StartseiteReihe ITeil 5 – Das Ultimatum (Teil 1)
Reihe I · Teil 5 von 9
~498 Min. Lesezeit

Teil 5 – Das Ultimatum (Teil 1)

Die Ereignisse spitzen sich zu: Lukas und Haaland stehen vor ihrer bisher größten Herausforderung.

18
Vorlesen

**Lukas’ Brief an Haaland – Eine Reise durch unsere vier großen Treffen** Lieber Haaland, ich weiß nicht, ob du diesen Brief überhaupt lesen wirst, aber ich habe einfach das Gefühl, dass ich dir schreiben muss. Vielleicht, um mir selbst klarzumachen, was wir alles gemeinsam erlebt haben. Vielleicht aber auch, weil ich hoffe, dass du beim Lesen lächelst – so wie ich es gerade tue, während ich diese Worte schreibe. Ich heiße Lukas, ich bin Autist – und für mich ist es nicht immer leicht, Gefühle auszudrücken oder Freundschaften zu verstehen. Aber bei dir war es anders. Du hast mich gesehen, nicht meine Diagnose. Du warst einfach da. Und ich will dir heute von den vier Treffen erzählen, die wir miteinander verbracht haben – von denen jedes einzelne mein Leben verändert hat. --### **Unser erstes Treffen – Die 30 Tage, die alles veränderten** Es fing alles so unscheinbar an. Ich kannte dich natürlich als den großen Fußballstar aus Norwegen. Und dann standest du da – plötzlich, unerkannt, bei mir in Mainz. Du hattest eine Auszeit gebraucht, und irgendwie hat das Schicksal dich zu mir gebracht. Ich erinnere mich, wie ich dir zum ersten Mal *Pokémon Go* gezeigt habe. Du warst neugierig, und wir sind stundenlang durch Mainz gelaufen, auf der Jagd nach Relaxo, Glurak und Evoli. Ich weiß noch, wie du dich gefreut hast, als du dein erstes Pikachu gefangen hast. Ich habe dir damals auch meine alte Schule gezeigt. Das war schwer für mich, weil ich dort viel Mobbing erlebt hatte. Doch du warst einfach nur neugierig und verständnisvoll. Wir haben sogar den Jongliermann gefilmt – erinnerst du dich? Der, der immer so komisch vor dem Nachbarhaus geübt hat. Aber dann wurde er wütend, weil wir ihn aufgenommen hatten, und wir mussten weglaufen. Du hast mich an der Hand genommen. Es war das erste Mal seit Jahren, dass sich jemand für mich eingesetzt hat. Später war da dieser Tag im Schwimmbad. Ich hatte große Angst vor der Rutsche. Aber du warst da. Du hast mich sanft angeschubst, und ich bin gerutscht – und es war großartig. Ich war dir so dankbar. Ich habe dir auch damals von meinen Problemen erzählt – von falschen Freunden, vom Jobcenter, das mir nicht helfen wollte, von der Gerichtsverhandlung, die mir so Angst gemacht hat. Und trotzdem warst du da. Und dann kam der Abschied. Du musstest zurück nach Manchester. Ich wollte dich nicht gehen lassen. Es tat weh. Aber ich wusste: Das war nicht das Ende. --### **Unser zweites Treffen – Die 90 Tage voller Hoffnung und Freundschaft** Und dann, Monate später, kamst du zurück. Für ganze 90 Tage. Und diesmal war alles noch intensiver. Wir sind zusammen zu meiner Autismus-Therapie gegangen. Ich hatte Angst, dich mitzunehmen. Aber du bist mitgekommen, hast zugehört, warst neugierig – und auf einmal

hatte ich keine Angst mehr. Auch die Ergotherapie, die mir sonst so schwerfiel, war mit dir ganz anders. Du hast sogar mitgeübt, ohne dich zu beschweren. Wir sind zusammen zur Hochschule gegangen, obwohl ich das Studium abgebrochen hatte. Du hast gesagt, dass Bildung nicht immer aus Büchern bestehen muss. Dass das Leben selbst der größte Lehrer ist. Wir haben bei Mainz 05 Heimspielen mitgefiebert und beim HSV-Spiel in der Kneipe geschrien wie echte Fans. Der Klassenerhalt von Mainz 05 – ein Wunder! Doch der HSV hat’s leider nicht geschafft, wieder aufzusteigen. Einer der verrücktesten Momente war sicher der auf dem Friedhof. Wir haben aus Versehen den Brunnen überlaufen lassen. Diese gruselige Frau hat uns gefilmt, und wir sind panisch weggelaufen, bis in ein Hochhaus hinein – wo wir uns im Technikraum eingeschlossen haben. Wir mussten über einen verwilderten Garten klettern, um zu entkommen. Ich hab noch Grasflecken an den Schuhen gehabt! Aber nicht alles war schön. Ich wurde krank. Eine Blasenentzündung. Ich kam ins Krankenhaus. Ich musste einen Katheter tragen, konnte nicht laufen – Rollstuhl. Und du? Du warst jeden Tag da. Hast mir vorgelesen. Mich zum Lachen gebracht. Ich habe dich gebraucht, mehr als je zuvor. Und als ich auf die Bowlingbahn geschleift wurde – von diesen falschen Freunden, die mich einfach auf die Bahn geworfen haben – warst du der Einzige, der hinterherkam. --### **Unser drittes Treffen – Barcelona, Familie und ein stiller Vater** Dann – ein Wunder. In Barcelona, im Urlaub. Wir trafen uns einfach so. Du warst mit Freunden da, ich mit meiner Familie. Und wir verbrachten die Zeit zusammen. Die Sonne, das Meer, das Lachen. Es war wie ein Traum. Du bist sogar mit mir nach Hause gekommen – 25 Tage voller schöner Momente. Doch dann wurde es schwer. Mein Vater… nachdem wir gemeinsam dein Handy abholten, sprach er zwei Wochen lang kein Wort mit mir. Ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Du hast mich in der Zeit aufgebaut. Und am Ende – da redete er wieder. Es war vielleicht deine Ruhe, deine Kraft, die ihn erreichte. --### **Unser viertes und bisher größtes Treffen – Weihnachten, Fastnacht und Prüfungen** Und dann das bisher größte Kapitel: unser viertes Treffen. Du kamst wieder. Und diesmal waren es über 100 Tage. Wir feierten Weihnachten zusammen. Du hast geholfen, den Baum zu schmücken. An Heiligabend gab’s Fisch, wie immer. Und Sauerbraten zwischen den Jahren – Familientradition. Du warst einfach Teil unserer Familie. Aber auch das war nicht einfach. Erst sprach mein Vater nicht mit meiner Mutter und Ersatzoma. Dann, kurz vor Weihnachten, habe ich zwei Biere getrunken – eins war stark, 12 Prozent – und ich wäre fast im Krankenhaus gelandet. Du und meine Mama habt euch solche Sorgen gemacht. Ich habe mich geschämt. Doch du warst nicht sauer.

Du hast mich unterstützt, als meine Mutter Geburtstag hatte. Du warst da, als ich auf den Geburtstag meines Cousins musste, den ich nicht mag – aber ich hab’s geschafft. Dank dir. Dann: Rosenmontag! Wir haben Süßigkeiten gefangen, gelacht, getanzt. Und Mainz 05? Dritter Platz in der Liga! Wir haben jedes Spiel geschaut. Und dann war da mein Kurs an der VHS. Rechnungswesen, Finanzbuchhaltung. Ich kam immer zu spät, habe kaum gelernt. Und dann, ganz zum Schluss, habe ich mich zusammengerissen – und bestanden. Ich hab’s geschafft! Auch das hätte ich ohne dich nicht geschafft. --### **Am Ende des Briefes** Lieber Haaland, ich weiß nicht, ob es ein fünftes Treffen geben wird. Aber ich hoffe es. Sehr. Denn du hast mir gezeigt, dass Freundschaft keine perfekten Bedingungen braucht. Dass jemand wie ich – ein Autist, der manchmal zu spät kommt, der Angst hat, der zweifelt – trotzdem wertvoll ist. Du hast mich gesehen. Ich danke dir. Für alles. Dein Freund **Lukas** --### **Eine Woche später – Der Antwortbrief** > Lieber Lukas, > > Ich habe deinen Brief gelesen. Und ich habe geweint. Nicht, weil ich traurig war – sondern weil ich so stolz auf dich bin. > > Ich erinnere mich an jedes Detail. An die Pokémon, die Rutsche, die Frau vom Friedhof. An das Krankenhaus. An den HSV. > > Du bist einer der stärksten Menschen, die ich kenne. Und ich will dich wiedersehen. Bald. > > Vielleicht gibt es ein fünftes Treffen. Vielleicht wird es noch größer als das vierte. > > Und eines verspreche ich dir: Ich werde wieder da sein. > > Dein Freund, > **Erling** Möchtest du, dass ich den fünften Teil der Geschichte erfinde, in dem sie sich wiedersehen? Lukas’ Brief an Haaland – Eine Reise durch unsere vier großen Treffen Lieber Haaland,

ich weiß nicht, ob du diesen Brief überhaupt lesen wirst, aber ich habe einfach das Gefühl, dass ich dir schreiben muss. Vielleicht, um mir selbst klarzumachen, was wir alles gemeinsam erlebt haben. Vielleicht aber auch, weil ich hoffe, dass du beim Lesen lächelst – so wie ich es gerade tue, während ich diese Worte schreibe. Ich heiße Lukas, ich bin Autist – und für mich ist es nicht immer leicht, Gefühle auszudrücken oder Freundschaften zu verstehen. Aber bei dir war es anders. Du hast mich gesehen, nicht meine Diagnose. Du warst einfach da. Und ich will dir heute von den vier Treffen erzählen, die wir miteinander verbracht haben – von denen jedes einzelne mein Leben verändert hat. --Unser erstes Treffen – Die 30 Tage, die alles veränderten Es fing alles so unscheinbar an. Ich kannte dich natürlich als den großen Fußballstar aus Norwegen. Und dann standest du da – plötzlich, unerkannt, bei mir in Mainz. Du hattest eine Auszeit gebraucht, und irgendwie hat das Schicksal dich zu mir gebracht. Ich erinnere mich, wie ich dir zum ersten Mal Pokémon Go gezeigt habe. Du warst neugierig, und wir sind stundenlang durch Mainz gelaufen, auf der Jagd nach Relaxo, Glurak und Evoli. Ich weiß noch, wie du dich gefreut hast, als du dein erstes Pikachu gefangen hast. Ich habe dir damals auch meine alte Schule gezeigt. Das war schwer für mich, weil ich dort viel Mobbing erlebt hatte. Doch du warst einfach nur neugierig und verständnisvoll. Wir haben sogar den Jongliermann gefilmt – erinnerst du dich? Der, der immer so komisch vor dem Nachbarhaus geübt hat. Aber dann wurde er wütend, weil wir ihn aufgenommen hatten, und wir mussten weglaufen. Du hast mich an der Hand genommen. Es war das erste Mal seit Jahren, dass sich jemand für mich eingesetzt hat. Später war da dieser Tag im Schwimmbad. Ich hatte große Angst vor der Rutsche. Aber du warst da. Du hast mich sanft angeschubst, und ich bin gerutscht – und es war großartig. Ich war dir so dankbar. Ich habe dir auch damals von meinen Problemen erzählt – von falschen Freunden, vom Jobcenter, das mir nicht helfen wollte, von der Gerichtsverhandlung, die mir so Angst gemacht hat. Und trotzdem warst du da. Und dann kam der Abschied. Du musstest zurück nach Manchester. Ich wollte dich nicht gehen lassen. Es tat weh. Aber ich wusste: Das war nicht das Ende. --Unser zweites Treffen – Die 90 Tage voller Hoffnung und Freundschaft Und dann, Monate später, kamst du zurück. Für ganze 90 Tage. Und diesmal war alles noch intensiver. Wir sind zusammen zu meiner Autismus-Therapie gegangen. Ich hatte Angst, dich mitzunehmen. Aber du bist mitgekommen, hast zugehört, warst neugierig – und auf einmal hatte ich keine Angst mehr. Auch die Ergotherapie, die mir sonst so schwerfiel, war mit dir ganz anders. Du hast sogar mitgeübt, ohne dich zu beschweren. Wir sind zusammen zur Hochschule gegangen, obwohl ich das Studium abgebrochen hatte. Du hast gesagt, dass Bildung nicht immer aus Büchern bestehen muss. Dass das Leben selbst der größte Lehrer ist. Wir haben bei Mainz 05 Heimspielen mitgefiebert und beim HSV-Spiel in der Kneipe geschrien wie echte Fans. Der Klassenerhalt von Mainz 05 – ein Wunder! Doch der HSV hat’s leider nicht geschafft, wieder aufzusteigen. Einer der verrücktesten Momente war sicher der auf dem Friedhof. Wir haben aus Versehen den Brunnen überlaufen lassen. Diese gruselige Frau hat uns gefilmt, und wir sind panisch weggelaufen, bis in ein Hochhaus hinein – wo wir uns im Technikraum eingeschlossen haben. Wir mussten über einen verwilderten Garten klettern, um zu entkommen. Ich hab noch Grasflecken an den Schuhen gehabt! Aber nicht alles war schön. Ich wurde krank. Eine Blasenentzündung. Ich kam ins Krankenhaus. Ich musste einen Katheter tragen, konnte nicht laufen – Rollstuhl. Und du? Du warst jeden Tag da. Hast mir vorgelesen. Mich zum Lachen gebracht. Ich habe dich gebraucht, mehr als je zuvor. Und als ich auf die Bowlingbahn geschleift wurde – von diesen

falschen Freunden, die mich einfach auf die Bahn geworfen haben – warst du der Einzige, der hinterherkam. --Unser drittes Treffen – Barcelona, Familie und ein stiller Vater Dann – ein Wunder. In Barcelona, im Urlaub. Wir trafen uns einfach so. Du warst mit Freunden da, ich mit meiner Familie. Und wir verbrachten die Zeit zusammen. Die Sonne, das Meer, das Lachen. Es war wie ein Traum. Du bist sogar mit mir nach Hause gekommen – 25 Tage voller schöner Momente. Doch dann wurde es schwer. Mein Vater… nachdem wir gemeinsam dein Handy abholten, sprach er zwei Wochen lang kein Wort mit mir. Ich dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Du hast mich in der Zeit aufgebaut. Und am Ende – da redete er wieder. Es war vielleicht deine Ruhe, deine Kraft, die ihn erreichte. --Unser viertes und bisher größtes Treffen – Weihnachten, Fastnacht und Prüfungen Und dann das bisher größte Kapitel: unser viertes Treffen. Du kamst wieder. Und diesmal waren es über 100 Tage. Wir feierten Weihnachten zusammen. Du hast geholfen, den Baum zu schmücken. An Heiligabend gab’s Fisch, wie immer. Und Sauerbraten zwischen den Jahren – Familientradition. Du warst einfach Teil unserer Familie. Aber auch das war nicht einfach. Erst sprach mein Vater nicht mit meiner Mutter und Ersatzoma. Dann, kurz vor Weihnachten, habe ich zwei Biere getrunken – eins war stark, 12 Prozent – und ich wäre fast im Krankenhaus gelandet. Du und meine Mama habt euch solche Sorgen gemacht. Ich habe mich geschämt. Doch du warst nicht sauer. Du hast mich unterstützt, als meine Mutter Geburtstag hatte. Du warst da, als ich auf den Geburtstag meines Cousins musste, den ich nicht mag – aber ich hab’s geschafft. Dank dir. Dann: Rosenmontag! Wir haben Süßigkeiten gefangen, gelacht, getanzt. Und Mainz 05? Dritter Platz in der Liga! Wir haben jedes Spiel geschaut. Und dann war da mein Kurs an der VHS. Rechnungswesen, Finanzbuchhaltung. Ich kam immer zu spät, habe kaum gelernt. Und dann, ganz zum Schluss, habe ich mich zusammengerissen – und bestanden. Ich hab’s geschafft! Auch das hätte ich ohne dich nicht geschafft. --Am Ende des Briefes Lieber Haaland, ich weiß nicht, ob es ein fünftes Treffen geben wird. Aber ich hoffe es. Sehr. Denn du hast mir gezeigt, dass Freundschaft keine perfekten Bedingungen braucht. Dass jemand wie ich – ein Autist, der manchmal zu spät kommt, der Angst hat, der zweifelt – trotzdem wertvoll ist. Du hast mich gesehen. Ich danke dir. Für alles. Dein Freund Lukas --Eine Woche später – Der Antwortbrief Lieber Lukas, Ich habe deinen Brief gelesen. Und ich habe geweint. Nicht, weil ich traurig war – sondern weil ich so stolz auf dich bin. Ich erinnere mich an jedes Detail. An die Pokémon, die Rutsche, die Frau vom Friedhof. An das Krankenhaus. An den HSV. Du bist einer der stärksten Menschen, die ich kenne. Und ich will dich wiedersehen. Bald. Vielleicht gibt es ein fünftes Treffen. Vielleicht wird es noch größer als das vierte. Und eines verspreche ich dir: Ich werde wieder da sein. Dein Freund, Erling

Zweiter Brief von Lukas an Haaland – Die schweren Tage nach dem Abschied Mainz, 10. Mai Lieber Haaland, ich hoffe, du hast noch Kraft, diesen zweiten Brief von mir zu lesen. Ich weiß, ich habe dir vor nicht mal zwei Wochen einen langen, sehr emotionalen Brief geschrieben. Und vielleicht denkst du jetzt: „Was soll da noch kommen?“ Aber so wie das Leben spielt, war in der Zeit vom 24. März bis heute, dem 10. Mai, einfach so vieles los – und ich kann nicht schweigen. Ich kann dir nicht einfach nichts sagen. Ich muss es loswerden. Auch wenn es vielleicht zu viel ist. Auch wenn du am Ende vielleicht denkst, dass du lieber Abstand willst. Aber ich vertraue dir – wie ich noch nie jemandem vertraut habe. Spaziergänge mit der neuen Assistentin Zuerst: Ich habe angefangen, mit meiner neuen Assistentin öfter spazieren zu gehen. Es ist nicht so wie mit dir – aber es tut gut. Sie redet ruhig, versteht meine Unsicherheiten und drängt mich zu nichts. Wir waren sogar im Park bei den Enten. Du erinnerst dich an den einen Tag, wo du mir beigebracht hast, wie man Brot besser nicht ins Wasser wirft? Genau da waren wir wieder. Aber trotzdem, du fehlst. Jeder Schritt erinnert mich an dich. Jede Pokémon-Go-Session, die ich starte, ist leer ohne deinen zweiten Bildschirm. Der Freund der Familie – Klinik und Angst Dann… da war diese Sache mit dem Freund meiner Familie. Er ist krank geworden – richtig krank. Eine schlimme Entzündung im Hals und Darm. Er konnte drei Wochen lang nichts essen oder trinken, lag nur im Bett, wurde dann ins Krankenhaus eingeliefert. Ich hatte solche Angst, ihn zu verlieren. Ich weiß nicht, ob du das kennst – dieses Gefühl der Ohnmacht. Man will helfen, man will was tun… aber man kann es nicht. Ich hab nur da gesessen und gewartet, dass jemand sagt: „Es wird wieder gut.“ Aber niemand tat es. Der Tag, an dem mein Handy starb Und dann kam noch dieser Schock: Mein Handy ist kaputt gegangen. Nicht einfach nur das Display – alles! Es ist abgestürzt, eingefroren, ging nicht mehr an. Ich hab geschrien. Ich hab gezittert. Ich dachte: „Alle unsere Bilder… weg.“ Ich bin durchgedreht. Ich habe meine Mama über das Festnetz angerufen – und sie angeschrien. Richtig laut. Weil ich einfach nicht wusste, wie ich mit der Panik umgehen soll. Ich wollte das nicht. Ich war einfach nur überfordert. Und traurig. Der Ausraster bei McDonald's Ein paar Tage später ist wieder was passiert. Ich war mit meiner Mutter bei McDonald's. Ich hatte so Hunger. Ich habe extra nicht viel gegessen vorher, weil ich mich auf das Essen gefreut habe. Doch dann war mein Burger kalt. Und ich habe ihn zurückgegeben. Die Mitarbeiter haben sich geweigert, mir einen neuen zu machen. Ich bin wieder ausgerastet. Ich habe laut geschrien. Meine Mutter hat versucht, mich zu beruhigen. Aber ich war wütend. Und ich habe sie wieder angeschrien. Später, im Auto, hab ich geweint. Ich hasse es, wenn das passiert. Ich will das nicht. Aber manchmal bricht es einfach aus mir heraus. Ich schäme mich so sehr danach. Noch ein Schock: Die Tante mit Blasenkrebs Und dann – als wäre das alles noch nicht genug – haben wir die Diagnose bekommen: Meine Tante hat Blasenkrebs. Ich kann das kaum schreiben, weil ich selbst noch nicht verstehe,

was das bedeutet. Sie muss ins Krankenhaus. Vielleicht Operation. Vielleicht mehr. Ich weiß nicht, was kommt. Ich hab Angst. Wieder. Und all die kleinen Dinge, die zu viel werden Dazwischen war noch so viel anderes. Schlechte Tage. Tränen. Streit mit meinem Vater, den ich dachte, ich hätte wieder ein bisschen näher an mich herangelassen. Schlaflose Nächte. Und immer wieder das Gefühl: „Es wird zu viel.“ Ich dachte, vielleicht willst du das alles gar nicht wissen. Vielleicht ist das alles zu negativ, zu traurig, zu schwer. Ich bin nicht immer einfach. Ich weiß das. Vielleicht denkst du, du hast schon genug mit deinem Leben zu tun – Training, Spiele, Kameras, Medien. Aber ich wollte ehrlich sein. Weil ich dich schätze. Weil ich dir vertraue. Und weil du vielleicht der Einzige bist, der mich trotz all dieser Dinge… nicht aufgibt. Dein Freund Lukas Zwei Tage später – der zweite Antwortbrief von Haaland Lieber Lukas, Ich habe deinen Brief gelesen. Zweimal. Und dann noch ein drittes Mal. Zuerst einmal: Du bist nicht zu viel. Nicht zu laut. Nicht zu kompliziert. Du bist einfach ehrlich. Und das ist selten. Ich habe nicht aufgehört, an dich zu denken. Deine Wut, deine Tränen – ich kenne sie nicht genau, aber ich weiß, was es heißt, sich verloren zu fühlen. Du hast so viel durchgemacht. Und trotzdem bist du noch da. Du gehst weiter. Du kämpfst. Und das bewundere ich. Ich habe jedes Bild von dir noch. Ich habe alle Erinnerungen gespeichert. Ich weiß nicht, ob dein Handy wirklich alles verloren hat – aber ich kann dir neue Bilder schicken, wenn du willst. Ich kann dir schreiben, was ich noch weiß. Und ich will noch mehr mit dir erleben. Ich habe noch nicht genug von dir gesehen. Ich will dich wiedersehen. Bald. Deine Ehrlichkeit hat mich nicht weggestoßen – sie hat mich nähergebracht. Dein Freund, Erling Lukas’ dritter Brief an Haaland – Trotz allem geht es weiter Mainz, 11. Mai Lieber Erling, ich danke dir für deinen letzten Brief. Ich habe ihn mehrmals gelesen, wie du es auch mit meinen Worten gemacht hast. Es hat mir Kraft gegeben – zu wissen, dass du mich nicht aufgibst, dass du trotz allem bei mir bleibst. Das ist nicht selbstverständlich. Das ist für mich mehr wert als jede Trophäe der Welt. Ich habe dir ja zuletzt von vielen dunklen Momenten erzählt. Doch heute möchte ich dir auch erzählen, dass trotz allem das Leben weitergeht – und manchmal sogar kleine Wunder passieren. Mainz 05 – Ein Rückschlag, aber wir leben noch! Du wirst es vielleicht schon gesehen haben, aber ich muss es dir schreiben: Mainz 05 ist von Platz 3 auf Platz 7 zurückgefallen. Als du damals am 24. März noch da warst, standen wir mit 13 Siegen, 6 Unentschieden und 7 Niederlagen auf Platz 3 – 44:28 Tore, 45 Punkte. Es war ein Traum. Jetzt, sechs Spieltage später, sieht es so aus: • 13 Siege, 9 Unentschieden, 10 Niederlagen

49:40 Tore, also immerhin noch ein positives Torverhältnis. 48 Punkte, Platz 7. Ich geb's zu, es tat weh. Erst haben wir uns gefreut, wir dachten, wir wären auf Kurs Europa. Dann kamen die Unentschieden, die knappen Niederlagen. Und während Bayern München und Leverkusen sich ein Fernduell liefern, zieht sogar Eintracht Frankfurt an uns vorbei, was besonders bitter ist. Die Nachbarn, du weißt ja. Aber trotzdem, ich bin nicht enttäuscht. Ich bin stolz. Weil wir gekämpft haben. Weil niemand erwartet hätte, dass wir überhaupt so weit oben stehen. Und: Die Saison ist noch nicht vorbei. Vielleicht schaffen wir ja doch noch den Einzug in die Europa League. Vielleicht. Und wenn nicht, dann feiern wir eben den Klassenerhalt – und das Leben. • •

Was ich dir noch sagen wollte Ich habe über deine Worte nachgedacht. Dass ich nicht „zu viel“ bin. Dass du mich verstehst. Ich glaube, ich fange langsam an, das selbst zu glauben. Es ist ein weiter Weg – aber du hast mir einen Anfang gezeigt. Und falls du nochmal nach Mainz kommst, und wir nochmal auf dem Balkon sitzen und die Lichter von der Stadt anschauen, dann bring ich diesmal das Abendessen mit. Ich verspreche auch, es nicht anzuschreien, wenn es kalt wird. Ich weiß nicht, was als Nächstes kommt. Aber ich hoffe, dass du irgendwann wieder hier bist. Vielleicht für ein Spiel, vielleicht für einen Spaziergang. Vielleicht nur für ein stilles Gespräch. Aber egal wie – ich freue mich drauf. In Dankbarkeit und Freundschaft, Dein Lukas Einen Tag später – der dritte Antwortbrief von Haaland Lieber Lukas, Ich habe sofort die Bundesliga-Tabelle aufgerufen, als ich deinen Brief gelesen habe. Und ja – ich hab’s gesehen. Mainz 05 ist zurückgefallen. Aber weißt du was? Ich sehe darin nicht nur einen Rückschritt. Ich sehe, dass deine Mannschaft – genau wie du – kämpft. Dass sie sich nicht aufgibt, auch wenn’s mal schwer wird. Und ich sehe, dass du immer noch hinter ihr stehst. Genau wie ich hinter dir. Ich weiß nicht, wann wir uns wiedersehen. Aber ich hoffe, es dauert nicht lange. Und wenn ich wieder in Mainz bin, dann holen wir uns ein neues warmes Essen – oder machen’s einfach selber. Und die Europa League? Wer weiß. Vielleicht braucht es noch einen kleinen Schub – oder einen gewissen norwegischen Glücksbringer ;) Pass auf dich auf. Und schreib mir weiter. Ich will wissen, wie’s dir geht. Dein Freund, Erling 14. Mai – Das fünfte Treffen beginnt Es war der Abend des 14. Mai. Ein ganz gewöhnlicher Dienstag – dachte Lukas zumindest. Der Himmel war leicht bewölkt, der Tag war anstrengend gewesen. Seine Mutter hatte Kartoffelgratin gemacht, Lukas hatte kaum Appetit gehabt. In seinem Kopf kreisten tausend Gedanken: über den letzten Brief von Haaland, über seine Tante, über den Punktestand von Mainz 05, über alles. Er lag auf dem Sofa, das Licht war gedämpft, ein Pokémon Go Video lief leise auf seinem Tablet, während er in einer Decke eingerollt war. Plötzlich – „Ding Dong“.

Die Haustürklingel. Lukas zuckte zusammen. Um diese Uhrzeit? Es war 20:07 Uhr. Kein Paketbote mehr. Und auch kein Nachbar, der wie sonst zu laut den Schlüssel vergessen hatte. „Mama! Machst du auf?“ rief er in den Flur. „Bin grad am Telefon!“ kam es aus dem Schlafzimmer zurück. Lukas seufzte, schob sich langsam vom Sofa hoch, tappte im Bademantel zur Tür und warf einen Blick durch den Spion. Es war dunkel draußen – aber er konnte eine Gestalt erkennen. Groß. In einem Hoodie. Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er öffnete vorsichtig einen Spalt. Da stand er. Haaland. Seine blauen Augen blitzten unter der Kapuze hervor, und er lächelte schüchtern. „Überraschung“, sagte er leise. Lukas stand stumm da. Seine Gedanken rasten. „Du… du bist… warum bist du hier?“, stammelte er. „Weil ich’s nicht mehr ausgehalten hab. Und weil ich nicht wusste, wie lange ich noch warten soll, um dich wiederzusehen. Also… bin ich einfach gekommen. Ich möchte… für eine unbestimmte Zeit bleiben. Wenn das okay ist.“ Lukas war sprachlos. „Aber… dein Training? Dein Klub?“ Haaland schob die Kapuze zurück, sein Haar war länger als zuvor, leicht zerzaust. „Ich hab offiziell freibekommen. Sie wissen, dass ich… Zeit brauche. Für mich. Und für jemanden, der mir wichtig ist.“ Ein Kloß stieg Lukas in den Hals. Seine Hände zitterten. Da trat seine Mutter in den Flur. „Wer ist denn da…?“ Dann erkannte sie ihn. „Ach du meine Güte… ERLING?“ Haaland nickte. „Darf ich… reinkommen?“ Sie sah Lukas an. Der konnte nur nicken. Er wich zur Seite, und Haaland trat ein – langsam, fast ehrfürchtig. „Ich hab nicht viel mit“, sagte er ruhig, „nur einen Rucksack. Ich wollte erstmal nur… hier sein. Ohne Plan. Ohne Vertrag. Ohne Interviews. Einfach nur mit euch.“ Die Mutter schluckte. Dann sagte sie leise: „Das Gästezimmer ist bereit.“ Später am Abend Die beiden saßen im Wohnzimmer. Haaland hatte seine Jacke ausgezogen, trug ein einfaches graues Shirt. Er sah müde aus, aber ruhig. Lukas hatte sich langsam wieder beruhigt, er saß ihm gegenüber mit einem Kissen auf dem Schoß. „Ich hab mir deinen letzten Brief noch zehnmal durchgelesen“, sagte Haaland. „Und ich wusste – egal wie schwer es gerade ist – du brauchst jemanden. Und ich auch.“ Lukas blickte ihn an. „Und… was machen wir jetzt?“ Haaland lächelte. „Nichts planen. Einfach… leben.“ So begann das fünfte Treffen. Ohne Datum, ohne Rückflugticket. Nur zwei Freunde. Ein Zuhause. Und ein Gefühl, das langsam wieder zurückkam: Geborgenheit. Fortsetzung des Abends am 14. Mai – Ein ruhiger Start ins fünfte Treffen Nachdem der erste große Schock sich gelegt hatte, saßen Lukas und Haaland weiterhin im Wohnzimmer. Es war inzwischen nach 21 Uhr, draußen wehte ein leichter Wind, und die Gardinen bewegten sich leise im Rhythmus des warmen Maimondes. Im Hintergrund dudelte

leise ein Fußball-Podcast, den Lukas eigentlich vorhin gehört hatte – doch jetzt achtete keiner mehr darauf. Haaland saß entspannt auf dem Sofa, seine Schultern waren gesunken, als hätte er zum ersten Mal seit Wochen wirklich losgelassen. Lukas hingegen rutschte unruhig auf seinem Sessel herum, sein Blick ging immer wieder zu Haaland – aus Unglauben, aus Erleichterung, aus Nervosität. „Du… hast wirklich alles stehen und liegen lassen? Einfach so?“ fragte Lukas irgendwann leise. Haaland nickte. „Ich hab gemerkt, dass ich mich überall verliere. In Terminen, Spielen, Erwartungen. Und dann hab ich deinen Brief gelesen… und ich wusste: Ich brauch wieder echten Boden unter den Füßen.“ Er blickte Lukas direkt an. „Und du bist für mich… echt.“ Lukas spürte, wie sein Herz einen kleinen Sprung machte. Er schaute verlegen weg. „Ich weiß nie, was ich sagen soll, wenn jemand sowas zu mir sagt…“ Haaland lächelte. „Dann sag einfach gar nichts.“ In der Küche bereitete Lukas’ Mutter derweil noch ein kleines Tablett mit Tee und ein paar Keksen vor. Sie wollte nicht stören, aber sie hörte das leise Gespräch, das aus dem Wohnzimmer kam, und ihr Herz wurde warm. Dieser Junge – Haaland – war nicht einfach nur ein berühmter Fußballspieler. Er war jemand, der ihren Sohn verstanden hatte. Und das war mehr wert als jede Schlagzeile. Als sie die Teetassen leise auf den Couchtisch stellte, sah sie beide an. „Nur was Kleines für den Abend. Ihr müsst morgen nicht früh raus, also genießt die Ruhe.“ „Danke, Frau Zimmermann“, sagte Haaland höflich. „Du darfst mich ruhig mit Vornamen nennen“, erwiderte sie mit einem Augenzwinkern. „Du wohnst schließlich wieder bei uns.“ Alle drei lachten leise. Es war fast 22 Uhr, als sie langsam ruhiger wurden. Lukas wurde müde, aber sein Kopf war noch hellwach. Er hatte so viel zu sagen, so viel zu fragen, doch er wusste, dass es dafür noch viele Tage geben würde. Und dieser Abend… musste nicht alles tragen. „Ich glaub, ich geh schlafen“, murmelte Lukas irgendwann. „Ich auch“, sagte Haaland. „Ich bin hundemüde.“ Die beiden standen gleichzeitig auf. Für einen Moment standen sie sich gegenüber. Keiner sagte etwas. Dann – fast gleichzeitig – hoben sie die Arme und umarmten sich. Nicht fest. Nicht lang. Aber ehrlich. „Gute Nacht, Lukas“, sagte Haaland leise. „Gute Nacht, Erling“, antwortete Lukas. Während Lukas in seinem Bett lag und die Decke bis unter das Kinn gezogen hatte, schaute er zur Zimmerdecke und flüsterte in die Dunkelheit: „Er ist wieder da…“ Im Gästezimmer nebenan hatte Haaland sein Handy ausgeschaltet, den Rucksack ans Bett gestellt und sich auf die Matratze gelegt. Er spürte die Ruhe, die dieses Haus ausstrahlte, und dachte: „Ich bin endlich wieder… angekommen.“ 15. Mai – Der erste richtige Tag des fünften Treffens Ein gemeinsames Frühstück mit neuen Gedanken Die Sonne war schon seit einer Stunde über Mainz aufgegangen, aber das Haus der Familie Zimmermann lag noch in sanfter Ruhe. Nur in der Küche klapperte es leise. Lukas’ Mutter

bereitete das Frühstück vor, ganz wie immer – doch heute war es nicht wie sonst. Heute war wieder ein besonderer Morgen. Lukas wachte früh auf. Für seine Verhältnisse sehr früh – 7:43 Uhr. Normalerweise hätte er sich noch einmal umgedreht, die Decke über den Kopf gezogen und sich geweigert, vor 9 Uhr aufzustehen. Aber heute spürte er etwas, das ihn aus dem Bett zog: Vorfreude. Neugier. Und ein Hauch von Nervosität. Er setzte sich auf die Bettkante, rieb sich die Augen und blickte zur Tür. „Er ist wirklich da“, dachte er und sein Herz schlug etwas schneller. Er ging ins Bad, wusch sich das Gesicht und streifte sich sein Lieblingsshirt über – das schwarze mit dem kleinen Pokéball auf der Brust. Dann schlich er barfuß den Flur entlang zur Küche. Und da saß er schon: Haaland. Mit zerzausten Haaren, in einem schlichten, weißen T-Shirt, die Kaffeetasse in der Hand und ein ruhiges Lächeln auf den Lippen. Er drehte sich um, als Lukas hereinkam. „Guten Morgen, Schlafmütze“, sagte er grinsend. „Ich bin heute ausnahmsweise mal vor 10 wach“, erwiderte Lukas und musste selbst lachen. Die Mutter stellte gerade frische Brötchen auf den Tisch. Es gab alles, was Lukas mochte: Nutella, Erdbeermarmelade, Käse, Ei, eine aufgeschnittene Gurke – und sogar ein Becher mit seinem Lieblingsjoghurt mit Apfelstückchen. Haaland bedankte sich höflich bei ihr, wie immer. Sie ließ die beiden dann allein. Ein Frühstück wie unter Brüdern „Ich hab geträumt, dass du schon wieder weg bist“, sagte Lukas nach dem ersten Bissen. Haaland legte sein Messer zur Seite. „Ich bin noch da. Und ich bleib eine Weile.“ „Wie lange ist eine Weile?“ „Solange du mich hierhaben willst.“ Lukas schaute zur Seite. „Dann für immer.“ Ein kurzer Moment der Stille. Dann mussten beide lachen. Sie aßen langsam, gemütlich. Es war nicht dieses schnelle, schweigende Frühstück wie an stressigen Tagen. Es war eines dieser seltenen, langsamen Morgen, wo die Sonne durchs Fenster scheint, der Tee duftet und die Welt kurz draußen bleibt. „Weißt du“, sagte Lukas irgendwann, „es ist komisch. Ich hab nie gedacht, dass ein berühmter Fußballspieler mal mit mir am Küchentisch sitzt. Und dann auch noch Tee mit Honig trinkt.“ „Ich hätte auch nie gedacht, dass ich in Mainz mal so zuhause sein würde“, sagte Haaland ruhig. „Ich hab schon auf der ganzen Welt geschlafen, aber irgendwie… fühl ich mich hier anders.“ Lukas wurde nachdenklich. Dann fragte er: „Was willst du heute machen? Ich mein… so ganz ohne Termine und Kameras?“ Haaland überlegte. Dann sah er ihn direkt an. „Was du willst.“ Lukas war überrascht. „Ich?“ „Ja. Du planst heute. Ich bin einfach… dein Begleiter.“ Sie räumten gemeinsam den Tisch ab – Haaland bestand darauf, den Müll rauszubringen, während Lukas das Geschirr vorspülte. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich der Alltag leicht an. Und draußen wartete ein Tag voller Möglichkeiten. 15. Mai – Der erste richtige Tag des fünften Treffens Der Mittag: Ein unerwarteter Besuch und ein schwerer Moment Nach dem langen Frühstück hatten Lukas und Haaland beschlossen, es ruhig anzugehen. Sie hatten sich in Lukas’ Zimmer zurückgezogen, ein paar Pokémon getauscht und sich alte

Screenshots von legendären Begegnungen angeschaut. Haaland war erstaunt, wie viele Details Lukas sich merken konnte – wo er welches Pokémon gefangen hatte, welcher Wurf besonders gut war, oder an welchem Tag er ein besonderes Erlebnis mit einem bestimmten Kumpel hatte. Gegen 12:40 Uhr rief Lukas’ Mutter aus der Küche: „Jungs, ich bring gleich Besuch mit – macht bitte ein bisschen Platz im Wohnzimmer.“ Lukas runzelte die Stirn. Besuch? Um die Zeit? „Wen bringt sie denn mit?“ fragte Haaland. Lukas zuckte mit den Schultern. „Vielleicht Oma? Oder eine Nachbarin?“ Doch als um 12:58 Uhr die Tür geöffnet wurde, war es niemand Geringeres als Lukas’ Tante – jene Tante, bei der vor wenigen Wochen Blasenkrebs diagnostiziert worden war. Sie trat langsam ein, gestützt auf einen Arm von Lukas’ Mutter. Ihr Gesicht war blass, aber sie lächelte leicht. Ihre dunklen Haare hatte sie unter einem leichten Tuch verborgen. Ihre Bewegungen wirkten vorsichtig, aber nicht gebrechlich. Es war die Art von Zurückhaltung, die von innerer Erschöpfung kam – nicht von Alter. „Hallo Lukas. Hallo Erling“, sagte sie mit sanfter Stimme. Haaland stand sofort auf und schüttelte ihr höflich die Hand. Lukas blieb sitzen. Er war… überfordert. „Du… du bist schon wieder hier?“ fragte er mit leiser Stimme. „Ja. Ich hatte heute morgen noch eine Untersuchung im Uniklinikum. Und… wir wollten kurz bei euch vorbeischauen. Nur für einen Moment.“ Lukas sah zu seiner Mutter, die nervös wirkte – und das war bei ihr selten. Dann setzten sie sich gemeinsam ins Wohnzimmer. Haaland holte still ein Glas Wasser für die Tante und stellte es ihr wortlos hin. Sie bedankte sich freundlich. Die Nachricht Es war still. Kein Radio lief, kein Fernseher. Nur das leise Ticken der Küchenuhr war zu hören. Dann begann Lukas’ Tante zu erzählen. Ihre Stimme war klar, aber ihre Hände zitterten leicht. „Der Krebs… ist stabil“, sagte sie. „Die Ärzte sagen, es sieht bisher nicht nach Metastasen aus.“ Lukas atmete kurz auf. Haaland spürte, wie auch er ein wenig entspannter wurde. Doch dann kam der nächste Satz. Und der traf Lukas wie ein Schlag. „Aber sie haben eine Zyste in der rechten Niere entdeckt. Ziemlich groß. Sie wissen noch nicht, ob sie gefährlich ist, aber… sie muss beobachtet werden. Vielleicht operiert.“ Lukas’ Gesicht wurde starr. Er schluckte. Seine Hände verkrampften sich auf dem Stoff seines Pullovers. „Was… was bedeutet das?“ fragte er leise. Seine Tante zuckte die Schultern. „Noch wissen sie es nicht. Es kann harmlos sein. Oder… nicht. Ich wollte nur, dass ihr es wisst.“ Haaland saß still da. Er sagte nichts. Aber seine Augen waren weich, verständnisvoll. Er lehnte sich leicht zu Lukas hinüber, ohne ihn zu berühren – einfach nur da. Präsenz. Ruhe. Lukas atmete schwer. Dann stand er plötzlich auf und lief wortlos in sein Zimmer. Im Zimmer Er setzte sich auf sein Bett, starrte auf den Boden. Tränen brannten hinter den Augen. Er fühlte sich wieder wie ein kleines Kind, das nichts verstehen konnte. Nichts ändern konnte. Nach einer Minute klopfte es leise. Dann öffnete sich die Tür, und Haaland trat ein. „Ich hab nichts gesagt“, murmelte Lukas. „Musst du auch nicht“, antwortete Haaland ruhig. „Ich wollte nur, dass du weißt, dass ich da bin.“

Lukas drehte sich langsam zu ihm um. Sein Gesicht war rot, seine Augen feucht. „Ich hasse diese Krankheit.“ „Ich auch.“ Haaland setzte sich neben ihn, ohne ein weiteres Wort. Sie saßen da, einfach nebeneinander. Zwei Freunde. Einer voller Angst, der andere voller Verständnis. Und draußen begann es zu regnen. Ganz leise, wie Tränen vom Himmel. 15. Mai – Der Abend: Schwere Gedanken und die nächste Nachricht Der Regen hatte gegen Abend stärker eingesetzt. Dicke Tropfen klopften an die Fenster, während ein leichter Wind die Äste des alten Baumes im Garten schwanken ließ. Das Haus war in warmes Licht getaucht. In der Küche duftete es nach Gemüsesuppe und Kräutern. Die Mutter hatte beschlossen, etwas Leichtes zu kochen – etwas, das auch Lukas’ Tante gut vertragen konnte. Die Tante hatte sich nach dem Gespräch am Mittag ein wenig hingelegt. Lukas hatte ihre Anspannung gespürt, auch wenn sie es gut überspielen wollte. Jetzt, am Abend, saß sie mit einer Decke auf dem Sofa im Wohnzimmer, ein leeres Teeglas in der Hand, die Beine leicht hochgelegt. Ihre Haut war fahl, aber sie lächelte immer wieder, um Lukas nicht zu beunruhigen. Haaland saß in einem Sessel daneben, er las in einem Buch über Achtsamkeit, das er auf dem Flur aus einem Regal gegriffen hatte. Man merkte, dass er einfach da sein wollte – mehr nicht. Lukas selbst saß schweigend am Esstisch. Er stocherte in seiner Suppe herum. Er hatte seit dem Mittag kaum ein Wort gesagt. Die Nachricht über die Zyste in der Niere seiner Tante hatte ihn mehr getroffen, als er zugeben wollte. Aber was ihn jetzt wirklich aus der Bahn warf, kam erst noch. Ein Anruf, der alles ändert Es war 20:16 Uhr, als das Haustelefon klingelte. Die Mutter nahm ab. „Hallo?... Ja?... Oh. Oh nein… Wirklich wieder?... Ja, natürlich. Danke, dass Sie Bescheid sagen.“ Lukas blickte hoch. Ihre Stimme war angespannter als sonst. Als sie den Hörer auflegte, blieb sie kurz stehen, bevor sie sich umdrehte. „Lukas… es geht um Herrn Reimers.“ Herr Reimers. Der Freund der Familie. Der Mann, der vor wenigen Wochen schon im Krankenhaus lag, weil er wegen einer starken Entzündung nichts mehr essen oder trinken konnte. Lukas war damals schon völlig fertig gewesen, hatte Tage gebraucht, um mit der Sorge klarzukommen. Jetzt starrte er seine Mutter an. „Was… ist mit ihm?“ „Er ist wieder im Krankenhaus. Heute Nachmittag eingeliefert. Er war allein zuhause, ist beim Aufstehen zusammengebrochen. Sie sagen, er war unterzuckert und dehydriert. Wieder.“ Ein Kälteschauer lief Lukas über den Rücken. Er fühlte sich, als hätte jemand den Boden unter seinen Füßen weggezogen. „Wieso wieder? Er sollte doch eigentlich…“ Seine Stimme brach ab. „Man weiß es noch nicht“, sagte die Mutter sanft. „Er ist auf der Überwachungsstation.“ Lukas stand auf. Sein Atem wurde schneller. „Ich kann das nicht mehr hören! Erst die Tante, dann mein Handy, dann McDonald’s, jetzt wieder Herr Reimers! Es reicht doch irgendwann mal!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Haaland sah erschrocken auf, sprang aber nicht auf – er kannte solche Momente. Er blieb sitzen, beobachtete ruhig. „Ich hasse das… ich hasse es einfach!“, rief Lukas in die Küche.

Die Tante sah leise zu ihm herüber. „Es ist okay, Lukas. Du musst das nicht für dich behalten.“ Aber Lukas war schon auf dem Weg in den Flur. Haaland stand nun doch auf und folgte ihm langsam. Später am Abend Gegen 22:30 Uhr war es wieder ruhiger im Haus. Der Sturm draußen hatte nachgelassen, doch in Lukas’ Innerem tobte er weiter. Die Tante hatte sich zum Schlafen hingelegt – sie übernachtete heute im Gästezimmer, Haaland nahm dafür ohne zu zögern eine Matratze auf dem Boden in Lukas’ Zimmer. Die Mutter hatte sich ebenfalls zurückgezogen. Im Halbdunkel des Zimmers saß Lukas auf dem Boden, den Rücken an sein Bett gelehnt. Haaland lag ausgestreckt auf der Matratze, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. „Glaubst du, er kommt da wieder raus?“ flüsterte Lukas. „Ich weiß es nicht“, antwortete Haaland ehrlich. „Aber ich weiß, dass du da bist. Und dass das wichtig ist.“ Lukas schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Ich will einfach, dass mal nichts Schlimmes mehr passiert. Nur ein paar Wochen. Ein paar gute Tage. Ohne Tränen. Ohne Angst.“ Haaland drehte den Kopf zu ihm. „Dann lass uns morgen damit anfangen.“ Lukas sah ihn an. „Versprich mir, dass du morgen nicht gehst.“ „Ich verspreche es.“ Dann legte sich auch Lukas hin, zog sich die Decke bis zur Nase. Der Regen hatte aufgehört. Die Nacht war still. Doch in ihrem Inneren wussten beide: Sie mussten stark sein. Noch stärker als zuvor. 16. Mai – Der zweite Tag des fünften Treffens Ein einfaches Frühstück, ein geplatzter Plan und ein Hoffen auf Europa Der Morgen begann still. Die Sonne schien schwach durch die Vorhänge, das Haus war in sanftes Licht getaucht. Lukas hatte schlecht geschlafen. Immer wieder war er in der Nacht aufgewacht, mit Gedanken an Herrn Reimers, seine Tante – und der Sorge, dass wieder etwas passieren könnte. Doch als er gegen 8:30 Uhr aufstand, war da trotzdem ein Gefühl, das ihn begleitete: Er war nicht allein. Haaland war immer noch da, lag noch halb schlafend auf der Matratze neben seinem Bett und streckte sich gerade wie eine große Katze. Lukas musste schmunzeln. „Guten Morgen, Keksmonster“, sagte Haaland müde. „Ich bin eher Fleischkäsmonster“, erwiderte Lukas grinsend und zog sich die Jogginghose über. Das letzte Fleischkäsebrötchen In der Küche lag noch ein einzelnes Fleischkäsebrötchen in der kleinen Plastiktüte vom Metzger, die seine Mutter gestern in der Einkaufstasche hatte. Lukas schnappte es sich sofort, legte es auf einen Teller und erwärmte es leicht in der Mikrowelle. „Mein letzter Fleischkäse. Ein Moment des Abschieds“, sagte er feierlich, während er sich auf den Küchenstuhl setzte und genüsslich hineinbiss. „Du solltest eine Doku machen: Lukas und das letzte Brötchen“, scherzte Haaland, der mit einer Tasse Kamillentee auf der Eckbank saß. „Nee, lieber eine Serie mit 10 Staffeln – jede Staffel ein neuer Fleischkäse.“ Doch als das Brötchen leer war, seufzte Lukas. „Ich brauch Nachschub. Ich bestell neues. Ich brauch einfach... Routine.“

Ein geplatzter Plan Gegen 11:15 Uhr, als Lukas gerade am Handy die Bestellung abschickte, kam sein Vater in die Küche. Er sah müde aus, die Augen gerötet, als hätte er kaum geschlafen. „Papa?“, fragte Lukas vorsichtig, „weißt du was Neues von Herrn Reimers? Ich wollte ihn nachher besuchen. Mit Mama, Tante Heike und... Erling.“ Sein Vater schüttelte den Kopf. „Das wird heute noch nichts. Er ist immer noch auf der Intensivstation. Besuch ist aktuell nur für enge Angehörige erlaubt. Keine Ausnahmen.“ Lukas’ Schultern sackten ab. Die Hoffnung, ihn heute vielleicht kurz sehen zu können – eine kleine Geste, ein Zeichen – war dahin. „Aber du kannst ihm was schreiben. Ich bring’s ihm mit, sobald ich darf“, fügte der Vater hinzu. Lukas nickte stumm. Ein Plan für Samstag Etwas später saßen Haaland und Lukas wieder im Zimmer. Lukas spielte gedankenverloren mit einem alten Mainz-05-Schal in den Händen, den er zum letzten Heimspiel bekommen hatte. „Weißt du“, begann Lukas leise, „ich will am Samstag ins Stadion. Letzter Spieltag. Mainz spielt zuhause. Ich hab schon Tickets.“ Haaland schaute hoch. „Und du willst, dass ich mitkomme?“ Lukas sah ihn an, fest, aber mit etwas Unsicherheit in der Stimme. „Ja. Wenn du willst. Es geht um viel. Noch ist Platz 6 erreichbar. Vielleicht… Europa League. Oder Conference League. Ich weiß nicht. Aber ich will nicht allein da sein.“ Haaland nickte sofort. „Ich bin dabei. Vielleicht bring ich Glück.“ „Und wenn nicht“, sagte Lukas, „dann feiern wir wenigstens, dass wir nicht abgestiegen sind. Ich hab so Angst, dass nächste Saison wieder alles kaputtgeht. Ich will nicht nochmal so eine Zitternummer wie damals, wo wir am letzten Spieltag gerettet wurden.“ „Dann hoffen wir auf einen schönen Abschluss“, sagte Haaland leise. „Und auf einen guten Neuanfang“, fügte Lukas hinzu. Die Bestellung mit dem neuen Fleischkäse kam gegen Mittag. Lukas nahm sie entgegen, verstaute alles ordentlich im Kühlschrank. Doch obwohl das Essen da war, der Tag hell und friedlich wirkte – schwebte über allem diese Stille, diese Spannung, die keiner laut aussprach. Aber tief in Lukas wuchs etwas anderes – ein Wille, nicht aufzugeben. Denn am Samstag war noch ein Spiel zu spielen. Und vielleicht war das der Anfang von etwas Größerem. 16. Mai – Später Mittag: Ein gemeinsamer Einkauf mit dem Vater Es war mittlerweile 14:40 Uhr, als Lukas in der Küche saß und auf seinen Einkaufszettel starrte. Neben ihm lag ein leerer Getränkekasten, im Kühlschrank war nur noch eine halbe Flasche stilles Wasser und ein angebrochener Apfelsaft. Der Tag war inzwischen wärmer geworden, die Sonne lugte durch die Wolken, und es roch draußen nach aufgewärmtem Asphalt und blühendem Flieder aus dem Nachbargarten. „Wir müssen dringend Wasser und Getränke holen“, murmelte Lukas und sah zu Haaland, der am Tisch saß und sich mit einer Sudoku-Zeitschrift beschäftigte, die er irgendwo zwischen alten Zeitungen gefunden hatte. „Na dann los“, sagte Haaland, ohne aufzusehen. „Lass uns was für den Durst tun, bevor wir verdursten.“ Gerade als Lukas aufstehen wollte, kam sein Vater herein, die Brille leicht schief auf der Nase, sein Handy in der Brusttasche des Hemdes.

„Ich wollte gleich sowieso los und Getränke holen“, sagte er. „Ihr könnt mitkommen, wenn ihr wollt.“ Lukas blickte ihn erstaunt an. Sein Vater war in den letzten Tagen eher ruhig und zurückgezogen gewesen. Dass er von sich aus vorschlug, gemeinsam loszugehen, überraschte ihn – aber es freute ihn auch. „Okay. Ich hol schnell den Kasten aus dem Keller.“ Im Auto – Eine neue Nähe Zehn Minuten später saßen die drei im Auto: Lukas, Haaland auf dem Beifahrersitz, der Vater am Steuer. Es war ein älterer Kombi mit etwas wackeligem Fahrgefühl, aber er tat, was er sollte. Das Radio lief leise im Hintergrund – ein Bericht über den kommenden BundesligaSpieltag. „Mainz 05 empfängt zum Saisonfinale den VfL Bochum“, sagte der Moderator. „Mit einem Sieg könnten die 05er sich noch auf einen Europa-League-Platz retten – vorausgesetzt, Leipzig und Dortmund lassen Punkte liegen.“ Lukas sah zu Haaland. Der grinste nur. „Ich hab’s im Gefühl. Irgendwas Gutes wird passieren.“ Der Vater schaltete das Radio aus, drehte sich an der nächsten Kreuzung nach rechts und sagte dann unerwartet: „Ich find’s gut, dass du wieder da bist, Erling.“ Ein kurzer Moment der Stille. Haaland nickte leicht. „Danke. Ich bin auch froh.“ Lukas blickte stumm aus dem Fenster, aber ein kleines Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Im Getränkemarkt Der Getränkemarkt lag am Rand eines kleinen Industriegebiets. Nicht besonders hübsch, aber praktisch. Die drei nahmen sich einen großen Einkaufswagen und begannen systematisch, die Regale entlangzugehen. „Zwei Kästen Wasser – einmal still, einmal medium“, sagte Lukas. „Dazu Apfelschorle, Cola light, Multivitamin“, ergänzte sein Vater. Haaland grinste: „Und irgendwas Verrücktes für mich. Gibt’s hier Mango-Litschi oder sowas?“ Sie lachten gemeinsam und nahmen schließlich auch einen Kasten mit verschiedenen Eistees mit, darunter auch einen Mango-Minze-Drink, den Lukas mit skeptischem Blick kommentierte: „Wenn du davon Magenkrämpfe kriegst, sag nicht, ich hätt dich nicht gewarnt.“ Beim Hinausfahren half Haaland beim Einladen. Der Vater stellte sich neben den Kofferraum und sah zu, wie Haaland den schweren Wasserkasten mit Leichtigkeit hob. „Wenn du mal keinen Bock mehr auf Fußball hast, kannst du bei uns im Getränkemarkt anfangen“, meinte er trocken. Haaland lachte. „Dann aber nur mit Fußball als Pausenbeschäftigung.“ Auf der Rückfahrt Im Auto herrschte eine angenehm ruhige Stimmung. Lukas saß hinten, sah aus dem Fenster, wie die Felder vorbeizogen. Haaland drehte sich kurz um. „Hast du später noch was vor?“ Lukas schüttelte den Kopf. „Ich glaub, ich geh später mit Mama noch zur Tante rüber. Sie hat gesagt, sie will ein paar Sachen aus ihrer Wohnung holen.“ Dann nach einer kurzen Pause: „Aber morgen könnten wir was machen. Vielleicht an den Rhein? Einfach raus, mal tief durchatmen.“ „Klingt gut“, sagte Haaland. „Ich bin dabei.“

Der Vater nickte leicht. Und in diesem Moment – dieser stillen Rückfahrt mit vollen Getränkekisten, einem müden Blick auf die Welt und der Anwesenheit von jemandem, der geblieben war – fühlte sich das Leben für Lukas wieder ein kleines Stück leichter an. 16. Mai – Der Abend: Ein Garten, ein Hund und ein Stück Normalität Nach dem gemeinsamen Einkauf war der Nachmittag ruhig verlaufen. Die Sonne hatte sich am späten Nachmittag endgültig durch die Wolken geschoben, und ein goldener Lichtschein legte sich über die Dächer der Nachbarschaft. Es war einer dieser Maimomente, in denen die Luft mild war, das Zwitschern der Vögel noch nicht aufgehört hatte – und der Alltag für ein paar Stunden seinen Griff lockerte. Gegen 19:10 Uhr kam die Nachbarin aus dem Haus gegenüber auf die Familie zu, während Lukas gerade Haaland eine Flasche Eistee in die Hand drückte. „Wenn ihr möchtet – wir machen heute Abend ein kleines Beisammensein im Garten. Nur was Lockeres. Ein paar Lichter, ein paar Getränke… und Bello freut sich immer, wenn jemand mit ihm spielt“, sagte sie mit einem warmen Lächeln. Lukas’ Mutter schaute zu Lukas. Der zuckte erst mit den Schultern, doch dann sagte er leise: „Wenn der Hund da ist… bin ich dabei.“ Ab in den Garten Um 20:05 Uhr standen sie mit Picknickdecke, ein paar Flaschen Schorle und zwei Schüsseln Kartoffelchips im großen Garten der Nachbarin. Er war liebevoll gepflegt – mit einem kleinen Rosenbeet, einer Lichterkette, die sich zwischen zwei Bäumen spannte, und einem alten Grill, der warm vor sich hin glühte. Zwei Nachbarn waren bereits da, und auch Lukas’ Tante hatte sich für eine Weile dazugesellt, eingewickelt in eine dicke Strickjacke. Und da war er: Bello, der goldenbraune Labrador-Mix, schon etwas älter, aber noch voller Energie. Kaum sah er Lukas, wedelte er wie wild mit dem Schwanz, rannte auf ihn zu und sprang beinahe vor Freude hoch. „He, nicht so wild!“, rief die Nachbarin lachend. Doch Lukas lachte – ehrlich, aus vollem Herzen. Spielzeit mit Bello Lukas verbrachte fast die ganze erste Stunde damit, mit Bello über den Rasen zu tollen. Sie spielten Fang, apportierten einen alten quietschenden Gummiball, und zwischendurch streichelte Lukas den Hund ausgiebig hinter den Ohren. Es war, als würde der ganze Stress, all die Sorgen, für einen Moment verschwinden. Haaland stand eine Weile mit einem Glas in der Hand am Rand des Gartens, beobachtete die Szene mit einem weichen Blick. Dann setzte er sich auf einen der Gartenstühle neben Lukas’ Mutter und sagte: „Ich hab ihn schon lange nicht mehr so leicht gesehen.“ Sie nickte nur. Es war nicht nötig, viel zu sagen. Ein lauer Abend Mit Einbruch der Dunkelheit – gegen 21:30 Uhr – wurden Kerzen aufgestellt, kleine Solarleuchten begannen zu glimmen, und jemand spielte leise Musik von einem BluetoothLautsprecher. Die Gespräche wurden ruhiger, vertrauter. Lukas hatte sich mittlerweile mit einem Kissen auf den Rasen gesetzt, Bello lag mit dem Kopf auf seinem Bein. Der Vater saß mit einem der Nachbarn am Feuerkorb und sprach über alte Bundesligazeiten, während Haaland mit einem leicht beschwingten Grinsen seine Apfelschorle trank. „Du gehörst hier langsam wirklich zur Familie“, sagte Tante Heike leise, als sie sich zu Haaland setzte. „Das hoffe ich“, antwortete er einfach.

Bis in die Nacht Die Zeit verging schneller, als irgendjemand es merkte. Gegen 1:15 Uhr war der Garten stiller geworden. Ein paar der Nachbarn hatten sich verabschiedet. Lukas saß immer noch mit dem Hund im Gras, Haaland neben ihm, stumm, aber präsent. Die Lichterketten warfen weiches Licht auf ihre Gesichter, während eine letzte Nachtbrise durch die Bäume zog. „Ich will nicht ins Haus“, murmelte Lukas. „Hier draußen ist es… friedlich.“ „Dann bleiben wir noch ein paar Minuten“, sagte Haaland. Um 1:30 Uhr halfen sie dann doch beim Aufräumen, verabschiedeten sich von der Nachbarin – und Bello bekam noch eine extra Streicheleinheit. Als sie zurück ins Haus gingen, war das Gefühl in Lukas’ Herz ein anderes. Die Sorgen waren nicht weg – aber sie waren leiser geworden. Und manchmal, dachte er, reicht das schon, um durch den nächsten Tag zu kommen. 16. Mai – Früher Morgen des zweiten Tages: Die schlaflose Nacht Es war tief in der Nacht – oder besser gesagt: sehr früh am Morgen des 17. Mai, als das Haus in völliger Dunkelheit lag. Die Fenster waren geschlossen, nur das gelegentliche Rauschen eines vorbeifahrenden Autos unterbrach die Stille. Von außen wirkte alles ruhig, fast idyllisch. Doch in Lukas’ Zimmer spielte sich eine andere Welt ab. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte 02:41 Uhr. Lukas lag wach. Seit Stunden. Die Decke bis unter das Kinn gezogen, den Blick zur Decke gerichtet. Neben ihm atmete Haaland ruhig im Schlaf auf der Matratze, eingekuschelt in eine Gästedecke, leicht schnarchend – ein rhythmisches, beruhigendes Geräusch, das Lukas eigentlich hätte helfen sollen. Aber es half nicht. Ein Kopf voller Gedanken Lukas’ Herz schlug zu schnell. Nicht aus Angst – eher aus innerer Unruhe, aus dem ständigen Kreisen von Gedanken, das er einfach nicht stoppen konnte. „Was ist, wenn Herr Reimers nicht mehr aufwacht?“ „Was, wenn die Zyste bei Tante Heike doch böse ist?“ „Was, wenn Haaland irgendwann einfach wieder geht – so, ohne Abschied?“ „Was, wenn der Samstag im Stadion eine Enttäuschung wird?“ „Was, wenn alles wieder so wird wie früher – bevor er kam?“ Er drehte sich zur Seite, schloss die Augen, presste sie zusammen – als könne er die Gedanken einfach wegdrücken. Doch es wurde nicht besser. Um 03:16 Uhr stand er auf, schlich barfuß in die Küche, trank ein Glas Wasser, starrte minutenlang in die Dunkelheit des Wohnzimmers, wo noch eine leere Tasse auf dem Couchtisch stand. Dann ging er zurück. Im Bett, aber nicht zur Ruhe Er legte sich wieder hin. Haaland hatte sich im Schlaf umgedreht, murmelte unverständliche Worte. Lukas hörte ihm zu – das half ihm, wenigstens nicht völlig durchzudrehen. Aber schlafen? Keine Chance. Er nahm sein Handy, ohne den Bildschirm anzuschalten – nur um es festzuhalten, wie eine Art Anker. Dann legte er es wieder weg. Er dachte an den Hund aus dem Garten. An das warme Fell, das gleichmäßige Atmen, den ruhigen Blick. Für einen Moment stellte er sich vor, Bello läge jetzt hier – vielleicht wäre das beruhigend. Dann – ein Gedanke: „Ich kann nicht schlafen, aber ich bin nicht allein. Er ist da. Im selben Raum. Und das zählt.“ Gegen fünf Uhr morgens

Die Uhr zeigte 04:58 Uhr, als seine Augen langsam schwerer wurden. Nicht, weil der Kopf leer war – sondern, weil der Körper irgendwann nicht mehr konnte. Die Gedanken flackerten noch kurz, bevor sie sich langsam vernebelten. Lukas schlief schließlich ein. Nicht tief, nicht fest. Aber genug, um dem neuen Tag etwas Kraft entgegenzusetzen. Und während draußen die Vögel zu singen begannen und die ersten Sonnenstrahlen durch das Rollo drangen, lag Haaland immer noch ruhig da – als würde er aufpassen. Als würde er über Lukas wachen. 18. Mai – Der letzte Bundesliga-Spieltag: Mainz 05 sichert sich Europa Ein Tag im Stadion mit der ganzen Familie und einem Hauch von Magie Der Samstag war warm, aber nicht zu heiß. Die Sonne stand hoch am Himmel über Mainz, und über dem Stadion lag schon gegen Mittag eine nervöse Spannung. Heute zählte jeder Punkt, jede Sekunde, jeder Pfiff – der letzte Bundesliga-Spieltag der Saison 2024/2025. Und der 1. FSV Mainz 05 hatte die Chance, es doch noch in den europäischen Wettbewerb zu schaffen – in die UEFA Europa Conference League. Für Lukas war es mehr als nur ein Spiel. Es war ein Moment der Hoffnung, ein Ziel, eine Belohnung nach den schweren Wochen voller Krankheit, Angst und Schlaflosigkeit. 12:10 Uhr – Aufbruch zum Stadion Lukas stand fertig im Flur: Mainz-Schal um den Hals, Trikot mit der Nummer 29 (Burkardt), bequeme Shorts, sein alter Glücksanhänger – ein abgewetzter Button mit dem alten Vereinslogo – an der Tasche befestigt. Neben ihm Haaland, in schlichtem Grau, aber mit roter Baseballcap und Sonnenbrille. Unauffällig, aber doch eindeutig als Teil der Gruppe. Mit dabei waren seine Mutter, seine Oma, die aufgeregt an ihrem Krückstock klopfte, und Tante Heike, die zwar geschwächt wirkte, aber sich fest vorgenommen hatte, dabei zu sein. Sie saß im Rollstuhl, den Haaland ohne Diskussion schob. Es war ihr erstes Stadionerlebnis seit Jahren – und heute sollte es ein besonderes werden. 13:50 Uhr – Im Stadion Die Stimmung war elektrisierend. Rot-weiße Fahnen wehten im Wind, der Fangesang hallte durch die Blöcke. Lukas, seine Familie und Haaland hatten Plätze direkt hinter der Trainerbank bekommen – barrierefrei, mit perfekter Sicht. „Wenn wir gewinnen und Leipzig verliert, sind wir Sechster“, sagte Lukas mehrmals – wie ein Mantra. Haaland lächelte nur. „Glaub einfach dran.“ Das Spiel: Ein Auf und Ab der Gefühle Anstoß: 15:30 Uhr. Mainz 05 gegen den bereits abgestiegenen VfL Bochum. 16. Minute: Amiri bringt Mainz in Führung – doch nach VAR-Überprüfung wird das Tor aberkannt. Enttäuschung. 30. Minute: Lee trifft – wieder aberkannt nach VAR. Jetzt wird das Stadion laut. 34. Minute: Nebel trifft! Doch VAR meldet sich ein drittes Mal. Erneut kein Tor. Unglaublich. 35. Minute: Und dann: Tor für Mainz! Wieder Nebel, diesmal zählt es. 1:0! Riesenjubel, Lukas springt auf, reißt Haaland mit. Seine Tante klatscht in die Hände, die Oma ruft laut: „Endlich!“ Halbzeit. 49. Minute: Foulelfmeter für Bochum. Schick tritt an – 1:1. Die Stimmung kippt. 54. Minute: Wieder Schick. 1:2. Jetzt wird es bitter. Lukas setzt sich. Er schüttelt den Kopf. „Nicht heute… bitte nicht heute.“

63. Minute: Elfmeter für Mainz. Burkardt tritt an. Stille. Dann der Schuss – Tor! 2:2! Das Stadion explodiert. Hoffnung flammt auf. Die Minuten vergehen, Lukas fiebert mit jeder Aktion. Und dann – die Nachspielzeit. 90+3. Minute: Bell trifft zum 3:2! Jubel bricht aus – doch VAR meldet sich ein letztes Mal… und aberkennt auch dieses Tor. Abpfiff. 2:2. Enttäuschung? Nein. Nicht ganz. Endstand, Ergebnisse und ein Blick auf die Tabelle Während die Spieler sich verabschieden und Ehrenrunden drehen, kommt die Durchsage: „Endstand aus Stuttgart: Leipzig verliert mit 2:3 gegen den VfB. Damit zieht der 1. FSV Mainz 05 auf Tabellenplatz 6 vor und qualifiziert sich für die UEFA Europa Conference League!“ Ein kurzer Moment der Stille – dann bricht das Stadion in rauschenden Jubel aus. Lukas steht da, erst sprachlos, dann rufen seine Mutter und seine Tante gleichzeitig: „Wir haben’s geschafft!“ Haaland umarmt Lukas fest. „Ich hab’s dir gesagt. Glaube hilft manchmal mehr als Zahlen.“ Die Heimfahrt – Still, stolz und glücklich Im Auto ist es ruhig. Nicht aus Traurigkeit – sondern aus Ergriffenheit. Tante Heike lehnt sich zurück, ein kleines Lächeln im Gesicht. Die Oma summt ein altes Mainz-Lied. Haaland schaut aus dem Fenster, sein Blick weich. Lukas schaut auf sein Handy. Die Tabelle. Mainz 05 – Platz 6 – 52 Punkte – Europa. Er macht ein Screenshot. Dann schickt er ein kurzes Bild an eine alte Chatgruppe mit nur zwei Worten: „Wir sind wieder wer.“ Und für ihn bedeutete das: „Ich bin wieder wer.“ 18. Mai – Der Abend: Geburtstagsfeier der Ersatzoma im Restaurant Nach dem großen, emotionalen Tag im Stadion hatte sich die Familie nur kurz zuhause frisch gemacht. Die Klamotten vom Spiel – verschwitzte Trikots, beschriftete Schals, rote Kappen – wurden gegen saubere Hemden, Blusen und lockere Jeans getauscht. Haaland zog ein schlichtes beiges Leinenhemd an, das ihm die Mutter von Lukas zurechtgelegt hatte, „damit du nicht gleich erkannt wirst“, wie sie gesagt hatte. Lukas trug sein Mainz-05-Polo, das zwar sportlich war, aber eben doch ein bisschen „Restaurant-tauglich“. Der Anlass war besonders: Die Ersatzoma, wie sie alle liebevoll nannten, feierte heute ihren 72. Geburtstag – und das sollte nicht zuhause gefeiert werden. Sie hatte sich ein Essen im Restaurant gewünscht. Nichts Großes. Nur ein Tisch für sieben Personen, ein bisschen gute Stimmung – und ihre Liebsten um sich herum. 19:40 Uhr – Ankunft im Restaurant Sie fuhren gemeinsam in zwei Autos zu einem kleinen Restaurant in der Nähe der Rheinpromenade. Ein uriges, aber gepflegtes Lokal mit rötlichen Holztischen, cremefarbenen Stoffservietten und einem großen Fenster mit Blick auf den Fluss. Der Tisch war festlich gedeckt – ein kleines Schild mit der Aufschrift "Reserviert: Familie Zimmermann" stand neben einem Blumenstrauß aus weißen Rosen und gelben Tulpen. Die Ersatzoma trug ein hellblaues Tuch und ihre silberne Brosche – ein Geschenk ihrer verstorbenen Schwester, das sie nur an besonderen Tagen trug. „Ich hab mir nur eines gewünscht“, sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln, als sie sich setzte, „dass ihr alle da seid. Und dass niemand heute alleine am Rand sitzt.“

Die Bestellung Die Kellnerin kam, freundlich, aufmerksam. Jeder studierte die Karte. Die Mutter bestellte gebratene Lachsfilets mit Gemüse, der Vater ein Rumpsteak mit Kräuterbutter, Tante Heike einen leichten Salat mit Ziegenkäse. Haaland überlegte kurz, grinste dann und sagte: „Ich probier mal die Käsespätzle. Klingt spannend.“ Und Lukas? Er blätterte die Karte durch, dann legte er sie entschlossen zur Seite. „Für mich… einfach eine große Portion Pommes, bitte. Ohne alles. Nur Pommes.“ Die Kellnerin lächelte. „Mit Ketchup oder Mayo?“ „Ketchup. Und bitte viel davon“, sagte Lukas bestimmt. Das Essen Während das Essen zubereitet wurde, sprach die Gruppe über das Spiel, über die VAREntscheidungen, über das Glück mit Leipzigs Niederlage – aber auch über alltägliche Dinge: die Pläne für die nächste Woche, ein neues Rezept, das Oma ausprobieren wollte, und Tante Heikes bevorstehende Untersuchung. Als das Essen kam, dampfte es herrlich. Die Teller waren groß und voll. Lukas’ Pommes lagen auf einem eigenen weißen Porzellanteller – goldgelb, perfekt knusprig, mit einem kleinen Turm aus Ketchup am Rand. Er nahm sich seine Gabel, tunkte eine Pommes tief ins Rot und lächelte zum ersten Mal an diesem Abend richtig. „Die schmecken besser als jede Champions-League-Trophäe“, sagte er. Haaland grinste. „Ich werd’s dem UEFA-Präsidenten ausrichten.“ Nach dem Essen Es gab keinen großen Nachtisch – nur ein kleines Stück Käsekuchen für die Ersatzoma, mit einer Mini-Kerze drauf. Lukas zündete sie an. Haaland reichte ihr das Messer. Und die ganze Familie sang leise und schief: „Zum Geburtstag viel Glück…“ Die Ersatzoma weinte ein bisschen – aus Freude. Lukas blickte sie an. „Ich weiß, dass nicht alles gut ist. Aber heute war’s… fast perfekt.“ Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du bist perfekt genug für mich.“ 22:45 Uhr – Rückweg Draußen wehte ein frischer Wind. Sie gingen langsam zurück zum Auto, während die Lichter der Stadt am Rhein glitzerten. Lukas hatte noch eine Serviette mit ein paar Ketchup-Flecken in der Jackentasche. Irgendwie… war das sein Erinnerungsstück an diesen Tag. Ein Tag voller Emotionen. Ein Spiel für die Geschichte. Ein Teller Pommes, der wie ein Festmahl schmeckte. Und eine Familie, die trotz allem zusammenstand. 18. Mai – Später Abend: Zweifel und eine leise Angst Es war bereits nach 23 Uhr, als die Familie wieder zuhause ankam. Der große Tag lag wie eine warme Decke über dem Haus – ein Tag, an dem vieles gelungen war: Das Spiel, die Qualifikation für Europa, die gemeinsame Geburtstagsfeier der Ersatzoma. Alle waren zufrieden, müde – aber auch erfüllt. Lukas ging noch einmal in sein Zimmer. Haaland folgte ihm nach ein paar Minuten, klopfte leise an die angelehnte Tür und kam mit einem leisen: „Stör ich?“ herein.

Lukas saß am Schreibtisch, die Beine leicht angezogen, das Mainz-05-Polo lag über der Stuhllehne. Auf dem Bildschirm des Tablets flackerte die Tabelle der Bundesliga – Platz 6. Direkt darunter: „Qualifiziert für die Play-Off-Runde der UEFA Europa Conference League.“ Ein stiller Moment Haaland setzte sich auf das Bett, blickte zu Lukas, der die Tabelle anstarrte, als könne sie jeden Moment wieder umspringen. „Ich sollte mich freuen“, sagte Lukas plötzlich leise. „Tust du das denn nicht?“ „Doch… also… schon. Aber…“ – Lukas wandte sich zu ihm – „ich hab Angst.“ „Wovor?“ „Dass es nächstes Jahr wieder alles kaputt geht. Dass wir uns alle freuen, und dann… fliegen wir schon vor der Gruppenphase raus, gegen irgendeinen Verein aus der dritten Liga Bulgariens. Oder schlimmer – wir kommen in die Gruppenphase und verkacken jedes Spiel. Und dann… werden wir in der Liga so überfordert, dass wir am Ende absteigen. Oder beides. Erst rausfliegen aus Europa, dann aus der Bundesliga. Und dann steht da Mainz 05… wieder in Liga zwei. Ohne Glanz. Ohne Hoffnung.“ Haaland sah ihn still an. Dann sagte er ruhig: „Du denkst in Möglichkeiten. Aber was, wenn wir anfangen, in Chancen zu denken?“ Lukas schwieg. Realismus trifft Hoffnung Haaland lehnte sich etwas zurück. „Es kann sein, dass Mainz nächstes Jahr früh rausfliegt. Natürlich. Europapokal ist hart. Lange Reisen, enge Zeitpläne. Und ja, es ist auch realistisch, dass es in der Liga schwer wird, wenn man alle paar Tage spielen muss.“ Lukas nickte. „Eben… das meine ich ja.“ „Aber“, fuhr Haaland fort, „du vergisst, was heute war. Mainz hat gezeigt, dass sie kämpfen können. Nicht perfekt – aber mutig. Und du hast das auch.“ „Ich?“ „Du bist wie Mainz. Du hattest Rückschläge. Drei VAR-Tore nicht gegeben. Trotzdem weitergemacht. Du hast gezweifelt, bist nachts nicht zur Ruhe gekommen, aber heute – da warst du da. Du warst da im Stadion, mit deiner Familie, mit mir. Und du hast gefeiert. Das zählt.“ Lukas starrte auf seine Hände. „Aber was, wenn der Sturz umso schlimmer wird, weil ich Hoffnung hatte?“ Haaland antwortete leise: „Dann steh ich wieder auf mit dir. Und nächstes Jahr im Mai… stehen wir entweder auf der Tribüne eines Europapokalfinales oder… in Liga zwei auf dem Betze, und schreien trotzdem laut: „Mainz bleibt Mainz.“ Ein letzter Blick Lukas schaltete das Tablet aus. Die Tabelle verschwand. Er schaute zu Haaland. „Wenn du nächstes Jahr nicht mehr da bist… und es geht alles schief… dann will ich wenigstens, dass du weißt: Ich hab’s versucht. Ich hab mitgehofft.“ „Und ich auch“, sagte Haaland. „Und vielleicht… bin ich schneller wieder hier, als du denkst.“ Dann legte sich Lukas aufs Bett, zog die Decke bis zur Brust und schloss die Augen. Und während die Nacht über Mainz lag, lagen in diesem kleinen Zimmer keine Antworten – aber etwas anderes: Ein gemeinsames Versprechen.

Für die nächste Saison. Für Europa. Für alles, was kommt. 18. Mai – Kurz vor Mitternacht: Zwischen Müdigkeit und Nationalmannschafts-Angst Es war inzwischen 23:56 Uhr, als Lukas das Licht im Badezimmer ausmachte und mit leisen Schritten zurück in sein Zimmer ging. Der Tag hatte ihn geschafft – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. So viele Eindrücke: Der dramatische Spielverlauf, die VAREntscheidungen, das Auf und Ab der Gefühle, der laute Jubel über die Qualifikation für Europa… und dann noch die ruhige, feierliche Stimmung beim Abendessen im Restaurant. Er hatte sich einen gemütlichen Schlafanzug angezogen – das graue Shirt mit dem MainzWappen und eine lockere Baumwollhose. Im Zimmer war das Licht gedimmt, nur die kleine LED-Leuchte an seinem Schreibtisch brannte noch. Haaland saß auf dem Boden und streckte sich, gähnte herzhaft. „Bereit fürs Bett?“, fragte er mit einem müden Lächeln. Lukas nickte, wirkte aber gedanklich woanders. „Was ist los?“, fragte Haaland sanft. Lukas zögerte. Dann setzte er sich auf die Bettkante, den Blick gesenkt. Die nächste Sorge: Nations League „Ich… ich hab Angst“, sagte Lukas leise. „Wieder? Wovor diesmal?“ Lukas fuhr sich durch die Haare. „Wegen der Nationalmannschaft. Die Nations League steht vor dem Halbfinale, und… ich hab einfach so ein komisches Gefühl.“ Haaland zog eine Augenbraue hoch. „Aha… du liegst gleich im Bett, hast einen perfekten Mainz-Tag hinter dir, und denkst an die Nations League?“ Lukas zuckte die Schultern. „Ich weiß, es klingt blöd. Aber… wir spielen im Halbfinale gegen Portugal. Und ich hab so ein mieses Gefühl, dass wir das verlieren. Cristiano Ronaldo ist zwar alt, aber irgendwie... Portugal ist gefährlich. Bernardo Silva, Bruno Fernandes – die sind alle noch in Topform.“ Haaland nickte. „Und wenn wir gewinnen?“ Lukas sah ihn erschrocken an. „Dann ist’s ja noch schlimmer! Dann kommen wahrscheinlich Spanien oder Frankreich. Und gegen die… Ich weiß nicht. Spanien ist so kontrolliert, die pressen wie die Irren. Und Frankreich... das ist einfach wie ein Panzer. Mbappé, Griezmann, Tchouaméni – die laufen über dich drüber.“ Er machte eine kurze Pause, atmete schwer aus. „Ich weiß nicht, ob ich das aushalte. So eine Hoffnung, und dann… wieder enttäuscht werden. Wie bei der EM. Oder der letzten WM. Immer Hoffnung – dann Bruchlandung.“ Ein ruhiger Blick auf den Sturm Haaland sagte nichts, setzte sich nur neben ihn aufs Bett. „Du weißt, dass du nicht die ganze Fußballwelt auf deinen Schultern tragen musst, oder?“ Lukas schmunzelte schwach. „Manchmal fühlt es sich aber so an.“ „Weißt du, was hilft?“ „Was?“ „Sich zu erinnern, dass du nicht allein bist. Millionen andere haben genau dieselben Gedanken. Nur… die trauen sich nicht, sie um Mitternacht laut auszusprechen.“ Lukas grinste. „Ich bin halt besonders.“

„Das bist du wirklich“, sagte Haaland. „Und wenn Deutschland im Halbfinale rausfliegt – dann feiern wir, dass wir es überhaupt bis dahin geschafft haben. Und wenn wir ins Finale kommen… dann bestellen wir uns Pommes und schreien beim Fernseher wie Verrückte.“ „Und wenn wir das Finale verlieren?“ Haaland sah ihn an. „Dann sind wir traurig. Und stehen trotzdem am nächsten Morgen auf.“ Ein letzter Gedanke, dann Schlaf Lukas nickte langsam. Er wusste, dass er es nicht abschalten konnte – das Denken, das Sorgen, das Spekulieren. Aber es tat gut, dass jemand da war, der das aushielt. Der es nicht lächerlich fand, dass man Angst vor einem Fußballspiel hatte, das noch gar nicht stattgefunden hatte. Er legte sich ins Bett, zog die Decke hoch, schaute an die Decke. „Hoffentlich schlafen die in der Nationalmannschaft besser als ich…“ „Bestimmt. Aber nicht besser als du gleich“, sagte Haaland, löschte das Licht und legte sich auf die Matratze. Im Dunkeln hörte Lukas noch leise: „Und wer weiß… vielleicht schlägt Deutschland ja erst Portugal, dann Frankreich. Und dann? Dann feiern wir auf dem Balkon.“ Lukas schloss die Augen. „Und du bringst den Ketchup.“ „Versprochen.“ Und diesmal schlief Lukas tatsächlich ein – mit Angst im Herzen, ja. Aber auch mit einem kleinen Funken Hoffnung. 19. Mai – Der dritte Tag: Katerstimmung und Kiezkneipe – Der HSV verpasst die Meisterschaft Der Morgen des dritten Tages begann spät. Die Sonne stand bereits hoch über Mainz, als Lukas und Haaland sich langsam aus den Betten quälten. Beide waren noch etwas erschöpft vom Stadiontag und der langen Geburtstagsfeier. Trotzdem – der Tag hatte einen festen Plan: Zweites Liga-Finale in der Kneipe anschauen. HSV gegen Fürth. Für Lukas, als eingefleischten HSV-Fan neben seiner Liebe zu Mainz 05, war das Spiel heute mehr als nur ein Saisonabschluss. Es war der mögliche krönende Abschluss: Aufstieg war geschafft – aber jetzt ging es noch um die Zweitligameisterschaft. Und ausgerechnet Elversberg – das kleine, sympathische Überraschungsteam – konnte heute noch in die Relegation springen. 13:10 Uhr – Aufbruch zur Kneipe Gegen Mittag zogen Lukas und Haaland los. Lukas im HSV-Trikot, stolz wie eh und je, mit einem alten Schal aus den Zeiten von Rafael van der Vaart um den Hals. Haaland, neutral in dunkelblauer Jacke, aber mit einem leichten Grinsen: „Ich hoffe, du brüllst den Fernseher nicht kaputt, wenn es schlecht läuft.“ „Ich verspreche nichts“, antwortete Lukas trocken. Sie gingen zu einer kleinen Fußballkneipe in der Mainzer Neustadt – “Zur Halbzeit“ hieß sie. Ein Ort, wo die Gläser groß, die Sprüche der Gäste laut und der Fernseher wichtiger als das Tageslicht war. Drinnen saßen bereits ein paar Fans verschiedener Clubs – viele Mainzer, ein paar Lauterer, ein Paderborn-Trikot. Und ganz hinten: zwei HSV-Fans mit Mützen und Biergläsern in der Hand. 13:30 Uhr – Anstoß und erste Hoffnung Das Spiel begann ruhig. Lukas bestellte eine Apfelschorle, Haaland nahm ein Radler. Die ersten Minuten waren ausgeglichen. Elversberg führte in ihrem Spiel gegen Heidenheim – ein

Fakt, der über die Ticker lief und bei Lukas sofort Alarm auslöste. „Wenn wir heute nicht gewinnen, sind wir nicht Meister. Und Elversberg… muss dann noch in die Relegation.“ Doch dann – 41. Minute: Tor für Greuther Fürth. Felix Klaus trifft zum 1:0. Schweigen. Lukas runzelte die Stirn, fluchte leise. „Nicht der schon wieder…“ Zweite Halbzeit: Hoffnung, Wut, Wahnsinn 50. Minute: Dompé gleicht aus – 1:1! Lukas sprang auf. „Da sind wir! Jetzt noch zwei…“ Doch kaum saß er wieder, fiel auch schon das 2:1 – Felix Klaus, Elfmeter, 57. Minute. „Nicht dein Ernst“, murmelte Lukas und schlug mit der Hand auf den Tisch. 63. Minute: 3:1 – wieder Klaus. Jetzt kochte die Kneipe. Nicht nur Lukas, auch ein anderer HSV-Fan warf seinen Schal auf den Boden. „Was soll das denn heute?! Meisterschaftsmodus sieht anders aus!“ 67. Minute: Glatzel verwandelt einen Elfmeter zum 3:2. Hoffnung keimte auf. Dann kam die dramatischste Phase: 90+1: Elfmeter für HSV nach VAR – zurückgenommen. Lukas stand fassungslos da, Haaland legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. „Das war’s noch nicht.“ 90+7: Elfadi trifft – und das Stadion jubelt! Doch: VAR greift ein – wieder zurückgenommen. Kein Tor. Endstand: 3:2 für Fürth. Nach dem Spiel: Ernüchterung und Relegation Die Kneipe wurde still. Nicht, weil es keine Emotionen gab – sondern weil jeder wusste, was das bedeutete: • HSV steigt auf, ja. • Aber kein Meister. • Elversberg muss trotz starkem Spiel in die Relegation gegen den 1. FC Heidenheim, der in der Bundesliga den 16. Platz belegte. Lukas saß stumm da, starrte auf sein leeres Glas. „Wie kann man 3:3 machen und dann zweimal vom VAR geklaut werden…?“ Haaland sagte nichts, sondern bestellte einfach zwei neue Getränke. „Dafür brauchst du was. Und nicht nur du.“ 16:30 Uhr – Draußen vor der Kneipe Sie standen draußen, Haaland mit dem Rücken zur Wand, Lukas mit dem Schal lose um den Hals. „Weißt du“, begann Lukas, „man denkt, man hat sich an den HSV gewöhnt. An dieses Auf und Ab. Aber es trifft einen jedes Mal wieder.“ Haaland nickte. „Ihr seid aufgestiegen. Das zählt. Meister… war Bonus.“ „Aber wir sind halt der HSV. Wenn wir schon was machen, dann bitte richtig. Oder gar nicht“, murmelte Lukas. „Dann ist es eben wieder eine Saison mit Drama“, sagte Haaland. „So wie bei dir.“ Lukas grinste schwach. „Stimmt. Eigentlich passt das ja. Ich bin auch selten einfach nur 'gut'. Immer Chaos dabei.“ Auf dem Heimweg Sie gingen langsam zurück, beide schweigend, aber mit dem Gefühl, dass sie heute nicht allein enttäuscht waren. Als sie das Haus betraten, rief die Mutter aus der Küche: „Wie ist es ausgegangen?“

Lukas warf den Schal auf die Garderobe, antwortete: „Typisch HSV. Aufgestiegen, aber keiner hat Bock zu feiern.“ Dann sah er Haaland an und sagte grinsend: „Aber wenigstens hat der VAR uns zweimal daran erinnert, wer wir wirklich sind.“ Und irgendwie war genau das der wahre Abschluss dieser verrückten Saison. 19. Mai – Später Abend: Gespräch im Dunkeln über VAR, Nerven und Fairness Es war bereits nach 23:30 Uhr, als im Haus endlich wieder Ruhe eingekehrt war. Lukas hatte geduscht, sich in sein Mainz-Pyjama geschmissen und lag nun unter der Decke – doch wie so oft in den letzten Tagen war sein Kopf alles andere als ruhig. Haaland saß noch auf dem Boden neben dem Bett, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Beine ausgestreckt, eine Wasserflasche in der Hand. Er hatte sich bereits umgezogen, trug jetzt ein schlichtes, weißes T-Shirt und Jogginghose. Die Stimmung war leise, fast nachdenklich. Der Fernseher im Wohnzimmer war längst aus. Nur das Rollo bewegte sich sanft im Wind. Und dann, nach einigen Minuten des Schweigens, stellte Lukas die Frage, die ihm schon den ganzen Abend auf der Seele brannte: „Sag mal… wie hättest du reagiert, wenn du heute beim HSV gespielt hättest – mit drei VAR-Entscheidungen gegen dich? Zwei Tore zurückgenommen, ein Elfmeter weggenommen… das war doch Wahnsinn.“ Haalands Antwort Haaland drehte den Kopf langsam zu Lukas, dachte kurz nach – dann schnaubte er leise. „Ehrlich? Ich glaub, ich hätte ausgeflippt.“ Lukas’ Augen wurden groß. „Wirklich?“ „Ja. Also, ich hätt mich wahrscheinlich versucht zu beherrschen. Aber wenn du da unten auf dem Platz bist, das Adrenalin in dir kocht, du kämpfst um jeden Punkt – und dann kommt der VAR drei Mal und sagt: Nein…“ Er machte eine Pause, zog die Knie leicht an. „Da kannst du als Spieler schon mal die Nerven verlieren. Vor allem, wenn du denkst, du hast’s gerade gerettet – und dann wird dir wieder alles genommen.“ Lukas nickte langsam. „Und… meinst du, du hättest eine Karte bekommen?“ Haaland grinste. „Kommt drauf an, wie sehr ich die Fassung verliere. Ich bin eigentlich ruhig – aber ich hatte schon Spiele, da hab ich dem Schiri zu laut gesagt, was ich denke. Und zack – Gelb.“ Dann blickte er Lukas direkt an. „Weißt du, was das Schlimmste ist am VAR? Nicht die Entscheidung selbst. Sondern das Warten. Diese Stille. Diese paar Sekunden, in denen du hoffst. Und dann… hebt er den Arm – und du weißt: Es war umsonst.“ Ein Spieler spricht ehrlich Lukas hörte aufmerksam zu. Es tat ihm gut, mit jemandem zu sprechen, der das alles nicht nur als Fan, sondern von innen kannte. Und es tat ihm noch besser, dass Haaland nicht so tat, als wäre er unfehlbar. „Ich hätte wahrscheinlich geschrien“, murmelte Lukas. „Wahrscheinlich“, sagte Haaland mit einem Schmunzeln. „Aber weißt du was? Es ist okay. Manchmal muss man schreien. Hauptsache, man steht am Ende nicht allein da.“ Eine letzte Frage „Glaubst du, VAR ist gut für den Fußball?“, fragte Lukas noch. Haaland überlegte lange. Dann sagte er ruhig: „Er ist nötig. Aber noch nicht gut genug. Es fehlt manchmal das Gefühl. Der Fußball lebt von Emotionen – und der VAR… bremst sie. Vielleicht wird es irgendwann besser.“

Kurz vor Mitternacht Lukas gähnte und zog die Decke bis zur Nase. „Ich bin froh, dass du heute da warst. Sonst hätte ich wieder die halbe Nacht wachgelegen und über Elfmeter gegrübelt.“ Haaland stand auf, schaltete die kleine Lampe aus. „Dafür bin ich da. Für Pommes, VAR-Wahnsinn und späte Gespräche.“ „Und nächstes Mal spielst du einfach wieder selbst“, murmelte Lukas. „Vielleicht“, antwortete Haaland leise. „Oder ich bleib einfach hier – als dein VARTherapeut.“ Und während draußen der Wind sanft durch die Bäume wehte, war da in diesem kleinen Zimmer ein letztes Lächeln – bevor der Tag ganz still wurde. 20. Mai – Der vierte Tag: Ein alter Schatten kehrt zurück Der Morgen begann ruhig. Die Sonne schien warm durch das Fenster, Vögel zwitscherten vor dem Haus, und im Flur roch es nach Kaffee und frischem Toast. Haaland war schon wach, saß mit der Mutter von Lukas am Küchentisch und las in der Zeitung die Nachberichte zum Bundesliga-Finale. Lukas hingegen lag noch im Bett. Wach. Aber regungslos. Er starrte an die Decke, presste die Lippen zusammen, drehte sich dann auf die Seite – und wieder zurück. Er hatte ein drückendes Gefühl im Unterbauch. Nicht neu. Sondern altbekannt. Und ganz bestimmt nicht willkommen. Ein beängstigendes Gefühl Lukas war innerlich unruhig. Er hatte bereits seit dem Aufstehen um 7:45 Uhr versucht, zur Toilette zu gehen. Mehrmals. Doch es ging nichts. Kein Tropfen. Nur Druck. Und Schmerz. „Nicht schon wieder… nicht schon wieder…“, flüsterte er in den Raum. Er erinnerte sich an den Winter. Die Wochen, in denen er wegen einer schweren Blasenentzündung auf einen Katheter angewiesen war. Damals war es schwer gewesen, das zu akzeptieren. Schmerzhaft. Peinlich. Aber auch erleichternd – weil es geholfen hatte. Seitdem hatte er immer einen kleinen Vorrat in einer unscheinbaren, blauen Stoffkiste unter seinem Bett gelassen: 20 Einmalkatheter, sterile Beutel, einige Blockspritzen mit steriler Flüssigkeit, Desinfektionsmittel, Handschuhe. Alles, was er damals für den Eigenbedarf zu Hause bekam, sobald er aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Er hatte gehofft, dass er das nie wieder brauchen würde. 08:50 Uhr – Die Entscheidung Der Druck wurde schlimmer. Lukas wusste: Wenn er jetzt nichts tut, wird es gefährlich. Er stand langsam auf, schleppte sich zum Bett, kniete sich davor, griff unter das Lattenrost und zog die Stoffkiste hervor. Als er den Deckel öffnete, wehte ihm der sterile Geruch entgegen – und damit auch die Erinnerungen. Seine Hände zitterten leicht. Er holte einen Katheter heraus, einen Beutel, Desinfektion, sterile Tücher, die Block-Spritze mit 10 ml Wasser. Er wusste, was er tun musste. Er hatte es oft genug gelernt. 09:10 Uhr – Das erste Mal wieder Lukas schloss die Tür ab, setzte sich vorsichtig auf einen Hocker im Bad, desinfizierte alles, bereitete den Beutel vor, zog sterile Handschuhe an und atmete tief durch. „Du schaffst das. Du hast es schon geschafft.“ Dann führte er vorsichtig den Katheter ein.

Der Moment, in dem das erste Mal wieder Urin floss, war befreiend – und gleichzeitig demütigend. Aber vor allem: erleichternd. Er füllte den Beutel, entleerte ihn danach vorsichtig in die Toilette, desinfizierte alles wie gelernt, entsorgte das Material und wusch sich gründlich die Hände. Dann ließ er sich auf den Boden sinken – und atmete durch. 09:30 Uhr – Gespräch mit Haaland Wenig später trat er, blass aber aufrecht, in die Küche. Haaland schaute sofort auf, erkannte an Lukas’ Gesichtsausdruck, dass etwas nicht stimmte. „Was ist passiert?“ Lukas zögerte. Dann sagte er leise: „Ich konnte nicht… ich musste den Katheter benutzen. Das erste Mal wieder.“ Haaland nickte nur. Kein Schock, kein Mitleid – nur Verständnis. „Ging alles gut?“ „Ja. Aber ich fühl mich… klein. Schwach.“ „Aber du bist weder das eine noch das andere“, sagte Haaland ruhig. „Du bist jemand, der in einer schweren Situation das Richtige tut. Das ist Stärke.“ 10:00 Uhr – Die Ruhe danach Lukas setzte sich auf die Terrasse mit einem Tee. Die Sonne tat gut. Der Schmerz war weg. Die Anspannung ließ nach. Er wusste: Vielleicht würde das nur heute sein. Vielleicht auch ein paar Tage. Vielleicht käme es nicht wieder – oder vielleicht doch. Aber eins hatte er sich bewiesen: Wenn es hart auf hart kommt, kann er sich auf sich selbst verlassen. Und das war mehr wert als alles andere. 20. Mai – Mittag: Ein verpasster Termin und ein süßer Trost Nach dem schwierigen Morgen, der für Lukas mit dem Einsatz des Katheters begonnen hatte, war die körperliche Anspannung gewichen – doch emotional fühlte er sich noch wie durchgekaut. Trotzdem wollte er nicht einfach rumsitzen. Bewegung, ein klarer Plan, ein Stück Normalität – das war jetzt wichtig. Gegen 12:20 Uhr saßen er und Haaland gemeinsam in der Küche. Lukas hatte eine dünne Suppe gelöffelt, mehr bekam er nach dem Morgen nicht runter. Haaland kaute auf einem Käsebrot herum, während er mit dem Finger auf Lukas’ Kalender auf dem Handy tippte. „Da steht, du hast heute um eins deine Therapie“, murmelte er. Lukas zuckte leicht zusammen. „Stimmt… ganz vergessen.“ „Gehen wir hin?“ Ein kurzer Moment des Zögerns. Dann ein entschlossenes Nicken von Lukas. „Ja. Ich will nicht aufgeben. Nicht heute.“ 13:00 Uhr – Ankunft in der Praxis Die beiden liefen gemütlich zur kleinen psychologischen Praxis in der Nähe des Stadtparks. Haaland hatte wie immer eine Sonnenbrille auf, unauffällig gekleidet, und lief dicht neben Lukas. Er war nicht nur Begleiter – er war Stütze. Innerlich und äußerlich. Lukas hatte sich darauf eingestellt, heute wieder über seine Ängste zu sprechen. Über die Katheter-Situation, über seine ständigen Sorgen, über das, was er sich nicht einmal selbst immer erklären konnte. Doch als sie an der Tür standen, las er das Schild: „Wegen Urlaub vom 17. Mai bis 27. Mai geschlossen.“

Lukas starrte darauf. Blinzelte. Dann drehte er sich langsam zu Haaland um. „Ich hatte mich wirklich darauf vorbereitet…“ „Manchmal sind es nicht die Gespräche, die man geplant hat, sondern die Wege dazwischen, die wichtig werden“, sagte Haaland ruhig. 13:25 Uhr – Ein süßer Trost Sie gingen schweigend zurück. Nicht bedrückt – eher in ruhiger Nachdenklichkeit. Lukas hatte die Hände in den Taschen, kickte ab und zu einen kleinen Stein vom Gehweg. Als sie an einem kleinen, unscheinbaren Getränkekiosk vorbeikamen – einer dieser typischen „Getränke & mehr“-Läden mit offenem Kühlschrank, Süßigkeiten und alten Werbeschildern – blieb Haaland plötzlich stehen. „Warte hier kurz“, sagte er und verschwand im Laden. Lukas schaute irritiert hinterher. Keine zwei Minuten später kam Haaland mit zwei Flaschen in der Hand zurück. Radler Kirsch. „Probier’s mal. Süß, frisch – und ein bisschen anders als das Gewohnte. Vielleicht wie der Tag heute.“ Lukas nahm die Flasche entgegen, betrachtete das Etikett. Noch nie probiert. Er öffnete sie mit einem kleinen Klacken, nahm einen vorsichtigen Schluck – und grinste. „Schmeckt wie flüssiges Kirschbonbon mit Sommer.“ „Na also“, sagte Haaland. „Therapie verschoben – aber gute Laune erfolgreich eingekauft.“ 13:50 Uhr – Parkbank mit Ausblick Die beiden setzten sich auf eine leere Bank im Stadtpark, unter einem Baum, dessen Äste ein angenehmes Schattenspiel auf den Boden warfen. Die Sonne flackerte durch die Blätter, irgendwo in der Ferne lachte ein Kind, und ein älterer Mann schob gemächlich ein Fahrrad vorbei. Lukas nahm noch einen Schluck, dann sah er zu Haaland. „Weißt du… ich hätte heute so viel sagen wollen in der Therapie. Und jetzt hab ich’s dir gesagt – ganz ohne Stuhlkreis, ohne Klemmbrett.“ Haaland prostete ihm mit der Flasche zu. „Manchmal reicht ein Freund auf einer Parkbank.“ Und so saßen sie da – zwei Flaschen in der Hand, zwei Leben im Umbruch – aber an diesem Mittag: zwei Menschen mit Ruhe im Herzen. 20. Mai – Später Mittag: Brötchen in Bretzenheim und Chips für den Abend Nach dem entspannten Aufenthalt im Stadtpark und der süßen Überraschung mit dem KirschRadler, hatten sich Lukas und Haaland eine kleine Pause gegönnt. Gegen 15:30 Uhr lagen sie wieder zuhause auf dem Sofa. Die Beine hochgelegt, der Fernseher lief leise im Hintergrund, aber keiner hörte so richtig zu. Lukas hatte den Kopf an die Sofalehne gelegt und blinzelte träge ins Licht, das durch die Fenster fiel. Doch dann – wie aus dem Nichts – richtete er sich auf. „Ich hab Hunger. Und wir haben keine Brötchen mehr.“ Haaland hob eine Augenbraue. „Dann bestellen wir welche?“ „Nein, nein. Ich… ich will raus. Kurz. Frische Luft. Bewegung. Ich geh nach Bretzenheim zur Bäckerei. Da gibt’s die mit der knusprigen Kruste, die du mochtest.“ Haaland nickte. „Soll ich mitkommen?“ Lukas überlegte. „Nee… diesmal will ich alleine. Ich glaub, das tut mir gut.“ 15:50 Uhr – Auf nach Bretzenheim

Lukas warf sich eine leichte Jacke über, steckte die Kopfhörer ins Ohr, und machte sich zu Fuß auf den Weg in den Mainzer Stadtteil Bretzenheim. Der Weg war vertraut, beruhigend. Häuser, die er kannte. Ein kleiner Spielplatz, an dem er früher oft mit seiner Mutter vorbeigelaufen war. Menschen, die freundlich nickten. Alltäglichkeit – und genau das brauchte er. In der Bäckerei angekommen – einer kleinen, familiären Filiale an der Ecke zur Hauptstraße – stellte er sich brav an. Zwei ältere Damen diskutierten vor ihm über Körnerbrötchen und Mohn. Lukas wartete geduldig, bis er an der Reihe war. „Hallo! Was darf’s sein?“ „Vier normale, zwei Laugen und… eins mit Käse überbacken“, sagte Lukas sicher. Die Verkäuferin nickte, packte die Brötchen mit geübter Hand in eine Papiertüte. „Sonst noch was?“ „Ja… wissen Sie was? Ich nehm noch ein Nusshörnchen. Für später.“ 16:30 Uhr – Noch ein Abstecher: Chips! Auf dem Rückweg kam er an einem kleinen Rewe vorbei. Und wie aus Reflex bog er ein. „Wenn schon, denn schon“, dachte er und griff sich im Chipsregal eine Tüte Paprika-Chips. Dann, nach kurzem Zögern, noch eine mit Sour Cream & Onion – „falls Haaland wieder heimlich mitnascht“. An der Kasse war nicht viel los. Als er bezahlte, fühlte er sich… gut. Nicht spektakulär. Nicht euphorisch. Aber in Kontrolle. Ein kleiner Einkauf, ein Stück Selbstständigkeit. Für andere vielleicht nichts Besonderes – für Lukas aber ein Schritt. 17:00 Uhr – Wieder zuhause Haaland saß mit einem Buch im Wohnzimmer, als Lukas die Tür öffnete. „Bin zurück. Mission Brötchen erfolgreich.“ „Und Chips. Ich seh’s an deinem Blick“, sagte Haaland grinsend. Lukas lachte. „Hab gleich doppelt zugeschlagen. Für dich auch.“ Er stellte die Tüten auf den Küchentisch, nahm sich das Nusshörnchen, setzte sich ans Fenster und biss hinein. „Weißt du… das war ein guter Spaziergang“, sagte er mit vollem Mund. „Wieder ein Schritt“, antwortete Haaland. „Ein Schritt mit belegtem Brötchen“, lachte Lukas. Und so endete der Nachmittag – mit frischem Gebäck, knisternden Chipstüten und der Gewissheit, dass selbst die kleinen Wege im Leben manchmal die wichtigsten sind. 20. Mai – Abend: Ein Rollstuhl voller Erinnerungen Der frühe Abend war mild. Ein leichter Wind streichelte die Dächer von Mainz, und die Straßen begannen sich langsam zu leeren. Lukas hatte nach dem kleinen Festmahl aus Brötchen und Chips auf dem Sofa gelegen und sich mit Haaland einen alten Fußball-Podcast angehört, in dem sie über absurde VAR-Entscheidungen diskutierten – „der perfekte Ausklang nach dem gestrigen HSV-Drama“, wie Haaland sagte. Doch Lukas war unruhig. Gegen 19:50 Uhr stand er plötzlich auf. „Ich geh nochmal raus. Nur kurz. Ich muss den Kopf freikriegen.“ „Willst du, dass ich mitkomme?“ „Nee, diesmal nicht. Ich muss... allein denken.“ Haaland nickte nur. „Aber bleib nicht zu lange. Es wird frisch.“ 20:10 Uhr – Der Fund am Klinikum Lukas lief Richtung Universitätsmedizin Mainz. Nicht gezielt, eher wie ein Spaziergänger ohne Ziel, der seinen Gedanken hinterherrennt. Auf dem Gelände der Klinik war wenig los –

ein paar Krankenpfleger in der Spätschicht, zwei Medizinstudenten, die im Innenhof rauchten, sonst war es ruhig. Und dann – auf dem Parkplatz hinter dem Nebeneingang der Physiotherapie – entdeckte er ihn. Einen Rollstuhl. Unverschlossen. Unbenutzt. Einfach abgestellt. Vielleicht, weil jemand ihn kurzfristig vergessen hatte, vielleicht, weil er ausrangiert war. Er stand da wie ein stummes Denkmal – und löste in Lukas sofort eine Welle von Gefühlen aus. Die Erinnerung Lukas blieb wie angewurzelt stehen. Der Katheter. Die Blasenentzündung. Die Tage, an denen er nicht laufen konnte. Die Scham, die Hilflosigkeit. Aber auch: die Geduld, die er sich selbst abverlangte. Die Kraft, wieder aufzustehen. Er trat näher, legte die Hand auf die Griffe. Der Stoff der Rückenlehne war leicht ausgeblichen, das rechte Rad quietschte ein wenig. Und dann – fast ohne nachzudenken – setzte er sich hinein. Er rollte langsam los. Erst über den Parkplatz, dann den kleinen Weg entlang, der an der Mensa vorbeiführte. Er fühlte sich seltsam sicher – nicht schwach, sondern aufrecht im Sitzen. Als wäre der Rollstuhl kein Symbol des Mangels, sondern eine Erinnerung daran, dass er überlebt hatte. 20:25 Uhr – Eine Runde in der Unimedizin Er bog in das Foyer der Universitätsmedizin ein. Es war fast leer. Die Pförtnerin am Eingang war mit etwas am Computer beschäftigt und schenkte ihm keinen zweiten Blick. Lukas rollte ruhig durch den Gang, vorbei an den Aufzügen, vorbei an einem Schaukasten voller alter Medizinstudenten-Fotos. Ein Medizinstudent, der gerade mit einem Kaffeebecher herauskam, blieb kurz stehen, sah ihn an, nickte ihm zu – kein Mitleid, keine Fragen. Nur ein stilles Verstehen. Lukas drehte eine Runde durch das untere Geschoss. Die Rollstuhlräder klackerten leise auf dem Fliesenboden. Er stoppte kurz vor einer Tür mit der Aufschrift „Urologie“. Er lächelte schief. „Na, ihr kennt mich noch, was?“ Dann drehte er ab und rollte zurück zum Ausgang. 20:50 Uhr – Zurück ins Leben Er stellte den Rollstuhl wieder genau dort ab, wo er ihn gefunden hatte. Strich einmal über die Armlehne – wie ein stilles Danke – und ging zu Fuß den Rest des Weges nach Hause. Als er zur Haustür hereinkam, saß Haaland im Flur und schaute auf die Uhr. „Hab dich schon vermisst. Alles gut?“ Lukas zog seine Jacke aus, schloss leise die Tür. „Ich hab heute einen alten Bekannten getroffen“, sagte er. „Wen?“ „Einen Rollstuhl. Und weißt du was? Ich hab nicht mehr Angst davor. Ich bin ihn gefahren – und es war okay. Mehr als das.“ Haaland lächelte. „Du wirst stärker, jeden Tag.“ Lukas nickte. „Heute war kein guter Tag. Aber ein wichtiger.“ Und dann ging er ins Zimmer, zog die Vorhänge zu, atmete tief durch – und wusste: Manche Wege fährt man, um zu verstehen, wie weit man gekommen ist. 20. Mai – Später Abend: FIFA, Chips und ehrgeizige Duelle

Der Himmel über Mainz war inzwischen vollständig in Dunkelheit getaucht. Die Straßenlaternen warfen gelbliche Kreise auf den Asphalt, und das ganze Haus war ruhig – bis auf ein Zimmer im oberen Stockwerk, in dem sanfte Controller-Klicks, leises Fluchen und plötzliches Gelächter zu hören waren. Lukas und Haaland saßen auf dem Teppichboden in Lukas’ Zimmer, direkt vor dem Fernseher. Zwischen ihnen eine halb offene Tüte Sour Cream & Onion-Chips, zwei Flaschen Apfelschorle, und auf dem Bildschirm: FIFA 25 – Karriere-Modus, Zwei-SpielerDuell. 22:35 Uhr – Die Herausforderung „Ich nehm Mainz“, sagte Lukas mit funkelnden Augen. „Wirklich? Gegen mich?“, fragte Haaland grinsend. „Natürlich. Ich hab schließlich Heimvorteil.“ „Na gut. Dann nehm ich… Manchester City. Aber nur, weil ich wissen will, wie’s ist, gegen mich selbst zu spielen.“ „Wenn du dich selbst einwechselst, fliegst du raus“, konterte Lukas lachend. Sie starteten das Match. Stadion: MEWA Arena. Atmosphäre: elektrisiert. Lukas saß leicht nach vorn gebeugt, völlig konzentriert. Haaland dagegen schien locker – aber das war nur Tarnung. Auch er war ehrgeizig. 22:45 Uhr – Anpfiff Das Spiel begann furios. Lukas nutzte sofort die Schnelligkeit von Burkardt, kombinierte mit Lee und Onisiwo – und in der 12. Minute zappelte der Ball zum ersten Mal im Netz. „TOOOOR! 1:0!“ schrie Lukas, sprang auf und warf die Arme in die Luft. „Glückstor“, murmelte Haaland und drückte bereits auf „Sofort-Wiederanstoß“. Doch schon in der 20. Minute schlug City zurück – ein Pass von Kevin De Bruyne auf Foden, Querpass, und Haaland (im Spiel) schob locker zum 1:1 ein. Lukas knurrte: „Wusst ich’s doch. Du kannst nicht verlieren – nicht mal in digitaler Form.“ 23:00 Uhr – Verlängerung der Gefühle Nach 90 Minuten stand es 3:3. Beide Seiten hatten groß aufgespielt. Lukas hatte sich kaum noch auf den Chips-Vorrat konzentrieren können – zu spannend war das Spiel. Haaland hatte mehrfach gegrinst, wenn Lukas vor lauter Konzentration die Zunge zwischen die Zähne klemmte. Verlängerung. Dann: Elfmeterschießen. „Du weißt, dass ich das hasse“, sagte Lukas. „Dann ist das hier der perfekte Moment, es zu üben.“ Die ersten vier Schützen trafen. Dann verschoss City – und Lukas verwandelte den entscheidenden Schuss mit Bell. „YEEES! MAIIIIINZ!!!“ Er ließ den Controller fallen, stand auf und machte eine kleine Siegerpose. „So fühlt sich Europa League an!“ 23:30 Uhr – Cool-Down nach dem Spiel Beide saßen wieder auf dem Boden, erschöpft, aber glücklich. „Du spielst gar nicht schlecht“, gab Haaland zu. „Du auch. Wenn du mal was anderes machen willst – Profi-FIFA-Spieler wär drin.“ Haaland lachte. „Dann muss ich erst an meiner Defensive arbeiten. Du hast mich ganz schön auseinandergenommen.“ Lukas nahm noch eine Handvoll Chips. „Dafür war der Tag heute.“

Haaland nickte. „FIFA, Brötchen, ein Rollstuhl-Abenteuer, und Radler mit Kirsche. Klingt nach einem echten Leben.“ Lukas sah ihn an. „Und morgen machen wir weiter, oder?“ „Sowas von.“ 23:45 Uhr – Licht aus Wenig später lagen beide in ihren Betten. Der Controller lag noch auf dem Teppich. Der Fernseher war schwarz. Doch in Lukas’ Herz spielte sich noch immer ein Spiel ab – eines, in dem er längst nicht mehr verlieren musste. 21. Mai – Morgen des fünften Tages: Gewöhnung und ein neuer Rhythmus Die Sonne stand noch tief über Mainz, als im Haus der Familie Zimmermann langsam neues Leben erwachte. Es war 07:38 Uhr, als Lukas die Augen öffnete. Er blinzelte gegen das erste Licht, das durch das Rollo drang, und drehte sich langsam zur Seite. Da war er wieder – dieser Druck im Bauch. Aber anders als noch vor ein paar Tagen war keine Panik da. Kein Schock. Keine Wut. Nur ein nüchternes, ruhiges Wissen: „Ich kann das. Ich weiß, was zu tun ist.“ Ein morgendlicher Ablauf Er stand auf, nahm sich sein vorbereitetes kleines Set aus dem Schrank: • Einmalkatheter • Urinbeutel • Blockspritze mit steriler Flüssigkeit • Handschuhe und Desinfektionsmittel Die Bewegung war routiniert. Nicht roboterhaft – aber geübt. Im Bad bereitete er alles vor, setzte sich, atmete ruhig ein und aus – und führte den Katheter ein. Es ging schnell. Ohne Zittern. Ohne Unsicherheit. Das leise Plätschern in den Beutel war inzwischen kein unangenehmes Geräusch mehr – es war ein Zeichen der Selbstbestimmtheit. Ein Symbol, dass er nicht mehr gegen sich arbeitete, sondern mit sich. 08:10 Uhr – Frühstück mit Haaland Als Lukas in die Küche kam, saß Haaland bereits am Tisch, barfuß, ein leicht zerzaustes TShirt, und eine Schale Müsli vor sich. „Morgen“, sagte er und reichte Lukas eine Tasse Tee. Lukas setzte sich, nahm einen Schluck, dann sah er Haaland an. „Ich glaub… ich hab mich wieder dran gewöhnt.“ „Woran?“ „An den Katheter. An das ganze Drumherum. Es fühlt sich nicht mehr komisch an. Es gehört einfach... gerade dazu.“ Haaland nickte. „Das ist nicht wenig. Es ist sogar sehr viel.“ „Weißt du, was das Verrückte ist?“ fragte Lukas und biss in ein Brötchen. „Ich hab mich nicht besiegt gefühlt. Sondern… versöhnt.“ Ein kurzer Gedanke – Ein starker Morgen Während sie frühstückten, blickte Lukas kurz aus dem Fenster. Die Welt draußen war wie immer – doch in ihm war etwas anders. Keine Angst vor der nächsten Stunde. Kein Flüchten vor dem eigenen Körper. Sondern: Akzeptanz. Sicherheit. Selbstvertrauen. Er hatte sich nicht ausgesucht, diesen Weg zu gehen. Aber er war ihn gegangen – und hatte ihn gemeistert.

Und als Haaland ihm auf die Schulter klopfte und sagte: „Heute ist dein Tag. Was willst du tun?“ antwortete Lukas ruhig: „Ich will raus. Ich will leben. Nicht trotz allem – sondern gerade deswegen.“ Und mit dieser Haltung begann sein fünfter Tag – stark, bewusst, und mit einem Lächeln. 21. Mai – Morgen des fünften Tages: Gewöhnung und ein neuer Rhythmus Die Sonne stand noch tief über Mainz, als im Haus der Familie Zimmermann langsam neues Leben erwachte. Es war 07:38 Uhr, als Lukas die Augen öffnete. Er blinzelte gegen das erste Licht, das durch das Rollo drang, und drehte sich langsam zur Seite. Da war er wieder – dieser Druck im Bauch. Aber anders als noch vor ein paar Tagen war keine Panik da. Kein Schock. Keine Wut. Nur ein nüchternes, ruhiges Wissen: „Ich kann das. Ich weiß, was zu tun ist.“ Ein morgendlicher Ablauf Er stand auf, nahm sich sein vorbereitetes kleines Set aus dem Schrank: • Einmalkatheter • Urinbeutel • Blockspritze mit steriler Flüssigkeit • Handschuhe und Desinfektionsmittel Die Bewegung war routiniert. Nicht roboterhaft – aber geübt. Im Bad bereitete er alles vor, setzte sich, atmete ruhig ein und aus – und führte den Katheter ein. Es ging schnell. Ohne Zittern. Ohne Unsicherheit. Das leise Plätschern in den Beutel war inzwischen kein unangenehmes Geräusch mehr – es war ein Zeichen der Selbstbestimmtheit. Ein Symbol, dass er nicht mehr gegen sich arbeitete, sondern mit sich. 08:10 Uhr – Frühstück mit Haaland Als Lukas in die Küche kam, saß Haaland bereits am Tisch, barfuß, ein leicht zerzaustes TShirt, und eine Schale Müsli vor sich. „Morgen“, sagte er und reichte Lukas eine Tasse Tee. Lukas setzte sich, nahm einen Schluck, dann sah er Haaland an. „Ich glaub… ich hab mich wieder dran gewöhnt.“ „Woran?“ „An den Katheter. An das ganze Drumherum. Es fühlt sich nicht mehr komisch an. Es gehört einfach... gerade dazu.“ Haaland nickte. „Das ist nicht wenig. Es ist sogar sehr viel.“ „Weißt du, was das Verrückte ist?“ fragte Lukas und biss in ein Brötchen. „Ich hab mich nicht besiegt gefühlt. Sondern… versöhnt.“ Ein kurzer Gedanke – Ein starker Morgen Während sie frühstückten, blickte Lukas kurz aus dem Fenster. Die Welt draußen war wie immer – doch in ihm war etwas anders. Keine Angst vor der nächsten Stunde. Kein Flüchten vor dem eigenen Körper. Sondern: Akzeptanz. Sicherheit. Selbstvertrauen. Er hatte sich nicht ausgesucht, diesen Weg zu gehen. Aber er war ihn gegangen – und hatte ihn gemeistert. Und als Haaland ihm auf die Schulter klopfte und sagte: „Heute ist dein Tag. Was willst du tun?“ antwortete Lukas ruhig: „Ich will raus. Ich will leben. Nicht trotz allem – sondern gerade deswegen.“

Und mit dieser Haltung begann sein fünfter Tag – stark, bewusst, und mit einem Lächeln. 21. Mai – Mittag: Auf der Suche nach dem alten Begleiter Der Vormittag war wie befreit verlaufen. Lukas hatte seinen Katheter ganz selbstverständlich eingesetzt, war danach sogar mit Haaland noch zum Bäcker gegangen und hatte dort nicht nur zwei Mohnbrötchen, sondern auch ein überraschendes Kompliment vom Verkäufer bekommen: „Sie wirken heute viel frischer als neulich – schön, Sie wiederzusehen.“ Doch gegen 11:50 Uhr, kurz bevor die Sonne richtig hochstieg, war Lukas’ Blick ernster geworden. Er saß mit Haaland im Wohnzimmer, während die Mutter in der Küche Gemüse schnippelte. „Ich muss dir was sagen“, begann Lukas. „Klingt ernst“, antwortete Haaland und legte sein Handy zur Seite. „Der Rollstuhl gestern… ich hab irgendwie nicht aufgehört, an ihn zu denken. Der war alt, ja. Aber er war stabil. Und weißt du was? Ich würde ihn gerne… zur Reparatur bringen. Vielleicht kann ich ihn sogar behalten.“ Haaland sah ihn überrascht an – aber nicht ungläubig. „Du willst ihn behalten?“ Lukas nickte. „Nicht, weil ich mich danach sehne, wieder im Rollstuhl zu sitzen. Sondern… weil es mir Sicherheit gibt, etwas zu haben, das mir im Notfall hilft. Ich hab’s einmal durchgestanden – aber ich will vorbereitet sein.“ 12:30 Uhr – Zurück zur Uniklinik Sie machten sich auf den Weg zur Universitätsmedizin, diesmal gemeinsam. Lukas hatte einen kleinen Rucksack dabei, in dem er Werkzeug, Desinfektionstücher und ein Notizbuch verstaut hatte, in dem er sich Fragen notierte, falls man ihn zum Zustand des Rollstuhls etwas fragen sollte. Der Weg dorthin war nicht lang – aber Lukas spürte das Kribbeln in seinen Fingern. Es war nicht nur die Hoffnung, den Rollstuhl zu finden – es war auch die Angst, dass er vielleicht weg war. Einfach entsorgt. Verschwunden wie so vieles, was er nicht kontrollieren konnte. Doch als sie um die Ecke bogen, sah Lukas ihn sofort: Er stand noch da. Etwas schief geparkt. Ein Reifen leicht platt. Aber: Unberührt. „Da ist er…“ flüsterte Lukas und ging vorsichtig darauf zu. 12:45 Uhr – Rücksprache am Empfang Haaland schlug vor, kurz an der Info im Eingang der Physiotherapie nachzufragen, ob der Rollstuhl tatsächlich herrenlos war oder ob er noch jemandem zugeordnet sei. Eine freundliche Dame mit Namensschild (Frau Grimm) hörte sich Lukas’ Erklärung an – von seiner früheren Zeit im Rollstuhl, vom gestrigen Erlebnis, von seinem Wunsch, ihn aufzuarbeiten. Sie überlegte kurz, rief dann eine Kollegin an und nickte schließlich: „Der Stuhl ist vor zwei Wochen offiziell aus dem Bestand genommen worden. Er war eigentlich zur Entsorgung vorgesehen, aber niemand hat’s weiterverfolgt. Wenn Sie ihn wirklich mitnehmen möchten, brauchen Sie eine kurze Freigabe vom Technikdienst – ich rufe dort gleich mal an.“ 13:20 Uhr – Der Rollstuhl gehört jetzt ihm Nach einem kurzen, formlosen Schreiben und einer Unterschrift durfte Lukas den Rollstuhl mitnehmen. Haaland half, die Reifen zu prüfen, und gemeinsam schoben sie ihn langsam Richtung Ausgang. „Er braucht Liebe“, sagte Lukas und klopfte auf die Armlehne. „Dann kriegt er Liebe. Und Öl. Und neue Reifen“, meinte Haaland lachend.

13:45 Uhr – Auf dem Weg zur Reparatur Statt direkt nach Hause zu gehen, machten sie sich auf den Weg zu einem kleinen Sanitätshaus in der Nähe der Innenstadt, das auch Reparaturen für Rollstühle und Hilfsmittel anbot. Lukas hatte dort vor Jahren schon einmal seine Gehhilfen einstellen lassen. Drinnen roch es nach Gummi und Desinfektion. Ein älterer Techniker mit grauem Bart begutachtete den Stuhl. „Nichts, was man nicht retten kann“, sagte er nach kurzem Prüfen. „Ein bisschen Luft, die Bremsen nachziehen, das Sitzpolster erneuern. Zwei, drei Tage – dann ist das Teil wieder bereit.“ Lukas lächelte zum ersten Mal an diesem Tag richtig breit. „Dann lass ihn wieder leben.“ 14:20 Uhr – Heimweg mit leerem Rucksack Auf dem Rückweg durch die sonnigen Straßen sagte Lukas nach einer Weile: „Ich weiß, viele würden sagen, ich sei verrückt. Einen alten Rollstuhl wieder flott machen – obwohl ich grad laufen kann.“ Haaland schüttelte den Kopf. „Du bist nicht verrückt. Du bist jemand, der gelernt hat, auf sich aufzupassen. Das ist mehr, als viele können.“ Lukas schwieg kurz, dann sagte er leise: „Er ist kein Symbol für Schwäche. Sondern für das, was ich überlebt habe.“ Und genau so fühlte es sich an. Nicht wie ein Rückschritt – sondern wie ein Rückgrat. 21. Mai – Später Mittag: Erinnerungen, Reue und ein offenes Gespräch Es war 15:45 Uhr, als Lukas und Haaland wieder zuhause ankamen. Der Himmel über Mainz war inzwischen leicht bewölkt, ein frischer Wind zog durch die Straßen, und das Sanitätshaus hatte ihnen versichert, dass der gefundene Rollstuhl innerhalb weniger Tage wieder einsatzbereit sein würde. Haaland hatte angeboten, den Kostenvoranschlag vorzustrecken, doch Lukas bestand darauf, selbst dafür aufzukommen. „Das ist was Persönliches. Ich will es aus eigener Kraft tun“, hatte er gesagt. Und man merkte: Er meinte es ernst. Zuhause angekommen, setzten sie sich auf den Balkon. Zwei Gläser mit Apfelsaftschorle, ein paar Chips vom Vortag, der Lärm der Stadt in weiter Ferne. Die Atmosphäre war ruhig – fast zu ruhig. Haaland lehnte sich zurück, während Lukas auf dem Stuhl saß, die Hände auf den Oberschenkeln gefaltet. Er wirkte nachdenklich. Dann sagte er plötzlich: Ein alter Schmerz kehrt zurück „Ich hab dir noch gar nicht erzählt… von meinem alten Rollstuhl. Also… nicht der, den wir jetzt zur Reparatur bringen. Sondern… der, den ich früher hatte. Den ich eigentlich hätte behalten können.“ Haaland schaute auf. Er sagte nichts, ließ Lukas reden. „Als ich damals diese Blasenverletzung hatte und fast drei Monate lang nicht richtig gehen konnte… da hatte ich zwei Rollstühle bekommen: Einen normalen, mit breiter Sitzfläche, Armlehnen, Beinstützen – ganz klassisch. Und dann noch einen Sportrollstuhl von der Reha, weil sie dachten, ich könnte damit mehr Selbstständigkeit lernen. Und Bewegung.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, atmete tief durch. „Ich hätte beide behalten dürfen. Sie waren schon auf mich angepasst. Nur… ich war so wütend damals. Auf meinen Körper. Auf die Ärzte. Auf mich selbst. Ich wollte nichts mehr sehen, was mich an diese Zeit erinnert.“ Haaland runzelte die Stirn, sagte ruhig: „Und dann hast du sie…?“

„Zurückgegeben“, nickte Lukas. „Einfach so. Eingepackt, abgegeben, unterschrieben. Und es fühlte sich erst gut an. Wie ein Befreiungsschlag.“ Er machte eine Pause, seine Stimme wurde leiser: „Aber nur eine Woche später hab ich’s bereut. Ich wusste, das war falsch. Nicht weil ich ihn unbedingt brauchte – sondern weil er ein Teil von dem war, was ich geschafft hatte. Ein Zeugnis. Und ich hab’s weggeschoben. So, als wär’s nie passiert.“ Ein Moment des Bedauerns Haaland stand auf, ging zu ihm, setzte sich auf die Balkonbrüstung und sah ihn ernst an. „Du hast ihn zurückgegeben, weil du dachtest, das macht dich frei. Und heute hast du dir wieder einen geholt – weil du jetzt weißt, dass Stärke nicht bedeutet, alles zu vergessen. Sondern es anzunehmen.“ Lukas sah nach unten. „Manchmal… wünsche ich mir, ich könnte zurückgehen und es anders machen.“ „Kannst du nicht“, sagte Haaland sanft. „Aber du kannst ab heute anders damit umgehen. Und das tust du doch schon. Du hast dir den alten Stuhl organisiert. Du redest darüber. Du versteckst es nicht mehr.“ 15:55 Uhr – Ein neues Kapitel Lukas nickte langsam. Dann lächelte er schwach. „Ich glaube, ich hol mir irgendwann wieder so einen Sportrollstuhl. Nicht weil ich ihn brauche. Sondern weil ich… damit leben will. Nicht gegen mich. Sondern mit mir.“ Haaland prostete ihm mit der Apfelsaftschorle zu. „Dann machen wir nächstes Jahr beim Mainzer Inklusionslauf mit. Du im Sportrollstuhl. Ich zu Fuß. Und du wirst mich abhängen.“ Lukas lachte. Zum ersten Mal an diesem Tag so richtig aus vollem Herzen. „Wirst du sehen“, sagte er. „Ich werd fliegen.“ Und in diesem Satz lag nicht nur Mut – sondern die Bereitschaft, mit sich selbst Frieden zu schließen. 21. Mai – Abend: Ein Wunsch, ein Geständnis und ein mögliches Geschenk Es war gegen 20:10 Uhr, als die Sonne langsam hinter den Häusern von Mainz verschwand und ein zartes orangefarbenes Licht den Himmel färbte. Lukas und Haaland saßen wieder im Wohnzimmer. Der Fernseher lief leise im Hintergrund – irgendein BundesligaJahresrückblick, doch keiner achtete wirklich auf den Ton. Lukas war in sich gekehrt, doch nicht bedrückt. Es war eine ruhige Art von Nachdenklichkeit – die, die kommt, wenn man sich auf etwas zubewegt, das bedeutsam ist. Haaland saß auf dem Teppich, die Beine ausgestreckt, nippte an einem Glas Kirschradler. Lukas lag halb auf dem Sofa, mit dem Kopf auf einem Kissen, den Blick zur Decke gerichtet. „Sag mal…“, begann Lukas leise. „Hm?“ „Ich hab ne Frage. Eine ernste.“ Haaland setzte sich auf. „Dann hau raus.“ Ein besonderer Geburtstagswunsch „Wenn ich mit dem alten Rollstuhl, den wir jetzt zur Reparatur gebracht haben, wieder gut klar komme… also wenn ich wirklich sicher bin, dass ich ihn bei Bedarf selbstständig nutzen kann…“ Er stockte, drehte den Kopf zu Haaland. „…würdest du mir dann vielleicht… zum Geburtstag einen Sportrollstuhl schenken?“

Haaland sah ihn an, sagte erst mal nichts. Lukas spürte, dass das jetzt mehr war als ein Scherz oder eine Laune. „Ich weiß, es klingt verrückt. Aber… damals, als ich einen hatte, bevor ich ihn zurückgegeben hab… da hatte ich in dem Teil ein viel besseres Gleichgewicht. Ich war beweglicher, freier, konnte mich leichter drehen, durch enge Räume kommen… Ich war nicht so sehr Patient – ich war… ich selbst. Nur eben sitzend.“ Er fuhr sich durch die Haare, seine Stimme wurde weicher: „Ich will den nicht, weil ich jetzt jeden Tag sitzen will. Ich will ihn, weil ich wieder bereit bin, das als Teil von mir zu akzeptieren. Und weil ich spüre, dass es mir gut tun würde. Als Option. Als Rückhalt. Und… vielleicht sogar, um mal damit Sport zu machen. Vielleicht Rollstuhlbasketball. Oder einfach in Bewegung bleiben.“ Die Antwort des Spielers Haaland stand auf, ging ein paar Schritte durch den Raum, dann drehte er sich zu Lukas. „Dein Geburtstag ist in zwei Monaten, oder?“ „Ja.“ „Dann fang ab morgen an, mit dem anderen Rollstuhl regelmäßig zu trainieren. Zeig dir selbst, dass du damit umgehen kannst. Und wenn du das durchziehst – dann werde ich dafür sorgen, dass du den besten Sportrollstuhl bekommst, den man sich vorstellen kann.“ Lukas hob überrascht den Kopf. „Ernsthaft?“ Haaland nickte. „Ernsthaft. Nicht, weil du’s brauchst. Sondern, weil du’s verdient hast.“ Lukas schluckte. „Das ist… viel Geld.“ „Ich hab schon für dümmeres Geld ausgegeben“, sagte Haaland grinsend. „Und du bist keiner dieser Fälle.“ Ein stilles Versprechen Später, als sie sich bettfertig machten, war es still im Haus. Doch in Lukas’ Brust klopfte etwas Neues – kein Druck, keine Angst. Sondern Vorfreude. Hoffnung. Und Stolz. Bevor er das Licht ausmachte, flüsterte er: „Vielleicht werde ich nie ganz normal. Aber vielleicht werde ich genau richtig. Auf meine Art.“ Und irgendwo in der Dunkelheit antwortete Haaland leise: „Du warst nie falsch. Du hast dich nur zu selten gespürt.“ Und mit diesem Gedanken schlief Lukas ein – getragen von einem Gefühl, das er lange nicht kannte: Erwartung an sich selbst – ohne Angst. 21. Mai – Frühe Nacht: Ein kurioses Finale und ein ruhiger Abschluss Es war 22:55 Uhr, als Lukas noch einmal aus dem Bett aufstand. Eigentlich war er bereit fürs Schlafen gewesen: Zähne geputzt, Pyjama an, Decke schon zurechtgezogen. Doch etwas ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Das Finale der UEFA Europa League. Tottenham Hotspur gegen Manchester United. Ein englisches Duell, das sich Lukas eigentlich nicht entgehen lassen wollte – auch wenn er kein Fan beider Teams war. Aber als Fußballliebhaber war ein europäisches Finale Pflichtprogramm. Er tapste leise durch den Flur, öffnete vorsichtig die Zimmertür von Haaland und flüsterte: „Hey… bist du wach?“ Ein dumpfes Murmeln aus dem Halbschlaf. „Gerade so… warum?“ „Europa-League-Finale. Willst du mitgucken?“

Kurze Pause. „Bin in drei Minuten im Wohnzimmer.“

23:05 Uhr – Anpfiff zum Finale Die beiden saßen im Halbdunkel des Wohnzimmers. Haaland hatte sich eine Decke über die Schultern geworfen, Lukas sich in den großen Sessel gekuschelt. Auf dem Tisch: zwei Tassen mit lauwarmem Schlaftee, und ein paar übriggebliebene Chips von heute Nachmittag. Das Spiel begann zäh. Beide Teams neutralisierten sich weitgehend. Haaland kommentierte trocken: „Sie spielen, als hätten sie Angst vor dem Titel.“ Lukas nickte. „Vielleicht träumen beide von der Champions League und wollen nicht am Ende mit dem Trostpokal dastehen.“ Doch dann – die 78. Minute: Ein scharfer Pass von Pedro Porro in den Strafraum, keiner kommt dran – außer Johnson von United, der im vollen Lauf den Ball ins eigene Tor grätscht. 1:0 für Tottenham. Stille. Dann brach Lukas in lautes Lachen aus. „Wie ironisch ist das bitte? Ein Eigentor entscheidet das Finale!“ Haaland lachte leise mit. „So gewinnt man auch europäische Titel.“ Abpfiff – Freude in London, Schweigen in Manchester Endstand: Tottenham Hotspur 1 – Manchester United 0. Die Spurs jubelten, Mourinho tanzte mit dem Trainerteam, der Pokal wurde in die Luft gestemmt – zum ersten Mal seit Jahren wieder ein großer Titel für Tottenham. Lukas lehnte sich zurück. „Das war ein typisches United-Spiel der letzten Jahre. Gut angefangen, chaotisch geendet.“ „Und ein typischer Fußballabend für uns“, ergänzte Haaland. „Etwas verrückt, etwas unverdient – aber mit Tee und Chips.“ 00:10 Uhr – Ein Schlaftee zum Abschluss Sie tranken die letzten Schlucke aus ihren Tassen. Der Tee – Lavendel, Melisse und Kamille – wirkte langsam. Haaland streckte sich, gähnte. „Jetzt bin ich wirklich reif fürs Bett.“ „Ich auch“, sagte Lukas. „Aber danke, dass du’s mitgeguckt hast.“ Haaland nickte. „Ich hätte es gehasst, wenn du da unten allein gelacht hättest.“ 00:20 Uhr – Schlafenszeit Zurück im Zimmer. Lukas legte sich hin, drehte sich auf die Seite, und diesmal… war kein Gedanke im Weg. Kein Katheter, kein Rollstuhl, kein Schmerz, keine Angst. Nur ein kurioses Fußballspiel und das Gefühl, nicht allein zu sein. Als Haaland schon eingeschlafen war, flüsterte Lukas noch in die Dunkelheit: „Tottenham gewinnt durch ein Eigentor. Vielleicht kann ich auch mal durch ’nen Umweg gewinnen.“ Dann schloss er die Augen. Und schlief mit einem leisen Lächeln ein. 22. Mai – Mittag des siebten Tages: Die Nachricht über die Tante Es war ein angenehm milder Mittwochmittag in Mainz. Die Sonne stand über den Dächern von Bretzenheim, und der Duft von frisch gemähtem Rasen zog durch die Fenster des Wohnzimmers. Lukas saß am Esstisch und aß gerade ein schlichtes Käsebrötchen mit Gewürzgurke, während Haaland ihm gegenüber in einem Buch blätterte, das er aus einem kleinen Bücherschrank im Flur gezogen hatte: „Starke Nerven – Wie der Körper mit Stress umgeht.“

Die Stimmung war ruhig, fast gemütlich. Doch plötzlich durchbrach das Klingeln des Festnetztelefons die entspannte Atmosphäre. Lukas’ Mutter ging ran, und schon nach den ersten Worten veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. „Ach… ja. Natürlich. Danke, dass Sie gleich anrufen… Ja, ich richte es ihr aus.“ Lukas wurde sofort unruhig. „Mama? War das vom Krankenhaus?“ Die Mutter nickte langsam, legte den Hörer auf und drehte sich zu ihm um. Die Nachricht „Es geht um Tante Heike“, sagte sie vorsichtig. „Die Blasenoperation… wurde verschoben.“ Lukas erstarrte. „Was?! Wieso? Ist was passiert?“ „Nein, nein, beruhig dich“, sagte sie schnell und setzte sich zu ihm. „Der Grund ist medizinisch, aber nicht dramatisch. Ihre Blutwerte waren heute früh auffällig – leicht entzündet, nichts Akutes, aber genug, dass die Ärzte gesagt haben: Wir warten lieber ein paar Tage, bis der Körper stabiler ist. Sie wollen kein Risiko eingehen.“ Lukas atmete schwer aus. „Aber sie war doch schon mental so drauf vorbereitet…“ „Ich weiß“, sagte die Mutter leise. „Und sie ist auch enttäuscht. Aber sie hat auch gesagt: Lieber ein paar Tage länger warten als einen Fehler machen, wenn der Körper nicht bereit ist.“ Lukas’ Reaktion Er legte das Brötchen zur Seite, hatte plötzlich keinen Appetit mehr. „Immer wieder neue Sachen… immer irgendwas dazwischen…“ Haaland legte das Buch weg, sah Lukas direkt an. „Es ist keine Absage. Es ist eine Pause. Eine Schutzmaßnahme. Deine Tante ist in sicheren Händen. Und du… du kannst ihr gerade am besten helfen, wenn du stark bleibst.“ Lukas blickte zur Seite. Seine Schultern waren gesunken. „Ich hab das Gefühl, ich will endlich, dass etwas einfach mal zu Ende gebracht wird. Kein Aufschub, kein Warten, kein 'vielleicht nächste Woche'... Einfach mal: erledigt.“ „Das versteh ich“, sagte Haaland ruhig. „Aber manchmal bedeutet Stärke auch, zu akzeptieren, dass das Tempo nicht deins ist. Sondern das deines Körpers. Oder in dem Fall: ihrer.“ Ein kleiner Plan zum Trost Nach einem Moment des Schweigens richtete sich Lukas langsam auf. „Ich ruf sie später an. Vielleicht… bringen wir ihr morgen was vorbei. Einen kleinen Brief. Oder was Süßes. Oder so einen Tee, den sie mag.“ „Das ist ein guter Plan“, sagte Haaland und stand ebenfalls auf. „Und ich mach mit. Vielleicht back ich sogar einen Kuchen.“ „Du? Backen?“, fragte Lukas skeptisch. „Hey – ich kann mehr als schießen und grätschen“, grinste Haaland. Und so wurde aus einer enttäuschenden Nachricht am Mittag doch noch ein Moment der Fürsorge. Denn auch wenn die Operation verschoben war – die Liebe, die Hoffnung und der Zusammenhalt waren sofort da. 22. Mai – Abend des siebten Tages: Relegationskrimi zwischen Hoffnung und Zittern

Der Himmel über Mainz färbte sich langsam dunkelblau, als sich der siebte Tag für Lukas dem Ende zuneigte. Es war ein Tag voller Aufs und Abs gewesen – die Nachricht über die verschobene Blasenoperation seiner Tante hatte ihn beschäftigt, aber das Gespräch mit Haaland, die gemeinsame Planung und das wachsende Gefühl von Halt hatten ihm geholfen, nicht in Grübeleien zu versinken. Doch am Abend stand ein weiteres emotionales Highlight an – das Hinspiel der Bundesliga-Relegation: 1. FC Heidenheim gegen SV Elversberg. Für viele nur ein Duell zwischen einem etablierten Erstligisten und einem aufstrebenden Zweitligateam. Für Lukas jedoch war es Herzenssache. Er hatte seit Wochen mit Elversberg mitgefiebert. Diese Mannschaft – klein, fleißig, ohne Glamour, aber mit Leidenschaft – erinnerte ihn an sich selbst. Kein Club, der mit Geld glänzt, sondern mit Einsatz und Mut. Und heute sollte sich zeigen, ob sie dem Traum von der Bundesliga näher kommen konnten. 20:25 Uhr – Anstoß: Hochspannung im Wohnzimmer Lukas hatte das Wohnzimmer hergerichtet wie für ein echtes Public Viewing. Er trug – extra für heute – ein schwarzes Shirt mit einer selbstgemalten kleinen Elversberg-Fahne auf der Brust, daneben hatte er Chips aufgetischt, zwei Flaschen Kirschradler geöffnet und ein paar kleine Notizzettel vorbereitet, auf denen „Tor“, „VAR“, „Fehler“ und „Weinen“ stand – für spontane Wertungen. Haaland grinste, als er den Raum betrat. „Bist du sicher, dass du nicht der Trainer von Elversberg bist?“ „Ich wär’s gern. Aber dann hätte ich den VAR heute schon vor Spielbeginn blockieren lassen“, konterte Lukas. Die erste Halbzeit – Gänsehaut und Hoffnung 18. Minute: Tooooor für Elversberg! Lucas Petkov setzt sich über links durch, zieht ab – 1:0! Lukas sprang auf, die Arme in die Luft, fast wäre ihm das Radler aus der Hand gefallen. „JAAAA! Petkov, ich liebe dich!“ 42. Minute: Wieder Elversberg. Finsk Asllani steigt nach einem Freistoß am höchsten – 2:0! Lukas drehte fast durch. Haaland musste lachen, klatschte ab. „Die sind heute echt stark. Ruhig bleiben – noch 45 Minuten.“ „Ruhig? Ich? Ich explodiere gleich vor Stolz!“ Zweite Halbzeit – Zittern beginnt 62. Minute: Heidenheim kommt. Tim Siersleben nutzt ein Durcheinander im Strafraum – 2:1. Lukas erstarrt. „Nicht… nicht jetzt nachlassen.“ 64. Minute: Nur zwei Minuten später – Matias Honsak trifft mit einem Schlenzer ins lange Eck. 2:2. „NEIN!“, rief Lukas, warf ein Kissen auf den Boden. „Was machen die denn da?! Zwei Minuten! Zwei!“ Haaland blieb ruhig. „Klassischer Relegationsmoment. Euphorie, dann Einbruch. Aber sie halten. Es steht noch 2:2. Und das ist ein Auswärtsspiel.“ Lukas ließ sich auf das Sofa fallen, starrte auf den Bildschirm. Nach dem Spiel – Hoffnung bleibt Der Schlusspfiff ertönte. 2:2 – ein wildes, intensives Spiel, mit einem bitteren Beigeschmack, aber trotzdem offen. „Unentschieden auswärts ist okay“, sagte Haaland. „Ja… aber nach 2:0 fühlt sich’s wie ne Niederlage an“, antwortete Lukas leise.

Dann, nach einer kurzen Pause, setzte er sich auf und sah Haaland direkt an: „Aber weißt du was? Ich glaub trotzdem an sie. Im Rückspiel… Zuhause. Sie machen das. Die schaffen’s. Elversberg gehört in die Erste Liga – so wie ich wieder in mein Leben.“ Haaland nickte. „Und ich steh mit dir da – auf der Tribüne. Oder vorm Fernseher. Oder mit Chips im Schoß.“ 22:45 Uhr – Schlaftee und Zuversicht Nach dem Spiel machten sie sich Tee – Kamille, wie immer – und saßen noch einen Moment still am Fenster. Die Stadt war ruhig, der Fernseher aus, die Emotionen sanken langsam. Lukas blickte in die Nacht und sagte fast flüsternd: „Ich hoffe einfach… dass es in dieser Welt noch Platz für kleine Wunder gibt. Für die, die nicht erwartet werden.“ Haaland hob die Teetasse. „Für Elversberg. Für deine Tante. Und für dich.“ Und in dieser stillen Nacht, begleitet vom Geschmack nach Kirsche und Tee, wuchs die Hoffnung weiter – still, aber spürbar. 23. Mai – Der achte Tag: Spargelsuppe, ein Zwischenfall und ein kleiner Küchenwirbel Der Morgen des achten Tages verlief zunächst ganz ruhig. Die Sonne stand angenehm über Mainz, und der junge Mann hatte gut geschlafen – das erste Mal seit mehreren Nächten ohne Katheterprobleme oder schwere Gedanken. Er war mit leichtem Herzen aufgewacht, hatte sogar schon vor dem Frühstück eine Runde Pokémon GO gespielt und einen seltenen Altaria gefangen. Doch am Mittag sollte es zu einer dieser kleinen Familienszenen kommen, die eigentlich banal sind – und doch irgendwie das Leben so echt und typisch machen. 12:35 Uhr – Spargelsuppenzeit In der Küche roch es herrlich nach Frühlingsaromen. Die Mutter hatte eine große Kasserolle auf dem Herd stehen. Darin blubberte eine hausgemachte Spargelsuppe, cremig, mit frischer Petersilie und einem Hauch Muskat. Lukas freute sich tatsächlich – Spargelsuppe war eines seiner Lieblingsessen. Besonders, wenn sie so schön sämig war wie heute. „Es ist gleich fertig“, rief die Mutter, während sie mit dem Holzlöffel umrührte. „Setzt euch schon mal, Jungs.“ Lukas und sein Vater setzten sich an den Tisch. Haaland war heute auf einem kurzen Spaziergang durch die Stadt und würde später dazustoßen. Die Mutter stellte dampfende Suppenteller auf den Tisch. Lukas nahm den Löffel in die Hand, rührte einmal um, blies vorsichtig – und nahm den ersten Schluck. 12:38 Uhr – Unerwartete Einlage Doch schon beim zweiten Löffel passierte es: Lukas verzog das Gesicht, hielt inne, kaute plötzlich auf etwas Hartem, das nicht in die cremige Suppe gehörte. „Mmmmpf…“, machte er, dann legte er hektisch die Hand vor den Mund und spuckte das Stück vorsichtig in seine Serviette. „Was ist denn los?“, fragte die Mutter irritiert. „Da war was Hartes drin. Ich weiß nicht, ob’s Spargel war oder... Holz oder so!“, sagte Lukas leicht erschrocken. Der Vater hob eine Augenbraue. „Was denn für ein Stück? Hast du’s verschluckt?“ „Nein! Ich hab’s ausgespuckt. Es ist hier drin“, sagte Lukas und deutete auf die Serviette. Doch in dem Moment hatte die Mutter, ganz in ihrer Routine, die Serviette samt dem Stück achtlos zur Seite gelegt, in dem Irrglauben, es sei nur ein bisschen Suppe verschüttet worden.

Sie drehte sich zurück zum Topf und sagte: „Ach, das war bestimmt nur ein kleines Spargelholzstückchen, ich streich’s eben durch den Sieb, dann ist’s weg.“ 12:43 Uhr – Misstrauen am Mittagstisch Als sie die Suppe durch ein feines Sieb in einen kleineren Topf goss, wirkte alles ganz normal. Sie schöpfte neue Portionen ab, diesmal ganz ohne Stückchen – alles schön glatt und samtig. „So. Jetzt ist sie perfekt“, sagte sie und stellte die Teller erneut auf den Tisch. Doch der Vater hatte sich bereits merklich zurückgelehnt. „Wenn da schon irgendwas Hartes drin war, und das aus dem Mund kam, und wir wissen nicht mal, was es war... dann – ganz ehrlich – ich hab den Appetit verloren.“ Die Mutter drehte sich empört um. „Ach komm. Ich hab’s doch extra durchgesiebt. Jetzt ist alles gut.“ „Trotzdem“, murmelte der Vater. „Ich will nicht riskieren, auf ein Zahnteil oder eine Nudelklammer zu beißen.“ Lukas zuckte mit den Schultern. „Ich ess meine Portion. Aber es wäre schon gut zu wissen, was das war... vielleicht sollte ich die Serviette nochmal anschauen?“ Doch da war es zu spät – sie war bereits mit den anderen Küchentüchern in die Waschmaschine gewandert. 12:55 Uhr – Kompromisse und kleine Lacher Am Ende aß Lukas seine Suppe, wenn auch vorsichtig. Die Mutter war ein wenig angesäuert, weil sie sich Mühe gegeben hatte und dann diese Szene entstand. Der Vater machte sich lieber ein Käsebrot. „Typisch Papa“, sagte Lukas schmunzelnd, „Suppe mit Geschichte – und du steigst aus.“ „Ich steig aus, wenn der Inhalt aus dem Mund kommt und dann durch den Sieb wieder zurück auf den Teller will“, konterte der Vater trocken. Sie mussten alle lachen – auch die Mutter, die schließlich nachgab: „Okay, vielleicht war’s doch ein kleiner Spargel-Knorpel. Nächstes Mal pürier ich alles doppelt.“ Und so endete dieser Mittag nicht mit einem großen Drama, sondern mit einem echten Familienmoment – ein bisschen Chaos, ein bisschen Ekel, aber viel Humor. Und einem stillen Versprechen: Beim nächsten Mal kommt die Suppe direkt aus dem Tetrapack. Sicher ist sicher. 23. Mai – Abend des achten Tages: Zwischen FIFA und verpasster Relegation Der Abend legte sich langsam über Mainz. Die Luft war lau, die Fenster standen weit offen, und vom Balkon hörte man noch vereinzelt Vögel zwitschern. Drinnen im Haus war die Stimmung ruhig, fast schon entspannt. Lukas lag halb auf dem Teppich, den Controller in der Hand, während Haaland auf dem Sofa saß und gerade versuchte, mit Borussia Dortmund im Karrieremodus die Champions League zu gewinnen. „Dein Torwart ist ne Katastrophe“, murmelte Haaland, als er zum dritten Mal in Folge ein Gegentor aus 25 Metern kassierte. „Hättest du halt Mainz genommen. Zentner hätte den gehabt“, entgegnete Lukas mit einem Grinsen. 19:55 Uhr – Ein stiller, unbemerkter Moment Sie waren gerade mitten im zweiten Spiel des Abends, als der TV im Hintergrund – stumm gestellt – auf dem Sportsender die Vorschau zeigte: „Relegation 2. Bundesliga – Rückspiel: Elversberg vs. Heidenheim – Anstoß 20:30 Uhr“ Lukas registrierte es nicht. Gar nicht.

Er war zu sehr vertieft ins Spiel. Gerade hatte er sich mit Mainz 05 ins Viertelfinale der Europa League gespielt, nach einem dramatischen Elfmeterschießen gegen AS Rom. 20:30 Uhr – Der Anstoß, den er nicht bemerkte Während draußen im echten Leben das Stadion in Elversberg unter Flutlicht stand und die Fans mit Herzklopfen in die entscheidende Partie gingen, saß Lukas gemütlich auf dem Wohnzimmerteppich, stopfte sich eine Handvoll Chips in den Mund und fragte: „Nehm ich im nächsten Spiel Leverkusen oder Frankfurt? Ich will mal was anderes probieren.“ „Solang du nicht den HSV nimmst und alles verschießt, ist mir alles recht“, sagte Haaland lachend. Sie lachten beide – und die Relegation? Die ging einfach an ihnen vorbei. 21:15 Uhr – Das Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben Mitten in der zweiten Halbzeit ihres dritten FIFA-Spiels legte Lukas plötzlich den Controller zur Seite und runzelte die Stirn. „Warte mal… war heute nicht… irgendwas? Irgendein Spiel?“ Haaland zuckte mit den Schultern. „Champions League? Ist nicht heute.“ „Nein… Relegation! Elversberg! Ich Idiot!“ Er griff hektisch zur Fernbedienung, schaltete den Fernseher aus dem Konsolenmodus um – doch es war schon zu spät. Das Spiel lief längst – und Elversberg lag 1:0 zurück. „Oh Mann“, murmelte Lukas, „ich hab’s echt vergessen. Einfach vergessen.“ „Weil du so sehr im Spiel warst“, sagte Haaland ruhig. „Und weißt du was? Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Manchmal muss man sich selbst mehr spielen als die anderen.“ Lukas atmete tief durch. „Ich hoffe trotzdem, dass sie es noch drehen…“ 22:00 Uhr – Zwischen Bildschirm und Wirklichkeit Als das Spiel im Fernsehen zu Ende war – Elversberg hatte tapfer gekämpft, aber das Rückspiel mit 0:1 verloren und somit den Aufstieg verpasst –, saß Lukas still auf dem Sofa. „Ich hätte es ihnen so gegönnt. Gerade weil sie klein sind. Unterschätzt. So wie ich oft.“ Haaland nickte nur, dann reichte er ihm wortlos den Controller. „Dann zeig mir, wie man im FIFA aufsteigt. Und vielleicht machen wir’s nächstes Jahr bei Elversberg nochmal – gemeinsam. Diesmal pünktlich.“ Lukas schmunzelte. „Abgemacht. Aber dann mit Chips-Verbot. Ich will mich erinnern.“ Und so endete dieser Abend nicht mit Enttäuschung, sondern mit einem stillen Versprechen – an sich selbst und an all die kleinen Teams, die eines Tages wieder aufsteigen würden. Ob auf dem Rasen oder im echten Leben. 24. Mai – Mittag des neunten Tages: Einkaufen mit Erinnerungen, Fleischkäse und intensiver Kirschgeschmack Es war ein sonniger Freitagmittag in Mainz, die Straßen lebendig, aber nicht überfüllt. Die Sonne stand angenehm warm über den roten Ziegeln der Häuser, und der Duft von frischem Brot und Blumen lag in der Luft. Für Lukas war es ein guter Tag – sein Katheter bereitete ihm keine Probleme, er war ausgeruht und fühlte sich ausgeglichen. Gegen 11:30 Uhr stand er mit seinem Vater im Flur, eine Stofftasche über der Schulter, die Einkaufsliste in der Hand. Haaland war an diesem Morgen noch mit einem kurzen Besuch bei einem Physiotherapeuten beschäftigt, hatte sich aber für später angekündigt. „Heute holen wir wieder den guten Fleischkäse, oder?“, fragte der Vater, während er seine Jacke überzog.

Lukas „1157 Gramm, wie beim letzten Mal. Ich will das genau so wiederhaben.“

12:05 Uhr – Metzgerei mit Erinnerungen Sie gingen gemeinsam in den nahegelegenen Supermarkt mit integrierter Fleischtheke. Es war derselbe Laden wie beim letzten Mal – der mit der freundlichen Verkäuferin, die sich noch an Lukas erinnerte. „Na, wieder der junge Herr mit der Fleischkäse-Maßbestellung?“, sagte sie und lachte. „Ganz genau. Ich hätte gern wieder exakt 1157 Gramm Fleischkäse, bitte. Und bitte schön dick geschnitten.“ „Na, wenn’s sonst nichts ist“, grinste sie, und begann zu schneiden und zu wiegen – genau, wie Lukas es mochte. Nebenbei holte sich sein Vater noch einen Kartoffelsalat, während Lukas in der Getränkeecke verschwand. 12:20 Uhr – Der intensivere Kirschradler Lukas ging gezielt zum Kühlregal, griff nach dem Kirschradler, den er beim letzten Mal probiert hatte. Doch sein Blick fiel auf eine neue Sorte, mit dem Zusatz „extra Kirsch – doppelte Frucht, volles Aroma**“ auf dem Etikett. Er zögerte nur kurz, dann nahm er zwei Flaschen davon. „Wenn schon, denn schon“, murmelte er. 12:25 Uhr – Noch mehr Würste, weil’s sein muss Auf dem Rückweg zur Kasse lief er an der Frischtheke vorbei und konnte nicht widerstehen. Die Knackwürste lachten ihn förmlich an – goldbraun, glänzend, frisch vom Grill. Er nahm zwei davon mit – für später. Und noch eine Packung Wiener zum Mitnehmen für Haaland. 12:40 Uhr – Wieder vereint mit Haaland Zurück zuhause kam Haaland gerade durch die Haustür. Er streckte sich, schien zufrieden mit seinem Termin. „Na, was habt ihr gejagt?“ „Fleischkäse. Und diesmal nicht 1150 oder 1158 – sondern genau 1157 Gramm. Traditionsmenge“, sagte Lukas stolz. „Und ich hab den extra-Kirschradler gefunden“, fügte er hinzu und reichte Haaland eine Flasche. „Doppelte Frucht. Volles Aroma. Vielleicht zu süß für dich.“ Haaland nahm sie entgegen, öffnete sie, roch daran und grinste. „Schmeckt wie flüssiger Kirschkuchen. Aber ich find’s genial.“ 13:15 Uhr – Essen, Lachen, Leben Sie saßen wenig später im Garten, die Teller voll mit Fleischkäse, Brötchen, ein Klecks Senf und ein paar Gurkenscheiben. Die Sonne schien durch das Blätterdach, Vögel zwitscherten, und in der Ferne war leise ein Rasenmäher zu hören. Lukas lehnte sich zurück, biss in seinen Fleischkäse und sagte zufrieden: „Wenn jeder Tag so schmeckt, wie heute, brauch ich keine Sterneküche.“ Haaland prostete ihm mit dem Kirschradler zu. „Und keine Sorgen – nur Würste, Kirsche und Freunde.“ So war dieser neunte Tag: einfach, vertraut, und trotzdem ein weiterer kleiner Schritt in ein Leben, das sich wieder nach Zukunft anfühlte. 24. Mai – Später Mittag: Ein Streit, ein Knall und ein stiller Blick

Die Sonne stand bereits leicht schräg über dem Mainzer Himmel, als Lukas, sein Vater und Haaland mit vollen Tüten vom Einkauf zurückkamen. Es war inzwischen gegen 14:50 Uhr, die Stimmung war gut – leicht, ausgelassen, fast wie nach einem kleinen Abenteuer. Lukas trug die Tasche mit dem Fleischkäse wie einen Schatz vor sich her, während Haaland über die Etikette des „doppelten Kirschgeschmacks“ spottete und der Vater den Haustürschlüssel suchte. Kaum hatten sie die Wohnungstür geöffnet und waren im Flur, hörten sie einen dumpfen Knall aus dem Wohnzimmer. „Wummm!“ – etwas war offensichtlich umgefallen. „Was war das?!“, fragte Lukas erschrocken. „Mama?“, rief der Vater laut und ließ die Einkaufstüten einfach auf den Boden fallen. Ein Sturm der Sorge – und der Ungeduld Der Vater stürmte ins Wohnzimmer, fast rennend, als würde dort ein Unglück geschehen sein. Lukas und Haaland folgten ihm vorsichtig – doch was sie sahen, war... harmlos. Das Bügelbrett war zur Seite gekippt und lag halb auf dem Teppich. Die Mutter stand daneben, leicht erschrocken, aber unverletzt. „Alles okay“, sagte sie ruhig. „Es ist nur das Bügelbrett umgefallen. Ich bin bloß erschrocken.“ Doch der Vater war schon im Alarmmodus. „Warum stehst du da so? Du hättest dir den Fuß brechen können! Warum räumst du das nicht sofort weg?!“ Die Mutter zog die Augenbrauen hoch. „Beruhig dich. Es ist nichts passiert. Ich hab’s gehört, mich erschreckt, aber es war kein Drama.“ Doch der Vater fuhr ungeduldig fort: „Immer lässt du sowas liegen, und dann wundern wir uns, wenn jemand stolpert oder was passiert…“ Die Mutter hob die Hand. „Jetzt übertreib nicht wieder so. Es ist ein Bügelbrett, kein Dachziegel. Du machst immer gleich ein Theater, als würde jemand sterben.“ Ein altbekannter Ablauf Was folgte, war fast schon ein trauriges Ritual. Lukas kannte es. Haaland inzwischen auch. Der Vater murmelte etwas, drehte sich wortlos um, stapfte zurück in den Flur, riss die Haustür auf – und knallte sie mit voller Wucht hinter sich zu. „Bumm!“ Stille. Lukas stand da. Den Kirschradler noch in der Hand. Haaland zuckte kaum noch zusammen – es war das dritte Mal, dass er so etwas miterlebte. Die Mutter seufzte, stellte das Bügelbrett wieder auf. „Immer das gleiche Spiel… Wenn er merkt, dass er übertrieben hat, ist er erstmal beleidigt. Und dann ist er eine Stunde draußen und kommt später zurück, als wäre nichts gewesen.“ Lukas’ Reaktion Lukas stellte langsam die Tüte mit dem Fleischkäse ab. „Ich hasse es, wenn er das macht. Dieses Türknallen ist wie ein… Schlag. Auch wenn er nicht mich meint.“ Haaland legte ihm die Hand auf die Schulter. „Es ist nicht deine Schuld. Und auch nicht deine Verantwortung, es zu reparieren.“

„Ich weiß“, sagte Lukas leise. „Aber es fühlt sich trotzdem so an, als müsste ich derjenige sein, der alles zusammenhält.“ Die Mutter stellte sich dazu, klopfte ihm auf den Rücken. „Heute nicht, Schatz. Heute bist du einfach nur du. Ohne Klebstofffunktion.“ 15:30 Uhr – Ein bisschen Alltag zurückholen Um die Spannung zu lösen, begannen sie gemeinsam, die Einkäufe wegzuräumen. Lukas schnitt ein Stück vom Fleischkäse ab, reichte Haaland einen kleinen Teller. Die Mutter stellte Teewasser auf. „Wisst ihr“, sagte Lukas schließlich, während er das Messer abwischte, „ich bin froh, dass wir vorhin wenigstens lachen konnten.“ „Und ich bin froh, dass du trotz allem noch lachen willst“, antwortete Haaland. Draußen vor dem Fenster zogen ein paar dunklere Wolken auf. Aber drinnen – im Haus, in der Küche, zwischen Fleischkäse, Kirschradler und stiller Wärme – blieb es hell genug, um den Tag nicht untergehen zu lassen. 24. Mai – Abend des neunten Tages: Wenn Türen sprechen und Blicke laut werden Der Abend war gerade dabei, ruhig zu werden. Lukas hatte sich mit Haaland und seiner Mutter aufs Sofa zurückgezogen. Der Fernseher lief leise – irgendeine Naturdoku, die mehr als Hintergrundgeräusch diente. Die Suppe vom Mittag, der überdrehte Einkauf, das Bügelbrett-Drama und der Türknall des Vaters lagen wie ein Schatten auf dem Haus, aber langsam wich die Spannung. Fast. Doch um 18:52 Uhr durchbrach plötzlich das Rasseln eines Schlüssels die Stille. Die Haustür ging schnell, laut und ohne Vorwarnung auf – und schlug noch lauter wieder zu. „KNALL!“ Alle drei im Wohnzimmer zuckten zusammen. Der Vater war zurück. Ein Auftritt voller Druck Er stürmte durch den Flur, warf wortlos seine Schirmmütze auf den Küchentisch, dass sie über die Kante rutschte und auf den Boden fiel. Er ignorierte sie. Seine Stirn war gerunzelt, der Blick angespannt. Ohne ein Wort zu sagen, griff er nach seinem Handy, das auf der Anrichte lag, schnappte sich seine E-Zigarette, die daneben lag, und zündete sie sofort an, während er sich demonstrativ gegen den Türrahmen lehnte. Er sog kräftig daran, blies den Dampf aus – dann drehte er langsam den Kopf zu Lukas. Ein kalter, grimmiger Blick. Kein Wort. Kein Fluch. Nur dieser Blick. Voller unausgesprochener Dinge – Enttäuschung, Gereiztheit, vielleicht sogar Vorwürfe, die gar nicht konkret waren. Aber Lukas spürte sie. Hart. Direkt. Er senkte instinktiv den Blick, obwohl er nichts getan hatte. Die Mutter wollte etwas sagen, öffnete leicht den Mund – doch noch bevor sie etwas sagen konnte, machte der Vater kehrt, öffnete die Tür wieder, diesmal mit noch mehr Kraft. „KNA-KNALL!“ Er war wieder draußen. Wortlos. Weg. Eine Stunde später – der zweite Auftritt Es war 19:53 Uhr, als sie es wieder hörten. Dieselben Geräusche. Schlüssel. Tür. „KLACK. BUMM!“ Er kam rein, lief schnellen Schrittes durch den Flur, griff in der Abstellkammer nach einem Beutel – irgendetwas, das er vergessen hatte. Niemand wagte, ihn anzusprechen. Er war keine zwei Minuten im Haus.

Und dann „KLIRR! Die Tür schlug erneut zu. Noch härter. Noch kälter.

wieder: KNALL!“

Stille danach Im Wohnzimmer war es ruhig. Haaland saß stumm, die Hände verschränkt, der Blick geradeaus. Die Mutter rührte mechanisch in einer leeren Teetasse. Und Lukas… saß zusammengesunken auf dem Sofa, mit zusammengepressten Lippen. „Warum guckt er mich so an, Mama?“, fragte er leise. Sie zögerte. Dann flüsterte sie: „Er trägt Dinge in sich, die gar nichts mit dir zu tun haben… Aber manchmal weiß er nicht, wohin damit.“ „Dann soll er schreien. Oder weinen. Aber nicht… so“, sagte Lukas, noch leiser. Haaland beugte sich zu ihm. „Du bist nicht verantwortlich für seine Blicke. Und nicht für seine Wut.“ Lukas nickte. „Aber ich fühl sie trotzdem. Jedes Mal, wenn die Tür knallt, fühlt es sich an, als würde mein Inneres mit rausgeschleudert.“ Ein Moment der Selbstfürsorge Später am Abend, als der Vater immer noch nicht zurückgekehrt war, bereitete die Mutter Tee vor. Nicht weil sie selbst zur Ruhe kam – sondern, weil sie wollte, dass Lukas zur Ruhe kam. Lukas nahm den Tee an, setzte sich auf den Balkon. Haaland folgte ihm, stellte sich still daneben. „Wenn du magst“, sagte Haaland ruhig, „schreib deinem Vater einen Brief. Ohne Absender. Ohne Absicht. Nur um’s rauszulassen.“ Lukas dachte nach. Dann sagte er: „Vielleicht schreib ich einen Brief. Aber erstmal schreib ich mir selbst, dass ich okay bin. Trotz seiner Tür. Trotz seines Blicks.“ Und so ging der Abend zu Ende – nicht heil, aber ehrlich. Mit einer Tasse Tee. Mit einem Atemzug mehr Stärke. Und dem Entschluss, sich selbst nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen – egal wie laut die Tür draußen auch knallt. 24. Mai – Später Abend des neunten Tages: Pokalfinale mit Drama, Türknall und Fleischkäse Der Himmel über Mainz war inzwischen dunkel, doch im Wohnzimmer war die Stimmung aufgeheizt – allerdings nicht wegen Streit, sondern wegen Fußball pur: DFB-Pokalfinale: Arminia Bielefeld gegen den VfB Stuttgart. Lukas hatte sich diesen Abend freigehalten. Er war schon seit Tagen gespannt auf das Finale. Nicht unbedingt, weil er ein Fan eines der beiden Teams war, sondern weil er wusste: Pokalfinale bedeutet Emotionen, Überraschungen – und meistens Drama bis zur letzten Sekunde. Haaland war natürlich dabei. Beide saßen nebeneinander auf dem Sofa, die Füße auf dem Couchtisch, vor sich je ein Glas vom intensiv-kirschigen Radler, dazu frisch aufgeschnittener Fleischkäse vom Mittag, dick belegt auf Brötchenhälften mit Senf. 20:00 Uhr – Anpfiff und Frühschock Kaum hatte das Spiel begonnen, ging es auch schon los:

15. Minute: Wolltemade trifft für den VfB Stuttgart Lukas rief: „Okaaay, das ging Haaland nickte. „Bielefeld wirkt nervös.“ 22. Minute: Millot erhöht auf „Uff“, meinte Lukas. „Die verpennen das hier komplett.“ 28. Minute: Undav mit dem „Das ist ein Pokalspiel, kein Trainingsspiel!“, rief Lukas Haaland grinste: „Aber das Tempo gefällt mir. Vielleicht kommt ja noch was.“

– 0:1 schnell!“ 0:2 0:3! ungläubig.

20:30 Uhr – Der Sturm im Flur Gerade als Stuttgart weiter dominierte und sich das Spiel zur einseitigen Angelegenheit entwickelte, riss plötzlich mit lautem Krachen die Haustür auf. „KNALL!“ Der Vater war zurück. Wortlos stapfte er durch den Flur. Ohne ein Wort, ohne Gruß. In der einen Hand hielt er sein Handy, in der anderen seine E-Zigarette. Mit einem Ruck schmiss er beides auf den Küchentisch, dass die E-Zigarette scheppernd gegen eine Tasse prallte und das Handy über die Tischkante rutschte. Dann – wie schon oft – ging er ohne ein Wort direkt in sein Schlafzimmer, knallte diesmal nicht die Tür, sondern ließ sie demonstrativ offen. Lukas erstarrte nur kurz. Dann wandte er sich wieder dem Fernseher zu. „Ich kann nicht mehr auf jedes Türgewitter reagieren“, murmelte er leise. 20:45 Uhr – Halbzeitpause: Fleischkäse heilt Während in Berlin die Spieler in die Kabinen gingen, standen Lukas und Haaland in der Küche und bereiteten zwei großzügige Fleischkäsebrötchen zu. Dick geschnitten, außen leicht knusprig, dazu Senf und ein paar Gurkenscheiben. „Manchmal hilft ein einfaches Brötchen mehr als hundert Gespräche“, sagte Lukas, als sie zurück auf das Sofa gingen. „Oder ein spätes Tor in der Nachspielzeit“, ergänzte Haaland und grinste. Zweite Halbzeit: Die große Aufholjagd 66. Minute: Millot mit dem 0:4 „Jetzt ist’s gelaufen“, meinte Lukas. Doch Haaland sagte nur: „Warte…“ 81. Minute: Kania macht das 1:4 „Na gut…“, Lukas wurde aufmerksam. 85. Minute: Vanoman verkürzt auf 2:4 „Okay! Jetzt wird’s interessant!“, rief Lukas, stellte sein Brötchen ab. 90+4. Minute: J. Félix trifft zum 3:4 Lukas sprang auf. „Ich fass es nicht! DAS ist Pokalfinale!“ 90+7. Minute: Fast der Ausgleich! Ein abgefälschter Schuss… Zentimeter vorbei! „NEEEIN!“, rief Lukas und hielt sich die Haare. Haaland war genauso fassungslos: „Das wäre die größte Aufholjagd des Jahrzehnts gewesen!“ 22:45 Uhr – Abpfiff, Erschöpfung, Nachklang Das Spiel war vorbei. Stuttgart gewann 4:3 – aber Bielefeld hatte gekämpft. Und wie. Lukas setzte sich wieder, atmete tief durch. „Ich glaub, ich liebe den Pokal mehr als jede Liga.“ „Und das, obwohl Elversberg nicht mal dabei war“, sagte Haaland schmunzelnd. „Noch nicht“, konterte Lukas. „Nächstes Jahr dann. Mit mir auf der Tribüne.“

Er biss in das letzte Stück Fleischkäse, nippte am Radler und sagte leise: „Und dann… hoffe ich, dass niemand mehr Türen knallen muss. Weder hier, noch in meinem Kopf.“ Haaland sah ihn an, nickte nur. Und so endete dieser dramatische Abend nicht nur mit einem Fußballkrimi, sondern mit einem kleinen Sieg für Lukas: Er war ruhig geblieben. Er war bei sich geblieben. Und das war sein echtes 4:4. 24. Mai – Tiefe Nacht: Fragen, die wehtun – und Antworten, die heilen Es war weit nach Mitternacht. Der Mond hing silbern über den Dächern von Mainz, und im Haus war alles still. Die Mutter hatte sich längst schlafen gelegt, und auch aus dem Schlafzimmer des Vaters war seit Stunden kein Geräusch mehr gekommen. Doch in Lukas’ Kopf war keine Ruhe. Er lag in seinem Bett, die Decke bis zur Brust gezogen, die Gedanken kreisten. Immer wieder hörte er das Türknallen, sah den Blick, spürte das Schweigen, das wie ein Schatten zwischen den Zimmerwänden hing. Er konnte nicht schlafen. Nicht, bevor er das gefragt hatte, was ihm schon den ganzen Abend auf der Seele brannte. 01:02 Uhr – Ein leiser Ruf Er drehte sich zur Seite, blickte zur Matratze nebenan. Haaland lag dort, halb auf dem Bauch, das Gesicht ins Kissen gedrückt. Lukas flüsterte: „Bist du noch wach?“ Ein leises, schläfriges: „Hmm… ja. Was ist?“ Lukas zögerte. Dann kam die Frage – leise, vorsichtig, aber mit einem Gewicht, das sich kaum verstecken ließ: „Was… denkst du eigentlich über das Verhalten von meinem Vater?“ Haaland richtete sich langsam auf, rieb sich über das Gesicht. Er sah, dass Lukas es ernst meinte – dass das kein banales „Was hältst du von ihm?“ war, sondern ein Hilferuf. Ein ehrliches Gespräch in der Nacht Haaland schwieg erst, atmete tief durch. Dann sagte er mit ruhiger Stimme: „Ich glaube… dein Vater trägt eine Menge Wut in sich. Nicht auf dich. Nicht mal auf deine Mutter. Vielleicht… auf sich selbst. Auf Dinge, die er nie verarbeitet hat.“ Lukas schluckte. „Aber warum muss er das immer rauslassen? Warum so laut? Warum diese Blicke? Das tut weh. Selbst wenn er nichts sagt. Es fühlt sich an, als würde ich jedes Mal kleiner werden.“ Haaland nickte langsam. „Weil er es nie gelernt hat, anders zu reagieren. Weil er glaubt, Stärke heißt Lautstärke. Kontrolle heißt Dominanz. Und weil er nie jemandem erlaubt hat, hinter seine Maske zu sehen.“ Lukas drehte sich auf den Rücken, starrte zur Decke. „Denkst du, er hasst mich manchmal?“ „Nein“, sagte Haaland sofort. „Aber ich glaube, er versteht dich nicht. Und das macht ihm Angst. Weil du anders fühlst, weil du sensibler bist, weil du nicht nach seinem Schema funktionierst. Und was er nicht versteht, macht er platt. Nicht mit Absicht – sondern, weil er’s nicht besser kann.“

Eine Frage, ein Versprechen Lukas schwieg lange. Dann fragte er: „Wirst du trotzdem noch bleiben, auch wenn’s hier so... chaotisch ist?“ Haaland beugte sich leicht zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich bin nicht hier, weil es einfach ist. Ich bin hier, weil du hier bist. Und solange du willst, bleib ich. Für jede Tür, die knallt – mach ich dir eine andere leise wieder auf.“ Lukas blinzelte. Dann kam ein kleines, erschöpftes, aber echtes Lächeln. „Danke.“ 01:26 Uhr – Endlich Ruhe Lukas zog sich die Decke höher, sein Herz klopfte leiser. Der Kloß in seinem Hals war nicht ganz weg – aber er war nicht mehr allein damit. Draußen rauschte der Wind durch die Bäume. Drinnen atmete jemand neben ihm – ruhig. Echt. Da. Und so schlief Lukas endlich ein – in einer Nacht, in der keine Tür geknallt hatte, sondern eine andere geöffnet worden war: die zu seinem Inneren. 25. Mai – Früher Morgen des zehnten Tages: Ein Geburtstag mit leisen Momenten und großen Gesten Es war 06:12 Uhr in Mainz, als die ersten Sonnenstrahlen durch die halb geschlossenen Rollläden schimmerten. Die Stadt lag noch still. Kein Vogel sang, kein Auto fuhr vorbei. Doch im Zimmer von Lukas war ein zartes, fast ehrfürchtiges Knistern zu spüren – es war der erste Gedanke am Morgen: „Heute ist mein Geburtstag.“ Er öffnete die Augen, spürte, wie sein Herz schneller schlug. Nicht wegen der Geschenke – sondern weil dieser Tag für ihn wichtig war. Ein neuer Lebensabschnitt. Einer, den er in diesem Jahr mit mehr Bewusstsein begann als je zuvor. Er stand leise auf, öffnete vorsichtig die Tür zu seinem Zimmer. Der Flur war ruhig. Kein Lärm. Kein Streit. Nur leise Schritte und ein Hauch Kaffeeduft aus der Küche. 06:25 Uhr – Eine Tasse mit Geschichte Seine Mutter saß bereits am Küchentisch – noch im Morgenmantel, mit zerzausten Haaren und einem liebevollen Lächeln. Vor sich hatte sie eine kleine Schachtel und eine rote Geschenkverpackung mit Mainz-05-Aufdruck. „Guten Morgen, mein Schatz“, sagte sie sanft. „Herzlichen Glückwunsch.“ Lukas trat vorsichtig in die Küche, seine Augen glänzten. Er war nie ein Freund von lauter Geburtstagsmusik oder Ballons – aber solche Momente liebte er. „Mach auf“, sagte sie leise. Er nahm das Geschenkpapier ab – und zum Vorschein kam eine weiße Tasse mit dem Logo von Mainz 05, darauf stand in roter Schrift: „ECHT. STARK. LUKAS 05.“ Er lachte leise, hielt sie in beiden Händen. „Die ist perfekt.“ Seine Mutter griff nach der kleinen Schachtel. „Und das ist von mir und der Oma. Wir dachten, es ist Zeit für etwas Eigenständigkeit.“ Lukas öffnete sie – und darin lagen fünf neue 100-Euro-Scheine, ordentlich gefaltet in einem roten Briefumschlag. 500 Euro. „Für dich. Zum Einteilen, zum Leben, zum Träumen. Und für etwas, das du dir selbst aussuchen willst.“

06:40 Uhr – Der große Moment In diesem Moment trat Haaland ein – verschlafen, aber wach genug, um zu lächeln. In der Hand hielt er einen großen, rechteckigen Karton, eingewickelt in schlichtes, braunes Papier mit einer Schleife. „Happy Birthday, Großer“, sagte er. „Und bevor du fragst: Nein – es ist nicht der Sportrollstuhl. Den kriegst du nur, wenn du deinen Trainingsplan einhältst.“ Lukas lachte. „Okay, ich bin gespannt.“ Er öffnete den Karton langsam. Darin lag ein hochwertiges Tablet mit Eingabestift, in einer stabilen Hülle – perfekt für Notizen, Zeichnungen, Schreiben und Arbeiten. Daneben lag ein kleines handgeschriebenes Kärtchen von Haaland: „Für all deine Gedanken, Pläne, Ideen und Träume. Damit du dir nie mehr sagen lassen musst, du hättest keine Zukunft. – Dein Freund, der an dich glaubt.“ Lukas stockte kurz. Dann umarmte Haaland fest. „Das ist… mehr als ich erwartet hab. Danke. Wirklich.“ 06:55 Uhr – Ein Schatten im Raum Während sich die drei in der Küche über den Tee und das erste Stück Geburtstagskuchen beugten, lag im Wohnzimmer auf der Couch der Vater – regungslos, in Decke eingerollt, die Augen geschlossen. Doch Lukas wusste: Er war wach. Man sah es an der flachen Atmung, an dem zu regelmäßigen Rhythmus. Er hörte jedes Wort, jeden Lacher, jede Geste – aber er sagte nichts. Kein Glückwunsch. Kein Gruß. Kein Blick. Er tat so, als wäre nichts. Als wäre heute kein besonderer Tag. Lukas bemerkte es. Natürlich. Doch dieses Mal tat er etwas, das ihn innerlich wachsen ließ. Er sah kurz zur Wohnzimmertür, atmete tief ein – und wandte sich dann wieder zu seiner Mutter und Haaland. „Ich will, dass dieser Tag mir gehört. Nicht seinem Schweigen.“ 07:05 Uhr – Ein echter Geburtstag Die Tasse dampfte. Das Tablet lag bereit. Das Herz war voll. Lukas wusste: Nicht alles war perfekt – aber er war heute da. Nicht nur körperlich. Sondern mit sich selbst im Reinen. Und während draußen langsam die Stadt erwachte, begann für Lukas ein neues Lebensjahr – mit Stärke, mit Wärme und mit einem leisen Sieg über das, was ihn früher lähmte. 25. Mai – Später Morgen des zehnten Tages: Ein Moment der Unachtsamkeit und ungewohnte Stille Die Sonne stand inzwischen höher über Mainz, als Lukas zum zweiten Mal an diesem besonderen Tag die Augen öffnete. Er war nach dem frühen Geburtstagsmorgen mit seiner Mutter und Haaland – nach Tasse, Kuchen und dem überwältigenden Geschenk – wieder ins Bett gegangen, erschöpft, aber zufrieden. Ein kurzer, ruhiger Vormittagsschlaf hatte ihm gut getan. Doch als er jetzt auf die Uhr sah, wurde ihm plötzlich mulmig: 10:48 Uhr. „Verdammt… ich hab meine Medikamente vergessen.“ Lukas richtete sich auf, fuhr sich durch die Haare. Er wusste genau, was das bedeutete: Seine Epilepsie-Medikamente mussten regelmäßig eingenommen werden, idealerweise immer zur gleichen Uhrzeit – jeden Tag. Zu große Abweichungen konnten das Risiko erhöhen, dass die Wirkung schwächer wurde oder ein Anfall ausgelöst werden konnte. Er war bereits über eine Stunde zu spät.

10:51 Uhr – Kein Tadel, keine Bemerkung Er stand auf, schlurfte verschlafen in die Küche. Die Tablettenschachtel lag ordentlich an ihrem Platz. Daneben ein Glas Wasser, das die Mutter offenbar noch vom frühen Morgen bereitgestellt hatte. Sie war gerade beim Einkaufen mit Haaland – das wusste er. Nur der Vater war noch da – auf der Couch, wie so oft. Er saß dort, rauchend mit seiner E-Zigarette, das Handy in der Hand, den Blick auf den Bildschirm gerichtet. Lukas trat leise an ihm vorbei, griff zur Tablettenschachtel, holte sich eine Tablette heraus, füllte Wasser ins Glas – alles in gewohnter, stiller Routine. Er wartete auf eine Reaktion. Vielleicht eine Bemerkung. Vielleicht ein genervtes „Schon wieder zu spät.“ Vielleicht sogar ein halbherziges „Hast du dran gedacht?“ Doch: Nichts. Der Vater sagte kein Wort. Sah nicht einmal hoch. Tat, als wäre Lukas nicht da. 10:56 Uhr – Zurück ins Bett, aber nicht wie früher Lukas nahm die Tablette, trank in kleinen Schlucken nach – dann stellte er das Glas ab, sah noch einmal kurz zu seinem Vater. Ein Teil in ihm war erleichtert: Keine Vorwürfe. Kein Streit. Kein Druck. Ein anderer Teil war irritiert: „Selbst wenn ich einen Fehler mache… bin ich ihm einfach egal?“ Doch dieses Mal blieb er ruhig. Kein Grübeln. Kein Suchen nach Erklärung. Er ging zurück in sein Zimmer, legte sich ins Bett, schloss die Augen. 11:00 Uhr – Gedanken beim Einschlafen Er spürte, wie die Tablette langsam wirkte – nicht körperlich spürbar, aber innerlich gab sie ihm Sicherheit. Die medizinische Ordnung, auf die er sich verlassen konnte. Und während er langsam wieder in den Halbschlaf glitt, dachte er: „Ich hab sie genommen. Ich hab’s geregelt. Ob er hinsieht oder nicht – ich bin da. Für mich.“ Und mit diesem leisen, aber selbstbewussten Gefühl drehte sich Lukas zur Seite, zog die Decke über sich – und schlief mit einem Herz, das langsam lernte, sich selbst genug zu sein. 25. Mai – Mittag des zehnten Tages: Ein stiller Glückwunsch, eine laute Ignoranz und ein besonderer Ausflug nach Frankfurt Die Sonne stand hoch am Himmel, als Lukas gegen 12:05 Uhr endgültig aufstand. Er war nach seiner verspäteten Medikamenteneinnahme am Morgen wieder eingeschlafen, hatte sich aber inzwischen einigermaßen regeneriert. Heute war sein Geburtstag, doch das flaue Gefühl im Bauch – wegen der ungeklärten Stille seines Vaters – war geblieben. Er duschte sich, zog sich an – ein schlichtes Mainz 05-Shirt, eine bequeme schwarze Jogginghose, seinen Rucksack mit Ladegerät, Powerbank, Wasserflasche und – natürlich – dem vollgeladenen Smartphone, denn: Heute ging es nach Frankfurt zum lang erwarteten Pokémon Go-Event. Doch bevor er ging, nahm er sich ein Herz. Er trat leise ins Wohnzimmer, wo sein Vater auf der Couch saß, wie immer das Handy in der Hand, E-Zigarette auf dem Tisch. Lukas stellte sich kurz vor ihn, räusperte sich. „Papa… alles Gute zum Geburtstag.“ Der Vater hob nicht einmal den Blick. Kein Nicken, kein „Danke“, kein Lächeln. Nicht einmal ein Wort.

Dann schob er nur kurz seine Zigarette zur Seite, tippte weiter auf dem Handy – als wäre Lukas Luft. Lukas stand ein paar Sekunden regungslos da, schluckte hart, drehte sich dann um. Kein Drama. Kein Kommentar. Er hatte mit nichts gerechnet. Und dennoch… es hatte wehgetan. 12:30 Uhr – Vorbereitung auf Frankfurt Die Mutter trat gerade aus dem Schlafzimmer, die Haare frisch gekämmt, die Jacke über dem Arm. Haaland stand schon im Flur, trug eine schlichte Baseballkappe und hatte seinen Rucksack schon übergezogen. „Alles bereit?“, fragte sie in die Runde. „Klar“, sagte Lukas, während er sich die Schuhe band. „Ich hab alles dabei: Pokébälle, Powerbank, Sonnencreme – und Haaland.“ „Sehr gut“, lachte die Mutter. „Und ich hab ein kleines Picknick vorbereitet für den Park. Frankfurt wird voll, also sucht euch was Ruhiges.“ Der Vater kam langsam aus dem Wohnzimmer, jetzt mit Jacke und einem Umschlag in der Hand – darin offenbar ein Zugticket. Wortlos stellte er sich an die Garderobe, nahm seine Tasche und rückte die Mütze zurecht. „Wir treffen uns am Bahnsteig“, sagte er in den Raum hinein. Kein Blick zu Lukas. Kein Hinweis darauf, dass heute sein Geburtstag war. 13:05 Uhr – Aufbruch zum Hauptbahnhof Die Familie machte sich gemeinsam auf den Weg zum Mainzer Hauptbahnhof. Lukas sprach unterwegs viel mit seiner Mutter, Haaland blieb dicht bei ihm, fragte, ob er für das Event auf ein bestimmtes Shiny hoffe. „Ich will mir heute nichts versauen lassen“, sagte Lukas. „Nicht mal von einem Vater, der sein Herz vergessen hat.“ Haaland antwortete ruhig: „Dann fangen wir heute nur Pokémon, die leuchten – damit du dich erinnerst, dass du’s auch tust.“ Lukas lächelte. Und so stiegen sie in den Zug nach Frankfurt – drei Menschen mit Vorfreude im Gepäck und einer, der zu viel mit sich selbst trug, um etwas anderes zu sehen. Doch Lukas hatte heute für sich selbst gewonnen. Denn obwohl ihm der eigene Vater den Rücken gekehrt hatte, hatte er sich selbst nicht den Tag nehmen lassen. 25. Mai – Nachmittag des zehnten Tages: Gigadynamax-Machomei und ein unvergessliches Abenteuer in Frankfurt Nach dem stillen Morgen und dem emotionalen Aufbruch nach Frankfurt erreichte Lukas gemeinsam mit Haaland, seiner Mutter und seinem Vater gegen 13:45 Uhr den Hauptbahnhof der Mainmetropole. Die Stadt war belebt, und die Vorfreude auf das bevorstehende Pokémon GO-Event lag spürbar in der Luft. 14:00 Uhr – Das Event beginnt Pünktlich um 14:00 Uhr startete das Gigadynamax-Machomei Max-Kampf-Event. Überall in Frankfurt erschienen sogenannte Kraftquellen, an denen Trainer sich versammelten, um gemeinsam gegen das mächtige Gigadynamax-Machomei anzutreten. Diese speziellen Raids erforderten die Zusammenarbeit von bis zu 40 Trainern, um erfolgreich zu sein.(Pokémon GO, Epic Dope)

Lukas und Haaland schlossen sich einer Gruppe von Trainern an, die sich in der Nähe des Palmengartens versammelt hatten. Mit ihren vorbereiteten Teams, bestehend aus starken Pokémon wie Metagross, Moltres und Gigadynamax-Gengar, stellten sie sich der Herausforderung.(Pokémon GO, Pokémon GO Hub) 14:30 Uhr – Der erste Sieg Nach einem intensiven Kampf gelang es der Gruppe, das erste Gigadynamax-Machomei zu besiegen. Die Belohnungen waren großzügig: 25.000 EP, 30 Machollo-Bonbons und die Chance, ein schillerndes Machomei zu fangen. Lukas hatte Glück und konnte tatsächlich ein Shiny Machomei seinem Pokédex hinzufügen.(Pokémon GO Hub) 15:00 Uhr – Weitere Kämpfe und Teamarbeit In den folgenden Stunden nahmen Lukas und Haaland an mehreren weiteren Raids teil. Sie koordinierten sich mit anderen Trainern, tauschten Strategien aus und unterstützten sich gegenseitig. Die Atmosphäre war freundschaftlich und gemeinschaftlich – ein echtes Highlight für Lukas, der sich an diesem Tag besonders verbunden fühlte.(GIGA) 17:00 Uhr – Abschluss des Events Mit dem Ende des Events um 17:00 Uhr machten sich Lukas, Haaland und seine Mutter auf den Weg zurück zum Bahnhof. Der Vater war bereits vorausgegangen, ohne ein Wort zu verlieren. Trotz der anhaltenden Distanz zu seinem Vater fühlte sich Lukas erfüllt und glücklich über die Erlebnisse des Tages. Der Nachmittag in Frankfurt war für Lukas mehr als nur ein Spiel – es war ein Moment des Zusammenhalts, der Freude und des persönlichen Wachstums. Ein Geburtstag, den er so schnell nicht vergessen würde. 25. Mai – Abend des zehnten Tages: Ein Essen in Frankfurt, ein Glas in der Luft und ein Blick, der fehlt Nach einem intensiven, lebendigen Nachmittag voller Pokémon-Raids, Teamgeist und kleinen Erfolgen beim Gigadynamax-Machomei-Event waren Lukas, Haaland, seine Mutter und – ja, auch der Vater – am frühen Abend noch in Frankfurt geblieben. Die Sonne senkte sich langsam hinter die Dächer der Stadt, das Licht wurde weicher, und die Stimmung auf den Straßen war entspannt. Lukas hatte über zwanzig Pokémon gefangen, darunter ein schillerndes Machomei, und war mit seinem Tag rundum zufrieden. Trotzdem lag etwas Unausgesprochenes in der Luft – etwas, das sich nicht durch Punkte, Items oder Raids ausgleichen ließ. 18:40 Uhr – Ein Tisch am Mainufer Die Familie hatte sich gemeinsam mit Haaland in ein ruhiges kleines Restaurant am Mainufer gesetzt. Der Blick aufs Wasser war schön, das Licht warm, die Bedienung freundlich. Lukas’ Mutter hatte den Tisch ausgesucht, weil sie wusste, wie sehr Lukas solche Ausblicke mochte. „Ich nehm den Flammkuchen mit Ziegenkäse“, sagte sie fröhlich. Lukas bestellte ein Schnitzel mit Bratkartoffeln, Haaland entschied sich für einen vegetarischen Burger, der Vater – wie so oft – brummte nur ein „Schnitzel, einfach“ in die Karte, ohne aufzublicken. Die Getränke kamen schnell: ein Glas Apfelschorle für Lukas, ein Bier für Haaland, ein trockener Weißwein für die Mutter – und ein Pils für den Vater. 18:55 Uhr – Der Geburtstags-Angstoß Als das Essen serviert war, hob die Mutter „Auf deinen Geburtstag, mein Schatz“, sagte sie sanft und lächelte.

Lukas hob sein Glas, leicht verlegen. Haaland lächelte breit, stieß mit ihm an. „Auf dich, du leuchtender Trainer.“ Und dann – ein Moment der Stille. Der Vater, der sein Bier bereits in der Hand hatte, hob es mechanisch ein paar Zentimeter an. Er stieß leicht gegen Lukas’ Glas – ohne ein Wort, ohne ihn anzusehen, ohne zu sagen, warum. Ein Klirren, ein Hauch Bewegung – aber kein Blick. Seine Augen blieben starr auf den Fluss gerichtet, als ob er nicht mit am Tisch säße, sondern in einer anderen Welt. Er setzte das Glas an, trank einen Schluck – und schwieg. 19:15 Uhr – Worte zwischen den Zeilen Das Essen verlief ruhig. Lukas sprach mit seiner Mutter über das Event, zeigte ihr seine Fangstatistik. Haaland erzählte beiläufig von einem Spieler, der in Dortmund einen ähnlichen Raid-Tag organisiert hatte. Der Vater aß still, blickte kaum auf, schnitt sein Schnitzel in gleichmäßige Stücke, als ginge es nur ums mechanische Abarbeiten. Doch Lukas spürte: Auch wenn kein Wort kam – die Geste, so flüchtig sie auch war, war nicht nichts. „Er hat mit mir angestoßen“, dachte Lukas irgendwann leise. „Nicht warm. Nicht liebevoll. Aber… er hat’s nicht ganz verweigert.“ Er sagte nichts. Fragte nichts. Aber tief in sich spürte er: Der Knoten ist nicht geplatzt. Aber er ist auch nicht fester geworden. 19:45 Uhr – Aufbruch in der Dämmerung Als sie das Restaurant verließen, wurde es langsam dunkel. Lukas steckte die Hände in die Jackentasche, lief dicht neben Haaland. Seine Mutter ging etwas voraus, unterhielt sich mit dem Kellner, der ihnen ein Taxi rufen wollte. Der Vater ging ein Stück hinter ihnen. Nicht neben ihnen – aber auch nicht weg. Und als sie alle im Taxi saßen, das sie zurück zum Bahnhof bringen sollte, saß Lukas still auf der Rückbank und dachte: „Heute war mein Geburtstag. Und obwohl er es nicht gesagt hat, hat er mit mir das Glas erhoben. Vielleicht ist das der Anfang von etwas. Oder das Ende von einer Erwartung, die ich loslassen muss.“ Dann sah er aus dem Fenster, wo die Lichter von Frankfurt vorbeizogen – und lehnte sich an Haalands Schulter. Still. Zufrieden. Und bereit, den Tag genau so in Erinnerung zu behalten. 25. Mai – Später Abend des zehnten Tages: Rückfahrt, Überraschung im Restaurant und ein stiller Schluss Die Rückfahrt nach Mainz verlief in ruhiger Stimmung. Im ICE saßen Lukas, seine Mutter, Haaland und sein Vater nebeneinander in einer Vierergruppe. Der Tag war lang gewesen – voller Bewegung, Begegnungen, Sonne und Bildschirmlicht von unzähligen PokémonKämpfen. Lukas’ Beine fühlten sich müde an, aber sein Herz war ruhig. Nicht glücklich im übertriebenen Sinne – aber dankbar. Der Zug rauschte durch die Nacht, während er gedankenverloren auf die Lichter draußen schaute. Haaland spielte mit seinem Schlüsselanhänger, die Mutter blätterte durch Prospekte vom Mainzer Wochenmarkt. Der Vater – wie erwartet – hatte Kopfhörer in den Ohren und starrte ausdruckslos auf sein Handy.

22:08 Uhr – Ankunft in Mainz und spontane Einladung Am Mainzer Hauptbahnhof angekommen, streckten sie sich kurz. Haaland war der Erste, der sagte: „Ich bin noch nicht ganz bereit für’s Bett. Gehen wir noch auf ein Getränk irgendwohin?“ Die Mutter nickte. „Ich kenne da noch das kleine Lokal am Bahnhofsvorplatz – die Betreiber haben mir vor Wochen gesagt, dass ich dich mal mitbringen soll, Lukas. Heute ist der perfekte Tag.“ Lukas zuckte überrascht mit den Schultern. „Warum nicht – ein Getränk geht noch.“ Der Vater sagte nichts – aber folgte wortlos. 22:30 Uhr – Ein Lied für Lukas Das kleine Restaurant war warm, fast familiär. Eine Mischung aus Kneipe und Bistro. Die Wirtin – eine ältere Dame mit silbernem Dutt – erkannte Lukas sofort. „Ah! Der Geburtstagsjunge!“ rief sie. „Du hast’s geschafft, heute herzukommen – und dann noch mit so viel Charme!“ Sie zwinkerte, bedeutete ihnen, sich zu setzen. Getränke wurden serviert – Bier für Lukas und Haaland, Weißweinschorle für die Mutter. Der Vater bekam ebenfalls ein Bier, sagte aber nichts. Und dann – kaum hatten sie angestoßen – geschah das Unerwartete: Die Lichter dimmten sich leicht. Ein kleines Windspiel erklang aus der Lautsprecherbox. Und dann stimmten alle Gäste des Lokals, angeleitet von der Wirtin, plötzlich ein: „Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag lieber Lukas, zum Geburtstag viel Glück!“ Lukas’ Gesicht wurde erst blass, dann rot. Er wusste nicht, wohin mit sich. Er lachte. Er versteckte sich kurz hinter seinem Glas. Haaland klopfte ihm auf den Rücken. Die Mutter klatschte stolz mit. Nur der Vater… Er blieb still. Starr. Die Stirn leicht gerunzelt, den Blick auf den Bierdeckel vor sich geheftet. Keine Mimik. Kein Applaus. Kein Lächeln. Lukas sah es. Natürlich. Aber er ließ es diesmal nicht mehr in sich einsinken. Er blickte zu Haaland – der ihm zunickte, als ob er sagen wollte: „Du bist mehr als seine Reaktion.“ 23:15 Uhr – Ein letzter Schluck Lukas leerte sein Bier, setzte das Glas ruhig ab. Er fühlte sich voll. Nicht wegen des Biers – sondern wegen dieses Tages. Pokémon-Raids, Freundschaft, eine Tasse, ein Geschenk, Menschen, die ihn feierten. Und Menschen, die ihn nicht sehen konnten – selbst wenn er direkt vor ihnen stand. „Ich geh heim“, sagte er. Haaland erhob sich ebenfalls. Die Mutter verabschiedete sich herzlich von der Wirtin. Der Vater stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und ging voraus in die Nacht. 23:50 Uhr – Tee zum Einschlafen

Zuhause angekommen, zog Lukas sich leise um, betrat die Küche. Er nahm zwei Tassen, setzte Wasser auf und holte den Tee, den er sich vor Monaten speziell für ruhige Nächte besorgt hatte – Lavendel, Kamille, Zitronenmelisse. „Heute schlaf ich mit warmem Bauch und klarem Kopf“, murmelte er. Er reichte Haaland im Wohnzimmer die dampfende Tasse. „Danke für alles heute“, sagte Lukas. „Ich war gern dabei“, antwortete Haaland. Und so ging dieser Geburtstag zu Ende. Mit einem Lied, das ihn traf. Mit einem Vater, der stumm blieb. Und mit einem Tee, der ihn daran erinnerte, dass es die Wärme war, die er behalten wollte. Nicht den Blick, der auswich. Sondern den Moment, in dem alle anderen hinsahen – und bei ihm waren. 26. Mai – Nachmittag des elften Tages: Spiel, Spaß und ein Moment der Leichtigkeit Es war ein sonniger Sonntagmittag in Mainz, und nach dem langen Geburtstagstag mit all seinen Höhen, stillen Momenten und dem einen oder anderen emotionalen Schatten, war der heutige Tag ein willkommener Kontrast: ruhig, entspannt, fast schon normal. Lukas hatte lange geschlafen. Kein Wecker, keine Termine. Nur die Geräusche eines Sommertags, die durchs offene Fenster in sein Zimmer wehten: Vogelgezwitscher, gelegentliches Kinderlachen vom Hof, das entfernte Klingeln eines Eismanns. Es war genau die Art von Tag, die sich nach Pause anfühlte. 14:20 Uhr – Konsole an, Welt aus Haaland saß schon im Wohnzimmer, als Lukas mit zerzausten Haaren und frischem Kirschsaft in der Hand auftauchte. Die PlayStation lief bereits, das FIFA-Menü war geöffnet, zwei Controller lagen bereit. „Bereit für die Revanche?“ fragte Haaland grinsend. Lukas setzte sich aufs Sofa, streckte sich, dann nahm er den zweiten Controller. „Heute schieß ich dich aus dem Stadion. Ich fühl mich… wach.“ „Große Worte für jemanden, der gestern bei seinem Bier fast im Restaurant eingeschlafen ist.“ „War ein harter Tag. Heute ist nur: Spieltag.“ 14:30 Uhr – Anpfiff: Mainz gegen die Welt Lukas wählte wie immer seinen Herzensverein: Mainz 05. Haaland entschied sich diesmal für Paris Saint-Germain – mit Mbappé, Hakimi, Vitinha und all den anderen Stars. Der Unterschied auf dem Papier war gewaltig, doch das war Lukas egal. „Ich spiel mit Herz – du mit Geld“, sagte er. „Na, dann zeig mal, ob dein Herz verteidigen kann“, konterte Haaland. Das Spiel begann – und war sofort intensiv. Lukas spielte konzentriert, seine Pässe kamen gut, und in der 13. Minute schob Burkardt nach einem schnellen Konter zum 1:0 ein. „TOOOOOR!“ brüllte Lukas. „WAS?!“ Haaland sah ihn fassungslos an. „Der war abseits!“ „Kein VAR hier! Das zählt!“ 15:00 Uhr – Ausgleich, Emotionen, Euphorie Haaland schlug zurück – in der 34. Minute schoss Mbappé das 1:1. Das Spiel wogte hin und her, beide waren voll im Tunnel. Man hörte nur das Klicken der Controller, kurze Kommentare wie: „Zu früh!“ – „Der war drin!“ – „Foul?! Niemals!“

In der 76. Minute ging Lukas erneut in Führung: ein Gewaltschuss von Barreiro unter die Latte. 2:1 für Mainz. 15:15 Uhr – Nachspielzeit und ein Fairplay-Moment Kurz vor Schluss bekam Haaland einen Elfmeter zugesprochen – ein fragwürdiger Pfiff. Lukas sah ihn an. „Willst du ihn schießen?“ Haaland grinste. „Ich tret ihn… aber wenn du ihn hältst, geb ich dir mein nächstes SchokoCroissant.“ Schuss – gehalten! Lukas sprang auf. „ZENTNERRRRR!!!“ 15:20 Uhr – Abpfiff und ein stiller Sieg Das Spiel war aus. Lukas hatte gewonnen – gegen PSG, gegen Haaland, gegen seine eigene Unsicherheit. „Okay“, sagte Haaland und klatschte mit ihm ab. „Du hast heute verdient gewonnen. Ohne Ausrede.“ Lukas atmete tief durch, sah kurz zum Fenster hinaus. „Weißt du… manchmal denk ich, dass ich bei solchen Spielen nicht nur um Punkte spiel. Sondern um das Gefühl, dass ich was schaffe. Dass ich gewinnen kann – in irgendwas.“ Haaland nickte. „Du gewinnst. Jeden Tag. Heute nur zusätzlich mit einem Tor Vorsprung.“ Und so endete dieser Nachmittag nicht mit einem Pokal, sondern mit einem kleinen Moment des Stolzes – ganz still, ganz echt. Ein Nachmittag, der sich wie ein Sieg über das eigene Zweifeln anfühlte. 26. Mai – Später Nachmittag des elften Tages: Der Weg zur Firma – Hoffnung auf Rädern Nach dem intensiven FIFA-Spiel am frühen Nachmittag – dem kleinen, aber bedeutungsvollen Sieg über Haaland und seine eigenen Zweifel – hatte Lukas sich für eine Weile zurückgezogen. Er hatte geduscht, frische Kleidung angezogen – ein schlichtes schwarzes T-Shirt, bequeme Jeans, und über der Schulter seinen kleinen Rucksack, in dem sein Notizheft und eine Wasserflasche steckten. Es war inzwischen 16:45 Uhr, die Sonne schien noch warm auf die Dächer von Mainz, als Lukas mit Haaland zusammen die Straßenbahn Richtung Innenstadt nahm. Ziel: das Sanitätshaus, bei dem sie vor zwei Tagen den alten Rollstuhl zur Reparatur abgegeben hatten – den, den Lukas im Klinikbereich entdeckt hatte, den, den er selbst früher so dringend gebraucht hätte – und nie vergessen konnte. 17:05 Uhr – Ankunft am Sanitätshaus Das kleine Geschäft war gut beleuchtet, freundlich, mit einem leicht medizinischen Geruch in der Luft – Desinfektionsmittel, Gummi, geölte Metallteile. Am Empfang saß wieder derselbe ältere Herr mit grauem Bart, der sie damals schon freundlich empfangen hatte. Als Lukas die Tür öffnete, läutete die kleine Glocke über ihm, und der Mann sah auf. „Ah, der junge Mann mit dem Klassiker. Ich hab Sie schon erwartet.“ Lukas trat vor, sein Herz klopfte schneller. „Ist… er fertig?“ Der Mann stand auf, grinste. „Fertig, frisch geölt, gereinigt, Bremsen nachgezogen, Polster ausgetauscht – und sogar die Reifen haben wir erneuert. Kommen Sie mit.“

17:10 Uhr – Das Wiedersehen Im hinteren Teil der Werkstatt, zwischen Gehhilfen und Pflegebetten, stand er: Der Rollstuhl. Alt, aber jetzt wie neu. Schwarzes Gestell, stabil, die Sitzfläche sauber, die Räder mit neuer Spannung. Er sah schlicht aus – aber für Lukas war es ein Symbol seiner Geschichte. Der Mann drehte ihn einmal zu Lukas hin. „Testen Sie ruhig. Ist wieder voll einsatzbereit.“ Lukas setzte sich langsam hinein. Erst zögerlich – dann fester. Er rollte ein Stück, bremste, bog ab. Alles funktionierte. „Er fühlt sich… vertraut an. Besser sogar“, sagte er leise. „Danke, wirklich.“ 17:25 Uhr – Ein Moment draußen Haaland wartete draußen auf dem Bürgersteig. Als Lukas mit dem Rollstuhl aus dem Laden kam, schob er sich nicht schüchtern raus – er rollte bewusst. Geradeaus. Mit Blick. Mit Haltung. „Na, bereit für die Welt?“, fragte Haaland grinsend. Lukas nickte. „Noch nicht jeden Tag. Aber für die, an denen ich es brauche – ja. Ich bin bereit.“ 17:40 Uhr – Auf dem Heimweg Sie machten sich auf den Weg zurück. Lukas nutzte den Rollstuhl noch für ein paar hundert Meter, probierte Wendungen, kleine Unebenheiten, Bordsteinrampen. Nicht, weil er nicht gehen konnte – sondern weil er lernen wollte, wie es sich wieder anfühlt, Kontrolle zu haben, auch wenn der Körper mal schwächelt. „Ich dachte früher, der Rollstuhl macht mich zum Patienten“, sagte er unterwegs. „Aber heute hab ich gemerkt: Er macht mich zum Piloten.“ Haaland lachte leise. „Und ich bin dein Co-Pilot. Solang du willst.“ 17:55 Uhr – Zuhause Zuhause angekommen, schob Lukas den Rollstuhl selbst in den Flur. Er stellte ihn ordentlich ab, faltete ihn nicht zusammen. Er ließ ihn sichtbar. Denn es war kein Zeichen von Schwäche mehr. Sondern ein Zeichen von: „Ich hab’s geschafft. Ich bin vorbereitet. Ich lebe mit allem, was ich bin.“ Ein kleiner Schritt auf Rädern – aber ein großer für Lukas’ Selbstbild. 26. Mai – Abend des elften Tages: Pokémon, Geschwindigkeit und das Gefühl von Freiheit Die Sonne neigte sich langsam dem Horizont entgegen, als Lukas gegen 19:30 Uhr noch einmal seine Jacke überzog. Die warme Frühlingsluft war erfüllt vom Zwitschern der Vögel und dem Rascheln der Blätter in der leichten Abendbrise. Er fühlte sich lebendig – nicht überdreht, nicht nervös, sondern genau richtig. Sein Geburtstag lag hinter ihm, und der reparierte Rollstuhl stand im Flur, als stiller Begleiter und Symbol seiner eigenen Stärke. Haaland stand bereits an der Tür, die Pokémon GO-App auf dem Handy geöffnet. „Bereit für die Jagd?“ Lukas grinste. „Immer. Ich hab sogar meinen Rollstuhl dabei – diesmal auf dem Rücken.“ Er hatte sich heute zum ersten Mal entschieden, den zusammengefalteten Rollstuhl in einen speziellen Tragerucksack zu packen, den ihm das Sanitätshaus mitgegeben hatte. Nicht, weil

er ihn unbedingt brauchte – sondern, weil er ihn wollte. Aus Überzeugung. Als Sicherheitsnetz. Als Zeichen. 20:00 Uhr – Pokémon GO in der Dämmerung Sie liefen durch das abendliche Mainz, entlang des Rheinufers, durch kleine Parks und Plätze, auf denen die typischen blauen PokéStops aufleuchteten. Die App vibrierte unaufhörlich – überall erschienen Machollo, Glumanda, Tangela und sogar ein seltener Lapras. Lukas’ Blick war konzentriert, doch seine Laune gelöst. „Hier vorne ist eine Arena – lass uns da einnehmen“, schlug Haaland vor. „Aber nur, wenn du danach auch einen PokéStop drehst, bei dem du mir nicht schon wieder drei Beeren klaust“, konterte Lukas. Sie lachten, fingen, kämpften, tauschten. Für einen Moment war alles leicht. 21:10 Uhr – Der Berg Als sie langsam Richtung Heimat zurückgingen, schlug Lukas plötzlich einen Umweg vor. „Komm, wir gehen noch den steilen Weg hinter dem Gonsenheimer Wald hoch. Ich will… was ausprobieren.“ Haaland zögerte kurz, dann nickte er. „Klingt nach etwas, das du gleich nicht nur probieren willst.“ Und tatsächlich – als sie oben angekommen waren, holte Lukas den Rollstuhl aus dem Rucksack, klappte ihn auf und setzte sich hinein. „Ich weiß, ich kann laufen. Aber das hier… ist was anderes.“ Er atmete tief durch, rollte ein paar Meter vor – dann sah er Haaland an. „Bereit?“ „Ich war noch nie bereit für so was, aber ja.“ 21:20 Uhr – Der Rausch Lukas stieß sich ab. Erst langsam. Dann schneller. Der Berg fiel in einer langen, geschwungenen Kurve ab – asphaltiert, frei, übersichtlich. Der Wind strich ihm durchs Haar, sein Shirt flatterte, seine Hände hielten die Greifreifen fest, als würde er fliegen. Er lachte. Laut. Frei. Die Welt rauschte vorbei. Bäume zogen sich zu einem Tunnel aus Schatten zusammen, die Lichter der Laternen flackerten über ihn hinweg, und unter dem Geräusch der rollenden Reifen hörte er nur eines: Sein Herz, das pochte wie bei einem Kind, das zum ersten Mal alleine schaukelt. 21:25 Uhr – Unten angekommen Er bremste am Ende des Weges, langsam, kontrolliert. Der Stuhl kam sanft zum Stehen. Haaland kam laufend hinterher, leicht außer Atem, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Du bist wirklich gefahren… wie ein Profi.“ Lukas sah in den Himmel, der sich langsam in ein dunkles Blau färbte. „Ich hab mich… nicht eingeschränkt gefühlt. Nicht komisch. Ich hab mich frei gefühlt.“ 22:00 Uhr – Zurück nach Hause Als sie zurückkamen, schob Lukas den Rollstuhl wieder in den Flur, diesmal nicht zusammengefaltet. Er stellte ihn bewusst aufrecht hin, als würde er sagen: „Ich versteck dich nicht mehr.“ Dann ging er ins Bad, machte sich fertig für die Nacht – und stellte zwei Teetassen auf, wie immer: eine für sich, eine für Haaland.

Doch bevor er ins Bett stieg, flüsterte er im Dunkeln: „Heute bin ich nicht gelaufen. Und trotzdem bin ich weiter gekommen als an manchem Tag zu Fuß.“ Und mit einem Lächeln schlief er ein – im Wissen, dass es manchmal die Fahrt bergab ist, die einem das Gefühl gibt, endlich ganz oben angekommen zu sein. 26. Mai – Später Abend des elften Tages: Das bittere Ende eines Traums und ein Trost aus Fleischkäse Der Fernseher im Wohnzimmer flackerte. Draußen war es längst dunkel geworden, und die Stadt um sie herum schlief – doch im Wohnzimmer von Lukas war noch einmal höchste Spannung angesagt. Es war Relegations-Rückspielzeit. SV Elversberg gegen 1. FC Heidenheim. Das Spiel, auf das Lukas so lange hingefiebert hatte. Schon das Hinspiel hatte ihn emotional bewegt. Und jetzt war es soweit: Heute würde sich entscheiden, ob Elversberg den historischen Aufstieg in die Bundesliga schaffen würde – oder ob alles nur ein schöner, fast greifbarer Traum bleiben würde. Lukas saß zusammen mit Haaland und seiner Mutter auf dem Sofa. Haaland hatte Chips bereitgestellt, die Mutter hatte den Tee aufgesetzt. Der Vater? War wie so oft nicht im Raum. Kein Interesse. Kein Blick. Keine Teilnahme. 20:30 Uhr – Anpfiff und frühes Zittern Das Spiel begann – hektisch, nervös, beide Mannschaften tasteten sich vorsichtig heran. Doch schon in der 9. Minute dann der Schock: 0:1 für Heidenheim. Torschütze: Honsak, mit einem strammen Schuss aus 16 Metern nach einem schnellen Konter. Lukas schlug sich mit der Faust leicht gegen die Stirn. „Nicht jetzt… nicht so früh…“ Seine Mutter legte ihm beruhigend die Hand auf den Oberschenkel. „Sie haben Zeit. Noch ist nichts verloren.“ 31. Minute – Hoffnung flackert auf Und tatsächlich: Elversberg ließ sich nicht hängen. In der 31. Minute kam Fellhauer nach einem Freistoß per Kopf an den Ball – drin! 1:1! Lukas sprang auf, schrie auf. „JAAAAAA! DAS ist mein Elversberg!“ Haaland grinste. „Na bitte. Jetzt wird’s richtig spannend.“ Zweite Halbzeit – Kampf, Krampf, und Sekunden zählen Die zweite Halbzeit war ein echtes Relegationsduell. Chancen auf beiden Seiten, Fouls, Krämpfe, Diskussionen mit dem Schiedsrichter. Lukas stand kaum noch still – er saß, er kniete, er schlich durchs Zimmer. Seine Mutter beobachtete ihn mit einem leichten Lächeln, Haaland kommentierte trocken: „Du bist aufgeregter als die Ersatzbank.“ Doch dann – Nachspielzeit. Alles schien entschieden. Die Anzeige zeigte 90+4. Noch eine Minute. Und dann – der Albtraum. 90+5. Minute – Der Stoß ins Herz

Heidenheim bekam nochmal einen Eckball. Der Ball segelte in den Strafraum, Scienza kam frei zum Kopfball – und trifft. 1:2 für Heidenheim. Stille im Wohnzimmer. Lukas sackte auf das Sofa zurück. Sein Gesicht erstarrte. Die Mutter legte die Hand auf ihren Mund. Haaland flüsterte: „Das ist… bitter. Ganz bitter.“ Lukas sagte nichts. Seine Schultern waren gesenkt, seine Hände griffen ins Leere. 22:25 Uhr – Ein Fleischkäse gegen die Enttäuschung Nach dem Spiel stand Lukas schweigend auf. Ging in die Küche. Öffnete den Kühlschrank. Holte den restlichen Fleischkäse vom Einkaufstag, ein Brötchen, etwas Senf. Er schnitt sich eine dicke Scheibe ab, legte sie mit zitternden Fingern ins Brötchen, klappte es zu und setzte sich wieder an den Tisch. Er biss ab. Langsam. Kaute. Schluckte. Dann flüsterte er – fast mehr zu sich selbst als zu den anderen: „Manchmal… reicht kämpfen einfach nicht. Manchmal kriegst du am Ende trotzdem den Ball hinten rein.“ Haaland setzte sich dazu, reichte ihm ein Glas Wasser. Die Mutter sagte ruhig: „Aber du hast es ihnen gegönnt. Und das allein… macht dich größer als viele andere.“ Lukas nickte. „Ich hab verloren. Aber ich bin nicht klein.“ Er nahm noch einen Bissen von seinem Fleischkäsebrötchen. Und obwohl der Aufstieg nicht gekommen war – war dieser Abend für Lukas doch ein Schritt. Weg vom Wunsch, dass alles perfekt sein muss – hin zu dem, was zählt: Mit Herz dabei zu sein. Auch wenn's weh tut. 26. Mai – Später Abend des elften Tages: Worte, die fehlen – und die Frage, die bleiben muss Es war fast Mitternacht. Das Haus war dunkel, nur das kleine Nachtlicht im Flur warf einen warmen Schein auf den Boden. Lukas war schon bettfertig, der Schlaftee war getrunken, die Pokémon gefangen, das Relegationsdrama überstanden. Haaland lag auf der Matratze neben ihm, blätterte noch in einem Magazin, während Lukas sich auf die Seite drehte. Seine Gedanken kreisten, sein Körper war müde – aber sein Herz war noch wach. Er schluckte kurz, dann flüsterte er: „Haaland… darf ich dich was fragen? Ganz ehrlich?“ Der Spieler legte das Heft beiseite. „Immer.“ Die Frage, die schwer im Raum stand „Wie… findest du das eigentlich – mit meinem Vater? Dass er wieder nicht geredet hat. Nicht mit mir. Nicht mit Mama. Nicht beim dritten Treffen, nicht an Weihnachten beim vierten, nicht jetzt. Nicht mal zu meinem Geburtstag. Gar nichts. Nicht ein Wort.“

Es war still. Nicht die Art von Stille, die unangenehm war – sondern die, die zeigte: Hier hört gerade jemand wirklich zu. Lukas sprach weiter, leiser: „Ich mein… es ist nicht so, dass ich noch was erwartet hab. Aber irgendwie tut’s trotzdem jedes Mal weh. Es ist wie… wenn jemand an dir vorbeigeht, dich anschaut – und so tut, als wärst du Glas. Als wärst du da, aber unsichtbar.“ Die Antwort eines Freundes Haaland setzte sich langsam auf. Er sah Lukas nicht anklagend an. Nicht mitleidig. Nur ehrlich. „Ich find’s… traurig. Und falsch. Nicht weil man reden muss. Sondern weil man damit etwas zerstört, wenn man’s nicht tut. Dein Vater… hat viele Gelegenheiten gehabt. Und er hat sie nicht genutzt.“ Lukas sagte nichts. Haaland sprach weiter: „Weißt du, was ich glaube? Dass er eigentlich Angst hat. Nicht vor dir – sondern vor dem, was er in dir sieht. Ehrlichkeit. Gefühl. Verletzlichkeit. Alles, was er selbst nicht zeigen kann oder nie gelernt hat.“ Ein stiller Entschluss Lukas blickte zur Decke. „Aber was mach ich dann? Weiter hoffen? Oder einfach aufhören zu warten?“ Haaland schüttelte sanft den Kopf. „Du darfst enttäuscht sein. Aber du darfst dich auch entscheiden, nicht ewig zu warten. Nicht um ihn zu bestrafen – sondern um dich zu schützen.“ Lukas atmete tief durch. Dann, leise: „Ich wünsch mir manchmal, er würde nur ein einziges Mal sagen: ‚Ich seh dich.‘“ Haaland legte ihm eine Hand auf den Rücken. „Dann sag ich’s dir jetzt – auch wenn ich nicht dein Vater bin: Ich seh dich. Ich hör dich. Und ich bleib bei dir. Solange du willst.“ Und in dieser Nacht schlief Lukas endlich ein – nicht, weil alle Fragen beantwortet waren. Sondern weil er wusste, dass jemand da war, der ihn nicht verschwinden ließ. 27. Mai – Der zwölfte Tag: Spülung, Wechsel – und ein Moment der Selbstbehauptung Der Morgen begann früh. Die Sonne stand schon hoch über Mainz, als Lukas gegen 7:40 Uhr langsam die Augen öffnete. Es war der zwölfte Tag, und nach den vielen bewegten Momenten der letzten Tage – dem Geburtstag, dem Elversberg-Drama, den Gesprächen mit Haaland – war heute wieder ein ganz anderer Teil seines Alltags dran: Der Katheter-Wechsel.

Nicht aufregend. Nicht emotional. Aber dennoch bedeutend. Denn für Lukas war dieser Vorgang mehr als Routine – es war jedes Mal eine Erinnerung daran, dass sein Körper manchmal nicht mitspielt, dass er sich kümmern muss. Und dass er es kann. 08:15 Uhr – Vorbereitung Er bereitete alles ruhig und sorgfältig vor: • eine sterile Spüllösung • eine frische Block-Spritze • Handschuhe • Desinfektionsmittel • den neuen Einmalkatheter • einen leeren Beutel zum Auffangen • und ganz viel Ruhe. Haaland war noch im Nebenzimmer, ließ ihm bewusst den Raum. Die Mutter war mit dem Hund unterwegs. Lukas war allein – und bereit. Er setzte sich auf seinen Stuhl im Bad, legte die Unterlagen aus und desinfizierte sich sorgfältig die Hände. 08:25 Uhr – Die Blasenspülung Bevor er den Katheter wechselte, wollte Lukas wie immer die Blase nochmal ordentlich durchspülen. Die letzten Tage waren emotional gewesen, das Trinken kam manchmal zu kurz. Er wollte kein Risiko eingehen. Er verband die Spüllösung mit dem Katheter, öffnete langsam das Ventil. Das kühle Gefühl breitete sich leicht in seinem Unterleib aus – ungewohnt, aber nicht schmerzhaft. Er kannte das inzwischen. Nach einer kurzen Haltephase öffnete er den Ablauf. Die Lösung lief sauber ab – mit wenigen Trübstoffen. Lukas atmete auf. „Alles gut. Kein Brennen. Keine Rückstände. Sauber.“ 08:35 Uhr – Der Wechsel Jetzt kam der nächste Schritt: Katheter raus, neuer rein. Lukas atmete tief ein, zog mit kontrollierter Bewegung den alten Katheter aus der Harnröhre. Kurz darauf desinfizierte er die Stelle erneut, nahm den frischen Katheter aus der Verpackung, trug Gleitmittel auf und setzte ihn vorsichtig an. Mit ruhiger Hand führte er ihn ein. Ein leises Plopp, ein Tropfen Urin im Beutel – es funktionierte. Er befestigte ihn, schloss den Beutel, entsorgte das alte Material. 08:50 Uhr – Der Blick in den Spiegel Als er fertig war, stand Lukas auf, ging langsam zum Spiegel über dem Waschbecken und sah sich an. Da stand nicht der schwache Junge, der sich früher vor jedem Arztbesuch gefürchtet hatte. Da stand jemand, der gelernt hatte, sich um sich selbst zu kümmern. Mit Technik. Mit Geduld. Mit Würde. Und leise, nur für sich selbst, sagte Lukas: „Du bist stärker, als er denkt. Und du bist mehr, als er sieht.“ Dann verließ er das Bad, fühlte sich ruhig, klar – bereit für den Tag.

Denn heute hatte er nicht nur den Katheter gewechselt. Er hatte sich selbst wieder einmal bewiesen, dass Kontrolle nicht bedeutet, perfekt zu sein – sondern für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. 27. Mai – Vormittag des zwölften Tages: Die unerwartete Frage Es war kurz nach 10:30 Uhr, als der junge Mann, Lukas, von einem plötzlichen Geräusch geweckt wurde: Ein Kratzen an der Tür, ein leises Klick der Türklinke, dann das bekannte, schwer erkennbare Räuspern seines Vaters. Lukas lag noch im Bett. Der Katheterwechsel am Morgen hatte ihn geschlaucht – nicht körperlich, aber mental. Es war ein gutes Gefühl gewesen, es wieder geschafft zu haben. Ein stiller Sieg. Jetzt aber fühlte sich alles plötzlich unruhig an. Sein Vater trat halb in das Zimmer, blieb in der Tür stehen, wie jemand, der nicht wusste, ob er willkommen war. „Lukas…? Bist du wach?“ Lukas blinzelte. „Mhm... ja.“ Es war einen Moment lang still. Dann kam eine Frage, die ihn im Halbschlaf mitten ins Herz traf. „Sag mal… warum hast du eigentlich Angst vor mir?“ Lukas richtete sich leicht auf, setzte sich aber nicht ganz auf. Seine Stirn legte sich in Falten, sein Herz schlug schneller. Der Vater redete weiter, etwas unruhig: „Ich hab gestern alles gemacht, weil ich wirklich dachte, deiner Mutter ist was passiert. Das mit dem Bügelbrett... Ich hab Angst gehabt, sie hat sich verletzt, okay? Ich war einfach… überfordert.“ Er stand da, unruhig, suchte eine Reaktion. Lukas wusste, dass dies eine seltene Gelegenheit war – eine Tür, die ganz kurz aufstand. Aber er war müde. Nicht nur körperlich, sondern emotional. Müde vom Warten auf Gespräche, die nie kamen. Müde von Entschuldigungen, die immer mit Rechtfertigungen begannen und nie mit echter Reue endeten. Eine Schutzantwort Also sagte Lukas – ruhig, aber nicht ehrlich: „Ist okay. Ich hab gestern nur... viel im Kopf gehabt. Ich wollte einfach meine Ruhe haben. Deswegen war ich still.“ Der Vater nickte, ein bisschen zu schnell. Als hätte er gehofft, dass genau so eine Antwort kommt. „Na gut. Dann schlaf noch’n bisschen. Ich geh gleich raus.“ Er schloss die Tür. Zurück in die Stille Lukas legte sich wieder hin, drehte sich zur Wand. Er hatte nicht gelogen. Er wollte seine Ruhe. Aber er hatte auch nicht die Wahrheit gesagt. Denn die Wahrheit wäre gewesen: „Ich hab keine Angst vor dir, weil du laut bist. Ich hab Angst vor dir, weil du nichts sagst. Weil du mich nicht siehst.

Und weil du nur sprichst, wenn du dich selbst erklären willst – aber nie, wenn es um mich geht.“ Doch er sagte es nicht. Nicht heute. Stattdessen zog er die Decke ein Stück höher, atmete tief durch, und ließ sich wieder in den Schlaf fallen. Denn manchmal ist Schweigen kein Aufgeben, sondern eine letzte Form von Selbstschutz. 27. Mai – Später Vormittag: Der Weg zur Assistentin – Fragen, Erinnerungen und ein dunkler Blick Es war fast 11:30 Uhr, als Lukas sich mit Haaland auf den Weg zu seiner neuen Assistentin machte. Der Himmel über Mainz war hell, die Luft angenehm – doch in Lukas’ Brust rumorte es noch immer. Die Begegnung mit seinem Vater am Morgen hatte etwas aufgerissen, das er eigentlich ruhen lassen wollte. Und auch wenn der Vater jetzt außer Haus war, blieb das Gefühl unangenehm klebrig in seinem Bauch zurück. Während sie langsam durch die Straßen liefen – Haaland neben ihm, wie ein ruhiger, schützender Begleiter – sprach Lukas endlich das aus, was ihn drückte: „Sag mal… wie hast du das eigentlich gefunden? Am Samstag... als mein Vater nicht für mich zum Geburtstag gesungen hat?“ Haaland blickte überrascht zu ihm, sagte aber noch nichts. Lukas redete weiter: „Er hat gesagt, er war nur sauer, weil er dachte, Mama hat sich verletzt. Aber warum hat er mich dann so böse angekuckt? Ich hab doch gar nichts gemacht. Und… warum ist er überhaupt sauer geworden, wenn Mama gesagt hat, dass alles okay ist?“ Er drehte den Kopf zu Haaland, wirkte unsicher. „Findest du das richtig… so auf jemanden sauer zu sein, obwohl der andere nur gesagt hat, dass er sich nicht verletzt hat? Und findest du’s okay, mich dann einfach so zu ignorieren – und zu tun, als wär ich nicht da?“ Haalands Antwort Haaland ging einen Moment schweigend weiter. Dann sagte er ruhig: „Lukas… ich glaube nicht, dass es an dir lag. Dein Vater trägt viel in sich herum. Viel, was er nicht sortieren kann. Und manchmal... suchen Menschen sich den Falschen aus, an dem sie das ablassen. Du hast nichts falsch gemacht. Aber er hat's auch nicht richtig gemacht.“ Er legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Du verdienst jemanden, der dich sieht – nicht nur, wenn du laut bist. Sondern gerade dann, wenn du still wirst.“ Lukas nickte, schluckte, und fühlte, wie die Worte langsam in ihm nachklangen. Auf dem Weg zur Assistentin – Der Friedhof Sie bogen gerade in eine Seitenstraße ein, nah beim alten Friedhof von Mainz, als Lukas kurz inne hielt. „Warte mal... das ist doch der Weg, wo wir... weißt du noch?“ Haaland lächelte schräg. „Der Brunnen, der übergelaufen ist. Und die Frau, die uns gefilmt hat…“ Plötzlich erstarrte Lukas. Denn sie war wieder da. Die Frau.

Sie stand einige Meter weiter vorne, am Rand eines Grabsteins, scheinbar in Gedanken. Doch als Lukas und Haaland an ihr vorbeigingen, hob sie langsam den Kopf. Ihr Blick war kalt. Nicht überrascht. Nicht verlegen. Sondern fast… absichtlich ruhig. Berechnend. Ein kurzer Moment – vielleicht drei Sekunden – in dem sich ihre Augen trafen. Dann wandte sie sich ab. Lukas und Haaland gingen weiter, doch das Gefühl blieb: „Das war kein Zufall.“ Was die beiden nicht wussten: Die Frau hatte nie vergessen, wie sie sich damals beobachtet gefühlt hatte. Wie sie im Mittelpunkt eines Missverständnisses stand, wie sie gefilmt und dann ignoriert wurde. Und tief in sich drin hatte sie sich geschworen: „Die beiden… kriegen ihr Echo.“ Sie hatte Zeit. Sie hatte Geduld. Und sie beobachtete. 27. Mai – 14:00 Uhr: Das Gespräch mit der Assistentin – Zwischen Bestätigung und Herausforderung Punkt 14:00 Uhr standen Lukas und Haaland vor der bekannten weißen Tür im dritten Stock des Sozialzentrums. Die Sonne brannte leicht durch die milchigen Fenster, und der Duft von Kaffee zog durch den Flur – eine Mischung aus Alltag und Anspannung lag in der Luft. Lukas atmete tief durch, bevor er klopfte. Klopf, klopf. „Herein!“, rief eine freundliche Stimme – es war Frau Kessler, seine neue Assistentin. Sie hatte ein freundliches Gesicht, lockiges Haar, das heute zu einem lockeren Knoten gebunden war, und einen klaren, bestimmten Blick. „Lukas, schön, dass du da bist. Hallo Haaland.“ Sie deutete auf die Sitzecke mit dem kleinen runden Tisch. Dort lagen bereits einige Dokumente und ein gelber Block mit Notizen. Das Gespräch beginnt Nach einem kurzen Einstieg, in dem sie über das Wetter, den Weg hierher und den allgemeinen Stand der Dinge sprachen, wurde es ernst. „Lukas, heute schauen wir gemeinsam auf deinen Teilhabeplan. Was lief bisher gut, was braucht noch Arbeit – und was müssen wir vielleicht komplett neu denken.“ Sie legte den Bericht auf den Tisch – acht Seiten stark, viele Markierungen in grün, gelb, orange und rot. „Ich fasse dir das mal zusammen: Rund 70 Prozent deiner aktuellen Maßnahmen und Ziele entwickeln sich gut. Nicht perfekt – aber im erwarteten Rahmen.“ Lukas nickte langsam. „Aber…?“, fragte er vorsichtig. Frau Kessler runzelte die Stirn. „Aber 30 Prozent brauchen eine deutliche Überarbeitung. Ein paar davon nur mit kleinen Anpassungen – mehr Klarheit, bessere Struktur. Aber einige Punkte… da müssen wir richtig ran.“

Was gut läuft Zuerst sprach sie die Punkte an, die stabil liefen: • Alltagsstrukturierung: Die Morgenroutinen, die Erinnerungshilfen für Medikamente – das funktionierte inzwischen ziemlich verlässlich. • Kommunikation mit Behörden: Mit Hilfe und Vorbereitungen konnte Lukas zunehmend eigenständiger E-Mails schreiben und Termine koordinieren. • Selbstfürsorge bei medizinischen Themen: Besonders der Umgang mit dem Katheter hatte sich deutlich verbessert. „Das sind große Schritte, Lukas. Darauf kannst du stolz sein.“ Was schwierig ist Dann ging sie zu den Bereichen über, die noch mehr Arbeit benötigen: • Emotionales Selbstmanagement: In Konfliktsituationen – vor allem mit dem Vater – fielen Lukas oft alte Reaktionsmuster zurück: Rückzug, Wut, Angst. „Hier brauchen wir dringend neue Werkzeuge, Lukas. Und auch mehr Übung im sicheren Ausdrücken deiner Gefühle.“ • Berufliche Perspektive und Langzeitziele: Der Kurs bei der VHS war ein Erfolg – aber es fehlte noch eine klare nächste Perspektive. „Hier müssen wir eine Strategie finden, die dich langfristig nicht überfordert, aber trotzdem fordert.“ • Soziale Kontakte außerhalb vertrauter Kreise: Kontakte zu Menschen außerhalb der Familie oder enger Freunde seien selten. „Da würde ich gerne mit dir gemeinsam neue Möglichkeiten finden – Gruppen, Interessen, vielleicht Sport oder kreative Kurse.“ Was komplett neu gedacht werden muss Und dann legte sie den Finger auf die roten Punkte: „Die Themen Selbstwertgefühl im familiären Kontext – vor allem rund um deinen Vater – müssen wir nochmal komplett neu angehen. Da helfen Standardstrategien nicht. Wir brauchen hier etwas Individuelles.“ Sie blätterte eine Seite um. „Ich würde dir gern vorschlagen, dass wir gemeinsam eine neue Strategie entwickeln, mit Elementen aus der gewaltfreien Kommunikation, kombiniert mit einem kreativen Ausdruck – vielleicht Schreiben, vielleicht Musik oder sogar Sport.“ Lukas’ Reaktion Lukas saß ruhig da. Er fühlte sich nicht überfordert – eher gesehen. 70 % klangen gut. Aber 30 % klangen nach einem echten Berg. Er sah zu Haaland. Der nickte ihm leicht aufmunternd zu. „Ich glaub, das kriegen wir hin“, sagte Lukas leise. Frau Kessler lächelte. „Ich weiß, dass du das kannst. Aber du musst ehrlich mit dir sein – und dranbleiben. Ich helfe dir. Und Haaland auch, oder?“ Der Spieler antwortete klar: „Ich bleib an deiner Seite, Lukas. Versprochen.“ So endete das Gespräch mit einem klaren Ein guter Weg war schon gegangen – doch die nächste Etappe würde schwieriger.

Aber Lukas war nicht mehr allein. Und das war vielleicht der wichtigste Fortschritt von allen. 27. Mai – Abend: Eine Belohnung nach einem ehrlichen Tag Der Himmel über Mainz war inzwischen in weiches Dunkelblau getaucht, während sich die Straßen langsam leerten. Die Lichter in den Fenstern flackerten sanft, hier und da fuhr ein Fahrrad vorbei. Es war dieser typische Abend, der nach Alltag roch, aber für Lukas etwas Besonderes bedeutete. Denn der Tag war lang, ehrlich und anstrengend gewesen. Das Gespräch mit Frau Kessler hatte viel in ihm ausgelöst. Nicht nur Nachdenken, sondern auch ein Gefühl von Verantwortung. Doch gleichzeitig war da auch ein kleiner Funken Stolz, dass er das alles geschafft hatte. Und diesen Stolz wollte er teilen – mit Haaland. Die Idee mit dem Bier „Weißt du was?“, sagte Lukas beim Verlassen des Hauses. „Ich glaub, ich hab heute ein Bier verdient.“ Haaland grinste. „Da sag ich nicht nein.“ Sie schlenderten Richtung Innenstadt, ganz ohne Eile, das Gespräch vom Nachmittag noch halb im Kopf. Lukas wirkte ruhiger als sonst – geerdet. Auch Haaland spürte, dass dieser Tag für Lukas mehr bedeutete als nur ein Termin im Teilhabeplan. Vor verschlossenen Türen Doch als sie vor der kleinen Lieblingskneipe standen – der mit den alten Holzbänken und der warmen, gelben Beleuchtung – wurden sie enttäuscht: Zugesperrt. Ein handgeschriebener Zettel hing an der Tür: „Wegen privater Veranstaltung heute geschlossen.“ Lukas seufzte. „Na toll. Und ich hatte mich auf das Kirschbier gefreut.“ McDonald’s als Alternative „Dann eben McDonald’s“, schlug Haaland vor. „Ist vielleicht nicht das gleiche, aber Pommes trösten immer.“ Lukas lachte. „Stimmt. Und ein kaltes Getränk dazu – passt.“ Die Filiale am Hauptbahnhof war noch geöffnet, etwas voller als erwartet, aber trotzdem fanden sie einen Platz am Fenster. Lukas bestellte sich einen McChicken, große Pommes und eine Cola ohne Eis – Haaland nahm einen Big Mac mit extra Käse und ein Bier aus der Flasche, die sie dort als Sonderaktion verkauften. Ein Moment der Ruhe Sie saßen nebeneinander, blickten hinaus auf das nächtliche Treiben, teilten sich die Pommes wie alte Freunde. „Weißt du…“, begann Lukas, während er einen Schluck Cola nahm. „Ich hab mich früher nie getraut, meine Schwächen so offen zu zeigen. Aber heute… fühlte es sich nicht schlimm an. Irgendwie… echt.“ Haaland nickte. „Ehrlichkeit ist manchmal das Mutigste, was man tun kann. Und du warst heute verdammt mutig.“ Sie stießen mit ihren Flaschen an – Bier gegen Cola – und Lukas lächelte. „Vielleicht war heute gar nicht so ein harter Tag. Vielleicht war’s… ein guter.“

Der Heimweg Nach dem Essen machten sie sich auf den Weg zurück. Die Straßen waren ruhig, und die Luft war mild. Lukas spürte das angenehme Vibrieren der Stadt in der Nacht und das Gefühl, sich selbst wieder ein kleines Stück näher gekommen zu sein. Als sie zu Hause ankamen, machte er sich noch einen Schlaftee. Haaland legte die Füße hoch. „Was ein Tag“, sagte er. Lukas nickte und flüsterte mehr zu sich selbst als zu ihm: „Und morgen wird wieder einer.“ 27. Mai – Später Abend: Ein kühler Schluck nach einem langen Tag Nach dem aufschlussreichen Gespräch mit seiner Assistentin und einem kurzen Abstecher zu McDonald's verspürte Lukas das Bedürfnis, den Tag mit einem besonderen Getränk ausklingen zu lassen. Gemeinsam mit Haaland machte er sich auf den Weg zu einem nahegelegenen Getränkemarkt. Dort wählte Lukas sorgfältig sieben verschiedene Biere aus, um eine kleine Verkostung zu Hause zu veranstalten: • 2 Flaschen Eulchen "Mainz Gefühl" – ein regionales Bier aus Mainz, das für sein rotgoldenes, vollmundig-malziges Aroma bekannt ist.(mainz STORE) • 2 Flaschen Schöfferhofer Weizen naturtrüb – ein erfrischendes Weizenbier mit fruchtigen Noten und einer angenehmen Hefetrübung.(Falstaff) • 1 Flasche Hessenbräu Pilsener – ein klassisches Pils mit einer feinen Hopfennote und einem ausgewogenen Geschmack.(Beverage Trade Network) • 1 Flasche Astra Rakete – ein Biermischgetränk mit 5,9 % Alkohol, das durch die Kombination von Bier und Citrus-Vodka ein einzigartiges Geschmackserlebnis bietet.(Bier-Universum) • 1 Flasche Licher Pilsner – ein hessisches Pils mit einer ausgewogenen Balance zwischen Hopfenbittere und Malzsüße. Mit den ausgewählten Bieren im Gepäck kehrten Lukas und Haaland nach Hause zurück. Dort bereiteten sie sich gemeinsam ein einfaches, aber herzhaftes Abendessen zu: frischer Fleischkäse, in dicken Scheiben geschnitten und in knusprigen Brötchen serviert.(Landeshauptstadt Mainz) Während sie aßen, probierten sie die verschiedenen Biere und tauschten ihre Eindrücke aus. Jedes Bier brachte seine eigene Note mit, und die beiden genossen die Vielfalt der Aromen. In dieser ruhigen Atmosphäre, begleitet von gutem Essen und besonderen Getränken, ließen Lukas und Haaland den Tag Revue passieren. Es war ein Moment der Entspannung und des Genusses, der ihnen half, die Herausforderungen des Tages hinter sich zu lassen und neue Energie für die kommenden Aufgaben zu schöpfen. 27. Mai – Späte Nacht: Ruhe kehrt ein Nachdem Lukas und Haaland sich durch die kleine Bierverkostung probiert und dazu Fleischkäsebrötchen gegessen hatten, war das Licht in der Wohnung bereits gedimmt. Die Gespräche waren ruhiger geworden, ein wohliges Gefühl von Sättigung und Zufriedenheit lag in der Luft. Doch Lukas hatte noch eine kleine Angewohnheit, die ihm half, wirklich „abzuschalten“. Bevor er ins Bett ging, tappte er barfuß in die Küche, öffnete die Vorratsschublade und griff sich die offene Tüte Chips, die er mittags gekauft, aber kaum angerührt hatte. „Nur ein paar Stück, dann ist Schluss.“ Er wiederholte diesen Satz leise zu sich selbst, während er sich auf das Sofa setzte und die salzigen, knusprigen Chips langsam kaute. Es war diese ganz spezielle Art von Ruhe, wenn das Haus schlief, und nur das sanfte Knacken der Chips die Stille begleitete. Haaland hatte sich schon ins Gästezimmer zurückgezogen. Auch die Mutter schlief längst, nur das leichte Summen des Kühlschranks war zu hören.

Nach dem kleinen Mitternachtssnack ging Lukas noch einmal in sein Zimmer. Er nahm seine Teetasse, in der noch sein abgekühlter Schlaftee wartete – Kamille, Fenchel und etwas Baldrian, wie immer. Vorsichtig trank er die letzten Schlucke aus, atmete tief ein und seufzte entspannt aus. „Gut. Jetzt wirklich schlafen.“ Bevor er ins Bett stieg, kauerte er sich noch einmal zu seinem Rollstuhl, der sorgfältig unter seinem Bett verstaut war. Er wollte sicherstellen, dass er nicht im Weg stand – und dass niemand im Dunkeln dagegenstoßen konnte. Die Lehnen hatte er eingeklappt, die Bremsen angezogen. Ein kurzes, prüfendes Nicken: alles an seinem Platz. Dann zog er sich die Decke bis zum Kinn, legte sein Handy beiseite und flüsterte noch ein leises: „Morgen wird gut.“ Der Tag war lang gewesen, gefüllt mit Emotionen, Überraschungen, einem Hauch Streit, viel Nähe und einer Prise Melancholie – genau so, wie Lukas das Leben kannte. Aber für den Moment war alles in Ordnung. Und so schlief er schließlich ein, während draußen ein sanfter Frühlingswind durch die Straßen von Mainz wehte. 28. Mai – 13. Tag – Mittag: Zweifel, Wille und ein kleiner Schritt Der Mittag des 13. Tages begann für Lukas ungewöhnlich nachdenklich. Er saß mit leicht gesenktem Kopf an seinem Schreibtisch, das Fenster geöffnet, der frühsommerliche Wind ließ die Blätter an den Bäumen rascheln. Die Sonne spiegelte sich auf dem Bildschirm seines Laptops, während er die Seite der Hochschule Mainz offen hatte – Studiengang: Betriebswirtschaftslehre (BWL), Wintersemester 25/26. Er starrte auf das Wort „Jetzt bewerben“. Haaland saß in der Küche und blätterte in einer Sportzeitschrift, warf aber ab und zu einen Blick zu Lukas ins Zimmer. Er hatte gemerkt, dass Lukas heute ruhiger war als sonst, irgendwie gedämpft. „Willst du dich bewerben?“ rief Haaland aus dem Raum nebenan. „Ja... also... ich weiß nicht. Ich will's versuchen. Aber ehrlich gesagt… ich glaub nicht, dass ich das schaffe. Und Spaß machen wird’s mir wahrscheinlich auch nicht…“ Doch irgendetwas in ihm sagte: „Probier es. Wenigstens probieren.“ Er klickte auf „Jetzt bewerben“, aber plötzlich: Fehlermeldung. „Zugangsdaten ungültig oder Account existiert bereits.“ Lukas runzelte die Stirn, versuchte es erneut – andere Passwörter, andere Kombinationen. Nichts funktionierte. Der Frust in seinem Bauch wuchs. Zwei Stunden lang versuchte er alles: Passwort zurücksetzen, alte E-Mails durchforsten, selbst die gespeicherten Zugangsdaten im Browser checkte er. Doch die Anmeldung blieb ihm verwehrt. Dann kam ihm ein Gedanke: „Ich war doch schon mal an der Hochschule… Vielleicht liegt es daran.“ Er erinnerte sich, dass er schon zwei Semester Angewandte Informatik dort studiert hatte – bevor er es schweren Herzens abgebrochen hatte. Vielleicht war sein Account noch gesperrt oder gelöscht. Vielleicht musste er sich manuell wieder freischalten lassen. Tief durchatmend öffnete Lukas sein E-Mail-Programm und begann zu tippen: Betreff: Bewerbung Wintersemester 25/26 – Zugangsdaten Sehr geehrtes Team der Hochschule Mainz, ich möchte mich gerne für das Wintersemester 2025/26 für den Studiengang Betriebswirtschaftslehre bewerben. Leider kann ich mich nicht mehr in meinen Bewerberaccount einloggen. Ich habe bereits zwei Semester Angewandte Informatik bei Ihnen studiert und vermute, dass es daher zu einem Problem kommt.

Ich bitte um Überprüfung und Zusendung neuer Zugangsdaten oder Hinweise, wie ich meinen Account wieder aktivieren kann. Mit freundlichen Grüßen Lukas [Nachname] Er schickte die Mail ab und ließ sich danach müde auf seinen Stuhl zurückfallen. Haaland kam herein, stellte sich hinter ihn und sagte leise: „Weißt du, Lukas… manchmal geht’s nicht darum, ob man’s schafft oder nicht. Es geht darum, ob man’s wagt.“ Lukas sah zu ihm hoch und lächelte schwach. „Ich hab’s zumindest versucht.“ Die Bewerbung war noch nicht draußen – aber der erste Schritt war getan. Und das war mehr, als er sich am Morgen zugetraut hatte. 28. Mai – 13. Tag – Später Nachmittag: Ein kleines Geschenk Es war später Nachmittag, als die Tür zur Wohnung sich öffnete und die vertraute Stimme der Mutter durch den Flur klang: „Hallo! Ich bin wieder da!“ Lukas saß zu diesem Zeitpunkt mit verschränkten Armen auf dem Sofa und starrte nachdenklich auf den abgeschickten E-Mail-Entwurf auf seinem Laptop. Haaland saß ihm gegenüber in einem Sessel, eine Sportdokumentation leise im Hintergrund laufend. „Na, ihr Zwei, alles ruhig?“ fragte die Mutter gut gelaunt, während sie eine kleine Tüte aus ihrer Tasche holte. „Ich hab was mitgebracht… Ich weiß, du magst das doch: Erdbeer-Eis!“ Sie stellte das kleine Becherchen liebevoll vor Lukas auf den Tisch – eine Geste der Fürsorge. Doch Lukas schüttelte kaum merklich den Kopf. Er sah das Eis an, dann seine Mutter, dann das Eis wieder. „Danke Mama… aber ich glaub, ich will das heute nicht.“ Die Mutter lächelte nur schwach. „Kein Problem. Du kannst es ja später essen… oder… na ja… vielleicht freut sich dein Freund.“ Lukas sah kurz zu Haaland und nickte leise. „Ja… wenn er wieder geht… dann bekommt er es. Als kleines Dankeschön.“ Diese Entscheidung traf Lukas ganz bewusst. Er wollte Haaland etwas geben – auch wenn es nur eine Kleinigkeit war. Für all die Zeit, die Gespräche, die Geduld… und einfach, weil es ihm wichtig war. Ein paar Minuten später kam die Mutter noch einmal aus der Küche, diesmal mit einer dampfenden Tasse Tee. „Hier. Kamille. Der ist noch ganz frisch. Ich dachte, du brauchst vielleicht was zum Runterkommen.“ Lukas nahm die Tasse entgegen. Der Geruch war beruhigend. „Danke Mama.“ Er nippte vorsichtig an dem Tee, während Haaland ihm kurz zuzwinkerte und sagte: „Wenn du mir wirklich das Eis gibst, dann nenn ich dich ab jetzt den besten Gastgeber von Mainz.“ Lukas grinste. „Besser als dein Manchester-Hotel?“ „Viel besser.“ Die Stimmung war ruhig, aber warm. Trotz der Unruhe des Vormittags, der Unsicherheit über die Hochschule und all der Gedanken, die ihn belasteten – in diesem Moment war alles still. Nicht perfekt. Aber echt. Und das reichte. 28. Mai – 13. Tag – Abend: Fragen, FIFA und der Lärm im Hintergrund

Der Abend senkte sich langsam über Mainz. Die Straßen wurden ruhiger, die Vögel zwitscherten nur noch vereinzelt, und die Sonne war dabei, hinter den Dächern zu verschwinden. Im Zimmer von Lukas herrschte eine konzentrierte Stille. Der Bildschirm seines Laptops leuchtete hell auf dem Schreibtisch, während Lukas mit ernstem Blick zwei EMails aufsetzte. Die erste ging an die Polizeibehörde, bei der er sich schon einmal beworben hatte – für die Stelle als Polizeisekretäranwärter. Betreff: Nachfrage – Bewerbung Polizeisekretäranwärter Sehr geehrte Damen und Herren, ich hatte mich bei Ihnen für eine Ausbildung zum Polizeisekretäranwärter beworben. Leider habe ich bisher keine Rückmeldung erhalten. Ich wollte daher freundlich nachfragen, ob die Stelle für das kommende Jahr noch zur Verfügung steht. Ich bin Autist mit einem Grad der Behinderung von 100 %, habe jedoch bereits erfolgreich einen Kurs in Finanzbuchführung mit DATEV bei der VHS abgeschlossen. Ich wäre sehr dankbar über eine kurze Rückmeldung. Mit freundlichen Grüßen Lukas [Nachname] Die zweite Mail war für die Bundesbank, wegen der Stelle als Geldzähler. Betreff: Nachfrage – Bewerbung Geldzählerstelle Sehr geehrtes Team der Bundesbank, ich hatte mich für die Stelle als Geldzähler interessiert und wollte höflich nachfragen, ob diese Position noch verfügbar ist. Ich bin Autist mit 100 % Schwerbehinderung, habe aber erfolgreich vom 08.11.24 bis 04.04.25 den IHK-Kurs in Finanzbuchführung mit DATEV an der VHS abgeschlossen. Das Abschlusszeugnis habe ich als Anhang beigefügt. Trotz meiner Einschränkungen bin ich motiviert und belastbar und kann diese Arbeit zuverlässig und gewissenhaft ausführen. Ich freue mich über Ihre Rückmeldung. Mit freundlichen Grüßen Lukas [Nachname] Er sendete beide E-Mails ab. Danach atmete er tief durch und klappte den Laptop langsam zu. „FIFA?“ fragte Haaland, der schon mit dem Controller in der Hand auf der Couch saß und mit den Füßen wippte. Lukas nickte, stand auf und ließ sich neben ihn fallen. Sie spielten ein Freundschaftsspiel – Lukas nahm Mainz 05, Haaland überraschenderweise Elversberg, was beide zum Lachen brachte. „Heute gewinnen die Kleinen!“, meinte Haaland grinsend. Doch während das Spiel gerade Fahrt aufnahm, wurde die friedliche Atmosphäre plötzlich unterbrochen. „KNAALL!“ – Die Tür im Flur flog mit Wucht zu. Kurz darauf: „KLONG!“ – Ein schweres Geräusch, als würde jemand einen Gegenstand – vielleicht eine Tasse oder eine Fernbedienung – grob auf den Tisch knallen. Lukas zuckte leicht zusammen, versuchte aber, es zu ignorieren. Doch dann hörte er wieder diese Schritte. Und dann: Die Tür fiel erneut mit voller Wucht ins Schloss. Der Vater hatte sich wohl wieder zurückgezogen – ohne ein Wort, ohne Blickkontakt, ohne irgendeine Reaktion auf Lukas oder den Spieler.

Lukas war für einen Moment still, dann seufzte er leise. Haaland sah ihn nur kurz an und sagte dann mit ruhiger Stimme: „Du musst dir das nicht gefallen lassen. Aber du musst dich auch nicht erklären. Ich bin da.“ Lukas sagte nichts. Aber er griff fester zum Controller, spielte mit mehr Konzentration – fast so, als würde er all die Wut und Traurigkeit über den Lärm, die Kälte und das Ignorieren in das Spiel lenken. Am Ende gewann er 3:1. „Mainz gewinnt gegen Elversberg. Wenigstens hier“, sagte Lukas mit einem bitteren Lächeln. Und Haaland antwortete ruhig: „Vielleicht gewinnen sie auch bald im echten Leben. So wie du gerade – Stück für Stück.“ 28. Mai – 13. Tag – Später Abend: Das UECL-Finale und ein Film zum Ausklang Der Abend war für Lukas etwas Besonderes. Die Sonne war längst untergegangen, die Luft in Mainz war lau und ruhig. In der kleinen, gemütlichen Wohnküche hatten Lukas und seine Mutter es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Der Fernseher zeigte das Finale der UEFA Europa Conference League, kurz UECL – Real Betis gegen den FC Chelsea. Lukas war gespannt. Er hatte im Vorfeld gelesen, dass Chelsea zwar Favorit war, aber Betis eine überraschend starke Saison gespielt hatte. Und tatsächlich: Schon in der 9. Minute erzielte Ezzalzouli das erste Tor für Betis. „1:0 für Betis!“ rief Lukas überrascht. „Die Engländer schlafen noch“, murmelte seine Mutter und nippte an ihrem Tee. Doch die zweite Halbzeit brachte die Wende. In der 65. Minute glich Enzo Fernández mit einem sehenswerten Distanzschuss aus – 1:1. Nur fünf Minuten später, in der 70. Minute, traf Nicolas Jackson nach einem Konter zur Führung – 1:2 für Chelsea. Lukas zuckte zusammen, aber war auch beeindruckt. „So schnell kann sich alles drehen“, sagte seine Mutter. Dann, in der 83. Minute, war es Jadon Sancho, der nach einem tollen Zusammenspiel das 1:3 erzielte. Und in der Nachspielzeit, 90+1, setzte Moisés Caicedo mit einem Distanzschuss den Schlusspunkt: 1:4. „Wow... das ging schnell“, meinte Lukas und lehnte sich zurück. „Betis hat in der zweiten Hälfte kaum noch was gemacht.“ Seine Mutter lächelte: „Du hast recht. Manchmal braucht’s nur einen kurzen Moment, um ein Spiel zu verlieren. Oder zu gewinnen.“ Nach dem Abpfiff stand Lukas kurz auf, ging ins Badezimmer, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und kam dann zurück ins Wohnzimmer, wo Haaland schon wartete. „Na, war’s spannend?“ fragte Haaland. „Die erste Hälfte ja. Dann hat Chelsea alles klar gemacht.“ „Wie wär’s jetzt mit einem Film?“, fragte Haaland. Lukas nickte sofort. Sie entschieden sich für einen ruhigeren Film – „Wunder“, eine berührende Geschichte über einen Jungen mit einem seltenen Gendefekt, der sich in der Schule zurechtfinden muss. Lukas mochte den Film. Er fühlte sich verstanden, irgendwie… berührt. Während der Film lief, saßen die beiden nebeneinander auf der Couch. Lukas hatte sich eine weiche Decke über die Beine gelegt, Haaland trank ein warmes Getränk. Die Mutter war kurz vorbeigekommen, um ihnen eine Schale mit Chips zu bringen, dann ging sie schlafen. Als der Abspann lief, war Lukas ruhig. „Danke“, sagte er leise. „Wofür?“ „Für den Film. Und... dass du einfach da bist.“

Haaland sagte nichts – er legte ihm einfach die Hand auf die Schulter. Und das reichte. Manchmal war das alles, was man brauchte. 29. Mai – 14. Tag – Früher Morgen: Der Vater und das Geschenk Der frühe Morgen im Haus war ungewöhnlich ruhig. Die Sonne war gerade dabei, sich über den Horizont zu schieben und warf ein sanftes, orangenes Licht durch die Gardinen im Zimmer von Lukas. Er lag noch im Bett, halb wach, als plötzlich die Tür langsam aufging. Es war sein Vater. Lukas erschrak ein wenig. In letzter Zeit hatte sein Vater kaum ein Wort mit ihm gewechselt, oft war er laut, verschlossen – oder einfach gar nicht da. Jetzt stand er plötzlich da, leicht verlegen, mit einem kleinen, eckigen Päckchen in der Hand. „Guten Morgen“, sagte er, ohne Lukas direkt anzusehen. Seine Stimme klang müde, fast kratzig vom frühen Aufstehen – oder von unausgesprochenen Gedanken. Lukas richtete sich langsam auf. „Guten Morgen“, antwortete er leise. Der Vater hob das Päckchen an und stellte es vorsichtig auf den kleinen Schreibtisch neben Lukas’ Bett. Dann öffnete er es leicht, um Lukas den Inhalt zu zeigen. Es war das Geschenk, das die Mutter ihm zum Geburtstag überreicht hatte: ein gravierter Schlüsselanhänger mit dem Familiennamen, schlicht, aber mit Bedeutung. Daneben lag ein kleiner Zettel, auf dem in der Handschrift der Mutter stand: „Auch wenn wir uns oft reiben – du gehörst zu uns.“ Der Vater sah einen Moment auf den Anhänger, dann zu Lukas. „Sie hat mir das gegeben… gestern.“ Er stockte kurz, dann atmete er einmal schwer durch. „Ich... ich verdien’ das nicht“, sagte er dann leise, fast wütend gegen sich selbst. Lukas schaute ihn an. Er wollte etwas sagen – vielleicht fragen, warum er ihn ignoriert hatte, warum er so oft Türen geknallt hatte. Doch er schwieg. Er spürte, dass sein Vater selbst nicht wusste, was er mit seinen Gefühlen anfangen sollte. Nach einem kurzen Moment der Stille drehte sich der Vater um. „Ich wollte nur, dass du’s weißt“, murmelte er und verließ das Zimmer mit langsamen, schweren Schritten. Die Tür fiel leise ins Schloss. Lukas saß nun da, stumm, mit gemischten Gefühlen. Er war überrascht, traurig, vielleicht auch ein kleines bisschen hoffnungsvoll. Und irgendwo in ihm wuchs der Wunsch, dass sich eines Tages doch noch etwas ändern könnte. Vielleicht war dieser Moment ein erster kleiner Schritt. 29. Mai – 14. Tag – Mittag: Das Vatertagsgeschenk Der Vormittag war ruhig geblieben. Die Mutter war im Wohnzimmer, Haaland spielte mit Lukas im Zimmer leise eine Runde FIFA, beide schwiegen immer wieder, verloren in ihren Gedanken. Der Moment vom frühen Morgen hing noch spürbar in der Luft – das Gespräch mit dem Vater, so kurz es auch war, hatte Spuren hinterlassen. Am späten Vormittag, kurz vor dem Mittagessen, hatte Lukas sich im Badezimmer leise etwas zurechtgelegt. Eine kleine, sorgfältig eingepackte Seife. Nicht irgendeine, sondern eine handgemachte Olivenseife mit Kräutern, die er zusammen mit der Mutter einige Tage vorher im Bioladen ausgesucht hatte – als kleines Geschenk zum Vatertag. „Er sagt immer, er braucht nix“, hatte die Mutter gesagt. „Aber wenn du was gibst, dann zeigst du, dass du nicht aufgibst.“ Lukas hatte lange überlegt, ob er es überhaupt machen soll. Doch jetzt stand er vor dem Wohnzimmer, das Geschenk in der Hand. Er holte tief Luft, dann trat er ein. Der Vater saß auf dem Sofa, die Arme verschränkt, den Blick auf das flache Licht aus dem Fernseher gerichtet. „Was willst du?“ fragte er sofort, nicht unfreundlich, aber mit einer kühlen Stimme. Lukas hielt ihm das kleine Päckchen entgegen. „Zum Vatertag. Nur was Kleines.“

Der Vater sah kurz auf das Paket, runzelte die Stirn und sagte dann fast schroff: „Ich hab’s nicht verdient.“ Ein stiller Moment. Dann nahm er das Päckchen trotzdem in die Hand, drehte es, öffnete es, roch an der Seife. „So’n Quatsch“, murmelte er. Er stand auf, ging ohne ein weiteres Wort ins Bad. Lukas hörte das Wasser der Dusche rauschen. Erst dachte er, der Vater würde die Seife einfach irgendwo hinlegen oder vielleicht sogar kaputtmachen – wie früher, wenn ihn irgendwas überforderte. Aber wenige Minuten später hörte Lukas das Geräusch der festen Seife, wie sie über nasse Haut glitt. Ein stilles Zeichen. Der Vater benutzte die Seife. Keine Worte. Keine Entschuldigung. Aber vielleicht… ein stilles Zeichen von Annahme. Als er wenig später wieder aus dem Bad kam, roch man die frischen Kräuter der Seife. Er sagte nichts. Schaute Lukas nicht an. Doch er ging langsamer. Ruhiger. Und das allein reichte Lukas für diesen Moment. 29. Mai – 14. Tag – Nachmittag: Papierkrieg und offene Fragen Nach dem stillen Mittagessen – es gab Auflauf vom Vortag – zog sich Lukas mit seinem Laptop und einem Glas Wasser in sein Zimmer zurück. Haaland legte sich entspannt auf das Gästebett, hörte Musik mit Kopfhörern und ließ Lukas in Ruhe arbeiten. Der Vater hatte das Haus verlassen, wie meistens ohne viel zu sagen. Lukas öffnete langsam seine E-Mail-App. In den letzten Tagen hatte er vieles aufgeschoben. Heute wollte er es endlich erledigen. 1. E-Mail: Bewerbung bei der Bundesbank Zuerst schrieb er eine höfliche Erinnerung an die Bundesbank, bei der er sich auf eine Stelle als Geldzähler beworben hatte. Er erwähnte, dass er bereits am 8. November 2024 bis 4. April 2025 erfolgreich den Kurs in Finanzbuchführung mit DATEV an der VHS abgeschlossen hatte. Er fügte das Abschlusszertifikat nochmals im Anhang bei. Er schrieb: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich wollte mich erkundigen, ob die von mir angestrebte Stelle bei Ihnen noch verfügbar ist. Ich habe meine Bewerbung bereits eingereicht und mein Kurs in Finanzbuchführung mit DATEV erfolgreich abgeschlossen. Das Zeugnis befindet sich im Anhang. Trotz meines Autismus und einer anerkannten Behinderung von 100 % bin ich voll einsatzbereit und hochmotiviert. Ich danke Ihnen im Voraus für Ihre Rückmeldung. Mit freundlichen Grüßen Lukas Zimmermann“ 2. E-Mail: Bewerbung bei der Polizei Danach öffnete er eine zweite E-Mail, die an die Personalabteilung der Polizei gerichtet war. Auch dort hatte er sich vor einiger Zeit für die Ausbildung zum Polizeisekretär-Anwärter beworben, aber noch keine Rückmeldung erhalten. „Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte mich erkundigen, ob die Ausbildung zum Polizeisekretär-Anwärter aktuell noch verfügbar ist. Ich habe bereits mehrere Versuche über das Kontaktformular unternommen, allerdings bisher keine Antwort erhalten. Ich bin Autist mit einem Grad der Behinderung von 100 %, dennoch in der Lage, die Anforderungen zu erfüllen. Für eine Rückmeldung wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Freundliche Lukas Zimmermann“

3. E-Mail: Handy-Reklamation Dann schrieb er noch eine wütendere, aber sachlich formulierte Nachricht an den Handyversand, bei dem sein Gerät seit fast vier Wochen in der Reparatur war. „Sehr geehrtes Service-Team, ich habe mein Handy am 1. Mai zur Reparatur eingeschickt. Bis heute – 29. Mai – habe ich weder das Gerät zurückerhalten noch eine klare Information zum Stand der Reparatur. Ich bin stark auf mein Handy angewiesen, u. a. zur Kommunikation, Orientierung und zur Organisation meines Alltags. Bitte teilen Sie mir umgehend mit, wann ich mit der Rücksendung rechnen kann. Mit freundlichen Grüßen Lukas Zimmermann“ 4. E-Mail: Konzerttickets – Barrierefreie Plätze Zum Schluss öffnete Lukas die E-Mail an den Veranstalter des Konzerts, auf das er sich schon seit Wochen freute. Leider war bisher keine Bestätigung über die barrierefreien Tickets für ihn und seine Begleitung angekommen. „Sehr geehrte Damen und Herren, ich hatte mich vor einigen Wochen bezüglich barrierefreier Plätze für das Konzert am [Datum einsetzen] erkundigt und auch um zwei zusätzliche Karten für meinen Vater und meine Oma gebeten. Leider habe ich bisher keine Bestätigung oder Rückmeldung erhalten. Ich bitte Sie daher nochmals herzlich, meine Anfrage zu prüfen und mir eine verbindliche Antwort zukommen zu lassen. Vielen Dank für Ihre Mühe Lukas Zimmermann“ Als Lukas die vierte E-Mail abschickte, fühlte er sich erschöpft, aber auch ein wenig stolz. Es war viel Papierkram, viel Organisation – aber er hatte es geschafft. Haaland klopfte ihm kurz auf die Schulter. „Starker Tag“, sagte er mit einem schiefen Lächeln. „Danke“, flüsterte Lukas. „Jetzt hab ich wenigstens nicht mehr das Gefühl, alles zu verschieben.“ 29. Mai – 14. Tag – Abend: Eine Katze auf ihrem Weg zurück Der Tag neigte sich dem Ende zu. Die Abendsonne malte warme Farben an die Wand des Zimmers, in dem Lukas inzwischen wieder mit Haaland saß. Die beiden hatten sich ein ruhiges Abendessen gegönnt – Nudeln mit Butter und ein paar übrig gebliebene Fleischkäsewürfel vom Vortag. Danach hatten sie zusammen den Tisch abgeräumt. Es war eine fast friedliche Stimmung – ganz im Gegensatz zu den vorherigen Tagen, in denen Spannungen mit dem Vater die Luft oft zum Schneiden dick gemacht hatten. Als Haaland sich mit einem Buch zurückzog und die Mutter in der Küche noch ein paar Vorräte ordnete, startete Lukas die PlayStation 5. Er hatte ein neues Spiel gefunden, das ihm direkt ins Herz gegangen war – ein ruhiges, emotionales Katzenspiel, das sich mit dem Thema Abschied und Rückkehr beschäftigte. Der Titel war schlicht gehalten, der Stil kunstvoll, aber nicht aufdringlich. Der Anfang des Spiels war traurig. Eine alte Frau, sichtbar geschwächt, lag im Bett ihres Hauses. Eine getigerte Katze strich um ihr Bett, schmiegte sich an ihre Hand. Es war ihr jahrelanger Begleiter. Doch als ein Krankenwagen kam und die Frau in ein Altenheim gebracht wurde, wurde die Katze nicht mitgenommen. Lukas spürte einen Stich im Herzen,

als die Spielsequenz zeigte, wie die Katze allein zurückblieb. Nach ein paar Tagen ohne Futter und ohne Zuwendung irrte sie durch die Straßen. Im Spiel übernahm Lukas nun die Rolle der Katze. Er bewegte sich durch enge Gassen, kletterte über Dächer, schlief in Kartons. Dabei begegnete die Katze anderen Tieren, netten Menschen, aber auch Gefahren – streunende Hunde, Regen, Lärm, Dunkelheit. Doch die Hauptaufgabe war klar: Die Katze wollte zurück zur alten Frau. Lukas war berührt von der stillen Art, wie das Spiel diese Mission vermittelte. Es ging nicht um Punkte oder Action, sondern um Verbindung. Um Erinnerung. Nach rund einer Stunde Spielzeit – mit vielen Momenten, in denen Lukas fast laut „Oh nein!“ gesagt hätte – schaffte es die Katze tatsächlich in das Altenheim. Die Szene, in der sie heimlich in das Gebäude schlich, war liebevoll gestaltet: Die Katze huschte unter Tischen entlang, mied Rollwagen und Krankenschwestern, bis sie schließlich in das Zimmer der alten Frau gelangte. Und da – auf dem Bett – lag sie. Blass, aber lebendig. Als sie die Katze sah, streckte sie zitternd ihre Hand aus. Die Katze sprang auf das Bett und rollte sich neben ihr zusammen. Die Frau lächelte. Eine Träne lief Lukas die Wange herunter. Haaland hatte längst gemerkt, dass ihn das Spiel emotional gepackt hatte. Er kam leise näher, setzte sich neben Lukas und sah die letzte Szene mit ihm zusammen. „Das war schön“, sagte Lukas leise. Haaland nickte. „Manchmal ist es genau das, was man braucht, oder? Eine Geschichte, in der am Ende jemand einfach wieder da ist.“ Lukas sah ihn an. „Vielleicht ja so wie du.“ Der Fußballer lächelte still, rieb sich über das Kinn und legte dann eine Hand auf Lukas’ Schulter. „Ich geh jetzt schlafen. Denk dran: Gute Geschichten enden nie wirklich.“ Lukas speicherte das Spiel, schaltete die Konsole aus, trank noch einen letzten Schluck Schlaftee, schob seinen Rollstuhl wieder sicher unter das Bett und schlüpfte unter die Decke. Mit einem warmen Gefühl im Herzen und der Erinnerung an eine kleine Katze, die den Weg zurück nach Hause gefunden hatte, schlief er ein. 29. Mai – 14. Tag – später Abend: Zerrissene Scheine Es war bereits nach 22 Uhr, als im Wohnzimmer noch leise Stimmen zu hören waren. Lukas saß mit Haaland auf der Couch, sie hatten gemeinsam Tee getrunken, und Lukas hatte ein wenig von seinem neuen Katzenspiel erzählt, das ihn so tief berührt hatte. Es war einer dieser ruhigeren Abende – oder zumindest hatte es so gewirkt. Doch dann rief die Mutter plötzlich aus der Küche: „Lukas, frag mal bitte deinen Vater, ob er morgen früh ein paar Sachen vom Supermarkt mitbringen kann. Ich schaff das nicht mit der Tante im Krankenhaus und dem Termin beim Hausarzt.“ Lukas nickte. Er stand auf, ging mit bedachten Schritten in den Flur und näherte sich dem Wohnzimmer, in dem sein Vater auf dem Sessel saß – wie so oft, mit verschränkten Armen und starrer Miene, die kaum Emotionen erkennen ließ. „Papa...“, begann Lukas vorsichtig. „Mama hat gesagt, du sollst morgen einkaufen gehen. Ich geb dir auch Geld dafür, okay?“ Ohne ein Wort holte Lukas einen 10-Euro-Schein aus seinem Portemonnaie – es war nicht viel, aber genug für ein paar Kleinigkeiten. Er reichte ihn zögerlich hin. Der Vater nahm den Schein, sah Lukas einen Moment lang an – und dann geschah etwas, das Haaland, der hinter der Tür unauffällig lauschte, nur schwer glauben konnte: Der Vater riss den Schein ohne zu zögern in zehn kleine Stücke.

„Ich brauch dein Geld nicht. Und ich nehm nichts von jemandem, der mir aus dem Weg geht wie ’n kleiner Feigling“, knurrte er und ließ die Fetzen achtlos auf den Tisch fallen. Lukas stand da, erstarrt. Sein Herz schlug schneller. Der Moment, der so harmlos angefangen hatte, verwandelte sich in einen inneren Schock. Er spürte Tränen, aber nicht aus Traurigkeit, sondern aus Frust und einem alten, bekannten Gefühl: Unverstanden, abgelehnt, bestraft – ohne Grund. Er sagte kein Wort. Drehte sich langsam um und ging zurück in sein Zimmer, wo Haaland bereits stand, mit einem fragenden Blick. „Was war los?“, fragte er leise. Lukas schüttelte nur den Kopf. Er hielt die Tränen zurück, obwohl es ihm schwerfiel. „Er hat den Schein zerrissen. Zehn Stücke. Einfach so.“ Haaland presste die Lippen zusammen. Er wollte nichts Falsches sagen. Doch sein Blick sprach Bände: Enttäuschung. Wut. Und Mitgefühl. „Weißt du was, Lukas?“, sagte Haaland schließlich ruhig. „Es ist nicht deine Schuld. Manche Menschen kämpfen mit sich selbst und machen dann andere dafür verantwortlich. Du gibst, und er zerstört. Aber das ändert nichts an deinem Wert.“ Lukas setzte sich aufs Bett, der zerplatzte Moment wie ein Gewicht auf seiner Brust. Doch Haalands Worte wirkten wie ein Pflaster. „Danke...“, flüsterte er. Wenig später machte Lukas sich bettfertig. Er trank noch einen Schluck Wasser, zog den Rollstuhl unter das Bett hervor und stellte ihn in die Ecke. Die zerrissenen Geldfetzen – sie waren mehr als Papier. Sie waren Symbol für das, was er sich nicht mehr wünschte: Ablehnung. Aber er wusste jetzt – er war nicht allein. Nicht mehr. 30. Mai – 15. Tag – Früher Morgen: Schweigen zwischen den Zeilen Die Sonne war noch nicht lange aufgegangen, ein schwacher Lichtschein fiel durch das halb geöffnete Rollo in Lukas’ Zimmer. Der junge Mann hatte schlecht geschlafen. Die zerfetzten Geldscheine vom Vorabend gingen ihm noch durch den Kopf, selbst wenn er versuchte, sie zu vergessen. Neben ihm auf dem Nachttisch stand noch die leere Teetasse vom Vorabend, der Geschmack von Pfefferminze schien fast noch in der Luft zu liegen. Er war gerade wieder eingenickt, als er durch das Knarren der Zimmertür geweckt wurde. Langsam drehte er sich um – und da stand sein Vater. Die Szene war fast identisch wie zwei Tage zuvor: Der Vater trat ein, verschränkte die Arme, blickte ihn von oben herab an – und sagte mit tonloser Stimme, die irgendwo zwischen Nachdenklichkeit und Vorwurf lag: „Ich versteh nicht, warum du Angst vor mir hast.“ Lukas blinzelte verschlafen. Er zog die Decke ein Stück höher, als ob sie ihn vor der Wirklichkeit schützen konnte. Er spürte den Blick seines Vaters, diesen fragenden, ratlosen Blick – doch zugleich auch einen, der kein echtes Verständnis suchte, sondern eine Rechtfertigung. Eine Entschuldigung vielleicht. Oder sogar eine Selbstbestätigung. Lukas drehte sich zur Wand. Er wollte ihm so vieles sagen. Dass es nicht nur eine Sache war. Dass es die Art war, wie er Türen zuknallte. Wie er schwieg, wenn andere redeten. Wie er laut wurde, wenn Lukas ruhig bleiben wollte. Wie er wegsah, wenn Lukas hinsehen musste. Und wie er so oft... nicht da war, wenn es wichtig gewesen wäre. Doch statt all dieser Worte sagte Lukas nur leise: „Ich weiß nicht...“

Der Vater blieb noch einen Moment stehen, schien etwas sagen zu wollen, aber dann drehte er sich um, seufzte – und verließ das Zimmer, ohne ein weiteres Wort. Die Tür schloss sich leise. Kein Knall diesmal. Vielleicht aus Rücksicht. Vielleicht auch einfach, weil er selbst müde war. Lukas atmete tief durch. Sein Herz pochte noch. Nicht vor Angst. Nicht vor Wut. Sondern wegen diesem Schweigen, das zwischen ihnen hing wie dichter Nebel. Er kuschelte sich wieder in sein Kissen, zog die Decke bis zum Kinn und schloss langsam die Augen. „Später“, dachte er. „Später kann ich vielleicht drüber reden… aber nicht jetzt.“ Er schlief wieder ein. Und draußen begann der Tag – ganz leise. 30. Mai – 15. Tag – Mittag: Ein digitaler Zufluchtsort Die Mittagssonne schien durch das Küchenfenster und tauchte den Raum in ein angenehmes, warmes Licht. Lukas hatte sich mittlerweile angezogen, einen Joghurt gegessen und sich still mit einem Tee an den Küchentisch gesetzt. Der Morgen mit seinem Vater war noch präsent in seinem Kopf, doch er hatte gelernt, mit solchen Situationen umzugehen – zumindest so gut es eben ging. Der Spieler – Haaland, der mittlerweile für Lukas mehr war als nur ein Fußballstar – hatte ihn bereits erwartet. Sie hatten sich darauf geeinigt, den Mittag wieder gemeinsam mit FIFA zu verbringen. Ein paar Spiele, ein paar Tore, ein bisschen gemeinsames Lachen – das war mittlerweile eine kleine Routine geworden, die Lukas Halt gab. „Heute will ich Mainz gegen Chelsea spielen“, sagte Lukas mit einem schiefen Grinsen, während er die Controller bereitlegte. „Und ich nehm Dortmund. Weil... warum nicht?“, meinte Haaland und setzte sich locker aufs Sofa. Das Spiel begann, und schnell waren sie wieder mitten im Geschehen. Lukas spielte konzentrierter als sonst, beinahe kämpferisch. Als er in der 87. Minute mit einem LastMinute-Tor durch Lee für Mainz das 3:2 erzielte, sprang er auf. „YES! SIEGER! Mainz in der Champions League!“ Haaland lachte. „Wenn du Coach wärst, hätten sie wirklich Chancen. Aber jetzt ist Zeit für dein Katzenspiel, oder?“ Lukas’ Gesicht wurde sofort weicher. „Ja… ich will wissen, was mit ihr passiert. Ob sie es schafft, zurück zur alten Dame zu kommen.“ Sie wechselten die Disc auf der PS5 und starteten wieder das melancholisch-schöne Spiel, in dem eine ausgesetzte Katze durch düstere, aber liebevoll gestaltete Stadtlandschaften streifte. Die Musik war ruhig, fast meditativ. Der Kontrast zu FIFA hätte nicht größer sein können – und doch bedeutete beides Lukas auf seine eigene Art viel. Die Geschichte im Spiel hatte Lukas berührt. Die Katze hatte ihren Besitzer verloren, ein alter Mann, der ins Pflegeheim gekommen war. Erst irrte sie herum, kämpfte sich durch gefährliche Gassen, half anderen Tieren – doch nun war sie auf dem Rückweg, geführt von Erinnerungen, Instinkt und Hoffnung. Haaland saß neben Lukas, sagte nicht viel – aber das musste er auch nicht. Er wusste, dass dieses Spiel mehr war als nur Unterhaltung. Für Lukas war es ein Spiegel. Eine Reise. Eine Rückkehr. Und vielleicht auch ein Wunsch. Als die Katze im Spiel zum Eingang des Pflegeheims zurückkehrte und durch die Tür schlich, als der alte Mann sie mit zitternder Hand streichelte und „Du bist wirklich zurück…“ flüsterte, saß Lukas ganz still da. Tränen glänzten in seinen Augen, aber sie fielen nicht. „Das war schön“, sagte Haaland leise.

Lukas nickte. „Ich will auch irgendwann zurück. Nicht nur zu ihm... sondern dahin, wo man nicht Angst haben muss. Wo man sagen kann, was man denkt. Wo man... wieder ankommt.“ Haaland legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du bist längst unterwegs, Lukas. Und du bist nicht allein.“ Der Controller lag still auf dem Couchtisch. Der Fernseher zeigte den Abspann des Spiels. Draußen hörte man das Zwitschern der Vögel. Und in Lukas' Herz – war es für einen Moment ruhig. 30. Mai – 15. Tag – Abend: Ein Abend, der mehr bedeutete Der Abend senkte sich langsam über Mainz. Die Sonne war gerade dabei, hinter den Häuserdächern zu verschwinden, als Lukas von seinem Vater plötzlich etwas hörte, womit er überhaupt nicht gerechnet hatte. „Komm, wir gehen heute mal in die Kneipe“, sagte der Vater in einem Ton, der weder fordernd noch aggressiv klang – sondern fast... versöhnlich. Lukas stutzte. „Mit dir?“ „Ja, und wenn dein Freund auch mitkommen will – von mir aus.“ Lukas war überrascht. So eine Einladung vom Vater war selten, fast nie passiert. Er drehte sich um und schaute Haaland an, der entspannt auf dem Sofa saß. „Willst du mitkommen?“, fragte Lukas vorsichtig. Haaland nickte sofort. „Na klar. Ein Bier kann nicht schaden.“ So machten sich die drei Männer am frühen Abend auf den Weg zur Kneipe um die Ecke. Die Sonne stand tief, die Luft war angenehm warm, ein leichter Wind wehte durch die Straßen. Lukas hatte ein leicht nervöses Kribbeln im Bauch – die Situation war ungewohnt, aber nicht unangenehm. In der Kneipe war es laut, aber nicht überfüllt. Der Wirt nickte freundlich, als er die drei eintreten sah. Sie setzten sich an einen der Ecktische, und der Vater bestellte für sich ein Helles. „Und du?“, fragte er seinen Sohn. Lukas überlegte. Dann sagte er mutig: „Ein Bier mit Alkohol. Und danach vielleicht ein leichtes.“ Der Vater runzelte leicht die Stirn, sagte aber nichts. Auch das war ungewöhnlich – sonst hätte er kommentiert, dass Lukas das „nicht verträgt“ oder „nicht braucht“. Heute aber war er still. Das erste Bier schmeckte bitter, aber gut. Lukas trank es langsam, spürte die leichte Wärme, die es in ihm auslöste. Währenddessen redeten sie über das letzte Bundesliga-Wochenende, über das spannende Relegationsspiel zwischen Elversberg und Heidenheim und sogar ein wenig über Fußball-Taktiken. Haaland brachte einige Anekdoten aus seiner aktiven Zeit ein – ohne Namen zu nennen, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken. Er erzählte von Teamgeist, von schwierigen Spielen, und davon, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der an einen glaubt. Der Vater nickte nur gelegentlich. Er war kein Mann vieler Worte, doch man merkte, dass er zuhörte. Lukas fühlte sich zum ersten Mal seit langem nicht als Belastung oder Außenseiter – sondern einfach als Sohn, als Mensch, der dazugehört. Nach dem zweiten Bier, einem milderen Radler, sagte Lukas schließlich: „Ich glaube, das reicht für heute.“ „Gute Entscheidung“, sagte Haaland mit einem Grinsen. Sie zahlten, verabschiedeten sich freundlich vom Wirt und machten sich auf den Heimweg. Es war bereits dunkel, aber die Straßen waren noch belebt. Lukas lief zwischen seinem Vater und dem Spieler. Er sagte nichts mehr – aber in ihm war ein Gefühl von Leichtigkeit, fast so, als hätte sich etwas gelöst.

Zuhause angekommen, wünschte der Vater ihnen beiden mit einem knappen Nicken „Gute Nacht“ und verschwand in sein Zimmer. Lukas schaute Haaland an. „Vielleicht war das heute ein Anfang“, sagte er leise. „Oder zumindest ein Moment, der bleibt.“ Der Spieler nickte. „Genau das zählt, Lukas. Genau das.“ 30. Mai – 15. Tag – Später Abend: Wärme, Sorge und ein kleiner Umweg Es war schon spät, fast Mitternacht, als Lukas noch einmal in die Küche ging. Die Ruhe im Haus war fast vollkommen – nur das leise Summen des Kühlschranks und das entfernte Klackern eines Autos auf der Straße waren zu hören. Lukas war noch leicht beschwipst vom Bier aus der Kneipe. Nicht betrunken – aber so, dass sich seine Bewegungen ein wenig langsamer und seine Gedanken weicher anfühlten. Er fühlte sich gleichzeitig mutig und müde. Und hungrig. „Ich mach mir noch 'ne Suppe“, murmelte er zu sich selbst. Aus dem Schrank nahm er eine Instant-Gemüsesuppe, füllte Wasser in einen kleinen Topf und stellte ihn auf den Herd. Die Hitze breitete sich langsam aus, und bald roch es angenehm nach Brühe und Gewürzen. Während er wartete, nahm er noch ein letztes Bier aus dem Kühlschrank – ein Schöfferhofer Weizen mit fruchtiger Note, das ihn schon beim Kauf angelacht hatte. Er öffnete es mit einem leisen Zisch und nahm einen tiefen Schluck. „Gar nicht schlecht“, sagte er in die Stille hinein. Doch als die Suppe endlich fertig war, passierte es: Beim Umfüllen in die Schüssel rutschte ihm der Topf leicht aus der Hand – nicht ganz, aber genug, dass die Hälfte der heißen Suppe über die Arbeitsplatte und auf den Boden lief. „Scheiße!“, fluchte Lukas und zuckte erschrocken zurück. Die heiße Flüssigkeit lief über den Boden, tropfte an den Schrank herunter, während der Löffel klirrend auf den Boden fiel. Im selben Moment tauchte Haaland in der Küchentür auf – offenbar war er durch den Lärm wach geworden. „Alles okay?“, fragte er besorgt und trat ein paar Schritte näher. Lukas stand mit roten Wangen da, den leeren Topf noch in der Hand, ein halbvolles Bier in der anderen. „Ich… ich hab nur die Suppe verschüttet. War ein bisschen… naja... zu langsam.“ Haaland sah sich die Sauerei an und ging wortlos in die Ecke, holte Küchentücher und half beim Aufwischen. „Ich mach das. Du setzt dich besser hin“, sagte er ruhig. Lukas protestierte erst, dann aber ließ er sich auf einen der Stühle sinken. „Ich wollte dir eigentlich auch eine machen…“ „Kein Problem“, sagte Haaland, während er weiterwischte. „Du brauchst dich nicht zu schämen. Passiert jedem mal – und du hattest heute auch einen langen Tag.“ Nachdem alles sauber war, machte Lukas sich noch eine kleine neue Portion – diesmal langsamer. Haaland blieb dabei, setzte sich ihm gegenüber und achtete darauf, dass Lukas sie ruhig und vorsichtig aß. Als Lukas fertig war, war es weit nach ein Uhr. „Na gut“, sagte Haaland und stand auf. „Jetzt aber ab ins Bett.“ Lukas nickte, sein Kopf etwas schwer vom Alkohol, aber sein Herz leicht. „Danke, dass du da bist.“ „Immer, Kumpel“, sagte der Spieler mit einem sanften Lächeln. Wenig später lagen beide in ihren Betten. Lukas drehte sich noch einmal auf die Seite, sah den Rollstuhl unter seinem Bett, ordentlich verstaut. Er atmete tief durch.

Es war ein chaotischer Tag gewesen – aber auch einer mit Nähe, Ehrlichkeit und kleinen Zeichen von Veränderung. Mit einem zufriedenen Seufzer schlief er ein. 31. Mai – 16. Tag – Vormittag: Suppe, Fragen und ein kleiner Kater Der Morgen brach mit sanftem Licht durch die Jalousien ins Zimmer des jungen Mannes. Es war später Vormittag, fast 10 Uhr, als Lukas langsam die Augen öffnete. Sein Kopf war leicht schwer, nicht schlimm, aber das Gefühl war da – das typische Nachglühen vom Vorabend. Er erinnerte sich an die Kneipe, an das zweite Bier zu Hause… und an die Suppe. Die Suppe. Langsam stand er auf, ging vorsichtig aus seinem Zimmer und tappte in die Küche, wo ihn direkt ein leicht säuerlicher Geruch empfing. Seine Mutter stand bereits dort, den Besen in der Hand. Der Boden glänzte noch feucht, und der Unterschrank war offen – ein Lappen hing halb darin. „Oh…“, murmelte Lukas betreten. Die Mutter sah zu ihm, hob eine Augenbraue, sagte aber nichts. Erst nach einem Moment meinte sie trocken: „Na, hattest du gestern einen guten Abend?“ Lukas kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Also… ich glaub, das Bier war ein bisschen mehr als gedacht.“ „Und die Suppe?“ fragte sie ruhig, aber mit einem kleinen Lächeln. „Hat sie dir wenigstens geschmeckt – oder wolltest du die ganze Küche damit teilen?“ Lukas schaute schuldbewusst auf die Schranktür, an der noch ein Spritzer klebte. „Ich… dachte, ich hab alles aufgewischt.“ „Nicht ganz. Der halbe Schrank war von innen voll. Aber keine Sorge, dein Mitbewohner war schneller beim Putzen als du mit der Suppe.“ Lukas grinste schwach. „Er ist halt ein echter Teamplayer.“ Seine Mutter stellte den Besen in die Ecke, machte sich einen Tee und reichte ihm wortlos einen warmen Kamillentee. „Und? Wie war’s eigentlich? So… betrunken zu sein?“ Lukas trank vorsichtig. „Komisch. Erst lustig. Dann langsam. Und dann… Suppe.“ Sie lachte leise. „Na dann, willkommen im Erwachsensein.“ Haaland kam in diesem Moment in die Küche, noch verschlafen, aber mit einem amüsierten Blick. „Na, Suppe-Meister. Alles klar heute?“ Lukas stöhnte gespielt. „Ich hab’s gelernt. Versprochen. Nie wieder kochen mit Bier in der Hand.“ Alle lachten – und in diesem Moment fühlte sich das Haus nicht mehr ganz so schwer an. Es war ein stiller, warmer Morgen, der trotz der Suppe ein Stück näher brachte – zueinander. 31. Mai – 16. Tag – Mittag: Staubsauger, Spülmaschine und Suppe überall Nachdem der Morgen bereits turbulent gewesen war, ging es am Mittag gleich weiter. Lukas war inzwischen wieder halbwegs fit, auch wenn der leichte Kater noch in seinen Knochen steckte. Er hatte sich nach dem Tee hingesetzt, tief durchgeatmet – und beschlossen: Heute wird aufgeräumt. Richtig. In der Küche lagen noch Reste vom Desaster der letzten Nacht. Die Suppe, die er im leicht angetrunkenen Zustand verschüttet hatte, hatte sich nicht nur auf den Boden ergossen – sondern war, wie sich jetzt herausstellte, auch zwischen den Unterschrank geronnen, auf den Sockel, unter die Kanten der Schränke und… …in den Staubsauger.

„Mama, ich glaub… ich hab die Nudeln gestern mit dem Staubsauger aufgesaugt“, meinte Lukas vorsichtig und blickte auf das Gerät, das mitten in der Küche stand. Es war ein altes Modell – und die Geräusche, die es am Morgen gemacht hatte, klangen nicht gesund. „Bitte was?“ fragte die Mutter mit halb entsetztem, halb genervtem Gesichtsausdruck. „Ich dachte, die Suppe geht mit dem Sauger schneller weg…“, erklärte Lukas kleinlaut, „aber die Nudeln… naja, die waren… irgendwie auch dabei.“ Seine Mutter rieb sich die Stirn. „Lukas, man saugt keine Suppe!“ Lukas blickte auf den Staubsauger, dann auf die Spülmaschine. „Wenn ich ihn da rein stell… wird er sauber?“ Die Mutter starrte ihn entgeistert an. „Du willst den Staubsauger in die Spülmaschine stellen?!“ Lukas nickte. „Nur den Schlauch. Vielleicht. Und das Rohr. Nicht das ganze Ding!“ Nach einer hitzigen Diskussion entschieden sie sich dafür, den Schlauch mit heißem Wasser auszuspülen – von Hand. Gemeinsam gingen sie den gesamten Küchenboden an. Sie rückten die Möbel zur Seite, wischten unter dem Schrank, nahmen die Leisten ab und fanden dort – zu ihrem Erstaunen – noch Reste von Nudeln, Lauch, Suppe und sogar ein einzelnes Salbeiblatt. „Du hast echt ein Talent, Dinge überall zu verteilen“, meinte die Mutter halb scherzhaft, während sie den Boden schrubbte. „Ist das ein verstecktes Kompliment?“ fragte Lukas mit einem schiefen Grinsen. „Eher ein besorgtes Lob, dass du’s überlebt hast.“ Haaland kam kurz in die Küche, sah das Chaos, hob die Hände und meinte nur trocken: „Ich helf besser später. Sonst saug ich auch noch Nudeln ein.“ Lukas lachte laut. Und seine Mutter konnte nicht anders, als ebenfalls zu schmunzeln. Gegen halb zwei glänzte der Boden wieder, der Schrank roch nach Zitrone und der Staubsaugerschlauch trocknete ordentlich auf einem Handtuch in der Sonne. Der junge Mann setzte sich mit einem erleichterten Seufzer an den Küchentisch. „Ich glaub, das war heute produktiver als jeder Samstag in der Schule.“ Seine Mutter nickte. „Und lehrreicher.“ Dann stießen sie mit zwei Gläsern Wasser an. Es war zwar kein Fest – aber ein kleiner Sieg über die Suppe. 31. Mai – 16. Tag – Abend: Champions-League-Finale – Erste Halbzeit und eine seltsame Stille Der Abend brachte für Lukas eine ganz besondere Stimmung. Die Küche war wieder sauber, der Staubsaugerschlauch trocknete draußen in der Abendsonne, und nach einem etwas chaotischen Start in den Tag war jetzt Ruhe eingekehrt. Gegen 20:30 Uhr setzten sich Lukas, seine Mutter und der Spieler – der wieder ein schlichtes T-Shirt und Jogginghose trug, ganz unauffällig wie immer – gemeinsam vor den Fernseher. Auf dem Plan stand das Champions-League-Finale: Paris Saint-Germain gegen Inter Mailand. Lukas hatte sich sogar einen kleinen Snack-Teller vorbereitet: ein paar Chips, ein Glas Cola, und für den Spieler hatte er wie immer auch eine kalte Apfelschorle bereitgestellt. Die Mutter trank einen milden Kamillentee. Die Stimmung war gespannt, aber ruhig. Das Spiel begann – und PSG legte los wie die Feuerwehr. In der 12. Minute fiel das 1:0 durch Achraf Hakimi. Er verwandelte eine Hereingabe von Mbappé eiskalt in die rechte Ecke – doch Hakimi jubelte nicht. „Komisch, dass er nicht jubelt“, murmelte Lukas. „Vielleicht wegen Respekt vor seinem alten Klub“, überlegte der Spieler.

Die Mutter verstand von Fußball wenig, aber sie lächelte interessiert. „Der war mal bei Inter?“ Lukas nickte. „Genau. Deswegen wohl.“ Doch es ging rasant weiter: In der 20. Minute war es der junge Malo Doué, der mit einem Distanzschuss von der Strafraumkante das 2:0 erzielte. „Wow“, entfuhr es Lukas. „So früh schon zwei Dinger drin.“ „Inter steht zu hoch“, analysierte der Spieler mit ruhiger Stimme, „die lassen zu viel Platz für PSG.“ Die Mutter sah Lukas an. „Willst du, dass Inter gewinnt?“ Lukas zuckte mit den Schultern. „Nicht unbedingt. Aber spannend wär schön. So sieht’s ja schon entschieden aus.“ Dann wurde es immer ruhiger im Wohnzimmer. Die Stimmung wurde nicht schlecht – aber… etwas gedrückt. Vielleicht war es die Müdigkeit des Tages, vielleicht das Gefühl, dass das Finale schon früh entschieden sein könnte. In der Halbzeit sah Lukas seine Mutter an. „Wollen wir’s ausmachen?“ Sie nickte. Auch der Spieler sagte: „Können wir. Wenn du willst.“ Lukas griff zur Fernbedienung, drückte auf „Aus“ – und plötzlich war es still. Kein Stadionlärm mehr. Kein Kommentator. Nur das Ticken der Küchenuhr im Hintergrund. Sie saßen noch einen Moment so da. Dann stand die Mutter auf, gähnte und meinte: „Ich mach uns noch einen kleinen Abendtee.“ Der Spieler nickte dankbar. „Gute Idee.“ Lukas schaute nochmal kurz aufs Handy – las ein paar Nachrichten über das Spiel – und steckte es dann weg. „Vielleicht war's ja besser so. Morgen ist auch noch ein Tag.“ Sie tranken noch gemeinsam ihren Tee, redeten über andere Dinge – nicht über Fußball – und dann gingen alle schlafen. Ein ruhiger Abschluss für einen eigentlich chaotischen Tag. Doch genau das brauchte Lukas. Ein Moment der Normalität. 31. Mai – 16. Tag – Später Abend: Kein Fußball mehr – nur noch ein Filmabend mit Herz Nachdem die erste Halbzeit des Champions-League-Finales vorbei war und Lukas den Fernseher ausgeschaltet hatte, saßen sie noch ein paar Minuten still da – der junge Mann, seine Mutter und der Spieler, der längst nicht mehr wie ein Weltstar wirkte, sondern wie ein ruhiger Freund, der einfach dazugehört. Die Mutter stand auf, räumte leise die Tassen vom Abendtee in die Küche, während Lukas sich noch auf dem Sofa räkelte. Der Spieler blickte zu ihm. „Willst du echt nicht wissen, wie’s ausgeht?“, fragte er mit einem kleinen Grinsen. Lukas schüttelte entschieden den Kopf. „Nein. Heute nicht. Ich hab genug vom Druck und Gewinnen-Müssen. Ich will lieber was Leichtes. Was Schönes.“ Die Mutter kam zurück. „Ich hab noch einen Film gefunden auf dem Streamingdienst – eine kleine Komödie mit einem Hund. Wollen wir zusammen schauen?“ Lukas nickte sofort. „Unbedingt.“ Der Spieler zuckte kurz mit den Schultern – aber sein Lächeln verriet, dass auch er sich auf eine Pause freute. „Solange der Hund nicht stirbt am Ende.“ Sie lachten alle leise. Der Film begann.

Er handelte von einem jungen Golden Retriever, der in einer kleinen Stadt für Chaos sorgt, weil er sich in jedes fremde Haus reinschleicht und dort Dinge stiehlt – von Socken über Bananen bis hin zu Zeitungen. Doch statt Ärger bringt der Hund die Nachbarn einander näher, denn sie lernen sich über das gemeinsame „Opfersein“ kennen – und fangen an, miteinander zu reden, sich zu helfen, Freundschaften zu schließen. Lukas hatte sich eine Decke über die Beine gelegt, lehnte sich leicht an den Spieler an, der mit verschränkten Armen auf dem Sofa saß, aber deutlich entspannter als sonst war. Die Mutter saß auf dem Sessel daneben, strickte nebenbei, aber lachte immer wieder über die tollpatschigen Szenen des Films. „So ein Hund würde mir auch gefallen“, flüsterte Lukas leise in den Raum. „Oder wir holen einfach einen Rollstuhl, der selbstständig Socken sammelt“, meinte der Spieler trocken – alle lachten. Die Stunde verging wie im Flug. Am Ende des Films legte sich eine warme Stimmung über das Wohnzimmer. Der Hund im Film wurde adoptiert. Die Nachbarn feierten ein gemeinsames Fest. Und Lukas? Der schaute aus dem Fenster und dachte: „So fühlt sich Familie an. Nicht perfekt, aber genau richtig.“ Sie räumten noch leise zusammen auf, die Mutter stellte für jeden noch ein Glas Wasser bereit, und dann verabschiedeten sie sich – mit kurzen, ruhigen Worten – in ihre Zimmer. Kein Fußball heute mehr. Nur ein bisschen Frieden. Und ein kleiner, tapferer Hund im Herzen. 31. Mai – Nacht – Ein Ausbruch unter den Sternen Es war längst Nacht geworden, als das Haus wieder still lag. Die Fenster waren geöffnet, die warme Frühlingsluft zog in die Zimmer. Lukas hatte sich bereits hingelegt, sein Kopf ruhte auf dem Kissen, die Decke bis zum Kinn hochgezogen. Er war nicht ganz müde, aber auch nicht mehr wach genug, um noch lange zu lesen oder zu denken. Der Film vom Abend hatte ihn beruhigt – aber das Gefühl, dass da noch etwas in der Luft lag, ließ ihn nicht ganz zur Ruhe kommen. Im Nebenzimmer hörte er leise Schritte. Die Tür des Elternschlafzimmers schloss sich mit einem dumpfen Klick. Und dann – wie so oft in letzter Zeit – eine leise Stimme: die seiner Mutter. „Weißt du, ich bin wirklich enttäuscht. Du hättest ihm wenigstens zum Geburtstag gratulieren können. Oder einfach singen. Es geht nicht um dich, es geht um deinen Sohn.“ Stille. Dann, gedämpft, aber hart: „Ich... Ich weiß.“ Doch diesmal folgte kein Streit, keine Wut. Nur Schritte. Und dann: das leise Öffnen der Haustür. Lukas richtete sich langsam auf, sein Herz klopfte schneller. Er hörte, wie jemand hinausging. Er trat an das Fenster, schob den Vorhang ein Stück zur Seite. Die Nacht war dunkel, nur das fahle Licht einer Straßenlaterne tauchte die Straße in silbriges Grau. Draußen stand sein Vater. Barfuß auf dem Pflaster. Die Arme hingen herab. Dann hob er den Kopf, schloss die Augen und... schrie. „Ich bin ein Tyrann!“ hallte es durch die Straße. „Ich bin ein verdammtes Arschloch! Das größte auf der ganzen Welt!“ Lukas zuckte zusammen. Im Nachbarhaus ging ein Licht an. Ein Hund bellte. Irgendwo schloss jemand ein Fenster. Doch sein Vater stand einfach da, die Fäuste geballt, zitternd, als würde er gegen einen unsichtbaren Feind kämpfen – gegen sich selbst. Nach einer langen Minute sank er auf die Knie, der Kopf zwischen den Schultern, und er atmete schwer. Kein zweiter Schrei folgte. Die Mutter war inzwischen ebenfalls ans Fenster getreten, sah ihren Mann dort draußen. Sie sagte kein Wort. Auch Lukas sagte nichts. Es war ein Moment, in dem niemand mehr recht

wusste, was richtig war – nur dass irgendetwas kaputt war, was früher einmal Familie genannt wurde. Wenig später kam der Vater wieder ins Haus. Er sagte nichts. Er ging direkt ins Schlafzimmer, legte sich wortlos hin. Die Tür blieb einen Spalt offen. Und obwohl er nichts sagte – obwohl keine Entschuldigung fiel – klang sein Schrei noch lange in Lukas’ Gedanken nach. „Ich bin ein Tyrann...“ Aber vielleicht – ganz tief darin – war es auch der erste Schritt, das nicht mehr zu sein. 1. Juni – Morgen des 17. Tages – Der stille Bruch Der neue Tag begann mit Sonnenschein, doch Lukas spürte schon beim Aufwachen, dass etwas in ihm anders war. Nicht nur, weil es früher Morgen war, oder weil die Vögel ungewöhnlich laut zwitscherten. Es war diese Leere im Raum – eine Stille, die nicht beruhigte, sondern spannte. Er drehte sich auf die Seite, sah den warmen Lichtschein durch die Gardinen flackern, und seine Gedanken kehrten zurück zur Nacht davor. Zur Stimme. Zum Schrei. „Ich bin ein Tyrann! Ich bin ein verdammtes Arschloch!“ Aber was dann? Nichts. Kein Wort. Keine Veränderung. Kein Blick. Lukas zog sich die Decke weg, setzte sich auf. Sein Herz war schwer. Nicht wegen des Schreis – sondern wegen der Erkenntnis. Es war kein Ausbruch aus Schuld. Es war ein Ausbruch aus Wut. Nicht Reue, sondern Trotz. Keine Entschuldigung – sondern der Versuch, durch Drama davon abzulenken, dass er es wieder tun würde. Dass er sich nicht ändern wollte. Lukas wusste es jetzt. Sein Vater meinte es nicht gut. Nicht mit ihm, nicht mit der Mutter, vielleicht nicht einmal mit sich selbst. Er ging ins Bad, wusch sich das Gesicht, und sah sich lange im Spiegel an. Die dunklen Schatten unter seinen Augen, das angespannte Kinn – alles war ein Spiegel seiner inneren Anspannung. Doch in seinen Augen lag kein Zweifel mehr. Beim Frühstück war der Vater schon wach. Er saß am Tisch, las die Zeitung, trank seinen Kaffee. Als wäre nie etwas gewesen. Kein Wutanfall. Kein zerrissenes Geld. Kein ignorierter Geburtstag. Kein nächtlicher Schrei auf offener Straße. „Morgen“, sagte er beiläufig, ohne aufzusehen. Lukas stand da, sah ihn an, und spürte, wie es ihn innerlich zerriss. Am liebsten hätte er geschrien. Gefragt: Warum bist du so? Warum hasst du mich? Warum kannst du nicht einfach ein Vater sein, der da ist? Aber er sagte nichts. Er schluckte die Fragen hinunter wie bittere Medizin. „Morgen“, sagte Lukas leise, drehte sich um und holte sich still seinen Tee. Der Spieler kam später dazu, begrüßte beide freundlich, spürte aber sofort, dass die Luft schwer war. Lukas sah ihm kurz in die Augen. Sie verstanden sich wortlos. Und doch wusste der Spieler: Heute hatte Lukas etwas erkannt. Etwas, das ihn verändern würde. Vielleicht nicht sofort. Aber tief in ihm war ein Entschluss gewachsen. Er würde sich nicht mehr blenden lassen. Nicht von einem falschen Lächeln. Nicht von einem Vater, der so tat, als wäre nichts gewesen. Die Fassade war gefallen. Lukas konnte den Schmerz nicht vergessen – und auch nicht vergeben. Noch nicht. 1. Juni – 17. Tag – später Vormittag: Ein zerknitterter Stoff und giftige Worte Die Nacht lag Lukas noch in den Knochen, als ein leises Klopfen an der Tür ihn in den Morgen holte. „Zeit zum Aufstehen, Schatz. Ich brauch gleich den Wäscheständer.“ Die Stimme seiner Mutter klang angestrengt, nicht zornig – eher erschöpft.

Lukas blinzelte ins gedimmte Licht, richtete sich auf und sah durch den Türspalt, wie seine Mutter gerade den Deckel der Waschmaschine öffnete. Im Arm hielt sie einen Stapel T-Shirts, Socken und sein rot-weißes Mainz-05-Trikot – das gute, das er seit Jahren wie einen Schatz hütete. Sie kontrollierte schnell die Zettel: „Handtücher in den Trockner … Feinwäsche hänge ich auf …“ Doch als sie die Waschküche betrat, blieb sie abrupt stehen: Die Trommel des Wäschetrockners lief bereits, und darin wirbelte – zusammen mit Bettlaken und Jeans – all das, was unter gar keinen Umständen hinein sollte. Lukas hörte das unverkennbare Klönk der Metallknöpfe seines Trikots. Er zog rasch eine Jogginghose an und eilte hinüber. Seine Mutter hatte den Trockner bereits gestoppt und fischte hektisch die Kleidung heraus. Da war es: HIS Trikot. Schrumpelig, das Polyester vom heißen Luftstrom leicht gewellt – und was noch schlimmer war: Der flexible Sponsorenschriftzug war verschmiert, das Vereinslogo verzogen. Lukas’ Herz rutschte in die Tiefe. Er sah seine Mutter an; ihr Blick war blankes Entsetzen. „Er hat alles reingeschmissen. Alles, Lukas!“ Wütend stapfte sie zur Wohnzimmertür und rief nach draußen, wo der Vater Zeitung las: „Ich habe DIR gestern noch gesagt, NICHTS davon in den Trockner!“ Ein knappes, abwehrendes „War doch nur Wäsche!“ kam zurück. Mehr nicht. Zwanzig Minuten später Lukas saß blass an der Küchentheke und betrachtete sein verunstaltetes Leibstück, als der Vater in der Tür auftauchte. Er hielt ein gefaltetes Bündel Scheine – fünfzig Euro – zwischen Zeige- und Mittelfinger, als sei es ein benutztes Tempotaschentuch. Er warf es vor Lukas auf die Arbeitsplatte; der Schein rutschte über das blanke Holz. „Da. Kauf dir ein neues. Passt ja – Prinzchen braucht schließlich immer alles neu“, knurrte er mit einem höhnischen Ziehen in den Mundwinkeln. Das Prinzipzchen schmeckte bitter in der Luft. Lukas’ Magen krampfte kurz. Seine Finger zitterten, als er den scheinbar achtlos hingeworfenen Fünfziger nahm. Ein Teil von ihm wollte das Geld zurückwerfen, ein anderer Teil war einfach nur müde. Er hob den Blick nicht, sondern presste die Lippen zusammen, steckte den Schein langsam in die Hosentasche und murmelte nur: „Okay.“ Der Vater wartete einen Herzschlag lang, als erwarte er Widerworte – doch Lukas blieb still. Schließlich drehte er sich um und verließ die Küche. Kein Türknall diesmal, aber die Stille war nicht weniger schwer. Nachklang Lukas strich mit dem Daumen über das beschädigte Logo, das sich nun rau anfühlte. Seine Mutter schüttelte leise den Kopf, legte eine Hand auf seine Schulter. „Es tut mir leid, Schatz.“ Lukas atmete einmal tief ein. „Vielleicht… behalt ich’s. So, wie es ist. Dann weiß ich wenigstens, warum ich irgendwann nicht mehr schweige.“ Er faltete das Trikot sorgfältig zusammen. Der Fünfziger in seiner Tasche wog schwerer als jede Münze – nicht wegen des Werts, sondern wegen all dessen, was damit ungesagt geblieben war. 1. Juni – 17. Tag – Mittag: Zwischen Wert und Würde

Die Sonne stand bereits hoch über Mainz, als Lukas und der Spieler, den er schon längst als echten Freund betrachtete, am Küchentisch saßen. Auf dem Tisch lag ein einfaches Mittagessen: ein belegtes Brötchen, ein Becher Apfelsaft und zwei dampfende Tassen Tee. Der Morgen hing Lukas noch schwer auf der Seele – oder besser gesagt: das Geld. Er hatte es angenommen. Den Fünfziger. Und je länger er darüber nachdachte, desto unwohler wurde ihm. Der Spieler biss gerade in sein Brötchen, als Lukas die Frage vorsichtig aussprach, fast, als wollte er sie in den Dampf des Tees hineinflüstern: „Findest du… es war richtig, dass ich das Geld von ihm genommen habe?“ Der Spieler sah sofort auf. Er kaute zu Ende, legte das Brötchen beiseite und nahm sich die Zeit, die Lukas’ Frage verdiente. „Du meinst wegen dem Trikot?“ Lukas nickte. „Ja. Ich mein… er hat’s kaputtgemacht. Und dann gibt er mir einfach das Geld. Aber… nicht weil er’s wirklich bereut hat. Sondern mehr so… als wär’s ihm egal. Und dann dieser Spruch… 'Prinzchen'. Ich fühl mich irgendwie… gekauft.“ Der Spieler lehnte sich zurück, legte die Hände ineinander und dachte einen Moment lang nach. Dann sagte er ruhig: „Weißt du, Lukas… Es ist nicht falsch, etwas anzunehmen, das dir zusteht. Du hast nichts verlangt. Du hast keinen Streit angefangen. Du hast nur… geschwiegen. Und das Geld ist keine Belohnung – es ist, wenn überhaupt, ein Bruchstück von dem, was er hätte anders machen müssen.“ Lukas sah ihn fragend an. „Aber ich verstehe, warum du dich unwohl fühlst“, fuhr der Spieler fort. „Weil das, was dir wehgetan hat, war nicht das Trikot. Es war sein Verhalten. Die Respektlosigkeit. Die Kälte. Und dafür gibt’s kein Geld, das das repariert. Du hast das Geld angenommen – vielleicht weil du dachtest, das wäre ein kleiner Ausgleich. Aber… das ist kein Zeichen von Schwäche. Manchmal nimmt man Dinge an, obwohl sie sich nicht gut anfühlen. Weil man sich selbst schützen muss.“ Lukas schwieg lange. Dann sagte er leise: „Ich wollte eigentlich nur, dass er mal sagt: ‚Es tut mir leid.‘ So richtig.“ „Ich weiß“, sagte der Spieler sanft. „Und das wirst du vielleicht nie hören. Aber du hast heute schon viel mehr Größe gezeigt als er. Und du musst dich für nichts schämen. Nicht für dein Schweigen. Nicht fürs Annehmen. Und ganz sicher nicht für deinen Wunsch nach Gerechtigkeit.“ Lukas nickte langsam. Er trank einen Schluck Tee. „Vielleicht kauf ich das neue Trikot. Aber ich heb das alte trotzdem auf.“ „Das ist eine gute Idee“, sagte der Spieler. „Damit du dich erinnerst, worauf es im Leben wirklich ankommt: auf Haltung. Und die hast du – auch ohne Applaus.“ Sie saßen noch eine Weile schweigend da. Draußen spielten Kinder auf der Straße. In Lukas’ Brust pochte noch der Knoten aus Wut, Trauer und Enttäuschung – aber mit jedem Satz des Spielers war er ein Stück kleiner geworden. 1. Juni – 17. Tag – Nachmittag: Der Staubsauger und das Schweigen Nachdem Lukas mit dem Spieler gesprochen hatte, fühlte er sich innerlich etwas ruhiger. Die Worte hatten gutgetan. Auch wenn sein Herz noch nicht ganz leicht war, hatte sich in ihm etwas sortiert. Nun knurrte sein Magen – das Frühstück war lange her und das Mittagessen hatte er wegen des Gesprächs stehen lassen. Die Küche war leer. Auf dem Tisch lag noch immer das belegte Brötchen. Lukas nahm es in die Hand, betrachtete es einen Moment, und dann stellte er es wieder zurück. „Erst reden“, sagte er sich. „Dann essen.“

Er ging den Flur entlang zur Wohnzimmertür, wo seine Mutter gerade saß und eine Tasse Tee trank. Sie wirkte müde, aber ihr Blick wurde weich, als sie Lukas sah. „Was ist los, mein Schatz?“ fragte sie sanft. Lukas trat näher und sagte: „Ich wollte nur… danke sagen. Für heute Morgen. Für die Tasse. Und… für alles andere auch.“ Sie streichelte ihm über den Arm. „Das war doch selbstverständlich. Du bist mein Sohn.“ Sie schwiegen kurz. Lukas wollte gerade etwas sagen – vielleicht etwas über den Vater, vielleicht über das Trikot, vielleicht über seine Gefühle – als plötzlich aus dem Flur das monotone Brummen des Staubsaugers ertönte. Lukas seufzte. „Wirklich jetzt?“ Er trat aus dem Wohnzimmer, just in dem Moment, als sein Vater aus dem Schlafzimmer kam und – wie ferngesteuert – den Staubsauger angeschaltet hatte. Mit einem starren, beinahe trotzig wirkenden Blick zog er das Gerät in die Mitte des Flurs, genau dorthin, wo Lukas gerade vorbeigehen wollte, um zur Toilette zu gehen. Lukas versuchte, nichts zu sagen. Er biss sich auf die Lippen, hob die Schultern leicht und wollte einfach nur durch. Doch als er direkt an seinem Vater vorbeiging, passierte es. Mit einer ruckartigen Bewegung ließ der Vater den Staubsauger fallen – nicht zufällig, sondern mit Absicht. Ein lautes KLONG hallte durch den Flur, als das Gerät auf den Boden krachte. Das Plastik vibrierte, der Schlauch zuckte kurz. Lukas blieb stehen. Seine Augen weiteten sich. Der Vater sah ihn nicht an. Kein Wort. Kein Blick. Nur dieses laute, bedrohliche Knallen, das wie ein unausgesprochener Wutausbruch im Raum hing. Im Wohnzimmer war es plötzlich still. Die Mutter hatte es gehört. Auch der Spieler, der gerade aus Lukas’ Zimmer kam, war erstarrt. Lukas’ Herz raste. Nicht aus Angst, sondern vor innerem Aufruhr. Doch er sagte nichts. Kein einziges Wort. Er ging an dem umgekippten Staubsauger vorbei und schloss leise die Toilettentür hinter sich. Drinnen atmete er tief durch. Warum immer dieser eine Moment? Warum kann nicht einfach mal Frieden sein? Er stützte sich am Waschbecken ab. Sah sich im Spiegel an. Dann spülte er sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Als er zurückkam, war der Staubsauger nicht mehr da – der Vater hatte ihn offenbar in ein Zimmer gezogen. Die Luft war dick, wie nach einem Streit, den niemand wirklich ausgesprochen hatte. Lukas ging wortlos in die Küche, nahm das Brötchen, setzte sich an den Tisch und begann zu essen. Der Spieler setzte sich ihm gegenüber, reichte ihm still den Tee, den Lukas vorher abgestellt hatte. Keiner von beiden sprach ein Wort. Doch zwischen ihnen war ein stilles Einverständnis: Manche Kämpfe muss man nicht mit Schreien gewinnen – manchmal reicht es, einfach sitzenzubleiben und weiterzuatmen. 1. Juni – 17. Tag – Später Nachmittag: Zurück ins Spiel Nach dem seltsamen Vorfall mit dem Staubsauger und der schweigsamen Spannung im Haus hatte Lukas sich eine Weile zurückgezogen. Er hatte das Brötchen gegessen, dazu noch einen zweiten Tee getrunken, und dann war er schweigend mit dem Spieler – Haaland, der in dieser Geschichte als sein getarnter Begleiter bei ihm lebte – in sein Zimmer gegangen. Die Sonne stand schräg über Mainz, als sich die beiden wortlos vor die PlayStation setzten. „Wollen wir wieder FIFA spielen?“ fragte Lukas schließlich mit leiser Stimme. Haaland lächelte schief. „Ich dachte schon, du fragst nie.“

Lukas schob den Controller in seine Richtung. „Heute du gegen mich. Und zwar richtig. Keine Gnade.“ „Deal“, sagte Haaland grinsend. „Aber ich warne dich – ich habe gestern Abend in Gedanken Taktiken durchgegangen.“ „Du hast FIFA-Taktiken im Kopf beim Einschlafen?“ Lukas grinste zum ersten Mal seit dem Vormittag wieder. „Du brauchst echt ein neues Hobby.“ Das Spiel begann – diesmal mit gemischten Teams: Lukas nahm Real Madrid, Haaland überraschend Tottenham Hotspur. Schon nach wenigen Minuten war klar: Heute würde es ernst. Lukas spielte konzentrierter als sonst. Die Situation mit seinem Vater, das schiefe Gleichgewicht im Haus – all das entlud sich in schnellen Pässen, präzisen Schüssen und waghalsigen Grätschen. Haaland hingegen spielte ruhig, überlegt, fast wie ein echter Trainer, der jeden Zug drei Sekunden vorausdachte. „Du hast gelernt, Junge“, murmelte Haaland nach einem schön kombinierten Angriff von Lukas. „Aber das reicht nicht gegen Kane.“ „Kane ist alt. Ich bin jung und hungrig“, feuerte Lukas zurück – und traf prompt zum 1:0 mit Vinícius Jr. „Touché.“ Die beiden lachten. Für einen Moment war alles andere vergessen. Die Geräusche aus dem Flur, die Spannung im Haus, die Fragen im Kopf – all das wurde vom Kommentator im Spiel übertönt. Nach dem zweiten Spiel – das Haaland mit einem Last-Minute-Tor für sich entschied – lehnte sich Lukas zurück und seufzte. „Weißt du“, sagte er, „manchmal ist FIFA besser als Therapie.“ „Du brauchst aber beides“, antwortete Haaland ehrlich, aber sanft. Lukas nickte langsam. Dann schaute er zu seinem Controller. „Wollen wir noch ein Spiel?“ „Nur wenn du dich traust“, sagte Haaland mit einem Zwinkern. Lukas grinste. „Nur wenn du bereit bist, zu verlieren.“ Und so begann Runde drei – diesmal mit Mainz 05 gegen Manchester City. Es war nicht nur ein Spiel. Es war ein Moment von Kontrolle, von Freiheit, von Ausgleich – in einem Tag voller Unruhe. Und genau das brauchte Lukas jetzt. 1. Juni – 17. Tag – Abend: Der Anruf aus dem Nichts Es war bereits dunkel geworden in Mainz. Lukas hatte nach der intensiven FIFA-Session mit Haaland noch eine Kleinigkeit gegessen – ein Käsebrötchen mit ein paar Gurkenscheiben – und überlegte, ob er den Abend ruhig ausklingen lassen sollte. Die Stimmung im Haus war noch immer angespannt, aber immerhin hatte er sich heute für einige Stunden ablenken können. Er saß gerade mit Haaland im Wohnzimmer, beide hatten sich jeweils ein Glas Apfelschorle eingeschenkt und schauten halbherzig eine Doku über europäische Nationalmannschaften, als plötzlich sein Handy vibrierte. „Unbekannter Anrufer – 0800...“ Lukas runzelte die Stirn. „Komisch. Die Nummer kenn ich nicht.“ Haaland warf ihm einen Seitenblick zu. „Geh ran. Kann ja wichtig sein.“ Lukas zögerte kurz, dann nahm er ab. „Hallo?“ sagte er vorsichtig. Eine professionelle Frauenstimme erklang: „Guten Abend, Herr Zimmermann. Hier ist der Sicherheitsdienst von American Express. Wir möchten Sie informieren, dass ein Anmeldeversuch mit Ihrer Kreditkartennummer registriert

wurde. Können Sie kurz bestätigen, ob Sie kürzlich online ein Benutzerkonto bei einer Firma namens 'XPay Delivery NL' eröffnet haben?“ Lukas’ Herz machte einen Satz. „Was?! Nein! Ich kenn das nicht mal.“ „Gut, dann haben wir alles, was wir wissen müssen. Der Versuch wurde automatisch blockiert. Zu Ihrer Sicherheit wird Ihre aktuelle Karte sofort deaktiviert. Sie erhalten in den nächsten Tagen eine neue Karte per Post. Wir bitten Sie zudem, keine verdächtigen Links zu öffnen und Ihr Onlinebanking-Passwort zu aktualisieren.“ Lukas starrte ins Leere. „Ich... äh... okay. Danke. Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen?“ „Nein, das war’s. Bleiben Sie wachsam. Einen schönen Abend noch.“ Klick. Langsam ließ er das Handy sinken. „Was war das?“ fragte Haaland sofort. „Amex“, antwortete Lukas. „Jemand hat versucht, mit meiner Karte ein Konto zu eröffnen. Irgendein komischer Anbieter aus Holland oder so.“ Haaland verzog das Gesicht. „Phishing oder Datenklau. Ist dir sowas schon mal passiert?“ Lukas schüttelte den Kopf. „Nie. Ich pass eigentlich gut auf. Aber ich hab neulich mal auf so eine Fake-Mail fast geklickt... vielleicht kam’s daher.“ „Gut, dass du’s nicht gemacht hast.“ Lukas nickte. „Zum Glück war es echt Amex am Telefon. Ich hätte es sonst für Spam gehalten.“ Haaland stand auf. „Komm, wir schauen uns mal deine letzten Käufe auf dem Konto an – sicher ist sicher.“ Zusammen setzten sie sich an Lukas’ Laptop. Haaland erklärte ihm geduldig, worauf man achten muss: doppelte Abbuchungen, Mini-Beträge von unbekannten Firmen, verdächtige Gerätezugriffe. „Du wirst morgen gleich das Passwort ändern. Und wenn die neue Karte kommt, scann den Code nicht direkt mit dem Handy – besser manuell eingeben“, riet Haaland. Lukas nickte. „Danke… dass du mir hilfst. Ich fühl mich bei sowas immer überfordert.“ „Dafür bin ich da“, antwortete Haaland ruhig. Als sie später am Abend wieder zur Ruhe kamen, tranken sie gemeinsam noch einen Kamillentee. Lukas blickte noch einmal auf das gesperrte Kartenkonto und sagte leise: „Schon verrückt, wie schnell sowas passieren kann.“ „Deshalb ist’s gut, wenn man jemanden an seiner Seite hat“, sagte Haaland. Lukas lächelte. „Ich bin froh, dass du noch hier bist.“ „Ich auch“, sagte Haaland. „Und morgen holen wir dir ein Passwort-Manager-Programm.“ Dann gingen sie schlafen – etwas vorsichtiger, aber auch ein kleines Stück sicherer. 1. Juni – 17. Tag – Später Abend: Ein letzter ruhiger Moment Nach dem Stress rund um den Kreditkartenbetrug, der durch den rechtzeitigen Anruf von American Express zum Glück keinen Schaden angerichtet hatte, sehnte sich Lukas nach etwas Ablenkung. Seine Mutter war inzwischen von ihrer Runde im Garten hereingekommen und hatte vorgeschlagen, gemeinsam einen gemütlichen Filmabend zu machen. „Wie wär’s mit etwas Leichtem, was zum Lachen oder fürs Herz?“ fragte sie und warf Haaland einen Blick zu. „Ich hätte nix gegen einen Klassiker – vielleicht Forrest Gump?“ schlug Haaland vor. Lukas nickte langsam. „Ja, den kenn ich, aber ich hab ihn nie ganz zu Ende gesehen. Immer nur Teile im Fernsehen.“ Also machten sie es sich auf dem Sofa bequem. Seine Mutter holte noch eine Decke aus dem Schlafzimmer, Haaland schnappte sich drei Tassen Tee aus der Küche – Kamille für sich, Früchtetee für Lukas, Pfefferminz für die Mutter – und Lukas setzte sich in die Mitte.

Der Film begann. Die Szenen, in denen Forrest durch seine Ehrlichkeit und Naivität immer wieder zu großen Erfolgen kam, berührten alle drei auf ihre eigene Weise. Besonders die Momente, in denen Forrest seiner Mutter oder Jenny gegenüber seine Gefühle zeigte, rührten Lukas tief. Immer wieder warf er Haaland oder seiner Mutter kleine Blicke zu – dankbar, dass sie da waren. Die Stimmung war ruhig, entspannt. Es war, als hätte der Tag trotz allem einen guten Abschluss gefunden. Gegen halb zwölf war der Film zu Ende. Die Mutter gähnte. „So… das war schön. Ich geh jetzt schlafen.“ Lukas stand ebenfalls langsam auf. „Ich auch. Morgen wird’s wieder ein langer Tag.“ Haaland nickte, streckte sich. „Ich bring noch die Tassen zurück in die Küche.“ „Danke, Erling“, sagte die Mutter lächelnd. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer. Lukas blieb noch kurz im Wohnzimmer stehen und blickte zum Fenster hinaus. Draußen war es still. Nur das schwache Summen der Straßenlaternen und das Rauschen des Windes in den Bäumen war zu hören. Haaland kam zurück, klopfte ihm auf die Schulter. „Alles gut?“ „Ja“, flüsterte Lukas. „Danke für heute. Es war viel… aber der Abend war schön.“ „Fand ich auch. Schlaf gut, Lukas.“ „Du auch, Erling.“ Beide gingen in ihre Zimmer. Lukas legte sich ins Bett, sein Rollstuhl sicher neben ihm abgestellt. In der Nacht drehte er sich noch einmal zur Wand, zog die Decke bis ans Kinn und dachte mit einem leichten Lächeln an die letzten Filmszenen. Dann fiel er in einen tiefen, friedlichen Schlaf. 2. Juni – 18. Tag – Früher Nachmittag: Verschlafene Gesichter und eine genervte Mutter Es war bereits 12:34 Uhr, als Lukas langsam die Augen aufschlug. Sonnenstrahlen fielen schräg durch das Fenster, und obwohl sein Wecker leise vor sich hin vibrierte, hatte er ihn komplett überhört. Auch Haaland schlief noch tief auf der Gästematratze, eine Bettdecke halb über dem Kopf, halb auf dem Boden. Lukas rieb sich mühsam den Schlaf aus den Augen, sein Körper fühlte sich schwer an. Der Filmabend, der Tee und die Gespräche hatten ihm gutgetan, aber die letzten Wochen und Tage hatten ihn viel Energie gekostet. Auch Haaland, obwohl körperlich fit wie immer, schien die emotionale Last und der Tagesrhythmus der Familie mehr zu fordern, als er sich eingestehen wollte. Noch im Halbschlaf stand Lukas auf, rollte leise mit seinem Stuhl Richtung Bad – da hörte er bereits das vertraute Geräusch der Wohnungstür, die aufflog, begleitet von Schritten und… dem typischen Seufzen seiner Mutter. „Wirklich jetzt?!“, rief sie genervt, als sie in die Küche trat und sah, dass der Frühstückstisch immer noch genauso aussah wie am Vorabend – leer und unberührt. „Lukas? Du schläfst noch? Es ist gleich eins! Und ihr habt gestern nicht mal die Tassen weggeräumt!“ Lukas kam verschlafen ins Wohnzimmer gerollt. „Mama… sorry… es war spät gestern. Wir waren müde.“ „Müde? Weißt du, was ich heute schon alles erledigt habe, während du hier schnarchst?“ Ihre Stimme war nicht wütend, aber deutlich angespannt. „Ich hab gewaschen, eingekauft, bei der Apotheke das Rezept für deine Medikamente geholt und war noch kurz bei der Tante. Und du schläfst einfach weiter.“ Da kam Haaland verschlafen aus dem Gästezimmer, die Haare wild, das Shirt zerknittert. „Guten… äh… Mittag.“ Er versuchte zu lächeln, doch es wurde eher ein zerknittertes Grinsen.

„Ach, und du auch noch“, sagte sie mit hochgezogener Augenbraue, diesmal schon etwas milder. „Ihr zwei habt euch wohl einen eigenen Biorhythmus geschaffen?“ Lukas sah zu Haaland, dann wieder zur Mutter. „Tut mir leid. Ich weiß, du hast viel zu tun. Wir machen gleich Frühstück – äh, Mittagessen.“ „Na hoffentlich“, murmelte sie, „ich hab nämlich nichts gekocht. Ich dachte, ihr zwei schafft das heute mal allein.“ Haaland hob leicht die Hand. „Dann machen wir was. Ich schneid Gemüse, Lukas schmeißt den Herd an. In Ordnung?“ Sie seufzte, doch man merkte, dass sie sich langsam beruhigte. „Okay. Und nach dem Essen räumt ihr bitte endlich mal euer Zeug weg. Ich will wenigstens einmal am Tag nicht durch euer Chaos stolpern.“ „Abgemacht“, sagte Lukas kleinlaut und drehte sich zum Kühlschrank. Haaland ging zur Spüle und fing an, Wasser für Nudeln aufzusetzen. Gemeinsam fingen sie an, sich aus dem Mittagsloch zu befreien. Während in der Pfanne das Gemüse brutzelte, war die Stimmung schon wieder lockerer. Die Mutter schmunzelte von der Seite, als sie sah, wie Haaland versuchte, Zwiebeln zu schneiden, ohne zu weinen. „Und ihr zwei seid sicher, dass ihr allein überleben würdet?“ fragte sie neckend. „Na ja“, sagte Lukas mit einem Grinsen, „mit Fertigsoßen vielleicht.“ Sie lachten. Und obwohl der Tag verschlafen begonnen hatte, wurde er doch wieder einer dieser Momente, die sich wie Familie anfühlten – unperfekt, laut, aber ehrlich. 2. Juni – 18. Tag – Früher Nachmittag: Frühstück und Ticket-Vorbereitungen für die Bootsfahrt Nachdem die Stimmung sich wieder beruhigt hatte und die Mutter sich mit einem Nicken in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, setzten sich Lukas und Haaland endlich gemeinsam an den Esstisch. Das improvisierte Frühstück bestand aus aufgebackenen Brötchen, ein paar Scheiben Käse, gekochten Eiern, Paprikastreifen und einem kleinen Teller mit Aufschnitt. Haaland, ganz Profi, hatte den Tisch ordentlich gedeckt, sogar an Servietten gedacht. Lukas biss herzhaft in ein Käsebrötchen und seufzte zufrieden. „So spät hab ich echt noch nie gefrühstückt“, murmelte er mit vollem Mund. „In Norwegen nennen wir das einfach Brunch“, meinte Haaland mit einem Grinsen und nippte an seinem Tee. „Können wir das jeden Tag machen?“ fragte Lukas und lehnte sich zurück. Haaland zuckte mit den Schultern. „Solange ich hier bin – gerne.“ Nach dem Essen räumten sie wie versprochen ab. Lukas brachte das Geschirr in die Spülmaschine, während Haaland die Arbeitsfläche säuberte. Dann verschwand Lukas kurz in sein Zimmer, zog sich eine ordentliche Hose und ein Mainz-05-Shirt an – es war Zeit, sich um etwas Wichtiges zu kümmern. „Ich muss mich jetzt um die Tickets für die Bootsfahrt kümmern“, sagte Lukas, als er ins Wohnzimmer zurückkehrte. „Du erinnerst dich, am 22. geht’s von Mainz nach Heidelberg. Ich will diesmal sicher sein, dass wir barrierefreie Plätze haben – für mich und meine Mutter. Und ich hab ja auch nach zwei weiteren Karten gefragt für meinen Vater und meine Oma.“ Haaland nickte ernst. „Willst du da anrufen oder schreiben?“ „Ich schreib eine E-Mail. Die letzte Antwort war ja ganz okay, aber ich will sichergehen, dass auch wirklich alles passt. Sonst stehen wir am Tag da und kommen nicht aufs Boot.“ Er setzte sich an seinen Laptop, öffnete sein E-Mail-Postfach und fing an zu tippen. Haaland sah ihm eine Weile zu, dann trat er leise einen Schritt zurück – es war einer dieser Momente, in denen Lukas ganz in seiner eigenen Stärke arbeitete. Organisieren, planen, Verantwortung übernehmen. Etwas, was ihm früher oft schwergefallen war, ging ihm inzwischen fast selbstverständlich von der Hand – auch dank der Unterstützung, die er bekommen hatte. „So“, sagte Lukas schließlich und las sich die Mail laut vor:

Betreff: Rückfrage zur Ticketbuchung für die Bootsfahrt am 22. Juni Sehr geehrte Damen und Herren, ich hatte bereits wegen der Bootsfahrt von Mainz nach Heidelberg am 22. Juni Kontakt aufgenommen. Ich wollte noch einmal sicherstellen, dass ich ein barrierefreies Ticket für mich und ein Begleitticket für meine Mutter bekomme. Zusätzlich hatte ich um zwei reguläre Tickets für meine Großmutter und meinen Vater gebeten. Da ich körperlich eingeschränkt bin, ist es für mich wichtig, dass der barrierefreie Bereich gut zugänglich ist. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir bestätigen könnten, dass diese Plätze reserviert sind. Vielen Dank für Ihre Unterstützung! Mit freundlichen Grüßen Lukas Zimmermann „Klingt gut, oder?“ fragte Lukas und sah Haaland an. „Sehr gut. Klar, höflich, genau – perfekt“, sagte der Fußballer und klopfte ihm auf die Schulter. „Jetzt nur noch abschicken... und hoffen.“ Er klickte auf „Senden“. Dann lehnte er sich zurück und sah zum Fenster hinaus, wo die Sonne langsam über den Dächern stand. Noch 20 Tage bis zur Bootsfahrt. Und langsam wuchs die Vorfreude – auch wenn, wie so oft, noch einiges Ungewisses über ihm schwebte. Doch für den Moment war alles in Ordnung. 2. Juni – 18. Tag – Später Nachmittag: Stadtbesuch, Tickets und eine Pause Nachdem Lukas die E-Mail erfolgreich versendet hatte, legte er sich für eine halbe Stunde auf das Sofa und hörte entspannte Musik aus seinem Lieblingsspiel. Die Sonne stand nun hoch über Mainz, es war später Nachmittag – die perfekte Zeit, um die Sache mit den Tickets endgültig zu klären. „Ich geh jetzt in die Stadt“, sagte er zu Haaland, der gerade auf dem Balkon stand und mit dem Fernglas Vögel beobachtete. „Ich will die Bootstickets direkt kaufen – dann hab ich sie in der Hand und muss nicht wieder bangen, dass etwas schiefläuft.“ „Soll ich mitkommen?“ fragte Haaland sofort. „Nein, heute nicht. Ich mach das alleine. Ich will sehen, ob ich das hinbekomme. Ich war schon oft in der Stadt – aber diesmal... will ich’s alleine schaffen.“ „Okay“, sagte Haaland verständnisvoll. „Aber schreib mir, wenn du Hilfe brauchst.“ Lukas packte seinen Rucksack: Wasserflasche, Portemonnaie, Notizblock mit allen wichtigen Informationen und Kopfhörer für unterwegs. Dann machte er sich auf den Weg zur Rheinstraße, wo sich das kleine Verkaufsbüro der Schifffahrtsgesellschaft befand. Die Straßen waren voll, viele Menschen schlenderten durch die Innenstadt, genossen das warme Wetter. Lukas spürte das leichte Kribbeln in seinem Bauch, das er immer hatte, wenn er allein unterwegs war – aber diesmal fühlte es sich weniger nach Angst, sondern mehr nach einer Art Aufregung an. Eine gute. Am Ticketschalter war eine kurze Schlange, die er geduldig überstand. Als er an der Reihe war, trat er selbstbewusst vor. „Guten Tag. Ich habe per E-Mail bereits wegen Tickets für die Fahrt am 22. Juni nach Heidelberg angefragt. Ich würde die Tickets gerne jetzt direkt abholen, wenn das möglich ist.“ Die Frau hinter dem Schalter lächelte freundlich und warf einen Blick auf den Computer. „Ah, Herr Zimmermann? Ja, wir haben Ihre Anfrage vorliegen. Zwei barrierefreie Plätze – für Sie und Ihre Begleitung – sowie zwei reguläre für Vater und Großmutter, richtig?“ „Genau.“

Sie tippte kurz, dann reichte sie ihm vier Tickets durch das Fenster. „Hier sind Ihre Karten. Die barrierefreien Plätze sind am Bug des Schiffes, mit viel Platz und eigener Rampe. Ich wünsche Ihnen eine schöne Fahrt.“ „Vielen Dank“, sagte Lukas stolz und verstaute die Tickets sorgfältig in einem durchsichtigen Umschlag in seinem Rucksack. Auf dem Rückweg durch die Innenstadt gönnte er sich ein kleines Eis mit einer Kugel „Vanille-Kirsch“, das er entspannt auf einer Bank vor dem Theaterplatz verputzte. Danach schlenderte er langsam heim – der Wind wehte angenehm durch die Straßen, und zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sich Lukas wirklich ruhig. Zuhause angekommen, schloss er leise die Tür auf, zog die Schuhe aus und ging direkt ins Wohnzimmer. Dort ließ er sich mit einem zufriedenen Seufzer auf die Couch fallen. „Geschafft“, murmelte er. Wenig später kam Haaland herein, grinste und hielt ihm eine Flasche „Mainzer Wasser“ hin. „Auf deinen Erfolg. Prost.“ Lukas prostete mit seiner Wasserflasche zurück. Dann schloss er für einen Moment die Augen. Er wusste, dass es in den kommenden Tagen noch Herausforderungen geben würde – doch heute, da hatte er einen kleinen Sieg errungen. Und das fühlte sich verdammt gut an. 2. Juni – 18. Tag – Vorabend: Gespräch mit der Oma und Rückzug in die Buchhandlung Am frühen Abend saß Lukas noch immer mit einem zufriedenen Gefühl im Bauch auf dem Sofa, die Tickets lagen griffbereit auf dem Tisch vor ihm. Haaland hatte sich mit einem Snack auf den Balkon verzogen, während Lukas überlegte, wie er es seiner Oma beibringen sollte, dass auch sie mit zur Bootsfahrt eingeladen war. Er wusste, dass sie sich darüber freuen würde – aber eine Sache war ihm im Voraus schon klar: Der Teil mit dem Bus würde heikel werden. Er nahm sein Handy, atmete tief durch und rief seine Oma an. „Hallo Oma“, sagte er vorsichtig. „Lukas! Na, mein Junge, was gibt’s denn Schönes?“ Ihre Stimme war wie immer warm und ein wenig kratzig vor Alter. „Ich hab Tickets geholt… für die Bootsfahrt nach Heidelberg am 22. Juni. Für Mama, Papa, mich – und auch für dich! Ich hab dich gleich mit eingeplant.“ Für einen Moment war Stille in der Leitung. Dann sagte die Oma gerührt: „Ach Lukas… das ist aber schön… das ist wirklich schön, mein Junge…“ Doch bevor er sich zu früh freuen konnte, fuhr sie fort: „Und wie kommen wir da hin?“ „Also…“, begann Lukas vorsichtig. „Wir fahren mit dem Bus von Mainz aus zum Anleger… da gibt’s extra einen barrierefreien Einstieg, alles ist organisiert.“ Die Reaktion war sofort spürbar. Die Stimme der Oma wurde schärfer. „Mit dem Bus?! Nein, nein, das geht nicht. Ich steig nicht in so ein wackeliges Ding! Da ist man doch nur am Rumpeln und Schaukeln, und dann noch mit anderen Leuten – das kommt überhaupt nicht infrage! Warum fahrt ihr nicht mit dem Auto?“ Lukas versuchte ruhig zu bleiben. „Oma, das ist an dem Tag schwierig mit dem Parken am Anleger. Und die Busverbindung ist wirklich gut. Auch barrierefrei.“ Aber die Oma war jetzt aufgebracht. „Ich steig da nicht ein, das kannst du vergessen. Wenn ich da hin soll, dann fährt mich jemand, oder ich bleib daheim!“ Lukas verspürte, wie sich der Druck wieder in seiner Brust zusammenzog. Er hatte sich so gefreut, dass alles organisiert war – und nun das. Ohne ein weiteres Wort verabschiedete er sich etwas abgehackt: „Ich muss jetzt los, Oma… ich meld mich später nochmal, okay?“ „Ja, mach das…“, kam es noch, bevor sie auflegte. Etwas erschlagen stand Lukas da, das Handy noch in der Hand. Haaland hatte im Hintergrund nur leise etwas vom Balkon mitbekommen. „Alles gut?“ fragte er. „Ich geh kurz raus“, sagte Lukas nur und griff nach seinem Rucksack. „Ich muss mal frische Luft schnappen… und irgendwo Ruhe finden.“

Er ging Richtung Innenstadt, dorthin, wo ihn früher schon oft die Gedanken und die Sehnsucht hingetragen hatten. Diesmal aber hatte er ein konkretes Ziel: die kleine Buchhandlung „Seitenwind“ in der Altstadt. Schon von außen war das Schaufenster mit bunten Buchempfehlungen und Sprüchen dekoriert, drinnen duftete es angenehm nach Papier und Holzregalen. Lukas durchstreifte ruhig die Gänge, sah sich neue Romane an, blieb an einem Bildband über Flüsse in Deutschland hängen, blätterte in einem Kinderbuch mit tierischen Helden. Die leise Musik im Hintergrund wirkte beruhigend. Er setzte sich schließlich in die kleine Leseecke mit einem Buch über innere Stärke und das Überwinden von Konflikten in der Familie. Er las nur wenige Seiten – doch allein das Eintauchen in diese andere Welt half ihm, Abstand zu gewinnen. Nach einer Stunde verließ er die Buchhandlung wieder, atmete tief durch, sah die tiefstehende Sonne über den Dächern von Mainz und dachte sich: „Vielleicht gibt es morgen eine neue Lösung – aber heute will ich den Tag ruhig beenden.“ Mit diesem Gedanken machte er sich auf den Heimweg. 2. Juni – 18. Tag – Abend: Wut, Enttäuschung und verbranntes Geld Nachdem Lukas die Buchhandlung verlassen hatte, traf er sich noch einmal mit Haaland am Schillerplatz. Die Sonne ging langsam unter, der Platz war voll mit Menschen, die draußen in Cafés saßen, lachten, redeten oder sich auf ihren Heimweg machten. Lukas hatte sich ein kühles Getränk geholt, Haaland ein kleines Eis. Beide saßen auf einer der Steinbänke und ruhten sich aus. Lukas wirkte nachdenklich und etwas bedrückt. „Was ist los?“ fragte Haaland irgendwann. „Ich muss Mama noch sagen, dass Oma nicht mitkommt zur Bootsfahrt“, antwortete Lukas leise. „Und ich weiß nicht, wie sie reagiert…“ „Wenn du willst, bleib ich bei dir, wenn du anrufst“, bot Haaland an. Lukas schüttelte den Kopf. „Ich schreib ihr lieber zuerst.“ Er holte sein Handy hervor und tippte vorsichtig eine Nachricht: Lukas: Mama, Oma will nicht mehr mitkommen zur Bootsfahrt. Sie hat sich aufgeregt, weil wir mit dem Bus fahren. Ich hab versucht, ihr zu erklären, dass es barrierefrei ist, aber sie will nicht. Ich kann das Ticket nicht zurückgeben, weil alle vier Tickets auf einem Beleg sind. Wenige Minuten später kam eine Antwort: Mutter: Ach, das ist schade… aber nicht deine Schuld. Vielleicht überlegt sie es sich noch. Mach dir keine Gedanken. Lukas war erleichtert über die ruhige Antwort – doch genau in dem Moment vibrierte sein Handy erneut. Diesmal eine Nachricht vom Vater. Eine Video-Nachricht. Lukas zögerte, warf Haaland einen Blick zu. „Von Papa…“ „Willst du’s dir anschauen?“ Lukas öffnete das Video. Es zeigte den Vater, wie er wortlos draußen im Garten stand. In seiner Hand: ein Schein, vermutlich ein Zwanziger. Er hielt ihn demonstrativ in die Kamera, nahm dann ein Feuerzeug aus der Hosentasche, zündete den Geldschein an – und ließ ihn langsam in einer Metallschale verbrennen. Kein Wort, kein Kommentar. Nur ein starrer, kalter Blick in die Kamera. Dann war das Video vorbei. Lukas starrte auf den Bildschirm. Seine Hände zitterten leicht.

„Er hat das Geld für Omas Ticket verbrannt“, sagte er tonlos. „Einfach… so.“ Haaland war schockiert. „Was?! Das ist… das ist nicht normal, Lukas.“ „Ich weiß“, flüsterte Lukas. „Und ich weiß nicht mal, warum. Ich hab nichts falsch gemacht… ich hab nur versucht, was Schönes zu organisieren.“ Lukas sah auf, seine Augen glänzten. „Weißt du, früher hätte mich das fertiggemacht. Aber irgendwie… heute nicht mehr. Heute spür ich, dass das nicht mein Fehler ist.“ Haaland legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Du bist nicht schuld an seinem Verhalten. Du hast dir Mühe gegeben. Du wolltest, dass alle mitfahren, dass es ein schöner Tag wird. Und das zählt.“ Lukas nickte langsam. Die beiden saßen noch eine Weile dort, betrachteten das ruhige Treiben um sich herum – und irgendwann beschlossen sie, langsam zurückzugehen. Der Abend war still. Doch in Lukas begann etwas zu wachsen, was stärker war als der Ärger: ein Gefühl von Klarheit und Selbstachtung. 2. Juni – 18. Tag – Später Abend: Ein Zeichen von Fürsorge Nachdem Lukas mit Haaland wieder zu Hause angekommen war, hatte er sich direkt in sein Zimmer zurückgezogen. Die Szene mit dem verbrannten Geld ging ihm nicht aus dem Kopf, und die Enttäuschung über Omas plötzliche Absage lastete schwer auf seiner Stimmung. Er lag im Bett, das Licht war gedämpft, und das Handy lag stumm neben ihm. Plötzlich vibrierte es. Eine Nachricht – vom Vater. Vater: „Bitte iss was.“ Lukas war einen Moment lang wie erstarrt. Die Worte waren einfach, fast sachlich. Kein Vorwurf. Kein Ärger. Nur eine Bitte. Er starrte eine Weile auf die Nachricht. Dann antwortete er: Lukas: „Ich kann grad nicht. Mir ist schlecht, weil Oma nicht mehr mit will… Es war alles so gut geplant.“ Nur wenige Sekunden später kam die nächste Antwort vom Vater: Vater: „Ich weiß. Aber du musst trotzdem was essen. Bitte.“ Lukas schluckte. Es war das erste Mal seit Tagen, dass sein Vater in dieser Art mit ihm sprach – ruhig, beinahe sanft, ohne Hohn oder Kälte. Er stand langsam auf, ging in die Küche. Der Kühlschrank war noch gut gefüllt. Haaland saß im Wohnzimmer auf dem Sofa und blickte auf, als Lukas hineinkam. „Alles okay?“ fragte er. „Ich soll was essen. Von Papa“, sagte Lukas leise. „Er hat geschrieben… normal.“ Haaland nickte nur und sagte nichts weiter. Lukas wärmte sich ein paar Kartoffeln auf, dazu ein paar Bratlinge, die noch von gestern übrig waren. Er schnitt eine kleine Tomate auf, legte sie dazu, dann stellte er sich den Teller zurecht, dekorierte sogar ein kleines Basilikumblatt obendrauf. Er griff zum Handy, machte ein Foto davon – nicht etwa aus Stolz, sondern als Zeichen: Ich tue, was du mich gebeten hast. Dann schickte er das Foto dem Vater und schrieb dazu:

Lukas: „Ich esse jetzt. Danke, dass du’s gesagt hast.“ Keine Minute später kam die Antwort: Vater: „Gut. Schmeckt’s?“ Lukas: „Geht. Besser als erwartet.“ In diesem Moment kam auch die Mutter in die Küche. Sie sah den Teller, dann das Handy in Lukas’ Hand. „Mit wem schreibst du?“ „Papa. Er hat mich gebeten zu essen…“ Die Mutter schwieg. Dann sagte sie nur leise: „Dann scheint er's doch noch zu merken.“ Als Lukas aufgegessen hatte, brachte er zwei Gläser Wasser mit ins Wohnzimmer – eines für die Mutter, eines für den Vater, der leise den Fernseher laufen ließ. „Hier. Nur Wasser“, sagte Lukas knapp. Der Vater nickte nur, sagte nichts, nahm aber das Glas. Dann verschwand Lukas wieder in sein Zimmer – mit einem leichten Gefühl, dass an diesem Abend etwas in Bewegung geraten war. Vielleicht klein. Vielleicht zerbrechlich. Aber echt. 2. Juni – 18. Tag – Vorabend: Überraschung auf dem Heimweg Der Himmel über Mainz war in ein warmes, weiches Abendlicht getaucht, als Lukas mit dem Spieler die letzten Meter des Heimwegs antrat. Sie hatten den Tag in der Stadt verbracht – Gespräche geführt, über die Tickets nachgedacht, viel erlebt. Lukas war müde, aber es war keine unangenehme Müdigkeit. Vielmehr war es ein inneres Sinkenlassen. Er wollte nur noch heim. Doch kurz bevor sie in ihre Straße einbogen, blieb Haaland stehen. „Warte mal“, sagte er mit einem Lächeln. „Ich hab da noch was.“ „Was denn?“ fragte Lukas, leicht irritiert. „Eine kleine Überraschung. Geh schon mal ein paar Meter weiter. Ich bin gleich wieder da.“ Lukas tat, wie ihm geheißen, und wartete am Straßeneck, während der Spieler noch einmal um die Ecke verschwand. Es dauerte nicht lange – kaum fünf Minuten später kam er mit einer kleinen Tüte zurück. Drin klirrten deutlich Glasflaschen. „Bier?“ fragte Lukas mit hochgezogener Augenbraue. „Na klar“, grinste Haaland. „Zurück in vertrauter Umgebung. Ich dachte mir, nach dem ganzen Stress heute… darfst du auch mal was genießen.“ Lukas lächelte. „Was hast du denn geholt?“ „Zwei Eulchen 'Mainz Gefühl', eins für dich, eins für mich. Und noch ein neues Kirschradler – diesmal mit etwas weniger Zucker. Ich hab an deinen Geschmack gedacht.“ „Krass… danke, echt.“ Gemeinsam gingen sie weiter, der Beutel mit den Bieren baumelte locker in Haalands Hand. Zuhause angekommen, stellte Lukas die Schuhe ordentlich ab, stellte den Rollstuhl in die gewohnte Ecke und ließ sich erstmal aufs Sofa fallen. „Ich mach mir noch schnell ’ne Suppe“, sagte er. „Ich brauch was Warmes, bevor ich was Kaltes trinke.“ Haaland lachte. „Klingt vernünftig.“ Lukas ging in die Küche, nahm sich eine kleine Portion Kartoffel-Gemüse-Suppe aus dem Kühlschrank, füllte sie in einen Topf und wärmte sie langsam auf. Währenddessen nahm

Haaland die Biere aus der Tüte und stellte sie in den Kühlschrank, damit sie bis später noch kühler wurden. Wenig später saßen sie beide am Tisch. Lukas schlürfte langsam seine Suppe, die wohltuende Wärme durchzog seinen Bauch und er merkte, wie der Tag langsam abfiel wie ein zu schwerer Mantel. Haaland erzählte leise von einem Spiel aus seiner aktiven Zeit, als er verletzt war und trotzdem unbedingt dabei sein wollte. Als Lukas den letzten Löffel gegessen hatte, lehnte er sich zurück. „Jetzt bin ich bereit für Feierabend.“ „Verdient“, nickte Haaland und reichte ihm ein Eulchen-Bier. „Auf dich, Lukas.“ „Und auf dich.“ Sie stießen an. Draußen wurde es langsam dunkel. Und drinnen fühlte sich alles für einen Moment ruhig und richtig an. 2. Juni – Nacht: Worte, die nachhallen Es war schon spät geworden. Lukas und Haaland hatten gerade das letzte Bier ausgetrunken, als die Mutter ins Wohnzimmer kam – mit ernster Miene, aber ruhiger Stimme. Lukas merkte sofort, dass etwas in der Luft lag. „Lukas“, sagte sie vorsichtig, „ich muss dir was sagen. Die Oma hat vorhin mit mir gesprochen… Sie war ziemlich enttäuscht.“ Lukas schaute sie verwirrt an. „Wegen was denn noch? Ich hab doch extra vorher gefragt, ob sie mit will...“ Die Mutter setzte sich zu ihm an den Tisch. „Sie meint, du wärst respektlos gewesen. Weil du nicht alle Informationen sofort gesagt hast. Und weil du beim ersten und zweiten Anruf nicht ans Telefon gegangen bist.“ Lukas starrte sie an. Für einen Moment war es still. Dann wurde seine Stimme leiser, fast brüchig. „Ich... ich hab doch selbst so viel Stress gehabt. Ich hab’s doch nicht mit Absicht gemacht… Ich wollte ihr doch nur was Gutes tun. Ich dachte, sie freut sich über das Ticket.“ Seine Hände zitterten leicht, er versuchte, ruhig zu bleiben, aber seine Gedanken fuhren Achterbahn. Die Mutter legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich weiß. Ich glaub dir. Aber die Oma fühlt sich... ausgeschlossen. Und sie versteht nicht, warum du nicht gleich alles gesagt hast.“ Lukas nickte langsam, aber es war eher ein reflexhaftes Nicken. Seine Gedanken rasten, er fühlte sich gleichzeitig schuldig und unverstanden. Er stand auf, ging ein paar Schritte im Zimmer auf und ab, dann wandte er sich an Haaland, der alles ruhig mit angehört hatte. „Erling… darf ich dir kurz alles erzählen? Ich... ich muss das einfach loswerden.“ Haaland nickte nur und richtete sich auf, bereit zuzuhören. Lukas begann zu sprechen – über den Nachmittag, die Tickets, die angespannte Situation mit der Oma, die Gespräche mit der Mutter, den Vater, der wieder einmal unberechenbar reagiert hatte… Und dann über das Telefon, das er einfach nicht gehört hatte oder gerade zu überfordert war, um ranzugehen. „Ich hab’s doch nicht böse gemeint, ehrlich“, sagte Lukas, während er sich wieder setzte. „Ich kann doch auch nicht immer sofort alles wissen. Ich versuch doch, alle irgendwie glücklich zu machen… Und jetzt denkt sie, ich bin respektlos…“ Haaland war eine Weile still. Dann sagte er leise, aber bestimmt: „Lukas, du hast niemanden absichtlich verletzt. Du hast dein Bestes gegeben. Manchmal… reicht das manchen Menschen nicht. Aber das heißt nicht, dass du falsch gehandelt hast.“ Lukas sah ihn an, seine Augen glänzten. „Glaubst du, sie wird sich wieder beruhigen?“

„Ich denke schon. Gib ihr Zeit. Aber denk auch an dich. Du darfst dich nicht selbst verlieren, nur weil andere Erwartungen an dich haben.“ Ein tiefes, langes Schweigen folgte. Schließlich stand Lukas auf, trank einen Schluck Wasser, sagte „Danke“, leise, aber ehrlich, und ging ins Bad. Kurze Zeit später lag er im Bett. Sein Rollstuhl stand sauber unter dem Fenster, die Nacht war still. Und obwohl seine Gedanken noch kreisten, fühlte sich das, was Haaland gesagt hatte, wie ein kleiner, schützender Mantel an. Und in diesem Mantel schlief er langsam ein. 3. Juni – 19. Tag – Früher Morgen: Routine mit Gefühl Der erste Sonnenstrahl drang durch die Lücke im Vorhang, als Lukas langsam die Augen öffnete. Draußen war es noch ruhig, das Zwitschern der Vögel kündigte einen neuen, warmen Frühsommertag an. Die Nacht war unruhig gewesen – zu viele Gedanken, zu viele Eindrücke. Aber jetzt war ein neuer Tag, und mit ihm kam eine gewohnte Aufgabe, die ihm inzwischen seltsam vertraut geworden war. Er stand vorsichtig auf, streckte sich leicht und ging ins Badezimmer. Haaland schlief noch tief, nur ein leises, regelmäßiges Atmen war aus dem Gästezimmer zu hören. Lukas wollte ihn nicht wecken. Im Bad angekommen, öffnete er den kleinen Schrank über dem Waschbecken. Dort lag sorgfältig verstaut sein Katheter-Vorrat – steril verpackt, sauber, sortiert: Beutel, BlockSpritze, Gleitgel – alles wie immer. Es war Zeit für den Wechsel. Er atmete tief durch. Auch wenn die Handgriffe inzwischen fast automatisch saßen, war jeder Wechsel ein Moment, der ihn an seine Verletzlichkeit erinnerte – aber auch an seine Stärke. Er hatte gelernt, damit umzugehen, hatte gelernt, sich selbst zu versorgen. Nicht jeder konnte das verstehen, aber für ihn war es ein kleines Stück Selbstbestimmung. Vorsichtig, in ruhigen, geübten Bewegungen, bereitete er alles vor. Er nahm sich Zeit, wie immer. Keine Hektik. Dann führte er den Katheter ein, alles verlief ohne Probleme. Als der Urin in den frischen Beutel lief, fühlte er sich erleichtert. Es war keine Sache, über die er gerne sprach – doch es gehörte zu ihm. Nach dem Wechsel reinigte er alles, verstaute das benutzte Material in einem Beutel für die Entsorgung und wusch sich die Hände. Dann schaute er kurz in den Spiegel. Er sah müde aus, ein wenig blass – aber auch auf eine Art entschlossen. „Noch ein Tag“, sagte er leise zu seinem Spiegelbild. „Ein Tag, den ich schaffen werde.“ Er verließ das Bad, ging leise in die Küche und setzte Wasser für Tee auf. Als er sich hinsetzte, hörte er, wie Haaland sich im Nebenzimmer streckte. Gleich würde er dazukommen, vielleicht etwas grummelig, vielleicht neugierig, wie es Lukas heute ging. Aber Lukas war bereit. Nicht perfekt. Nicht schmerzfrei. Aber bereit. 3. Juni – 19. Tag – Mittag: Ein stiller Riss in der Tür Der Tee war inzwischen längst getrunken, und Lukas hatte sich mit einer kleinen Schale Cornflakes und einem Brötchen an den Küchentisch gesetzt. Haaland war inzwischen aufgewacht, hatte sich verschlafen die Haare aus dem Gesicht gestrichen und ein paar Brotscheiben mit Butter geschmiert. Die beiden redeten über das anstehende Wochenende – ob sie vielleicht an den Rhein fahren sollten oder mal wieder in den Park, wo Lukas früher oft Pokémon-Go gespielt hatte. Die Atmosphäre war ruhig. Lukas hatte sich ein wenig entspannt – trotz der gestrigen Spannung mit seiner Oma, der zerrissenen Stimmung wegen der Tickets und der Bemerkung der Mutter in der Nacht. Es war, als hätte der Morgen eine kleine Mauer gebaut, hinter der er für einen Moment sicher war.

Doch dann fiel die Haustür hörbar ins Schloss. Nicht geknallt, aber mit einem bestimmten Nachdruck. Der Vater war da. Er trat in den Flur, trug noch seine Jacke, sein Blick wirkte auf den ersten Moment neutral. Als er Lukas sah, der im Türrahmen stand und ihm zögernd zunickte, sagte er: „Hallo.“ Lukas nickte zurück. „Hi.“ Doch nur wenige Sekunden später veränderte sich etwas. Ohne Vorwarnung, ohne erkennbaren Anlass trat der Vater an die Tür von Lukas’ Zimmer – und schlug mit der flachen Hand so fest gegen das Holz, dass es krachte. Ein Stück der dünneren Innenverkleidung splitterte, es entstand ein kleines, deutlich sichtbares Loch. Haaland war aufgestanden. Lukas war erstarrt. Der Vater drehte sich nicht einmal um. Er ging in den Keller, kam mit einem Stück Schleifpapier zurück – legte es demonstrativ auf den Tisch – und begann später tatsächlich, das Loch, das er selbst verursacht hatte, mit grobem Druck zu vergrößern, als würde ihn das beruhigen. Kein Wort. Kein Blickkontakt. Nur dieses Geräusch des rauen Schleifens auf Holz. Wieder und wieder. Lukas stand da, innerlich zitternd. „Warum?“ dachte er. Nicht laut – nur in sich selbst. Er spürte Haalands Blick. Eine Mischung aus Wut, Sorge und Fassungslosigkeit. Doch keiner sagte etwas. Noch nicht. Der Mittag verging, doch das Loch in der Tür blieb – als sichtbares Zeichen dafür, dass manche Risse nicht einfach zufällig entstehen. Und dass Worte fehlen können, wo Handlungen längst zu viel sagen. 3. Juni – 19. Tag – Nachmittag: Koreanisches Hähnchen und ein stiller Versuch Nach dem Vorfall am Mittag hatte sich die Stimmung im Haus nur schwer wieder beruhigt. Das Loch in der Tür war ein stummer Zeuge dessen, was sich zwischen Lukas und seinem Vater aufgestaut hatte – Dinge, die nicht gesagt, sondern gedrückt, geknallt und geschliffen wurden. Haaland hatte sich irgendwann zurückgezogen, saß mit einem Buch auf der Couch, während Lukas gedankenverloren auf seinem Bett lag, die Fingerspitzen auf dem neuen Kratzer in der Tischplatte ruhend. Gegen 14:30 Uhr klopfte es zaghaft an seiner Tür. Ein ungewohnt sanfter Ton. Dann ging die Tür leicht auf – vorsichtig, aber ohne das gewohnte Dröhnen. Sein Vater stand im Rahmen. In der Hand hielt er seine Autoschlüssel. „Willst du… koreanisches Hähnchen?“, fragte er leise. Lukas blickte ihn an, überrascht. Er zögerte. Einerseits war da die Wut von vorher, die Enttäuschung, die Ohnmacht. Andererseits war da auch dieser Hunger, den er nicht nur im Bauch, sondern irgendwie auch im Herzen spürte. Die Hoffnung, dass vielleicht – ganz vielleicht – noch irgendetwas zwischen ihnen möglich war. Er nickte stumm. Keine weiteren Worte wurden gewechselt. Sie stiegen gemeinsam ins Auto, der Vater drehte leise das Radio auf einen Lokalsender. Die Fahrt nach Bretzenheim zum kleinen koreanischen Imbiss dauerte nur etwa zehn Minuten. Trotzdem kam sie Lukas wie eine Stunde vor. So viele unausgesprochene Sätze lagen zwischen ihnen auf den Sitzen, wie schweres Gepäck. Im Restaurant bestellte Lukas „Yangnyeom Chicken“, das süß-scharf marinierte Hähnchen, das er so liebte. Der Vater sagte nichts, zahlte einfach, wartete, während Lukas sich an einen kleinen Tisch setzte. Die Portion kam schnell – heiß, knusprig, mit Kimchi und Reis.

Lukas aß still, aber konzentriert. Jeder Bissen ein kleines Stück Normalität. Der Vater saß gegenüber, nippte nur an einer Cola Light. Er beobachtete seinen Sohn. Nicht feindselig. Eher… abwartend. Suchend. Kurz bevor sie wieder aufbrechen wollten, sagte der Vater, mehr zu seinem Getränk als zu Lukas: „Ich weiß, dass ich nicht einfach bin. Vielleicht… zu oft zu laut.“ Lukas antwortete nicht. Er nickte nur leicht und stand auf. Als sie wieder im Auto saßen, herrschte Stille. Diesmal jedoch nicht die angespannte, kalte. Sondern eine fragile Ruhe – wie der Moment nach einem starken Wind, in dem sich die Blätter wieder langsam zu legen beginnen. Zu Hause angekommen, ging der Vater direkt in den Keller. Kein Wort, kein Knall. Lukas ging ins Wohnzimmer, setzte sich neben Haaland und flüsterte: „Ich weiß nicht, ob das grad gut war oder einfach nur... komisch.“ Haaland sah ihn an, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Es war ein Schritt. Kein großer. Aber ein Schritt.“ Lukas nickte. Und für einen kurzen Moment schmeckte er das Hähnchen auf seiner Zunge nach – und mit ihm auch ein kleines bisschen Hoffnung. 3. Juni – 19. Tag – Später Abend: Zerstörung auf dem Heimweg Die Familie verließ das Restaurant in bedrücktem Schweigen. Der Vorfall mit der zertrampelten Brille hatte allen die Sprache verschlagen. Niemand wollte darüber sprechen – zumindest nicht sofort. Lukas ging mit leicht gesenktem Kopf, seine Hände in den Jackentaschen vergraben. Haaland lief neben ihm, still und aufmerksam, immer bereit, ihn zu stützen, wenn es nötig war. Die Mutter folgte mit schnellen, nervösen Schritten. Der Vater lief einige Meter voraus – seine Schultern angespannt, sein Gang hektisch. Jeder Schritt ließ erkennen, dass in ihm noch etwas brodelte, etwas, das sich noch nicht entladen hatte. Als sie am Straßenrand ankamen, wo das Familienauto parkte, ging der Vater wortlos auf das Auto zu – zunächst wirkte es, als wolle er einsteigen. Doch dann blieb er stehen, drehte sich kurz zu allen um und murmelte kaum hörbar: „Ihr denkt alle, ich bin der Verrückte…“ Er trat zwei Schritte zurück, holte mit voller Wucht aus – und schlug mit der Faust gegen die Beifahrerscheibe. Ein dumpfer Knall, dann ein Splittern. Die Scheibe zerbrach. Es folgte ein zweiter Schlag – diesmal gegen das hintere Seitenfenster. Auch dieses zersplitterte in Tausende kleiner Glassplitter. Lukas erstarrte. Seine Mutter rief entsetzt: „Was machst du da?! Bist du verrückt?!“ Der Vater drehte sich langsam zu ihr, keuchte leicht, dann sagte er mit einem verächtlichen Grinsen: „Mal sehen, wie du jetzt zur Arbeit kommst.“ Die Worte schnitten wie ein Messer durch die Stille. Für einen Moment schien selbst der Wind aufzuhören. Dann drehte er sich einfach um und lief in die Dunkelheit davon, ohne sich umzusehen. Nur das Knirschen von Glassplittern unter seinen Schuhen war noch zu hören. Die Mutter stand fassungslos vor dem zerstörten Auto. Haaland trat einen Schritt nach vorn, zog sein Handy heraus und sagte: „Ich ruf die Polizei. Das war Sachbeschädigung. So kann das nicht weitergehen.“ Doch die Mutter hob die Hand. „Nein… bitte. Nicht jetzt. Ich… ich weiß nicht, was dann noch alles passiert.“ Lukas war mittlerweile zum Auto gegangen. Mit zitternden Fingern berührte er das zerbrochene Glas, das noch im Türrahmen hing. „Ich hab Angst“, flüsterte er. „Nicht nur um Mama… auch um mich. Was, wenn er eines Tages mich trifft?“

Haaland trat zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter. „Du bist nicht allein, Lukas. Und das hier… ist nicht deine Schuld. Wir werden einen Weg finden.“ Sie gingen zu Fuß nach Hause, das Auto war so nicht mehr fahrbereit. Lukas trug eine kleine Einkaufstasche mit ein paar Resten vom Essen, Haaland hatte seinen Arm um ihn gelegt. Die Mutter lief still voraus. Niemand sprach ein weiteres Wort. Zuhause angekommen, setzte sich Lukas mit zitternden Beinen an den Küchentisch. Haaland machte ihm einen Schlaftee, während die Mutter versuchte, Glasreste aus ihrer Handtasche zu entfernen. Es war ein langer Abend gewesen. Und in dieser Nacht schlief Lukas nur sehr leicht – denn der Klang zerbrechenden Glases hallte noch lange in seinem Kopf nach. 3. Juni – Nacht zum 20. Tag: Lärm aus der Dunkelheit Das Haus lag in völliger Dunkelheit, nur das schwache Nachtlicht aus dem Flur warf einen sanften Schein auf den Türspalt von Lukas’ Zimmer. Er hatte sich gerade ein wenig beruhigt, sein Tee war leer, und Haaland lag schon in seinem Gästebett. Lukas war noch wach, starrte an die Decke, während draußen der Wind durch die Bäume rauschte. Plötzlich – leise Schritte. Die Haustür klickte. Lukas richtete sich auf. Es war diese Art von Stille, die gefährlicher war als jeder Lärm. Die Tür schloss sich, langsam, ohne ein Knallen. Man hörte, wie ein Paar Schuhe vorsichtig abgestellt wurde. Dann ging es los – in der Küche. Zuerst ein dumpfer Klong. Dann das Geräusch von Metall, das gegen Metall schlug. Als ob jemand eine ganze Besteckschublade auskippte. Haaland war sofort hellwach. Lukas flüsterte: „Er ist zurück…“ Der Vater war es. Und diesmal war er ganz anders als sonst. Nicht laut. Nicht schreiend. Gnadenlos ruhig. Diese Ruhe war das Erschreckendste. Man hörte, wie er systematisch jedes einzelne Besteckstück nahm und es verbog, zerbrach oder gegen den Boden warf. Das Klirren von Gabeln, das Splittern von Messern – wie ein makabrer Rhythmus. Es klang wie eine Zeremonie der Zerstörung. Dann kamen die Gläser. Pling. Plang. Krach. Ein Glas nach dem anderen wurde vom Küchenschrank geworfen. Jedes Mal ein neuer Schauer aus Splittern. Die Mutter stand auf – barfuß – doch Haaland war schneller. „Nicht da runter! Warte, ich schau zuerst.“ Er zog sich eine Jogginghose über und schlich sich vorsichtig zur Treppe. Lukas folgte ihm einige Schritte dahinter. In der Küche war das Licht aus. Aber die Geräusche waren klar. Jetzt hörten sie, wie Flaschen geöffnet wurden. Die klirrenden Kronkorken flogen durch die Gegend. Dann – das platschende Gluckern von Bier, das auf den Boden kippte. „Ein Schnaps weniger! Ein Bier weniger!“ murmelte der Vater wie ein Mantra. Dann ein finaler Krach: die letzte große Flasche flog mit voller Wucht gegen die Küchenwand. Der Aufprall war so laut, dass Lukas zusammenzuckte. Haaland hielt ihn zurück. „Nicht runtergehen.“ Aber Lukas konnte nicht anders. Er schlich weiter und warf einen kurzen Blick in die Küche. Der Boden war ein einziges Schlachtfeld: Scherben, zerbeulte Löffel, zerstörte Messergriffe, Bierlachen vermischt mit Glas und Lichtreflexen. Und mittendrin saß der Vater, völlig ruhig, mit leerem Blick. Er murmelte: „Jetzt ist alles kaputt. So wie ich. So wie ihr mich gemacht habt.“

Dann legte er sich auf den Boden – einfach so – zwischen die Scherben, den Alkohol, das Chaos. Lukas kehrte stumm zurück in sein Zimmer. Haaland hatte der Mutter schon leise gesagt, dass sie nicht runtergehen sollte. „Zu gefährlich. Lass ihn da liegen. Es ist traurig… aber wir müssen uns jetzt um Lukas kümmern.“ Später in der Nacht machte Lukas sein Fenster einen Spalt auf. Er brauchte Luft. Viel Luft. Und dann schrieb er ein paar Worte in sein Tagebuch: „Ich weiß nicht mehr, ob ich Mitleid, Angst oder einfach nur Leere empfinde. Alles ist kaputt. Nur ich muss irgendwie ganz bleiben.“ Dann legte er sich hin – und schloss, wenn auch nur für kurze Zeit, die Augen. 4. Juni – Morgen des 20. Tages: Scherben, Schweigen und ein tiefer Atemzug Es war genau 09:00 Uhr, als Lukas' Wecker leise vibrierte. Kein schrilles Klingeln – nur ein sanftes Summen an seinem Handgelenk. Er blinzelte ins Halbdunkel seines Zimmers, das durch die heruntergelassenen Rollläden wie in graublaues Licht getaucht war. Er erinnerte sich sofort. An die Nacht. An den Lärm. An das Knallen. An die letzte Flasche, die gegen die Küchenwand geflogen war. An das Zittern in seiner Brust, als er das Chaos gesehen hatte. Und an den Satz seines Vaters: „Jetzt ist alles kaputt. So wie ich. So wie ihr mich gemacht habt.“ Langsam stand er auf. Er fühlte sich schwer, erschöpft, aber irgendwie auch kontrolliert. Vielleicht war es der Schlaf, vielleicht war es einfach Resignation. Zuerst griff er zur Schublade neben seinem Bett, wo seine Medikamente lagen. Ein Glas Wasser stand schon bereit. Er nahm die Tabletten – wie jeden Tag – und atmete tief durch. „Alles klar, Lukas. Nur ein weiterer Tag. Nur... weiteratmen.“ Dann öffnete er vorsichtig die Tür zu seinem Zimmer und trat hinaus in den Flur. Und da sah er es: das Schlachtfeld. Der Flur roch nach Bier, abgestandenem Alkohol und irgendetwas Metallischem. Vielleicht war es der Geruch von Blut – nicht von Menschen, sondern von Dingen, die verletzt worden waren. Die Küche war in voller Sichtweite – das Licht dort war noch an. Offenbar hatte niemand es ausgemacht. Oder niemand hatte sich getraut, nochmal hineinzugehen. Der Boden war übersät mit Glasscherben, kleine, große, glitzernde Splitter. Wie eine zersprungene Erinnerung an Normalität. Die Besteckschublade war leer – stattdessen lagen verbogene Löffel und zerbrochene Messer kreuz und quer auf dem Boden. Die Schränke standen offen. Das Spülbecken war übervoll, und die Wand hatte einen riesigen, dunklen Fleck von der letzten Flasche, die dort geplatzt war. Auf dem Küchentisch lag – oder besser: kauerte – die Brille seines Vaters. Oder das, was davon übrig war. Zerbrochen, zertreten, die Gläser gesplittert, der Rahmen völlig verbogen. Haaland kam gerade aus dem Bad, mit zerzausten Haaren und einem Blick, der sagte: „Ich hab kaum geschlafen.“ „Morgen“, sagte er leise. Lukas nickte nur. „Morgen…“ „Wie geht's dir?“ Lukas antwortete nicht sofort. Er sah sich nur um. Dann sagte er mit leiser Stimme: „Ich weiß nicht. Ich glaube, ich bin einfach… leer.“ Haaland trat vorsichtig an ihn heran. „Setz dich erstmal. Ich hol dir ein neues Glas Wasser.“ Lukas ging zur Couch und setzte sich. Seine Mutter kam wenig später aus dem Schlafzimmer. Auch sie war still, trug noch ihren Bademantel. Sie sah die Küche – seufzte. Kein Schrei. Keine Wut. Nur tiefe Erschöpfung. „Ich ruf später bei der Versicherung an“, sagte sie mechanisch. „Wegen dem Glas. Vielleicht auch wegen der Küchenschränke.“ Niemand fragte: „Wo ist Papa?“

Alle wussten, dass er entweder noch irgendwo schlief – oder abgehauen war. Wie so oft. Niemand fragte, wann er wiederkäme. Oder ob er überhaupt wiederkäme. Lukas lehnte sich zurück, während Haaland ihm das Wasser reichte. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages krochen langsam durch die Fenster. Dann sagte Lukas leise: „Vielleicht… ist heute der Tag, an dem wir einfach alles neu machen sollten. Oder wenigstens anfangen.“ Und keiner widersprach. 4. Juni – Später Morgen, der 20. Tag: Ruhe für den Jungen, Kraft für die anderen Lukas saß noch immer auf der Couch, die Beine leicht angezogen, das Wasserglas halbvoll in der Hand. Die Augen waren glasig, aber nicht vom Weinen – eher von innerer Müdigkeit, wie jemand, der viel zu früh zu viel erlebt hatte. Haaland beobachtete ihn still und setzte sich kurz neben ihn. „Du brauchst Schlaf“, sagte der Spieler ruhig. „Du siehst aus, als wärst du die ganze Nacht gegen einen Sturm gerannt.“ Lukas murmelte: „Aber wenn ich jetzt schlafe, dann... dann verpass ich, was passiert.“ Haaland legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du hast nichts verpasst. Wir kümmern uns. Ich bleib bei deiner Mutter. Du brauchst gerade Kraft – du kannst nichts retten, wenn du selbst untergehst.“ Lukas wollte widersprechen, doch seine Lider waren schwer. „Nur kurz…“, sagte er. „Geh ruhig. Ich versprech’s dir – wenn was ist, holen wir dich sofort.“ Lukas nickte langsam, stellte das Glas ab und ging mit schlurfenden Schritten in sein Zimmer. Haaland hörte, wie sich die Zimmertür leise schloss und wenige Minuten später ein tiefes, regelmäßiges Atmen begann. In der Küche trat Haaland zu Lukas’ Mutter, die gerade mit einer großen Kehrschaufel und einem Eimer bewaffnet in das zertrümmerte Zimmer trat. Sie hatte Tränen in den Augen, aber keine Zeit, sie zu zeigen. „Wir fangen mit dem Glas an“, sagte sie leise. „Dann der Tisch. Und wenn wir das geschafft haben, dann sehen wir weiter.“ „Ich nehm die Seite beim Fenster“, sagte Haaland. Beide begannen zu arbeiten, schweigend, konzentriert. Es war keine gewöhnliche Aufräumarbeit – es war eine stille Form von Widerstand. Ein Versuch, der Zerstörung nicht das letzte Wort zu lassen. Die Mutter wischte mit feuchten Tüchern die Bierlachen vom Boden, während Haaland mit festen Bewegungen Scherben in einen Metalleimer fallen ließ. Das Geräusch der klirrenden Splitter war seltsam beruhigend – es bedeutete, dass etwas kaputtes endlich wegkam. Zwischendurch fand die Mutter eine alte Fotografie, die zwischen zwei Schrankritzen gefallen war. Sie war eingerissen – ein Bild von Lukas mit seinem Vater, vielleicht zehn Jahre alt. Beide lachten darauf. Sie hielt das Bild einen Moment lang fest. Haaland sah es. „Willst du’s wegwerfen?“ Die Mutter schüttelte den Kopf. „Nein… nur wegtun. Irgendwohin, wo es mich nicht jeden Tag anschreit.“ Nach zwei Stunden war der Boden wieder sichtbar. Der Tisch war wieder sauber, wenn auch mit Kratzern übersät. Und die Schubladen – was davon übrig war – waren leer, aber ordentlich. Die Mutter setzte sich auf einen Stuhl, der noch stand. Haaland tat es ihr gleich. „Danke, dass du hier bist“, flüsterte sie. „Ich bin nicht nur wegen Lukas hier“, sagte Haaland. „Ich bin hier, weil es richtig ist.“

Und für einen Moment war das Chaos der Nacht nicht vergessen – aber eingedämmt. Draußen schien die Sonne. Drinnen atmete jemand ruhig im Zimmer nebenan. Und die Welt drehte sich weiter – ein kleines Stück heil gemacht von zwei stillen Händen. 4. Juni – Später Vormittag, der 20. Tag: Aufwachen in eine neue Stille Etwa eine Stunde später öffneten sich langsam Lukas’ Augen. Das Zimmer war ruhig, nur das entfernte Zwitschern von Vögeln drang durch das gekippte Fenster. Die Sonne war weitergewandert und warf nun ein warmes Licht quer über sein Bett. Für einen Moment wusste Lukas nicht, welcher Tag war – oder warum sein Körper sich so schwer anfühlte. Dann kamen die Erinnerungen wie Wellen: die Scherben, die zerbrochenen Gläser, die Worte der Mutter, der Wutausbruch des Vaters, das Schweigen… Und doch war etwas anders. Es war… ruhig. Lukas setzte sich langsam auf, fuhr sich mit der Hand durch das zerzauste Haar. Sein Kopf war nicht ganz klar – wie nach einem Albtraum, aus dem man halb wach geworden war. Aber er erinnerte sich an Haalands Stimme: „Wir kümmern uns. Schlaf du.“ Er sah auf den Wecker: kurz nach 10. Er war wirklich eingeschlafen. Und anscheinend hatte ihn niemand geweckt. Vorsichtig stand er auf, öffnete die Tür einen Spalt und lugte in den Flur. Keine Scherben mehr. Kein Chaos. Nur der Duft von Reinigungsmitteln und frischer Luft, der aus der Richtung der Küche wehte. Er ging langsam die paar Schritte zur Wohnküche. Dort sah er es: Der Tisch war wieder gerade gerückt, die Fläche sauber, auch wenn man die Kratzer noch sehen konnte. Der Boden glänzte feucht, und der Geruch von Fensterreiniger lag noch in der Luft. Seine Mutter stand am Herd – müde, aber aufrecht – und wärmte gerade Wasser für Tee. Haaland saß mit einem Apfel auf einem der Stühle und lächelte leicht, als Lukas hereinkam. „Hey“, sagte Haaland leise. „Wie fühlst du dich?“ Lukas kratzte sich verlegen am Kopf. „Wie nach einem Sturm. Aber… danke, dass ihr…“ Die Mutter drehte sich um, reichte ihm eine Tasse warmen Tee. „Du musst dich nicht bedanken. Du brauchst jetzt nur eins: ein bisschen Normalität. Auch wenn’s schwerfällt.“ Lukas nahm die Tasse, hielt sie fest, als sei sie das Einzige, was ihn in diesem Moment in der Realität verankerte. „Ist… alles wieder ganz?“ fragte er vorsichtig. Die Mutter schüttelte den Kopf. „Nicht alles. Aber genug, dass du dich wieder setzen kannst, ohne Angst haben zu müssen, dich zu schneiden.“ „Wir wollten dich nicht wecken“, sagte Haaland. „Du sahst aus, als hättest du endlich Ruhe gefunden.“ Lukas nickte langsam. Dann setzte er sich an den Tisch, nahm einen Schluck Tee und atmete durch. Es war noch nicht vorbei – nicht das, was da in seinem Leben tobte. Aber für diesen Moment, in diesem stillen Vormittag, war alles in Ordnung genug, um weiterzumachen. 4. Juni – Mittag, der 20. Tag: Fifa statt Gedankenkarussell Nachdem Lukas in der Küche noch eine Kleinigkeit gegessen hatte – ein belegtes Brötchen mit etwas Käse, das ihm Haaland wortlos aus dem Kühlschrank geholt hatte – schlug dieser mit einem leichten Grinsen vor: „Komm. Lass uns ein bisschen Fifa spielen. Kopf abschalten, ja?“ Lukas zögerte erst. Sein Körper fühlte sich zwar ein wenig wacher an, aber innerlich war er noch weit entfernt von Entspannung. Trotzdem wusste er, dass Haaland recht hatte. Es musste nicht alles immer gleich gelöst werden. Manchmal war Ablenkung genau das Richtige, um nicht von den Sorgen überrollt zu werden. „Okay“, murmelte er und folgte dem Spieler ins Wohnzimmer.

Die Playstation war noch im Ruhemodus – wie ein stummer Begleiter, der auf seinen Einsatz wartete. Haaland nahm den Controller in die Hand, reichte Lukas den anderen. Auf dem Bildschirm erschien das EA-Logo, gefolgt vom Menü von FIFA 25. „Was willst du heute sein? Wieder Mainz 05?“ fragte Haaland mit einem Augenzwinkern. Lukas lächelte schwach, aber ehrlich. „Ja. Aber diesmal will ich gegen dich spielen. Nicht im Koop.“ „Oha“, rief Haaland gespielt schockiert. „Also gut. Dann nehm ich Real Madrid. Wenn schon, denn schon.“ Das Spiel begann. Die erste Halbzeit war hektisch, voller schneller Pässe, ungenauer Abschlüsse und lautem Gekicher, wenn einer von ihnen danebentrat oder versehentlich den eigenen Torwart anspielte. Haaland schoss das erste Tor – ein sauberer Lupfer mit Vinícius Jr. Lukas fluchte kurz, aber lachte danach. Dann konterte er mit einem wuchtigen Fernschuss von Barreiro – unhaltbar. Zur Pause stand es 1:1. Lukas fühlte sich, als sei etwas in ihm leichter geworden. „Weißt du“, sagte er leise, während sie auf das nächste Spiel warteten, „das hier... ist das erste Mal seit Tagen, dass ich mich nicht wie ein Schatten fühle.“ Haaland sah ihn ruhig an. „Dann machen wir genau das weiter. Und wenn du wieder verlieren solltest, dann nur gegen mich.“ „Noch steht’s unentschieden“, erwiderte Lukas und grinste. In der zweiten Halbzeit ging es noch wilder zu. Das Wohnzimmer war erfüllt vom Klackern der Controller, vom Jubel nach Toren und manchmal einem erschrockenen „Oh nein!“, wenn ein Ball knapp am Tor vorbeiging. Haaland spielte hart – aber fair. Und Lukas – der lachte wieder. Am Ende gewann Lukas überraschend mit 3:2. Als das letzte Tor fiel, sprang er vom Sofa auf, riss die Arme hoch und rief: „YES!“ Haaland klatschte ihn ab. „Du bist besser geworden, Bruder.“ Lukas ließ sich wieder fallen. Die Sonne war mittlerweile weit gewandert, doch für ihn war dieser Moment ein kleiner persönlicher Sieg – nicht nur im Spiel, sondern gegen die lähmende Last der letzten Tage. Und während sie noch ein paar Szenen aus dem Spiel im Wiederholungsmodus betrachteten, wusste Lukas: Auch wenn alles um ihn herum chaotisch war – hier, mit Haaland, auf dem Sofa, bei FIFA – war die Welt gerade einfach und friedlich. 4. Juni – Nachmittag, der 20. Tag: Kneipe mit Schatten Nachdem das FIFA-Spiel beendet war und beide ein wenig zur Ruhe gekommen waren, ertönte gegen 15:30 Uhr das schwere Knarren der Wohnungstür. Der Vater kam von der Arbeit zurück. Sein Gesicht war erschöpft, die Stirn leicht schweißnass, doch er sagte nichts. Er ging zuerst in die Küche, stellte seine Tasche ab, dann kam er mit überraschend ruhiger Stimme ins Wohnzimmer: „Kommt ihr mit in die Kneipe? Ich geb einen aus. Danach muss ich eh noch zum Arzt.“ Lukas und Haaland warfen sich einen kurzen Blick zu – überrascht, aber auch vorsichtig. In letzter Zeit war jeder Kontakt mit dem Vater eine Wundertüte aus möglicher Ruhe oder plötzlicher Eskalation gewesen. Doch Lukas nickte zögerlich. Haaland zuckte mit den Schultern. „Wenn du willst“, sagte er leise zu Lukas. Und so gingen sie los. Die Kneipe, nicht weit von der Wohnung entfernt, war eine der urigen alten Eckkneipen in Mainz. Draußen rauchten ein paar Männer, drinnen lief ein Fußballkanal leise auf dem Fernseher, während sich die Theke mit Gläsern und Untersetzern füllte. Sie setzten sich an einen Ecktisch. Der Vater bestellte für sich und Haaland je ein „Hop House 13“, ein irisches Lagerbier mit leicht fruchtiger Note. Lukas, der nicht so viel Alkohol wollte, nahm ein Radler. Der Vater prostete ihnen zu, allerdings ohne ein Wort. Der Blick war leer, fast neutral. Kein Lächeln, aber auch kein Groll.

„Wie war die Arbeit?“, versuchte Lukas vorsichtig das Gespräch. „Warm. Stressig. Aber bald Feierabend für heute“, sagte der Vater und trank einen großen Schluck. Einige Minuten später sagte er plötzlich, fast beiläufig: „Ich muss gleich los zum Arzt. Blutwerte nachkontrollieren.“ Er stellte sein Glas zur Hälfte leer ab, stand auf, nahm sein Handy und verließ die Kneipe wortlos. Die Tür fiel schwer hinter ihm zu. Lukas und Haaland saßen still da. Eine kurze Pause trat ein. Dann nahm Haaland einen weiteren Schluck und murmelte: „Besser als gestern, oder?“ Lukas nickte. „Ich weiß es nicht. Vielleicht. Wenigstens war’s friedlich.“ Sie saßen noch etwa eine halbe Stunde in der Kneipe. Lukas trank sein Radler langsam aus, während Haaland über ein paar Fußballer philosophierte, die er in seiner Karriere nicht leiden konnte – mit viel Humor und einem ironischen Lächeln, das Lukas zum Lachen brachte. Der Kellner, ein älterer Herr mit grauem Bart, stellte ihnen zum Bier noch eine Schale Salzstangen hin. „Weißt du“, sagte Lukas schließlich, „so ein Moment… hätte früher ein kleines Glück bedeutet. Heute ist es eher… eine Pause vom Sturm.“ „Pausen sind wichtig“, sagte Haaland. „Vielleicht fangen Glücksmomente genauso an.“ Sie zahlten schließlich ihre Getränke, verließen die Kneipe und liefen langsam durch die Straßen zurück. Die Sonne begann sich zu senken. Die Schatten wurden länger. Doch für einen Moment fühlte sich alles ein wenig leichter an – als hätte der Tag sie nicht ganz besiegt. 4. Juni – Später Nachmittag, der 20. Tag: Tränen im Glas und zerstörte Zeichen Nachdem Lukas und Haaland noch ein paar ruhige Minuten in der Kneipe verbracht hatten, kehrte der Vater plötzlich zurück. Er sah zerknittert aus, seine Schultern hingen durch, seine Stirn war gerunzelt. Ohne ein Wort winkte er dem Wirt, bestellte noch ein Getränk – diesmal für jeden ein kleines Bier – und setzte sich wieder zu ihnen. Der Wirt stellte die Gläser hin. Der Vater hob seines, schaute lange hinein, als ob darin eine Antwort auf all seine inneren Konflikte verborgen wäre. Dann sagte er leise – fast flüsternd: „Ich wollte niemanden verletzen… wirklich nicht… ich wollte nur, dass alles gut ist.“ Seine Stimme brach. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Lukas hielt inne, erstarrt. Auch Haaland war still, beobachtete mit einer Mischung aus Überraschung und Mitgefühl. Der Vater wischte sich über die Augen, starrte auf die Theke und murmelte: „Ich weiß, dass ihr Angst habt. Ich spür das. Aber ich bin auch nur… kaputt.“ Er trank sein Glas mit einem Zug leer, stand dann abrupt auf. „Ich muss… frische Luft.“ Ohne ein weiteres Wort verließ er die Kneipe. Lukas wollte aufstehen, aber Haaland hielt ihn sanft zurück. „Lass ihn gehen. Er muss selbst wissen, was er tut.“ Doch draußen eskalierte es. Von drinnen hörten sie einen dumpfen Schlag, dann ein splitterndes Klirren. Lukas sprang auf und rannte zur Tür. Als er hinaustrat, sah er, wie sein Vater wie ein Besessener mit bloßer Faust gegen eine kleine Straßenlaterne schlug. Erst einmal, dann nochmal, bis das Glas in tausend Stücke zerbarst. Funken stoben, ein leises Sirren erklang, dann ging das Licht aus. Die Laterne flackerte, verlosch. Ein Passant rief erschrocken: „Was machen Sie denn da?!“ Doch der Vater ignorierte ihn, stolperte weiter zur nächsten Straßenecke und riss mit einem Ruck ein Verkehrsschild aus der Verankerung, schleuderte es gegen eine Mauer. „Ich kann das alles nicht mehr!“, schrie er. Ein weiteres Schild folgte. Er trat gegen einen Stromverteilerkasten, der blechern nachgab, dann gegen einen Mülleimer, der scheppernd zu Boden fiel. Passanten wichen zurück, einige filmten mit ihren Handys. Ein Kind weinte. Haaland kam jetzt auch aus der Kneipe gelaufen, packte Lukas an der Schulter. „Wir müssen hier weg. Komm. Jetzt.“
„Aber… das ist mein Vater…“, flüsterte Lukas gebrochen. „Du kannst ihm jetzt nicht helfen. Nicht so. Aber du kannst dich schützen.“ Zögernd folgte Lukas ihm. Sie entfernten sich von der Szene, während im Hintergrund bereits die Sirenen eines Streifenwagens zu hören waren. Lukas blickte noch einmal zurück. Im Flackern des kaputten Lichts sah er die Silhouette seines Vaters – aufgewühlt, gebrochen, verzweifelt. „Ich wollte niemanden verletzen“, hallte sein letzter Satz in Lukas’ Kopf nach. Und trotzdem hatte er es getan. 4. Juni – Abend, der 20. Tag: Feuer im Garten Die Heimkehr war still, fast gespenstisch. Die Sirenen lagen noch in der Ferne, als Lukas, seine Mutter und Haaland die Wohnung erreichten. Es dauerte nicht lange, bis der Vater ebenfalls hereinkam: wortlos, mit schmalen, fiebrigen Augen. In der Luft hing der Geruch von kaltem Rauch und Benzin, noch von der zerstörten Laterne draußen. Die Mutter – erschöpft, die Schultern schwer – sprach kaum. Doch als sie den Blick auf den Kalender warf, stockte ihr die Stimme: „Er hat dir am 25. Mai nicht gratuliert …“ Ihre Worte klangen wie ein durchweichter Zettel im Wind – schwer verständlich und doch nicht zu überhören. Lukas spürte die vertraute Mischung aus Traurigkeit und Resignation. Doch diesmal kam keine Entschuldigung, keine leisen Erklärungen. Stattdessen holte der Vater im Flur den zusammengeklappten Rollstuhl hervor, trug ihn ohne ein weiteres Wort in den kleinen Garten hinter dem Haus. Lukas erschrak: „Was machst du da?!“ Er wollte ihm hinterher, doch Haaland hielt ihn fest. Der Vater stellte den Rollstuhl in der Mitte des Rasens ab, drehte sich kurz um. Seine Stimme war dünn, brüchig: „Du willst mich dauernd angreifen? Schau, was das bringt.“ Er nahm aus einem Gartenschrank einen Kanister und schüttete Benzin über das Gestell. Lukas riss sich los und wollte einschreiten, doch Haaland zog ihn zurück, hielt ihn fest, flüsterte: „Du kannst ihn nicht stoppen – du musst dich schützen!“ Ein Zischen, dann das grelle Aufflackern einer Flamme: Der Rollstuhl stand in Brand. Das Feuer fraß sich blitzschnell über Sitz und Räder, gleißend hell gegen die Dämmerung. Der Vater wandte sich zu Lukas, eine schattenhafte Gestalt vor der Feuerwand, und raunte: „Das hast du jetzt davon.“ Haaland drückte Lukas’ Kopf an seine Schulter, versuchte, ihm die Sicht zu nehmen. Lukas wehrte sich kurz, doch dann vergrub er das Gesicht, während Tränen in seine Augen stiegen – Tränen aus Angst, aus Wut, aus Entsetzen. Die Mutter stand wie erstarrt an der Terrassentür. Erst nach endlosen Sekunden – Sekunden, die die Hitze bis ins Wohnzimmer warf – eilte sie zum Telefon, um die Feuerwehr zu rufen. Haaland zog Lukas zurück ins Haus, weit weg vom Licht der Flammen. Draußen knisterte das Feuer, irgendwo brach Metall. Der Vater stand stumm am Rand, bis die ersten Sirenen erneut den Abend zerschnitten. Dann verschwand er in der Dunkelheit, noch bevor der rote Schein der Einsatzfahrzeuge die Straße erhellte. Später Ein Notarzt untersuchte Lukas’ Mutter, während die Feuerwehr die letzten Glutnester löschte. Der Garten roch scharf nach verbranntem Gummi und Treibstoff. Nur ein verkohlter Metallrahmen erinnerte an den Rollstuhl – an all das, was Lukas einmal getragen hatte. Haaland saß neben Lukas auf der Couch, legte ihm eine Decke um die Schultern. Lukas zitterte noch, aber er sah seinen Freund an und flüsterte: „Ich will, dass es endet. Ich halte das nicht mehr aus.“

Haaland nickte. „Morgen holen wir Hilfe – professionelle Hilfe. Für dich, für deine Mutter. Das hier darf nicht so weitergehen.“ Und während der Rauchgeruch langsam aus dem Haus wehte, beschloss Lukas, dass er diesen Schritt wirklich gehen würde – auch wenn er Angst davor hatte, was er morgen aufbrechen müsste. Doch er wusste, dass irgendwo jenseits des Feuers ein anderer Weg beginnen musste. 4.–5. Juni – Nacht zum 21. Tag: Die große Flut Die Einsatzfahrzeuge waren kaum fort, der verkohlte Rollstuhlrahmen im Garten noch dampfend, da fiel eine unnatürliche Stille über das Haus. Lukas lag wach in seinem Zimmer, ein dünnes Handtuch über die Schultern gelegt. Haaland saß im Sessel neben der Tür – eine Art stiller Wache –, während die Mutter versuchte, im Wohnzimmer zur Ruhe zu kommen. Gegen zwei Uhr hörte Lukas das bekannte Geräusch der Haustür. Ein Schlüssel drehte sich langsam im Schloss. Der Vater war zurück. Haaland stand sofort auf, legte den Finger an die Lippen und lauschte. Schritte polterten in Richtung Küche – schwer, ungleichmäßig. Dann begann eine Serie dumpfer Stöße: das Schleudern von Schranktüren, das Krachen von Gläsern. Etwas klirrte, etwas platschte. Lukas’ Herz raste. Er kannte dieses Geräusch – nur schlimmer. „Er zerstört alles Essen“, flüsterte Lukas. Haaland nickte düster. Im Flur hörten sie nun das Aufdrehen eines Wasserhahns – nicht nur einen, sondern gleich mehrere. Erst in der Küche, dann im Bad, dann im kleinen Gäste-WC. Das Wasser rauschte. Es lief ununterbrochen, über den Rand der Becken, gluckste in den Abfluss – bis auch das nicht mehr reichte. Binnen Minuten schwappte es unter der Küchentür hervor, verteilte sich über die Fliesen. Haaland drängte Lukas zurück aufs Bett. „Nicht rausgehen. Es wird rutschig.“ Doch das Rauschen wurde lauter – nun kamen neue Laute hinzu: das Aufplatzen von Konservendosen, das Dumpfe Platschen von Milchpackungen, die in die Pfützen fielen. Der Vater schleuderte alles Essbare in die überschwemmten Räume. Konfitüren zerplatzten, Nudeln quollen bereits im warmen Wasser auf. Die Mutter eilte in den Flur, rief: „Hör auf! Du flutest alles!“ Doch der Vater antwortete nicht. Er drehte weitere Hähne auf, lachte heiser, murmelte unverständliche Wörter. Das Wasser stand nun knöchelhoch. Bald quoll es unter der Wohnungstür hindurch in das Treppenhaus. Man hörte das erschrockene Rufen einer Nachbarin, das Zuschlagen ihrer Tür, dann hastige Schritte bergab. Ein Kind begann zu weinen. Ein Licht im Hausflur ging an, spiegelte sich im rasch steigenden Wasser. Lukas, Haaland und die Mutter mussten sich auf höhere Stufen des Flurs zurückziehen. Haaland rief erneut die Polizei; die Mutter schlug Alarm bei der Hausverwaltung. Der Vater stapfte durch die chaotische Flut, bis er schließlich im Wohnzimmer stand – Wasser bis fast zur Wade – und mit leerem Blick in die Runde sah. Lukas konnte ihn zwischen Türrahmen und Wasserspiegel erkennen: eine Silhouette, erschöpft, triefend, außer sich – als wäre die Zerstörung das Einzige, was ihm noch fühlbar blieb. Noch bevor die Polizei eintraf, brach ein Rohr unter dem Druck und das Wasser ergoss sich nun rauschend wie ein Wasserfall die Stufen hinab. Lukas hörte unten Türen aufgehen, Rufe, das Krachen eines Eimers. Da sah Lukas Haaland in die Augen. Der Spieler zog ihn an der Hand: „Komm. Wir müssen nach draußen. Jetzt.“ Die Mutter folgte. Hinter ihnen hallte das letzte Rufen des Vaters im Schein der flackernden Flurbeleuchtung: „Wenn alles nass ist, kann nichts mehr brennen!“ Draußen, vor dem Haus, standen Nachbarn in Schlafanzügen, während die Feuerwehr erneut anrückte. Schlauchleitungen wurden gelegt, Wasserabsperrhähne im Keller gesucht. Lukas

stand barfuß auf dem kalten Asphalt, das Hemd klatschnass. Die Mutter zitterte, Haaland legte seinen Arm um beide. In dieser Nacht lernte Lukas, dass Zerstörung viele Gesichter hat – Feuer, Wasser, Worte – und dass Angst einen fast lautlos durch jede Tür begleiten kann. Aber er spürte zugleich, wie Haalands Griff feste blieb und die Mutter trotz allem Halt suchte. Und irgendwo in diesem Durcheinander fasste er den längst überfälligen Entschluss: Hilfe von außen war jetzt nicht mehr nur eine Option, sondern die letzte, dringend notwendige Rettungsleine. 21. Tag – Früher Morgen: Enttäuschung, Verdrängung und Rückzug Der Wecker klingelte pünktlich um 7:30 Uhr. Die Sonne schien durch das halb geöffnete Fenster, doch ihre Strahlen wirkten matt und schwer nach der chaotischen Flutnacht, die kaum jemand richtig verarbeitet hatte. In der Wohnung roch es noch leicht modrig – von feuchten Wänden, nassem Holz, aufgelösten Pappverpackungen. Lukas saß auf der Bettkante, den Kopf gesenkt. Haaland war bereits wach, hatte sich frisch gemacht und saß mit einem stillen Kaffee am Küchentisch. Die Mutter trat vorsichtig ins Zimmer, die Augen müde, aber wachsam. „Lukas…“, begann sie leise. „Willst du mit uns das Nations-League-Halbfinale schauen? Deutschland gegen Portugal? Es fängt gleich an.“ Er nickte wortlos. Fußball war oft sein Zufluchtsort – ein Raum, in dem für 90 Minuten alles andere verblassen konnte. Auch wenn er tief drinnen spürte, dass ihn heute selbst das kaum trösten würde. Gemeinsam setzten sie sich ins Wohnzimmer, wo der Fernseher bereits lief. Haaland saß schweigend daneben. Die Mutter wirkte angespannt, und der junge Mann bemerkte, dass sie ab und zu zu ihm hinschaute, als ob sie etwas sagen wollte, aber noch wartete. Das Spiel begann. Deutschland zeigte sich mutig, und in der 48. Minute schoss Florian Wirtz das erlösende 1:0. Lukas rief ein leises „Ja!“, spürte für einen kurzen Moment so etwas wie Hoffnung. Haaland klatschte leicht mit. Doch nur 15 Minuten später glich Portugal durch Francisco Conceição aus – ein wuchtiger Schuss, dem Manuel Neuer machtlos hinterhersah. Lukas ballte die Faust, blieb aber ruhig. Es war noch Zeit. Dann, die 68. Minute: Cristiano Ronaldo. Wie aus dem Nichts tauchte er im Strafraum auf, zog ab – und traf. 2:1 für Portugal. Ab da fiel alles in sich zusammen. Deutschland wirkte kraftlos, ohne Ideen. Portugal spielte dominant, elegant, und hatte gleich mehrere Großchancen. Ronaldo tanzte beinahe über den Platz, während die DFB-Elf kaum noch nennenswerte Angriffe zustande brachte. Als der Schlusspfiff ertönte, sagte niemand etwas. Nur der Kommentator murmelte etwas von einer „bitteren Niederlage“ und dem „verpassten Finaltraum“. Dann drehte sich die Mutter zu Lukas. Ihre Stimme war sanft, aber bestimmt. „Lukas… Ich hab gestern Abend gesehen, dass du doch Bier getrunken hast. Du hattest versprochen, heute nichts zu trinken. Das war kein schlimmer Rausch, aber es war trotzdem nicht ehrlich. Ich bin enttäuscht…“ Lukas sah sie an. Er wusste, dass sie recht hatte. Und er wusste auch, dass sie es nicht sagte, um ihn zu verletzen – sondern weil sie ihn ernst nahm. „Du solltest dir eine kleine Strafe überlegen“, fügte sie hinzu. „Nicht als Strafe im bösen Sinn. Sondern als Erinnerung. Dass du zu deinem Wort stehen musst.“ Lukas nickte langsam. „Okay… ich… denk mir was aus. Später.“ Er stand auf, nahm seine Epilepsie-Medikamente aus dem Regal, setzte sich einen Moment an den Küchentisch. Alles fühlte sich schwer an. Die Niederlage. Die Nacht. Die Worte seiner Mutter. Die Leere in seinem Zimmer. Die Zerstörung des Rollstuhls. Das Loch in der Tür. Die verbrannten Brillenreste. Und das ganze Wasser. Dann sagte er leise: „Ich leg mich nochmal hin.“

Die Mutter gab ihm einen kurzen Kuss auf die Stirn, streichelte ihm über den Rücken, ehe sie sich fertig machte für die Arbeit. Haaland warf ihm einen besorgten Blick zu, sagte aber nichts. Er wusste, dass Lukas gerade einfach seine Ruhe brauchte. Als die Wohnung leer war, lag Lukas unter seiner Decke. Die Gedanken drehten sich. Aber irgendwann, kurz vor dem Einschlafen, beschloss er, sich heute einfach nichts mehr vorzunehmen – außer zu atmen und durchzuhalten. Morgen würde ein neuer Tag sein. Und vielleicht, ja vielleicht, würde er dann ein bisschen leichter werden. 21. Tag – Vormittag: Vorbereitung auf das Gespräch mit der Assistentin Ein leiser Klingelton summte gegen 10:00 Uhr durch das Zimmer. Die Sonne stand inzwischen höher und warf schräg warme Lichtstreifen über das unordentliche Bett, den kleinen Tisch mit der Teetasse vom Vorabend und den in der Ecke aufgestellten Rollstuhlrahmen, der notdürftig abgewischt worden war, nachdem er fast im Feuer untergegangen wäre. Lukas blinzelte, gähnte, streckte sich langsam – der Schlaf hatte ihm etwas Ruhe gebracht, aber in ihm arbeitete es weiter. Die Worte seiner Mutter, das enttäuschte Gesicht beim Spiel, das unangenehme Gefühl nach dem Bier, das er trotz Versprechen getrunken hatte… all das klebte noch an ihm. Doch heute hatte er eine Aufgabe. Ein Ziel. Er setzte sich auf und sah Haaland, der bereits in der Küche saß, Zeitung las – oder eher überflog – und an einer Tasse Kaffee nippte. Als er sah, dass Lukas wach war, nickte er ihm aufmunternd zu. „Gut geschlafen?“ fragte er ruhig. Lukas antwortete mit einem leichten Schulterzucken. „Ging so. Aber… ich hab gleich den Termin mit der Assistentin. Ich sollte mich fertig machen.“ Er stand langsam auf, nahm seine Kleidung für den Tag aus dem kleinen Schrank – ein schlichtes, aber sauberes Shirt, Jeans, seine Jacke, die er fast täglich trug. Er ging ins Bad, duschte sich kurz, putzte die Zähne, wusch sein Gesicht kalt und konzentriert. Im Spiegel betrachtete er sich einen Moment. Seine Augen waren noch etwas müde, aber sein Blick war wach. „Ich zieh das durch“, murmelte er leise zu sich selbst. Zurück in seinem Zimmer holte er seinen Ordner mit Papieren – die letzten Protokolle, Notizen zur Teilhabeplanung, ein paar Gedanken, die er gestern Abend noch aufgeschrieben hatte. Dinge, die ihm wichtig waren, die er unbedingt ansprechen wollte. Auch die Erinnerung an die letzten Gespräche mit der Assistentin war in ihm präsent – das Gefühl, manchmal übergangen zu werden, manchmal aber auch ernst genommen. Er packte alles in seinen Rucksack, stellte sicher, dass er seine Versichertenkarte und seine Notfallmedikamente dabeihatte. Dann trank er noch schnell einen Schluck Tee, den Haaland ihm frisch gemacht hatte. „Viel Erfolg, Lukas“, sagte Haaland, als er sich die Jacke anzog. „Danke“, antwortete Lukas. „Ich will heute, dass sie mich wirklich hört. Und dass was vorangeht.“ Haaland nickte. „Du schaffst das.“ Lukas verließ die Wohnung, noch etwas nervös, aber mit festem Blick. Es war ein neuer Vormittag. Ein neuer Schritt auf dem Weg, den er sich selbst zu gehen entschlossen hatte – mit allen Ecken, Brüchen, Enttäuschungen, aber auch mit kleinen Mutinseln. Jetzt war es Zeit, seine Stimme einzusetzen. Für sich selbst. 21. Tag – Nachmittag: Der Gang zur Assistenz – still verfolgt Der Himmel über Mainz hatte sich am frühen Nachmittag leicht zugezogen. Graue Wolken schoben sich gemächlich über die Dächer der Stadt, während Lukas mit langsamen, aber entschlossenen Schritten Richtung Assistenzbüro ging. Wie so oft wählte er den Weg über den Friedhof. Nicht, weil es der kürzeste war – sondern weil er dort etwas zur Ruhe kam. Die großen Bäume, die leise raschelnden Blätter, die alten Grabsteine… es war ein Ort, an dem er die Gedanken sortieren konnte.

Haaland hatte ihm vorher noch ein paar gute Worte mitgegeben: „Rede offen. Auch wenn’s schwerfällt. Nur wenn du sagst, was du brauchst, kann man dir auch helfen.“ Lukas dachte über diese Worte nach, während er an der kleinen Kapelle vorbeiging. Keine zehn Meter weiter, hinter einem bemoosten Grabstein, stand ein großer Strauch, in dessen Schatten eine Gestalt kauerte – kaum sichtbar für das bloße Auge. Es war die alte Frau. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, ein dicker Schal um den Hals, obwohl es eigentlich mild war. Ihre Augen lagen schmal unter der Kapuze – sie beobachtete Lukas genau. Ihr Blick war kühl, abwartend. Ihre Finger ruhten auf einem Notizbuch in ihrem Schoß, doch sie schrieb nichts. Noch nicht. Lukas bemerkte sie nicht. Er blickte stattdessen auf ein altes Grab, das ihm seltsam vertraut vorkam. Dann sah er weiter vorne eine Krähe, die am Rand eines Grabsteins saß, ihn ansah, dann aufflog. Irgendwie bekam Lukas eine Gänsehaut. Doch er schüttelte den Gedanken ab – "Nur Zufall", murmelte er leise. Am Ende des Friedhofs angekommen, trat er wieder auf den normalen Bürgersteig hinaus, überquerte die Straße und erreichte schließlich das Büro der Assistenzstelle. Er wurde bereits erwartet. Die Assistentin – heute war es eine andere als sonst – begrüßte ihn freundlich, aber professionell. „Hallo Lukas, schön, dass du da bist. Wir schauen heute nochmal gemeinsam über deinen Teilhabeplan, richtig?“ Lukas nickte. Er setzte sich, holte seine Unterlagen hervor, und begann ruhig zu sprechen. Anfangs stockend, dann zunehmend klarer. Er erklärte, was für ihn gut lief – aber auch, wo er sich nicht gesehen fühlte. Welche Ziele er hatte, was ihn belastete. Auch über seine Wohnsituation sprach er – vorsichtig, ohne zu viel zu sagen, aber ehrlich genug, dass die Assistentin die Anspannung merkte. Währenddessen – nur wenige Straßen entfernt – verließ die alte Frau den Friedhof durch ein Nebentor. Sie zog ihr Notizbuch aus der Tasche, schlug eine neue Seite auf und schrieb langsam in sauberer Handschrift: „Er hat mich nicht erkannt. Noch nicht. Aber ich sehe ihn. Ich weiß, wer er ist. Und was er getan hat. Ich werde beobachten. Warten. Bald ist der Moment.“ Sie klappte das Buch zu. Ihr Blick wanderte zum Himmel. Dann ging sie – leise, wie ein Schatten, der über das Pflaster glitt. Zur gleichen Zeit verließ Lukas erleichtert das Büro. Das Gespräch war produktiv gewesen. Es gab zwar noch viel zu tun – aber er fühlte sich zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Stück verstanden. Noch wusste er nichts von den Augen, die ihn im Schatten beobachteten. Noch war er sicher. Doch das sollte sich ändern. Bald. 21. Tag – Später Nachmittag: Ein Spaziergang mit der Assistenz Nachdem das Gespräch im Büro abgeschlossen war, schaute die Assistentin Lukas freundlich an. „Weißt du was, Lukas? Wir haben noch ein bisschen Zeit. Möchtest du ein Stück spazieren gehen? Manchmal redet es sich leichter beim Laufen.“ Lukas zögerte kurz, dann nickte er. Es war zwar viel passiert in den letzten Tagen, aber der Gedanke, einfach draußen zu sein, sich zu bewegen, etwas frische Luft zu atmen – das tat gut. Sie verließen das Gebäude gemeinsam, und schlugen eine kleine Runde ein, die in einen ruhigeren Teil von Mainz führte – in Richtung Volkspark. Die Bäume dort waren hoch und grün, in der Ferne bellte ein Hund, ein Kind fuhr kichernd an ihnen vorbei auf einem kleinen Roller. Die Assistentin ließ Lukas das Tempo bestimmen. Anfangs war es still. Dann begann sie: „Du hast vorhin über deinen Vater gesprochen – dass du manchmal nicht weißt, wie du dich verhalten sollst. Das klingt belastend.“

Lukas zog die Schultern leicht zusammen. „Ich will einfach nicht streiten. Aber er… er macht Dinge, die weh tun. Und dann tut er so, als wär nichts.“ Die Assistentin nickte verständnisvoll. „Es klingt, als ob du oft versuchst, für alle Frieden zu halten – auch wenn du selbst leidest. Dabei solltest du auch auf dich achten, Lukas.“ Sie gingen weiter, vorbei an einem kleinen Teich. Lukas schob die Hände in die Jackentaschen. „Manchmal denk ich, ich bin schuld. Wenn ich anders wär…“ „Du bist nicht schuld“, unterbrach sie ihn sanft, aber bestimmt. „Du bist, wie du bist. Und das ist okay. Du versuchst dein Bestes. Dass dein Vater so reagiert, liegt nicht an dir.“ Lukas sah zu ihr hoch. Zum ersten Mal an diesem Tag musste er kurz lächeln – schwach, aber ehrlich. Plötzlich hörten sie eine laute Stimme in der Ferne, irgendwo vom Friedhof zurück. Es war nicht direkt zu verstehen, aber Lukas fröstelte leicht. „Hast du das gehört?“ fragte er. „Nur undeutlich“, antwortete die Assistentin. „Vielleicht jemand, der mit sich selbst redet.“ Lukas nickte langsam, aber innerlich wurde er wieder unruhig. Irgendetwas an diesem Geräusch erinnerte ihn… an etwas Altes. Unverarbeitetes. Doch er sprach es nicht aus. Sie setzten ihren Spaziergang fort, redeten noch über kleine Dinge – über sein Pokémon Go Spiel, über das, was er gern isst, und was er sich für den Sommer wünscht. Die Sonne kam leicht durch die Wolken, und für einen Moment wirkte alles friedlich. Als sie sich später wieder Richtung Wohnhaus bewegten, war Lukas ruhiger geworden. Der Spaziergang hatte gut getan. Die Worte auch. Die Assistentin verabschiedete sich freundlich und versprach, bald wieder mit ihm zu sprechen – sie würden gemeinsam an seinem Teilhabeplan weiterarbeiten. Lukas winkte ihr nach und trat dann durch die Haustür. Was er nicht wusste: Auf der anderen Straßenseite – zwischen zwei parkenden Autos – stand erneut die alte Frau. Sie hatte jedes Wort nicht gehört, aber jedes Lächeln gesehen. Ihre Augen verengten sich. „Er ist nicht wachsam genug“, murmelte sie. „Noch nicht.“ 21. Tag – Vorabend: Abschied von der Assistenz und neue Sorge Als Lukas und seine Assistentin zurück vor seiner Haustür standen, verabschiedeten sie sich mit einem kurzen, warmen Händedruck. „Danke, dass du heute mit mir gegangen bist“, sagte Lukas leise. Die Assistentin lächelte. „Danke, dass du dich geöffnet hast, Lukas. Wir sehen uns nächste Woche. Ruh dich aus, ja?“ Dann stieg sie auf ihr Fahrrad und fuhr davon, während Lukas ihr noch einen Moment hinterhersah. Kaum war er oben in der Wohnung angekommen, kam auch schon seine Mutter aus dem Wohnzimmer. „Lukas, ich muss dir was sagen. Die Operation deiner Tante wurde heute doch noch gemacht – sie haben kurzfristig einen Platz frei gehabt. Alles ist gut verlaufen, aber sie liegt jetzt schon im Aufwachraum.“ Lukas’ Augen wurden groß. „Was? Heute schon? Ich dachte, das dauert noch!“ „Ja, wir dachten das auch“, sagte die Mutter ruhig. „Aber sie wollen dich sehen. Wenn du willst, kannst du sie heute Abend noch besuchen. Ich hab schon mit dem Krankenhaus telefoniert – du darfst rein. Papa holt dich gleich ab.“ Im selben Moment kam der Vater mit Haaland aus der Küche. „Ich fahr dich“, sagte er kurz. „Und ich hol uns auf dem Rückweg noch Fleischkäse.“ Lukas nickte. Es war ihm wichtig, seine Tante zu sehen. Sie hatte in letzter Zeit oft an ihn gedacht, sich Sorgen gemacht, war eine der wenigen Personen in der Familie, die ihm zuhörte. Schnell zog Lukas sich um, wollte noch Blumen mitnehmen – aber als sie schon im Auto saßen und auf halber Strecke waren, wurde ihm plötzlich heiß. Er schaute auf seine Hände. „Mist… ich hab die Blumen vergessen“, sagte er und sah schuldbewusst zu seiner Mutter.

Sie drehte sich vom Beifahrersitz leicht zu ihm um und lächelte beruhigend. „Ach Lukas, das ist nicht schlimm. Du bist da – das ist das Wichtigste. Sie freut sich bestimmt einfach, dich zu sehen.“ Er atmete tief durch. „Meinst du?“ „Ganz sicher“, sagte die Mutter. Der Vater schaltete das Radio leiser. „Wenn du willst, kaufen wir auf dem Rückweg noch welche. Oder ich bring ihr morgen welche vorbei.“ Lukas nickte langsam. Die Fahrt ging weiter durch den dämmernden Abend. Die Lichter der Stadt begannen zu leuchten, und als sie sich dem Krankenhaus näherten, legte Lukas seine Hände ruhig auf den Schoß. Er war noch nicht dort angekommen, aber innerlich bereitete er sich schon vor – auf die sterile Luft, das Piepen der Monitore, das leise Summen des Krankenhausbetriebs… und den ersten Blick auf seine Tante nach der OP. Was er nicht wusste: Ein Schatten bewegte sich leise durch eine Nebenstraße – dieselbe alte Frau. Und auch wenn sie kein Auto fuhr, wusste sie dennoch ganz genau, wo Lukas sich aufhielt. 21. Tag – Ankunft im Krankenhaus und Besuch bei der Tante Gerade als sie sich der Einfahrt des großen Universitätsklinikums näherten, vibrierte plötzlich Lukas’ Handy in seiner Hosentasche. Er zuckte leicht zusammen, zog es hervor – „Papa ruft an“, murmelte er und nahm das Gespräch entgegen. „Ja?“ „Lukas, ich hab eben auf dem Navi gesehen, dass wir fast da sind. Ich mach das jetzt so: Ich dreh nochmal kurz um und hol schnell den Fleischkäse, wie versprochen. Du gehst schon mal zur Tante, ich komm dann nach, ja? Ich bring dir danach auch was mit.“ Lukas nickte, auch wenn sein Vater das am Telefon nicht sehen konnte. „Okay… alles klar“, sagte er leise. „Und vergiss nicht, klingel einfach an der Anmeldung, sie wissen Bescheid. Ich hab alles geregelt“, sagte der Vater noch und legte dann auf. Die Mutter neben ihm drehte sich leicht zu Lukas. „Ich fahr dich direkt vor den Eingang, okay? Ich bleib dann draußen. Willst du, dass ich auf dich warte oder soll ich heimfahren?“ Lukas überlegte kurz. „Ich schreib dir, wenn ich fertig bin“, antwortete er. Die Mutter nickte. Als sie am Haupteingang des Klinikums anhielten, stieg Lukas langsam aus. Die große Glastür öffnete sich automatisch vor ihm. Ein kalter, leicht steriler Luftzug schlug ihm entgegen. Lukas fühlte, wie sein Herz schneller schlug – nicht vor Angst, sondern vor Nervosität. Er wollte stark wirken, wollte seiner Tante Mut machen, so wie sie es früher immer bei ihm getan hatte. Er ging zielstrebig zur Anmeldung. „Hallo… ich möchte zu meiner Tante – sie wurde heute operiert. Ich bin Lukas.“ Die Dame hinter dem Schalter tippte schnell etwas in den Computer. „Zimmer 214. Zweiter Stock, rechter Flügel. Sie dürfen kurz rein, aber nicht zu lang – sie braucht Ruhe.“ „Danke“, sagte Lukas und machte sich auf den Weg. Im Fahrstuhl sah er sein Spiegelbild. Ein wenig blass, aber konzentriert. Seine Hände waren leicht schwitzig. Als er vor Zimmer 214 stand, atmete er tief durch, klopfte vorsichtig an und trat dann ein. Dort lag seine Tante – blass, aber wach. Ein leichtes Lächeln ging über ihr Gesicht, als sie ihn erkannte. „Lukas… schön, dass du da bist.“ Er trat näher ans Bett, setzte sich vorsichtig auf den Stuhl daneben. „Ich hab's fast nicht geglaubt, als Mama gesagt hat, dass die OP heute war… aber sie sagen, es ist alles gut gelaufen.“ Sie nickte langsam. „Ja… etwas müde… aber ich wollte dich unbedingt sehen.“ „Ich hab vergessen, Blumen zu holen“, sagte Lukas mit leiser Stimme.

Seine Tante schüttelte sanft den Kopf. „Blumen verwelken. Aber du bist gekommen – und das ist, was zählt.“ Lukas lächelte, und zum ersten Mal an diesem Tag wurde ihm warm ums Herz. 21. Tag – Später Abend: Heimweg mit Blicken im Schatten Es war bereits dunkel geworden, als Lukas das Krankenhaus verließ. Die Straßenlaternen warfen lange, zittrige Schatten auf den Gehweg, während ein leichter Wind durch die Blätter der Bäume fuhr. Er war erschöpft, aber auch irgendwie erleichtert. Der Besuch bei seiner Tante hatte ihn berührt – ihre Worte hatten etwas in ihm wachgerüttelt, ein Gefühl von Nähe, das er lange nicht mehr gespürt hatte. Sein Vater wartete draußen am Straßenrand in der Nähe des Parkplatzes mit einer kleinen Tüte in der Hand. „Hier“, sagte er und überreichte Lukas ohne viel Worte das noch warme Fleischkäsebrötchen, eingewickelt in braunes Papier. Dann stieg er wieder wortlos ins Auto. Lukas blieb noch einen Moment draußen stehen, öffnete die Verpackung und nahm einen ersten Bissen. Der Geschmack war vertraut, fast schon tröstlich. Er setzte sich auf eine der nahen Bänke am Klinikgelände, direkt gegenüber einer alten Friedhofsmauer, die sich am Rand des Areals entlangzog. Was er nicht bemerkte: Zwischen den Grabsteinen am Rand des dunklen Friedhofs stand eine Gestalt. Schwarz gekleidet, die Haare zu einem festen Dutt gebunden, eine kleine Tasche in der Hand. Die Frau, die ihn schon Tage zuvor beobachtet hatte – bei der versehentlichen Überwachung am Brunnen – war wieder da. Sie stand fast regungslos da, verborgen in den Schatten, nur ihre Augen funkelten im Licht der entfernten Laterne. Sie hatte gesehen, wie er zur Tante gegangen war, hatte ihn auf dem Rückweg verfolgt – leise, unauffällig. Nun sah sie ihn dort sitzen, wie er langsam und mit leichtem Lächeln sein Fleischkäsebrötchen aß. „Er lacht… trotz allem…“, flüsterte sie in sich hinein. Ihre Miene war hart, kalt – als würde sie nicht nur beobachten, sondern still in sich Pläne schmieden. Lukas hingegen spürte nichts davon. Er lehnte sich zurück, ließ den letzten Bissen auf der Zunge zergehen, trank einen Schluck aus seiner Wasserflasche, die er in der Jackentasche getragen hatte, und sah gedankenverloren in den Nachthimmel. Dann stand er auf, zog seine Jacke enger um sich und machte sich langsam auf den Weg nach Hause. Er wusste nicht, dass seine Schritte verfolgt wurden. Nicht von jemandem, der ihn liebte – sondern von jemandem, der längst beschlossen hatte, dass seine Geschichte noch nicht zu Ende war. 21.–22. Tag – Nacht: Zerbrochene Konsolen Kurz vor Mitternacht kam Lukas daheim an. Die Wohnung war dunkel, nur das schwache Licht aus der Küche blieb an, damit niemand über die Handtücher stolperte, die immer noch den feuchten Flur trockneten. Lukas versuchte leise zu sein, doch als er seine Schuhe abstellte, kippte versehentlich eine Schirmständer‐Dose um. Der hohle Metallklang hallte durch den stillen Flur wie ein Gong. Haaland, der auf dem Sofa eingenickt war, hob erschrocken den Kopf. „Alles gut?“ flüsterte er. „Ja, sorry“, hauchte Lukas. „War nicht laut gemeint.“ Doch es war bereits zu spät. Aus dem Schlafzimmer polterten schwere Schritte – der Vater. Mit verquollenen Augen, aber wachsamem Zorn blieb er im Flur stehen: „Schon wieder Lärm! Du weckst das ganze Haus!“ „Es war ein Versehen,“ sagte Lukas leise, hob den Ständer auf. „Wirklich, ich—“ Doch der Vater hörte gar nicht richtig zu. Sein Blick glitt ins Wohnzimmer, wo die PlayStation 5 am TV‐Regal stand und Lukas’ Nintendo Switch auf dem Beistelltisch lag –

noch von der FIFA‐Session am Nachmittag. Ein Zucken ging über sein Gesicht, eine Mischung aus Trotz und grausamer Entschlossenheit. Er stapfte hinein, riss die PS5 vom Strom, griff sich die Switch samt Dock. Lukas stürzte hinterher: „Dad, hör auf! Bitte, das sind meine—“ Doch der Vater preschte bereits durch den Flur zur Waschküche. Haaland versuchte sich dazwischenzustellen, wurde aber grob zur Seite gedrückt. Lukas lief hinterher, seine Stimme überschlug sich: „Nicht! Das ist alles, was ich…“ Zu spät. Der Deckel der Waschmaschine wurde aufgerissen, die Geräte hineingeworfen, als wären es alte Lumpen. Ein Knacken, Plastik splitterte. Der Vater schlug den Deckel zu, drehte wütend das Programmrad, drückte Start. Wasser gurgelte. Ein leises Surren, als Pumpe und Trommel anliefen. Dann nur noch das monotone Schlagen der Konsolen gegen die Metallwand. Lukas stand reglos. Eine Flut von Geräuschen rauschte in seinem Kopf: das Wasser, der Trommellauf … die Erinnerungen an unzählige Stunden, in denen die Spiele wenigstens für Augenblicke Frieden gebracht hatten. Jetzt wirbelten sie in seifenlaugetrüber Dunkelheit. Der Vater atmete schwer, knurrte kaum hörbar: „Vielleicht lernst du jetzt, dein Zeug nicht herumstehen zu lassen.“ Ohne ein weiteres Wort schlurfte er in sein Zimmer und warf die Tür hinter sich zu. Kein Knall – nur ein kaltes Klicken. Dann Stille. Haaland fasste Lukas am Arm, zog ihn weg von der vibrierenden Maschine. „Du kannst nichts mehr tun. Komm.“ Lukas ließ sich auf den Boden sinken, die Knie angezogen, stumm. Haaland blieb neben ihm, eine Hand auf seiner Schulter, bis die Waschmaschine zu einem geisterhaften Tamburin mutierte, das allmählich im nächtlichen Flur verhallte. Als die Trommel schließlich stoppte, tropfte aus der Tür nur noch lauwarmes Wasser. Drinnen lagen zwei Klumpen Plastik und Schaltkreise – Formen, die einmal Lukas’ Zuflucht gewesen waren. Doch der Vater schlief bereits – und hinterließ ein weiteres Trümmerfeld, das sich nicht so leicht aufwischen ließ wie Wasser. 22. Tag – Früher Morgen: Zwischen Scherben und Müdigkeit Ein schwaches Licht kroch durch die Jalousien in Lukas’ Zimmer. Der neue Tag begann leise, so, als wüsste er, dass das Haus noch in Trümmern lag – innerlich und äußerlich. Es war kurz vor sieben, als Lukas die Augen öffnete. Er hatte unruhig geschlafen, Träume voll wirbelnder Waschmaschinentrommeln, schmelzender Plastikgehäuse und eines flackernden Feuers, das nicht nur Dinge, sondern auch Vertrauen zerstörte. Er setzte sich langsam auf, der Körper schwer, der Kopf benommen. Wie automatisch griff er zu seiner Medikamentenbox auf dem Nachttisch. Zwei kleine Pillen rollten in seine Handfläche. Mit einem kräftigen Schluck Wasser aus der Flasche auf dem Boden spülte er sie hinunter, seine Kehle fühlte sich trocken und wund an – als hätte er die ganze Nacht geschrien, obwohl kein Laut von ihm gekommen war. Dann stand er auf. Noch im Schlafanzug tappte er barfuß durch den Flur, sein Blick wanderte über die Spuren der letzten Nächte – stumme Zeugen des Unfassbaren. In der Küche lagen immer noch Glassplitter auf der Anrichte. Drei Schubladen standen offen, der Besteckkasten war leergefegt. Einzelne verbogene Gabeln lagen verstreut auf dem Boden. In der Spüle schwammen die Reste eines zerborstenen Glases. Der Kühlschrank war leerer als sonst – nicht, weil jemand gegessen hatte, sondern weil der Vater alles ausgeräumt und auf den Boden geworfen hatte. Im Wohnzimmer stand die leere Waschmaschine mit offener Tür – ein Mahnmal für das, was sie zerstört hatte. Lukas ging langsam auf sie zu, wagte einen Blick hinein. Seine PlayStation war nur noch ein unförmiger Klotz Plastik und Metall, das Gehäuse geschmolzen, das

Innenleben gebrochen. Die Switch war kaum mehr als ein Kabelknäuel mit zersplitterten JoyCons. Ein schmerzhaftes Stechen durchzog seinen Bauch. Er schluckte. Nicht nur, weil die Konsolen hin waren – sondern weil damit auch ein Stück Sicherheit, ein Rückzugsort, ein Teil von ihm ausgelöscht war. Lukas setzte sich auf die Couch, genau dort, wo er noch vor zwei Tagen mit Haaland „FIFA“ gespielt hatte. Nun war da nur noch Leere. Auf dem Tisch stand ein zersplitterter Pokal aus Glas – einst ein Geschenk seiner Oma. Und in der Ecke: der Sportrollstuhl. Oder besser: was davon übrig war. Verbogen, geschmolzen, unbrauchbar. Er atmete tief durch, kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. „Warum?“ flüsterte er. „Warum immer ich?“ Da kam Haaland aus dem Badezimmer, sein Blick fiel auf Lukas. Er sagte nichts, setzte sich nur leise neben ihn und legte ihm einen Arm um die Schulter. Beide blieben minutenlang still sitzen, nur das leise Ticken der Uhr war zu hören. Nach einer Weile stand Lukas langsam wieder auf. „Ich geh noch mal schlafen… ich halt das nicht aus…“ Haaland nickte nur. „Mach das. Ich bin hier.“ Lukas kehrte in sein Zimmer zurück, legte sich ins Bett, zog die Decke über den Kopf – und schloss die Augen. Nicht um zu vergessen, sondern weil der Schlaf seine einzige Zuflucht war. Für einen Moment. 22. Tag – Später Vormittag: Neue Hoffnung und neuer Schmerz Die Sonne hatte längst ihren Zenit überschritten, als Lukas wieder die Augen öffnete. Die Nacht war kurz, der Schlaf gestört vom Gefühl, dass ihm etwas genommen worden war – und während er auf seiner Matratze lag, spürte er Konflikte zwischen Verzweiflung und Trotz in sich wachsen. Aber da war etwas anderes in seinem Kopf, ein winziger Funke: das Hoffnungsspiel. Er hatte am Vortag online gelesen, dass die Nintendo Switch 2 bald erscheint – und dass man sich auf eine Warteliste setzen lassen konnte. Vielleicht würde er, vielleicht könnte er sie bekommen – ein neuer Start, oder zumindest ein kleines Stück Glück. Er zog sein Handy aus der Jackentasche, trotz brennender Augen blinzelnd, und navigierte zur offiziellen Webseite. Stück für Stück füllte er das Formular aus, postleitzahl, E-Mail, Bestätigung, dass er die AGB verstanden hatte. Schließlich drückte er auf „Auf Warteliste setzen“ und atmete tief aus. Ein leises „Danke“ beeindruckte sich in seine Gedanken. Er wusste, dass es Unwahrscheinlich war – aber es war eine Gelegenheit, ein Ausblick. So sehr er das Gefühl genoss, wer mit einem Schlag zurückschoss: Ein lautes Krachen ertönte aus der Küche. Lukas fuhr herum – und sah, wie der Vater mit zitternden Händen mit einer Reihe von Katheterbeuteln hantierte. „Willst du dich wirklich abhängig machen?“ rief er und warf einen Beutel nach dem anderen in die Toilette. Paarweise versenkte er sie in der Schüssel, und wenn sie hochtrieben, stieß er die Spülung herunter. Eimer voller frischer Beutel lagen daneben, während er ruhig und entschlossen warf. Lukas stürzte hinterher, seine Stimme vibrierte: „Papa! Was machst du?!“ Keine Worte. Nur das Rauschen des Wassers und die Sicht, wie ein anderer Beutel in die Schüssel fiel. Er griff nach dem Kanister mit Desinfektionsmittel – der Vater zögerte nicht. Mit dem Kanister schlug er auf die Wand daneben – die Flasche zerbrach. Dann machte er das Gleiche mit der letzten Reserve nur – noch bevor Lukas etwas weiter sagen konnte, ergriff der Vater den Katheter, ließ ihn in die Toilette fallen und spülte. Der junge Mann blieb völlig starr. Ein kaltes Zittern durchlief ihn. Haaland kam hinterher, legte beide Hände auf Lukas’ Schultern, hielt ihn fest, während der Vater die Reste der Beutel in den Müll pfefferte.

Schließlich drehte sich der Vater um und sagte nur mit leiser, wütender Stimme: „Ich will nicht, dass du dich noch weiter reinstellst.“ Er ging vorbei, ließ die Tür rumpeln, und verschwand wieder ins Schlafzimmer. Lukas und Haaland starrten auf die fiese Sanitär-Lachspülung. Die Küche war still. Nur das Flüstern der Spülung blieb zurück – und etwas, das jetzt lauter war als alles andere: „Ich bleibe stark. Auch ohne.“ Denn selbst wenn jemand das Werkzeug kappt, das dich gesundheitlich trägt – bleibt immer deine Entscheidung, weiterzugehen. 22. Tag – Mittag: Fußball, Flucht – und ein kleines Aufatmen Die Uhr zeigte 12:00 Uhr, als ermutigender Teeanruf von seiner Mutter kam: „Lukas, das Länderspiel läuft – Norwegen gegen Italien. Magst du mit dem Spieler kurz gucken?“ Er war noch müde vom emotionalen Durcheinander der letzten Stunden, aber ein Fuß ballspiel erschien gerade als rettender Moment. Er nickte und machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer, wo der Spieler Haaland bereits mit dem Controller in der Hand saß, das Spiel startet auf dem Bildschirm. Das WM-Qualifikationsspiel begann – und wie: • Bereits in der 14. Minute vollendete Alexander Sørloth einen cleveren Pass von Antonio Nusa zum 1:0 für Norwegen (bild.de, reuters.com). • In der 34. Minute erhöhte Antonio Nusa mit einem brillanten Solo auf 2:0 . • Kurz darauf, kurz vor der Halbzeit (41. Minute), brachte Erling Haaland nach Vorlage von Ødegaard den Ball vorbei an Donnarumma ins Netz – 3:0 für Norwegen (reuters.com). Lukas lehnte sich zurück, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. Zwischen all dem Chaos in seinem Leben war das ein Moment, in dem alles Sinn zu ergeben schien – parallele Gefühle von Stärke und Verbundenheit implodierten für Sekunden. Haaland klatschte begeistert in die Hände und lachte: „Na endlich – ich erlebe dich auch mal beim Jubeln!“ Ernickt stand Lukas auf, nahm die Windeltabletten und Epilepsiemedikamente gegen die Erinnerungen und den Kloß im Hals. Dann sank er wieder aufs Sofa. „Ich geh nochmal schlafen… das war viel.“ „Mach das“, murmelte Haaland. „Die Maultaschen kommen später.“ In diesem Augenblick meldet sich der tagesschauende Bildschirmgeist aus Norwegen zu Wort und zeigt, wie Italien nun unter Druck steht – direkt unter Norwegens punktbeste Mannschaft: „Norwegen führt mit 9 Punkten, Italien bleibt nach der 0:3-Pleite stiller"]) … Mallory…)] — außerdem wurde bekannt, dass wegen dieses Ergebnisses Luciano Spalletti entlassen wurde (reuters.com, reuters.com). Lukas hörte nur noch Vögel draußen, den Fernsehton im Hintergrund, einen Seufzer von Haaland. Dann legte er den Kopf zurück und schlief ein – das erste Mal seit Tagen ohne Groll, ohne Tränen, zumindest für einen kleinen Moment. • reuters.com • reuters.com 22. Tag – Später Nachmittag: Krankenhausbesuch mit Überraschung Der Tag hatte bereits einige emotionale Höhen und Tiefen mit sich gebracht, aber am späten Nachmittag fasste der junge Mann sich ein Herz. Gemeinsam mit dem Spieler machte er sich

auf den Weg ins Krankenhaus, um seine Tante zu besuchen. Es war das zweite Mal seit ihrer Blasenoperation, und auch wenn sie sich nur langsam erholte, war der Junge entschlossen, ihr Mut zu machen. Die Klinik lag ruhig in der Nachmittagssonne, ein paar Blätter tanzten über den Asphalt, als die beiden das Gebäude betraten. Der Junge hatte dieses Mal daran gedacht, ein kleines Sträußchen Blumen mitzunehmen – rosa Nelken und ein wenig Lavendel. Ein schlichtes Zeichen seiner Zuneigung. In der Tasche klapperte eine Tafel Schokolade, die er auf dem Weg gekauft hatte. Sie gingen den nun vertrauten Gang entlang, vorbei an der Stationsschwester, die ihnen freundlich zulächelte. Als sie das Zimmer betraten, lag die Tante mit erhobenem Kopf im Bett, etwas blass, aber wach und aufmerksam. „Ach, ihr seid da…“, sagte sie mit einem müden, aber ehrlichen Lächeln. „Das tut gut.“ Der Spieler grüßte höflich, setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett, während der junge Mann den Blumenstrauß in eine bereitgestellte Vase stellte. Etwa eine halbe Stunde lang redeten sie ruhig. Die Tante erkundigte sich nach dem Alltag, ob es zuhause ruhiger geworden sei. Der junge Mann versuchte ehrlich zu antworten, aber ohne zu sehr ins Negative abzudriften. Sie sprachen über Fußball, über das Spiel Norwegen–Italien, das auch sie auf dem Klinikfernseher gesehen hatte. Dann öffnete sich plötzlich die Tür. Eine Frau in den Dreißigern trat ein – gepflegte Kleidung, schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie hielt eine kleine Tasche in der Hand und war sichtbar überrascht, als sie den Jungen und den Spieler sah. „Oh… hallo. Ich bin die Tochter“, sagte sie etwas zögerlich. „Ihr seid bestimmt… der Neffe?“ „Ja…“, antwortete der Junge vorsichtig und stand auf. Die Tante winkte ab. „Schon gut, setzt euch alle. Das hier ist Lisa, meine Tochter.“ Die kommenden 40 Minuten vergingen fast wie im Flug. Lisa erzählte ruhig von ihrem Job, dass sie erst jetzt Zeit gehabt hatte, ihre Mutter zu besuchen, und sich Vorwürfe machte. Der junge Mann war anfangs zurückhaltend, aber Lisa war freundlich, neugierig – und vor allem ehrlich. „Meine Mutter erzählt immer von dir“, sagte sie irgendwann. „Dass du ihr hilfst. Dass du kämpfst, trotz allem. Das ist stark von dir.“ Diese Worte berührten ihn tief. Es war selten, dass er von jemandem außerhalb seiner engen Kreise Anerkennung bekam. Als Lisa wieder aufstand, sagte sie mit einem Lächeln: „Ich komme morgen nochmal. Vielleicht sehen wir uns ja wieder.“ Sie verabschiedete sich freundlich – und mit einem sanften Blick auch an den Spieler, der höflich genickt hatte. Die restliche Zeit im Zimmer war stiller, ruhiger, nachdenklicher. Kurz vor Ende des Besuchs sagte die Tante noch: „Danke, dass ihr da wart… beide. Es bedeutet mir viel.“ Der junge Mann drückte ihre Hand kurz, dann verließen sie gemeinsam das Zimmer. Draußen vor dem Krankenhaus sagte der Spieler: „Deine Tante ist eine starke Frau. Und ihre Tochter hat dich aufrichtig bewundert.“ Der Junge schaute zu Boden, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Das hab ich gemerkt.“ Dann atmete er tief ein. „Lass uns zurück. Ich brauch Tee.“ Und so gingen sie langsam zurück, im Schatten der sinkenden Sonne – mit etwas mehr Hoffnung im Gepäck als noch am Morgen. 22. Tag – Abend: Ein Spaziergang mit Pokémon Nachdem der junge Mann und der Spieler aus dem Krankenhaus zurückgekehrt waren, hatte sich die Stimmung etwas gelegt. Die Begegnung mit der Tante – und besonders mit deren

Tochter – hallte noch in ihm nach. Es war ein intensiver Nachmittag gewesen, voller Gespräche, Gefühle und leiser Gedanken. Als sie wieder in der Wohnung waren, machte die Mutter gerade Abendessen – etwas Einfaches: Suppe und ein wenig Brot dazu. Der junge Mann aß ein paar Löffel, doch seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Er stand schließlich auf, zog sich seine Jacke über und sagte zum Spieler: „Ich muss nochmal raus… ein paar Schritte gehen. Pokémon Go. Willst du mit?“ Der Spieler, der mittlerweile schon etwas über die Welt von Pokémon Go gelernt hatte, lächelte. „Klar. Ich komm mit. Vielleicht fangen wir heute ein seltenes.“ Draußen war es inzwischen dämmrig. Die Straßenlaternen flackerten sanft, und die ersten Mücken schwirrten durch die feuchte Abendluft. Sie gingen langsam durch die Seitenstraßen von Mainz, Richtung Stadtpark. Der Junge zückte sein Handy, öffnete die App – und gleich erschien ein Shiny Nebulak auf dem Bildschirm. „Oha! Shiny!“, rief er aufgeregt. Der Spieler beugte sich über das Display. „Das sieht ja aus wie ein kleiner Geist mit Gasmaske…“ Sie lachten. Der Fang war erfolgreich, und der Junge zeigte stolz das neue Exemplar. Als sie beim Park ankamen, blieben sie eine Weile an einem PokéStop stehen. Ein paar Lure-Module waren aktiviert, und sie setzten sich auf eine Bank in der Nähe. Andere Spieler zogen vorbei – einige grüßten, andere schauten nur auf ihre Displays. „Weißt du“, sagte der Junge leise, „Pokémon Go ist manchmal wie eine kleine Flucht. Da draußen gibt’s immer irgendwas. Ein neues Pokémon, ein Raid… und ich fühl mich nicht so… eingeengt.“ Der Spieler nickte. „Ich versteh dich. Manchmal hilft es, wenn man einen Ort hat, der einen ablenkt. Selbst wenn’s nur ein virtueller ist.“ „Und es ist Bewegung. Ich war früher oft draußen, mit dem Rollstuhl… ich hab richtig weite Touren gemacht. Heute war wieder ein bisschen wie früher.“ Sie fingen noch ein paar Pokémon – darunter ein Gengar, ein Evoli und sogar ein Dragoran in der Nähe des Rathauses. Gegen 21:30 Uhr machten sie sich langsam auf den Rückweg. „Danke, dass du mitgekommen bist“, sagte der Junge, als sie die Straße zur Wohnung hochliefen. „Immer wieder“, erwiderte der Spieler. „Und wenn du morgen wieder raus willst – ich bin dabei.“ Oben angekommen, tranken sie noch einen Tee zusammen, dann verabschiedeten sie sich in ihre Zimmer. Der Junge lag später im Bett, schaute noch einmal auf seine Pokémon-Sammlung und flüsterte: „Shiny Nebulak... das war ein guter Fang.“ Dann schloss er die Augen. Draußen raschelte der Wind leicht in den Bäumen – und für einen Moment war alles ruhig. 22. Tag – Später Abend: Fleischeslust und nächtliche Ruhe Nachdem der junge Mann und Haaland vom Pokémon-Spaziergang zurückgekehrt waren, war es bereits dunkel geworden. Die Wohnung war ruhig – seine Mutter hatte sich mit einem Buch aufs Sofa zurückgezogen, der Vater war, wie so oft in den letzten Tagen, einfach verschwunden, ohne ein Wort. Vielleicht war es besser so. Der junge Mann spürte ein leichtes Ziehen im Bauch – nicht schmerzhaft, sondern eher ein hungriges Sehnen. Er ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und lächelte: Da ist er noch. In Alufolie gewickelt, lag ein restliches Stück Fleischkäse von gestern dort. Er nahm ihn vorsichtig heraus, legte ihn auf einen Teller, schob ihn für eine Minute in die Mikrowelle. Währenddessen holte er sich ein Brötchen, schnitt es auf und bereitete sich mit ruhigen Handgriffen sein spärliches, aber geliebtes Abendessen zu.

Haaland kam in die Küche, rieb sich den Nacken. „Du isst nochmal was?“, fragte er freundlich. „Fleischkäse geht immer“, sagte der Junge. „Gerade jetzt. Irgendwie… tröstet der mich.“ Sie setzten sich gemeinsam an den Küchentisch. Es war still, nur das gleichmäßige Ticken der Wanduhr war zu hören. Der Junge biss herzhaft in das Brötchen, schloss kurz die Augen und kaute zufrieden. „Ich glaube, das war mein letztes Stück…“, murmelte er. Haaland nickte. „Morgen holen wir neues. Ich bin dabei.“ Nach dem Essen spülte der Junge seinen Teller ab, gähnte, und sah dann zu Haaland. „Ich glaub, ich geh jetzt schlafen. Kommst du auch?“ „Ja, ich bin auch müde. Der Tag war lang… und irgendwie voll mit allem.“ Die beiden gingen in ihre Zimmer, machten sich bettfertig. Der Junge wechselte noch seinen Katheter und kontrollierte seine Tasche mit dem Restvorrat. Alles war an seinem Platz. Dann legte er sich unter die Decke, doch es dauerte nicht lange, bis er aus seinem Zimmer trat und vorsichtig an Haalands Tür klopfte. „Kann ich… bei dir schlafen heute?“ Haaland öffnete sofort, machte eine einladende Geste. „Klar. Leg dich hin.“ Sie lagen nebeneinander auf dem breiten Bett, der Raum war nur vom schwachen Licht des Vorhangs durchflutet. Es war still, nur das gelegentliche Knacken des Holzes im Gebälk unterbrach die Nacht. Der Junge drehte sich zur Seite und sagte leise: „Danke, dass du noch hier bist.“ Haaland antwortete nicht direkt, sondern legte ihm nur kurz die Hand auf die Schulter, fest und ruhig. Dann schliefen beide ein – erschöpft, aber in Sicherheit. Draußen leuchtete der Mond über Mainz, und für einen Moment schien die Welt in Ordnung zu sein. 23. Tag – Mittag: Die endlose Suche im Laden Die Sonne schien warm über Mainz, als der junge Mann gemeinsam mit dem Spieler – Haaland – beschloss, am Mittag ein paar Einkäufe zu erledigen. Die Vorräte zu Hause waren ziemlich geschrumpft: kein Fleischkäse mehr, die Lieblingschips waren leer, und sogar das Kirschradler war alle. „Was brauchen wir noch mal alles?“, fragte Haaland, während sie in Richtung Supermarkt liefen. „Fleischkäse, Brötchen, Milch, neue Seife… und dieses eine Duschgel, das ich letztes Mal hatte. Das riecht so gut nach Wald“, sagte der junge Mann. „Wie heißt es?“, fragte Haaland. Der Junge überlegte. „Irgendwas mit 'Nature', aber ich weiß es nicht mehr genau. Ich erkenne es, wenn ich es sehe.“ Im Supermarkt angekommen, schnappte sich der junge Mann einen Korb. Sie schlenderten gemeinsam durch die Gänge, zunächst zielgerichtet: Brötchen – schnell gefunden. Milch – wie immer im hinteren Kühlregal. Auch der Fleischkäse lag an der Frischetheke bereit, sie ließen ihn direkt in feine Scheiben schneiden. Dann kamen sie zum Regal mit Duschgels, Shampoos und Körperpflegeprodukten. Und dort begann die große Suche. Der junge Mann beugte sich über jede Flasche, drehte sie, roch daran, schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht… auch nicht das hier…“ Haaland stand neben ihm, sah ebenfalls durch die Regale. „Vielleicht ist es gar nicht mehr da?“, fragte Haaland nach zehn Minuten. „Doch, ich weiß, es war hier. Es war grün, durchsichtig und hatte so Blätter auf der Verpackung“, sagte der junge Mann stur. „Ich finde das.“

Sie suchten. Und suchten. Eine Frau mit zwei Kindern drängelte sich an ihnen vorbei. Zwei ältere Herren unterhielten sich laut über Fußballergebnisse direkt neben dem Shampoo-Regal. Und der junge Mann ging Regalreihe für Regalreihe immer wieder ab. „Wir sind seit 45 Minuten hier“, sagte Haaland und lächelte schief. „Ich weiß“, erwiderte der junge Mann. „Aber ich muss das finden.“ Schließlich, nach genau einer Stunde, stand er plötzlich still. „Da! Das ist es! 'Natural Fresh Forest Energy' mit Kiefernduft!“ Er nahm die Flasche in die Hand wie einen Schatz. „Ich hab’s! Ich wusste, dass es noch da ist!“ „Na dann… ab zur Kasse?“, schlug Haaland vor. „Noch Chips holen. Und Kirschradler.“ „Natürlich.“ Beide lachten kurz. Es war ein kleiner Moment des Triumphs in einer Zeit, in der vieles schwer war. Doch gerade diese kleinen Siege – das richtige Duschgel, ein vertrauter Duft – bedeuteten dem jungen Mann viel. An der Kasse standen sie dann mit einem übervollen Korb: Fleischkäse, Brötchen, Duschgel, Chips, drei Sorten Radler, Schokolade und eine neue Zahnbürste, „weil meine irgendwie komisch geworden ist“, wie der Junge erklärte. Beim Rausgehen sagte Haaland schmunzelnd: „Also, wenn du mal wirklich was suchst, wirst du nicht eher ruhen, bis du es hast, oder?“ „So bin ich eben“, grinste der junge Mann. Und mit vollgepackten Taschen machten sie sich auf den Heimweg – erschöpft, aber zufrieden. 23. Tag – Später Mittag: Auf dem Weg zur Bank und eine plötzliche Begegnung Der Nachmittag war warm, die Sonne brannte leicht auf das Pflaster der Stadt. Der junge Mann lief neben dem Spieler, beide in ruhigem Gespräch. Sie wollten zur Bank gehen – eigentlich nur, um eine Überweisung zu prüfen und eventuell nachzufragen, warum eine Rückerstattung auf sich warten ließ. Doch der Weg dorthin sollte anders verlaufen, als sie dachten. Während sie an einem belebten Platz entlanggingen – vorbei an einer Bäckerei, einer Apotheke und einer Straßenmusikerin, die Geige spielte – geriet der junge Mann innerlich unter Druck. Menschenmengen, Hitze, ein ständiges Hintergrundgeräusch aus Gesprächen, hupenden Autos und vibrierenden Handys – es wurde ihm plötzlich zu viel. „Warum können die nicht einfach antworten? Ich warte seit zwei Wochen!“, sagte er mit erhobener Stimme, dann lauter: „Immer dasselbe! Nie klappt was, nie!“ Er schrie. Nicht besonders lange, nicht besonders laut – aber in der angespannten Atmosphäre des Platzes war es wie ein Donnerschlag. Mehrere Menschen drehten sich erschrocken um. Eine ältere Dame trat sofort zur Seite. Ein Mann mit einem Kinderwagen schaute misstrauisch. Eine Frau zückte ihr Handy. Keine fünf Minuten später, als sie gerade die Ecke zur Bank nahmen, stoppte ein Polizeiwagen direkt neben ihnen. Zwei Beamte stiegen aus – freundlich, aber bestimmt. „Guten Tag. Wir haben einen Hinweis bekommen, dass hier jemand laut geworden ist. Es geht um Sie, junger Mann. Alles in Ordnung bei Ihnen?“, sagte die Polizistin und trat näher. Der junge Mann fror kurz ein. Haaland stellte sich ein wenig zur Seite, aber blieb in der Nähe, wachsam. „Ich… ich hab mich nur aufgeregt. Es war mir zu viel. Ich hab niemandem was getan“, sagte der junge Mann ehrlich, sein Herz schlug schnell. „Haben Sie einen Ausweis dabei?“, fragte der Beamte. Er reichte seinen Ausweis zögerlich. Die Polizistin tippte auf ihrem kleinen Gerät herum, suchte… und runzelte die Stirn.

„Merkwürdig… wir finden keine Einträge. Nicht mal Ihre Adresse ist gespeichert. Haben Sie vielleicht kürzlich den Wohnsitz gewechselt?“, fragte sie sachlich. Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Nein, ich wohne schon lange in Mainz.“ „Nun gut. Es ist nichts weiter passiert, wir wollten nur sicherstellen, dass alles in Ordnung ist. Kein Problem. Einen schönen Tag noch.“ Die beiden stiegen wieder ein und fuhren davon. Der junge Mann stand wie erstarrt. Dann wandte er sich langsam an den Spieler. „Habe ich jetzt einen Eintrag? Bekomme ich jetzt Post von der Polizei?“, fragte er leise, mit besorgtem Blick. Haaland legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Nein. Du hast nichts getan. Sie haben gesagt, alles sei in Ordnung. Keine Anzeige, kein Eintrag. Und wenn doch etwas kommt, regeln wir das gemeinsam.“ Der junge Mann nickte langsam. Doch die Szene nagte an ihm. Während sie weiter Richtung Bank gingen, schaute er sich noch einmal über die Schulter – und bemerkte nicht, dass in einem Fenster im zweiten Stock über der Apotheke ein Schatten stand. Jemand hatte die ganze Szene beobachtet. Die Gestalt hinter dem Fenster machte sich Notizen. Leise. Unsichtbar. Der junge Mann und der Spieler gingen weiter – nichts ahnend. 23. Tag – Später Nachmittag: Die Überweisung und der unsichtbare Blick Nachdem sich der Staub des unerwarteten Polizeikontakts gelegt hatte, betraten der junge Mann und der Spieler schließlich die Bank. Der junge Mann war noch leicht angespannt, aber Haaland ging ruhig neben ihm her, als wollte er ihm seine Sicherheit leihen. Die kühle Luft im Inneren der Bank tat gut. Der junge Mann nahm einen tiefen Atemzug und trat an den Automaten im Selbstbedienungsbereich. Er hielt seine EC-Karte bereit und navigierte durch das Menü, als wäre es eine Art kleines Ritual: zuerst „Überweisung“, dann „neuer Empfänger“, dann langsam die IBAN eintippen. „War’s die richtige Nummer?“, fragte er den Spieler nervös, der einen Zettel aus der Tasche zog und nochmals abglich. „Ja, sieht gut aus“, sagte Haaland. Der junge Mann atmete noch einmal tief durch und bestätigte die Überweisung. Als die Quittung rauskam, wirkte er erleichtert – als hätte er einen persönlichen Endgegner bezwungen. „Endlich“, murmelte er. Auf dem Rückweg nach Hause war er still. Die Straßen schienen ruhiger zu sein als vorher, doch irgendetwas ließ ihn sich immer wieder kurz umdrehen. Nichts zu sehen – und doch spürte er einen Druck im Nacken, als ob ihn jemand beobachten würde. Haaland bemerkte seine Unruhe. „Alles okay?“, fragte er leise. Der junge Mann nickte, wenn auch etwas zögerlich. „Ich weiß nicht. Es fühlt sich an, als würde jemand gucken.“ „Vielleicht bist du einfach angespannt von vorhin. Lass uns einfach nach Hause gehen und dort eine Pause machen.“ Sie gingen weiter. Am Hauseingang angekommen, öffnete der junge Mann die Tür. Die Wohnung war ruhig – zu ruhig. Der Vater war nicht zu Hause, die Mutter sollte noch bei der Arbeit sein. Sie traten ein. Haaland ging direkt in die Küche, um zwei Gläser Wasser einzuschenken. Der junge Mann jedoch drehte sich noch einmal zur Wohnungstür um – und blickte hinaus ins Treppenhaus. Dort stand niemand. Aber… …vier Stockwerke weiter oben war ein kleines Fenster geöffnet. Und hinter einem leicht zugezogenen Vorhang stand wieder diese Gestalt. Regungslos. Beobachtend. Diesmal war sie näher.

Ein leichter Schauer lief dem jungen Mann über den Rücken. Er wusste nicht, wer es war. Oder warum. Aber irgendetwas an diesem Blick machte ihn nervös. Er trat zurück in die Wohnung, schloss die Tür und verriegelte sie doppelt. „Ich… glaube, ich brauche jetzt wirklich eine Pause“, sagte er zu Haaland. „Dann leg dich kurz hin. Ich bleib in der Nähe.“ Der junge Mann setzte sich aufs Sofa, den Kopf voller Gedanken. Die Polizei, der Schatten im Fenster, die Beobachtung – war es Zufall? Oder war er in etwas hineingeraten, das größer war, als er verstand? Er konnte es nicht sagen. Noch nicht. 23. Tag – Abend: Wiedergutmachung und drohender Schatten Als der junge Mann mit Haaland durch die vertrauten Straßen von Mainz zurück in die Wohnung kam, hatte sich die Abendsonne bereits hinter den Dächern der Häuser verzogen. Der Himmel war in ein weiches Dunkelblau getaucht, während das letzte Licht des Tages in den Fenstern schimmerte. Der junge Mann war erschöpft – mental und körperlich. Die Geschehnisse des Tages, von der Begegnung mit der Polizei bis zur unerklärlichen Beobachtung, lasteten schwer auf ihm. Als sie die Wohnungstür öffneten, war es still. Doch dann hörten sie Schritte aus der Küche. Der Vater stand dort, in einem ordentlichen Hemd, mit einem fast ungewohnten, zurückhaltenden Ausdruck im Gesicht. Kein Schreien, kein aggressives Auftreten – nur Stille. „Komm mal kurz“, sagte er und bedeutete dem jungen Mann, mitzukommen. Haaland blieb hinter ihm, aufmerksam, aber ruhig. In der Küche stand ein großer Karton auf dem Tisch. Daneben ein zweiter, etwas kleinerer. Und auf der Arbeitsplatte standen zwei Tüten voller Lebensmittel: frisches Brot, Butter, Wurst, Käse, Milch, sogar Süßigkeiten – all das, was der junge Mann in letzter Zeit vermisst hatte. „Das ist für dich“, sagte der Vater leise. „Ich hab… ich hab Mist gebaut. Richtig großen Mist. Ich hab’s gemerkt. Vielleicht zu spät. Aber ich will, dass du weißt… ich hab versucht, das wieder gut zu machen.“ Er öffnete den großen Karton: Darin lag eine nagelneue PlayStation 5, ordentlich verpackt. Daneben die alte Nintendo Switch – seine Switch, wie er sofort an der leicht beschädigten Hülle und dem alten Aufkleber erkannte. Doch als er sie einschaltete, spürte er ein Kribbeln im Bauch: alle Daten waren noch da. Seine Speicherstände. Seine Pokémon. Alles. „Ich hab das Ding retten lassen“, sagte der Vater leise. „War teuer. Aber ich dachte… du brauchst das.“ In der letzten Tüte lag außerdem neues Besteck, sauberes Geschirr – als wollte er nicht nur Dinge ersetzen, sondern einen Neuanfang ermöglichen. Der junge Mann war überfordert. „Warum… jetzt?“ „Weil ich Angst hab, dich ganz zu verlieren“, antwortete der Vater nur. Es war ein Moment der Ruhe. Ein stiller, unerwarteter Moment, in dem sich vielleicht ein kleiner Riss im eisernen Verhalten des Vaters geöffnet hatte. Der junge Mann nahm die PS5 langsam aus der Verpackung. Seine Hände zitterten leicht. Haaland legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. Doch draußen, vor dem Fenster, zwischen den Schatten der Bäume auf der gegenüberliegenden Straßenseite, stand eine Gestalt. Unsichtbar für die, die drinnen waren. Sie flüsterte in die Dunkelheit, kaum hörbar: „Jetzt weiß ich, wo du wohnst. Und alle, die dich schützen… die Polizisten von heute. Deine Familie. Dieser Fußballspieler. Sie alle… werden bereuen, dich verteidigt zu haben. Du entkommst deiner Strafe nicht.“

Dann trat die Gestalt zurück in den Schatten – leise, entschlossen, voller Groll. Der junge Mann jedoch spürte nur einen kalten Hauch am Fenster. Noch wusste er nicht, wie nah die Gefahr wirklich war. 24. Tag – Mittag: Nations League – Deutschlands erneute Niederlage um Platz 3 Im trüben Licht des Fernsehens saßen der junge Mann und Haaland gemeinsam auf dem Sofa. Die Spannung in der Luft war spürbar – heute war das kleine Finale der Nations League, das Spiel um Platz 3. Deutschland traf auf Frankreich – die Hoffnung war zurück, aber die jüngsten Erinnerungen wogen schwer.

Spielverlauf • • • •

In der 48. Minute erzielte Kylian Mbappé das 1:0 für Frankreich – ein präzises Geschoss in den Winkel (youtube.com). In der 84. Minute legte Michael Olise nach, als Deutschland hinten unorganisiert wirkte (reuters.com). Deutschland hatte außerdem eine VAR-Abweisung, als der mögliche Ausgleich durch Deniz Undav zurückgenommen wurde (bavarianfootballworks.com). Es blieb beim 2:0 für Frankreich – ein erneuter Rückschlag, der die Enttäuschung nach dem Halbfinal-Aus gegen Portugal nur verlängerte (reuters.com).

Der junge Mann starrte auf den Bildschirm, sein Herz fühlte sich schwerer an, als wäre das Ergebnis ein Spiegelbild seiner eigenen inneren Leere. Haaland legte ihm eine Hand auf die Schulter: „Wir wussten, es wäre schwer. Aber sie haben es verdient.“ Nach dem Schlusspfiff flimmerte die Nationalmannschaft im Abspann über den Bildschirm. Der Trainer, Julian Nagelsmann, äußerte sich mit Zuversicht: „Es war unverdient, aber wir haben viel Positives gezeigt – eine Basis für die Zukunft“ . Der junge Mann nickte stumm, fühlte aber keine Erleichterung. Nur ein Zögern. Ein frustrierter Seufzer. Haaland griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ab. Er drehte sich zu seinem Freund: „Ready für ‘ne Pizza?“ Der junge Mann zögerte. Dann nickte er: „Klingt gut.“ Er stand auf, massierte sich die Schläfen. „Heute kein Konsole… ich brauch einfach Ruhe und was Warmes.“

„Okay“, sagte Haaland. „Ich bestell was.“ Die Küche war still – nur das leise Surren des Pizza-Lieferservice im Hintergrund. Der junge Mann holte seine Medikamente, nahm sie ein, und setzte sich wieder hin. Auf dem Tisch stand nun eine dampfende Pizza, Salzstangen und zwei Gläser Wasser. Er atmete tief ein, ließ den Geschmack der Tomate und des Teigs auf sich wirken. Für einen Moment war alles rund. Nicht perfekt. Aber rund.

Kurze Interpretation: Ein weiteres Scheitern der Nationalmannschaft, diesmal durch ein 2:0 gegen Frankreich im Spiel um Platz 3 – zweite Niederlage in der Finalwoche . Die Stimmung liegt gedämpft, doch in der gemeinsamen Stille und einer warmen Mahlzeit finden die Charaktere im Alltag einen kleinen Halt. • • • • •

bavarianfootballworks.com bavarianfootballworks.com reuters.com 24. Tag – Später Mittag: Aufräumen inmitten der Gedanken Die Sonne stand hoch über Mainz, als der junge Mann in seinem Zimmer aufräumte. Der bittere Nachgeschmack der Nations-League-Niederlage war noch immer spürbar in seinem Herzen. Er seufzte leise, während er das Pizzatablett vom Couchtisch nahm und in die Küche trug. Dort stand Haaland, der gerade seine leere Wasserflasche auffüllte. „Ich dachte, du wolltest dich hinlegen“, sagte Haaland mit einem sanften Lächeln. Der junge Mann zuckte mit den Schultern. „Ich will den Kopf frei bekommen… und irgendwie Ordnung machen. Vielleicht wird’s dann auch hier drin ruhiger…“ Er tippte sich leicht gegen die Schläfe. Er begann mit kleinen Schritten. Die Fernbedienung legte er auf ihren Platz, die zerknüllten Papierservietten wanderten in den Mülleimer. Danach hob er eine Socke vom Boden auf, dann eine zweite. Seine Hände zitterten leicht – nicht vor Angst, sondern vor Erschöpfung. Doch er machte weiter. Haaland wollte ihm helfen, aber der junge Mann schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Ich will das selbst machen.“ In seinem Zimmer war es still. Der Staub, den er unter dem Bett hervorzog, wirbelte in der Sonne. Neben seinem Schreibtisch lagen alte Notizen, Papierfetzen von Anträgen, Zeichnungen von früher. Einige warf er weg, andere behielt er. Als er sein Regal abstaubte, fiel ihm ein alter Pokéball in die Hände – ein Erinnerungsstück aus seiner Kindheit. Er setzte sich kurz auf sein Bett, das nun frisch bezogen war. Aus dem Fenster sah er einen Spatz auf dem Fenstersims landen. Haaland trat leise ein und stellte ihm ein Glas Wasser auf den Nachttisch. „Du brauchst nichts beweisen. Aber ich seh, dass du kämpfst. Und das zählt.“ Der junge Mann lächelte schwach. „Ich will einfach, dass es normal ist. Wenigstens hier drin.“ „Dann ist das hier deine Festung“, sagte Haaland und klopfte gegen die Wand. Beide sahen sich kurz an, dann stand der junge Mann wieder auf. Er faltete seine Kleidung, sortierte seine Unterlagen, stellte seine leeren Medikamente ordentlich in

die Schachtel. Als er fertig war, war es fast 17 Uhr. Der Raum war aufgeräumt, sauber, und für einen Moment fühlte sich sein Inneres genauso an: ein klein wenig klarer. „Danke“, sagte er leise. Nicht nur zu Haaland – sondern auch zu sich selbst.

24. Tag – Später Abend: Das Nations-League-Finale Am Abend herrschte Spannung in der Wohnung. Der junge Mann und Haaland setzten sich zurück aufs Sofa, der Fernseher eingeschaltet – heute fand das große Nations-League-Finale um den Titel statt. Deutschland war nicht im Finale, aber das Spiel zwischen Portugal und Spanien fesselte sie dennoch. Spielverlauf & Ergebnis • In der regulären Spielzeit trennte sich das Team Portugal gegen Spanien mit einem 2:2-Unentschieden. • Im Elfmeterschießen siegte Portugal 5:3, nachdem Spaniens Trainer Alvaro Morata am Elfmeterpunkt gescheitert war und Rúben Neves den entscheidenden Strafstoß sicher verwandelte (reuters.com). • Cristiano Ronaldo, mit 40 Jahren, war emotional beeindruckt – nach seinem 138. Länderspieltor, dem Ausgleich in der 61. Minute, musste er verletzt raus, blieb aber dabei. Portugal feierte damit seinen zweiten Nations-League-Titel (reuters.com). Stimmung bei Lukas Sie beobachteten das Elfmeterschießen in gespannter Stille. Als der entscheidende Schuss fiel und das portugiesische Team feierte, sagte Haaland: „Kräftig. So etwas zu machen, wenn es wirklich drauf ankommt... Respekt.“ Lukas nickte, spürte, wie etwas in ihm glich klang – ein Mix aus Bewunderung, Sehnsucht und… der eigenen Verletzbarkeit. Die Abendstimmung spiegelte das Spiel: ein Sieg ohne ihn – und trotzdem eine Inspiration. Nach dem Spiel Sie ließen das Bild noch ein paar Minuten laufen. Ronaldo kniete tief geknickt am Strafraum, während das portugiesische Team ausgiebig feierte. Lukas spürte eine Mischung aus Ehrfurcht und Traurigkeit. Haaland schwieg, dann sagte er leise: „Das Leben ist wie ein Elfmeterschießen. Es geht nicht nur um das Spiel – sondern um den Moment, wenn es drauf ankommt. Und vielleicht… ist das heute deiner.“ Lukas schaute ihn an, nickte still: „Ja… vielleicht.“ Abendlicher Ausklang Danach stellte Haaland Pizza in den Ofen. Es gab leise Musik im Hintergrund und duftete nach Käse. Während sie aßen, legte Lukas nachdenklich das Glas Wasser auf den Tisch. Er nahm seine Epilepsie-Tablette. Die Wohnung war stiller geworden. Es floss keine Diskussion mehr. Nur ihre leisen Atemzüge – und die Erinnerung an das Spiel, das sie gerade gesehen hatten. Es war ein Abend ohne Schreie, ohne Tränen. Nur ein gemeinsames Schweigen. Ein Moment der Ruhe nach dem Sturm – und vielleicht ein Funke, der langsam wieder Hoffnung weckte. • • •

reuters.com welt.de theguardian.com

24. Tag – Nacht: Kleine Rituale nach einem großen Tag Das Wohnzimmer war längst abgedunkelt, die leeren Pizzakartons stapelten sich sauber zusammengefaltet am Rand der Küche. Haaland wünschte eine ruhige Nacht und verschwand in sein Zimmer. Der junge Mann blieb noch einen Moment am Esstisch sitzen – der Sieg Portugals hallte leise in seinem Kopf nach, aber das eigentliche Gefühl war Müdigkeit … und ein unerwarteter Hunger auf etwas Warmes. Er stellte einen kleinen Topf auf den Herd, füllte Wasser hinein und kippte eine Portion seiner Lieblings-Kartoffelsuppe aus dem Glas dazu. Während die Suppe leise blubberte, suchte er in der Schublade nach einem Löffel – erst da fiel ihm auf, dass immer noch einiges fehlte – Besteck, das sein Vater in jener Nacht verbogen oder zerstört hatte. Er fand schließlich einen kleinen Teelöffel, nicht ideal, aber er würde reichen. Mit der dampfenden Suppe setzte er sich an den Küchentisch. Jeder Löffel war wohltuend, beruhigend. Das warme Gefühl verriet ihm, dass es manchmal gar nicht viel braucht, um einen Tag abzurunden. Schließlich stellte er die leere Schale ins Spülbecken, machte noch schnell einen Kräutertee („Kamille + Fenchel“ – sein EinschlafFavorit) und ging ins Bad. Beim Zähneputzen griff er in die Tasche nach seinem Handy. Der Akku blinkte rot: 3 %. „Natürlich“, murmelte er. Das Ladegerät lag in seinem Zimmer, also stellte er die Zahnbürste kurz ab, steckte das Kabel in die Steckdose am Badspiegel und hängte das Handy dort an. Das Display leuchtete, aber während er putzte, rutschte es zweimal beinahe vom schmalen Regal. Er balancierte es vorsichtig und spülte aus. Als er sein Zimmer betrat, spürte er erneut dieses kleine Ziehen der Erinnerung – sein Regal war nicht mehr voll, ein paar persönliche Dinge fehlten noch immer, verstreut oder zerstört. Doch er seufzte nur leise, stellte die Gedanken beiseite, nahm das halbgeladene Handy und den dampfenden Tee mit zum Bett. Er schob den verkohlten Rahmen seines alten Rollstuhls etwas weiter an die Wand, setzte sich auf die Bettkante, nahm einen Vorsichtigen Schluck – Kräuter, süßlich, beruhigend. Dann lehnte er sich zurück, die Decke bis zur Brust, öffnete auf dem Handy ein kurzes, harmloses Video von Katzen, die über Sofas springen. Etwas völlig Leichtes, das nichts von ihm verlangte. Die Anzeige zeigte 14 % Akku. Genug, um zehn Minuten zu schauen. Er trank den Tee in kleinen Schlucken, spürte, wie die Müdigkeit seine Muskeln warm werden ließ. Schließlich legte er das Telefon auf den Nachttisch, drehte den Bildschirm dunkel, und sah noch einen Moment ins Halbdunkel seines Zimmers. Vielleicht war nicht alles ersetzt. Vielleicht waren immer noch Lücken im Besteckkasten, fehlende Erinnerungsstücke im Regal. Aber heute hatte er Ordnung in seinem Kopf geschaffen – und eine Suppe, einen Tee und Katzenclips taten ihr Übriges. Mit diesem ruhigen, kleinen Gefühl schloss er die Augen; draußen rauschte ein leiser Nachtwind durch die Bäume vor dem Fenster. In seinen Händen lag keine Konsole – aber wenigstens hielt er den morgigen Tag jetzt schon ein wenig fester. 25. Tag – Früher Morgen: Neues Licht, alter Zorn Der Morgen begann zunächst in ungewöhnlicher Ruhe. Die ersten Sonnenstrahlen fielen golden durch die Vorhänge, als der junge Mann in der Küche seinen Tee aufgoss. Haaland saß am Tisch, ein aufgeschlagenes Notizbuch vor sich, in dem er Trainingspläne skizzierte. Die Mutter war noch im Schlafzimmer, bereitete sich leise für die Arbeit vor. Dann öffnete sich die Tür des elterlichen Schlafzimmers. Der Vater trat heraus, das Gesicht frisch gewaschen, aber die Stirn missmutig gefurcht. Seine Schritte hallten hart auf dem Laminat, als er direkt zu Lukas ging. „Nur, dass du’s weißt: Ich bin stinksauer auf deine Mutter“, sagte er ohne Umschweife. „Sie hört nie zu. Nie!“ Noch ehe der junge Mann erwidern konnte, wandte sich der Vater ab, stapfte in Richtung Wohnzimmer. Auf dem Wohnzimmertisch lag das Handy der Mutter, das sie dort zum Laden

hingelegt hatte. Der Vater packte es – ein elegantes Smartphone, kaum ein halbes Jahr alt – und drückte mit beiden Händen, als ob er etwas Lebendiges ersticken wollte. Ein Knacken, dann splitterte das Display unter roher Gewalt. Er warf es auf den Boden, trat einmal, zweimal darauf, bis das Glas in winzige Stücke brach. Haaland sprang erschrocken auf. „Stopp!“, rief er, doch der Vater ignorierte ihn, holte sein eigenes Telefon aus der Hosentasche, starrte einen Augenblick lang auf das Display – als würde es ihn verhöhnen – und ging zum offenen Treppenhausfenster. „Wenn sie meins will, kann sie’s unten zusammensuchen!“, knurrte er. Dann schleuderte er das Gerät mit einem gezielten Schwung hinaus. Fünf Stockwerke tiefer hörten sie ein dumpfes Klirren, gefolgt vom leisen Alarmton, der sogleich verstummte. Die Mutter kam in diesem Moment aus dem Schlafzimmer, sah die Glassplitter, hörte noch den entfernten Aufschlag unten. Einen Herzschlag lang herrschte völlige Stille – dann der rasche Atemzug von Haaland, das Schlucken des jungen Mannes, das leise Zittern der Mutter. Der Vater kehrte in sein Zimmer zurück, als wäre nichts geschehen, schlug die Tür zu. Lukas’ Hände zitterten, der Teebecher klirrte leise in seiner Faust. Haaland legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir regeln das. Aber erst mal – keine Panik.“ Die Mutter stand wortlos, sammelte die größeren Glasscherben ihres Handys ein – Tränen standen ihr in den Augen, doch sie ließ sie nicht fallen. „Ich ruf von der Arbeit aus beim Anbieter an“, flüsterte sie und streichelte Lukas flüchtig über den Arm. Dann zog sie ihre Jacke an und verließ die Wohnung – jedes ihrer Schritte klang wie das Knacken eines beschädigten Displays. Haaland drehte sich zu Lukas. „Atme tief, okay? Wir räumen hier auf – und danach überlegen wir, wie wir die nächsten Schritte gehen. Zusammen.“ Der junge Mann nickte. Sein Blick glitt zum zersplitterten Handy am Boden und zum offenen Treppenhausfenster, in das der Morgenwind wehte. Noch ein Tag brach an – mit neuen Splittern, neuen Scherben, aber auch mit dem stillen Versprechen, nicht allein zu sein, wenn alles zu Boden fällt. 25. Tag – Mittag: Rückkehr zur Tante Der Vormittag war ein aufreibender gewesen, doch der junge Mann hatte sich nach dem zerstörerischen Vorfall mit den Handys wieder gesammelt. Haaland war die ganze Zeit an seiner Seite geblieben und hatte ihm beim Aufräumen geholfen, während die Mutter aus der Ferne versuchte, das Wichtigste zu organisieren. Jetzt, zur Mittagszeit, war das Auto gepackt. Der Vater fuhr. Neben ihm saß die Mutter still, ihren Blick stur auf die vorbeiziehende Straße gerichtet. Hinten saßen der junge Mann und Haaland. Der junge Mann hatte einen kleinen Geschenkkorb auf dem Schoß – mit einer Tafel Schokolade, einem kleinen Blumenstrauß, einer duftenden Kerze und einem Brief, den er am Abend zuvor geschrieben hatte. „Du musst den Brief vorlesen“, sagte Haaland leise und nickte dem jungen Mann aufmunternd zu. „Sie wird sich freuen.“ „Ich weiß nur nicht, ob sie reden will. Sie hat ja die OP gerade erst hinter sich …“ Der junge Mann drückte nervös den Rand des Korbs. Nach rund 20 Minuten erreichten sie das Haus der Tante. Es war ein altes, hell verputztes Haus mit einem winzigen Garten, den sie immer gepflegt hatte. Heute jedoch standen einige Pflanzen verwelkt in den Kästen – ein stummes Zeichen ihrer Abwesenheit der letzten Tage. Die Mutter stieg als Erste aus. Sie klopfte kurz an, öffnete dann mit dem Ersatzschlüssel, den sie hatte. Die Tante saß bereits im Wohnzimmer – auf ihrem alten, weinroten Sofa, das sie über alles liebte, in eine Decke gehüllt, aber wach und überraschend klar im Gesicht. „Da seid ihr ja“, sagte sie mit schwacher Stimme und lächelte. Der junge Mann trat ein, hinter ihm Haaland. Zögernd reichte er ihr den Korb. „Für dich … von mir. Und uns.“

Die Tante streichelte über die Tafel Schokolade und sah dann auf den Brief. „Den heb ich mir für heute Abend auf“, flüsterte sie, „wenn’s wieder ruhiger ist.“ „Ich bin froh, dass du wieder hier bist“, sagte der junge Mann. „Es war irgendwie leer, ohne dich.“ „Ich bin auch froh. Obwohl das Krankenhausessen besser war, als ich dachte.“ Sie grinste, dann verzog sie leicht das Gesicht vor Schmerz. „Aber meine Tochter ist auch gestern kurz gekommen. Sie bringt mir heute Abend noch was zu essen.“ Der Vater hatte sich derweil abseits gehalten, ging dann aber kurz zu ihr, nickte ihr zu und sagte leise: „Ich hol dir später Fleischkäse. Wie versprochen.“ Die Tante nickte ebenfalls nur – keine Umarmung, kein Händedruck, nur ein stilles Einverständnis zwischen zwei müden Menschen. Der junge Mann blieb mit Haaland noch eine halbe Stunde im Wohnzimmer. Sie redeten über belanglose Dinge – Pokémon Go, das Wetter, das Nations-League-Spiel vom Morgen. Die Tante hörte zu, lachte ab und zu, und legte irgendwann ihre Hand auf die des jungen Mannes. „Du bist ein guter Junge. Auch wenn du das manchmal nicht glaubst.“ Als sie wieder gingen, winkte sie ihnen von der Tür aus nach. Der Vater hatte draußen bereits den Motor angelassen, die Mutter telefonierte leise mit dem Anbieter des zerstörten Handys. Der junge Mann sah noch einmal zurück. Die Tante stand da, schwach auf den Beinen, aber aufrecht, das Gesicht müde, aber voller Leben. Als sie ins Auto stiegen, sagte Haaland leise: „Das war wichtig für dich, oder?“ Der junge Mann nickte. „Ja. Das war’s wirklich.“ 25. Tag – Mittag, Fortsetzung: Rückzug zum Hund Während die Mutter mit der Tante in der Küche verschwand, um ihr beim Auspacken der mitgebrachten Sachen zu helfen, und der Vater sich im Wohnzimmer auf das alte Sofa setzte und mit seinem Handy herumspielte, fühlte sich der junge Mann plötzlich etwas überfordert. Zu viele Stimmen, zu viele Eindrücke – die vertraute, aber angespannte Stimmung, das schwache Lächeln der Tante, das Zucken in ihren Augenwinkeln, wenn sie versuchte, den Schmerz zu verbergen. Er sagte nichts, stand leise auf, nahm Haaland kurz am Arm und deutete wortlos mit dem Kopf in Richtung Garten. „Willst du kurz raus?“ flüsterte Haaland. Der junge Mann nickte. Draußen war es still. Die Sonne stand hoch, die Luft war warm, aber nicht drückend. Die alte Hündin der Tante – „Mimi“, ein gutmütiger, grauweißer Mischling mit schlaffen Ohren – lag in ihrem Lieblingsplatz unter dem Gartentisch. Als der junge Mann sich näherte, hob sie kurz den Kopf, blinzelte, und wedelte dann leicht mit dem Schwanz. Er ließ sich auf den Boden neben sie sinken, lehnte sich mit dem Rücken gegen das Tischbein und kraulte ihr langsam den Kopf. Haaland blieb etwas abseits sitzen, beobachtete die beiden still. „Hey Mimi …“, flüsterte der junge Mann und lächelte leicht. „Dich gibt’s also auch noch.“ Die Hündin legte ihre Schnauze auf seinen Oberschenkel, und er spürte, wie ihm langsam die Anspannung aus den Schultern wich. Ein kleines Stück Frieden inmitten all der inneren Unruhe. Er sprach nicht laut, eher für sich, während er weiter kraulte: „Weißt du, irgendwie warst du schon immer das ruhigste an diesem Haus. Selbst wenn drinnen alle gestritten haben – du lagst einfach nur da und hast gewartet, bis es wieder besser wird.“ Die Hündin antwortete nicht – natürlich nicht –, aber sie bewegte sich näher an ihn, seufzte tief und ließ sich vollends an ihn fallen.

Nach ein paar Minuten setzte sich Haaland neben ihn. „Du hast ihr gefehlt, glaube ich“, sagte er leise. Der junge Mann nickte. „Ich ihr auch.“ Dann, nach einer Weile: „Es ist irgendwie komisch. Man kommt hierher, alle tun so, als wäre alles in Ordnung. Aber du spürst es trotzdem. Die Angst, der Druck, die Erinnerungen.“ Haaland schwieg. Stattdessen streichelte er der Hündin sanft über den Rücken. „Du machst das gut“, sagte er schließlich. Der junge Mann zuckte die Schultern. „Ich versuche’s.“ Er wusste nicht, wie lange sie dort saßen. Vielleicht zehn Minuten, vielleicht zwanzig. Die Hündin döste. Die Sonne malte helle Flecken auf das Gras. Drinnen hörte man ab und zu gedämpfte Stimmen – die Mutter, die Tante, der Vater. Doch für diesen Moment, zwischen warmem Fell, vertrautem Atem und einem alten Gartentisch, war die Welt zumindest ein bisschen leiser. 25. Tag – Später Nachmittag: Die Suppe der Tante Als der junge Mann sich langsam vom Boden aufrichtete, während Mimi noch einmal wohlig seufzte und sich auf die Seite rollte, blickte er ein letztes Mal auf die Hündin und streichelte sie ein letztes Mal über den Rücken. „Ich geh wieder rein, Mimi“, flüsterte er. „Danke.“ Haaland stand ebenfalls auf und nickte ihm stumm zu. Gemeinsam gingen sie zurück durch den kleinen, schmalen Flur ins Wohnzimmer, wo der Vater inzwischen auf dem Sessel saß und demonstrativ durch den Fernseher zappte, ohne wirklich hinzuschauen. Die Mutter war noch in der Küche bei der Tante. Als der junge Mann vorsichtig in die Küche trat, sah er die Tante an einem der alten Holzstühle sitzen. Ein Topf dampfte auf dem Herd. Der Geruch war sofort da – etwas Warmes, etwas Vertrautes: eine hausgemachte Hühner-Gemüse-Suppe mit kleinen Nudeln, wie sie sie früher oft gekocht hatte, wenn jemand krank war oder einfach Trost brauchte. Sie blickte auf, als sie den jungen Mann sah, und lächelte ein wenig müde, aber aufrichtig. In ihrer Hand hielt sie einen Holzlöffel, den sie kurz abklopfte. „Ich hab dir Suppe gemacht“, sagte sie. „Du mochtest sie doch immer, oder?“ Der junge Mann nickte etwas überrascht. „Ja … sehr sogar.“ Die Tante wies auf den Stuhl neben sich. „Setz dich. Ich fülle dir was ab.“ Er setzte sich still. Während sie langsam aufstand und sich mit ruhigen, bedachten Bewegungen zum Herd begab, bemerkte er, wie viel erschöpfter sie wirkte. Die OP hatte sie geschwächt. Und doch war sie da, bewegte sich in ihrer Küche, kochte für andere. Als sie ihm die dampfende Schale auf den Tisch stellte, atmete er tief ein. Der Geruch war intensiv, würzig, aber nicht zu scharf. Etwas Petersilie lag obenauf. Kleine Karottenstücke, Sellerie, ein paar Erbsen – und Nudeln in Form von winzigen Muscheln. „Iss langsam“, sagte sie sanft. „Ist noch heiß.“ Er nahm den ersten Löffel. Der Geschmack war – wie erwartet – ein Stück Kindheit. Ein Stück Sicherheit. Die Art Suppe, die ihn früher beruhigte, wenn er fieberte oder Angst hatte. Er sah sie an. „Danke“, sagte er leise. „Dass du das … trotz allem gemacht hast.“ Die Tante legte ihm die Hand kurz auf den Rücken. „Manchmal hilft ein Teller Suppe mehr als tausend Worte.“ Haaland stand still in der Tür und beobachtete das Ganze. Als die Tante ihn sah, lächelte sie auch ihm zu. „Für dich ist auch genug da, junger Mann.“ „Ich warte gern, danke“, erwiderte Haaland höflich. Der Vater war nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich wieder ins Wohnzimmer verschwunden oder kurz nach draußen gegangen. Für den Moment war es ruhig.

Der junge Mann aß langsam weiter. Jeder Löffel fühlte sich wie ein kleines Stück Wärme an. Und obwohl er wusste, dass draußen irgendwo eine seltsame, beunruhigende Frau ihn beobachtete … und obwohl er wusste, dass der Vater jederzeit wieder ausrasten konnte … … in diesem Moment, in dieser Küche, mit dieser Suppe, war er einfach nur ein junger Mann, der geliebt wurde – zumindest von jemandem. 25. Tag – Abend: Ein letzter Bissen und der Weg in die Ruhe Der Abend senkte sich langsam über die Straßen von Mainz, und die Luft war mild, fast still. Im Haus der Familie herrschte eine merkwürdige Mischung aus vorsichtiger Ruhe und schwelender Anspannung. Der Vater war im Wohnzimmer, die Mutter half der Tante, und der junge Mann war wieder mit Haaland in der Küche angekommen. Der Tag hatte ihn erschöpft. Zu viel war passiert – wieder einmal. Die Begegnung mit Mimi, die überraschende Suppe der Tante, die vielen unausgesprochenen Gedanken. Und dennoch – es war dieser eine kleine Wunsch, der noch offen war: ein Fleischkäsebrötchen. Nichts Großes. Nur etwas Einfaches, etwas, das er kannte und das ihn beruhigte. „Ich hol dir noch ein Fleischkäse“, sagte Haaland plötzlich, als hätte er seine Gedanken erraten. „Echt?“ fragte der junge Mann leise. „Du musst aber nicht.“ „Doch“, sagte Haaland. „Du brauchst was Gutes zum Abschluss von so einem Tag.“ Nur wenige Minuten später kehrte Haaland zurück. In einer Papiertüte dampfte es noch ein wenig – ein frisches Brötchen, dick belegt mit einer warmen Scheibe Fleischkäse, leicht senfig duftend. Der junge Mann nahm es entgegen, roch daran, lächelte erschöpft und biss vorsichtig ab. „Es ist perfekt“, murmelte er zwischen zwei Bissen. „So wie früher.“ Sie saßen noch kurz schweigend zusammen am kleinen Küchentisch. Die Uhr zeigte bereits nach 21:30 Uhr. Draußen war es nun ganz dunkel. Nur das gedämpfte Licht über dem Herd warf einen weichen Schein auf die Fliesen. „Ich glaub, ich geh jetzt schlafen“, sagte der junge Mann schließlich. „Ich will einfach … abschalten.“ „Ich bleib noch kurz wach“, antwortete Haaland, „falls was ist – du weißt ja.“ Der junge Mann nickte, stand auf, ging noch einmal ins Bad, wusch sich das Gesicht, putzte sich die Zähne und nahm seine Medikamente. Dann ging er langsam in sein Zimmer, in dem es angenehm kühl war. Sein Bett wartete schon auf ihn. Der neue alte Nintendo Switch stand auf dem Regal, die neue PS5 – ein Stück Wiedergutmachung – daneben. Dinge, die ihm genommen worden waren und die irgendwie zurückgekommen waren. Bevor er sich unter die Decke kuschelte, blickte er noch ein letztes Mal zum Fenster hinaus. Alles still. Kein Schatten, keine Bewegung. Und doch war da dieses Gefühl … jemand beobachtete ihn. Aber er schob den Gedanken fort. Er trank noch den letzten Schluck seines beruhigenden Tees, schaltete das Licht aus, legte sich hin und zog die Decke bis zur Brust. „Gute Nacht, Haaland“, rief er leise. Von draußen kam ein Flüstern zurück: „Gute Nacht.“ Dann schloss der junge Mann die Augen. In seinem Bauch noch das beruhigende Gefühl von Fleischkäse und Wärme – in seinem Herzen ein kleines Stück Ruhe. Für diese Nacht zumindest. 26. Tag – Früher Morgen: Noch ein Stück wird aus der Wand gerissen Ein graues, kühles Licht lag über der Wohnung, als der junge Mann gegen 7 Uhr aufwachte. Die Ereignisse der letzten Tage hatten ihn erschöpft, doch der Schlaf war diesmal tief gewesen. Routinegriff: Medikamentendöschen öffnen, Tabletten in die Hand, ein Schluck Wasser aus der Flasche auf dem Nachttisch. Das vertraute Klicken der Pillendose war beinahe beruhigend.

Er streckte sich kurz, hörte Geräusche im Flur – ein gleichmäßiges Tap-Tap-Tap. Der Vater ist schon wach, dachte er. Er zog sich rasch ein T-Shirt über und ging Richtung Bad, um sich das Gesicht zu waschen. Schon im Türrahmen spürte er eine seltsame Spannung: Sein Vater stand mitten im kleinen Badezimmer, starrte auf den Hängeschrank über dem Waschbecken. Dort, an der linken unteren Ecke der weißen MDF-Verkleidung, zeichneten sich ein dunkler Wasserfleck und eine leichte Wölbung ab – vermutlich Feuchtigkeitsschaden von der übergelaufenen Nacht. „Was ist das denn jetzt schon wieder?“ murmelte der Vater mit rauer Stimme. Er legte die Finger an die aufgequollene Kante, zog einmal sanft daran – die dünne Schicht löste sich mit einem leisen Knack. Der junge Mann wollte etwas sagen, doch in diesen Sekunden kippte die Stimmung: Der Vater packte fester, riss an der Blende. Mit einem kreischenden Geräusch löste sich das komplette Frontstück des Schranks ab – ein dünnes Brett, das splittrig nachgab und halb herabhing. Holzspäne rieselten, eine Schraube klirrte ins Waschbecken. „Alles Schrott!“ fauchte der Vater und zog weiter, bis die ganze Verkleidung krachend auf den Boden fiel. Der junge Mann zuckte zusammen, spürte sein Herz rasen. Der Vater trat einen Schritt zurück, betrachtete die kahle, rohe Spanplatte, die nun offenlag – das Innenleben des Schranks, Zahnbürsten, Rasierer, eine halb geleerte Tube Zahnpasta. Als wäre das nicht genug, ruckelte er am nächsten Brett. „Papa, bitte – lass das“, brachte der junge Mann hervor, die Stimme belegt. Doch der Vater drehte sich nur kurz um, warf einen zornigen Blick und knurrte: „Wenn hier alles schimmelt, kommt das weg!“ Dann bückte er sich nach einem Schraubenzieher, den er in einem Becher fand, und setzte an einer weiteren Kante an. Noch ein Riss, Holz knackte. Der junge Mann wich zurück in den Flur, atmete flach. Haaland kam aus dem Wohnzimmer, erkannte die Situation, stellte sich wortlos neben ihn. Gemeinsam hörten sie das Splittern und Reißen, das Schaben des Schraubenziehers auf Holz. „Wir müssen später aufräumen“, flüsterte Haaland. „Jetzt geh erst mal weg von hier.“ Der junge Mann nickte stumm, zog sich in sein Zimmer zurück. Durch die angelehnte Tür drang das dumpfe Geräusch weiterer Holzstücke, die fielen. Mit jedem Krachen wurde die dünne morgendliche Ruhe ein Stück weiter zerlegt – so wie der Schrank im Bad. Er setzte sich auf die Bettkante, presste die Hände auf die Knie. Die Medikamente wirkten, sein Puls verlangsamte sich langsam. Doch in seinem Kopf hallten die Geräusche nach – und das Bild des Vaters, der im Morgengrau immer neue Dinge herausriss, anstatt zu reparieren. Wieder etwas kaputt, dachte er müde. Wieder etwas mehr, das wir später zusammenfegen müssen. In der Stille seines Zimmers klammerte er sich an einen einzigen Gedanken: Heute Abend treffe ich meine Assistentin. Ein Haltpunkt. Ein Termin. Etwas, das ihm helfen könnte, einen weiteren Tag zu überstehen – und das Versprechen, wenigstens innerlich nicht genauso auseinanderzufallen wie der Schrank im Bad. 26. Tag – Nachmittag: FIFA, Schnaps und ein kurzer Moment des Vergessens Der Nachmittag senkte sich ruhig über die Wohnung. Die Wände atmeten noch immer die Spannungen des Morgens, doch für einen Moment schien alles innezuhalten. Der Vater hatte das Bad inzwischen verlassen – wortlos – und war, ohne ein weiteres Wort zu sagen, aus dem Haus gegangen. Wo er hinging, wusste niemand. Vielleicht spazieren. Vielleicht ziellos durch die Straßen. Der junge Mann saß auf dem Sofa, die Schultern leicht nach vorn gebeugt, den Controller in der Hand. Neben ihm saß der Spieler, Haaland, entspannt zurückgelehnt mit einem kleinen Lächeln im Gesicht. Auf dem Bildschirm lief „FIFA 25“, im Karrieremodus spielte der junge Mann als Mainz 05, mittlerweile auf Platz 5 der Bundesliga. „Du wirst besser“, sagte Haaland und tippte ihm leicht gegen die Schulter. Der junge Mann grinste leicht. „Ich trainiere auch genug.“

In der 68. Minute des Spiels erzielte er ein Tor durch einen präzisen Schuss von Gruda ins obere rechte Eck. „YES!“ rief er und sprang kurz vom Sofa auf, hob triumphierend den Controller. „Na, das muss gefeiert werden“, sagte Haaland und stand auf. Er ging in die kleine Küche, öffnete den Oberschrank und holte eine kleine, fast volle Flasche Schnaps heraus – ein feiner Obstbrand, den sie von einem Nachbarn geschenkt bekommen hatten. „Willst du ein Gläschen? Nur eins. Zur Feier des Tages“, fragte Haaland vorsichtig. Der junge Mann zögerte kurz. Normalerweise trank er nichts Starkes, aber der Moment fühlte sich besonders an. Es war eine Mischung aus Erschöpfung, Erleichterung und der seltsamen Freude, einfach nicht allein zu sein. „Okay … aber nur eins“, sagte er. Haaland nickte, goss zwei kleine Gläser halb voll und reichte ihm eines. Sie prosteten sich an – „Auf das Tor und auf dich“ – und tranken gemeinsam. Der Schnaps brannte heiß im Hals, ließ seine Wangen kurz aufglühen. Der junge Mann musste husten. Haaland lachte leise. „Nicht schlecht, oder?“ „Ganz schön stark“, meinte der junge Mann, schüttelte sich leicht, aber lächelte. „Aber gut.“ Sie spielten weiter. Noch ein Match, dann noch ein weiteres. Mit jedem Spiel wich der Druck des Tages ein wenig. Das Lachen wurde leichter, der Ernst des Morgens rückte langsam in die Ferne. Für ein paar Stunden gab es nur das Spiel, das Klicken der Controller und das leise Brummen der Konsole. Kein zerstörter Schrank, kein Schreien, keine Vorwürfe. Nur zwei Menschen, die gemeinsam einen kleinen Sieg feierten – mit einem Tor, einem Schnaps und einem Stück Normalität. Später, als der Nachmittag in den frühen Abend überging, stand der junge Mann auf, gähnte und streckte sich. „Danke“, sagte er leise. „Für das Spiel. Und den Moment.“ Haaland nickte nur. „Du bist nicht allein, okay? Ich bin hier.“ Der junge Mann nickte. Und das war – zumindest für diesen Moment – genug. 26. Tag – Abend: Die Suppe der Tante Der Abend legte sich mit einem warmen Licht über das Haus der Tante. Die Fensterläden waren halb geöffnet, und der Duft von frischen Kräutern, Brühe und Gemüse lag schwer in der Luft. In der kleinen Küche, die von einem weichen Licht erhellt wurde, saß der junge Mann am runden Esstisch – still, aufmerksam, mit einer leichten Neugier in den Augen. Vor ihm stand ein dampfender Teller mit Suppe. Daneben ein Glas Wasser, ein kleiner Teller mit Brot, und ein Teelöffel, mit dem man das letzte bisschen vom Boden schöpfen konnte. „Ich habe sie extra für dich gemacht“, sagte die Tante, während sie sich ihm gegenüber auf einen Stuhl setzte. Sie war blass, ihre Bewegungen noch etwas langsam – aber ihr Lächeln war ehrlich. Trotz der überstandenen Operation und der Erschöpfung, die sie in den Knochen trug, wollte sie für ihn da sein. Der junge Mann hob den Löffel und führte ihn langsam zum Mund. Ein Moment der Stille. Dann schmeckte er: Karotte, Sellerie, Petersilie – alles in einer klaren, goldenen Brühe. Warm, salzig, herzhaft. Der Geschmack erinnerte ihn an früher, an Wochenenden bei ihr, als Kind, wenn er erkältet war oder einfach nur müde vom Leben. „Sie ist… sehr gut“, sagte er leise, fast schüchtern. Und es war keine Höflichkeit – er meinte es wirklich. Die Tante lächelte. „Ich koche sie immer noch nach dem alten Rezept von meiner Mutter. Weißt du noch, wie du früher immer gesagt hast, dass Suppe nur Wasser mit Gemüse sei?“ Er grinste leicht. „Ja… ich war eben noch ein Kind.“ Während er löffelte, wurde es draußen langsam dunkler. Der Spieler saß auf der Couch im Nebenraum und wartete geduldig, respektierte diesen kleinen Moment zwischen Neffe und

Tante. Er hörte, wie im Hintergrund der Fernseher lief – stumm, mit Untertiteln, ein Bericht über Fußballspiele. „Wie geht’s dir denn? Ehrlich“, fragte die Tante. Der junge Mann zuckte leicht mit den Schultern. „Manchmal gut. Manchmal schwer. Zuhause ist es oft… kompliziert.“ Sie sah ihn lange an. „Ich weiß. Aber ich sehe auch, dass du kämpfst. Dass du nicht aufgibst. Und das ist das Wichtigste.“ Er nickte. Der Teller war fast leer. Noch ein Löffel. Dann der letzte. Er stellte ihn leise ab und atmete tief durch. „Danke“, sagte er, und in diesem einen Wort lagen viele Dinge, die er nicht aussprechen konnte: Für die Suppe. Für das Dasein. Für die Wärme in einer Zeit, in der oft alles kalt war. „Ich mach dir morgen wieder was, wenn du willst“, sagte sie und tätschelte sanft seine Hand. „Gerne.“ Er stand auf, nahm den Teller mit in die Küche, spülte ihn sogar von sich aus – ganz vorsichtig – und ging dann zu Haaland, der noch immer wartete. „Na, gut gegessen?“ fragte der Spieler mit einem leichten Lächeln. Der junge Mann nickte. „Die beste Suppe seit langem.“ Sie verließen das Haus der Tante etwas später, aber in seinen Gedanken hallte der Geschmack nach. Nicht nur der der Suppe, sondern der von Zuhause, wie es sich eigentlich anfühlen sollte. Und das gab ihm Kraft. 27. Tag – Früher Morgen: Ruhe im Haus Die ersten Sonnenstrahlen tasteten sich vorsichtig durch die halb geschlossenen Vorhänge im Zimmer des jungen Mannes. Draußen war es noch ruhig – kein Lärm vom Flur, keine hastigen Schritte, keine knallenden Türen. Nur das leise Summen der Stadt, das durch das offene Fenster schlich. Es war 7:45 Uhr, und der junge Mann lag in seinem Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen, das Gesicht zur Wand gedreht. Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht. Denn heute war einer dieser seltenen Morgende: Der Vater war schon früh zur Arbeit gefahren – ein Außentermin, das hatte die Mutter ihm am Vorabend erklärt. Und er würde voraussichtlich bis 14 Uhr nicht zurück sein. Keine unberechenbaren Wutausbrüche. Kein Türenschlagen. Kein lautes Schimpfen. Nur… Stille. Der junge Mann drehte sich langsam auf den Rücken, starrte an die Decke und genoss das ungewohnte Gefühl. Es war fast wie Urlaub. Neben ihm drehte sich auch der Spieler – noch halb verschlafen – zur Seite. „Schon wach?“ murmelte er verschlafen. „Ja“, antwortete der junge Mann leise. „Aber alles gut. Ich bin ruhig.“ Der Spieler nickte müde. „Dann gönn dir die Ruhe.“ Der junge Mann stand vorsichtig auf, ging barfuß über den weichen Teppich, öffnete langsam die Tür und schlich in die Küche. Kein Vater. Kein Geräusch. Nur das leichte Ticken der Wanduhr. Er machte sich eine kleine Schale Müsli, stellte sich ans Fenster und schaute hinaus. Die Sonne war noch nicht zu heiß, der Himmel leicht bewölkt, ein perfekter, stiller Morgen. Er dachte an all die lauten, unberechenbaren Morgen zuvor – an das Misstrauen in der Luft, an die Angst vor dem nächsten Ausbruch. Und jetzt? Nur der Geschmack von Cornflakes und Milch, ein paar Vogelstimmen draußen im Baum, und das Gefühl, für einen Moment einfach nur sein zu dürfen. Als er zurück ins Zimmer ging, legte er sich nochmals zu Haaland ins Bett. Der Spieler hatte sich die Decke über den Kopf gezogen, doch als der junge Mann sich zu ihm drehte, schob er sie etwas zur Seite. „Was war das für ein Müsli?“ fragte er mit kratziger Stimme. „Schoko-Müsli. War ganz gut“, antwortete der junge Mann. Dann: „Ich glaub, ich versuch noch mal zu schlafen. Solange es noch ruhig ist.“ „Mach das“, murmelte Haaland.

Und so schlossen sich die Augen des jungen Mannes wieder. Kein Streit. Kein Krach. Kein Drama. Nur sanfte Stille – bis zum Mittag. 27. Tag – Mittag: Ein Brief gegen den Irrtum Der junge Mann saß gegen 12:30 Uhr am Schreibtisch in seinem Zimmer. Der Himmel draußen hatte sich leicht zugezogen, aber die Ruhe in der Wohnung war geblieben. Der Vater war wie angekündigt noch auf der Arbeit, was dem jungen Mann ein konzentriertes Arbeiten ermöglichte. Auf dem Tisch lagen bereits mehrere aufgeschlagene Papiere, sein Laptop war offen, daneben ein Stift, ein liniertes Blatt und ein Briefumschlag. Neben ihm stand der Spieler, der ihm half, ruhig zu bleiben. Denn der Anlass war unangenehm. Die Mutter hatte in den letzten Tagen einen Brief von einer Firma bekommen, die behauptete, sie hätte ein Zeitungsabonnement abgeschlossen. Doch weder sie noch der junge Mann konnten sich erinnern, jemals etwas unterschrieben oder telefonisch zugesagt zu haben. Und jetzt wollten sie Geld. Der junge Mann ballte kurz die Faust. Er hasste es, wenn jemand versuchte, die Familie reinzulegen. Besonders wenn es um seine Mutter ging. „Ich schreib den Brief selbst“, sagte er entschlossen. „Damit die wissen, dass wir das nicht gemacht haben. Und dass wir nichts bezahlen.“ Der Spieler nickte zustimmend. „Gut so. Schreib deutlich, aber bleib sachlich. Du schaffst das.“ Der junge Mann atmete tief durch, nahm den Stift und begann zu schreiben: An: [Name der Firma] [Adresse] [PLZ Ort] Mainz, 27.06.2025 Betreff: Widerspruch gegen angebliches Zeitungsabonnement und Zahlungsaufforderung Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit widerspreche ich im Namen meiner Mutter, [Name der Mutter], Ihrer Forderung bezüglich eines angeblich abgeschlossenen Zeitungsabonnements. Es wurde zu keinem Zeitpunkt ein Vertrag unterzeichnet oder telefonisch bestätigt. Wir möchten Sie daher auffordern, die unberechtigte Forderung umgehend aus Ihrer Kartei zu streichen. Jegliche weitere Forderung wird unsererseits nicht akzeptiert. Sollten weiterhin Mahnungen oder Inkassoschreiben erfolgen, behalten wir uns vor, rechtliche Schritte einzuleiten. Bitte bestätigen Sie schriftlich, dass Sie die Angelegenheit zu unseren Gunsten eingestellt haben. Mit freundlichen Grüßen [Name des jungen Mannes] „Ich glaub, das ist gut so“, sagte er leise und hielt dem Spieler das Papier hin. Der las aufmerksam und nickte dann. „Sehr gut. Klar und deutlich. So kann man’s lassen.“ Sie druckten den Brief aus, steckten ihn in den Umschlag, und der junge Mann beschriftete diesen sorgfältig. Dann stand er auf, zog seine Jacke über und sagte: „Ich bring ihn gleich zum Briefkasten. Dann ist das wenigstens erledigt.“ Der Spieler begleitete ihn ein Stück, und gemeinsam gingen sie schweigend die Straße entlang. Als der Brief schließlich im gelben Kasten verschwand, atmete der junge Mann hörbar auf. „Ein Problem weniger“, murmelte er. „Genau“, sagte Haaland. „Jetzt gibt’s erst mal was Gutes zu essen.“

Und mit diesem kleinen Sieg in der Tasche machten sie sich wieder auf den Heimweg. 27. Tag – Abend: Abschied von der alten Couch Nach dem späten Mittag und dem Abstecher zum Briefkasten rief die Mutter die kleine Runde im Wohnzimmer zusammen. Auf dem abgegriffenen Sofa, dessen Federkern schon hörbar quietschte, stand eine Tasse Tee, daneben der frisch eingelaufene Paketkarton mit neuen Kissenhüllen. Der Vater lehnte am Türrahmen, die Arme verschränkt. „Wir bekommen am Freitag die neue Couch – ein ganzes Set mit Sessel,“ erklärte die Mutter vorsichtig. „Die Spedition bringt sie morgens, und das alte Sofa geht mit den Männern direkt zum Sperrmüll.“ Der junge Mann erstarrte einen Moment. Er strich unbewusst über die Armlehne: Dort waren feine, halb verheilte Kratzspuren – Erinnerungen an Lucky, den Labrador, den sie vor Jahren gehabt hatten. Lucky war im Alter von dreizehn Jahren gestorben; dieses Sofa war sein Feldbett gewesen, und die Kratzer sein unscheinbares Denkmal. „Muss das alte unbedingt weg?“ fragte er leise. Der Vater zuckte die Achseln. „Es ist durchgesessen, modrig, hässlich. Das Neue sieht besser aus.“ Die Mutter legte dem jungen Mann die Hand auf den Rücken. „Wir können ja ein Kissen aufheben, wenn du willst.“ Doch er schluckte nur, nickte flüchtig und zog sich wenig später in sein Zimmer zurück. Haaland folgte ihm, fragte sanft: „Willst du darüber reden?“ – Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Vielleicht morgen.“ Er zog sich um, nahm seine Abendtablette und schaltete das Licht aus. Gegen 22:30 Uhr lag er schon im Bett, halb dösend, als sein Handy vibrierte. Papa – Neue Nachricht: „Wenn du willst, kann ich in die neue Couch und den Sessel auch gleich Kratzer machen. Dann bist du wegen deiner Modekrankheit nicht so traurig. Gehört ja eh nicht dir.“ Die Worte trafen härter als jeder Schlag. „Modekrankheit“ – sein Vater benutzte diesen Ausdruck, wenn er die Autismus- und ADHS-Diagnosen des jungen Mannes abtat. Das Display flimmerte im Dunkel. Einen Moment lang wollte er das Handy gegen die Wand werfen – tat es aber nicht. Er atmete bebend ein, hielt den Bildschirm im Schein der Nachtlampe, bis Tränen in die Augen stiegen. Dann stand er auf, tappte leise in den Flur und klopfte vorsichtig an Haalands Tür. Der Spieler öffnete sofort, sah den Ausdruck im Gesicht des jungen Mannes und sagte nichts; er zog ihn einfach hereIN, schloss die Tür, ließ ihn auf der Gästematratze sitzen. Der junge Mann zeigte schweigend die Nachricht. Haaland las, stieß hörbar die Luft aus. „Das ist grausam“, flüsterte er. „Aber das Sofa ist nicht Lucky. Lucky ist hier.“ – Er tippte dem jungen Mann ans Herz. „Und hier.“ – Er deutete auf den Kopf. „Wir können morgen Fotos machen, ein Stück Stoff ausschneiden, es in einen Rahmen legen. So bleibt die Erinnerung, egal welche Couch kommt.“ Der junge Mann nickte langsam, die Tränen trockneten. „Ein Stück Stoff … ja.“ Sie saßen eine Weile im Halbdunkel. Die Wohnung war still: keine Türen, kein Knallen, nur zwei gleichmäßige Atemzüge. Später, zurück im eigenen Zimmer, öffnete der junge Mann seine Notizapp und schrieb eine kurze Nachricht an die Mutter: Bitte ein Stück vom Sofastoff für mich übrig lassen, da wo Luckys Spuren sind. Ganz wichtig. Dann legte er das Handy weg, zog die Decke bis zum Kinn und stellte sich vor, wie Lucky einst mit der Schnauze auf seinem Schoß eingeschlafen war. Draußen schlug der Wind gegen die Regenrinne. Drinnen schlug das Herz ruhiger, weil eine Erinnerung gerettet werden sollte – egal, was andere kaputt machten. 27. Tag – Tiefe Nacht: Suppe, FIFA und ein Stück Normalität

Nachdem der junge Mann die Nachricht seines Vaters gelesen und sich mit Haaland ausgesprochen hatte, fühlte er sich etwas ruhiger. Doch der Kloß im Magen blieb – nicht nur wegen der Worte, sondern auch wegen des Hungers, der sich nun langsam meldete. Er stand wieder auf, leise, fast schleichend, und ging in die Küche. Die Uhr zeigte 00:46 Uhr. Er öffnete den Kühlschrank, fand noch eine Portion der Suppe, die die Tante ihm mitgegeben hatte. Sie war dickflüssig, mit Gemüse, etwas Nudeln und einem leichten Kräuterduft. Er stellte sie in die Mikrowelle, wartete geduldig, während das monotone Brummen der Maschine ihm ein seltsames Gefühl von Sicherheit gab – ein Geräusch, das keiner anschrie, kein Glas warf, keine Tür zuknallte. Haaland war ebenfalls aufgestanden. In Jogginghose und mit leicht zerzausten Haaren kam er in die Küche. „Du kannst auch in mein Zimmer kommen. Ich kann nicht mehr schlafen“, sagte er mit sanfter Stimme. „Ich hab Suppe gemacht“, murmelte der junge Mann. Haaland nickte. Sie setzten sich gemeinsam an den Küchentisch. Der junge Mann löffelte langsam seine Suppe, während Haaland ein stilles Wasser trank. „War von der Tante“, sagte der junge Mann beiläufig. „Schmeckt irgendwie… nach Familie.“ Haaland nickte. „So soll’s sein.“ Nachdem die Schüssel leer war, schlug der Spieler vor: „Lass uns noch eine Runde FIFA spielen. Nur 30 Minuten, dann gehen wir schlafen, okay?“ Der junge Mann zögerte nur kurz. „Okay.“ Sie gingen leise in das Wohnzimmer, wo der Fernseher schon fast einladend wirkte. Der Vater schlief. Das Sofa war noch da – mit den Kratzspuren. Ein letzter Abend auf alter Erinnerung. Sie setzten sich, jeder griff zum Controller. Der junge Mann spielte wieder mit Mainz 05, Haaland diesmal mit dem BVB. Das Spiel war spannend. Es fiel ein früher Treffer für Mainz durch Burkardt, doch Haaland konterte mit Reus. 1:1. Dann eine Ecke – Kopfball Lee – 2:1 für Mainz! Der junge Mann grinste, zum ersten Mal an diesem Tag. „Jetzt schlag ich dich“, neckte er. „Dann hast du das Sofa verteidigt“, antwortete Haaland lachend. Am Ende stand es 3:2 für Mainz 05. Der junge Mann hob die Arme, als hätte er ein echtes Finale gewonnen. „So kann man schlafen gehen“, sagte Haaland. Er drückte dem jungen Mann auf die Schulter. „Gute Nacht, Champion.“ Der junge Mann schaltete den Fernseher aus, verstaute die Controller ordentlich. Dann ging er nochmal kurz ins Bad, putzte die Zähne, füllte sich einen Schlaftee in seine Mainz-05-Tasse und nahm seine Medikamente. Anschließend rollte er die Decke auf dem Gästebett aus. In seinem Zimmer, leise und friedlich, lag er da, das Handy neben sich. Noch einmal schaute er auf das Foto des alten Sofas mit den Kratzspuren. Dann schloss er die Augen. In der Nacht war kein Geschrei, keine Tür, die knallte. Nur Stille. Und ein sanfter Hauch von Suppe, Erinnerung und einem Sieg bei FIFA. 28. Tag – Früher Morgen: Vertrauen auf dünnem Eis Die Sonne war gerade erst über den Dächern von Mainz aufgegangen. Ein zarter Lichtstreifen fiel durch das halb geöffnete Fenster und zeichnete ein warmes Muster auf den Boden des Zimmers. Der junge Mann wachte auf, blinzelte gegen das Licht und hörte aus dem Wohnzimmer schon leise Geräusche – Tassenklirren, das leise Piepen des Wasserkochers. Haaland war bereits wach und in der Küche. Er bereitete zwei Tassen Tee vor, einen für sich, einen für seinen Freund. Als der junge Mann schlaftrunken hereinkam, schob ihm Haaland den Stuhl zurecht. „Guten Morgen“, sagte er sanft. „Gut geschlafen?“

Der junge Mann nickte zögerlich, nahm die Tasse entgegen. Es war wieder der Kräutertee aus der Mainz-05-Tasse, die er zum Geburtstag bekommen hatte. Doch heute schmeckte er etwas bitterer. „Ich... ich muss dir was sagen“, begann der junge Mann, während er an der Tasse nippte. Haaland schaute ihn aufmerksam an. „Ich versteh das nicht. Mein Vater…“ Er stockte. „Vor zwei Wochen hat er angefangen, alles kaputt zu machen. Erst die Gläser, dann mein Handy, die PS5, sogar die Sachen von Mama… Jeden Tag war irgendwas. Und ich hab Angst gehabt. So richtig. Nicht so wie früher. Sondern echt. Als wär ich ein Einbrecher in meinem eigenen Zuhause.“ Er hielt inne. Haaland schwieg, ließ ihn reden. „Dann… vor drei Tagen… kam er auf einmal mit einer neuen PS5, Lebensmittel, Besteck, sogar meine alte Switch mit den Daten drauf. Und er hat sich entschuldigt. Ich… ich wollte glauben, dass er sich geändert hat.“ Er sah Haaland an, mit einem Blick, der zwischen Hoffnung und Enttäuschung schwankte. „Und dann… gestern. Wieder alles. Das Handy von Mama zerstört. Seine eigene Brille. Dann meine Konsole in die Waschmaschine. Die Catheter. Alles wieder von vorne.“ Haaland atmete tief ein. „Das klingt wie ein Kreislauf. Erst Wut. Dann Reue. Dann wieder Wut.“ Der junge Mann nickte langsam. „Ich weiß nicht, ob ich ihm überhaupt noch irgendwas glauben kann. Er ist lieb… für zwei Tage. Dann explodiert er wieder. Und ich… ich kann nicht mehr. Ich will einfach mal ein paar Tage… ohne Angst haben.“ Haaland legte eine Hand auf seinen Arm. „Du musst das nicht allein tragen. Ich bin hier, okay? Und du bist nicht schuld daran. Niemals.“ Der junge Mann schluckte. Seine Augen wurden feucht, aber er weinte nicht. „Es ist nur… schwer. Weil ich ihn manchmal trotzdem lieb habe. Und dann wieder hasse, wenn er mich so anschaut oder schreit oder meine Sachen zerstört. Und ich will nicht hassen.“ „Das musst du auch nicht“, sagte Haaland ruhig. „Aber du darfst dich schützen. Und dir helfen lassen.“ Ein Moment der Stille legte sich zwischen sie. Dann sagte der junge Mann mit brüchiger Stimme: „Ich hab Angst, dass ich irgendwann einfach aufhöre, ihn überhaupt zu fühlen. Dass ich nur noch so tu als wär alles okay.“ „Und selbst dann wär das nicht deine Schuld“, erwiderte Haaland. „Denn du hast alles versucht. Und er hat es zerstört.“ Sie saßen noch eine Weile schweigend da. Draußen begannen die Vögel zu singen. Und drinnen saßen zwei Menschen – einer erschöpft von der Liebe zu einem Menschen, der ihn immer wieder verletzte. Der andere – ein Freund, der einfach da war. Und das war gerade alles, was der junge Mann brauchte. 28. Tag – Mittag: Hoffnung auf Rädern Nach dem intensiven Gespräch am Morgen mit Haaland hatte sich der junge Mann ein wenig beruhigt. Er hatte geduscht, seine Medikamente genommen und sich einen leichten Tee gemacht. Während Haaland in der Küche noch aufräumte, setzte sich der junge Mann an sein Handy und öffnete die App von „Kleinanzeigen“. Es war wie ein kleiner Akt der Selbstermächtigung – nach all den Dingen, die ihm genommen oder zerstört worden waren. Er tippte in die Suchleiste: „Rollstuhl, gebraucht, günstig, Mainz Umgebung“ Er scrollte eine Weile durch die Angebote. Viele waren zu teuer, andere zu weit weg oder in schlechtem Zustand. Doch dann blieb sein Blick an einem einfachen Modell hängen. „Rollstuhl, älteres Modell, aber voll funktionsfähig – 40 € VB – Standort Bretzenheim.“ Das Bild zeigte einen klassischen Faltrollstuhl – schlicht, schwarz, mit leichten Gebrauchsspuren. Kein modernes Leichtgewicht oder Sportmodell, aber stabil, ehrlich,

altmodisch – fast wie ein Stück Erinnerung an die Zeit, als er das erste Mal mit einem Rollstuhl umgehen musste. Irgendwie gab ihm der Anblick ein Gefühl von Sicherheit. Er öffnete den Chat und tippte zögerlich: „Hallo, ich interessiere mich für den Rollstuhl. Könnte ihn innerhalb der nächsten 3 bis 7 Tage abholen. Ist er noch da? Viele Grüße.“ Er starrte eine Weile auf den Bildschirm, bevor er auf „Senden“ drückte. Haaland kam in dem Moment aus der Küche. „Was machst du?“, fragte er freundlich. „Ich... hab mir einen Rollstuhl angeschaut“, antwortete der junge Mann leise. „Einen alten. Aber er funktioniert noch. Nur als Ersatz, falls… du weißt schon.“ Haaland nickte verstehend. „Eine gute Entscheidung. Wenn du wartest, bis andere für dich handeln, wartest du ewig.“ „40 Euro“, murmelte der junge Mann. „Mehr hab ich nicht übrig. Aber das reicht. Und ich hab geschrieben, dass ich ihn in ein paar Tagen hole.“ „Dann hol ich ihn mit dir ab, wenn’s soweit ist“, versprach Haaland sofort. „Danke“, flüsterte der junge Mann. „Ich will einfach wieder einen haben. Nur für mich. Meinen. Nicht, dass jemand ihn anzündet oder wegwirft.“ Haaland legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Das wird diesmal nicht passieren.“ In diesem Moment vibrierte das Handy. Eine neue Nachricht. „Hallo! Ja, der Rollstuhl ist noch da. Kein Problem, ich reserviere ihn Ihnen für 7 Tage. Melden Sie sich einfach einen Tag vorher zur Abholung. :)“ Der junge Mann atmete tief ein. Für einen Moment fühlte es sich an, als hätte er ein kleines Stück Kontrolle über sein Leben zurückgewonnen. Kein Luxus, kein technisches Wunderwerk. Nur ein einfacher Rollstuhl. Aber eben: sein Rollstuhl. 28. Tag – Später Nachmittag: Zwei Biere auf die Hoffnung Der junge Mann fühlte sich heute anders. Nicht frei, nicht glücklich – aber wenigstens ein kleines bisschen… handlungsfähig. Das Gefühl, dass bald wieder ein Rollstuhl in seinem Leben stehen würde – auch wenn es nur ein alter gebrauchter war – gab ihm eine merkwürdige Form von Stolz und Hoffnung. Es war eine Entscheidung, die er selbst getroffen hatte. Und es war eine kleine Rebellion gegen all das, was ihm in den letzten Tagen genommen worden war. Am frühen Nachmittag war Haaland mit seiner Sporttasche zur Physiotherapie aufgebrochen. Der junge Mann hatte überlegt, was er machen sollte – und beschloss dann spontan: Zur Kneipe. Nur ein, zwei Bier. Kein Drama. Einfach nur ein Moment zum Durchatmen. Zum Feiern. Für sich selbst. Er zog seine Jacke über, nahm sein Handy und lief Richtung Innenstadt. Die Sonne schien mild, es war nicht zu heiß, nicht zu kalt – einfach ein angenehmer Frühsommertag. In der Kneipe angekommen, setzte er sich auf seinen Stammplatz hinten links am Fenster. Der Kellner erkannte ihn und nickte freundlich. „Was darf’s sein, mein Freund?“ „Ein Hefeweizen bitte“, antwortete der junge Mann lächelnd. „Und danach vielleicht noch eins.“ Das erste Bier kam schnell. Kühl, frisch, golden. Der junge Mann nahm einen tiefen Schluck. Das Prickeln im Hals, der leichte Gerstengeschmack, die Kühle – alles war genau so, wie er es kannte. Er lehnte sich zurück und spürte, wie ein bisschen Spannung von ihm abfiel. Nach einer halben Stunde kam das zweite Bier. Er prostete sich selbst in Gedanken zu: „Auf den Rollstuhl. Auf den Anfang von etwas Neuem.“ Doch nach dem zweiten Glas merkte er, wie seine Gedanken verschwommen. Die Umgebung wurde dumpfer, die Stimmen lauter, seine Bewegungen schwerer. Als er aus dem Fenster sah, verschwammen die vorbeigehenden Menschen ein wenig. Er stand langsam auf, schwankte leicht, und machte sich auf den Rückweg.

Kurz bevor er zu Hause ankam, kam Haaland gerade aus der Seitenstraße zurück. Er sah den jungen Mann sofort. „Hey! Wo warst du? Alles gut?“ fragte er, und trat sofort näher. „Ich... ich war nur... kurz in der Kneipe“, lallte der junge Mann leicht, mit glasigem Blick. „Hab gefeiert... den Rollstuhl.“ Haaland zog die Augenbrauen hoch. „Zwei Bier?“ Der junge Mann hielt zwei Finger in die Luft und grinste schief. „Jaaa… aber ich hab’s verdient.“ Haaland legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter und übernahm seinen Arm, um ihn beim Gehen zu stützen. „Ich versteh dich ja. Aber nach allem, was war – Alkohol ist keine Lösung. Nur ein Pflaster. Und du hast schon genug Wunden.“ Der junge Mann sagte nichts. In seinem Kopf war alles etwas verschwommen. Doch Haalands Stimme drang durch die Trägheit. „Versprich mir bitte, dass du heute nichts mehr trinkst, okay?“ „Okay“, murmelte der junge Mann. „Kein Bier mehr.“ Gemeinsam kamen sie in der Wohnung an. Der junge Mann zog sich langsam die Schuhe aus, trank ein Glas Wasser, und setzte sich auf die Couch. Haaland brachte ihm ein Brot und ließ ihn in Ruhe essen. Im Hintergrund lief leise Musik, und das Licht der untergehenden Sonne fiel warm durch das Fenster. Der junge Mann fühlte sich erschöpft – aber nicht allein. Und das war, in diesem Moment, alles, was er brauchte. 28. Tag – Früher Abend: McDonald's, Nuggets und Nachrichten Nachdem sich der junge Mann von dem leichten Schwips des Nachmittags erholt hatte, saß er noch einige Zeit mit Haaland in der Wohnung. Haaland hatte ihm eine Decke gebracht, und sie schauten gemeinsam ein paar YouTube-Videos über Pokémon-Kämpfe und alte FIFATurniere. Doch irgendwann meldete sich der Magen des jungen Mannes erneut. „Ich hab irgendwie wieder Hunger…“, murmelte er. Haaland lachte leise. „Ich dachte, du hast gerade eben Brot gegessen?“ „Ja, aber das war eher gegen das Schwanken. Jetzt will ich was Echtes. Weißt du was? Ich geh nochmal in die Stadt, zu McDonald's.“ Haaland runzelte die Stirn, dann stand er auf. „Okay. Dann komm ich mit. Aber du bestellst kein Bier, ja?“ „Bei McDonald's gibt's eh keins“, grinste der junge Mann. „Dann bin ich sicher.“ Die beiden machten sich also auf den Weg in die Innenstadt. Die Luft war inzwischen kühler geworden, die Straßen voller Leben. Pärchen schlenderten Hand in Hand, ein Straßenmusiker spielte Gitarre, und das Licht der Reklametafeln spiegelte sich in den Pfützen vom letzten Sommerregen. Beim McDonald's angekommen stellte sich der junge Mann an den Terminal und bestellte sich ein 9er Chicken McNuggets Menü, mit Pommes, süß-saurer Soße und einer Cola Zero. Haaland bestellte sich nur einen kleinen Wrap und ein Wasser. Sie setzten sich an einen der Fensterplätze im oberen Stockwerk. Während er auf die Bestellung wartete, öffnete der junge Mann nochmal Kleinanzeigen auf seinem Handy und sah, dass die Verkäuferin des alten Rollstuhls zurückgeschrieben hatte: „Hallo, ja, der Rollstuhl ist noch da. Abholung zwischen Dienstag und Freitag wäre perfekt. Geben Sie einfach kurz vorher Bescheid. :)“ Er antwortete sofort: „Hallo, vielen Dank für die Rückmeldung. Ich melde mich dann 1 Tag vorher nochmal genau, aber ich freue mich. Der Rollstuhl ist für mich sehr wichtig. LG“

Kaum war die Nachricht abgeschickt, kam auch schon das Tablett mit dem Essen. Der junge Mann nahm seine Nuggets und roch sofort die warme Mischung aus frittiertem Teig, Hähnchen und Süßsauer-Soße. Er schloss für einen Moment die Augen. „Das ist besser als jedes 5-Sterne-Menü“, sagte er grinsend. Haaland schmunzelte. „Du bist wirklich einfach zufrieden zu stellen, oder?“ Der junge Mann tunkte einen Nugget in die Soße und zuckte mit den Schultern. „Wenn man so viel verloren hat, lernt man, sich über die kleinen Dinge zu freuen.“ Sie aßen schweigend. Nur das gelegentliche Knistern der Pommestüte und das Klirren der Cola-Eiswürfel war zu hören. Als sie fertig waren, entsorgten sie das Tablett und machten sich wieder auf den Heimweg. Der Himmel färbte sich langsam violett. Die Stadt wurde ruhiger, die Lichter sanfter. Auf dem Rückweg blieb der junge Mann kurz stehen, drehte sich zu Haaland um und sagte: „Weißt du, ich hab lange gedacht, dass mir alles genommen wird. Aber heute – so komisch das klingt – hab ich zum ersten Mal wieder das Gefühl, dass was zurückkommt.“ Haaland legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du kämpfst, jeden Tag. Und genau das bringt dir dein Leben Stück für Stück zurück.“ Der junge Mann nickte still. Und sie gingen weiter, Schritt für Schritt, zurück nach Hause. 28. Tag – Später Abend: Der flüchtige Moment Es war bereits nach 22 Uhr, als der junge Mann sich langsam zum Schlafen fertig machte. Haaland hatte sich in der Zwischenzeit mit einem Buch aufs Sofa gesetzt, während der junge Mann im Badezimmer verschwand, sich die Zähne putzte und seine Abendroutine begann. Doch als er in seinem Zimmer stand, das Licht dämpfte und sich in sein Bett legen wollte, überkam ihn plötzlich ein eigenartiges Gefühl. „Habe ich heute überhaupt meine Medizin genommen? …Und hab ich überhaupt zu Abend gegessen?“, murmelte er leise. Er trat verwirrt einen Schritt zurück und blickte zur Schreibtischschublade, wo seine Medikamente lagen. Alles wirkte wie durch Nebel. Er wusste noch, dass er bei McDonald’s gewesen war – Nuggets, Cola, Pommes. Und dann? War da nicht auch noch was mit dem Rollstuhl gewesen? Und hatte er nicht… Pokémon Go gespielt? Aber wie war das alles zeitlich? Er setzte sich aufs Bett, zog sich die Decke über die Beine, die noch leicht kühl vom letzten Spaziergang waren, und rief nach Haaland: „Ey… sag mal… hab ich heute eigentlich meine Epilepsiemedikamente genommen? Und… haben wir zusammen gegessen?“ Haaland kam ins Zimmer und sah ihn mit leichtem Stirnrunzeln an. „Ja, hast du. Du hast sogar nochmal gesagt, dass du froh bist, dass du dran gedacht hast. Wir haben bei McDonald's gegessen. Danach hast du dein Handy aufgeladen und noch Tee getrunken.“ Der junge Mann schaute kurz schweigend zur Seite, dann wieder zu Haaland. „Komisch. Ich… erinnere mich daran gerade gar nicht so richtig. Nur bruchstückhaft. Ich dachte kurz, ich hab’s vergessen.“ Haaland setzte sich neben ihn aufs Bett. „Vielleicht war’s der Alkohol? Du hast ja zwei Bier getrunken heute. Oder…“ – er überlegte kurz – „…du warst halt auch super aufgeregt wegen dem neuen Rollstuhl. Vielleicht war dein Kopf einfach zu voll.“ Der junge Mann nickte langsam. „Das kann sein. Ich hab so sehr auf den Rollstuhl hingefiebert. Ich will ihn einfach haben, um wieder mobil zu sein. Vielleicht verdräng ich gerade alles andere.“ Haaland sah ihn ernst an. „Mach dir nicht zu viele Vorwürfe. Du hast nichts falsch gemacht. Dein Kopf arbeitet halt grad auf Hochtouren. Und hey – du hast nichts vergessen. Du bist vorsichtig genug gewesen, sogar nochmal nachzufragen.“

Ein kleines, erleichtertes Lächeln formte sich auf dem Gesicht des jungen Mannes. „Danke… dass du da bist.“ „Immer“, antwortete Haaland, und klopfte ihm auf die Schulter. „Und morgen erinnern wir uns einfach gemeinsam. Zur Not schreibe ich dir einen kleinen Plan auf.“ Der junge Mann nickte müde und legte sich unter die Decke. Haaland stand auf, machte das Licht aus und wünschte ihm eine gute Nacht. Noch während er die Augen schloss, murmelte der junge Mann leise vor sich hin: „Ich hoffe, morgen wird ein besserer Tag… oder wenigstens ein ruhiger.“ Dann war Stille. Nur das Summen des Ladegeräts in der Steckdose begleitete ihn in den Schlaf. 29. Tag – Später Morgen: Ankunft der neuen Möbel Die Sonne war bereits hochgestiegen, als es an der Tür klingelte. Der junge Mann hatte sich gerade ein Glas Wasser eingeschenkt, noch leicht verschlafen vom Abend zuvor. Haaland war schon wach und hatte sich wie versprochen darum gekümmert, dass der Flur freigeräumt war. Die alte Couch war mit Mühe und Not ins Nebenzimmer geschoben worden – ein letztes Mal hatte der junge Mann traurig über die alten Kratzspuren seines verstorbenen Hundes gestrichen, bevor sie endgültig verschwand. „Das müssen die Möbel-Leute sein“, sagte Haaland ruhig, ging zur Tür und öffnete. Zwei kräftige Männer in Arbeitskleidung traten ein, gefolgt von einer jungen Frau mit einem Klemmbrett. Sie nickte höflich. „Lieferung für Familie Z.— neue Couch, zwei Sessel, Esstisch, vier Stühle und ein Regal.“ Der junge Mann trat etwas unsicher in den Flur, wirkte noch nicht ganz wach, aber neugierig. Als er die neuen Möbel sah, blieb er kurz stehen. Sie wirkten modern, schlicht, aber hochwertig. Die Stoffe rochen noch neu, die Verpackung war sauber – und doch wirkte alles ein wenig fremd. Nicht so wie die alte Couch mit Geschichte. Sondern wie ein Neuanfang, für den er sich nicht ganz bereit fühlte. „Wo soll die Couch hin?“, fragte einer der Männer. Haaland übernahm sofort: „Geradeaus ins Wohnzimmer, rechts an die Wand. Der Tisch daneben, die Sessel links. Wir haben schon Platz gemacht.“ Während die Möbelträger mit dem Schleppen begannen, half Haaland, Türen aufzuhalten, Teppiche zur Seite zu rollen und sogar die eine oder andere Lampe vorsichtig zu verrücken. Der junge Mann half, wo er konnte – manchmal einfach, indem er in der Ecke stand und beobachtete, dass nichts zu Bruch ging. Nach etwa 40 Minuten war alles an seinem Platz. Die Möbelträger verabschiedeten sich freundlich, wünschten einen schönen Tag und zogen die Tür hinter sich zu. Der junge Mann stand mit Haaland in der Mitte des Raumes. Die neue Couch war riesig im Vergleich zur alten. Alles war… glatt, sauber, perfekt. „Und?“, fragte Haaland vorsichtig. Der junge Mann atmete einmal tief durch, setzte sich langsam auf die neue Couch, fuhr mit der Hand über den Stoff und nickte schließlich ganz leicht. „Ist ungewohnt… aber weich. Und… es riecht irgendwie nach Zukunft.“ Haaland setzte sich neben ihn. „Wir können es uns darauf gemütlich machen. Fifa, Tee, Serien. Und wenn du willst… dann kannst du die Geschichte mit deinem Hund trotzdem weiterleben lassen – vielleicht mit einem Foto über dem Sessel. Oder einem Kissen mit Pfotenspuren. Damit du ihn nicht vergisst.“ Der junge Mann lächelte dankbar. Dann stand er auf und sagte: „Ich hol uns einen Tee – auf die neuen Möbel. Und… vielleicht beginne ich langsam, mich dran zu gewöhnen.“ Während er in die Küche ging, blieb Haaland sitzen und beobachtete ihn still. Alles schien sich langsam zu fügen – trotz aller Schatten, trotz allem, was passiert war.

Draußen, nur ein paar Häuser entfernt, stand jedoch noch immer eine Person – mit zusammengekniffenen Augen, versteckt hinter einem Zeitungskiosk. Sie sah zur Wohnung hoch und murmelte leise: „Neue Möbel? Neue Hoffnung? …Warten wir’s ab.“ Doch das ahnte der junge Mann noch nicht. Für den Moment fühlte sich das Wohnzimmer wie ein sicherer Ort an. 29. Tag – Mittag: Familiengespräche und eine bittere Entscheidung Das Licht strömte warm in das frisch eingerichtete Wohnzimmer, als gegen 13 Uhr die Wohnungstür aufging. Die Mutter trat ein, legte ihre Tasche auf die neue Kommode und sog den Geruch der nagelneuen Polster ein. Der junge Mann und Haaland saßen auf der Couch, tranken gerade ihren zweiten Tee des Tages. Beide sahen auf. „Na, gefällt euch das Neue?“, fragte die Mutter mit einem schwachen Lächeln. Man merkte ihr an, dass sie noch von den Vorgängen bei der Arbeit bewegt war. Der junge Mann nickte, strich über die Armlehne. „Es ist … anders. Aber gut.“ Die Mutter setzte sich, seufzte und fuhr sich durchs Haar. Dann wurde ihr Ausdruck ernster. „Ich muss mit dir über Oma sprechen.“ Der junge Mann spürte sofort, wie sich eine kalte Welle in seinem Bauch bildete. „Was ist passiert?“ Die Mutter holte tief Luft. „Ich habe sie heute Morgen angerufen, um ihr von den neuen Möbeln zu erzählen. Sie war … wieder einmal sehr aufgebracht. Sie sagte, du seist respektlos, weil du ihr angeblich Informationen vorenthalten hättest und sie ‚verarschen‘ würdest.“ Der junge Mann schluckte. Das war nicht das erste Mal, dass die Oma so reagierte, doch es traf ihn immer wieder. „Ich hab sie nicht täuschen wollen …“, flüsterte er. „Ich weiß“, sagte die Mutter und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Aber sie hört es nicht. Und das ist nicht alles. Sie hat behauptet, du würdest absichtlich ihre Anrufe ignorieren und damit ihre Zeit vergeuden.“ In diesem Moment kam der Vater aus dem Flur, wo er gerade die Kartons der alten Möbel stapelte. Er schob einen Karton beiseite, blieb stehen und sagte knapp: „Wenn ich Oma auf der Arbeit mal nicht sofort beachte, wird sie gleich wütend und zieht ab. Sie will permanent im Mittelpunkt stehen.“ Die Mutter schüttelte den Kopf. „Das bestätigt nur, was ich längst fühle: Oma ist … falsch. Es tut mir weh, das zu sagen, aber ihr Verhalten ist toxisch. Ich habe beschlossen, wir werden uns vorerst von ihr fernhalten.“ Der Junge hob den Blick, überrascht und auch ein wenig erleichtert. „Was heißt das?“ „Wir lassen eine Weile Abstand. Keine Besuche, keine Telefonate. Und falls wir jemanden für Veranstaltungen brauchen – dann nehmen wir jemand anderen mit. Vielleicht Lisas Freundin oder Maren von nebenan. Jemand, der uns gut tut.“ Der Vater nickte grimmig. „Besser so. Uns allen macht das ständige Drama fertig.“ Der junge Mann spürte, wie die schwere Kälte in seinem Bauch ein wenig nachließ. „Ich will Oma nicht verlieren … aber ich will auch nicht ständig Angst haben, etwas Falsches zu sagen.“ Die Mutter sah ihn liebevoll an. „Du verlierst sie nicht. Vielleicht findet sie irgendwann den Weg zurück. Aber bis dahin müssen wir uns selbst schützen.“ Haaland, der bis dahin still zugehört hatte, legte eine Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Manchmal ist Abstand das Beste, um Wunden heilen zu lassen.“ Der junge Mann atmete tief ein, sah auf die neue Couch, dann auf die leuchtenden, unversehrten Wände. Ein Neuanfang – nicht nur für Möbel, sondern vielleicht auch für Grenzen in der Familie. „Dann versuchen wir’s so“, sagte er leise. „Für eine Weile Abstand. Und … vielleicht wird’s irgendwann besser.“ Die Mutter nickte. „Wir sind zusammen darin.“

Draußen zogen leichte Wolken vorüber. Drinnen saß eine Familie auf neuen Polstern und spürte, dass Veränderung zwar wehtut – aber manchmal genau das ist, was man braucht, um weiterzugehen. 29. Tag – Früher Abend: Abschiedsfotos und Koreanisches Hühnchen Die Sonne senkte sich langsam über Mainz, tauchte die Straßen in ein mildes, goldenes Licht. Die Schatten der Altbauten wurden länger, während der junge Mann gemeinsam mit seinem Vater das Treppenhaus hinunterstieg. Heute war einer dieser seltenen Momente: kein Streit, keine kalten Blicke – nur eine ruhige, fast versöhnliche Stimmung. Draußen vor dem Haus standen sie: die alte Couch und der dazugehörige Sessel, die über Jahre hinweg in der Wohnung Platz gefunden hatten. Abgenutzt, mit kleinen Kratzspuren – besonders dort, wo einst der alte Hund des jungen Mannes immer gesessen hatte. Eine Welle von Wehmut überkam ihn. „Warte kurz“, sagte der junge Mann und holte sein Handy hervor. Der Vater, der neben ihm stand, sagte nichts. Der Junge trat näher an das alte Mobiliar heran. Die Sonne spiegelte sich auf dem abgewetzten Stoff. Mit vorsichtiger Hand strich er über die Kratzspuren an der Armlehne. Er erinnerte sich daran, wie oft sein Hund dort geschlafen hatte, wie oft sie gemeinsam dort Pokémon gespielt oder Filme geschaut hatten. Er machte mehrere Fotos – aus verschiedenen Winkeln. Nahaufnahmen der Kratzer, eine Totale der ganzen Couch, den Sessel mit der leicht eingesessenen Lehne. Die Bilder sollten nicht einfach nur Möbel zeigen – sie sollten ein Stück Erinnerung bewahren. „Jetzt hab ich’s“, sagte der junge Mann leise. Der Vater sagte nüchtern: „Gut. Dann los.“ Sie gingen zusammen los, in Richtung der kleinen Imbissstraße, wo es das koreanische Hühnchen gab, das der junge Mann in den letzten Wochen so für sich entdeckt hatte. Während sie gingen, spürte der junge Mann eine seltsame Ruhe. Keine Euphorie – aber auch keine Angst. Einfach nur Stille. Am Imbiss angekommen, stand draußen bereits ein verlockender Duft in der Luft. Knusprig gebratenes Hühnchen, mariniert in süß-scharfer Sauce, frisch aus dem Wok. Der Vater bestellte für beide. Der junge Mann stand daneben, sah durch das Schaufenster auf die Straße zurück. Die Bilder der Couch blitzten in seinem Kopf auf – und plötzlich war da ein Gefühl von Loslassen. Nicht schmerzfrei, aber notwendig. „Zwei mal das mit Sojasauce und Kimchi, ja?“, fragte der Vater. Der junge Mann nickte. Als sie ihr Essen in Empfang nahmen, setzten sie sich auf eine kleine Bank etwas abseits. Kein großes Gespräch, aber ein gemeinsames Essen. Während der junge Mann das zarte, würzige Fleisch aß, fühlte er, wie sich die Wärme langsam in seinem Bauch ausbreitete – nicht nur vom Essen, sondern auch vom Gefühl, dass zumindest dieser Moment friedlich war. Er wusste: Der Weg mit seinem Vater war weit davon entfernt, einfach oder heil zu sein. Aber vielleicht konnte er Momente wie diesen bewahren – genauso wie die Bilder der Couch – als kleine Erinnerungen daran, dass es auch gute Zeiten geben kann, selbst wenn sie nur kurz sind. 29. Tag – Abend: Fast ein neuer Kratzer Nach dem kurzen Ausflug blieb der Abend zunächst friedlich. Der junge Mann hatte sein koreanisches Hühnchen verputzt, saß nun im frisch eingerichteten Wohnzimmer und strich gedankenverloren über die Armlehne des neuen Sessels. Der Stoff fühlte sich weich an, aber … steril. Kein einziger Makel, kein vertrauter Abdruck. Er seufzte leise. „Irgendwie fehlt was,“ murmelte er. „Kein einziger Kratzer … Es sieht so aus, als gehörte er gar nicht zu mir.“ Der Vater, der in der Küche gerade die leeren Mitnahmeboxen entsorgte, hörte zufällig diesen Satz. Für einen Wimpernschlag stand er still, dann drehte er sich um, öffnete wortlos die Besteckschublade und nahm ein kleines Küchenmesser in die Hand. Mit festen Schritten kam er ins Wohnzimmer.

Der junge Mann hatte den Kopf gesenkt und bemerkte erst das Schimmern des Messers, als der Vater bereits neben dem Sessel stand. „Wenn dir Kratzer so viel bedeuten, mach ich dir welche,“ knurrte der Vater rau, setzte die Messerspitze an die neue Armlehne und holte aus … Doch im selben Moment schoss Haaland von der Couch hoch, packte den Unterarm des Vaters und hielt ihn fest. „Stopp!“ rief er, überraschend hart. Seine Finger umschlossen den Arm des Vaters, der Blick des Spielers kühl und entschlossen. „Das ist nicht der Weg.“ Der Vater erstarrte, die Klinge nur Millimeter vom Stoff entfernt. Für einen Augenblick hing blanke Spannung in der Luft. Der junge Mann war vom Sofa hochgesprungen, das Herz raste. Haaland lockerte den Griff einen Moment, nahm ihm das Messer ruhig ab, klappte es zu und stellte es auf den Couchtisch. „Genug kaputt gemacht“, sagte er leise, aber mit Nachdruck. Der Vater atmete schwer, ließ die Schultern sinken, murmelte etwas Unverständliches und zog sich Richtung Flur zurück. Eine Tür fiel zu. Stille. Der junge Mann stand noch immer wie versteinert am Sessel. Haaland wandte sich zu ihm, legte vorsichtig eine Hand auf seine Schulter. „Es tut mir leid,“ flüsterte er. Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Du hast … wieder alles verhindert. Danke.“ Er setzte sich langsam. Seine Hand glitt über den vollkommen unversehrten Stoff. Kein Kratzer, kein Loch. Er atmete tief ein. „Vielleicht muss ich lernen, dass Erinnerungen nicht unbedingt auf Dingen kleben müssen“, sagte er leise. „Lucky ist in meinem Kopf. Auch ohne Kratzer.“ Haaland kniete sich vor ihn, sah ihm in die Augen. „Und wenn du trotzdem etwas Greifbares willst, holen wir morgen das Stück Stoff von der alten Couch aus dem Sperrmüll. Vielleicht können wir daraus ein Kissen nähen. Aber niemand darf deine Erinnerungen mit einem Messer erzwingen.“ Der junge Mann nickte, die Anspannung wich aus seinen Schultern. „Ein Kissen. Aus dem alten Stoff. Das wäre schön.“ Er spürte, wie der Raum wieder atmete. Keine Schnitte im neuen Sessel, kein weiterer Schaden. Nur die Erkenntnis, dass es andere Wege gibt, Erinnerungen zu bewahren – Wege, die nichts zerstören müssen. Später, als das Licht gedimmt war und die Wohnung langsam in die nächtliche Ruhe glitt, strich der junge Mann noch einmal über den unversehrten Stoff. Er hatte fast einen Kratzer bekommen – doch stattdessen hatte er eine Idee gewonnen, die vielleicht sogar mehr Trost brachte als jede Narbe. 29. Tag – Später Abend: Auf dem digitalen Rasen Das Licht im Wohnzimmer war auf ein sanftes, warmes Glimmen heruntergedimmt. Die gefährliche Spannung, die nur Minuten zuvor geherrscht hatte, war noch wie ein Echo in den Wänden spürbar, doch die unmittelbare Gefahr war gebannt. Haaland und der junge Mann saßen still nebeneinander auf der neuen Couch, das Messer war längst in die Küchenschublade zurückgewandert, und der Vater hatte sich hinter geschlossener Tür im Schlafzimmer verkrochen. Nach einigen reglosen Augenblicken stieß Haaland den Freund sanft mit dem Ellbogen an. „Wir brauchen Ablenkung“, sagte er leise. „FIFA? Eine Revanche für gestern?“ Der junge Mann sah ihn erst zögernd an, dann huschte ein winziges Lächeln über sein Gesicht. „Okay“, flüsterte er. „Aber diesmal spiel ich Mainz 05 und du nimmst Real. Kein freundschaftliches Koop – Vollgas!“ Innerhalb von Minuten war die PlayStation hochgefahren, die Controller geladen. Der Fernseher zeigte die flimmernden Menüs von FIFA 25, die bekannten Hymnen dröhnten leise aus den Lautsprechern, und für den jungen Mann verwandelte sich das Wohnzimmer in ein Fußballstadion.

Anpfiff. • 9. Minute: Haaland (nun als Real Madrid) preschte mit Vinícius Jr. über den Flügel, doch der Schuss prallte am Pfosten ab. • 23. Minute: Mainz’ Lee zog aus 20 Metern ab – Courtois parierte mit den Fingerspitzen. • 31. Minute: Ein schneller Konter bringt das 1:0 für Mainz; Burkardt schiebt nach Querpass von Gruda ein. Der junge Mann sprang von der Couch, riss die Arme hoch und ließ ein leises „Jaaaa!“ entweichen. Haaland grinste, schüttelte die Hände aus. „Noch ist nichts entschieden.“ In der Halbzeitpause lehnte sich der junge Mann zurück, spürte den noch makellosen Stoff unter den Fingern und dachte kurz an die beinahe entstandene Narbe. Er wischte den Gedanken beiseite, nahm einen Schluck Wasser. Zweite Halbzeit. • 57. Minute: Rodrigo egalisiert für Real – 1:1. • 74. Minute: Ecke für Mainz, Stach steigt hoch, wuchtet den Ball per Kopf in den Winkel – 2:1! • 90. + 2: Real bekommt einen letzten Freistoß, Kroos legt sich den Ball zurecht, zirkelt… Latte! Abpfiff. Der Endstand: 2:1 für Mainz 05. Der junge Mann atmete tief durch und ließ den Controller in seinen Schoß sinken. Ein ehrliches, breites Lächeln hellte sein Gesicht auf – klein, aber echt. „Du hast mich schon wieder geschlagen,“ lachte Haaland, klatschte ihn ab. „Zweimal in Folge,“ gab der junge Mann zurück, und seine Stimme klang zum ersten Mal seit Tagen unbeschwert. „Vielleicht sollte ich Coach werden.“ Sie lachten leise. Dann blieb nur noch das Surren der Konsole, das gedimmte Licht und die Gewissheit, dass wenigstens 90 virtuelle Minuten lang alles in Ordnung gewesen war. Der junge Mann lehnte sich zurück, sah auf den Sessel ohne Kratzer – und stellte sich vor, wie bald ein kleines Kissen aus dem alten Stoff dort liegen würde, als stille Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. „Gute Nacht, Champion,“ sagte Haaland, als sie schließlich die Controller ausschalteten. „Gute Nacht … und danke,“ erwiderte der junge Mann, zog das neu gewonnene Gefühl von Ruhe wie eine Decke um sich, während der Abend endgültig zur Nacht wurde. 30. Tag – Früher Morgen: Der Weg zum Friseur Der Wecker vibrierte sanft um 07:45 Uhr auf dem Nachttisch, doch der junge Mann war bereits wach. Schon bevor das erste Tageslicht durch die Rolläden sickerte, hatte er gedanklich den heutigen Tag mehrmals durchgespielt. Heute wollte er sich etwas Gutes tun – er hatte einen Termin beim Friseur. Haaland, der noch halb in seine Decke gewickelt auf der Matratze lag, murmelte verschlafen: „Frisör heute, oder?“ Der junge Mann nickte und zog seine Jogginghose über. „Ja… ich glaub, ich brauch das heute.“ In der Küche stand schon eine Tasse Tee bereit – der Spieler hatte sie vorbereitet, bevor er sich wieder hingelegt hatte. Die Mutter war bereits zur Arbeit gegangen, der Vater noch nicht zurück von seiner Frühschicht. Die Wohnung war ruhig, friedlich. Keine Schreie. Kein Zerstören. Kein drohender Blick. Um 08:30 Uhr trat der junge Mann mit frisch gewaschenem Haar, seiner kleinen Umhängetasche und festem Schritt aus der Wohnung. Haaland begleitete ihn ein Stück, doch blieb dann zurück. „Willst du alleine gehen?“ Der junge Mann nickte. „Ich will das mal… selbst machen.“ Der Weg durch die Stadt war frisch, die Luft kühl. In seinem Kopf liefen die letzten Tage wie ein Film: der zerstörte Rollstuhl, das neue Sofa, die Kratzer des alten Hundes, das

zerstörte Handy… und dann wieder die Versöhnungsversuche, die so schnell verpufften wie Rauch im Wind. Es war viel passiert. Zu viel. Um 09:15 Uhr betrat er den Friseursalon – ein kleiner Laden mit großen Fenstern, durch die das Sonnenlicht die weißen Fliesen glänzen ließ. Der Friseur, ein freundlicher Mann mit Halbglatze und Brille, begrüßte ihn mit einem Lächeln. „Ah, Raphael, gell? Du warst schon mal vor einem halben Jahr hier, richtig?“ „Ja“, sagte der junge Mann ruhig. „Ich will diesmal… etwas Kürzer. Und saubere Seiten.“ Er setzte sich, und der Mantel aus schwarzem Stoff wurde um ihn gelegt. Als die Schere anfing zu schneiden, schloss der junge Mann kurz die Augen. Es war ein vertrauter Klang – fast meditativ. Mit jedem Schnitt, jedem herabfallenden Haar, schien auch etwas von der Schwere der letzten Tage abzubröckeln. Der Friseur redete wenig, was ihm gefiel. Kein Smalltalk, keine Fragen, nur das leise Brummen des Rasierers, das sanfte Hantieren mit Schaum und Wasser. Nach etwa 30 Minuten war es vorbei – der junge Mann blickte in den Spiegel. Die Seiten waren ordentlich getrimmt, oben war das Haar leicht strukturiert, ein frischer Look. Kein radikaler Schnitt, aber eine kleine, persönliche Veränderung. „Das bist du“, sagte der Friseur mit einem Zwinkern. „Frischer Start.“ Der junge Mann zahlte – sogar ein kleines Trinkgeld – und verließ den Laden mit einem ungewohnten Gefühl: Stolz. Nicht, weil es ein besonderer Haarschnitt war. Sondern, weil er ihn sich selbst gegönnt hatte. Ohne Angst. Ohne Flucht. Nur er selbst. Als er wieder auf dem Heimweg war, spürte er, wie der Wind seine neue Frisur umspielte. Und er dachte: Vielleicht ist heute ein Tag, an dem nicht alles schwer sein muss. 30. Tag – Später Vormittag: Der Apothekenbesuch Nachdem der junge Mann vom Friseur zurückgekommen war, hatte er sich zu Hause kurz hingesetzt, um durchzuatmen. Haaland begrüßte ihn mit einem breiten Lächeln. „Frisch siehst du aus. Gut gemacht“, sagte er anerkennend. Der junge Mann lächelte nur still, spürte aber innerlich, wie ihm die Worte guttaten. Er fühlte sich für einen Moment leicht – als wäre sein Kopf ein wenig klarer als an den Tagen zuvor. Doch er wusste auch, dass noch etwas zu erledigen war. Er hatte es sich auf einen Zettel geschrieben: • Schlafgummibärchen (2 mg Melatonin) • Herpessalbe Die Gummibärchen halfen ihm seit einiger Zeit, abends besser in den Schlaf zu finden – vor allem nach stressigen Tagen oder wenn der Vater wieder lauter wurde. Und die Salbe… naja, seine Lippe war wieder etwas gereizt, wie so oft bei Aufregung. Gegen 10:45 Uhr verließ er mit Haaland gemeinsam die Wohnung. Die Apotheke lag nur zehn Minuten entfernt, aber es war inzwischen deutlich wärmer geworden. Die Sonne knallte auf den Asphalt, die Luft flirrte leicht, und es roch nach Sommer – nach Autos, Blumen und ein bisschen nach Bäckerei. Als sie die Apotheke betraten, war kaum jemand da. Eine ältere Frau stand an der einen Theke, an der anderen war sofort ein Platz frei. „Guten Tag“, sagte die Apothekerin freundlich. „Ich hätte gerne… Melatonin-Gummibärchen. Zwei Milligramm. Und eine Salbe gegen Herpes, bitte.“ Er sprach deutlich, wenn auch ein wenig zögerlich – doch er hatte sich vorbereitet. Die Frau nickte. „Die Gummibärchen haben wir in zwei Geschmacksrichtungen. Zitrone oder Waldfrucht?“ „Waldfrucht“, sagte der junge Mann sofort. Das war seine Lieblingssorte – süß, aber nicht zu intensiv. Die Salbe war eine einfache Aciclovir-Creme – wirksam, verlässlich. Als alles zusammengestellt war, fragte die Apothekerin noch:

„Brauchen Sie eine Beratung zu den Gummibärchen?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kenn die schon. Ich nehm immer eine halbe oder eine, je nachdem.“ Er bezahlte – etwa 13 Euro für beides – und verstaute die kleine Tüte in seinem Rucksack. Als sie wieder draußen waren, sah er zu Haaland. „Heute läuft irgendwie besser.“ „Weil du Dinge für dich tust“, sagte Haaland ruhig. „Kleine Schritte. Aber du bestimmst sie.“ Sie gingen langsam zurück nach Hause. Der junge Mann fühlte sich ruhig – kein großer Moment, keine Sensation. Aber etwas Kleines, Gutes war heute geschehen. Und das war mehr, als er an vielen anderen Tagen sagen konnte. 30. Tag – Mittag: Einkauf für die heißen Tage Nach dem Besuch in der Apotheke und einer kurzen Pause zu Hause, entschied sich der junge Mann, dass es Zeit war, auch den Kühlschrank aufzufüllen – besonders mit Getränken. Die letzten Tage waren wärmer geworden, und für die kommende Woche war eine regelrechte Hitzewelle angekündigt worden. Die Sonne brannte inzwischen richtig vom Himmel, und die Wohnung heizte sich langsam auf. Er nahm seinen kleinen Rucksack, sagte Haaland Bescheid – der gerade auf dem Balkon saß und ein Buch über alte Fußballstadien las – und machte sich auf den Weg zum REWE, nur ein paar Straßen entfernt. Auf dem Weg dachte er daran, was er kaufen wollte: • Sportgetränke mit Elektrolyten, die ihm an warmen Tagen halfen, klar im Kopf zu bleiben. • Und unbedingt: Fanta Shokata, die blaue Limonade mit Holunderblüten-Geschmack, die er von einem Urlaub in Osteuropa kannte und vor kurzem zufällig in der internationalen Abteilung entdeckt hatte. Sie war nicht immer da, also hoffte er, heute Glück zu haben. Der Supermarkt war gut besucht – die Leute deckten sich offenbar auch für das Wochenende ein. Doch der junge Mann hatte einen Plan und ließ sich nicht stressen. Er holte sich einen kleinen Wagen und ging zielstrebig zu den Getränkekühlregalen. Zuerst die Sportgetränke. Er wählte zwei Flaschen in Orange-Geschmack, zwei in Zitrone-Limette und noch eine neutrale mit wenig Zucker. Sie waren nicht billig, aber gerade bei seiner Wärmeempfindlichkeit fühlte er sich mit ihnen sicherer – vor allem, wenn er viel Pokémon Go spielte oder draußen unterwegs war. Dann kam der spannende Moment: Er ging zur Ecke mit den internationalen Getränken und blickte gezielt ins Regal. Und tatsächlich – drei Flaschen Fanta Shokata standen ganz hinten! Er griff sie vorsichtig, als hätte er gerade ein seltenes Pokémon gefangen. „Yes!“, murmelte er leise und lächelte. Er kaufte noch ein paar Kleinigkeiten – etwas Obst, ein Brot, zwei Joghurts – dann stellte er sich an der Kasse an. Der Einkauf kostete insgesamt knapp 19 Euro, aber es fühlte sich gut an. Wie eine Investition in gute Stimmung und gegen die Hitze. Zuhause angekommen, öffnete er sofort eine der kalten Fanta Shokata, setzte sich auf den Balkon und trank einen großen Schluck. Der süß-blumige Geschmack mischte sich mit einer angenehmen Zitrusnote – genauso, wie er es in Erinnerung hatte. Haaland kam dazu, setzte sich neben ihn und nahm ebenfalls eine Flasche aus dem Kühlschrank. „Schmeckt wie Kindheit, oder?“ Der junge Mann nickte. „Wie ein bisschen Urlaub im Kopf.“

Sie saßen noch eine Weile draußen, die Beine im Schatten, die kalten Flaschen in der Hand, und hörten das Summen der Stadt unter ihnen – und zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sich alles ganz leicht an. 30. Tag – Nachmittag: Der Teeeinkauf im Drogeriemarkt Nach der entspannten Fanta-Pause auf dem Balkon erinnerte sich der junge Mann daran, dass der Tee-Vorrat zur Neige ging. Besonders die Schlaftees, die ihm abends halfen zur Ruhe zu kommen, waren fast aufgebraucht. Auch Haaland hatte in den letzten Tagen immer wieder mitgetrunken und war inzwischen ein echter Fan von „Kamille-Vanille“ und „LavendelMelisse“ geworden. „Ich geh nochmal kurz in den Drogeriemarkt und hol Tee“, sagte der junge Mann, während er sich seine Tasche griff. „Nimm mir auch diesen Apfel-Zimt-Abendtee mit, den fand ich gut“, rief Haaland ihm hinterher. Der junge Mann schmunzelte und machte sich auf den Weg. Es war später Nachmittag, die Straßen flimmerten vor Wärme, und im Drogeriemarkt war es angenehm kühl. Gleich beim Eingang griff er sich ein Körbchen, atmete kurz durch und ging direkt zur Teeregalreihe – ein Ort, den er gut kannte. Er ging langsam an den Regalen entlang, las die Sorten, sortierte innerlich nach „beruhigend“, „wohltuend“ und „für den Abend“. Er legte in den Korb: • 2x Schlaf- und Nerventee mit Baldrian, Melisse und Hopfen • 1x Apfel-Zimt-Abendtee – der für Haaland • 1x Fenchel-Kümmel-Anis-Tee – gut für den Bauch • 1x Kamille-Vanille – sein persönlicher Klassiker • 1x Grüner Tee mit Minze, falls es mal etwas frischer sein sollte Dann schlenderte er noch durch den Laden und nahm spontan ein kleines Aromaöl „Ruhe & Fokus“ mit, das man abends in eine Duftlampe geben konnte. Auch ein neues Teesieb wanderte in den Korb, da das alte zuletzt immer wieder aufgegangen war. An der Kasse war nicht viel los. Die Kassiererin war freundlich, wünschte ihm einen schönen Tag, und der junge Mann packte alles sorgfältig in seinen Rucksack. Auf dem Heimweg überlegte er, welchen Tee er am Abend zuerst ausprobieren wollte. Wahrscheinlich den Kamille-Vanille – ein Klassiker. Oder vielleicht doch den neuen ApfelZimt? Zuhause angekommen, zeigte er Haaland stolz die Auswahl. „Sieht aus wie eine kleine Apotheke für die Seele“, lachte Haaland und schnupperte an den Päckchen. „Genau das ist der Plan“, antwortete der junge Mann. Dann legte er die Tees ordentlich in eine eigene Schublade in der Küche, während Haaland Wasser für den nächsten Tee aufsetzte. Der Nachmittag war ruhig. Die neuen Tees warteten. Und das Gefühl, gut vorbereitet für den Abend zu sein, gab dem jungen Mann etwas Beruhigendes – wie ein leiser, warmer Anfang vom Feierabend. 30. Tag – Früher Abend: Beinahe-Ausbruch an der Frischetheke Das Thermometer zeigte noch immer 27 °C, als der junge Mann und Haaland gegen 18 Uhr den klimatisierten Edeka-Markt betraten. Die Einkaufsliste war kurz – eigentlich stand nur „2 × Fleischkäse zum Aufbacken“ darauf. Der Duft von frischem Brot und gegrillten Hähnchen hing in der Luft, während sie zielstrebig zur Metzgerei-Theke gingen. Schon von Weitem sah der junge Mann das Problem: In der Auslage lagen statt der üblichen Stapel nur vier einsame Scheiben Fleischkäse – und die Schlange davor war lang. Eine leichte Anspannung kroch ihm den Rücken hinauf. „Bleib ruhig. Wir stellen uns an, klären das,“ flüsterte Haaland.

Die Schlange rückte nur langsam vor. Zwei Kunden vor ihnen nahm eine Frau mit roter Einkaufstasche direkt drei Scheiben. Der junge Mann spürte, wie ihm das Blut heiß in die Ohren stieg. Nur noch eine übrig. Seine Fäuste ballten sich – der Impuls, sich vorzudrängeln, flackerte kurz wie ein Stromstoß. Haaland legte ihm unauffällig die Hand auf den Unterarm. „Atmen. Wir schaffen das.“ Doch genau in diesem Moment griff der Kunde vor ihnen – ein Mann in Hemd und Krawatte – zur letzten Scheibe. Der junge Mann spürte, wie die Wut hochschoss. Er machte einen Schritt nach vorn, hob schon leicht den Arm, als wollte er den anderen wegdrängen. „Stopp“, flüsterte Haaland scharf und stellte sich vor ihn. „Nicht.“ Er hielt den Blick des Freundes fest, bis dieser die Schultern leicht sinken ließ. Die Metzgerei-Fachverkäuferin bemerkte die Szene, schaute entschuldigend. „Es tut mir leid – das war die letzte große Scheibe. Aber ich hab noch Endstücke. Die gehen oft unter. Stücke á 100 g. Möchten Sie davon etwas?“ Der junge Mann rang um Fassung, nickte dann. „Bitte ja … ein Endstück.“ Es war nicht, was er sich erhofft hatte – aber es war wenigstens etwas. Im gleichen Atemzug bestellte Haaland zusätzlich vier Scheiben zum nächsten Tag: „Und könnten Sie uns bitte zwei volle Portionen zurücklegen? Wir holen sie morgen Vormittag ab.“ Die Verkäuferin notierte den Namen, packte das kleine Endstück jetzt schon ein und reichte es dem jungen Mann. An der Kasse atmete dieser tief aus. „Ich wollte ihn fast schlagen“, murmelte er schuldbewusst. „Du warst überreizt“, sagte Haaland ruhig. „Das passiert. Wichtig ist, dass du stehen geblieben bist.“ Er reichte ihm einen kalten Pfirsich-Eistee aus der Kühlzone. „Trink. Hilft runterzukommen.“ Auf dem Heimweg waren die Straßen in langes Abendlicht getaucht. Der junge Mann hielt die Fleischkäse-Tüte in der einen, den Eistee in der anderen Hand. „Danke, dass du mich abgehalten hast.“ „Dafür bin ich da“, antwortete Haaland leise. „Und morgen gibt’s die große Portion – versprochen.“ Zuhause legten sie das kleine Endstück in den Ofen. Es duftete zwar weniger üppig als gewohnt, doch der erste Bissen machte die Enttäuschung kleiner. Und allein die Gewissheit, dass am nächsten Tag zwei frische Scheiben auf ihn warteten, ließ den jungen Mann innerlich zur Ruhe kommen. Manchmal – das begriff er in diesem Moment – geht es nicht darum, alles sofort zu haben. Manchmal reicht es, genug zu bekommen … und zu wissen, dass morgen ein neuer Versuch wartet. 30. Tag – Abend: Fifa, Abendessen und innere Ruhe Nachdem das kleine Stück Fleischkäse aus dem Ofen goldbraun war und die Kruste duftend knackte, setzte sich der junge Mann mit einem einfachen Teller an den Tisch. Kein großes Mahl – nur eine Scheibe Fleischkäse, ein wenig Senf und ein Brötchen, das leicht aufgebacken war. Dazu trank er einen kalten Pfirsichtee, den ihm Haaland vorhin noch gereicht hatte. Es war nicht viel, aber es reichte. Und vor allem: es war ruhig. Haaland hatte sich schon an die PS5 gesetzt und wartete mit dem Menü von FIFA 24 auf ihn. „Bereit für ein Duell?“, fragte er und tippte grinsend auf den Controller. Der junge Mann schluckte den letzten Bissen herunter, wischte sich den Mund ab und nahm Platz. „Wenn ich heute verliere, war’s der Fleischkäsemangel.“ Haaland lachte kurz. „Wenn du gewinnst, war’s der Senf.“ Sie wählten ihre Teams – wie so oft entschied sich der junge Mann für Mainz 05, während Haaland mit Manchester City spielte, obwohl er dabei immer scherzhaft betonte, dass er sich selbst nicht aufstellen werde. Das Spiel war spannend. Schon in der 7. Minute traf der junge

Mann mit Onisiwo zum 1:0. Haaland konterte schnell mit einem strammen Schuss von De Bruyne. Im Spiel versanken beide wie in einem kleinen Wettkampf-Ritual. Der Lärm und der Ärger der letzten Tage rückten langsam in den Hintergrund. Stattdessen ging es nur um Taktik, Passspiel und Jubel. Während der Partie bemerkte der junge Mann, wie sich ein inneres Gleichgewicht einstellte. Kein Zorn über den Edeka-Moment. Keine Gedanken an die lauten Nächte oder den zerstörten Rollstuhl. Nur er, sein Controller, Haaland – und 90 virtuelle Minuten Fußball. Nach dem Match – es endete 2:2 nach einem Last-Minute-Ausgleich durch Jonathan Burkardt – lehnte sich der junge Mann zurück und trank den Rest seines Tees. „Gutes Spiel“, sagte Haaland. „Und du bist heute ruhiger geblieben, als viele es geschafft hätten.“ Der junge Mann lächelte. Müde, aber zufrieden. „Vielleicht, weil ich heute wieder ein Ziel hatte. Auch wenn es nur ein kleines war: Fleischkäse, FIFA, keine Ausraster.“ „Und morgen gibt’s die große Portion“, erinnerte Haaland ihn nochmal. Der junge Mann nickte. „Ja. Und vielleicht… wird’s auch wieder ein bisschen besser.“ Kurz darauf schalteten sie die Konsole aus. Der Spieler stellte noch den Tee für die Nacht bereit, während der junge Mann sein Zimmer aufräumte. Alles war nicht perfekt – aber es war besser als gestern. Und das war schon viel wert. 31. Tag – Mittag: Heimweg durch Hochheim und die Begegnung mit dem Feuerjongleur Der Mittagshimmel war wolkig, doch die Sonne kämpfte sich immer wieder durch. Es war ein leicht schwüler Sommertag, die Straßen von Hochheim waren belebt, aber nicht überfüllt. Der junge Mann und der Spieler hatten sich entschieden, einen Spaziergang zu machen – ein bisschen Bewegung, frische Luft, und einfach raus aus dem Alltag. Der junge Mann wollte eigentlich nur zum kleinen Teich in der Nähe des Zentrums, wo sie manchmal Enten beobachteten oder mit einem kühlen Getränk in der Hand auf der Bank saßen. Doch schon auf dem Weg dahin verspürte der junge Mann eine gewisse Unruhe – ein ungutes Gefühl in der Magengegend, das sich nicht ganz erklären ließ. Vielleicht war es einfach nur die Wärme. Vielleicht aber auch mehr. „Alles okay?“, fragte Haaland, der wie immer aufmerksam neben ihm ging. „Ja, nur… ich weiß nicht. Irgendwas fühlt sich heute komisch an“, antwortete der junge Mann leise. Sie setzten ihren Weg fort, bogen durch einen kleinen Park, durchquerten die engen Gassen hinter der Kirche – dort, wo sie vor Wochen schon einmal entlanggegangen waren. Es war genau jener Ort, an dem sie damals einen Feuerjongleur gesehen hatten. Ein Mann mit dunkler Kleidung, einem schwarzen Hut und einem leichten Bartschatten. Der damals die Fackeln geschwungen hatte, wie in Trance, und dabei von den beiden gefilmt wurde – kurz, heimlich, aus der Ferne. Nur ein kurzer Clip, der nie hochgeladen, nie geteilt wurde. Aber gesehen hatte er sie wohl trotzdem. Und heute – da war er wieder. Der junge Mann blieb stehen. Auf der kleinen gepflasterten Fläche vor dem Café, das leicht nach Kaffee und Zimt duftete, stand der Feuerjongleur. Diesmal ohne Fackeln. Stattdessen nur mit einem kleinen schwarzen Beutel an der Seite, einem ernsten Blick und verschränkten Armen. Er lehnte an einem Stromkasten, so als hätte er genau auf diesen Moment gewartet. Der Spieler merkte, dass der junge Mann plötzlich stehenblieb. „Was ist?“, fragte er. „Da vorne… siehst du ihn? Der mit dem Hut. Das ist er.“ Haaland blickte hinüber, und auch er erkannte ihn. Seine Augen verengten sich leicht, instinktiv stellte er sich etwas schützend neben den jungen Mann.

Dann geschah es. Der Jongleur stieß sich vom Kasten ab, ging zwei Schritte auf sie zu. Sein Blick fest auf den jungen Mann gerichtet. Er war nicht wütend. Aber sein Gesicht war angespannt, seine Augen kalt. „Na, habt ihr mich wiedererkannt?“, sagte er mit tiefer Stimme. Der junge Mann schluckte. „Ich hab euch damals gesehen“, fuhr der Jongleur fort, „wie ihr da standet. Und gefilmt habt. Ihr denkt wohl, das war lustig?“ Der Spieler ging einen Schritt vor. „Es war kein böser Wille. Wir wollten dich nicht bloßstellen.“ Doch der Jongleur schüttelte den Kopf. „Ich glaub, es wird Zeit, dass ihr mir erklärt, warum ihr das gemacht habt.“ Und mit diesen Worten blieb er direkt vor ihnen stehen. Die Gasse schien für einen Moment stillzustehen. Der junge Mann fühlte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Fortsetzung folgt… 31. Tag – Begegnung mit dem Feuerjongleur (Fortsetzung) Der Feuerjongleur stand dicht vor den beiden, die Arme verschränkt, die Augen schmal. Haaland hielt instinktiv seinen Platz zwischen dem Mann und dem jungen Mann, doch jener hob die Hand: „Ist schon gut … lass mich selbst.“ Trotz des klopfenden Herzens brauchte der junge Mann mehrere Sekunden, ehe er Worte fand. In seinem Kopf rauschte es – Schuldgefühl, Scham, etwas Angst. Er wollte eigentlich nur sagen Es tut mir leid – doch die Kehle war trocken. „Also?“, drängte der Jongleur, ein Hauch Ungeduld in der Stimme. Der junge Mann holte tief Luft. „D-damals … wir haben dich nicht gefilmt, um dich bloßzustellen,“ stotterte er. „Ich fand das einfach … unglaublich. Wie du mit Feuer umgehst. Es hat mich beeindruckt. Ich wollte mich erinnern – mehr nicht.“ Der Jongleur verzog das Gesicht. „Beeindruckt, ja? So sehr, dass ihr heimlich filmt? Weißt du, was passieren kann, wenn so ein Clip ohne meine Erlaubnis im Netz landet?“ Der junge Mann spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. „Ich habe das Video nie hochgeladen. Es liegt nur auf meinem Handy. … Wenn du willst, lösche ich es sofort.“ Ein kurzer, spitzer Streitfunke zischte auf: „Hättest zuerst fragen können!“, knurrte der Jongleur. „Hättest ein Schild aufstellen können, dass man nicht filmen darf!“, erwiderte der junge Mann, ehe er es bemerkte. Haaland hob sofort beschwichtigend die Hände zwischen beide. „Hey, wir wollen keinen Streit – nur Klarheit.“ Der Jongleur sah den jungen Mann fest an. In seinem Blick lag noch ein Rest Misstrauen – doch er bemerkte auch das Zittern in der Stimme, den echt wirkenden Ärger über sich selbst. Der junge Mann senkte die Schultern. „Es tut mir wirklich leid. Ich weiß, ich hätte fragen sollen. Ich … war überfordert, weil ich es so toll fand.“ Eine lange, gespannte Sekunde verging. Dann atmete der Jongleur hörbar aus – als ließe er den Groll los. „Zeig’s mir.“ „Was?“ „Das Video. Jetzt.“ Der junge Mann kramte hektisch das Handy hervor, öffnete die Galerie. Dort, zwischen alltäglichen Clips, das knapp 40-sekündige Video: der Jongleur, Fackeln wirbelnd, Flammen

spuckend, das Publikum außer sich vor Staunen. Er drückte auf Play, ließ das Display vorsichtig sehen. Die Flammen spiegelten sich im Smartphone-Glas. Der Jongleur betrachtete sich selbst – erst skeptisch, dann mit wachsendem Staunen. Schließlich lächelte er schief. „Sieht gar nicht übel aus. Gute Perspektive.“ „Du … magst es?“, fragte der junge Mann zögernd. Der Jongleur nickte, löste die verschränkten Arme. „Ich hab nicht viele Aufnahmen, die wirklich den Flow einfangen. Vielleicht war ich zu schnell beleidigt.“ Eine Pause. „Lösch es nicht. Schick’s mir lieber.“ Er tippte seine Adresse in das Handy des jungen Mannes. „Schick’s heute oder morgen. Und nächstes Mal fragst du, ja? Deal?“ Der junge Mann hob erleichtert beide Daumen. „Deal. Und … danke, dass du mir verzeihst.“ Ein echtes, warmes Lächeln huschte über das Gesicht des Jongleurs. „Außerdem: Ist ja Werbung für mich. Vielleicht buchst du mich beim nächsten Stadtfest gleich offiziell.“ Er zwinkerte. Haaland grinste breit. „Das bekommen wir hin.“ Sie verabschiedeten sich, und der Jongleur verschwand mit leichtem Schritt die Gasse hinab. Der junge Mann blieb einen Augenblick stehen, spürte, wie die Anspannung aus seinen Schultern floss. Er drehte sich zu Haaland: „Ich hab gedacht, er schlägt mich.“ „Du hast es geschafft, allein zu reden. Ich bin stolz auf dich.“ Haaland legte ihm kurz den Arm um. „Und jetzt los – wir haben Rollstuhl-Abholung zu planen.“ Mit einem letzten Blick auf das Handy, in dem das Flammenvideo leise weiterflackerte, ging der junge Mann weiter. Statt Schuld fühlte er jetzt etwas anderes: Stolz – und ein neues, unerwartetes Bündnis mit dem Mann, den er einst heimlich gefilmt hatte. 31. Tag – Abend: Die Schattenfrau vom Friedhof Es dämmerte bereits, als der junge Mann und Haaland den Heimweg antraten. Die Straßen wurden langsam ruhiger, die Straßenlaternen leuchteten orangefarben und warfen lange Schatten auf den Asphalt. Der junge Mann fühlte sich erleichtert und gleichzeitig erschöpft von den vielen Ereignissen des Tages. Der Streit mit dem Jongleur hatte ihn Kraft gekostet, aber auch irgendwie stolz gemacht. Haaland ging ruhig neben ihm, aufmerksam und beschützend wie immer. Was beide jedoch nicht bemerkten, war die Gestalt, die hinter einem Baum am Rand der Straße verborgen stand. Die Frau vom Friedhof, die sie schon mehrmals beobachtet hatte, trat jetzt aus dem Schatten hervor. Ihr Gesicht war in der Dunkelheit kaum zu erkennen, nur ein hasserfülltes Glitzern ihrer Augen war sichtbar. Ihre Stimme war nicht mehr als ein kaltes Flüstern, ein leises, aber entschlossenes Murmeln in die Nacht: „Vielleicht hast du dich heute mit dem Jongleur versöhnt. Vielleicht versteht ihr euch zu Hause wieder gut, dein Vater, deine Mutter und dein Spielerfreund. Aber glaub nicht, dass das lange hält … Bald kommt dein großer Sturz, meine Rache. Bald wirst du gar nichts mehr haben – nichts und niemanden.“ Die Frau ballte ihre knochigen Hände zu Fäusten, ihre Lippen formten ein grausames Lächeln. Ihre Pläne waren weit gediehen, ihre Wut noch lange nicht verglüht. Doch was sie nicht wusste, war, dass der junge Mann im Inneren bereits mit anderen Kämpfen beschäftigt war, und vor allem, dass er in diesen Tagen eine viel tiefere Enttäuschung erlebte, von der die Frau keine Ahnung hatte: Seine eigene Oma hatte ihn verletzt, hatte ihm Respektlosigkeit vorgeworfen und ihn tief enttäuscht. Und dieser Schmerz war größer, als die geheimnisvolle Frau je vermuten würde. Währenddessen gingen der junge Mann und Haaland unbehelligt weiter nach Hause. Der Abend war angenehm kühl, und sie sprachen über belanglose Dinge, über den Rollstuhl, den sie bald abholen würden, über das Fußballspiel und die Begegnung mit dem Jongleur. Doch

tief im Inneren spürte der junge Mann immer noch diesen dumpfen Schmerz der Enttäuschung über seine Oma, den er nicht ganz abschütteln konnte. Als sie in die Wohnung kamen, sagte er zu Haaland: „Weißt du, ich versteh das nicht. Warum ist Oma so geworden? Warum hat sie mich so enttäuscht?“ Haaland legte ihm die Hand beruhigend auf die Schulter. „Manchmal verändern sich Menschen. Manchmal verstehen wir es nicht. Aber du bist nicht allein. Vergiss das nie.“ Der junge Mann nickte. Er ahnte nicht, dass draußen, in der Dunkelheit, die Frau vom Friedhof bereits an ihrem nächsten Schritt arbeitete – bereit, alles zu tun, um ihm alles zu nehmen. Die Nacht brach herein. In der Wohnung herrschte Ruhe, doch draußen lauerte eine stille Gefahr. Eine Gefahr, von der noch niemand wusste. 32. Tag – Früher Morgen: Hoffnung auf Rädern Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch das halb geöffnete Fenster und tauchten das Zimmer in ein sanftes Licht. Der junge Mann wurde wach, rieb sich müde die Augen und streckte sich kurz. Er war in der Nacht mehrmals aufgewacht – die Gedanken an die seltsame Frau vom Friedhof und die unterschwellige Angst vor dem, was sie gesagt hatte, ließen ihn nicht ganz los. Doch er versuchte, sich nicht davon vereinnahmen zu lassen. Heute sollte ein besonderer Tag werden. Mit ruhiger Hand griff er zu seinem Medikamentendöschen, öffnete es vorsichtig und nahm seine morgendliche Medizin ein. Die Routine gab ihm Halt. Danach setzte er sich an seinen Schreibtisch, auf dem sein Smartphone lag, und öffnete die Nachrichten-App. Er atmete tief durch und formulierte eine kurze, aber freundliche Nachricht an den Verkäufer des Rollstuhls bei Kleinanzeigen: „Hallo, ich wollte fragen, ob ich den Rollstuhl heute Abend abholen kann? Ich hätte gegen 18 oder 19 Uhr Zeit. Ich freue mich sehr darauf! Viele Grüße :)“ Er schickte die Nachricht ab und spürte sofort ein Kribbeln in der Brust – ein kleines bisschen Vorfreude mischte sich mit Nervosität. Der Rollstuhl war alt, ja, aber es war ein Hoffnungsschimmer. Ein Ersatz. Etwas, das ihm ein Stück Unabhängigkeit zurückbringen würde, nachdem sein geliebter Rollstuhl verbrannt worden war. Und das Beste: Er selbst hatte dafür gesorgt. Er hatte recherchiert, geschrieben, organisiert. Es war sein kleiner Sieg. Als er das Handy zur Seite legte, atmete er noch einmal tief durch. Der Körper fühlte sich schwer an, müde von den letzten Tagen, in denen so viel geschehen war. Er sprach leise zu sich selbst: „Ich glaube, ich leg mich nochmal hin … Nur ein paar Stunden.“ Er schrieb noch eine kurze Notiz an Haaland, der in der Küche saß und leise einen Tee trank: „Ich leg mich nochmal für 4 Stunden hin, bin etwas platt. Weck mich bitte, wenn’s später wird. :)“ Dann zog er die Decke über sich, kuschelte sich in die weichen Laken und ließ den Körper langsam zur Ruhe kommen. Der Gedanke an den Rollstuhl beruhigte ihn. Es war nicht das perfekte Modell, kein modernes Gerät, aber es war etwas Eigenes, ein Zeichen von Stärke und Willenskraft. Und irgendwo tief in seinem Herzen spürte er: Vielleicht war dieser Tag ein neuer Anfang. Während er einschlief, stand draußen auf der anderen Straßenseite wieder eine Gestalt, die das Haus musterte. Die Frau vom Friedhof – unbemerkt – lauerte weiter. Doch der junge Mann schlief tief, mit dem kleinen Licht der Hoffnung in sich, das für heute heller brannte als der Schatten, der draußen lauerte. 32. Tag – Später Nachmittag: Die Fahrt ins Ungewisse Der Himmel über Mainz war inzwischen wolkenverhangen. Ein grauer Schleier zog sich über die Dächer, als der junge Mann seinen Rucksack nahm, in dem sich ein Umschlag mit 40 € in

bar befand – sorgsam vorbereitet für die Rollstuhlabholung. Er trug ein schlichtes T-Shirt, die bequeme Hose, in der er sich gut bewegen konnte, und seine neuen Turnschuhe. An seiner Seite ging wie selbstverständlich der Spieler – ruhig, aufmerksam, in der Rolle eines Beschützers, aber auch eines Freundes. Sie liefen zur Bushaltestelle. Der Wind war frisch, trug den Geruch von Asphalt und fernen Blüten mit sich. Als der Bus einfuhr, stiegen sie ein, setzten sich auf zwei freie Plätze nebeneinander. Der Bus war nur mäßig gefüllt, die Gespräche der anderen Fahrgäste verschwammen zu einem leisen Hintergrundrauschen. Der junge Mann war aufgeregt. Er schaute immer wieder auf sein Handy, überprüfte, ob der Verkäufer geantwortet hatte – doch bisher: nichts. Als der Bus sich langsam durch die Hauptstraße bewegte, rief der Fahrer über das Mikrofon: „Hauptstraße – Endstelle. Nächster Halt: hier ist Endstation. Bitte alle aussteigen.“ Der junge Mann sah auf. Es war so weit. Er stand auf, der Spieler ebenfalls, und gemeinsam verließen sie den Bus. Ein leichtes Prickeln lag in der Luft, so als hätte sich die Realität kurz verändert. Die Straße war schmal, alte Gebäude standen links und rechts, manche mit verwitterter Fassade, andere frisch gestrichen. Keine Menschenseele war zu sehen. Nur ein leiser Wind, der durch die Bäume strich. Der junge Mann zog sein Handy hervor, wählte die Nummer des Verkäufers und hielt sich das Gerät ans Ohr. Kein Klingelzeichen. Keine Antwort. Er legte wieder auf. Der Spieler sagte nichts, schaute aber wachsam um sich. Beide standen einen Moment schweigend da. Dann – etwa drei Minuten später – vibrierte das Handy in seiner Hand. Ein Rückruf. Der junge Mann nahm ab. Eine Männerstimme, freundlich, etwas heiser: „Hallo? Bist du der wegen dem Rollstuhl?“ „Ja“, sagte der junge Mann. „Ich bin schon da.“ „Gut. Ich bin gleich bei dir. Die Tür ist grün mit einem Messingschild. Ich mach gleich auf.“ Der Anruf endete. Ein Haus, keine zehn Meter entfernt, passte genau auf die Beschreibung. Der junge Mann und der Spieler gingen langsam darauf zu. Die Tür war noch geschlossen. Kein Geräusch kam von drinnen. Aber ein leichtes Knarren hinter einem Fenster ließ erahnen, dass drinnen jemand war. Und dann – ganz leise – öffnete sich die grüne Tür. Ein älterer Mann stand im Schatten des Flurs. Er war schlank, hatte graues Haar und ein Gesicht mit tiefen Falten. Seine Hände hielten sich am Türrahmen fest, sein Blick fiel zuerst auf den jungen Mann, dann auf den Spieler. Er sagte nichts. Er musterte beide ausdruckslos, aber eindringlich. Seine Augen wirkten wacher, als es seine Haltung verriet. Für einige Sekunden war es, als würden sich drei völlig unterschiedliche Lebensgeschichten an einem unscheinbaren Ort kreuzen – wie bei einem Zufall, der keiner war. Der junge Mann spürte ein leichtes Ziehen in der Brust. Nicht Angst. Eher so etwas wie Unruhe, Unsicherheit. War dieser Mann vertrauenswürdig? Auch der Spieler war still geblieben. Kein Lächeln, kein Nicken. Nur sein Blick, der sich mit dem des alten Mannes kreuzte – als versuchten beide, sich ein Urteil zu bilden. Es war ein Moment reiner Spannung. Dann, ganz langsam, trat der Mann einen Schritt zurück – ohne ein Wort – und ließ die Tür geöffnet. Die Einladung war still, fast schüchtern.

Der junge Mann atmete tief ein. Es war Zeit. Zeit, den Rollstuhl abzuholen. Und vielleicht… einer unerwarteten Begegnung zu begegnen, die mehr verändern könnte, als nur ein altes Stück Metall auf Rädern. Der alte Herr im Flur nickte knapp, deutete stumm auf den Hof hinter dem Haus – dort stand er schon bereit: ein dunkelrot lackierter Faltrollstuhl, glänzende Chromfelgen, tiefschwarzer Vinyl-Sitz und -Rückenlehne, leicht ausgeblichene Armauflagen und die typischen kleinen Kratzer eines ehrlichen Gebrauchs. Genau das Modell, das der junge Mann in der Anzeige gesehen hatte. Er trat näher, legte zaghaft die Hand auf den kühlen Schiebegriff. Die Sitzfläche war fest, das Gestell wirkte stabil. Für ihn war es keine Antiquität, sondern die Rückkehr eines vertrauten Gefühls: mobil zu sein, jederzeit selbst entscheiden zu können, wann er sich hinsetzen oder ein Stück rollen wollte. Der alte Verkäufer hob die Augenbrauen – eine stumme Frage. Der junge Mann griff in seine Umhängetasche, zog den Umschlag hervor und zählte vier zerknitterte Zehn-Euro-Scheine ab. „Wie besprochen – 40 Euro.“ Der Mann nahm das Geld, nickte kurz. „In Ordnung. Räder sind aufgepumpt, Bremsen greifen, aber das Sitzpolster könntest du vielleicht mal nachnähen lassen.“ „Danke, das krieg ich hin“, erwiderte der junge Mann. Haaland stand daneben, lächelte und schob verstohlen die Daumen hoch. Ein kurzer Handschlag; keine großen Worte. Dann kehrten sich der Verkäufer um und verschwand wieder in den Hausflur. Der junge Mann atmete tief durch, umfasste die Schiebegriffe und setzte den Rollstuhl sachte in Bewegung. Die Kunststoff-Vorderräder klackten über das Kopfsteinpflaster, die großen Chromräder glänzten im letzten Abendlicht. Haaland lief seitlich nebenher. „Wie fühlt’s sich an?“ Der junge Mann lächelte, strich über die Armauflage, spürte das abgewetzte, kühle Vinyl. „Wie … ein Stück Freiheit auf Rädern.“ Sie nahmen den Weg zurück zur Bushaltestelle, der junge Mann schob den Rollstuhl ein Stück leer vor sich her. Er rollte erstaunlich leicht – jede Drehung der Greifringe klang wie ein leises Versprechen, dass nach all den Verlusten wenigstens etwas Altes, Ehrliches zurückkehren durfte. Kein Drama, kein Schatten lag in diesem Moment – nur das rhythmische Rattern der Räder und die Ahnung, dass manchmal selbst ein ausgedienter Rollstuhl ein neues Kapitel in Gang setzen kann. 32. Tag – Früher Abend: Der lange Weg nach Hause Der Bus zurück in die Stadt war überraschend voll, also entschieden der junge Mann und Haaland kurzerhand auszusteigen, als sie eine scheinbar direkte Abkürzung sahen: einen breiten Feldweg aus festgefahrenem Schotter, der laut Handykarte nur knapp zweieinhalb Kilometer bis zum Rand von Mainz führen sollte. Von dort wären es weitere drei bis zur Wohnung, größtenteils auf Radwegen. Kaum hatten sie den Rollstuhl auf den Weg gelenkt, merkten sie jedoch, dass Theorie und Praxis zwei Paar Schuhe waren. Die kleinen Vorderräder stießen unablässig gegen gröbere Steinchen, verkanteten sich, ruckelten. Bei jedem Stoß vibrierte der ganze Rahmen, und die Griffe schlugen in die Handflächen des jungen Mannes. „Verdammt, das rollt ja wie ein Einkaufswagen mit blockierten Rädern“, keuchte er nach den ersten hundert Metern. Haaland nickte und griff mit an, um notfalls die Vorderräder anzuheben. Doch der Schotter zog sich endlos hin, der Weg wurde stellenweise weicher und sandiger. Überholendes Fahrradfahrerklingeln zwang sie immer wieder auf den grasigen Randstreifen, wo die Räder noch tiefer einsanken.

Ein Kilometer. Der Schweiß rann dem jungen Mann die Stirn hinab. Sein Pullover klebte am Rücken, trotz des milden Abends. Die Schultern brannten, aber er biss die Zähne zusammen. Ich bring ihn heim, redete er sich ein. Das ist jetzt MEIN Rollstuhl. Haaland bot mehrmals an, den Weg notfalls zurückzunehmen und den Bus abzuwarten, doch der junge Mann schüttelte jedes Mal den Kopf. „Wenn ich jetzt aufgebe, fühlt es sich an, als würde mir das Ding wieder weggenommen.“ Zwei Kilometer. Die Sonne glitt tiefer, brannte jetzt rötlich durch die Hecken. Ein kurzer Asphaltabschnitt ließ den Rollstuhl wie befreit gleiten – nur um am Ende wieder in gröberen Split überzugehen. Der junge Mann schob weiter, Schritt für Schritt, das Knirschen unter den Reifen wie ein metronomartiges Pochen in seinen Schläfen. Drei Kilometer. Sie erreichten endlich den Stadtrand und verließen die Schotterpiste. Der Weg ging nun in einen glatten Radweg über; sofort wurde das Schieben leichter. Doch die Erschöpfung war da. Die Finger zitterten, die Knie fühlten sich weich an. Noch drei Kilometer bis zur Wohnung – das Handy zeigte bereits eine gelaufene Strecke von sechs Kilometern an. „Wir sind noch nicht zu Hause, aber jetzt schaffen wir es“, keuchte der junge Mann unsicher. Er stützte sich kurz auf die Griffe, atmete tief. Haaland legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ab hier rollt er fast von allein. Wir machen eine kleine Pause, trinken was, dann weiter.“ Sie setzten sich kurz auf eine Bank. Der junge Mann betrachtete den Rollstuhl im goldenen Abendlicht. Staub klebte an den Reifen, kleine Schotterkörner steckten in den Profilrillen. Aber das Gestell war heil, die Felgen glänzten noch, und das Sitzpolster sah aus, als würde es trotz der Ruckelei halten. Er strich über die Armlehne – ganz so, als würde er dem Rollstuhl danken, dass er die Tortur mitgemacht hatte. „Noch ein Stück“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu Haaland. Und mit neuem Atemzug richtete er sich auf. Der Heimweg war noch nicht vorbei. Aber ab jetzt gab es Asphalt, Laternen – und das Gefühl, dass der schwerste Teil des Abends hinter ihnen lag. 32. Tag – Abend: Die erste Fahrt am Rhein Der junge Mann hatte es nun geschafft, die Schotterpiste hinter sich zu lassen. Vor ihm erstreckte sich ein asphaltierter Weg, der geradewegs am Rhein entlangführte – die Abendsonne spiegelte sich im ruhigen Wasser, die Luft war frisch und trug den Geruch von Gras, Stein und Sommer. Es war ein friedlicher Anblick. Für einen Moment glaubte der junge Mann fast, dass jetzt alles gut werden könnte. Voller Hoffnung setzte er sich in seinen neuen alten Rollstuhl und begann, sich mit den Händen an den Greifreifen vorwärtszubewegen. Doch kaum hatte er Fahrt aufgenommen, zog der Rollstuhl merklich nach rechts. Er korrigierte. Dann wieder nach links. Er versuchte es erneut – und wieder driftete der Stuhl aus der Spur. „Was ist denn das?“, murmelte er genervt und blickte auf die Räder. Sie schienen eigentlich gerade zu stehen, aber vielleicht war das Gestell leicht verzogen, oder ein Lager klemmte. Er fuhr trotzdem weiter. Ich schaff das, ich will fahren, ich will, dass er funktioniert. Doch der Rollstuhl widersetzte sich seinem Willen. Immer wieder lenkte er ungewollt in eine Richtung. Nach einigen hundert Metern war der junge Mann erschöpft und frustriert. Er stand auf, drehte sich um und begann den Rollstuhl stattdessen wieder zu schieben – mit angespanntem Kiefer und brennenden Armen. Haaland sagte nichts, ging einfach still neben ihm her.

Nach fast einem Kilometer stoppte er. Der Asphaltweg öffnete sich zu einer kleinen Aussichtsplattform direkt am Rhein. Boote zogen langsam an ihm vorbei, Möwen kreisten über den Wellen, eine Familie saß auf einer Picknickdecke im Gras. Der junge Mann schob den Rollstuhl an den Rand, setzte sich auf die Lehne, ließ die Beine baumeln und atmete schwer. Er war etwa sechs Kilometer von zu Hause entfernt. Doch im Moment wollte er gar nicht weiter. „Ich wollte, dass er funktioniert...“, murmelte er. „Ich dachte, ich hol mir den und alles ist gut. Jetzt zieht er nach rechts, ich kann nicht mal geradeaus fahren.“ Haaland setzte sich neben ihn, stützte die Arme auf die Knie und sah aufs Wasser. „Er ist alt. Und trotzdem hast du’s bis hier geschafft. Ohne aufzugeben.“ „Ja, aber… ich wollte mit ihm fahren. Ich wollte ein Stück Freiheit. Nicht ihn schieben wie einen alten Einkaufswagen.“ Der Spieler schwieg kurz, dann sagte er: „Es ist trotzdem deiner. Und er ist nicht perfekt, aber du hast ihn dir selbst geholt. Das ist Stärke.“ Der junge Mann sagte lange nichts. Dann lächelte er müde. „Vielleicht. Vielleicht ruh ich mich nur ein bisschen aus… und dann gehen wir den Rest.“ Und so blieb er erst einmal sitzen. Der Rhein glitzerte im Abendlicht. Die Beine hingen locker herunter. Der Rollstuhl stand schräg neben ihm – unperfekt, aber sein. 32. Tag – Abend: Ein langer Rückweg voller Bilder Das Licht war schon weich und golden, als der junge Mann sich schließlich vom Rhein löste. Der Rollstuhl stand noch immer schräg neben der Bank; seine rechte Rolle steckte fest in einer kleinen Rille. „Ich hol ihn morgen mit dem Werkzeugkasten meines Vaters ab“, entschied er. Haaland nickte, stellte die Bremse, und gemeinsam machten sie sich zu Fuß auf den Heimweg, die Abendluft kühl auf der Haut. 1. Der alte Hafenkran Nur wenige Schritte weiter ragte der historische Minthe-Kran in den Himmel – sein verwittertes Schild kündete seit Jahrzehnten von „Franz & Joachim Minthe – Kies und Sand, Mainz“. Im hellen Westlicht wirkte die rostgrüne Stahlkonstruktion fast wie eine Skulptur. Die langen Schatten der beiden streckten sich bizarr über die Betonplatte, als wollten sie heimlich beim Kran mitarbeiten. „Schau mal, wie klein wir da wirken“, sagte der junge Mann leise und machte schnell ein Foto – ein Beweis für diesen Zwischenstopp seines Rollstuhlabenteuers. 2. Schwan am Rheinufer Sie schlenderten weiter auf die flachen Stufen zur Wasserkante. Ein Mann hockte dort, streckte die Hand zu einem Schwan aus, der gemächlich durchs Wasser glitt. Die Szene wirkte fast meditativ; das Weiß des Vogels reflektierte das Pastellblau des Flusses. Der junge Mann blieb stehen, atmete den feuchten Flussgeruch ein. „Friedlich, oder?“ „Ja. Und doch schwimmen wir durch so viele Strömungen, bis wir Ruhe finden.“ 3. Treppenhaus aus Glas Wenig später querten sie das Foyer eines modernen Bürobaus. Durch eine offene Tür blickten sie in ein verglastes Lichttreppenhaus: schwarze Steinstufen fielen in die Tiefe, gerahmt von Stahl und Glas. Der junge Mann schaute hinab, sein Spiegelbild schwebte im Glas über den Stufen – eine Erinnerung daran, wie tief man fallen kann, aber auch daran, dass jede Treppe einen Weg nach oben hat. 4. Geschlossene Spießbraterei

Am Rheinuferplatz stand der vertraute Holzstand von „Zimmer’s Spießbraterei“, doch die Rollläden waren unten, die Lichter aus. Ein Schild verkündete fröhlich: „Frisch gegrillt – Mainzer Dornbraten“ – doch heute roch es nur nach Abendluft und Lindenbäumen. Der junge Mann lachte halb traurig. „Selbst der Bratwurststand macht heute Pause – genauso wie mein Rollstuhl.“ 5. Vermisstenplakat „Katze Tinka“ An einer Laterne klebte ein frisch laminiertes TASSO-Suchplakat: „GESUCHT! Katze TINKA, schwarz-weiß, vermisst seit 13. 06.2025“. Der Blick der kleinen Katze wirkte verloren. Der junge Mann strich mit dem Finger über das Papier. „Ob sie wohl wieder heimfindet?“ „Vielleicht hilft ein bisschen Glück – so wie dir heute.“, antwortete Haaland. 6. Leerstehendes Café „Hier wird gebaut“ Durch eine Glastür sahen sie das leere Innere eines alten Cafés, bengelbeige Planen hinter der Scheibe. Zwei Aushänge verkündeten: „Hier wird gebaut – Bleib neugierig!“ Im Spiegelglas erkannte der junge Mann sein eigenes Abbild: müde, aber aufrecht. „Manche Orte machen zu, damit etwas Neues wachsen kann“, murmelte er, als sie weitergingen. 7. Der Mann auf der Treppe Auf den Stufen eines Verwaltungsgebäudes saß ein älterer Herr, packte gerade seinen Rucksack. Er wirkte erschöpft, aber friedlich, als hätte er eine weite Reise hinter sich. Für einen Sekundenbruchteil trafen sich ihre Blicke – ein leises gegenseitiges Nicken, eine stumme Solidarität der müden Füße. 8. Die Katze im Fenster Kurz vor der eigenen Straße entdeckte der junge Mann hoch oben eine graue Katze hinter einer Gardine. Sie sah herab, als prüfe sie die beiden Eindringlinge. Ihr Blick war neugierig, wach – erinnerte ihn an den eigenwilligen Mut, den er heute gebraucht hatte. „Vielleicht ist das Tinka. Auf ihrer ganz eigenen Mission.“, flüsterte Haaland. Der junge Mann lächelte. „Dann weiß ich, dass sie in Sicherheit ist.“ Endlich, gegen 22 Uhr, erreichten sie die Wohnung. Der Schlüssel drehte sich im Schloss; drinnen roch es nach dem beruhigenden Duft des frisch gekauften Kamille-Vanille-Tees. Ohne Worte brauten sie sich eine Kanne, setzten sich auf die neue Couch – die Armlehnen noch unversehrt – und schauten schweigend auf die Fotos des Weges. Der Rollstuhl wartete draußen am Rhein, doch in den Bildern des Abends hatte er schon seinen Platz gefunden: als Symbol eines Weges, der selten gerade verläuft – aber voller kleiner Geschichten steckt, wenn man ihn zu Fuß weitergeht. 32. Tag – Sehr später Abend: Ankommen mit müden Füßen und vollem Herzen Es war fast Mitternacht, als der junge Mann mit schwerem Schritt die Straße entlanglief, die zu seinem Zuhause führte. Hinter ihm lagen über 13 Kilometer Fußweg, ein kaputter Rollstuhl, ein leerer Busfahrplan, eine unerwartete Reise voller Schweiß, Gedanken und Geschichten. Der Spieler, still und wachsam wie ein guter Schatten, war die ganze Zeit bei ihm geblieben. Die beiden redeten kaum noch – zu müde waren ihre Körper, zu überfüllt ihre Köpfe. Die Haustür quietschte leise, als sie sie öffneten. Drinnen war es ruhig. Das Licht im Flur war gedimmt, die Luft kühl. Der junge Mann schleppte sich in sein Zimmer, der Spieler half ihm beim Ausziehen der Schuhe, als wäre er ein großer Bruder.

Und dann fiel es ihm ein. „Die Medizin…“, murmelte er stockend. Er hielt kurz inne. Er hatte sie heute vergessen. Zum ersten Mal seit Wochen. Die Tabletten lagen in der Dose auf dem Schreibtisch, unberührt. Schnell griff er zur Packung, nahm seine Medikamente für den Abend – beruhigende Mittel, die helfen sollten, die Erschöpfung nicht in Unruhe zu verwandeln. Er trank ein großes Glas Wasser dazu und atmete tief aus. „Fast hätte ich es vergeigt“, sagte er leise. Ein verspäteter Trost in warmer Alufolie Als er Richtung Küche ging, kam ihm der Duft von Fleischkäse entgegen. Der Spieler hatte vorgesorgt: Ein Stück vom letzten Einkauf war noch da – schön eingewickelt in Alufolie, auf einem Teller im Backofen warm gehalten. „Ich wusste, du wirst Hunger haben. Nach so einem Tag.“, sagte der Spieler ruhig. Der junge Mann setzte sich an den Küchentisch, die Arme stützten sein Gesicht, während der erste Bissen heiß und herzhaft schmeckte. Es war kein Festmahl, aber für ihn fühlte es sich wie ein Geschenk an. Wie ein Moment echter Fürsorge. „Ich weiß nicht, ob ich so einen Tag nochmal schaffe“, flüsterte er. „Aber du hast ihn geschafft.“, antwortete der Spieler. Das Bett – endlich Im Badezimmer spülte er sich das Gesicht mit kühlem Wasser, trocknete sich langsam ab, während draußen in der Nacht ein leichtes Rauschen zu hören war – Wind in den Blättern, ein entferntes Auto, vielleicht sogar ein Käuzchen. Als er ins Bett kroch, fühlte sich jede Matratzenfeder wie ein Segen an. Er nahm das Handy, öffnete die Fotos des Tages – vom Rhein, dem alten Kran, dem Schwan, dem Plakat mit der Katze. Ein letzter Blick auf das verschwommene Foto des Rollstuhls unter der Laterne. Ein Beweis, dass er es geschafft hatte. Dann schloss er die Augen. Der Spieler saß noch einen Moment auf der Bettkante, flüsterte ein leises: „Schlaf gut, Kämpfer.“ Und mit einem zufriedenen Seufzer versank der junge Mann endlich im Schlaf – verspätet, erschöpft, aber zu Hause. 33. Tag – Der Morgen: Hoffnung auf Rollen, die nicht erfüllt wird Der neue Tag begann mit einem zarten Sonnenstrahl, der durch die halb geschlossenen Vorhänge fiel. Der junge Mann wurde gegen 8:30 Uhr wach – ein bisschen gerädert vom langen Tag zuvor, aber nicht mehr ganz so erschöpft. Die Nacht hatte ihm gutgetan. Die Medizin wirkte. Sein Körper war ruhiger, sein Kopf freier. Er griff sofort zum Handy, blätterte durch die Bilder vom Vortag. Das eine Foto, auf dem der Rollstuhl unter der Straßenlaterne stand, erinnerte ihn daran: Er hat wieder einen Rollstuhl. Aber er erinnerte sich auch an das Rattern der kaputten Räder, das Ziehen nach rechts, die schmerzhaften Schritte auf der Schotterpiste. „Heute… wird er repariert“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zum Raum. Auf der Suche nach Hilfe Der Spieler kam kurz nach 9 Uhr ins Zimmer, trug eine dampfende Tasse Tee und fragte: „Wie geht’s dem neuen Gefährten?“ Der junge Mann zuckte. „Alt… aber er ist meiner. Ich will ihn behalten. Nur… ich muss ihn richten lassen.“ Gemeinsam setzten sie sich an den Schreibtisch, starteten den Laptop. Sie gaben Schlagworte ein wie:

Rollstuhlreparatur Mainz Sanitätshaus Reparatur Rollstuhlservice Rheinhessen Mobiler Rehapartner Die Liste war länger als gedacht. Doch schnell wurde aus Hoffnung Enttäuschung. • • • •

Die Antworten der Firmen: • Firma 1: „Aufgrund der Urlaubszeit nehmen wir erst ab Ende August wieder Reparaturen an.“ • Firma 2: „Unsere Werkstatt ist aktuell ausgelastet – frühester Termin in sechs Wochen.“ • Firma 3: „Wir nehmen zurzeit keine externen Rollstühle an, nur Modelle aus unserer eigenen Produktion.“ • Firma 4 (mobiler Service): „Wartungstouren erst wieder ab 15. September in Ihrer Region.“ Der junge Mann scrollte immer langsamer. Seine Finger zitterten etwas. „Das kann doch nicht sein… Ich brauch ihn doch jetzt… nicht im Herbst…“ Der Spieler bleibt ruhig Der Spieler legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter: „Wir finden einen Weg. Notfalls rufen wir morgen überall an. Vielleicht kann man einen Reparaturplatz schneller bekommen, wenn man persönlich fragt.“ Doch der junge Mann war sichtlich niedergeschlagen. „Er ist alt. Niemand will ihn. Und wenn was richtig kaputt geht, dann bleibt er stehen…“ „Aber er gehört jetzt zu dir. Wir kümmern uns drum. Versprochen.“ Der Moment des Nachdenkens Der junge Mann stand auf, ging zum Fenster. Er schaute hinaus. Draußen fuhr ein Bus vorbei, und ein Radfahrer klingelte laut. Er dachte an die Frau vom Friedhof, an die Worte des Jongleurs, an den verbrannten Rollstuhl. Und jetzt? Ein neuer Rollstuhl, der nicht fahren kann? „Warum ist alles, was ich liebe… irgendwie immer kaputt?“ Diese Frage stellte er nur in Gedanken. Laut sagte er nichts mehr. Der Morgen verging still. Keine Firma, keine Lösung. Nur Tee, ein warmes Licht – und die stille Hoffnung, dass der nächste Tag bessere Nachrichten bringen würde. 33. Tag – Später Mittag: Ein Umweg voller Pfotenabdrücke Nach Stunden ergebnisloser Telefonate mit Werkstätten war dem jungen Mann der Kopf schwirrig. „Ich muss raus – einfach laufen“, sagte er zu Haaland. Der Spieler nickte, schlug aber vor, diesmal eine ganz kurze Runde allein zu drehen, um frische Luft zu schnappen und den Kopf zu leeren. So machte sich der junge Mann gegen halb drei auf den Weg Richtung Bretzenheim. Die Julisonne stand hoch, das Kopfsteinpflaster glitzerte. Kein rollender Untersatz heute – nur seine eigenen Schritte, gemächlich, beinahe meditativ. Das verwunschene Hoftor In einer kleinen Seitengasse entdeckte er ein halb offenes Hoftor, überwuchert von Efeu und wildem Wein. Der Hof dahinter lag im Halbschatten. Auf einmal tauchte ein schlankes, vollkommen schwarzes Kätzchen zwischen den Pflastersteinen auf – Augen bernsteinfarben, Schwanz kerzengerade wie ein Ausrufezeichen. Sie schritt gemessen auf ihn zu, als hätte sie gewusst, dass gerade jemand Wärme brauchte.

Der junge Mann ging in die Hocke, streckte vorsichtig die Hand aus. Die Katze schnupperte, rieb den Kopf an seinen Fingern und legte sich dann – ganz großes Vertrauen – quer über die warmen Steine, den Bauch nach oben. Er begann, das weiche Fell zu kraulen; schwarzer Samt, bestäubt mit winzigen Grashalmen. „Na, du bist ja mutig …“, flüsterte er, und ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Katzenpirouetten und Pfotenstaub Die Schwarze rollte sich, streckte die Pfoten nach ihm aus, schnippte frech mit der Schwanzspitze. Zuerst schob sie sein Handgelenk mit der Stirn, dann kugelte sie noch einmal über den Rücken, so dass ihre Zunge kurz hervorschnellte – Fast wirkte es, als würde sie eine Grimasse schneiden. Schmunzelnd kitzelte er das weiche Fell unter dem Kinn, und die Katze schnurrte laut genug, dass er es trotz Straßenlärm hören konnte. Plötzlich tauchte aus einem anderen Gartenwinkel eine zweite Katze auf – schwarz-weiß mit weißen Pfötchen. Sie musterte die beiden kurz, streckte sich lang und stolzierte davon, als wolle sie signalisieren, hier gehöre alles ihr. Eine neue Spur von Zuversicht Der junge Mann blieb noch eine Weile sitzen, beobachtete das Spiel der Katzenschwänze und das Sonnenflimmern im Fell. Irgendetwas in diesem ruhigen Moment – das Schnurren, das weiche Fell unter seinen Fingern, der Duft von Sommerstaub und Lavendelhecke – löste das Knistern der Enttäuschung über die Werkstätten in ihm. „Manchmal finden dich die kleinen Dinge, wenn das Große nicht klappt“, dachte er. Er klopfte sich den Staub von der Hose, verabschiedete sich mit einem letzten Streicheln. Die schwarze Katze folgte ihm noch bis zum Tor, schnupperte an seinem Rucksack, als wollte sie seine Geschichte mit auf ihre Pfoten nehmen. Dann verschwand sie lautlos im Schatten. Mit leichteren Schritten machte er sich zurück auf den Weg – ohne Rollstuhl, aber mit einem neuen, leisen Optimismus, der wie das Schnurren einer Katze in seiner Brust vibrierte. Vielleicht war noch keine Werkstatt frei … doch das Leben hatte ihm gerade gezeigt, dass Trost auf Samtpfoten kommen kann – unerwartet, lautlos und genau zur rechten Zeit. 33. Tag – Später Nachmittag: Ein Abschiedsritual im Metallspind Die Begegnung mit den Katzen hatte dem jungen Mann neue Energie geschenkt. Während er zurück in Richtung Innenstadt schlenderte, beschloss er spontan, noch einen Umweg zu machen: zur alten Hochschule, in der er vor anderthalb Jahren seine letzten Vorlesungen besucht – und schließlich aufgegeben – hatte. Er wollte wissen, ob sein kleiner Metallspind im Umkleidebereich des Laborgeschosses wirklich noch existierte … und ob dort womöglich noch Reste seines vorigen Lebens warteten. Der Gang voller Echos Der Campus wirkte in den Semesterferien fast verlassen. Nur vereinzeltes Stimmengewirr aus offenen Seminarräumen hallte durch die langen Gänge. Als der junge Mann die vertraute Tür mit dem Aufkleber „Labor – nur mit Schutzkittel“ durchschritt, spürte er ein Zittern in den Waden – eine Mischung aus Nostalgie und leiser Scham darüber, dass er das Studium damals abbrechen musste. Haaland hatte sich diesmal dezent im Foyer abgesetzt, um zu telefonieren. So ging der junge Mann allein über die Fliesen, deren weißes Licht aus Neonröhren die Vergangenheit fast klinisch ausleuchtete. Spind 167 Ganz hinten, dritte Reihe unten, steckte noch immer ein kleiner ABUS-Schlüssel im Schloss – der gleiche, den er hastig in die Tasche gesteckt hatte, als er damals ein letztes Mal weglief. Er drehte ihn, und die Metalltür sprang mit einem dünnen „klack“ auf.

Im Halbdunkel des Spinds lag tatsächlich noch eine seltsame Sammlung: 1. Ein aufgeschnittener Urinbeutel, vergilbt, längst unbrauchbar. 2. Eine Blockspritze und ein einzeln verpackter, inzwischen vermutlich steriler Katheter, dessen Verpackung sich an den Rändern gelöst hatte. 3. Ein Stück weißes Verbandmaterial – verkrümelt. 4. Und zu seiner Verblüffung eine halbvolle Dose „Fürst Löwenstein Pils“ – wahrscheinlich damals hineingestellt, um „für danach“ bereitzustehen, falls er eine Prüfung überstehen würde, die er nie geschrieben hat. Der junge Mann seufzte. Ein kleiner, verschämter Abschied von seiner Studierzeit lag in diesem Staub. Er holte eine Mülltüte aus seinem Rucksack, legte jeden Gegenstand bedächtig hinein. Die Bierdose zischte leise, als er den Deckel ganz eindrückte und die Restluft entwich – wie ein letzter, resignierter Seufzer. Platz für Neues Dann zog er aus seinem Rucksack frische Hilfsmittel, die er vorsorglich eingepackt hatte: • Zwei neue Blockspritzen in Folie • Einen frischen Einmalkatheter der passenden Größe • Eine kleine Rolle sterile Kompressen • Und, fast als Talisman, ein einzelnes Päckchen seiner Melatonin-Gummibärchen in einer beschrifteten Zip-Tüte Er ordnete alles ordentlich in eine Plastikbox, die er in den Spind schob. Auf die Innenseite der Tür klebte er einen gelben Post-it: „Falls gefunden: bitte nicht entsorgen. Wird noch benötigt. – RZ“ Er atmete tief durch, schloss den Spind, drehte den Schlüssel zweimal und steckte ihn ein. Ein Abschlussklang. Ein leises Versprechen, dass er irgendwann vielleicht doch wiederkäme – wenn nicht als Student, dann als jemand, der sich selbst nicht mehr versteckt. Wieder hinaus Als er den Flur verließ, fühlte sich der Rucksack leichter an, obwohl er nun fast leer war. Draußen wartete Haaland, hob fragend die Brauen. „Noch alles da?“ „Kram aus der Vergangenheit – weggeräumt. Platz gemacht für etwas, das funktioniert.“ Der Spieler nickte, legte im Gehen einen Arm um seine Schultern. Gemeinsam verließen sie den Campus. Hinter ihnen klappte die schwere Glastür ins Schloss und verschloss damit ein Kapitel – sauber, ordentlich, aber offen für ein mögliches neues. 33. Tag – Früher Abend: Ein Heimweg wie Ausatmen Vom Campus zur Wohnung waren es knapp drei Kilometer – ein Weg, den der junge Mann früher oft mit müdem Kopf und schweren Büchern gegangen war. Heute fühlte es sich fast wie ein stilles Ritual an, das Alte hinter sich zu lassen. Neben ihm lief Haaland, die Hände in den Hosentaschen, schweigend, aber spürbar wachsam. Durch die Neustadt – kleine Beobachtungen • Ein Fahrradkurier rauschte vorbei und rief fröhlich „Achtung!“, als wäre der Sommer nie zu heiß. • Vor einer Bäckerei stellte eine Verkäuferin gerade übriggebliebene Brezeln in eine Too-Good-To-Go-Kiste; der Duft von Lauge hing in der warmen Luft. • Ein Straßenmusiker stimmte auf dem Neubrunnenplatz „Here Comes the Sun“ an – ein passender Soundtrack für einen Jungen, der gerade eine Schublade seiner Vergangenheit sortiert hatte.

Der junge Mann atmete bewusst tiefer. Jeder Schritt klang hohl auf dem Gehweg, aber in seinem Brustkorb wurde es ruhiger. Reden ohne viele Worte „Hast du gemerkt, wie leicht der Rucksack jetzt ist?“, fragte er schließlich. Haaland nickte. „Manchmal schleppen wir viel mit, das gar kein Gewicht haben sollte.“ Ein kurzes Schweigen, bevor er hinzufügte: „Und die neuen Sachen im Spind – das ist ein Statement. Du rechnest mit dir selbst.“ Der junge Mann lächelte nur und spürte, wie sich sein Rücken ein wenig streckte. Letzte Kurve zur Wohnung Als sie in ihre Straße einbogen, schimmerte das Licht der untergehenden Sonne an den Fensterscheiben. Die Fassade wirkte friedlich; kein Geräusch drang von innen nach außen. Der Vater war wohl noch auf der Arbeit, die Mutter vielleicht im Wohnzimmer mit Strickzeug und einem Podcast. Ein ganz normaler Abend – beinahe kostbar in seiner Schlichtheit. Vor der Haustür blieb der junge Mann kurz stehen, griff nach dem Schlüsselbund. „Morgen holen wir den Rollstuhl vom Rhein und sehen, ob wir selbst was austüfteln können“, sagte er leise. „Morgen“, bestätigte Haaland. Er drehte den Schlüssel, öffnete. Der vertraute Geruch – eine Mischung aus Waschpulver, Teevorrat und ein Hauch frischer Farbe von den neuen Möbeln – umhüllte ihn wie eine Decke. Die Schwelle Noch bevor er die Tür hinter sich schließen konnte, dachte der junge Mann an die schwarze Katze, die sich auf die warmen Pflastersteine gelegt hatte. An das sanfte Schnurren, das Selbstverständnis des kleinen Wesens, sich einfach hinzurollen und zu vertrauen. Und irgendwie nahm er dieses Geräusch imaginär mit hinein – als Zeichen, dass man selbst nach einem wilden Umweg mit wackligen Rädern und vollen Spinds immer wieder nach Hause findet. Die Tür fiel leise ins Schloss. Und in der Ruhe des frühen Abends begann der nächste, etwas hoffnungsvollere Abschnitt. 34. Tag – Mittag: Fleischkäse, Gespräche und ein Bier mit dem Vater Die Sonne stand bereits hoch, als der junge Mann gemeinsam mit seinem Vater das Haus verließ. Es war einer dieser seltenen Tage, an denen der Vater nicht hektisch war, keine abwertenden Bemerkungen machte und stattdessen sogar ruhig neben dem Sohn herging. Vielleicht war es die Hitze, vielleicht ein stilles Schuldbewusstsein oder schlicht Zufall – doch der junge Mann wollte den Moment nicht hinterfragen, sondern nutzen. Auf der Jagd nach Fleischkäse Zielstrebig marschierten sie in Richtung Metzgerei, einer kleinen Filiale am Rande des Stadtteils, die für ihren besonders würzigen, rohen Fleischkäse bekannt war. Der Vater hatte den Laden am Tag zuvor telefonisch kontaktiert und zwei der begehrten 700g-Stücke reservieren lassen. Als sie ankamen, duftete es bereits würzig aus dem Inneren. „Ah, die zwei reservierten Laibe für Zimmermann“, sagte die Verkäuferin mit einem freundlichen Lächeln, kaum dass sie sie sah. Der Vater bezahlte, und der junge Mann hielt die gut verpackten, schweren Fleischkäse-Laibe vorsichtig im Arm. Sie fühlten sich fast warm an, auch wenn sie natürlich roh waren. Irgendetwas daran – vielleicht die Sorgfalt des Vaters, sie besorgt zu haben – ließ ihn innerlich lächeln.

Vater und Sohn beim Bier „Wollen wir noch kurz in den Biergarten dort vorne?“, fragte der Vater plötzlich. Der junge Mann zögerte. Normalerweise mied er es, allein mit dem Vater irgendwo zu sitzen – zu groß war die Gefahr, dass aus Gesprächen Streit wurde. Doch diesmal war der Ton des Vaters weich. Vielleicht… ja. „Okay“, sagte er leise. Sie nahmen draußen Platz unter einem schattenspendenden Baum. Der Vater bestellte zwei helle Biere – für den Sohn ein kleines, „wegen der Hitze“, wie er sagte. Es war das erste Mal seit Langem, dass sie nebeneinander saßen, ohne dass eine Anspannung in der Luft lag. Ein kurzes Gespräch „Weißt du“, begann der Vater, während er langsam an seinem Bier nippte, „ich weiß, ich hab in letzter Zeit viel kaputt gemacht… mehr als nur Möbel. Auch Vertrauen. Ich will nicht sagen, dass es okay war. Aber manchmal hab ich so Wut in mir, dass ich nicht weiß, wohin damit.“ Der junge Mann blickte auf sein Glas. Er sagte nichts, doch allein das Zuhören war schon mehr, als er sich zugetraut hätte. Der Vater sprach weiter: „Du bist ein starker Kerl. Dass du den Rollstuhl selbst geholt hast – das hätte ich in deinem Alter nicht geschafft.“ Der junge Mann spürte eine Mischung aus Stolz und Unsicherheit. Er wusste, dass Worte allein nichts heilen, aber sie konnten zumindest der Anfang sein. Auf dem Heimweg Mit den Fleischkäse-Laiben im Rucksack und einem warmen Gefühl im Bauch gingen sie später gemeinsam zurück. Haaland wartete bereits zuhause, hatte in der Zwischenzeit den Ofen vorgeheizt – wie immer zuvorkommend und ruhig. Als der junge Mann ihm von der Szene im Biergarten erzählte, nickte er nur. „Manche Menschen tun sich schwer mit Nähe. Aber du… du bist trotzdem offen geblieben.“ Der junge Mann lächelte. Ja. Vielleicht war der Tag nicht groß und bedeutend – aber er war ein stiller Schritt. Ein Schritt Richtung Versöhnung. Richtung Alltagsfrieden. Richtung Fleischkäse aus dem Ofen, der bald das ganze Haus mit seinem Duft erfüllen würde. 34. Tag – Abend: FIFA, letzter Fleischkäse und ein Moment Ruhe Der Abend senkte sich langsam über die Stadt, als der junge Mann nach dem eher ungewohnten, fast friedlichen Tag endlich wieder in seinem Zimmer ankam. Haaland war bereits da, hatte die Fenster leicht geöffnet, sodass die kühle Abendluft den Tagestrotz aus der Wohnung trug. Der junge Mann stellte den Rucksack mit dem rohen Fleischkäse neben den Kühlschrank – dieser würde morgen früh vorbereitet und später im Ofen gebacken werden. Doch für heute… Der letzte Bissen Erinnerung Er öffnete den Kühlschrank. Ganz hinten, in einem unscheinbaren Plastikbehälter, lag noch ein einzelnes, dünnes Stück des alten Fleischkäses – jenes Stück, das schon einige Tage überlebt hatte, weil der junge Mann es sich für einen besonderen Moment aufgehoben hatte. Und irgendwie… fühlte sich dieser Abend genau richtig dafür an. Er legte es vorsichtig auf einen kleinen Teller und schob es für wenige Sekunden in die Mikrowelle. Als das vertraute „Bing“ ertönte und der Duft sich im Raum verteilte, schloss er für einen Moment die Augen. Es war nicht nur ein Stück Fleischkäse – es war ein Stück Kontinuität in einem Leben voller Brüche. Ein Geschmack, der ihn an ruhigere Zeiten erinnerte. Er nahm Messer und Gabel und setzte sich an den Tisch. Haaland beobachtete ihn mit einem warmen Lächeln. „Das letzte Stück?“, fragte er leise.

„Ja“, sagte der junge Mann und biss ab. „Aber morgen fangen wir mit dem neuen an.“ Noch eine Runde FIFA Später, als das kleine Abendessen beendet war, setzten sie sich wieder auf die Couch. Der Controller lag schon bereit. Der junge Mann wollte sich ablenken – nicht, weil der Tag schlecht war, sondern weil er zu viel in ihm angestoßen hatte. Gespräche mit dem Vater, Gedanken an die Zukunft, an den Rollstuhl, an alles, was kaputt war – aber auch an das, was vielleicht heilbar war. „Letztes Spiel für heute?“ fragte Haaland. Der junge Mann grinste. „Nur wenn ich diesmal gewinne.“ Sie spielten gegeneinander, wie so oft. Lachten, stöhnten bei vergebenen Chancen, schimpften über unfaire Schiedsrichterentscheidungen und klatschten sich am Ende ab. Es war keine Flucht – es war Freundschaft. Und sie tat gut. Nachtruhe Bevor er schlafen ging, nahm der junge Mann noch seine Abendmedizin. Er setzte sich ans Fenster, blickte kurz auf die Straße. Draußen war es ruhig. Die Schatten der Nacht legten sich über die Welt – aber in seinem Inneren war es dieses Mal nicht dunkel. Vielleicht war morgen wieder ein schwieriger Tag, vielleicht nicht. Aber heute… war okay. Mit diesem Gedanken legte er sich hin. In seinem Bauch ruhte der letzte Bissen alter Fleischkäse. In seinem Herzen ein wenig Hoffnung. Und während der Controller leise auf dem Tisch vibrierte, weil eine neue Nachricht im FIFAMenü aufploppte, schlief der junge Mann bereits tief und fest. 35. Tag – Mittag: Ein stiller Tag zu Hause mit dem Spieler Der Himmel war an diesem Tag bewölkt, ein paar einzelne Sonnenstrahlen kämpften sich durch die grauen Schleier. Es war der 35. Tag seit der Ankunft des Spielers im Leben des jungen Mannes – und es hatte sich so vieles verändert. Doch heute war ein ruhiger Tag geplant, zumindest für ihn. Entscheidung zum Daheimbleiben Am späten Vormittag, beim Frühstück, sagte die Mutter sanft zu ihrem Sohn: „Wir fahren gleich zu unseren alten Freunden. Die haben eingeladen. Du kannst gerne mitkommen, aber nur wenn du möchtest.“ Der junge Mann schüttelte sofort den Kopf. „Ich will lieber zuhause bleiben. Es ist mir zu viel heute… Ich will einfach einen ruhigen Tag.“ Der Vater schaute ihn prüfend an, nickte aber dann überraschend verständnisvoll. „Okay. Aber du weißt – wir sind nachher wieder da.“ „Ja, passt“, sagte der junge Mann leise, drehte sich zu Haaland und fragte: „Bleibst du bei mir?“ Der Spieler lächelte. „Natürlich. Du bist nicht allein.“ Ruhe im Zuhause Als die Eltern kurz darauf mit einem leichten Winken aus der Haustür traten und der Wagen vom Hof rollte, kehrte eine besondere Ruhe ein. Keine angespannte Energie. Kein Warten auf Ausbrüche. Nur zwei Menschen in der Wohnung, die sich gegenseitig respektierten. „Was möchtest du heute machen?“, fragte Haaland, als sie gemeinsam in der Küche standen. „Einfach nichts Großes… Vielleicht FIFA… Vielleicht bisschen Fernsehen… und einfach… nichts. Einfach mal still sein.“ „Das klingt wie ein guter Plan“, antwortete Haaland. Einfache Momente

Sie machten sich einen Tee – der junge Mann hatte schließlich kürzlich seine Teevorräte aufgefüllt – und legten sich dann aufs Sofa. Eine gemütliche Dokumentation über exotische Tiere lief im Hintergrund. Der junge Mann mochte Tiere – sie waren ehrlich, direkt, und viele von ihnen hatten eine Sanftheit, die ihn berührte. Währenddessen saßen die beiden entspannt nebeneinander. Es wurde kaum gesprochen. Und doch war der Moment bedeutungsvoll. Denn manchmal ist wahre Nähe genau das: Schweigen, das nicht unangenehm ist. Ein kleiner Spaziergang im Kopf In Gedanken durchlief der junge Mann die letzten Tage: Der kaputte Rollstuhl, die neue Couch, die Scherben, das laute, zerstörerische Verhalten seines Vaters. Und dann die Gegensätze – die FIFA-Spiele, der Besuch bei der Tante, das erste Stück Fleischkäse, das er seit langem genießen konnte, der neue alte Rollstuhl, auch wenn er seine Macken hatte. Er seufzte leise. Haaland sah ihn an. „Zu viel?“ „Nein… Ich denke nur nach.“ Ein Moment, der bleibt Am Ende des Nachmittags stand fest: Auch ein stiller Tag kann bedeutsam sein. Vielleicht sogar gerade dann. Ohne Aufregung, ohne Drama. Nur zwei Menschen in einem Wohnzimmer, ein Tee, ein bisschen FIFA, ein Sofa. Und das Gefühl: Es ist gerade gut so. Vielleicht nicht perfekt. Aber gut. Der junge Mann spürte: Es war wichtig, sich manchmal selbst diesen Raum zu geben. Und morgen? Morgen würde er wieder in die Welt hinausgehen. Aber heute war einfach… ein Zuhause-Tag. 35. Tag – Später Mittag: Wasser, Fingerfalle und ein Moment der Rettung Der Nachmittag verlief ruhig und entspannt, bis der junge Mann plötzlich auf eine spontane Idee kam. Die Eltern würden noch mindestens zwei Stunden fort sein – genug Zeit, um sich ein heißes, entspannendes Bad einzulassen. Es war schon lange her, seit er sich diesen Luxus gegönnt hatte, und heute schien genau der richtige Zeitpunkt dafür zu sein. „Ich lasse mir mal kurz ein Bad ein“, sagte er zu Haaland, der zustimmend nickte und weiter auf der Couch saß und entspannt ein Buch las. Das Wasser läuft – Ein kleiner Zwischenfall Im Badezimmer öffnete er den Wasserhahn und regulierte das Wasser auf eine angenehme Temperatur. Während die Wanne sich langsam mit dampfendem, warmem Wasser füllte, fiel sein Blick auf eine kleine, ungewöhnliche Sache, die seine Eltern neulich mitgebracht hatten: eine klassische, chinesische Fingerfalle aus Bambusgeflecht, die jemand als Scherzartikel beim letzten Treffen verteilt hatte. Neugierig nahm er sie zur Hand und schob zunächst einen Finger hinein, dann noch den zweiten. Mit einem Ruck zog er kurz daran – und stellte sofort entsetzt fest, dass sich die Falle fester zog, je stärker er versuchte, sich zu befreien. „Oh nein“, murmelte er. „Verdammt.“ Das Wasser in der Wanne lief indes ununterbrochen weiter und füllte die Badewanne schon deutlich über die Hälfte. Die Rettung durch den Spieler Der junge Mann ging eilig und etwas panisch zurück ins Wohnzimmer, die Hände hilflos ineinander verstrickt vor sich haltend.

„Ich glaube, ich brauch deine Hilfe“, sagte er mit leicht verlegenem Ton zu Haaland, der sofort aufsprang. „Was ist passiert?“ „Fingerfalle. Irgendwie… sitzen die Finger fest. Und das Wasser läuft schon.“ Haaland schmunzelte freundlich. „Komm her. Keine Sorge, ich hab das früher mal erlebt.“ Vorsichtig nahm er die Hand des jungen Mannes. „Nicht ziehen. Ganz sanft die Falle nach innen drücken und langsam drehen. Genau so…“, sagte er ruhig und beruhigend. Nach einigen vorsichtigen, geduldigen Bewegungen löste sich die Falle endlich. Der junge Mann atmete erleichtert auf. „Danke, wirklich… danke. Ohne dich hätte ich das Ding wohl nie mehr abbekommen.“ Ein beruhigendes Bad Zurück im Badezimmer stellte er erleichtert fest, dass die Badewanne zwar fast voll war, aber noch rechtzeitig gerettet werden konnte. Haaland stand im Türrahmen und warf einen prüfenden Blick hinein. „Alles in Ordnung?“ „Ja. Ich passe jetzt besser auf“, sagte der junge Mann lächelnd. „Aber bleib bitte in der Nähe.“ Der Spieler nickte und setzte sich draußen in den Flur, in Sichtweite. Der junge Mann tauchte langsam ins warme Wasser ein. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Trotz des kleinen Zwischenfalls fühlte sich dieser Moment nun umso beruhigender an – die Wärme des Wassers, die Stille, und das Gefühl, dass draußen jemand auf ihn aufpasste. Manchmal bedeuteten gerade die kleinen Pannen und Rettungen mehr als perfekte Momente – denn sie zeigten, dass man in Sicherheit war, selbst wenn mal etwas schiefging. 35. Tag – Früher Abend: Der Spinner, die Suche und ein gemeinsames Essen Der junge Mann war voller Vorfreude. Er hatte sich vorgenommen, am frühen Abend nach Bretzenheim zu gehen, um dort in seinem Lieblingslokal etwas Warmes zu essen. Die Idee, alleine dort zu sitzen, in Ruhe zu essen, vielleicht Pokémon GO zu spielen und einfach den Tag abzuschließen, gefiel ihm. Doch als er sich gerade fertig machen wollte, spürte er diesen einen typischen Drang: „Wo ist mein Spinner?“ Er hatte das kleine Gerät seit einigen Tagen immer bei sich getragen – es beruhigte ihn, half ihm, sich zu fokussieren und war für ihn mehr als nur ein Spielzeug. Es war ein kleines Werkzeug zur Reizregulierung. Die verzweifelte Suche Fast panisch begann der junge Mann, in der ganzen Wohnung zu suchen. Erst das Wohnzimmer, dann sein Zimmer, dann das Badezimmer. Er durchwühlte sogar seinen Rucksack, die Bettwäsche, die Couchritzen, und sogar den Mülleimer – nichts. Der Spinner blieb verschwunden. Haaland, der die Unruhe bemerkte, stand leise auf und kam zu ihm. „Alles okay?“ fragte er ruhig. „Ich finde meinen Spinner nicht… Ich kann ohne den nicht weggehen, nicht essen. Ich wollte doch nach Bretzenheim.“ „Vielleicht taucht er noch auf. Manchmal findet man etwas erst, wenn man loslässt“, sagte der Spieler mit ruhiger Stimme. Doch der junge Mann schüttelte den Kopf. Die Minuten verstrichen, dann Stunden. Drei Stunden suchte er. Als die Sonne langsam unterging, saß er erschöpft auf dem Sofa. Haalands Vorschlag

Haaland setzte sich neben ihn. „Ich weiß, dass dir der Spinner wichtig ist. Aber du musst auch etwas essen. Du warst heute tapfer und hast so viel geschafft. Willst du wirklich den ganzen Abend hungrig hier sitzen?“ Der junge Mann schwieg. „Dann geh nicht alleine. Ich komme mit. Nur wir zwei. Kein Stress. Kein Lärm. Einfach zusammen was essen gehen. Wir können auch was holen, wenn du lieber draußen isst.“ Der junge Mann atmete tief durch und nickte dann langsam. „Okay. Aber… wenn ich mich schlecht fühle… dann sagst du’s mir, ja?“ „Versprochen“, sagte Haaland und stand auf. „Zieh dich an, ich bin bei dir.“ Ein stiller Moment beim Essen Kurze Zeit später saßen sie draußen vor einem kleinen Restaurant in der Nähe, nicht in Bretzenheim, aber ruhig und freundlich. Der junge Mann entschied sich für ein einfaches Gericht – etwas, das er mochte und kannte. Haaland bestellte sich auch etwas, mehr, um da zu sein als aus Hunger. Während sie aßen, beobachtete der junge Mann die vorbeigehenden Menschen. Er wirkte ruhiger. Die Enttäuschung über den verlorenen Spinner war noch spürbar, aber durch das ruhige Zusammensein mit dem Spieler war sie nicht mehr überwältigend. „Danke, dass du mitgekommen bist“, sagte er leise. „Danke, dass du trotzdem gegangen bist“, antwortete Haaland. Sie lachten kurz. Und auch wenn der Spinner nicht gefunden war, hatte der junge Mann an diesem Abend etwas anderes gefunden: eine kleine Erinnerung daran, dass man auch ohne bestimmte Dinge gut sein kann – solange man jemanden an seiner Seite hat. 35. Tag – Später Abend: Ein Feldweg, FIFA und ein Moment der Ruhe Nachdem der junge Mann und Haaland gemeinsam gegessen hatten, war es bereits leicht dämmrig. Die Luft war angenehm warm, nicht zu schwül, und der Himmel über Mainz war in ein sattes Orange-Rot getaucht. Als sie das Restaurant verließen, fragte Haaland: „Wollen wir direkt nach Hause oder noch ein bisschen frische Luft schnappen?“ Der junge Mann zögerte kurz, dann zeigte er mit einem leichten Lächeln auf einen kleinen Feldweg, der direkt neben dem Wohngebiet entlangführte – ein Pfad, den er schon als Kind oft mit seiner Mutter gegangen war, wenn er seine Gedanken sortieren musste. „Gehen wir übers Feld zurück“, sagte er leise. Auf dem Feldweg Die beiden liefen nebeneinander her, der Kies knirschte unter ihren Schuhen, und das hohe Gras raschelte leicht im Abendwind. Es roch nach Heu, nach Erde und einem Hauch von Sommerregen, obwohl keiner gefallen war. Der junge Mann schaute schweigend in die Ferne, wo man die Lichter der Stadt langsam aufblinken sah. Haaland sprach nicht viel. Er spürte, dass der junge Mann gerade seine eigenen Gedanken sortierte – über den verlorenen Spinner, über den Badvorfall am Nachmittag, über die letzten Wochen, in denen so vieles passiert war. Nach etwa 25 Minuten verließen sie den Feldweg und kamen wieder im vertrauten Viertel an. Der junge Mann sah noch einmal zurück auf das offene Feld – eine kleine Oase der Ruhe mitten im Trubel der letzten Zeit. Zuhause: Ein letztes Spiel Wieder daheim angekommen, war es fast 22 Uhr. Die Eltern waren noch nicht zurück, die Wohnung war ruhig. Im Wohnzimmer flackerte noch das warme Licht der Stehlampe, und auf dem Tisch stand der Controller – wie eine Einladung zum Abschalten. „Eine Runde FIFA?“ fragte Haaland mit einem Grinsen.

„Nur eine“, antwortete der junge Mann. „Ich muss noch duschen und… meine Medizin nicht vergessen.“ Sie starteten das Spiel. Der junge Mann spielte mit seinem Lieblingsteam Mainz 05, Haaland nahm Manchester City. Die Partie war intensiv, voller Lachen, Fangesänge und lautem Jubel. Der junge Mann gewann 4:2 und riss am Ende die Arme hoch. „Noch nie so gut gespielt wie heute“, meinte er stolz. Ein letzter Gedanke vorm Schlafen Nachdem das Spiel vorbei war, stellte der junge Mann sicher, dass er seine Schlafmedizin nahm und sich alles für die Nacht vorbereitete. Im Bad wusch er sich das Gesicht, sah kurz in den Spiegel – erschöpft, aber auch zufrieden. Als er sich im Bett zudeckte, drehte er sich zu Haaland, der auf der Matratze neben ihm lag. „Danke für heute. Ich hätte es alleine nicht geschafft.“ Haaland lächelte: „Du hast es geschafft. Ich war nur dabei.“ Dann flüsterten sie sich eine gute Nacht zu – und der junge Mann schlief tief und fest, mit dem beruhigenden Gefühl, nicht alleine zu sein. Draußen zog langsam eine leichte Sommerbrise durch die Straßen von Mainz. 35. Tag – Tiefe Nacht: Schatten vor dem Haus Es war weit nach Mitternacht, und Mainz schlief ruhig unter dem dunklen Himmel. Die Straßenlampen leuchteten blass, ihr Licht ließ lange Schatten auf den Gehwegen tanzen. Alles schien friedlich, fast unwirklich still – doch genau in dieser Ruhe lag etwas Beunruhigendes verborgen. Die seltsame Frau, die der junge Mann und Haaland am Friedhof getroffen hatten, stand in einer Seitenstraße, von der aus man direkt auf das Haus des jungen Mannes blicken konnte. Ihre Hände waren fest um ein kleines, abgewetztes Notizbuch geklammert. Ihr Gesicht wurde durch den Schatten ihrer Kapuze verdeckt, doch ihr Blick war fest und hart. Sie murmelte leise, fast als spreche sie zu sich selbst – kalt, verbittert, voller Zorn: „So, so… du hast also einen Rollstuhl geholt, obwohl du doch laufen kannst. Was für ein Betrug. Und dann hast du süße kleine Tiere gestreichelt, mit deinem Vater gemütlich etwas getrunken… Du denkst wohl, du kannst einfach weiterleben wie bisher, ungestraft?“ Sie machte einige Notizen ins Buch, hektische, zornige Buchstaben, schrieb jede Einzelheit des heutigen Tages nieder – Uhrzeiten, Wege, Begegnungen. Jeder Moment, jede Beobachtung wurde sorgfältig festgehalten. Zwischendurch blätterte sie Fotos durch, die sie heimlich gemacht hatte: Der junge Mann und Haaland am Rheinufer, vor dem Lokal, beim Spaziergang über das Feld, und auch jenes Bild, auf dem er liebevoll die schwarze Katze streichelte. Ihre Stimme wurde bedrohlich dunkel: „Du wirst schon sehen, was passiert. Am Montag erwartet dich eine Überraschung – eine Überraschung, die alles verändert. Und jeder, der versucht, dich zu schützen – dein Vater, deine Mutter, dein sogenannter Freund – jeder einzelne wird meinen Zorn spüren.“ Sie schloss das Notizbuch energisch, steckte es tief in ihre Tasche zurück und starrte hinauf zu seinem Fenster, hinter dem der junge Mann nichtsahnend schlief. Ein letztes Mal zischte sie wütend: „Du wirst noch bereuen, dass du mich und die Welt belogen hast.“ Dann drehte sie sich um und verschwand lautlos in der Dunkelheit, zurückblieben nur die langen Schatten und eine unheimliche Vorahnung, die durch die Nacht kroch – unbemerkt vom jungen Mann und Haaland, die friedlich schliefen, ohne zu ahnen, was der Montag bringen würde. 36. Tag – Morgen: Der Weg zur Blutabnahme

Schon früh am Morgen klingelte der Wecker. Der junge Mann erwachte mit einem leichten Druckgefühl im Magen – heute stand die Blutabnahme an, ein Termin, der ihm nie wirklich angenehm war. Dennoch wusste er, wie wichtig regelmäßige Untersuchungen waren. Er zog sich langsam an, trank vorsichtig ein Glas Wasser, denn er sollte nüchtern bleiben. Dann ging er hinaus ins Wohnzimmer, wo Haaland bereits wartete. „Alles okay?“, fragte Haaland mit ruhiger Stimme, denn er wusste, dass dieser Tag dem jungen Mann Unbehagen bereitete. „Nicht wirklich. Blutabnahme mag ich nicht besonders“, antwortete der junge Mann ehrlich. „Aber wir sollten langsam los.“ Gemeinsam zur Praxis Wenig später liefen sie bereits nebeneinander durch die Straßen. Die morgendliche Luft war angenehm frisch. Haaland ging aufmerksam neben ihm und redete sanft auf ihn ein, um seine Nervosität etwas zu beruhigen. „Es ist schnell vorbei. Ich bin direkt bei dir.“ Der junge Mann nickte still. Diese Worte halfen ihm mehr, als er zugeben mochte. Ankunft in der Arztpraxis In der Praxis herrschte bereits reger Betrieb. Es war Montagmorgen, viele andere Patienten warteten ebenfalls auf ihre Untersuchungen. Der junge Mann meldete sich an der Rezeption, bekam eine Nummer und setzte sich mit Haaland auf die Wartebank. Seine Hände zitterten leicht, Haaland legte beruhigend eine Hand auf seinen Rücken. „Versuch tief zu atmen. Es geht schnell.“ Die Blutabnahme „Herr Zimmermann, bitte ins Labor“, rief eine freundliche Stimme nach einer Weile. Der junge Mann stand auf und atmete tief durch. Haaland begleitete ihn bis vor die Tür des Untersuchungszimmers. „Ich warte direkt hier draußen. Denk einfach daran, dass es gleich vorbei ist.“ Im Labor begrüßte ihn eine freundliche, ältere Arzthelferin: „Keine Sorge, es wird schnell gehen.“ Während sie den Arm vorbereitete, blickte der junge Mann zur Seite, vermied den Anblick der Nadel und versuchte sich auf seine Atmung zu konzentrieren. Er spürte nur einen kleinen Pieks, atmete ruhig weiter, und nach wenigen Sekunden sagte die Helferin: „Fertig. War doch gar nicht schlimm, oder?“ Er lächelte vorsichtig: „Danke, war okay.“ Erleichterung danach Zurück auf dem Flur stand Haaland sofort auf. „Wie ging's?“ „Besser als ich dachte“, sagte der junge Mann, erleichtert und stolz zugleich. Gemeinsam verließen sie die Praxis. Die Luft draußen wirkte nun besonders angenehm. Der junge Mann spürte, wie sich seine Muskeln lockerten. „Jetzt was frühstücken?“, fragte Haaland lächelnd. Der junge Mann nickte energisch. „Ja, jetzt hab ich Hunger.“ Sie liefen langsam weiter – die Blutabnahme lag hinter ihnen, der Tag konnte beginnen, und im Inneren des jungen Mannes breitete sich eine wohltuende Ruhe aus, die er heute morgen noch nicht erwartet hätte. 36. Tag – Mittag: Gemeinsamer Besuch auf dem Johannisfest Nach der überstandenen Blutabnahme, einem ausgiebigen Frühstück und etwas Ruhe zu Hause, schlug die Mutter des jungen Mannes gegen Mittag vor, gemeinsam auf das Johannisfest zu gehen. „Heute Mittag ist es noch nicht so voll, wir könnten zusammen beim

Balzer eine Bratwurst essen“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln. Der Vater, überraschend ruhig an diesem Tag, nickte nur wortlos und zog sich die Jacke an. Der junge Mann freute sich über die Idee, vor allem weil auch Haaland dabei sein würde. „Solange ich eine Bratwurst bekomme – bin ich dabei“, sagte er mit einem Grinsen. Ankunft auf dem Fest Das Johannisfest war bereits gut besucht, aber die ganz große Menschenmenge würde erst am Abend kommen. Überall roch es nach gebrannten Mandeln, Zuckerwatte, frisch gebackenen Brezeln und natürlich nach Bratwurst vom Grill. Gemeinsam bahnten sich die vier ihren Weg zur Balzer-Bude – die für ihre deftige, gut gewürzte Bratwurst bekannt war. Der junge Mann freute sich darauf, denn es war für ihn ein kleines Ritual geworden, jedes Jahr mindestens eine Balzer-Wurst beim Johannisfest zu essen. „Vier mal mit Senf, wie immer?“, fragte die Mutter, während sie zur Theke ging. Der junge Mann nickte. Bratwurst und Atmosphäre Sie setzten sich an einen der Stehtische mit Blick auf den Rhein. Die Sonne schien angenehm warm auf ihre Gesichter. Der Vater aß still, die Mutter erzählte kleine Anekdoten von früheren Festen, und der Spieler hörte interessiert zu, während der junge Mann genüsslich an seiner Bratwurst kaute. „Die schmeckt einfach jedes Jahr gleich gut“, sagte er zufrieden. „Du wartest ja auch immer das ganze Jahr darauf“, scherzte Haaland. Rundgang über das Fest Nach dem Essen schlenderten sie noch gemeinsam über das Festgelände. Sie sahen sich einige Stände mit handgemachten Schmuckstücken und kleinen Spielwaren an. Der junge Mann blieb bei einem Stand mit selbstgemachten Seifen stehen, roch an ein paar davon, und überlegte, ob er sich eine als Geschenk für die Tante mitnehmen sollte. Der Vater blieb etwas abseits, wirkte aber ungewöhnlich ruhig. Haaland und der junge Mann unterhielten sich über die bunten Lichterketten, die bereits aufgehängt waren und darauf warteten, mit Einbruch der Dunkelheit zu leuchten. Kurz innehalten Als sie an einem kleinen Springbrunnen vorbeikamen, setzte sich der junge Mann kurz auf eine Bank. Die Geräusche des Festes – das Lachen, die Musik, das Klappern von Geschirr – mischten sich mit dem sanften Plätschern des Wassers. „Es ist schön heute“, sagte er leise. „Ja“, sagte Haaland, der sich neben ihn setzte. „Und du wirkst heute auch etwas entspannter.“ Der junge Mann nickte langsam. „Vielleicht, weil wir mal alle zusammen unterwegs sind. Ohne Streit. Ohne irgendwas, das kaputt geht.“ Sie blieben noch ein paar Minuten sitzen, dann schlossen sie sich wieder den Eltern an, die an einem Stand mit handgefertigten Holzfiguren warteten. Der Tag fühlte sich friedlich an – eine seltene, aber wertvolle Pause inmitten der oft so turbulenten Tage. 36. Tag – Sehr später Abend: Begegnung, Chips & eine lange Nacht Es war bereits gegen 22:30 Uhr, als die kleine Gruppe um den jungen Mann – seine Mutter, sein Vater und Haaland – noch immer auf dem Johannisfest verweilte. Die Menschenmenge war nun deutlich größer geworden, überall flimmerten bunte Lichter, die Musik wurde lauter, die Stimmung fröhlicher. Gerade als sie überlegten, langsam den Heimweg anzutreten, begegneten sie einem älteren Nachbarn, Herrn Seifert, der mit seiner Frau zufällig auf dem Fest unterwegs war. „Na sowas!

Ihr auch hier?“, rief er lachend, als er den jungen Mann erkannte. Er wohnte zwei Straßen weiter und war bekannt für seine lauten, aber freundlichen Gespräche. Der junge Mann mochte Herrn Seifert. Früher hatte er ihn öfter im Treppenhaus gesehen, und sie hatten hin und wieder über Fußball oder das Wetter gesprochen. Heute aber stand der Mann in bester Feierlaune da – mit einem Bier in der Hand und einem leichten Sonnenhut auf dem Kopf. „Na, bleibt ihr noch ein bisschen? Wir wollten gerade was trinken holen. Kommt doch mit!“ Die Mutter zögerte, aber der Vater stimmte zu, überraschenderweise in relativ entspannter Stimmung. Also blieben sie. Die verlängerte Feier Gemeinsam setzten sie sich an einen der großen, beleuchteten Holztische etwas abseits des Trubels. Dort saßen bereits andere Bekannte aus der Nachbarschaft. Es wurde erzählt, gelacht und diskutiert. Der junge Mann trank diesmal nur eine Cola und lauschte den Gesprächen, während Haaland sich mit einem anderen jungen Mann über norwegisches Essen unterhielt. Die Mutter plauderte mit Frau Seifert, und der Vater schien für den Moment in eine ruhigere Rolle geschlüpft zu sein. Es war warm, die Nachtluft angenehm. Über dem Rhein spiegelten sich die bunten Lichter des Festes. Um Mitternacht stieg sogar noch ein kleines Feuerwerk in die Höhe, was den jungen Mann überraschte – es war nicht angekündigt gewesen. Er zuckte beim ersten Knall leicht zusammen, entspannte sich dann aber, als er sah, wie die Farben am Himmel tanzten. Heimweg Erst um 01:30 Uhr verabschiedeten sie sich schließlich von den Nachbarn. Der Heimweg war ruhig, nur ab und zu hörte man entferntes Gelächter oder Musik, die langsam verebbte. Als der junge Mann und Haaland schließlich um kurz nach 2 Uhr nachts durch die Tür traten, war die Wohnung still. Die Eltern gingen direkt schlafen, während der junge Mann mit Haaland noch kurz in der Küche stehen blieb. „Ich brauch noch was Salziges“, sagte der junge Mann plötzlich. Haaland grinste. „Lass mich raten… Chips?“ Der junge Mann kramte in einem Schrank und zog eine halbvolle Tüte Chips hervor. „Die da tun’s noch. Willst du auch?“ „Ein paar, klar.“ Nachtstille Sie saßen noch ein paar Minuten auf dem Sofa, teilten sich die Chips und schauten wortlos auf einen stumm geschalteten Fernseher, auf dem eine Naturdoku lief. Es war still – aber keine unangenehme Stille. Sondern eine, die sagte: Heute war viel, aber es war okay. Um 3:10 Uhr sagte Haaland: „Ich geh schon mal rüber. Schlaf gut.“ Der junge Mann nickte. Er trank seinen letzten Schluck Wasser, schaltete den Fernseher aus, räumte den Chipstütenrest weg und stellte noch schnell seine Medizinbox für den nächsten Tag bereit. Er war müde, aber irgendwie auch zufrieden – wie nach einem langen, aber gelungenen Tag. Um 3:40 Uhr fiel er schließlich ins Bett, atmete einmal tief durch, und glitt dann langsam in den Schlaf. 37. Tag – Sehr früher Morgen: Aufbruch zum Schiff nach Heidelberg Bereits kurz nach 6 Uhr riss der Wecker den jungen Mann aus seinem kurzen Schlaf. Nach der langen Nacht war das Aufstehen schwierig – seine Augen waren schwer, und für einen kurzen Moment fragte er sich, warum er sich überhaupt diesen Ausflug nach Heidelberg vorgenommen hatte.

Doch der Gedanke an die lange Schifffahrt auf dem Rhein, die für ihn eine besondere Bedeutung hatte, ließ ihn schließlich aufstehen. Heute würde er mit seiner Mutter, dem Vater, Haaland und einer Freundin seiner Mutter nach Heidelberg fahren – eine Fahrt, die nicht nur acht Stunden dauern, sondern ihn auch an einen Ort führen würde, mit dem zuletzt schwierige Erinnerungen verbunden waren. Vorbereitung in aller Frühe Er zog sich ruhig und bedacht an, packte seinen kleinen Rucksack, legte vorsichtig seine Medizin hinein und überprüfte noch einmal alles. Ein paar Snacks, eine Wasserflasche, Kopfhörer und sein Handy – alles Wichtige war dabei. Im Wohnzimmer war bereits Bewegung: Die Mutter richtete gerade frische Brötchen für unterwegs her, während der Vater schweigend den Wetterbericht auf seinem Handy überprüfte. Haaland saß bereits fertig angezogen auf der Couch und lächelte ihm zu. „Bereit für die Fahrt?“ „Ich denke schon“, sagte der junge Mann und atmete tief durch. „Ich hoffe nur, heute läuft alles gut.“ „Es wird alles okay sein“, versicherte Haaland ruhig. Treffen an der Schiffsanlegestelle Die Gruppe verließ um kurz nach 8 Uhr die Wohnung, ging zu Fuß zur Rheinuferpromenade. An der Schiffsanlegestelle wartete bereits die Freundin seiner Mutter – Sonja, eine gut gelaunte Frau mit rotem Haar, die er lange nicht mehr gesehen hatte. Sie winkte fröhlich, als sie näher kamen. „Guten Morgen, ihr Lieben! Habt ihr auch so schlecht geschlafen wie ich?“ „Kurze Nacht“, erwiderte die Mutter lächelnd. Der Vater grüßte freundlich, wenn auch etwas knapp. Der junge Mann nickte höflich und blieb zunächst still. Er war innerlich angespannt, versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen. Gemeinsam warteten sie, bis das Schiff endlich in Sichtweite kam. Warten auf das Schiff Während sie auf die Ankunft des Schiffs warteten, ging der junge Mann einen Schritt näher zum Ufer. Er blickte auf den Fluss, die sanften Wellen, und atmete langsam und bewusst. Haaland stellte sich ruhig neben ihn. „Geht’s dir gut?“ Der junge Mann nickte langsam. „Nur etwas nervös. Ich weiß nicht genau, wie es wird. Die letzte Begegnung mit Oma war… schwierig.“ „Ich weiß. Aber du bist nicht allein.“ Diese Worte halfen ihm. Er drehte sich um und sah zur Mutter und ihrem Vater, die entspannt mit Sonja redeten. Die Stimmung schien tatsächlich ruhig zu sein, und für den Moment wirkte es so, als könnte es ein guter Tag werden. Ankunft des Schiffes Kurz vor 9 Uhr tauchte das große Schiff auf – majestätisch, hellweiß lackiert, mit dem Namen „Rheinkönigin“. Die Passagiere an Bord winkten schon fröhlich zu ihnen hinüber. Der junge Mann spürte, wie sein Puls schneller wurde. Doch Haalands ruhige Anwesenheit half ihm dabei, seine Nervosität zu bändigen. „Das wird eine schöne Fahrt“, sagte Sonja munter, während sie sich alle bereit machten, an Bord zu gehen. Die Mutter lächelte zustimmend, der Vater wirkte heute erstaunlich friedlich. Schließlich ging der junge Mann langsam hinter seiner Familie über den Steg. Haaland lief dicht hinter ihm – ruhig und achtsam. Ein Schritt aufs Deck, und sie waren an Bord.

Die Fahrt nach Heidelberg begann – acht Stunden auf dem Rhein, Zeit für Gespräche, Ruhe, vielleicht auch für Versöhnung und neue Erinnerungen. Der junge Mann atmete tief durch, bereit, sich dem heutigen Tag zu stellen. 37. Tag – Vormittag: Frühstück auf dem Boot und eine späte Überraschung Das Schiff glitt gemächlich den Rhein entlang. Der Himmel war hellblau, ein paar Schäfchenwolken zogen gemächlich vorbei, und die Sonne spiegelte sich funkelnd auf dem Wasser. Drinnen, im Speisesalon des Schiffs, saß die kleine Reisegruppe an einem Tisch am Fenster. Der junge Mann hatte einen Platz mit Blick auf das ruhige Wasser gewählt. Neben ihm saß Haaland, gegenüber die Mutter, der Vater und Sonja – die Freundin der Mutter, die ihn mit ihrer fröhlichen Art inzwischen etwas aufgelockert hatte. Ein Kellner brachte ihnen frische Brötchen, Rührei, Wurst, Käse und eine Kanne Kaffee. Für den jungen Mann gab es Tee. Er hatte sich extra dafür entschieden, heute keinen Kaffee zu trinken, um ruhig zu bleiben. Er nahm vorsichtig einen Schluck, genoss die Wärme und die angenehme Stille um sich herum. Die Überraschung Noch während sie frühstückten, holte Sonja plötzlich eine kleine Karte aus ihrer Handtasche. Sie war in zartem Blau gehalten, mit silbernen Luftballons auf der Vorderseite. Sie lächelte verschmitzt, sah den jungen Mann direkt an und sagte: „Ich weiß, dein Geburtstag war schon eine Weile her… aber ich habe dir etwas Kleines mitgebracht. Ich wollte dich das letzte Mal schon sehen, aber es hat ja leider nicht geklappt.“ Der junge Mann sah überrascht auf, nahm die Karte vorsichtig entgegen. Für einen Moment wirkte er ganz still – fast gerührt. Niemand hatte außerhalb seiner Familie in letzter Zeit so etwas Persönliches für ihn gemacht. Er öffnete die Karte. Innen war eine liebevolle, handgeschriebene Botschaft: „Lieber [Name], ich wünsche dir alles Gute nachträglich zu deinem Geburtstag. Du bist ein besonderer junger Mann, mit einem offenen Herzen und einem starken Willen. Bleib dir treu – die Welt braucht Menschen wie dich. Deine Sonja “ Unter der Karte steckte ein kleiner Gutschein für ein Eiscafé in Mainz – mit dem Zusatz: „Vielleicht gehen wir ja gemeinsam.“ Seine Reaktion Der junge Mann wusste erst nicht, was er sagen sollte. Er schaute die Karte lange an, dann zu Sonja, dann wieder zur Karte. Schließlich lächelte er vorsichtig. „Danke… das bedeutet mir viel“, sagte er leise. Sonja beugte sich ein wenig vor und sagte herzlich: „Ich hoffe, es war okay. Ich weiß, dass du nicht immer gern im Mittelpunkt stehst… aber es ist wichtig, dass du weißt: Du wirst gesehen.“ Die Mutter nickte zustimmend. „Das war wirklich eine schöne Idee.“ Haaland lächelte ihm ebenfalls zu. „Wirklich schön geschrieben. Und Eiscafé klingt gut.“ Ein ruhiger Moment Der Rest des Frühstücks verlief angenehm ruhig. Der Vater blieb still, aber unauffällig freundlich. Die Atmosphäre war warm – fast familiär. Der junge Mann blickte noch einmal auf die Karte, bevor er sie sorgsam in sein Notizbuch legte. Für ihn war dieser Moment besonders – nicht, weil es ein Geschenk war, sondern weil es ein Zeichen war, dass jemand an ihn gedacht hatte. Und dass er nicht nur „ein Mitreisender“ war, sondern ein Mensch, der wertgeschätzt wurde.

Draußen zogen Burgen und Weinberge am Flussufer vorbei. In diesem Moment spürte der junge Mann, wie sich in ihm ganz langsam wieder ein kleines Stück Vertrauen aufbaute – in die Welt, in andere Menschen… und in sich selbst. Noch lagen viele Stunden vor ihnen, doch dieser Morgen auf dem Boot hatte bereits seine ganz eigene Bedeutung bekommen. 37. Tag – Mittag auf dem Schiff: Eine lange Fahrt und ein gemeinsames Essen Nachdem sie ihr Frühstück beendet hatten, vergingen die Stunden gemächlich, aber dennoch angenehm. Das Schiff fuhr ruhig weiter den Rhein hinunter, vorbei an kleinen, malerischen Dörfern, Weinbergen und alten Burgen, die auf den Hügeln thronten wie stumme Wächter vergangener Zeiten. Die Gruppe saß wieder zusammen – der junge Mann, der Spieler, die Mutter, der Vater und Sonja – und sie wechselten die Plätze zwischen Innenraum und Außendeck. Der junge Mann hatte sich in eine ruhige Ecke auf dem Oberdeck zurückgezogen. Der Wind fuhr ihm sanft durchs Haar, und er betrachtete die vorbeiziehende Landschaft mit ruhigem Blick. Neben ihm saß Haaland, der schweigend mit seinem Handy spielte, aber gelegentlich zum jungen Mann rübersah. Es war kein Reden nötig. Allein die Nähe war in dem Moment wertvoll genug. Ab und zu kam Sonja zu ihnen und berichtete mit Begeisterung von Burgen, die sie schon einmal besucht hatte. Die Mutter machte viele Fotos, vor allem von den Weinbergen und der Loreley, an der sie später vorbeifuhren. Der Vater blieb meist still, saß aber in Reichweite und bestellte sich ab und zu ein Bier. 13:30 Uhr – Das Mittagessen Gegen halb zwei wurde im Restaurantbereich des Schiffes das Mittagessen serviert. Die Gruppe hatte einen Tisch reserviert. Es war ein einfacher, aber liebevoll gedeckter Tisch mit Blick auf das Wasser. Die Speisekarte war klein, aber vielfältig. Zur Auswahl standen: • Rheinischer Sauerbraten mit Rotkohl und Klößen • Schnitzel mit Pommes oder Kartoffelsalat • Spaghetti mit Tomatensoße (vegetarisch) • Ein frischer Salatteller mit Feta und Walnüssen Der junge Mann entschied sich nach kurzem Überlegen für das Schnitzel mit Kartoffelsalat. Haaland nahm dasselbe, die Mutter wählte den Sauerbraten, Sonja den Salatteller, und der Vater – wie zu erwarten – das Schnitzel mit Pommes. Als das Essen kam, roch es angenehm nach Gewürzen und frisch gebratenem Fleisch. Der junge Mann hatte plötzlich einen gesunden Appetit, obwohl die letzten Tage oft schwer gewesen waren. Das Schiff wackelte kaum merklich, aber es fühlte sich alles stabil und sicher an. Ein Moment des Friedens Beim Essen unterhielten sie sich über harmlose Dinge: Welche Orte sie auf der Rückfahrt sehen würden, wie lange sie wohl insgesamt unterwegs seien, und ob sie irgendwann gemeinsam mal nach Köln oder Trier fahren wollten. Haaland erzählte ein paar Anekdoten von seiner Heimat Norwegen, und der junge Mann hörte aufmerksam zu. Die Atmosphäre war fast wie ein kleiner Familienausflug – ein seltenes Gefühl für ihn. Sonja lobte das Essen und erzählte, dass sie früher oft solche Flussfahrten mit ihrer Mutter gemacht hatte. Die Mutter des jungen Mannes lächelte sanft und sagte: „Es tut gut, mal rauszukommen.“ Der junge Mann schwieg meist, aber das war für die anderen in Ordnung. Als Haaland ihm später einen kleinen Witz zuflüsterte, schmunzelte er doch – ein echtes, kleines Lächeln, das Haaland mit einem freudigen Nicken quittierte.

Nach dem Essen Nach dem Essen tranken sie noch Kaffee und Tee. Der junge Mann entschied sich für einen Kamillentee, den er ganz langsam trank. In seinem Notizbuch, das er fast immer dabeihatte, schrieb er leise ein paar Sätze auf – über das Essen, das Wasser, das Licht, das durch die Scheiben fiel. Vielleicht würde er diese Reise nie vergessen – nicht wegen der Orte, sondern wegen der Momente der Stille, der Anerkennung, des Zusammenseins. Noch lagen drei Stunden Fahrt vor ihnen. Doch bis jetzt war dieser Tag einer der friedlichsten und angenehmsten seit Langem. Was auch immer noch kommen mochte – dieser Moment, dieser Tisch, diese Fahrt auf dem Wasser, waren ein Geschenk, das niemand ihm nehmen konnte. 37. Tag – Nachmittag bis Abend: Schleusenabenteuer auf dem Neckar Die Rheinfahrt lag längst hinter ihnen, als die Rheinkönigin in Mannheim in den Neckar einbog. Schon vor dem Abzweig hatten sie in der Ferne noch das wuchtige Kühlturm-Profil von Biblis gesehen – der Vater hatte es sofort erkannt und stolz erklärt, das sei das berühmte stillgelegte Kernkraftwerk, obwohl es eigentlich viel weiter westlich lag. Haaland machte ein Foto, der junge Mann notierte sich staunend den Namen; Sonja lachte: „Ein Wahrzeichen, das niemand wirklich vermisst, aber jeder sofort erkennt.“ Schleuse 1 – Feudenheim: Aufregend wie ein Fahrstuhl Kurz darauf setzte das Schiff zum ersten Neckarschleusen-Manöver an: die große Schleuse Feudenheim. Die Stahltore öffneten sich wie gewaltige Mäuler, das Schiff glitt mit nur wenigen Zentimetern Abstand an den Betonwänden hinunter. Alle standen an Deck, hielten sich am Geländer fest und spürten, wie das Wasser langsam ablief und das Schiff Zentimeter für Zentimeter in die Tiefe sank. Der junge Mann beobachtete gebannt das glitschige Mauerwerk, an dem sich Wasserpflanzen und Muscheln festgesetzt hatten. „Wie ein Riesenfahrstuhl“, flüsterte er. Als die unteren Tore sich öffneten, vibrierte das ganze Schiff leicht – ein Moment, in dem er regelrecht Gänsehaut bekam. Schleuse 2 – Ilvesheim: Die Zeitdehnung Die zweite Schleuse bei Ilvesheim kam kaum zwanzig Minuten später – doch diesmal hieß es warten. Erst tuckerte ein langer Frachter hinein, dann dauerte das Senken ewig. Die Sonne brannte inzwischen, Wind wehte kaum. Die Mutter suchte Schatten, Sonja kaufte allen Eis am Bordkiosk, und der Vater begann sichtbar unruhig auf und ab zu gehen. Der junge Mann lehnte am Geländer, drehte langsam den Eislöffel zwischen den Fingern. Die Faszination des ersten Manövers wich dumpfer Langeweile. „Wie lange noch?“, flüsterte er Haaland zu. Der Spieler grinste. „Geduld – ein Schleusengang fürs Gemüt.“ Doch auch ihm wurde die Sonne zu viel; sie setzten sich schließlich in den halbbeschatteten Salon und hörten Musik. Schleuse 3 – Ladenburg/Schwabenheim: Endlose Stille Eine gute Stunde später, bei Schleuse 3, wiederholte sich alles – nur noch langsamer. Ein Techniker erklärte laut durchs Bordmikro, eine Schleusenkammer sei heute nur halb in Betrieb, deshalb dauere es länger. Die Mutter döste, der Vater knurrte leise, Sonja blätterte in einem Reiseführer. Der junge Mann lief unruhig zwischen Deck und Salon hin und her. Er nahm einen Schluck Wasser, legte sich dann an die Reling und beobachtete wortlos die träge Wasseroberfläche. Haaland stellte sich neben ihn. „Noch ein bisschen. Wir schaffen das.“ Der junge Mann nickte matt. „Ich weiß. Aber es zieht sich wie Kaugummi.“

Mit einer Stunde Verspätung: Landgang in Heidelberg Als die Rheinkönigin gegen 18 Uhr endlich an der Schiffsanlegestelle unterhalb des Heidelberger Schlosses festmachte, waren sie eine volle Stunde verspätet. Trotzdem brandete spontaner Applaus auf – alle waren dankbar, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Der Vater streckte sich, als hätte er den ganzen Tag in einem Zugabteil verbracht. Die Mutter atmete erleichtert auf. Sonja lachte herzlich: „So viel Geduld habe ich selten an einem Tag gelernt.“ Haaland klopfte dem jungen Mann auf die Schulter. Und der junge Mann, müde, aber stolz, erkannte: Auch langweilige Stunden gehören zu einer Reise – sie machen die ersten Schritte in die Altstadt von Heidelberg umso lebendiger. Mit leicht wackeligen Beinen verließen sie das Schiff, bereit für Abendluft, Kopfsteinpflaster und vielleicht eine neue, unerwartete Geschichte in den engen Gassen der alten Universitätsstadt. 37. Tag – Abend: Getränke in Heidelberg & Heimreise mit dem Bus Die Altstadt von Heidelberg begrüßte die Gruppe mit warmer Abendluft und den letzten Sonnenstrahlen, die sich golden auf den Neckar legten. Die Häuser aus rotem Sandstein strahlten Ruhe und Geschichte aus. Es war voll in der Stadt – Touristen, Studierende, Einheimische – und trotzdem wirkte alles irgendwie entschleunigt, fast feierlich. Der Vater schlug vor, sich noch für eine Stunde in ein Gasthaus zu setzen, bevor der Rückweg angetreten würde. Direkt am Kornmarkt fanden sie einen kleinen, schattigen Biergarten unter Platanen. Ein Schild an der Eingangstür versprach: „Hausgemachte Limonaden, alkoholfreie Biere & regionale Vesperplatte“ Der junge Mann setzte sich mit dem Rücken zur Altstadtmauer. Der Tag war lang gewesen, sein Körper erschöpft – aber innerlich war er ruhig. Haaland setzte sich neben ihn, bestellte für beide alkoholfreies Weizenbier – für den jungen Mann sogar zwei. Die Mutter nahm eine Apfelschorle, der Vater ein echtes Bier. Sonja – die Freundin der Mutter – entschied sich für eine Himbeer-Zitronen-Limonade. „Du hast das heute gut gemacht“, sagte sie lächelnd zum jungen Mann. Er nickte, doch innerlich spürte er, dass er noch immer an dem Moment auf dem Schiff hing – an der Stelle, als die Karte überreicht wurde, an den Schleusen, an der Beobachtung durch die unbekannte Frau. All das fühlte sich wichtig an, ohne dass er genau wusste, warum. „Das war eine Reise, oder?“, flüsterte er Haaland zu. Der grinste: „Und morgen ist Montag – mal sehen, ob deine Geschichte weitergeht.“ Der junge Mann sah ihn fragend an. „Welche Geschichte?“ „Die mit der Frau. Und mit dir.“ Er schwieg. Haaland wusste mehr, als er sagte. Rückfahrt im Bus – Müdigkeit und Gedanken Kurz darauf war es Zeit zum Aufbrechen. Sie gingen zu Fuß die wenigen Meter zur Bushaltestelle, wo der direkte Reisebus zurück nach Mainz wartete. Der Busfahrer begrüßte sie mit einem Nicken. Die Mutter stieg als Erste ein, der Vater folgte. Haaland und der junge Mann saßen diesmal zusammen in der Mitte – er wollte nicht zu weit vorn oder hinten sein. Der Bus setzte sich langsam in Bewegung. Als Heidelberg hinter ihnen verblasste und die Lichter der Stadt im Rückspiegel verschwanden, lehnte sich der junge Mann zurück, sah in die Dunkelheit hinaus und erinnerte sich an das Schiff, die Schleusen, die Karte, die Getränke – und daran, dass sie noch etwas vor sich hatten. Er trank den letzten Schluck Wasser, schloss die Augen und wusste: Die Ruhe, die jetzt da war, würde nicht lange bleiben. Irgendetwas – oder irgendwer – wartete bereits auf den nächsten Schritt. 37. Tag – Später Abend: Die Bus-Toilette

Der Bus ratterte gleichmäßig über die Autobahn. Die meisten Mitreisenden waren still geworden, einige schliefen bereits, andere starrten müde aus dem Fenster oder hörten leise Musik über Kopfhörer. Der junge Mann spürte einen leichten Druck in der Blase. Anfangs versuchte er, ihn zu ignorieren, doch schließlich wurde es zu unangenehm. Er drehte sich zu Haaland. „Ich glaub, ich muss… auf Toilette. Aber ich war noch nie in einem Busklo.“ Haaland nickte nur verständnisvoll. „Willst du, dass ich mitgehe – nicht rein, aber davor warte?“ Der junge Mann überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. „Ich schaff das schon.“ Langsam stand er auf, hielt sich an den Sitzen fest und tappte den schmalen Gang entlang, während der Bus sanft durch die Nacht schaukelte. Vor der Toilettentür angekommen, drückte er vorsichtig die silberne Klinke nach unten. Nichts. Die Tür blieb verschlossen. Verunsichert versuchte er es erneut – diesmal etwas kräftiger. Wieder kein Erfolg. Er seufzte leise und wollte schon umdrehen, als er eine Stimme von schräg hinten hörte: „Geht nicht, oder?“ Der junge Mann drehte sich um. Es war ein junger Mann Mitte dreißig, den er vom Schiff wiedererkannte – er hatte den ganzen Tag ein Notizbuch dabeigehabt und viel gezeichnet. „Ich musste vorhin auch schon. Die Tür klemmt manchmal“, sagte er freundlich und drückte mit geübter Bewegung gleichzeitig den Griff herunter und das Türblatt an einer bestimmten Stelle leicht nach innen. Es knackte – und die Tür sprang auf. „Voilà“, sagte der Mann mit einem Augenzwinkern. „Jetzt nur noch drin bleiben, bis du fertig bist.“ Der junge Mann lächelte verlegen. „Danke.“ „Kein Ding – Busklos sind wie alte Schlösser: Sie haben ihre Eigenheiten.“ Im Inneren der winzigen Kabine war es eng, wie erwartet. Das Licht war gedimmt, aber sauber war es immerhin. Der junge Mann brauchte einen Moment, um sich zurechtzufinden, ließ sich aber Zeit und achtete sorgfältig auf seinen Katheter und seine Hygiene. Als er wieder herauskam, wartete der Fremde nicht mehr, doch Haaland hatte sich nach hinten begeben und grinste nur: „Na? Expedition Busklo erfolgreich beendet?“ Der junge Mann lachte leise. „Ja… mit Unterstützung.“ „So ist das manchmal. Manche Türen gehen erst auf, wenn man weiß, wie.“ Dann gingen sie gemeinsam zurück zu ihren Plätzen. Draußen zogen die Lichter von Mainz langsam am Horizont auf. Noch fünfzehn Minuten bis zur Ankunft. Es war still, und der junge Mann spürte ein angenehmes Gefühl von Stolz in sich: Nicht, weil alles perfekt war – sondern weil er auch mit kleinen Herausforderungen gelernt hatte, umzugehen. 37. Tag – Späte Nacht: Abschied am Hauptbahnhof West und eine späte Suppe Als der Bus langsam die letzten Meter zum Mainzer Hauptbahnhof West zurücklegte, erwachte die müde Gruppe langsam wieder. Draußen war die Nacht mittlerweile tief und dunkel, die Bahnhofslampen warfen orangefarbene Lichtkreise auf die menschenleeren Bürgersteige. Der Fahrer kündigte über das Mikrofon an: „Mainz Hauptbahnhof West, Endstation – bitte denken Sie daran, alle Ihre Sachen mitzunehmen.“ Der junge Mann sah nach draußen. Alles fühlte sich ruhig an, fast zu still nach dem langen, lebendigen Tag. Neben ihm stand Haaland langsam auf und half dem jungen Mann, seine Tasche zu packen und Jacke anzuziehen. Abschied von Sonja

Als die Gruppe ausstieg, kam die Freundin seiner Mutter – Sonja – noch einmal auf den jungen Mann zu. Sie hatte bereits ihr Handy gezückt, um ein Taxi zu rufen, blickte ihn jedoch freundlich an und legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. „Es war sehr schön, dass du heute dabei warst“, sagte sie herzlich. „Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Und vergiss nicht den Eis-Gutschein, den wir noch zusammen einlösen müssen.“ Der junge Mann lächelte müde. „Mach ich nicht. Danke nochmal für die Karte. Das hat mich wirklich sehr gefreut.“ Sonja nickte glücklich, verabschiedete sich herzlich von allen und stieg schließlich in das wartende Taxi, das sie zu sich nach Hause bringen würde. Nach Hause durch die stille Nacht Die verbleibende Gruppe – Mutter, Vater, Haaland und der junge Mann – machte sich nun zu Fuß auf den Weg nach Hause. Die Straßen waren still, nur vereinzelt hörte man in der Ferne ein Auto vorbeifahren. Der Vater blieb ruhig, sagte wenig, wirkte aber entspannt. Die Mutter wirkte erschöpft, aber zufrieden. Zu Hause angekommen, warf der junge Mann einen kurzen Blick auf die Uhr: Es war mittlerweile weit nach Mitternacht – viel zu spät, um noch den Fleischkäse aufzubacken, auf den er sich eigentlich gefreut hatte. Er öffnete stattdessen ruhig den Schrank und griff nach einer Instant-Suppentüte. „Ist wohl heute eher Suppe angesagt“, sagte er schulterzuckend zu Haaland. Die späte Suppe Haaland nickte verständnisvoll, nahm ihm die Tüte ab und füllte eine Tasse mit heißem Wasser auf. Wenig später duftete die Suppe nach Kräutern und Gemüse in der Küche. Der junge Mann setzte sich mit der heißen Tasse ans Fenster, blickte hinaus in die Nacht und schlürfte langsam seine Suppe. „Morgen machen wir uns einen richtig großen Fleischkäse“, sagte Haaland ermutigend. Der junge Mann lächelte schwach. „Ja. Morgen.“ Ein stiller Abschluss Als er die Suppe ausgetrunken hatte, nahm er noch seine Abendmedizin, ging müde in sein Zimmer und setzte sich kurz auf sein Bett. Alles, was heute passiert war – die lange Fahrt, die Schleusen, die Begegnungen, die Busfahrt – fühlte sich plötzlich weit weg an, aber zugleich auch wichtig. Fast, als hätte sich heute etwas verändert, auch wenn er noch nicht genau wusste, was. Wenig später lag er im Bett, hörte Haaland ruhig im Nebenzimmer schlafen und schloss die Augen. Ein langer Tag ging zu Ende – aber in ihm blieb das Gefühl, dass er ein kleines Stück gewachsen war, und dass die Herausforderungen von heute ihm vielleicht geholfen hatten, für morgen stärker zu sein. 38. Tag – Ein Tag der Ruhe vor der neuen Woche Der Sonntag begann ungewohnt leise. Kein Wecker, keine Termine, kein Drängen. Der junge Mann erwachte von allein gegen neun Uhr, streckte sich ausgiebig und ließ den vergangenen Tag wie einen Film Revue passieren: die lange Schifffahrt, das Bratwurst-Essen, drei zähe Schleusen und der späte Heimweg. Heute durfte alles langsamer sein – schließlich lag eine anstrengende Woche vor ihm: der defekte Rollstuhl musste geborgen werden, für Dienstag stand ein neuer Assistenztermin an, und irgendwo schwebte noch die vage Ankündigung einer „Überraschung“ der unheimlichen Frau. Langsames Frühstück

Haaland hatte bereits Tee aufgesetzt. Zusammen deckten sie den kleinen Küchentisch mit Brötchen, Marmelade und ein paar Scheiben Käse. Der Vater war früh zum Joggen verschwunden, die Mutter schlief noch. Es herrschte eine ruhige, fast ungewohnte Harmonie in der Wohnung. „Nur keine Pläne heute?“, fragte Haaland. Der junge Mann schüttelte den Kopf. „Nur ausruhen. Vielleicht kurz spazieren. Sonst nichts.“ Ein ruhiger Vormittag Nach dem Frühstück setzte sich der junge Mann ans Fensterbrett, legte die Beine hoch und las in einem alten Pokémon-Manga, den er seit Monaten nicht angerührt hatte. Draußen zwitscherten Spatzen; gelegentlich zog eine Straßenbahn vorbei. Haaland bastelte leise an einer kaputten Controller-Taste – ein klarer Klang von winzigen Schrauben und Klicks, der fast meditativ wirkte. Leichte Dehnung & Atemübungen Gegen elf Uhr rollte die Mutter verschlafen ins Wohnzimmer, begrüßte beide mit einem flüchtigen Lächeln und tappte in die Küche. Der junge Mann nutzte die Gelegenheit, auf der Yogamatte ein paar Stretch-Übungen zu machen. Haaland zeigte ihm einfache Atemtechniken: tief ein, langsam aus – vier Sekunden ein, sechs Sekunden aus. Nach zehn Minuten fühlten sich seine Schultern weniger verspannt, der Kopf klarer. Mittag – Suppe & Planen Weil die Küche noch nach Fleischkäse duftete, entschieden sie, zum Mittag ganz leicht zu bleiben: eine Gemüsebrühe mit ein paar Nudeln. Beim Essen sprachen sie über die bevorstehende Woche: • Montag: Mit dem Vater zum Rhein, den Rollstuhl bergen, Reifen checken. • Dienstag: Assistenztermin – vielleicht bekommt er dort eine Adresse, die den Rollstuhl schneller repariert. • Donnerstag: Blutwerte-Telefonat mit dem Hausarzt. • Freitag: VHS-Abi-Kursunterlagen sortieren. „Und solltest du dich wegen dieser Frau vom Friedhof unsicher fühlen, sagst du Bescheid“, erinnerte Haaland ihn. Der junge Mann nickte. „Ich hab’s im Blick.“ Nachmittag – Serien, Katzenvideo & Power-Nap Den Nachmittag verbrachten sie im Wohnzimmer: erst eine Folge einer leichten ComedySerie, dann ein langes YouTube-Video über Therapie-Katzen, das sie beide zum Lachen brachte. Irgendwann schlief der junge Mann auf der Couch ein – ein halbes Stündchen, gerade genug, um danach klarer im Kopf zu sein. Früher Abend – Tee & Journaling Kurz nach fünf braute der junge Mann einen Lavendel-Melissen-Tee und setzte sich mit seinem Tagebuch ans Fenster. Er schrieb: „Ich habe gelernt, dass Pausen wichtig sind. Ohne sie hätte ich die letzte Woche nicht überstanden. Morgen gehe ich die Dinge an, Schritt für Schritt.“ Später Abend – Kein Fleischkäse, sondern Kartoffeln Der Vater kam gegen sieben mit verschwitzt-zufriedenem Gesicht nach Hause. Gemeinsam kochten sie Ofenkartoffeln mit Quark – einfach, aber herzhaft. Danach lief noch eine schnelle FIFA-Freundschaftsrunde. Der junge Mann gewann 2 : 1 und grinste zufrieden.

Nachtruhe Vor dem Schlafengehen bereitete er seine Medikamente vor, stellte den Handy-Wecker für 8:00 Uhr und atmete noch einmal tief durch. Im Schein der Nachttischlampe wirkte das Zimmer ruhig, beinahe geschützt. „Neuer Tag, neue Chancen – aber heute durfte alles langsam sein.“ Mit diesem Gedanken löschte er das Licht. Draußen raschelten leise die Blätter im Nachtwind – und innen war alles still. 39. Tag – Früher Morgen: Ein FIFA-Warm-up für die Woche Kaum war der Wecker um 8 Uhr verstummt, sprang der junge Mann erstaunlich munter aus dem Bett. Die gestrige Ruhe hatte gewirkt; sein Kopf fühlte sich klarer an als seit Tagen. Ehe er sich anzog, warf er einen Blick auf den kleinen Zettel an der Pinnwand: • Rollstuhl bergen – 10 Uhr • Reifen & Bremsen grob prüfen • Mittagspause mit Haaland • Kein weiterer Stress Er nickte entschlossen. Dann zog er ein gemütliches T-Shirt an, streifte sich eine Jogginghose über und tappte ins Wohnzimmer. Dort saß Haaland bereits auf der Couch, eine dampfende Tasse Kaffee in der Hand, den Controller locker im Schoß. „Morgen, Kämpfer“, begrüßte Haaland ihn grinsend. „Bevor wir den Rollstuhl holen, wie wär’s mit einem kurzen Aufwärm-Match?“ „Sehr gern“, antwortete der junge Mann, nahm seinen Controller und ließ sich neben ihn fallen. Er fühlte diesen angenehmen Kitzel in den Fingern – das Kribbeln, das immer kam, wenn er FIFA anwarf. Teamwahl & Anstoß • Der junge Mann: Mainz 05 (wie immer) • Haaland: Leeds United – er wollte heute einmal eine völlig andere Herausforderung. Bei leichtem Morgenlicht, das durch die Vorhänge strahlte, starteten sie die Partie. Draußen hörte man schon leises Vogelgezwitscher und vereinzeltes Straßenrauschen – doch drinnen zählte nur der Ball, der virtuelle Rasen und das leise Klicken der Gamepads. Spielverlauf 1. 8. Minute – Burkardt zieht für Mainz ab, der Ball klatscht an die Latte. Haaland pfeift anerkennend. 2. 18. Minute – Leeds kontert, Bamford scheitert am Keeper – „Kurz vorm Einschlag“, lacht Haaland. 3. 35. Minute – Der junge Mann legt nach: Flanke von Lee auf Onisiwo, Kopfball – 1 : 0 für Mainz. 4. Pause – Die beiden nippen an Tee und Kaffee, wechselseitiges Frotzeln. 5. 56. Minute – Haaland gleicht aus: Raphinha tanzt die Abwehr aus, Schlenzer in den Winkel – 1 : 1. 6. 78. Minute – Gruda setzt sich im Strafraum durch, Elfmeter Mainz. Der junge Mann läuft an, verwandelt eiskalt – 2 : 1. 7. 90.+1 – Leeds bekommt noch eine Ecke, Keeper geht mit vor, doch der junge Mann köpft den Ball weg, Schlusspfiff. Er reckt triumphierend den Controller in die Luft. „Guter Start in den Tag“, sagt er mit einem breiten Lächeln. Haaland klatscht ihn ab. „Du bist bereit für jede Schleusenrampe – und jeden schiefen Rollstuhl.“

Kurzer Ausblick Sie legen die Controller beiseite. Haaland erinnert: „Eine halbe Stunde bis Abfahrt – wir essen schnell was, dann holen wir dein Gefährt heim.“ Der junge Mann nickt, spürt, wie das Adrenalin des Spiels und die Freude über den Sieg sich mit Vorfreude mischen. Er schnappt sich ein Brötchen aus der Küche, streicht etwas Butter darauf. Heute fühlte sich die Woche nicht wie ein Berg, sondern wie eine Spiele-Liga an, die man Partie für Partie gewinnt. So begann der 39. Tag – mit einem Tor-Jubel, einem einfachen Frühstück und dem Gefühl: Was auch kommt, es gibt immer einen Mitspieler an seiner Seite. 39. Tag – Früher Morgen (vertieft): Zwei Partien, Taktik-Talk & Spielspaß Kaum hatte der Wecker geklingelt, richtete der junge Mann sich auf, griff noch im Halbdunkel nach seinem Handy und schrieb – halb im Spaß – eine kurze Nachricht an Haaland im Gästezimmer: 07:42 Uhr “FIFA warm-up in 10 min? Muss meine Finger auf Betriebstemperatur bringen. ” Die Antwort kam prompt: “Bin schon aufgestanden … Controller wartet. Kaffee steht bereit.” 07 : 55 Uhr – Aufstellung & Formation • Wohnzimmer, Vorhänge nur einen Spalt offen, Morgensonne tastet sich ins Zimmer. • Konsolen-Startsound, Controller-Klicks, leise Kaffeemaschine im Hintergrund. • Der junge Mann setzt sich im Schneidersitz vor die Couch; Haaland wirft ihm spaßhaft ein Kissen zu.* Erstes Spiel – “Warm-up Classic” Spieler Team Formation Schwerpunkt Junger Mann Mainz 05 4-2-3-1 breit schnelles Flügelspiel Haaland Norwegen National 4-4-2 Raute hohe Bälle auf Haaland-ST Minute 12 – Flachpass‐Stafette Lee → Gruda → Burkardt, satter Linksschuss: 1 : 0 Mainz. Minute 37 – Norwegen-Freistoß aus 28 m, Ødegaard löffelt aufs Lattenkreuz, Haaland (im Game) staubt per Flugkopfball ab: 1 : 1. Minute 88 – Gruda zieht an zwei Verteidigern vorbei, legt quer, Onisiwo drückt über die Linie – 2 : 1 Endstand. Halbzeit-Plausch Der junge Mann grinst: „Flügel überlastet, Innenverteidiger auseinandergezogen – das ist Mainz-Magie.“ Haaland kichert: „Wait till I switch to Gegenpresse.“ 08 : 25 Uhr – Zweites Match, neue Regeln Sie beschließen eine „5-Sterne-Spaßrunde“ R2+L2 → Zufallswahl – es werden: • Junger Mann: Tottenham Hotspur • Haaland: Ajax Amsterdam Er erhöht den Schwierigkeitsgrad: nur Finesse-Schüsse zählen. Minute – Son sprintet, chippt zu Richarlison, Finesse-Curler – Pfosten!

Zufallsteams:

Minute 25 – Ajax-Konter, Kudus zieht aus 18 m, Innenpfosten, rein – 0 : 1 Ajax (Finesse). Minute 72 – Tottenham kombiniert sich durch, Bissouma steckt zu Son, der legt quer, Kulusevski zirkelt – 1 : 1. Minute 90 + 2 – letzter Angriff, Son tanzt zwei aus, zieht nach innen, Finesse-Bogenlampe ins lange Eck – 2 : 1 Tottenham. Controller-Welle, kleiner Jubel-Sprung auf dem Teppich. 08 : 45 Uhr – Kurzer Taktik-Talk • „Du bewegst dich zu oft mit zwei Spielern gleichzeitig, dann klaffen Lücken.“ • „Stimmt – und deine Trigger-Runs reißen mir das Zentrum auf. Muss kompakter stehen.“ • Sie probieren im Menü kurz individuelle Taktik-Slides, der junge Mann speichert ein neues Preset „M05-HighPress“. 09 : 00 Uhr – Ende des Morning-Warm-ups Die Mutter ruft aus der Küche: „Frühstück ist fertig!“ Der Vater klopft gegen die Tür: „In ’ner Stunde Rollstuhl-Bergung, Leute!“ Der junge Mann legt den Controller ab, hochfünft Haaland: „Zwei Spiele, zwei Siege – Selbstbewusstsein geladen.“ Haaland lacht: „Jetzt übertragen wir das auf echte Straßenrampen.“ Mit lockeren Schultern und wachen Köpfen gehen beide zum Frühstückstisch – bereit, den praktischen Teil des Tages anzugehen. 39. Tag – Später Nachmittag: Pizza & Wiedersehen mit dem Freund im E-Rollstuhl Der Rollstuhl-Bergungseinsatz am Rhein hatte mehr Zeit und Kraft gekostet, als alle gedacht hatten, doch gegen 16 Uhr schob der junge Mann sein reparaturbedürftiges Gefährt endlich in den Hausflur. Viel war nicht geschafft – das rechte Vorderrad eierte immer noch und eine Bremse blockierte gelegentlich –, aber fürs Erste stand der Stuhl wieder zu Hause, sicher vor Wind und Regen. Damit war Kopf und Kalender endlich frei für das, worauf er sich seit Tagen gefreut hatte: das Treffen mit Lennart, seinem Freund im E-Rollstuhl. Auf dem Weg zur Pizzeria „Da Vittorio“ Kurz nach 17 Uhr machten sich der junge Mann und Haaland zu Fuß in Richtung Altstadt auf. Die Mutter hatte genickt – „Geh, genieß den Abend“ – und der Vater war mit Werkzeug und Ersatzteil-Liste in den Keller verschwunden. Als sie die Pizzeria „Da Vittorio“ erreichten, stand Lennart bereits draußen, sein dunkelblauer Elektrorollstuhl summte leise im Standby. Die Straßenbahnschienen warfen lange Schatten, und der Duft von Knoblauch und frischem Teig wehte durch die offene Tür. „Hey ! Lange nicht gesehen“, rief Lennart, sein Gesicht strahlte. Er trug eine Mainz-05-Cap und wippte leicht am Joystick. Der junge Mann hob die Hand, Haaland winkte freundlich. Platzwahl & erste Runde Getränke Drinnen fanden sie einen Tisch direkt am Fenster – mit genug Platz für Lennarts Rollstuhl und dessen breitere Armlehnen. Die Bedienung brachte sofort zwei Apfelschorlen und, für Haaland, ein kleines alkoholfreies Weizen. „Und – wie lief’s mit deinem neuen alten Rolli?“, fragte Lennart neugierig. Der junge Mann seufzte, erzählte von Schotterpisten, schiefen Rädern und der geplanten Werkstatt-Tour. Lennart hörte aufmerksam zu und zeigte dann auf seine großen, luftbereiften Vorderräder:

„Falls du Fragen hast, ich schicke dir gern meinen Reha-Technikerkontakt. Der hat mir die Schräglagensteuerung eingestellt.“ Pizza Margherita & Calzone alla Casa Sie bestellten: • der junge Mann: Pizza Margherita mit zusätzlichem Mozzarella • Lennart: Calzone alla Casa mit Schinken, Pilzen, Ei • Haaland: Pizza Diavola mit scharfer Salami Während sie warteten, fuhren draußen Fahrräder vorbei, und das Abendlicht malte goldene Streifen auf den Holzboden. Lennart erzählte von seinem neuen Uni-Projekt – Barrierecheck in öffentlichen Gebäuden – und der junge Mann hörte fasziniert zu. Haaland warf hier und da eine Frage ein. Als die dampfenden Pizzen kamen, herrschte für eine Weile seliges Schweigen, nur unterbrochen von zufriedenen „Mmmh“-Geräuschen. Der Käse zog Fäden, die Tomatensoße schmeckte fruchtig-süß. Gespräche, Pläne & ein Versprechen Zwischendurch sprach Lennart das Johannisfest an. „Ich hab die Feuerwerksfotos gesehen – sah gut aus. Vielleicht roll ich nächstes Jahr mit.“ Der junge Mann grinste: „Deal. Aber dann bring ich den perfektest eingestellten Rollstuhl der Stadt mit – oder ich sitz in deinem Schoß.“ Zum Abschied, gegen halb acht, versprachen sie sich, bald zusammen FIFA zu zocken – diesmal Rollstuhl vs. Controller auf Augenhöhe: Lennart’s Xbox im barrierefreien WGZimmer. Haaland machte noch ein schnelles Gruppenfoto vor dem Pizzeria-Schild. Dann rollte Lennart Richtung Wohnung, während der junge Mann und Haaland langsam heimwärts schlenderten, begleitet vom beruhigenden Surren der elektrischen Antriebsräder, das noch eine Weile in ihren Ohren nachklang – wie ein leises Versprechen, dass echte Freundschaft jede Stolperfuge im Kopfsteinpflaster überwindet. 39. Tag – Späte Nacht: Der zerbrochene Heimweg Nach Pizza, Lachen und Plänen spürte der junge Mann plötzlich, wie Müdigkeit wie Blei in seine Glieder sank. Die lange Woche lag ihm in den Knochen, und das schwere Essen machte ihn schläfrig. Die Eltern wollten noch ein Glas Wein mit Sonja trinken, also bot Haaland an, den jungen Mann schon einmal nach Hause zu fahren. „Ich fahr dich in meinem kleinen Skoda, zehn Minuten, dann bist du im Bett“, sagte er leise. Der junge Mann nickte dankbar, verabschiedete sich von Lennart und den Eltern, setzte sich auf den Beifahrersitz, schnallte sich an und lehnte den Kopf an die Scheibe. Sekunden der Stille … dann Glas und Metall Die Fahrt verlief ruhig. Leere Altstadtstraßen, Kopfsteinpflaster, ein paar vereinzelte Laternen. Haaland fuhr umsichtig, sprach kaum, damit der junge Mann dösen konnte. Sie hatten den Ring schon fast erreicht, als aus einer Seitengasse ein dunkler Wagen auftauchte – viel zu schnell, Scheinwerfer grell. Ein aufheulender Motor. Ein Schrei des Reifengummis. Dann ein dumpfer Aufprall. Der Wagen rammte Haalands Auto seitlich, genau auf Höhe der Fahrertür, als würde jemand gezielt sprinten. Haaland riss instinktiv das Lenkrad herum – doch da war kaum noch Kontrolle. Der Kleinwagen wurde wie ein Spielzeug über den Gehweg geschleudert, prallte gegen einen Poller, hob ab, überschlug sich einmal, zweimal, krachte gegen eine Parkbank und kam auf der Seite liegend zum Stillstand.

Lichter, splitterndes Glas, dann Dunkelheit. Blaulicht, Sirenen, Fremde Stimmen Als der junge Mann wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, hörte er nur Schreie und das Flattern von Rettungsdecken. Jemand hielt seinen Kopf stabil, zielte mit einer Taschenlampe in seine Pupillen. Ein Notarzt rief Anweisungen, Haaland wurde gleichzeitig aus dem Fahrersitz geschnitten. Überall blinkten Blaulichter, in der Ferne heulte eine Sirene. In dem Chaos bemerkte niemand den dunklen Wagen, der ein Stück weiter vorn mit geplatztem Kühler stand – Türen geöffnet, Fahrer / Fahrerin verschwunden, vielleicht schon längst in einer anderen Gasse. Die Polizei würde später feststellen, dass Kennzeichen gefälscht waren. Intensivstation – Bewusstsein in Fetzen Rund eine Stunde später lag der junge Mann in einem weißen, hellen Raum – Gerätepfeifen, das rhythmische Rauschen eines Beatmungsgeräts. Schmerz hämmerte in seinen Rippen, sein Arm war geschient, die Stirn verbunden. Ein Arzt beugte sich über ihn, redete beruhigend. Er verstand nur „Prellungen“, „keine innere Blutung“, „erst mal beobachten“. Auf dem Nebenbett erkannte er Haaland – Kopfverband, Arm in Schlinge, aber bei Bewusstsein. Haalands Blick suchte seinen; ein vorsichtiges, schwaches Daumenhoch war ihre stumme Verständigung: Wir leben. Das, was er nicht weiß … Draußen, einen Krankenhausflur entfernt, klingelte ein Handy. Eine schlanke Gestalt in Kapuzenjacke stand im Halbdunkel am Fenster, Blutstropfen an der Manschette, Fingernägel zitterten vor Adrenalin. „Erledigt“, flüsterte die Person knapp. Am anderen Ende der Leitung klang eine ruhige, kalte Frauenstimme – unbeirrbar: „Gut. Frau F. zahlt pünktlich. Montag folgt Schritt zwei. Niemand darf ihn beschützen.“ Der Hörer senkte sich. Schritte entfernten sich lautlos. Der junge Mann, sediert und mit fiebrigen Gedanken, ahnte davon noch nichts. Doch das giftige Netz der alten Dame spannte sich enger – und dieser Unfall war erst der Auftakt zu etwas Größerem. Nacht – Unbekannter Treffpunkt: Zwei Stimmen im Schatten Die Stadt war still, irgendwo drang das entfernte Klappern von Güterwaggons herüber. In einem verlassenen Lagerhaus, fernab von Straßenlaternen, flackerte nur eine einzelne Glühbirne. Darunter – zwei Gestalten: Die Frau vom Friedhof – schmale Gestalt im dunklen Mantel, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Der Fahrer – noch zitternd, die Jacke an einer Schulter eingerissen, ein Kratzer blutverkrustet am Kinn. „Es hat geklappt“ Der Fahrer schluckte, sprach mit rauer Stimme: „Das Auto liegt im Schuppen. Kennzeichen entsorgt, die ganze Szene sieht nach Unfallflucht aus. Der Junge und sein Begleiter liegen auf der Intensiv, aber sie leben.“ Die Frau nickte knapp. „Der Montagsplan war perfekt. Jetzt beginnt Phase Zwei.“ Sie zog ein vergilbtes Notizbuch hervor, klappte es auf – voll mit Skizzen, Adressen, Zeitangaben. Jede Seite ein Faden in ihrem Netz. Vertrauen gewinnen

„Du musst sein Vertrauen gewinnen“, raunte sie. „Er glaubt an Menschen, die nett erscheinen. Du wirst der hilfsbereite Fremde sein – ein Stationskollege, vielleicht ein Freiwilliger. Kümmere dich um Kleinigkeiten: Wasserglas, Kopfkissen richten, freundliche Worte. So öffnet er sich.** „Und dann?“, fragte der Fahrer. Die Frau blätterte um, zeigte auf einen Namen: Therapeutische Begleitperson, Dienstag 14:30 Uhr. „Dort wirst du ihn begleiten. Er soll sich sicher fühlen – bis er alles preisgibt: Passwörter, Tagespläne, wer ihm nahe steht. Sobald du in seinem inneren Kreis bist, erweitern wir den Druck.“ Ausweiten und vollenden Sie wies auf ein zweites Blatt: ein Netz aus Namen – Mutter, Vater, Haaland, Sonja, Lennart, Assistenzstelle. Pfeile, Markierungen: „Parallel kümmere ich mich um die anderen. Kleine Stiche, subtil. Verlorene Dokumente, aufgeschlitzte Reifen, falsch adressierte Rechnungen. Jede Störung schwächt seine Basis. Wenn er sich dann an dich klammert – bringen wir ihn dorthin, wo er nichts und niemanden mehr hat.“ Der Fahrer sah sie an, ein Schimmer Unsicherheit in den Augen. „Und… falls er Verdacht schöpft?“ Die Frau lächelte dünn. „Dann gibt es noch Phase Drei.“ Ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern, kaum mehr als ein Lufthauch: „Aber soweit sind wir noch nicht. Sorge nur dafür, dass er dich einen Freund nennt. Alles andere steht schon bereit.“ Abschied in der Dunkelheit Sie reichte ihm einen Umschlag – Geld, neue Papiere, eine Krankenhaus-Volunteer-Karte. „Montagmorgen, Station C. Du weißt, was zu tun ist. Keine Fehler.“ Der Fahrer nickte, verstaute den Umschlag. Ohne weiteres Wort drehte sich die Frau um, verschwand in der Finsternis des Lagerhauses. Nur das Echo ihrer scharfen Absätze hallte kurz nach, bevor absolute Stille zurückblieb. Draußen über der Stadt zog eine einzelne Wolke vor den Mond. Der Plan war in Bewegung – größer, tiefer, gefährlicher als ein Autounfall. Und der junge Mann, noch verbunden und benommen im Krankenhausbett, ahnte nichts von dem Netz, das sich unsichtbar weiter um ihn zusammenzog. 40. Tag – Früher Morgen: Erwachen unter Neonlicht Ein gleichmäßiges Piepen, gedämpft wie durch Watte, drang an sein Bewusstsein. Der junge Mann schlug die Augen auf – grelles Neonlicht über ihm, weiße Decke, der typische Desinfektionsgeruch. Ein Monitor rechts zeigte bunte Linien. Sein Kopf dröhnte, doch – er war wach … endlich. Ein weicher Druck an der Hand: Die Mutter saß an seinem Bett, Tränen im Blick, griff sofort nach seinen Fingern. „Schatz, ruhig bleiben. Du bist im Krankenhaus – es ist alles unter Kontrolle.“ Er wollte sprechen, doch seine Kehle kratzte; stattdessen huschte sein Blick nach links. Haaland lag im Nachbarbett, Verband um den Kopf, eine Infusionspumpe surrte. Kaum hatte der junge Mann ihn angesehen, hob Haaland eine Hand und formte ein müdes Daumen-hoch. Er lebte, das war alles, was zählte. Erste Diagnose Kurz darauf trat Oberärztin Dr. Henrichs in die Box, flankiert von einer jungen Assistenzärztin. Sie sprach ruhig, aber bestimmt:

Gehirnerschütterung Grad II – deswegen das Dröhnen im Kopf, erklärt sie. Zwei Rippen angeknackst auf der linken Seite, aber keine Lungenverletzung. Schulterprellung und Hämatome am Oberschenkel. Zur Entlastung der Harnblase liege ein transurethraler Katheter, der in 48 Stunden entfernt werde, sobald er mobilisiert sei. Haaland habe fast dieselbe Diagnose – bloß ohne Katheter und ohne Epilepsie-Therapie natürlich, dafür mit einem kleinen Radiusbruch am Unterarm. • • • •

Medikamente – jetzt als Infusion Dr. Henrichs deutete auf den Schlauch, der in den Handrücken des jungen Mannes mündete. 1. Elektrolyt-Infusion mit Glukose – leichte Dehydrierung ausgleichen. 2. Metamizol-Tropf für die Schmerzen, alle acht Stunden. 3. Mildes Kortikoid gegen Schädelinnendruck, niedrig dosiert. 4. Antibiotikum als Prophylaxe wegen des Katheters. 5. Seine Epilepsie-Medikation – derzeit als Kurzinfusion, bis er wieder normal schlucken dürfe. „Wir beobachten die nächsten 24 Stunden die Kopfschmerzskala und eventuelle Anfallsspitzen“, erklärte die Ärztin. „Wenn alles stabil bleibt, wechseln wir morgen auf Tabletten.“ Haaland erhielt die identische Schmerz- und Elektrolyttherapie, nur ohne Antiepileptikum. Sein Arm war bereits in einer Schiene. Erste Reaktion Der junge Mann spürte die Schwerkraft der Nachrichten, doch gleichzeitig eine seltsame Erleichterung: Er war da, bei Bewusstsein, Haaland lebte, die Welt war nicht verloren. Er versuchte zu lächeln. Die Mutter drückte seine Hand fester. „Du bist stark“, flüsterte sie. Er bewegte vorsichtig die Beine – ein Ziehen an der Leiste erinnerte an den Katheter. Unangenehm, aber er wusste: nötig. Die Ärztin versprach, ein Physioteam komme noch heute für Atemübungen und leichtes Mobilisieren. Ein kurzer Blick über die Bettkante Haaland drehte den Kopf, murmelte heiser: „Tor … 2 : 0 …“, ein schwacher Scherz über ihr FIFA-Duell. Der junge Mann öffnete die Hand, als würden sie virtuell abklatschen. Ein winziges Lächeln wanderte über beide Gesichter – Schmerzmittel hin oder her, Teamgeist überdauerte selbst einen Unfall. Der Tag würde lang werden – Visiten, Spritzen, hoffentlich erste feste Nahrung. Doch in diesem Morgenlicht lag auch etwas Aufrechtes: ein Neubeginn, bei dem jeder Herzschlag, jedes Piepen bedeutete, dass sie noch hier waren. Und das war vorerst alles, was zählte. 40. Tag – Mittag: Vorsorge-Spülung unter Sommerhitze Die Sonne stand inzwischen hoch über dem Klinikum, und selbst hinter den Jalousien stauten sich fast 30 Grad. Auf der Intensivstation surrten zusätzliche Ventilatoren, während Pflegerin Miriam und Pfleger Tom die mittägliche Blasenspülung vorbereiteten – eine Prozedur, die nach traumatischen Katheterlagen üblich ist, um Mikroverletzungen auszuspülen und bakterielle Infektionen zu verhindern. Wegen des Unfalls waren beide – der junge Mann und Haaland – an denselben geschlossenen Drainagesystemen angeschlossen. Doch heute kam noch ein weiterer Faktor hinzu: die hochsommerliche Hitze. Um Temperaturschwankungen und Kreislaufstress zu vermeiden, hatte Miriam einen außergewöhnlich großen 15-Liter-Spülbeutel vorgekühlt; er hing jetzt wie ein transparenter Wasserballon an einer hohen Infusionsstange zwischen den Betten. Vorbereitung

Lauwarme Ringer-Lösung, leicht gekühlt auf rund 25 °C Steriler Drei-Wege-Hahn, einzeln verplombt Haalands Bett wurde etwas flacher gestellt, der junge Mann blieb in 30°-Oberkörperhochlagerung, um Kopfdruck zu verringern. Miriam lächelte beruhigend: „Die Lösung fühlt sich erst kühl an, dann wird’s angenehm. Bitte ruhig atmen, wir spülen langsam – drei-mal 500 ml, dann frei ablaufen lassen.“ • • •

Wahrnehmung des jungen Mannes Als die erste Portion einlief, spürte er einen kühlen Schwall, der sich vom Unterbauch ausbreitete. Es war weder Schmerz noch großes Unwohlsein – mehr ein eigenartiges Völlegefühl, als würde der Körper von innen ein Eiskissen anlegen. Er konzentrierte sich auf flaches Atmen: Vier Sekunden ein, sechs aus, wie die Physiotherapeutin es ihm beigebracht hatte. Nach rund einer Minute öffnete Miriam den Ablaufregler. Ein leises Gluckern, ein kleiner Sog – und das kühle Gefühl wich einer wohltuenden Leere. „Alles in Ordnung?“, fragte sie. Der junge Mann hob den Daumen. Beim zweiten Durchlauf wurde ihm kurz schwindlig; Tom legte ihm sofort eine kalte Kompresse auf die Stirn. Die Hitze im Raum machte den Kreislauf träge – aber das Wasser tat auch gut: Als hätte jemand die brennenden Mikroreizungen abgelöscht, die er gar nicht bewusst wahrgenommen hatte. Wahrnehmung Haalands Haaland lag nebenan, Kopfverband, Arm in der Schlinge, doch er kommentierte halb ironisch: „Nordsee in der Blase – fühlt sich an, als würde man einen Eimer kaltes Wasser übers Zelt kippen.“ Auch er spürte das anfängliche Frösteln, dann eine milde Entspannung. Sein System war stabil; der Monitor zeigte kaum Pulsanstieg. Abschluss & kurze Erleichterung Nach drei Spülzyklen waren vielleicht zwei Liter der kühl-klaren Lösung pro Patient sanft ein- und ausgelaufen. Der große 15-Liter-Beutel hing jetzt schlaff, darin spiegelten sich kleine Luftblasen wie gläserne Perlen. Miriam kontrollierte den Kathetersitz, drückte die Schläuche ab und dokumentierte Temperatur, Durchfluss und Farbe der Ausflussflüssigkeit – alles unauffällig, keine Blutbeimengungen. „Gut gemacht. Jetzt viel trinken, so weit erlaubt“, sagte sie. „Hitze plus Traumata = extra Destillat für den Kreislauf.“ Der junge Mann lehnte sich zurück. Das Völlegefühl war verschwunden, und ein sanftes Wohlbehagen breitete sich aus; die Hitze im Zimmer fühlte sich weniger drückend an. Haaland schloss kurz die Augen und murmelte: „So, System gespült, ready for reboot.“ Draußen heulte kurz eine Sirene vorbei. Drinnen herrschte für einen Augenblick fast sommerliche Ruhe – nur das leise Surren der Ventilatoren und das monotone Piepen der Monitore erinnerten daran, dass sie sich mitten in einer genesenden Zwischenwelt befanden. Doch zumindest für den Moment war die Gefahr einer Blaseninfektion gebannt – und in der drückenden Julihitze fühlte sich jeder kühle Tropfen wie kleiner, klinischer Urlaub an. 40. Tag – Später Nachmittag: Eine vorsorgliche „Not-Dialyse“ Die Hitze im Raum war kaum abgeflaut, als Dr. Henrichs samt einer Nephrologin zurückkam. Die Blutwerte vom Morgen waren soeben eingetroffen: Kreatinin und CK deuteten auf eine beginnende Nierenbelastung – typisch nach schweren Quetschungen und stundenlanger Traumabewusstlosigkeit. Um kein Risiko einzugehen, entschied das Team sich für eine kurzzeitige Akut-Dialyse (kontinuierliche venovenöse Hämofiltration) – nur wenige Stunden, um Giftstoffe und Myoglobin auszuschwemmen, bis die Nierenwerte sänken.

„Es ist eine vorsorgliche Maßnahme“, erklärte die Nephrologin „Ihr Kreislauf ist stabil, aber wir geben Ihren Nieren etwas Hilfe, bevor sie meckern.“

Aufbau des Systems • Zwei weiche Doppellumenkatheter wurden in die V. jugularis angelegt (links beim jungen Mann, rechts bei Haaland). • Eine kleine CRRT-Pumpe rollte zwischen die Betten, angeschlossen ein steriler Filter – kaum größer als eine Thermosflasche. • Der Dialysatschlauch führte in eine fünf Liter fassende Klarlösung, die langsam durch den Filter gepumpt wurde. Wahrnehmung des jungen Mannes Als die Maschine surrend anlief, spürte er einen sanften Zug in der Halsbeuge, ein leises Pulsieren, als das Blut den extrakorporalen Kreislauf durchlief. Kein Schmerz, eher eine kühle Strömung, als würde ihm jemand einen kalten Luftzug entlang der Venen legen. Das Gerät piepte rhythmisch – fast wie ein Metronom –, und er beobachtete fasziniert, wie sein dunkelrotes Blut durch den transparenten Schlauch wanderte, im Filter eine zarte Spirale drehte und gereinigt zurückfloss. Ein bisschen wie Ölwechsel beim Auto, dachte er benommen. Die leichte Übelkeit, die er seit dem Unfall gespürt hatte, schien mit jeder Minute abzunehmen – als würde jemand einen trüben See langsam klären. Wahrnehmung Haalands Haaland hob einen Daumen, als die Nephrologin fragte, ob alles okay sei. Ihm wurde kurz schwindlig, doch Tom – der Pfleger – stellte die Pumpe minimal herunter. „Es klingt, als flüstere mir ein elektrischer Fluss ins Ohr“, witzelte Haaland heiser. Er spürte im Brustkorb ein kaum merkliches Vibrieren – die Blutrückführung war etwas kühler als seine Körpertemperatur. Bald empfand er ein merkwürdig sauberes, klares Gefühl hinter der Stirn, als hätte man einen überfüllten Speicher geleert. Eine stille Stunde Die Dialyse lief im Bypass-Modus: 150 ml/min Blutfluss, 25 ml/min Ultrafiltration – sehr schonend. Die Mutter saß zwischen den Betten, las leise in einer Zeitschrift. Das monotone Pumpgeräusch vermischte sich mit dem Surren des Ventilators. Niemand sprach laut; die Maschine bestimmte den Takt. Nach etwa 90 Minuten wechselte eine Schwester den Einmalfilter, prüfte die Elektrolyte und nickte zufrieden: Kalium fiel, CK-Werte sanken. Der junge Mann begann, vor lauter Entspannung zu dösen; in seinem Halbschlaf hörte er das wohltuende Gurgeln der Dialysat-Beutel, als würde irgendwo ein kleiner Gebirgsbach fließen. Haaland summte leise eine Melodie – irgendetwas Norwegisches – und die beiden Patienten teilten für diesen seltsamen Moment das gleiche Rauschen in ihren Ohren und das gleiche Gefühl, von innen gewaschen zu werden. Abschluss Nach gut drei Stunden wurde der Blutfluss schrittweise gedrosselt, die Pumpe stoppte, die Schläuche klemmten. Die Nephrologin löste die Katheterventile, verband die Einstichstellen, und beide Patienten bekamen ein warmes Tuch in den Nacken, um den Kreislauf zu beruhigen. „Nierenwerte unter Kontrolle“, bestätigte sie. „Wenn die Labore morgen stabil bleiben, bleibt es bei dieser einmaligen Sitzung.“ Der junge Mann fühlte sich merkwürdig leicht – nicht nur körperlich, sondern auch geistig, als hätte man schwere Gedanken mit herausgefiltert. Haaland flüsterte: „Saubere Brühe,

was?“ Der junge Mann lächelte schwach – und in dieser steril-kühlen Intensivsphäre wurde für einen Augenblick deutlich: Solange das Blut zirkuliert, solange das Herz piept, gibt es immer einen Weg zurück ins Leben. 40. Tag – Abend: Die große Diagnostik-Runde Kaum war die Dialyse-Pumpe verstummt, klopfte Schwester Miriam schon wieder an die Trennwand: „Durchhalten, Helden – heute Abend räumen wir die ganze Bildgebung ab, damit ihr morgen endlich mehr Ruhe habt.“ Der junge Mann zog die Stirn kraus; Haaland hob fragend eine Braue. Doch beide nickten, zu müde für Widerrede. Am Bettende wartete bereits ein mobiles EKG-Gerät. 1. Station: EKG & EEG • EKG – Klebeelektroden an Brustkorb, Handgelenken, Fußknöcheln. Das Gerät surrte leise, zeichnete die vertrauten Zacken auf das Display. – Der junge Mann spürte nur die kühlen Pads; Haaland witzelte, die Kurven sähen aus wie ein bergiges FIFA-Heatmap-Diagramm. • EEG – eine Schwester setzte ein Haarnetz voller Elektroden auf ihre Köpfe, tupfte Gel auf die Kontaktpunkte. Die Leuchtdioden blinkten rhythmisch. – Unter dem Netz kribbelte es, als würde jemand einen kühlen Schaum in die Haare massieren. Beide mussten zehn Sekunden lang die Augen offen und dann geschlossen halten; das grelle Blitzlicht zur Reizprovokation ließ sie kurz zusammenzucken. Ergebnis: keine akuten Arrhythmien, keine epileptiforme Aktivität – ein gutes Zeichen. 2. Station: CT & Röntgen Ein Pfleger rollte sie im Doppelpack in die Radiologie. Im CT-Raum roch es nach kaltem Metall und Plastik. • CT – Erst Haaland, dann der junge Mann wurden auf den schmalen Tisch geschoben. Kontrastmittel über die Venen, ein flüchtiger Hitzeschwall im Arm; dann das Sirren des Ringscanners, als er sich wie ein Kamerazoom um den Kopf drehte. • Röntgen Thorax & Becken – nur wenige Sekunden, grelles Blitzlicht, leises Klacken. Die Radiologin zeigte kurz das Kontrollbild: Lunge klar, Rippenheilung gut, Katheter korrekt. 3. Station: MRT Als Nächstes wartete der MRT-Torus – die Röhre, in der jedes Geräusch wie ein Presslufthammer klingt. Sie bekamen Kopfhörer mit leiser Musik, Ohrstöpsel, eine kleine Notfallklingel in die Hand. Der junge Mann schloss die Augen, als er hineingeschoben wurde. Das monotone Tack-TackTack und Wupp-Wupp des Magneten wummerte durch den Brustkorb. Er konzentrierte sich auf seinen Atem: vier Sekunden ein, sechs aus. 15 Minuten später war er wieder draußen, leicht schwitzend, aber stolz. Haaland kam danach heraus und lachte matt: „Ich hätte schwören können, die Maschine spielt norwegischen Techno.“ 4. Station: Ultraschall Zurück auf Station führte Dr. Henrichs selbst den Abdomen-Schall durch, um innere Organe nach der Dialyse noch einmal visuell zu prüfen. Kühles Gel, sanfter Druck. Die Bilder zeigten stabile Nieren, intakte Leber, keine Flüssigkeitsansammlungen. Zurück im Zimmer – Untersuchungsmarathon beendet

Es war fast 22 Uhr, als sie endlich wieder in ihren Betten lagen. Die Monitore piepten beruhigend. Miriam kam mit einem Tablett klarer Brühe und zwei kleinen Joghurts – die erste feste Nahrung des Tages. „Alle Befunde sehen gut aus“, sagte sie. „Professor Becker schaut morgen früh vorbei, aber ihr seid stabil.“ Der junge Mann nippte an der Brühe und spürte, wie die Müdigkeit in jede Faser sickerte. Haaland prostete ihm mit dem Joghurtbecher zu. Ohne Worte wussten beide: Heute hatte man sie durch jede Röhre geschoben, jede Leitung gespült. Jetzt konnte der Körper in die Nacht entgleiten – überwacht, aber unbelastet. Lichter wurden gedimmt, die letzte Pflegekraft zog leise die Tür zu. Im Halbdunkel hörten sie nur das leise Surren der Klimaanlage und den eigenen Atem. Morgen, dachte der junge Mann, beginnt der eigentliche Weg zurück. Doch für diesen Abend – war alles gesagt, gecheckt, geröntgt, gespült. Und er schlief ein, mit einem Hauch Zuversicht unter Pflastern und Verbänden. 50. Tag – Entlassungstag: Ein Schritt zurück ins Leben Zehn Tage waren vergangen, seit der Unfall die Welt des jungen Mannes und Haalands auf den Kopf gestellt hatte. Die Zeit im Krankenhaus war eine Mischung aus endlosen Vitalzeichen-Kontrollen, Physiotherapie und Gesprächen mit Ärzten gewesen. Doch an diesem Morgen hing endlich das Wort in der Luft, das sie beide herbeigesehnt hatten: Entlassung. Früher Morgen: Papierstapel und letzte Checks Die Krankenschwester Miriam kam mit einem Stapel Unterlagen ins Zimmer, das inzwischen fast vertraut wirkte. „Ihr zwei seid offiziell ready. Aber bevor ihr loszieht, hören wir noch einmal auf den Professor.“ Der junge Mann lag in normaler Kleidung – Jogginghose, weiches Shirt – und spürte ein fast nervöses Kribbeln in den Fingern. Haaland, mit Arm in einer stabilen Orthese, grinste müde, aber erleichtert. Professor Becker, der leitende Unfallchirurg, trat ein und begann sachlich: Befunde: • Gehirnerschütterung komplett rückläufig. • Rippen verheilen, Schonhaltung vermeiden, täglich Atemübungen. • Katheter ist entfernt; Blasenfunktion stabil, aber weiterhin tägliches Spülprotokoll für drei Tage zur Sicherheit. • Nierenwerte im Normbereich, Dialyse nicht mehr nötig – trotzdem viel trinken, mindestens drei Liter Wasser. • Haaland: Radiusbruch mit Orthese sechs Wochen tragen, keine Belastung. Medikamente & Anweisungen Miriam setzte sich ans Bett, erklärte in ruhigem Ton: Für den jungen Mann: • Epilepsiemedikamente wie gewohnt, keine Dosis auslassen. • Schmerzmittel nur bei Bedarf. • Kontrolltermin in einer Woche: Blutwerte + EEG. Beide: • Keine schweren Lasten, keine Stoßbelastungen. • Physiotherapie dreimal wöchentlich (Krankenhaus stellt Überweisung aus). • Bei Schwindel, Kopfschmerz oder Fieber sofort Rückmeldung. Sie legte eine Broschüre über „Posttraumatisches Belastungssyndrom“ auf den Nachttisch: „Keine Scham, wenn sich Flashbacks melden – wir vermitteln Psychotherapie.“

Die letzten Schritte durchs Krankenhaus Als sie den Flur entlanggingen – der junge Mann mit einer Krücke für Gleichgewicht, Haaland etwas steif, aber aufrecht – schien jeder Schritt wie ein kleiner Sieg. Die Neonlichter der Station, das Summen der Geräte, der Geruch von Desinfektionsmittel: All das hatten sie satt. Die Mutter wartete in der Eingangshalle, Tränen in den Augen. Neben ihr ein Rucksack voller frischer Kleidung und Snacks. Als sie den Sohn sah, nahm sie ihn vorsichtig in den Arm, als sei er aus Glas. „Endlich“, flüsterte sie. Vor dem Ausgang: Ein stiller Moment Draußen blendete die Sonne. Zehn Tage Klinik fühlten sich an wie Monate. Der junge Mann blieb kurz stehen, spürte die warme Luft und das Vogelgezwitscher – Geräusche, die in der sterilen Welt des Krankenhauses so fern gewirkt hatten. Haaland klopfte ihm sanft auf die Schulter. „Ready für Neustart?“ Der junge Mann nickte, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. „Aber diesmal fahren wir Taxi.“ Sie lachten beide – leise, vorsichtig, mit Restschmerz, aber echt. Was sie nicht ahnten … Während die automatische Glastür hinter ihnen zufiel, blickte aus der Ferne eine Gestalt unter einer Kapuze zu. Ein Handy in der Hand, eine leise Stimme am Ohr: „Sie sind draußen. Plan B startet morgen.“ Die Stimme am anderen Ende – kühl, fast elegant: „Sehr gut. Jetzt gewinnen wir uns sein Vertrauen, bevor er misstrauisch wird. Montag beginnt Phase Zwei.“ Und so endete der Krankenhausabschnitt – nicht als Schlussstrich, sondern als Auftakt für das, was sich längst im Schatten bewegte. Soll ich die Geschichte im nächsten Teil so fortführen, dass die Rückkehr nach Hause zwischen Heilung, psychischer Belastung und der verdeckten Bedrohung steht – inklusive der ersten Hinweise, dass jemand sie beobachtet?