich an den Esstisch, stellte den Karton vor sich ab. Die Mutter blieb stehen, die Hände in die Seiten gestemmt. „Willst du es alleine auspacken,“ fragte sie, „oder mit Publikum?“ Lukas dachte kurz nach. Ein Teil von ihm wollte das alleine, in seinem Zimmer, nur er und der Karton. Ein anderer Teil wusste: dieser Moment gehörte nicht nur ihm. Die Entscheidung für das Handy, die finanzielle Beteiligung, die letzten Tage – das alles war Teamarbeit gewesen. „Ihr dürft zusehen,“ sagte er schließlich. „Aber niemand reißt mir den Karton aus der Hand. Das ist kein Fußball.“ Der Vater hob abwehrend die Hände. „Dieses Mal bin ich nur Zuschauer,“ sagte er. „Ich schwöre es.“ Erling schleppte sich ins Wohnzimmer, noch barfuß, Haare verwuschelt, ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Unboxing-Show,“ murmelte er. „Ich bin bereit.“ Lukas nahm einen Moment nur den Karton in die Hände, atmete tief durch. Das ist nicht nur ein Gerät, dachte er. Das ist ein neues Kapitel. Dann zog er vorsichtig das Klebeband entlang auf, nicht hektisch, sondern kontrolliert. Der Karton öffnete sich. Innen: Luftpolsterfolie, darunter der eigentliche, elegante Handy-Karton mit dem Schriftzug: „Galaxy S25 Ultra“ und einer stilisierten Umrisszeichnung, die eindeutig das neue Modell zeigte. Dunkel, schlicht, kein grelles Design. Lukas’ Fingern wurden leicht schwitzig.
Er löste die nahm den inneren Karton legte den Versandkarton zur Seite. Der neue Karton fühlte sich glatter, mit diesem typischen „zu schön zum Wegwerfen“-Gefühl.
Folie, heraus, anders
an: fester,
Deckel hoch – erstes echtes Sehen Langsam hob er den Deckel. Kein Feuerwerk, kein Soundeffekt, nur das leise Gleiten von Pappe über Pappe. Und dann lag es da. Das Handy, eingebettet in eine passgenaue Form, mit einer dünnen Schutzfolie auf der Vorderseite. Die Rückseite war sichtbar: Dunkelgrün. Kein grelles Giftgrün, sondern ein tiefes, fast beruhigendes Grün, wie eine Mischung aus Waldrand und Stadionrasen bei Nacht. Die Kameralinsen glänzten in der Ecke, wie kleine schwarze Augen. „Da ist es,“ sagte die Mutter leise. Der Vater atmete einmal tief ein. „Schön,“ sagte er. Und meinte dabei nicht nur das Design. Erling beugte sich vor. „Sieht aus wie ein seriöser Panzer,“ kommentierte er. „Stylisch, aber eindeutig bereit, durch schwere Zeiten zu gehen.“ Lukas hob das Handy vorsichtig aus der Halterung. Es lag überraschend gut in der Hand: schwer genug, um real zu wirken, aber nicht klobig. Die Kanten waren glatt, aber nicht rutschig. Das gehört jetzt mir, dachte er. Nicht als Spielzeug. Als Werkzeug. Erster Start – das Aufleuchten der Zukunft Er legte das Handy kurz auf atmete noch einmal tief wischte sich unauffällig die Hände an seiner Jogginghose ab. Dann drückte er den Power-Button. Ein kurzer Vibrationsimpuls. Das Display ging zeigte zuerst das dann den schwarzen Bildschirm mit animiertem Schriftzug. Erling beobachtete ihn zwischen neugierig und respektvoll.
Tisch, durch,
an, Herstellerlogo,
Der Vater stand etwas weiter hinten, lehnte an der Wand, als wollte er den Moment nicht dominieren. Die Mutter trat einen kleinen Schritt näher, aber griff nicht ein. Das erste Setup-Menü erschien: „Willkommen!“ Sprache auswählen. „Deutschland, Deutsch,“ murmelte Lukas, tippte. „Mit dem Einrichten beginnen?“ „Okaay,“ sagte er leise. „Legen wir los.“ Er entschied sich im ersten Schritt, das Handy nicht komplett aus einem alten Backup wiederherzustellen. Ich will nicht alles rüberziehen, dachte er. Nicht 1:1. Sonst hab ich wieder denselben Müll in neuem Gewand. Als das Gerät fragte: „Aus altem Gerät wiederherstellen?“ ging er auf „Später“. „Machst du kein komplettes Backup?“ fragte der Vater. Lukas schüttelte den Kopf. „Nicht blind,“ sagte er. „Ich will entscheiden, was mitkommt und was nicht. Ich brauche kein Spiegelbild von „Vor-Hölle“. Ich will einen Filter.“ Die Mutter nickte zufrieden. „Gute Entscheidung,“ sagte sie. WLAN, Google-Konto & die erste Grenze Er verband das Handy mit dem gab das Passwort wartete. Die Verbindung kam zustande. „Google-Konto hinzufügen“ Ein weiterer wichtiger Schritt. Er tippte seine Mailadresse dann das Passwort. Eine Weile lang drehte sich ein kleiner Kreis. „Konto wird überprüft…“ Lukas spürte einen seltsamen als die alte mit der so viele Jahre gefüllt sich in diesem neuen Gerät verankerte. Gleiche Adresse, anderes Kapitel, sagte er sich. „Möchten Sie Ihre Daten aus einem früheren Backup wiederherstellen?“ Optionen: – Komplettes Backup vom alten – Nur ausgewählte – Nein, neues Gerät einrichten Lukas wählte „Nur ausgewählte Elemente“. Apps, Einstellungen, Kontakte alles stand da als Liste. Er schaltete bewusst einiges aus:
Stich, Mailadresse, waren,
Handy Elemente –
„Alte Hintergrundbilder? Nein.“ „Alte Anrufliste? Nein.“ „Gespeicherte WLAN-Netze von Orten, an die er nie wieder zurück wollte? Nein.“ „Was lässt du drin?“ fragte die Mutter. „Kontakte, Kalender, Notizen,“ sagte er. „Alles, was ich für Studium, Therapie, Familie brauche. Keine alten Layouts, keine alten Ordner. Die strukturiere ich neu.“ Er ließ: • Kontakte • Kalender • Google Notizen • Drive-Dokumente aber deaktivierte: • alte installierte Apps • alte Homescreen-Konfiguration • alte Hintergrundbilder. Wenn ich die Apps will, installiere ich sie bewusst neu, dachte er. Dann ist jede Ikone eine Entscheidung – kein Rest von früher. PIN, Fingerabdruck & Sicherheit Als nächstes kam der Sicherheitsbereich. „Sperrbildschirm einrichten“ „Kein Sperrbildschirm“ war keine Option für ihn. Er tippte eine PIN ein – nicht irgendein leicht erratbares Datum, sondern eine Zahl, die für niemanden außer ihm Bedeutung hatte. Dann das Fingerabdruck-Setup. Er legte seinen Finger immer wieder auf den Sensor, bis das System zufrieden war. „Fingerabdruck hinzugefügt“ Gut, dachte er. Diesmal entscheide ich, wer mich erreicht – und wie. Danach: „Gesichtserkennung einrichten?“ „Lieber nicht,“ murmelte er. „Mein Gesicht hat in letzter Zeit genug Scanner gesehen.“ Er übersprang diesen Schritt. Startbildschirm – das erste neue Bild Nach einer Weile war das Setup durch. Das Gerät zeigte zum ersten Mal den Homescreen. Noch ganz leer, mit Standard-Hintergrund: ein abstraktes Muster, bläulich, neutral. „So,“ sagte Lukas. „Jetzt kommt der Teil, in dem ich entscheide, wie meine Zukunft aussieht, wenn ich es entsperre.“ Er ging in die Einstellungen, unter „Hintergrund“. Vorschläge: • bunte abstrakte Muster, • Landschaften,
• dynamische Hintergründe. Er blätterte spürte, wie sich seine Augen nach etwas Ruhe sehnten. Er blieb bei einem Motiv stehen: ein dunkler, leicht grünlicher mit einem angedeuteten Horizont wie ein stiller Abendhimmel. „Den,“ sagte er. „Kein Stadion, kein Foto, kein Gesicht. Einfach nur… ruhig.“ Er aktivierte das Hintergrundbild. Der Startbildschirm veränderte sich. Plötzlich sah das Gerät weniger nach und mehr nach „seins“ aus.
durch, Verlauf, –
App-Auswahl – was mitdarf und was nicht Dann kam der Apps-Teil. „Play Store,“ murmelte Lukas. „Einmal bewusst reingehen, nicht im Autopilot.“ Er öffnete den Store, tippte nacheinander ein, was er brauchte. Er installierte bewusst: • Messenger-Apps (für Familie, Assistenz, Therapie) • die App seiner Hochschule (so kompliziert sie auch war) • Kalender-App • Notizen • Banking • DB Navigator • Pokémon GO • FC- / Fußballergebnis-App • Streaming-Dienste Er ließ bewusst weg – zumindest erstmal: • bestimmte Social-Media-Apps, die ihn in den letzten Monaten eher getriggert hatten. • irgendwelche sinnlosen Spiele, in denen man sich nur verliert, um nicht zu fühlen. „Du kannst sie immer noch später holen,“ sagte er sich. „Aber nicht sofort.“ „Was installierst du zuerst?“ fragte Erling neugierig. „Kalender und Notizen,“ sagte Lukas. „Spießer,“ kommentierte Erling liebevoll. „Struktur-Junkie,“ korrigierte Lukas. „Dann Pokémon.“ Er öffnete Pokémon GO. Das Einloggen klappte, seine alten Pokémon waren da. Okay, dachte er. Nicht alles Vergangene ist Gift. Manche Dinge darf ich behalten. Kontakte & Chats – bewusste Entscheidungen Die Kontakte waren inzwischen alle rübergesynct. Namen tauchten in der Liste auf: • Mama • Papa • Autismus-Therapie • Autismusassistenz
Hausarzt diverse Dozenten Erling (unter dem Decknamen, den sie für ihn verwendeten) und auch: Patrik. Lukas blieb auf dem Namen hängen. Dieses eine Wort im Kontaktbuch fühlte sich an wie eine kleine, noch nicht entfernte Glasscherbe. „Blockieren?“ fragte Erling ruhig, der seinen Blick bemerkte. Lukas dachte nach. „Noch nicht,“ sagte er langsam. „Aber stumm.“ Er öffnete die Nachrichten-App. Beim ersten Start fragte sie, ob sie alte Nachrichten und Chats von der Cloud laden sollte. Lukas wählte: „Nur die letzten 6 Monate.“ Ich brauche nicht alles von früher, dachte er. Die ganz alten Schlachtenarchive dürfen in der Vergangenheit bleiben. Als die Chats geladen waren, legte er Regeln fest: • Chats mit Mutter, Vater, Oma, Therapie, Assistenz: „wichtige Konversationen“ – dürfen Benachrichtigungen geben. • Patrik: Chat zwar vorhanden, aber sofort auf „stumm“ und „Benachrichtigungen aus“ gesetzt, ganz nach unten geschoben. • Gruppen, die ihm nichts mehr gaben als Stress: verlassen oder stumm. Es fühlte sich an, als würde er nicht nur ein Handy einrichten, sondern gleich seine innere Prioritätenliste neu sortieren. • • • •
Notfall-Setup – Sicherheit im Ernstfall Dann ging er in den Bereich „Sicherheit & Notfall“. „Notfallkontakte hinzufügen“ stand da. Er tippte: • Mutter • Vater • Autismusassistenz • Therapie-Kontakt (als Notfall-Notiz mit Nummer) • Hausarzt. „Sinnvoll,“ kommentierte die Mutter, die inzwischen neben ihm stand. „Falls du mal irgendwo bist und nicht gut sprechen kannst.“ „Ich will, dass dieses Ding mir nicht nur Serien vorschlägt,“ sagte Lukas, „sondern im Zweifelsfall die richtigen Menschen.“ Startbildschirm strukturieren – Ordnung im Chaos Er ging zurück auf den Homescreen. Die Standard-Apps klebten in einer Reihe unten. Lukas drückte länger auf schob es an eine bewusst gewählte Stelle. Er ordnete seine Icons in „logische Blöcke“: Erste nur das Wichtigste: • Telefon
Symbol, Seite:
• • • • • •
Nachrichten Kalender Notizen Mail Browser „Mein Studium“-Ordner (mit Hochschul-App, Vorlesungsplattform, Cloud)
Zweite „Hilfe & Gesundheit“: • Kontakte für Therapie • Notfall-App • Mood-Tracker • Meditations-App, die er irgendwann mal ausprobiert und diesmal bewusst wieder installieren wollte. Dritte „Freizeit“: • Pokémon GO • Streamingdienste • Musik-App • Fußballergebnis-App Keine fünf Seiten kein wildes Durcheinander. Alles überschaubar. „Jede App, die ich installiere,“ dachte er, „muss sich ihre Position verdienen.“
hatte Seite:
Backup vom alten Handy – bewusstes Abschiednehmen Nach dem groben Einrichten nahm Lukas sein altes Handy zur Hand. Es fühlte sich plötzlich kleiner, leichter, müder an. Die Hülle war abgenutzt, ein kleiner Riss am Rand erinnerte an einen Sturz im falschen Moment. Du warst da, dachte Lukas. In der schlimmsten Zeit. Du bist nicht „schuld“. Aber ich will nicht dein Gefängnis bleiben. Er schloss das alte Handy per Kabel oder direkt via Funkverbindung an das neue an, um ausgewählte Dinge noch rüberzuziehen: • bestimmte Fotos, die er behalten wollte (von schönen Tagen, Ausflügen, Erfolgen), • Screenshots von wichtigen Dokumenten, • Notizen, die an Termine geknüpft waren. Er ließ bewusst weg: • alte Chatverläufe mit Menschen, die ihm nicht gut getan hatten, • Screenshots von Streit, • Fotos von Krankenhaussituationen, • Bilder, die nur noch alte Wunden aufrissen. „Ich mach kein digitales Museum für Trauma,“ murmelte er. „Ich lasse ein Archiv in der Vergangenheit und nehm nur die Kapitel mit, die mir helfen.“ Erling sah ihn anerkennend an. „Das ist, als würdest du beim Umzug nur die Möbel mitnehmen, auf denen man wirklich sitzen kann,“ sagte er. „Und den kaputten alten Schrott endlich auf den Sperrmüll stellen.“
Erster Test – Foto & Hintergrund „Du brauchst ein Bild, das zu dem Handy passt,“ meinte Erling. „Was ist dein erstes Foto?“ Lukas überlegte. Er hätte eins vom Wintermarkt machen können, oder vom Wohnzimmer, oder irgendein Selbstauslöser-Foto. Stattdessen stand er auf, trat ans Fenster. Draußen war der Morgen hell, kalt, mit diesen blassen Winterfarben. Ein paar Wolken hingen über den Häusern, die Bäume waren kahl, aber die Luft sah klar aus. Er hob das Handy, öffnete die Kamera, zielte auf ein Stück Himmel zwischen zwei Hausdächern. Er drückte auf den Auslöser. Klick Auf dem Bild sah man: • den oberen Rand des Fensters, • ein Stück graublauen Himmel, • eine fast nackte Baumkrone, • eine einsame Krähe auf einem Ast. „Schön?“ fragte die Mutter. „Ehrlich,“ sagte Lukas. „Kein Filter, kein „alles ist perfekt“, aber auch kein Untergangsszenario. Einfach… echt.“ Er richtete das Foto als Sperrbildschirm-Hintergrund ein. Wenn er das Handy jetzt weckte, sah er als erstes: kein Logos, kein bunter Werbehintergrund, sondern „seinen“ Himmel. Reaktion der Eltern – weniger Drama, mehr Respekt Die Mutter setzte sich auf die Stuhlkante. „Wie fühlst du dich?“ fragte sie vorsichtig. Lukas sah einen Moment auf den neuen Startbildschirm, den grünen Rahmen, die Icons in ihrer ersten Ordnung. Er suchte nach dem richtigen Wort. „Zweistimmig,“ sagte er schließlich. „Das heißt?“ fragte sie. „Eine Stimme in mir sagt: „Du hast was Teures, Wertvolles. Pass bloß auf, mach ja nichts falsch, du bist das nicht wert.“ Die andere Stimme sagt: „Genau, deswegen musst du lernen, damit umzugehen. Es ist keine Trophäe. Es ist ein Werkzeug, das dir tatsächlich hilft.““ Der Vater nickte. „Ich kenne beide Stimmen,“ sagte er leise. Lukas sah ihn an.
„Du hast geholfen, es zu bezahlen,“ sagte er. „Also gehört dir ein Teil der guten Stimme. Aber die schlechte Stimme behalte ich. Die kenn ich schon länger.“ Der Vater lächelte traurig. „Ich arbeite dran, dass die gute Stimme irgendwann lauter wird,“ erwiderte er. Kleine symbolische Geste – das alte Handy verabschieden Später am Morgen, als das Gröbste eingerichtet war, lag das alte Handy und das neue nebeneinander auf dem Tisch. Der Unterschied war krass: • alt: matt, verkratzt, müde • neu: klar, schnell, ruhig Lukas nahm das alte Gerät in die Hand. „Ich werde dich nicht sofort löschen,“ sagte er fast halb laut. „Aber du kommst in Rente.“ Er schaltete es in den Flugmodus, stellte Lautstärke auf null, räumte alle unnötigen Benachrichtigungen weg. „Was machst du damit?“ fragte Erling. „Backup-Notlösung,“ sagte Lukas. „Falls das neue mal weg sein sollte. Aber du bist nicht mehr mein Hauptsystem.“ Er ging in sein Zimmer, öffnete eine Schublade, legte das alte Handy hinein – zusammen mit ein paar Dingen, die er nicht wegwerfen wollte, die aber auch keinen Platz mehr in seinem Alltag hatten. Du bist nicht Müll, dachte er. Aber du bist auch nicht mehr mein ständiger Begleiter. Als er die Schublade schloss, fühlte es sich ein bisschen so an, als hätte er eine Tür hinter einem sehr langen, sehr dunklen Gang zugemacht. Der Gang existierte noch. Aber er musste nicht jeden Tag durchlaufen werden. Testlauf – erste Nachricht, erstes „Ping“ Zurück im Wohnzimmer, nahm er das neue Handy in die Hand und schrieb seine erste bewusste Nachricht von diesem Gerät aus. Nicht an Patrik, nicht an irgendeinen Chat, der Stress brachte. Er schrieb an seine Mutter – obwohl sie drei Meter weiter saß. „Test vom neuen Handy. Hier meldet sich das 2025er-Upgrade.“ Es pingte bei ihr. Sie sah auf ihr Handy, grinste, schrieb zurück: „Test erfolgreich. Willkommen im neuen Kapitel.“ Kurz darauf vibrierte das neue Gerät erneut.
Eine Nachricht von Oma: „Guten Morgen, mein Junge. Ich hoffe, du hast einen ruhigen Tag. Ich freu mich, dass wir wieder schreiben.“ Lukas starrte kurz auf die Nachricht. Das ist die erste richtige Nachricht, die du auf diesem Handy bekommst, dachte er. Nicht eine Drohung. Nicht ein Vorwurf. Sondern etwas, das in Richtung „Zugehörigkeit“ geht. Er lächelte schwach, tippte langsam eine Antwort: „Guten Morgen Oma, ich hab heute ein neues Handy bekommen. Viele Sachen sind schwer gerade, aber ich versuche, mir gute Momente zu bauen. Du gehörst dazu.“ Er schickte die Nachricht ab. „Wie spät ist es eigentlich?“ fragte er dann laut. „Kurz nach zehn,“ antwortete die Mutter. „Gut,“ sagte Lukas. „Ich brauche jetzt eine Pause vom Einstellen, sonst richte ich am Ende sogar meinen Toaster über das neue Handy ein.“ Ende des Morgens – eine neue Basis Er setzte sich mit dem Handy aufs aber diesmal ohne weiter herumzuwischen. Er ließ es einfach in seiner Hand spürte das Gewicht. In seinem Kopf sortierte sich langsam: • Der Wintermarkt vom Vortag, • McDonald’s, • der Film, • das Feuerwerk im Abstellraum, • und jetzt dieses neue das wie ein kleines, glattes Versprechen wirkte. Es wird noch genug passieren, dachte Patriks Ultimatum. Silvester. Heilige Drei Blut, Gefahr, Entscheidungen. Aber zum ersten Mal seit langem hatte er das dass er wenigstens auf technischer nicht mit einem halbtoten Gerät kämpfen sondern etwas in der Hand das schnell war, und auf seine Regeln hörte. Der Morgen des 38. Tages endete dass Lukas auf den Sperrbildschirm sah: sein Baum, Krähe. Und darunter ein kleiner den er als Sperrbildschirm-Text eingerichtet hatte: „Du bist mehr als das, was dir passiert ist.“
Sofa, liegen,
Gerät, er. Könige. Gefühl, Seite musste, hielt, klar, damit, Himmel, Satz,
Er sperrte das legte es neben lehnte den Kopf an die und ließ den Gedanken zu: Vielleicht wird dieses Ding wirklich nicht nur sondern dass ich es weiter versucht habe. Der Mittag des 38. Tages begann erstaunlich ruhig. Kein kein keine eskalierende Nachricht aufs neue Handy. Nur dieses leise, ungewohnte Gefühl Es ist viel passiert – aber heute ist es bisher nicht schlimmer geworden.
Handy, sich, Sofalehne Bildschirm, Zeuge, Streit, Geschrei, von:
Nach dem Handy – und plötzlich: Feuerwerk im Kopf Lukas saß mit dem neuen Handy auf dem Sofa im Wohnzimmer. Er hatte gerade die letzten Einstellungen gemacht: • Sperrbildschirm-Kurzinfos geordnet, • ein paar Benachrichtigungen feinjustiert, • testweise einen Termin in den Kalender eingetragen. Erling lag halb neben ihm quer auf der Couch, die Füße auf der Lehne, den Kopf auf einem Kissen. „Und?“ fragte er. „Schon verliebt in dein neues Stück Technik?“ „Ich bin in der Kennenlernphase,“ antwortete Lukas. „Verliebt ist zu viel. Vertrauen muss sich aufbauen.“ Die Mutter kam aus der Küche, mit einem Glas Wasser in der Hand, blieb neben der Sofalehne stehen. Sie sah kurz auf das Handy, dann quer durch den Flur Richtung Abstellraum. „Apropos Vertrauen,“ sagte sie, „wir sollten heute mal einen Blick auf das Feuerwerk werfen.“ Lukas’ Kopf schaltete sofort um. Statt Apps: Kartons. Statt Display: Batterien, Fontänen, Wunderkerzen. Der Karton stand noch im Abstellraum, seit sie ihn vor zwei Tagen vom Baumarkt geholt hatten. „Stimmt,“ sagte er. „Wir müssen schauen, was genau drin ist. Und wie wir es an Silvester machen. Ich will keine Spontan-„Ach, wird schon“-Aktion.“ Der Vater, der am Esstisch saß und in seinem Notizbuch blätterte, hob den Kopf. „Wenn ihr wollt, kann ich den Karton schon mal ins Wohnzimmer tragen,“ sagte er. „Ohne dran rumzufummeln, versprochen.“ Lukas überlegte kurz, spürte einen minimalen Stich, als er daran dachte, wie sein Vater früher mit Dingen umgegangen war, die brennen konnten. Aber heute ist nicht früher, dachte er. Und wenn ich ihn nie mehr an irgendwas ranlasse, bleibt er in meinem Kopf für immer der, der alles zerstört. „Bring ihn her,“ sagte Lukas schließlich. „Aber wir packen ihn gemeinsam aus.“
Der Karton kommt auf den Tisch Der Vater stand auf, ging in den Abstellraum und kam kurz darauf mit dem Feuerwerkskarton zurück. Er stellte ihn vorsichtig auf den Esstisch, als wäre es etwas Zerbrechliches – nicht etwas, das potenziell explodiert. Der Karton war mit dicker Folie umwickelt, Stapelkanten leicht eingedrückt, aber unbeschädigt. Lukas stand auf, stellte sich an die Seite des Tisches. Erling setzte sich dazu, während die Mutter sich gegenüber positionierte. „Okay,“ sagte Lukas. „Einmal strukturierter Blick in unseren Krachvorrat.“ Die Mutter nahm eine Schere, schnitt vorsichtig das breite Klebeband auf. Der Karton öffnete sich. Innen lagen die Feuerwerksartikel, geordnet, aber noch in ihrer Transportfolie: • zwei Batterien • mehrere Bodenfontänen • Wunderkerzensets • kleine Bodenwirbellichter Kein einziges Päckchen mit klassischen Böllern. Alle hatten ihre farbigen Verpackungen, teilweise mit lächerlich dramatischen Namen. Sortieren – Ordnung ins potenzielle Chaos Lukas atmete einmal durch. „Wir packen alles raus,“ sagte er. „Aber wir reißen nichts auf. Originalverpackung bleibt bis Silvester zu. Wir wollen wissen, was was ist, aber nichts unabsichtlich aktivieren.“ „Klingt vernünftig,“ meinte die Mutter. Sie begannen, die Sachen nach und nach auf den Tisch zu legen. 1. Die Batterien Die erste Batterie war ein quaderförmiger Klotz, schwarz-blau, mit bunten Funken aufgedruckt. Name: „Lichterhimmel Family Edition“ Auf der Seite klebte eine lange, eng bedruckte Anleitung. Die zweite Batterie war etwas kleiner, mit vielen bunten Sternen auf der Verpackung. „Color Dreams – leise Effekte“ Lukas nahm sie in die Hand, drehte sie. „Leise Effekte klingt nach mir,“ murmelte er. „Ich mag keine Sachen, die klingen, als würde die Welt explodieren.“ 2. Die Fontänen
Es gab mehrere kleinere und mittlere Fontänen: • zwei goldene „Vulkan“-Fontänen, • ein Set mit mehreren kleinen bunten Fontänen, • eine in Form eines Mini-Tannenbaums. „Die sehen harmlos aus,“ sagte Erling. „Aber harmlos kann auch Respekt verdienen.“ 3. Wunderkerzen Mindestens drei Packungen Wunderkerzen. Verschiedene Längen, klassisches Silber. Lukas nahm eine Packung in die Hand. Die kenne ich, dachte er. Früher waren Wunderkerzen die einzige Sorte Feuerwerk, bei der ich mich nicht komplett überfordert gefühlt habe. 4. Bodenwirbel Kleine, flache, bunte Scheiben, die man auf den Boden legt und die sich dann kreiselnd drehen und Funken sprühen. Die Packung nannte sie: „Tanzende Sterne“ „Du kannst dich mit ihnen identifizieren,“ sagte Erling. „Drehst dich auch ständig im Kreis und leuchtest trotzdem.“ Lukas warf ihm einen Blick zu, konnte sich ein kurzes Schnauben aber nicht verkneifen. Erst die Anleitung, dann die Show Lukas zog eine der Batterien zu sich hin. „Bevor wir überhaupt daran denken, sowas draußen hinzustellen,“ sagte er, „lese ich mir die komplette Anleitung einmal durch.“ Er strich das Papier glatt, fuhr mit dem Finger Zeile für Zeile entlang. Lautes Lesen half ihm, konzentriert zu bleiben. „Nur im Freien verwenden. Batterie auf festen, ebenen Untergrund stellen. Gegen Umfallen sichern. Sicherheitsabstand mindestens 8 bis 15 Meter. Niemals in der Hand zünden. Nicht über den Artikel beugen. Nach dem Zünden sofort Abstand einnehmen.“ Er nickte bei jeder Regel. „Das ist nicht verhandelbar,“ sagte er. „Wir machen nichts, was hier verboten wird. Kein „ich halte das fest“ und kein „ich guck mal schnell drüber“, ob sie schon brennt.“ Die Mutter hörte aufmerksam zu. „Wir sollten uns außerdem merken,“ sagte sie, „wie der Wind in unserem Hof steht. Nicht, dass die Funken in Richtung Balkon zischen.“ Der Vater, der bisher eher schweigend danebenstand, sagte leise: „Ich kann euren Abschussplatz nachher mit dir anschauen, Lukas. Du sagst, was du brauchst, und ich helfe beim Aufbauen – diesmal nach deinen Regeln, nicht nach meinem Ego.“ Lukas sah ihn kurz an. „Einverstanden,“ sagte er. „Aber wir planen das rechtzeitig. Nicht fünf Minuten vor Mitternacht.“
Lukas’ inneres Planungszentrum startet Er holte spontan einen Block und einen Stift vom Sideboard. „Okay,“ murmelte er. „Wir machen das wie einen Einsatzplan.“ Er schrieb oben auf das Blatt: Silvester – Feuerwerksplanung Dann gliederte er: 1. Material o Batterie 1: „Lichterhimmel Family Edition“ o Batterie 2: „Color Dreams – leise Effekte“ o 2x Goldfontäne o 1x Tannenbaum-Fontäne o diverse kleine Fontänen o Wunderkerzen o Bodenwirbel 2. Standort o Hof / Parkplatzbereich vor dem Haus o Abstand zu Autos o Abstand zu Hauswand o Notfall-Wasser-Eimer + Feuerlöscher 3. Personen o Zündmeister: Erling o Assistenz: Vater, aber ohne Zündrechte o Zuschauer: Lukas + Mutter (und alle, die sich sicher fühlen) 4. Regeln o Kein Alkohol bei denen, die draußen sind o Keine spontanen Zusatzaktionen o Wenn Lukas „Stopp“ sagt → alles wird abgebrochen, egal was noch da ist Er legte den Block zur Seite. „Ich will nicht, dass Feuer uns steuert,“ sagte er. „Wir steuern das Feuer.“ Simulierter Ablauf – Trockenübung ohne Flamme Sie blieben noch eine Weile am Tisch stehen. Lukas nahm eine Batterie, stellte sie testweise auf einen imaginären Boden. „Also,“ erklärte er, mehr für sich als für die anderen. „Stell dir vor, das ist unser Hof. Hier steht Batterie eins. Wir sorgen dafür, dass sie nicht wackelt – ich würde sie wahrscheinlich zwischen zwei Pflastersteine oder in einen engen Kasten stellen. Dann zünden wir sie, gehen alle mindestens bis dahin zurück.“ Er deutete eine Linie an, gedanklich zehn bis fünfzehn Meter weiter hinten. „Die kleinen Fontänen,“ fuhr er fort, „können wir vorher oder nachher machen. Aber nur, wenn genug Platz ist. Und die Wunderkerzen machen wir nur im Stehen, ohne Rennen oder Hektik. Kein Herumfuchteln nahe anderer Leute.“ Erling nickte. „Ich kann mir für Silvester sowas wie eine kleine „Erling-Zündroutine“ überlegen,“ sagte er. „Immer gleich, immer gleich sicher. Keine spontanen Showeinlagen.“ Der Vater kommentierte vorsichtig: „Wir könnten auch die Reihenfolge vorher festlegen – welche Batterie zuerst, welche danach. Dann gibt es keine Diskussionen vor Ort.“ „Genau,“ sagte Lukas. „Dann müssen wir unter Stress nichts mehr entscheiden.“
Emotionale Seite: Feuer war früher Feind Während sie weiter sortierten, merkte Lukas, wie sich etwas in ihm langsam entspannte. Feuerwerk war für ihn immer zweischneidig gewesen: Auf der einen Seite: Licht, Farben, „wow“. Auf der anderen Seite: Lärm, Überforderung, Erinnerungen an brennende Dinge, an einen Vater, der die Kontrolle verloren hatte. Er sah auf die Batterien, dann auf seine eigene Liste. Vielleicht ist es das, dachte er. Nicht „Feuerwerk ist böse“ oder „Feuerwerk ist geil“, sondern: Feuerwerk gehört in die Hände von Menschen, die wissen, was sie tun – und nicht in die Hände derer, die ihre Wut damit füttern. Die Mutter musterte ihn. „Was ist?“ fragte sie ruhig. „Ich bin überrascht,“ sagte er ehrlich, „dass ich überhaupt neben diesem ganzen Zeug stehen kann, ohne innerlich komplett durchzudrehen. Früher war Feuer = Gefahr. Punkt. Jetzt ist es Feuer = Gefahr, aber kontrollierbar.“ „Das nennt man Wachstum,“ sagte sie. „Selbst wenn du es nicht so nennen willst.“ Beschriften – noch mehr Ordnung Lukas nahm einen dünnen Marker zur Hand. „Das ist jetzt vielleicht nerdig,“ sagte er, „aber ich will da kleine Nummern draufschreiben.“ „Wozu?“ fragte Erling. „Damit wir später draußen nicht rätseln müssen, welches Teil was ist,“ erklärte Lukas. „Wenn ich auf dem Plan schreibe, „erst Batterie 1, dann Batterie 2“, will ich nicht im Dunkeln überlegen müssen, welche Verpackung welche war.“ Er schrieb kleine Zahlen auf die Unterseiten der Batterien und Fontänen: • „B1“ und „B2“ • „F1“, „F2“, „F3“ usw. Dann notierte er im Plan dazu: B1 = Lichterhimmel B2 = Color Dreams F1/F2 = Goldfontänen F3 = Tannenbaum-Fontäne „Du baust dir ein eigenes, kleines Silvester-Excel,“ kommentierte Erling. „Ich baue mir eine Reizschutzmauer,“ korrigierte Lukas. Ein wichtiger Moment: Vertrauen & Grenzen Als sie fertig waren, lagen alle Artikel einmal sichtbar auf dem Tisch gewesen und waren nun wieder ordentlich im Karton verstaut. Nur jetzt nicht mehr wie anonyme Konsumobjekte, sondern als Teil eines Plans. Die Mutter schob den Karton wieder zusammen, sodass er sich leicht verschließen ließ. „Wo stellen wir ihn hin?“ fragte sie.
„Wieder in den Abstellraum,“ sagte Lukas. „Aber weiter nach hinten. Und nur du oder ich holen ihn an Silvester raus. Nicht einfach „wer grad Lust hat“.“ Der Vater nickte bei jedem Satz. „In Ordnung,“ sagte er. „Ich fasse ihn nicht an, solange ihr mich nicht explizit darum bittet, etwas zu tragen.“ Es war keine große Geste, kein dramatischer Schwur, aber für Lukas war es ein Signal: Sein Vater akzeptierte, dass ihm Vertrauen nicht einfach zustand, sondern neu aufgebaut werden musste. Rückkehr zum Alltag – aber mit neuem Gefühl Nachdem der Karton wieder im Abstellraum stand, ging Lukas ins Wohnzimmer zurück. Er setzte sich auf die Couch, nahm sein neues Handy in die Hand. Sein Sperrbildschirm zeigte den graublauen Himmel mit Baum und Krähe. Er sah kurz drauf, entsperrte das Gerät. Kalender-App öffnete sich. Er tippte auf den 31. Dezember und schrieb in das Feld: „Silvester – Feuerwerk nach Plan (nur sichere Sachen, kein Chaos, kein Alkohol draußen)“ Dann setzte er noch eine Erinnerung für zwei Stunden vor Mitternacht: „Eimer füllen, Platz vorbereiten, Plan durchgehen.“ Er lehnte sich zurück. Feuerwerk ist dieses Jahr nicht einfach „es knallt halt“, dachte er. Es ist ein kontrollierter Teil meines Lebens. Und wenn jemand versucht, das zu sabotieren – sei es mein Vater, Patrik oder irgendwer – habe ich immerhin einen Gegenplan. Der Mittag des 38. Tages endete nicht mit Funken und Krach, sondern mit: • einem sortierten Karton im Abstellraum, • einem Einsatzplan auf Papier, • einer Kalendereintragung auf einem neuen Handy, • und dem leisen, aber wichtigen Gefühl: Feuer kann mich nicht mehr komplett überraschen. Ich habe es angesehen, sortiert, benannt. Es ist gefährlich – aber nicht allmächtig. Der Abend des 38. Tages roch nach Käse, Kartoffeln und etwas, das Lukas lange gefehlt hatte: nach einem halbwegs normalen Familienmoment. Später Nachmittag – die Raclette-Idee Lukas saß an seinem das neue Galaxy neben noch immer ungewohnt glatt und fremd vertraut zugleich.
Schreibtisch, sich,
Er hatte gerade im Kalender herumgescrollt, Termine markiert, kleine Erinnerungen für Silvester und die nächsten Therapieeinheiten eingestellt. Aus der Küche drang ein Geräusch, das er sofort zuordnen konnte: Besteckklappern, Schranktüren, dieses dumpfe „Plopp“ von Tupperdosen, die geöffnet wurden. Dazu die Stimme seiner Mutter, gedämpft, aber deutlich: „Könnt ihr mal kurz kommen?“ Lukas stand auf, steckte reflexartig das Handy in die Hosentasche und ging in Richtung Küche. Erling war diesmal sogar schneller, tauchte aus dem Wohnzimmer auf und blieb im Türrahmen stehen. Die Mutter stand in der Mitte der Küche, die Arbeitsfläche vor ihr war schon halb vollgestellt: • ein Netz Kartoffeln, • ein Teller mit Mais, • Schälchen mit Paprika, • Champignons, • kleine Schälchen mit Silberzwiebeln, • eine Packung Raclette-Käse, • etwas Brot. „Ich dachte,“ sagte sie, „wenn wir schon ein halbwegs ruhigen Tag haben, nutzen wir den Abend für Raclette. Kein Stress, jeder isst in seinem Tempo, keiner muss perfekt kochen.“ Lukas’ Brust zog sich ganz kurz zusammen. Raclette bedeutete: • Hitze, • Gerüche, • lange am Tisch sitzen, • viele Reize. Aber Raclette bedeutete auch: Gemeinsamkeit. Ritual. Zeit. „Hast du Energie?“ fragte sie direkt, ohne Umwege. Lukas spürte nach innen. Der Winterzeitmarkt vom Vortag war verarbeitet, McDonald’s samt Geräuschmix lag hinter ihm, die Handy-Einrichtung hatte Kraft gezogen, das Feuerwerkssortieren ihn gleichzeitig gestresst und beruhigt. „Skala 4,“ sagte er schließlich. „Nicht superfit, aber Raclette geht. Wenn wir es nicht in „Event des Jahrhunderts“-Niveau hochziehen.“ Erling grinste. „Also kein Konfetti, keine Fanfare, kein Feuerwerk auf dem Tisch,“ meinte er. „Exakt,“ sagte Lukas. Der Vater tauchte hinter ihnen auf, lehnte sich an den Türrahmen.
„Wenn ihr möchtet,“ sagte er, „hole ich das Raclette-Gerät aus dem Abstellraum und baue es auf. Aber unter Aufsicht. Ich rühre nichts an, was brennen könnte, ohne deine Genehmigung, Lukas.“ Der Satz war halb scherzhaft, halb bitter ernst. Lukas nickte. „Du darfst es hinstellen und einstecken,“ sagte er. „Den Rest regeln wir.“ Vorbereitung – Gemüse, Käse und kleine Routinen Sie teilten sich wie selbstverständlich auf: • Die Mutter wusch und kochte Kartoffeln vor. • Lukas schnitt Paprika und Champignons. • Erling kümmerte sich um das Brot und stellte Schälchen bereit. • Der Vater holte das Raclette-Gerät aus dem Abstellraum, den Tisch im Wohnzimmer und die Verlängerungskabel. Lukas stand am Schneidebrett und schnitt Paprika in gleichmäßige Stücke. Das rhythmische „Klopf-klopf“ des Messers auf dem Holz beruhigte ihn. Er spürte, wie sich sein Atem langsam dem Rhythmus anpasste. Neben ihm raschelte eine Käsepackung. „Wir haben die „normale“ Sorte und eine mit Kräutern,“ sagte die Mutter. „Und ein bisschen Gouda, falls der Raclette-Käse dir zu streng ist.“ Früher wäre der Geruch von Käse für Lukas zu viel gewesen. Zu intensiv, zu viel „alles auf einmal“. Heute wusste er: Wenn er genug Abstand hielt, das Fenster leicht geöffnet war und er notfalls kurze Pausen machte, konnte er es aushalten. „Ich probiere heute beides,“ sagte er. „Aber falls ich zwischendurch flüchte, liegt es nicht an euch, sondern an meinem Geruchssinn.“ „Wir nehmen das nicht persönlich,“ meinte die Mutter. Erling sortierte inzwischen die Schälchen auf ein Tablett: Mais, Paprika, Pilze, Silbzwiebeln, Cornichons, Schinkenwürfel, kleine Salamischeiben. „Es sieht ein bisschen aus wie Taktikmagnete für ein Essen,“ kommentierte er. „Nur dass am Ende keiner auf dem Platz steht, sondern in Pfännchen schmilzt.“ Der Tisch – Aufbau der Raclette-Zentrale Im Wohnzimmer stand der die Decke darauf schon Untersetzer und Servietten. Der Vater stellte das Raclette-Gerät in die Mitte des Tisches: ein längliches oben eine unten Platz für die Pfännchen. Er steckte die Verlängerung testete
Esstisch, glattgezogen, Modell, Grillplatte, ein, kurz,
ob das Lämpchen anging – es leuchtete. „Wir lassen es erst an, wenn wirklich alle sitzen,“ sagte Lukas automatisch. „Ich will keine unbeaufsichtigte Hitzequelle haben.“ Der Vater nickte respektvoll. „Keine Einwände,“ sagte er. Die Mutter brachte das Tablett mit den Schälchen, stellte sie reihum hin, sodass jeder von allem etwas erreichen konnte. Die vorgekochten Kartoffeln kamen in eine Schüssel, dazu noch ein kleiner Teller mit Brot. Als alle Komponenten auf dem Tisch standen, sah es nach einem geordneten, übersichtlichen Chaos aus. „Okay,“ sagte Lukas, als er sich setzte. „Das hier ist ein viel besseres Buffet als jeder überfüllte Weihnachtsmarktstand.“ Das erste Einschalten – kontrollierte Hitze Sie setzten sich: • Lukas und Erling nebeneinander, • die Mutter ihnen gegenüber, • der Vater an der Stirnseite. Die Mutter drehte vorsichtig am Temperaturregler des Raclette-Geräts. Ein kleines Lämpchen ging an, man hörte das leise „Knacken“ des Heizdrahts, der langsam aktiv wurde. Lukas beobachtete das rote Lämpchen. Das hier ist keine Fackel, kein brennender Rollstuhl, kein Feuer, das eskaliert, dachte er. Es ist kontrollierte Hitze. Eingebaut. Mit Stecker. Und mit Menschen, die gerade nicht außer Kontrolle sind. Ein feiner Geruch von erwärmtem Metall und Fett stieg auf, noch ohne Käse. „Wer braucht ein Pfännchen?“ fragte die Mutter. „Alle,“ sagte Lukas. Sie verteilte je zwei Pfännchen pro Person. Das erste Pfännchen – kleine Premiere auf dem neuen Weg Lukas öffnete die Käsepackung, schnitt eine Scheibe ab, legte sie in sein Pfännchen. Dazu ein paar Paprikastücke, etwas Mais, ein Pilz, ein kleines Stückchen Schinken. Er schob das Pfännchen vorsichtig in die Schiene, achte darauf, sich nicht zu verbrennen. Das leise Zischen von Fett begann, ein vertrauter, aber intensiver Geruch kroch langsam aus dem Gerät. Erling belegte sein Pfännchen ohne viel Nachdenken: „Kartoffel, Käse, noch mehr Käse, Salami. Jeder Ernährungsberater weint jetzt leise.“ Die Mutter nahm eher Gemüse, der Vater eine Mischung.
„Witzig,“ sagte Lukas, „dass Raclette jedes Mal wieder so ist, als würde man Tetris mit Essen spielen.“ Sie sahen zu, wie der Käse im Inneren langsam schmolz, Blasen warf, die Oberfläche leicht bräunte. Lukas spürte, wie der Geruch intensiver wurde, wie sein Körper kurz Alarm schlug. Zu stark, zu dicht, zu viel. Er atmete einmal bewusst durch die Nase ein, dann langsam durch den Mund wieder aus. „Geht?“ fragte die Mutter leise. „Ja,“ sagte er. „Ich muss kurz meinen Kopf erinnern, dass das hier nicht Gefahr bedeutet, nur Käse.“ Der erste Bissen – warm, schwer, aber sicher Als der Käse die richtige Konsistenz hatte, zog Lukas das Pfännchen vorsichtig heraus und schob den Inhalt über eine halbierte Kartoffel auf seinen Teller. Der Käse floss ein bisschen, die Paprika blinzelte zwischen den Schichten hervor, die Kartoffel dampfte. Er nahm den ersten Bissen bewusst langsam. Es war: • warm, • sättigend, • würzig, • ein bisschen zu kräftig, aber vertraut. Das ist so ein typisches „zwischen den Jahren“-Essen, dachte er. Nicht festlich perfekt wie Heiligabend, nicht chaotisch wie Silvester, sondern einfach: da. Erling machte ein zufriedenes Geräusch, als sein eigener Käse-Berg im Mund verschwand. „Wenn ich jemals eine Abschiedsrede halte,“ murmelte er mit vollem Mund, „wird Raclette darin vorkommen.“ „Bitte nicht mit vollem Mund,“ sagte die Mutter. Der Vater lachte leise. Ein normales Lachen. Kein alkoholgetriebenes, zu lautes. Gespräche am Tisch – über kleine und große Dinge Während sie ihre Pfännchen neu belegten, begannen die Gespräche. „Wie ist dein Eindruck vom neuen Handy?“ fragte die Mutter, während sie sich Pilze auf ihr Pfännchen legte. „Das erste Gerät seit langem, das mich nicht anschreit,“ sagte Lukas. „Es reagiert, wenn ich etwas will, und ignoriert mich, wenn ich es in Ruhe lassen will. Ich hab schon weniger toxische Beziehungen zu Technik als zu manchen Menschen.“ „Konntest du alles einrichten, was du brauchst?“ fragte der Vater.
„Ja,“ sagte Lukas. „Kalender, Notizen, Hochschul-App, Therapie-Kontakte. Und ich hab zum ersten Mal entschieden, was nicht mit umzieht. Bestimmte Chats, bestimmte Apps. So als würde ich entscheiden, wer in meinem neuen Haus keinen Schlüssel mehr bekommt.“ Erling nickte. „Ich fühl mich geehrt, dass ich trotzdem noch einen Schlüssel habe,“ sagte er. „Wenn auch nur digital.“ „Du bist quasi Admin,“ meinte Lukas. Die Mutter lächelte. „Und Feuerwerk?“ fragte sie vorsichtig. „Fühlt sich das okay an für dich, jetzt, wo ihr alles sortiert habt?“ Lukas schob ein Stück Kartoffel durch den Käse. „Es ist immer noch gefährlich,“ sagte er. „Aber es ist planbar gefährlich. Wir haben Regeln, einen Ablauf, eine Begrenzung. Ich hab weniger Panik, dass jemand plötzlich mit irgendwas Dummem um die Ecke kommt.“ Er sah dabei kurz zum Vater. Der Vater hielt seinem Blick stand. „Ich werde mich dieses Jahr an eure Regeln halten,“ sagte er langsam. „Ich möchte, dass du irgendwann bei Feuer nicht mehr automatisch an mich als Gefahr denkst.“ Eine leise Entschuldigung unter Käse Eine Weile lang war es ruhig, man hörte nur das Zischen des Raclette-Geräts und das Klirren von Besteck auf Tellern. Beim dritten Pfännchen, als der Käse schon nicht mehr so spektakulär schmolz wie beim ersten, räusperte sich der Vater. „Ich möchte etwas sagen,“ begann er. Lukas’ Schultern zogen sich unwillkürlich leicht hoch. Er hatte schon zu viele Gespräche erlebt, die mit „Ich möchte etwas sagen“ begannen und in Katastrophen endeten. Die Mutter legte ihr Messer zur Seite. Erling hörte ebenfalls auf, mit der Gabel im Käse zu stochern. Der Vater sah nicht dramatisch in die Runde, sondern auf seinen Teller. „Ich weiß,“ sagte er, „dass Raclette und Feuerwerk für dich, Lukas, nicht einfach nur Essen und Licht sind. Es sind Erinnerungen. Gute und sehr schlechte. Und ich war an vielen von den schlechten beteiligt.“ Er atmete aus. „Ich kann nicht so tun, als wäre ich ein anderer Mensch geworden, nur weil wir jetzt hier sitzen und Käse schmelzen. Aber ich kann sagen: Ich will nicht, dass meine Ausraster das Einzige sind, woran ihr euch später erinnert, wenn ihr an solche Abende denkt.“ Lukas sah auf sein Pfännchen, in dem der Käse gerade wieder eine Blase warf. Sein Herz schlug etwas schneller. Wie oft haben wir schon Entschuldigungen gehört? dachte er. Wie oft folgte dann doch wieder der nächste Brand? Aber heute war anders. Er war nüchtern. Er hatte mitgeholfen, Feuerwerk zu planen, statt heimlich irgendwas zu besorgen. Er hatte Tee statt Wein im Wohnzimmer getrunken.
Es waren keine Beweise für die Ewigkeit, aber kleine Signale. „Ich kann dir nicht heute Abend endgültig glauben,“ sagte Lukas leise, „aber ich seh, was du versuchst. Und das ist mehr, als ich vor ein, zwei Jahren gesehen habe.“ Die Mutter legte kurz ihre Hand auf Lukas’ Unterarm. „Das reicht für heute,“ sagte sie. „Wir müssen hier am Raclette-Tisch keine Lebensbilanz ziehen.“ Humor als Schutzschild Um die Stimmung zu entlasten, nahm Erling sein Pfännchen, in dem eindeutig zu viel Käse und zu wenig Gemüse lag. „Ich hab beschlossen,“ sagte er, „dass ich heute alles, was ich nicht aussprechen kann, mit Käse überbacke.“ Lukas schnaubte. „Das ist mein Prinzip fürs Leben,“ sagte er. „Schwierige Themen: mit Käse drüber.“ „Das erklärt auch, warum manche Dinge so schwer im Bauch liegen,“ murmelte die Mutter. „Das ist dann nicht die Schuld vom Thema,“ ergänzte der Vater, „sondern vom Käse.“ Sie lachten kurz, nicht laut, aber echt. Der Geruch – anstrengend, aber erträglich Je länger das Gerät lief, desto stärker wurde der Raclette-Geruch. Käse, Fett, angebratene Pilze, dazu die warme, etwas trockene Luft im Wohnzimmer. Lukas’ Kopf meldete sich wieder: ein leichter Druck hinter der Stirn, das Gefühl, dass ihm „zu viel“ in die Nase kroch. Er legte die Gabel hin, schob den Stuhl einen Tick zurück. Die Mutter bemerkte es sofort. „Brauchst du eine Pause?“ fragte sie. Er nickte. „Ich geh kurz ans Fenster,“ sagte er. „Nur einmal durchlüften im Kopf.“ Er stand auf, ging zum Fenster, öffnete es einen Spalt. Kaltes Winterluft schob sich in den Raum, mischte sich mit dem schweren Käseduft. Lukas atmete tief ein. Okay, dachte er. Es ist nur Essen. Kein Gas, keine Gefahr, kein Angriff. Nur Käse. Nach ein paar Atemzügen ging er zurück zum Tisch, setzte sich wieder. „Alles gut,“ sagte er. „Ich wollte nur meinem Gehirn zeigen, dass die Welt draußen noch existiert.“ „Dem Käse kurz zeigen, dass er nicht gewonnen hat,“ meinte Erling. „Der Käse gewinnt bei Raclette sowieso immer,“ erwiderte Lukas. „Die Frage ist nur, wie viel.“
Kleine Zukunftsgedanken über den Tellerrand hinaus Im Laufe des Essens kamen sie auf die nächsten Tage zu sprechen. „Was hast du morgen vor?“ fragte die Mutter. „Nicht viel,“ sagte Lukas. „Ein bisschen auf der Lernplattform schauen, ob sie irgendwas Neues zur Hochschule schreiben – auch wenn ich mich nicht einlogge, bis der Cyberangriff vorbei ist. Vielleicht ein bisschen anfangen, mein Zimmer weiter zu sortieren. Und versuchen, meine Gedanken auf Silvester vorzubereiten.“ „Und dein VHS-Zeug?“ fragte der Vater. Lukas nickte. „Ich hab im Handy einen Ordner nur für Rechnungswesen und Datev gemacht,“ sagte er. „Ich will, dass das neue Gerät mehr mit Zukunft zu tun hat als mit Vergangenheit. Der Kurs gehört für mich inzwischen eher zu „ich schaff was“, als zu „ich brech wieder ab“.“ Die Mutter lächelte sichtbar stolz, sagte aber nichts Großes dazu – sie wusste, wie schnell er sich unter Druck gesetzt fühlte, wenn man ihn zu sehr lobte. „Pokémon hast du schon installiert, oder?“ fragte Erling. „Natürlich,“ gab Lukas zurück. „Prioritäten.“ Raclette-Ende – volle Teller, leere Pfännchen Nach einigen Runden waren alle satt. Der Käse in der Packung war deutlich weniger geworden, die Kartoffelschüssel fast leer, die Schälchen mit Gemüse bis auf ein paar Reste aufgegessen. Das Raclette-Gerät brummte noch leise nach. „Ich mach es jetzt aus,“ sagte die Mutter und drehte am Regler. Das rote Lämpchen ging aus. Für einen Moment war da nur Stille, ohne Surren, ohne Zischen. Lukas sah auf den leicht verschmierten Tisch: kleine Käseflecken, Krümel, leere Pfännchen, zufriedene Müdigkeit in allen Gesichtern. Das hier war eines der ungefährlichsten Abendessen seit langer Zeit, dachte er. Keine Eskalation, keine Beleidigungen, keine Polizei. Nur Käse, Worte und kurze Pausen. „Ich helfe beim Abräumen,“ sagte er von sich aus. Die Mutter sah ihn kurz überrascht an, nickte dann. „Alles, was nicht mehr heiß ist, kannst du nehmen,“ sagte sie. „Ich kümmer mich später um das Raclette-Gerät.“ Der Vater stand ebenfalls auf. „Ich spüle nachher das Gerät,“ sagte er. „Das ist mein Anteil heute.“ Keiner protestierte. Parallel – jemand anderes isst allein Nicht in einer saß Patrik am Küchentisch.
weit anderen
entfernt, Wohnung,
Sein „Abendessen“ bestand aus: • einer halb kalten Tiefkühlpizza, • einem Energydrink, • seinem Handy. Auf dem Display flackerten Social-Media-Stories. Er tippte sich anonym durch fremde Leben. Eine Story blieb hängen: Jemand aus der erweiterten Familie, nicht direkt, aber über drei Ecken, hatte ein Bild gepostet: ein Raclette-Tisch, geschmolzener Käse, Pfännchen, eine Hand, die man nur halb sah. Darunter ein Text: „Raclette-Abend mit Familie “ Patriks Kiefer verkrampfte sich. Familie, dachte er. Dieses Wort benutzen die, die mich abgeschrieben haben. Die, die so tun, als wären sie die Guten. Er zoomte in das Bild hinein. Man sah keine klaren Gesichter, keine eindeutigen Details. Es hätte irgendwo sein können. Aber in seinem Kopf wurde es sofort zu Lukas’ Wohnzimmer. Er legte das Handy hin, starrte gegen die Wand. Ihr macht euch gemütlich, dachte er. Ihr esst Raclette, plant euer schönes Silvester, und glaubt ernsthaft, ihr wärt durch. Wartet nur. Heilige Drei Könige kommt näher. Und dann soll es sich richtig lohnen, dass ihr euch jetzt so sicher fühlt. Er nahm einen Biss von der Pizza, kaute mechanisch. Die Wärme in Lukas’ Wohnzimmer und die einsame, kalte Küche bei ihm lagen wie zwei verschiedene Welten nebeneinander. Zurück bei Lukas – Nachklang des Abends In der Wohnung von Lukas war der Tisch inzwischen halb abgeräumt. Die Mutter spülte ein paar Teller vor, der Vater trocknete ab, Lukas und Erling trugen Schalen in die Küche. Lukas spürte eine angenehme Schwere im Bauch, die nicht nur vom Essen kam, sondern auch von der Tatsache, dass der Abend nicht entgleist war. Er stellte das letzte Schälchen ins Spülbecken, wusch sich die Hände. Sein neues Handy vibrierte kurz in der Hosentasche. Er zog es heraus.
Eine Nachricht von Oma: „Na, habt ihr Ich hab vorhin an dich gedacht. “ Lukas lehnte sich sah auf den Bildschirm. Ja, dachte er. Hatten wir. Er tippte: „Wir hatten Kein Streit, nur Es war… Du hättest den Käse gemocht “ Er schickte die Nachricht ab. Dann steckte er ging zurück ins Wohnzimmer.
Raclette Essen ungewöhnlich
Abend? Arbeitsplatte,
zusammen. Reden. ruhig.
Abschluss – Sofa, Müdigkeit & leiser Optimismus Später saß er wieder auf dem Sofa, der Raclette-Geruch hing noch schwach in der Luft, aber nicht mehr so erdrückend. Erling hatte sich in die Ecke gesetzt, scrollte durch irgendwas auf seinem Handy. Der Vater las halb in einer Zeitung, die Mutter blätterte in einem Rezeptheft, obwohl sie fürs Leben schon mehr als genug Rezepte gesehen hatte. Lukas lehnte den Kopf nach hinten, schloss kurz die Augen. Heute hatten wir: neues Handy, geordnetes Feuerwerk, Raclette ohne Drama, dachte er. Und ich sitze hier, ohne dass mein Körper im Alarmmodus schreit. In der Ferne knallte wieder ein Testböller. Lukas’ Muskeln zuckten kurz, beruhigten sich aber schneller als früher. Er legte eine Hand auf seine Brust, spürte den Herzschlag. Das große Ultimatum ist noch nicht da, wusste er. Patrik ist irgendwo da draußen, mit seinen Plänen, seinem Hass, seiner Drohung für Heilige Drei Könige. Aber heute, an diesem Abend, war die Wohnung ein Raum, in dem Käse und Gespräche die Hauptrollen gespielt hatten und nicht Angst und Gewalt. Der Raclette-Abend des 38. Tages schrieb sich wie ein stilles Gegenbild zu all den Nächten, in denen Feuer nur zerstört hatte. Und Lukas nahm sich innerlich vor: Egal, was noch kommt – diesen Abend lasse ich mir von niemandem mehr kaputtreden,
nicht von nicht von nicht von Menschen, die nur indem sie andere anzünden. Die Nacht des 38. Tages als hätte jemand über die ganze Stadt den „Jetzt wird’s laut“ gestellt.
Erinnerungen, Drohungen, brennen können, fühlte sich unsichtbaren Schalter
Später Abend – Zwischen Käse-Koma und Erwartung Nach dem Raclette saßen sie noch eine Weile im Wohnzimmer. Der Raclette-Geruch hing wie eine schwere Decke in der Luft, aber das Fenster stand schon einen Spalt offen, sodass kalte Winterluft langsam hineinsickerte. Im Hintergrund liefen im Fernsehen schon die ersten Silvester-Livestreams: Menschen auf großen Plätzen, Konfetti, Moderator:innen mit viel zu viel Energie. Lukas saß im Sofa, das neue Handy in der Hand, aber er tippte nicht viel. Er scrollte kurz durch die Nachrichten: „Guten Rutsch“-Sticker, übermotivierte GIFs, irgendwelche Countdown-Videos. Es ist echt absurd, dachte er. Die halbe Welt tut so, als würde sich durch eine Zahl auf dem Kalender plötzlich alles ändern. Erling lag halb quer auf der anderen Sofaseite. „Wie ist der Plan?“ fragte er. „Feuerwerk? Uhrzeit? Fluchtwege? Mentaler Notfallkoffer?“ Lukas atmete einmal tief durch. „Plan,“ wiederholte er. „Okay.“ Er zählte an den Fingern ab: 1. „Um halb zwölf gehen wir runter in den Hof, bereiten alles vor – Eimer, Position, Reihenfolge.“ 2. „Um Punkt Mitternacht zünde nicht ich, sondern du. Ich bleibe in sicherer Distanz – mit Ohrstöpseln. Mama auch. Papa hilft beim Hinstellen, nicht beim Machen.“ 3. „Wenn es mir zu viel wird, gehe ich hoch. Kein Drama, kein „stell dich nicht so an“.“ Erling nickte zustimmend. „Und Raketen?“ fragte er. „Keine,“ sagte Lukas entschieden. „Wir haben Batterien, Fontänen, Wunderkerzen. Keine Stäbe, die irgendwo landen, wo sie nicht sollen.“ Die Mutter kam dazu, mit zwei Tassen Tee. „Ich finde den Plan gut,“ sagte sie. „Und ich werde den Feuerlöscher mitnehmen. Nicht, weil ich dir misstraue, sondern weil wir klug sind.“ Der Vater stand in der Tür, eine Flasche in der Hand. Aber: es war Apfelschorle. Kein Wein, kein Sekt. „Ich bleibe bei alkoholfrei,“ sagte er. „Einer meiner Vorsätze beginnt ausnahmsweise mal schon vor Mitternacht.“
Lukas sah kurz dann auf ihn. Das ist neu, Und es ist mir lieber als alle großen Versprechen.
23:20 Uhr – Vorbereitung im Hof Gegen zwanzig nach elf zogen sie sich warm an. Lukas: • dicke Jacke, • Schal, • Mütze, • Handschuhe, • das Holzpuzzle in der Jackentasche, • Ohrstöpsel in der Hand. Erling: • Mütze, • Handschuhe, • Augen, die schon halb nach oben zum Himmel schielten, als wären da schon Funken. Die Mutter schnappte sich den Eimer, füllte ihn in der Küche mit Wasser, nahm außerdem ein nasses Handtuch. Der Vater trug den Feuerwerkskarton. „Erinnerung,“ sagte Lukas im Flur, kurz bevor sie die Wohnungstür öffneten. „Kein Alkohol im Hof. Kein spontanes „ich zünde auch mal.“ Keine Zusatz-Artikel, die nicht im Plan stehen.“ „Ja, Chef,“ sagte der Vater. Und es klang nicht spöttisch. Sie gingen die Treppe hinunter, kamen in den Hof / Parkplatzbereich. Die Luft war kalt, das Atmen formte weiße kleine Wölkchen. In der Ferne waren schon die ersten Knaller zu hören, ein paar verirrte Raketen schossen viel zu früh in den Himmel. Lukas’ Körper reagierte sofort: Puls rauf, Schultern leicht hochgezogen. Er stoppte, setzte die Ohrstöpsel ein. Die Welt wurde dumpfer, nicht leise, aber erträglicher. Okay, sagte er innerlich. Du bist nicht mehr der kleine Junge, der hinter dem Fenster kauert. Du bist jetzt der Typ mit Plan. Aufbau – Einsatzplan in echt Sie suchten sich die sie am Mittag schon besprochen hatten: Ein Bereich auf weit weg von Hauswand, Autos und Mülltonnen. Der Vater stellte den Eimer die Mutter hielt das Handtuch bereit.
Lukas öffnete den Karton, in dem die Artikel lagen – gekennzeichnet mit ihren kleinen Nummern: • B1, B2, • F1, F2, F3… „Erste Runde: eine Goldfontäne,“ sagte Lukas. „F1. Zum Warmwerden. Keine großen Knaller gleich zu Beginn.“ Erling nahm F1 in die Hand, schaute Lukas fragend an. „Darf ich?“ fragte er. Lukas nickte. „Du bist Zündmeister,“ sagte er. „Ich bin heute Kontrollturm.“ Sie stellten F1 auf den Boden, sorgten dafür, dass sie fest stand. Die Mutter leuchtete kurz mit dem Handy, um zu sehen, ob nichts im Weg war. Der Vater trat automatisch einen Schritt zurück, wie jemand, der sich bewusst aus der „Showzone“ heraushält. Erste Funken – Fontäne statt Vollalarm „Alle zurück,“ sagte Lukas. Sie traten ein gutes Stück weg. Erling zündete – ein kurzes, leises „Ffffz“ des Feuerzeugs, dann die winzige Flamme an der Zündschnur. Erling ging schnell zurück zur Gruppe. Für einen Moment passierte nichts. Dann: Zischen. Ein Funkenstrahl schoss nach oben. Die Fontäne sprühte goldene Funken, erst klein, dann höher, wie ein kleiner Gold-Vulkan. Lukas sah zu. Sein Körper war angespannt, aber es war kein Panik-Anfall. Der Lärm war durch die Ohrstöpsel gedämpft, die Funken blieben im erwarteten Bereich. Okay, dachte er. Das ist laut und hell, aber kontrolliert. Das ist ein Unterschied. „Schön,“ sagte die Mutter leise. Der Vater sagte nichts, sah aber ehrfürchtig zu, als sei das hier eine Art Test, den er mitbestehen musste. Als die Fontäne ausging, blieb eine kleine Rauchwolke zurück. Lukas atmete aus. „Nicht schlecht,“ sagte er. „Nächster Level: Batterie 1.“ Die Batterie – Lichterhimmel in echt Sie stellten B1 – „Lichterhimmel“ an ihren Platz.
Lukas kontrollierte nochmal: „Gerade? Fest? Nichts daneben?“ Der Vater prüfte mit. „Steht,“ sagte er. „Gut,“ sagte Lukas. „Erling, du zündest. Wir gehen dann bis zur Markierung zurück.“ Sie hatten vorher eine gedachte Linie festgelegt – etwa 10–15 Meter entfernt. Erling zündete die Batterie, lief zurück. Die Zündschnur brannte eine Sekunde, dann: Wumm – fffft – Boom – Lichter stiegen nach oben, explodierten in kleineren, bunten Sternen. Gelb, Blau, Rot, aber nicht so ohrenzerfetzend laut wie die illegalen Böller aus manchen Ecken. Lukas spürte den Bass im Brustkorb, aber es war erträglich. Er bemerkte, wie Erling neben ihm jedes Mal kurz den Kopf hob, wenn eine neue Salve kam. Die Mutter hatte eine Hand an seiner Jacke, als Anker. Der Vater stand leicht dahinter, Hände in den Taschen, Gesicht nach oben. Für einen Augenblick sah es fast aus wie früher „normale Familien“ in Filmen: alle vier zusammen, unterm Feuerwerk, ohne Polizei, ohne Geschrei. Nachbarn tauchen auf – bekannte Schatten im Flackern Während die Batterie noch schoss, hörten sie plötzlich Schritte im Hof. Lukas’ Körper spannte sich wieder an. Wenn jetzt jemand betrunken, laut und mit knallenden Böllern kommt, bin ich weg. Aber es war eine vertraute Stimme. „Na, ihr seid auch draußen?“ Es war Herr Schneider, der Nachbar aus dem zweiten Stock: Ende fünfzig, leicht rundlich, immer mit Mütze, immer freundlich, leicht schiefes Lächeln. Neben ihm seine Frau und die kleine Tochter,
die schon deutlich zu groß war, um offiziell noch ein „Kind“ zu sein, aber immer noch begeistert auf alles mit „Boah!“ reagierte. „Guten Abend,“ sagte die Mutter. „Guten Rutsch,“ ergänzte der Vater. Herr Schneider sah die Batterie, die gerade zur letzten Salve ansetzte. „Schick,“ sagte er. „Ihr habt vernünftige Sachen.“ Lukas war kurz irritiert. „Vernünftig“ und „Feuerwerk“ in einem Satz war nicht das, was er gewohnt war. Erst als er sah, dass Herr Schneider lediglich ein paar Wunderkerzen und ein oder zwei seriös aussehende Raketen dabei hatte, entspannte er ein bisschen. „Wir haben auch was,“ sagte Schneider. „Aber wir bleiben beim ruhigen Programm. Meine Frau kriegt bei den illegalen Polenböllern fast einen Herzinfarkt.“ „Same,“ murmelte Lukas. Gemeinsam Böllern – aber nach Lukas’ Regeln Sie beschlossen, den Rest des Feuerwerks gemeinsam anzuschauen. Lukas erklärte kurz: „Wir haben zwei Batterien, ein paar Fontänen und Wunderkerzen. Keine Böller. Wenn bei euch was laut ist, sagt einfach vorher Bescheid, ja?“ Herr Schneider nickte ernst. „Wir sind Team „leiser Himmel“,“ sagte er. „Die Irren, die 200-Euro-Kanonenschläge anzünden, wohnen woanders.“ Die zweite Batterie, „Color Dreams“, war tatsächlich deutlich leiser und eher ein Farben-Spektakel. Sie schickte bunte Sterne in den Himmel, die langsamer zerplatzten, fast wie glitzernde Blüten. Die Schneider-Tochter quietschte begeistert: „Der war schön! Der war voll schön! Mach den nochmal!“ „Das hier ist keine Netflix-Serie,“ meinte Erling grinsend. „Leider keine Wiederholungstaste.“ Zwischendurch machten sie die kleineren Fontänen, die wie kleine farbige Vulkane auf dem Boden arbeiteten. Lukas blieb immer ein paar Schritte zurück, aber er blieb. Kein Fluchtreflex, kein Zusammenbruch. Ich stehe hier, dachte er, draußen, nachts, mit Feuer in der Nähe – und mein System läuft zwar heiß, aber nicht am Limit. Wunderkerzen – leises Licht in der Hand Zum Schluss holte die Mutter die Wunderkerzen. „Letzter Teil vom Programm,“ sagte sie. „Wer will?“
Lukas zögerte kurz, nahm dann aber doch eine. Die Schneider-Tochter schnappte sich gleich zwei, Erling eine, die Mutter eine, der Vater – vorsichtig – auch eine. Sie stellten sich im Halbkreis, Erling zündete an einer Wunderkerze die nächste an. Lukas sah zu, wie der Funkenlauf sich langsam über das dünne Metallstäbchen fraß. Der typische Geruch von Wunderkerzen stieg ihm in die Nase – eine Mischung aus Metall, Rauch und Kindheit. Früher waren das die einzigen „erlaubten“ Feuerwerksdinge, dachte er. Heute sind sie der Teil, bei dem ich am meisten Ruhe habe. Er hielt die Wunderkerze in der Hand, schwenkte sie aber nicht wild herum, sondern nur leicht. Die Funken sprühten, fielen zu Boden, verglühten. Die Schneider-Tochter malte Formen in die Luft. „Guck mal, Stern!“ „Guck mal, Herz!“ Lukas lächelte kurz, leise. Kurz vor / nach Mitternacht – Countdown ohne Hysterie Aus anderen Höfen und Straßen hörte man jetzt mehr und mehr Krach. Die „Großen“ hatten begonnen ihre Raketen, Böller und Batterien abzufeuern. Über den Häusern stiegen überall bunte Funken auf, mal chaotisch, mal ordentlich. Im Hintergrund hörte man aus irgendeiner Wohnung im Haus den Fernseher: „Noch 60 Sekunden bis zum neuen Jahr!“ Die Mutter sah auf die Uhr. „Wollt ihr draußen bleiben oder kurz rein und vom Fenster aus schauen?“ fragte sie. Lukas überlegte. Früher hätte er durch jede Scheibe geguckt, nur um nicht direkt draußen zu sein. Jetzt stand er schon hier. „Ich bleibe draußen,“ sagte er. „Aber nicht mitten auf dem Hof, sondern eher etwas näher an der Eingangstür. Fluchtdistanz.“ Sie lachten kurz. Sie stellten sich zu fünft zusammen: Lukas, Erling, Mutter,
Vater, Herr und Frau Schneider plus Tochter ein Stück daneben. Vom Fernseher drang der Countdown nach als wäre das Haus selbst eine Art Lautsprecher. „10 – 9 – 8 – 7 – …“ Lukas spürte, wie sein Puls aber nicht nur vor sondern auch vor Anspannung. Was ändert sich? dachte Gar nichts und gleichzeitig alles, weil wir es so wollen. „3 – 2 – 1 – Frohes neues Jahr!“ Um sie herum explodierte plötzlich alles: Licht, Farben, weitere Batterien von anderen Raketen, ein paar widerlich laute Knaller aus der Ferne. Lukas duckte sich reflexartig die Ohrstöpsel dämpften das Schlimmste. Die Mutter legte ihm die Hand an die Schulter. „Alles gut,“ sagte sie leise. „Du bist hier. Wir sind hier.“ Er nickte. Herr Schneider rief ein „Frohes Neues!“ in die seine Tochter hüpfte vor Aufregung. Der Vater sah Lukas hob nur kurz die Hand. „Frohes neues Jahr,“ sagte er, nicht laut, sondern direkt zu ihm. „Dir auch,“ sagte Lukas. „Versuch, es nicht abzufackeln.“ „Deal,“ sagte der Vater.
draußen, hochging, Angst, er.
Krach, Häusern, minimal,
Nachspiel – Noch ein Nachbar, noch mehr Menschlichkeit Als das Gröbste an Feuerwerk nachließ und die erste dicke Rauchschicht über dem Hof hing, kamen plötzlich noch andere Schritte die Treppe herunter. Ein weiterer Nachbar: Herr Yilmaz aus dem Erdgeschoss, mit seinem Sohn. Er trug eine Dicke Jacke, der Junge eine Mütze mit viel zu großem Pompon. „Seid ihr auch draußen?“ fragte er. „Alles Gute fürs neue Jahr!“ Es wurden Hände geschüttelt, Blicke gewechselt, kurze Sätze wie: „Hoffen wir mal, dass es ruhiger wird als das alte.“ „Gesundheit für alle.“ „Keine neuen Katastrophen, bitte.“ Der Sohn von Herrn Yilmaz hatte ein kleines Sortiment gekauft: zwei oder drei bunte Bodenlichter, nichts Lautes. „Darf ich’s hier machen?“ fragte er. Lukas nickte. „Wenn ihr ein bisschen Abstand haltet und es nicht direkt neben den Autos zündet,“ sagte er.
„Klar,“ sagte Yilmaz. „Ich hab auch keine Lust auf Versicherungsstress um 0:05 Uhr.“ Sie zündeten noch ein paar kleine Leuchtbälle, die über den Boden rollten und bunte Funken sprühten. Lukas bemerkte, dass sein Körper zwar müde war, aber keine Panikattacke kam. Ich bin draußen, zwischen Menschen, zwischen Feuerwerk, und ich funktioniere noch, dachte er. Für mich ist das kein kleines Ding. Langsam zurück in die Wohnung Gegen halb eins hatten sie alles ihre „Bestände“ abgefeuert. Die Batterien waren leer, die Fontänen nur noch Metallreste, Wunderkerzen ausgebrannt. Der Eimer mit Wasser stand noch da, leicht grau von Asche. „Ich räume das hier später alles weg,“ sagte der Vater. „Oder morgen Vormittag. Ich achte drauf, dass nichts rumliegt, wo Kinder drüber stolpern.“ „Mach du morgen Hof-Schicht,“ meinte die Mutter. „Heute reicht’s.“ Sie wünschten den Nachbarn noch einmal ein gutes neues Jahr, dann gingen sie in die Wohnung zurück. Im Treppenhaus roch es nach draußen: Rauch, Kälte, ein bisschen verbrannter Pappe. Lukas zog im Flur die Jacke aus, zog die Ohrstöpsel raus. Es war, als würde er mit dem Herausziehen den Lärm langsam mit entsorgen. „Wie geht’s dir?“ fragte die Mutter. Er dachte kurz nach. „So bei 6 von 10,“ sagte er. „Sehr müde, aber nicht komplett durch. Es war viel – aber kein Horrorfilm.“ Drinnen – Noch nicht schlafen, aber ruhiger Im Wohnzimmer war es warm, die letzten Kerzen vom Abend brannten noch. Der Fernseher lief leise, in irgendeiner Live-Sendung sang gerade jemand einen Song, der kitschiger war, als er es ertragen konnte. Erling ließ sich auf das Sofa fallen. „Ich schwör,“ sagte er, „ich hab mehr Adrenalin von manchen Batterien als von manchem Champions-League-Spiel.“ „Dann war’s wenigstens spektakulär,“ meinte Lukas. Die Mutter ging in die Küche, machte noch mal Tee. Der Vater zog sich ins Bad zurück, wahrscheinlich, um sich irgendwann ebenfalls bettfertig zu machen.
Lukas setzte sich in seine Zimmerecke, holte das neue Handy raus. Es waren schon erste „Frohes Neues“-Nachrichten auf dem Display: • von der Autismusassistenz, • von einem Kommilitonen, • von Oma („Ich bin schon im Bett, aber ich hab an dich gedacht. Alles Gute, mein Junge.“) Er antwortete kurz und freundlich, ohne sich zu überfordern. Sehr spät ins Bett – ausnahmsweise Die Zeit verflog. Sie redeten noch ein bisschen, nicht über große Themen, sondern über Kleinkram: • welche Batterie schöner war, • welche Leute im Fernsehen aussahen, als hätten sie zu viel getrunken, • welche Vorsätze sowieso niemand einhält. Lukas merkte irgendwann, dass seine Augen schwerer wurden. Er sah auf die Uhr auf dem Handy. 2:07 Uhr. „Boah,“ murmelte er. „Ich bin wach wie ein mittelmäßig motiviertes Faultier, aber mein Körper schreit nach Schlaf.“ Erling gähnte synchron. „Willkommen im Silvester-Klischee,“ sagte er. „Zu spät, zu müde, zu viel gegessen.“ Lukas stand auf. „Ich geh ins Bett,“ sagte er. „Ausnahmsweise sehr, sehr spät. Wenn ich morgen wie ein Zombie aussehe, ist das halt die neue Jahresedition.“ Die Mutter stand im Türrahmen seines Zimmers, als er sich bettfertig machte. „Danke, dass du heute so viel mitgemacht hast,“ sagte sie. „Wintermarkt-Erinnerungen, Feuerwerk, Raclette, Nachbarn, neues Handy… das ist eigentlich ein Programm für eine Woche.“ „Ja,“ sagte Lukas. „Ich schreib morgen ins Heft: „38. Tag – Level: Bosskampf, aber ohne Game Over.““ Sie lächelte. „Gute Nacht,“ sagte sie leise. „Gute Nacht,“ antwortete er. Letzter Moment im Bett Im Bett lag er auf dem Rücken, das Zimmer halbdunkel, durch den Fensterspalt sah man noch vereinzelte Nachzügler-Raketen blitzen. Wieder knallte irgendwo ein verspäteter Böller, aber sein Körper zuckte nur noch minimal. Er nahm das neue Handy noch einmal in die Hand, sah auf den Sperrbildschirm: sein Himmel, sein Baum, seine Krähe.
Darunter der Satz: „Du bist mehr als das, was dir passiert ist.“ Er öffnete die Notiz-App, schrieb kurz: „Nacht 38 – Silvester Ich war draußen. Ich habe Feuer gesehen, ohne dass alles eskaliert ist. Papa war nüchtern. Es gab keinen Brand, keine Polizei, keinen Krankenwagen. Nur Licht, Krach, Nachbarn und Wunderkerzen. Ich bin sehr spät ins Bett gegangen. Nicht, weil ich vor irgendwas weggelaufen bin, sondern, weil ich zum ersten Mal seit langem einfach einen Silvesterabend durchgehalten habe.“ Er speicherte. Dann legte er das Handy zur Seite, drehte sich auf die Seite, zog die Decke höher. Heilige Drei Könige wartet noch, dachte er. Patriks Ultimatum hängt wie eine dunkle Wolke irgendwo hinten. Aber in dieser Nacht, in diesen Stunden nach Mitternacht, war er einfach ein junger Mann, der viel zu spät ins Bett ging, nach Feuerwerk, Raclette und Nachbarschafts-Smalltalk. Und mit diesem völlig banalen, kostbaren Gefühl glitt er endlich in einen tiefen, schweren Schlaf. Der 39. und der 40. Tag fühlten sich an wie zwei ruhige, kleine Inseln zwischen all den Stürmen der letzten Wochen. Und zum ersten Mal seit langer Zeit war nicht irgendein Mensch das Zentrum dieser Tage, sondern ein rechteckiges Stück Technik auf dem Nachttisch. 39. Tag – Der erste richtige Tag mit dem neuen Handy Später Morgen – Aufwachen im neuen Jahr Lukas wachte spät auf. Kein kein kein Traum, der ihn senkrecht im Bett stehen ließ. Nur ein schwerer und das leise Dröhnen das noch irgendwo in ihm nachschwang. Er sah als erstes an dann zur Seite. Auf dem Nachttisch lag es:
Knaller, Geschrei, Müdigkeit, Körper Silvesternacht,
blinzelte, Decke,
das Galaxy S25 Ultra, Display nach oben, schwarzer Bildschirm, dunkelgrüne Rückseite, als würde es nur darauf warten, dass jemand ihm einen Befehl erteilte. Er streckte vorsichtig die Hand aus, nahm es in die Finger. Das Gerät fühlte sich immer noch neu an – glatt, minimal kühl, ohne Kratzer, ohne Spuren vergangener Jahre. Er drückte den Power-Button. Der Sperrbildschirm ging an: Der graublaue Himmel, der Baum mit der kahlen Krone, die einzelne Krähe. Und darunter, wie eine leise Erinnerung an sich selbst: „Du bist mehr als das, was dir passiert ist.“ Lukas blieb einen Moment einfach nur auf diesem Bildschirm. Guter Satz fürs neue Jahr, dachte er. Besser als „Frohes neues“, das nichts erklärt. Er wischte nach oben, gab seine PIN ein. Der Homescreen erschien – aufgeräumt, geordnet, mit einer Logik, die nur ihm gehörte. Keine 5 vollgeknallten Seiten, keine blinkenden Widgets. Nur zwei, drei Reihen Apps, klar sortiert. Vormittag – Erste echte Erkundung Er setzte sich im lehnte sich ans das Handy in beiden Händen. Erling drehte sich auf der Matratze zog die Decke über den Kopf. „Uhrzeit?“ kam eine verschlafene Stimme unter der Decke hervor. „Viertel vor elf,“ sagte Lukas. „Zu früh,“ murmelte Erling. „Weck mich, wenn 2027 ist.“ Lukas schnaubte wandte sich wieder dem Handy zu. Er öffnete zuerst den Kalender. Der Januar war als er sich anfühlte. Er trug ein: • Autismus-Therapie-Termin • geplanter Termin für die Unterstützungsberatung
auf, Kopfteil, am
leise, leerer,
VHS-Sachen, die demnächst wieder Thema würden Erinnerungen für: „Heilige Drei Könige – auf dich selbst achten“ Bei dem Eintrag am 6. Januar schrieb er bewusst dazu: „Nicht alleine Kein Treffen mit Grenzen ernst nehmen.“ Dann wechselte er zur Notizen-App. Er legte sich neue Bereiche an: • „Hochschule & Papierkram“ • „VHS & Rechnungswesen“ • „Therapiesätze, die nicht komplett schwachsinnig sind“ • „Mutbuch digital – Ergänzung zum Heft“ Er öffnete „Mutbuch und schrieb die erste Notiz: „2026 – neues Handy, gleiche Aber ich entscheide, wer klingeln darf und wer nicht.“ Er setzte ein kleines Schloss-Symbol an die Notiz. Nicht, weil jemand anderes sie lesen sondern als Symbol für sich selbst. • •
bleiben. Patrik.
digital“ Probleme. könnte,
Mittag – Kamera-Tests statt Chaos Gegen Mittag kam seine Mutter ins Zimmer. „Lebst du?“ fragte sie sanft. „So halb,“ sagte Lukas. „Der Rest hängt noch über dem Hof von gestern.“ „Wir machen einen kleinen Spaziergang,“ sagte sie. „Frische Luft, einmal den Kopf durchlüften. Wenn du möchtest, kannst du dein neues Handy mitnehmen und die Kamera ausprobieren.“ Das Wort „Spaziergang“ weckte nicht automatisch Begeisterung, aber „Kamera ausprobieren“ schon. „Wohin?“ fragte er. „Nur eine kleine Runde,“ sagte sie. „Richtung Rhein, nicht lang, kein Einkaufszentrum, kein Menschenmassen-Event.“ Er spürte kurz in sich hinein. Skala: 4 von 10. Energie okay, Reizpegel mittel. „Geht,“ entschied er. „Aber nur, wenn ich unterwegs nicht noch in einen Laden geschleift werde.“ „Versprochen,“ sagte sie. Draußen – Die Welt durch eine neue Linse Sie gingen los. Lukas mit Handy in Erling trottete irgendwann weil „frische Luft“ nicht sein aber „neues Handy testen“ schon. Der Weg zum Rhein Straßen, die das Geräusch die gleichen die gleichen Häuser. Aber durch die Kamera sah alles anders aus.
Jackentasche, doch mit, Lieblingsargument war, war er von
vertraut: kannte, Autos, Bäume,
Er holte das Handy raus, öffnete die Kamera-App. Die Benutzeroberfläche war simpel: Auslöser, Zoom-Regler, Modus-Auswahl. Er richtete die Linse auf einen Baum, der am Straßenrand fast kahl dastand. Ein paar wenige Blätter hingen noch, braun, stur. Er zoomte ein Stück heran. Die Struktur der Rinde wurde sichtbar, kleine Risse, die er mit bloßem Auge so nie wahrgenommen hatte. So ungefähr fühlt sich mein Kopf von innen an, dachte er. Risse, Linien, Schichten. Von außen nur ein Baum. Von innen Detailchaos. Er machte ein Foto. Klack. Das Bild war scharf, ruhig, ohne Verwackler. „Schon getestet, wie weit du zoomen kannst?“ fragte Erling. „Doch nicht auf Menschen,“ sagte Lukas. „Ich will nicht der Handy-Spanner von Mainz werden.“ Sie erreichten den Rhein. Das Wasser war grau, die Wolken spiegelten sich diffus darin. Auf der anderen Seite sah man Häuser, Brücken, weit entfernt. Lukas hielt das Handy in Richtung Wasser, probierte den Ultraweitwinkel. Plötzlich passte mehr aufs Bild als sonst: Geländer, Wasser, Himmel, ein Stück Weg, ein Teil seiner Mutter, der halbe Erling. „Ultraweitwinkel,“ sagte er. „So muss sich mein Gehirn anfühlen, wenn zu viele Reize gleichzeitig reinkommen.“ Er wechselte in den normalen Modus, fokussierte auf einen einzelnen Punkt: Einen kleinen Ast, der aus dem Wasser ragte. So fühlt sich’s an, wenn ich einen Fokus finde, dachte er. Er machte noch ein paar Bilder: • das Wasser mit einer Ente, • den Himmel über den Häusern, • ein loses Feuerwerkspapier, das am Ufer lag. Bei letzterem blieb sein Blick kurz hängen.
Feuerwerkspapier, verkohlte bunter Aufdruck. Er fotografierte es trotzdem. Beweisstücke der letzten Aber heute sind sie nur Müll. Nicht mehr Gefahr.
Ränder, Nacht,
Nachmittag – Pokémon GO & Grenzen Wieder zu Hause, legte er Jacke und Schuhe ab und setzte sich auf sein Bett. Er öffnete zum ersten Mal bewusst Pokémon GO auf dem neuen Handy. Der Startbildschirm lud schneller, die Karte war flüssig, keine Ruckler, kein nervöses Blinken. Sein Avatar stand genau da, wo er wohnte. „Fühlt sich an, als wäre mein Pokémon-Ich auch ins neue Jahr umgezogen,“ murmelte er. Er fing zwei, drei Pokémon in der Nähe, testete die Vibrationen, ob sie angenehm oder stressig waren. Dann ging er in die Einstellungen und begrenzte die Benachrichtigungen. Keine ständigen Pushs. Keine „es gibt ein Event“-Dauerbeschallung. „Ich bestimme, wann ich spiele,“ sagte er leise. „Nicht das Spiel.“ Er stellte sich einen Timer – 20 Minuten. Nach diesen 20 Minuten vibrierte das Handy, er beendete die App bewusst. Ich könnte stundenlang abtauchen, dachte er. Aber dann stehe ich irgendwann da und weiß nicht mehr, was heute Realität war und was nur auf dem Bildschirm. Später Nachmittag – Digitaler Schutz Er öffnete die Digital-Wellbeing-Einstellungen. Ein Kreis wie lange er bisher am Handy gewesen war. Noch nicht aber er kannte sich. Ich kann alles übertreiben, dachte Essen, Denken, Lernen, Spielen. Auch das hier. Er stellte App-Limits ein: • Social-Apps: Zeitbegrenzung pro Tag • Spiele: max. 1 Stunde gesamt, aber lieber weniger • Browser: mit Erinnerung, wenn er zu lange in einer Info-Spirale hing Er richtete „Nicht stören“ ein: • täglich ab 22:00 Uhr, • Ausnahmen: Mutter, Vater, Oma, Therapie-Kontakte, Erling. Alle anderen: stumm.
zeigte, viel, er.
Sogar Patrik. Er ging in die Nachrichten-App, öffnete die Chatliste. Der Chat mit Patrik war da, aber ganz weit unten. Er tippte lange darauf, stellte ihn zusätzlich auf „Benachrichtigungen aus“ und „nicht auf dem Sperrbildschirm anzeigen“. Deine Worte bleiben nicht mehr das Erste, was ich sehe, dachte Lukas. Du bist nicht mehr meine Startseite. Abend – Serien, Ruhe & Test mit Kopfhörern Am Abend saß die Familie wieder im Wohnzimmer. Kein großes Programm heute: kein Raclette, kein Feuerwerk, kein besonderer Anlass. „Wollen wir noch eine Folge von dieser Dorf-Fußball-Serie schauen?“ fragte die Mutter. „Die, die wir vor ein paar Tagen angefangen haben?“ „Eine Folge,“ sagte Lukas. „Mein Hirn ist immer noch im Nach-Silvester-Recovery-Modus.“ Er nahm seine Bluetooth-Kopfhörer, koppelte sie testweise mit dem neuen Handy. Es klappte sofort. Er testete die Lautstärke, stellte sie bewusst niedrig ein. Während die anderen über den Fernseher hörten, ließ er sich über die Kopfhörer leise Musik laufen – Instrumental, ruhig. Handy lag neben ihm, Bildschirm dunkel. Die Mischung aus leiser Musik im Ohr und dem flackernden Bild vom Fernseher war weniger aggressiv für sein System als der volle Sound aus dem TV. Das hier ist neu, merkte er. Das Handy ist kein Störsender, sondern ein Filter. Nacht – Ein kurzer Eintrag Bevor er schlafen ging, setzte er sich an sein Heft und dann auch kurz ans Handy. Im Heft schrieb er: „39. Tag – erster Tag im neuen Jahr. Das Handy ist nicht nur Ablenkung, es ist wie ein kleiner Kontrollraum. Ich kann entscheiden: Wer darf laut sein? Wer bleibt stumm? Draußen Feuerwerkspapier, drinnen leiser Bildschirm.
Ich habe Fotos gemacht, ohne dass der Auslöser wie ein Schuss klingt.“ In der Notizen-App tippte er nur einen Satz: „Neues Gerät – neue Regeln. Ich lasse mir nicht mehr von Technik sagen, wann ich nervös sein muss.“ Dann sperrte er das Handy, legte es auf den Nachttisch, drehte sich ins Bett. 40. Tag – Handy als Werkzeug, nicht als Chef Der 40. Tag begann nicht spektakulär. Kein kein kein großer Plan. Nur ein ganz normaler und genau das war seine Stärke.
Paket, Feuerwerk, Vormittag
Morgen – Struktur mit Kalender & Aufgaben Lukas wachte etwas früher auf als am Vortag. Er griff fast automatisch zum Handy, sah kurz auf den Sperrbildschirm. Krähe. Baum. Himmel. Der eine Satz darunter. Dann entsperrte er. Ein kleines Kalender-Widget zeigte ihm den Tag: „2. Januar – keine Termine, nur Erinnerungen.“ Er öffnete bewusst die Aufgaben-App (bzw. Notizen/To-Do). Er legte eine Liste an: To-Do – 40. Tag – kurzen Check der Hochschul-Plattform (ohne Einloggen, nur Infos lesen) – VHS-Unterlagen in eine Handy-Notiz übertragen – QR-Codes/Briefe, die wichtig sind, mit der Kamera scannen – einen Spaziergang mit Pokémon, aber mit Zeitlimit – neue Klingeltöne/Signal-Töne so einstellen, dass sie nicht triggern Er sah die Liste an. Nicht zu viel, nicht zu wenig, dachte er. Reicht für einen Tag, der offiziell „frei“ ist. Vormittag – Hochschule & Cyberangriff (vorsichtig) Er setzte sich an den nahm zusätzlich sein Laptop. Mit dem neuen Handy ging er auf die Website nur über den ohne in die eigentliche Lernplattform einzuloggen. Der Cyberangriff hatte die letzten Tage alles durcheinandergebracht. Auf der Startseite der Hochschule stand eine Info: „Lernplattform teilweise Bitte rufen Sie regelmäßig die offiziellen Vorsicht vor Phishing-Mails.“ Lukas las aber loggte sich bewusst noch nicht ein.
Schreibtisch, der
Hochschule – Browser,
wiederhergestellt. Mitteilungen ab. es,
Mein Handy ist neu, keine unnötige Einladung für irgendwelche Schadsoftware, dachte er. Er öffnete die Mail-App auf dem Handy. Keine gefährlichen Mails, keine Spam-Wellen. Eine Info-Mail der Hochschule: „Präsenzveranstaltungen im Januar – vorläufige Planung. Bitte beachten Sie kurzfristige Änderungen.“ Er markierte sich die Mail mit einem Stern und schrieb in seine Notizen: „Wenn Cyberangriff wirklich vorbei ist: Zugangsdaten aufschreiben, neu sortieren. Nichts überstürzen.“ Später Vormittag – Dokumente scannen & VHS-Ordnung Er holte einen Stapel Papier aus seinem Regal: • VHS-Bestätigung, • Kursplan, • einige Zettel mit Zugangsdaten und Fristen, • ein Brief, der ihm wichtig war. Früher war das alles nur Papier in einem Ordner gewesen. Jetzt öffnete er die Scan-Funktion der Kamera. Er legte ein Dokument auf richtete die Kamera ließ das Handy automatisch die Ränder erkennen. Ein Klick – digitaler Scan. Er wiederholte das mit: • Kursbestätigung • Fristenblatt • Ansprechpartner-Infos. Er legte dafür im Handy einen Ordner an: „VHS – Rechnungswesen & Datev“ Wenn der Ordner in echt mal vom Schrank hab ich wenigstens noch eine Version, die nicht mit runterstürzt.
Tisch, darauf,
Mittag – Klingeltöne & Signale neu definieren Zum Mittag hin machte er eine Pause, aß mit den Eltern etwas Einfaches, kein besonderes Festessen, nur Nudeln mit Soße. Danach setzte er sich wieder mit dem Handy aufs Bett. Er öffnete die Ton- und Benachrichtigungseinstellungen. Die Standardklingeltöne waren ihm zu schrill. Er hörte sich verschiedene Töne an: • kurze, tiefe Signale, • sanfte Klänge, • harte Piepser. Er entschied: • Klingelton für Anrufe: etwas ruhiges, nicht hektisch. • Benachrichtigungston: sehr kurz, eher ein leises „Plopp“, kein schrilles „Ping“. • Wecker: etwas, das ihn wach macht, aber nicht wie eine Sirene.
Dann ging er in und wies einzelnen Personen eigene Töne zu: • Mutter: ein leicht längerer, warmer Ton. • Vater: ein etwas nüchterner, tiefer Ton. • Oma: ein weicher, heller Ton. • Autismusassistenz: ein sachlicher Ton, gut erkennbar. • Patrik: kein Ton. Kein Pop-up. Nur stumm, versteckt. Du meldest dich nur noch, wenn ich aktiv in die Du platzst nicht mehr ungefragt in meinen Tag.
Nachmittag – Spaziergang, Pokémon & Fotos kombinieren Am frühen Nachmittag beschloss er, einen kurzen Spaziergang allein zu machen. Nicht weit, nur durch die Nachbarschaft, mit Handy in der Tasche. Pokémon GO war seine Begleitung, aber nur mit Timer. Er startete das Spiel, stellte im Handy einen 25-Minuten-Timer und ging los. Er fing unterwegs zwei Pokémon, drehte ein paar PokéStops, sah zwischendurch immer wieder hoch, um nicht nur auf die Karte zu starren. An einer Ecke sah er wieder Reste von Böllern, die nicht aufgeräumt worden waren. Diesmal fotografierte er sie bewusst: • ein rot zerfetzter Böllerrest, • ein verkohlter Stab, • Konfettipapier. Er legte die Fotos später in einen eigenen Ordner: „Spuren – Dinge, die passiert sind, aber vorbei sind.“ Am Ende des Timers vibrierte das Handy kurz. Er schloss Pokémon GO, ließ den Bildschirm schwarz werden, ging den Rest des Wegs nur mit seinen Gedanken. Ich bin zwar anfällig für „Abtauchen“, dachte er, aber heute hab ich eine Leine: mein Timer. Später Nachmittag – Sprache zu Text Wieder zu Hause, testete er eine weitere Funktion: Sprachaufnahme / Sprache-zu-Text. Manchmal war es ihm zu anstrengend, lange Texte zu tippen. Er öffnete die Notizen-App, drückte auf das kleine Mikrofon-Symbol. „Test,“ sagte er. „Heute ist der 40. Tag. Ich probiere aus, ob das Handy meine Gedanken versteht, ohne dass ich alles tippen muss. Ich rede ziemlich schnell, mal sehen, ob du hinterher kommst.“ Die Spracherkennung schrieb mit.
Nicht perfekt, aber überraschend gut. Er korrigierte ein paar Wörter per Hand. Für längere Gedanken kann ich das benutzen, merkte er. Wenn meine Hände zu nervös sind oder mein Kopf zu voll. Er legte eine neue Notiz an: „Dinge, die ich der Therapeutin nächste Woche erzählen will“ Und sprach grob hinein, was ihm einfiel: • dass das neue Handy sich anders anfühlt als das alte, • dass er gemerkt hat, wie viel Kontrolle über Kontakte ihm gefehlt hat, • dass Silvester dieses Jahr kein völliges Desaster war. Abend – Kurzer Blick auf Patrik (aber mit Abstand) Am Abend setzte er sich noch einmal kurz mit dem Handy aufs Bett. Er wusste, dass irgendwo da draußen Patrik saß, vielleicht auch am Handy, vielleicht wütend, vielleicht am Planen. Der Name im Chat-Verlauf war eine schlafende Gefahr. Er tippte ein einziges Mal auf den Chat, ohne etwas zu schreiben. Er sah die letzten Nachrichten. Die langen Texte, die Beschimpfungen, die Unterstellungen. Es brannte kurz in seiner Brust. Früher hätte mich das tagelang aufgefressen, dachte er. Heute ist es immer noch schlimm. Aber ich gehe danach raus aus der App. Er drückte auf „Chat schließen“, ging zurück zur Übersicht. Dann öffnete er direkt danach den Chat mit Oma. Da stand: „Ich bin so froh, dass wir wieder schreiben. Pass gut auf dich auf, mein Kind.“ Er antwortete: „Heute war ein ruhiger Tag. Ich hab mein Handy besser kennengelernt als manche Menschen. Und das fühlt sich gar nicht schlecht an.“ Späte Nacht – 40. Tag schließt sich Bevor er das Handy öffnete er nochmal den Digital-Wellbeing-Kreis. Er sah: • ein bisschen viel aber in sinnvollen Apps: Notizen, Kamera, Einstellungen. • einige Minuten aber im Rahmen dessen, was er sich vorgenommen hatte. • keine ausufernden Social-Media-Sessions. Ich bin nicht perfekt, Aber ich war heute Chef, nicht Sklave. Im Heft schrieb er zum 40. Tag:
weglegte, Bildschirmzeit, Spiele, dachte
„40. Tag – Handy-Training Ich habe gelernt: Ein Handy kann wie ein Messer sein. Es kann schneiden, es kann helfen. Kommt drauf an, wie man es hält. Früher: Nachrichten, die mich zerschneiden. Leute, die einfach so in meinen Kopf platzen, mitten in der Nacht. Jetzt: Ich bestimme, wer laut klingeln darf. Ich bestimme, welche App eine Stunde bekommt und welche nur 5 Minuten. Ich habe Böllerreste fotografiert. Das, was gestern noch geknallt hat, liegt heute nur noch als Müll rum. Vielleicht ist es mit manchen Menschen ähnlich. Gestern explodiert, heute nur noch Reste. Mein Handy ist jetzt mehr Werkzeug als Waffe. Und das ist ein Fortschritt.“ Er legte Stift und Heft weg, sperrte das Handy. Krähe. Baum. Himmel. Der Satz darunter. Er legte das Gerät auf den Nachttisch, schaltete das Licht aus und ließ den 40. Tag hinter sich. In der Dunkelheit draußen rückte Heilige Drei Könige unaufhaltsam näher, mit allem, was noch kommen würde. Aber in diesen zwei Tagen hatte Lukas etwas Wichtiges gelernt: Er konnte selbst entscheiden, welche Stimmen er in seiner Tasche mit sich herumtrug – und welche er nur noch auf stumm ertrug. Der 41. Tag fühlte sich an wie ein Tag dazwischen. Zwischen „Silvester ist vorbei“ und „Heilige Drei Könige kommt näher, ob du willst oder nicht“. Und mitten in diesem Zwischenraum stand Lukas mit seinem neuen Handy, seinen Gedanken, und einem Topf Punsch, der am Ende deutlich mächtiger war, als es geplant war. Morgen – Langsam wieder im Alltag ankommen Es war der 3. Januar. Lukas wachte mit einem dumpfen Restschweregefühl das keine echte Katerstimmung aber eine Mischung aus:
zu wenig Schlaf in den letzten Nächten, zu vielen Eindrücken, und diesem leisen inneren Dröhnen, wenn man weiß, dass „bald irgendwas passiert“, aber noch nicht genau wann. Er griff automatisch nach seinem Handy, sah auf den Sperrbildschirm: Himmel. Baum. Krähe. Der eine Satz darunter. „Du bist mehr als das, was dir passiert ist.“ Er atmete einmal durch, entsperrte das Handy, checkte die Uhrzeit. 9:48. Nicht besonders früh, nicht besonders spät. Erling lag noch auf der Matratze, eine Hand über dem Gesicht, unter der Decke halb vergraben. „Status?“ murmelte er, ohne die Augen zu öffnen. „Kopf 6 von 10, Energie 4 von 10,“ antwortete Lukas. „Gehirn analysiert noch, welches Jahr es ist.“ „Wenn du merkst, dass es immer noch 2026 ist, sag Bescheid,“ kam es gedämpft zurück. • • •
Vormittag – Eltern außer Haus, seltene Ruhe Beim Frühstück stellte sich heraus, dass der Tag eine Besonderheit haben würde. Die Mutter schob sich eine Strähne hinters Ohr und legte ihre Tasse ab. „Nur dass ihr Bescheid wisst,“ sagte sie. „Euer Vater und ich fahren heute Mittag zu Freunden nach Ingelheim. Nur auf einen Kaffee, ein bisschen Neujahrsquatsch. Wir sind am frühen Abend wieder da.“ Lukas’ Kopf machte sofort einen kleinen Sicherheitscheck: Eltern weg = weniger spontane Eskalationsgefahr durch Vater, aber auch: weniger direkte Aufsicht. „Wie lange ungefähr?“ fragte er. „Wir fahren so gegen zwei los,“ sagte sie. „Spätestens um sieben sind wir wieder da. Du bist mit Erling hier nicht allein auf einem anderen Planeten. Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn irgendwas ist.“ Der Vater nickte. „Ich trinke dort auch nichts,“ fügte er hinzu. „Ich will kein neues Jahr mit alten Mustern anfangen.“ Lukas beobachtete ihn einen Moment. Ich glaube ihm nicht blind, dachte er, aber ich merke, dass er versucht, sich nicht wieder selbst anzuzünden. „In Ordnung,“ sagte er schließlich. „Dann gehört der Nachmittag mir und Erling.“ „Bitte nicht die Küche explodieren lassen,“ murmelte die Mutter. „Keine Explosion,“ sagte Lukas. „Nur vielleicht ein bisschen Kochen.“ Dass dieser Satz später eine völlig andere Bedeutung bekommen würde, war ihm da noch nicht klar.
Mittag – „Wir kochen was“ & die Punsch-Idee Gegen Mittag waren die Eltern tatsächlich in Aufbruchsstimmung. Mutter mit Jacke und Tasche, Vater mit Autoschlüssel, noch einmal die Standardsätze: „Hast du dein Handy am Start?“ „Ja.“ „Weißt du, wo alle wichtigen Nummern sind?“ „Ja.“ „Bitte keine akrobatischen Aktionen mit Stühlen oder Leitern.“ „Hab ich schon 2025 abbestellt.“ Die Tür fiel ins Schloss. Die Wohnung wurde merklich stiller. Lukas stand einen Moment im Flur, hörte dem Nachhall der Schritte nach. Erling lehnte am Türrahmen. „So,“ meinte er. „Kinder allein zu Haus. Was machen wir?“ „Zwei Optionen,“ sagte Lukas. „Option A: Wir machen uns Nudeln. Option B: Wir machen irgendwas, was nicht Nudeln ist.“ „Option B klingt riskant,“ antwortete Erling. „Also natürlich B.“ Lukas ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank. „Wir könnten Reste verwerten,“ murmelte er. „Von gestern ist noch was übrig. Oder…“ Sein Blick blieb an etwas anderem hängen: Zwei Flaschen Punsch. Eine mit dem Etikett „Kinderpunsch“, nicht alkoholisch. Eine mit „Glühpunsch“, klarer Aufdruck: mit Alkohol. Sie standen nebeneinander, als hätten sie auf ihre Hauptrolle gewartet. Im Küchenschrank standen auch noch Tassen mit Weihnachtsmotiven, die irgendwie nicht weggeräumt worden waren. „Wir könnten uns einen Punsch machen,“ schlug Lukas vor. „Einen Rest-WeihnachtsritualNachhol-Punsch.“ Erling trat daneben. „Mit oder ohne?“ fragte er und deutete auf die Flaschen. Lukas zögerte minimal. Beim letzten Mal mit Alkohol… Bier, Mischbier, 12%-Monster, fast Krankenhaus, Sorge bei Mutter, Sorge bei Erling. Trotzdem sagte er: „Ein bisschen mit. Aber nicht so, dass wir uns komplett wegschießen. Ich will nicht schon wieder auf dem Boden liegen und mich fragen, ob meine Organe das überleben.“ „Wir sind alt genug, um zu wissen, wo die Grenze ist,“ meinte Erling. Blöder Satz, weil Grenzen selten das tun, was man ihnen sagt. Punsch-Mix – Der Anfang vom Zuviel Lukas stellte einen goss zuerst den Kinderpunsch hinein.
Der süße, würzige Geruch stieg sofort auf: Zimt, Nelke, irgendwas Fruchtiges. „Das riecht nach Weihnachtsmarkt, nur ohne Gedränge,“ sagte er. Dann griff er zur Glühpunsch-Flasche. „Wir machen… sagen wir… ein Drittel von der hier dazu,“ murmelte er. „Nicht 50/50.“ Er schätzte grob. Goss. Das Problem: Menschen sind schlecht im Schätzen, wenn sie nebenbei denken. Der Schuss, der geplant war, wurde eher ein halber Anteil. Die Mutter hätte das gesehen. Erling nicht. Und Lukas wollte gerade auch nicht so genau hinschauen. Er rührte um, ließ den Punsch langsam warm werden, nicht kochen. „Es riecht gut,“ sagte Erling, der an der Küchentür stand. „Nach „wir tun so, als wären wir entspannt“.“ Lukas griff nach den Weihnachtstassen, goss ein. Die dunkle, dampfende Flüssigkeit sah harmlos aus. „Auf… was auch immer,“ sagte Lukas, hob die Tasse. „Auf nicht explodierende Abende,“ antwortete Erling. Sie stießen an, sorgsam, um nichts zu verschütten. Erster Punsch – warm im Bauch, gefährlich im Kopf Der erste Schluck war angenehm. Süß, würzig, warm. Die alkoholische Note war zu schmecken, aber vom Kinderpunsch so gut überdeckt, dass sie wie ein leises Kratzen im Hintergrund blieb. Der Punsch rutschte in den Magen und hinterließ eine Wärme, die sich langsam ausbreitete. „Das tut gut,“ sagte Lukas. „Wie eine Heizdecke von innen.“ Erling setzte sich auf die Arbeitsplatte, die Tasse in der Hand. „Wie ist deine Skala?“ fragte er. „Gerade?“ Lukas überlegte. „Vielleicht 5. Körper: müde, aber ruhig. Kopf: du merkst schon, dass irgendein inneres Chemielabor am Arbeiten ist.“ Sie tranken weiter. Eine Tasse. Zwei Tassen.
Der Topf aber eben auch nicht klein. „Wir sollten…“ setzte Lukas an. „…nicht übertreiben?“ fiel Erling ein. Sie grinsten sich kurz an. Spoiler: Genau das passierte.
Zweiter & dritter Punsch – Grenzen werden weich Der zweite Punsch ging schneller. Sie setzten sich ins Wohnzimmer, stellten die Tassen auf den Couchtisch, der Fernseher blieb aus. Kein Serien-Rauschen, keine Ablenkung. „Weißt du, was komisch ist?“ sagte Lukas nach einer Weile, während er an seiner Tasse nippte. „Dieses Jahr ist gerade mal drei Tage alt, und es fühlt sich jetzt schon an wie die Fortsetzung von etwas, das ich noch nicht verarbeitet habe.“ Der Alkohol begann leise zu arbeiten. Die Gedanken wurden flüssiger, die Filter im Kopf etwas dünner. „Kommt davon, wenn dein altes Jahr nie richtig aufgehört hat,“ sagte Erling. „Für manche gibt es Silvester nicht als „Neustart“, sondern nur als lauten Checkpoint.“ Sie sprachen über: • die Silvesternacht, • den Raclette-Abend, • das neue Handy, • den Cyberangriff auf die Hochschule, • den VHS-Kurs, • Patriks Drohungen, • die Nachricht von Oma. Der Punsch machte Lukas’ Brust wärmer, aber auch seine Zunge lockerer. Beim dritten Mal nachschenken sagte er: „Das ist der letzte jetzt.“ Wahrscheinlich war es schon der Punkt gewesen, an dem „letzter“ hätte „letzter bleiben“ müssen. Aber der Topf war schon leerer, man denkt dann schnell: Jetzt ist’s auch egal. Der Kipppunkt – „Ein bisschen zu viel“ Spätestens bei der dritten dass sich etwas verschob. Nicht nicht wie bei aber deutlich. • Seine Arme fühlten sich leichter an, • seine Zunge schwerer, • sein Kopf… weicher.
Lukas, brutal, 12%-Biersturz,
Sein Blick blieb ein wenig länger an Dingen hängen, als nötig. Der Weihnachtsbaum, dessen Lichterkette noch immer am Balken hing. Der Fernseher, dunkel, mit einer Lichtreflektion vom Fenster. Die Umrandung seines neuen Handys auf dem Tisch. „Boah,“ murmelte er. „Ich glaub, der Punsch war stärker, als er schmeckt.“ Erling drehte die Tasse in den Händen. „Wie viel hast du gemischt?“ fragte er. Lukas versuchte, sich zu erinnern. „Mehr als gedacht,“ gab er zu. „Weniger als gefährlich. Theoretisch.“ „Du weißt, dass dein Körper „theoretisch“ meistens ignoriert,“ sagte Erling. Lukas lehnte sich zurück, spürte, wie sein Kopf ein bisschen mehr ins Sofakissen sank als sonst. „Ich weiß.“ Alkohol + alte Themen – gefährliche Mischung Wenn Alkohol eine Sache besonders gut kann, dann: die Tür zu Gefühlen aufstoßen, die man eigentlich sorgfältig verrammelt hat. Lukas merkte, wie seine Gedanken immer wieder zu denselben Punkten drifteten. „Weißt du, was mich gerade am meisten nervt?“ fragte er plötzlich. „Bestimmt nicht nur eine Sache,“ meinte Erling. „Dass ich nie freiwillig in diese ganzen Kämpfe gegangen bin,“ sagte Lukas. „Weder mit meinem Vater, noch mit Patrik, noch mit der alten Frau, noch mit der Hochschule, noch mit dem Gericht. Ich hab mir das alles nicht ausgesucht – und trotzdem hab ich das Gefühl, als würde ich dauernd für etwas bestraft, was ich nicht ausgelöst hab.“ Die Worte kamen flüssiger, aber auch ungebremster. Erling betrachtete ihn aufmerksam. „Das stimmt,“ sagte er. „Aber du bist auch der, der dabei nicht komplett kaputt gegangen ist.“ „Das fühlt sich nicht so an,“ schluckte Lukas. „Ich funktioniere. Das ist nicht dasselbe wie „ich bin okay“.“ Der Punsch brannte jetzt ganz leicht im Hals, ohne unangenehm zu sein, aber genug, um zu merken: Da ist mehr drin als nur Saft. Leichtes Schwanken – Körper meldet sich Nach einer Weile stand um neues Wasser zu holen. Sein Körper brauchte um dem Gehirn zu folgen. Der Boden fühlte sich nicht einfach sondern minimal als würde man über eine ganz dünne Matte laufen. Okay, dachte er. Nicht voll, aber eindeutig nicht mehr nüchtern.
länger, fest
In der Küche stützte er sich am Spülbecken ab, schloss kurz die Augen. Das Sausen im Kopf war noch kein Feueralarm, aber ein Test der Lautsprecher. Er trank ein Glas Wasser, ging etwas langsamer ins Wohnzimmer zurück. Erling sah ihn kommen. „Skala?“ fragte er. „Körper 7, Kopf 6,“ sagte Lukas. „Ich bin nicht kurz vorm Umfallen, aber ich bin definitiv jenseits von „nur leicht angeheitert“.“ „Magst du dich hinlegen?“ fragte Erling. „Noch nicht,“ murmelte Lukas. „Ich will nicht schon wieder der sein, der nach einer Kleinigkeit zusammenklappt.“ Draußen – Beobachter im Schatten Während Lukas und Erling drinnen mit Punsch und Gedanken kämpften, bewegte sich draußen jemand anderes. Patrik stand ein Stück entfernt vor dem Haus, kapuzenbewehrt, die Hände tief in den Taschen. Er hatte keinen direkten Blick in die Wohnung, aber er sah die Lichter, sah, dass jemand da war. Er wusste: Die Eltern sind weg. Er hatte es über Umwege mitbekommen. Ein Auto war weggefahren, bestimmte Routinen hatten sich wiederholt. Ihr habt es euch gemütlich gemacht, was?, dachte er. Ihr sitzt in eurer kleinen warmen Höhle, trinkt Punsch, während ich draußen der „Aggressive“, der „Gefährliche“ bin. Seine Wut war kein lautes Brüllen, sondern ein leiser, zäher Knoten. Heilige Drei Könige, erinnerte er sich. Ich hab mir was vorgenommen. Und ich halte mich an meine Pläne – im Gegensatz zu euch. Er blieb nicht lange, bewegte sich irgendwann weiter, wie ein Schatten, der sich von einer Wand löst. Drinnen ahnten Lukas und Erling keinen dieser Schritte. Nachmittag – Kippe zwischen Lachen und Kloß im Hals Zurück im Wohnzimmer plumpste Lukas halb aufs Sofa, nicht elegant, aber ohne zu fallen. „Ich hasse das,“ sagte er plötzlich. „Dieses „alles ist ein bisschen leichter“ im Kopf. Ich versteh, warum Leute das mögen – und genau deshalb macht es mir Angst.“ „Weil es sich wie ein Trap anfühlt?“ fragte Erling. „Ja,“ sagte Lukas. „Weil für einen Moment alles gedämpft ist. Die Geräusche, die Gedanken, der Druck. Und dann weiß ich, dass das nicht echt ist. Dass die Rechnung später kommt. Und trotzdem genießt ein Teil von mir die Pause.“
Erling nippte an seiner Tasse, die inzwischen fast leer war. „Der Teil, der Pause braucht,“ sagte er ruhig, „ist nicht böse. Aber der Preis, den du dafür zahlst, kann es werden.“ Lukas kicherte kurz, ein Geräusch, das nicht ganz zu dem passte, was er sagte. „Du klingst wie eine Mischung aus Therapeut, FIFA-Trainer und Küchenpsychologe.“ „Ich hab viele Rollen,“ meinte Erling. Der Fernseher blieb immer noch aus. Sie brauchten ihn gerade nicht. Der Punsch war fast aufgebraucht. Lukas legte den Kopf in den Nacken, starrte an die Decke. „Glaubst du,“ fragte er plötzlich, „dass Menschen wie ich – mit all dem Chaos, dem Gericht, dem Autismus, der VR-Hölle – irgendwann einfach… normal leben können? So mit Arbeit, Wohnung, Freunden, ohne ständig Angst vor dem nächsten Absturz?“ Erling antwortete nicht sofort. „Normal ist ein überbewertetes Konzept,“ sagte er schließlich. „Aber ja, ich glaube, dass du ein Leben kriegen kannst, in dem die Katastrophen nicht mehr so groß sind. Vielleicht nicht ohne Stürme, aber ohne jeden zweiten Tag Erdbeben.“ Früher Abend – der Körper zieht die Reißleine Gegen späten Nachmittag merkte Lukas, dass sein Kreislauf genug hatte. Sein Blick wurde minimal schwerer, die Haut fühlte sich gleichzeitig heiß und leicht kühl an. Er gähnte, lange. „Ich glaub… mein System fährt langsam runter,“ murmelte er. „Dann lass es runterfahren,“ sagte Erling. „Wir müssen heute nichts mehr gewinnen. Kein Spiel, kein Streit, kein Wettbewerb.“ Lukas sah auf die Uhr. Kurz nach fünf. Die Eltern wollten so gegen sieben zurück sein. Zeit genug, um nicht gerade noch auf dem Badezimmerboden zu hängen, wenn sie reinkommen, dachte er. Er trank noch ein großes Glas Wasser, legte sich auf sein Bett, ohne sich umzuziehen. Erling setzte sich auf den Stuhl daneben, Handy in der Hand, aber ohne viel drauf zu tippen. „Weck mich, wenn ich schnarche,“ murmelte Lukas. „Ich mach ein Geräuschprotokoll,“ sagte Erling. Kurzer Schlaf – Halbdunkel & schwerer Kopf Lukas schlief eher wegdriften, auftauchen, wegdriften. Bilder flackerten durcheinander: • der Silvesterhimmel,
das neue Handy, der Punschtopf, Patriks Nachricht, das VR-Zimmer, das Stadion, der Dom an Heiligabend. Nichts formte sich zu einem klaren Albtraum, aber auch nichts war wirklich ruhig. Als er die Augen wieder öffnete, war sein Mund trocken, der Kopf schwer, die Zunge pelzig. Er sah zur Seite. Erling saß noch da, hörte mit einem Ohr etwas Musik, sah aber hoch, als Lukas sich rührte. „Zeit?“ fragte Lukas. „Viertel vor sieben,“ sagte Erling. „Du hast knapp anderthalb Stunden rumgebracht.“ „Fühlt sich an wie fünf Minuten und fünf Jahre gleichzeitig,“ murmelte Lukas. • • • • • •
Eltern kommen zurück – nichts explodiert, aber etwas hängt in der Luft Kurz nach sieben hörten sie die Tür. Schlüssel im Schloss, Schuhe im Flur, stille Stimmen. Die Mutter steckte den Kopf in Lukas’ Zimmer. „Da seid ihr,“ sagte sie. „Alles gut bei euch?“ Lukas richtete sich langsam auf. „Alles… okay,“ sagte er. „Bisschen platt. Wir haben nur Punsch gemacht, geredet, Musik gehört. Nichts Dramatisches.“ Nicht gelogen. Nur ein bisschen untertrieben. Die Mutter musterte ihn kurz, nicht misstrauisch, aber wachsam. Sie nahm einen feinen Geruch wahr: eine Mischung aus Punsch-Resten und „jemand hat geschlafen“. „Habt ihr was zu viel erwischt?“ fragte sie vorsichtig. Lukas zögerte kurz. „Ein bisschen,“ sagte er ehrlich. „Nicht so schlimm wie beim letzten Mal. Aber ich hab gemerkt, dass meine Grenze näher ist, als ich dachte.“ Erling nickte. „Wir haben’s gemerkt, bevor es richtig schlimm wurde,“ sagte er. „Aber ja, es war grenzwertig.“ Die Mutter seufzte leise. Nicht genervt, eher traurig, dass solche Experimente bei Lukas nie einfach nur „lustig“ waren, sondern immer am Rand der Abbruchkante. „Danke, dass ihr es wenigstens merkt,“ sagte sie. „Ich will euch nicht wie Kleinkinder behandeln. Aber ich will auch nicht irgendwann wieder in einer Notaufnahme sitzen.“
Lukas sah auf seine Hände. „Ich auch nicht,“ sagte er. Abend – Rest des Tages & Nachgeschmack Den Rest des Abends verbrachten sie ruhig. Kein Film, keine großen Gespräche. Ein bisschen TV im Hintergrund, ein bisschen Sitzen, ein bisschen Wasser trinken. Lukas’ Kopf beruhigte sich langsam. Die Wärme des Punschs war weg, zurück blieb eine gewisse Leere, ein dumpfer Nachgeschmack von: War nicht komplett Katastrophe. War aber auch nicht klug. In seinem Zimmer, später, saß er mit seinem Heft. Er schrieb: „41. Tag – Punschfehler light Heute war ein „wir sind allein“-Tag. Mama und Papa waren bei Freunden, Erling und ich in der Wohnung. Wir haben Punsch gemacht. Kinderpunsch plus Glühpunsch. In meinem Kopf war der Plan: „Ein bisschen warm, ein bisschen ruhiger.“ Es ist nicht eskaliert wie beim letzten Mal mit dem 12%-Bier, aber ich hab gemerkt: Mein Körper verzeiht mir kaum was. Ein bisschen zu viel ist bei mir schon „zu viel“. Ich mag das Gefühl, wenn alles kurz weicher wird. Und genau das macht mir Angst. Ich will nicht wie mein Vater enden. Ich will nicht Alkohol brauchen, um mein eigenes Leben auszuhalten. Heute war eine Erinnerung: Meine Grenze ist näher, als ich mir manchmal einreden will.“ Auf dem Handy schrieb er später noch kurz in seine digitale Notiz: „Notiz für Therapie: Ich brauche bessere Strategien als Punsch, um mit Druck und Angst umzugehen. Sonst bin ich irgendwann nur eine Wiederholung von denen, von denen ich mich abgrenzen will.“ Dann sperrte er das Handy, sah noch einmal auf die Krähe und den Himmel. Draußen irgendwo, unsichtbar, war Patrik in seinen Plänen wahrscheinlich schon zwei Schritte weiter.
Heilige Drei Könige kam näher. Das Ultimatum, von dem Lukas nichts wusste, schob sich wie eine dunkle Wolke an den Horizont seines neuen Jahres. Aber der 41. Tag endete immerhin nicht im Krankenhaus, nicht mit Sirenen, nicht mit Polizei. Er endete mit einem jungen Mann, der zu viel Punsch getrunken hatte, der es diesmal rechtzeitig gemerkt hatte, und der sehr deutlich spürte: Ich kann mir solche „Experimente“ eigentlich nicht leisten. Nicht, wenn ich noch irgendwas anderes aus meinem Leben machen will, außer Schadensbegrenzung. Der 42. Tag begann mit einem Gefühl, das Lukas inzwischen fast besser kannte als seinen eigenen Atem: Scham, die langsam in den Magen rutscht. Morgen – Der Kater im Kopf, nicht im Blut Es war der 4. Januar. Lukas wachte nicht mit einem brutalen aber sein Körper fühlte sich trotzdem an wie „zu viel gestern“. Der Mund war der Kopf die Gedanken schon beim Aufwachen schwer. Er griff automatisch nach seinem Handy. Sperrbildschirm. Himmel. Baum. Darunter der Satz: „Du bist mehr als das, was dir passiert ist.“ Das war heute allerdings schwer zu glauben. Er sperrte das Handy sah auf die Uhr. 9:12. Im Flur hörte er Geräusche: Schritte, Tür vom leises Klappern aus der Küche. Erling war noch auf seiner das Gesicht zur Wand. „Lebst du?“ murmelte Lukas. Ein unartikuliertes „Mhh“ kam zurück. Lukas setzte sich atmete tief durch. Du kannst dich nicht ewig drücken, Gestern war an der Grenze. Sie hat es gemerkt. Und du auch. Er stand zog sich langsam streifte ein T-Shirt Jogginghose, Socken. Das Spiegelbild im Badezimmerspiegel war ehrlich:
auf, trocken, dumpf,
Bad, Matratze,
auf, dachte
er. auf, an, über,
leicht blasse Augenringe, dieser Blick von „körperlich okay, innerlich verknittert“. Küche – Schweigen, das zu viel sagt In der Küche saß seine Mutter am mit einer Tasse Kaffee vor und einem halbleeren Müslischälchen. Sie war nicht deutlich aber auch nicht fröhlich. Eher wachsam müde. Sie sah hoch, als Lukas die Küche betrat. „Morgen,“ sagte sie. „Morgen,“ erwiderte er. Er fühlte dass das „Morgen“ voller unausgesprochener Sätze war. Er goss sich ein Glas Wasser dann einen setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. Eine Weile aßen und tranken sie schweigend. Die Luft zwischen ihnen war nicht aber eindeutig nicht „locker“. In seinem Kopf formten sich die alle irgendwie falsch klangen: „War ja nicht so „Ich hab’s ja „Passiert halt.“ Nichts davon fühlte sich ehrlich an. Du wolltest besser sein als diese Ausreden, erinnerte er sich. Er nahm sein öffnete die Notizen-App tippte einen den er sich selbst als Startpunkt gab: „Ich möchte mich entschuldigen, ohne mich rauszureden.“ Dann legte er das Handy wieder hin. Die Entschuldigung – endlich Worte Lukas atmete einmal tief legte beide Hände um seine als müsste er sich an etwas festhalten. „Mama?“ sagte er. Sie sah ihn an. „Ja?“ Er sah kurz auf den dann wieder in ihr Gesicht. „Ich… möchte mich für gestern entschuldigen.“ Es war kein dramatischer aber er hing schwer in der Luft. Sie sagte erstmal was ihn zwang, weiterzureden.
Tisch sich sauer, so:
sofort, ein, Tee, feindlich, Sätze, schlimm.“ gemerkt.“
Handy, kurz, Satz,
ein, Teetasse,
Tisch, Satz, nichts,
„Ich hab zu viel Punsch getrunken,“ begann er. „Nicht so extrem wie mit dem Bier letztens, aber deutlich mehr, als gut war. Ich hab es gemerkt, du hast es gemerkt. Und ich weiß, dass du dir Sorgen gemacht hast, auch wenn du nicht geschrien hast.“ Sie sah ihn ruhig an. „Das stimmt,“ sagte sie leise. Lukas holte Luft. „Ich will nicht… so werden wie Papa früher war,“ sagte er. „Dass Alkohol immer irgendwie im Raum ist. Dass man nicht weiß, in welche Richtung der Abend kippt. Ich hab gemerkt, wie schnell es geht, dass ich dieses „alles wird weicher“-Gefühl mag. Und das macht mir Angst. Weil ich genau weiß, wie gefährlich das ist.“ Der Satz war ihm wichtiger als jeder Punsch. „Ich übernehme das, was ich entscheiden kann,“ fuhr er fort. „Und gestern hab ich schlecht entschieden. Nicht, weil ich dir eins auswischen wollte. Sondern, weil ich mir eingeredet hab, „wird schon nicht so schlimm“. Und das ist eine verdammt schlechte Ausrede.“ Seine Finger zitterten leicht an der Tasse. „Es tut mir leid, dass ich dich wieder in so eine „hoffentlich wird es nicht eskalieren“-Position gebracht habe,“ sagte er. „Und es tut mir leid, dass ich deinen Vertrauensvorschuss mit „ich kann das einschätzen“ ausgenutzt hab, obwohl ich es nicht kann.“ Er wartete. Die Küche war still bis auf das leise Summen des Kühlschranks. Reaktion der Mutter – ehrlich, nicht weichgespült Seine Mutter stellte ihre Kaffeetasse ab, verschränkte die Hände kurz vor sich, als müsste sie ihre Gedanken sortieren. „Danke, dass du das so sagst,“ begann sie. Es klang nicht nach Floskel. „Ich war gestern nicht wütend, im Sinne von „du bist böse“,“ sagte sie. „Ich war… müde. Und traurig. Weil ich genau gesehen hab, wie nah das alles an dem ist, was wir mit deinem Vater durchhaben. Nur dass du eben nicht der bist, der uns anschreit, sondern der, der sich selbst wehtut.“ Lukas schluckte. Sie fuhr fort: „Ich weiß, dass du alt genug bist, um Dinge auszuprobieren. Und ich weiß auch, dass du nicht in einer Blase leben kannst, wo alles verboten ist. Aber bei dir ist „ein bisschen“ eben nicht dasselbe wie bei anderen. Dein Körper, dein Kopf – die reagieren anders.“ Sie sah ihn sehr direkt an. „Ich hatte kurz richtig Angst gestern,“ sagte sie. „Nicht, dass du stirbst – so schlimm war es nicht – aber Angst, dass das der Anfang von so einer Spirale wird. „War doch gar nicht so schlimm“ – „kann man mal machen“ – „ich hab das im Griff“ – und dann stehst du irgendwann an der gleichen Klippe wie dein Vater.“ Lukas’ Magen zog sich zusammen. „Ich will das nicht,“ brachte er hervor. „Für niemanden. Am wenigsten für mich.“ Regeln, aber gemeinsam beschlossen Die Mutter atmete durch. „Ich will dir nicht alles verbieten,“ sagte sie. „Denn je mehr ich es verbiete, desto heimlicher wird es. Aber ich will klare Regeln, bei denen du selbst sagst: das ist sinnvoll.“ Lukas nickte vorsichtig. „Okay,“ sagte er. „Was schlägst du vor?“
Sie dachte kurz nach. „Regel eins,“ begann sie. „Kein Alkohol, wenn du alleine bist. Also wirklich alleine. Ohne mich, ohne deinen Vater, ohne Erling, ohne irgendwen, der nüchtern auf dich aufpasst.“ Lukas zögerte keine Sekunde. „Einverstanden,“ sagte er. „Komplett.“ „Regel zwei,“ fuhr sie fort. „Wenn du was trinken willst – und damit meine ich keine Experimente, sondern vielleicht wirklich mal ein Bier oder ein Glas Wein – dann nur, wenn wir vorher darüber sprechen. Nicht einfach so aus dem Nichts.“ „Einverstanden,“ sagte er wieder. „Und ich meine das ernst.“ „Regel drei,“ sagte sie, „wenn du merkst, dass du „weil alles zu viel ist“ trinken willst, sagst du mir das vorher. Dann suchen wir eine andere Lösung: Spaziergang, Film, Tee, zusammen kochen, Therapie-Werkzeuge, irgendwas. Aber nicht „ich trink was, damit es leichter wird“.“ Lukas atmete etwas schneller. Er wusste, wie oft genau dieser Impuls in ihm auftauchte. „Ich versuche es,“ sagte er. „Und wenn ich’s vergesse – darfst du mich erinnern. Auch nervig.“ Sie nickte. „Und letzte Regel,“ fügte sie hinzu. „Wir tun so, als wäre das, was gestern passiert ist, keine riesige Katastrophe – aber auch kein Witz. Es ist eine Warnung. Eine, auf die wir hören. Nicht eine, über die wir in zwei Wochen sagen: „war doch nichts“.“ Lukas spürte, wie ein Knoten in seiner Brust sich minimal löste. „Können wir… trotzdem wieder normal miteinander reden?“ fragte er vorsichtig. „Also nicht so, dass du mich die nächsten Tage anschaust wie eine tickende Zeitbombe?“ Sie lächelte schmal. „Ich hab nicht vor, dich als tickende Bombe zu behandeln,“ sagte sie. „Eher als jemand, der gerade gemerkt hat, dass er neben TNT steht – und jetzt Hilfe holt, bevor er die Zündschnur anmacht.“ Ganz kurz, gegen seinen Willen, musste Lukas lachen. „Schönes Bild,“ sagte er. „Sehr beruhigend.“ Ein kleiner Schritt – körperliche Nähe zulassen Es war nicht ihre mit Pathos um sich aber diesmal stand ging um den stellte sich neben ihn. „Darf ich dich umarmen?“ fragte sie. Er brauchte einen kurzen Moment. Manchmal war ihm körperliche zu zu laut. Aber jetzt nickte er. Sie legte vorsichtig die Arme nicht zu nicht zu lang. Er ließ lehnte die Stirn kurz gegen ihren Arm.
übliche zu sie Tisch
Art, werfen, auf, herum,
viel, eng, Schultern, fest, zu,
In seinem Kopf liefen Bilder: Feuer, brennender Rollstuhl, Bierflasche, Punsch, Krankenhaus-Gefahr, Sein Vater, letztes Jahr, die schlechte Ausrede vom „ich hab’s doch im Griff“. Ich will nicht der nächste sein, dachte er. Ich will nicht, dass Mama irgendwann zwischen zwei Suchtgeschichten entscheiden muss. Mittags – Alltag zurückholen Der Rest des Vormittags war unspektakulär. Und genau das war gut. Lukas räumte ein bisschen in seinem Zimmer, sortierte alte Zettel in Ordner, scannten noch zwei Dokumente mit dem Handy ein. Erling tauchte irgendwann auf, fragte, ob es „Donnerwetter“ gegeben hätte. „Mehr Blitz ohne Donner,“ meinte Lukas. „Klare Regeln, ehrliches Gespräch. Kein Geschrei, keine Verbote. Aber auch kein „war nicht so schlimm“.“ „Erwachsener als viele Leute, die doppelt so alt sind wie du,“ murmelte Erling. Sie aßen mittags etwas Einfaches, Brot, Reste von Nudeln, nichts Besonderes. Die Atmosphäre im Haus war wieder leichter. Nicht „Party“, aber auch nicht mehr „Gerichtssaal“. Früher Nachmittag – Filmidee Gegen frühen Nachmittag, Licht draußen grau, drinnen gemütlich, kam die Mutter ins Zimmer, wo Lukas gerade auf dem Bett saß und mit dem Handy ein paar Einstellungen optimierte. „Ich hatte eine Idee,“ sagte sie. „Gefährlich,“ antwortete Lukas, automatisch halb scherzhaft. „Eine gute,“ stellte sie klar. „Wie wäre es, wenn wir heute Abend einen richtigen Filmabend machen? Als… Abschluss von dem Silvester-Nachwehen-Kram. Nur wir, Sofa, Decke, irgendwas, wo niemand stirbt, kein Weltuntergang, keine Gerichtsszenen.“ Lukas dachte nach. Ein Teil von ihm wollte sich verkriechen, wie immer, wenn emotional viel los war. Ein anderer Teil wollte genau das: Etwas Normalität. Etwas Gemeinsames, das nicht aus Feuer, Punsch oder Streits bestand. „Ja,“ sagte er schließlich. „Filmabend klingt gut.“ „Du darfst aussuchen,“ sagte sie. „Mit einer Bedingung: kein Horror, keine schwere Kriegsgeschichte, kein Psycho-Thriller. Mein Nervensystem ist auch nicht mehr zwanzig.“
„Deal,“ sagte Lukas. Auswahl des Films – mit System Am späten Nachmittag setzte sich Lukas mit seinem Handy aufs Sofa. Die Mutter kam dazu, Erling legte sich quer ans Fußende, der Vater setzte sich etwas später dazu, mit einer Schale Nüsse in der Hand. „Also,“ sagte die Mutter. „Was schwebt dir vor?“ Lukas öffnete die Streaming-App auf seinem Handy, scrollte durch die Vorschläge. Er analysierte: • Action – raus. • Horror – raus. • Brutales Drama – raus. • Ultraflache Komödie – eher auch raus. „Irgendwas, das eine Geschichte erzählt,“ murmelte er. „Mit Musik vielleicht. Oder etwas, das am Ende nicht komplett zerstört zurücklässt.“ Er blieb an einem Film hängen, dessen Filmmusik sie beim Hans-Zimmer-Konzert schon mal live gehört hatten. Kein gnadenloses Blutbad, eher eine Mischung aus Drama, Sci-Fi und Hoffnung. „Wie wäre es mit dem?“ fragte er und zeigte ihnen das Cover. „Den haben wir noch nicht zusammen komplett geschaut,“ sagte die Mutter. „Ich kenn nur Ausschnitte. Würde ich mir trauen.“ Der Vater nickte. „Musik ist gut,“ sagte er. „Und dafür, dass unser Leben schon genug Drama hat, ist der Film noch harmlos.“ Sie einigten sich darauf. Lukas verband sein Handy mit dem Fernseher, startete den Film über die App. Es war fast symbolisch: Das neue Handy als „Fernbedienung“ für einen gemeinsamen Abend, nicht nur als Fluchtwerkzeug. Filmabend – Sofa, Decke, Sicherheit Sie machten es sich auf dem Sofa bequem: • Lukas in der Mitte, • die Mutter rechts von ihm, • Erling links etwas eingerollt, • der Vater in einem Sessel daneben. Eine Decke wurde halb über Lukas und die Erling hatte seine eigene. Das Licht im Wohnzimmer war eine kleine Lampe keine volle Dunkelheit Lukas mochte es wenn der Raum komplett schwarz war. Der Film begann. Schon die ersten Töne der Filmmusik lösten etwas in ihm aus:
gelegt, gedimmt, brannte, – nicht,
Erinnerung an den Hans-Zimmer-Abend, an den Tag, an dem er einmal nur „Zuhörer“ gewesen war und nicht „Hauptfigur in einem Chaos“. Der Film erzählte von schweren Entscheidungen, von Verlust, von Hoffnung, von Menschen, die in einer kaputten Welt versuchen, etwas Gutes zu bewahren. Lukas merkte, wie er an manchen Stellen mehr spürte als nur „Story“: Szenen, in denen jemand fast aufgibt, aber weitermacht, weil andere an ihn glauben. Sätze über Verantwortung, über das Weiterleben trotz Traumata. Einmal, mitten in einer ruhigen Szene, spürte er, wie die Mutter ganz leicht ihren Arm an seinen lehnte. Nicht aufdringlich, nur: da. Er ließ es zu, lehnte sich minimal zurück. Kleine Zwischengespräche – ohne den Film zu zerstören Sie schauten den Film nicht hyper-analytisch, aber ab und zu gab es leise Bemerkungen. Eine besonders laute Szene brachte Lukas kurz aus dem Konzept. Er zuckte leicht, die Geräuschkulisse im Film erinnerte ihn einen Sekundenbruchteil an Sirenen und Chaos. Er griff reflexartig nach der Fernbedienung (bzw. Handy) und drehte die Lautstärke zwei Stufen runter. „Geht das für euch?“ fragte er. „Oder ist es jetzt zu leise?“ „Für mich passt es,“ sagte die Mutter. „Ich sehe den Film lieber mit, als ihn zu hören, als wäre ich selbst in der Explosion,“ sagte der Vater. Erling grinste. „Untertitel regeln,“ murmelte er. In einer anderen Szene, in der es um die Frage ging, ob es okay ist, weiterzuleben, auch wenn man Schuldgefühle hat, sah Lukas kurz zu seiner Mutter. Ihre Augen waren auf den Fernseher gerichtet, aber er wusste, dass sie mehr hörte als nur Dialog. Das hier erinnert uns beide an Dinge, die niemand außer uns versteht, dachte er. Nach dem Film – kein Pathos, nur ein ruhiger Satz Als der ließ keiner von ihnen sofort alles los.
Sie saßen einen Moment einfach da, während die Musik lief und Namen über den Bildschirm rollten. „War gut,“ sagte Erling schließlich leise. „Kein Happy-End-Glitzer, aber auch kein „alles ist verloren“.“ „Mag ich,“ sagte Lukas. „Dass Leute scheitern und trotzdem weiterlaufen.“ Die Mutter schnaubte halb. „Ich frag mich, warum ich gerade an deine letzten drei Jahre denken muss,“ meinte sie. Der Vater sah zu Lukas. „Du bist nicht der Zuschauer in deinem Leben,“ sagte er ernst. „Du bist der, der weitermacht, obwohl er tausend Gründe hätte, aufzugeben.“ Lukas wurde das kurz zu viel, aber diesmal auf eine erträgliche Weise. „Ich bin gerade zufrieden damit, dass ich heute Abend keinen Punsch in der Hand hatte,“ sagte er ehrlich. „Nur Tee und einen Film.“ Die Mutter nickte. „Das reicht für heute als Erfolg,“ sagte sie. Später Abend – leiser Abschluss mit Handy & Heft Später, als der Fernseher aus war und alle sich in ihre Zimmer verzogen, saß Lukas noch kurz an seinem Schreibtisch. Das neue Handy lag daneben, Display auf Tischhöhe, nicht im Fokus. Er schlug sein Heft auf und schrieb: „42. Tag – Entschuldigung & Film Heute habe ich mit Mama über gestern geredet. Nicht mit Schreien, nicht mit „war nicht so schlimm“, sondern mit ehrlichen Sätzen. Ich habe gesagt, dass ich Angst habe, wie Papa zu werden. Sie hat gesagt, sie auch. Wir haben Regeln gemacht: Kein Alkohol alleine. Nicht trinken, „damit es leichter wird“. Reden, bevor ich etwas in mich reinkippe. Es war eines dieser Gespräche, die man in Filmen immer perfekt geschnitten sieht, aber in echt meistens eskalieren. Diesmal nicht. Abends haben wir einen Film geschaut. Kein Feuer, keine Sirenen, keine VR-Brille, keine Gerichtspost. Nur wir vier, Sofa, Musik, Geschichte.
Ich war nüchtern. Das war wichtiger, als ich zugeben wollte.“ Danach griff er zum Handy, öffnete kurz die Notiz „Therapie – Themen“. Er fügte hinzu: „42. Tag: Ich hab mich entschuldigt, bevor jemand mich „zwingen“ musste. Fühlt sich ungewohnt an, aber richtig.“ Er sperrte das Handy. Himmel. Baum. Krähe. Der eine Satz. „Du bist mehr als das, was dir passiert ist.“ Für heute glaubte er ihm ein bisschen mehr als sonst. Der 42. Tag endete nicht dramatisch, nicht mit Blut, nicht mit Polizei, nicht mit einer neuen Narbe. Er endete mit einem jungen Mann, der verstanden hatte, dass Entschuldigen kein Zeichen von Schwäche ist, sondern ein kleiner, leiser Schritt weg von der Wiederholung vergangener Katastrophen. Und mit einem Filmabend, an den er sich später erinnern würde als: einer der Abende, an denen nichts Schlimmes passiert ist – und genau das war das Besondere. Der 43. Tag begann so unspektakulär, dass Lukas ihn im ersten Moment fast für einen dieser Tage hielt, die einfach nur da sind, ohne etwas Großes anzukündigen. Er lag falsch. Aber das wusste er da noch nicht. Morgen – ein scheinbar ganz normaler 5. Januar Es war der 5. Januar 2026. Kein Silvester, kein Weihnachten, kein Konzert, kein Stadion. Nur ein Montag mitten in den Weihnachtsferien, ein Tag zwischen „alle Feiertage sind vorbei“ und „morgen ist Heilige Drei Könige“. Lukas wachte spät auf, diesmal ohne Alkoholrest im Kopf, ohne Punsch-Nachbeben, ohne Druck im Magen. Sein erstes Bewusstsein war: warm. Ruhe. Leichtes Lampenlicht hinter der Tür. Jemand tappte leise durch den Flur. Er griff nach seinem Handy. Sperrbildschirm.
Der graublaue Himmel, der Baum, die Krähe, der Satz: „Du bist mehr als das, was dir passiert ist.“ Er atmete einmal durch. Es ist nur ein Tag, dachte er. Noch nichts Schlimmes passiert. Noch nicht. Er entsperrte das Handy, sah auf die Uhrzeit. 10:06. Erling lag noch auf der Matratze, die Decke halb über den Kopf gezogen, ein Arm ausgestreckt, als hätte er im Traum versucht, irgendeinen Ball zu fangen, oder einen Gegner zu stoppen. „Statusmeldung?“ murmelte Lukas. Erling zog sich die Decke vom Gesicht. „Zu früh,“ sagte er. „Mein Gehirn ist noch im Offline-Modus.“ „Du bist Spieler, kein Server,“ antwortete Lukas. „Du musst keine 24/7-Verfügbarkeit haben.“ Frühstück – leiser Alltag, der fast normal wirkt In der Küche saß die Mutter am Tisch, diesmal etwas entspannter als an den letzten Tagen. Der Vater war schon wach, pulte an einem Brötchen herum und trank Kaffee. „Morgen,“ sagte Lukas. „Morgen,“ kam es fast im Chor zurück. Der Tisch war einfach gedeckt: • Brötchen, • Butter, • Marmelade, • Käse, • Tee für Lukas, • Kaffee für die Eltern, • Erling bekam eine große Schale Müsli, weil er „irgendwas Crunchiges“ wollte. Es war still, aber nicht unangenehm still. Nicht diese schwere, angespannte Stille wie an Tagen, an denen etwas eskaliert war. Eher die „wir sind alle noch halb müde und sortieren uns“-Stille. „Was habt ihr heute vor?“ fragte die Mutter irgendwann. Lukas kaute sein Brötchen zu Ende, dachte kurz nach. „Nichts Großes,“ sagte er. „Ich wollte heute zuhause bleiben. Ein bisschen aufräumen, ein bisschen FIFA, ein bisschen Pokémon, vielleicht ein, zwei Sachen für VHS vorbereiten. Nichts, was mit Menschenmengen oder Feuer oder Familienfeiern zu tun hat.“ Sie nickte. „Klingt vernünftig,“ sagte sie. „Ich muss nachher kurz einkaufen. Dein Vater wird ein bisschen Papierkram machen. Heute ist für alle eher ein ruhiger Tag.“ Erling hob den Kopf.
„Ich bin dafür, dass wir heute eine Art Mini-Winterpause machen,“ sagte er. „Kein Drama, kein Punsch, kein Streit, keine Polizei. Nur: Sofa, Konsole, eventuell Decke.“ „Das ist der beste Plan, den ich seit Tagen gehört habe,“ meinte die Mutter. Keiner von ihnen ahnte, wie sehr sie diesen Tag später als den „letzten ruhigen“ in Erinnerung haben würden. Vormittag – Aufräumen im Zimmer und im Kopf Nach dem Frühstück zog sich Lukas in sein Zimmer zurück. Es war kein Chaos, aber eben auch nicht aufgeräumt. Auf dem Boden lagen: • ein paar Notizzettel, • ein Hoodie, • die Verpackung des Galaxy S25 Ultra, • alte Ladekabel. Auf dem Schreibtisch: • das Mutbuch, • das VHS-Zeug, • der kleine Holzpuzzle-Stein, • eine halbleere Tee-Tasse von gestern. Er stellte Musik leise an, ohne Gesang, nur Instrumental. Dann begann er, das Zimmer aufzuräumen. Er sortierte alte Zettel in: • „brauche ich noch“ • „kann weg“ • „scannen & dann wegwerfen“. Mit dem Handy in der Hand öffnete er die Scan-Funktion wieder. Er scannte zwei, drei Notizen ein, die fürs VHS wichtig waren, sowie eine kurze Liste mit Terminen, die auf einem alten Schmierzettel standen. Wenn morgen die Welt wieder brennt, dachte er halb ironisch, hab ich wenigstens meine Termine in der Cloud. Er hing sich nicht an dem Gedanken auf. Noch fühlte es sich an wie eines seiner Schutz-Witze, nicht wie eine Vorahnung. Er räumte die leeren Flaschen vom Punsch-Tag endgültig weg, stellte sie in eine Ecke für Pfand. Nur das Geräusch der Flaschen in der Kiste löste kurz eine Erinnerung aus: die Wärme im Bauch, das Weichwerden im Kopf, die Angst davor, das zu mögen. Er blieb einen Moment stehen, beobachtete sein eigenes Gefühl. Heute nicht, sagte er innerlich. Heute bleibt alles nüchtern.
Später Vormittag – FIFA-Karriere & Routine mit Erling Gegen späten Vormittag klopfte es kurz an der Zimmertür. Erling steckte den Kopf rein. „Hast du Lust auf eine Runde Karriere?“ fragte er. „Oder bist du gerade noch in deiner „ich sortiere mein Leben in Ordner“-Phase?“ „Beides schließt sich nicht aus,“ sagte Lukas. „Wir können FIFA spielen und dabei so tun, als würden wir taktisch das ganze Leben planen.“ Sie wanderten ins Wohnzimmer. Die Konsole war schon angeschlossen, die Controller lagen bereit. Sie starteten FC 26 Karriere-Modus mit ihrer gemeinsamen Mannschaft, bei der im Laufe der Zeit alles Mögliche passiert war: • fiktive Transfers, • verrückte Spielverläufe, • ausgedachte Storys über Spieler, die sich im Hintergrund abspielten. Heute entschieden sie sich dafür, eine neue Saison zu beginnen. „Wir tun so,“ sagte Lukas, „als würden wir ein Jahr spielen, in dem niemand verletzt wird, keine Korruption, keine Explosionen, einfach nur Fußball.“ „Das ist unrealistischer als alle anderen Einstellungen,“ meinte Erling. „Aber von mir aus.“ Während sie spielten, merkten sie, wie ihre Körper langsam entspannter wurden: • Hände an den Controllern, • Augen auf dem Bildschirm, • kommentierte Aktionen. „Pass, pass, pass– ja!“ „Nicht da hin, du Pixel-Honk.“ „Wie kann der den aus dem Winkel nicht machen?!“ Bei einem Tor, das sie schossen, grinsten sie sich kurz an. Es war kein hysterisches Jubeln, aber ein echtes, kleines „wir haben was geschafft“-Gefühl. So simpel, so selten geworden in der echten Welt. Mittag – Einfaches Essen, einfache Gespräche Zu Mittag gab es nichts Kompliziertes. Die Mutter hatte eine große Pfanne mit Bratkartoffeln gemacht, dazu Rührei, ein paar Gurkenscheiben, Tomaten. „Nichts Besonderes,“ sagte sie. „Aber ehrlich gesagt hab ich gerade keine Energie für VierGänge-Menüs. Und ihr hoffentlich auch nicht.“ „Ich bin froh über alles, was nicht aus einer Fritteuse auf dem Weihnachtsmarkt kommt,“ meinte Lukas. Sie aßen zusammen am Tisch. Das Gespräch war leicht: • ein bisschen über die FIFA-Spiele, • ein bisschen über eine Nachricht von der VHS,
ein bisschen die sich sogar eine neue Brille holen wollte. Der Name Patrik Nicht einmal zufällig. Als würde das bloße Erwähnen ihn in den Raum holen. •
Früher Nachmittag – Handy & ruhiger Rückzug Nach dem Essen zog sich jeder wieder in seine Ecke zurück. Der Vater verschwand mit einem Stapel Post ins Wohnzimmer, die Mutter räumte die Küche auf, Lukas ging wieder in sein Zimmer, Erling kam mit. Lukas setzte sich aufs Bett, Erling auf den Stuhl. „Was sagt dein Handy?“ fragte Erling. Lukas entsperrte es. Keine Katastrophen-Nachricht. Kein „dringender Anruf“, kein neuer drohender Text von Patrik. Ein paar belanglose Meldungen: • eine App, die ein Update wollte, • eine Erinnerung an einen VHS-Termin in ein paar Tagen, • eine Info von der Hochschule, dass die Lernplattform „größtenteils wieder nutzbar“ sei. Er entschied, sich heute nicht in die Lernplattform einzuloggen. „Nicht heute,“ murmelte er. „Nicht an einem Tag, der sich halbwegs normal anfühlt.“ Er öffnete stattdessen kurz Notizen und schrieb: „43. Tag – Ruhetag. Heute keine großen Kämpfe, nur kleine Aufgaben. Und ich bleibe zuhause.“ Erling warf einen Blick auf den Bildschirm. „Ich glaub,“ sagte er, „wenn dein Leben ein Videospiel wäre, stünde heute im Questlog: „Nebenmission – einfach atmen.““ „Und morgen steht dann „Endboss“ drin,“ murmelte Lukas im Scherz. Er sprach es wie einen Witz aus. Aber der Satz brannte noch nach, als er schon weiterblätterte. Nachmittag – Pokémon und Sofa Am Nachmittag legte Lukas sich quer aufs das Handy neben sich. Er öffnete Pokémon setzte sich wieder einen Timer: 20 Minuten. Er fing ein paar Pokémon in der checkte ein, zwei schickte ein Geschenk an einen Freund. Dann beendete er das Spiel als der Timer vibrierte.
Bett, GO, Nähe, Arenen, wieder,
Grenzen halten, dachte er. Wenn ich schon an anderen Stellen Probleme damit habe, dann wenigstens hier nicht. Danach ging er ins Wohnzimmer, legte sich mit einer Decke auf das Sofa. Die Mutter saß im Sessel mit einem Buch, der Vater blätterte in einer Zeitung, Erling kam später dazu und schnappte sich eine zweite Decke. Der Fernseher blieb aus. Sie saßen einfach da, jeder mit seinem Zeug, im selben Raum, ohne viel zu reden. Ein normaler Familienmoment. Ein Satz, der in Lukas’ Leben eigentlich viel zu selten stimmte. Draußen – jemand beobachtet die Ruhe Während drinnen die Ruhe fast unspektakulär war, bewegte sich draußen jemand auf Schleichpfaden. Patrik. Er stand nicht vor der Tür, nicht auffällig im Hof. Aber er war in der Nähe. Er kannte die Wege, die Seitenstraßen, die Winkel, in denen man eine Wohnung sehen konnte, ohne direkt davor zu stehen. Diesmal hatte er kein Handy in der Hand, sondern nur seine Gedanken. Ihr habt euch wieder eingekapselt, dachte er, als er die Lichter der Wohnung sah. Sofa, Familie, Spieler, Pseudo-Friede. Ihr denkt, ihr seid sicher. Ihr denkt, ihr hättet das alles „im Griff“. Sein Kiefer war angespannt, seine Hände fest in die Taschen vergraben. Er dachte an die Nachricht, die er der Ersatzoma geschrieben hatte. An die Worte, die er der Familie an den Kopf geworfen hatte. An die Geschichten, die er sich selbst erzählte, in denen er derjenige war, der „die Wahrheit“ sah und aussprach. Heilige Drei Könige, erinnerte er sich. Ich hab gesagt, dass das mein Tag wird. Der Tag, an dem sie merken, dass man mit mir nicht so umgeht. Dass man mich nicht aus der Familie wirft und dann einfach weitermacht, als wäre ich Luft. Er blieb noch einen Moment an der Ecke stehen, blickte nach oben, wo das Wohnzimmerlicht hinterm Vorhang schimmerte.
Niemand da drinnen ahnte, dass draußen jemand schon die letzten mentalen Vorbereitungen für etwas traf, das mehr sein sollte als „nur ein Streit“. Dann ging er weiter, zurück in seine eigene Wohnung, wo Zorn und Verletzungsstolz sich mischten zu etwas, das gefährlich war. Später Nachmittag – Tee, Kekse und kleine Sicherheit Gegen späteren Nachmittag stand die Mutter auf, ging in die Küche und kehrte mit einer Kanne Tee und einem Teller Kekse zurück. „Ich habe beschlossen,“ sagte sie, „dass wir einen entspannten Nachmittag offiziell machen.“ Lukas setzte sich aufrechter hin. Sie stellten den Tee auf den Couchtisch, jeder bekam eine Tasse. Es war ein milder Kräutertee, nichts Aufregendes. Lukas roch daran, nahm einen Schluck. Wärme ohne Alkohol. Ruhiger Kopf ohne Trick, dachte er. Sie sprachen ein bisschen über: • den Film von gestern, • welche Filme sie irgendwann noch sehen wollten, • ob sie in den nächsten Tagen mal zu Oma fahren würden, wenn das Wetter es zuließ. Niemand sprach über Heilige Drei Könige. Es war zwar im Kalender, aber nicht im Raum. Abend – ein leiser, unspektakulärer Tag klingt aus Der Abend war so ruhig, dass er schon fast langweilig war. Und gerade das machte ihn kostbar. Zum Abendessen gab es Brote, ein paar Reste, nichts Großes. Danach verzog sich der Vater mit einem Buch, die Mutter schaute kurz Nachrichten, schaltete aber wieder aus, als die übliche Mischung aus Drama und Katastrophenmeldungen kam. „Nicht heute,“ sagte sie leise. Lukas ging noch einmal in sein Zimmer. Er setzte sich an den Schreibtisch, nahm sein Heft. Er schrieb: „43. Tag – der ruhige vor dem Sturm (ohne dass ich den Sturm kenne) Heute sind wir zuhause geblieben. Keine Märkte,
kein Punsch, kein Streit. Nur: FIFA mit Erling, Bratkartoffeln, Tee, Sofa, Decke. Ich habe zu Mama gesagt, dass ich heute nichts Großes will. Und ich glaube, das erste Mal seit langer Zeit war „nichts Großes“ wirklich das, was passiert ist. Ich habe mein Handy benutzt, ohne von ihm benutzt zu werden. Kein Patrik-Chat. Keine Drohungen, nur kleine Dinge: Pokémon, Notizen, Scans. Es war so ruhig, dass ich fast vergessen habe, wie nah Heilige Drei Könige ist. Vielleicht ist das der letzte Tag, der sich so anfühlt wie „normal“. Vielleicht liege ich auch falsch. Ich hoffe, ich liege falsch.“ Er legte den Stift weg, nahm das Handy in die Hand, öffnete die „Therapie“-Notiz und schrieb kurz: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass vor jedem ruhigen Tag ein unsichtbares „Achtung“ steht, das ich nicht lesen kann.“ Dann sperrte er den Bildschirm. Himmel. Baum. Krähe. Der Satz: „Du bist mehr als das, was dir passiert ist.“ Er legte sich ins Bett, hörte durch die Tür leise das Geräusch des Fernsehers aus dem Wohnzimmer, das irgendwann verstummte, als die Eltern schlafen gingen. Erling lag wieder auf der Matratze, scrollte noch kurz durch sein Handy, legte es dann zur Seite. „Morgen irgendwas geplant?“ fragte er in die Dunkelheit. „Nicht wirklich,“ sagte Lukas. „Vielleicht ein bisschen Pokémon, vielleicht ein Spaziergang, vielleicht einfach – schauen, was passiert.“ „Bitte ohne Katastrophen,“ murmelte Erling. „Mein Kontingent für dieses Jahr ist eigentlich schon im alten Jahr aufgebraucht worden.“ Lukas musste leise lachen. „Wäre schön,“ sagte er. „Wenn das Universum sich mal an unsere Planung halten würde.“ Kurz darauf glitten sie beide in den Schlaf. Für Lukas war es ein Schlaf, in dem keine klaren Albträume kamen, nur diffuse Bilder, die sich im Nebel verloren.
Draußen in ging ein weiterer Winterabend zu Ende. Und keiner in dass der der letzte wirklich bevor Heilige all das, was sie prüfen, brechen und verändern würde. Der 44. Tag der so tut, als wäre er harmlos. Nur das dass er es nicht war. 6. Januar. Heilige Drei Könige.
der der ruhige sich begann
43. Tag Drei mühsam
wusste, Tag würde, Könige hatten,
Früher Morgen – ein ruhiges Zimmer, bevor die Nachricht kommt Lukas wachte früh für seine Verhältnisse auf. Es war noch halb dunkel im Zimmer, das diffuse Winterlicht drückte sich erst vorsichtig durch die Ritzen der Rollläden. Heizung leise, kein lauter Straßenlärm, nur irgendwo im Haus das dumpfe Rumpeln einer anderen Wohnung. Er lag auf dem Rücken und brauchte ein paar Sekunden, um das Datum zu sortieren. Heute… Heilige Drei Könige, dachte er. Früher war das einfach nur „Tag, wo die Sternsinger kamen“. Für Patrik ist es jetzt der Tag, mit dem er gedroht hat. Der Gedanke war wie ein kalter Finger im Nacken, aber er blieb noch vage, unscharf, so wie Träume kurz nach dem Aufwachen. Er tastete automatisch nach seinem Handy auf dem Nachttisch, griff danach, drückte auf den Power-Button. Sperrbildschirm. Himmel. Kahler Baum. Krähe. Der Satz darunter: „Du bist mehr als das, was dir passiert ist.“ „Mal sehen, ob der Tag das auch so sieht,“ murmelte Lukas heiser. Er wischte nach oben, gab den Code ein. Die Nachricht – ein harmlos klingender Text mit Gift darin Oben auf dem Bildschirm wartete schon etwas. WhatsApp. Neue Nachricht. Der Name fühlte sich als würde man mit der Hand in eine Schale voller Scherben greifen: Patrik. Allein das Profilbild um Lukas einen kurzen Stich in den Bauch zu Es war irgendein halb ironisches
an, reichte, versetzen. Selfie,
das er schon oft gesehen hatte. Aber dahinter hingen die langen, giftigen Texte, die Anschuldigungen, die Schuldumkehr, die „ihr seid Abschaum“-Tiraden. Sein Daumen zögerte über der Chatzeile. Ein Teil von ihm wollte sie ignorieren. Ein anderer Teil wusste, dass Nichtlesen die Angst nur verlängern würde. Reiß es ab wie ein Pflaster, dachte er. Je früher, desto… na ja. Weniger spät. Er tippte auf den Chat. Die neue Nachricht füllte fast den ganzen Bildschirm. „Hey ich weiß, du willst wahrscheinlich nichts von mir hören, aber ich hab in den letzten Tagen viel nachgedacht. Es ist viel hochgekocht, viel falsch gelaufen, von allen Seiten. Ich will das nicht so stehen lassen, wie es jetzt ist. Ich würde mich gerne bei dir entschuldigen. Richtig. Unter 4 Augen, ohne dass alle anderen dazwischen springen, dich beeinflussen oder wieder alles drehen. Kannst du heute um 17 Uhr zu mir kommen? Ich bin alleine in der Wohnung, wir können in Ruhe reden. Du brauchst keine Angst zu haben, ich will keinen Stress machen, ich will das klären. Es wäre mir wichtig. Patrik“ Lukas las den Text zweimal, ohne zu merken, dass er beim zweiten Mal den Atem anhielt. „Unter 4 Augen.“ „Ich bin alleine in der Wohnung.“ „Du brauchst keine Angst zu haben.“ Es waren Sätze, die für die meisten Menschen normal geklungen hätten. Für ihn fühlten sie sich an wie ein freundlicher Ton über einem Messer. Körperreaktion – Zittern, Druck, Erinnerungen Sein Körper war schneller als seine Gedanken. Die Finger fingen an zu zittern, eine leichte Kälte zog von den Handgelenken hoch. In seinem Bauch entstand dieses bekannte Gefühl: als wäre dort ein zu enger Knoten. Bilder schossen ihm durch den Kopf: • die lange Nachricht, in der Patrik seine Mutter, Andreas und ihn als „charakterlich Abschaum“ beschimpft hatte, • die Unterstellungen über „pädophile Übergriffe“, • die Beleidigungen gegen seine Ersatzoma,
die Nachricht, in der Patrik geschworen hatte, dass der junge Mann „die schlimmste Vorweihnachts-, Silvester- und Neujahrszeit“ haben würde, • der Satz, dass an Heilige Drei Könige etwas kommen würde, „schlimmer als alles Erdenkbare“. Heilige Drei Könige. Heute. Jetzt also „Entschuldigung“, dachte Lukas. Am selben Tag, an dem er Rache angekündigt hat. Klar. Gleichzeitig gab es da noch diesen anderen Teil in ihm. Den Teil, der sich nach Ruhe sehnte, nach einem Ende von all dem. Was, wenn er es ernst meint? Was, wenn es die letzte Chance ist, das irgendwie zu entschärfen? Und sofort dagegen: Was, wenn es eine Falle ist? Was, wenn du hingehst und er dich wieder fertig macht, dich filmt, dich provoziert? Was, wenn „ich bin alleine“ nicht stimmt? Lukas merkte erst nach ein paar Sekunden, dass er die ganze Zeit verkrampft auf den Bildschirm gestarrt hatte. Er machte den Chat zu, nur um ihn im nächsten Moment wieder zu öffnen, als müsste er prüfen, ob die Nachricht wirklich existierte. Sie war noch da. Natürlich. •
Innere Zerrissenheit – Hoffnung gegen Erfahrung Er ließ das Handy in seinen Händen ruhen, blickte an die Zimmerdecke. Unter vier Augen, hallte es in ihm nach. Kein Spieler. Keine Mama. Kein Papa. Keine Oma. Nur er und ich. Die letzten Begegnungen mit Patrik hatten nichts mit ehrlicher Entschuldigung zu tun gehabt. Immer war es: • Druck, • Manipulation, • Umdeutung von Realität. Patrik war Meister darin, sich selbst als Opfer zu schreiben und alle anderen als Täter. Und doch. Am Rand dieses ganzen Misstrauens nagte eine andere Stimme: Wenn du nicht hingehst und irgendwas Schlimmes passiert, wirst du dir ewig anhören, dass „du nicht reden wolltest“. Wenn du hingehst, könnte es besser werden. Oder schlimmer. Super Ausgangslage. Sein Herzschlag hatte leicht angezogen. Er setzte sich im Bett auf, stellte beide Füße auf den Boden.
Er war ob noch ob er ablehnen sollte.
sicher, zusagen,
Erling – nichts ahnend im selben Raum Als er noch so da saß, ging die Zimmertür langsam auf. Erling tauchte im Türspalt auf, Haare zerzaust, Augen halb zu. „Hast du den Wecker neu erfunden oder warum bist du wach?“ murmelte er. Lukas zuckte kurz zusammen, schob reflexartig das Handy ein Stück zur Seite, Display nach unten. „Konnte nicht mehr schlafen,“ sagte er. „Der Tag wollte unbedingt anfangen.“ Erling gähnte breit. „Der Tag kann sich auch mal alleine beschäftigen,“ sagte er. „Alles ok bei dir?“ Lukas’ Mund formte mechanisch: „Ja.“ In seinem Kopf blinkte in Neonfarben: Nein. Erling kam trotzdem kurz ganz ins Zimmer, lehnte sich an den Schrank. „Wenn du willst, können wir heute komplett im Chill-Modus bleiben,“ sagte er. „Keine Märkte, kein Stress, kein gar nichts. Nur wir gegen die KI im Karriere-Modus.“ Lukas nickte. „Klingt gut,“ brachte er hervor. „Heute… ruhig wäre gut.“ Erling bemerkte, wie etwas an Lukas’ Blick „abweichend“ war, drückte es sich aber noch nicht auf. „Ich geh duschen,“ sagte er schließlich. „Wenn du bis dahin nicht verschwunden bist, machen wir danach Frühstück.“ „Ich verschwinde nicht,“ sagte Lukas. Erling ging, die Tür fiel halb hinter ihm zu. Der Satz von der Nachricht legte sich wie ein Schatten über diesen ganz normalen Morgen: „Ich würde mich gerne bei dir entschuldigen. Unter vier Augen.“ Und der Spieler, der ihn so oft gerettet hatte, wusste nichts davon. Noch nicht. Erste Antwortversuche – Entwurf, Löschen, wieder Entwurf Lukas nahm das Handy wieder in die Hand. Der Chat mit Patrik war noch offen. Unter der langen Nachricht stand das flackernd mit dem winzigen blinkenden Cursor. Er tippte, ohne groß nachzudenken: „Warum ausgerechnet heute?“
Eingabefeld,
Er starrte den Satz an, las ihn zweimal. Er hörte in seinem Kopf schon eine mögliche Antwort: „Immer willst du alles kontrollieren. Ich mach dir ein Angebot und du stellst Bedingungen. Kein Wunder, dass du alleine bist.“ Er löschte den Satz wieder. Dann schrieb er: „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“ Wieder starrte er die Worte an. Zu weich, dachte er. Zu offen für „du hast nur Angst, stell dich nicht so an“. Wieder löschte er. Was, wenn ich gar nicht antworte? Das würde die Situation aber nicht verschwinden lassen. Dann würde die Frage den ganzen Tag in seinem Kopf kreisen. Und Patrik könnte am Ende sagen: „Du hattest die Chance und hast sie ignoriert.“ Er atmete durch und schrieb schließlich nur: „Ich melde mich später.“ Er schickte die Nachricht ab, bevor er es sich wieder anders überlegen konnte. Ein einfaches, neutrale Satz. Kein Ja. Kein Nein. Eine Vertagung. Mehr nicht. Im Chat erschien der kleine Hinweis „zugestellt“. Dann „gelesen“. Keine sofortige Antwort. Zumindest das. Badezimmer – kaltes Wasser, kalte Realität Im Bad ließ Lukas kaltes Wasser ins Waschbecken spritzte es sich ins Gesicht. Der Blick im Spiegel war diesmal nicht nur sondern angespannt. Heilige Drei Er will ausgerechnet Unter vier In „seiner“ Wohnung. Er stützte sich mit beiden Händen am Waschbeckenrand ab. Ein Teil von ihm wollte zur Mutter ihr direkt sagen: „Patrik hat geschrieben. Er will mich sehen. Ich habe Angst.“ Der andere Teil hatte sofort Bilder im Kopf: • ihren Gesichtsausdruck, • ihre Anspannung, • vielleicht Diskussionen, • vielleicht ein Verbot, • vielleicht noch mehr Streit.
laufen, müde, Könige. heute. Augen. gehen,
Und noch etwas: Scham. Scham darüber, dass er überhaupt in die Situation gebracht wurde, zu entscheiden, ob er hingeht oder nicht. Sie hat schon genug wegen mir ausgehalten, dachte er. Gericht, Therapie, VR-Hölle, alte Frau, Vater, Cyberangriff, Hochschule. Und jetzt noch das? Er putzte sich die Zähne, zog sich an – ein bequemes Shirt, Jogginghose. Heute sollte ein Tag sein, an dem man sich frei bewegen konnte. Zumindest theoretisch. Frühstück – Normalität spielen In der Küche war bereits Bewegung. Die Mutter stand am Herd und rührte in einem Topf mit Milch für ihren Kaffee, der Vater saß am Tisch und blätterte in irgendwelchen Unterlagen. „Morgen,“ sagte Lukas. „Morgen,“ antwortete seine Mutter, diesmal mit einem Ton, der nicht mehr so schwer war wie vor zwei Tagen. „Gut geschlafen?“ fragte sie. „Geht so,“ antwortete er. „Mein Kopf mag Feiertage irgendwie nicht. Der weiß nie, ob er „Ferien“ oder „Alarm“ einstellen soll.“ Der Vater nickte. „Heilige Drei Könige war für mich als Kind immer nur „da kommen drei verkleidete Kinder und singen falsch“,“ sagte er. „Heute ist es eher „noch ein Tag, an dem man nicht weiß, was passiert“.“ Lukas spürte, wie sich der Satz in ihm festkrallte. Du hast keine Ahnung, wie recht du hast, dachte er. Er setzte sich an den Tisch, schmierte sich mechanisch ein Brot. Erling kam kurz darauf dazu, die Haare noch feucht, T-Shirt halb schief. „Ich verlange offiziell, dass Weihnachten ab heute endgültig vorbei ist,“ verkündete er. „Keine Glühweinstände, keine Last-Christmas-Dauerbeschallung, kein Punsch. Nur noch Tee, Nudeln und FIFA.“ Die Mutter hob eine Augenbraue. „Tee und Nudeln kann ich anbieten,“ sagte sie. „FIFA müsst ihr selbst organisieren.“ „Krieg ich hin,“ sagte Erling. Lukas hörte ihnen zu, als würde er eine Szene aus einem Film schauen. Alles klang normal, normaler als viele andere Tage der letzten Wochen.
Nur er hatte dass sich hinter dieser Normalität etwas zusammenzog.
Kalte Vorahnung im Hinterkopf Während sie frühstückten, wanderte Lukas’ Blick immer wieder kurz zum Flur, wo sein Handy in seinem Zimmer lag. Patrik weiß jetzt, dass ich die Nachricht gelesen habe. Er weiß, dass ich lebe, dass ich das Handy habe, dass ich „später antworte“. Er spürte, wie sein Gehirn versuchte, Vorhersagen zu machen: • Was, wenn Patrik bis 14 Uhr nichts mehr schreibt und dann „na, bist du zu feige?“ sendet? • Was, wenn er in der Zwischenzeit Oma wieder schreibt? • Was, wenn er sich direkt vor der Tür stellt? „Alles okay?“ fragte die Mutter plötzlich, weil er zu lange gedankenverloren auf sein Brot starrte. „Ja,“ sagte er automatisch. „Ich… hab nur schlecht geträumt.“ Es war keine komplette Lüge. Nur dass der Traum diesmal nicht aus dem Schlaf kam, sondern aus einer WhatsApp-Nachricht. Kurzes Weggehen in sein Zimmer – heimlicher Check Nach dem Frühstück zog sich Lukas wieder in sein Zimmer zurück, unter dem Vorwand, „mich kurz fertigmachen und ein bisschen chillen“. Er schloss die Tür, holte sein Handy vom Nachttisch und entsperrte es. Keine neue Nachricht von Patrik. Keine getippten „…“-Punkte. Diese Stille war fast schlimmer als eine direkte Antwort. Vielleicht soll ich einfach „Nein“ schreiben, dachte er. Klar und hart: „Nein, ich treffe dich nicht. Nicht heute, nicht alleine.“ Er stellte sich vor, wie Patrik darauf reagieren würde. Wut. Beleidigte Opferrolle. Neue Hasstiraden. Er stellte sich aber auch vor, wie es wäre, 17 Uhr zu sehen, zu Hause zu sitzen und zu wissen, dass er NICHT hingegangen war. Was, wenn dann wirklich irgendwas passiert? Was, wenn er etwas Dummes macht und am Ende heißt es: „Du hättest mit ihm reden können“? Er hasste diese Art von emotionaler Erpressung, aber sie funktionierte trotzdem.
Ein Plan, der keiner ist Er setzte sich aufs Bett, das Handy auf den Knien. Vielleicht, so dachte er, könnte er einen Kompromiss finden. Nicht: „Ich komme zu dir alleine.“ Sondern: „Wenn, dann nur an einem öffentlichen Ort.“ Er öffnete den Chat noch einmal, tippte: „Ich weiß nicht, ob ich zu dir in die Wohnung kommen will. Wenn, dann irgendwo draußen, neutral. Und ich entscheide das erst später.“ Er las den Text, fühlte, wie sein Körper sich bei dem Wort „Wohnung“ verkrampfte. Noch bevor er es sich anders überlegen konnte, löschte er das „zu dir in die Wohnung“, ließ den Rest stehen, löschte dann doch alles. Ich bin noch nicht soweit zu antworten, entschied er. Jede Formulierung fühlt sich an wie ein Vertrag, den ich nicht unterschreiben will. Er legte das Handy neben sich, legte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Im Flur hörte er leise Schritte und das Geräusch der Waschmaschine. Im Wohnzimmer lief kurz der Fernseher an, Nachrichten, irgendein Sprecher, dann wurde er wieder leiser, als hätte jemand entschieden: „Nicht heute.“ Erling klopfte kurz später an die Tür. „FIFA?“ fragte er. „Gleich,“ sagte Lukas. „Ich komm in fünf Minuten.“ „Wenn du in vier kommst, bekommst du Anstoß,“ sagte Erling und ging wieder. Lukas musste trotz allem kurz schnauben. Dann griff er noch einmal zum Handy, öffnete eine andere Notiz und schrieb: „44. Tag, Morgen: Patrik hat geschrieben. Entschuldigung, 17 Uhr, „unter 4 Augen“, „alleine in der Wohnung“. Datum: Heilige Drei Könige. Der Tag, an dem er sein großes Ultimatum angedeutet hat. Ich weiß nicht, ob es eine Falle ist oder ein Versuch, sich selbst reinzuwaschen. Ich habe „ich melde mich später“ geschrieben. Mehr nicht. Der Spieler weiß noch nichts. Mama weiß noch nichts. Papa weiß noch nichts.
Nur ich und Und das ist sich gerade überhaupt nicht einig.“ Er speicherte sperrte das und stand auf.
Bauchgefühl.
Notiz, Handy
Rückkehr ins Wohnzimmer – Normalität mit einem Geheimnis im Gepäck Im Wohnzimmer wartete Erling schon mit den Controllern in der Hand. „Du bist spät,“ sagte er, als Lukas durch die Tür kam. „Ich hab im Kopf schon alle Ausreden vorbereitet, warum wir verlieren, falls du nicht rechtzeitig da bist.“ „Dann bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen, um die zu zerstören,“ sagte Lukas, setzte sich aufs Sofa. Die Konsole summte, das Menü von FC 26 erschien. Aus der Küche rief die Mutter: „Ich geh gleich einkaufen, ihr zwei. Braucht ihr noch irgendwas?“ „Ich brauch nur, dass du keine 20 Flaschen Punsch mitbringst,“ rief Lukas zurück. Sie lachte kurz. „Versprochen,“ sagte sie. Es fühlte sich für ein paar Minuten fast so an, als wäre der Morgen wie jeder andere ruhigere Tag: • Controller in der Hand, • flackernder Bildschirm, • Kommentare über virtuelle Spieler. Aber unter Lukas’ Rippen saß der Zeitstempel 17:00 Uhr wie eine tickende Uhr, die nur er hören konnte. Er wusste nicht, ob er zugesagt oder abgesagt haben würde, wenn diese Uhr schlagen würde. Nur eins wusste er sicher: Der 44. Tag wäre nicht so harmlos, wie der Morgen tat. Und Erling, der neben ihm saß, lachte und über einen verpassten Schuss fluchte, wusste nichts von der Nachricht, die sich wie ein Riss durch Lukas’ Inneres zog. Noch nicht. Der Nachmittag des 44. Tages zog sich zäh wie Kaugummi. Je näher die Uhr Richtung 17 Uhr kroch, desto enger wurde es in Lukas’ Brust. Früher Nachmittag – Die Uhr tickt Nach der FIFA-Session mit Erling hatten sie eine kurze Pause gemacht. Der Fernseher war die Controller lagen auf dem Couchtisch. Erling war ins Bad die Mutter in die der Vater zog sich mit einem Stapel Unterlagen ins Schlafzimmer zurück.
aus, gegangen, Küche,
Lukas blieb einen Moment allein im Wohnzimmer sitzen. Auf dem Tisch lag sein Handy. Er nahm es, entsperrte es und sah auf die Uhr: 15:32. Die Nachricht von Patrik war immer noch oben im Chat, wie ein offener Tab im Gehirn, der nicht zugeklappt werden wollte. „Ich würde mich gerne bei dir entschuldigen. Heute um 17 Uhr. Unter 4 Augen. Ich bin alleine in der Wohnung.“ Darunter seine Antwort: „Ich melde mich später.“ Später war nicht mehr weit. Er spürte, wie sich die Zeit plötzlich verdichtete. Es waren nicht mehr „irgendwann am Nachmittag“ sondern konkrete, kurze Schritte: 15:30 16:00 16:30 17:00 Jede dieser Zahlen fühlte sich an wie eine Stufe auf einer Treppe, deren Ende er nicht sehen konnte. Innere Diskussion – gehen oder nicht? Er stand auf, ging in sein Zimmer, schloss die Tür hinter sich. Das Zimmer war vertraut: das Bett, der Schreibtisch, die Matratze für Erling, das Mutbuch auf dem Tisch, das Handy in seiner Hand. Er setzte sich auf den Stuhl, legte das Handy vor sich hin. Du musst dich entscheiden., dachte er. Wenn du nicht hingehst, bleibt alles, wie es ist – oder wird vielleicht noch schlimmer. Wenn du hingehst, weißt du nicht, ob du in Ruhe reden wirst oder ob er dich wieder zerstört. Er erinnerte sich an die letzten Nachrichten. An die Beleidigungen, an die Beschuldigungen, an den Satz, dass er „charakterlich Abschaum“ sei. Er erinnerte sich an die Drohung, dass es „die schlimmste Vorweihnachts-, Silvester- und Neujahrszeit“ für ihn werden würde und dass Heilige Drei Könige der Tag sein würde, an dem sich etwas Entscheidendes ändern sollte. Und jetzt: „Entschuldigung unter 4 Augen.“ Ausgerechnet heute. Sein Bauch meldete sich: ein dumpfes Unwohlsein. Sein Kopf schob sich dazwischen: Was ist, wenn er wirklich einmal ernst meint „Ich will reden“? Was ist, wenn du nie hingehst und es nie eine Chance auf Ruhe gibt?
Er dachte an Oma. Oma hatte geschrieben, dass ihr jemand Lügen erzählt hatte, dass sie dachte, er wolle sie nicht mehr sehen, und dass es ihr leid tat. Was ist, wenn Patrik irgendwann mit der gleichen Geschichte rumläuft? „Ich wollte mich entschuldigen und er ist nicht gekommen.“ Es fühlte sich an, als müsste er sich zwischen zwei schlechten Optionen entscheiden. Ein heimlicher Plan formt sich Er öffnete nochmals die Nachricht, las sie zum dritten, vierten Mal. Dann griff er zum Mutbuch, schlug eine freie Seite auf und schrieb in kleiner, etwas zittriger Schrift: „6. Januar – 44. Tag Patrik will sich heute um 17 Uhr „entschuldigen“ – unter 4 Augen, bei ihm. Ich bin mir nicht sicher, ob ich hingehen soll. Wenn jemand das hier liest und ich nicht zurück bin: Ich war da. Adresse: [Name der Straße / Hausnummer]* Ich habe Angst, aber ich will zumindest versucht haben, ihn zu verstehen.“ (Die genaue Adresse schrieb er hin, so wie Patrik wohnte – ein Mehrfamilienhaus nicht weit entfernt, einige Haltestellen mit der Straßenbahn oder ein langer Fußweg.) Er starrte den Eintrag an. Wenn ich nichts sage und etwas schiefgeht, weiß wenigstens jemand, wohin ich war, dachte er. Er schloss das Heft wieder, legte es nicht weg, sondern ließ es bewusst offen auf dem Schreibtisch liegen, so dass die Seite leicht sichtbar war, wenn jemand näher herankam. Entscheidung – ein halbes Ja Er nahm das Handy wieder in die öffnete Patriks Chat. Die Finger fühlten sich schwer als wären sie aus Gummi. Er schrieb: „Ich komme kurz vorbei.“ Keine keine Diskussion. Er löschte das Wort „kurz“ ließ nur stehen: „Ich komme.“ Er starrte auf den Satz. Wenn du es jetzt nicht sendest, wirst du es gar nicht tun, dachte er. Er drückte auf „Senden“. „Gelesen“ – dann blau.
Erklärung, wieder,
Häkchen, doppelt,
Die Antwort kam schnell. „Okay. 17 Uhr passt Ich mach Komm einfach alleine, dann können wir in Kein Drama, versprochen.“ „Kein Drama, versprochen.“ Das Wort „versprochen“ fühlte sich in seinem Kopf hohl an. Aber die Entscheidung war gefallen.
perfekt. Tee. reden.
Sich fertig machen – das falsche Gefühl von Normalität Er stand auf, ging zum Kleiderschrank. Ich gehe nicht auf eine Party, dachte er. Ich gehe nicht in die Stadt. Ich gehe in eine Situation, bei der ich nicht weiß, ob ich heil rauskomme – emotional, vielleicht sogar körperlich. Trotzdem zog er sich so an, als würde er „nur mal kurz raus“ gehen: • Seine bequeme Jeans, • ein dunkles Hoodie, • warme Socken, • die Winterschuhe, • seine schwarze Jacke mit Kapuze. Er steckte ein paar Dinge ein: • Handy • Kopfhörer • ein kleines Päckchen Taschentücher • sein Holzpuzzle-Stück, das er manchmal in der Hand drehte, um sich zu beruhigen. Er überlegte kurz, ob er Erling schreiben sollte. Etwas wie: „Ich geh kurz spazieren, bin später wieder da.“ Er öffnete den Chat mit Erling, schrieb: „Bin gleich mal kurz draußen. Muss Kopf lüften.“ Er starrte auf den Text, löschte ihn aber wieder. Wenn er fragt, wohin genau, musst du entweder lügen oder alles erzählen. Und du weißt nicht, ob du das schaffst. Er steckte das Handy in die Hosentasche. Der Moment vor der Tür – Tarnung Im Flur zog er leise die Jacke an. Die Mutter war er hörte das Klappern von Geschirr. Aus dem Wohnzimmer drang der mit Es klang nach typischer Papierkram.
gedämpfte irgendwem Versicherung
des Vaters, telefonierte. Behörden,
Erling war im Wohnzimmer gewesen, als Lukas aufstand, aber im Moment hörte er ihn nicht reden. Der denkt wahrscheinlich, du bist nur kurz auf Toilette oder im Zimmer, dachte Lukas. Er schnappte sich seine Schlüssel, steckte sie in die Jackentasche. „Ich geh mal kurz runter,“ rief er in die Richtung der Küche. „Nur ein bisschen spazieren, Kopf frei kriegen.“ Die Mutter steckte den Kopf in den Flur. „Wie lange ungefähr?“ fragte sie. „Weiß ich nicht genau,“ sagte er. „Nicht ewig. Ich nehm mein Handy mit.“ Sie musterte ihn kurz. „Alles in Ordnung?“ fragte sie. Er zwang sich zu einem kleinen, nicht zu auffälligen Lächeln. „Ich hab einfach zu viel im Kopf,“ sagte er. „Ich meld mich, wenn es später wird.“ Sie nickte langsam. „Okay,“ sagte sie. „Pass bitte auf dich auf. Es ist kalt draußen.“ „Mach ich,“ sagte er. Es fühlte sich an wie eine Halbwahrheit, die sich schwerer anfühlte als eine Lüge. Treppenhaus – jeder Schritt klingt zu laut Die Wohnungstür schloss sich hinter ihm. Im Treppenhaus war es kühler, der Betonboden hart, die Schritte hallten leicht wider. Jeder Schritt fühlte sich lauter an, als er wirklich war. Abwärts. Eine Etage. Noch eine. Sein Herz schlug etwas schneller. Du kannst jederzeit umdrehen, dachte ein Teil von ihm. Du bist nicht vertraglich verpflichtet, irgendwas davon zu tun. Ein anderer Teil antwortete: Wenn du jetzt umdrehst, wird es dich den ganzen Tag verfolgen. Vielleicht das ganze Jahr. Er schob die Kapuze hoch, als er das Erdgeschoss erreichte. Vor der Haustür blieb er kurz stehen. Er nahm das Handy aus der Tasche, sah auf die Uhr. 16:27. Zu früh, um direkt da zu sein, dachte er. Zu spät, um noch stundenlang nachzudenken. Er atmete tief durch, öffnete die Haustür und trat in die Kälte hinaus. Draußen – der Weg fühlt sich länger an als sonst
Die Luft war kalt und feucht, der Himmel grau, die Häuser schienen in einem dünnen Nebel zu verschwimmen. Sein Atem stand als kleine Wolke vor ihm, jedes Mal, wenn er ausatmete. Die Straße, die er sonst gut kannte, fühlte sich heute fremder an. Autos fuhren vorbei, ein Fahrradfahrer zog an ihm vorbei, irgendwo bellte ein Hund. Für alle anderen war es ein ganz normaler Nachmittag an einem Feiertag. Für ihn war es ein Weg in eine mögliche Falle. Er hatte zwei Optionen: Straßenbahn oder zu Fuß. Er entschied sich für zu Fuß. Ich brauche Zeit, dachte er. Zeit, um mir zu überlegen, was ich sage, wenn ich da bin. Zeit, um im Notfall umdrehen zu können. Er schaltete das Handy kurz an, öffnete die Karten-App, sah den Weg noch einmal vor sich: ein paar größere Straßen, eine Brücke, dann die Querstraße, in der Patrik wohnte. Er steckte das Handy wieder weg. Jeder Schritt fühlte sich gleichzeitig zu schnell und zu langsam an. Die Gedanken rasten schneller als seine Füße. Im Kopf: Szenen, die noch nicht passiert sind Auf dem Weg dorthin spielte sein Gehirn alle Varianten durch: Variante 1: Patrik macht tatsächlich Tee. Er sitzt auf dem Sofa, sagt: „Ich hab Mist gebaut. Es tut mir leid.“ Sie reden. Es wird nicht schön, aber ehrlich. Am Ende ist es zumindest nicht schlimmer als vorher. Variante 2: Patrik lächelt freundlich, beginnt dann Sätze wie: „Du bist doch auch nicht unschuldig. Du hast auch Fehler gemacht. Deine Mutter, dein Andreas, deine Oma – alle sind gegen mich, aber du könntest anders sein.“ Er dreht sich und alles so, dass am Ende Lukas wieder der Schuldige ist. Variante 3: Er ist nicht allein. Noch jemand ist da. Vielleicht Freundin, Freunde, jemand, der filmt. Sie machen sich lustig,
konfrontieren drängen ihn in eine Ecke. Variante 4: Es passiert was er sich nicht einmal ausmalen will. Bei jedem Schritt fühlte wie seine Hand in der Jackentasche den kleinen Holzpuzzle-Stein fester umschloss. Wenn es schlimm wird, gehst du einfach, sagte er Wenn es schlimm wird, sagst du: „Ich breche das hier ab“, und gehst. Er wusste aber wie schwer das mitten in einer emotionalen Explosion.
ihn, etwas, er, sich. auch, ist
Zur gleichen Zeit: Erling bemerkt – noch nichts Während Lukas draußen unterwegs war, saß Erling im Wohnzimmer auf dem Sofa. Daneben: der Controller, vor ihm: das pausierte FIFA-Spiel. Er hatte kurz aufs Handy geschaut, dann Richtung Flur. „Lukas?“ rief er einmal. Keine Antwort. Er dachte sich zuerst nichts dabei. Wahrscheinlich auf Toilette, dachte er. Oder kurz im Zimmer, Musik hören, Schreiben, irgendwas sortieren. Er nahm den Controller wieder in die Hand, drückte „Fortsetzen“, spielte die letzten Minuten des Matches runter. Tor. Pfosten. Vergeben. Abpfiff. Er legte den Controller wieder weg, stand auf, streckte sich. Im Hintergrund lief leise ein Sportkanal, irgendwelche Experten diskutierten Transfergerüchte. Er ging in die Küche, trank ein Glas Wasser, sah aus dem Fenster. Sein Gehirn war weit weg von dem, was gerade draußen auf einer grauen Straße passierte. Lukas – kurz vor dem Ziel Lukas hatte inzwischen die Hälfte des Weges hinter sich. Die Beine fühlten sich obwohl es keine körperlich anstrengende Strecke war. Er bog in eine kleinere in der weniger Autos fuhren. Hier war es nur ein paar Menschen huschten vorbei:
Seitenstraße
ein, ruhiger,
eine ältere Frau mit Einkaufstüten, ein Mann mit Kinderwagen, ein Teenager mit Kopfhörern, der komplett in seiner Musik versunken war. Die wissen alle nicht, wohin ich gerade laufe, dachte Lukas. Für sie bin ich nur irgendein Typ in einer schwarzen Jacke. Er sah wieder kurz auf sein Handy. 16:48. Sein Magen zog sich zusammen. Du könntest noch umdrehen. Du könntest vom nächsten Bus zurückfahren. Du könntest dich in ein Café setzen und so tun, als wärst du da gewesen. Aber dann dachte er wieder: Wenn er morgen behauptet, du wärst nicht gekommen, standest du nur in einem Café und hast geschwiegen. Er ging weiter. Das Haus – grauer Beton, flaues Gefühl Schließlich sah er das Gebäude, in dem Patrik wohnte. Ein typisches Mehrfamilienhaus: grauer Putz, Briefkästen neben der Tür, ein kleines Namensschild mit den Klingeln. Sein Blick glitt über die Namen, bis er bei P. hängen blieb. Der Name war da. Kein Traum, kein Fehler. Er blieb einen Moment auf dem Gehweg stehen, spürte seinen Herzschlag im Hals. Hier könntest du jetzt stehen bleiben, dachte er. Hier könntest du umdrehen. Stattdessen ging er langsam zur Haustür, zog die Hand aus der Jackentasche. Er berührte kurz den kalten Metallrahmen der Tür, als müsste er sich vergewissern, dass das alles echt war. Dann sah er auf die Klingel. Sein Finger schwebte kurz darüber, zitterte leicht. Er atmete noch einmal tief ein, schloss für zwei Sekunden die Augen. Egal, was jetzt passiert, dachte er, du bist nicht hier, um dich zerstören zu lassen. Du bist hier, weil du wenigstens versucht hast, etwas zu klären. Dann drückte er auf die Klingel. Zur gleichen Zeit: Erling wird misstrauisch Währenddessen im Wohnzimmer:
Erling griff erneut nach seinem Handy, scrollte kurz durch Nachrichten. Keine neue von Lukas. Er sah auf die Uhr. 16:50. „Komisch,“ murmelte er. „So lange war er nicht duschen.“ Er stand auf, ging den Flur entlang und klopfte gegen Lukas’ Zimmertür. „Lukas?“ rief er. „Lebst du noch? Ich brauch jemanden, der mir erklärt, warum der Torwart im Spiel sich benimmt wie ein Gartenzwerg.“ Keine Antwort. Er drückte die Klinke herunter. Das Zimmer war leer. Das Bett war gemacht, der Stuhl stand ein bisschen verrückt, als hätte vor kurzem noch jemand darauf gesessen. Auf dem Schreibtisch lag das Mutbuch – offen. Er trat noch nicht näher, sondern sah sich nur kurz um. „Lukas?“ wiederholte er, lauter. Keine Reaktion. Er ging zurück in den Flur. „Weiß jemand, wo Lukas ist?“ rief er Richtung Küche. Die Mutter steckte den Kopf heraus. „Er hat eben gesagt, er geht kurz spazieren, Kopf frei kriegen,“ sagte sie. „Hat sein Handy mit.“ Erling nickte langsam. Spazieren, dachte er. Ohne mir was zu sagen. Ohne kleine Nachricht. Irgendwas stimmt da nicht ganz. Er sah kurz auf die Wohnungstür, die geschlossen war. Vielleicht kommt er gleich zurück. Noch wusste er nicht, dass die offene Seite im Mutbuch auf dem Schreibtisch mehr erklärte, als ihnen allen lieb wäre. Und Lukas stand jetzt im Treppenhaus eines grauen Hauses, eine Etage unter Patriks Wohnung, während oben eine Tür sich öffnete und eine bekannte Stimme nach unten rief: „Komm hoch. Die Tür ist offen.“ Zur gleichen Zeit, während Lukas die grauen Häuser ansteuerte und sich jeder Schritt schwerer anfühlte, bereitete sich jemand anders auf seine eigene Art vor. Nicht mit Mut. Mit Chemie.
Patrik – Vorbereitung auf den „großen Tag“ Es war gegen 16:15, ein paar Straßen entfernt. Patrik saß in seiner eigenen kleinen Wohnung, das Handy vor sich auf dem Tisch, die Nachricht von Lukas noch sichtbar: „Ich komme.“ Er starrte auf die Worte, als wären sie eine Bestätigung, die er sich seit Wochen eingeredet hatte. Na also, dachte er. Er kommt. Er traut sich. Gut. Sehr gut. Die Wohnung war unaufgeräumt: • eine offene Chipstüte, • leere Energydrink-Dosen, • Klamotten auf einem Stuhl, • ein Aschenbecher mit zwei halb abgebrannten Zigaretten. Auf dem Küchentisch lag nicht nur sein Handy, sondern auch etwas anderes: • eine unscheinbare, kleine Dose, aus Metall, mit einem billigen Aufdruck, • daneben zwei winzige Kapseln • und eine zerknitterte Blisterpackung mit Tabletten, deren ursprüngliche Beschriftung längst abgekratzt war. Patrik sah sie an, als würden sie zu ihm sprechen. Heilige Drei Könige, erinnerte er sich. Du hast es dir vorgenommen. Heute. Heute wird nicht mehr nur geschrieben. Heute wird gespürt, verstanden, wer hier wirklich Macht hat. Er dachte an die letzten Wochen: • daran, wie der Vater vom jungen Mann plötzlich wieder ausgerastet war, nachdem „jemand“ ihm regelmäßig Alkohol und „Hilfsmittel“ zugeschoben hatte, • daran, wie Lukas und der Spieler an einem Tag plötzlich wie fremdgesteuert aufeinander losgegangen waren, nach „unauffälligen“ Getränken, • daran, wie leicht es gewesen war, kleine Dosen in Getränke, Essen, Punsch zu mischen, die Hemmungen senkten und Aggression hochschoben. Die ganze Familie ist instabil, dachte er. Der Vater brennt durch, der Junge kippt innerlich, der Spieler ist beschützerisch und gleichzeitig impulsiv. Ein bisschen Anschub – und sie machen den Rest selbst. Er grinste kurz, ein kaltes, schiefes Grinsen. Der Griff zur Droge Auf dem Tisch lag neben der Dose ein Glas Wasser. Patrik nahm es sah hinein. Er schraubte die kleine Metalldose auf.
Innen war kein Pulver wie aus irgendwelchen Filmen, sondern ein paar unscheinbare Kapseln und etwas zerkleinertes Zeug, das aussah, wie irgendwelche „Energy-Zusätze“. Die genaue Mischung war seine eigene Erfindung: • etwas, das ihn aufputschen sollte, • etwas, das ihn weniger hemmen sollte, • etwas, das ihm das Gefühl gab, unantastbar zu sein. Er hatte es schon getestet – in kleiner Dosis, in anderen Nächten, in Situationen, in denen er „dominant“ sein wollte. Heute griff er nicht zur kleinen Dosis. Er nahm eine der Kapseln, drehte sie zwischen den Fingern, als würde er abwägen. „Du willst keine Angst haben, wenn du vor ihm stehst,“ murmelte er. „Du willst nicht weich werden, nicht plötzlich Mitleid bekommen. Du musst klar bleiben. Hart. Konsequent.“ Das war seine Logik. In Wahrheit suchte er etwas, das seine letzten Zweifel übertönte. Er steckte sich die Kapsel in den Mund, nahm einen tiefen Schluck Wasser, schluckte sie runter. Ein kurzer Würgereiz, dann war sie weg. Er legte das Glas ab, holte aus der Blisterpackung noch eine halbe Tablette, zerdrückte sie zwischen den Fingern und leckte das Pulver von der Haut. Die Zunge brannte kurz, ein bitterer Geschmack blieb zurück. Das reicht, sagte er sich. Mehr brauchst du nicht. Du musst nicht wie der Vater komplett fernab sein – du musst nur aggressiver, sicherer, unangreifbarer sein. Er lehnte sich zurück, wartete. Wirkung – verzerrter Mut Es dauerte ein paar Minuten. Zuerst merkte er nur, dass sein Herz ein bisschen schneller schlug. Ein warmes Pulsieren breitete sich in seiner Brust aus, als hätte jemand den Regler leicht höher gedreht. Sein Blick wurde fokussierter, in seinem Kopf wurden Gedanken kantiger. Wo vorher ein kleiner Rest Unsicherheit war – „Was, wenn er wirklich nur reden will?“
„Was, wenn ich wieder zu laut werde?“ „Was, wenn ich am Ende „der Böse“ bin?“ – legte sich jetzt eine Schicht aus: Wieso solltest DU Angst haben? DU wurdest nicht ernst genommen. DU wurdest verurteilt. DU bist der, der zurückgelassen wurde. Er stand auf, ging ein paar Schritte in der Wohnung, spürte die Energie in den Beinen. Die Aggression, die sonst oft heiß und chaotisch in ihm hochkochte, fühlte sich diesmal anders an: kälter, zielgerichteter. Das ist gut, redete er sich ein. Du wirst nicht impulsiv rumschreien. Du wirst kontrolliert sein – und gleichzeitig stark genug, ihn nicht wieder aus der Hand zu geben. In ihm formten sich Sätze, die schon halb fertig waren: • „Du glaubst, ich war das Problem?“ • „Du weißt nicht mal die Hälfte.“ • „Heute hörst du zu.“ Er ging noch einmal zurück zum Tisch, sah auf die leere Ecke der Dose. „Heilige Drei Könige,“ murmelte er. „Passt besser als Weihnachten. Die bringen keine Geschenke, die bringen Wahrheiten.“ Letzte Vorbereitung – das perfekte Bühnenbild Es war jetzt kurz vor 16:35. Patrik zog sich um: nicht schick, nicht verlottert, „normal“. Jeans, ein sauberes Shirt, ein Hoodie. Nichts, was schreien würde: „Gefahr.“ Die Wohnung richtete er nur minimal her. Er räumte ein paar Dosen vom Tisch, stellte zwei Tassen raus, kramte eine Teepackung aus dem Schrank. Er hatte tatsächlich Tee da – und Wasserkocher. Wenn er reinkommt und Tee sieht, wird er denken: „Okay, ist halbwegs harmlos“, dachte er. Dabei geht es nicht um den Tee. Es geht darum, dass er erstmal sitzt. Zuhört. Er ließ den Wasserkocher noch aus, damit die Wohnung nicht zu „gemütlich“ wirkte. Es sollte nicht wirken, als hätte er einen Kuschelnachmittag geplant.
Eher wie: „Wir müssen reden. Und du kannst dich nicht einfach wieder rausziehen.“ Die Droge arbeitete inzwischen ordentlich. Seine Gedanken waren nicht aber sicherer. Zweifel bekamen keine Bühne mehr.
Innerer Monolog – verdrehte Rollen Er setzte sich kurz auf die Sofakante, beugte sich nach vorne, stützte die Unterarme auf die Knie. Alle denken, er ist das arme Opfer, dachte er. „Der junge Mann“, „der Autist“, „der, der so viel erlebt hat“. Keiner fragt, was ich erlebt habe. Keiner fragt, was ihre heilige Familie mit MIR gemacht hat. In seinem Kopf rollte eine lange Liste hoch: • Streit mit seiner Mutter, • die Beziehung zu Andreas, • wie er immer das Gefühl hatte, „zweite Wahl“ zu sein, • wie oft er sich „erziehen lassen“ musste, • wie sehr ihn die Bemerkungen über sein Leben, seine Entscheidungen, seine Musik verletzt hatten. Sie tun so, als wären nur ihre Traumata wichtig, dachte er. Dabei haben sie mich jahrelang klein gemacht, kontrolliert, mir erzählt, wie ich zu sein habe. Und sein Ersatz-Engel da, diese Frau, stellt mich hin wie das Monster. Vielleicht sehen sie heute, wer wirklich verletzt worden ist. Die Droge machte aus diesen Gedanken keinen Zweifel, sondern eine Art Mission. Ich bin nicht nur aggressiv, redete er sich ein. Ich bin konsequent. Aufbruch – Der Weg zum „Treffpunkt“ 16:40. Patrik nahm seine Schlüssel vom Haken. Er war nicht weit entfernt vom Treffpunkt – aber er hatte noch etwas zu erledigen. In Wahrheit wohnte er in genau dem Haus, das Lukas später ansteuern würde. Er war am Mittag kurz raus gewesen, hatte sich in einem Hinterhausraum aufgehalten, wo er seine kleine Dose sicher verwahrte, fernab von neugierigen Blicken. Jetzt würde er zurückgehen, in „seine“ Bühne. Bevor er die Wohnung verließ, sah er sich im Spiegel im Flur an. Sein Blick war etwas zu wach, die Pupillen leicht geweitet. Sieht keiner, dachte er. Die denken sowieso immer, ich wäre nur wütend. Das hier sieht aus wie: fokussiert.
Er zog die Jacke an, steckte Schlüssel und Handy ein und verließ die Wohnung. Die kalte Luft im Treppenhaus tat ihm gut, verstärkte den Kontrast zwischen innen aufgedrehter Psyche und außen grauem Normalzustand. Er stieg die Stufen herunter, trat vor die Tür. Es waren nur ein paar Meter bis zum Hauseingang, in dem später Lukas stehen würde. Er ging noch einmal um den Block, nicht weil er musste, sondern weil er seinem Kopf signalisieren wollte: Du hast alles im Griff. Du gehst da nicht als Bittsteller hin. Er kommt zu DIR. Nach einer kurzen Runde kehrte er zum Haus zurück, ging hinein, stieg wieder hoch in seine Etage. Die Droge hielt ihn auf einem aggressiven „High“, aber nicht so, dass er die Kontrolle verlor. Zumindest glaubte er das. In der Wohnung – letzte Inszenierung Zurück in der Wohnung schloss er die Tür, ließ sie aber nur ins Schloss fallen, nicht mehr abschließen. Wenn er klingelt, soll er sich nicht vorkommen wie vor einer Festung, dachte er. Er soll denken: das ist nur ein Gespräch. Er stellte den Wasserkocher an, legte Teebeutel in die beiden Tassen. Er setzte sich kurz aufs Sofa, stand wieder auf, ging zwei Schritte, kam zurück. Ruhig bleiben, sagte er sich im Kopf. Nicht rumschreien. Nicht sofort explodieren. Erst reden. Dann… sehen wir weiter. Die Droge tat ihren Teil, ließ das Adrenalin fließen, machte aus Nervosität eine aggressiv gespannte Wachheit. In seinem Hinterkopf hallte immer noch sein „Versprechen“ an sich selbst: Heilige Drei Könige wird der Tag, an dem sie mich nicht mehr ignorieren können. Der Treffpunkt rückt zusammen 16:48. Während Lukas auf offener Straße den grauen Klotz an dessen Klingelschild Patriks Name stand, während er mit jedem Schritt du kannst immer noch umdrehen, schloss Patrik in seiner Wohnung gerade die stellte die zwei Tassen auf den und ging dann in den Flur.
anvisierte, dachte Küchentür, Couchtisch
Er blieb einen Moment vor seiner hörte auf die Geräusche des Hauses. Ein Fernseher Gedämpfte Ein Poltern aus einer anderen Wohnung. Wenn er kommt, wird niemand dass heute mehr auf als ein „Familiengespräch“.
Wohnungstür
stehen, irgendwo. Stimmen.
er, ahnen, steht
Der Moment kurz vor dem Kontakt Lukas stand unten auf der Straße, sah auf die Klingel, atmete schwer. Sein Finger zitterte kurz, als er die Klingel drückte. Drinnen in der Wohnung fuhr Patriks Kopf hoch, sein Puls stieg noch einmal an. Da ist er. Er ging in den Flur, tastete kurz an der Klinke, ließ die Tür aber nur angelehnt. Er rief nach unten: „Komm hoch. Die Tür ist offen.“ Seine Stimme klang erstaunlich ruhig, fast freundlich. Nur in seinem Inneren arbeitete die Droge, die Wut, der gekränkte Stolz wie ein langsam heißer werdender Kern. Er war bereit. Nicht zum Frieden. Sondern zu „seiner Wahrheit“. Und Lukas setzte den ersten Fuß auf die Stufe nach oben, in Richtung Wohnungstür, ohne zu wissen, dass der Mensch, der sich „entschuldigen“ wollte, sich kurz vorher chemisch scharfgestellt hatte. Der Treffpunkt war bereit. Nur niemand sonst. Der Flur roch nach altem Putz und ein bisschen nach abgestandenem Essen. Lukas stieg die Stufen hoch, eine Hand am Geländer, die andere in der Jackentasche um den kleinen Holzpuzzlestein gekrallt. Oben an der Etage, auf der Patrik wohnte, stand die Wohnungstür tatsächlich nur angelehnt.
Kein kein „erst nur ein Spalt, durch den ein Stück Flurlicht fiel. Aus der Wohnung drang eine Stimme: „Komm rein, ist offen!“ Patriks Stimme. Klingt normal, Nicht brüllend, nicht aggressiv. Sein Herz glaubte es trotzdem nicht.
angeklingelt
Kettenschloss, werden“,
Eintritt – Bühne des Scheinfriedens Lukas schob die Tür vorsichtig mit der Hand auf. Ein schmaler Flur, ein paar Schuhe, eine Jacke an einem Haken, eine halb volle Tasche in der Ecke. Die Wohnung wirkte klein, aber nicht komplett verwahrlost: Ein wenig unordentlich, aber nicht wie ein Müllberg. Aus dem Wohnzimmer kam ein warmes Licht, so ein gelbliches Lampenlicht, kein kalter Neonblitz. Patrik stand dort, mit dem Rücken halb zum Fenster, im Hoodie, Jeans, ganz „normaler Typ“. In der Luft lag der leicht bittere Geruch von Tee. Auf dem Couchtisch standen zwei Tassen, neben einer Teekanne, die noch dampfte. „Du bist ja wirklich gekommen,“ sagte Patrik. Kein Spott. Kein „na endlich“. Es klang überraschend ruhig. Lukas blieb im Türrahmen vom Wohnzimmer stehen, die Finger um den Puzzlestein, die Schultern leicht angespannt. „Du hast geschrieben, du willst reden,“ sagte er. „Also bin ich hier.“ Seine Stimme klang etwas dünner, als er gehofft hatte. Erste Minuten – alles wirkt fast normal „Setz dich,“ sagte Patrik und deutete auf das Sofa. Er selbst setzte sich auf einen Stuhl gegenüber. Abstand, aber nicht riesig. Lukas blieb einen Moment stehen, wog ab, setzte sich dann ans äußere Ende des Sofas, so dass er die Tür im Blick hatte.
Auf dem Tisch: • Teekanne • zwei Tassen • ein Teller mit ein die aussahen wie billige Reste vom Discounter. „Willst du Tee?“ fragte Patrik. „Später vielleicht,“ antwortete Lukas vorsichtig. Patrik hob leicht die Schultern. „Wie du willst.“ Kurz herrschte eine merkwürdige Stille. Das Ticken einer billigen Wanduhr war lauter als nötig. Beide dass es mehr zu als in eine Höflichkeitsfloskel passte.
Hintergrund
wussten, gab,
Das scheinbar ehrliche Gespräch „Also…“ begann Patrik schließlich und rieb sich mit der Hand übers Gesicht. „Ich hab in der letzten Zeit viel Mist gebaut. Das ist mir klar.“ Lukas’ Magen zuckte bei dem Satz kurz. Sagt er das wirklich? Oder ist das nur Einstieg für „aber du bist schlimmer“? „Die Nachrichten an dich, an… sie“, sagte Patrik und wich kurz mit dem Blick aus, „waren teilweise zu hart. Zu krass. Ich hab Sachen gesagt, die…“ Er lachte kurz, bitter. „…die man wahrscheinlich nicht mal seinem schlimmsten Feind schreiben sollte.“ Lukas musterte ihn. Patriks Pupillen waren ein bisschen zu groß, sein Blick zu wach, zu fokussiert. Aber er redete ruhig, ohne zu stolpern. „Ich hab mich die letzten Tage gefragt, ob ich eigentlich komplett irre bin,“ fuhr Patrik fort. „Alle zeigen mit dem Finger auf mich. Du, deine Mutter, Andreas, sie… Für euch bin ich das Monster.“ Lukas presste die Lippen zusammen. „Du hast Dinge gesagt und geschrieben, die… sehr weh tun,“ sagte er leise. „Nicht nur mir. Vor allem ihr.“ „Ich weiß,“ sagte Patrik. „Das ist ja das Problem. Ich war verletzt, ich hab gebissen. Und dann ging alles nur noch darum, wie „schlimm“ ich bin. Was IHR gemacht habt, hat keinen mehr interessiert.“ Seine Stimme war nicht laut, aber schärfer geworden. Lukas’ Bauch zog sich zusammen.
Er versucht, „verständnisvoll“ zu sein Lukas zwang sich zu einem Satz, der ihm selbst schwer über die Lippen ging. „Ich bin nicht hier, um dich fertig zu machen,“ sagte er. „Ich bin hier, weil ich gehofft hab, dass man vielleicht irgendwas klären kann. Für mich. Für sie. Für alle.“ Patrik lachte kurz auf, ohne Humor. „Klären,“ wiederholte er. „Ihr wollt immer alles klären – aber nur, wenn am Ende eure Version übrig bleibt.“ Ein Funken blitzte in seinen Augen. Die Droge in seinem Körper ließ jede kleine Emotion höher schlagen, als sie ohne schon gewesen wäre. „Was willst du denn?“ fragte Lukas vorsichtig. „Warum… wolltest du mich hier haben?“ Das „entschuldigende“ Narrativ Patrik lehnte sich zurück und tat, als würde er eine schwere Last ablegen. „Ich wollte dir sagen,“ begann er, „dass es mir leid tut, wie das alles eskaliert ist. Dass ich geschrien habe. Dass ich deine Mutter beleidigt habe. Dass ich Dinge über dich gesagt hab, die nicht fair waren.“ Lukas blinzelte. Damit hatte er nicht gerechnet. Zumindest nicht so klar formuliert. „Aber,“ setzte Patrik nach. Da war es. Das „aber“, auf das Lukas insgeheim gewartet hatte. „…du musst verstehen, dass ich nicht der Einzige bin, der Fehler gemacht hat,“ fuhr er fort. „Alle tun so, als wärst du dieses unschuldige Opfer, der arme Autist, der nichts falsch macht, und ich der Teufel. Aber so ist es nicht.“ Sein Blick bohrte sich in Lukas hinein. „Du hast mich auch verletzt,“ sagte er. „Du hast mich aus der Familie gedrückt, du hast zugelassen, dass sie mich hassen. Du standest daneben, als ich abgestempelt wurde.
Du hast NIE gesagt: „Hey, vielleicht hat er auch Gründe.“ Nie.“ Lukas’ Hände wurden kalt. „Ich…“ setzte er an. „Ich war oft selbst überfordert. Ich hab kaum verstanden, was alles passiert ist. Ich war mit meinen eigenen Sachen am Limit. Gericht, alte Frau, VR, Gericht, Vater, alles. Ich hab mich kaum selbst gehalten bekommen.“ Patriks Miene wurde bei jedem Wort härter. „Ach komm,“ fauchte er leise. „Ihr habt alle eure Traumakarte. Alle. Jeder von euch hat seine Story, mit der ihr alles rechtfertigt. Nur wenn ich explodiere, bin ich „der Böse“.“ Die Droge drückte den Ton nach oben, auch wenn er noch nicht schrie. Langsam kippt die Stimmung Lukas dass etwas im Raum kippte. Die Luft wurde schwerer. „Ich bin nicht um dir zu dass du keine Gefühle haben darfst,“ sagte er „Ich weiß, dass viel erlebt Dass du deine eigene Geschichte hast.“ Er stockte kurz. „Aber das gibt niemandem das anderen so weh zu wie du es getan Nicht mit diesen Nicht mit den die du über sie geschrieben Oder über mich.“ Patriks Mund verzog sich. „Du weißt gar nichts,“ zischte „Du kennst nur ihre Du glaubst Du liest eine hörst eine und schon weißt du: „Patrik ist der Du hast keine was wirklich passiert ist.“ Er stand lief ein paar Schritte durchs
spürte, dichter, hier, sagen, vorsichtig. du… hast. Recht, tun, hast. Nachrichten. Sachen, hast. er. Version. alles. Nachricht, Story, Abschaum.“ Ahnung, auf, Zimmer,
wie ein das in einem zu kleinen Käfig hin und her ging. Der Tee dampfte still unberührt. Das Ticken der Uhr wurde noch lauter.
Raubtier, auf
(Vermeintliche) Eskalation nur auf Worte „Ich wollte dir eine Chance geben,“ sagte Patrik, bleib jetzt wieder stehen und drehte sich zu Lukas. „Dir. Nicht ihnen. Dir.“ Er deutete mit der Hand auf ihn. „Dass du mal meine Seite hörst. Nicht ihre. Nicht die Version von deinem Andreas, nicht die von deiner Mutter, nicht die von dieser Ersatz-Oma. Meine.“ Lukas spürte, wie sein Herz schneller schlug. „Dann sag sie,“ brachte er raus. „Sag mir deine Seite. Aber ohne mich zu beleidigen. Ohne sie fertig zu machen. Nur du. Und ich. Du hast gesagt: unter vier Augen.“ Er versuchte, ruhig zu klingen, aber seine Stimme zitterte leicht. Patrik schnaubte. „Unter vier Augen,“ wiederholte er. „Genau. Keine anderen Zeugen. Keiner, der reinplatzt und mich wieder zum Monster macht.“ Er tat einen Schritt näher ans Sofa heran. Jetzt war der Abstand zwischen ihnen nicht mehr groß. Zu wenig, für Lukas’ Gefühl. Die Droge entscheidet mit In Patriks Kopf nicht nur sondern auch was er sich vorher eingeworfen hatte. Seine Wahrnehmung war fokussierter auf Lukas. Jede kleine jedes jedes Zucken wurde von ihm wie ein Angriff gelesen.
arbeiteten seine enger
inzwischen Gedanken, das, geworden, Bewegung, Wort, Gesicht
Er glaubt dir nicht. Er ist wie sie. Er ist ihr Sprachrohr. „Du tust so, als wärst du neutral,“ knurrte Patrik. „Aber du bist genau wie sie. Du kommst hierher, hörst dir ein paar Sätze an und gehst dann zurück und sagst: „Ja, Patrik ist immer noch der Böse.“ Stimmt’s?“ „Ich… weiß es noch nicht,“ sagte Lukas ehrlich. „Ich bin hier, weil ich verstehen will. Nicht, um sofort zu urteilen.“ „Lügen kannst du schlecht,“ sagte Patrik kalt. „Das konntest du als Kind schon nicht.“ Der Moment, in dem alles kippt Das war der Punkt, an dem etwas in Patrik überlief. Er spürte, wie eine heiße Welle durch seinen Körper schoss, verstärkt von der Droge. Die Wörter „Kind“, „Trauma“, „Abschaum“, „Autist“, „Familie“ ratterten in seinem Kopf durcheinander wie Kugeln in einem kaputten Flipperautomaten. Die haben dich nie ernst genommen. Er kommt hierher, tut so, als würde er verstehen – und am Ende läuft alles wieder auf dich hinaus. Patriks Blick wurde plötzlich kalt. Kälter als vorher. Er atmete einmal kurz tief ein, als hätte er sich zu etwas entschieden. „Weißt du was?“ sagte er leise. Fast zu leise. Lukas’ Nackenhaare stellten sich auf. „Ich hab es satt, dass ihr immer denkt, ihr hättet alle Macht,“ fuhr Patrik fort. „Dass ihr entscheidet, wer gut ist, wer böse ist, wer Familie ist und wer nicht.“ Er ging einen Schritt zur Seite, in Richtung einer Kommode neben der Wand. „Ich wollte dir heute eigentlich nur reden lassen,“ sagte er. „Aber dann dachte ich: Vielleicht braucht es mehr als nur Worte, damit du verstehst, dass das hier kein Spiel ist.“
Seine Hand glitt an die zu einer die nicht ganz geschlossen war. Lukas’ Bauch zog sich krampfhaft zusammen. Geh raus, schrie Jetzt. Einfach aufstehen, raus, Tür, Treppe, weg. Seine Beine fühlten als wären sie festgeklebt.
Kommode, Schublade,
Die Waffe Patrik zog die Schublade ein Stück auf. Darin lag zwischen ein paar Papieren, einem alten Portemonnaie und wirrem Kleinkram ein Gegenstand, den Lukas nur aus Filmen oder Nachrichten kannte. Klein, schwarz, kalt. Eine Waffe. Eine echte Waffe. Kein Spielzeug, kein Plastik. Patriks Finger legten sich darum, als wäre das die normalste Bewegung der Welt. Die Luft im Zimmer gefror. Die Geräusche von draußen – irgendein Auto, ein Hund, leise Stimmen aus dem Hausflur – wurden plötzlich dumpf. Lukas’ Herz setzte einen Schlag aus, um danach doppelt so schnell weiterzuhämmern. „Patrik…“ brachte er heraus. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Patrik schloss die Hand fester um den Griff, zog die Waffe aus der Schublade. Sie glitt gleichzeitig mechanisch und erschreckend selbstverständlich in seine Handfläche. Er dreht sich langsam zu Lukas um. Keine hysterische Grimasse, kein Schreien, kein „ich bring dich um!!!“. Nur dieser Blick: eine Mischung aus Verletzung, Wut und etwas Unheimlich Ruhigem, das schlimmer war als Brüllen. Die Mündung zeigte zuerst auf den Boden, dann wanderte sie hoch. Brusthöhe. Direkt auf Lukas. Lukas’ Mund wurde trocken. Sein Körper reagierte, bevor der Kopf hinterherkam:
kalter Schweiß auf der Stirn, zitternde Hände, Beine wie Gummi, der Puzzlestein in seiner Jackentasche zu einem Stück Stein verschmolzen. Patriks Stimme war leise, als er den Satz sagte, mit dem alles endgültig einen anderen Charakter bekam: „Jetzt,“ sagte er, „reden wir mal unter wirklich gleichen Bedingungen.“ Der Lauf der Waffe zeigte genau auf Lukas’ Brust. Und in diesem Augenblick, in diesem eingefrorenen Moment zwischen Atemzug und Panik, wurde dem jungen Mann klar: Das hier war kein „normales Familiengespräch“ mehr. Es war der Anfang des Ultimatums. Und hier endet dieser Teil. Die Zeit nach dem Satz „Jetzt reden wir mal unter wirklich gleichen Bedingungen“ verlor jede Logik. Alles wurde plötzlich in Sekundenbruchteile zerhackt. • • • •
Die Sekunde vor dem Schuss Lukas spürte, wie sein Körper in eine Art Starre ging. Die Mündung der Pistole zielte direkt auf seine Brust. Nicht schwankend, nicht zitternd, sondern ruhig. Patriks Augen waren schmal. „Du hast keine Ahnung,“ sagte er leise. „Wie gut du es hattest. Abschluss. Mutter, die dich liebt. Leute, die dich beschützen. Während ich ständig der war, auf den alle zeigen.“ Lukas hörte seine eigenen Worte nicht mehr. Alles, was er noch wahrnahm: • sein Herz, das in den Hals rutschte • seinen Atem, der flach wurde • seine Hände, die eiskalt wurden Ein Teil in ihm schrie: Beweg dich, steh auf, renn zur Tür. Der Rest war wie festbetoniert. Er sah nur noch den Lauf der Waffe, der sich minimal bewegte, als Patriks Finger sich am Abzug spannte. Die Welt zog sich zusammen auf einen Punkt. Dann passierte alles gleichzeitig. Erling taucht auf – und der erste Schuss Die Wohnungstür flog auf. „LUKAS!“ Die Stimme zerriss die Spannung wie ein Messer. Lukas zuckte just in in dem eine Gestalt in den Türrahmen stürzte. Erling.
herum, Moment,
Atmung schwer, Schweiß auf der Stirn, die Jacke halb offen, die Augen weit vor Alarm. Er hatte die offene Seite im Mutbuch gesehen, die Adresse gelesen, kein weiteres Wort verloren und war losgelaufen. Jetzt stand er im Türrahmen und sah in derselben Sekunde: • Patrik, • die Waffe in seiner Hand, • Lukas auf dem Sofa, • den Finger am Abzug. Er reagierte, bevor er dachte. In zwei schnellen Schritten war er im Zimmer. „NEIN!“ schrie er, und seine Hand schoss nach vorne, packte Patriks Arm. Der Schuss löste sich genau in diesem Moment. Ein ohrenbetäubender Knall riss durch den Raum. Lukas hörte nur ein ohrenzerreißendes „Pfffkrach“, spürte einen Luftzug an seiner Seite, sah im Augenwinkel, wie die Wand neben ihm aufplatzte und kleine weiße Stückchen Putz in die Luft flogen. Die Kugel sauste an ihm vorbei, schlug in der Wand ein. Wenn Erling nicht in Patriks Arm gegriffen hätte, wäre sie mitten durch seinen Brustkorb gegangen. Die Pistole wurde durch den Ruck aus Patriks Hand geschleudert, schlidderte über den Boden, prallte gegen die Wohnzimmerwand und blieb irgendwo hinter dem Couchtisch liegen. Kampf – und der Schlag in die Kehle Erling drückte Patrik gegen die der Stuhl kippte zur der Tisch wackelte. „BIST DU VERRÜCKT?!“ brüllte Erling. Patrik riss sich zerrte, vollgepumpt mit Wut und der Substanz, die er geschluckt hatte. „Du mischst dich IMMER ein!“ brüllte Patrik „Du bist nicht Familie! Du bist nur ein verdammter Fußballer!“ Lukas stand wie in wollte etwas konnte es aber nicht.
Wand, Seite, los, schlug, zurück. auf, Trance, sagen,
Seine Beine fühlten sich an wie Watte, sein Kopf wie in Watte gepackt – nur die Bilder waren knallhart: Erling, der Patriks Unterarme zu fassen versuchte, Patrik, der sich windet, ein Stoß, ein Ellenbogen. Dann kam der Schlag. Ein schneller, harter, gezielter Schlag mit der Faust und dem Handballen direkt gegen Erlings Kehle. Es klang wie ein dumpfer Schlag in einen zu festen Gummiball. Erling keuchte plötzlich auf, die Augen rissen auf. Er griff sich an den Hals, krümmte sich nach vorne. Sein Atem brach ab, als hätte jemand einen Schlauch geknickt. Ein kratzendes, ersticktes Geräusch kam aus seiner Kehle, als er versuchte, Luft zu holen. Lukas’ Magen stürzte in die Tiefe. „ERLING!“ rief er und stolperte vor, fing ihn, bevor er komplett zu Boden ging. Der Spieler taumelte, fiel auf die Knie, eine Hand an Lukas’ Schulter, die andere an seinem Hals, die Augen glasig vor Schmerz und Panik. Jeder Atemzug war ein Kampf, ein röchelndes Ziehen, als müsste er Luft durch einen viel zu engen Spalt pressen. „Ich… krieg… schwer… Luft…“ presste Erling hervor. Seine Stimme war rau, zerbrochen, wie eine kaputte Saite. Patrik richtet sich wieder auf – und die Axt Während Lukas versuchte, Erling zu rappelte Patrik sich vom Boden hoch. Der erste die Droge in seinem die Wut alles mischte sich zu einer brennenden, kalten Entschlossenheit. Die Waffe war irgendwo unter dem außer Reichweite. Er fluchte sah sich hektisch um. Sein Blick blieb an einer Ecke neben der Garderobe hängen. Dort lehnte, halb hinter einem eine Axt.
halten, Adrenalinstoß, System, – weg, Tisch, laut, Stuhl,
Etwas, das er „für den Garten“ oder „für Holz“ hatte – aber heute war sie mehr als Werkzeug. Er ging hin, griff nach dem Stiel, hob sie mit einer Selbstverständlichkeit auf, die Lukas den Magen umdrehte. Das Metall der Axtklinge glänzte stumpf im Lampenlicht. Er drehte sich wieder zu ihnen um. Lukas kniete neben Erling, der mühsam nach Luft rang. „Patrik…“ begann Lukas. „Lass das… bitte…“ Patrik machte zwei langsame Schritte auf ihn zu. Seine Augen waren weit, aber nicht mehr wild. Eher… entschieden. „Weißt du, was das Verrückte ist?“ sagte er mit kalter Stimme. „Du hattest alles. Einen Abschluss. Eine Mutter, die dich trotz allem liebt. Leute, die für dich vor Gericht kämpfen, die dich aus Höllen holen, dir Rollstühle besorgen, dich in Therapien fahren. Du bist der, um den sich alle drehen.“ Er hob die Axt ein Stück an, als wäre sie nur ein Fingerzeig. „Und ich?“ knurrte er. „Für mich war nie jemand so weit gegangen. Nie. Aber ICH war immer der, der „probleme“ macht.“ Die Axt hob sich noch ein Stück höher. „Du hattest es nur gut,“ stieß er hervor. „Du hast keine Ahnung, wie es ist, wirklich alleine zu sein.“ Lukas’ Stimme riss kurz, als er antwortete. „Ich… war nie „nur gut dran“,“ keuchte er. „Du kennst meine Hölle nicht. Und trotzdem will ich dich nicht tot sehen. Bitte. Lass die Axt runter.“ Patriks Hände spannten sich um den Stiel. „Zu spät.“ Er holte aus. Der Schuss ins Herz Es passierte dass Lukas den noch ganz begreifen konnte.
schnell, sehen
Die Axt hob sich zum Schlag, die Klinge wie ein dunkler Schatten über Patriks Kopf. In derselben Sekunde ertönte ein zweiter Schuss. Nicht so nah an Lukas wie der erste, aber laut genug, dass es ihm durch Mark und Bein fuhr. Ein greller Knall, ein kurzer Blitz, der Geruch von verbranntem Pulver. Patriks Körper ryckte. Die Axt zuckte in der Luft, fiel ihm aus den Händen, schlug klirrend neben ihm auf den Boden. Er stand noch einen winzigen Moment lang aufrecht, als wäre er mitten in einer Bewegung eingefroren. Dann fasste er sich mit einer Hand an die Brust, genau dorthin, wo eine kleine, dunkle Stelle sein Shirt verfärbte. Genau da, wo sein Herz schlug. Sein Gesicht verzog sich, nicht vor reiner Wut, sondern vor Schock. Lukas sah erst jetzt, woher der Schuss gekommen war. In der Tür, die eben noch leer gewesen war, stand sie. Seine Freundin. Das Mädchen, von dem er im Brief geschrieben hatte, das immer auf seiner Seite war, das er als Beweis dafür nahm, dass er „ja doch ein guter Mensch“ sei. Jetzt stand sie da, bleich, die Augen aufgerissen, eine Pistole in beiden Händen. Ihre Arme zitterten leicht. Sie musste die Waffe irgendwo vom Boden aufgelesen haben – vielleicht war sie beim Kampf in ihre Nähe geschliddert, vielleicht hatte sie gerade erst das Chaos bemerkt, die Tür geöffnet, die Waffe gesehen. Und dann abgedrückt. „Patrik…“ hauchte sie. Patrik taumelte einen Schritt zurück, wurde bleich. Er sah sie an, die Axt längst vergessen, die Hand noch immer an der Brust.
„Du…“ keuchte „Du hast mich… betrogen.“ Seine Stimme ungewohnt dünn. „Das… wirst du… bereuen…“ Der Satz brach mitten als hätte jemand ihm die Luft abgeschnitten. Seine Beine Er kippte landete auf dem Boden. Diesmal stand er nicht mehr auf. Seine Augen starrten sein Brustkorb hob und senkte sich nicht mehr. Patrik war tot.
Zwei kriechen zu denen, die sie lieben Für einen war im Raum nichts als Stille. Keine Kein Nur das dumpfe Dröhnen von Blut in Lukas’ Ohren. Lukas spürte, wie seine Beine zitterten. Instinkt übernahm. Er rutschte auf den Knien der durch den Schlag auf die Kehle schwer keuchte. „Erling! Erling!“ rief „Bleib bei mir! Atme, bitte! Atme!“ Erling hatte sich halb an die eine Hand am Sein Atem ging aber er ging noch. Tränen traten ihm in teilweise vor teilweise vor Schock. „Tut… weh…“ brachte „Aber… ich bin da.“ Lukas’ Gesicht Tränen liefen ihm über die Wangen. „Du wärst fast… du Die Worte brachen ab. Er legte eine Hand an als könnte er ihn dadurch im Hierhalten. Auf der anderen Seite ließ die Freundin die Waffe sinken. Ihr Blick war starr auf Patriks reglosen Körper gerichtet. „Patrik…“ flüsterte „Patrik, bitte… steh auf. Bitte. Sag irgendwas.“ Sie machte zwei wackelige Schritte und sank neben ihm auf die Knie.
nach. hinten, ins
Moment Uhr. Straßenlärm. keuchte, zu
panisch. Wand
gelehnt, Hals. rasselnd,
Augen, Schmerz,
hervor. brach,
Zimmers sie.
Ihre Finger als sie sein Gesicht berührte. Keine Keine Regung. Nur Kälte, die langsam in ihn kroch. „NEIN…“ hauchte Es klang nicht wie eher wie ein zerbrochener Atemzug. Tränen schossen ihr in fielen ungefiltert auf sein Shirt. In diesem in diesem sitzen zwei Menschen auf jeder bei den er liebt: • Lukas bei Erling, • sie bei Patrik. Lukas weil der Mensch, der ihn so knapp dem Tod und immer noch um Luft kämpft. Sie weil der Mensch, den sie trotz durch ihre eigene Hand gestorben ist. Trauer, Schock, Unglauben lagen wie schwere Decken auf der Luft.
zitterten, Reaktion.
sie. Schrei,
Augen, Raum, Moment, Boden, dem,
oft gerettet entgangen
weint, hat, ist
weint, hat,
Die Waffe wechselt die Richtung Die Freundin wischte sich mit dem Handrücken über langsam, wie in Trance. Dann blickte sie zu Lukas hinüber. Er kniete immer noch neben Tränen liefen ihm über das seine Hände während er gleichzeitig ruhig zu sprechen: „Es wird wir holen irgendwer irgendwer…“ Er war halb im halb im Schluchzen gefangen. Die Freundin stand schwankend auf. In ihrer war wieder die Pistole. Sie hatte sie vom Boden ohne es bewusst zu registrieren. Ihr Blick wechselte zwischen Patriks Leichnam und Lukas.
Erling, Gesicht, zitterten, versuchte, wieder… Hilfe… muss… Reden, Hand aufgehoben,
In ihrem schoben sich Bilder übereinander: • Patrik, wie er lachte, • Patrik, wie er schrie, • Patrik, wie er sie verteidigte, • Patrik, wie er sie manipulierte, • Patrik, wie er mit einer Axt auf Lukas zuging, • Patrik, wie er jetzt reglos auf dem Boden lag. Die Droge in seinem war in ihrem aber der Schock machte ihr Bewusstsein trotzdem brüchig. „Wegen… dir…“ flüsterte die Waffe jetzt wackelig in Richtung Lukas „Wegen ist… alles… kaputt.“ Lukas hob den Kopf. Sein Körper war wie eingefroren zwischen Flucht und Überforderung. Er sah in den dunklen Lauf der Zum zweiten Mal an diesem Tag. Seine Stimme versagte fast. „Wenn du glaubst,“ flüsterte er „dass ich wollte, dass irgendwas davon liegst du falsch.“ Er konnte nicht mal mehr richtig Die Energie war weg. „Schieß nicht,“ hustete Erling neben die Stimme als würde jedes Wort „Er… ist nicht dein Feind.“ Die Freundin starrte Lukas an. Die Waffe zitterte stärker. Ihr Finger lag am aber drückte nicht. Stattdessen brach etwas in ihrem Blick. Nicht Nicht Hass. Nur blanke, rohe Verzweiflung. Die Waffe sank langsam ein ohne ganz herunterzugehen. „Ich… kann nicht,“ flüsterte Die Tränen liefen jetzt unkontrolliert. „Ich kann dich nicht Du genauso verloren aus wie ich.“ Sie atmete fast schon stoßweise. Dann geschah was alles noch komplizierter machte. Gegen sich selbst – und der Zusammenbruch Die Freundin blickte auf die Waffe in ihrer Hand.
Körper nicht, sie, erhoben. euch…
Waffe. heiser, passiert… bitten. ihm, rau, wehtun.
Abzug, Wut. wenig, sie. erschießen. siehst… hektisch, etwas,
Auf den kalten, dunklen Lauf. Dann wieder auf Patrik. Auf seine unbewegte Brust, sein lebloses Gesicht. „Ich hab ihn… getötet,“ flüsterte sie. „Ich. Nicht du. Nicht deine Familie. Ich.“ Der Gedanke schien sie wie ein Schock zu treffen. „Ich kann damit nicht leben,“ stieß sie hervor, ihre Stimme brach, die Worte stolperten. Bevor Lukas reagieren konnte, drehte sie die Waffe. Nicht mehr auf ihn, sondern auf sich selbst. Irgendwo zwischen Brust und Kopf, unsicher, zitternd, kein klarer Plan, nur der Impuls: Wenn ich weg bin, tut es nicht mehr weh. „NEIN!“ krächzte Erling, so laut er in seinem Zustand konnte. „LASS ES!“ rief Lukas gleichzeitig, doch seine Stimme überschlug sich vor Panik. Er wollte aufstehen, aber seine Beine gaben nach. Sein Kreislauf war völlig am Ende. Er sah, wie sie die Augen schloss, die Waffe näher an sich heranzog. Ihre Finger krallten sich um den Griff, eine Fingerkuppe glitt über den Abzug. Und dann sagte der Körper: Stopp. Ihr Atem überschlug sich, ihr Herz raste, ihr Blutdruck schoss durch die Decke – und dann brach alles ab. Die Knie wurden weich. Ihre Augen rollten nach oben. Sie kippte seitlich weg, wie eine Puppe, der man die Fäden gekappt hatte. Die Pistole rutschte aus ihrer Hand, fiel klirrend neben ihr auf den Boden. Lukas beobachtete es wie durch Wasser. Sein Kopf brummte, sein Sichtfeld wurde enger, an den Rändern dunkel.
Die Geräusche wurden als hätte jemand Watte in seine Ohren gestopft. Er hatte zu lange den Atem zu viel zu viele Schocks innerhalb weniger Minuten. Die Bilder verschwammen: • Patrik auf dem Boden, • seine Freundin daneben, • Erling, der keuchend nach Luft rang, • die Waffe, • die Axt, • weiße Putzstückchen an der Wand. „Ich…“ setzte Lukas doch das Wort kam nicht mehr fertig. Der Boden kam näher. Sein Körper kippte nach noch halb in Richtung Erling als wollte er ihn nicht allein lassen. Dann war da nur noch Schwarz. Lukas fiel in Ohnmacht.
dumpf, angehalten, Adrenalin,
an, vorne, gerichtet,
Am Ende lag der Raum still: • Patrik, reglos. • Seine Freundin, ohnmächtig. • Lukas, bewusstlos. • Erling, schwer atmend, halb weggetreten, aber noch da. Die Pistole lag am Boden, zwischen den Trümmern dieser Familie, dieses Tages, dieses Ultimatums. Alles, was bis zu diesem Moment auf den 44. Tag zugesteuert war, hatte sich in wenigen Minuten entladen. Und nichts würde danach mehr so sein wie davor. Zwei Wochen später fühlte sich der 6. Januar an wie ein Film, den Lukas zwar gesehen hatte, aber lieber nie gesehen hätte. Nur dass dieser Film keine Pause-Taste hatte. Zwei Wochen später – eine Wohnung, die anders atmet Es war später Nachmittag. Draußen hing der Januar grau über den Dächern, so ein typischer „es ist noch Winter, deal with it“-Himmel. In Lukas’ Zimmer war es gedämpft ruhig. Auf dem Schreibtisch lag sein Mutbuch, daneben ein Stift, ein paar lose Blätter mit Terminen von der Autismustherapie, und ein Zettel vom Amtsgericht, den er noch nicht anrühren wollte. Die Wand, an der sein Galaxy S25 Ultra lehnte, war mit zwei, drei ruhigen Bildern beklebt: nichts Lautes,
nichts Buntes, nur genug, um nicht zu kahl zu wirken. Seit dem Tag in Patriks Wohnung hatte sich alles angefühlt wie Watte. Er erinnerte sich an Bruchstücke: • Blaulicht im Fenster • Polizistenstimmen • das Piepen von medizinischen Geräten • Neonlicht in der Notaufnahme • eine Maske über seinem Gesicht • Fragen, die er nur halb beantworten konnte Jemand hatte gesagt, er sei in der Ohnmacht kurz weg gewesen. Jemand hatte später erklärt, dass Erling mit einer schweren Kehlkopfverletzung im Krankenhaus läge, aber „stabil“, wenn auch mit Komplikationen beim Atmen. Dann waren Anwälte gekommen. Dann Berichte, Protokolle, Vernehmungen. Und jetzt, zwei Wochen später, war er körperlich zu Hause. Sein Kopf war es nicht. Fernsehen, aus Langeweile an – aus Reflex weiterlaufen gelassen Lukas saß auf dem Bett, den Rücken an die Wand gelehnt, das Handy auf dem Bauch. Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Nicht bewusst gewählt, mehr so „läuft halt“. Seine Mutter hatte Nachrichten angemacht, dann aber in der Küche angefangen zu schnippeln. Sein Vater blätterte in einem Ordner, Erling war nicht da. Er war in einem anderen Land. In einem anderen Gebäude. In einem anderen Zustand, von dem alle bisher behauptet hatten, er sei „kritisch, aber stabil“. Lukas klammerte sich an dieses Wort: stabil. Wie an einen Rettungsring. Er ist stark, redete er sich ein. Er schafft das. Er hat mich schon aus Sachen rausgeholt, aus denen keiner gedacht hätte, dass man lebend rauskommt. Das hier ist „nur“ ein medizinisches Ding. Die können das. Im Hintergrund drangen Bruchstücke aus den Nachrichten in sein Zimmer: „…Wirtschaft…“ „…neue Beschlüsse…“ „…Unfall auf der A…“ Nichts, was er hören wollte.
Er dachte daran, wie die Ermittler zu ihnen gesagt hatten: „Die Sache mit Ihrem Cousin wird juristisch aufgearbeitet. Sie haben sich verteidigt. Niemand macht Ihnen daraus einen Vorwurf.“ Und dann, leiser: „Zur Person des Spielers können wir nichts sagen. Das läuft über internationale Ebenen, Verein, Management, Anwälte, Krankenhäuser. Wir bitten um Diskretion.“ Diskretion. Ein schönes Wort für: „Sag niemandem, was wirklich passiert ist.“ Lukas zog die Decke ein Stück höher. Die Nachricht im Fernsehen Das Programm wechselte auf Sport. Normalerweise hätte Lukas den Sender gemieden, aber heute hatte er es nicht rechtzeitig realisiert. „Wir unterbrechen kurz unser Programm für eine Eilmeldung“, sagte plötzlich eine Stimme aus dem Wohnzimmer. Das Wort „Eilmeldung“ ließ etwas in ihm zucken. Er setzte sich auf, hörte genauer hin. Die Stimme war weit, aber deutlich genug: „Der internationale Fußballstar Erling H. ist überraschend verstorben. Der 25-Jährige war vor einigen Tagen in seiner Heimatklinik behandelt worden, nach Angaben des Vereins wegen Komplikationen nach einem Atemwegsinfekt und einer Routinebehandlung. Heute bestätigte der Club, dass Erling H. an den Folgen eines plötzlichen Herz-KreislaufVersagens verstorben ist.“ Lukas erstarrte. Seine Hände wurden schlagartig kalt, als hätte jemand Eiswasser durch seine Adern gejagt. „Man spricht von einem tragischen medizinischen Einzelfall“, fuhr der Sprecher fort. „In den letzten Wochen hatte der Verein bereits berichtet, dass sich der norwegische Stürmer aufgrund gesundheitlicher Probleme im Krankenstand befand. Über die genauen Hintergründe will der Club aus Rücksicht auf die Familie keine weiteren Angaben machen.“ Er hörte noch Begriffe wie: „Schock in der Fußballwelt“ „Beileidsbekundungen“ „Rückzug der Mannschaft vom Training“. Der Rest ertrank im Rauschen. Lukas starrte auf die Tür seines Zimmers, als könnte er durch die Wand sehen. Herz-Kreislauf-Versagen. Atemwegsinfekt. Routinebehandlung.
Sein Gehirn brauchte um den Satz der eigentlich im Raum stand: Erling. Tot. Nicht Nicht „auf dem Weg Nicht „Wir melden uns, wenn er wieder laufen darf“. Tot.
Moment, bauen,
„stabil“. Besserung“.
Der Körper reagiert, bevor er es versteht Er merkte erst, dass ihm Tränen über die Wangen liefen, als eine auf seine Hand tropfte. Sein Brustkorb zog sich zusammen, als würde jemand ein unsichtbares Band immer weiter enger ziehen. Er bekam Luft, aber sie fühlte sich falsch an. Zum ersten Mal seit langem hatte er diesen Impuls, aufzuspringen, irgendwohin zu rennen, zu schreien: „Stopp. Nein. Zurückspulen. Noch mal.“ Aber sein Körper machte das Gegenteil: er klappte in sich zusammen. Lukas zog die Knie an den Körper, legte die Stirn darauf, umklammerte seine Beine so fest, dass er seine Fingernägel in der Hose spürte. Sein Atem wurde stoßweise. In seinem Kopf tauchten Bilder auf, die nur ihm gehörten: • Erling, wie er zum ersten Mal neben ihm am Rhein stand, mit einer Basecap tief ins Gesicht gezogen, damit ihn niemand erkannte. • Erling, wie er mit ihm durch Mainz lief, mit einem Handy in der Hand, auf dem Pokémon GO offen war, und lachte, als Lukas ihm erklärte, warum Shiny-Rates unfair sind. • Erling, wie er im Stadion neben ihm saß, inkognito, und bei einem Mainz-Tor so gejubelt hatte, als würde ihn jeder sehen. • Erling, wie er im Auto saß, ihn ansah und sagte: „Ich bleibe so lange, wie du mich brauchst.“ • Erling, der vor einem Gerichtssaal, im Krankenhaus, im VR-Alptraum, immer irgendwo in der Nähe war.
Und zuletzt: Erling, wie er keuchend den Hals hielt, im Wohnzimmer von Patrik, mit tränenden Augen, die Hand an der Kehle, die Stimme kratzend, aber noch da. Er war noch da, dachte Lukas verzweifelt. Er hat mich noch angesehen. Er hat noch geredet. Er war nicht tot. Und jetzt sagen sie mir, er ist an einem „Atemwegsinfekt“ gestorben. Etwas zwischen Lachen und Schluchzen entrang sich seiner Kehle. Es klang nicht gut. Es klang kaputt. Reaktion der Familie Die Mutter war die Erste, die bei ihm war. Sie hatte die Meldung im Wohnzimmer gehört, den Klang der Stimme des Moderators, die Worte „überraschend verstorben“ – und dann diese völlige Stille aus Lukas’ Zimmer. Sie klopfte nicht. Sie öffnete einfach die Tür. Als sie sah, wie er da saß, zusammengeklappt, die Arme um die Knie geschlungen, die Stirn auf den Beinen, wusste sie alles, ohne dass jemand etwas erklären musste. „Lukas…“ sagte sie leise. Er hob nicht den Kopf. Ein Geräusch kam aus ihm heraus, aber es war kein Wort. Sie ging langsam zu ihm, setzte sich neben ihn aufs Bett. Er zuckte nicht zurück, als sie ihm vorsichtig eine Hand auf den Rücken legte. Da brach etwas endgültig. Er sog die Luft ein, als hätte ihn jemand gestoßen, und es löste sich ein Schluchzen, das tief aus seiner Brust kam. Nicht dieses schnelle „ich bin ein bisschen traurig“, sondern dieses tiefe, verzerrte Weinen, bei dem der ganze Körper mitmacht. „Er ist…“ brachte Lukas hervor, die Stimme abgehackt. „Sie sagen… er ist… weg… Mama…“ Sie nickte. Ihre eigenen Augen waren feucht.
„Ich weiß,“ sagte sie leise. „Ich hab es auch gehört.“ „Die lügen,“ stieß Lukas hervor. „Es war kein… Atemwegsinfekt. Er war bei mir. Es war Patrik. Es war diese… Scheißkehle. Alles… alles war zu viel.“ Die Worte stolperten, aber die Bedeutung war klar. „Die Welt da draußen bekommt eine Geschichte,“ sagte sie ruhig. „Und du trägst eine andere in dir. Das ist… brutaler, als es sein müsste. Aber es ist nicht deine Schuld.“ „Wenn ich nicht hingegangen wäre,“ presste er hervor, „wenn ich nicht da gewesen wäre… wenn ich ihn nicht in diese Wohnung… nicht in dieses… krankes Theater… er wäre… vielleicht…“ „Stop,“ unterbrach sie ihn sanft, legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du gehst gerade in eine Schleife, in die du nicht alleine gehen solltest.“ Sie war keine Therapeutin. Aber sie hatte inzwischen genug mitbekommen, um zu wissen, wie diese Schuldspiralen aussehen. „Wenn du nicht hingegangen wärst,“ sagte sie, „würdest du dir genau das gleiche denken – nur andersrum: „Wenn ich hingegangen wäre, hätte ich ihn vielleicht retten können.“ Es gibt keinen Weg, bei dem du am Ende sagst: „Ich hab alles perfekt gemacht.“ Weil es in dieser Geschichte kein „perfekt“ gibt.“ Lukas schüttelte den Kopf, Tränen liefen weiter. „Aber er ist tot,“ flüsterte er. „Und ich bin nicht. Und das fühlt sich falsch an.“ Sie zog ihn vorsichtig näher zu sich, legte einen Arm um seine Schultern. „Dass du lebst, ist nicht falsch,“ sagte sie leise. „Dass er tot ist, ist falsch. Und du musst lernen, mit diesem Widerspruch zu leben. Aber nicht alleine.“ In der Therapy – ein Raum, der hält Zwei Tage später saß Lukas in einem vertrauten Wartezimmer. Es roch ein bisschen nach ein bisschen nach ein bisschen nach diesem typischen „Praxis“-Geruch. Die Uhr an der Wand war die gleiche Die Stühle
Kaffee, Papier, wie
immer. auch.
Die Zeitschriften, die ihn nicht interessierten, lagen noch immer auf dem Tisch. Nur sein Körper war anders. Er saß da, die Hände ineinander verschränkt, die Daumen rieben mechanisch übereinander. Neben ihm lag sein Handy, Display nach unten. Er hatte alles ausgemacht, was nach „News“, „Push“, „Breaking“ klang. Die Tür zum Therapieraum öffnete sich. Seine Autismustherapeutin stand da, ruhig, wie immer. „Lukas,“ sagte sie sanft. „Magst du reinkommen?“ Er stand auf, als wären seine Beine aus Holz, und ging in den Raum. Dort: • derselbe Stuhl, • derselbe kleine Tisch, • ein Regal mit Kisten und Spielen für Übungen, • ein Glas Wasser auf dem Tisch. Er setzte sich. Sie nahm auf ihrem gewohnten Platz gegenüber Platz, aber nicht direkt frontal, sondern leicht seitlich. Nicht konfrontativ. Eher: gemeinsam in dieselbe Richtung schauend. „Ich weiß, dass in den letzten Wochen sehr viel passiert ist,“ begann sie. Sie hatte eine dieser Stimmen, die ruhig bleiben konnten, ohne kalt zu wirken. „Wir müssen nicht alles heute schaffen,“ fuhr sie fort. „Aber wir können anfangen, das, was passiert ist, in eine Reihenfolge zu bringen. Sodass dein Kopf nicht mehr alles gleichzeitig abspult.“ Lukas schluckte. „Er ist tot,“ sagte er dann. Direkt. Ohne Einleitung. Sie nickte. „Ja,“ sagte sie. „Ich habe es in den Nachrichten gesehen. Und deine Mutter hat mich angerufen.“ Allein die Tatsache, dass seine Mutter ihr erzählt hatte, was los war, war für ihn einerseits peinlich, andererseits erleichternd. Er musste nicht bei Null anfangen.
Ein Ereignis nach dem anderen „Magst du mir erzählen,“ fragte sie, „welche Bilder in deinem Kopf immer wieder kommen, wenn du an diesen Tag denkst? Nicht alles auf einmal – nur das, was zuerst da ist.“ Er starrte auf den Tisch. „Die Waffe,“ sagte er leise. „Wie er sie auf mich richtet. Zum zweiten Mal im Leben, dass ich eine Waffe so gesehen habe. Und das erste Mal, dass ich sie auf mich gerichtet gesehen habe.“ „Wer ist „er“?“ fragte sie sanft. „Patrik,“ sagte Lukas. „Der, den ihr immer „Cousin“ nennt.“ Sie nickte. „Und was kommt dann als nächstes Bild?“ „Erling,“ sagte Lukas. „Wie er reinkommt. Wie er… die Waffe wegschlägt. Wenn er nicht da gewesen wäre… hätte ich jetzt kein Problem mehr. Weil ich gar nicht mehr da wäre.“ Er sah kurz hoch, Augen glänzend. „Aber gleichzeitig… wenn er nicht da gewesen wäre, würde er jetzt auch noch leben.“ Das Wort „leben“ brach fast. Die Therapeutin atmete ruhig. „Du sagst gerade zwei Dinge gleichzeitig,“ sagte sie. „„Er hat dir das Leben gerettet“ und „Ich gebe mir die Schuld, dass er dabei verletzt wurde“.“ Lukas nickte, verzweifelt. „Weil es so ist,“ sagte er. „Er hat mich immer wieder gerettet. Aus dem Gerichtskram. Aus dieser VR-Hölle. Aus Situationen mit meinem Vater. Nicht nur einmal. Mehrmals. (…) Und jetzt… konnte ich ihn nicht retten.“ „Hättest du ihn retten können?“ fragte sie vorsichtig. Nicht als Vorwurf, sondern als Prüfung, ob sein Schuldgefühl logisch ist oder ob es aus etwas anderem kommt. Lukas’ Hände ballten sich. „Ich war bewusstlos,“ gab er zu. „Ich lag auf dem Boden wie ein kaputter Akku. Ich habe gar nichts mehr mitbekommen.“
„Also konntest du in diesem Moment physisch nichts tun,“ fasste sie zusammen. „Nein,“ sagte er. „Konntest du verhindern, dass Patrik dich in diese Wohnung bestellt?“ „Ich hätte nicht hingehen müssen,“ flüsterte Lukas. „Ich hätte Nein sagen können.“ „Glaubst du, Patrik hätte dann einfach aufgegeben?“ fragte sie. „Oder glaubst du, er hätte auf andere Art weitergemacht? Mit Nachrichten, mit Druck, mit Drohungen, mit dem, was er schon vorher getan hat?“ Lukas dachte kurz nach. „Er hätte nicht aufgehört,“ sagte er leise. „Das heißt,“ fuhr sie fort, „du warst nicht der Regisseur dieses Tages. Du warst eine Person, die in etwas hineingezogen wurde. Immer wieder. Schon lange vor diesem Tag.“ Er sagte nichts, aber seine Schultern sanken minimal. Die offizielle Geschichte, die innere Wahrheit „Du hast erzählt,“ sagte sie, „dass die Öffentlichkeit eine andere Version bekommt. Magst du sie nochmal mit deinen eigenen Worten sagen?“ Lukas starrte auf seine Fingernägel. „Sie sagen, er hatte… Komplikationen nach einem Atemwegsinfekt,“ murmelte er. „Dass er… in einer Klinik war. Und dass sein Herz dann plötzlich stehen geblieben ist. Ein „tragischer medizinischer Einzelfall“.“ Seine Stimme hatte diese bittere Färbung, die sie schon kannte, wenn er über Ungerechtigkeiten sprach. „Und was ist deine Version? Nicht juristisch. Emotional.“ Er holte Luft. „Meine Version ist,“ sagte er, „dass ein Mensch, der schon vorher viel Druck hatte, der sich trotzdem um mich gekümmert hat, an einem Tag eine Verletzung bekommen hat, die seine Kehle so beschädigt hat, dass er nie wieder „normal“ war. Dass er operiert werden musste, Intensivstation, Beatmung, Verlegung. Und dass sein Körper irgendwann gesagt hat: „Es reicht.““ Er schloss kurz die Augen. „Und dass niemand, der jetzt „Trauer“ twittert,
eine Ahnung davon hat, was er für mich war. Weil niemand wissen darf, was wirklich passiert ist.“ Die Therapeutin nickte. „Das ist das Schlimme an verdeckten Geschichten,“ sagte sie. „Du trägst eine Wahrheit, die du nur mit sehr wenigen teilen kannst. Und du siehst gleichzeitig, wie eine andere Wahrheit in der Öffentlichkeit wächst. Das macht einsam.“ Das Wort traf. Einsam. „Ja,“ flüsterte Lukas. Trauer darf widersprüchlich sein „Was fühlst du, wenn du an Patrik denkst?“ fragte sie dann vorsichtig. „Und was, wenn du an Erling denkst? Du darfst beides sagen.“ Lukas schwieg lange. Dann: „Bei Patrik… ist es kompliziert,“ sagte er. „Ein Teil von mir ist wütend. Ein Teil hat Angst vor ihm, obwohl er tot ist. Ein Teil… ist traurig, weil kein Mensch so kaputt sein sollte, dass er so etwas tut.“ Er zog die Schultern hoch. „Bei Erling… fühlt es sich an, als hätte man mir jemanden weggerissen, der gleichzeitig Freund, großer Bruder und… lebende Schutzmauer war.“ Er sah sie kurz an. „Und ich schäme mich, weil ich manchmal mehr um ihn weine als um meinen eigenen Vater, obwohl der ja auch einiges mit mir gemacht hat.“ „Scham ist ein sehr strenger Richter,“ sagte sie ruhig. „Du musst dich nicht schämen dafür, dass du um den trauerst, der für dich da war. Blutsverwandtschaft entscheidet nicht, wie viel Schmerz ein Verlust macht.“ Er ließ diesen Gedanken sacken. Was jetzt? – Kleine Schritte „Wir können in der alles
keine ergibt,“
Lösung sagte
bauen, sie.
„Das wäre gelogen. Aber wir können anfangen, dich stabiler zu machen.“ „Wie?“ fragte er leise. „Zum Beispiel,“ sagte sie, „indem wir zwei Dinge parallel erlauben: 1. Du darfst um ihn trauern. Richtig. Mit allen Gefühlen, allen Tränen, allen Fragen. 2. Du darfst weiterleben. Ohne dass das Verrat ist.“ „Es fühlt sich aber wie Verrat an,“ sagte Lukas sofort. „Gefühle sind manchmal schlechte Juristen,“ antwortete sie. „Ich würde gern mit dir etwas machen, wenn du einverstanden bist.“ Sie nahm ein Blatt Papier, legte es vor ihn hin und zog eine linie in der Mitte. Links schrieb sie: „Erling – was er für mich war“ Rechts: „Ich – was ich jetzt noch tun kann“ „Wir fangen links an,“ sagte sie. „Du musst nicht alles heute ausfüllen. Nur das, was dir zuerst einfällt.“ Lukas nahm langsam den Stift. Die Hand zitterte leicht. Er schrieb: • „hat mich ernst genommen“ • „hat mich nicht als „Fall“ gesehen“ • „hat mich beschützt, auch wenn es gefährlich war“ • „hat aus mir keinen „Projektmenschen“ gemacht • „hat nicht gelacht, wenn ich wegen Katheter, Rollstuhl oder Autismussachen überfordert war“ Er legte den Stift kurz hin. „Gut,“ sagte die Therapeutin. „Und jetzt rechts: Was kannst du heute tun, damit das, was er für dich war, nicht einfach nur verschwindet?“ Lukas starrte die leere Hälfte an. „Ich… kann…“ Er dachte. Dann schrieb er vorsichtig: • „in Therapie bleiben“ • „weiter erzählen, was mir passiert ist, statt alles zu verdrängen“ • „anderen Menschen helfen, die ähnlich ausgelacht werden wie ich“ • „versuchen, nicht denselben Weg wie mein Vater zu gehen“ • „weiterleben, auch wenn es sich unfair anfühlt“ Der letzte Punkt fiel ihm am schwersten. Er schrieb ihn trotzdem. Seine Hand zitterte stärker, als die Buchstaben entstanden.
Am Ende der Sitzung Die Therapeutin ließ ihm kurz Zeit, das Geschriebene anzusehen. „Das hier,“ sagte sie nach einer Weile sanft und tippte auf das Blatt, „ist kein fertiger Plan. Aber es ist ein Anfang.“ Lukas nickte. „Darf ich das Blatt mitnehmen?“ fragte er leise. „Es ist deins,“ sagte sie. „Nimm es mit. Du kannst es ins Mutbuch kleben. Oder irgendwohin, wo du es sehen kannst, wenn dein Kopf dir wieder erzählt, dass du „verrätst“, wenn du weiteratmest.“ Er nahm das Blatt, faltete es vorsichtig zusammen, als sei es etwas Zerbrechliches. Am Ende der Stunde, als er schon an der Tür stand, fügte sie noch hinzu: „Und Lukas?“ Er drehte sich um. „Dass du hier sitzt,“ sagte sie, „ist das Gegenteil von Verrat. Es ist das, was die meisten Menschen, die dich wirklich lieben, sich für dich wünschen würden.“ Nicht „würden“. Wünschen. Er schluckte. „Auch er?“ brachte er hervor. Sie lächelte sehr, sehr traurig. „Ich kenne ihn nicht persönlich,“ sagte sie, „aber aus allem, was du erzählt hast, klingt er wie jemand, der nicht wollte, dass dein Leben an diesem einen Tag endet.“ Lukas nickte langsam. Es war kein „alles wird gut“, kein „jetzt ist es vorbei“. Aber es war ein Satz, an den er sich klammern konnte, wenn nachts der Schuss, die Axt, Patriks Blick, das röchelnde Atmen und die Eilmeldung alle gleichzeitig in seinem Kopf auftauchten.
Zuhause – ein kleiner Schritt Zu Hause legte Lukas das Blatt nicht sofort ins Mutbuch. Er klebte es an die Innenseite seines Kleiderschranks, da, wo nur er es sah, wenn er ihn öffnete. Links die Spalte: „Erling – was er für mich war“ Rechts: „Ich – was ich jetzt noch tun kann“ Darunter schrieb er, ganz klein: „44. Tag: Ultimatum • 14 Tage: Ich atme noch.“ Dann schloss er den Schrank. Im Wohnzimmer lief wieder irgendein Bericht über den verstorbenen Star. Mit Trikots, Toren, Pokalen. Lukas ging kurz vorbei, sah hin, aber blieb nicht stehen. Für sie ist er eine Legende, dachte er. Für mich war er jemand, der mir gezeigt hat, wie man trotz all dem Wahnsinn noch lacht. Er ging in sein Zimmer, setzte sich an den Schreibtisch, schlug das Mutbuch auf und schrieb: „Heute habe ich nicht nur verloren. Ich habe auch etwas angefangen. Und ich hoffe, egal wo er jetzt ist, dass er sieht, dass ich es wenigstens versuche.“ Die Trauer blieb. Der Schmerz blieb. Die Lücke blieb. Aber zum ersten Mal seit diesem Tag gab es einen Millimeter Platz neben all dem für etwas anderes: Den Gedanken, dass er weiterleben durfte, ohne dass das automatisch bedeutete, dass alles, was vorher war, verraten wurde. Der nächste Tag begann leiser, aber nicht leichter. Morgen – die Frage, ob man überhaupt hingeht Lukas wachte früher auf als sonst. Nicht, weil er sondern weil sein Kopf ihn wach hielt.
Er lag im Bett, starrte an die Decke und fühlte dieses bekannte Ziehen in der Brust – Trauer, Schuld, Überforderung, alles in einem. Die Nachricht von gestern, dass Erling offiziell „verstorben“ war, hing immer noch wie Rauch im Zimmer. Aber heute war da noch etwas anderes. Seine Mutter hatte gestern Abend, nachdem er von der Therapie zurück war, an seine Tür geklopft. Sie war in den Rahmen gelehnt, hatte tief Luft geholt und dann gesagt: „Lukas… die Freundin von Patrik hat sich gemeldet. Sie ist zurzeit bei ihren Eltern. Sie… möchte mit dir sprechen. Nur, wenn du willst. Du musst nicht.“ Er hatte nur genickt, weil Worte zu schwer waren. Und sie hatte hinzugefügt: „Sie hat gesagt, sie möchte sich bei dir entschuldigen. Für alles. Für den Tag. Für die Waffe. Für… alles.“ Der Satz hing jetzt noch nach, während er im Bett lag. Entschuldigen. Wie entschuldigt man sich dafür, jemanden erschossen zu haben? Oder dafür, die Waffe erst auf dich, dann auf sich selbst gerichtet zu haben? Er wusste nicht, ob er hin wollte. Ein Teil in ihm brüllte: NEIN. Genug. Keine Wohnungen mehr, keine Gespräche mehr, keine neuen Bilder in deinem Kopf. Ein anderer Teil wusste, dass diese Begegnung kommen würde – früher oder später. Und dass er lieber dabei sein wollte, als irgendwann zufällig auf der Straße mit ihr zusammenzustoßen. Küche – Tee, Mutter und Entscheidung Er schleppte sich in die Küche. Die Mutter saß teilweise in ihre eigene Tasse teilweise in Gedanken. „Morgen,“ murmelte er. „Morgen,“ sagte sie leise zurück. Sie musterte ihn als würde sie eine
Tisch, versunken,
vorsichtig, ansehen,
die man nicht berühren darf, aber im Blick behalten muss. „Ich… muss dich das nicht fragen,“ begann sie vorsichtig, „aber… denkst du darüber nach, ob du heute hingehst?“ Lukas setzte sich langsam. Er starrte auf die Tischplatte, strich mit dem Finger über eine kleine Kerbe im Holz. „Ja,“ sagte er. „Aber keine Ahnung, ob ich’s kann.“ „Du musst es nicht für sie tun,“ sagte seine Mutter. „Du darfst es nur tun, wenn du glaubst, dass es dir irgendwann hilft.“ Das war das Problem. Er wusste nicht, ob es helfen würde. Er wusste nur, dass das Fehlen eines Besuchs sich irgendwann anfühlen könnte wie ein Loch, das er selbst gelassen hatte. „Wo… ist sie?“ fragte er schließlich. „Bei ihren Eltern,“ sagte die Mutter. „In einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Sie steht unter Beobachtung, aber sie ist nicht in Untersuchungshaft. Die Polizei wertet es als Notwehr, also eher… Schutz, Therapie, Betreuung. Kein Gefängnis.“ Keine einfachen Rollen. Kein klarer „böse/gut“-Stempel. „Wenn du hingehst,“ fügte die Mutter hinzu, „bring ich dich hin. Ich setz dich nicht alleine in eine Bahn und sag „viel Spaß“. Und wenn du vor der Tür sagst: „Ich kann nicht“, dann drehen wir einfach wieder um. Keiner stirbt daran.“ Lukas schnaubte leise, es klang wie ein kaputter Versuch von Humor. „Einer ist schon gestorben,“ murmelte er. Sie zuckte kurz zusammen, sagte aber nichts dagegen. Manches war zu wahr, um es wegzudrücken. Vorbereitung – und der Zettel im Schrank In seinem Zimmer stand Lukas vor dem Kleiderschrank. Er öffnete die und sein Blick fiel automatisch auf das er gestern dort angeklebt hatte: „Erling – was er für „Ich – was ich jetzt noch tun kann“ Er las besonders den letzten Punkt noch einmal: „weiterleben, auch wenn es sich unfair anfühlt“ Er atmete durch.
Tür Blatt, war“
Weiterleben heißt auch, Dinge nicht für immer aufschieben, dachte er. Manchmal heißt es, an Orte zu gehen, an die man nicht will – aber nicht, weil man bestraft werden muss, sondern weil man sonst immer davor Angst hat. Er zog sich leise an: • eine Jeans, • ein schlichtes T-Shirt, • der Hoodie, • die Jacke. Nichts Besonderes. Alltagsrüstung. Das Handy wanderte in die Tasche, das Mutbuch ließ er diesmal bewusst zuhause. Er wollte nicht alles mitnehmen. Noch einmal sah er auf den Kleiderschrankzettel. Er würde vielleicht sagen: „Geh hin. Hör dir an, was sie zu sagen hat. Aber lass dir keine neue Schuld geben.“ Der Gedanke tat weh und half gleichzeitig. Die Fahrt – zu zweit im Auto Seine Mutter fuhr. Die Straßen wirkten langsamer als sonst. Winternachmittagslicht, graue Fassaden, nasse Straßen. Im Radio dudelte irgendein belangloser Popsong, der nicht zum Tag passte. Sie schaltete ihn aus. „Wenn du willst, reden wir,“ sagte sie. „Wenn du nicht willst, lassen wir’s.“ Lukas lehnte den Kopf an die Scheibe. „Ich weiß nicht, was ich erwarten soll,“ sagte er. „Ich weiß nur, dass ich nicht… wieder in einen Raum laufen will, ohne zu wissen, was mich erwartet.“ „Das hier ist nicht Patriks Wohnung,“ sagte sie ruhig. „Kein Hinterhalt. Keine Axt. Kein „unter vier Augen, komm allein, Tür ist angelehnt“. Sie hat über ihre Eltern und über die Polizei angefragt. Das hier passiert nicht hinter dem Rücken von irgendwem.“ Das war ein wichtiger Unterschied. Er merkte, wie sein Körper bei dem Gedanken minimal weniger spannte. „Hast du Angst vor ihr?“ fragte die Mutter, nicht vorwurfsvoll. Lukas dachte kurz nach. „Ja,“ sagte er ehrlich. „Aber anders als vor ihm. Bei ihm war es… pure Bedrohung.
Bei ihr kompliziert.“ „Weil sie ihn geliebt hat,“ „Und trotzdem die ihn gestoppt hat.“ „Ja.“ Sie fuhren eine Weile schweigend weiter.
ist ergänzte seine diejenige
leise. ist,
Die Wohnung der Eltern – anderer Flur, andere Luft Das Haus, in das sie fuhren, war älter, eine von diesen grauen, abgewohnten Wohnblöcken am Stadtrand. Kein dramatisches Viertel, nur dieses typische: etwas in die Jahre gekommen, aber nicht völlig runter. Im Treppenhaus roch es nach Putzmittel und Suppe. Sie gingen die Stufen hoch. Die Mutter hatte die Wohnung vorher telefonisch angekündigt bekommen. „Dritte Etage, rechts,“ hatte man ihr gesagt. Vor der Tür war ein kleines Namensschild, der Nachname ihrer Eltern, nicht ihr eigener. Lukas’ Bauch krampfte kurz. Andere Tür. Andere Menschen. Andere Situation, sagte er sich innerlich. Seine Mutter klingelte. Einen Moment später wurde die Tür geöffnet. Eine Frau mittleren Alters stand im Rahmen – das musste die Mutter der Freundin sein. Ihr Gesicht sah müde aus, Falten tiefer als nötig, die Augen gerötet. „Frau Zimmermann?“ fragte sie leise. „Ja,“ sagte seine Mutter. Die Frau nickte, blickte kurz zu Lukas. In ihren Augen lag keine Abwehr, kein Hass. Nur… Leid. „Kommt rein,“ sagte sie. „Sie… wartet im Wohnzimmer. Wenn es zu viel wird, sagt einfach. Wir sind… alle überfordert.“ Der Satz war ehrlicher als viele Floskeln. Das Wohnzimmer – und sie Das Wohnzimmer aber ordentlich.
Ein altes Sofa, ein kleiner Couchtisch, ein Fernseher, ein Regal mit Familienfotos. Auf einem dieser Fotos sah man Patrik und sie – lächelnd, irgendwo bei einem Fest, Arm um Arm. Lukas zwang sich, nicht zu lange hinzusehen. Auf dem Sofa saß sie. Patriks Freundin. Sie wirkte dünner als an dem Tag in der Wohnung, bleicher, als wäre ein Teil Farbe aus ihr herausgelaufen. Ihre Haare waren zu einem unordentlichen Zopf gebunden, sie trug einen zu großen Hoodie, eine Jogginghose, keine Schminke. Ihre Hände lagen ineinander verschränkt in ihrem Schoß. Die Knöchel waren weiß vor Anspannung. Als Lukas ins Zimmer kam, hob sie den Kopf. Ihre Augen waren rot, aber nicht frisch verheult. Eher: zu viel geweint in zu kurzer Zeit. Sie stand langsam auf. Die Mutter blieb an der Tür stehen, die Mutter der Freundin setzte sich auf einen Stuhl am Rand. Sie wollten da sein, aber nicht dazwischen stehen. „Hallo,“ sagte sie leise. Ihre Stimme zitterte. „Danke… dass du gekommen bist.“ Lukas schluckte. „Hallo,“ brachte er hervor. Mehr ging erstmal nicht. Der erste Versuch, Worte zu finden Sie deutete auf das Sofa. „Möchtest du…?“ fragte sie. Er setzte sich auf ließ bewusst Platz zwischen ihnen. Sie blieb einen als müsste sie wie nah sie sich setzen durfte. Dann setzte sie sich ans andere Ende. Der Tisch dazwischen wirkte wie eine neutrale Zone. Niemand sprach zuerst. Es war diese die nicht
Moment erst
stehen, messen,
Stille, war,
sondern voll mit die beide nicht aussprechen konnten. Schließlich atmete sie tief durch. „Ich weiß wo ich anfangen soll,“ sagte „Es gibt kein richtig Es gibt kein „so entschuldigt man sich für das, was passiert ist“.“ Ihre Hände zitterten sie presste sie fester ineinander. „Aber… ich wollte dass… das so dass wir uns nur in… diesem Du auf dem er mit der ich mit der Pistole.“ Lukas’ Hals schnürte sich kurz zu. „Ich auch nicht,“ flüsterte er.
nicht, leise. dafür. mehr,
nicht, bleibt, kennen. Boden, Axt,
Ihre Entschuldigung – roh, brüchig, echt Sie holte einmal Luft, als würde sie unter Wasser tauchen. „Lukas,“ begann sie, und zum ersten Mal benutzte sie seinen Namen. „Es tut mir leid,“ sagte sie. Die Stimme brach schon beim „leid“. „Es tut mir leid für… alles.“ Sie hob den Blick, tränenverhangen. „Es tut mir leid, dass ich ihn nicht früher gestoppt habe,“ stieß sie hervor. „Dass ich… so lange mitgemacht habe, wenn er über euch geredet hat. Über dich, deine Mutter, dein Zuhause. Ich hab gehört, wie er geredet hat. Ich hab es gesehen. Ich hab es… schön geredet. Hab mir eingeredet: „Er ist nur verletzt, er meint es nicht so.““ Sie schüttelte den Kopf, Tränen liefen jetzt wieder. „Ich hätte viel früher sagen müssen: „Das ist zu viel. Das ist nicht mehr nur Wut. Das ist Hass. Das ist gefährlich.“ Und ich… hab es nicht.“ Sie schluckte.
„Es tut mir leid, dass ich an diesem Tag… diese Waffe in der Hand hatte. Dass du sie erst auf dich gerichtet gesehen hast. Ich… war nicht ich. Ich war Schock, Panik, alles gleichzeitig. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass du zum zweiten Mal in deinem Leben den Lauf einer Pistole auf dich gerichtet gesehen hast – diesmal von jemandem, der eigentlich das Gegenteil sein sollte.“ Ihre Stimme brach endgültig, sie musste kurz die Hand vor den Mund legen, um nicht zu ersticken. Lukas hörte zu, die Finger krampfhaft um das Hosenbein gekrallt. „Und es tut mir leid,“ flüsterte sie schließlich, „dass Erling… dass er…“ Sie brachte das Wort nicht raus. „…dass er tot ist,“ half Lukas leise, unfassbar vorsichtig. Sie nickte nur heftig, als könnte sie es nicht sagen, aber genau wusste, was er meinte. „Ich weiß,“ flüsterte sie, „dass du ihn geliebt hast. Auf deine Art. Und ich… hab gesehen, wie er dich angesehen hat. Als wärst du nicht die Last, sondern der Mensch, für den er gerne kämpft.“ Sie wischte sich die Tränen grob mit dem Ärmel weg. „Ich wollte dir das nicht wegnehmen,“ sagte sie. „Ich wollte niemandem… irgendwas wegnehmen. An diesem Tag wollte ich eigentlich nur, dass er aufhört. Dass er aufhört zu schlagen, zu schreien, zu drohen. Dass er aufhört, noch jemanden kaputt zu machen.“ Ihr Blick wanderte kurz weg, an ihm vorbei, irgendwo ins Nichts. „Und jetzt,“ flüsterte sie, „ist er weg.
Und ich war diejenige, die den Schuss abgegeben hat.“ Sie sah ihn wieder an. „Ich erwarte nicht, dass du mir verzeihst,“ sagte sie. „Ich erwarte nicht mal, dass du mich irgendwann normal ansehen kannst. Aber ich wollte, dass du hörst, dass es mir leid tut. Nicht als „ich will mich selbst reinwaschen“, sondern als: „Ich weiß, dass ich Teil des Schreckens war, den du erlebt hast.““ Lukas’ Antwort – ehrlich, ohne große Worte Lukas saß da, als hätte man ihn an den Stuhl genagelt. Jeder Satz von ihr war wie ein Gewicht, das auf den Tisch gelegt wurde. Keines davon hebte das andere auf. Sie lagen nebeneinander: • Schuld, • Reue, • Liebe zu Patrik, • Scham, • Trauer um Erling, • Schmerz. Er brauchte Zeit, um Worte zu finden, die nicht einfach aus Reflex kamen. „Ich weiß nicht, ob ich schon verzeihen kann,“ sagte er schließlich, ehrlich. Sie nickte sofort, fast erleichtert, weil er nicht so tat, als wäre das hier eine Fernsehserie, wo man nach einem Gespräch „alles gut“ sagt. „Ich weiß nicht mal, ob „verzeihen“ überhaupt das richtige Wort ist,“ fuhr er fort. „Ich… steh irgendwo zwischen: „Du hast mich fast erschossen“, „Du hast ihn gerettet“, „Du hast Patrik getötet“, „Du lebst noch, und ich auch“, und „Erling nicht“. Und das… passt alles nicht in ein Wort. Oder in ein Gefühl.“ Ein kurzes, bitteres Lachen kam ihm über die Lippen.
„Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich mal vor der Freundin meines Cousins sitze und sagen muss: „Du hast meinen größten Beschützer verloren und gleichzeitig mein Leben gerettet“, hätte ich gesagt, dass das ein extrem schlechter Film ist.“ Sie schniefte, musste trotz der Tränen kurz auflachen – ein kaputtes, trauriges Lachen. „Ja,“ flüsterte sie. „Schlechter Film.“ Lukas sah auf seine Hände. „Ich glaube dir, dass du ihn geliebt hast,“ sagte er. „Ich glaube dir auch, dass du an dem Tag nicht wach geworden bist und gedacht hast: „Heute erschieß ich meinen Freund.“ Und ich weiß, dass er an dem Tag nicht wach geworden ist und gedacht hat: „Heute erschieß ich meinen Cousin.“ Und trotzdem bin ich fast gestorben, und er ist tot.“ Er hob den Blick. „Ich habe Angst vor dir gehabt, als ich in der Wohnung lag und dich mit der Waffe gesehen habe,“ sagte er. „Ich hab auch Angst vor dir gehabt, als ich gehört habe, dass du mit mir reden willst. Nicht, weil ich denke, dass du mir jetzt was antust – sondern, weil du mich an alles erinnerst.“ Sie nickte. In ihren Augen stand: Ich weiß. „Aber,“ fügte er hinzu, „ich hab gestern in der Therapie gelernt, dass ich nicht alle Schuld auf mich laden muss. Und auch nicht alle Schuld auf dich. Du warst in dem Moment genauso überfordert wie ich. Nur… mit einer Waffe in der Hand.“ Es war hart, aber nicht bösartig. „Ich weiß nicht, ob ich „verzeihe“,“ wiederholte er. „Aber… ich möchte nicht, dass du dein ganzes Leben lang denkst, ich würde dich nur als „die sehen, die ihn erschossen hat“ sehen. Du warst auch jemand, der gestoppt hat, dass eine Axt auf mich runtergeht.“ Das war vielleicht das erste kleine Stück Anerkennung, das sie seit dem Tag bekommen hatte.
Sie schluchzte mehr vor Erleichterung als wegen eines neuen Schmerzes. „Danke,“ flüsterte „Das ist… als ich erwartet habe.“
auf, sie. mehr,
Schuld-Pingpong stoppen Eine Weile schwiegen sie. Dann sagte sie leise: „Die Polizei… die Anwälte… alle sagen mir immer wieder: „Es war Notwehr. Es war Nothilfe.“ Sie sagen, ich muss mir keine Schuld geben.“ Sie sah ihn an. „Aber wenn ich nachts aufwache,“ flüsterte sie, „seh ich zwei Dinge: wie er mit der Axt vor dir steht und wie er fällt. Und beides kommt von mir.“ Lukas nickte langsam. „Willkommen im Club,“ murmelte er bitter. „Wenn ich nachts aufwache, seh ich, wie er die Waffe auf mich richtet und wie Erling vor mir keucht. Und wie ich nichts mehr tun kann, weil mein Körper einfach aussteigt.“ Er sah sie an. „Sie haben dir gesagt, du bist nicht schuld,“ sagte er. „Sie haben mir gesagt, ich bin nicht schuld. Vielleicht ist es an uns, nicht die Rolle zu übernehmen, die Patrik uns immer geben wollte.“ „Welche?“ fragte sie leise. „Dass immer einer der Böse ist und einer das Opfer,“ sagte Lukas. „Vielleicht sind wir beides: verletzte Menschen, die in etwas geraten sind, das viel zu groß war für alle. Und jetzt müssen wir gucken, wie wir aus den Trümmern was machen, ohne uns gegenseitig zu erschießen.“ Der Satz war brutal ehrlich, aber im Kern nicht falsch.
Etwas an ließ sie schwach lächeln. Ein trauriges, aber echt.
Ein leiser Abschied mit offenem Ende Nach einer Weile stand seine Mutter auf, die ganze Zeit still gewesen, aber aufmerksam. „Wir sollten langsam gehen,“ sagte sie sanft. „Der Tag… war schon groß genug.“ Lukas nickte. Er stand auf, unsicher, ob er ihr die Hand geben sollte, sie umarmen, oder einfach nur nicken. Sie stand ebenfalls. Einen Moment lang standen sie sich einfach gegenüber. Dann streckte sie zögernd die Hand aus. Nicht, als würde sie Rechte einfordern, sondern fast wie eine Bitte: Bitte sieh mich als Mensch. Nicht nur als Tat. Lukas sah die Hand an, für einen Herzschlag zu lang. Dann nahm er sie. Ihr Händedruck war schwach, unsicher, aber nicht kalt. „Wenn du irgendwann… mit mir reden willst,“ sagte sie vorsichtig, „oder wenn du mich wieder nicht sehen kannst – beides ist okay. Ich halte dir nichts nach. Nie wieder.“ „Ich… weiß nicht, ob ich nochmal komme,“ sagte Lukas ehrlich. „Aber… ich bin froh, dass ich heute da war.“ Es war kein großes Versprechen, aber es war keine endgültige Abweisung. Seine Mutter und er verabschiedeten sich von ihren Eltern. Bevor er ging, sah er ein letztes Mal auf das Foto im Regal: Patrik und sie, lachend. Er blieb stehen, sah es an. Du hast uns fast umgebracht, dachte er. Aber am Ende hat dich jemand gestoppt,
der dich Das ist als manch anderer in deinem Leben getan hat. Er sagte es nicht laut. Er drehte und ging.
Zurück im Auto – ein kleines bisschen mehr Luft Im Auto war es still. Seine Mutter sah ihn kurz an, startete den Motor. „Wie fühlst du dich?“ fragte sie leise, als sie losfuhren. Er dachte lange nach, bevor er antwortete. „Nicht besser,“ sagte er. „Aber… auch nicht schlimmer. Nur…“ Er suchte das Wort. „… voller. Als hätte man neue Seiten im selben Buch aufgeschlagen.“ „Manchmal,“ sagte seine Mutter, „ist das ein Anfang.“ Er lehnte den Kopf wieder ans Fenster. Draußen zogen die Häuser vorbei, der Himmel blieb grau, die Welt drehte sich weiter, ohne Rücksicht. In seinem Kopf war keine Heilung, kein „alles ist gut“. Aber es war eine neue Tatsache: • Er war Patriks Freundin nicht mehr nur als „die mit der Waffe“ begegnet, • sie war ihm nicht mehr nur „die, die ihn getötet hat“, sondern auch als jemand, der genauso unter dem Tag litt wie er. Zu Hause würde wieder das Blatt im Schrank hängen, mit den Spalten „Erling“ und „Ich“. Heute hätte er einen neuen Punkt ergänzen können, wenn er gewollt hätte: „Mit Menschen reden, auch wenn sie Teil des Schmerzes sind.“ Noch schrieb er ihn nicht auf. Aber irgendwo hatte der Gedanke sich schon einen kleinen Platz reserviert. Der Tag nach dem Besuch bei Patriks Freundin begann seltsam still. Nicht diese angenehme Stille nach einem guten Tag, sondern diese Art Ruhe, die sich nach einem Sturm einstellt, wenn alles noch nass ist, aber der Regen aufgehört hat. Morgen – eine Nachricht, mit der er nicht gerechnet hat
Lukas saß am Küchentisch, eine halbvolle Tasse Kakao vor sich, die er mehr hielt als trank. Die Nacht war unruhig gewesen: Bilder von Patriks Wohnung, von der Freundin, von Erling, von Blaulicht, alles übereinander. Die Mutter stand am Herd, tat so, als würde sie ganz normal den Tag starten: Brötchen aufbacken, Butter rausstellen, Marmelade, Käse, der übliche Kram. Das Telefon klingelte. Nicht das Handy, sondern das alte Festnetz in der Küche. Die Mutter und Lukas zuckten gleichzeitig leicht. „Wer ruft denn aufs Festnetz…“ murmelte sie und ging ran. „Hallo? … Ja, hier Zimmermann.“ Ihre Stimme veränderte sich minimal – eine Art angespannte Höflichkeit. Lukas schaute automatisch hoch. Er sah, wie sie kurz auf die Küchenuhr sah, dann zur Tür, dann in seine Richtung. „Ja… ja, er ist da,“ sagte sie. „Einen Moment.“ Sie hielt den Hörer zu. „Lukas,“ sagte sie ruhig, „es ist für dich. Aus dem Krankenhaus.“ Sein Herz stolperte. „Wegen…?“ fragte er heiser. „Erling,“ sagte sie leise. „Sie wollen mit dir sprechen.“ Sein Magen machte einen Satz, den er nicht einordnen konnte. Wie „Krankenhaus“, wenn die Nachrichten gesagt haben, er ist tot? Seine Beine fühlten sich weich an, aber er stand auf, nahm den Hörer. „H… hallo?“ brachte er hervor. Die Stimme auf der anderen Seite war ruhig, sachlich, mit leichtem Akzent. „Guten Morgen, Lukas,“ sagte der Mann. „Mein Name ist Dr. Hansen, ich betreue Erling medizinisch. Deine Mutter hat vor zwei Wochen die Vollmacht unterschrieben, dass wir dich informieren dürfen, wenn es Neuigkeiten gibt.“ Lukas’ Finger verkrallten sich um den Hörer.
„Aber… in den Nachrichten…“ stotterte er. „Die haben gesagt… er wäre…“ „Für die Öffentlichkeit,“ unterbrach ihn der Arzt sanft, „ist er verstorben. Das ist eine Schutzentscheidung des Vereins und der Sicherheitsbehörden. Wir bitten dich ausdrücklich, diese Information bei dir zu behalten.“ Es war, als hätte jemand den Boden unter ihm weggezogen und gleichzeitig eine Matte hingelegt. „Er… lebt?“ flüsterte Lukas. „Er hat nur sehr knapp überlebt,“ sagte der Arzt. „Seine Kehle war schwer verletzt, es gab Komplikationen, sein Kreislauf ist mehrfach instabil geworden. Aber er hat sich durchgebissen. Er spricht mittlerweile wieder – leise, heiser, aber er ist geistig klar.“ Lukas’ Augen füllten sich schlagartig wieder mit Tränen. Er musste sich am Tisch festhalten. „Und… warum…?“ er rang nach Worten. „Warum sagen alle…?“ „Weil es Menschen gibt,“ sagte der Arzt vorsichtig, „die nach dem, was passiert ist, ein Interesse daran haben könnten, dass er verschwindet – im echten Sinn. Daher ist es aus Sicherheitsgründen besser, wenn er offiziell nicht mehr existiert. Es geht um seinen Schutz. Und auch um euren.“ Er musste sich setzen. Die Mutter legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du kannst ihn sehen,“ fügte der Arzt hinzu. „Er hat ausdrücklich darum gebeten. Er wird in zwei, drei Tagen in eine Reha-Klinik verlegt, irgendwo, wo die Öffentlichkeit ihn nicht erwartet. Heute oder morgen wäre ein guter Zeitpunkt.“ Lukas schluckte. „Heute,“ sagte er sofort. Das Wort war schneller als sein Verstand. „Gut,“ sagte der Arzt. „Dann erwarte ich dich gegen Nachmittag. Deine Mutter hat die Adresse. Bring bitte einen Ausweis mit. Und keine Angst: das hier ist kein Hinterhalt. Nur ein Krankenzimmer.“ Das letzte klang fast so, als wisse der Arzt, wovon er sprach.
Auf dem Weg – zwischen Angst und Hoffnung Im Auto war die Atmosphäre anders als am Tag zuvor. Gestern, auf dem Weg zur Freundin, hatte Lukas vor allem Angst vor Erinnerungen gehabt. Heute war da etwas Neues: eine rohe, fast schmerzhafte Hoffnung. „Ich dachte…“ begann er leise, während seine Mutter fuhr, „ich dachte, ich hätte ihn verloren.“ „Ich auch,“ sagte sie ehrlich. „Sie haben uns sehr wenig gesagt. Nur, dass er in kritischem Zustand ist, mehrmals. Und dass wir niemandem erzählen dürfen, dass er überhaupt noch lebt. Es war… surreal.“ „Und warum haben sie gesagt, er ist tot?“ fragte Lukas. Die Worte schmeckten bitter. „Weil es sein könnte,“ sagte sie vorsichtig, „dass er so mehr Ruhe bekommt. Keine Reporter, keine Verrückten, keine Leute, die glauben, sie hätten Anspruch auf seine Zeit. Und weil du weißt, dass wir nicht nur einen verrückten Cousin hatten, sondern auch eine alte Dame, die bereit war, Leute umzubringen. Die Polizei hat nach dem Tag entschieden: Entweder komplett schützen – oder am Ende ist wirklich jemand tot.“ „Jemand ist tot,“ murmelte Lukas. Sie nickte. „Ja,“ sagte sie. „Aber du nicht. Und er auch nicht. Noch.“ Das „noch“ war keine Drohung, sondern nur die ehrliche Feststellung, wie knapp das alles gewesen war. Klinik – andere Welt Die Klinik war groß, mit viel Glas. Von außen hätte es wenn nicht das Schild gestanden hätte. Sie gingen durch die automatische Tür. Drinnen: steriler
außerhalb auch
Stadt, modern, können, parkten, Geruch,
dezente Möbel, freundliche, aber kontrollierte Blicke. Am Empfang nannte die Mutter ihren Namen. Die Frau am Tresen prüfte etwas im System, nickte, gab ihnen Besucherausweise. „Bitte keine Fotos, keine Aufnahmen,“ sagte sie. „Handys im Zimmer lautlos schalten. Zimmer 314, dritter Stock. Jemand wird Sie dort erwarten.“ Der Fahrstuhl fuhr langsam. Lukas starrte auf die Anzeige: 1… 2… 3. Beim „3“ fühlte es sich an, als würde sein Magen einen Salto machen. Die Türen öffneten sich. Ein Mann im weißen Kittel, Dr. Hansen, stand schon da. Sein Blick war ruhig. „Lukas?“ fragte er. Lukas nickte. „Erling ist wach,“ sagte der Arzt. „Er weiß, dass du kommst. Seine Stimme ist noch angegriffen, er wird nicht viel reden können und er belastet schnell. Aber er wollte dich unbedingt sehen.“ „Ist er…?“ Lukas musste die Frage stellen. „Ist er noch… er selbst?“ Der Arzt nickte. „Sehr,“ sagte er. „Vielleicht… sogar mehr, als es manch ein Vereinsmanager gern hätte.“ Ein winziger Hauch von Humor. „Seid ihr bereit?“ Lukas atmete tief ein. „So bereit, wie ich werde,“ murmelte er. Zimmer 314 – der erste Blick Dr. Hansen klopfte leicht, öffnete die Tür. „Besuch für dich,“ sagte er in den Raum hinein und trat beiseite. Lukas machte vorsichtig einen Schritt nach vorne. Das Zimmer war hell, ein Fenster mit Blick auf Bäume, ein Bett, ein kleiner Tisch, ein Fernseher, ein Stuhl, ein paar medizinische Geräte.
Und im Erling. Nicht im nicht als strahlender nicht als Bild aus den Nachrichten. Sondern als dessen Körper gerade durch die Hölle gegangen war. Er war blasser als ein bisschen die Haare etwas ein dünner Bartansatz. Am Hals sah man eine frische leicht mit Steri-Strips abgeklebt die Spur der die seine Luftröhre gerettet hatte. Neben ihm stand ein kleiner der seine Werte im Hintergrund ein leises Piepen. Erling drehte den Kopf zur Tür. Und dann passierte das all die Geräte, all die all die Narben wichtigsten machte. Er lächelte. Nicht nicht aber eindeutig. „Hei,“ krächzte Seine Stimme war heiser, ungewohnt als hätte jemand Sand darüber gestreut. Lukas’ Knie wurden weich. „E… Erling,“ brachte er hervor. Dr. Hansen machte eine kleine Geste zur Mutter: „Wir lassen die beiden besser erstmal,“ sagte er. Die Mutter legte Lukas kurz eine Hand auf den dann gingen sie nach draußen. Die Tür schloss sich leise. Lukas war plötzlich allein mit ihm. Zwischen Leben und Schuld Er blieb einen Moment wie angewurzelt an der Tür stehen. Erling hob eine Hand deutete auf den Stuhl neben dem Bett. „Setz dich,“ krächzte „Ich beiße nicht. Noch weniger als sonst.“ Der Witz war aber eindeutig er.
Bett: Trikot, Stürmer, Mensch, sonst, abgemagert, länger, Narbe, gerötet, – OP, Monitor, überwachte, etwas, Nähte, breit, laut, er. rau, tief,
nickte, Rücken,
leicht, er. holprig,
Lukas schniefte kurz, wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und ging zum Stuhl. Er setzte sich, die Hände auf den Knien, als müsste er sich beweisen, dass das hier echt war. Erling musterte ihn. „Du siehst beschissener aus als ich,“ murmelte er. „Und das will was heißen.“ Lukas lachte auf, aber es klang wie ein Schluchzen. „Sie haben gesagt, du bist tot,“ stieß er hervor. „Im Fernsehen. Im Internet. Überall. Ich… ich hab geglaubt… ich hab dich verloren.“ Erling nickte langsam. „Ich weiß,“ sagte er. „Es war… ihr Plan. Für die Welt bin ich weg. Für ein paar Leute… nicht.“ Seine Stimme brach kurz, er musste sich räuspern, was hörbar schmerzte. „Tut das… weh?“ fragte Lukas vorsichtig und deutete auf seinen Hals. Erling verzog kurz das Gesicht, lächelte trotzdem. „Wie eine schlecht sitzende Kette,“ sagte er. „Aber ich kann atmen. Und reden. Auch wenn ich nie wieder so schreien kann wie im Stadion.“ „Es tut mir leid,“ platzte Lukas heraus. Erling blinzelte. „Was?“ fragte er. „Alles,“ sagte Lukas. Es brach jetzt aus ihm heraus. „Dass du da warst. Dass du da reingekommen bist. Dass du die Waffe weggeschlagen hast. Dass du… dass er dich… dass du jetzt… hier… und deine Karriere… deine Stimme… und ich… ich hab einfach nur…“ Er konnte nicht mehr weiterreden, die Worte erstickten in seinem Hals. Tränen liefen ihm ungebremst über die Wangen. Erling sah ihn lange an. Dann hob er langsam die Hand und legte sie auf Lukas’ Unterarm. Die Hand war warm, wenn auch etwas schwächer als früher.
„Lukas,“ sagte er heiser. „Stopp.“ Das eine Wort hatte mehr Gewicht als jede lange Erklärung. „Wenn ich eins nicht hören will,“ fuhr er leise fort, „ist es, dass du dir das ans Bein bindest, was ich selbst entschieden habe.“ Lukas schüttelte heftig den Kopf. „Du hast das nicht entschieden,“ brachte er hervor. „Er hat dich geschlagen. In meine Richtung. Weil ich…“ „Weil ich da war,“ unterbrach Erling ruhig. „Weil ich nicht zugesehen habe. Weil ich jemanden, der mir wichtig ist, nicht alleine in einem Raum mit einem Typen lassen wollte, der eine Waffe in der Hand hat. Glaubst du ernsthaft, ich hätte das anders gemacht, wenn es nicht du gewesen wärst?“ Lukas schniefte. „Ja,“ murmelte er. „Weil ich dir nur Probleme gemacht habe.“ Erling verdrehte die Augen, so weit das in seinem Zustand ging. „Du hast mir nicht „nur Probleme“ gemacht,“ sagte er. „Du hast mir auch sehr viele Pokemon gefangen, ein paar Mainz-Spiele gezeigt, mir Bierbackfisch vorgesetzt und mich daran erinnert, dass Fußball nicht alles ist, auch wenn es mein Job war.“ Er lächelte schwach. „Es klingt kitschig,“ fügte er hinzu, „aber wenn ich ausgerechnet bei dem Versuch draufgegangen wäre, dich zu schützen, wäre das nicht der schlechteste Tod gewesen. Aber ich bin nicht draufgegangen. Ich bin stur. Und ich bin immer noch hier. Also hört dieser „Ich bin an allem schuld“-Film jetzt langsam auf, okay?“ Etwas in Lukas löste sich minimal. Nicht der ganze Knoten, aber ein Faden. Danke – endlich ausgesprochen Es bis Lukas wieder halbwegs normal atmen konnte. Er wischte sich atmete tief durch.
dauerte, die
„Ich wollte dir… Danke sagen,“ sagte er leise. Erling hob die Augenbrauen. „Für was genau? Ich hab eine ziemlich lange Liste.“ „Für alles,“ sagte Lukas. „Für das erste Treffen. Für die Wasserrutsche. Für Pokémon GO. Für die Hochschule. Für Mainz-Spiele. Für VR-Hölle. Für… für jede Situation, wo du einfach da warst, obwohl du tausend andere Dinge hättest tun können. Für den Tag in der Wohnung. Dafür, dass du noch lebst. Dafür, dass du mich nicht aufgibst, obwohl alles um mich herum immer wieder im Chaos endet.“ Seine Stimme überschlug sich, aber jeder Satz war ehrlich. „Du warst der einzige Mensch,“ flüsterte er, „der nie gesagt hat: „Du bist zu viel.“ Alle anderen… haben es gedacht oder gesagt oder gezeigt. Und du… nicht.“ Erling sah ihn lange an, die blauen Augen jetzt glasig. „Wenn du glaubst,“ sagte er heiser, „dass ich bei dir geblieben bin, obwohl du „Problem“ bist… dann hast du nicht verstanden, dass ich bei dir geblieben bin, weil du genau das Gegenteil bist.“ Lukas runzelte verwirrt die Stirn. „Wie?“ fragte er. „Du bist ehrlich,“ sagte Erling. „Ungefiltert. Schmerzhaft ungefiltert manchmal. Du tust nicht so. Du versteckst nicht, dass du anders bist. Du kämpfst. Jeden. Einzelnen. Tag. Und trotzdem liebst du Dinge. Fußball. Pokémon. Mainz. Deine Mutter. Menschen, die dich oft nicht verdient haben. Du bist viel mehr mutig,
als du glaubst. Ich hab nicht „auf dich aufgepasst“. Ich hab einen Freund begleitet.“ Das Wort „Freund“ traf Lukas mitten ins Herz. Noch mehr Tränen. „Ich kann dir nicht versprechen,“ fuhr Erling fort, „dass alles wieder so wird wie früher. Mein Hals macht, was er will. Meine Karriere im Profifußball ist vorbei. Für immer. Damit hab ich angefangen, mich abzufinden.“ Lukas zuckte bei dem Wort „vorbei“. Erling lächelte schief. „Aber meine Fähigkeit, dich zu nerven, ist sehr lebendig,“ krächzte er. „Ob ich jetzt Spieler bin oder nicht, ändert nichts daran, dass ich dein Leben weiter stören kann. Auf meine Art. Einfach… ein bisschen leiser.“ Zukunft – im Verborgenen „Was passiert jetzt?“ fragte Lukas „Mit dir?“ Erling atmete vorsichtig ein. „In ein paar Tagen geh ich in eine Reha,“ „Stimme trainieren, lernen, wie ich mit dem neuen Hals Vielleicht auch ein bisschen War… viel.“ Untertreibung des Jahrhunderts. „Für die Welt,“ fuhr er „bin ich Das langsamer, kein keine keine Vielleicht irgendwann ein neues Leben wo mich keiner als den der ich war.“ Er sah Lukas an. „Für dich,“ sagte „bin ich nicht Aber wir müssen vorsichtig Keine Keine Chats, die andere sehen Kein „Ich hab gerade mit XY in irgendwelchen Du weißt, wie schnell sich Dinge im Internet verbreiten.“
leise. sagte
er. Atmen, klarkomme. Kopf. fort, tot. heißt: ruhiger, Stadion, Presse, Kameras. irgendwo, kennt,
er, weg. sein. Fotos. können. gefacetimed“ Gruppen.
Lukas nickte. „Also… geheime Freundschaft,“ murmelte er. Erling grinste. „So wie am „Nur diesmal sind nicht sondern die dass wir es überhaupt überlebt haben.“
Anfang,“ wir
er. Überraschung, Tatsache,
Ein Moment für sich Eine Weile saßen sie einfach nur da. Keine großen Worte, kein dramatischer Soundtrack. Nur das leise Piepen des Monitors, die Geräusche auf dem Flur, ihr beider Atem. Lukas’ Körper war immer noch angespannt, aber es war nicht mehr diese absolute Verzweiflung. Mehr ein erschöpfter Schutzmechanismus. „Ich hab eine Liste gemacht,“ murmelte er irgendwann. „In der Therapie.“ „Eine To-do-Liste?“ krächzte Erling. „Sag mir nicht, ich steh drauf.“ „So ähnlich,“ sagte Lukas. „Links: was du für mich warst. Rechts: was ich jetzt noch tun kann. Damit das, was du für mich warst, nicht umsonst war.“ Erling sah ihn lange an. „Nicht schlecht,“ flüsterte er. „Und? Was steht rechts?“ „Weiterleben,“ sagte Lukas. „Auch wenn es sich unfair anfühlt.“ Erling grinste schwach. „Klingt nach einem Plan,“ sagte er. „Ziemlich anstrengend, aber besser als aufzugeben.“ Abschied – aber kein Ende Nach einer Weile klopfte es an der Tür. Dr. Hansen steckte den Kopf rein. „Wir müssen ihn wieder ein bisschen ausruhen lassen,“ sagte er entschuldigend. „Auch wenn er so tut, als wäre er aus Stahl.“ Erling verzog gespielt beleidigt das Gesicht. „Ich meld mich bei dir,“ sagte er leise zu Lukas. „Auf… unseren Wegen. Und du gehst weiter zur Therapie. Und in die Hochschule – wenn du willst. Aber diesmal nicht, um dich auslachen zu lassen,
sondern um zu entscheiden, ob du da wirklich hingehörst.“ Lukas nickte. Er stand auf, unsicher, ob er ihn umarmen durfte, mit all den Kabeln und dem empfindlichen Hals. Erling sah das Zögern, hob die Arme ein Stück. „Komm her, bevor der Doktor es mir verbietet,“ krächzte er. Lukas trat einen Schritt vor, beugte sich vorsichtig über das Bett und umarmte ihn sanft, die Arme höher, damit er den Hals nicht berührte. Erling legte ihm eine Hand in den Rücken, klopfte leicht dagegen. Es war keine dramatische Film-Umarmung. Nur eine echte. „Danke,“ flüsterte Lukas ihm ins Ohr. „Dass du lebst.“ „Danke,“ flüsterte Erling zurück, „dass du auch noch da bist.“ Lukas löste sich, wischte sich wieder die Augen. „Wir sehen uns,“ sagte er. „Das ist keine Drohung, oder?“ krächzte Erling. Trotz allem musste Lukas lachen. „Kommt drauf an, wie viel Mathe ich noch habe,“ antwortete er. Dann ging er zur Tür. Er drehte sich noch einmal um. Erling lag im Bett, blass, gezeichnet, aber lebendig. Er hob die Hand zum Gruß, ein kleines Winken. Lukas winkte zurück und verließ das Zimmer. Draußen – ein anderer Himmel Draußen vor war der Himmel immer noch grau. Aber wirkte er nicht mehr ganz so schwer. Seine Mutter sah ihn fragend an. „Und?“ fragte sie leise. Lukas atmete tief ein.
Klinik irgendwie
„Er lebt,“ sagte er. „Und… er bleibt. Nur anders.“ „Und du?“ fragte sie. Er dachte kurz nach. „Ich auch,“ sagte er. „Nur… hoffentlich auch anders.“ Auf der Rückfahrt lehnte er den Kopf wieder ans Fenster. Diesmal war da nicht nur der Schmerz, sondern auch dieser seltsame, zähe, aber echte Gedanke: Wir haben überlebt. Also muss ich jetzt irgendwas damit anfangen. Und in seinem Kopf formte sich ein stiller Satz, den er vielleicht irgendwann ins Mutbuch schreiben würde: „Der Tag des Ultimatums hat uns beinahe beide gekostet. Aber zwei Wochen später sitze ich an einem Krankenbett und sage „Danke, dass du noch da bist“. Vielleicht ist das kein Happy End. Aber es ist ein Anfang, mit dem ich leben kann.“ Eine Woche später fühlte es sich an, als wären Monate vergangen. Nicht, weil die Zeit wirklich so lang war, sondern weil jeder Tag schwerer gewesen war als der davor. Ein stiller Morgen mit einer leisen Nachricht Es war gegen zehn Uhr, als Lukas’ Handy vibrierte. Keine WhatsApp-Nachricht, kein Gruppenchat, kein lustiges Meme. Nur eine SMS, von einer anonymen, ausländischen Nummer, die er aber längst kannte. „Hei. Heute Besuch? Reha. Letzter Termin hier. – E“ Keine langen Sätze. Kein Emoji. Und trotzdem wusste Lukas sofort, was dazwischen stand: Heute würde ein Tag sein, an dem sich wieder etwas veränderte. Er starrte auf die Nachricht, das Herz schlug einen Tick schneller. Letzter Termin hier. Das klang nicht nach „wir sehen uns morgen wieder“. In der Küche stellte seine Mutter gerade eine Tasse auf den Tisch, Kaffee für sich, Kakao für ihn. „Wer war das?“ fragte sie vorsichtig, als sie sein Gesicht sah. Lukas schob ihr das Handy rüber. Sie las die Nachricht, nickte langsam.
„Er will, dass „Dann fahren wir.“ „Ich… glaube, das „Nicht Aber… für eine Weile.“ „Er muss sein „Und du auch.“
sortieren,“
Lukas. immer.
Fahrt zur Reha – andere Klinik, anderer Rhythmus Diesmal ging es nicht zur großen Klinik, sondern zu einer kleineren Reha-Einrichtung außerhalb der Stadt, zwischen Feldern und Wald. Das Gebäude war niedriger, nicht so übertechnisiert, eher wie ein sehr modernes Sanatorium. Auf dem Parkplatz standen weniger Autos, mehr Bänke, einige Patienten mit Bademänteln und Pappbechern in der Hand. An der Anmeldung mussten sie erneut Ausweise vorzeigen. Diesmal war alles noch diskreter: Kein Name „Erling“ auf irgendeiner Liste, nur eine Raumnummer und der Hinweis: „Begleitperson des skandinavischen Patienten.“ Der Mann hinter dem Tresen nickte freundlich. „Zimmer 27, erster Stock,“ sagte er leise. „Bitte klopfen. Er weiß Bescheid.“ Im Flur war es ruhiger als in der Akutklinik. Keine hektischen Schritte, nur das leise Surren von Geräten irgendwo hinter Türen. Lukas’ Hände waren feucht. Er wischte sie heimlich an der Hose ab. Vor Zimmer 27 blieb er stehen. Seine Mutter sah ihn an. „Möchtest du alleine reingehen?“ fragte sie. Er nickte kurz. „Ja,“ sagte er. „Das… hier ist was zwischen uns.“ Sie legte ihm noch einmal kurz eine Hand auf die Schulter, dann setzte sie sich auf einen der Stühle im Flur. Lukas atmete tief ein und klopfte. Zimmer 27 – Haalands neuer Alltag „Komm rein,“ erklang heiser, aber wach. Lukas öffnete die Tür. Das Zimmer war kleiner aber gemütlicher: • ein Bett, • ein Sessel am Fenster, • ein kleiner Tisch mit Teegeschirr,
Krankenhauszimmer,
• ein Regal mit ein paar Büchern und einem Notizblock. Am Fenster, in dem Sessel, saß Erling. Diesmal nicht in Krankenhaushemd, sondern in bequemer Jogginghose, einem weichen, schlichten Pulli, Socken. Kein Superstar, kein Trikot, kein Blitzlicht. Nur ein Mann, der gerade gelernt hatte, wieder zu atmen, ohne dass jede Luft weh tat. Er sah hoch, und sein Gesicht hellte sich auf. „Hei,“ krächzte er. „Da bist du ja.“ Lukas musste lächeln, trotz allem. „Hei,“ sagte er leise. „Du siehst… weniger tot aus als im Fernsehen.“ Erling lachte heiser, musste danach kurz die Hand an den Hals legen. „Das ist gut,“ murmelte er. „Vor allem, weil ich vorhabe, noch eine Weile nicht tot zu sein.“ Lukas setzte sich auf den Stuhl gegenüber, der extra schon dahin gerückt war. „Wie geht’s dir?“ fragte er. Es war eine dumme Standardfrage, aber die einzige, die ihm einfiel. Erling zuckte die Schultern. „Körperlich: besser,“ sagte er. „Seele: messy. Kopf: zu voll. Stimme: krächzt wie eine kaputte Krähe. Aber ich bin da.“
Der unausgesprochene Grund Eine kurze Stille entstand. Sie war nicht unangenehm, nur schwer. Lukas spürte, dass Erling etwas sagen wollte, was nicht einfach so rauszuhauen war. „Du weißt, warum ich dich hergebeten habe,“ begann Erling schließlich, langsam, um die Stimme nicht zu überlasten. Lukas nickte nur. „Ich… gehe erstmal weg,“ fuhr Erling fort. „Nicht ins Nichts, aber… weg von all dem, was ich vorher war.“
Er sah aus dem Fenster. Draußen standen ein paar Bäume, kahl im Januarwind. „Es wird eine Weile dauern,“ sagte er. „Die Sicherheitsteams, der Verein, die Ärzte… alle sind sich einig: Um mich zu schützen, muss ich aus dem öffentlichen Bild verschwinden. Wirklich verschwinden.“ Er sah ihn wieder an. „Und um mich selbst zu schützen,“ fügte er hinzu, „muss ich erstmal… merken, wer ich bin, wenn ich kein Stürmer mehr bin, kein Gesicht auf Plakaten, kein Transferwert.“ Lukas nickte langsam. Es tat weh, aber er verstand. „Also… Funkstille?“ fragte er leise. „So komplett?“ Erling dachte kurz nach. „Nicht für immer,“ sagte er. „Aber für eine Weile: ja. Kein Schreiben, kein heimliches Bilder schicken, kein Zufallsanruf. Wenn jemand unsere Verbindungen hackt, oder irgendein Verrückter zuhört, kann es gefährlich werden. Für dich. Für deine Eltern. Für mich. Für alle, die noch überlebt haben, obwohl manche es anders wollten.“ Lukas’ Bauch krampfte. „Wie lang ist ‚eine Weile‘?“ fragte er. „Tage? Wochen? Monate? Jahre?“ „Ich wünschte, ich könnte dir eine genaue Zahl sagen,“ antwortete Erling ehrlich. „Ich weiß nur: Ich brauche Zeit, um das hier,“ er deutete auf seinen Hals, „und das hier,“ er deutete auf seine Brust, „und das hier,“ er tippte sich leicht gegen die Stirn, „zu sortieren.“ Er lächelte traurig. „Und du auch.“ Der Kampf zwischen Egoismus und Vernunft
Lukas’ Augen füllten sich. „Ein Teil von mir,“ sagte er leise, „möchte gerade schreien: „Nein. Bleib. Schreib mir. Ruf mich an. Sei da.“ Weil… ich so viel verloren habe und du der einzige bist, von dem ich dachte: „Er geht nicht einfach.““ Seine Stimme wurde brüchig. „Ein anderer Teil,“ fuhr er fort, „weiß, dass du recht hast. Dass du… nicht nur mein Retter bist, sondern ein Mensch, der fast gestorben wäre, und das nicht nur wegen mir. Und dass du das Recht hast, zu sagen: „Stop. Ich muss kurz Luft holen, ohne dass alle an mir hängen.““ Ein schiefes, schmerzliches Lächeln huschte über seine Lippen. „Es ist halt scheiße,“ fügte er hinzu. „Aber logisch.“ Erling nickte ernst. „Es ist scheiße,“ bestätigte er. „Für dich. Für mich. Für deine Mutter. Für alle, die wissen, dass ich noch lebe. Aber es ist die Art Scheiße, die uns vermutlich am Leben hält.“ Er atmete langsam ein, als würde er jeden Satz vorbereiten müssen. „Ich will nicht, dass du denkst, ich würde dich „im Stich lassen“,“ sagte er. „Wenn das hier nur darum ginge, ob ich Lust habe, dir zu schreiben, würde ich dir jeden Tag irgendeinen dummen Spruch schicken. Aber es geht um Sicherheit. Und um Heilung. Für uns beide.“ Dankbarkeit, die weh tut Lukas starrte auf seine Hände. „In der Therapie,“ „haben wir eine Links: Was du für
begann Liste
zögernd, gemacht.
Rechts: Was ich jetzt noch tun kann.“ Erling lächelte schwach. „Erinner mich nicht daran, dass ich jetzt auch in deiner Therapieliteratur bin,“ krächzte er. „Ich fühle mich alt.“ Lukas schnaubte kurz, trotz der Tränen. „Einer der Punkte rechts war,“ fuhr er fort, „„weiterleben, auch wenn es sich unfair anfühlt.“ Dazu gehört wohl auch, dass ich aushalten muss, dass du weggehst, ohne dass ich ständig weiß, wo du bist.“ „Ich gehe nicht weg, weil du mir egal bist,“ sagte Erling leise. „Ich gehe weg, damit ich irgendwann zurückkommen kann, ohne dass uns gleich wieder alles um die Ohren fliegt.“ Lukas nickte. „Ich weiß,“ flüsterte er. „Und trotzdem fühlt es sich an, als würde schon wieder jemand gehen.“ Er knabberte kurz an seiner Lippe. „Ich wollte dir noch etwas sagen,“ stieß er dann hervor. „Bevor… du in dein geheimes Spa-Leben gehst.“ Erling grinste matt. „Schieß los,“ krächzte er. „Bitte nicht wörtlich.“ „Danke,“ sagte Lukas einfach. Erling blinzelte. „Das hast du schon im Krankenhaus gesagt,“ erinnerte er ihn. „Ich weiß,“ antwortete Lukas. „Aber da war ich so geschockt, dass mein Gehirn nur „Danke, dass du nicht tot bist“ geschafft hat. Jetzt meine ich… Danke, dass du dich entschieden hast, am Leben zu bleiben. Auch wenn du alles hättest hinschmeißen können. Danke, dass du nicht gesagt hast: „Es reicht, ich bin raus.“ Danke, dass du dich durch Therapien, Operationen, Sicherheitssitzungen, logistische Albträume und diesen ganzen Wahnsinn durchkämpfst. Weil du immer noch glaubst, dass es sich lohnt.“ Erling sah ihn einen Moment nur an.
Dann wandte er kurz um nicht selbst loszuheulen. „Es lohnt sich,“ „Nicht wegen Wegen Wegen sowas hier.“ Er deutete vage zwischen ihnen hin und her.
ab, leise. Fußball. Menschen.
Der Abschied selbst Dr. Hansen klopfte kurz an und steckte den Kopf rein. „Noch fünf Minuten,“ sagte er freundlich. „Dann ist Ruhezeit.“ „Danke,“ nickte Erling. Als die Tür wieder zu war, wurde die Luft dichter. Sie wussten beide: Das waren die letzten Minuten für eine lange Zeit. „Also,“ sagte Erling heiser, „ab jetzt läuft es ungefähr so: • Du gehst weiter zur Therapie. • Du gehst, wenn du kannst, wieder in die Hochschule – aber diesmal, um deine Regeln zu machen. • Du hörst auf, dich von Leuten kaputtmachen zu lassen, die dich als Spielzeug betrachten. • Du erinnerst dich daran, dass du mehr bist als die schlimmsten Dinge, die du erlebt hast. Ich… werde irgendwo sein, wo gute Leute mir helfen, meinen Hals, meinen Kopf und mein Leben neu zusammenzubauen.“ Er lächelte schief. „Wenn der Tag kommt, an dem es sicher ist, dass wir wieder Kontakt haben können,“ fügte er hinzu, „wirst du es merken. Vielleicht nicht mit Feuerwerk, aber… du wirst es merken.“ „Wie?“ fragte Lukas leise. Erling dachte kurz nach. „Vielleicht steht irgendwann,“ sagte er, „in deinem Mutbuch eine Seite offen, die du nicht geschrieben hast.“ Lukas runzelte die Stirn. „Hä?“ „Nur ein Beispiel,“ grinste Erling. „Vertrau mir: Wenn es soweit ist, wirst du es checken. Und bis dahin… ist es deine Aufgabe,
nicht nur auf mich zu warten, sondern dein eigenes Leben weiterzubauen.“ Lukas nickte, auch wenn ein Teil in ihm verweigern wollte. „Ich verspreche nichts Perfektes,“ murmelte er. „Aber ich verspreche, dass ich nicht aufgebe.“ „Das reicht,“ sagte Erling leise. „Perfekt ist überbewertet.“ Der Moment war da. Lukas stand auf, als würde ihm jemand das Kommando geben. Er ging um das Bett herum, beugte sich vor und umarmte ihn erneut, vorsichtig wie zuletzt. Diesmal hielt er ihn einen Moment länger. Erling legte ihm wieder die Hand auf den Rücken, dieses Mal etwas fester. „Pass auf dich auf,“ flüsterte er ihm ins Ohr. Die Stimme war brüchig, aber klar. „Du auch,“ flüsterte Lukas zurück. Er löste sich, trat einen Schritt zurück. Sie sahen sich noch einmal direkt in die Augen. Keine großen Worte. Nur ein Blick, in dem alles lag: • Danke • Tut weh • Bleib am Leben • Wir sehen uns wieder, irgendwann, irgendwo Lukas hob kurz die Hand zum Gruß. Erling hob seine ebenfalls, lächelte schwach. Dann drehte Lukas sich um und ging zur Tür. Seine Hand lag bereits auf der Klinke, als er noch einmal kurz nach hinten sah. Erling saß im Bett, die Schultern leicht nach vorne, aber nicht gebrochen. Nur… müde. Und entschlossen. Lukas öffnete die Tür und trat auf den Flur. Draußen – ein leiser, schwerer Schritt nach vorn Seine Mutter stand vom Stuhl auf.
„Fertig?“ fragte sie sanft. Lukas nickte. „Ja,“ sagte er „Er geht jetzt erstmal seinen Weg.“ „Und du?“ fragte sie. Er dachte kurz nach. „Ich auch,“ sagte „Ich hätte zwar lieber dass wir den Weg zusammen aber… manchmal muss man halt eine Weile unterschiedliche Strecken laufen.“ Sie gingen schweigend zum Auto. Draußen wehte ein kalter, klarer Wind. Als sie vom Gelände der Reha-Klinik sah Lukas noch einmal zurück. Das Gebäude wurde bis es hinter einer Kurve verschwand. In seinem Kopf formte sich ein den er vielleicht heute Abend ins Mutbuch schreiben würde: „Er ist für alle anderen damit er weiterleben Und ich muss obwohl es sich manchmal so als wäre ein Teil von mir mit ihm begraben worden. Aber wir sind beide noch Nur an verschiedenen Orten.“ Der Abschied tat Richtig weh. Aber tief in diesem gab es einen winzigen Kern von etwas anderem: Hoffnung, dass dies nicht das letzte Kapitel sondern nur eine die beide um nicht endgültig daran zu zerbrechen.
er. gehabt, gehen,
fuhren, kleiner, Satz, gestorben, kann. leben, anfühlt, da. weh. Schmerz war, Pause, brauchten,